Mbenöausgabe Nr. 323 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 154 Oetugibctlngtinsen und Slnjelgensttif« find in d«r Morgenausgab« angegeben RadatNon: Zw. KZ, Cln&enflrabe 3 Ferafpracher: VSahoff 292— 292 Z«l.'310c(ne:So]lalBcmatcal Bctlln Vevlinev Volklsvlstt (�10 Pfennig) Montag 12. Juli 1926 «erlag und Anietgenabteilung: «eschSftsieit»-S Übe 2-rIeg-r:vorwür»s.I>erIog GmbH. SerUn Zw. SS, cindenflrab« 3 S*Kn\pteä)tt: vLnhosf 292— 292 Zcntralofgan der Sozialdemokratifd�en Partei Deutfcblands Reichsgericht gegen Reichsregierung. Ausschluh der Oeffentlichkeit im Pannierprozetz.— Aus autzenpolitischen Gründen. Die Revisionsverhandlung in der Fememordsache P a n n i e r wurde heute um 10 Uhr von dem Vorsitzenden des zweiten Straf- senats, Arndt, eröffnet. Anwesend sind für den verurteilten Leut- nant Venn, Rechtsanwalt Dr. Hahn, für Stein, Rechtsanwalt Dr. L ö w e n t h a l, für Afchentamp, Rechtsanwalt Dr. E y ck, Schür- mann ist von niemandem vertreten. Vor Eintritt in die Verhandlung warf der Vorsitzende die Frage des Ausschlusses der Oess�ntlichteit auf, da sie ja auch in der Gerichtsverhandlung ausgeschlossen worden sei. Der Reichs- anwalt Falkenberg beantragte nun den Ausschluß der Oessentlichkeit und die Auf. erlegung des Schweigeverbots für die Anwälte. Rechtsanwalt Dr. Hahn schloß sich dem Antrag an, während Rechtsanwalt Dr. E y t und Rechtsanwalt L ö w c n t h a l dem widersprachen. Es wurde dann angeregt, daß auch die B e- gründung des Antrags auf Ausschluß der Oeffentlichkeit un t e r Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfände. Dr. Löwen- thal meinte, daß man sich verpflichten könnte, bei der Begrün- dung nichts vorzubringen, was die Staatssicherheit zu gefährden ge- eignet wäre. Das Reichsgericht beschließt, die Oeffentlichkeit während der Rc- gründung des Antrages auf Ausschluß der Oessentlichkeit auszu- schließen� Der anwesende Rechtsanwalt Dr. Sack, der Verteidiger Steins und des Hauptmanns Gutknecht während der Gerichtsoer- Handlung, bittet der Verhandlung beiwohnen zu können, da er als Verteidiger bereits dem Schweigeverbot unterliege. Dr. Hahn be- fürwortet diese Bitte. Vorläufig muß aber auch Rechtsanwalt Sack den Saal verkästen. Nach etwa 15 Minuten verkündet das Reichs- gerlcht den Ausschluß der Oeffentlichkeit für die ganze Dauer der Gerichtsverhandlung. Es fei anzunehmen, daß die Angeklagten an der Oeffentlichkeit der Verhandlungen ein Interesse hätten. Aus außenpolitischen Gründen sei die Zulassung der Oessentlichkeit nicht möglich, da die Staatssicherheit ihren Ausschluß ver- lange.• Auch für einen Teil der Revisionsverhandlungen sei die Zulassung der Oeffentlichkeit nicht möglich, da einzelne Teile der Verhandlung miteinander in engster Verbindung stehen und daß selbst bei der Verlesung der Urteilsbegründung Dinge berührt wer- den müßten, die die Staatssicherheit gefährden könnten. Dem Rechts- anwalt Dr. Sack wird die Anwesenheit gestattet. Das Reichsgericht hat sich somit, ähnlich dem Landgericht, über den Standpunkt der Reichsregierung über die Zu- laffung der Oeffentlichkeit hinweggesetzt. Die Richter haben sich auch in diesem Fall für befugt gehalten, selbst eine Entscheidung darüber, zu treffen, ob außenpolitische Erwägungen den Ausschluß der Oeffentlichkeit erfordern. Man hätte erwarten müssen, daß die Revisionsverhandlung dem Reichs- gericht Gelegenheit geben würde, den Schaden wieder gut zu machen, den der Ausschluß der Oeffentlichkeit durch das Land- gericht angerichtet hatte. Es hat jedoch das Gegenteil getan. Wenn etwas außenpolitisch von Schaden sein konnte, so war es gerade der Ausschluß der Oessentlichkeit in diesem Fememordprozeß. Der Reichstag wird sich mit der Frage des Ausschlusses der Oeffentlich- keit in Fememordprozeffen von neuem zu beschäftigen haben. Es ist hiermit wieder ein Präzedenzfall geschaffen für die Be- Handlung der Fememordprozesfe, die noch bevorstehest. Explosionskatastrophe bei New gork. Zwei Munitionsdepots in die Luft geflogen. New Bork, 11. Juli. sWTB.) Wie aus Mor» ristow(New Jersey) gemeldet wird, schlug der Blitz in das am Tenmark-See gelegene Munitions» depot ein. Es erfolgte eine starke Explosion, durch die nicht nur das gesamte Depot, sondern auch dreißig in der Umgegend gelegene Häuser zerstört wurden. Wir das Marineamt mitteilt, werden zwei Drittel des Mann starken Kommandos des Munitionsdepots ver- mißt. Nach anderen Nachrichten sind mehr als Ivo Mann umgekommen. Tie Bevölkerung in den Nachbarorten hat Weisung erhalten, ihre Wohnungen zu räumen. Ilucht üer öevölkerung. v o v e r sRew Tersey), 12. öuli. swTL.) Die Bergung der bei der ZNunitionsexplosion Derunglücklen ist infolge der andauern- den Geschoßexplosionen unmöglich. Festgestellt wurde, daß neun weitere Personen tödlich verunglückten. Die Zahl der verletzten Zivilpersonen wird auf u n- g c f ä h r 200 geschäht. Alle Landstraßen sind von Flüchtenden zu Fuß und im Automobil bedeckt. ölsher 12 Tote und 399 verwundete. Dover(Rem Jersey), 12. Zuli.(WIR.) Räch den im Laufe der Rächt gemachten Feststellungen sind von der Besatzung des explodierten Rlarinearsenals am Lake Denmark drei Leute getötet und zwischen SV und 100 verwundet worden, während noch 20 vermißt werden. Die ersten Angaben über die Verluste werden als zu hoch gegriffen bezeichnet, doch wird eine zuverlässige Feststellung der Zahl der Opfer erst nach völliger Durchführung der Aufräumungsarbeilen möglich sein. Der Staatssekretär für den Krieg Davis hat bereits gestetn die Itnglücksstätte besichtigt, soweit dies angesichts des noch tobenden Brandes möglich war. An der Stelle, wo sich das Hauptgebäude des Munitionsmagazins befand, ist jetzt ei« Trichter von 100 Fuß Breite und SV Fuß Tiefe. 200 von den Gebäuden innerhalb des Arsenals sind zerstört, jedoch sind IS Marinemagazine den Wirkungen der Explosion entgangen. Die Zerstörungszone innerhalb der Gebäude und Straßen durch die Erschütterungen der Explosion und durch den unouf- hörlichen Hagel von Sprengstücken der für die Marinegeschütze von 12 Zoll bestimmten Granaton beschädigt und stellenweise zerstört worden sind. bedeckteinenKreisvonlöMeilenRadius. Die ersten Schätzungen über den Sachschaden rechnen mit ungefähr S5 Millionen Dollar. Während der Stunden der größten Gefahr machte es noch besondere Schwierigkeiten, daß die Leoölke- rung, zu einem großen Teil Slowaken, die in der Umgegend Hühnerfarmen betreiben, den Versuch machte, zur Bergung ihres Besitzes in die bedrohte Zonp zurückzukehren. Der Marinesetretär WIlbur hat eine eingehende Untersuchung der Ursache der Explosion angekündigt. vie Wirkung öer Explosion. Rew Jork. 11. Juli.(WTB) Die bereits kurz gemeldete Munitionsexplosion am Lake Denmark bei Dower in New Jersey übertrifft nach den bisher vorliegenden Nachrichten an Furchtbarkeit die Explosion von Black Tom im Jahre 1916, bei der über 100 Bahn- wagen Dynamit ausgeflogen sind. Das explodierende Munitions- depot enthielt ein Zehntel der gesamten Munilionsoorräte der amerikanischen Marine. Die in der Nähe des Unglücksortes gelegenen Orstchaften Mounl Hope und Denmark, sowie zahlreiche von Touristen in der Mhe errichtete Zeltlager sind zerstört worden. Die Erschütterung der Explosion hat in einem Umkreis von über 35 Meilen die Fenster zertrümmert. Die explodierenden Granaten überschütte- ten die Gegend meilenweit mit Sprengstücken, wodurch zahlreiche Autofahrer auf den Landstraßen verletzt wurden. Nach weiteren Nachrichten über das Explosionsunglück am Lake Denmark wird erwartet, daß auch das von der Explosioki betroffene Munitionslager der amerikanischen Armee im Werte von vierzig Millionen Dollar seiner völligen Zerstörung entgegengeht und daß die Explosion der noch lagernden Vorräte die ganz« Woche über andauern würden. Polizeiautos durchfahren die Ortschaften der Umgebung und fordern die Bewohner auf, die Häuser zu verlassen, da Einsturzgefahr bestehe. Selbst in dem durch eine Hügelkette geschützten Dover herrscht Panik. Die durch die Explosion hervorgerufene enorme Hitze und der Hagel explodierender Granaten erschwert die Annäherung an die riesige Brandstätte. Das Marine- depot allein erstreckt sich auf über-500 Acres und enthält etwa 200 Magazin- und Verwaltungsgebäude. Aer e r st e E i n d r u ck, den die Wirkung der Explosion in ganz New Jersey heroories, war der, daß ein Erdbeben stattgefunden habe. Als der Blitz gestern in das Marinedepot einschlug, passierten zwei Automobilisten mit ihren Wagen gerade den Eingang. Sie wurden mit Verletzungen ins Hospital von Dower eingeliefert und erzählten, daß sofort nach dem Blitzschlag drei Riesenexplosionen stattfanden, durch die ihr Wagen in den Graben geschleudert wurde. Durch den herrschenden stürmischen Wind wurde dps Feuer rasch weiterverbreitet. Die explodierenden Granaten der Marine- Vorräte, schlugen auf dem Grundstück des Munitionsdepots der Armee in Kisten mit Schießbaumwolle, die im Freien lagerten, ein. Infolge des Explosionsunglücks ist ein militärischer Kordon um ein Gebiet von 16 Ouadratmeilen gezogen worden, das als Gefahren- zoue betrachtet wird. Stanö der völkerbunöskrife. Brasilien, Panamerika, Spanien, Pole«.