Nr. 326 ♦ 4Z. �aheg. Ausgabe gK Nr. 16$ Bezugspreis. WSchenIIich 70 Pfennig, monatlich 3,— ZIeichsmarr voraus»ahlbar. Untcr Kreuzband für Deutschland. Danzig. Saar- und Memelgebiet. Oesterreich, Litauen, Luxemburg 4.50 Reichsmark, für das übrige Ausland 5,50 Reichsmark pro Monat. Der.Vorwärts' mit der Sonntags- beilage.Boll und Zeit' mit.Sied- lung und Kleingarten' sowie der Beilage.Unterhaltung und Wissen' und lzrauenbcilagc.lsraucnstimme' erscheint wochenläglich zweimal. Sonntags und Montags einmal. Telegramm-Adresse: »Sozialdemokrat Berlin' Morgenausgabe Derlinev VolKsvl�tt (10 pksnnig) Anzeigenpreise: Die einspaltige Nonpareille. zcile 80 Pfennig. Rcklamczeile 5,— Reichsmark.»Kleine Anzeigen' da» fcttqedrurtlc Wort 25 Pfennig tzuläfstg zwei fettgedruckte Warle), scdes weitere Wort 12 Pfennig. Elcllcngrfuche das erste Wort 15 Pfennig, jedes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über 15 Buch- stabcn zählen sür zwei Worte. 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Die Garanlien, die Caillaux in diesen beiden Punkten erhielt, sind überhaupt nicht in das Abkommen selbst ausgenommen, sondern in P r i o a t b r i e f c n Churchills, die als Annexen dem Abkommen beigesügi sind, vorsichtig formuliert aufgenommen worden, so daß ihnen eine größere als moralische Bedeutung nicht beizulegen ist. Ganz besonders nachteilig für ffrankreich scheint aber die ffrage des in der Bank von England im Lause des Krieges von der Bank von Frankreich deponierten, zur Garantierung der damals aufgenoinmenen Anleihung dienenden Goldes gelöst worden zu sein. Nicht nur ist es Caillaux nicht gelungen, den Rücktransport dieses Goldes nach Paris trog abgeschlossener Schuldcnregclung durchzusetzen, sondern Caillaux hat das bei dem gegenwärtigen Stand der sran- zösischen Finanzen auf lange hinaus rein s i k t i v e Recht erhalten, dieses Gold gegebenenfalls zurückzukaufen. Man sieht unter diesen Umständen nicht gut, wo die hiesige Presse die Dorteile der Londoner Schuldenregelung sieht. Da das Abkommen am Dienstag abend veröffentlicht werden soll, wird übrigens die französische Presse Gelegenheit haben, selbst die ge- ringe Berechtigung des offiziellen Optimisnms der Londo/ier Schuldenregelung gegenüber sestzustellen. Die ausländischen Devisen sind im Laufe des Tages etwas gefallen, aber das Pfund hält sich immer noch um den Kurs von»91 herum. Caillaux hat am Dienstag nachmittag sosort nach seiner Rückkehr aus London die Direktoren der hauptsächlichsten Banken zu sich gerufen, um mit ihnen über die Loge zu beraten. Wahrscheinlich in Er- kcnntni- der Schwäche seines Londoner Abkommens hat der Finanz- minister den Zusammentritt der Kammer abermals hinausgeschoben, um Zeit zu gewinnen. Gleichzeitig scheint Caillaux auf die Entwicklung der belgischen Krise in dem Sinne zu spekulieren, daß er sich von der Uebertragung von E r m ä ch t i- gungsgcsetzcn an den König von Belgien durch eine sozio- listischc Kammer günstige Rückwirkungen auf seine eigenen Forde- rungen ähnlicher Ermächtigungsgesetze bei der französischen meist radikalsozialistischen Kammer verspricht. Churchill über den Inhalt des Abkommens. London,»3. Juli.(WTB.) Im linterhause führte Chur- chill aus: Dos gestern von Caillaux und mir unterzeichnete Ab- kommen erstreckt sich nicht nur auf die französische Kriegs- schuld, sondern praktisch aus sämtliche zwischen beiden Ländern laufende Forderungen. Die Zahlungen Frankreichs werden sich jährlich belaufen auf i Millionen Pfund Sterling und ansteigen auf K Millionen, 8 Millionen, 10 Millionen und im Jahre 1930 die Döchstsumme von 1214 Millionen erreichen. Bon 1930 bis 1958 werden sich die Iahreszahlungen Zunächst auf 12� Millionen Pfund Sterling belaufen und während der letzten 31 Jahre auf 14 Mil- lionen. Das Abkommen enthalt keine Garantieklausel für den Fall, daß Deutschland seinen Reparationsoerpflichtungen nicht nachkommen sollte; in einem besonderen Schriftwechsel wird aber bestimmt, daß im Falle einer teilweisen oder vollständigen Einfiel- lung der deutschen Reparationszahlungen Frankreich die M ö g- l i ch k e i t haben würde, um eine Revision der Termine zu er- suchen. Die gleiche Möglichkeit würde auch sür Großbritannien be- stehen. primo üe Nivera unü üer 14. Juli. Ein gei'chmackloser Besuch. Theoretisch gilt das französische Nationalfest vom 14. Juli dem Gedenken jener revolutionären Ruhmestat des Volkes von Paris, das am 14. Juli 1789 die Bastille-Festung erstürmte und damit die große Revolution ins Rollen brachte. Praktisch bat leider mit der Zeit der französische Nationalfeiertag den inneren Zusanunenhang mit seinem geschichtlichen Ursprung längst verloren. Er ist immer mehr zu einem zwar volkstümlichen, aber auch r e a k- tionär- militari st ischen Festtag geworden, deni die große Truppenschau auf der Rennbahn von Longchamps das Gepräge vcr- leiht. Gegen diese Ausartung eines ursprünglich revolutionären Ge- denktages haben unsere Genossen und mit ihnen auch die link?- demokratisch gesinnten Teile des Bürgertums bereits vor dem Kriege protestiert. Ihr Widerspruch ist in diesem Jahre um so entschlossener und berechtigter, als unter den Ehrengästen der französischen Regie- rung neben dem Schattcnsultan von Marokko auch der spanische Diktator Primo de Rivera in Paris weilt. Die Anwesenheit Primos bei einem Fest, das eigentlich dem revolutionären Siege des Volkes über die absolutistische Tyrannei gewidmet ist, ist eine Herausforderung des gesunden Menschenverstandes. Es hätte nur noch gefehlt, daß auch Mussolini als Ehrengast der sranzösischcn Regierung am heutigen Tage in Paris weilte. Offenkundig hat sich Primo der Regierung Briand a n f g e- drängt, um)rtn wacklig gewordenes lnnerpolitisches Prestige durch den Hinweis auf die ihm zuteil gewordenen außenpolitischen Ehrungen zu erhöhen. Die französische Regierung hat jedoch alles Interesse daran, sich im Hinblick auf die kommenden internationalen Auseinandersetzungen über Marokko mit Spanien gut zu stellen. Italien macht Ansprüche geltend und versteckt sich hinter England. Hätte Briand, deni Zuge des eigenen Herzens folgend, dem spanischen Diktator zu verstehen gegeben, daß sein Besuch unerwünscht sei. dann würde er die spanische Regierung in einem Augenblick vor den Kopf gestoßen haben, wo er sie im diplomatischen Spiel um das künstige Mittelmeerstatut dringend braucht. So ist Priino an> Montagabend in Paris eingetroffen, von der Dolksmenge ausgepfiffen, die sich der wahren Tradition des 14. Juli besinnt. Die Nachricht dieser„stürmischen" Empfanges Primos durch die Pariser Bevölkerung wird auch, trotz aller Zensur, nach Spanien dringen und das spanische Volk darüber ausklären, w i e groß das Prestige seines Direktoriums im Auslände tatsäch- lich ist. Primos Rcchtfertigunksversuch. Paris, 13. Juli.(WTB.l General Primo d e R i vera äußerte sich gegenüber einem Vertreter des„Temps" über die von ihm seit Einsetzung des Direktoriums verfolgte Politik. Er suchte zunächst, die dem jüngsten Komplott gegen seine Regierung bei- gemessene Bedeutung zu entkräften, indem er erklärte, der von General A g u i l e r a gesührten Bewegung hätten sich nur vierzehn Ossiziere von mittelmäßiger Bedeutung angeschlossen(?). Wenn man die Führer dieses Komplottes streng bestrase und dem Grafen R o- manones eine seinem Vermögen entsprechende Geldbuße aufeilegt habe, so sei dies deshalb geschehen, um endlich mit den llmtrieben, die dos Ansehen Spaniens schädigten und den wirtschaftlichen Jnter- essen des Landes Abbruch täten, auszuräumen. Promo de Rivera stellte alsdann fest, daß die Beziehungen seiner Regierung zur Arbeiterklasse die denkbar bestens?) seien und juhr fort, man werfe der Regierung vor, die Freiheit unterdrückt zu haben. Ohne Zweifel habe man sie etwas eingeschränkt, doch müsse man den Zustand in Betracht ziehen, in dem sich Spanien im Sep- tember 1923 befunden habe. Es sei infolge eines verbrecherischen, durch viele Jahre hindurch ertragenen Regimes krank und blutleer geworden. Man könne nicht einen Kranken ausstehen, gehen, spicchen, trinken und essen lassen, wie es ihm beliebe, ohne das Ucbel unheilbar zu machen. Spanien sei ein Kranker und er und seine Mitarbeiter Spaniens Aerzte, und sie würden über diesem Kranken bis zu seiner vollständigen Genesung wachen. Sodann äußerte sich Primo noch über die Beziehungen zwischen Frankreich und Spanien und feierte oas von ihm und Briand am Dienstag unterzeichnete Abkommen über das Risqebiet als ein bedeutendes Werk, das die vollständige Befriedung Maroktos sicherstelle. Schließlich besprach er noch die Tangcrsrage und deutete an, daß Spanien gewisse Wünsche den übrigen Algcciras- möchten unterbreiten werde Zwijchen Briand und Primo ist eine endgültige Verständigung über das Schicksal Abb el Krim? erzielt worden: dieser wird, -wie jetzt amtlich mitgeteilt wird, aus der im Indischen Ozean östlich von Madagaskar liegenden Insel Re union interniert. Auch der Sultan von Marokko ausgepfiffen! Paris, 13. Juli.(WTB.) Der Sultan von Marokko ist heute nachmittag im Pariser Stadthaus offiziell empfangen worden. Wie Havas berichtet, haben sich einige Zwischenfälle ereignet. Als der Sultan in den großen Saal eintrat, ertönten von verschie- denen im Saale zerstreuten Gruppen Pfiffe und Ruse. Man ei kannte innerhalb dieser Gruppen mehrere der Kommunist!- s ch e'n Partei angehörende Zlbgeordnetc, Munizipalräte von Paris und Generalräte des Seinedepartenients. Als sich der Sultan in den Salon begab, in dem der Tee eingenommen werden sollte, be- gaun eine Gruppe die„Internationale" anzustimme». Der Gesang wurde aber von der Militärmusik und dem darauf einsetzen- den Beifall der Mehrzahl des Publikums übertönt. Die Ruhestörer wurden dann aus dem Saal entfernt.(Was mag der Sultan Moulay Düsses von der„Internationale" und ihrer Bedeu- tung wissen? Wahrscheinlich hat er sie sür ein Lied geholten, das ihm zu Ehren ebenso wie die anderen Musikstücke angestimmt wurde. Und vielleicht gilt sogar das Pfeifen in Marokko als eine besondere Ehrung! Red. d.„V.".) Der tschechoslowakische Generolslabschcs Gayda ist unter seit- samen Umständen seines Postens enthoben worden. Man spricht davon, daß die Maßregelung auf Verlangen Frankreichs erfolgte, weil er in Poris zugunsten Sowjetrußlands Militärspionage ge- »rieben hatte.(?) vorwärts-verlag G.m.b.h.,Serlin SM. 68, Lindenftr.Z Posti-hccktont»: Berlin M7 53»— Banftonto: Bank der Arbeiter, Anaeftclltcn und Beamten, Wallilr. 65; Diskanto-Sciclllchait. Dcoalitentatze Linden str. 3. deutschnationale und Ausländer Antlvort auf eine dcutfchnationalc Anfrage. Von Otto H ö r s i n g, Magdeburg. Durch den deutschnationalen Blätterwald, von der „Deutschen Tageszeitung" angefangen bis zum letzten deutsch- nationalen Kreisblättchen, ging in den ersten Iunitagen d. I. folgende Notiz: „Im Preußischen Landtage ist folgende dcutschnationale An- frage eingegangen. Nach dem Bericht der„Magdeburger Volks- stimme" hat der Oberpräsident von Sachsen, Hörsing, aus der Reichs- banner-Gcneralversammlung geäußert:„Es ist ein Skandal ohne- gleichen, daß zurzeit, wo zwei Millionen Deutsche erwerbslos sind, erlaubter- und unerlaubtcrweise sich etwa 400 000 ausländische Land- arbeitcr hier aufhalten dürstn und Arbeit haben. Die ausländischen Landarbeiter sind nur im Lande, weil sie Lohndrücker gegenüber den deutschen Arbeitern und willenlose Werkzeuge in den Händen der völkisch-deutschnationalen Junker und Agrarier sind." Herrn Hörsing muß als Obcrpräsidenten bekannt sein, daß das Gcsamtkontingent für ausländische Wanderarbeiter sür 1928 nur 130 000 beträgt. Billigt das Staatsministerium die verhetzenden Ausführungen des hohen Staatsbeamten? Was gedenkt das Stagtsministcrium zu tun, damit der Oberpräsident Hörsing auch in seinem auheramt- lichen'Auftreten der Verantwortung seines hohen Amtes gerecht wird?" Mit dieser sogenannten Anfrage soll die Wirkung meiner Rede abgeschwächt, die peinliche Wahrheit aufgehalten, ich selbst aber als ein Mann hingestellt werden, der, nur um zu verhetzen, die Unwahrheit hinausgeschleudert hat. Zwar wird am Schluß hingeworfen, ich sei a u ß e r a m t l i ch ausgetreten, aber die Staatsregierung solle mir, dem Landtagsabgeord- neten, dem Bevollmächtigten zum Reichsrat, dennoch einen Maulkorb anlegen. Um diesen Zweck zu erreichen, stellen die Deutschnationalcn sich, wie immer, düwmer als sie sind, fragen, nennen Zahlen und bestreiten indirekt etwas, was niemand besser weiß als sie selbst. Ob, wann und wie die preußische Staatsregierung die Neugierde der Deutschnationalen befriedigen wird, weiß ich nicht, ist auch nicht entscheidend. Entscheidend ist allein die Frage: wie sieht es in Wirklichkeit aus? Und da muß ich die Oeffentlichkeit um Entschuldigung bitten; denn meine auf der Bundesgeneralversammlung des Reichsbanners genannte Zahl von 400 000 ausländischen Arbeitern ist leider falsch: die Zahl der ziffernmäßig nachzuweisenden auslän- difchen Arbeiter beträgt nämlich mindestens 840 000, wahrscheinlich aber eine runde. Million und mehr, die in der Landwirtschaft zu neun Zehntel und in der Industrie zu einem Zehntel beschäftigt sind. Es ist beschämend und lächerlich zugleich, daß es keine ReichebeHürde, keine Landesbehörde gibt, die a u ch n u r a n- nähernd in der Lage wäre, über die im Reiche beschäf- tigten Ausländer Angaben machen zu können. Selbst die deutsche Arbeiterzentrale tappt völlig im Dunkeln— vielleicht nicht ohne Absicht— und schätzt nur, weil in vielen Ländern „Befreiunqsscheine" ausgestellt sind oder jede Kontrolle ab- geschafft ist. Selbst bei dieser Arbeiterzentrale stehen für das Jahr 1926 die Zahlen der beschäftigten ausländischen Arbeiter noch nicht fest, da leider immer noch sogenannte Nachbewilli- gungen auf Anforderung erteilt werden. Daß das Kontingent von 1925 bereits erreicht ist, steht fest, sicherlich wird es bereits überschritten sein. Im Jahre 1925 wurden 134 000 auslän- dische Vollarbeiter sür die Landwirtschaft und rund 112 000 ausländische Vollarbeiter für die Industrie zugelassen, zu- sammen also 246 000 ausländische Vollarbeiter. Diese Ziffer erhöht sich aber sehr beträchtlich: denn Bayern, Sachsen, Baden. Württemberg, Hamburg und Bremen haben das Le- gitimationsverfahren seit der Vorkriegszeit nicht mehr. Ich will ganz bescheiden die Zahl der in diesen Ländern beschäf- tigten Ausländer auf 60 000 schätzen(Kenner der Verhältnisse schätzen die doppelte und dreifache Zahl) und stelle nun fest, daß rund 300 000 ausländische Vollarbeiter ganz gesetzmäßig in Deutschland sich aushalten. Arbeit und Brot haben. Das mären also die, die e r l a u b t e r w e i s e sich in Deutschland aufhalten. Jetzt aber kommen die, die unerlaubter- weise sich hier aushalten, von den Aarariern bzw. deren Freunden verheimlicht, versteckt, gegen Gesetz und Vorschrift beschäftigt werden. Gelegentlich einer Suche nach Verbrechern im Kreise O st e r b ur g(Altmark) wurde im Januar dieses Jahres eine Razzia abgehalten und nur der kleinere Teil des Kreises abgesucht. Dabei wurden nicht weniger als 176 Polen fe st genommen, die sich unerlaubter- weise im Kreise aufhielten. Nimmt man an, daß restlos alle diejenigen erfaßt sind, die ohne A u s w e i s sich in der einen Kreishälfte aufhielten, dann sind im ganzen Kreise 352 Ausländer, die ohne Legitimation, also gesetzwidrig, im Kreise lebten. Der Kreis Osterburg hat nur sehr bescheidenen Großgrundbesitz, kommt für die Hackfrüchte— für die allein die Polen angefordert werden— wenig in Frage. Wenn man nun die Zahl von 350 Ausländern, die sich ohne Aus- weis hier im Kreise befanden, als die Mindestzohl für. alle 423 preußischen Landkreise zugrunde legt, dann wäre die Mindestzahl der zu Unrecht in Deutschland anwesenden Aus- länder 423 X 350_ 148 050. Diese Zahl dürfte aber höchstens die Hälfte von dem sein, was wirklich gegen Gesetz und Vorschrift sich an Ausländern in Arbeit hier aufhält. Ein genauer Kenner der Verhältnisse in Ostpreußen, Pommern, der GrenMark, Schlesien, Brandenburg, Mecklenburg usw. be- richtet mir auf Anfrage, daß alle größeren Bauernstellen und -guter von ausländischen Landarbeitern wimmeln, die Kontrolle aufgehört habe, ja durch die Agrarier völlig un- möglich gemacht werde. Was also in den Kreisen westlich der Elbe an dem Durchschnitt von 350 pro Kreis fehlen sollte, das wird in den Kreisen östlich der Elbe um das Vier- bis Zehn- fache überholt. Zu diesen zwei Kategorien, Arbeiter mit erlaubtem und unerlaubtem Aufenthalt, kommt aber noch die dritte kaum definierbare hinzu, die wohl das größte Kontingent stellt. Ge- zählt werden von den Behörden und der Arbeiterzentrale nur die Erwachsenen, die sogenannten Vollarbeiter, die naiürlich ihre Kinder, die nicht gezählt werden, mitnehmen können und anmarschieren lassen müssen, wenn sie Wert darauf legen, selbst in Arbeit genommen zu werden. Diese Kinder, von denen jedes sein Alter scheinbar selbst bestimmt und die oft nicht zur Familie gehören, also geliehen sind, sind aber nun so zahlreich, daß aus einen Erwachsenen mindestens drei Kin- der über 10 Jahre kommen. Kinder sind für das Verziehen und Bereinigen der Hackfrüchte rentabler als Vollarbeiter: denn meistens leisten sie infolge ihrer Beq�glichkeit dasselbe, wenn nicht mehr als die Vollarbeiter, bekommen neben der Verpflegung pro Tag nur Pfennige, fallen nicht unter die Sozialversicherung, kurz, diese Objekte der Aus- beutung sind die gesuchten Lieblinge der waschechten Teutonen und Germanen. Obgleich die Zahl der beschäftigten auslän- dischen Kinder mehr als doppelt so groß ist, will ich sie nur mit je drei auf einen Vollarbeiter— da ich die unter zehn Iahren nicht rechne, obgleich alle Kinder über sechs Jahre, teilweise noch darunter, beschäftigt werden— in Anrechnung bringen. Das aber ergibt 3 X 130 000= 390 000 vollarbeitende Menschen, die als Kinder behandelt und entlohnt werden. Und nun die Bilanz: 1. Behördlich zugelassene landwirtschaftliche Bollarbciter mit Legitimation............. ISO 000 2. In den Ländern ohne Legitimationsverfabren... 00 000 3. In Preuhen allein von den Agrariern versteckte Ans- länder ohne Legitimation.......... 148 000 4. Kinder tiber 10 Jahre, die die Arbeit der Voll- arbeiter leisten.............. 890 000 zusammen 728 000 Behördlich bewilligte ausländische Industriearbeiter.. 