Nr. 315 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 155 BtjiiflSbeMnsimfltn trab Bnb in ixt äUeratnatufleb« aimtebtn Bebaffion: STB. 68, Linben strotze 3 Zernsprecher: VSnhosf 292— 201 XeU-SfbeeffetSojiaTbeniottof Sectln BeuUneu Volksblatt (�10 Pfennig) Mittwoch 7. Juli 1�26 Cetlai und an jelftnabietlum: EeschSst«,rit 8— B Uhr BetlegecOonvdets-Iteclag GmbH. o erlin STB. BS. Linben strotze 3 Zernsprecher: VSnhoff 292— 291 Zcntralorgan der Sozialdemokrat» feben Partei Deutfchlands Reich gegen Preußen. Anrufung des Staatsgerichtshofes.— Protest der preutzischen Regierung. Vor Eintritt w die Tagesordnung beantragt Abg. Dr. ZNarchki (Dnat.) die sofortige Beratung einer Großen Anfrage seiner Partei, ob das Staotsministermm bereit fei, gegen die linksraditale Agitation einzuschreiten, die namentlich von Roten Frontkämpfern, besonders tN der letzten Zeit, betrieben werde und an verschiedenen Stellen des Landes die bürgerlichen Kreise einschüchtern wolle.(chu-hu-Ruse bei den Kommunisten.) Die sofortige Behandlung der deutschnationalen Anfrage scheitert geschaft-ordnungsmaßig an dem Widerspruch des Abg. H e i l m a n n (Soz.). Das f)aui tritt in die Tagesordnung ein. Nach Erledigung von Eingabenberichten gelangt eine Große Anfrage üer Regierungsparteien zur Beratung, ob die B e r u f u n g des Reichskanzlers a. D. Dr. Luther in den Derwaltungsrat der Reichsbahn mit Einverständnis des Staatsministeriums erfolgt ist und, falls nicht, welche Schritte dos Staotsministerium zu unternehmen gedenke, um die bei Besetzung dieses Postens dem Lande Preußen zustehenden Rechte zu wahren. Zur Beantwortung der Großen Anfrage erhätt fosor: Mioisterpräsiöent örau« das Dort. Cr füh-t aus: Ich Hab« in einer eingehenden Unter- redung mit dem Herrn Reichskanzler die Rechtsansprüche Preußens für die Besetzung des freien Postens im Berwoltungs- rat der Reichsbahn dargelegt. Ich habe diese Ansprüche b e- gründet und darauf hingewiesen, daß die Staatsrepjerung sie aufrechterhalten müsse. Der Herr Reichskanzler hat zugesagt, die Angelegenheit einmal dem Reichsoerkehrsminister vorzutragen und im Kabinett darüber zu beraten. Unter dem S. Juli hat der Herr Reichskanzler an die preußische Staats- regierung das folgende Schreiben gerichtet: „Im Anschluß an unsere letzte Unterredung über die zu be- setzende Stelle im Verwaltungsrat der Reichsbahn beehre ich mich ergebenst mitzuteilen, daß die Reichsregierung auch nach nochmaliger eingehender Prüfung der Rechtsloge zu dem Ergebnis gekommen ist. daß ein Anspruch Preußens auf Benennung einer persönlichkeil für die freie Stelle im verwallungsral der Reichsbahn nicht gegeben ist.(Lebh. Hört! Hört!) Die Reichsregierung hat nunmehr in ihrer heutigen Sitzung be- schlössen, den Reichskanzler a. D. und früheren Oberbürgermeister von Essen. Herrn Dr. Luther, zum Mitglied des Verwoltungs- rats der Reichsbahn zu ernennen(erneutes lebh. Hört! Hört!; Rufe bei den Komm.: Schiebung!). Sie ist bei diesem Beschluß von der Ueberzeugung ausgegangen, daß gerade die Wahl dieser Persön. lichkeit(anhaltende Unterbrechungen links und Rufe: Nette Persönlichkeit!) volle Gewähr für die erforderlich« Wahrung auch der Interessen Preußens bietet." Die S t a a t s r e g i e r u n g hat stch gestern mit dieser Mitteilung der Reichsregierung beschäftigt und unter dem heutigen Datum dem Herrn Reichskanzler folgende Antwort zugehen lassen: »Sehr geehrter Herr Reichskanzler! Von dem Schreiben vom S. d. M., in dem Sie mir mitteilen, daß die Reichsregierung einen Anspruch Preußens auf Benennung einer Persönlichkeit für die freie Stelle im Verwaltungsrat der Reichsbahn nicht für gegeben erachtet, und daß sie den Reichskanzler o. D. Herrn Dr. Luther zum Mitglied« des Verwaltungsrats ernannt hat, habe ich Kenntnis genommen. Die preußische Regierung bedauert auf das lebhafteste, daß sich die Reichsregierung zu einer derarttgen ofsenkundigen Brüskierung des Landes Preußen hat entschließen können.(Lebh. Sehr wahr!) Ich muß das Vor- gehen des Reiches so nennen, da die Reichsregierung nicht ein- mal den Versuch gemocht hat, den in meinem Schreiben vom 20. März d. I. eingehend begründeten Rechtsstandpunkt Preußens zu widerlegen und den Nachfolger des preußischen Mitgliedes des Derwaltungsrats, des vor Jahresfrist verstorbenen, seinerzeit auf den Vorschlag Preußens ernannten Geh. Kommerzienrats Arn- hold, ernannt hat, ohne auch nur mit der preußischen Regierung darüber Fühlung zu nehmen.(Lebh. Hört! Hört) Die Reichsregierung beseitigt somit durch einen Federstrich die am 25. März 1S2t zwischen ihr und der preußischen Regierung zur Auslegung des Staatsverttages über den lieber gong der Staatseifenbahnen auf dos Reich ausgetauschten Erklärungen nicht nur hin- sichtlich der Vertretung der preußischen Regierung im Derwaltungs- rat«, sondern auch hinfichllich aller übrigen in den„Er- klärungen" getroffenen Abreden: denn die Rechtslage, wie die Reichs- regierung sie auffaßt, muß natürlich für alle Bestimmungen der„Er- klörungen" die gleiche fein. Die preußisch« Regierung wird daher durch Feststellung der Rechtslage eine Entscheidung des Sondergerichtshofes herbeiführen. (Lebhafte Zustimmung.) Die Persönlichkeit des Reichs- tanzlers a. D. Dr. Luther scheidet, wie ich ausdrücklich betonen mochte, bii dieser Erörterung der Angelegenheit völlig aus. Die oben von mir gekennzeichnete Form der Erledigung dieser Angelegenheit bedeutet eine Rücksichtslosigkeit, die die preußische Regierung nach ihrer ganzen bisherigen Einstellung und ihrem äußerst entgegenkommenden Verhalten von der Reichsregierung nicht er- warten tonnte(Zustimmung) und die zu meinem lebhasten Be- dauern zur Folge haben muß. daß sie zu einer ersprießlichen Füh- rung der Reich», und Staatsgeschäste so nötige vertrauensvolle Zu- sammenarbeit zwischen der Reichsregierung und der Regierung des Landes, da» mehr als die Hälfte des Reiche» ausmacht, durch die Schuld der Reichsregierung in Zukunft sehr erschwert werden dürste. (Lebhafte Zustimmung.) Mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung bin ich Ihr sehr ergebener Braun. Auf Forderung der Deutschnationalen und Kommunisten trat das Haus in eine Besprechung der Großen Anfrage ein. Der erste Redner, Abg. Roth(Dnat.) stimmte dem Ministerpräsidenten zu und betonte ebenfalls, daß das Vorgehen des Reichs eine B r ü s» kierung Preußens darstelle, da Preußen zweifellos rechtlich begründete Ansprüche auf einen Sitz im Vcrwaltungsrat der Reichs- bahn habe. itaillaux' großer Anfangserfolg. Slückstchtslofe Offenheit.— Tie Klippe des Washingtoner Abkommens. pari». 7. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Das Finanzexpos- Eaillaux' in der Kammer wird von der Presse durchweg als großer moralischer Anfangserfolg Eaillaux' ge- bucht. Bis in die Blätter der Linken hinein findet man Worte un- verhohlener Anerkennung für die rücksichtslose Offenheit. mit der Eaillaux zum ersten Mole Frankreich vor seine wahre Fi- nanzloge gestellt hat, die man bisher der großen Masse immer be- schönigte. Derselbe Eindruck der Rede ist in Kommer und Senat zurückgeblieben. Ob es aber deshalb Eaillaux gelingen wird, in der Kammer eine Mehrheit um seine Entwürfe zu scharen, hängt von der Entwicklung der parlamentarischen Schlacht ob, die am Diens- tag erst begonnen hat. Eaillaux hat das Sanierungsprogramm, das man dem seinen entgegenhält, kurz und beinahe verächt� l i ch abgetan. Die Ratifikation des Washingtoner Finanz- adkommens berührte er mit einigen kurzen Worten, stellte sie als eine absolute Notwendigkeit hin und schien schon mit der vollendeten Tatsache dieser Ratifikation zu rechnen. Es bleibt abzuwarten, ob er Blum und Tardieu gegenüber dieselbe Sicherheit behalten wird.__ völkische Rowüies. Einmütige Abwehr in Weimar. Weimar. 7. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Der Weimarer Etadtrat'nahm am Dienstag abend zu den Ausschreitungen der Hakenkreuzler während ihres Weimarer Parteitages Stellung. Nicht eine Stimme erhob sich, um die wüsten Ausschreitungen zu verteidigen: vielmehr oerurteilten die Redner aller Fraktionen, von der äußersten Linken bi» zur Rechten, die unglaublichen Vor- kommnisse vom Sonnabend und Sonntag. Stadtdirektor Dr. M ü l- l e r bestätigte, daß die Polizei in sehr vielen Fällen eingreisen mußte, um schwer« Zusammenstöße zu verhindern, und daß zahlreiche bei den NotinnaljnKialißen beschlagnahmt wurde», Der Stadtdirektor nahm die Weimarer Bürgerschaft in Schutz gegen die unflätigen Angriffe, zu denen sich der völkische Abg. Streicher-Nürnberg bei einer Kundgebung auf dem Markt hinreißen ließ. Gegen 3 Stimmen bei K Enthaltungen wurde mit den Stimmen der Sozialdemokraten, Kommunisten, Demokraten, des Zentrums und der Aufwertungspartei sowie des deutschnationalen Stadtvor- stehers eine Entschließung angenommen, in der scharfe Verwahrung eingelegt wird gegen die unerhörten Uebergriffe und Gewalttätigkeiten gegen friedfertige Bürger Weimars durch die Nationalsozialisten während ihres zweiten Parteitages. Der Stadtdirektor wird beauftragt, die thüringische Regierung zu ersuchen, den Nationalsozialisten in Zu- kunft die Abhaltung von Parteitagen in Weirpar zu verbiete», da durch solche Tagungen das Kulturniveau Wei- mars geschädigt werde. Selbst der nationalsozialistische Vertreter im Stadtrat sah sich genötigt, bei der Abstimmung sich der Stimme zu enthalten. Der Stadtrat beschloß, die angenommene Entschließung in Weimar öffentlich anschlagen zu