�benSausgabe Nr. 327 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe g Nr. 161 vtjugtbttinau»««» vab«ojelgtwsteff« Und in btz SKnttmiutattbt anenthtn HcöotHon: SS. M. Cinbenfirab« 3 3crBfpt«4*r: VS-hoft 202— 20T XeL-SbtcffcSojialbcmoftal Betila Derlinev VoMsblatt (10 p?«nnis) Mittwoch 14. Juli 1 426 eerla, und Anzetgenabteilnn«: S«s Ermächtigungsgesetz in Belgien. Schnelle Beratung. Brüssel. 14. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Die Regierung hat sich entschlossen, der Bolutapanik mit starken moralischen und materiellen Mitteln entgegenzuarbeiten. Sie veröffentlicht einen beruhigenden Aufruf ans Land. In der Kammer herrschte gespanntes Interesse, als Ministerpräsident I a s p a r eine Er- klärung abgab, um da? Ermächtigungsgesetz zu begründen, das der Regierung für die Dauer von sechs Monaten außerordent- liche Vollmachten zur Behebung der Finanzkrise erteilt. Er wandte starke Gefühlsargumente an, die nicht ganz eindruckslos blieben. Von positiven Erklärungen ist festzustellen, daß die Verzinsung der Eisenbahnaktien mit oalutarischcr Garantie erfolgen soll, laß der Ausschuß zum Schutz des Franken bereits heute in Tätig- 'dt getreten ist, der sowohl Dalutatransaktioncn wie Kapitalbe- wegungen strenger kontrolliert. Die Groubrotfragc soll schon am beutigen Mittwoch geregelt, sowie drakonische Maßnahmen gegen den Luxusverbrauch und die Nachtlokale getroffen werden. Iaspar betonte stark, es bestehe, keinesfalls die Absicht, der Verfassung irgendwie Abbruch zu tun, aber im gegenwärtigen Augenblick müsse die Regierung die Möglichkeit haben, schnell zu handeln und der Nation den Weg des HeiK ZU zeigen. Dick Stabilisierung des Franken werde unbedingt tief unter dem heutigen Kurs erfolgen. Die Arbeitslosenunter st ützung sowie die Altersrenten der Bergarbeitex, später aller alten Arbeiter würden erhöht werden. Auch V a n d e r v e l d e bot die Kammer in sehr eindrucksvoller Rede, der Regierung in diesem tragischen Augenblick volles Vertrauen entgegenzubringen. Nach kurzer Diskussion wurde dem Gesetzentwurf die Dringlichkeit zugebilligt und die Sitzung ,obge- brachen, um den Gesetzentwurf sofort in den Fraktionen durchzu- beraten. Die verlangten Vollmachten sind sehr weitgehend und er- strecken sich auf so ziemlich alle denkbaren Maßnahmen, die mit Valutafragen zusammenhängen. Das Pfund notierte Dienstag amtlich 117 gegen 100 am Montag. Die Gewerkschaftskommission beschloß angesichts der stetigen Verschlimmerung der wirtschaftlichen Loge und der Unwirk- samkeit der bisherigen Regierungsmaßnahmen sowie der steigenden Unzufriedenheit der Arbeiterschaft, deren Forderungen dem Premierminister vorzulegen. Sozialisten für öie Transferklausel mit flmerika. Paris. 14. Juli.(Eigner Drahtbericht.) Im Namen der sozialistischen Kommerfraktion hat Vincent Auriol einen An- trag in der Kammer eingebracht, in dem die Regierung ersucht wird, die Washingtoner Verhandlungen von neuem aufzunehmen, um dem amerikanisch-sranzösischen Schulden- abkommen eine Tra n s f e r- Klausel beizufügen. Dos„Journal" glaubt zu wissen, daß diese Verhandlungen mit Washington bereits im Gange seien und daß die Transfer-Klaüsel wie in dem Schulden- abkommen mit England in zwei Briefen formuliert werden wird, die de« abgufchließenden Abkommen als Anhang beigegeben werden. Das Alarotkoabkommen. Sein technischer Charakter. Paris. 14. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Das spanisch-fronzö- fische Marokkoabkommen, das am Dienstag von Briand und Primo de Rivera unterzeichnet und abends der Presse über- geben wurde, ist ziemlich kurz. Es behandelt im einzelnen die Fragen der Einflußzonen Spaniens und Frankreichs in Marokko, die Küstenbewachung und das G r e n z r e g i m e zwischen der französischen und spanischen Zone, an deren Grenzen selbst ebensowenig wie an den internationalen Marokkoabkommen der neue Vertrag nichts ändert. Der Vertrag schließt mit dem Wunsche, daß die friedliche Zusammenarbeit der beiden Völker die- selben Früchte wie das militärische Zusammengehen bringen werde, zum Nutzen des Landes selbst. 