— Tie demokratische Lösung. Angesichts der währungspolitischen Bedrängnisse in Frankreich und Belgien, der mächtigen sozialen Auseinander- setzungen in England, der Verfassungskämpfe in Spanien und Polen und des Ringens um die Fürstenabfindung und die Wirtschaftsgestaltung in Deutschland war es feit Wochen still geworden über das internationale Zentralproblem, die Krise des Völkerbundes. Die Ratsfrage, die im März für die Politik von Locarno gefährlich ausbrach, war aus dem östentlichen Bewußtsein Europas geschwunden. Meldungen der letzten Tage lenken die Aufmerksamkeit hierauf wieder zurück. Aus Genf wurde bekannt, der brasilianische Präsident habe die Aufhebung der brasilianischen Botschaft beim Bölkerbunde angeordnet; Mello Franca seit mit der Ber» tretung Brasiliens auf der panamerikanischen Juristenkonferenz im Frühjahr 1927 beauftragt. Die anderen Meldungen be- trafen Spanien. Der spanische König benutze seinen Auf- enthalt in London, um nach dem Sieg über Abd-el-Krim die Einbeziehung des bisher international verwalteten Tanger in die spanische Zone zu erlangen, dafür wolle Spanien sich bei der Umgestaltung des Bölkerbundrates neutral verhalten. Der spanische Vorstoß sei jedoch in dieser wie in jener Hinsicht erfolglos geblieben. Die Abberufung Mello Francas kommt ein wenig über- raschend. Roch vor wenigen Tagen war er beim General- sekretär des Völkerbundes erschienen, nicht um sein Ab- berufungsschreiben, sondern um ein neues Mitglied der Bot- schaft mitzubringen, das er dem Wohlwollen Sir Eric Drum- monds empfahl. Jetzt �hat der eigenwillige Präsident Brasi- liens, Bernardes, nun doch die Konsequenz aus der Kündigung gezogen, die Anfang Juni erfolgte. Wie schon seit 1929 der zweitgrößte, beteiligt sich nun auch der größte südamerikanische Staat an den ArMten des Völkesbundees nicht mehr> obschon er vorläufig noch die Rechte und Pflichten eines Bundesmitglieds behält. Mit der Abreise Mello Francas entfällt jede Sorge, daß Brasilien im Herbst gegen Deutsch- lands Aufnahme Schwierigkeiten erheben könnte. Durch eine Verfassungsänderung, die im Juni Rechtskraft erlangte, wäre ein Einspruch diesmal zu überwinden gewesen, aber es wird den Ausgang der bevorstehenden Kämpfe auf jeden Fall erleichtern, wenn Brasilien keinen-Widerstand mehr leistet. Brasilien hatte gezögert, aus seiner Kündigung die Konse- quenzen zu ziehen. Daß es das jetzt tut, hängt mit politischen Borgängen auf dem amerikanischen Kontinent zusammen. In Panama tagte soeben der 37. panamerikanische Kongreß, jene seit 1889 jährlich unter dem VorsjK des Staatssekretärs der Vereinigten Staaten zusammentretende Konferenz aller latein- amerikanischen, in Washington beglaubigten Gesandten. Die Vereinigten Staaten haben sich seit mehreren Jahren bemüht, als Gegenstück gegen den Genfer einen panamerikani- schen Völkerbund zu schaffen. Aus Sorge vor der militärischen und wirtschaftlichen. Uebermacht der Großmacht im Norden hatten die südamerikanischen Staaten sich stets nur zu platonischen Resolutionen bekannt; nur eine Postunion im Rahmen des Weltpostvereins wurde unter Harding geschlossen. Jetzt ist der Gedanke eines festen und dauernden panamerika- nifchen Völkerbundes einen wirklichen Schritt vorwärts fie- kommen. Alle panamerikanischen Staaten haben sich grund- sätzlich bereit erklärt, ihn zu schaffen. Im nächsten Frühjahr wird eine Konferenz stattfinden, eine Art panamerikanische Jnternationalversammlung, die seine Verfassung ausarbeiten soll.. Da Brasilien es als südamerikanische Vormacht erreichte, daß diese Konferenz in seiner Hauptstadt stattfindet, fühlt es sich nun stark genug, um des Rückhaltes an dem europäischen Völkerbund nicht mehr zu bedürfen. Brasilien verläßt den Völkerbund durch die Tür, die sich für Deutschland auftut. Je mehr die Beteiligung außereuropäischer Staaten an der Genfer Bundesorganisation sich vermindert, um so wich- tiger wird das Verhalten jedes europäischen Ratsmitgliedes. Spaniens Haltung bleibt nach wie vor unklar. Zwar wird es gegen einen ständigen Ratssitz für Deutschland keinen Einspruch erheben. Die Verjassungsänderung des Juni be- wahrt es vor dieser Versuchung, und keinerlei Anzeichen sind dafür vorhanden, daß es im September ein an Deutschland einmal gegebenes Wort nicht ebenso wie im März einlösen wird. Dennoch ist nicht zu erkennen, welche Folgerungen Spanien daraus zu ziehen gedenkt, wenn es mit seinem An- spruch auf Zuteilung eines ständigen Ratssitzes nicht durch- dringt. Immerhin hält es nicht mehr hartnäckig an ihm fest. Es sucht ihn schon gegen reale Konzessionen— die neuesten Meldungen sprechen von einer Ueberlassung des international verwalteten Tanger an Spanien— zu verkaufen. Aber England hat auf seinen Einfluß auf das Gibraltar gegenüberliegende Tanger nicht verzichten, Frank- reich hat ebenfalls keine Konzessionen machen wollen, außerdem beansprucht Italien, an der Verwaltung Tangers wie die anderen Mächte maßgebend beteiligt zu sein. War also der Vorstoß Spaniens in dieser Hinficht erfolglos, so wird die neueste diplomatische Wendung Panguas, des spanischen Außenministers, eines jüngeren Völkerrechtsgelehrten, ver- ständlich. Er ließ durch Havas am Donnerstag erklären, Spanien liege an dem ständigen Ratssitz nur, so lange ihn andere besitzen. Grundsätzlich kämpfe es für die Gleichheit aller Ratsmitglieder, keines solle ein Privileg haben, alle von der Völkerbundsversammlung gewählt werden. Das besagt zwar noch nichts darüber, wie weit Spanien gehen wird, um diese— zuerst von der sozialistischen Internationale vorge- schlagene— Poluik durchzusetzen. Es deutet jedoch darauf hin, daß Spanien nicht beabsichtigt, sich von Brasilien ins Schlepp- tau nehmen zu lassen. In der Zwischenzeit hat sich auch seine Lage insofern erleichtert, als die Studienkommission für die Ratsfrage die Schaffung einer mittleren Art von Ratsmit- gliedern empfohlen hat. Zwischen den ständigen und den nicht- ständigen, dem Turnus unterworfenen, zunächst also nicht wicderwählbaren Ratsmitgliedern sollte ein Mittelglied ein- geschoben werden: Ratsmächte, die ständig wieder wählbar sein sollen. Dieser auf Spanien(und übrigens auch auf Polen) gemünzte Vorschlag würde in Berbindung mit der Ver- mehrung der Wahlmitglieder von sechs auf neun bewirken, daß die weder zu den Großstaaten noch zu den Kleinstaaten zu rechnenden M i t t e l st a a t e n zwar nicht als ständige Ratsmitglieder, aber doch st ä n dig-d e m Rat angehören könnten. Würde dieser Vorschlag rechtskräftig, so könnte er Svaniens Verzicht auf den ständigen Ratssitz erleichtern. Auf jeden Fall aber sollte die deutsche Regierung jede Gelegenheit benutzen, um erkennen zu lassen, wie sehr sie im Interesse der intexnationalen Zusammenarbeit Europas es bedauern würde, wenn Spanien dem Bundee nicht seine Mit-rbeit erhalten wollte. Angesichts der Entwicklung, die die Haltung der beiden lateinischen Mächte genommen hat, stellt aber ein anderes Land einen weit unsicheren Faktor dar. Polen gehört zwar nicht dem Rat« an. und es�kann gegen die Zuteilung eines ständigen Ratssitzes an Deutschland formal nur in der Voll- Versammlung Einspruch erheben, wo es in hoffnungsloser Minderheit bleiben würde. Dennoch hätte für die Zukunft Europas ein Austritt Polens aus dem Völkerbunde noch ernstere Folgen als der Spaniens. Schon Skrzynski stieß nach der Heimkehr aus Locarno in Warschau auf heftige Oppo- sition, als er keinen ständigen Ratssitz für Polen mitbrachte. Zwar ist auch hier die Lage durch den Vorschlag erleichtert, die Wiederwählbarkeit der Ratsmitglieder dauernd einzu- führen und ihre Zahl zu erhöhen. Dennoch ist nicht abzusehen, zu welchen Maßnahmen die neuen Machthaber Polens greifen werden, um sich außenpolitische Erfolge zu verschaffen. Auf jeden Fall werden sie alle diplomatischen Register spielen lassen, um die Erhebung Polens in die Aristokratie der Groß- mächte durchzusetzen. Auch für den September droht eine Krisis des Völkerbundes. Sie wird sich schon in den nächsten Wochen vorbereiten und erfordert schon jetzt die wachsame Aufmerksamkeit. Die Völkerbundskrise entspringt überall aus derselben Ursache. Sie liegt darin, daß in Versailles die Großmächte das Privileg der ständigen Ratssitze durchgesetzt haben. Die Verzögerung des deutschen Eintrittes in den Völkerbund, die Vertagung der deutschen Aufnahme im März, das Ausscheiden Brasiliens im Juni, die drohenden Kämpfe im September— sie alle stammen daher, daß der demokratische Grundsatz der Gleichbeit bei der Gründung des Völkerbundes verletzt wurde. Statt dieses Privileg abzubauen, bemüht man sich auf allen möglichen Seiten, seiner ebenfalls teilhaftig zu werden. So gewinnen die Züricher Beschlüsse der Internationale vom 12. April unmittelbar praktische Bedeutung. Sic forderte damals, daß„die demokratischeTendenz im Völkerbund stärker zur Geltung gelange, daß insbesondere die Vollversammlung in Zukunft nicht i�ehr dem Rat unter- geordnet wird und die Ratssitze durchweg durch Wahlen besetzt werden". Die Internationale erkannte: Die Krisis des Völkerbundes kann nichi gelöst werden dadurch, daß die Oligarchie einer kleinen Staatengruppe anerkannt wird und ibre Vorrechte von anderen Staaten erstrebt werden. Die Krise des Völkerbundes kann nur dadurch gelöst werden, daß man die Privilegien der Oligarchie abschafft. Die Reform des Völkerbundes im demokratischen Sinne ist der einzige Weg, der aus seiner Krisis herausführt. Abschluß des INarokkoabkommens. Nach einer amtlichen Mit- teilung ist das franko-spanische Maroktoabkommen von den Dele- gierten der beiden Regierungen paraphiert worden. Gemeinöewahlen im Saargebiet. Verstärkung der �lügclparteien als Ffolge der Inflation. Saarbrücken. 