lassen. Vertagung üer fibrüftungsarbeiten. Deutscher und amerikanischer Vorbehalt. Gens, 7. Juli. �Eigener Drahtbericht.) Die Militärkom. Mission der vorbereitenden Abrüstungskonferenz hat am Diens- tag ihre Beratungen bis zum 2. August unterbrochen. Die bisherigen Beschlüsse umfassen Definition und Klassifikation der Rüstungen in* Friedens- und Kriegszeiten, Bestimmungen für die Abrüstungsmöglichkeiten und eine Nornienfestsetzung für die Per- gleichung der Rüstungen. Im ganzen hat der französische Standpunkt in allen wichtigen Fragen obgesiegt. Die deutsche Delegation hat den Vorbehalt angelündigt, daß sie, wenn die Reservisten und die Bestände an Kriegsmaterial auch in der zweiten Lesung von der Vergleichsbarkeit und Beschränkbarkeit ausgeschlossen bleiben sollen, die Abrüstungsbestrebungen als gescheitert be- trachtett müßte. vie Staatserhaltenöen. Zu« Aufruf der Herre« Jarres und v. Gayl. Don Rudolf B r e i t s ch e i d. Die Herren Jarres und von Gayl begründen ihren Aufruf zur Schaffung einer Arbeitsgemeinschaft von Deutsch- nationalen und Deutscher Volkspartei mit dem Hinweis auf den„im tiefften Sinne staatserhaltenden Charakter", der beiden Parteien gemeinsam sei. Das Wort von den „S t a a t s e r h a l t e n d e n" ist uns vertraut. Wir haben den Klang noch im Ohre aus der vorrevolutionären Zeit. Staatserhaltend nannten sich damals in erster Linie die Konservativen, und bis.zu einem gewissen Grade wurden auch die Nationalliberalen dieser ehrenden Bezeichnung gewürdigt, oder sie würdigten sich wenigstens ihrer selbst. Damit war eine Schranke aufgerichtet gegen die anderen, in erster Linie natürlich gegen die„staatszerstörende" Sozialdemokratie, aber auch gegen das Zentrum und den Freisinn. Es war im Grunde immer nur eine Minorität, die das rühmende Prädikat für sich in Anspruch nehmen konnte. Jetzt taucht die schmeichelhafte Kennzeich- nung, angewendet auf die oeiden Rechtsgruppcn, aufs neue auf, nur geschmückt mit dem Zusatz„i m t i e f st e n Sinne". Der Sinn ist offenbar so tief, daß nur die Begnadeten selber ihn erfassen können. Wer nicht zu ihnen gehört, wird nie bis zu ihm hinabzusteigen vermögen. Inwiefern waren die alten Konservativen staatserhaltend? Sie setzten sich für die Erhaltung eines Staates ein, der nach ihren Wünschen aufgebaut war. Der Staat war für. sie die M o n- a r ch i e mit ihren Privilegien für die junkerliche und militärische Kaste. Der Staat war der Verteidigung wert, weil sie ihn regierten, weil er ein Obrigkeitsstaat war. in dem sie die Obrigkeit bildeten, weil er ein Werkzeug war in ihrer Hand und gleichzeitig eine Quelle des Nutzens, des Vorteils und des Gewinns für sie und ihre Sippe. Inzwischen ist an die Stelle der Monarchie die Re- publik getreten, und an die des Halbabsolutismus zum min- besten nach dem Wortlaut der Verfassung die Demo- k r a t i e. Die Vorrechte der Geburt und der Klique sielten als beseitigt. Den Deutschnationalen ist diese Republik ein Greuel, dessen Beseitigung sie offen und unverhohlen an- streben, und für die Deutsche Voltspartei ist die Republik eine Sache, von der man am liebsten nicht spricht und zu der man sich sicher nicht bekennt. Es hat unter diesen Umständen seine Schwierigkeiten, das alte Schlagwort ohne weiteres wieder zu verwenden. Wer ehedem die Monarchie erhalten wollte und sie jetzt wieder einführen möchte, kommt in gewisse Kon- flikte, wenn er sich heute wie damals als staatserhaltend be- zeichnet. So hält man es für zweckmäßig, sich mit dem dunklen Zusatz„in tiefstem Sinne" über den inneren Wider- sprucd hinwegzuhelfen. Man gibt ein Rätsel auf und über- läßt seine Lösung dem neugierigen Publikum. Doch wenn auch nicht mit dem erwähnten Aufruf selbst, so werden doch an anderen Stellen den nach dem tieferen Sinn Forschenden gewisse Anhaltspunkte für ihre mühevolle Arbeit gegeben, und damit werden dann zugleich die Be- denken der anderen gegen die Wiederaufrichtung der Herr- schaft der Staatserhaltenden zu zerstreuen gesucht. Gerade in den letzten Tagen wieder setzte die„Deutsche Tageszeitung" auseinander, daß es sich für die positiv eingestellten Parteien überhaupt nicht um die Staatsform, sondern nur um den Staat selber handeln könne. Was positiv eingestellte Par- teien sind, wird wiederum nicht gesagt, aber wir dürfen wohl ohne weiteres annehmen, daß darunter die bürgerlichen Parteien zu verstehen sind oder wenigstens derjenige Teil von ihnen, dessen die Rechte zu einer Mehrheitsbildung be- darf. Ihm wird die These von dem Unterschied zwischen Staat und Staatsform vorgetragen. Der Unterschied besteht in der Tat. Der Staat als Be- griff bleibt bestehen, auch wenn feine Formen sich ändern. Das Deutsche Reich als Staat ist durch die Revolution vom S. November 1918 nicht zerstört worden. Es hat nur eine andere Verfassung erhalten, und aus der Verfassung sind andere Rechte entstanden. Aber geht denn nun heute etwa der Kampf um den Staat ais solchen und nicht vielmehr um das, was man feine Form nennt? Indem man den Staatsbegriff in den Vordergrund stellt, will man doch nur die Aufmerksamkeit von der Staatsverfassung ablenken. Der Staatsbegrisf ist nicht bedroht, aber die republikanische Ver- fassung kämpft nach wie vor um ihre Existenz, und die, die ganz allgemein vom Staate sprechen» den sie erhalten wollen, verfolgen nur die Absicht, ihr Streben nach einer Beseitigung der gegenwärtigen Staatsform zu verbergen. Sie wollen, da sie allein zu schwach sind, ihre Pläne zu verwirklichen, die- jenigen, deren unbewußter Mitwirkung sie bedürfen, ein- lullen und irreführen. Statt Polmk sprechen sie Philosophie und konstruieren einen Jdealbegriff vom Staate, der mit seinen praktischen Erscheinungsformen nichts, zu tun habe. Diese Konstruktion aber ist natürlich nur für den Gebrauch der anderen bestimmt, sie selbst wissen sehr genau, welchen Staat sie meinen und welchen Staat sie schaffen wollen, um ihn zu erhalten. , Das Gaukelspiel ist durchsichtig, ober da es ja immer noch brave Bürger gibt, die sich durch solchen Hokuspokus blenden lassen, ist es gut, f e i n e B e d e u t u n g u n d f e i n e Zwecke klarzustellen. Auch deshalb, weil es nicht an solchen fehlt, die der Sozialdemokratie eine grundsätzliche Gegner- schaft gegen den Staat nachsagen und deshalb auf die Samm- lungsparole der Staats oerteidiger hineinfallen können. Frei- lich, mir sind weder in dem vorgeschobenen noch in dem wirk- lichen Sinne der Rechtsparteien staatserhaltend. Wir wissen, welche ungeheuren Wandlungen der Staatsbegriff und der Staat selber im Laufe der Jahrhunderte durchgemacht hat. Hier gibt es keinen Ewigkeitswert, und auch die heutige Re- publik besäße ihn selbst dann nicht, wenn ihr Inhalt ihrer Form vollkommen entspräche. Aber trotzdem schützen wir auch die Form gegen die Staatserhaltenden von gestern, und wir sind bereit, mit denen zusammer, zu gehen, die mit uns der Ueberzeugung sind, daß sie einen dem Interesse des Volks dienenden und dem Willen seiner Mehrheit entsprechenden Fortschritt darstellt. Gegen eine solche Front werden die „tiefsinniaen" Herren um Gayl und Ja r res vergebens anrennen. Die kalte Schulter der Volkspartei. Der Sammlungsruf der Herren I a r r e s und von Gayl ist von der deutschnationalen Presse mit Sympathie aufgenommen worden. Das entspricht den Hoffnungen, die die Deutschnationalen an das Scheitern der Fürstenoorlage geknüpft hafjen. Die parteioffizielle Korrespondenz der Deutschen Volks- Partei jedoch winkt ab. Sie schreibt: „Darübe? hinaus wird man aber vor allem darauf hinweisen müssen, daß eine Arbeitsgemeinschaft zwischen Parteien, von denen die eine in der Regierung, die andere in der Opposition sich befindet, praktisch nicht möglich ist. Bevor man daher den Gedanken einer engeren Zusammenarbeit zwischen Deutschnationaler Partei und Deutscher Bolkspartei über- Haupt erörtern kann, müßte diese Divergenz beseitigt sein. Aber auch dann kann sich das engere Verhältnis nur aus einer längeren tatsächlichen politischen Entwicklung ergeben. Ob diese Entwicklung eintritt, kann niemand vorher sagen. Die Erlebnisse der letzten Jahre können nach dieser Rich- tung jedenfalls nicht optimistisch stimmen." Die Deutsche Voltspartei zeigt also dem Wirken der Iarres und Gayl die kalle Schulter. Kommunistische öischöfe. Zellenbildung im Episkopat. Ernst T h ä l m a n n, der derzeitige.große Führer des revo- lutionären Proletariats", hat auf dem Berliner Bezirksparteitag der Kommunisten ein ausführliches, sorgfältig für ihn ausgearbeitetes Referat vorgetragen, das zur Beruhigung der aufgeregten Gemüter in der eigenen Partei die Erfolge der KPD. in hellstem Lichte erstrahlen läßt. Man muß ihm also mancherlei zugute halten. Der Zweck heiligt offenbar die Mittel. Immerhin, ein klein wenig erstaunt ist man doch, wenn man diesen Triumphgesang auf die genialen Führerqualitäten unserer kommunistischen Nach- barn liest. 