1A Toüesurteile in Smprna. Der Spruch des Revolutionstribuuals. London. 14. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Im Smyrnaer Komplottprozeß gegen eine Reihe bekannter polüsscher Führer wegen Attentatsoersuchs gegen die jetzige Regierung wurde am Dienstag nachmittag das Urteil gefällt. 13 der Angeklagten wurden zum Tod« verurteilt, darunter der frühere jungtürkische Minister Schukri. S Abgeordnete der Opposition und S Leute. die für die Tat gedungen waren. In Abwesenheit wurde der Jung- türke Kemol verurteilt. Di« 13 Hinrichtungen werden wahrscheinlich schon im Lauf« de» Mittwochs erfolgen. Der portugieststtze Zitat. General da Costa taucht wieder auf? Nach neuen, bisher allerdings unbestätigten Meldungen aus Lissabon soll die Mannschaft des Kreuzers, der General da Eosta nach den Azoren zwangsweise bringen sollte, gemeutert haben. Das Kriegsschiff soll sich auf dem Rückweg nach Lissabon unter Leitung seines„Gefangenen" befinden! Der Staatsanwalt von Hraunfthweig. Du Roi will keine neue Verhandlung. Braunschweig. 14. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Der Ober- stoatsanwalt du R o i- Braunschweig, dem als Leiter der Landes- strafanstalt Wolfenbüttel in unserem Braunschweiger Parteiblatt« ein« nachlässige Geschäftsführung vorgeworfen wurde, und der eine Verurteilung des verantwortlichen Redakteurs des Braun- schweiger Volksfreundes erreichte, hat jetzt die von ihm eingelegte Berufung zurückgenommen. Anscheinend ist ihm da? nochmalig« Aufrollen des Prozesses unangenehm. Der deutsch-schweizerische Handelsvertrag ist in Bern unter. zeichnet worden. Das potemkinverbot. Ungesetzliche Willtür reaktionärer Bureaukraten. Das Fehlurteil der Filmoberprüfftelle, das den„Panzer- kreuzer Potemkin" verbietet, ist zum Teil eine Folge des überwiegend reaktionären Verwaltung s- apparats der Republik. Als Sachverständiger bei den Filmprüfftellen für die Frage der Gefährdung der öffent- lichen Ordnung und Sicherheit fungiert der Oberregie- rungsrat Müh leisen, der zwar Beamter des dem Reichsinnenminister nochgeordneten Reichskommissariats für diese Fragen, geistig aber vollkommen abhängig von den Herren im Reichswehrmini st crium ist. Ihn kennzeichnet, daß er unlängst als Sachverständiger vor der Filmprüfstelle den Deutsche� Tag in Halle 1924 als eine unpolitische Veranstaltung parteimäßig ungebundener Organisationen ausgab, für die keine Veranlassung vorlag, die Mitwirkung der Reichswehr zu vermeiden. Die ersten Blätter, die gegen den„Potemkin" Sturm liefen, waren die Zeitungen, die auch sonst gern sich für die Veröffentlichungen gewisser Stellen aus dem Reichswehrministerium hergeben. Wir konnten seinerzeit berichten, daß M ü h l ei s e n, als er mit dem„Potemtin"-Verbot bei der Oberprüfstelle nicht durchdrang, den O b e r r e i ch s a n w a l t auf die Fährte setzte. Er mußte bei den jetzigen Verhandlungen dem Ver- treter der antragstellenden Firma, Genossen Paul Levi, zu- geben, daß der Oberreichsanwolt die Verfolgung der Sache abgelehnt habe. Er mußte weiter— in diesem Zusammenhang nicht uninteressant— bekennen, daß ein wichtiger Teil des Materials, mit dem der Vertreter der würt» tembergifchen Regierung den Widerruf begründet, von ihm dienstlich übersandt war. Sein Gut- achten und die der Herren vom Reichswehrministerium waren nicht nur politisch kläglich, sondern auch rechtlich o o l l k o m- men unhaltbar. Sie verwiesen immer wieder auf den russischen Ursprung des Films, die kommunistische Neigung, Revolutionen durch Erinnerungen an vergangene vorzubereiten, obwohl das Filmgesetz jede Absichtszen sur ausschließt und lediglich die Wirkungszensur gestattet. Mit erschütternder Deutlichkeit aber zeigten Sachverständige und Vertreter der den Widerruf beantragenden Landesregie» rungen, daß sie diesen Film beseitigen' wollen, weil er getragen ist von Empörung gegen Unter- d r ü ck u n g, weil da, wo die Matrosen ohne Offiziere ihr Schiff lenken, die Größe des freien Volkes, das sich selbst regiert, im Symbol auftritt. Die