12. Juli.(Eigener Hxahtbericht.) Bei einer Wahl- leteiligung von kaum 50 Proz. in der Großstadt Saarbrücken und dagegen einer auf dem Lande fast 80 Proz. erreichenden Wahlbeteiligung bei den am Sonntag stattgcsundenen Gemeinde- rats- und Kreistagswahlen im ganzen Saargebiet ergab sich als Folge der Frankcninflation eine Stärkung der extremen Flügelparteien, die den Kommunisten einen auch zahlenmäßig bedeutsamen und den Deutsch nationalen einen dagegen nur relativ zu bewertenden Erfolg brachten. Indessen erfolgte die Ab- Wanderung nach ganz links und ganz rechts lediglich auf Kosten der sogenannten bürgerlichen Mitkelparleien: des Zentrums und der Vollspartei, während die Sozialdemokraten nicht nur ihre Mandatsziffer zu behaupten wußten, sondern in verschiedenen Orten Stimmen- und Mandatszuwachs verbuchen konnten. Der Ruck nach links, den auch schon die Wahlen zum Saarländischen Landesrat 1924 aufwiesen, hat sich seitdem noch verstärkt. Die Sozialdemokraten vermochten nicht nur in Gemeinden, in denen sie seit der Revolution eine sozialistische Mehrheit hatten, ihre Mandatsziffer restlos zu behaupten, sondern in einer ganzen Reihe von Gemeinden wurden Linksmehrheitcn gewonnen, die entweder aus Sozialdemo- traten und Kommunisten oder aus Sozialdemokraten, Kommunisten und Demotraten oder aus den beiden proletarischen Parteien unter Hinzuziehung einer sogenannten Arbeiterliste gebildet wurden. Das Ergebnis der Ttadi Saarbrücken ist folgendes: Sozialdemokraten 1Z(bisher 13), Kommnisten 8(4), Zentrum 17(19), Saarländische Dolkspartei 8(14), Demokraten 2 (2), Wirtschaftspartei 6(5), Deutschnationale 6(3). Kreis Saarbrücken-Land: Sozialdemokraten 9(9), Kommunisten 8(5), Zentrum 13(17). Saar- län�ische Volkspartei 5(8), Wirtschaftspartei 1(0). Kreis Ltttveiler: Sozialdemokraten 7(8), Kommunisten 5(3), Zentrum 16(16), Saar- ländische Volkspartei 2(2), Demokraten 1(3), Wirtschaftspartei 2(2), Wirtschaftspartei 2(2). Ueber ein Mandat muß noch das Los ent- scheiden. Kreis Saarlouis: Sozialdemokraten 4(7), Kommunisten 5(3), Zentrum 16(20), Saar- ländischc Volkspartei 5(1), Wirtschaftspartei 2(2), Sonderlistc 1(0). Kreis St. ZJJendel(Saar): Sozialdemokralen 3(4), Arbeitcrliste(freie Gewerkschaften) S'(0), Kommunisten 1(0), Zentrum 11(14). Kreis Mcrzig: Sozialdemokraten 5(5), Zentrum 10(12), Sondergruppe 7(5). Bezirk St. Ingbert: Sozialdemokralen 5(4), Kommunisten 2(0), Zentrum 14(18), Saar- ländische Volkspartei 3(0), Wirtschaftspartei 1(0). Bezirk Homburg: Sozialdemokralen 6(6), Zentrum 9(10), Saarländische Volkspartei 4(6), Sondergruppe 4, Deutschnationale 1(0). Kommunistische Bruderliebe. Prügeleien wegen der Maslowdemonstration. In der Delegiertenversammlung des 6. Bezirks der KPD., die Sonntag in den Blüchersälen stattfand, entstanden bei der Aussprache des Falles M a s l o w, als die gemäßigten Elemente den Bericht des„Vorwärts"(Nr. 322) verlasen und in der Geschästserdnungsdebatte nicht zu Worte kommen sollten, Differenzen, die sich nach halbstündigem Durcheinander in Prügeleien zwischen Radikalen und Gemäßigten im Saale und auf den Treppcnfluren abwickelten.> Zlls der Versammlungsleiter sich nicht durchsetzen konnte, wurde die Versammlung vorzeitig geschlossen. Revierpolizet, die von Hausbewohnern geholt wurde. brauchte nicht mehr einzugreifen. Die„Rote Fahne" schweigt die Maslow-Demonstration tot. � Reichsbannertag in düstelöorf. Kundgebung für die Republik. Düsseldorf. 11. Juli.(Eigener Drathbericht.) Das Reichs, banner Schwarz-Rot-Gold hatte am Senntag in Düssel- darf anläßlich seiner Gautagung zu einer Kundgebung für die Republik aufgerufen, die großen und nachhaltigen Eindruck hinterließ und die sich sehr vorteilhaft von dem Stahlhclmrummel, den Düsseldorf Pfingsten sah, unterschied. Die bei der Demonstration gezeigte Ordnung und Disziplin wirkte gegenüber den Veranstaltungen der Vaterländischen Verbände sehr vorteilhaft. Die Beteiligung an dem Umzüge durch die Stadt war außerordenllich stark. Er zählte 10000 bis 13000 Teilnehmer. Außerdem waren aus den rheinischen Orten viele tausend andere nach Düsseldorf zusamnien- geströmt, die demonstratio republikanische Abzeichen trugen. Die Bevölkerung, die Pfingsten bei den, Ausmarsch der aus ganz. Deutsch- land nach Düsseldorf transportierten Stahlhclmleuts sehr kühl und reserviert blieb, jubelte diesmal den marschierenden Reichsbanner, trupps begeistert zu. Als Vertreter des schwer erkrankten Bundes» Präsidenten Hörsing sprach Bundestassierer Krahne- Magdeburg. Am Nachmittag vereinigten sich die auswärtigen Teilnehmer des Re- publikanischen Tages zum Besuche der Gesolei. Zu Zwischenfällen ist es nirgends gekommen. ltaillaux verhandelt in London. Ein äußerer Erfolg für feine inneren �inanzmaflnahmen nötig. Paris, 12. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Mit der heutigen Reise Eaillaux' nach London wird die legt« Phase der seit Mitte 1925 geführten Schuldenoerhandlungen in Eng- land angeschnitten, und wenn es nach dem Wunsche der politischen Kreise von Paris geht, rasch abgeschlossen werden. Der Erfolg der Londoner Reise wird beinahe ausschließlich den weiteren Erfolg bedingen, den Eaillaux mit seinen Finanzentwürsen und seinen Vollmachtsgesetzen im Laufe dieser Woche vor der Kammer davonzutragen hofft. Eaillaux wird um so mehr eines äußeren Erfolges bedürfen, als die Abneigung besonders gegen die Vollmachtsgesetze in der Kammer ziemlich allgemein ist und es nur einer geringen Stimmenverschiebung bedarf, um die Existenz der Regierung in Frage zu stellen. Der Finanzminister läßt denn auch vorsichtig verbreiten, er wünsche keinerlei„dik, tatorische" Vollmachten und seine Absichten seien be- deutend harmloser als diejenigen Poincares im Jahre 1924. Er erstrebe nur die Handlungsfreiheit zur Vornahme von Ver- waltungsmaßnahmen zu Vereinfachungen auf fiskalischem und ver- waltungstechnischem Gebiet in einem in dem Dollmachtsgesetz ge- nau umgrenzten Rahmen. London will Entgegenkommen zeigen. London. 12. Juli.(MTB.)„Times" sagt in einem Leitartikel zu Eaillaux' heutigem Besuch: Da in England der lebhafte Wunsch besteht, die Regelung der französischen finanziellen Lasten zu er- leichtern, und zwar sowohl aus Gründen der Sympathie und des eigenen Interesses, wie aus Gründen hoher Politik und des Handels, ist es so gut wie sicher, daß Eaillaux seinZiel erreichen wird, wenn er nicht geradezu unvernünftige Vor» schlage machen sollte, was nicht wahrscheinlich ist, da er in der Kammerdebalte wiederum bewiesen hat, daß er Naren Blick für Realitäten hat. Neue Zrankenpanik. An der heuligen Berliner Börse erregle der neue starke Bück- gang des belgischen Aranken großes Aufsehen. Man zahlte für ein Pfund Sterling nicht weniger als 227 belgische A r a n k e n. Auch der französische Aranken ist in Mitleidenschast gezogen.- er notierte gegen das Pfund 192 Z-, nachdem dieses vorher ISS französische Aranken gekostet hatte. der rote Kommiß. Von Hermann Schützinger. Als die erste Welle der RSvolution über uns hinweggebraust war und die feudalen Kavaliere der vornehmen Münchener Regimenter ganz klein im Mausloch saßen, kam jede Woche«in alter Freund zu mir in diö Provinzgarnison herausgefahren, um der „Volkswehr" des sozialistischen Militärministers seine guten Dienste anzubieten. Ich Hab ee bis jetzt keinem der nunmehr im bayerischen Heimat- und Königsbund paradierenden Herren krumm genommen; denn nach einem arbeitsreichen Leben beim„Kommiß" schmeckt der Zigarrenhandcl und das Versichcrungsgeschäft herzlich schlecht. Eines Tages kam einer unserer wildesten„Exerzicrer" zu mir: „Du, Schüßlngcr, hör mal, du bist doch bei der„Raten Armee"? „I wo! Wir' sind„republikanische Schutztruppe" und fechten lediglich für die Republik!" „Ach was, ist ja ganz egal! Ob kommunistisch oder sozialistisch! Ihr habt doch wenigstens noch einen Beruf!" „Bis auf weiteres ja." „Na also. Hast du nichts für mich?" „Ja, wie stellst du dich denn zur Republik?" „Mir wurscht! Weiht du, ich möchte bloß wieder einmal die Kerle rumschwanzen können, daß ihnen die Aersche tropfen! Alle« andere ist mir ganz egal!" Dieses Bekenntnis einer schönen Seele, eines kreuzbraven, un- verdorbenen Menschen, der nur eines kannte, sein Metier, ist mir seitdem im Gedächtnis hängen geblieben, dieser Sehnsuchtsschrei einer zwangsweise zum Zivilisten degradierten Soldatennatur: „Nur einmal noch, nur einmal im Leben fest rumschwanzen", als Gipfel der Seligkeit! Jüngst hat mir der Bericht eines Hugenberg-Korrespondenten aus Moskau unter dem plastischen Titel„Das rote Schwert" dieses Erlebnis wieder ins Gedächtnis zurückgerufen. Ein braver Lands- knccht sieht sich durch die Not der Zeit gezwungen, seinen bunten Rock an den Nagel zu