112 000 Summa 840 000 Das Tollste aber ist, daß nicht nur in Bayern, Sachsen, Baden Württemberg, Hamburg und Bremen die Ausländer nicht legitimiert werden, sondern daß die deutsche Arbeiter- zentrale Berlin, die ja für Preußen zuständig ist, in einem einzigen Jahre rund 100 000 ausländische Arbeiter mit söge- nannten„Befreiungsscheinen" versieht, die nun aus jeder Kontrolle und aus dem Genehmigungsverfahren verschwinden, dem inländischen Arbeiter nach jeder Hinsicht gleichgestellt sind. Diese 100 000 Arbeiter rechne ich mit Absicht nicht yinzu, da dieselbe Zahl deutscher Arbeiter im Auslande als Industrie- arbeiter tätig ist. Aber man rechne sich aus, wohin wir kommen, wenn dieses„Befreiungsverfahren" so weiter geht! Um nur einen Fall herauszugreifen: in der Provinz Sachsen und dem Freistaat Anhalt werden rund 28 000 »zugelassene" ausländische Landarbeiter beschäftigt, während nach Feststellung des Landarbeiterverbandes in diesem Gebiet r u n d 30 000 verheiratete, in den Dörfern ansässige Landarbeiter(Mann und Frau) mit mehr als 50 000 Kindern arbeitslos sind. Die erwachsenen Kinder der Landarbeiter aber liegen in den Städten vor den Mein Vater erlebt öas Meer. Von Alfred Hein. Es war für mich ein erschütternder Anblick, meinen Vater, der sechzig Jahre alt geworden ist, ehe er zum erstenmal die See sah, in das Wasser staunen zu sehen. Und dazu ist er noch Volksschul- lehrer, der seit vierzig Iahren seinen Schulkindern erzählen muß von den Wundern der Natur, also auch vom Meer. Die Berge, ja die kennt er, sie liegen nahe seiner oberschlesischen Heimat, die See aber hätte er wohl nie gesehen, hätte mich das Schicksal nicht seit Iahren hierher oerschlagen. Nun war er endlich auch einmal mich zu besuchen hierher an die Ostseeküste gekommen. Greise und Kinder erleben die Dinge eindringlicher als wir Mißtrauischen in der Mitte. Beide sind ohne Hast und sie schauen gemach in das Wunder. Wir modernen Dreißiger, Krieg und alles Mögliche sonst notkämpfend hinter uns, können nur selten noch er- beben. Die Alten aber haben ihre feste Burg in sich verteidigt mit allem Starrsinn und aller Kraft. Unsere Großstadtkinder von heute schauen eigentlich überlegener und skeptischer bereits die Naturwunder an, ja, da sie ein Auto gewöhnlich eher in ihrem Dasein als einen Garten bemerkten, betrachten sie die ganze Natur zunächst maschinell' gekünstelt und gehen erst aus dem Gegensatz zum Großstadt- Mechanismus in die Natur ein. Mein alter Vater aber erlebte das alte Wunder des Meeres. Er, noch ganz wie ein Mensch des vorigen Jahrhunderts, mit allen romantischen Gefühlen, stand lange vor dem blauen Wasserberg, der sich da gigantisch in schräger Bahn gegen den Himmel erhob, und sprach immer wieder seine Verwunderung aus, daß sich das Wasser himmelan wölbte-- ganz vergessend, wie oft er seinen Kindern als ganz natürlich das Wesen der Perspektive gelehrt. Jahrzahnte- lang aber hatte er die Vorstellung des Meeres als eines flachen Beckens, eines riesenhaften Sees ohne Ende, in sich getragen, nicht bedenkend, daß das Unendliche sich emporsteilen muß, wie ja auch der Himmel für unser Gefühl sich aufbaut und irgendwo im tiefsten Glau gleichsam seine unendliche ferne Spitze hat. Die frische Seeluft liebkoste die grauen Schläfen des alten Mannes und bräunt: das blasse Gesicht, das nur die schmutzige Rauchkuft der oberschlesischen Essen jahrzehntelang verspürt. An diesem Tage, da mein Vater zum ersten Male die See sah, war er noch einmal, das merkte ich an seinem jugendlichen Frohsinn und seinem erhelllen Blick, an ein Ziel gelangt. Das Leben hatte noch eioe Offenbarung für ihn. das große Meer mit seinem ewigen Wechsel der Farben und Formen, er nahm es wie ein großes, uner- wartete? Geschenk hin, dankbar und doch mit einem heiteren, ge- lassenen Ernst. Er verstand es noch, neue Kräfte aus den Ur. elementen der Natur zu saugen und sich kindlich daran zu freuen. Er hielt die Hand in das frühlingskaltc Wasser und benciste sich mit einer verstohlenen Feierlichkeit die Lippen, das Salz des Meeres kostend. Und er lag im Sande und lauschte dem Rauschen Arbeitsnachweisen herum und verkommen im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei oerlangen die Agrarier noch immer nach mehr Ausländern, die sie bis in die letzten Tage hinein nach- bewilligt bekommen. Mit dem Tariflohn des inländi- schen Arbeiters ist es aus, der deutsche Arbeiter fliegt auf die Straße, wenn der Pole oder der Ruthene auf dem Hofe ankommt. Auf Einzelheiten möchte ich heute nicht eingehen, aus der Fülle meines Materials aber folgendes feststellen: Ein gut deutschnationoler Agrarier beschäftigt mindestens 60 Proz., fein gut völkischer Nachbar aber gibt sich unter 80 Proz. aus- ländischer Arbeiter nicht zufrieden; ein Häuptling im Land- bunde aber sieht so aus wie jener mecklenburgische Groß- agrarier, der folgendes zu schreiben sich erdreistet: „Der Vorschnitter Wilhelm Kasch ist seit April 1925 bei mir als solcher tätig und verläßt am 1. März 1926 seine Stellung, da ich wieder nur mit Polen arbeiten will und er nicht polnisch sprechen kann. Kasch war während der Zeit seines Hierseins ein tüchtiger, fleißiger und treuer Vorschnitter und hat mit seinen Leuten viel Arbeit geschafft usw. Rittergut Radresch b. Oerzenhoff, den 14. Februar 1926. (Siegel.) gez. Hosfmann." Dieser Landbündler ist bei vollen 100 Proz. aus- ländischen Arbeitern angelangt. Der Entlassungs- schein ist eine Verhöhnung des deutschen Arbeiters in aller Form und zeigt mit brutaler Offenheit, wohin die Reise geht, nämlich zur restlosen Entfernung des deutschen Arbeiters und seiner Ersetzung durch willenlose Ausländer. Das Reich, die Länder, die Landwirtschaft, die Industrie, wir alle haben für zwei Millionen Erwerbslose, für weitere fast zwei Millionen Kurzarbeiter volle Beschäftigung zu suchen. Mit diesen Unglücklichen hungern ihre Angehörigen, rund 15 Millionen Menschen. Eine Million deutscher Arbeiter sind bei gutem Willen in der Landwirtschaft unterzubringen. Das Elend von vier Millionen Menschen kann beseitigt wer- den. Welcher echt deutschnationale Mann macht den Anfang? Severins. Braucht er wirklich einen Nachfolger? Die kommunistische Presie hat sich den Scherz erlaubt, an- gebliche Interna aus der sozialdemokratischen Landtagsfraktion zu veröffentlichen, die sich mit der möglichen Nachfolger- s ch a f t des Genossen S e v e r i n g im Ministerium des Innern beschäftigen. Jetzt nehmen auch bürgerliche Blätter von dem Gerede Notiz und erörtern die Frag«, wer den Genosien Scve- ring ersetzen solle, wenn sein Rücktritt vom Amt wirtlich einträte. Aus naheliegenden Gründen haben wir bisher zu diesen Veröffentlichungen geschwiegen. Denn obgleich Genosse Seve- ring seit längerer Zeit auf Krankenurlaub ist, obgleich die Er- schütterung seines Gesundheitszustandes infolge Ueberarbeit seit langem kein Geheimnis war, so ist doch immer noch zu hoffen, daß er bald vollkommen gekräftigt zurückkehren und fein Amt wieder antreten kann. Er hat in den sechs Jahren, seit er dem preußischen Innenministerium vorsteht, Uebermenschliches an persönlicher Arbeit geleistet und dabei auch in den schwierigsten Lagen seine Ruhe und seine Ueberlegenheit nicht verloren. Seine Sicherheit und die weder von rechts noch von liwks beirr- bare Entschiedenheit seiner Amtsführung hat ihm zwar den Haß der Reaktionäre wie der kommunistischen Derufsrevolutio- näre eingetragen, aber sie hat Preußen vor den Erschütte- rungen bewahrt, die Bayern und Sachsen, Thüringen und Mecklenburg erlebt haben. Darum brauchen wir Seve- ring auf seinem P o st e n um der ruhigen Entwicklung der Republik willen. Und wir hoffen deshalb mit allen Re- publitanern, daß Severing bald völlig genesen und sein Amt wieder übernehmen wird. Sollte eine Ausdehnung seines Er- holungsurlaubs notwendig sein, so wird niemand sie ver- des Meeres. Es war über ihm wie die Güte eines Gottes, die alle Verwirrung aus seinem Antlitz nahm und ihn mit einer wunder- vollen Abgeklärtheit schwebender Gefühle aus der Flügellahmheit des Alltags in die lichtzitternden Gefilde erhob, wie sie die Sonne und das Meer an grünen goldenen Dünen einem alten Volksschul- lehrer gern erzaubern, der ein Leben lang Begeisterung den aus- horchenden Kindern für die ewigen Wasser der Erde in Tausenden von Geographicstunden geweckt hatte. Und doch hatte er ganz falsche Vorstellungen von dieser Welt der Dünen und Wogen gehabt. Von all diesem hatte er gelehrt und bedeutungsvoll gesprochen, ohne es zu kennen, es sei denn aus den grauen winzigen Buchstaben- Wanderungen der Fibeln am geistigen Auge vorbei:.Selig sind, die nicht sehen und doch glauben." Wie meinem alten Vater die Macht des blauen rauschenden Meeres sich entgegentürmte in aller Ewig- kcit und Schönheit, da wurde es noch einmal geboren, geboren in dem seligen Hirzen eines Menschen. Staatsopernspieljahr 1925/26. In der Zeit vom 20. August 1925 bis 14. Juli 1926 wurden von dem künstlerischen Ensemble der Staatsoper 552 Abendvorstellungen, 10 Sinsoniekonzerte mit ösfent- lichen Generalproben(Mittagskonzerte), 2 Mittagsveranstaltungen und 1 Karfreitagskonzert durchgeführt. Von den 600 Bühnendar- biettmgen stammten 317 von deutschen und 283 von ausländischen. Komponisten. Zeitgenössische lebende Meister kamen mit 166 Dar- bietunaen zu Gehör. Der Spielplan umsahte 63 verschiedene Overn (eine Zahl, die bisher hier noch nie erreicht wurde) von insgesamt 34 Autoren(davon 13 lebende). An Erstaufführungen wurden 6, (Zigeunerbaron, Boris Godunoff, Wozzeck, Werther. Vogelscheuche. Dieb des Glücks), an Neueinstudierungen 9(Fidelio, Asrikanerin, Othello, Maskenball, Rienzi, Tannhäuser, Parsisal, Blaubart und Palestrina) herausgebracht. An zyklischen Veranstaltungen erschienen zweimal der„Ring der Nibelungen", eine Serie von 5 Parsisal- aufführungen, eine Richard-Strauß-Woche unter persönlicher Lei- tung des Meisters und ein 11 Abende umsasiender Wagnerzytlus. Das Ballett führte in 32 Veranstaltungen:„Pulcinella,„Vogel- scheuche",„Klein Idas Blumen",„Renaissance",„Spielzeugschachtel" und„Don Morte" vor. Die höchsten Aussührungsziffern erreichten Verdi(66). Wagner<63), Puccini(49). Richard Strauß(39), Johann Strauß(34) und Mozart(31). Es folgen dann Leoncavallo und Thomas mit je 23. Lortzing mit 22, d'Albert und Bizet mit je 19. Mascagni mit 18, Rossini und Mussorgsky mit je 14. Kienzl mit 12, Strawinsky mit 11 und Alban Berg mit 10 Ausführungen. Die neue Spielzeit beginnt am Sonntag, den 15. August, mit„Aida". Ende September geht als Erstaufführung Prokossiesfs„Die Liebe zu den drei Orangen" in Szene.(Dirigent Blech, Regie Holy, Ausstattung Aravantinos). Madrid wird wellstadt. Madrid soll jetzt mit Riesenschritten der Vollendung entgegcngeführt werden. So hat die Madrider Stadtverordnetenversammlung soeben von der geplanten 300.Mil- lionen-Pesetcn-Anleihe der Stadt für die zunächst in Angriff zu nehmenden Arbeiten 261 Millionen Peseten mit überwältigender Mehrheit bewilligt. Der Madrider„Imparci al" äußert dazu: .Madrid besitzt einen ausgedehnten Kranz von Vorstädten, in dem weigern können in Anbetracht der unschätzbaren Dienste, die et dem Lande geleistet hat. Bis jetzt ist die Frage seines Rücktritts noch keineswegs entschieden, und wir hoffen, daß es gelingen wird, ihn, falls er wirklich Rücktrittsgedanken hegen sollte, davon abzubringen. Voreilige Erörterungen über seinen möglichen Nachfolger sind deshalb fehl am Platze. Sollte die Angelegenheit aber wirklich einmal über das Gebiet der Konjekturalpolitik hinausgreifeir und praktisch« Entschlüsse notwendig werden lassen, dann er» warten wir, daß von der Sozialdemokratie in das Mirnsteriunr nur ein Mann entsandt werde, der das gleiche Vertrauen wie Severing genießt und über die gleiche Ruhe, Klarheit des Urteils und Festigkeit der Entschlüsse verfügt wie er. Lorläufig aber handelt es sich um Kombinationen, denen hoffentlich bald durch Severing selbst der Nährboden entzogen werden kann. Die Harüe ües Justizrats Claß. Aus der alldeutschen Berbandslistc Tchlestens. Breslau. 13. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Die„B r e s l a u e r Volksmacht" veröffentlichte am Dienstag einen Ueberblick iwee die eingeschriebenen Mitglieder des putschistisch eingestellten All- deutschen Verbandes des Iustizrats Claß in Schlesien. Daber ergibt sich eine erstaunliche Ausbreitung dieses Sammelbeckens aller Rechtsradikalen in der Verwaltung der Provinz Schlesien. Während: von führenden Parteipolitikern nur Leute des rechten Flügels der Deutschnationalen und der Völkischen, wie Freiherr v. Freytagh» Loringhooen, beteiligt sind, finden sich in der Mitgliederliste an hochgestellten Beamten z. B. der Landeshauptmann von Nieder- schlesien, Herr v. Thaer, der Breslauer Oberpost direkt or, der Breslauer Obertelegraphendirektor, ferner eine ganze Reihe von höheren Richtern und anderen höheren Beamten. Selbstverständlich fehlen auch die rechtsradikalen alten Offiziere nicht, sowie einzelne Vertreter der Ki r ch e, die sich allerdings auf die evangelische beschränken. Von bekannten Wirt- schaftssührern ist der Chef des großen Bankhauses E i ch b o r n in den Listen zu finden, ferner einer der führenden Leute der vor einiger Zeit auf Kosten der Republik sanierten Firma Gieschcs Erben. Geheimrat Ganse, dem ebenso wie dem Breslauer Landsshaupt- mann sehr enge Beziehungen zur Hofhaltung von Oels nach- gesagt werden. Die Mitgliederliste der schlesischen Alldeutschen be- findet sich in Händen unseres Parteiblattes, das damit einen guten Ueberblick über die Stoßkraft der Rechtsradikalen innerhalb der Bureautratie und des Unternehmertums zu geben oermag. Ein Ertappter. Seit einiger Zeit werden in A l t e n b u r g in der dortigen .Altenburger Zeitung" gegen die sozialdemokratische Stadtverwal- tung sortgesetzte schwere Anwürfe erhoben. In der Hauptsache richten sie sich gegen angebliche Mißwirtschaft im Wohnungswesen. Diese Angriffe verschärften sich von Woche zu Woche und der Artikel-. schreiber, der Redakteur Schneider, stellte die Behauptung aus. daß bei der Beschaffung von Wohnungen vor allen Dingen das Parteibuch ausschlaggebend sei. Besonders scharf war einer der letzten Artikel. Daraufhin wurde in einer Stadtratsitzung am 8. Juli eine Anfrage gestellt, was es mit diesen Behauptungen auf sich habe. Die Antwott, die der stellvertretend« Bürgermeister, der Beigeordnete H i r ch e, gab, war für den Attitek- schreiber niederschmetternd. Der Redakteur Schneider hatte bisher «ine Wohnung in Braunschweig inne, die er nun für 1000 Bl. verkauft hat. Dadurch ist ihm die Möglichkeil genommen worden, im Ringtausch eine andere Wohnung zu bekommen. Aber der Beigeordnete konnte auch einen Brief vorlesen, in dem Schneider erklärte. er werde seine Angrisse aus die Stadtverwaltung einstellen, wenn ihm eine Wohnung zur Verfügung gestellt werde. Ob das das Merk- mal der Erpressung ist, wird wahrscheinlich die Anklag ebe- Hörde zu entscheiden haben. Aber es ist auch die Frage auszu- werfen, ob die bürgerliche Iournalistenwelt einen solchen Ehrenmann überhaupt in ihren Reihen dulden kann., ich etwa 5000 Häuser befinden, die ohne jede Rücksicht auf Straßen- sluchtpläne aufgestellt sind und vollkommen der grundlegendsten An- tagen moderner Städtebautechnit entbehren: in Madrid leben mehr als 20 000 Kinder, die keinen Schulunterricht genießen können, weil es an Schullokalen schlt: desgleichen fehlt es in Madrid an Markt- hallen und Versorgungsinöglichkeiten, wodurch in der Lebensmittel- zufuhr geradezu skandalöse Zustände verursacht werden; Madrid besitzt keinen Strayenreinigungsdienst, der auch nur in irgendeincr. Verhällnis zur Bedeutung der Stadt und zu den Forderungen de- Städtehygiene lieht: 80 Proz. der Madrider Straßcnsläche sind ohne Pflasterung oder haben eine gänzlich unzulängliche Pflasterung: die Madrider Jugend wächst heran, ohne sich auf den so dringend er- forderlichen Grünflächen und freien Plätzen tummeln zu können. Infolge all dieser Umstände ist Madrid, das seiner Lage nach eine der gesündesten Städte sein könnte, eine Stadt mit einer Sterbeziffer von 21 pro Tausend(Berlin 12 pro Tausend), mit einem geradezu „semi-asrikanischcn" Satz von Analphabeten und, trotz der verhält- nismäßigen Gesundheit der spanischen Währung, eine der teuersten Städte Europas." Znkernationaler Kongreß für Rassenveredelung. In Paris findet gegenwärtig unter dem Vorsitz des Major Darwin, des Sohnes des bekannten Forschers, ein erster internationaler Kongreß für Rassen- Veredelung und Eugenik statt. Aus den Verhandlungen sind die Aus- führungen Darwins über die Folgen des Inzestes von besonderem Interesse. Der Redner stellte an Hand zahlreicher Beispiele die »These auf, das Ehen zwischen nahen Blutsverwandten, im Gegen- satz zu der herrschenden Meinung, durchaus zur Erzielung lebens- kräftiger Nachkommen führen können. Im übrigen hat sich der Kon- preß einstimmig für die Einführung des obligatorischen ärztlichen Zeugnisses ausgesprochen. Da« lateinische Alphabet im Orient. Die Reformbewegung zur Aufnahme des lateinischen Alphabets in den orientalischen Schrift- sprachen macht rasche Fortschritte. Die Bakuer Zeitung„Eni Iol", die sich für das neue Alphabet einsetzt und selbst in lateinischer Schrift gedruckt wird, hat ihre Auslage binnen kurzer Zeit ver- doppelt. In Armenien ist in sämtlichen türkischen Volksschulen das ateinische Alphabet eingeführt worden. In Azerbejdzan sind vor- äusig nur die Unterklassen der Voltsschulen zum neuen Alphabet übergegangen. Die armenischen Lokalbehörden bedienen sich bereit» ebenfalls des neuen Alphabets. Auch in Georgien macht die Der- breitung des lateinischen Alphabet- bedeutende Fortschritte. ver dlessährlge dnlsche Anlhropologentag. Die deutsche und die Wiener anthropologische Gcsellschast veranställen in diesem Jahre ihre K. gemeinsame Tagung zugleich mit der 48. allgemeinen Versammlung der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft in Salzburg vom 9.— 12. September. Ein sibirischer Schristslellerkongreh. der von 40 Teilnehmern besucht war. and unlängst statt. ES wurde ein Schristftellerverband begründet, der e» einen Mitgliedern besonders zur Pflicht macht, ibr« Themen aus dem sibirischen Leben zu wählen und sür die Massen zu schreibe». IvSrlerbuch der thtir aglschen Mundarten. Ein Wärterbuch der thü- ringischcn Mundarten wird von einigen Jenaer Gernianiflen und anderen philologischen Kreisen geplant, wie eS Ichon für andere Teile des- Reiche» vorliegt. Auch die KreiSarbeitSgemeinschast für Kunstgeschichte unterstützt diesen Plan zur Erweiterung und Bertiesuvg deutscher BoUSkunde. // Rote" Hewertsthafispolitik. Vom russischen Textilarbeiterverband. Seit Jahren versichert die kommunistische Presse, daß die Amster- damer Gewerkschaftsinternationale an den Interessen der Arbeiter- schast dauernd Verrat übe und daß die wirtschastliche Befreiung des Proletariats nur durch den Anschluß an die„Rote" Gewerkschaftsinternationale unter Führung Moskaus erhielt werden könne. Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt die letzte Tagung des russischen Text!!