Untertancngesin- n u n g. ohne die die Wiederherstellung des Obrigkeitsstaates unmöglich ist, gefährdet der stumme Freiheitsgesang. Der Haß gegen die Demokratie hat diese Regierungs- Vertreter geleitet, die sich die Staatsautorität nur in Form des Zarismus denken können. Der Vertreter der preußischen Regierung betonte denn auch, daß Preußen seine Staats- autorität nicht für gefährdet halte, weil es sich bewußt fei, daß sie auf anderen Kräften beruhe, wie auf der Gewalt, gegen die im„Potemkin" rebelliert wird. Das Reichslichtspielgesetz untersagt einmal ausdrücklich, daß Filme wegen einer politischen Tendenz ver- boten werden und macht im Sinne seiner vorhin schon an- geführten Wirkungszensur den Widerruf der Zulassung eines Films davon abhängig, daß der Versagungsgrund nach der Zulassung hervorgetreten sei. Nun hat aber einmal Preußen, das Zweidrittel des Reichs umfaßt, erklärt, daß sich in Preußen eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit durch die Vorführung des„P o t e m- k i n" nicht gezeigt habe. Mecklenburg hat seinen Antrag auf Widerruf aus demselben Grund zurückgezogen, der badische Landtag den Antrag abgelehnt. In den Ländern, die das Verbot beantragen, ist der Film, weil widerrechtliche Polizei- verböte es hinderten— der bayerische Vertreter sagte vor der Oberprüfftelle ganz offen: verboten ohne Rücksicht auf das Reich sfilmgefetz— überhaupt nicht vorgeführt worden. Nirgends hat sich also ein neuer Versagungsgrund gezeigt, und so kann die Entscheidung nur als widerrechtlich politische gewertet werden. Die Oberprüfftelle gibt als Verbotsgrund an, der Beifall bei den Stellen, die die Empörung der Matrosen zeigen, beweise die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. Als die Vor- sitzende einer Berliner Prüfkammer seinerzeit gegen die Zu- lasiung des„Fridericus Rex" die Amtsbeschwerde erhob, weil der Film den Eindruck erwecke, als sei der bewaffnete Widerstand unter Führung eines Königs das beste Mittel zur Befreiung eines Volkes aus unglücklicher Lage und dabei auf die in der damaligen Situa- tion— Frühjahr 1923— dadurch entstehende Gefährdung der öffentlichen Sicherheit hinwies, wurde der Beschwerde nicht stattgegeben, und auch später die Zulassung nicht wider- rufen, obwohl der Beifall gerade an den Stellen einsetzte, die im Sinne der Dolchstoßlegende gegen die Linke aufreizen. So läuft der„Fridericus Rex" in diesen Tagen wieder am Potsdamer Platz, während, wie zur Verhöhnung der Republikaner der„Potemkin" ver- boten ist. Ueber diese Feststellungen hinaus müssen wir auf Mängel in der allgemeinen Handhabung der Film- z e n su r hinweisen, die sich bei dieser Entscheidung besonders fühlbar machen. Der Vorsitzende der Filmoberprüstelle, der ihre Beratungen, auch die beiden..Potemkin"-Sitzungen, leitete, ist gleichzeitig Referent für Filmfragen im Reichs- Ministerium des Innern. Er wird also selb st die AvtwortaufdieKeschwerdederFirmawegen rechtlich«? Unhaltbarteit des Verbots für de» Minister Külz vorbereiten. Er. schlägt die Beisitzer der Prllfstellen. die der Reichsminister des Innern zu ernennen hat, vor und zieht die einzelnen zu den Sitzungen heran. Die Beisitzerliste ist nie veröffentlicht worden. Wenn man die jeweilige Zusammensetzung der Kammern betrachtet, muß die Zahl reaktionärer Beisitzer enorm sein. Darüber hinaus haben sich aber schwere Mängel auch des Filmgesetzes gezeigt. Es ist ein Unding, daß an die letzte Instanz, nachdem sie gesprochen hat, aus ein Verbot immer wieder appelliert werden kann, und daß gleichzeitig durch den Wechsel der Laicnbesitzer, die die uneingeschränkte Majorität haben, die Kontinuität der Rechtsprechung un- gesichert bleibt. Das mag in den tausend Fällen, wo es sich um erbärmlichen Kitsch handelt, gleichgültig sein, hier, wo es um ein Kunstwerk geht, wird es unerträglich. In allen Fällen, in denen sich der Film den großen Gegen- ständen der Menschheit zuwendet, muß die jetzige Zu- s a. m m e n s e tz u n g der P r ü f t a m nr e r n versagen. Sic ist berechnet auf den Schutz der Bevölkerung vor