hängen und als Sonderberichterstatter des . Herrn Hugenbcrg fein Brot zu verdienen und wählt sich unter Be- rücksichtipiing der militärfrommen Gemüter der Leser des„Lokal- Anzeiger" und des„Tag" als Angriffsziel ausgerechnet die rote Armee. Zunächst ein kleines Plädoyer zwischen den Zeilen für den Nationalbolschewismus und die große Bedeutung der russischen Armee, die nebe» dem französischen Feldheer das einzige wirkliche „Kriegsinstrument" Europas sei; eine llnterschätzung ihrer Schlag- kraft könne sich an Europa noch einmal bitter rächen. Dabei hat sich der deutschnationale Rußlandsahrer mit dem- selben Augenzwinkern, das den Herren Ehrhardt und Oberst Bauer eine besonders gute Behandlung durch die Moskowiter sicherte, einen richtiggehenden„roten" Betaillonskommandeur als Führer besorgt und sich dadurch Einblick in die tiefsten seelischen Geheimnisse-de, Räteheeres verschafft. Dieser rote Bataillonskommandeur ist trotz seines Gesinnungsfehlers für den Korrespondenten ein„famoser Sgldatentyp". Er hat den ganzen Weltkrieg von Tannenberg bis zum Ende mitgemacht und„sich dann an allen Ecken Rußlands mit den weiße» Generalen herumgeschlagen, ein richtiger Landsknecht. dem die ganze Politik höchst gleichgültig zu sein schien". Das„gleiche Empsinden" hat der schwarzweißrote Berichterstatter übrigens bei „fast allen Offizieren und Soldaten" gehabt. Er nimmt ihnen den Dienst unter der roten Fahne gar nicht krumm: denn erstens sieht die Sache ja sehr nett und flott aus und zweitens ist ein grob- schlächtiger Kommunist jedem deutschen Mann doch nicht so in der Seele zuwider wie ein knochenerweichtcr Pazifist! Und nun rollt der Film von der herrlichen Roten Armee über Hugenbergs Druckpapier: feldbraune Blusen und Wasfenröcke mit farbigen Kragenspiegeln, Brustrabatten, die dunkelblauen, elegant geschnittenen„Frenchs" der Flieger, die farbigen Mützen der G.-P.- U.-Truppen, die nationale lange, Tscherkeßkaja der kaukasischen Reiter! Dann die große Parade am„Roten Platz"! Einsach herrlich! 30 000 Mann stehen in der Front und„alte Feldsoldaten mit militärisch geschultem Blick" bestätigen, was für ein„überaus glanzvolles, kriegerisches Schauspiel" das gewesen ist! Dann diese Kriegsindustrie! Geschütze, Gewehre und Munition aller Kaliber er- zeugt man in Massen, in Tag- und Nachtschicht, als„stände der Krieg vor der Tür", ein« für Ossizlersaspiranten und Granaten- fabrikanten geradezu herrliche Zeit! Dann: Disziplin herrscht bei dieser Truppe, eine geradezu blendende Disziplin! Für Vergehen, für die man bei uns höchstens ein paar Tage ins Loch gekommen wäre, kriegt man da drüben Zwangsarbeit, Verschickung nach Sibirien und„nicht gerade selten" wird gehenkt! Außer Dienst braucht man die Offiziere zwar nicht zu grüßen: die„Bauernjungs", die im Dienst gerade wie früher die Knochen zusammenreißen müssen, singern jedoch zum Entzücken des Lokalanzeigermannes, wie er mit seinem roten Kommandanten die Kasernenstube betritt, an ihrer Hosennaht hemm Sie„hätten viel lieber salutiert": vor ihrem Major und dem flotten Zivilisten von Hugenbergs„Tag"! Im übrigen sei es ganz wurscht, ob man seinen Vorgesetzten„Herr Rtajor" anredet oder„Genosse Bataillonskommandeur" zu ihm sagt. Die Hauptsache ist:„Es wird tüchtig gebimst. Auf den Kasernen- Höfen dröhnen die Gewehrgriffe, klavpt taktmäßiq der Ein.zelmarsch zum rauhen Schnauzen der Korporäle wie in Preußen des Alten Fritzen". Wie sagt doch mein Freund von Anno dazumal:„Nur einmal im Leben die Kerl« xumgeschwanzt!" Jorüs Silanz. 4 Milliarden Mark Mehrwertakkumulotion in 23 Zahren. Der Automobiltönig präsentiert sein« Schlußbilanz für 1925. Seine Bureaumaschine arbeitet nicht ganz so geschwind wie das rollende Band und ihre Produkte haben für ihn schließlich nur inso- fern Bedeutung, als sie sich in dem stolzen Anspruch zusammen- fassen lassen, der reich st« Mann der Welt zu sein. Die Aktiven der Ford-Motor-Eompany stehen heute vorsichtig bewertet mit 742 914 000 Dollar zu Buche, ihre Passiven sind relativ unbedeutend, so daß das Reinoermögen von der Bilanz mit 622 367 000 Dollar ausgewiesen wird, die größte in einem Privotunternehmen akkumu- lierte Kapitalmasse seit dem Bestehen der kapitalistischen Wirtschaft. Dabei stellt diese ungeheure Kapitalakkumulation reinen Mehrwert dar, der in verhältnismäßig kurzer Zeit im Fordschen Unternehmen selbst aufgehäuft wurde: Ford fing im Jahre 1903 seine Automobil- werkstättc mit 28 000 Dollar an und hat nie einen Pfennig fremden Kapitals aufgenommen. Um einen Begriff von den Dimensionen dieser in der Hand eines einzigen Kapitalisten vereinigten Kapitalmacht zu geben, sei bemerkt, daß der allbeherrschendc amerikanische Stahltrust— die United States Steel Company— nur über eine Kapitalkonzen. tration von 521863 000 Dollar verfügt, also über glatte 100 Mit» lionen Dollar weniger als der Automobilproduzent. Fords Kapitalbesitz zerfällt in 172 645 Aktien, die alle in den Händen Fords, seiner Frau und seines Sohnes sind. Wallstreet Ichätzt den Wert der«in.zelnen Ford-Aktie auf 6000 Dollar. W«nn man diese Notierung eines ungehandelten Papiers mit der Zahl der Aktien multipliziert, kommt man auf einen Kapitalwert von 1 035 870 000 Dollar, das find mehr als vier Milliarden G o l d m o r k. Diese Ziffer übersteigt Fords Bilanzausweis um doch werden wir mit ihr der Wirklichkeit näher kommen, wenn wir bedenken, daß der Wert eines Unternehmens auf dem Kapitalmarkts nach seiner privatwirtschastlichen Rentabilität berechnet ist. Ford gibt nun zwar keine Gewinn- und Verlustrechnung, er hat es sozu- sagen„nicht nötig", aber sein letztjähriger Profit geht aus der Ver- mögensaufftellung eindeutig hervor. Er fetzt sich zusammen aus: Vermögenszuwachs...... 79 891 000 Dollar Dividenden......... 14 670 000„ Unnötige Abschreibungen.... 20 517 000 115 078 000 Dollar Somit entfallen auf die einzelne Aktie 667 Dollar Iahresge- winn, was unter Zugrundelegung einer fetten 10 pro-entigcn Dividende ihr einen Wert von 6000 Dollar oerleiht, und somit die Schätzung der Gcldriecher in Wallstreet vollauf rechtfertigt. Dieser Profit von 115 Millionen Dollar entstammt einer Pro- duktion von über zwei Million en Wagen, so daß Ford also am einzelnen Stück genau berechnet, sich mit einem Reinoerdienst von 55 Dollar begnügt. Wieviel oerdient am einzelnen Stück die bequeme deutsche Auto. mobilindustrie, die sich immer noch unter einem unverdienten Hoch- schutzzoll sonnt? Aullballspiel und heldenmission. Bei einem Bortrag In Io- hannisburg berichtete der holländische Anthropologe G. Deubring über die Eindrücke, die er bei einer Fußwanderung durch die afri- konischen Missionsstationen von Marokko bis Kapstadt gesammelt hatte. Am meisten war ihm aufgefallen, daß die Eingeborenen nicht das geringste Verständnis für die Unterschiede der zahlreichen christ- lichen Konfessionen hatten. Drastisch zeigte sich dies in einem Doris im Nyasialand: bei einem Fußballspiel war die protestantische Mannschaft von der katholischen g�chlagen worden. Daraus kamen in der nächsten Woche l)underle von Nyassaleuten zum katholischen Missionar und erklärten ihren Uebertritt. Openinachwuch» Von der Opernsibule der Staatlichen Hochlchul« für Musik zu Berlin ist auch in dielcm Semester wieder eine grihere Zahl von Schülern an deutsche Lpernbübnen verpflichtet worden. ArZuiein Margarete P-rraZ, eine junge Künstlerin von 22 Jahren, iit vom Generalmusikdirektor Bruno Walter an die Städtische Over zu Berlin bcruicn wolden. Frau Ellen Hamburger gebt nach der Städttlchen Over in Magdeburg. Fräulein Clara?l utenrieth nach Würzburg. Fräulein Annemarie Kühl nach Mainz. Frau Jacob» P o h l a n d nach Leipzig, Frau Ingrid Bredeck nach Rostock und Fräulein GerdaHeuer nach Halbcrstadt. Ein Unglückstag auf öer Mvusbahn. Zwei Tote, nenn Verletzte beim Ausfahren des„Großen Preises". Tas große Internationale Automobilren- n c n um den„G rosten Preis von Teutschlan b", das gestern auf der Avusbahu im Grunewald aus- gefahren wurde, war alles andere als eine Propaganda für den Automobilismus in Teutschland. Nachdem bereits die letzten Trainingsfahrten 2 Lpfer gefordert hatten, hätte man annehmen müssen, dast Fahrer und Renn- leitung für das eigentliche Rennen mit um fo größerer Vorsicht technische und organisatorische Vorbereitungen getroffen haben werden. Tas scheint nicht der Fall gc- Wesen zu sein. Tos nicht erwartete Resultat des gestrigen Renntages, der unter starkemAnsturm desPubli- kums vor sich ging, waren zwei Tote und neun Verletzte. Die Vorgänge auf öer Sahn. Die Autorennen nahmen progrannnäßig um 2 Uhr nachnzittags bei schönem Wetter ihren Anfang. Ein heftiger Gewitterregen gegen �3 Uhr machte die zementierte Bahn jedoch äußerst glatt, so daß die Rennwagen bei ihrer außerordentlich hohen Geschwindigkeit wiederholt ins Schleudern gerieten. Kurz nach 3 Uhr, in un- mittelbarer Nähe der Pressetribüne, vor der Tribüne L er- eignete sich dann der erste schwere Unfall. Der Mercedesfahrcr Adolf Rosenberger aus Pforzheim kam kurz vor Beendigung der siebenten Runde, etwa 100 Meter vor der Ziellinie, als er mit etwa 110 bis ISO Kilometer Geschwindigkeit fuhr, ins Schleudern und verlor die Gewalt über seinen