15 Millionen Stimmen für den Volksentscheid! Welch ein Erfolg der KPD.l Ganz Deutschland marschiert hinter Ernst Thälmann! Rot Front! Bisher haben wir immer angenommen, daß die Erfolge beim Volksentscheid trotz des kommunistischen Tamtams errungen worden sind. Das ist aber ein menschewistischer Irrtum. Die 15 Millionen Stimmen gehören Ernst Thälmann und seinen Mannen. Thälmann und die KPD. haben aber sogar etwas fertig gebkacht, was bisher noch nie erreicht worden ist. stod.Die Partei hat durch die Anwendung der Emheitssronttaktik es verstanden, die breiten Massen der Arbeiterschaft und der Klein- bfipger aufzurütteln, zu mobilisieren und in eine geschlossen« Front zu. bringen. Bereite bei der Einleitung des Volksbegehrens hatte die Kommuni st ische Partei die Führung der Kam- pagne fest in der Hand. Das Resultat der Abstimmung hat gezeigt, daß es uns zum ersten- mal gelungen ist, in den wichtigsten Industriegebieten die ausschlag- gebendsten Schichten des Proletariats zu mobiiisieren- In 11 Wahl- bezirken, wo das Zentrum seine Domänen hat. haben 1270 000 katholische Arbeiter und Bauern für die Enteignung der Fürsten gestimmt. Das ist nicht nur der Ausdruck einer Rebellion in den proletarischen und kleinbürgerlichen Schichten de» Zentrum». Selbst eine Reihe von Bischöfen hoben sich in dieser Bewegung, wenn auch nicht offen, für die Enteignung der Fürsten erklärt." Eröffnung See Zugspitzenbahn. Von Heinz Neuberg« r. Ein Tag Grau in Grau. Wenig verheißungsvoll für die Er» öffnung einer Bergbahn. Aber dennoch: schon die Bahnfahrt an bayerischen Seen vorüber ist voll Reiz, erfüllt mit allen Skalen der Wstixfung dunkler Tönungen. Der Starnberger Se« mit leicht gekräuselten Wellen mischt sein weißliches Grau in dem des Hori- zont»: dunkel glänzend, geheimnisvoll schimmernd grüßt in Murnau der Staffelsee. Hinten glänzt der Neuschnee des Wettersteingcbirges. Der Kramer. Gartnischs Wetterprophet, fesselt den Blick. Er hat .'nn Hut" und dann wird's.Wetter gut". Aber verschleiert ist ein anderer Wetterprophet, der Daniel, drüben in Tirol, der Nachbar der Zugspitze. Garmisch und die kürzlich erbaute Kreuzeckbohn entschwinden dem Blick. Utid dann ist Ehrwald erreicht, dieser freundliche Ort am Fuß der Z u g s p> tz e und derMiemingerBerge. Wolken umkreisen das Zugspitzenmassio, und so ist die schottige Fußwande- rung zur Talstation O b e r m o o s ein Hochgenuß. Gleich am Bahnhof Ehrwald biegt die neuerbaute Autostraße links ab: siie bietet die landschaftlichen Reize, die früher nur der Tourist genoß, der über die Täler zum Eibsee wanderte: zur Rechten die Zugspitze, link- der Daniel, alle von Neuschnee stark bedeckt.» Kuh- glocken läuten von den Hängen und aus dem Lermooser Tal. Tief im Wald liegt die Talstation der Zugspitzenbahn. Ein schneeweißes freundliches Gebäude, in dem die Lebhaftigkeit der legten Zurüstung herrscht. Mittags kann ich dann nach der Höhe fahren. Regen hat eingesetzt, aber die Sicht noch nicht gehemmt. In der kleinen, grauschimmernden Kabine aus ganz leichteni, alu- minjumartigem Metall haben 19 Fahrgäste, von denen vier sstzen können, und der Wagenführer Platz. Ehrfürchtiges Stauden herrscht, zuerst vor dem Wunderwerk der Technik, das die Ingenieure in knapp IM Jahren geschaffen haben, dann vor der Allgewalt der Natur, die erbeben läßt und� erzittern und dann wieder höchstes Glück gibt, Bergseligkeit, reinste innerste Besreiung. Zunächst gelst's über dem Hochwald dahin, mindestens 100 Meter über dem Erdboden. Nach Stütze II, einem gewaltigen Eisenbeton- koloß, passieren wir die Grenze der Baumzone, der nackte Fels ist uns nah, Schuttkorn liegen unter uns und Schneewüsten. Den Eibse« faßt der Blick, das Werdenfelser Land, und durch Regen- schwaden dämmern gebieterisch, dräuend fast, die nahen Berge Tirol«. Lei klarem Wetter aber kann man sicherlich bis weithin zu den Gipfeln der Schweiz schauen. Wir passieren den Weg, der vom Cibsee zum Gipfel führt, über- schweben die Wiener-Neusiädter Hütte. Näher und näher kommt die Bergstation: S»chnee und kahler Fels. Unendlicher Zauber— Beklommenheit, Atemanhallen: Stütz« V, die letzte und die Berg-. stalion. wird erreicht. Selbst im Episkopat, vom niederen Klerus ganz zu schweigen, hat die kommunistische Z e l l e n b i l d u n g Er- folg gehabt. Es gibt richtiggehende katholische Bischöse, die sich für die Parolen der Kommunisten einsetzten! Da kann der Sieg der Weltrevolution, mindestens in Deutschland, nicht mehr fern sein. Die Sozialdemokratie wird also schon von ol l e n Seiten umzingelt, links von den Mannen Thälmanns und rechts von den katholischen Arbeitern unter Führung katholischer Bischöfe. U e b e r- all kommunistischer An stürm! Das merkwürdigste dabei ist nur, daß Berliner Arbeiter solch kritiklosen Unsinn sich ohne Widerspruch vorsetzen lassen. Gegen Sie potemkin-tzetze. Württembergische Kreise fördern Aufhebung des Potemkin-Verbots. heilbronn. 7. Juli.(Mtb.) Die hiesige Presse veröffentlicht eine gegen da» Verbot des Potemkin-Films durch die württem- bergische Regierung gerichtete Erklärung von Heilbronner Persönlichkeiten. Es wird darin betont, daß die Begründung des Verbots nicht stichhaltig erscheine. Es heißt dann:„Die Unter- zeichneten wünschen dringend, daß die württembergssche Regierung das Urteil über die Zulassung des Films in die Hände eines Aus- schusses von Sachverständigen lege, in dem auch die Ver- treter von Kunst, Literatur» Presse Schule und Volksbildung zu Worte kommen. Unterschrieben ist die Kundgebung u. a. auch vom ersten Vorsitzenden de» Deutschen Werkbundes, Geh. Rat Dr. Bruckmann, Oberbürgermeister Beut- n e r. Landtagsabgeordneten Ulrich, den Pressevertretern Dürr, Franke und Schaber sowie einer Reihe von Mitgliedern des Gemeinderates und des Künstlerbundes. -» Diese Kundgebung ist die beste Antwort auf die dauernden An- griffe der Berliner reaktionären Presse, die bis zur„Täg- lichen Rundschau" hin dos Verbot des Potemkin-Films fordert. Die Ausnutzung von Zitaten der„Prowda" ist dabei gerade so hinfällig wie die Zitierung von allem möglichen Blödsinn, den die„Rote Fahne" verbreitet. Es handelt sich gar nicht bei dem Verbot um die politische Stellungnahme zu den Absichten der Kommunisten, es handelt sich vielmehr um das prinzipielle Festhalten an der ausdrücklichen Bestimmung des Gesetzes, daß ein Film nicht wegen seines politischen Inhaltes verboten werden darf. Wollte die L i n k e die Logik der Rechtspresse anwenden, dann müßte sie für das Verbot des Fridericus-Rex-Films und anderer mon- archistischer Machwerke eintreten, die sich außerdem noch dadurch auszeichnen, daß sie ollergewöhnlich st er Kitsch sind. Beim Potemkin-Film handelt es sich aber um ein Kunstwerk ersten Ranges. In Berlin haben sich der Kundgebung gegen das Verbot des Potem- kin-Film» eine Reihe weiterer hervorragender Persönlichkeiten an- geschlossen, so u. a. der Reichstagsabgeordnete Ludwig Haas, Georg Kaiser, Klabund, Max Liebermann, Heinrich Zille und der Vorsitzende der sozialdemokratischen Reichstags- fraktion HermannMüller. Wir erwarten auf das bestimmteste, daß die Filmoberprüffte�e sich durch keinerlei reaktionäre Treibereien zu einer ungesetzlichen, parteipolitischen Haltung bei der Beurteilung des Potemkin-Films drängen lassen wird. Der Gaskrieg. Eine Aeusteruug des Qberstleutuauis Boelcke. In der„Frankfurter Zeitung" nimmt Oberst» leutnant Boelcke als Waffenspezialist zu dem Vortrag von Professor Haber über den Gaskrieg das Wort. Er schreibt: „Prof. Haber hat recht, wenn er den Zukunstskrieg aus der Luft gegen die Zivilbevölkerung als Ungeheuerlichkeit hinstellt. Ich glaube jedoch, daß gerade die Gasoerwendung dabei das furchtbarste sein wird. Die Feldersahrungen sind unmaßgeblich, allein schon, weil Giftmengen, die einem Soldaten wenig anhoben, unter Kranken und Kindern Massenopfer fordern werden. Nun male man sich aber au», welchen Zustand die Begleiterscheinungen eines Gasangriffs ln einer dichtbcwohnten Großstadt Von dort soll ein gefahrloser und bequeiner Weg zum Gipfel ausgesprengt werden. Vorläufig ist er nur bis zum Grat fertig. Aber Schwindelfreie gelangen gefahrlos am Drahtseil teilweise zum Observatorium und zum Münchener Hau». Vom Grat aus zeigen sich kobaltblau schimmernde Berge des Inntals, Stubaier und Oetztaler. Unendlich weit und weiß glänzt das bayerische Schneekar. In der Wartehalle der Bergstation treffe ich die Arbeiter: ge- bräunte, wetterfeste Gestalten, Männer mit blitzenden Augen und frohem Lachen. Geht es doch jetzt wieder talwärts für einen freien Tag. Viele Tage sind sie jetzt oben. Wochen waren es oft im Winter: denn da war der Abstieg gar zu schwierig. Stille Helden, diese Arbeiter, von denen auch einige ihr Leben lassen mußten. Die Abwärtsfahrt geht unter stärkerem Regen vor sich. Die Wolken hängen ganz tief. Am nächsten Morgen ist Ehrwald im Floggenschmuck. Aus nah und fern kommen Schaulustige und geladene Gäste. Kurz vor 11 Uhr kommt der Zug mit den deutschen Ehrengästen und Preise- Vertretern. Salutschießen; stille Masse, Redner... Die Bergfahrt der Festgäste beginnt. Ich aber sitze im Auto zum Schnellzug Garmisch— München, grüße noch einmal den herrlichen Bergriesen— und in wenigen Stunden werde ich vor dem Mikrophon des Stuttgarter Rundfunk- senders stehen. Mein Tag der Wunder der Technik! Dirigenten, Spieler, Sänger. Zum Ersatz für die fehlenden öffentlichen Konzerte zeigen sommerlich die größeren Konservatorien, Akademien und Hoch. schulen, was sie mit ihren Schülern zu leisten imstande sind. Solch« Beurteilungen sind nicht einfach, weil man ein Gesamtbild von der »musikantischen Persönlichkeit des Spielers durch den Dortrag eines einzelnen Werks nicht erhalten kann. Mehr schon kann man über den Geist einer Schule aussogen und über die Richtlinien, nach denen die jungen Leute unterwiesen werden. Absolute Nieten sind kaum zu beobachten, große Talente selten. Am schwierigsten ist die Beurteilung bei Kapellmeisterschülern. Professor Julius P r ü w e r stellte an die Spitze des wohldisziplinierten