- arbeiterverbandes Bedeutung, die vor einigen Wochen in Moskau stattgefunden hat und über die sowohl das ofsizielle Gewerkschasts- organ„T r u d* wie die Wirtschastszeitung„E c o n o m i t s ch e- s k a j a S h i s n" um so ausführlicher berichtet haben, als es sich um eine der wichtigsten Industrien bzw. Gewerkschaften Sowjet- rußlands handelt. Alle die folgenden Angaben sind diesen ossi- ziellen russischen Quellen entnommen. Rein zahlenmäßig betrachtet, steht der russische Textil- arbeiterverband glänzend da, da sein Mitgliederstand mit 761 WO M i t g l i e d e r n am 1. Januar 1926 gegen 589 000 am 1. Januar 1925 nunmehr gZ.5 Proz. aller Organisationsfähigen umfaßt. Dieser hohe Prozentsatz dürfte aber wohl in erster Linie auf den staallichen Zwang(ähnlich wie er gegenwärtig in Italien zugunsten der faschistischen Korporationen ausgeübt wird) zurüik- zuführen sein, denn nach der Angabe des Zentralvorstan- des werden die Gewerkschaftsoersammlungen von höchstens 10 Proz. der Mitglieder, meist Jugendlichen unter 20 Iah- ren, besucht. Daß in dieser kommunistischen Gewerkschaft vieles faul ist, geht schon aus dem Geständnis des Zentraloorstandes hervor, daß inner- halb 18 Monaten, von Juli 1924 bis Januar 1926, nicht weniger als 374 Fälle von Unterschlagungen von Gewerkschaftsgeldern in einer Gesamthöhe von über 100 000 Tscherwonetz vor- gekommen sind, darunter über ein Drittel aller Fälle im Moskauer Wirt'»haftsbezirk. Dem Zentralvorstand wird von den Arbeitern vor- geworfen, daß er sowohl inder Lohnpolitik wie auch bezüglichdesArbeiterschutzesversagt habe. Ju seiner Verteidigung erklärt der Bericht des Zentraloorstandes, daß n u r eine Erhöhung der Arbeitslei st ung der Textilindustrie aus ihrer mißlichen Lage helfen könne. Der Bericht gibt je- doch zu, daß es ein Fehler des Vorstandes gewesen sei, den Wünschen des Staatstrustes ohne vorherige Rück- spräche mit den Gewerkschaftsmitgliedern zuzustimmen. Auch erkennt der Bericht an. daß„der Arbeiterschutz kein Ruhmestitel für die Gewerkschast gewesen" sei. Viele Fabriken seien a l t und ermangelten der elementarsten Einrichtungen(Ventilation, Kleiderablage usw.). AU- gemein herrsche widerwärtiger Schmutz, aber dafür sind, so sagt der Bericht, die Gewerkschaftsmitglieder ebenso verantwortlich wie die staatlichen Leiter der Industrie. End- lich führt der Vorstandsbericht zu seiner Entschuldigung an. daß d i e Leiter der staatlichen Unternehmen sich grundsätz- lich allen G e h a lt s w ll n s ch e n der Gewerkschaften ablehnend gegenüber verholten und den Abschluß von Zentraltarifverträgen zu verhindern und zu oerschleppen versuchen! Der Vertreter des Allgemeinen Russischen Gewerkschastsbundes Melnitschansky echob in seiner„Begrüßungsrede" gegen den Zentraloorstand des Textilarbeiterverbandes den V o r w u r s, daß er sich seiner Ausgabe nicht gewachsen gezeigt hätte. Die G e we r k s cha s t s a n g est e ltt e n hätten sich aus forma- listische und dureaukratische Arbeit beschränkt, anstatt die Fühlung mit den Massen in den Betrieben zu stichen, die gerade in der Textilindustrie notwendig gewesen wäre. Sie hätten weder Initiative noch Voraussicht gezeigt. Vor allem hätten sie den schweren Fehler begangen, zu vergessen, daß sie in erster Linie dazu da seien, die Znlercssen ihrer Mitglieder wahrzunehmen. Statt dessen hätten sie unterschiedslos stets nur die Politik der leitenden Stellen der Industrie untcrslühti Kein Wunder, daß die Diskussion über den Vorstaudsoericht sehr lebhaft war. Interesselosigkeit, Untätigkeit, widerspruchsvolle Anweisungen, das waren die chauptanklagen, die in fast allen Reden wiederkehrten. Ins- besondere wurde dem Vorstand in der Diskussion zum Vorwurs ge- macht, daß er keinen genügenden Wider st and den Be- strebungen der Unternehmungen entgegengesetzt hätte, die Ausgaben für Berufsfortbildung, Krankenpflege usw. auf ein Mindestmaß herabzusetzen, ja völlig zu streichen. Als Le'tniotiv tehrt m den Diskussionsreden immer wieder der Vorwurf, daß der Zentral- vorstand eine Politik der „Einheitsfront" mit den— leitenden Stellen der Industrie zum Nachteil der Arbeiterschaft betrieben hätte.— 3*i Abwesenheit des Verbandsvorsitzenden verl i.hte der S.'kretar die V o r st a n d s- Politik damit zu rechtfertigen, daß in den letzten zwei Jahren immerhin eine Lohnerhöhung von durch- schnittlich 21 Proz. erzielt worden sei. Demgegenüber wurde darauf hingewiesen, daß die Textillöhne immer noch um 17 Proz. hinrer dem Durchschnittslohn der Gesamt- arbeiterschaft zurückgeblieben seien. Aber die Unter- nehmerstellen sträubten sich gegen eine weitere Erholung, weil die Gesamtproduktion noch immer nur 50 bis 60 Proz. des Friedens st andes bei zweieinhalb bis dreimal so hohen Selbstkostenpreisen erreiche. Sie wollen diese Selbstkosten- preisedurch wesentliche cherabsetzungdersozialen L a st e n(Sozialoersicherung, Krankenpflege, Erholungsheime. Be- rufsfortbildung) senken. Dem Standpunkt der Arbeiter, daß eine Verbilligung mur durch Rationa'isierung erzielt werden könne, setzten sie die Ausfassung entgegen, daß auf allen Gebieten gespart werden müßte. Ganz besonder? Klagen wurden über die % furchtbaren Wohnungsverhällnisse und sanitären Anlagen in den Fabriten gesührt, ebenso über die aufgezwungenen Ueberstunden. In einzelnen staatlichen Textil- werken wird den Arbeitern Sonntagsarbeit„aus Sparsam- teitsgriinden" auferlegt. Wer sich nicht fügt, wird entlassen. Es wurden am Schluß des Kongresses zwei Resolutionen angenommen. Die eine wirst dem Zentraloorstand vor, daß er seine gewerkschaftlichen Aufgaben nicht zu lösen im- st a n d e gewesen sei und daß erzuspätdieTaktitder.,Cin- h e i t s f r o n t mit den Unternehmer st ellen" ausgegeben habe. Die andere Resolution richtet sich gegen das Verlagen der Kontrollkommission des Textilarbeiterverbandes. So sieht es also in einer der größten und wichtigsten Gewerk- schasten Sowjetrußlands aus. Daß die Unternehmer— in diesem Falle die„sozialistische Sowjetrepublik"— genau nach denselben Gesichtspunkten denken und handeln wie Borsig und die sonstigen Scharsmacher der deutschen Industrie— das nur nebenbei. Aber daß die„roten" Gewerkschaften ihre Hand dazu her- geben und dauernd verrat an ihren Mitgliedern üben, das beweist, daß sie in Wirklichkeit gar keine Kampf- organisationen des Proletariats im europäischen Sinn« des Wortes sind, sondern bestenfalls Schlichtungsorganisati o- n e n zum Ausgleich der Gegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Da die Gewerkschaftsführer und An- gestellten vom Sowjetstaat geistig und materiell ab- h ä n g i g sind, und da der staatliche Arbeitgeber seine Jnteresien mit derselben Rücksikb tslosigkeit verteidigt wie der europäische oder amerikanische Kapitalist, so können die russischen Gewerkschaften die Rechte und Fvvderungen der Arbeiterklasse gar nicht unabhängig vertreten. • Die russischen Gewerkschaften und die europäischen Kommunisten sind daher die letzten, die ein Recht haben, an den Amsterdamer Gewerkschaften Kritik zu üben. Und da im Zusammenhang mit dem englischen Bergarbeiterkampf von kommunistischer Seite neuerdings Stimmung für die sogenannte„Einheitsfront" mit der Roten Gewerkschaftsinternationale gemacht wird, muß man ganz kühl die Frage auswerfen, ob die russischen Gewerk- schasten als abhängige Werkzeuge des staatlichen Unternehmertums in Sowjetrußland überhaupt als gleich- berechtigte Arbeiterorganisationen im wahren Sinne des Wortes anerkannt werden können. Die tzochwafferschäöen. Erste Schätzungen. Hilfe Preußens und des Reichs. Beim preußischen Innenministerium sind nunmehr die ersten zusammenfassenden Berichte über die Hochwasser- verwüstungen in Preußen eingelaufen. Trotzdem sind genauere zahlenmäßige Feststellungen über den Umfang der Schäden noch nicht möglich. Ganz roh geschätzt, ist vielleicht eine Million Morgen Kulturland von der Ueberschwemmung heimgesucht und verwüstet worden. Ueberschlägt man den Schaden pro Morgen mit 100 Mark, dann würde sich danach der Gesamtschaden auf an- nähernd 100 Millionen Mark beziffern. Ein abschließendes Bild ist im Augenblick schon deshalb noch nicht möglich, weil neue Unwetterkatastrophen zu den alten Schäden hinzugekommen sind, so in Hirschberg, das besonders böse mitgenommen wurde, und im Eichsfeld. Ein zahlenmäßig genaues Bild über den Umfang der Schäden wird man nach der Auffassung des Innenministeriums günstigenfalls erst in etwa 4 bis 6 Wochen geben können, weil man ja auch erst zu Beginn der Ernte den wirklichen Schaden übersehen kann. Schließlich muß bei der Feststellung der Schäden genau vor- gegangen werden, damit nicht gewisse Elemente aus der Rot noch ein Geschäft machen und die Finanzen des Staates unnötig belasten. Für die erste Hilfe hat Preußen 3 Millionen zur Verfügung gestellt. Im Laufe dieser Woche werden von der Staats- regierung voraussichtlich weitere 3 Millionen flüssig gemacht werden. Mit dieser ersten finanziellen Hilse will man der Ver- fchleuderung von Vieh vorbeugen, die notwendigen Deichausbesse- rungen vornehmen und Futter für das Vieh beschaffen. Vom Land- Wirtschaftsministerium sind die Forsten zur Viehweide freigegeben worden: ebenso sind mit der Reichsbahn Verhandlungen ausge- nommen worden, damit zu ermäßigten Tarifen dos Vieh der Not- standsgebiete zum Teil nach geschützteren Weideplätzen transportiert werden kann. Vom R ei ch werden in diesen Tagen ebenfalls einige Millionen zur Finanzierung der Notstandsattion bereitgestellt. Man spricht von 3 Millionen. Das wäre verhältnismäßig wenig, da ja neben Preußen noch andere Länder von Hochwasser- und Un- wetterkatastrophen heimgesucht wurden. Reichsbannertag in Nürnberg. Vom 13. bis 18. August. Der Gau Franken des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold erläßt einen Aufruf an alle Republikaner zur Teilnahme am diesjährigen Verfassungstag des Reichsbanners, der vom 13. bis 15. August in Nürnberg stattfindet. Die Gauleitung hat alle Vorbereitun- gen fÄ eine gelungene Durchführung des Festes getroffen. Vor- gesehen sind u. a. ein Fackelzug, eine Beleuchtung der historischen Nürnberger Burg sowie ein F e st z u g durch die Stadt. Eine Fest- schrift wird für alle Gäste ein wertvolles Andenken bleiben. Sie enthält Artikel führender politischer Persönlichkeiten der deutschen und österreichischen Republik, historische Aufzeichnungen über Nürn- derg, Schilderung des herrlichen Rotheitburg o. d. T., der fränkischen Schweiz und des Frankenlandes. Die Monarchisten planen 14 Tage nach dem Verfasiungs- tag in Nürnberg eine Gegenkundgebung, zu der alle verfügbaren Prinzen und Prinzessinnen, Generale und ehemaligen Hofschranzen aufgeboten werden sollen, um den Eindruck, den das republikanische Nürnberg am 15. August hinterläßt, zu verwischen. Um so mehr Ps/icht aller Republikaner, dafür, zu sorgen, daß die Ver- sassungdstisr des Rnchsbamwes ein neues Ruhmesblatt im Kranz« 'dkl" Repuhlik wird. Bestellungen aus Festabzeichen und An- nieldungen zur Teilnahme sind zu richten an die Geschäftsstelle des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, Nürnberg, Weizenstraße 1. Das Neichsbanner am wiener Nathans. Dien, 13. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Am Dienstag vor- mittag besichtigten über 200 Angehörige des Reichsbanners das Wiener Rathaus, wo Genosse G l o e ck e l im Sitzungssaal des Gemeinderats einen Vortrag über die Aufbauarbeit der Wiener sozialdemokratischen Gemeindeverwaltung hielt. Da Genosse Gloeckel auch Vorsitzender des Stodtschulrats ist, erörterte er besonders ein- gehend die Schulreform der Gemeinde Wien. Nachmittags be- sichtigte das Reichsbanner unter Führung sozialdemokratischer Ab- geordneter das Parlament. Der Rest des Tages wurde zu Aus- flügen in die Wiener Umgebung verwandt. Am Abend versammelte sich das Reichsbanner aus Magdeburg auf dem Rathausplatz und begab sich in Begleitung des Schutzbundes zum Westbahnhof, um die Rückfahrt anzutreten. Die noch in Wien verbleibenden An- gehörigen des Reichsbanners besichtigten am Mütwoch die sehens- werten Neubauten der Gemeinde Wien: ein Teil fuhr mit der neuen Schwebebahn auf die Raxalp. Dreiste Verleumdung. Die Wahrheitsliebe der„Deutschen Illustrierten". Die„Deutsche Illustrierte", eines der„nationalsten" illustrierten Hetzblättchen, bringt in ihrer letzten Nummer zwischen Bildern vom„Kaiser in Doorn" und einer Filmaufnahme vom „Einzug der siegreichen Truppen 1871" einen Hetzartikel:„Vom Hochwasser, von Parteipolitik und Menschenliebe". Eine Notiz der „Deutschen Zeitung" vom 28. Juni, daß Reichsbannerleute ihr« Hilf« im Kampf gegen das Hochwasser oersagt hätten, mußte herhalten, um das Reichsbanner zu verdächtigen; es würde nur gegen gute Pfründe— Stundenlohn 1 Mark— seine Menschenliebe beweisen. Das Reichsbanner hat der„Deusschen Zeitung" ein« Berichtigung geschickt, die auch in der Nummer vom 3. Juli abgedruckt wurde. In einer eigenen Meldung gesteht die „Deutsch« Zeitung", daß die Reichsbannerleute bis zum Spätnach- mittag tätig gewesen wären, und nur weil ihnen kein Essen ge- geben wurde, aufgehört hätten zu arbeiten. Damit brach das Lugen- gcbäude zusammen. Daß„hunderte Morgen besten Landes ein' Raub der Wassermassen geworden sind", ist Schuld der Bauern, die ihre freiwilligen Helfer nicht mit den notwendigsten Gerätschaften versahen und außerdem noch hungern ließen. Trotzdem sicher der „Deutschen Illustrierten" der mit großer Ueberschrift verfehene zweite Artikel nicht entgangeen sein dürfte, gab fleHi« erste Meldung wieder. Es galt zu Hetzen und da ist diesem sauberen Blättchen jedes Mittel recht. Wenn dieses Blatt Beispiel« von„echter Menschenliebe" und „dem oerhetzenden Einfluß der Parteipolitik" auszeigen wollte, hätte sie aus den„nationalen Verbänden" viel durchschlagendere Beweise aufzählen können._, Die Reise des Reichsralsausschusse» nach Ostpreußen, an der der Reichsinnenmlnister sowie Staatssekretär W e i ß m a n n und Ministerialdirektor N o b i» vom Preußischen Staatsministerium teilnehmen, dient, wie wir hören, in erster Linie der Prüfung der wirtschaftlichen Lage. In Zlllenstein findet ein Vortrag des Vor- sitzenden des Ermländer- und Masurenbundes Regitzki über das Minderheitenproblem statt,. Um öen potemkin-Zilm. Protest gegen das Verbot. Das Verbot des Potemkin-Films findet, wie zu er- warten war, das stärkste Echo in der gesamten Presse. Bei der grundsätzlichen Bedeutung dieser Entscheidung der Filmoberprüsstelle, die mit der Wiedereinführung einer politischen Zensur' gleichbe- deutend ist, protestiert die gesamte Presse der Linken energisch gegen diese unhaltbare Entscheidung. Die Prometheus-Film- g e s e l l s ch a f t, die de«„Panzerkreuzer Potemkin" in Deutschland vertreibt, beabsichtigt gegen den Spruch der Oberprllsstelle beim Reichsinnenminister Protest einzulegen. Sie ist der Ansicht, daß das Verbot ungesetzlich ist, weil nach§ 4 des Lichtspielgesetzes die Widerrufung einer ausgesprochenen Zulassung nur erfolgen darf, wenn die Voraussetzungen der Versagung nach der Zulassung her- vorgetreten sind. Es ist aber in der Verhandlung festgestellt worden, daß nirgends Puhe, Ordnung und Sicherheit gestört worden sind. Im „Berliner Tageblatt" weist ein Mitglied der Filmoberprüsstelle, der dort als Vertreter der literarischen und künstlerischen Interessen zu amtieren hat, auf die Rolle hin, die der zuständige Dezernent des Reichsministeriums des Innern, Oberregierungsrat Mül- eisen, bei diesem Verbot gespielt hat. Er ist derjenige gewesen, der in der schärfsten Weise für das Verbot gearbeitet hat und auf den Leiter der Oberprüfstelle, Oberregierungsrat Dr. S e e g e r, der gleichfalls Beamter des Innenministeriums ist, in diesem Sinne ein- gewirkt hat. Jedenfalls kann es bei dem Verbot des Potemkin- Films unter keinen Umständen bleiben. Eine solche ungesetzliche nur vom Parteifanatismus geführte Entscheidung muß wieder auf- gehoben werden oder aber der Reichstag wird sich mit der ganzen Materie beschäftigen müssen. Wie jetzt bekannt wird, haben die Verhandlungen der Film- oberprüsstelle über 5 Stunden angedauert. Es ist dabei anerkannt worden, daß eine unmittelbare Gefahr im Sinne des§ 1 des Gesetzes für Sicherheit und Ordnung nicht vorliege. Die militärischen Sachverständigen haben sich aber auf das Argument versteift, daß durch den Potemkin eine Stimmung erzeugt werde, die unter Umständen einmal explodieren könne. Das ist eine ganz offenkundige Vergewaltigung des Wortlauts und Sinnes der Gesetzesbestimmung. Die Entscheidung der Oberprüsstelle ist an sich unappellabel, d. h. eine Berufung gegen sie ist nicht möglich. Bleibt nur noch die Möglichkeit, die Wiederzulassung eines ver- botenen Films auf Grund von vorgenommenen Aenderungen zu beantragen. Im allgemeinen find allerdings die Ansichten dafür sehr gering. Es muß deshalb das Eingreifen des Reichsinnenministers unbedingt oerlangt werden. Man kann gespannt sein, wie der Demokrat Herr Dr. Külz sich zu dieser entscheidenden Frage stellen wird. Waffensuche an falschem Ort. Nämlich in einer Parteibuchhandlung. In Harz gerode(Anhalt) erschienen eines Tages in unserer „Volrswacht">Buchhandlung zwei Landjäger und ein Polizist mlt der Mitteilung, daß bei der Staatsanwaltschaft eine Anzeige eingegangen sei, wonach von einem Auto mehrere schwere Kisten abgeladen worden seien, die Waffen enthalten sollten. Im Beiseln des Ge- schästsführers wurde den Beamten Keller und Boden gezeigt, selbst- verständlich ohne daß etwas Verdächtiges gefunden wurde. Die Buchhandlung hatte zu Ostern größere Sendungen von Schulartiteln bekommen. Ein ängstlicher Mitbürger hatte in diesen schweren Kisten Massen gewittert und die Staatsanwaltschaft alarmiert! Dazu schreibt unser Bruderblatt, die„Volksmacht", in Bernburg: „Wir wollen aber der Behörde zum Trost nochmals bekunden, daß unsere Buchhandlung eben eine Buchhandlung ist und daß wir n i ch t die Absicht haben, sie zu einem mitteldeutschen Munitionsdepot umzugestalten. Die Volkswacht-Buchhandlung, die sich besonderer Aufmerksamkeit in Harzgerode erfreuen muß, da schon zweimal in ihr behördlicherseits nach verbotenen Büchern gesucht wurde, verkauft vorwiegend Schulartitel und verabreicht auch sonst noch geistige Kost. Für Kriegshandwert haben wir kein Interesse. Wir kämpfen mit g e i st i g e n Waffen, was wir im übrigen auch allen anderen empfehlen. Wenn die Behörde Re- bellion wittert, so möge sie ihre Aufmerksamkeit auf Leutchen und Organisationen lenken, die nichts anderes kennen als die rohe Ge- walt." Immer üiefelben. Der demokratische Zeitungsdicnst meldet: Bei der A b st i m m u n g s f e i e r. die das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold in Deutsch-Eylau veranstaltete, sprach u. a. der demokratische Landtagsabgeordnete Dr. G r z i m e t- Königsberg. Unter stürmischem Beifall der Versammelten wies er darauf hin, daß diejenigen, die den neuen Staat fördern und alle Staatsbürger mit dem heißen Glauben an ihn zu erfüllen streben, sich nicht gefallen lassen werden, daß— wie in diesem Falle der Land- rat des Kreises Rosenberg— die politischen Beamten der Republik auf ihren Festen fehlen. Dr. Grzimck teilte dann mit, daß der Kammerherr von Oldenburg. Ianuschau vor kurzem bei einer Dentmalsein- weihung in Riesenburg sagte:„wir müssen stark bleiben und den Kampf gegen diese Parlamente weiterführen. Ich weiß, daß der alte Generalseldmarschall, wenn es an der Zeit Ist. die Kandare schärfer anziehen wird." Geste und Tonart des Ianuschauers ließen � keinen Zweifel darüber, daß der alte Kammerherr damit die D i k t a- tur meinte, GewerMastsbewegung Der /irdeitersthutzgefetzentwurf. Wnnn