Gemein- heilen, die zur Zeit der Entstehung des Gesetzes produziert worden sind. Vor großen politischen Fragen stehen die Bei- siber aus de» Kreisen der Wohlfahrtspflege und' der Volks- bildung, die ausschlaggebend sind, ratlos, wenn sie sich nicht persönlich mit ihnen beschäft-gt haben. Nichts berechtigt gerade sie zum R'chtcr über Kunst und Politik zu machen. Der.,Nolemkin"-F'lm ist der erste Schritt des Films in das Reich der Idee und Kunst und das Versagen der Film- Prüfung wirft die Frag? auf. ob die Filmzcnsur auf h, i e Dauer berechtigt und die Gefahr der Unter- orückvng der Freiheit der Kunst und der politischen Meinungs- ö"ßervnn nicht größer als ihr Gewinn ist. Verflachenden Klised hat sie so wie so nie beseitigen können und der üble Nufklärnngsstlm wäre in der Zelt der Kinopalästc wohl ohne- hin nerschwundsn.- Das.,Po'emkin"-Urte!l der Filmoberprüfstelle beleuchtet aber auch grell die Gefahren, die aus dem neuen Schmutz- und Schundgesctzentwurf drohen. Die Zusammensetzung der da?in für die gesamte Literatur vor- arsehencn Prüslammern cntsvricht etwa den Filmstellen, nur baß es noch bedenklichere Landessiellen sind, die in erster Intzanz für das ganze Reich entscheiden. Es wird höchste Zelt, dem Willen der Rcichsversassung, der die freie Mei- nungsäußerung gewährleistet, wieder Geltung zu oerschaffen. Einleitung einer grosten Protestbewegung. Das Acrbat des Films..Panzerkreuzer P o t c in k i n" durch die Obcrfilmprüsstclle wirb, wie die Bs.-Korresponderiz hört, eine große Protestbewegung zur Folge haben. Co beabsich- t-gt die Prorndheuc-Filmgesellschost, die den Verleih des Films i» .ständen hat, gegen das Verbot eine ausführliche Beschwerde einzureichen mid zwar sofort, nachdem das Urteil und seine Begrün- diing durch die Oberiilmprüfstelle vorliegen wird. Ferner ist be> alisichügt, mit Künstler- und Schrift st cllerorganisa- t I o n c n li� Verbindung zu treten, um sie zu vcranlaiscn. sich dem Protest gegen las Berbot des Films anzuschließen. Aber auch die llichtspieltheatcrbcsitzcr, die durch das Verbot des Filnis zi m Teil recht erheblichen Schaden erlitten haben, werden von sich aus gegen die plötzliche Maßnahme der ObersilmprüssteUc Beschwerde ciniegcn. Ein großer Teil der Lichtspielthcaterbesitzer hat bereits die Aufsührnng des Potemkin-Films mit großem Rostenaus- wand und Reklame angekündigt, so daß alle diese Ausgaben jetzt umsonst gewesen sind. Acrschiedenen Lichtspieltheaterlnhabcrn ist aber auch dadurch ein großer Schaden in stöhe eines Tageserlöse« erwachsen, daß sie nicht mehr in der Lage waren, sich in der Kürze der Zeit einen Ersatz für den verbotenen Potemkin-Film, der bei ihnen lief, zu beschaffen. Der Berliner Verein der Lichtspieltheater- desitzer, der seinerzeit eine Beschwerde beim Reichswehrmintster gegen das Berbot des Potemkin-Films für Rcichswehrangehorige, aller- Vings ohne Erfolg, eingelegt hatte, wird ebenfalls versuchen, das Der- bot irgendwie rückgängig zu machen. Am 27. d. MIs. findet In Düsseldorf die Reichstagung des Rclchsverbandes Deutscher Kinöliche Lanöstreicher. Bon Melitopol an ist der Bahndamm mit weißem Sand be> deckt. In den Stationen des Postzuge», wo die reisenden Frauen immer nervöser werden(„Wann endlich werden wir den sonnigen Strand der Krim sehen?"), steigen die Kinder mit fröhlichem Gc< schrei au« den Waggon»:„Muscheln! Muscheln!" In dem feinen Meersand, unter den Rädern de» Zuge«, auf den Dammböschungen liegen zahlreiche weiße, graue, himmelblaue Muscheln. Und die Kinder beeilen sich, ihre Taschen und ihre kleinen stände mit den durchscheinenden Muschelschalen zu füllen. Aber plötzlich flüchteten dieselben Kinder, diese hübschen, gut ge- kleideten und wohlgcpflegten Kinder unter entsetzlichem Geschrei wie- der in die Waggons. Ihre kleinen, sorgfältig von den Müttern ge> waschenen Gesichter drücken Angst und Abscheu au». Wa» ist geschehen? Was hat sie so erschreckt?