Hochschulorchesters einige Eleven, die allesamt zeigten, daß ihnen die von Aeußerlichkeiten freie, ruhige Technik ihres Lehreres zu eigen wird. Sinn für Klang, Verständnis für das Wesentlichste in den tragenden und in den stützenden Stimmen wird deutlich. Die Direktion der Faust- ouoertüre von Spohr ließ aufhorchen, weil hier ein Temperament, ein routiniertes sogar, am Pult stand, ebenso schien mir die Be- gleitung der sinfonischen Variationen von Cäsar Franck ein strikter Beweis für Dirigentenbegabung. Hier zeigte Johanna Freudberg ein virtuoses pianistisches Können, und der junge Karel Menzel- b e r g dürite seinen Mann stehen, auch wenn er an noch größere Aufgaben gerät. Bemerkenswert, daß auch eine Dame, die als Pianistin und Geigerin schon Außerordentliche» leistet(Martha Linz) als Dirigent ausgebildet wird. In einer Partita von Bach erwiesen sich acht Schüler der Klasse Markos als technisch glänzend herbeiführen würden: die Paniken, die scheußlichen Formen de? Lungenerkrankungen. Angstzustände und sonstigen Vergiitungs. formen, die tage-, ja wochenlangen Nachwirkungen gewisser Gase. alles dies sind Dinge, die unvorstellbare Katastrophen zeitige» müssen. Was besagen demgegenüber Ersahrungen, die auf Gas« tampsplätzen gesammelt wurden? Es ist bezeichnend, daß im Well« kriege keiner der Kriegführenden die Verantwortung für derartige Scheußlichkeiten Übernehmen wollte, osfenbar doch, weil die politischen Folgen in der ganzen Welt unabsehbar gewesen waren. Zustimmen muß ich Haber, wenn er Deutschland die Möglichkeit der Gaskriegsührung abspricht. Kampfgase' sind unbeständig. Wer sie bei Kriegsausbruch verwenden will, muß Fabriken, Rohstosfe und«ingespieltes Personal eigens für sie bereit haben, wie es anscheinend im Auslande, aber sicher nicht in Deutschland, der Fall ist." Eine prinzipielle Differenz besteht nicht zwischen Pro- fessor Haber und Oberstleutnant Boelcke. Während dieser mehr die seelische Wirkung des Gasangriffs in den Vorder- grund stellt, verweist jener auf die physische Wirksamkeit. Im politischen Ziel stimmen beide überein. Die Sprachenfrage im Elsaß. Ter Aufruf der elsässischen Sozialiften. In einem Pariser Telegramm im Moraenblatt vom 1. Juli hatten wir von einem Aufruf der elsässischen Sozia- listen berichtet, in dem es geheißen haben soll,„die sogenannte Muttersprache sei eine klerikale Forderung". Nachdem nun der Aufruf im Wortlaut vorliegt, betrachten wir es als unsere Pflicht festzustellen, daß eine derartige Wendung in ihm n i ch t enthalten lst. Der die Sprachenfrage betreffende Passus des Ausrufs hat folgenden Wortlaut: Eine der wichtigsten elsässischen Fragen, die noch auf lange hin- aus immer wieder Mißverständnisse zwischen die alten und die neuen Departements Frankreichs zu schieben droht, ist die Sprachen- frage. Die Sozialistische Partei, die bereits vor dem Krieg für die Zweisprachigkeit in der Volksschule aus Grenzlands- gründen heraus eintrat, bleibt nach wie vor auf diesem Standpunkt stehen. Da es aber eine unverkennbare Notwendigkeit ist, daß in mög- lichst naher Zukunft die die elsaß-lothringischen Departements vom übrigen Frankreich trennende Sprachenmauer falle, weil sich gerade den unteren Volksschichten die mangelnde Kenntnis der französischen Sprache nicht für alle Zukunft hemmend, abschließend und einengend entgegenstellen darf, ist es unbedingt nötig, daß die französische Sprache als Grundlage des Schul- Unterrichts genommen wird. Ob dabei der direkten oder der indirekten Methode der Vorzug zu geben ist: diese sekundäre Streitfrage zu lösen, überlassen wir den Schultechnikern. Die bis heute erzielten Resultate widerlegen im übrigen die halt- lose Agitation derer, die, unter Berufung auf ihr„R e ch t a u f d i e Muttersprache", für ewig der Bevölkerung von Elsaß und Lothringen aus kurzsichtigen Gründen das Eindringen in das französische Geistesleben verriegeln möchten. Zweisprachigkeit bei Gericht und Beherrschung beider Sprachen durch oll die Beamten, die mit der Be- oölkerung in direkte Berührung treten, ist eine Forderung, zu der wir uns nach wie vor bekennen. Die Forderung auf deutsche Theateraufführungen besonders zu betonen, dürfte wohl nicht mehr nötig sein, da die Sozialisten überall dort, wo sie die Gemeindeverwaltung in ihren Händen haben, sich bis heute bestrebten, im Rahmen des Möglichen deutsche Vorstellungen zu schaffen, und da seit dem 11. Mai 1924 deutsche Truppen unbehindert Gastspiele geben können. Wir behalten uns vor, auf die Angelegenheit des Elsaß zurückzukommen, möchten aber zunächst ein M i ß o e r st ä n d- nis der Berichterstattung berichtigen, das den Boden der Diskussion zu oerschieben geeignet wäre. fundiert« Musiker: es war«in Zusommenfpiel, eine Disziplin, die philologisch ohne Trockenheit anmutete. Der junge Schnabel. Arthur Schnabels Sohn, spielte sich in den ersten Satz der Eis- moll-Sonate von Beethoven mit träumerischem Anschlag ein und erwies sich auch in den zwei folgenden Sätzen als ein höchst be- gabter Schüler seines Vaters und des Meisters Kreutzer, ttotzdem der letzte Satz einen Zuschuß von Flüchtigkeit und Nervosität er- kennen ließ. Paula L i n d b e r g sang eine Arie von Marcelli und das Bachische Wunderlied„Bist Du bei mir' mit solchem Stilgefühl und innerer Wärme des Ausdrucks, daß man nicht mehr das Ge- fühl einer Lernenden, sondern einer fertigen Künstlerin hatte. Professor Raatz-Brockmann dürste mit dieser Leistung zu- frieden gewesen sein._ K.-S. Die älteste deutsche Linde. Ein ehrwürdiges Naturdenkmal be- findet sich am Weg« vom Haltepunkt Siafselstein in Franken den Scheffel durch sein bekanntes Gedicht unsterblich geitwcht hat/nach dem Staffelberg hinauf. Es ist Deutschlands älteste Linde, über die in dem„Naturforscher" nähere Mitteilungen gemacht werden Die Ueberreste dieses einst so mächtigen Baumes sind heute von dem Städtchen Staffelstein in Schutz genommen und mit einem Holzzaun umgeben worden. Der hohle Stamm mit seinem gewaltigen umfang mutet an wie die Ruinen einer alten Ritterburg, und dieser Baum dürfte wohl noch älter se�z als die Ruinen des Mittelalters, die heut« noch aufragen. Zwei Aeste grünen noch: sie stützen sich, vom Alter gebeugt, auf Eifenpfosten, und sind von innin durch drei eisern« Spangen vor weiterem Verfall gesichert. Eine Tafel, die 1925 von der Gemeinde Staffelstein hier angebracht wurde, trägt die folgende Inschrift:„Wanderer, hemm« dein« Schritte! Du siehst hier die noch lebensfähigen Ueberreste der größten und ältesten Linde Deutsch- lands. Ihr Umfang beträgt 24 Meter und ihre Höhe 25 Meter. Ihr Alter wird auf mehr denn 1000 Jahre geschätzt. Von den Ver- änderungen des Landschafisbildes blieb der möchiige Baum unbe- rührt. Gelierationen von Menschen sah er kommen und gehen." Eine Wikinger Zuschrift in Amerika gesunden? Nach Meldungen aus New Port wurde bei Spokane im Staate Washington ein Fels- block mit einer Runeninschrift gefunden, die der norwegische Professor Opsjon entzifferte. Die Inschrist besagt, daß dort vor etwa 1000 Jahren eine kleine Gruppe Wikinger gelandet sei und einen schweren Kamps mit Indianern zu bestehen hatte. Der Zugang zu dem Grabe, in dem die Gefallenen bestattet wurden, ist noch sichlbar. Auf der Tafel ist auch eine noch früher unternommene Wik'noer- Expedition erwähnt. Sollte sich die Meldung bestätigen, so wäre damit bewiesen, daß Nordländer lange vor Columbus sogar in so südlichen Gegenden wie Washington gelandet sind. «in neue» dramatisch«, Wert von«rast Toller, da, den Titel.Tie Blockade de, Schcunrnviertel,- führt, wird in der kommenden Thealerfpicl- zeit seine Uraufführung an der Berliner Volksbühne erleben. Bernhard Show bat dem S. Fifcher-Verlag miigeteilt, daß er äugen- blicklich kein neue, Bühnenstück ichreibl. Die Beschäftigung mil einem grogen »crk über den Sozialismus, da,«ine Zusammeiisässitug der Lhaw'fchen Weltanschauung werden wird, nimmt seine ganze Zeit in Anspruch. Rekchtagspräsiüent Lobe für den Anschluß. Eine Rede in Wien. Wien, 6. Juli.(WTB.) Reichstag-präsidcnt L ö b e hielt heute abend auf Einladung des Oefterrcich-Deulschen Volksbundes vor einem zahlreichen Publikum aller Parteirichtungen einen Vortrag über den gegenwärtigen Stand der Anschlußfrage. In seinem Vortrag schilderte der Reichstagspräsident Lobe zunächst die Entwicklung der Anschlußbewcgung in den letzten Jahren und betonte, daß der Bewegung augenblicklich zwei Motive zu- gründe liegen, ein nationales und«in wirtschaftliches. Das nationale Motiv, sagte er, ist die ursprüngliche kulturelle Ein- heit unseres Volkes, die Bluts- und Stammeszugehörigkeit. Das wirtschaftliche Motiv ist eine Zweckmäßigkeit-srage, welche gleichfalls von grundlegender Bedeutung für die Deutschen Oesterreichs und Deutschlands ist. Der Reichstagspräsident erinnerte bann an das Selbstbeftimmungsrecht, das den übrigen Völkern Europas zugestanden worden sei. Ausgenommen von diesem Prinzip seien nur die unterlegenen Länder, die Deutschen und die Ungarn. Nicht Gerechtigkeitsgefühl, sondern die Mentalität des Siegers habe hier diktiert. Der Verstoß gegen die Gerechtigkeit infolge Nichtaner- kennung der Wilsonschen Grundsätze könne aber nur solange Bestand haben, als die Mentalität der Sieger die europäischen Geschicke be- stimmt. So wie jedoch die Sanktionen in den besetzten Gebieten fallen mußten, und wie die Besetzungen beendet werden müssen an dem'Tag, wo Locarno und der Völkerbund alle Sicherungen bieten, gerade so wird das