endlich wird er veröfsenllicht? Da? cwigi! Hinausschieben der Veröffentlichung des Arbeilerfchutzgefetzes bringt es mit sich, daß immer wieder b e u n- r u h i g e nd e Gerüchte über den Inhalt des Gesetzes auf- tauchen, Sa hieß es dieser Tage in einem Teil der Presse, daß der Referentenentwurf zum Arbeiterfchutzgesetz die Erhöhung der Arbeitszeit für Jugendliche auf 5, 4 bis bll Stun- den in der Woche vorgesehen habe. Und nicht nur die Arbeitszeit lalle auf zehn Stunden täglich erhöht, sondern auch die Ferien- a e i r i u t die Jugendlichen beseitigt werden, Wie wir dazu von maßgebender Stelle hören, entsprechen diese Gerüchte nicht den Tatsachen, Bon einer Ein- fchränkung des Urlaubs im Arbeiterschuggesetz fei keine Rede. Auch das Berussousbildungsgejetz, das noch vor dem Ar- beiterschutzgesetz dem Reichskabinett zur Entscheidung vorgelegt wer- den wird, beschäftige sich mit der Urlaubsregelung � aber auch diese Regelung bringe auf keinen Fall eine Verschlechterung des bestehen- den Zustandes. Das gleiche gelte von der Arbeitszeit der Jugend- lichen. Man habe zwar gewisse A u s n a h m c f ä l l e' vor- gesehen, allein im wesentlichen bringe das Gesetz eine V c r- besserung und keine Verschlechterung der geltenden Arbeitszeit- bestimmungen für die Jugendlichen, Verschlechterung der Arbeitszeit für die Jugendlichen und Kür- zung der Ferien wäre aber�auch ein zu tolles Stück. In der Praxis steht ja ohnehin in Tausenden von Betrieben, vor allem dort, wo nur wenig organisierte Arbeiter und Angestellte beschäftigt sind, die gesetzliche Arbeitszeit nur auf dem Papier. In Tausenden von Fällen werde» Urlanbskiirzungen von obenher einfach diktiert, weil die um ihre» Urlaub Bestohlenen in der Zeit der Massen- nrbcilslofigkeit es nicht wagen können, zu rebellieren. Urlaubs- Verkürzung und Arbeitszeitverlängerung ausgerechnet für die Jugendlichen nun auch noch gesetzlich festlegen zu wollen, wäre geradezu ein Attentat auf die Volksgcsundheitat' Hugo Flaschmann gestorben. Am 10. Juli verstarb in Berlin nach schwerem Leiden Genosse Hugo F l a s ch m a n n, Vorsitzender der Zentralkommission der Schriftgießer Deutschlands. Im Jahre 1856 in Halle a, d, S. ge- boren, wandte er sich schon frühzeitig den, freien Gewerkschaften zu, Von 1890 bis 1897 war er Kassierer des Berliner Schriflgießer- Vereins und gehörte auch dem Gauvorstand des Buchdrucker- Verbandes an, 1897 wurde Genosse Flaschmann �ils Vorsitzen- der der Zentralkommission der Schriftgicßcr Deutschlands gewählt. Dieses Amt hat er mehr als 20 Jahre ehrenanitlich und seit 1919 als Angestellter trotz seines hohen Alters mit Umsicht und Erfolg bekleidet. Als Spartenvertreter gehörte Hugo Flaschmann auch dem Zentralvorstand des Buchdrucker- Verbandes an. An den Beratungen des Hamburger Verbandstages im Jahre 1924 hat er noch regen Anteil genommen, während ihn Krankheit daran hinderte, am diesjährigen Vcrbandstag in Berlin ebenfalls teilzunehmen. Im vergangenen Sommer hat er den Streik der Schriflgießer für dos ganze Reich geleitet und diesen trotz der Hartnäckigkeit der Unternehmer zu einem günstigen Ab- schluß geführt. Aber nicht nur der Gewerkschajt, sondern auch der Partei hat der Verstorbene seine besten Kräfte gewidmet. Mit ihm geht wieder einer der Alten aus der Gewerkschaftsbewegung dahin, die am Aufbau mitgewirkt haben. Die Schriftgießer verlieren in Hugo Flaschmann einen klugen Führer und Berater, dem sie auch über das Grab hinaus ein treues Andenken bewahren werden. �if/I-Iunktionäre öer Metallinülistrie! Der Schlichter von Groß-Bcrlin hat entsprechend unserem An- trage den am 23. Juni 1926 gefällten Schiedsspruch für ver- bindlich erklärt. Demzufolge gelten die laut Schiedsspruch vom 29. September 192ö festgesetzten Gehälter b i s z u m 30. S e p- t e m b e r 1926 weiter. A s A- M e t a l l k a r t e l l. Günther. Lange. Rothe. Abwärts statt„Aufwärts". Düsseldorf. 13, Juli.(Eigener Drahtbericht.) Die hier er- scheinende Tageszeitung der Christlichen Gewerkschaften, der „A u s w ö r t s", der bereits im 7. Jahrgang erschien, hat� mit dem 12. Juli ihr Erscheinen eingestellt. In der Hauptsache haben wirtschaftliche Gründe das Eingehen des Blattes veranlaßt._ Die Solidarität der deutschen Hafenarbeiter. Zurückweisung unberechtigter Vorwürfe. lins wird geschrieben: Von den verschiedensten Seiten wird den Hafenarbeitern wegen ihres Verhaltens oirläßlich des eng- lischen Bcrgarbeitcrstreiks der Vorwurf des„S t r e i k b r u ch s" gemacht Mit dieser Frage beschäftigte sich deswegen eine K o n f c- renz der nicderrheinischen Hasen st ädte Duisburg, R c u ß, Düsseldorf und Köln a, R h. Gleich bei Beginn des englischen Generalstreiks traten die Vertrauensleute des Deut- scheu Verkehrsbundcs unter Hinzuziehung der örtlichen Verbände in Berlin zusammen. Es wurde damals beschlossen, den Aufforderungen der Internationalen Trans- portarbeiter-Föderation zu folgen und jede Ver- schiffung nach England zu unterbinden. Die Hasen- arbeiter der einzelnen Städte schlössen sich diesen Beschlüssen an und verschärften sie durch Verweigerung von Sonn- tagsarbeit und Ueberftunden, Während am 12. Mai unter dem Vorsitz von Edo F.im- m c n in Duisburg eine Konferenz über die weitere Durch- führung dieser Beschlüsse tagte, traf ein Telegramm aus Eng- l a n d ein, das den Abbruch des General st reiks meldete. Die Konferenz beschloß deswegen einstimmig, die endgültige Stellungnahme bis zum Eintreffen zuverlässiger Nachrichten z u vertagen. Am 17, Mai erhielten die Organisationen ein Tele- gram m F i m m e n s: „Wegen Wiederaufnahme der Arbeit durch die eng- tischen Eisenbahn- und Transportarbeiter sind am Dicnstagmorgen, 18. Mai, unsere I n st r u k t i o n c n hinfällig. Die der Internationalen Transportarbciter-Föderation angc- schlossenen Arbeiter, Seeleute und Eisenbahner können jetzt wieder ungehindert für uns auf englischen Schiffen arbeiten. Brief folgt/' Nach diesem Telegramm war e? den G e w c r k s ch a s t c n freigestellt, die Arbeiten ungehindert auszuführen. Die d c u t- i ch e n Hafenarbeiter haben(ich in diesem Falle lediglich de» Anordnunzen ihrer internationalen O r g a ii i s a- t I o n, die für sie allein zuständig ist, gefügt, Die Hasenarbciterkonfcrenz in Düsseldorf war deshalb einstimmig der Meinung, daß die Vorwürfe gegen die deutschen'Arbeiter vollkommen hinfällig sind. Nachstehende Resolution fand c i n st i in m i g c A»nähme: „Die am 8. Juli in Düsseldorf tagende Zusammenkunst der Ver- treter der Verwaltungsstellen und der Hasenarbeiter des rheinischen Gebietes nimmt Kenntnis von dem Bericht des Vertreters des Bundesvorstandes, Kollegen Dö r i n g- Berlin, über die Verhand- lunpcn der JTF. mit de» englischen Eisenbohnern und Transport- arbeitern über die Hilfe, die den englischen Bergarbeitern gebracht werden könnte. Die Kollegenschaft bringt zum Ausdruck, daß d i c �H a f e n- arbeiter in allen Fällen internationale oolida- r i t ä t geübt haben und dazu jederzeit bereit sind, unter Ucbernahmc der größten Entbehrungen, Sie halten es eben für erforderlich, daß zunächst di>c englischen Eisenbahner, Transportarbeiter und Seeleute die strengste Soli- d a r i t ä t zu üben haben, Die Kollcgenschaft stellt sich einmütig hinter die An- Weisungen des Bundesvorstandes und erneuert den Beschluß, sofort« in Aktion zu treten, sobald der Bundesvorstand dazu aufrust." Tagung öer öergarbeiterinternationale. Bochum, 13. Juli.(Eigener Drahtbericht,) Das Exekutivkomitee der Bergarbeiterinternationale tritt am 23. Juli in Paris zu-- sammen. Vom Deutschen Bergarbeitervcrband werden voraussichtlich der Vorsitzende H u s e m a n n sowie Schmidt und Dr. B e r g e r an den Verhandlungen teilnehmen, in deren Vordergrund die durch den englischen Bergarbeiter st reik geschaffene Lag: steht. Heute Borstandsberutung der Bergarbeiter. London. 13, Juli.(Eigener Drahtbericht,) Der Bergarbeiter- sekretär Co o k ist am Dienstag von einer Reife durch drei der wichtigsten Kohlcnbezirke nach London zurückgekehrt. Der Presse gegenüber erklärte er, daß nach der Auffassung der überwältigenden Mehrheit der Bergarbeiter jener Bezirke die Arbeit zuerst zu den alten Bedingungen wieder aufgenoinmen werden müßte, ehe an neue'Verhandlungen zwischen den Parteien überhaupt gedacht werden dürfe. Die neue Krise, die dadurch auszubrechen drohte, daß die Unternehmer von den mit den R o t st a n d s a r b e i t e n beschäs- tigten Bergarbeitern eine achtstündige Arbeitszeit ge- fordert hatten, ist vermieden worden. Der Bergarbeiter- verband hatte den Unternehmern unmißverständlich zu verstehen gegeben, daß er die Zurückziehung der Sicherungsarbeiter oerfügen werde, falls die Unternehmer auf dem Achtstundentag bestehen würden. Diese haben daraufhin ihre Forderungen zurückgezogen und zugestimmt, daß die vor dem 1, Mai gültigen Arbeitsbedin- gungen für diese Arbeiter bis auf weiteres gelten sollen. Der Vorstand des Bergarbeiterverbandes tritt am Mittwoch erneut zusammen, um sich über die Einberufung einer Delegierten- konfcrcnz schlüssig zu werden. Gleichzeitig tritt auch der General- rat der Gewerkschaften zusammen. Es ist zu erwarten, daß die seinerzeit aufgeschoben: Konserenz sämtlicher G e w c r t- schastsvor stände noch vor dem am 1. September stattfinden- den jährlichen Gewerkschaftskongreß abgehalten wird, nachdem eine weitere Hinausschiebung der Aussprache über den Abbruch des Gen erat ft reiks bis nach Beendigung des Bergarbeiterstreiks unmöglich geworden ist. isrcie Sc»>c.Isch<>stsii>acnd. Heutc. Mittioeck. Ubr. tagen die Gruppen: RenlSIln 1: Iuaenddcim«crqftr. SS. Sok, Vortrag:„Die internalioiiaic Ge- wkrtslt,af:sbtwroung".— s-töncberg: Iuaendticim Rudensltraste löporlpla«,). Wir singen. langen und spielen,— Südwesten: Jugendheim Bärwaldstr.«i-I. Portrag:„Das Recht des ireien Rrdeiiers".— Ra'den: Jugendheim Garten. r!ah tz Diskussion:„Zweck und Ziele der ssGI,"—«otdting: Jugendheim Sberswalder ctr. in. Vortrag:„Was will die Mädchenlommission?"-- Gha» lottenburg: Jugendheim Perliner Str. IZ7, Deutscher ltrantentassenvcrhgnd. Sosemann kommt. Lustiger Rbend— Die Gruppen Landsdcrger Plah, izeank» surter Allee und Mitte irefscn sich»um Spielen im szriedrichskai»(Plah 4). Die Gruppe Lichtenberg spielt im Treptower Part lSpielwiesc l). tzcrncr spielen die Gruppe» Gesundbrunnen und Wedding im Schillerpark, Echiiler- wiese. Iugendgruppc de» ZdA, Heute. Mittwoch, 7>.: Uhr. Peranstaltungemfllr fol- geendc Adleilungen: Lichtenberg: Jugendheim Schule Gosilersitasic Iii, Vor» trag:.Die Perussschulc",— Reukblln: Zugendhein, Rogatstr. SZ.— Bcdding. Gesundbrunnen: Jugendheim Echönsledtstr, 1 sLcdigenheim, b Treppen). Bor» trog:„Die Lehren des englischen Streiks". Verantwortlich für Politik: Ernst Reuter: Wirtschaft: Artor Saternu,: Gcwerkschoslsbewegung: gr, Stikorn: ileuilleton: Dr. Zahn Schikow»Ii: Lokales und Sonstiges:>7rjl> Rarftädt: A»»ciacil: Tb. Glocke: sämtlich in Berlin. Lerlag: Vorwärts-Bcrlaa G.m.b.H., Berlin. Druck: Vorwärls-Buchdruckerci und Lerlaasanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SW BS. Lindcnstraüe 3. Hierzu 2 Beilagen«nd..Unterhaltung«nd Wissen". 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Schon in langen Friedenszeiten gab es in dem damals viel kleineren Berlin eine größere Anzahl von Hausverwaltern, die hauptsächlich den Kreisen unterer und mittlerer Beamten entnommen wurden. Sie hatten keine wesentlichen Machtmittel, waren eigent- lich nur ZNietekassierer und wurden, wie der Hansreiniger, mit dem Erlaß eines Teiles der eigenen Miete entlohnt. Der Hauswirt griff zu diesem Mittel nur dann, wenn er in größerer Entfernung von seinem Hause wohnte oder durch andere Geschäfte stark in Anspruch genommen war. Er behielt sich in allen wichtigeren Angelegenheiten die Entscheidung vor. Heutzutage entziehen sich außerordentlich viele Hausbesitzer, weil sie die Abneigung der Mieterjchoft gegen die Wirtschaftspolitik des Besitzstandes nur zu genau kennen, dem unmittelbaren Verkehr mit ihren Mietern und stellen den gewöhn- lich mit weitgehenden Vollmachten ausgerüsteten Verwalter als Äugelsong hin. In der Inflationszeit sagte der Vorsitzende eines Hausbesigervereins auf die Frage, warum er sein Haus für ein paar lumpige Popiermillienen verkauft habe:»Weil ich keine Lust hatte, mir zur Kontrolle eine Wieteroertretung aus die Ttase sehen zu lassen." Auch ein Standpunkt, wenn man dabei für ein Butterbrot seine immerhin wertvolle Substanz verschleudert. Aehnlich sind die Gedankengänge bei den Hausverwaltungen. Mag sich doch der ver- walter mit den Mietern herumärgern! So haben wir gegenwärtig allein in Großberlin, gering geschätzt, mindestens sechs- bis siebentausend Hausverwalter, die als solche zum Teil im Hauptberus tätig sind, wenn ganze fiäuserblocks unter ihrer Aussicht stehen. Zu dieser Vermehrung hat natürlich die Inflationszeit mit dem unseligen Ver- kauf fast des halben Berliner Hausbesitzes an Ausländer sehr stark beigetragen. Einige Ausländer, die den wertvollen Grundbesitz so- zusagen für sechs Dreier erworben, kommen allmonatlich nach Ber- lin, heimsen die Goldmieten ein und kümmern sich wenig oder gar nicht um die Erhaltung der Substanz, soweit nicht die Baupolizei energisch dazwischenfährt, aber die meisten haben die Verwaltung in die Hand großer Konzerne gelegt, die natürlich, um für sich selbst hohe Verwaltungsgelder herauszuschlagen, auch gerade nur die not- wendigsten Instandsetzungen vornehmen lassen und für das Wohl der Mietcrschaft so gut wie gar kein Interesse zeigen. Es gibt in Berlin selche Konzerne, die"grüße Bareäns unterhalten und gleichzeitig mehrere hundert Berliner hänser verwalten. Neben diesen Massen- Verwaltungen, die in keiner Weise befriedigen, ist das Angebot zu Hausverwaltungen für Inländer andauernd groß. Recht bezeichnend ist dabei, daß vor einiger Zeit selbst der Landtagsabgeordnete Ladendorfs warnte vor dem Köder der Bewerber, große lieber- schösse herauswirtschasten zu wollen. Je höher der Ueberschuh, um so mehr verfällt die Substanz und um so weniger kommen die Mieter zu ihren Rechten. Reu ist serner gegenüber den Friedensoerhält- nisten die Verwaltung durch Hausbesitzer, die mangels ausreichender Hausrente zu einem Nebenberuf gezwungen sind. Nicht mehr ganz selten sind auch Frauen als hausverwalterinnen, die im allgemeinen ihre Sache gar nicht schlecht machen. Undankbare Arbeit. Wer da glaubt, mit einer größeren Hausverwaltung einen netten und fetten Ruheposten übernehmen zu können, irrt sich gewaltig. Viele, die sich anbieten, erweisen sich bald als gänzlich ungeeignet, besonders wenn sie der Arbeit möglichst aus dem Wege gehen und obendrein von den verzwickten Bestimmungen des geltenden Miet- rechtes nur eine schwache Ahnung haben. Hier liegt der Grund des häusigen Wechsels, der nachteilig auf die Mieter zurücksällt. Man erhofft von jedem neuen Verwalter mehr Verständnis für die be- rcchiigtcn Wünsche der Micterschaft, aber einer nach dem anderen versagt. Mitunter wird sogar stürmisch von den Mietern die Ab- sägung eines Verwalters gefordert. Tritt aber einer wirklich mit bestem Willen zu ersprießlicher Tätigkeit sein Amt an, so hat er eine Unmenge von Widerständen zu überwinden, ehe die Arbeit wahre Freude macht. Man stelle sich doch vor, daß es in mindestens 90 Proz. aller Berliner Häuser, solche in Berlin WW. nicht ausge- schlosten, noch lange nicht so aussieht, wie es aussehen soll. Vielen Hausbesitzern, die über ihre„Entrechtung" grollen, müssen die nötig. sten Instandsetzungen förmlich abgerungen werden. Es ist nicht zu- viel gesagt, daß es noch zahlreiche Mietkasernen gibt, in denen fast sämtliche Wohnungen schwere Versallschäden ausweisen. Die Mieter, die in die eigene Tasche greisen können, um mit Farbe und Tapeten wieder einen menschenwürdigen, wohnlichen Zustand herzustellen, sind natürlich bei der heutigen Wirtschastsdepression weit in der Minderzahl! Die Mittellssen müssen in Unordnung weiterleben und können sich oft nicht retten vor Ungeziescr, dem der Versall die Tür öffnet. Da steht dann auch der Verwalter vor Augiasställen und vor herkulesarbeit, die sich ohne Geld, viel Geld, nicht meistern läßt. Daß sich aus diesen scheußlichen Verhältnissen fortwährend Reibereien entwickeln, liegt aus der Hand. Schließlich machen auch die Behörden den Verwaltern das Leben sauer. Im Frieden wurde nicht der zehnte Teil amtlichen Papiers, wie heute für den Haus- besitz verschrieben. Es regnet noch immer behördliche Anordnungen, die fast schon in jedem Monat die Umstellung der Arbeit erfordern und die Mieter.verwirren und verärgern. Das ist in so schwierigen Wirtschaftszeiten leider noch ein notwendiges Uebcl. Die Mieier- schaft kann eben bei allem Schutz, den ihr die Gesetzgebung und namentlich die sozialdemokratische Parlamentsvertretung angedeihen läßt, nicht übersehen, was für die Bedürfnisse des Staates und der Gemeinden unumgänglich nötig ist. Ireunö oder Jeind! Die durch die Zeitoerhältnisse empfindsam und mißtrauisch ge- wordene Mieterpsyche hat von vornherein sür keinen Hausverwalter 1 Mittwoch, 14. Füll 1426 x yi-.xli 1 besondere Beliebtheit übrig. Man sieht in ihm, obwohl oder gerade weil er doch auch nur Mieter ist, den Söldling des Hausbesitzcs, den Aufpasser mit der Aufgabe, freiheitliche Gelüste der Mieter möglichst einzudämmen. Die Verallgemeinerung, zwar aus der Zeit heraus einigermaßen verständlich, sollte aushören. Erst abwarten, sehen— und dann urteilen. Zweifellos gibt es Hausverwalter, die wenig angenehm sind. Viele haben nur den eigenen Vorteil im Auge und machen sich schnell unbeliebt durch die gebundene Marschroute, gegen- über allen Forderungen der Mieter kühl bis ans Herz hinan zu bleiben. Solche Verwalter handeln wohl meistens auftragsgemäß, müsten sich aber dann auch die Rolle des Prügelknaben gefallen lasten. Der allzu Energische, vielleicht ein ehemaliger Feldwebel, der immer noch den Kaserncnhofton sich nicht abgewöhnen kann und alles mit der Bravour erledigen will, wird ebenfalls bei Mietern, die sich ihrer Rechte bewußt find, keine Seide spinnen. Die unan- genehmste Type ist aber der„Pflaumenweiche", der„falsche Fuszi- ger", der sich stets in Deckung hält, alles mögliche in die Augen hin- ein verspricht und hinterher faule Ausreden an der Strippe hat. Von diesen unerfreulichen Ausnahmen abgesehen, gibt es aber doch noch genug ältere und erfahrene Hansverwalter, die für ihren ver- cntwortungsvollen Berus ein mehr angeborenes als erlerntes Geschick mitbringen. Sie beherrschen die technischen Seiten ihrer Aufgaben, verstehen oft ausgezeichnet die schiedlichsriedlichc Einführung in die nicht auf Rosen gebettete Mieterpsyche und lehnen es vor ihrem Gewisten streng ab. den Mietern zu verweigern, was sie nach Recht und Gesetz zu verlangen haben, wenn— das nötige Kleingeld vor- Händen ist. Zwar geht es ohne gewisse Strenge, ohne Ordnung, die nicht zum Ordnungsfimmel ausartet und sich an Kleinigkeiten fest- beißt, nicht ab. Der beste Hausverwalter, der vom Begriff des „Prozcßhansel" weit entfernt ist, kommt im heutigen Mietrecht ohne das Gericht nicht ganz aus. Er ist gegen unverschuldet Notleidende nachsichtig bis zur äußersten Grenze und wird auch Schuldige mit Hilfe eines Räumungsprozestes nicht auf die Straße setzen lasten, wenn sie unter der Räumungsgesahr wenigstens nachträglich ihren Verpflichtungen nachkommen.' So ist es durchaus möglich, unpar- teiisch zwischen den Parteien zu stehen, ohne die Interessen des Auf- traggebers zu verletzten. Die das können, sind pflichterfüllte, ge- wisscnsehrlichc Freunde der Mieter und gleichzeitig gute Sachwalter, während die anderen, die sich als Vize-Herren betätigen und den Unfrieden nähren, als Begünstiger des Verfalles von Häusern und als die Feinde der Mieterwohlsahrt bezeichnet werden müsten. * Man hat neuerdings daran gedacht, eine Art Fachbildungsschule für Hausverwalter ins Leben zu rufen, um Untüchtige auszumerzen. Die Fachkenntnisse allein machen noch lange nicht die Tüchtigkeit aus. Wichtiger ist der psychologische Einschlag. Jeder, der sich zu solcher Tätigkeit hingezogen fühlt und Vertrauen ernten will, muß in sich die Erkenntnis des Dichterwortes tragen: Ich bin ein Mensch, ich denke dran, gcbannet in die Schranken enger Menschlichkeit.... nichts Menschliches liegt fern mir, mir wie euch. Die Kommunisten und die„Bote hilft" veranstalteten am gestrigen Abend aus dem B ü l o w p l a tz eine Protestkundgebung gegen die jüngsten Zuchihausurteile des Reichsgerichts gegen kom- muniftischc Arbeiter, sowie gegen den Budapester Prozeß gegen Rakosi und Genossen. Eine Berliner Korrespondenz hatte die Be- fürchtung geäußert, daß es angesichts der erregten Stimmung, die die Vorkommnisse vor dem Arbeitsnachweis in der Gor- mannstraße hervorgerufen hatten, bei dieser Kundgebung zu Ausschreitungen kommen würde. Bis in später Abendstunde war jedoch von irgendwelchen Unruhen nichts bekannt. Nach der Kund- gebunjf, in der mehrere Redner sehr heftig gegen die deutsche Justiz und die ungarischen Gewaltmethoden protestierten, zogen die Demon- stranten ab. In den Abendstunden lag der Bülowplatz völlig ruhig da. Auch in den anliegenden Straßen war von irgendwelcher Er- regung nichts zu merken. Der Wobbly. 