Wagen. Dieser drehte sich mehr- mals und prallte mit dem Hinteren Teil gegen die dort stehende Zeiltafel Rr. 4. Einige Helfer, die dort beschäftigt waren,— teils Arbeitslose, teils Studenten— wurden hierbei von Holz- und Eisen- teilen getroffen und erheblich oerletzt. Der ZSjährige Student Wilhelm Kolbe, Planuser 21, wurde von einem Eisenleil so schwer am Kops getroffen, daß der Tod wenige Riinuten später eintrat. Die Leiche wurde nach dem Schauhaus Charlottenburg gebracht. Weiterhin wurde der Student Kleinjorge schwer verletzt. Er wurde nach dem Westender Krankenhaus transportiert. Der dritte Verletzt«, der be- schäftigungslose Maler Gustav Rosenow wurde mit schweren Bein- Verletzungen in das Lichterfelder Krankenhaus eingeliefert, wo er heute vormittag nach der Amputation beider Beine oerstarb. Zwei weitere Helfer, die sich in unmittelbarer Nähe der Unglücksstelle be- fanden, blieben glücklicherweise unverletzt. Der Fahrer Rosen- b e r g e r erlitt nur unerhebliche Verletzungen und konnte nach Be- Handlung im Lichterselder Krankenhaus entlassen werden. Der Mit- jahrer Sebastian wurde nach Westend überführt. Kurze Zeit darauf ereignet« sich in der Rordkurve ein zweiler Unfall. Der Fahrer Hugo Emmerich aus Prag, der einen Talbot- Wagen fuhr, verlor in der Kurve gleichfalls die Gewalt über seinen wogen, fuhr die Böschung hinauf und durchbrach den Drahtzaun. Der wagen stürzte in die Zuschauermenge. Glücklicherweise wurden nur drei Personen erheblich aber nicht lebensgefährlich verletzt. Es sind dies der Polizeiunterwachtmeister Grätz von der 1. Bereitschaft Zentrum, der Photograph Wilhelm Bremer, Planufer 19 und die Kontoristin Charlotte Dietrich, Gropiusstraß« 3. Sie trugen Kopf- und Fußverletzungen davon und wurden in ein Krankenhaus überführt. Ein dritter Unfall trug sich etwa bis 3 Kilometer vor der Südschleife zu. Di« Pariser Rennfahrer Billian Chafsagne und Raymond Rio et, gleichfalls auf einem Talbot-Rennwagen, kamen aus bisher noch unbekannter Ursache ins Schleudern und fuhren gegen die Böschung. Beide Fahrer wurden verletzt und Rivet mußt« in das Lichterfelder Krankenhaus überführt werden. Noch ein vierter Unfall ereignet« sich. Der Rennwagen Nr. 26 mit dem Fahrer M e d« r e r aus Wilmersdorf aus Pluto kam in der Nähe der Tribünen unmittelbar vor dem Ersatzteillager ins Schleu- dcrn. Er fuhr auf die Rasenfläche und prallte gegen einen wagen. der mit drei Personen der Rennleitung besetzt war. Beide Wagen wurden erheblich beschädigt. Mederer wurde die Oberlipp« gespalten, während sein Mitfahrer Hentfchel nur unerhebliche Verletzungen er- litt. Trotz der vielen Unfälle gelangten dennoch sämtliche Rennen zur Abwicklung. Trotz öer Unfälle wirö weiter gefahren. Vom Städtischen Rettungsamt werden wir darauf aufmerksam gemachl. daß von der Rennleitung schwere Fehler ge- mach: worden sind. Auf der ganzen Bahn befanden sich nur zwei Krankenwagen von einer Prioatsirma, und zwar war einer am Nord-, der andere am Südousgang postiert. Es ist als u n v e r- a n t w o r t l i ch zu bezeichnen, daß sich die Leitung nicht vor dem Renner- mit dem Rethingsamt in Verbindung gesetzt h n r Trotz alledem fuhr der Leiter des Rettungsamts, Dr. Paul F r a n ck, auf eigene Initiative mit einem großen Krankenwagen zur Avus hinaus, um im gegebenen Falle sofort eingreifen zu können. Der Abtransport der verunglückten war lall unmöglich, weil die Rennwagen in fall durchweg 150 klm. Geschwindigkeit über die Bahn gingen. So kam es, daß an der Innenseite der Bahn die Krankenwagen mit den Verletzten fuhren, während nur wenige Meter davon Rennwagen mit 160-Kilometer- Geschwindigkeit vorbeisausten. Auch sür Sanitäter, die Verletzte hätten über die Bahn tragen wollen, bestand allergrößte Gefahr, von einem der herankommenden Wagen erfaßt zu werden. Die gröstle Fahrlässigkeit der Rennleitung besteht darin, daß die Rennen nicht sofort abgestoppt wurden. Es stellte sich weiterhin als Fehler heraus, daß außer dem Nord- und Südausgang keine weite- ren Notausgänge bestehen. Es ist unbedingt notwendig, daß in Zukunft die maßgeblichen Stellen, in diesem Falle das Rettung-- amt, zur Stellung von Krankenwagen aufgefordert werden. Für die zweimal 10 Kilometer lange Strecke hätten wenigstens zehn Krankenwagen zur Stell« sein müssen. Von anderer Seite wird noch die ungünstige Aufstellung der Tafeln bemängelt, da sie viel zu dicht an der Bahn stehen. Eine veraltete Sahn.- Nur zu bald hat sich herausgestellt, daß die so modern scheinende Anlage der Automobil-Uebungsstraße im Grunewald bereits veraltet ist. Fachkundige betonen, daß die Straße mit ihren 8 Metern viel zu schmal für die neue st en Rennwagen ist. Die kollosal gestiegene GeschwindiAteit der Rennwagen erfordert als Mindestes eine Verdopplung der letzigen Breite. Dazu kommt, daß das gewellte Niveau der Fahrbahn und sonstige schwache Un- ebenheiten wohl sür ein Tempo bis zu 100 Kilometer Geschwindigkeit in der Stunde ausreichten, jetzt aber, wo man mit Rennwagen bis zu 170 Kilometer erreicht, bedeutende Gefahren bringen. Die Wagen springen bei der rasenden Geschwindigkeit unrerhöltnis- mäßig in die Hohe, wodurch der Wagen selbst, dann aber auch der Motor und die Fahrer sehr in Mitleidenschaft gezogen werden. Man erkennt jetzt auch, daß zwischen der eigentlichen Fahrbahn und den Baulichkeiten unbedingt ein Schutzstreifen vorhanden sein muß. Auf der Avus sind die Zuschaucrtribünen, die Zeittafeln und die Rennleitungshäuschen hart an die Fahrbahn herangsbaut, sodaß ein Ausgleiten der Fahrzeuge die schwersten Katastrophen herbeiführen kann. Das gestrige Unglück wäre noch viel katastrophaler geworden, wenn die Wagen etwa an den gefüllten Zuschauertribünen ins Gleiten gekommen wären. Es ist vielleicht zeitgemäß, daran zu er- innern, daß sich auf einer Radrennbahn in Berlin vor vielen Jahren ein entsetzlicher Unfall dadurch ereignet hat, daß ein Schrittmacher mit seinem Fahrer zu hoch in die Kurve ging und mehrere Personen tötete. Wenn die Avus nichts schnellstens umgebaut wird, oder sonst für Abhilfe gesorgt wird, kann kein Mensch eine Garantie dafür übernehmen, daß bei einem der nächsten Rennen, nicht ähnliche Unglücksfälle eintreten. Merceöes Sieger. Das Endergebnis des„Großen Preises von Deutschland" ergab für die deutsche Automobilindustrie einen Ersolg. Die Firma Mercedes belegte im Gesamttlassement sehr sicher den ersten Platz und auch der zweite Platz wäre ihr noch zugejallen, wenn nicht Rosenberger von seinem Unfall betroffen worden wäre. Aber trotzdem verblieb der zweite Platz der deutschen Industrie. Christian Riecken auf NAG. folgte, den Frankfurter Cleer auf Alfa-Romeo hinter sich lossend. Das Gesamtergebnis stellte sich wie folgt: 1. Carracciola-Dresden(Mercedes) 136,1 Stkm., 2. Chri- stian Riecken- Berlin(NAG.) 132,5 Stkm., 3. Cleer- Frankfurt a. M.(Alfa-Ronteo) 130,6 Stkm. In der Klasse der schwersten Wagen siegte.Christian Riecken(NAG.) vor Cleer-Frankfurt a. M. (Alfa-Romeo) und Feldmann-Berlin(Hansa). In der mittleren Klasse vermochte der Pariser Clause auf Bitznau den zweiten Platz hinter Carracciola zu belegen. O. M. Super Sport erzielte mit Prinz zu Schaumburg-Lippe den dritten Platz. Einen ungeahnten Erfolg fuhr NEU. in der kleinsten Klass« für Pch heraus mit seinen Fahrern Klöble-Neckarsulm, Scholl-Neckarsulm und Jßlinger-Mann- heim. Die einzelnen Ergebnisse waren hier: Klasse I: 1. Christian Riecken-Berlin(NAG.) 132,6 Stkm., 2. Cleer-Frankfurt a. M.(Alfa- Romeo) 130,5 Stkni., 3. Feldmann-Berlin(Hansa) 115,5 Stkm. Klasse II: 1. Carracciola-Dresden(Mercedes) 135,1 Srkm,, 2. Clause- Paris(Bitznau) 129,1 Stkm., 3. Prinz von Schaumburg-Lippe-Berlin (O. M. Super Sport) 125,5 Stkm. Klasse III; 1. Klöble-Neckarsulm(NSU.) 125,8 Stkm., 2. Scholl-Neckarsulm(NSU.) 122,8 Stkm., 3. Jßlinger-Mannheim(NSU.) 121,4 Stkm. Unfälle im Wasser. Die täglichen Vadeunfälle. Im Freibad A d l e r s h o f ertrank am Sonntag nachmittag der 18jährig« Schlosserlehrling Bruno Preuß aus der Cotl>eniusstr. 9. Trotz sofortiger Rettungsoersuche gelang es erst nach einiger Zeit den Ertrunkenen zu bergen. Wiederbelebungsversuche blieben ohne Erfolg. Di« Leiche wurde noch dem Waldfriedhos in Oberschön«- weide geschafst. Auf dem Tegeler See kenterte gestern nach- mittag ein Ruderboot, wobei der Insasse, der Montagemeister Schröder, von einem Ausflügler unter eigener Lebensgesahr gerettet wurde. Aus dem Schiffahrtekanal wurde heute morgen um 6 Uhr vom Reichswasserfchautz die Leich« des 60 jährigen Arbeiters Albert Dittmann mis der Gerich tstr aß« 21 ge- borgen. Ob ein Unglücksfall oder Selbstmord vorliegt, konnte bisher noch nicht festgestellt werden._ Tie Dampferfahrt der..