Verbot der Sieger an die Besiegten fallen, wenn das Verhältnis gleichberechtigter Nachbarn in den europäischen Ländern Geltung findet. Jene Veränderungen der Beziehungen unter den europäischen Völkern bedeuten automatisch einen Schritt vorwärts in der Vereinigung Oesterreichs und Deutschlands. Wenn die Kontrollen aufhören, dann geschieht ein Schritt weiter zur staat- lichen Unabhängigkeit, der an seinem Ende auch das Aufhören des Anschlußverbot- bedeutet. Mit dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund beginnt die Periode, in der es mit den anderen Völkern über die europäische Frage zu Rat sitzen und entscheiden wird. Dies ist der wichtigste Wechsel in der europäischen Konstellation. Der Reichstagspräsident verwies auf die in der letzten Zeit immer deutlicher hervorgetretenen englischen Stimmen, die stets betonen, daß in dem Augenblick, wo Deutschland in den Völkerbund tritt, eine der wichtigsten Phasen Europas eröffnet wird. Wir wollen auf unser nationales Recht Anspruch erheben. Wir wollen niemanden überlisten, sondern schon jetzt sagen, daß wir nach dem Eintritt in den Völkerbund unsere Forderung sofort erheben werden. Die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit des Anschlusses kann vom besonderen europäischen Interesse betrachtet werden. Wenn Oesterreich, wie Dr. Seipel in Paris sagte, existenzfähig ist, dann werden wir uns am meisten darüber freuen, denn wir bauen unsere Forderung nicht auf der Not eines deutschen Landes, sondern auf dem freien Willen seiner deutschen Bewohner aus. Wirtschastliche Gesundheit wird jedenfalls kein Grund gegen eine Vereinigung sein. Die allgemeine europäische Seite der Anschlußfrage ist es, die zuerst die Aufmerksam- keit der Engländer auf unser Problem sich hat richten lassen. Die Nachteile der Friedensverträge müssen beseitigt werden. Europa muß, wenn e» gegenüber Amerika nicht ganz ins hinter- treffen gelangen will, eine große wirtschaftliche Einheit bilden. ?ch bin für ein Paneuropa, aber an die erste Stelle stelle ich den nationalen Zusammenschluß des deutschen Volkes. Ter erste Schritt zur Schassung dieser wirtschaftlichen Einheit kann nur durch den Zusammenschluß dessen, was auch aus nationalen Gründen zusammengehört, gelingen. Wenn dieser Zusammenschluß das Signal zu weiteren Bündnissen gibt, um so besser. Wenn er den Anstoß gibt, daß nicht nur für unser Land, sondern für ganz Europa diese Zwangsunterscheidungen fallen, dann ist das unser doppeltes Verdienst, und dann sollten gerade diejenigen weniger mißtrauisch sein, die die Lage Europas erkannt haben. Noch muß praktische Arbeit geleistet werden. Gelingt dies, dann ist das übrige nur mehr eine Formalität. Zwei Faktoren treiben das Rad der Entwicklung. Der erste und wichtigste ist unser nationales Recht, der zweite die wirtschaftliche Entwicklung, die als Vorläufer des Zusmnmenschlusses großer Gebiete Europas zu betrachten ist. Die Ausführungen des Reichstagspräsidenten wurden mit an» haltendem stürmischen Beifall aufgenommen. Reaktionäre Parteiwirtschast. Zweierlei Maß in Brannschweig. vraunschweig. 7. Juli.(Eigener Drahtbericht.) In Vechelde bei Braunschweig war der Posten eines Gemeindevorstehers frei geworden. 3>ie Bevölkerung wählte sich mit großer Mehr. heit den außerordentlich tüchtigen Lehrerheinemann als Gemeindevorsteher, heinemann ist Demokrat! Als die braunschweigifche Regierung Kenntnis davon erhielt, daß der frü» here deutfchnotionale Gemeindevorsteher durch einen Demo- kraten abgelöst worden war, lieh sie durch das L a n d e s s ch u l- o m t Protest gegen die Wahl Heinemanns einlegen. Auf eine Be- schwerde der sozialdemokratischen Landtagsfraktion erklärte der vclts- parteiliche Ministerpräsident Marquardt, daß heincinann nicht .seiner segensvollen Tätigkeit entzogen werden könne', heinemann mußte infolgedessen sein Amt als Gemeinde- Vorsteher niederlegen. Die Regierung stützte sich dabei auf ein altes Schulgesetz von 190.3. Daß die Regierung aber auch anders kann, geht daraus hervor, daß sie nichts dagegen einzuwenden hatte, daß der deutschnationale Generalstoatsanwalt Holland in seinem Dienstzimmer im Gebäude des Oberlandesgerichts die G c- fchäfte des Vorsitzenden des Landeskirchentages führt. Im Braunschweiger Adreßbuch ist ausdrücklich als Se- schäftszimmer des Landeskirchentages dos Dienstzimmer des General- staatsanwalts genannt. Während die Regierung dem Landesschul- rat Dr. Stoelzel jedes Telephongespräch nachrech- n» t e. das er privat geführt haben sollte, duldet sie stillschweigend. friß ihr Geueralstaatsanwalt sein D i e n st z i m m er zum G e- schäftszimmer einer privaten Vereinigung macht. Der Schutz öer älteren Angestellten. Rückwirkend bis zum 15. Mai. Das Gesetz zum Schutz der älteren Angestellten, dos der Reichs- tag am 2. Juli angenommen hat, hat rückwirkende Kraft bis zum 15. Mai, nicht, wie bei uns infoleg eines Druckfehlers irrtümlich mitgeteilt war, nur bis zum 25. Mai. Die Kündigungen, die zwischen dem 15. Mai 1926 und dem Inkrafttreten des Gesetzes mit kürzeren als den vorgesehenen Fristen schon erfolgt sind, gelten nunmehr milder Frist des neuen Gesetzes. Der belgische Franken erreichte mit 191 für das englische Pfund pincn neuen Tiefstand. Zrieörichshain unö Siegesallee. Wer heute früh vom Brandenburger Tor auf die.Linden" zu- schritt, sah mit Erstaunen eine bräunlich« junge Dame im Begriff, von einem blauen Sockel herab— und der Charlottenburger Chaussee zuzueilen. Glücklicherweise führte sie dieses Vorhaben nicht aus; denn sonst wäre sie wohl jämmerlich auf die Rase gefallen, da sie in völliger Mißachtung der immerhin beträchtlichen Entfernung vom Erdboden den Blick unablässig geradeaus gerichtet hielt. Und so steht sie wohl noch jetzt da, im Ballettlaus zu Bronze erstarrt, die mit nichts als mit einer kunstvollen, ganz unbubiköpfischen haar- tracht bekleidete Diana Professor Lederers. Sie soll bei- leibe nicht immer an dieser Stelle stehen bleiben und den Durchblick durch das Brandenburger Tor versperren, der eine der wenigen erfreulichen Perspektiven Berlins ist: nur vorübergehend hat man sie dort plaziert, vor ihrer endgültigen Ausstellung im Friedrichs- haim Warum? Der Grund dafür ist nicht ganz erkennbar. Wer sich die Diana ansehen wollte, hätte das ebensogut im Friedrichs- Hain wie Unter den Linden besorgen können, besser sogar, da die für den öffentlichen Park bestimmte Statue doch erst richtig in der Umgebung, in der sie wirken soll, gewertet werden kann. Sollte vielleicht die Erklärung für diese seltsame Maßnahme in einem Interview zu finden sein, dos im April dieses Jahres die.Deutsche Zeitung" veröffentlichte? Herr Prof. Lederer gab da einen inter- essanten Einblick in seine Denkweise. Er äußerte u. a. zu seinem Besucher wörtlich:.Das.laufende Mädchen"(jetzt als.Diana" bezeichnet) soll im Friedrichshain aufgestellt werden. Mir wäre viel angenehmer im Tiergarten. Aber Oberbürgermeister Böß hat nun einmal eine Schwäch« für seinen Norden. Wer versteht aber dort etwas von dem, was ich gewollt habe. Uebrigens ist diese Plastik die Weiterbildung eines anderen„laufenden Mädchens", das ich eigentlich zerschlagen wollte, das aber kürzlich die Stadt für den Lietzenpark in Carlottenburg gekauft hat." Käte Kollwitz und Hans Baluschek sind also anscheinend Herrn Lederer nicht salonfähig. Er fühlt sich wohler in der Nähe" der Siegesallee. Vielleicht hätte man bei der Ausstellung seiner.Diana" umgekehrt verfahren sollen: im Friedrichshain zur Probe, endgiltig dann aber als Abschluß der marmornen hohenzollern-herrlichkeiten. Oer �bschieüsbrief des Selbstmörders. Ein neuer Schwindlertrick. Vor etwa zwei Wochen machte ein junger Mann den Versuch, sich das Leben zu nehmen, weil er von Einbrechern um sein Hab und Gut gebracht worden war. Er hatte im Polizeipräsidium einen Brief abgegeben, in dem er seine Absicht ankündigte, und war rasch verschwunden. Es gelang damals, den Selbstmord zu vereiteln. Man wandte sich dann an die Mildtätigkeit begüterter Leute mit der Bitte, dem jungen Mann beizuspringen. Tatsächlich fanden sich auch Helfer, die ihn wieder in eine geordnete Lebensbahn zurück- führten. Auf diese hier bewiesene Wohltätigkeit rechnen anscheinend neuerdings auch andere.Selbstmörder". Sie gehen in der gleichen Weise vor, bringen einen„Abschiedsbries" und wollen sich dann später„retten" lassen. Das gelingt ihnen aber nicht mehr, da man ihren Schwindel durchschaut. Sie werden so lange fest- gehalten, bis die Briese geprüft worden sind. Erweist es sich, daß der Schreiber wirklich hilfsbedürftig ist, so wird er der Wohlsahrts- stelle überwiesen, hat er einen Schwindel in Szene gesetzt, was meistens der Fall ist, so zeigt man ihm die Tür. Auf was für absurde Einfälle dicje sogenannten Selbstmörder kommen, zeigt folgender Fall: Ein junges Mädchen kündigte an, daß sie, um sich zu töten, von der Kuppel des Domes springen werde. Wie sie da hinauskommen würde, sagte sie nicht. Ein anderer er- schien mit den crsorderlichen Utensilien, einer Zweiliterslasche Lysol und einem langen Strick. Schwere vachjchäöen durch das Unwetter. Bekanntlich sind in Groß-Berlin noch immer zahlreiche Wohn- hausdächer nicht in Ordnung, so daß das geflügelte Wort vom Schlafengehen mit dem Regenschirm geprägt wurde� Die Unwetter der letzten Tage haben daher auch in den oberen Stockwerken vieler Häuser große Schäden angerichtet. Bei leichtem Regen ent- standen nur Flecke an den Decken, aber durch die wolkenbruchartigen