31� Don v. Traven. Copyright by Buchmeilier-Dnlag. Berlin und Leipzig. Nebenher wurden unausgesetzt die zwei- und dreijährigen Kühe ausbloctiert. Die Ochsen und die übrigen Stiere. Ich sah mir jedes einzelne der Tiere an, ob es gesund sei, dann kamen alle in eine große umzäunte Weide, damit die, die den Transport mitzumachen hatten, wußten, daß sie zusammen- gehörten. Als wir etwa dreihundert blockiert hatten und sie in der Sperrweide waren, hielt ich die Stiere für reif. Ich jagte sie in die Sperrweide, und hier ging der Eni- scheidungskampf, wer der Leitstier sein würde, los. Die keinen Wert darauf legten, Herrscher zu sein, drückten sich soweit wie möglich. Fünf kämpften sich aus. Der Sieger raste, noch schwer blutend, gleich auf eine der schönsten Kühe, die sich schon erwartungsvoll herangedrängt hatten. Die übrigen Stiere mußten wir sofort doktern. Als der Sieger ausgetobt hatte und wieder Vernunft annahm, bekam er auch seine Medi.zin. Denn wenn man die Wunden nicht gleich behandelt, dann sind in ein paar Tagen dicke Würmer drin, und die wieder herauszukriegen, dauert lange. Inzwischen kann das Tier draufgehen. Fängt es an zu magern, setzt eine andere Gefahr ein. Dann wird es von den Zecken bei lebendigem Leibe auf- gefressen. Die Zecken gehen hauptsächlich an magerndes Vieh, an gesundes gehen sie nur in kleiner Anzahl/ die sich leicht bekämpfen läßt. � Als wir die tausend Köpfe ausblockiert hatten, gab mir Mr. Pratt fünf draus als Krankgut. well zwischen tausend Stück Vieh immer einiges sein mochte, das krank war, ohne daß man es gleich sah, und das den Transport nicht aushielt. Dann bekam ich hundert Pesos Wegegeld und einige Schecks, die ich unterwegs einlösen durfte, wenn mir Geld fehlte. Ferner erhielt ich den Lieferschein und endlich eine Karte, eine Land- und Wegekarte. Von dieser Karte, obgleich sie eine amtliche Karte war, will ich besser nicht sprechen: denn auf eine Karte aus Papier tara man alte mögliche zeichnen: Wege, Zwßläuje. Vörser, Städte,©rasflächen, Teiche, Gebirgspässe und was sonst nicht noch alles. Das Papier weigert sich nicht, das alles aufzu- nehmen. Aber was darauf gezeichnet ist, braucht noch lange nicht in Wirklichkeit auch da zu sein. Ich habe auf Reisen Karten gehabt, amtliche Karten, die als die besten galten. Da war eine Stadt mit Namen drauf gezeichnet. Als ich zu der Stelle kam, war noch nicht einmal eine Indianerhütte zu finden. Die Stadt war vor zwanzig Iahren geplant worden und wurde seitdem in jeder Karte geführt, obgleich nie jemand daran ging, sich dort niederzulasien. Das wäre auch nicht gut gegangen, well da meilenweite Sümpfe und Moräste waren. Böser ist es schon mit solchen Sachen, die nicht auf die Karte gemalt sind, die aber in Wirklichkeit vorhanden sind, und, was das Allerschlimmste ist, ganz unerwartet vorhanden sind. Es ist unangenehm, wenn man denkt, man kommt in ein sandiges Gelände und verschwindet mit seiner ganzen Herde in einem Sumpf. Und es ist ebenso peinlich, wenn auf der Karte eine schön grün gemalte Prärie eingezeichnet ist, und in Wahrheit ist es eine weite Sandwüste oder ein unwegsames Felsengebirge, das man zu kreuzen hat. Reist man allein, so ist das schon widerwärtig genug. Reist man aber in Be- gleitung einer Rinderherde, für deren Wohl man verantwort- lich ist, so fängt es an, tragisch zu werden. Die Herde will essen und trinken, sie soll kein Gewicht verlieren, sondern zu- nehmen. Und am zweiten Tage fängt das arme Vieh in seinen Durstqualen an zu brüllen, daß man nur gleich so mitbrüllen möchte aus Mitleid. Wären die Karten aber wieder gut, so gut wie sie in den alten dichtbesiedelten Ländern sind, dann könnte man solche großen Herden nicht züchten und nicht transportieren. Mr. Pratt hatte zwölftausend Stück Rindvieh, und er war nur ein kleiner Züchter. Denn wie sollen gute Karten gemacht werden, wenn weder das Geld dafür vorhanden ist, noch die Bevölkerung, die ein Bedürfnis für solche Karten hat? Die großen Minen- und Oelkompagnien machen sich ihre Karten selbst, aber nur gerade die Distrikte, wo sie interessiert sind, und in diese Karten zeichnen sie nur eben das ein, was für die Kompagnie speziellen Wert hat. Im Verhältnis zur Größe des Landes sind diese Distrikte nur Pünktchen auf der Karte. Ein Kompaß war für meine Zwecke ohne Nutzen, weis er nicht das sagt, was man wissen will, und das ist: Wo sind die Weiden? Wo ist Wasser für tausend Köpfe Vieh? Wp sind die Pässe über die Gebirge? Wo sind die Furten durch die Ströme? Drei Packmulas nahm ich mit mir und Medizin, um krankwerdendes Vieh zu doktern, Kreolin, Alkohol, Salbe und eine Eisensäge, falls Hörner gekappt werden müssen. Denn die Hörncr des Viehs unterliegen hier denselben Krankheiten wie die Zähne der zivilisierten Menschen. Die Fäule frißt im Innern des Harnes, und das Tier magert ab, weil es vor Zahnschmerzen— richtiger Hornschmerzen— nicht mehr frißt. Mit Mrs. Pratt war ich in den Tagen, die wir für da-j Ausblockieren und Vorbereiten des Transportes brauchten, sehr gut Freund geworden. Sie war keineswegs ein solcher Hausdrachen, wie sie am ersten Tage erschienen war. Ganz im Gegenteil, sie war ein lustiger Bursche, immer«rgnügt und guter Dinge. Sie hatte die Banditen bekämpft wie ein alter Rancher. Jetzt, in den letzten drei Iahren, kam es nur ganz selten vor, daß sich Banditen auf dem Rancho sehen ließen, aber vordem war beinahe jede Woche was los, und das Ranchohaus zeigte Dutzende von Kugellöchern. Fluchen konnte Mrs. Pratt, daß es eine Freude war, ihr zuzuhören. Das ging bei jedem zweiten Wort„8on of a bitch",„Bastard".„F-ing Injnn", F-veself" und was der schönen Dinge mehr sind. Auf einem solchen Rancho ist es ja nun verflucht einsam und die Nächte sind lang. Selbst im Hochsommer ist es um sieben Uhr stockfinster, weil es Dämme- rungen nicht gibt. Und man konnte es Mrs. Pratt nicht ver- denken, daß sie das Leben so intensiv lebte, wie es das Dasein auf einem Viehrancho nur zuläßt. Wie soll so eine arme Frau die überschüssigen Kräfte, die ihr verbleiben, weil sie nicht im Dorfe oder in der Stadt den ganzen Tag mit den Nachbarn Herumschwatzen und klatschen kann, verwenden? Sie flucht wie ein alter Steuermann eines Klippers. Und alles ist „Hurensohn", ihr Mann, ich, die Indianer, die Fliege, die in die Kaffeetasse fällt, das Jndianermädchen in der Küche, der Finger, in den sie sich geschnitten hat, die Henne, die auf den Tisch flattert und die Suppenschüssel umwirft, ihr Pferd, das zu langsam läuft, na, kurz: jedes lebende und leblose Ding zwischen Himmel und Erdmittelpunkt ist ein Hurensohn. (Fortsetzung folgt.) die Ausammenstöße in öer Gormannstraße« Starke Ucbcrtreibungen.— Nur eine Verhaftung. Die Zusammenstöße vor dem Arbeitsnachweis in der Gormann- straße, die sich in den ersten Nachmittagsstunden wiederholten, geben den gestrigen Spätabendblättern Gelegenheit zu fetten Ueberschristen auf der Titelseite. Diese Berichte sind maßlos über- trieben. Bedauerlich ist nur, daß durch solche unverantwortliche Sensationsmache die Bevölkerung künstlich beunruhigt wird. Ins- besonders die«Nachtausgabe" leistet sich ein starkes Stück, indem sie von der„Erwerbslosenreoolte in der Gormannstraßc" berichtet. Herrn Hugenbergs gut bezahlte Journaille, die so schamlos gegen die Erwerbslosen hetzt, sollte sich einmal in glühender Sonnenhitze vor einem Arbeitsnachweis mit hundert und aber hundert Warten- den anstellen— dann würde sie am eigenen Leibe spüren wie Ar- beitslosennot schmeckt. Das Polizeipräsidium gibt über die Zusammenstöße solgenden Bericht aus: Am Dienstag vornnttag kam es in der Textilabteilung des A r- beitsnachweijes Gormänn straße zu Unruhen, die da- durch hervorgerufen sein sollen, daß in der Textilabteilung m e h- rere Frauen ohnmächtig wurden. Ein Zug Schutzpolizei stellte die Ruhe wieder her, mußte aber, nachdem er abgezogen war. kurz darauf wegen erneuter Tumulte in der Textilabteilung ein- greisen. Die erregte Menge griff den im Innern des Arbeitsnach- weises anwesenden Reoierleiter der Polizei an und brachte ihm Ver- leyungen im Gesicht bei. Die Beamten befreiten den Angegriffenen und räumten die umliegenden Straßen und Gebäude. Die nähere Umgebung des Arbeitsnachweises wurde vorübergehend polizeilich gesperrt. Insgesamt 5 Feststellungen wurden vorgenommen, jedoch nur ein Mann wegen Beamtenbeleidigung im Präsidium eingeliefert. Die Meldungen der Spätabendblättcr sind, wie die Polizei ausdrücklich feststellt, stark aufgebauscht. Nach ver- hältnismäßig kurzer Zeit war die Ruhe wieder hergestellt. Bon der Meldung eines Abendblattes, daß zehn Erwerbslose leicht ver- letzt sind, ist der Polizeibehörde nichts bekannt. Ueber die Ursache des Tumults war Genaueres nicht zu erfahren. Feststeht, daß die Erwerbslosen wegen des großen Andrangs in der glühenden Hitze lange warten mußten. Die unwillkürlich erregte Menge ließ sich dadurch zu Unbesonnenheiten hinreißen. Von einer«Revolle" kann schon deshalb nicht im mindesten die Rede sein. Allgemein wird anerkannt, daß ältere Erwerbslose olles taten, um Ausschreitungen weniger beherrschter Kollegen zu verhindern. Hoffentlich bemüht man sich jetzt auf den Arbeitsnachweisen um schnellere Abfertigung der Arbeitsuchenden durch Einstellung neuer Kräfte. » Das Polizeipräsidium erklärte mit Recht die Darstel- lungen gewisser bürgerlicher Blätter für übertrieben. Aber aus der Schilderung eines Augenzeugen möchten wir schließen, daß auckz einzelne P o l i z e i b e a m t e den bedauerlichen Borgängen eine übertriebene Bedeutung beigelegt haben. In der Nervosität, die sich bei solchen Zusammenstößen leicht der Polizei bemächtigt, wird manchmal zu Mitteln gegriffen, die der erfahrene und besonnene Beamte als unnötig ablehnt. Den Gummi- k n ü p p e l scheint mancher reichlich gebraucht zu haben, auch gegen Leute, die durch die Alt« Schönhauser Str. offenbar nur zu dem Zweck gingen, dort Einkäufe zu machen. War es nötig, daß die Nervosität aufgeregter Beamter in Schimpfworten sich Lust machte? Kann es zur Beruhigung der Menge beitragen, wenn bei solchen Borgängen ein Polizeibeamter von«Gesindel" spricht? Wir haben bereits im gestrigen Abendblatt gesagt, daß man in diesem Erwerbslosentumult eine Warnung sehen soll. Die Erwerbslosen fordern Arbeit und verzichten dann gern auf das„Vergnügen", sich mit der Erwerbslosenunterstützung durchzuwürgen. Sie verlangen, daß chnen, wenn sie b«im Arbeitsnachweis anstehen, nicht unnötige Erschwerungen bereitet werden. Und sie haben ein Rechb darauf, wie notleidende Dolksgenossen und nicht wie«Gesindel" behandelt zu werden. Auch auf dem Belle-Alliance-Platz hat gegenüber den Erwerbslosen, die sich dort vor dem Arbeitsnachweis anzusammeln pflegen, die Polizei eine ganz unberechtigte Schärfe gezeigt. Mit Attacken von Berittenen, die auf dem Bürgersteig umhertraben, wird man schwerlich Ruhe stiften. Die Drahtzieher, denen es darum zu tun ist, die Erwerbslosen zu Unbesonnen- heiten aufzuputschen, werden an jedem schroffen Vorgehen der Polizei ihre Freude haben. War Sas Schutzaufsicht» Der Jugendgerichtshilfe zur Beachtung. Hier ein Fall, der nachdenklich stimnit. Kurt D. wird sofort noch der Schulentlassung dem Iustizrett N. als Lehrling empfohlen. Der Knabe ist fleißig und willig. Der Iustizrat gewinnt den Jungen wirklich lieb und schenkt ihm volles Vertrauen. Eines Tages— etwa vor zwei Jahren— stellt er fest, daß«in Klient, der wiederholt gemahnt worden war, einen Betrag von 250 M. auf das Postscheckkonto des Justizrats bereits gezahlt hatte. Am nächsten Morgen kommt Kurt nicht zur Arbeit. Aus dem Polizeipräsidium wird aber angeläutet, daß er sich dort gestellt und sich der U r- rundenfälschung und Unterschlag» ng bezichtigt habe. Der Iustizrat tut nun alles, um die Angelegenheit gütlich bei- u l e g e n, behält Kurt bei sich, verbietet der Stenotypistin rcmden gegenüber etwas über den Fall verlauten zu lassen und verheimlicht auch vor seinem Bureauvorsteher Kurts Verfehlungen. Dieser soll von seinem Gehalt 20 M. monatlich abzahlen. Der Junge tut dies pünktlich, ist nach wie vor fleißig und willig. Im März d. I. stellt aber der Iustizrat fest, daß er durch Abhebung vom Postscheckkonto neuerdings 7700 M. unterschlagen hat.— Nun stand der Junge vor einigen Tagen vor dem Richter. Wo er das Geld gelösten hat, war bei der Art der Befragung des Vor- sitzenden aus ihm nicht herauszubekommen. Es konnte aber fest- gestellt werden, daß er sich in den Cafes der Friedrichstrahe und des Kurfürktendamms herumgetrieben habe. Der Vater verweigerte seine Aussage. Das Urteil lautete auf 10 Monate Gefäng- n i s ohne Bewährungsfrist. Oessentlichcs Interesse verdient dieser mehr oder weniger interessante Fall aus folgendem Grunde: Der Junge war vom Jugendrichter we�en der ersten Verfehlung unter Schutzauf- ficht gestellt. Ein Jahr später— damals begann er schon seine neuen Unterschlagungen— bat er den Justizrat, ihm ein Führungs- attest auszustellen, was dieser auch tat. Wahrscheinlich wurde er daraufhin von der Schutzaufsicht befreit. Ist denn aber diese, entgegen der allgemeinen Regel, nur formaler Natur gewesen? Hat sich der Jugend Helfer gar nicht darum geküm- m e r t, woher der Junge das Geld für sein Kostgeld nimmt, mit wem er Umgang treibt, wie er seine Zest oerbringt? Wäre das der Fall gewesen, so hätte Kurt D. doch nicht VA Jahr hindurch seine Veruntreuungen begehen können. Was wird nun jetzt aus dem Jungen werden? So ist dieser Fall der Beachtung der Jugend- gerichtshilfe empfohlen. Schwarzwcißrotc Zcppelin-Propagandisten. Die Eckener-Spende veranstaltet bekanntlich in der Woche vom 11. bis 18. Juli erneut eine Sammelwoche, über. deren Zweckmäßig- keit man zweifeln kann. Davon abgesehen, muß man jedoch erheb- liche Bedenken aussprechen, wenn man sieht, welch' zweifelhafter In- strumente sich das Eckenerfche Sammelorchester zur Belebung des Geschäfts bedient. Am letzten Sonntag konzertierte das «Deutsche T o n k ünstl e r o r ch est e r", die schwarzweißrote Nationalistentruppe des„Clou" und der„WUHelma", in seiner Phantasieunisorm mit schwarzweißroten Ausschlägen und sonstiger monarchistischer Derzierung, auf dem W i t t c n b e r g- P l a tz für Mi Eckener-Zepxelin-Sxeude. Herr Eckener ist schlecht beraten, weug er für seine Sammelaktion bn repMstanstchen Berlin derlei bedenk- liche und erfreulicherweise durchaus unpopuläre Hilfstruppen heran. zieht. Das möge er sich in aller Bescheidenheit gesagt sein lassen. Großer dachsiuhlbranö in Wilmersdorf. Hausbewohner in Erftickungsgefahr. Nachdem erst gestern nacht ein großer Teil der Berliner Feuer- wehr zu einem Großfeuer nach der Döberitzer Straße in Moabit ausrücken mußte und bis in die Vormittagsstunden hinein an der Brandstelle tätig war, wurden gestern nachmittag abermals fünf Löfchzügs nach der Prinz rezenten st raße 28 in Wil- mersdorf alarmiert, wo der Dachstuhl eines Wohnhauses in seiner gesamten Ausdehnung in Flammen stand. Da von verschiedenen Seiten zu gleicher Zeit die Feuer- wehren alarmiert wurden, rückten die Wachen Wilmersdorf, Ranke- straße, Schöncberg, Friedenau und Suarezstraße an die Brandstelle. Große R a u ch m a ls e n, die auf den Hof hinabgedrückt wurden und auch in die obengelegenen Wohnungen eindrangen, brachten die Bewohner des Hauses in größte Gefahr. Mehrere Polizei- beamte griffen aber noch vor Erscheinen der Wehren ein und brachten die Mieter, darunter einige ältere Damen, sofort in Sicherheit. Be- sondere Erregung rief es unter den Anwohnern der Nachbar- Häuser hervor, daß in dem Prasseln der auflohdernden Dachstuhl- balken fortwährend das Krachen kleinerer Explosionen hörbar wurde. In einer Bodenkammer war Iagdmunition eines Mieters aufgestapelt und von den Flammen ergriffen worden. Unter Leitung des Branddirektors F l ö t e r wurde mit acht Schlauch- leitungen gegen das Feuer vorgegangen. Das Feuer griff bald auf die Seitenflügel über und nur unter den größten An strengungcn gelang es, diese sowie den Dachstuhl des Quer- gebäudes vor dem Niederbrennen zu schützen. Eine ungewöhnlich starke Hitze und Oualmentwicklung erschwerten die Löschaktion der Mannschaften, denen es nur möglich war, den Brand mit Rauch- schutzgeräten erfolgreich zu bekämpfen. Don der Straße wurden zwei mechanische Leitern in die Höhe gewunden. Ueber die Treppen- Häuser und von den angrenzenden Dächern mußte dann etwa eine Stunde lang Wasser gegeben werden, bevor es gelang, die 5)auptgesahr zu beseitigen. Der D a ch st u h l des Vorderhauses sowie die vorderen Teile des linken und rechten anstoßenden Seitenflügels sind vollkommen zerstört worden. Der Wasserschaden ist dagegen nicht erheblich, da es sich um ein gut gel, autes Wohnhaus Handelb. Die Ablöschmaßnahmen dauerten bis SUHr nachmittag-, während sich die Aufräumungsarbeiten bis 9 Uhr abends hin- zogen Die Ent st