— Muscheln haben ihnen Angst eingejagt, schwarze, von einer Schicht von Staub, Schweiß, Kot, Oel und Petroleum bedeckte Muscheln.... Lebende, in Lumpen gehüllte Muscheln, die von den Wogen des Elends in die Städte, die Dörfer und Eisenbahnstationen gespült worden sind. Die weißen Kinder, die sich damit vergnügt haben, weiße Muscheln zu sammeln, flüchten zu ihren Müttern und schreien:»Die Bcrlassencnl Die Verlassenen sind da!" Dreimol täglich fahren die Züge gegen Süden, und dreimal täglich führen sie an das Gestade der Krim stunderle von oer- lasienen Kindern. Ihre reservierten Plätze sind unter den Waggons, neben den steizröhren, inmitten von Schmutz und Kohlenstaub. Ohne Unterlaß laufen diese Kinder Gefahr, unter die Räder zu fallen: sie kommen aus Moskau, aus den Städten des Nordens und wollen an» Meer, In die Krim, in die heißere Sonne. In Sinferopel kommt ein Reisender, zweifellos ein Arbeiter, auf den Gedanken,„individuelle" Propaganda zu machen. Er nimmt so ein oerlosienes Kind beiseite und beginnt mit ihm zu sprechen. »Wie lange willst du denn so herumvagabundieren, ohne etwas zu tun? Ist da» ein Leben? Tritt doch in eine Kolonie ein, in einen Kinderhort und arbeite." Das Kind schweigt, nur seine Augen leuchten ironisch. „Du mußt dich zusammennehmen," setzt der Arbeiter fort,„sonst wirst du auf die eine oder andere Art zugrunde gehen. Kannst du dich denn nicht zusammennehmen?" Jeder Reisende hält es für seine Pflicht, die verlassenen Kinder zu fragen:„Warum vagabundierst du so herum?" Diese banal« Frage wird oft au» Langeweile gestellt, um sich die Wartezeit bis zur Abfahrt des Zuges zu vertreiben, oft auch nur ous einfacher Neugierde. Indessen merkt man bei Arbeitern und Baucru oft, daß es wirklich Schmerz ist, der sie treibt, diese Frage z» stellen. Ein ärmlich gekleideter Tatar kaust sich für fünf Kopeken ein Stück Brot und setzt stch auf die Stufen des Perrons, um seine Lichtspieltheaterbesttzer statt, auf der das Verbot des Potsmkin-Fllms ebenfalls auf der Tagesordnung stehen wird. Der Reichsvcrband wird anläßlich dieser Tagung eine.Protestentschließung vorbereiten. politische Justiz. Zeugniszwang gegen einen Schriftsteller. Das Amtsgericht Charlottenburg hat gegen den Schriftsteller L e o L a n i a ein Zeugniszwangsoerfahren ein- geleitei. Man will ihm die Namen der Gewährsmänner a b- pressen, die ihm das Material zu seinem Buche„G e» wehre aus Reifen" geliefert haben, lieber diesen ungeheuerlichen Versuch führt L a n i a in folgendem Schreiben an den Schutzverband deutscher Schriftsteller Beschwerde: Im Frühjahr 1S24 verössentlichte ich ein Buch„Gewehre a u f R e i s« n", das auf Grund umfangreichen Materiol» die Wassen- schirbungen der Völkischen, deren Versippung mit Hochstaplern, Abcn- teurcrn. in- und ausländischen Gaunern schilderte. Kaum war da» Buch erichiencn. jctzie die politische Polizei mit einer groß- zügigen Aklion ein. Natürlich nicht gegen die von mir des verböte- nen LPassenichmuggeis veichuldigien. sondern gegen mich selbst. Haus- suchnngen, stundenlange Kreuzverhöre aus der Abteilung I A zogen sich wochenlang hin. Sie förderten nichts anderes zutage, als wo» ich der plliiischen Volizei ohnehin bereitwillig zur Verfügung gestellt hatte: die d o l u m c n t o r i s ch e n Unterlogen siir mein« Angaben- Ihre Authentizität konnte nicht bestritten werden, die Ab- teilung I A erkannte die Echtheit der Dokumente ausdrücklich an, di> ursprünglich beabsichtigte Konfiskation des Buches mußte unter- b'.cibkn Ein mir angedrohtes Bersahren wegen Landeeuerrat» kam nicht zu st and e. Da wurde im Soninier 1924 in Halle ein Kriminaltom- m i s s a r D c. in r a d t unter dem Verdacht des A m t s v e r- g e h e ii s verhallet. Er wurde beschuldigt, verschiedene Akten Ab- geordneten der Lmlsparteien ausgeliefert zu haben. Die Staats- nnwultschaft Hallt stell:? im Lause de» Verfahrens fest, daß auch zwg von mir als Unterlagen benützte Dokumente aus Halle stamm- ten, und iiiiitmaßle. die fraglichen Schriftstücke seien mir durch Damradt zugängiich gemacht worden.. Bei meiner Einvernahme aus der Abteilung l A erklärte ich sofort, daß ich den Kriminalkommissar nicht kenne, seinen Namen nie gehört liabc, daß ich weder