�raueuwelt". Ueber die Spree zogen am vergangenen Freitag nicht wem- ger als 1 2 D a m p s e r. reich geschmückt mit r o t e n und s ch w a r z- rotgoldenen Fahnen. Die Leserinnen der„Frauen- well" machten ihre diesjährige Dampferfahrt. Der große Wille lebte in den Tausenden, die zusammengeströmt waren, der Wille, allen Feinden zum Trotz die Rechte des Proletariats zu be- haupten. Die Kampf- und Hossnungslieder des Proletariats mögen manchen Sommervuinmler geärgert haben, aber aus den Fenstern der Fabriken an der Oberspree grüßten Arbeitsbrüder und Arbeits- schwestern mit fröhlichem„Frei Heil!" und die proletarischen Gast« der Freibäder stimmten fröhlich ein. Jeder suchte Entspan- nung auf seine Art im großen schönen Wald. Viele tummelten sich im Wasser, die ganz Behäbigen saßen bei der Musik am Kaffeetisch und die lachlustigen Kinder amüsierten sich auf der Wiese am Kranichsce beim Kasperletheater, nahmen ihre Gewinne in Empfang, badeten, verloren dabei ihre Siebensachen und fanden sie wieder, nur einiges verblieb zunächst im Depot der Leitung und harrt der Abholung im Frauensekretariat. Die Kommunisten begingen am Sonntag die Einweihung eines Denkmals ihrer parteigenössischen Revolutionsopfer in Friedrichsfelde. Nach 3 Uhr versammelten sich im Friedrichs- Hain die Züge der Roten Frontkämpfer, des sogenannten Roten Frauen- und Mädchenbundes und der Jung-Spartakusgruppen mit zahlreichen Fahnen und Transparenten. Sieben Redner sprachen zu den Versammelten, Ledebour, Ernst Meyer, Scholz, Schwenk Frau Hölz u. a. Der mehrere tausend Mann starke Zug marschierte sodann durch die Frankfurter Allee nach Friedrichsfelde, wo er an dem bekränzten Denkstein grüßend vorüber zog. Die Regenschauer hatten dem Aufmarsch einigen Abbruch getan. Zu Zusammenstößen ist es nicht gekommen._ Das blutige Enöe einer Ehe. Ein Bater. der fein Kind erschießt. Eine Familientragödie, die einen fürchterlichen Abschluß fand, spielte sich gestern im Haus« H o b r e ch t st r. 14 zu Halensee ab. Hier wohnte seit 2 Jahren der Direktor W. Wendt, ein Mann von 38 Jahren, mit- seiner 33jährigen Frau und seinem 6% Jahre alten Sohn Gerhard. Die Ehe, die im Jahre 1916 geschlossen wurde, war in letzter Zeit getrübt, wahrscheinlich durch die steigende Nervosität und Reizbarkeit der Frau. Direktor Wendt selbst wird als«in sehr ruhiger und stiller Mann geschildert. Am Sonntag morgen um Öls Uhr kam es aus noch nicht geklärten Ursachen zwischen den Gatten zu einer heftigen Auseinandersetzung. Direktor Wendt ergriff plötzlich eine runde Stange und schlug damit seine Frau, die noch im Bett lag, mehrere Male über den Kopf. Schwer verletzt und laut um Hilfe rufend flüchtet« die Frau aus den Balkon und sprang von dort in den Vorgarten hinab. Gleich darauf sielen im Schlafzimmer mehrere Schüsse. Nachbarn alarmierten die Polizei, die alsbald erschien. Die Tür der Wohnung mußte mit Gewalt geöffnet werden. Die Beamten fanden Direktor Wendt im Schlafzimmer auf dem Fußboden liefen mit einem Küchenmesser in der Brust. Im Arme hielt er seinen Sohn, der einen Kopfschuß erhalten hatte und tot war. Frau Wendt wurde in bedenklichem Zustand nach dem Krankenhaus Westend gebracht, der Mann, der noch lebt, als Polizeigefangener in dos Staatskrankenhau». Die Leiche de, kleinen Gerhard wurde beschlagnahmt. » Ueber den mmmaßlichen Tod eines Liebespaares wird aus Siemensstadt berichtet: Vorübergehende hatten in der Nähe des Kraftwerkes Unterspree am Ufer einen steifen Hut, eine Handtasche u. a. gefunden. Dabei lag ein Zettel, aus dem gebeten wurde,„Robert" und„Hedwig" gemeinsam z u be- erdigen. Es wurde festgestellt, daß es sich um den 32 Jahre alten Arbeiter Robert Stöhle aus der L y n a? st r a ß e zu Spandau und um die 30 Jahre alte Arbeiterin Hedwig Schulz, die ebenkalls in Spandau wohnte, handelte. St.. der verheiratet war, aber kein glückliches Leben führte, verliebte sich in die Schulz. Da sie einander nicht angehören konnten, so be- schlössen sie, ms Wasser zu gehen. Gestern abend landete man in der Nahe der Trabrennbahn in R u h l c b e n die Leichen der beiden Lebensmüden. Sie hatten sich die Hände mit einem Leder- ncmen aneinandergebunden. Stapellaus eines 25 000- Tonnen- Schwimmdocks. Gestern nachmittag lief auf der H a m b u r g e r Werst der V ul k a n w e r k e ein sür den Hafen Bordeaux bestimmtes Schwimmdock von 25 000 Tonnen Tragfähigkeit vom Stapel. Die Abmessungen des Docks sind folgende: Länge 220 Meter, Breite zjvischen den Seitentästen oben 36 Meter, unten 24 Meter, Höhe des Seitenpontons 4,75 Meter, Tiefgang des zu dockenden Schisses 8,80 Meter. Das Dock erhält sechs von Elektromotoren angetriebene Kreiselpumpen, deren Leistung so bemessen ist, daß ein Schiff in zwei Stunden trocken gelegt werden kann. Der Bau dieses großen Docks von der Bestellung bis zum Stapellaus ist in der Rekordzeit von 9 4 A r- b e i t s t a g e n bewerkstelligt worden. Schwerer Unfall eines RIarinebeibootes. Aus Kiel wird der Marineleitung mitgeteilt, daß infolge eines Motorversagers d i e S t a b s j o l l e des Linienschiffes„Hannover" in der Nacht des 11. Juli ausgebrannt ist. Der Heizergefreite Nauroth kam hierbei ums Leben. Die amtliche Untersuchung ist eingeleitet worden. Retwugsturs« de- Bezirk» Eharlolteuburg-Spandau der Deutschen Leben». retluag»gefeUschast. ES ist beabsichtigt an folgenden Tagen Kurse zur Rettung Ertrinkender durchzusührcn: in der Badeanstalt V o I k s p a r l Ju n g s e rn- Heide Mittwoch, den 14., 21., 28. Juli und am 4. August, jeweils 7 Uhr abends in der M i l i t ä r b a d e a n st a l t an der Zitadelle Donnerstag, den 15.. 22., 29. Juli und am 5. August, jeweils abends 7»/« Uhr: in dir städtischen Badeanstalt Wröhmännerstratze, finden oorauSfichtlich DienSlag, abends 7'/« Uhr, Kurse statt. Termin hierfür wird noch bekannt- gegeben.— Meldungen sür die Spandauer Kurse Spandau, Brcileilraste 45, sür die Kurse in der Jungsernheide A. Voigt, SiemenSstadt, Märkischer Steig II. Schwiinmiertigkeit der Teilnehmer Bedingung. KuriuSgebiibr ! nklusive freien Eintritt: sür Nichtmitgllcder der Gesellschaft 3 Mark, sür Einzelmitglieder srcl., Fundsachen von der Dampsecpactle der.Frauenwelt'. DaS Frauen- sekretariat hält folgende Sachen zur Abholung bereit: Einen blauen Knabenmantel, eine grüne und eine gelbe Sirickjacke. Den Minder einer grauen, verlorengegangenen Segeltuchiasche mit Proviant bitten wir um Abgabe, Lindcnstratze 3, 2. Hos, 2 Treppen, Frauensekretariat. Der Ge- nossc Feichlineyer, Berlin, Hussitenstrabc 17. hat aus der Heimfahrt in der Linie 36 eine wollene Decke mit Plaidriemcn(grau mit braunen Streilcn, weih umnäht) liegen lassen. Wir bitten den Finder dringend um Rückgabe. Billiger Aerieoausenthall. Dl eFerienbeim-Genossenschaft .Naturfreunde', eine gemeinnützige Organisation zur Errichtung und zum Betrieb von Ferienbeimen, macht darauf aufmerksam, daß in den Heimen Thüringen, Erzgebirge und Dübener Heide sür die Nachsaison noch Zimmer zu baben sind.(Volle Pension 3,50 M). Auskunft durch die Berliner Geschäftsstelle: Wstbelm G r o t h e, Berlin<0 112, Weichselstr. 10. Bei schristlichen Ansragen Rückporto erbeten. Sport. Mjchluß öer Kölner Kampfspiele. Rede des Reichskanzlers Marx. Nach Abschluß der 2. Kampfspiele hielt Reichskanzler Pr. Marx im Stadion eine Rede, in der er zunächst den Siegern der Kampsspiele die herzlichsten Grüße des Reichspräsidenten über- mittelte, der besonders lebhaft mit ihm das Programm dieser Woche besprochen habe und es lebhaft bedauere, infolge dringender Pslich- ten in Berlin zurückgehalten zu sein. Der Reichskanzler führte dann etwa au-: Wir haben schwere Jahre hinter uns, schwer« Sorgen der Gegenwart liegen vor uns, aber die Zukunft erstrahlt in schönstem Lichte. Wir haben ein« Jugend, auf die wir uns oerlassen können. Der deutsch« Name gewinnt von Tag zu Tag mehr an Ansehen und Achtung in der ganzen Welt. Allen sei Dank, die mitgewirkt haben, draußen im Auslande diesen Ruhm zu vermehren. Wir, die wir die schönen früheren Zeiten er- lebten, wir stehen jetzt hoffnungsvoll und hossnungsfreudig vor unserer Jugend, di« nicht mehr durch soziale, wirtschaftliche und Standesunterschiede auscinandergezerrt ist. Im Sport wollen wir uns vereinigen und wieder stählen und unsere Gesund- heit pflegen. Alles andere tritt zurück. Am Abend fand zu Ehren der Sieger im Gürzenich ein Fest- b a n k e t t statt, bei dem Oberbürgermeister Dr. Adenauer dem Reichskanzler den Dank der Stadt Köln für dos Interesse, das er an den Kampfspielen genommen hat, aussprach. Tieh-Buschenhogen siegen im Dreistundenrenncn. Vor gut besetzten Tribünen konnte am Sonnabendabend das 3-Stunden-MannIchafts-Rerinen auf der Rütt- Arena ausgefahren werden. Tietz-Buschenhagen, N e b e- F r i ck e, Dewolf-Stockelynck, Miethc-Koch und auch Geisdors-Michael waren die Fahrer, die das Feld in Tempo hielten. Besonders hob sich die Mannschaft Nebe-Fricke hervor, die immer wieder Vorstöße unternahm und so zur Belebung des Rennens ganz erheblich beitrug. Da sie aber schlecht ablöste. erhielt sie eine Strafrunde aufgebrummt. In der 115. Minute zogen Geisdors-Michael los, ohne daß das Feld nachsetzte. Sie konnten ungefähr% Runde ausholen, bis plötzlich ein Sturz beide zu Fall brachte. Peberhaupt waren die Stürze sehr zahlreich, doch wurde niemand ernstlich verletzt. Die eigentliche Sturzstelle, die sich in der Geraden gegenüber dem Ziel befindet, wurde nach Beendigung des Rennens untersucht, wobei es sich her- ausstellte, daß schlechter Holzbelag die Stürze verursacht hatte. Für Abhilfe wird natürlich gesorgt.