ehungs Ursache konnte infolge des völligen Niederbrennens des Vorderhausdochstubles noch nicht einwandfrei qellärt werden. Immerhin besteht die Möglichkeit, daß Brand st iftung, zumindest aber sahrlästige Brandstiftung vorliegt. Vielleicht hat sich auch die aus dem Boden lagernde Jagd- munition bei der Hitze selbst entzündet. Eine riesige Zuschaucrmenge, die ein großes Aufgebot von Po- lizeibeamtcn notwendig machte, hielt die Umgebung der Brandstätte besetzt._. FugenülanS. C5n großes Verdienst auf dem Gebiet« der Jugendpflege hat sich der Verband für Deutsche Jugendherbergen durch die Schaffung sogenannter„K i n d e r d ö r f e r erworben. Bisher wurden die ehe- maligen Truppenübungsplätze„Weg scheide" im Spestart, „Z o s s e n" in der Altmark und„S t a u m ü h l e" in der westfälischen Senn« für diesen guten Zweck gewonnen. Idyllisch eingebettet zwischen Wald, Heide und silberklaren Bächen, bieten diese Plätze für die Großstadtjugend, die so arm an Sonnenlicht und Woldlust ist, ein wahres Paradies. Das ganz« Jahr geöffnet, geben st« Raum für 1000 und auch mehr Schüler, die hier ihr« Erholungswochen in vollen Zügen genießen können. Zosten beispielsweise hat dieses Jahr allein bereits 1000 der jugendlichen Gäste zu gleicher Zeit beherbergt und man hofft, daß das schöne Heim bald seinen Höchstbelegungs- stand von 3000 Gästen erreichen wird. Früh morgens schon geht's in hellen Scharen hinaus zu den Freiübungen. Es wird gebadet, geschwommen, kurz alles was dazu beiträgt, Körper und Seele zu kräftigen und von all dem Großstadtstaub zu reinigen. An bluinen- geschmückten Tafeln ün Walde wird das Mittagessen eingenommen und eine große Liegehalle bietet Rost für ein Mittagsschläfchen. Neben der Erholung werden aber auch täglich 2 bis �3 Unterrichtsstunden erteilt. Wenn es das Wetter nur irgendwie erlaubt, ebenfalls im freien Walde. Hier sollen die Kinder das Be- engende, Gefühlstötende der steinernen Schulkaserne vergessen und zu freien Menschen erzogen werden. Alle dogmatischen, doktrinen Erziehungs- und Lehrmethoden sollen einer freien, persönlichen, rein gefühlsmäßigen Unterrichtsweife Platz machen. Das Kinderdorf . Staumühle" ist in diesem Sommer wegen dort stattfindender Manöver leider gesperrt. Dagegen hat sich die Kommandatur Munsterlager in der Lüneburger Heide(zwischen Sollau und Ueltzen) bereit erklärt, Schüler aufzunehmen. Im dortigen „Telegraphenlager" allein stehen zirka 500 Betten und im großen Lager 1000 Betten zur Verfügung. Di« Tagegelder für voll- ständige Verpflegung, mit Einschluß von Entgelt für den Lagerleiter, für die ärztliche Ueberwachung, Wäschereinigung und Licht werden sich nicht höher als auf 1,20 Mark stellen. Anmeldungen sind an Studienrat O. Freund, Esten, Kurfürstenstraße 30, zu richten. Arthur Keil und kein Ende! Wiederholt mußten wir uns mit der beunruhigenden Geschäftig- keit des Herrn Arthur Keil befassen. Der vielsellige Mann scheint es auf die Spargroschen der kleinen Leute abgesehen zu haben, und trotz verschiedener Warnungen in der Presse fährt Keil in seiner Werbung fort. Seine Zeitungsgesellschast m. b. H. arbeitet mit Postscheck, Telephon und allem modernen Zubehör und läßt vor- nehmlich In den Arbeitervierteln des Nordens Prospekte verbreiten, die sich mit einiger Pose am Kopf«das Tages- gespräch von Berlin" nennen.„Täglich 1000 Mark Gewinn!" heißt es skrupellos, und dann weiter:«Wir haben für die Leser und Abonnenten unserer Zeitungen eine bankmäßige Verdienstabteilung eingerichtet, wo Beträge in jeder Höhe eingezahlt werden können und hohe Zinsen bringen.... Das eingezahlte Geld wird in unserem Zeitungsbetrieb verwendet und hat mit unserer Rennwett- abteilung nichts zu tun. Die Einzahler sind gewistennaßen stille Teilhaber der Zeitungsgesellschaft." Für«kleine Einzahlungen von 50 Pf. an" zahlt die noble Firma angeblich 10 Proz. Zinsen, für solche von 100 Mark will der Menschheitsbeglücker KS Mark monatlich vergüten.«Mit 300 Mark Einzahlung kann man also bis 200 Mark monatliches Nebeneinkommen erhalten, ohne jede Arbeit."(!) Am Schluß des famosen Prospektes liest man in Schreibmaschinen- aufdruck:«Vertreter kommt morgen." Es scheint dringend erforder- lich, daß sich die Kriminalpolizei mit dieser merkwürdigen Werbung befaßt. Wir haben an e i n e m Klante in Berlin genug. Durch die Köpenicker Dammforst. Die letzte von der Arbeitsgemeinschaft für Forst. schütz und Naturkunde E. B., Berlin-Friedrichs. Hägen,(Führung: Oberförster Mudra und Dr. Stachowitz) veran- staltete Wanderung nahm ihren Ausgang vom Bahnhof Köpenick und führte in das ausgedehnte Waldgelände um Restaurant Pferde- bucht, das wie kein anderes geeignet ist, dem müden Stadtmenschen nach des Tages Last und Arbeit in seinen schaltigen Hallen ein Stündchen Erholung zu gewähren. Denn die Kraft und Fruchtbar- keit der Mutter Erde, die so gewaltige Eichen und knorrige Kiefern erschaffen konnte, wie sie dort auf märkischem Boden rauschen, hat schließlich auch noch etwas für ihre geplagte Menschheit übrig. Beim Anblick dieser Waldesherrlichkeit möge aber auch ein Äugenblick dankbaren Gedenkens unseren verehrungswürdigen Vorfahren ge- widmet sein, deren Voraussicht und Naturliebe diese unsere Heimat- lichen Wälder erschufen, die für uns Nachaedorenen Quell der Ge> sundheit, Born körperlicher und geistiger Leistungsfähigkelt wurden jitch bleiben sollen. Charakteristisch für jenes Gebiet ßnd die aus- gedeljmten Bestände an Haselbüschen, die teils das Unterholz bilden, teils die Lichtungen bekleiden. Betrüblich ist nur, daß di« Früchte an diesen Gebüschen nie zur Reife kommen, weil sie von unnützen Händen vorzeitig von den Zweigen, gewöhnlich aber mit diesen herabgerissen werden, das heißt, wenn diese Zweige nicht schon im ersten Frühjahr mit den goldigen Blütenkägchen ihren Weg irgend wohin genommen haften. Di« Naturliebe�der Berliner äußert sich eben nicht immer in den angenehmsten Formen. Der Botaniker findet hier vom Frühling bis Spätherbst so ziemlich alles, was fein Herz begehrt. Leider ist zu befürchten, daß die Vege- tationsverhältniste an einem kritischen Wendepunkt angelangt sind, da durch die Anlage des Wasterwerks Wuhlhcide eine bedeutende Senkung des Grundwasserspiegels der ganzen Umgebung stattge- funden hat. Allgemeines Interesse erregten einige Halbschmarotzer- gewächse, wie die M i st e l, die in der Krone einer Kiefer entdeckt wurde, und Fichtenspargel, der in voller Blüte stehend, auf der Wurzel einer Kiefer gefunden wurde. Ein Idyll im Idyll stellte ein Hornistennest dar, das in einem Holzstapel entdeckt wurde. Natur- begeisterte Arfoleute haben inzwischen seine Uebersiedlung in das Jnsektarium des Zoo bewirkt. Bekanntlich bauen Hornisten und Wespen ihr Nest aus mürbem Holz, das sie vermöge ihrer Kauwerk- zeuge gebrauchsfertig machen. Um ihnen in ihrem neuen Heim die Sache zu erleichtern, hat man geeignetes Baumaterial in Honig- waster aufgeweicht. Zum Revier gehört auch eine Forstbaumschule, die eine Sehenswürdigkeit für sich bildet. Es werden dort nämlich eine große Zahl von ausländischen Waldbaumarten gezogen, die dann auf ihren forstwirtschaftlichen Wert in den verschiedenen Gegen- den des Landes erprobt werden. Mit Sem Reichsbanner nach Wien. Begeisterter Empfang der Deutschen. Von einem Teilnehmer an der Wien fahrt des Reichs- banners wird uns geschrieben: Als sich der Zug in Bewegung gefetzt, trat in den Abteilen selbst noch lange nicht Beruhigung ein. Durchdrungen von dem Gefühl der republikanischen Verantwortmrg, di« jeder Kamerad in sich barg, kam die Freude, endlich auch einmal außerhalb der Grenzen Deutschlands die s ch wa r z r o ig o ld n en Banner zu zeigen, lebhaft zum Ausdruck. In Leipzig stiegen Kottbuster Kameraden zu. Weiter geht die Fahrt, vorbei an dem Grenzpfahl.Königreich Bayern". Paffau wird um 1 Uhr IS Minuten erreicht, und gegen 10 Uhr früh läuft der Zug in Wien ein. Alle Kameraden stehen an den Fenstern und winken den Brüdern und Schwestern zu. Der Zug rollt in die mit Fahnen geschmückte Halle. Vorbei geht's an der Ehrenkompagni« auf den Bahnhofsplatz, den eine dichtgedrängte Menge füllt. Die österreichische Kapelle intoniert den Reichsbanner- marsch, das deutsche Trommlerkorps erwiderte die Musik und dann heißt Gemeinderat Weismann die Kameraden herzlich will- kommen. Nicht aus der Fremde, so sagt er, kommt ihr hierher, ihr seid unsere Brüder und nicht«her vollen wir ruhen, bis der Anschluß vollzogen ist. Unter Do rantritt der Kapellen marschierte der Zug zu den Quartieren. Sonntag um 8 Uhr steht das Reichsbanner auf dem Helden- platz. Formiert zu Achterreihen füllt es den weiten Platz voll- st ä n d i g. Ueberall wogt ein Meer von roten Fahnen, getragen von Männern, denen die Republik höher steht als ihr eigenes Ich. Aus Kärnten, aus Steiermark, von überall sind sie hergeeilt, um in Reih' und Glied mit chren Genossen aus Deutschland, aus Belgien, Frankreich. Polen, Jugoslawien und vielen anderen Staaten gegen die f a s ch i- st i s ch« Willkür zu demonstrieren. Oesterreichische Wehrturner. Turner aus Deutschland, Daazig, aus dem Auslande folgen. Dann tritt das Reichsbanner an. Vorbei am Parlament. über den Ring, durch die ganze innere Stadt geht der Weg. Die Fenster der Häuser sind dicht besetzt, die Gäste der Hotels sehen mit einigem Staunen auf den endlosen Zug.„Das rote Berlin— dem roten Wien ein dreifaches Frei-Heil", brausend dröhnt der Ruf über den weiten Platz. Um 1)f Uhr erreicht die Spitze des Reichsbanners den Rennplatz, jubelnd von den Tribünen begrüßt. Plötzlich geht ein Blumenregen über die Kameraden nieder. Diese Kundgebung ist wohl die größte, di« Oesterreichs Hauptstadt je gesehen hat. Um 3 Uhr haben die letzten Bataillone des Republikanischen Schutzbundes noch nicht die Rennbahn erreicht. Sektion auf Sektion marschiert vorbei, Deutsche, Belgier, Franzosen, Tschechen, alle grüßen die Fahne der Internationale, das Symbol kommender Zeiten. Die einzelnen Züge kamen von ihren Sammelstellen zum F re i h« it s pla tz. Um V-IO Uhr kam die Spitze des Zuges beim Parlament an. Es waren die Radfahrer und Radfahrerinnen Oesterreichs und Deutschlands. Dann kamen die Radballer. di« Kunstfahrer, die Rennfahrer. Plötzlich sieht man von der Ferne einen förmlichen Wald von roten Fahnen heranziehen. Es sind die Fahnen der proletarischen Organisationen Oesterreichs. Unter ihnen viele historische, so die Fahn« des ersten österreichischen Arbeitervereins, dann die von der Internationale ge- spendete Fahne des Republikanischen Schutzbundes. Nun marschierten di« Wehrturner heran, hinter ihnen eine Trommler- und Pfeifferkompagnie, di« die Genossen von S t. P ö l t e n. dem Beispiel des Reichsbanners folgend, gebildet haben. Ihnen folgten ein halbes hundert Reiter mit schwarzrotgoldenen Fahnen. An diesen Vorbeimarsch der Fahnenträger schließt sich der Zug der deutschenTurner. Jede einzelne Gruppe wird bejubelt:„Hoch Magdeburg!",„Hoch Breslau!".„Hoch München!" Deutschlands Sportlern folgen die von D a n z i g. hinter ihnen die von I u g o- f l a w i e n, von Polen, von der Tschechoslowakei, dann der Verband der deutschen Turner und Sportler der Tschecho- slowakei. Die Arbeitersamariter schließen den Zug ab. Den Tod im waster. Außerhalb des Freibades Ob e r f ch ö n e< weide ertrank gestern abend gegen 6 Uhr ein Mann, dessen Personalien noch nicht festgestellt werden tonnten. Dom Ufer aus war beobachtet worden, wie der Schwimmer, als er sich in der Mitte der Wasserstraße befand, plötzlich versank. Reichswasterschutz, der sofort alarmiert wurde, tonnte die Leiche des Ertrunkenen trotz eifrigen- Suchens bisher noch nicht bergen. Sport. Rennen zu hoppegarken am Dienskag. den 16. Zuli. » Rennen. 1. G-usblatt(Schröder), 2. Lasella(H. DenzeI- Z. Tbatysia lScitz). Toto: 20:10. Platz: 13.»9, 91: 10. Ferner liefen; Fanal. Pariolt, Denn». Humor. ZeuS. Landrat. Eigiliaaa. 2. R c n n e n. 1. Tianlhns(Williams), 2. Biiieta(53. Tarra»), 3. Pilgerin(Binzen,). Toto: S7: 10. Platz: 13. 13, 12: 10. Ferner liefen: Steinhäger, Loifach, Sovora, Sigelgayola, Jrrmal, Mulatte. Iliade, Panne, Ocker, Raute.. 3. R e n n« n 1. Tbeokrit(C. Schmidt), 2. Stolzenfels(2. Barga) 3 General Höfer(Huguenin). Toto: 17: lO. Platz: 13, 21:10. Ferner liefen: Lindwurm. Patrizier. 4. Rennen. 1. Liberia«(E. Krüger), 2. Sennerin(Havne«), 3. Pa- triotin(O. Schmidt).. Toto: öS: 10. Platz: 25, 30, 73: 10. Ferner liefen: Llntrigant, Mainbardt, Die Afrikanarin. Stella man«, Wanderer, Hohenfels, Dämmerstunde, Orgel, Verona II. Lotte. 5. Rennen. I Pröda(William!). 2. Lolia(W. TarraS), 8. Panna (Thiclemann). Toto: 22: 10. 3 liefen. «.Rennen. 1 Ofvmpier talentierten Armen das Almosen vor der Nase wegschnappen, weil sie sich vor ein gutes Kaffeehaus stellen, weil sie mit entsetzlicher Stimme betteln und wissen, wen man ansprechen muß? Soll ich ihm den dummen Glauben nehmen, daß einer, der dem Straßen- bettler gibt, deshalb auch schon ein guter Mensch ist? Soll ich ihm beweisen, daß es die herzlosesten, schlechtesten Menschen geradezu charakterisiert, daß sie jedem Bettler einen Schilling geben? Soll ich ihn lehren, daß die wahre Wohttätigkeit eine ganz andere Me- thode hat, und daß diese Unterstützung des Straßenbettels keine Wohltätigkeit ist, sondern Nervosität, die billige Ablösung einer momentanen Unruhe, eine Reflexbewegung, die mit Menschenliebe und mit dem Herzen ebensowenig zu tun hat, wie jener Bettler mit der wirtlichen Armut? Wenn wir schon dabei sind, will ich den Fall einer solchen Bettler-Primadonna erzählen, der sich mit einem meiner Bekannten zugetragen hat und der ein vorbildliches Beispiel dafür ist, wie solch ein falscher Armer die Sahne der Wohltätigkeitsneigung der Bour- geoisie abschöpft, worauf die wirklichen Armen ein Anrecht haben. Dieser Herr bekam eines Tages einen Brief aus einem Provinz- fpital, von einem Menschen, dessen Namen er bisher nie gehört hatte. „... Ich werde in den nächsten Tagen das Spital verlassen," schreibt der Fremde,„und da ich im Sommer hierher gekommen bin, jetzt aber Winter ist. bitte ich Sie vielmals, mir einen alten Winterrock zu schicken, damit ich nicht erfriere, wenn ich aus dem Spital komme." Der Mann geht her, nimmt einen alten Winterrock, packt dazu ein Paar Schuhe und eine abgetragene Hofe und schickt da» Ganz« in das Provinzspital. Zwei Wochen später meldet ihm sein Diener, daß ein Mann draußen sei, der ihn sprechen wolle. „Was für ein Mann?" „Ein besser gekleideter Mensch." Er geht zu ihm hinaus ins Vorzimmer, kennt ihn aber nicht. Der Fremde spricht: „Sie belieben mich nicht zu kennen?" „Nein. Ich habe Sie nie gesehen." „Aber der Rock... die Hose..." Er zeigt unter dem Winterrock die gestreiste Hose. Da erkennt er ihn. das heißt seine Hose und seinen Winterrock. „Sie sind es?" „Ja bitte." „Was wollen Sie?� „Also bitte, wenn Sie schon jo jreundluh waren, mich auszu- kleiden, geben Sie mir bitte... auch Reisespesen bis Graz." Der Mann drückt ohne ein Wort zu sagen seinem Diener das Geld in die Hand und schickt ihn mit dem armen Menschen aus den Bahnhof, damit er ihm ein Billett bis Graz löse und ihn im Zug unterbringe. Dann denkt er darüber nach, wie schlau der arme Mensch seine Identität nachgewiesen hat. Nun, einerlei, möge er denn nach Graz fahren. Aus Graz kommt ein Brief: „Sie haben aus mir einen eleganten Menschen gemocht und mich nach Graz geschickt, nun stehe ich hier ohne Arbeit und hungere. Ich habe in Graz eigentlich nichts zu tun, da ich ober kein Geld erhielt, sondern bloß ein Eisenbohnbillett. war ich gezwungen, £u jähren. Bitte, erretten Sie Mich aus tuejer jchrecklichen Lage, in die Sie mich gebracht ha ben und schicken Sie mir etwas Geld, damit ich nach Wien zurückfahren kann, wo ich leichter eine Arbeit finden werde." Es gibt gewissenhafte Menschen, auch unser Mann ist ein solcher, er schickt ihm also Geld, denn er hat ihn doch in dieses Elend„ge- bracht". Und nimmt sich vor, daß es nun aber Schluß sei, teurer darf ihn der Winterrock nicht zu stehen kommen. Wochen vergehen, da tritt der Diener ein: „Jener Mensch ist hier, er sagt, der gnädige Herr haben ihn nach Wien heraufbestellt, Sie hätten ihm sogar Geld geschickt, damit er ja nur kommen möge." „Werfen Sie ihn hinaus," sagte mein Bekannter schroff, in der Meinung, für diesen Menschen schon gerade genug getan zu haben. Draußen eine kurze Debatte, dann Stille. Der Diener tritt ein: „Ist er fort?" „Ja. Das hat er aber hiergelassen." Er überreicht ein Bund schmutziger Papiere. Obenauf ein Brief. er möge ihm bei irgendeinem Wohltätigkeitsverein eine Unter- stützung verschaffen.