mit diesem noch mit anderen Polizei- beamten je in Vcibindung gestanden habe und mein Material aus den verschiedenen Quellen stammt, die ich mir durch mo- natelang« Recherchen in den Kreisen der Völkischen selb st erschlotzcn halte. Doch mit dieser Aussage, die der Staatsanwall' schall in Halle für die Verfolgung des Falles Damradt gewiß häNe g e n ü g e ü müssen, gab sie sich nicht zufrieden. Sie veranlahtc mcin- gerichtliche Einvernahme, bei der man von mir unter Androhung de» Zeugnlszwangsversahrens die Angabe de.' Gewährsmänner für meine„Gewehre aus Reisen" forderte. Das lrhnte ich natürlich ab. So bereit ich bin, über meine nie be- stehenden Bezichungen zum Angeklagten Damradt— auch unter Eid— auszusagen, so muh ich grundsätzlich die Nennung der Personen verweigern, die mich bei der Abfassung meines Buches nül Material unterstützt haben. Und ich kairn mich auch nicht dadurch vor dieser Zeugenaussage befreien, daß ich auf eine erwaige Strasbarkeit hinweise, deren ich mich bei der Aussag« schuldig machen könnte, da ich g e n a u w e i h, daß ich mich in keiner Weise strafbar gemacht habe. Zwei Jahre dauert nun schon die» Verfahren. Am S. Ottober 1925 kam endlich ein formeller Gerichtsbeschluß zu- stand«. Ich wurde vom Amtsgericht Eharloltenburg, vorerst einmal wegen„ungesetzlicher Verweigerung dzr Zeugenaussage zu 100 M. Geldstrafe, im Nichtbetreibungsfall zu 20 Tagen Haft verurteilt. Sollt« die Strafe ergebnislos bleiben, so wird die V e r- längerung meiner Haft bis zur Beendigung meines Verfahrens angeordnet werden". Gez.: Seidenschnur. Nichts fehlt cm diesem Gerichtsbeschluß: die vom Gericht geübte Umrechnung von 100 M. Geldstrafe in 20 Tagen Hast ist ebenso be- zeichnend, wiedi« Androhung mit unbefristeter Haft magere Ration zu verzehren. Eine Schar verlassener Kinder, ver- hungerten jungen Wölfen ähnlich, hat ihn sofort wortlos umringt. Einen Augenblick starrt sie der Tatar mit seinen verwirrten, au»- druckelosen Augen an, dann zerbricht er— wie in einem Wutansall — das Brot in klein« Stücke, verteilt diese an die Kinder und behält für sich selbst gar nichts. Er schüttelt die Krumen ab und schreit wie tobsüchtig: „So eßt doch! Eßt doch!" „Sie selbst essen gar nicht," schimpfte er,„ober sie lassen niemand in Frieden essen." Wenn der Zug hält, werden die reisenden Frauen nervös. „Kinder, paßt aufs Gepäck auf. Diese kleinen Verlassenen trei- ben sich überall herum!" „Maria Sergejewna, ich habe ein schlechtes Ei in meinem Früh- stückskorb, gib es doch einem von diesen verlassenen Kindern!" „Berta Davidoona, wohin rennst du denn mit diesem altbackenen Brot?" „Ich suche ein gute», verlassenes Kind, um es ihm zu geben." „Dem da vielleicht? Nein, dem gib es nicht. Er hat mir gerade die Zunge gezeigt!" „Geh zum Teufel, verlassener Schlingel!" ruft eln kleiner Junge, der stch aus dem Waggonfenster beugt. Und seine Mutter, die einer runzeligen Wachspuppe gleicht, lacht stolz und streichelt zärtlich den kleinen Kopf. Wenn das zweite Abfahrtszeichen gegeben ist, gehen die Schaff. ner den ganzen Zug ab und treiben mit langen Stöcken die unter ihren Waggons hockenden verlassenen Kinder fort. Aber in dem Augenblick, wo sich der Zug in Bewegung setzt, stürzen diese mit erstaunlicher Beweglichkeit unter die Räder, um sich wieder in ihrem Gestänge einzurichten. Sie nehmen nicht den erstbesten Zug. Sie wählen einen nach ihrem Geschmack. In einer Station sah ich einen zwölf- oder drei- zehnjährigen Jungen, der seine Kameraden oerachtungsvoll betrach- tete. Er spuckte aus und sagte: „Wartet nicht auf mich, Dummköpfe. Ich nehme den Postzug nicht. Ich fahre mit dem Expreß." Man kann nicht behaupten, daß diese lebenden, zerlumpten Muscheln Bettler sind. Sic beklagen sich gar nicht über ihr Schicksal und demütigen sich nicht. Sie halten die Hand hin, aber zu gleicher Zeit lachen sie die dicke Dame aus, die ein würdiges Gesicht aufsetzt, wenn sie ihnen eine Kopeke reicht. Im Bahnhof von Dschankoj spuckte ein kleiner, wohlgepflegter Junge einem verlassenen Kind ins Gesicht. Dann verschwand