Regengüsse prasselten die Wassermassen in die Böden und von da in die Wohnungen hinein, so daß vielfach der durchweichte Deckenputz herabzustürzen droht. Auch die Wohnungseinrichtungen sind, da das Unterstellen �von Wannen und Eimern nicht half, schwer be- schädigt worden/ Es sei daraus hingewiesen, daß für alle diese Schäden der reparatursäumige Hausbesitzer hast- p f l i ch t i g ist. Er muß die Decken und Oberwände neu oerputzen. unter Umständen auch die Zimmer neu tapezieren lassen, selbst wenn der Mieter die Verpflichtung zu Schönheitsreparaturen unter nor- malen Zuständen übernommen hat. Kommt der Hausbesitzer nicht oder nicht schnell genug seiner Instandsctzungspslicht noch, so ist die Schieds st elle des zuständigen Wohnungsamtes anzurufen. Diese ladet die Parteien zur mündlichen Verhandlung und sucht eine Eini- gung herbeizuführen. Falls die Einigung nicht zustande kommt, wird dem Mieter eine Bescheiniguno erteilt, daß er seinerseits die notwendigen Instandsetzungen der Wohnung vornehmen lassen und die Kosten von der Miete abziehen darf. Ohne solche Bescheinigung sind Abzüge von der Miete nicht zulässig. Wo mehrere Mieter des gleichen Hauses geschädigt sind, klagen sie am besten gemeinsam. Für die Klage wegen beschädigter Einrichtungsgegenstände ist das Amtsgericht zuständig. Die gewöhnlich recht erheblichen Kosten für Dachreparaturen wird natürlich der K�inzelmieter fast nie aus eigener Tasche aufbringen können. Das Gericht kann ober an- ordnen, daß der Hundertsatz für Instandsetzungen dem reparatur- säumigen Hausbesitzer entzogen und von sämtlichen Mietern an die Mietcroertretung oder einen anderen Mteterbevollmächtigten mit dem Austrage, diese Gelder zweckentsprechend zu verwenden, gezahlt wird. Don allen diesen Rechtsmitteln wird noch viel zu wenig Ge- brauch gemacht._ Tie auswechselbare„Nachtausgabe". In hugenbergs wirklichem Nachtorgan findet sich folgendes Inserat: 8tsst8over. der Republik 7) 49. Rarlm-Res-Satz. Coyenatin. Anfang 7 Uhr. Im redaktionellen Teil läuft eine tägliche Rubrik..Wohin gehe ich heute". Und da liest man in alter konseroativ-traditioneller Treue: Oper am Königsplah: Lohengrin(714). Das ist schon eine gerissene Geschäststaktik. Allzu fair dünkt sie uns allerdings nicht. �Muh man schon mit zusammengebissenen Monarchistenzähnen die Staatsoper am Platz der Republik um der schwarzrotgoldenen Moneten, die hugenbergs rationelle Wirtschaft nun einmal nicht entbehren kann, schlucken, so kann doch in dem kostenfreien Vergnügungsanzeiger die edle Zimmerstraßenseele, vom Inseratenterror gänzlich befreit, dem republikansschen Schondsleck den obligaten Dolchstoß oersetzen. Für nicht Einheimische allerdings ist die Sache äußerst schwierig. Der Inseratenleser läuft ja schon richtig, aber mit der redaktionellen Orientierung hapert es doch ge- waltig. Aber das ist bei hugenbergs wohl im ollgemeinen so. Ferien- Schwimmkurse für Schüler und Schülerinnen. In diesem Jahre werden zum ersten Male in den städtischen Schwimmhallen und verschiedenen Privat- und Freibädern Ferienkurse zum Unter- richt der Schuljugend im Schwimmen abgehalten werden. Die Kurse dauern vier Wochen. Die einzelne Unterrichtsabtei- lung umfaßt etwa zwölf bis fünfzehn Schüler(innen). Voraus- fctzung zur Teilnahme ist das Einverständnis der Eltern und des Schularztes. Gebühren werden nicht erhoben. Die Er- tcilung des Unterrichts erfolgt durch schwimmkundige Lehrkräfte, die bereits als Schwimmlehrer tätig waren. Ein Kinderspielplatz im Norden. Das Bczirtsjugcndamt Prenzlauer Berg hat auf dem Spielplatzaeländc„Einsame Pappel", Gaudy-, Ecke Rudolf- Mossestraße, einen Kleinkinderspielplatz mit Plansch- decken Herrichten lassen. Auf einem großen, freien Platz, eingefriedet von schönen, dichtbelaubten Bäumen, das Ganze durch einen Zaun abgeschlossen, befindet sich in der Mitte ein wahres Riesen- bassin. Eine betonierte Fläche, die nach der Mitte zu etwas abfällt, so daß das Wasser hier tiefer ist und gegen den Rand zu seichter wird. Ueber dem Becken befindet sich die Wasserzuleitung, die ständig frisches Wasser zuführt. Darin planschen und plätschern nun die Kleinen nach 5ierzcnslust. Sie lassen hier ihre Schiffchen fahren, sie machen die ersten Schwimmversuche, bespritzen sich mit großem halloh gegenseitig und fühlen sich ganz ausnehmend wohl dabei. Für Kinder ist das Spielen im Wasser bekanntlich der In- begriff jedes Vergnügens. Die Puppen werden gebadet, das Puppenkochgeschirr gesäubert, die Puppenwäschc gewaschen, oh es gibt hier für die kleine, künftige Hausfrau allerhand Beschäftigung. Es ist ein Mordsspektakel fröhlicher, ausgelassener, kleiner Men- schen und eine wahre Freude£u sehen, wie sich die Kleinen amü- sieren. Jede Woche wird das Wasser ganz abgelassen und das Becken vom Sand gesäubert. An diesen Tagen prangt' die Tafel: „Wegen Säuberung geschlossen" und die kleinen Badegäste stehen als Zaungäste traurig hinter verschlossenen Toren. Manche sind recht optimistisch und meinen:„Vielleicht wird doch noch aufgemacht." Da steht der Wärter und schrubbt feste, begleitet und beobachtet von vielen neugierigen Kinderaugen. Rechts vom Wasserbecken gibt es eine Halle zum Unlerftellen bei Regen, links eine große„Buddel- kiste", Bänke zum Ausruhen und viel, viel Sand. Ein wahres Dorado für die Kleinen des Berliner Nordens. Durch einen herabstürzenden Balken erschlagen. Ein folgenschwerer Bauunsall ereignete sich heute vormittag aus einem Neubau am Stubenrauch-Ring in Britz Auf einem der dort in der Ausführung begriffenen Neubauten stürzte aus beträchtlicher höhe ein 6 Meter langer und zwei Zentner schwerer Balken in die Tiefe und traf den unten beschäftigten 11jährigen Bauarbeiter Wilhelm Wegener aus der Stubbenkammerstraße 6, am Kopf. W. erlitt einen doppelten Schädelbruch und wurde sofort in das naheliegende Britzer Krankenhaus gebracht, wo er kurz nach der Einlieferung oerstarb. 4- Ein weiterer schmerer Arbeitsunfall ereignete sich heute vor- mittag in der Leipziger Straße 6 3. Beim Abtransport eines 30 Zentner schweren Geldschrankes schlug der Schrank aus dem letzten Treppenabsatz plötzlich um und stürzte auf den 11jährigen Arbeiter Willi Schröder aus der Arndsstraß« 2. Sch. wurde mit lebensgefährlichen Verletzungen durch einen Wagen des Städtischen Rettungsamtes in die Unfallklinit Ziegelstraß« ge- schafft. Sein Zustand ist nahezu hossnungslos. Das dreizehnte Opfer von Woltcrsdorf. Obgleich vom Gemeindeamt Woltersdorf noch gestern abend bestritten wurde, daß das dreizehnte Opfer der Einsturz- katastrophe identifiziert sei, stellt sich nunmehr doch heraus, daß schon gestern nachmittag der Arbeiter M a a s ch aus der Schlieper- straße 29 in Tegel die Leiche als die seines Sohnes Bruno erkannt hat.» Mansch und seine Frau gehörten mit zu den Äer� letzten und lagen einige Zeit im Krankenhause, konnten infolgedessen nicht früher nach dem Schicksal ihres Sohnes nachforschen. Für die Oefsentlichkeit dürfte es dabei einigermaßen unerklärlich sein, wie ein preußischer Amtsoorsteher mehrere Tage hindurch die noch nicht identifizierte Leiche als die einer Frau in den mittleren Jahren mit einem Trauring an der rechten Hand bezeichnen kann. Der Hauptausschuß für Arbeiterwohlsahrt E. v. hat seine Gc- schäftsräume nach Berlin SW. 61, Belle-Alliance-Platz 8, verlegt. Fernsprecher Dönhoff 8188. Zm Freibad ertrunken. Im Freibad W i l h e l m st r a n d bei Oberschön cweide ertrank gestern in den Abendstunden der siebzehnjährige Rene hubrcde aus der Brückenstraße 12. Ob- gleich der Unglücksfall sofort bemerkt wurde, bliebe« alle Rettungs- versuche vergebens. Trotz eifrigen Euchens des inzwischen herbei- gerufenen Reichswasserschutzcs wurde die Leiche noch nicht geborgen. Der Donk der Stadt. Im Namen des Magistrats spricht Oberbürgermeister Böß allen Bürgern und Bürgerinnen der Stadt, die am 20. Juni 1926 bei der Durchführung des Volks- entscheid« über Enteignung der Fürstenvermögen im Äbsiimmungs- vorstände ehrenamtlich als Abstimmungsvorsteher, Abstiinmungs- oorsteherstclloertreter, Beisitzer und Schriftführer tätig gewesen sind, den Dank der Stadt aus. Unwetterkatastrophe in Sachsen. Dresden, 7. Juli.(TU.) Eine furchtbare Unwetterkatastrophe, wie sie seit 1870 nicht mehr vorgekommen ist, suchte am Dienstag nachmittag die Gegend von Bischosswcrda heim. Nach großer Hitze gingen in der Umgegend heftige Gewitter nieder, die Wolkenbrüche und Schloßenjall mit sich brachten. An Fluren, Straßen und Häusern wurde unübersehbarer Schaden angerichtet. Am schwersten wurde der Ort Burkau heimgesucht, hier trafen drei Gewitter zusammen, die sich in geradezu furchtbarer Weise austobten und die Bewohner in Angst und Schrecken versetzten. Aus die umliegenden Berge ging über eine Stunde lang ein Wolken- bruch nieder. Mit elementarer Gewalt schössen die Wassecmassen die Berge herab, ergossen sich ins Dorf und rissen alles mit sich fort. Der Ort bietet ein Bild schrecklicher Verwüstung. In D e m i tz- T h u m i tz kamen die Fluten in den Bahnglciscn der Strecke Görlitz. Dresden angewälzt und ergossen sich in die Bahnhofs- anlagen, die unter Wasser gesetzt wurden. Auch weiterhin nach Bautzen stehen die Kartosfelselder unter Wasser. Bei Spittmitz ist das Schwarzwasser aus den Ufern getreten. Reue Erdstöße auf Sumatra. Aus Niederländifch-Indien wird gemeldet: Eine neu« Erdoerschiebung hat Fort de Kock und Sosok heimgesucht. Es sind mehralslOOIotezu oerzeichnen. Viele Gebäude sind schwer beschädigt worden. Die chinesische Niederlassung ist nur noch«ine Ruin«. Es herrscht überall Panikstimmung. 