„Beigeschlossen meine Dokumente," sagt die Nachschrift, und tatsächlich waren dort der Entlassungsbrief des Spitals, sein Heimatschein, Geburtsschein, Sitten- und Armuts- zeugnis. Der Mann gerät in Wut. .Legen Sie diese Fetzen beiseite," spricht er zu seinem Diener, „und wenn er noch einmal kommt, geben Sie sie ihm zurück. Sagen Sie ihm, es tut mir leid. Er hat von mir schon gerade genug be- kommen. Es gibt auch noch andere arme Teufel auf der Welt." Jetzt oergingen Monate, bis er sich wieder meldete. Er wollte nichts, bloß seine Dokumente wollte er zurück haben. Inzwischen hatte aber der Mann den Diener gewechselt und die Papiere waren nirgends zu finden. Vergebens suchte man zwei Tage noch ihnen. Da schickte ihm der Mann zwanzig Schilling und ließ ihm sagen, die Dokumente wären in Verlust geraten. Die zwanzig Schilling seien für die Mühe, er möge sich von den Dokumenten Abschristen ver- schaffen. Jener ging mit den zwanzig Schilling fort, aber alsbald kam statt seiner ein Brief von einem Advokaten. „... Im Namen meines Klienten", schrieb der Advokat, „fordere ich Euer Wohlgeboren auf, die durch meinen Klienten bei Ihnen in Verwahrung übergebenen Dokumente unverzüglich zurück- zuerstatten, da ich Sie hierzu sonst gerichtlich zwingen lassen müßte, vsw." Zum Schluß: „Die Taxe meines heutigen Schreibens bettögt 5,45 S." Ludendorff, der Geschiedene. Den Brief warf er natürlich fort. Und natürlich bekam er eine Zustellung vom Gericht, schon hatte er Unannehmlichkeiten, er war es schon, der einen armseligen Menschen seiner Dokumente beraubt hat, mittels welcher er sich eine Unterstützung oder einen Posten hätte verschaffen können. Das Ende war, daß er dem Advokaten die Kosten bezahlte und sich mit dem„Kläger" mit fünfzig Schilling verglich. ... Das geschah vor ungefähr anderthalb Iahren, und obwohl es eine lehrreiche Geschichte ist, hätte ich sie doch nicht erzählt, wenn nicht derselbe Herr vor einem Monat von demselben armen MensHen aus einem anderen Prooinzspital einen Brief bekommen hätte, in welchem er wieder um einen Winterrock bittet. Und ich hätte sie nicht erzählt, wenn ich nicht gefühlt hätte, daß es trotz aller Ueberzeugung dennoch eine Grausamkeit ist, gegen die Bettler zu schreiben. Ich mußte unter ihnen einen solch deutlich Böswilligen auswählen, um auch damit zu beweisen, wie unfrucht- bar, wie unnütz diese Art der bürgerlichen Wohltätigkeit ist, welche die Großstädter ausüben und welche meinem Freunde durchs Kaffeehausfenster hindurch so gut gefiel. Die Wohltätigkeit ist nicht Sache der Premierenbesucher, sondern die des Staates. Eine wirk-, liche Wohttätigkeit ist nur die, wenn wir den Staat zwingen, den Arbeitsfähigen Arbeit, den Arbeitsunfähigen aber Geld zu geben. Für dieses zu kämpfen, bei jeder Gelegenheit dies zu fordern, das ist die einzig richtige Wohltätigkeit. Solange wir aber dieses Ziel nicht erreichen, muß man einem jeden geben, der verlangt: dem wirklichen Armen ebenso wie dem Schwindlerarmen: nur darf man auch nicht für einen Moment glauben, daß man damit wohttättg war und daß dies von uns schön war. _ i Geschieden ward der grimme General von seinem angetrauten Deutschgemahl. Auf Scheidung klagt noch eine zweite Dame. Germania: weil der Herr den Krieg verlor. Für blaue Brillen drauf gereist Reklame, weil er im Mar; am Brandenburger Tor Als gänzlich harmloser Spazierblindgänger Mit Kapp und Lütkwih aus Berseh'a geputscht, weil schließlich er in München bauchgerutscht. Die Scheidung von Germania dauert länger. Doch Klio wird— trotz seiner Dolchstohmären— Auch hier ihn für den schuld gen Teil erklären, Etwas vom Geruchsfinn öer Tiere. Von ErnaBüsing. i In der an dieser Stelle unter dem Titel.Etwas vom Gefühls- leben der Tiere" veröffentlichten interessanten Abhandlung von Gotthardt Brodt wurde der sogenannte„sechste Sinn des Hundes" erwähnt. Gleichzeitig wurde auf das sprichwörtlich gewordene schaurige Geheul in der Todcsnacht des Herrn hingewiesen. Es ist eine Tatsache, einem jeden, der ein solches Geheul gehört hat, bleibt es in der Erinnerung haften. Die Ursache dieses Geheuls suchen gute Kenner des Hundes in dem außerordentlich sein orga- visierten Geruchssinn des Tieres. Man meint, der Hund verspure i den beginnenden Verwesungsgeruch des sterbenden Menschen, wenn dieser ein langes Krankenlager hinter sich hat, und der Geruch veranlasse das Tier zum Geheul. Bei einem plötzlichen Tode des Herrn hat man schon ein regelrechtes Verbellen von Hunden wahr- genommen, was ja ein vollkommen anderer Laut ist. Der Mensch hat sich den Hund mit als erstes der Tiere gezähmt, weil seine Nase ihm von unschätzbarem Wert war. Ein' Hund riecht sogar im Schlaf. Wenn auch Hunde gemeinsam mit Menschen im Schlafe von Gasvergiftungen überrascht und getötet wurden, so sagen der- artige Vorfälle nichts dagegen. Bei dieser Art der Vergiftung tritt eben die Betäubung sehr früh ein. Man kann gewisse Tiere auf Geruch dressieren, doch gibt es auch Tiere, die einen ungewohnten Geruch als etwas Unleidliches empfinden. So. erlebte es der Asrikaforfcher Hans Schomburgk in Daressalam, daß sein damals noch kleiner Elefant„Toto" ollen Schwarzen die an und für sich dürftige Kleidung abriß. Das Tier lebte unter Weißen, ihm war nach Beobachtung seines Besitzers der Geruch der Schwarzen offenbar unangenehm.„Toto" weilt jetzt als schöner, großer Elefant im Zoologischen Garten in Rom, wo er keine Gelegenheit hat, sich an seine Jugendunart zu erinnern. Das Gegenstück hierzu erzählte Artur Vanselow, ein genauer Kenner des brasilianischen Urwaldes. Er berichtet von Weißen, die auf Streifzügen gegen räuberische Indianer deren Hunde ver- scheuchten, indem sie die Kleidung wendeten. Diese Leute, die keine Gelegenheit hatten, sich zu waschen, rochen natürlich nach Schmutz und Schweiß, überdies aber wird es der Geruch der Weißen ge- wesen sein, der den Hunden so zuwider war. Der Geruchssinn spielt überhaupt bei den verschiedensten Tier- arten eine hochbedeutsame Rolle. Beispielsweise ist bei den Elefan- tcn, diesen reinen Pflanzenfressern, die sich von der Urzeit zu uns hinübergerettet haben, der Geruchssinn besser entwickelt als das Gesicht. Ein Maulwurf, der eines der gefräßigsten Raubtiere ist, entdeckt durch seinen Geruchssinn seine Nahrung, ohne sie zu sehen und zu fühlen. Th. Zell weist darauf hin, daß Katzen ihre Losung oerscharren, weil sie nicht gewillt sind, Tiere, die sie beschleichen und verjagen wollen, durch den Geruch der Exkremente zu ver- scheuchen. Selbst bei den Großkatzen, deren Augen vorzüglich sind, darf man nie den Geruchssinn unterschätzen. Das wird stets von Löwen» und Tigcrdompteuren beobachtet, die neue Kleidungsstücke vor der Vorstellung von ihren Tieren beriechcn lassen. Interessant ist es, wie z. B. der langjährige Tiaerdompteur und frühere Großtter- fängcr Sailer-Iackson vorgeht, falls er mal einen Fremden an den Käfigwagen seiner Zöglinge in Reichweite führt. Er beobachtet stets' Gesicht, Gehör, Geruch bei den Tieren. Seine Tiger erkennen ihn sofort, was sich deutlich in den Lichtem und den Mienen aus- prägt, auf den Anruf:„Wo sind denn meine lieben Iungens", spitzen die Tiere die Ohren, darauf hält er die Hand, zur Faust ge- ballt, dem Gutmüttgsten unter die Nase und den anderen in den Bereich ihrer Nasen: erst so schafft er die ruhige Atmosphäre und weiß, ob die Tiger zufällig in der Laune sind, sich ein wißbegieriges Menschlein vorstellen zu lassen. ver hellste Stern des Weltalls. Man hält unwillkürlich die Sonne für das hellste Gestirn des Weltalls, doch hat sich nach der Mitteilung in der„Naturw. Umschau" ein Stern namens Doradus als der hellste Stem erwiesen, ein sog. veränderlicher, d. h. in semcr Lichtstärke schwankender Stem, der nicht weniger als 100 0W) Lichtjahre von der Erde entfernt ist. Das Licht, das jetzt vom Doradus aus zur Erde herniederstrahlt, ging also vor 100 000 Iahren von ihm aus! Die Strahlung dieses Lichtmonstrums ist über alle menschliche Begriffe gewallig, denn sie ist so stark wie die Strahlung von 600 000 Sonnen. Warenaustausch zwischen Mensch und Maus. Die Dakota- Indianer essen gern die bohnenartigen unterirdischen Früchte einer bei ihnen wildwachsenden Pslonze. Da ihnen das Ausgraben der einzelnen Früchte aber zu mühsam ist, überlassen sie dieses Geschäft einer Maus, welche die Früchte als Wintervorrat gutgläubig in ihrem Bau aufstapelt. Wenn das geschehen ist, so schreibt die„Um- schau", nimmt der Indianer der Maus die gesamten Früchte fort. An ihre Stelle legt er klugerweise aber ebensoviel Mais, damit die Maus durch den Winter kommt und im nächsten Sommer wieder für ihn tätig sein kann. künstlich getrocknete Häuser. In den Zeiten der Wohnungs- und Kapitalnot ist das Bestreben, Neubauten schnell auszutrocknen, begreiflich. Nach einem neuen Verfahren ist die völlige Austrock- nung von Neubauten mit Hilfe eines fahrbaren Ofens in wenigen Tagen erreichbar. Sämtliche Räume werden gleichzeitig mit heißer Trnckenluft unter Beimischung von Kohlensäure unter Druck gefüllt. Die heiße Trockenluft nimmt die Feuchtigkeit des Mauerwerks auf und entweicht durch dasselbe nach außen, während die Kohlensäure für schnelle Erhärdmg des Verputzes jorgt. Lehrlingsfürsorge in Gesterreich. Die heiligsten Rechte der Lehrlingshalter geschmälert. Nicht nur in Oesterreich, in Deutschland nicht minder müssen die Eltern der Lehrlinge immer wieder die Erfahruna machen, dast Sohn oder Tochter nach bendeter iluslehre sofort entlassen werden, damit Platz frei wird für einen neuen Lehrlina. Den Ausgelernten wird von der zuständigen Zunft in feierlicher Form bescheinigt, daß sie das Gewerbe ordnungsmäßig erlernt haben und nun allen Be- rufsgenossen als Gesellen oder Gehilfen bestens empfohlen werden können. In ihrem bisherigen Lehrverhältnis haben sie ihren Zweck als billige, willige Arbeitskräfte vollauf erfüllt und sind daher über- flüssig geworden. Trotzdem mit oder ohne tarifliche Regelung es des Landes so der Brauch ist, daß der Ausgelernte im ersten Jahre nach der Auslehre einen besonders niedrigen Lohn erhält, um ge- wissermaßen eine„N a ch e r z i e h u n g s k u r" durchzumachen, trotzdem ist der Ausgelernte seinem bisherigen Lehrherrn zu teuer geworden. Er schickt ihn fort— um ihm Gelegenheit zu geben, sich weiter auszubilden. Da es an solcher Gelegenheit fehlt, obwohl die neu Ausgekernten als immer noch billige Arbeitskräfte unter nor- malen Verhältnissen am meisten begehrt sind,, liegen die A u s g e> lernten auf der Straße, ihren Eltern zur Last. Dabei hatten die Eltern meist die Beendigung der Lehre ersehnt als eine Erleichterung ihrer wirtschaftlichen Lage, damit gerechnet, daß der Ausgelernte nun wenigstens einen größeren Teil seines Unterhalts aus seinem Arbeitsoerdienst selber bestreiten könnte. Das erweist sich nicht nur als eine st arte Enttäuschung, sondern, was den Ektern noch größere Sorge macht, ist, daß derAusgelernte zur Untätigkeit verdammt ist, zu erzwungenem Müßiggange und kein Ende dieses Zuftandes abzusehen ist. Der jugendliche Arbeitslose ist leicht der Gefahr ausgesetzt zu ver- " ludern. Die Eltern als Einzelpersonen stehen den Dinjjen machtlos gegenüber. Die Gewerkschaften müsien es daher als ihre Aufgabe betrachten, in Verbindung mit den Linksparteien im Parlament auch in diesem Punkte auf Abhilfe zu drängen. Wie das geschehen kann, zeigt eine Gesetzesbestimmung, die neuerdings in Oe st erreich herbeigeführt wurde, wonach der aus- gelernte Lehrling von seinem Meister noch drei ZNonete nach de- cndeter Lehre in Arbeit behalten werden muß. Es waren b ü r g e r- llche Abgeordnete, die im Nationalrat einen entsprechenden Antrag gestellt und dessen Annahme durchgesetzt haben, einmal mit Rücksicht auf die Eltern als Wähler, dann aber auch, um weitergehende An- träge der Sozialdemokratischen Partei, die Anträge Dannebergs zu Fall zu bringen. Diese Anträge forderten: l. die Schaffung eigener Lehrlingssektionen: Z. Errichtung von Iugendsenaten beim Gewerbegericht: 3. die dreimonatige Beibehaltspslicht für ausgelernte Lehrlinge ohne jede Einschränkung: 4. eine Lehrlingsentschädigung bis zu 70 Proz. des Gehilfen. Kchnes. Mit der Herbeiführung der Gesetzesbestimmung aus drei. monatige Beibehaltspslicht hoben die bürgerlichen Abgeordneten es jedoch mit ihren zünftlerischen Freunden, vorab den Lehrlingshallern, total verdorben. .Ein Tag der Trauer für das Gewerbe" bedeutet «ach zünftl�rifcher Klage der Tag der Annahme dieses Gesetzes. Der Gewerbegenosfenschaftsoerband(die Innungen in Oesterreich »erden als Genossenschaften bezeichnet) fordert: Tatkräftige und un- nachgiebige Verteidigung des Prinzips der Meisterlehre, unter striktester Ablehnung jedweder Konzessionen gegenüber den Bestrebungen' der Sozialdemokraten: weiter aber: »Jede Verteuerung und Erschwerung der Lehr» li«gshaltllng ist unbedingt abzulehnen, da sie bezweckt, de« Gewerbetreibenden die Lehrlingshaltung zu verleiden und so den Boden für die Lehrwerkstätten vorzubereiten." Unter den son- stjgen Forderungen politischer und sozialer Art sei nur noch die der. berussständischen Sozialversicherung der gewerblichen Arbei- ter erwähnt, das heißt die Auslieferung der Sozialoersicherung an bte Innungen. Da die Herrschaften an der Gesetzesbestimmung einstweilen nichts »ehr ändern können, haben sie sich dahin geeinigt, sie fo auszulegen, «ie es ihnen am besten paßt:.Die Auswirkung des Ge- ßetzes bezüglich der Beibehaltungspflicht der Lehrlinge werden »i« in gemeinsamem Einvernehmen der Genossenschaften aus an- bere Weise zu lösen trachten." Die Sorge um den Profit ist bei diesen Christlichen ziemlich stärker ausgeprägt als etwa die Sorge der Allgemeinheit darum, jk» We Ausgelernten bleiben sollen, was aus ihnen werden soll. Mus Ser Partei. Ja den Ruhestand getreten ist unser Genosse Karl Haberland, kongjähriger Bezirkssekretär für den Bezirk Niederrhein. Seit W Iahren in der Arbeiterbewegung angestellt, war Haberland rund 20 Jahre mit guten' Erfolg als Agitator und Organisator in seinem Bezirk tätig. Sein Rücktritt von seinem arbeitsreichen Amt wird seiner Tätigkeit noch kein Ziel setzen, der Partei wird er auch sicher jetzt noch manchen wertvollen Dienst leisten. Haberland gehört auch dem Preußischen Landtage an. Auf ein? ZSjährige journalistische Tätigkeit In der.Leipziger Dolkszeitung" konnte Genosse Fritz S e g e r in diesen Tagen zurück- blicken. Genosse Seger ist auch seit langem als Parlamentarier im Reichstage, im Sächsischen Landtage und als Stadtverordneter für die Partei tätig. Vor Ser Spaltung!tt Bulgarien. Aus Sofia wird uns berichtet: Dem Ausschluß von führenden Mitgliedern aus dem außer- ordentlichen Parteikongreß im März zu Sofia sind neue gefolgt. Das Zentralkomitee beschloß nach wiederholt versuchten, ober jedes- mal gescheiterten Vermittlungsaktionen zwischen den beiden Flügeln. die besonders auf die Einstellung des Organs„Napred" der Gruppe der„Wenigen" hinstrebten, den Ausschluß von Dr. Djidroff, Tschernokofs und Dimitrosf, die auch Mitglieder der parlamentarischen Fraktion sind. Die beiden ersteren sind die Herausgeber und Redakteure der„Napred", und der letztere Kassierer der Minderheitsgruppe. Während man noch vor wenigen Tagen eine Einigung erhoffen konnte, hat jetzt der Konflikt eine Ver- tiefung erfahren. Das Zentralkomitee will nach der abgegebenen Resolution mit allen Mitteln gegen die.Wenigen" vorgehen, um eine Konsolidierung der Partei herbeizuführen. Da deren An- hängerschaft jedoch nicht zu unterschätzen ist, dürfte die Gefahr einer Spaltung nähergerückt sein. Wenn Moissi Verhaeren spricht, klingt in dieser Stimme das Leiden eines Einsamen, müder Schmerz, der sich einmal zum klagenden Schrei fornit und dann zerbricht, tonlos erlischt, W ü l l ner singt die Verse mit edlem Anstand, er entsagt vor Verhaeren seiner Liebe zum Pathos, aber trotzdem werden.Die Auswan- derer" bei ihm zur Ballade irgendeines Klassikers. Ja, er singt von der Verlassenheit, aber seine Stimme kennt nicht den Schmerz, die Müdigkeit, das trostlose Elend, das hier Klang geworden ist, Wüllner spricht wie ein Mensch, der weit über diesen Dingen steht. wie ein angenehmer Pfarrer, er spricht mit ausgeprägtem, musi- kolischem Empfinden, die Stimme fügt sich dem Rhythmus der Musik ein, die Oskar Fried schrieb. Aber braucht Verhaeren eine musi- kalische Untermolung? Haben diese Berse nicht Musik genug in sich? Fried unterstreicht den Stimmungsgehalt der Dichtung. Am Schluß erscheint den Auswanderern die ersehnte Stadt, ober wird sie das Glück bringen? Müde erstirbt die Musik in langezogenen Akkorden. Ergebung in das Schicksal. Das ist sehr schön gegeben, wenn manches auch etwas süßlich klingt. Der Hamburger Sender ver- koppelt.Die Auswanderer" mit dem letzten Teil des„Herrn der Erde", gab die Dichtung als Einleitung. Dieser letzte Teil„Zwei Menschen" zeichnet sich durch wohltuende Kürze aus, die Handlung hat an Tempo und Gedrängtheit gewonnen, auch die Sprache ist besser geworden. Bedauerlich, daß die Uebertragung gerade am Anfang stellenweise sehr undeutlich war, manchmal derart, daß Wüllner kaum verstanden werden konnte, erst bei dem„Herrn der Erde" war sie von störenden Nebengeräuschen frei. Das Nach- mittagskonzert brachte die selten gespielte Ouvertüre zu Adams „Giralda". Das Rundfunkprogramm. Mittwoch, den 14. Juli. Außer dem üblichen Tagesprogramm: S.30 Ohr nachm.: Jagondbübne(ünterhaltungsstunde). Die Fnnkprinzessin erzählt Sommermärchen. Die Knnkprinzessin: Irma Btrnnz. 4.20 Ohr nachm.: Rogen Klever:.Die Grundlagen der Liebhaberphotographie". S— 6.30 Uhr abends: Nachmittagskonzert der Berliner Funkkapelle. Leitung: Konzertmeister Franz v. Szpanowski. Anschließend: Ratschläge fürs Haus, Theater- nnd Filmdienst. 7 Uhr abends: Hedwig Landsberg:.Soziale Krankenhausfürsorge". 7.25 Uhr abends: Wilhelm Lehner, Regensburg:.Die Erschließungsgeschichte der Alpen"(2. Teilt. 7.55 Uhr abends: Staatssekretär a. D. Prof. Lutz Korodi:.Das Wesen der kulturellen Autonomie der nationalen Minderheiten". 8.30 Uhr abends: Moderne Meister der Orgel. 1. S. Karg-Elert: Entrata D-Dur(Aus der D-Dur- Partita). 2. Willi Geisler: Grandezza(Aus den Improvisationen). 3. Max Reger: Pastorale. 4. 8. Karg-Elert: Angelus aus den Aquarellen, op. 27. 5. Enrico Bossi: OSertoire, op.104, Nr. 3. 6. Maurice Ravel: Pavane pour nne Infante defunte (Fritz Wenneis). 9 Uhr abends: Orchesterkonzert und Opern- duetto. Dirigent: Dr. W. Buschkötter. 1. Hugo Wolf: Italienische Serenade. 2. Verdi: Duett aus dem dritten Akt(Nilakt) aus .Aida"(Carola Farma, Sopran und Hermann Simberg, Tenor). 3. Sibelius: Der Schwan von Tuonela. 4. Puccini: a) Duett ans .Butterfly", 1. Akt, b) Duett aus„Boheme". 1. Akt, 2. Bild(Carola Farma und Hermann Simberg). 5. Julius Weismann; Tanzfantasie (Berliner Funkorchester). Anschließend: Dritte Bekanntgabe der neuesten Tagesnachrichten. Zeitansage, Wetterdienst, Sportnachrichten, Theater- und Filmdienst. KSnigswusterhausen, Mittwoch, den 14. Juli. 1.10�-1.40 Uhr nachm.: Lektor Grander u. Walinski: Französisch für Schüler._ 3— 3.30 Uhr nachm.: Stud.-Rat Friebel und Lektor Mann: Englisch für Anfänger. 3.30—4 Uhr nachm.: Studienrat Friebel und Lektor Mann: Englisch für Fortgeschrittene. 4 bis 4.30 Uhr nachm.: Prot Dr. L. Armbruster: Chemie und Bakteriologie in der Bienenzucht. 4.30— 5 Uhr nachm.: Mitteilungen des Zentral- Institutes. 6—5.30 Uhr nachm.: Anna von Gierke: Die Mitarbeit der Hausfrau in der freien Wohlfahrtspflege(Vereine). 8.30 Uhr abends: Uebertragung aus Münster. Sinfrabsneea für diese Rubrik find Berii» SW SS, Liudenstraße 3, parteknachrichten für Groß-Serlin fiet» a» da»«ezlrt-sekretariat. 2. Hof, 2 Trep. recht», ,» richte». heuie, Mittwoch. 14. Juli: 10.«it. Die Mitgliederversammlung fällt wegen«bweseni-tt de» Dr. Shirt Rosenfeld aus. Sie findet dafür cm Mittwoch, 2L S»U, iwn- 22.«it. Der Zahlabend fällt heut- aus. Am Donnerstag. 15. Juli, 7 Vi Uhr, bei Rad, an, Brüsseler Str. 43. wichtig« gunktionSrfituing. 23.«it. 7 Vi Uhr Zahlabende bei Lewandowsti, Seestraße: raub», Müller. strafe und Tiehc, Baifufstrafe. a. 24. Abt. 7Vi Uhr Zahlabende. 1. Truppe: Rosner, Immanuelkirchstrabe. 1» Truppe: Schmidt, Maricnburger(Strafe. 2. Truppe: Winzer, Thmst. burger Ecke Winsstrasse. Vortrag:„Das Heidelbeger Parteiprogramm» Refercntin: Ellen Beidler. 3. Truppe: Stöhler. Schweizerhauschen 34. Abt. 7 Vi Uhr Zahlabende bei Heese. Memeler Straße. Rossn. Gubener Straße lg. Micke, Warschauer Str. 17. Bortrag:„Die politische Lage. Referent: Eduard Zachert. M. d. L. Alle Genossinnen und Genossen müssen unbedingt erscheinen. 3«. Abt. 7Vi Uhr ZaNabende in den bekannten Lokalen. Für dl« Bezirke 153, 155, 157, 15«. im und 134 fallen die Zahlabend- aus. «bael-tt-ubueg. 52.«it. 7 Vi Uhr bei Büttner, Staiserin-Augusta�llle« Sl. Mitgliederversammlung. Vortrag:„Die politische Lage". Referent: Martin Stein.— 5«. Abt. 7Vi Uhr Sruppenversammlungen 1.�3. Truppe: Liersch. Stantstr.«2. 2. Gruppe: Ioskowiack. Holtiendorffstr. 20._ 73. Abt. Schmargendorf. 7 Vi Uhr Mitgliederversammlung in der Gemeinde» schule sfriedrichshaller Straße.„ 78.«bt. Dahlem. 8 Uhr bei Schilling, Stön>«iN-Luls«-Str. 42, Mitglieder» Versammlung und Zahlabend.__ 80. Abt. Schäneberg. Die heutige Abteilungsversammlung fällt aus. »3. Abt. Reukälln. 7 Vi Uhr Zahlabende.«3..»4. Bezir«: Rißmann. BShmisch« Straße 7. SS Bezirk: Warnstedt, Thüringer Str. 22. 95.»ezlrk: Priß- kow, Richardstr. 