er im Abteil. Das Kind blieb einen Augenblick unbeweglich stehen, wie wenn es festgenagelt wäre. Da nahm er einen Stein und wollte ihn ge- rade ins Fenster werfen, als der Stationsoerstand das Abfahrts- signal gab. Und da schlüpfte das verlassene Kind unter die Räder und brüllte wild:, zu Bergleichen mit den Methoden der spanischen Inquisition heraus» fordert. Nachdem mein R« ch t s a nw a l t Dr. L e o i gegen die Er- öffnung dieses Zeugniszwangsversahrens an das Justiz- Ministerium Protest erhoben hatte, und dabei daraus hinweisen konnte, daß solch« Verfahren g-egen Publi- zisten bisher in Deutschland in der Regel nicht durchgeführt wurden, wurde ihm erklärt, das Ministerium werde die Akten von der Staatsanwaltschaft einfordern. Das war im November des vorigen Jahres. Nunmehr erhalle Ich aber vom Gericht die Ausforderung, mich bis zum Ib. d. N!. zum Antritt der Haft zu melden, widrigenfalls ich zwangsweise vorgeführt werden soll, bzw. ein Hastbefehl gegen mich erlassen wird. Und was dann? Das Zeugniszw an gs ver fahren geht ohne Rücfficht auf die Verbühung der 20 Tag« Haft m e i te r und ich könnte auf diese Weise all inkinitum immerwieder zu einer neuen Strafe oerurteilt werden. Soll, nachdem die Epidemie der Landesverratsprozesse eingedämmt worden ist, nun eine neue Derfolgungscampagne„hinten- herum" beginnen? Da man mich nicht als Angeklagter vor Ge- richt stellen kann, hofft man mich mit diesem Verfahren mürbe zu machen. Jetzt hat die deutsche Presse und die Standesorganisationen der Schriftsteller das Wort, die einmal grundsätzlich darüber entscheiden müssen, ob sie sich die Vergewaltigung mit dem Paragraphen des Zeugniszwanges weiterhin gefallen lassen wollen." Es muß' die Frage aufgeworfen werden: welchem Zweck soll dos Zeugniszwangsverfahren gegen Lania dienen? Zur Aufklärung des Falls Damradt genügt seine Aussage. Was will man von ihm wissen? Er soll die Namen seiner Gewährsmänner preisgeben. Daran haben lediglich die völkischen Waffen- schieber ein Interesse. Eine unpolitische, unvorein- genommene Justiz nicht. Der Eiser des Amtsgerichts Charlottenburg ist verdächtig. Wo ist derselbe Eifer geblieben, als es galt, den Waffen- schiebern das Handwerk zu legen? Die deutsche Justiz darf nicht zur Schutzorganisation für Fememörder, Waffenschieber und Hochverräter werden! Erhebung in üer Erwerbslosenfürsorge. Baldiftc Veröffentlichung des Ergebnisses notwendig. Die Reichsarbeitsoerwaltung hat für die Durchführung der gesetzlich angeordneten Erhebung als Stichtag den 2. Juli bestimmt. Zu erfassen sind alle unterstützten Erwerbslosen, die sich an diesem Stichtag tatsächlich in der Erwerbsloscnsürsorge befanden, ausschließlich der Notstandsarbeiter und der aus Mitteln der Erwcrbslosenfürsorge unterstützten Kurzarbeiter. Die Erhebung geschieht in der Weise, daß der öffentliche Arbeitsnachweis zunächst für jeden am Stichtag unterstützten Erwerbslosen eine Anfrage an den Arbeitgeber richtet, bei dem der Erwerbslose zulegt als Arbeitnehmer beschäftigt gewesen ist. Hat der Erwerbslose zuletzt Gelegenheitsarbeit oerrichtet, so ist die Anfrage an den Arbeitgeber zu richten, bei dem der Erwerbslose zuletzt„ständig", d. h. mindestens eine Woche lang beschäftigt gewesen ist. War der Erwerbslose nur unständig beschäftigt, so muß nach dem Ermessen des össentlichen Arbeitsnachweises auf mehrere Arbeitgeber zurückgegriffen werden. Die Auskunftspflicht des Arbeitgebers ist durch 8 2 des Gesetzes vom 25. Juni 1926 festgelegt. Die öffentlichen Arbeitsnachweise müssen dafü sorgen, daß die Arbeitgeber spätestens bis zuiH 10. Istli 1926 im Besitz der Fragekarten sind. Die Arbeitgeber müssen bis späte st ens 20. Juli 1926 d i e Antwortkarten an die öffentlichen Arbeltsnach- weise zurückschicken. Der Erhebungszweck verlangt, daß die Fragckarten genau beantwortet werden. Es dürste sich empfehlen, die Richtigkeit der Angaben von den Erwerbslosen bestätigen zu lassen. Bis zum 2. August müssen die ausgefüllten Vordrucke der Reichsarbeitsoerwaltung eingesandt werden. Diese verarbeitet das