70000 Menschen haben alles verloren und sind obdachlos geworden. Der Schaden wird auf ungefähr 15 Millionen Gulden geschätzt. Der Austrolienslieger Elliot Opfer eines arabischen Schützen. Nach einer.,Times"-Meldung aus B a s r a ist der schwerverletzte Mechaniker Elliot, der den Flieger Cobhom nach Australien begleitete, in der Nacht zum 7. Juli g e st o r b e n. Es ist jetzt ein- wandfrei festaestellt, daß sowohl die Beschädigung des Motors als auch die Verletzung des Mechanikers durch eine Gewehrkugel hervorgerufen wurde, die wahrscheinlich von einem Arode" abgefeuert wurde. Groß- berliner parteinachrichten. 81.»bt. beule Mittwoch, bin 7. Zu«, abenb» 8 Uht bei»üb, Millkl. straße 7 wichtige Funttlonarsitzung. # OeVerMafisbewegung �bhalfterung kranker Arbeiter. Die Klage einer Landesversichernngsanstalt. Die ärztlichen Leiter der Heilstätten der Landesverstcherungs- anstatt Baden(Friedrichsheim, Luisenheim und Hirschhalde) stellten sest, daß in der letzten Zeit lungenkranken und knnstwie erkrankten Patienten der Heilstätten während ihrer Kurzelt das Arbeitsverhältnis gekündigt wurde. Die Kündigung schickt man ihnen in die Heilstätte. Durch diese für die Patienten katastrophale Nachricht gerieten sie naturgemäß in die größte Ausregung und wurden derart mißgestimmt, daß sie für ihre' Kur und die ärztlichen Ratschläge keinerlei Sinn mehr hätten. Die weitere Folge sei in der Regel eine wesentliche Verschlechte- rung des körperlichen Zustandes dieser Kranken, womit nicht selten der ganze Heilerfolg in Frageae stellt wird. Schließlich hätten viele der gekündigten Patien- tcn die Kur abgebrochen, so daß die ganzen Kosten für das bisherige Heilverfahren umsonst aufgewendet wurden. Die ärztlichen Leiter der genannten Heilstätten teilten ihre über- einstimmenden Beobachtungen der�Landesversicherungsanstalt Baden mit, die sich daraufhin mit einem Schreiben ondieHandels- kammer Konstanz, wahrscheinlich auch an die übrigen badischen Handelskammern, wandte. Es heißt in dem Schreiben: „Wir müssen dieses Vorgehen mancher Arbeitgeber als wenig menschenfreundlich bezeichnen und erlauben uns daher, an die dor- tige Kammer die dringende Bitte zu richten, daß sie von Kündigun- gen an Arbeiter, die wegen Krankheit sich in unseren Heilstätten befinden, während der Kurzeit absehen und die Entlassung dieser Arbeiter— wenn sie sich nicht überhaupt umgehen läßt— auf einen Zeitpunkt verschieben, der nach dem.Wiedereintritt des be- treffenden Arbeiters in den Betrieb gelegen ist." Die Wirkung, auf die dos Schreiben berechnet ist, wird es zweifellos verfehlen. Die Unternehmer wollen sich doch den Ent- laisungsgrund gemäß§ 123 Ziffer 8 GO. nicht entgehen lassen, der ja fortfallen würde, wenn die Arbeiter aus der Heilstätte als gesund entlassen.sind. Im Effekt bedeutete die Entlassung kurz nach Wieder- ausnähme der Arbeit— aus irgendeinem anderen Grunde, um den kein Unternehmer in Verlegenheit kommt, denn dafür hat er ja seine Kulis— für den kaum genesenen Arbeiter nicht minder eine gesundheitliche Schädigung. Doch für den Heilerfolg und die Erfolgs st ati st ik der Heilstätten ergäbe sich ein günstigeres Resultat, wenn die Entlassung während der Kur unterbleiben würde. Die leitenden Aerzte der Heilstätten können sich natürlich nur um die Arbeiter als ihre Patienten kümmern. Was nachdem aus ihnen wird, ist nicht ihres Amtes. Jmmerbin zeigt das Schreiben, wie weit diese moderne Untcrnchmerpraxis schon um sich gegriffen hat, die Arbeiter während des Heilverfohrens zu entlassen, ohne Rücksicht auf seinen Zweck und die Kosten, erst recht aber ohne die rein mensch. liche Rücksicht auf den erkrankten Arbeiter. Als„wenig m e n- schenfreundlich" bezeichnet die ärztliche Mahnung dos Dor- aehen„mancher" Arbeitgeber. Die Herren Arbeitgeber werden sich gegen diesen Vorwurf geziemend verwahren, indem sie geltend machen, daß ihre Betriebe doch nicht etwa dazu da sind, in Menschenfreundlichkeit zu machen, sondern dazu, um Profit zu machen. Der erfolarcichste Profitmacher Henry Ford aber, der für �.Wobltätigkeit" durchaus nichts übrig hat, beschafft auch den kranken Arbeitern seines Betriebes entsprechende Beschäftigung, damit sie während ihrer Krankheit etwas verdienen und nachdem um so leichter wieder in ihre Arbeitsstelle einrücken können. um. Man sieht den Unterschied zwischen dem Verhalten des Mannes der Rationalisierung und dem seiner stümperhaften Nach- abmer, die es. in der zynischen Rücksichtslosigkeit gegen die Arbeiter erheblich weiter gebracht haben als auf irgendeinem anderen Ge- biete der Rationalisierung. Jeden Appell an das„gute Herz" der Unternehmer halten wir von vornherein verfehlt. Indem wir ober solche Erscheinungen feststellen, weisen wir auf die Lücken des Arbeiterlchutzes bin und fordern deren Ausfüllung, zum Schutze der Arbeiter gegen die moderne„Menschenfreund- l i ch k e i t" der Unternehmer._ GemelnSe- und Staatsarbeiter-verbanö 1925. Der Verband der Gemeinde- und Stoatsorbeiter hat vor einigen Tagen seinen Geschäftsbericht für dos Jahr 1g2S herausgegeben, der auf 239 Seiten einen eingehenden Ueberblick über die Entwicklung des Verbandes, die Tätigkeit des Hauptoorstandes und der örtlichen und bezirklichen Verbondsinstanzen gibt. Unverkennbar ist der, wenn auch langsame, so doch aber stetige Aufschwung in der ZNitgliederbewegung. Vis zum Beginn des vierten Quartals 1321 sank die Kurve der Mit- gliederbewegung noch herab. Seitdem aber trat wieder ein« allmäh- liche Mitgliederzunahme«in. Ende 1321 zählt« der Verband 13v8 Mitglieder. Ende 132S dagegen 200 692 ZNitglieder. Das bedeutet eine Zunahme von 13 681 Mitgliedern. Der Fortschritt in der Mit- gliederbewegung, die innere Erstarkung des Verbandes prägt sich noch deutlicher aus in der Feststellung, daß die Anzahl der voll- zahlenden Mitglieder— nach der durch 62 geteilten Jahres- beitragssumme— Ende 1924 169 088 betrug, Ende 1925 aber 182 754, ein Mehr von 13666 oollzahlenden Mitgliedern. Das Verhältnis der oollzahlenden zu den buchmäßigen Mitgliedern mit 89,17 Proz. ist als recht gut zu bezeichnen. Beachtens- wert ist im Zusammenhang mit den Mitgliedszisfern auch das Ergebnis der alljährlichen Zählung aller Beschäftigten und die Feststellung ihrer Organisationszugehörigkeit. Don insgesamt 869 Filialen geben 856 die Zahl der in Gemeinde- und Staatsbetrieben Beschäftigten auf 293 24 1 an. Von diesen 293 241 Beschäftigten gehörten 191 15 3 oder 65,9 Proz. der Organisation an. Im Vor- zahre gehörten bei nur 273 188 Beschäftigten 183 212 oder 66 Proz. der Organisation an. Von den übrigen 99 382 Beschäftigten sind 26 393 9 Proz. in anderen Verbänden freigewerkschaftlich organisiert, 16 452=: 5,3 Proz. in gegnerischen Verbänden(davon ollein bei den Christlichen 12 432;= 1,2 Proz.) und 57 537— 19,8 Prozent sind noch vollständig unorganisiert. In den Jahren 1922, 1923 waren nur 4L Lg«. 4,4 Proz. unorganisiert. Durch die Inflation und ihre Rückwirkung auf die Ge- werkschaften ist ein großer Teil der sogenannten Mitläufer dem Ver- band untreu geworden. Hier ist für die Funktionär« ui�> Mitglieder noch ein großes Feld für d'e gewerkschaftliche Werbe- und Auf- klärungsarbeit gegeben. Di« Wirtschaftskrise spiegelt sich in den Arbeitslosenziftern des Gemeinde- und Staatsarbeiterverbandes längst nicht in dem Maße wider wie in den Industrieorganifationen. Zu Beginn des Jahres waren 2382 Mitglieder— 1,07 Proz. arbeitslos, zu Ende des zweiten Quartals 959~ 0,48 Proz. und am Schluß des Jahres 3 7 5 3 Mit- glieder— 1,87 Proz. Lohnbewegungen wurden im Berichts- jähr 728(darunter 4 Streiks) in 8327 Betrieben mit insgesamt 321 389 Beschäftigten geführt. Di« durch die Lohnbewegungen erzielten Lohnerhöhungen betrugen insgesamt 639 568.22 Mark oder durchschnittlich 2,61 Mark pro Kopf. Der 5?auptt«il der Lohn- bewegungen fällt in das erste Halbjahr 1325, während im zweiten Halbjahr ein weiteres Heraufschrauben der Löhne unmöglich wurde und alle Kräfte für die Behauptung der erreichten Lohnhöhe eingesetzt werden mußten. Infolge der allgemeinen schlechten Wirtschaftslage wurde auch in diesem Wirtschaftszweig« versucht, bei Neuabschlüssen von Tarifen hauptsächlich in der Frage der Arbeitszeit Verschlechte- rungen durchzusetzen. Wenn es auch der Organisation nicht gelang, ihre aufgestellten Gegenforderungen, die auf die volle Durch- sührung des Achtstundentags abzielten durchzusetzen, so war es ihr aber möglich, das Ansinnen der Verwaltungen auf Der- schlechterungen überall abzuwehren. Di« Hohl der Tarifver- träge hat sich von 254 am Schluß des Vorjahres auf 318 oder um 61 bis zum Schluß des Jahres 1925 erhöht. Rechtsschutz wurde in 113 Fällen gewährt. Von den angestrengten Klagen wurden 51 mit Erfolg, 43 ohne Erfolg und 23 durch Vergleich erledigt. 23 Klagen waren bei Jahresschluß noch unerledigt und von 8 Klagen blieb der Ausgang unbekannt. Die Kosten für den bewilligten Rechtsschutz beliefen sich auf 13 323,19 Mark. Di« Einnahmen der Hauptkosie betrugen 3 983 368,13 Mark, die Ausgaben 3 265121,33 Mark. Der K a s s e n b e st a n d erhöhte sich von 545 028,67 Mark am Schluß des Vorjahres auf 723 316.83 Mark zu Ende 4925. Erinnert fei hier zum Schluß noch an den im Berichtsjahre ab- geschlossenen Gegenseitigkeitsoertrag mit der Reichs- gewerkschaft Deutscher Kommunalbeamten, dem Einheitsverband der Eisenbahner Deutschlands und dem Deutschen Verkehrsbund, durch den ein weiteres Stück Weg geebnet wurde zur Industrieorganisation der im Transport, Verkehr, in öffentlichen Betrieben und Ver- roaltungen Beschäftigten._ Jnduftrieverband der Lebensmittelarbeiter. Das Abstimmungsergebnis im Verbände der Lebens- mittel- und Getränkearbeiter liegt nunmehr voll- ständig vor. An der Abstimmung beteiligten sich 48 263 Mitglieder, von denen 33 133 für die Verschmelzung, 15332 gegen die Verschmelzung stimmten. 