— In den beiden letzten Wertungen gab es doppelte Punktzahl. Zwar konnte hier die belgische Mannschaft� die meisten Punkte auf sich vereinigen, vcr- mochte aber einen Sieg Tietz-Buschenhagen nicht zu ver- hindern. Mit nur ein Punkt Vorsprung beendeten die Deutschen ihre Siegesfahrt, die 120,250 5tzilomcter bedeckte. Zweites Paar wurde die Mannschaft Dewolf-Stockelynck(54) vor Miethe-Koch(32), Huschke-Kohl(13) und Geisdors-Michael(3 Punkte). Die„2. Deut- s ch e Meile", ein Malfahren über 7500 Meter, gewann W. Packe. b u s ch vor Schuffenheiner, Falschild und Hermann Packebusch. Rennen zu Grunewald am Sonntag, den 1l. Zu«. 1. R e n n e n. 1. Tod und Leben(O. Schmidt). 2. Impressionist (William«), 3. Pan Robert(Huauenin). Toto: 42:10. Platz: 13. 14, 21:10 Ferner Uesen: Tirano, Fehrbellin, Miltiade«, Hero« de Leg,' Bellac, Saperlot. 2. Rennen. 1. Pilgerin(Vinzenz). 2. Malvolio(E. Krüaerl 3. Milon(L. Darag-0. Tolo: 49: 10. Platz: 33, 103: 10. Ferner Uesen: Roscnwangc. Da» Lied, Kapuziner. 3. Rennen. 1. Eaprwt(Hayne«). 2. Saturn(L. Daroal. 3 Svm- Vbonic(Grabich). Toto: 35: 10. Platz: 17, 18. 20: 10. Ferner lieien: Coran, Die Königin Parfisal, Frigga II. 4. Rennen. 1. Ferro iWilliam«), 2. Aureliu«(C. SchmidO, 8.«Uli cv°h"'s)- Toto: 26: 10. Platz: tt. 13, 11:10, Ferner Uesen: Deitzdorn, Sishphu«. Indigo, Marduck, Roland. 5. Rennen. 1. Domfalke(2. varza), Z. Octavo(HuziienhO. 3. Donna Velcara(Thielemann). Toto: ib: 10. Platz: 12, 16: 10. Ferner Uesen: Arndt, Flämin, Ostgotin. 6. Renne n. 1. Dickator(Bleuler). 2. Perscphone(D. Schmidt,, T Lesel«(fflrahl). Tolo: 47:10. Platz: tö, 13. 17: 10. Ferner Uel-ii: Madchcntraum, Torre, Arnulf. Enzian. 7. R e n n e n.>. Optimal kO. Schmidt), 2. Heckenstrauch(S. Tatra#), 3. Habicht(Hahne#). Toto: 33: 10. Platz: 13. 15, 18:10. Ferner Uesen: Firn, Malachit, Ncttelbeck, Amanda«, Jlex. Die GewerkMastsjugenö öes Westens. Kundgebung in Düsseldorf. Düsseldorf, U. Iuli�(Eigener Drahtbericht.) Aus allen Städten Rheinlands, Westfalens und des lippischen Landes, von Saarbrücken und Trier bis hinauf zu den Weser siodten Stadthagen und Minden kamen im Lause des Sonnabends die gewerkschaftlichen Iugendgruppen, Jungens und Models, in hellen Scharen in Düsseldorf an, um den G e- werkschaftsjugendtog festlich zu begehen, den der B e- Zirksausschuß, des ADTB. anläßlich der Tagung des Bundesausschusses zum ersten Male einberufen hatte. Fast den ganzen Tag regnete es in Strömen, aber gegen Abend, als sich die Jugend zum Fackelzug rüstet«, klärte sich der Himmel auf. Am User des Rheins oberhalb der Brücke sammelte sich die Jugend und zog mit Einbruch der Dunkelheit in gewalligem Zug« in das Inner« der Stadt hinein. Die ahnungslosen Bürger Düsseldorfs glaubten, daß die Gewerk- scfcastsjugend aus allen Teilen des Reiches aufgeboten sei und waren nicht wenig überrascht, daß dieser imposante Zug von 7l)l1l> jungen Leuten und Kindern nur aus dem gewerkschaftlichen Jungvolk der beiden westlichen Provinzen gebildet war. Zahlreiche Kapellen waren über den ganzen Zug hin verteill, darunter ein« Reihe, die das Reichsbanner gestellt hatte, das gleichzeitig zu einem(8 a u t a g in Düsseldorf versammelt war. An der Spitze marschierte ein Pfeifer- und Trommlertorps, das aus 12- bis ISjöhrigen Jungens der weltlichen Schule in Düsieldorf-Oberbilk bestand, die während des fast zweistündigen Marsches durch die Stadt unermüdlich mit ihren größeren Kameraden wetteiferten, der Begeisterung der Teilnehmer Ausdruck zu geben. Tief in der Nacht überschritt der Zug die Rheinbrücke, um auf den Wiesen von vberkassel Ansprachen zu lauschen, in denen die Mitglieder des Bundesoor- ftandes, darunter Graßmann und Alexander stnoll, der Jugend den mühevollen Weg schilderten, den die alten Kämpfer der Gewerk- ' schasten zu gehen hätten, als sie noch die junge Generation waren. Welche weittragenden Umgestaltungen des Rechts, die der heutigen Jugend zuguie kommen, haben sich seit jenen Jahrzehnten dank der rastlosen Bemühungen der Gewerkschoflen vollzogen. Die Gewerk- schaftsjugend kann heute weiter bauen auf den starken Grundlagen, die die ältere Generation geschaffen hat. Mit eineiii begeistert aufge- nommenen Hoch auf die Gewerkschaftsjugend und auf die Arbeiterbewegung schlössen die beiden Redner ihre Ansprachen. Dann wurden die Fackeln zusammengeworfen und die Gruppen zogen in ihre Quartiere. Dieser unvergeßlichen Beranstallung schloß sich am Sonntag morgen die feierliche Kundgebung aus dem Gelände der Gesolei. in dem in seiner Einfachheit großartigen Kuppelsoal des Planetariums würdig an. Auf der Tribüne hotten sich die Bannerirägcr versammelt. Die roten Fahnen und bunten Wimpel hoben sich leuchtend ob von dem dunklen Hintergrund. Heinrich Meyer, der Bezirkssekretär des Allgemeinen Deutschen Gew-erkschastsbundes, hieß die Jugend willkommen, die an diesen beiden Tagen für die Ziel« und Ideale des Allgemeinen Deutschen Gewerkschastsbundes Zeugnis ablegen und der Oeffentlichkeit zeigen wollte, daß es ein« Gewertschaftsjugend gibt. Nachdem die Ar- beitergesangvereine Düsseldorfs zwei Lieder,„Sturm" von lfthmann und däs schön« Lied von Claudius„Wenn wir schreiten Seit' an Seite", gesungen hatten, ergriff der erste Vorsitzende des ADGB.. Leipart, däs Wort zu einer Ansprache. Er überbrachte der Jugend den Dank und die Grüße des Bundesvorstandes und verlas den Aufruf' des Bundesmisschusses an die Arbeiterjugend Deutschlands. In warmen Worten ging Leipart dann auf die Kmneradschost zwischen den Acltcren und Hungen ein, wie sie in der Bewegung bestehen müsse. Die Alten müßten der Jugend ein Vorbild sein und sie oertraut machen mit den Kämpfen, die die ganz« Geschichte der Gewerkschaften durchziehen, um in ihnen die gleiche Liebe zur Sache zu wecken, die sie selbst beseelt. Kollegialität und Freundschaft Achtung auch vor der Meinung der Jugend, Vcr- ftändnis für ihren Willen, fester Glaube an die Ziele der Gewerk- schasten und herzliches gegenseitiges Vertrauen sind die starken Fundamente der Bewegung. Wenn die Jugend von diesen Idealen erfüllt ist, wird sie einer glücklichen Zukunft entgegengehen. Freilich darf sie nicht vergessen, daß diese erkämpft werden muß. Robert Dihmann vom Metallarbeiterverband richtete einen feurigen Appell an die Jugend, das Leitmotiv der freien Gewerk- schasten niemals zu vergessen: Solidarität mit ollen Werk- tätigen und besonders mit den Arbeitslosen. Er wies nach, was die Gewerkschaften hinsichtlich der Dauer der Lehrzeit, der Arbeitszeit, der Fachausbildung, in der Ferienfrage und in der tariflichen Rege- lung des Lehroerhästnisies erreicht häben. Di« Gewerkschaften tun für die Jugend, was in ihrer Macht steht. So muß die Jugend dafür sorgen, daß die Macht der Gewerkschaften wächst. Rlarkmöller vom Vorstand des Deutschen Bergorbeiter- Verbandes wies auf die ungeheuren Schädigungen hin, die der Krieg, die Inflationszeit und in der letzten Zeit die furchtbare Ar- beitslosigkeit gerade unter dem heranwachsenden Geschlecht angerichtet Hab«. Das höchste Gut für den einzelnen ist die Gesundheit: sie ift es auch für das ganze Volk. Der Hebung der Gesundheit gilt das Werk der Gewerkschaften, vor allem aber der Gesundung der Jugend. In zündenden Worten schilderte der Vorsitzende des T e x t i l- arbeiterverbandes, Zäckel. von welch tiefer Bedeutung für das ganze spätere Leben die Eindrücke der Jugend seien, was es für die Jugend bedeute, wenn heute am Beginn ihrer beruslichen Tätig. keit eine Periode der Arbeitslosigkeit vielen den Weg in das tätige Leben oersperrt, oder wenn sie erlebten, wie ihre Däter keine Arbeit finden könnten und auf Unterstützung angewiesen seien. Trotzdem wächst die heutige Jugend unter ungleich günstigeren Derhältnisien heran, als sie der älteren Generation bei Beginn ihrer Lausbahn be- schieden war. Die Gewerkschaften sind eine Macht: das ist den Jugendlichen eine selbstverständliche Vorstellung. Aber sie darf die in der Vergangenheit geleistete Arbeit nicht gering schätzen. Je mehr sie von dem Wert dieser Leistung für sie selbst durchdrungen ist, umso mehr wird ihr Glaube an die Zukunft sie befähigen, das begonnene Werk zu vollenden. llcko vom Vorstand des Zentralverbandes der Ange- st e l l t e n wandte sich mit eindringlichen. Argumenten gegen die Schwarzseher, die von einer sittlichen Verwahrlosung der Jugend reden. Dagegen bestehe in der Tat durch die Schuld der bürgerlichen Gesellschaft eine tiefe sittliche Not unter den Jugendlichen. Dielfach werden sie in den Lehrstellen nicht ausgebildet, sondern nur ausgebeutet, und die Arbeit kann infolge ihrer Monotonie oft nicht anders als eine lästige Sache empfunden werden, die nur um des Broterwerbs willen notwendig ist. Sie ist nicht mehr innerlich er- greifend. Dazu kommt die furchtbare Wohnungsnot und die erschreckende Arbeftslosigkeit. Es gilt, der Jugend, die von Haus aus ideal gesinnt und ollem Guten zugänglich ist, durch gute Ausbildung und Arbcitsbeschafsung ausreichende Gelegenheit zu geben, sich ihren Kräften entsprechend zu betätigen. Als Letzter bestieg die Rednertribüne der Vorsitzende des H o l z- arbeiterverbandes, Tarnow. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Oeffentlichkeit die heute gehaltenen Ansprachen als einen Aufruf an das Gewissen auffassen werde. Alle Schichten reden jetzt in Deutschland große Töne über den Ausbau der Wirtschast, aber allzu selten findet man Verständnis dafür, daß das edelste Gut der Menschheit, der schaffende Mensch selbst ist und vor allem der junge Mensch, für den zu sorgen eine der wichtigsten Aufgaben der Gewerkschaften sei. Die Jugend ist nicht nur bcgeisterungssähiger, sie ist auch begeisterungsbedürftiger. Sie darf nicht glauben, daß die Tätigkeit der Gewerkschaften sich in saurer Alltagsarbeit erschöpfe. In der Gewerkschaftsbewegung liegt die Quelle der Kraft der modernen Arbeiterbewegung. Die Gewerklchaftsbewegung ist ge- tragen von begeisternden Idealen, die gerade in den Herzen der Jugend einen Widerhall finden müßten. Die Gewerkschaften wollen die Arbeiterschaft besreien von wirtschaftlicher Unterdrückung, sie wollen, daß die Arbeiter nicht nur als gleichberechtigter Staatsbürger, sondern auch als Wirtschaftsbürger anerkannt werden. „Und nun frage ich Euch"— mit diesen Worten wandte sich Tarnow unmittelbar an die versammelte Jugend—.junge Kameraden, seid Ihr gewillt und bereit, in brüderlicher Kameradschaft mit Euren organisierten Arbeitsgenossen in unverbrüchlicher Treue zur gewerkschaftlichen Organisation an unserm großen Werk mitzu- arbeiten? Auf diese Frage antwortete der Kreis der Versammelten mit einem tausendstimmigen Za. Dann forderte Tarnow die Jugend auf, dieses Bekenntnis durch ein gemeinsames und laut gesprochene« Gelöbnis zu bekräftigen. Er bat sie, von den Plätzen aufzustehen, den rechten Arm zu erheben und ihm nachzusprechen: .Wir wollen, daß die arbeitende klasie frei werde von wirtschaftlicher Ausbeutung, daß sie gleich werde allen anderen Gliedern der Gesellschaft. Wir geloben brüderliche Kameradschaft allen, die mit uns verbunden find für die gleichen Ausgaben und gleichen Ziele, unwandelbare und unverbrüchliche Treue der kameradschaftlichen Organisation. die uns sühren soll und der wir dienen wollen." Es war ein ergreifender Augenblick, an den die Jugend von Rheinland und Westfalen ihr Leben lang zurückdenken wird, als sie Satz für Satz dieses Gelöbnis izachsprach. Dann schloß Heinrich Meyer die Kundgebung, indem er darauf hinwies, daß diese Stunde sich allen tief ins Bewußtsein prägen werde: Die Gewerk- schastsbewegung sei nichts weniger als alt, sie schreite rüstig vorwärts, einer großen Zukunft ent- gegen. Was wir leisten, so sagt er, ist Aufbau am Vaterland, in dem wir wohnen, gt Arbeit an dem sozial! st ischen D o l k s st a a t in dem tiefen Sinn, wie es in den Worten des Liedes zum Ausdruck kommt, dos heute gesungen worden ist und das in der ganzen Arbeiterjugend gesungen wird: „Wenn wir schreiten Seit' an und die alten Lieder singen und die Wälder widerklingen, fühlen wir, es muß gelingen. mit uns zieht die neue Zeit!" Sei! Wie kleine Firmen mit Betriebsräten umspringen. Es ist eine alte Erfahrung, baß gerade die kleinen Herren im Haufe sich am schärfsten in ihren Herr-im-Hause-Standpunkt o«r- beißen, in der Befürchtung, an Profit wi« an Ansehen zu verlieren, wenn sie die gesetzlichen Rechte achteten. So war in der Wäscherei G c r st n e r u. Co., H e i l i g e g e i st st r a ß c, der Arbeiter K. als Betricbsobmann acwähll worden, woraufhin ihm bedeutet wurde, daß er die Interessen der Firma zu vertreten habe und den Der- trauensmann der Belegschaft nur pro forma spielen dürfe. Als K. auf dieses Ansinnen nicht reagierte, erhielt er sein« Kündigung, ohne Angabe irgend eines Grundes dafür. Auf seine Beschwerde hstt wurde ihm eine ehrenwörtliche Erklärung unterbreitet, wonach er von seinem Posten zurückzutreten habe. Er unterzeichnete diese Erklärung und sein« Kündigung wurde zurück- gezogen. Di« Belegschaft der Firma bestand jedoch daraus, daß er seinen Posten als Obmann beibehalte. In einem neuen Ukos wurde der Obmann unter Hinweis auf sein« Erklärung v er w a r n t. Um die Angelegenheit mit der Belegschaft zu erörtern, berief nun K. eine Betriebsversammlung ein. Als der Herr Geschäftsführer von der Einberufung dieser Versammlung erfuhr, verstieg er sich zu der Drohung, wer zu der Versammlung hingehe, habe die Kon- sequenzen zu tragen. Dies« Drohung verfehlte jedoch ihre Wirkung und die Versammlung der Belegschaft am Freitag abend be- schloß zunächst, die zuständige Gewerbeinspektion anzurufen, damit auch dieser Firma klar gemacht wird, daß sie die Rechte der Arbeil- nehmerschast aus dem Betriebsrätegesetz zu respektieren hat. Der Sergarbeiterkampf in EnglanS. condon. 10. Juli.(WTB.) M a c d o n a l d, der in Bir- minghom eine Rede hielt, erklärte, daß er gerade von Northumber- land und Dorkshire komme und die Bergleute, besonders aber die Bergarbeiterfraucn ebenso entschlossen ae- fundenchabe wie am ersten Tag des Streiks. Die R e- g i e r u n g habe durch die falsche Behandlung der Vorlage über den Achtstundenarbeitstag eine Lage geschaffen, welche V e r- Handlungen ganz unmöglich mache. Cook gegen hodges. London, 11. Juli.(WTB.) Der Sekretär der Bergarbeiier Cook sogt« heut« in einer Rede, es fei kein« Aussicht auf eine Be- endigung des Kohlenstreits vorhanden, und fügte hinzu, der S e- kretär des i n e r n a t i o n a l e n B e r g a r b e i t e r o e r b a n- des Hodges müsse von seinem Posten entfernt wer- den, weil er die Forderungen der Bcrgarbeiterinternationale ge- schädigt habe. Cook betonte, die Eisenbahner würden sich nicht um die Rechte irgendwelcher Führer kümmern, die ihre Stellung dazu benützten, um die Bergarbeiter in ihrem Kampfe zu schädigen. Die beiden letzten Bemerkungen beziehen sich auf die Tatsache, daß Hodges wiederholt die Politik der Bergarbeiterführer sehr abfällig kritisiert hat und daß die Delegierten der Eisenbahner beschlossen haben, kein Verbot der Beförderung ausländischer Kohlen anzunehmen.— Der Unterschied zwischen Hodges und Cook besteht darin, daß Hodges ein Realpolitiker und Anhänger der Amsterdamer Rich- tung ist, Cook dagegen ein fanatischer Illusionist und ein Gefanger Moskaus. Um die?lotslandsarbeitea. In Nottingham hielt Cook eine Rede, in der er u. a. erklärte: Ich hoffe, daß wir in der nächsten oder übernächsten Woche eine Konferenz der Bergarbeiter einberufen können, an der alle Bezirke teilnehmen. Die Entwicklung des Streiks ist in eine neue Phase getreten: ich möchte jedoch die Grubenbesitzer warnen, indem ich ihnen erkläre, daß die für die Sicherheit in den Bergwerken tätigen Arbeiter unter den bisherigen Bedingungen nicht arbeiten werden. Es ist beschlossen worden, diese Arbeiten nur dann fortzusetzen, wenn dieselben Löhne wie im April gezahlt werden, wennjne gleiche Arbestszeit beibehalten wird, und wenn diese dem Schutze der Gruben dienenden Arbeiten nicht Beamten übertragen werden. Stellungnahme der Hasenarbeiter. In Rotterdam trat am Freitag das Hafenkomitee des Jnter. nationalen Transvortarbeiterverbandes zu einer mehrtägigen Sitzung zusammen, an der außer den Verbandssekretären ginimen und Nathan» zwei holländische und drei belgische Abgeordnete und als Vertreter der deutschen Transportarbeiter Seiffert und Tc», pelmann teilnahmen. Gegenstand der Besprechung war der inzwischen bereits beendete Streik in Antwerpen sowie der Arbeitskonflikt in den französischen Häsen Dllnkirchen und Boulogne und in Finnland. Außerdem hat sich das Komitee mit der Frage der Kohlenzufuhr nach England beschäftigt, obwohl der internationale Tronsportarbeiterverband auf dem Standpunkt steht, daß hierfür erst ein entsprechender Antrag des englischen Transportarbeiterverbandes eingegangen sein muß. Neuer Ttreik im Antwerpener Hafen. vrüsiel. 12. 3uIL(I2L) Im Antwerpener Hafen sind neu« Schwierigkeiten entstanden. Die Dockarbeiter, die die Nacht- schicht versehen, sind gestern in den Streik getreten. Sie ver- langen dieselbe Lohnerhöhung wie die Tagarbeiter. Das Hafen- schiedsgericht hat sich mit einer Festsetzung des Grundlohnsatzes auf 40 Franken einverstanden erklärt. Der Dampserdienst Antwerpen� Harwich wird heute wieder aufgenommen werden. Der Streik der Metallarbeiter in den Schiffsreparaturwerk. st ä t t e n in Antwerpen dauert an. Unser dänischer Genosse I. A. Hansen. Mitglied der Metall. arbeiter-Internationale, seit 25 Iahren Vorsitzender des dänischen Metallarbeiterverbandes, Mitglied der 1. Kammer des Parlaments und Präsident der Kopenhagener Stadtverordnetenversammlung, ist am Freitag einem Herzleiden er legen. Hansen war ein verdienter, auch ii� der internationalen Arbeiterbewegung be- kannter und geschätzter Genosse, der insbesondere den deutschen Genossen sehr nahestand. Dci-Ntwortlicki für Politik. Ernst Mrtschast:>rt»r s»i'r»u»! Sewrilsch-ftsb-wegun«: Kr. SMur», K-Ullleton: Kr. I-hu Schikowiti: fiofolc» und eoiifliacs: K-i» NarNädt: An,°iarn! Id. Slodc; sämtlich in Berlin. B-rl-a- Vorwärts-V-rlaa/, Uhr: Week-end (Ueber'n Sonntag) KBUler-m. Operetteijpletnlt. 8 Dfcn ftemte xhaBeii EUte-Sfintfcr lägt 8 ilbc: (Saltfpiel derCriflinol ftitSedli i»r iEiLe-SSoier. Rieseo- 1 ProRrtam! WMMm 8 Uhr: Operette v. supp« Kleine Sommerpr Sonnt, nachm 4: Dil inli UbMihiiIi Preise 0,so— 3,50 n Reichshallen-Theater Anfang 8 Uhr Stettiner Sünger „Hausball bei Hejer's" Vsin 16. 7.— 31. 7.: Ci!h»l«l to Dresilnar Ifikliiria-SanBer Dönhoff-Brettl(Siilo.6«rt.) 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