53. Siedlung: im Bärwinkel. In den übrigen Bezirken fällt der Zablabend aus. 120. Abt. ifriedrich» selbe. Die Mitgliederverfammluir« fällt au». 122. Abt. Biesdorf. Der Zahlabcnd fällt aus und findet dafür am Mittwoch, 133. Abt�Bachholz.' 8 Uhr bei Rossack. Hauptstr. 71, Zahlabend. » Iungsozialisien. Gruppe Steglitz: Donnerstag. 15. Juki.»Vi Uhr. i» Jugendheim Albrechtstr. 4« Bunter Abend Mit besonderem Programm. Sterbetafel üer Groß-Serliner partei-Grganifatioa 30. Abt. Unser langsähriger Genosse, der Spediteur Karl Mae», Meyer- heimste. 15, ist am 13. Juli verstorben. Einäscherung am Sonnabend. 17. Juli. vormittags 11 Uhr. im Strematorium Gerichtstraße. Wir bitten um rege Am 10, Juli verstarb unser Genosse Starl Schrokh, Mkrbachstr. 49. Beerdigung am Donnerstag, 15. Juli, nachmittags 2ii Uhr. auf dem Georgen- kirchhof. Landsberger Alle«, gegenüber dem Sl rankenhau-. Um recht rege Be- ��'lll. �Abt/ Lichtenberg. Am 10. Juli verstarb nach Z5jshrig«r Mitgliedschaft unser alter Genosse Ludwig Tornow im Alter von 71 Iahren. Einäscherung am Donnerstag. 15, Juli, nachmittags 4 Uhr. im Strematorium Baumschulenweg. 132«bit. Blankenburg. Am Sonnabend. 10. Juli, verstarb unser lang» iähriger Genosse Wilhelm Beiersdorf. Gutenfeldstr 4. Beerdigung heute, Mittwoch. 14. Juli, nachmittags 5 Uhr, auf dem Reuen Friedhof Blanken. bürg. Wir bitten um rege Beteiligung. Sozialiftische �rbeiterjugenö Groß-Serlin. Harzwanderung vom 8.— 15. August. Wer teilnehmen will, meld« fich recht bald im Iugendsekretariat.__ «chtun«. Abteilung, kassieeer! Heute. Mittwoch, von 5—7 Uhr. Abrechnung. Wanderleiterkonferenz Donnerstag, 15. Juli, 7Vi Uhr, Jugendheim Lindenstr, 3. Tagesordnung: 1. Unsere Winterarbeit. 2. Der Wander. tag am 1. August. 3. Lichtbildervortrag Gen. Charlett:„Geologisches Wandern". ÜIÜ heute. Mittwoch, 14. Juli, abends 7K Uhr: S-lucholtzplatz Schule Eberswalder Str. 10. Bortrag:„Arbeiterschaft und Republik".— Baltenplatz: Jugendheim Rigaer Str. 10S. Glaßdrenner-Abend. — Südost R..B: Jugendheim Reichenbevger Str. 00. Bortrag:„Die Erlebnisse unseres Bibliothekschrankes".— Tempelhof: Lnzeum Sennaniastr. 4,'6. Bortrag:„Lebensreform".— Banns«: Schule Eharlottenftraße. Bortrag: „Was ist Sozialismus?"— RiederschSneweid«: Schule Berliner Str. 31. Bor- trag:„Don Weimar di» Hamburg".— Friedrich» seld«: Jugendheim Berliner Ecke Schloßstraß». Bortrag:„Die Strrch« im Mittelalter".— Lichtenberg-Ritte: Jugendheim Dvssestr. 22. Bortrag:„Wir und unsere Gegner".— liichck-uberg. Rord: Jugendheim Barkaue 10. Bortrag:„Was wir wollen".— Lichte»begg- «est: Jugendheim Dossestr. 22. Bortrag:„Einsührung in die sozialistische Gedankenwelt".— Westen: Jugendheim Blllowstr. 88. Liederabend. verbebezirk Neukölln: Am Sonnabend, 10. Juli,»erstarb di« Ge- nossin Annemarie Stanz au» der Abteilung Neukölln NI. Zur Teil- nähme an der Beisetzung treffen wir uns heute um Vi4 Uhr Bahnhof Hermann straße. Werbebezirk Streuzberg: Zusammenkunft der Musiker Reichenberger Etr. 66. Vorträge, vereine unö Versammlungen. Reichsbonner»Schwarz-Rol-Gold". Geschäftsstelle: Berlin E. 14. E-bastianstr. 37/38, Hof l Sr. Gauvorstond: Sämtliche nicht eingeteilten Streife unterstützen weit. möglichst die Beranstaltung in Bötzow am Sonntag, d. 18. Zahlt 12 Uhr mittags ab Stett. Borortbhf. bi» Velten, ifahrprei» etwa 1 M.— Tiergarten: Kameradschaft Stephan Bollversammlung ffr.. d, 1«.. 7Vi Uhr, bei Sübner. Wilsnacker Straße.— Prenzlaner Berg: Stameradschaft Heinrich fflurc Bolloersammlung Do., d. 15., 8 Uhr. bei Barowski, Pasteurstt. 8.— Lichten. berg nebst Untergruppen: Do., d. 15., 8 Uhr, sämtliche Stameraden, Ortsgruppen., Zug. und Gruppenführer zu einer wichtigen Besprechung Turnhalle Lalteistraße. Erscheinen Pflicht, ffr., d. 16., 7 Uhr, ZugfÜhrersttzung bei E. Skrstger, Tllrrschmidtstraß«. 3 Uhr Zugfitzung in den bebannten Lokalen.— «rbeiter.Snmariterkoloune Relvickendors, Mitgliederversammlung Donners. tag. 15. Juli, 7Vi Uhr, im Bcklkshaus Echarnwederstr. 114. Wetterbericht der»fsenklichen Wetterdienststelle sür Serfin,(Nachdr. verb,) Heiter, trocken, warm.— Für Lentschland: Fortdauer des trockeneo, warmen SommerwelterS. �etal.efa«».ltacksizd,. 25 Gr. 35-39, kMondcn billig JL la weiss Lcinensdiuhc wie»nurUtanjicham Abssti Weiss Leinen- Spangen- r�25 schuhe GrSss» 31-54 3,45, 27-30. ß. ............................ 25 Weiss Lein ensdhuhc für 95 Oamen bw �«»»fOdriuig. Marko .Monapol", noch nl». 70 Proz., und die englische Eourtauld Ca. 90 Proz. der heimischen Produktion beherrscht. Da diesen Riesenproduzenten ober mit aller Macht prosithungriges Kapital zuströmt, liegt die Gefahr der lieber- Produktion und der II e b e r k a p i t a l i f i e r u n g auf der chand. Das Hot zu zwei Erscheinungen geführt, die für den inter- nationalen Zusammenschluß der Kunstseidenindustrie von größter Bedeutung sind. Die Verschärfung der Konkurrenz fürte zur Ab- schließt»«; der Inlandsmärkte durch Zölle: Amerika erhebt 45 Proz., England seit dem 1. Juli 1925 ebenfalls 3314 Proz.. Frankreich 52 Proz., Japan 14 Proz. des Fakturenwerts und Deutschland bekanntlich 100 bis 160 M. je Doppelzentner. Es ist natürlich, daß die großen Gesellschaften, gestützt auf ihre Patent- vorteile, die Zollgrenzen durch Gründung' neuer Fabriken im Courtauld-England mit Glanzsteff-Bemberg in Deutschland, Glanz- stoff-Bemberg und Eourtauld gründen in Amerika, cholland gründet ftoff-Bamberg und Eourtauld gründen in Amerika, Holland gründet in Belgien und Frankreich. Die Folge ist eine gewaltige inter- nationale Kapitatverslechtung von mehrfachen Mil- liarden Mark und die Tendenz zur Vertrustung. Der Preisdruck wiederum, der aus der Konkurrenzlage folgt, führt im Inland zu Konventionen und Kartellen. So ist in Deutschland seit dem 10. Juni eine Konvention der Kunstseidesabriken in Geltung, die die Preise, die Lieferungs- und Zahlungsbedingungen regelt und demjenigen Käufer Rabattvorteile gewährt, der 90 Proz. seiner Einkäuse bei Konrentionssirmen vornimmt. International ergibt sich die Tendenz zu eiliem Kunstseidesyndikat, dessen Entstehen und dessen Wirksamkeit gerade durch die Kapitalverflechtung der größten Finnen gesördert wird. Ein ausgezeichnetes Beispiel für diese internationalen Vcrtrustungs- und Syndizierungstcndenzen ist die letzte Transaktion der I. G. Farbenindustrie Frankfurt. Der deutsche Chemietrvst in der kunstsei deindustric. Die I. G. Falbenindustrie A.-G. nahm kürzlich den zweitgrößten Kunstseideproduzcnlen Deutschlands, die Köln-Rottweil A.-G., Berlin, in ihren Trust aus; mit der D y n a m i t f a b r i i A.-G. vor- mals Nobel-Hamburg, das Hauptwerk der früheren deutschen Pulver- gruppe. Die Einzelheiten der Fusion interessieren hier nicht. Viel wichtiger sind die finanziellen Verknüpfungen, die sich aus dieser Fusion direkt und aus srüheren Perbindungen des Chemietrusts mit Glanzstoff-Bemberg für die internationale Kunst- seideindustrie ergeben. Köln-Rottweil und Dynamit Nobel-Hamburg haben nämlich noch vor der Fusion Kapitalerhöhungen um je 714 Millionen Mark vorgenommen und durch Uebenragung von je der Hälfte an die englische Nobel Dynamits Co. und die amerikanische D u p o n t de Nemours Co. die von feiihcr bestehende» Verbindungen zu diesen Gcsellschasten vertieft. Die amerikanische Dupont de Nemours Co. ist heute neben der Biscosa Co. die zweitgrößte Kunstseideproduzentin Amerikas. Der Chemietrust hat Köln Rottweil in der Hauptsache wegen der Kunst- seide ausgenommen. Di« Dupont de Nemours Co. ist so über Köln- Rottweil heute am Aktienkapital und den Gewinnen des Chemietrusts beteiligt. Zwischen dem Chcmietrust und Glanz st osf-Bcm- b e r g bestehen schon von srüher gute Verbindungen. Von Glanz- stoss-Bemberg geht die Brücke zum englischen Courtauld-Kon- z e r n. Es"bedarf nur noch einer kapitalmäßigen Verflechtung zwischen dem Chemictrust und Glanzstosf-Bemberg-Courtauld, um den deutsch-enolisch-amerikanischen Ring zu schließen. Diese ist bei der technischen Zusammenarbeit der Gruppen durch Patente und Rohstosslieferungcn und angesichts des zu erwartenden Preis- und Konkurrenzkampses nur noch eine Frage der Zeit. Sie wird um so schneller kommen, je schärfer das Ausdehnungstempo der Produktion und das Kapitalisierungstempo der Werke ist. So wird man wohl auch bei der Kunstseideindustne die Er- sahrung machen, daß er nicht heißen wird Welttrust oder Welt- syndikat, sondern daß Vertrustungs- und Syndizierungstendenzen nebeneinander her laufen und daß die internationale Kapttaloerflech- tung der internationalen Syndizierung ebenso vorarbeitet, wie dies die national? Kartellierung tut. Jedenfalls aber wird der Kampf um die internationale Führung und Vorherrschaft bald ebenso spruchreis werden wie die internationale Preisregelung: und wenn nicht alles trügt, werden die Hauptkämpfe zwischen den deutsch- englischen Gruppen einerseits und den italienisch-französifch-belgischen Gruppen andererseits spielen. Dabei wird Amerika für den übrigen Weltmarkt ein großes Wort mizusprechcn haben. Natürlich werden auch hier, solange der Unsinn der Zollmauern fortbesteht, die Jnlandskonsumenten jeweils die Gerupften sein. K— r. Die tzapag kauft Schiffe. Äapitalerhöhungc« bei Hapag und Lloyd. Die beiden großen deutschen Ueberseelinien nehmen, nachdem der Norddeutsche Lloyd erst im Dezember drei bedeutend« deutsche Reedereien aufgewogen hatte, beträchtliche Kapitalerhöhungen zur weiteren Ausdehnung ihrer Interessen vor. Die Hamburg-Amerika- Linie 10 Millionen, um von Harriman drei 20 000.Tonnen-Personen- dampfer zurückzukaufen, die dieser als billige Kriegsprise seinerzeit erwerben konnte; sowie weitere 11 Millionen, über deren Verwen- dungszweck noch nichts feststeht. Der Norddeutsche Lloi)d nimmt 22 Millionen neu auf, von denen 10 Millionen für den weiteren Ausbau, der Rest ebenfalls als Reserve für noch unbekannte Zwecke Verwendung finden. In beiden Fällen sollen die Aktionäre bei einem Kursstand von 153 bzw. 148 die neuen Aktien zu 108 bzw. 110 Proz. beziehen können. Dieses letztere Moment ist an sich interessant genug. Erhalten doch damit die Aktionäre, nachdem in den Geschäftsberichten über die Unmöglichkeit einer Dividendenausschüttung über das schlechte Geschäft und über die Steuer- und Sozialbelastung ge- klagt worden ist, im nachhinein eine vollwertige Dividende ausgezahlt. Den großen Schiffahrtsgesellschaften, deren Wiederauf- bau nicht nur weitgehend vom Staat unterstützt, sondern durch die Werftkredite noch besonders gefördert worden ist, geht es also heute bereits so gut, daß sie verschleierte Dividendengeschenke an ihre Aktionär« machen können. Noch bedenklicher ist das R ü ck k a u f s ge f ch ä f t der Hopag gegenüber Harriman. Die großen Reedereien lassen sich offenbar unter Cunos Führung von den bekannten Prestigegründen leiten, die vor dem Kriege die deutsche Schiffahrt so sehr beherrschten. Schiffe, die zum Teil bereits 19 0 8 gebaut wurden, also nicht gerode über- mäßig modern sind, von einer Größe, für die kaum Vollausnutzung möglich ist, werden zu einem Preise gekauft(300 M. pro Tonne), der in Fachkreisen für teuer gehalten wird. Daß die„Rcliance" (20 000 Tonnen) am 27. Juli, die„Resolute"(20 000 Tonnen) am 10. August, die„Cleoeland"(17 000 Tonnen) am 26. August die .,F l a g g e wechseln" wird, scheint für diese Käufe wirklich sympto- matisch zu sein. Die größte Ueberraschung, die neuen Namen der Schiffe, wird die Oeffentlichkeit wohl noch vor sich haben. Daß es den Schiffahrtsgesellschaften wieder gut zu gehen beginnt. soll ihnen nicht vorgeworfen werden. Dafür sind sie als privat- kapitalistische Gesellschaften schließlich da. Daß das weitgehend durch öffentliche Mittel geschah, das soll die Oestentlichkeit nicht vergessen. Daß aber ausgerechnet die Schiffahrtsgesellschaften dem übrigen Privatkapital heute schon mit der Verwässerunz ihres Kapitals vorangehen können, das läßt darauf schließen, daß die Gesellschaften über ihre Lage die Oeffentlichkeit bis- her getäuscht haben. Schweöenttust unö Zünöholzinüustrie. In dem Konflikt zwischen dem Schwedentrust und den sogenann. ten unabhängigen deutschen Zündholzfabriken ist jetzt durch die De« mittlung der Regierung eine Art Waffen st ill st and eingetreten, Die zwischen den Interessenten stattgefundenen Verhandlungen haben nämlich zu dem Plan einer Errichtung einer gemeinsamen' Verkaufs gesellschast geführt. An dieser Verkaufsgejellschaft sind zu je 50 Proz. der S ch w e d e n t r u st aus der einen Seite und die sogenannten unabhängigen freien deutschen Fabriken, die Großcinkaufsgesellschaft Deutscher Konsumvereine und die Reichs- kredit-A.-G. auf der anderen Seite beteiligt. Die Hersteller ver- pflichten sich, ihre Produktion nur durch die Vertriebsgesellschast zu oerkaufen. Eine Ausnahme gilt für die Konsumvereine, die ihre Abnehmer unmittelbar beliefern. Die Gesellschaft hat der Reichsregierung freiwillig einen Einfluß auf die Preisgestaltung eingeräumt. Sie kann z. B. gegen Preiserhöhungen Einspruch er- heben und eine Herabsetzung der Preise verlangen, wenn dies aus Gründen des öffentlichen Wohls notwendig erscheint. Fürs erste ist dem Fortschreiten des Schwedentrusts damit E i n- halt geboten, da ein Verkauf der Quoten usw. besonderen Bestimm mungen, die bis jetzt nach nicht bekannt gegeben worden sind, ünte« liegen soll. Sehr wahrscheinlich wird die ganze Aktion noch eine Er- Weiterung nach der Seite hin erfahren, daß das von den„freien'' Zündholzfabrikantcn feit langem gewünschte Verbot für die Er- richtung von neyen Zündholzfäbriken in Kraft tritt. Dividende für den verleih von Eisenbahnspestal wagen. Die Eisenbahn oerkehrs mittel-A.-�G. in Berlin war ur, sprünglich auf das Verleihen von Spezialeisenbahnwagen ein- gestellt. Insbesondere von Kesselwagen für alle möglichen Arte« von Oelen, Säuren, Kraft- und Brennstoffen und von Kühlwagen zum Transport von allem, was gegen den Einfluß der Wärme bei längerer Fahrt geschützt werden muß. Dazu kam, insbesondere für den" Verkehr mit Oesterreich-Ungarn und zum Verleihen für Privat- bedarf, ein Part von offenen und gedeckten Güterwagen. Interessen- ten der Waggonindustrie(Borsig-Krauß), zwei österreichische und UN- arische Gesellschaften und die Hamburger Kühltransit-A.-G. hatten ich zu dem Geschäft vereinigt. Seit 1917 war der Waggonbau im großen(Waggonfabrik Wismar) hinzugekommen. Der Ge- schäftsbericht zeigt die interessante Tatsache, daß der Waggonverleih die Verluste der Wismarer Waggonfabrik(das Reparaturwerk Berg- dorf-Brühl wird kaum viel abgeworfen haben) nicht bloß auf- gewogen, sondern darüber hinaus noch beträchtlichen Gewinn ge- bracht hatt auf 5,2 Millionen Aktienkapital 275 000 Mark. Daraus wird eine Dividende von 5 Proz. verteilt. Die Dawes-Anleihe als Spekulationspapier der sranzösischea währungsbankrolleure. Genau wie bei uns während der Inflation sich das Kapital in ausländische Aktien und Zertifikate flüchtete, hat Frankreich sein Spekulationspapier jetzt während des Franken- sturzes in der deutschen D a w es- A n l e i h e. An der Pariser Börse eilen nämlich die Kursnotierungen der Dawes-Anleihe der- jenigen des englischen Pfundes weit o o ra u s. die Kurse de« Papiers sind auch in Paris höher als an anderen Börsenplätzen. Der internationale Charakter der Dawes-Anleihe und ihre Eiche- rung machen sie für die Kapitalflucht in Frankreich besonders ge- eignet. Es wirkt wie eine Ironie des Schicksals, daß heut« die Schuldverschreibungen Deutschlands zur Flucht airs der Währung für die Kapitalisten Frankreichs dienen, die durch ihr« verfehlt« Reparationspolitik vorher die Vernichtung der deutschen Papiermark mindestens stark begünstigt haben. mmB Unser Saison-Ausverkauf geht zu Ende und damit eine für Sie äußerst günstige Kaufgelegenheit Damen schwarze Leder* tpangenidiuhe mit Korn- ieb-Absetz......» Damen braune echt Box- calftpangenachuhe mit CB°v) Blattbordüre..... Damen blonde Zotz- n._ �_ Spannt entcb übe mit omeri- kanlschem u. Komteb- Absatz I�B Herren-Schnürhalb- schuhe, gute Verarbd- tung........■ Herren-Schnürhalb schuhe mit tarbigem* Nubudt-Einsatz Herren brenne Halbschuhe mit Nubuek- T Einsatz...... ,1 4* Wertvoile Rest- u. Einzel IIS eigene Verkaufsstellen, davon 19 in Grofc-Berlin und Potsdam-. 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Die trauernden Hinterbliebenen Ernst Mars, Lieabeth Mars, geb. D riebe Anna Gertth, geb. Mar« Ernst Gerlh, Kurt LQdks, Enkel EinSscherung am Sonnabend, vormittags 11 Uhr, im Krematorium Gerichtstraße. Am 13. d. M., morgens 31/« Dir. verschied unerwartet unser langjähriger Mitarbeiter nnd Kollege, Genosse Karl Mars Meyerheimstraße 15, im 73. Lebensjahre. Seit 1835 bis 1924 für den.Vorwärts" als Spediteur tätig, war ihm der wohlverdiente Ruhestand leider nur kurze Zeit vergönnt,— Wir verlieren einen stets seiner Pflicht bewußt gewesenen Angestellten, einen lieben Kollegen. einen treuen Genossen und Kämpfer für den Sozialismus. Ehre seinem Andenken! vLlidZttsielwnü ond Perfona! des Vonvärls-Vertag K.M.V.L. Die Einäscherung finde« am Sonnabend, den 17. d. M., vormittags 11 Uhr. im Krematorium Gerichtstr. 37/38 statt. Großer Saison-Ausverkauf! Mittwoch, 14., Donnerstao, 15., Freitag, 16., Sonnabend, 17. 1000 Tcppichen BrQc&en, Vorlagen, TisGh-n.DiwandecKen ÄÄ Erstkiass. 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S-ilidaritat und Slaffendewntztsein verband«du in jed« Lage mit der Sollrgenschail und mtrd sein tzllldenlen w unlrzen Zieitzen nie erldschen lassen, sondern zur Vach- eiserung anrege» vle lentralliowmlssioa der LebrlftgleSer Deutschlands Sie TinS'cherung findet am ffrellag. den IS. Juli nachmittag» B7, Uhr. im Krematorium Serichtstratze stall. KiMisUMM-IMlI Achtung! Achtung! Sie Brandjea- Velttlmkvsaiüaaellonserenz der Metall, u. Reuolverdreher WW� füllt in diesem Monat au». VI» Oclsocnoalttwg. mm Erst»««hang nnwlf amfltoh— ub tftnnwhy*1** und Mootog Deutsche ampfspiel-Lotterie K bmed ISOOOOOI licllt|rr n arf Iii Dt||tlln I. Werte r. Uirk 200000 IWitinrlna u( eil EUtUlu L Wert««. Hirt lOOOOO KSvooo ■40000 13 MS Bndiin a t FrWz Ii Werte m Hirt L lk r.iiHk. omr. n.w. EiRZsIlgsILI.- Doppellos M. 2.- Oha» Nubsahlaag gfllttg Ur b»UU Zlabaagen. Nrti igd litte» flr Mk Zlekniu 40 Pf. otri alt i Lette rai»er- SM. etflcksbrlefe�lWpÄ •inschlteßl. Porto n. in ftiBrb Listen 12 Ziehangon■»0» B Dd.llB!ltr&[0.iil!TllDlV1!) Jeniaalamer StraSa 18 P*»t»sliulciaate Berlin 18420. Thealer Llditfplelc Ol«. f flutet id Süliwiiiiti 8 Uhr: DonlsrliBtsidiroln seriinr Cildutaga ig J Ute» Morgen- Uhr sidiredsD Staats-Theater Oparabao» «, Platz d-Bepubl. 7i/, Uhr: Tosca MM Mt Norden 10334—38 SuijpMnltn Xetart 8>/« Uhr Mai Adalbert BasBUel Die EomSdle Bismarck 2414, 7316 8«/, Uhr: Wcehcnö IDebar'n Sonntag) Oeolsehei (Onstl-Theaur Tagl«>/. Uhr- Der Ir0lül4ke — 5ÄE1„ Lf.Lessing-Tb. Paol Heackcls zum 327. Male: Schneider Wibbei («b«, Gndtoiutir Sommerpr. 1-8 M. unrJ.liltätL.tmri tdutt. Sildttbmir wj «tiMh WtePlIiai 1,5!, «aA w Utthirj! .1. Klein es fn. UMIiseg Vorz. dieses zahlt 80°/. d Kass-npr Fk. in Iirrnirjtioijisiiii 8'/. 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