131 Stimmen waren ungüllig. Das Gesamtergebnis aller hier beteiligten Verbände wird da- durch nicht beeinflußt. Für die Verschmelzung erklärten sich 56 661 Mitglieder, dagegen 16514. Ungültig waren 144 Stimmen. Nach den Vereinbarungen über die Urabstimmung werden sich mit den Ergebnissen der Abstimmung die einzelnen Beiräte der Verbände beschäftigen.„Ergibt die Abstimmung eine tragfähige Mehrheit für die Schaffung eines neuen Verbandes, so vereinigen sich die drei Einzeloerbände zu einem Verband, in dem die Mitgliedschaft und Beitragsleistung sowie die gezahlten Unter- stützungen in den alten Verbänden nach den Satzungen des neuen Verbandes angerechnet werden." Von den 133 946 Mitgliedern der drei Verbände hoben sich 73 339. d. s. 56.Proz� aruder. Abstimmung beteiligt und 77 Proz. der Abstimmenden hoben sich für die Vereinigung erklärt, sodaß dies« aller Wahrscheinlichkeit nach zustande kommen, wird. Die Bcschäftigungslostgkeit in der Textilindustrie. Der Deutsche Textilarbeiterocrband stellt regelmäßig Erhebungen über den Umfang der Arbeitslosigkeit und der Kurzarbeit in der Textilindustrie au. Nach seinen Feststellungen zeigt die Zahl der Ar- beitslosen und Kurzarbeiter im Monat M a i 1926 gegen den Monat April folgende Entwicklung: April Ma! Arbeitslose 58 988 58 775 Kurzarbeiter 154 256 153 272 Die Zahl der Kurzarbeiter weist im Monat Mai einen Ruckgang von 4333 auf, während sich die Zahl der Arbeitslosen aus annähernd gleicher Höhe gehalten hat. Nach den Feststellungen beträgt d i e Arbeitskürzung meist 16 bis 24 Stunden wöchent- l i ch. Für den Monat Juni macht sich wieder ei« Steigerung der Arbeitslosenziffer bemerkbar. Von den einzelnen Branchen ist die Seiden- und Kunstseiden- industrie noch am besten beschäftigt. Sie zählte noch 39,1 Proz. Voll- beschäftigte gegen nur 19,5 Proz. in der Seilerei und nur 5 Proz. in der Gardinen- und Spitzenindustrie. Am schlechtesten beschäftigt sind die Gaue Barmen, Augsburg, Stuttgart, Liegnitz und Berlin. Es folgen dann Kassel, Dresden und Hannover. Die beste Beschäftigung hat Gera aufzuweisen. Der Textilarbeiterverband zieht aus seiner Erhebung die Folgerung, daß mit einer Stagnation des Arbeitsmarktes auf längere Zeit gerechnet werden muß. ?!cue Verhandlungen im englischen Bergarbeiterstreik? London. 7. Juli.(MTB.)„Daily News" ist der Meinung. daß der A u s s ch u b der Beratungen der Achtstundenvorlage im Oberhaus nicht nur der Aufklärung von Mißvcrständnisien, sondern auch der Wiedereröffnung von Verhandlungen dienen soll.� Auch der parlamentOäsche Korrespondent des„Daily Telegraph" spricht von Gerüchten, wonach die Regierung und die Bergleute seit ein oder zwei Tagen wieder in Fühlung seien. Ter Streit im Antwerpeuer Hase« beendet. Antwerpen. 7. Juli.(TU.) Nach langwierigen Verhandlungen wurde am Dienstag nachmittag der Streik beigelegt. Die Hafen- arbeiter werden am Donnerstag früh die Arbeit wieder aufnehmen. Am Donnerstag nachmittag tritt die Hafenkommission zusammen, um über eine Erhöhung der Löhne zu verhandeln. Gesperrte Gastwirtsbetriebe. Wie uns der Zernraweriwnü Leü Hotel-, Restaurant- und" Cofeangestellten mitteilt, sind folgendes Gastwirtsbetriebe für organisierte Arbeitnehmer gesperrt� ,L) e u t s ch e r H o f", Inh. Krumrey, Luckauer Straße.— Restaurant .„Zum Eisbär", Inh. Jockfch, Köpenicker Straße 38.— Die Be, triebe Fr. P a a r m a n n, Oberbamnstraße 1 und Wrangel-, Ecke Euorystraße.— Prälaten des Ostens, Inh. Wnuck, Große Frankfurter Straße 16.— Restaurant R ü ck e r t, Frankfurter Allee 1. — Löwen-Böhmisch, Syring u. Iaede, Elbinger Straße Ecke Landsberger Allee.— Schultheiß-Patzenhofer, Inh. Arthur F r a n � Kaiserstraß« 17/18.— Restaurant„N e u- He l g o l a n d" bei Rahnsdorf, Inh. Fröhlich.— Restaurant„Rübezahl", Inh. Oskar Müller, Am Müggelsee.— Restaurant„Matschke, Grünheid- undl „Vater Fielitz", Grünheide. Die Sperre über das Restaurant„W oltersdorfer Mühle", Inh. Max Behl«, in Woltersdorf, wird hiermit auf- gehoben. Die Differenzen sind beigelegt. Die Zahl der Arbeitslosen in Englaad betrug am 26. Juni 1 638 333, d. s. 3 858 mehr als in der Vorwoche. Die Arbeiter, die durch den Bergarbeiterstreik arbeitslos wurden, sind in diese Zählung nicht mit inbegriffen. Der Streik der New gorker Anlergrundbahner ist am ersten Streiktoge ohne Zwischenfall verlaufen. Der Verkehr ist so gut wie eingestellt._ Mirtschast Ein neuer Seehanölungsskanöal. Durch die jkutisker-Asfäre kam die Preußische Staatsbank(See- Handlung) in den Besitz des berüchtigten Hanauer Lagers. Die Seehandlung bahnte eine Verwertung des Lagers durch die In dag(Jndustrie-Verwertungs-A.-G. Berlin) an und hoffte stark, durch diese Aktion wenig st ens einen Teil des durch die Kutisker-Affäre erlittenen materiellen Schadens gutmachen zu können. Diese Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Die Indag hat, wie die Seehandlung nun mitteilt, das Lager, das nach den Kutiskerschen Angaben 9 Millionen Mark wert sein sollte und das von der Seehandlung als Gegenwert von 4)6 Millio- n e n Mark hereingenommen wurde, an einen französischen Interessenten verkauft. Der Kaufpreis wird leider nicht genannt. Tatsache ist ober, daß der französische Interessent 83 3 33 Reichsmark in dar bezahlte und im übrigen Wechsel ausstellte, die sich ebenso faul wie die Kutiskerschen Wechsel er- wiesen. Die Indag sah sich nun gezwungen, mit dem französischen Käufer ein Arrangement zu treffen, demzufolge ihr der Rest des Lagers als Sicherheit übereignet wird. Offen bleibt die Frage, was mit dem Lager in der Zwischenzeit passierte und welcher Schaden der Seehandlung weiter durch diese Manipulationen erwachsen ist. Sinnensthlffahrtskreöite. Das Reichsverkehrsministerium hat in einer soeben veröffent- lichten Denkschrift die Regelung für den Binnenschifiahttskredit niedergelegt. Di« neue Suboentionsattion sieht Maß- nahmen Preußens und des Reiches vor. Preußen wird durch Kapitalsauffüllung den Schiffshypothekenbanken die Aufnahme ihres Betriebes gewährleisten. Um für die Pfandbrief« der Schiffs- Hypothekenbanken den nötigen Markt zu schaffen, erklärt sich das .Reich bereit, insgesamt 6 Millionen Mark für die Stützung der Pfandbrief« zu verwenden und zwar in der Art, daß das Reich Schiffspfandbriefe zum Nennwert übernimmt. Di« Pfandbriefe sind zehn Jahre unkündbar upd sollen vom 11. Jahre ab mit 13 Proz. des Betrages pro Jahr eingelost werden. Den Banken selbst wert«« die Staatsmittel zu 6 Proz. mit der Verpflichtung zur Verfügung ge- stellt, daß der Zinssatz für Schisfsdarlehen nicht über 6 bis 6)b Proz. liegen darf._ Sleuerfreudigkeik. Der Reichsmmister der Finanzen hat folgende Verfügung an die Landesfinanzämter herausgegeben:„Mir ist aufgefallen, daß es in allen Landesfinanzbezirken eine Reihe von Steuerpflichtigen gibt, die noch über ein erhebliches Vermögen verfügen, aber für die jetzt im Gang befindliche Frühjohrsveranlagung kein oder doch nur ein ganz geringes Einkommen deklariert haben. Bei einem Teil dieser Pflichtigen wird auf Grund der Buch- und Betriebsprüfungen noch ein wesentliches Einkommen veranlagt werden. Bei einem anderen Teil wird dagegen tatsächlich kein oder nur ein geringes Einkommen festgestellt werden, sei es nun, daß die Buch- und Betriebsprüfung die Angaben des Pflichtigen im wesentlichen bestätigt, sei es, daß sich auch ohne Buch. und Betriebsführung schon heute übersehen läßt, daß ein Verlust vorhanden ist.> Es wird zu prüfen sein, ob bei den genannten Steuerpflichtigen die Besteuerung nach dem Verbrauch gemäß§ 49 EStG. geboten ist. Ich verweise in dieser Beziehung aus meine Runderlasse vom 29. Dezember 1925— III e 7633— und vom 9. März 1926 III e 1600— Wenn in diesen Erlassen in erster Linie die Groß- grundbesitzer erwähnt waren, so lag das daran, daß damals bei der isterbstveranlagung fast ausschließlich Landwirte veranlagt wurden. Die Erlasse gelten selbstverständlich für olle Steuerpflichtigen. insbesondere also auch für die Inhaber großer gewerblicher Betriebe und großer Kapitalvermögen. Wenn die Voraus- setzungen der oorbezcichneten Erlasse zutreffen, kann demgemäß bei Steuerpflichtigen, die endgültig veranlagt werden, die Besteuerung nach dem Verbrauch vorgenommen werden. Bei den Steuerpflich- tigen, bei denen eine Buchprüfung schwebt, ist entsprechend den An- Weisungen des Runderlasses vom 9. März 1926— III e 1633— zu prüfen, ob eine vorläufige Veranlagung nach dem Verbrauch geboten ist." D-rantwortli» fite Politik: Anttt; ZSirtsckxrtt: üatetnu,; Eewerksckastsbewegung: jft. Cfckarn; Feuilleton: De. John Schikowoki: Lolalc» und Soultioes: ikri»«aritädt: Anaciocn: Th. Stocke: tämtUdi in Berlin. Betlaa: Lorwärto-verlaa®. m. b. fi.. Berlin. Druck: Borwärt s-Buckidruckere» und BerlaasonstaU Paul Linaer u. Do.. Perlin ED es. Lindenstrake 3. Berliner• EicMrlKer- stenossensdiail Berlin N 24, Elsässer Str. 86-88| Filiale Westen, Wilmersdorf Feraiprecber Norden 65 25 u. 6S 26 I LandhausttraSe 4. 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