Material. Wir hoffen, daß eine baldige Deröffentlichung der Ergebnisse erfolgt, damit ausreichende Gelegenheit besteht, die damit zusammenhängenden Probleme gründlich zu diskutieren und einer sozial befriedigenden gesetzlichen Neuregelung zuzuführen. „Wart nur, verdammtes Bourgeoissöhnchen, das wirst du mir bei der nächsten Station bezahlen...." * Von Melitopol an ist der Eisenbahndamm von weißem Meer- fand bedeckt. Vielfarbige Muscheln decken den ganzen Weg zum Gestade der Krim. Unter den Waggons, zwischen Leben und Tod, durcheilen Hun- derle, vielleicht sogar Tausende lebender, kohlschwarzer Muscheln den gleichen Weg.„Wohin ziehen sie? Weshalb? Wovon leben sie?" Das proletarische Dolk und die Sewjetbehörden geben stch alle Mühe, hier Abhilfe zu schassen— man richtet Asyle, Arbeitskolonien ein. Aber man müßt- auch daran denken, etwas für die Kinder zu tun, die in jedem Frühling und in jedem Sommer unter den Zügen, die nach dem Süden fahren,.Lustreisen" machen. Man müßte Nachtasyle organisieren. Propagandakomitees. � Man müßte unbedingt etwas machen.... (Aus der„Jswjcstia" übersetzt von Joses Kalmer. >.- „Black People." Nach den Chotolade Kiddies kam Whiteman, nach Whiteman diese neue amerikanische Negerreoue. Im umge- lehnen Verhältnis zur Reklame steht der Erfolg. Und langsam ver- ebbt das Interesse für dies« ganze Richtung. Denn es muß schon einmal gesagt werden: was wir da im M s t r o p o l- Thealer zu sehen und zu hören bekommen, ist nach der ersten halben Slunde bereits monoton, langweilig, auf Akrobatik, Tanzexzentriks, Clown- späß«, Speziolsteps eingerichtet. Und zwischendrin singt einer ein Lied, dos von Meyer-Helmund oder von Verdi oder aus dem Neger- land stammt. Der Zusammenhang einer Revue fehlt, und der rote Faden ist nur der Tanz. Aber auch der ist uns nun bekannt genug, und die paar wirklich echten Neger auf der Bühne sind zwar Meister an Elastizität und Verrenkung, die begleitenden Niggergirl» aber sind bereits alle angesteckt von europäischer Tanzkultur. Hier liegt das Verderben bei allen. Modernes Kostüm, Bubikopf, Goldplombe im weißen Gebiß— diese Degeneration nach oben bekommt dem Negeroolk künstlerisch nicht, die Echtheit geht verloren. Das Naturhast«, auch das Wilde und Bezwingende. Die Kapelle ist mittelmäßig (halb weiß, halb schwarz), der Dirigent kein Fcuergeift, sondern nur ein wissender Sachwalter mit schweren Bewegungen, di- Musik bleibt reizlos auch in den Jazzparodien auf Lohengrin und Strauß, jeden- falls ist außer der zündenden Rhythmik nichts von dem Farben- reichtum etwa der Whiteman-Leute zu finden. Die Arbeit auf der Bühne ist exakt, glänzend geprobt. Einzelne» wäre bequem als be- sonders wertvoll zu benennen. Beschränken wir uns auf den einen Fall, um den es sich schon allein lohnt, zum„Black People" zu gehen: Maud de F o r e st, eine prächtig gebaute, urmusikalischc, von ihrer Leidenschast wild getriebene, lodernd-, begeisternde Negerfrau, gleich packend im humorigen Gesang wie nn Tanz. Sie ist fast immer da, und immer ein« andere. Hier hat man wirklich ins Schwarze ge- troffen. K. S. Zn der �tomödle' wird die Sommerspielzeit unter der künstlerischen Leitung von John Gottowt am Freitag mit der Komödie„Dyckerpottt Erben" von Robert Grötzsch erissvet. Sowjet-Wahlen. WaS die„Rote Fahne" nicht weiß. Unsere Feststellungen über die wirkliche Bedeutung der söge- nannten Sowjetwahlen im angeblich sozialistischen Rußland sind der„Roten Fahne* selbstverständlich unangenehm. Aus Verlegen- heit stürzt sie sich auf unsere Feststellung, daß die Börsen- schiebe? jetzt auch das Wahlrecht bekommen haben. Die„Rote Fahne" meint, wir seien„blind vor Haß gegen Sowjetrußland." Das ist nun allerdings ein vollständiger Irrtum. Blind vor Haß zu sein, das bleibt den deutschen Kommuni st en vor- behalten. Das Bedauerliche ist nur, daß die jungen Leute in der „Roten Fahne", von dem, was in Rußland vor sich geht. keine Ahnung haben. Totsächlich haben die Börsenschieber das Wahlrecht erhalten. Am 7. Juni hat die Regierung der Sowjet- Union eine Erklärung ocrösscnllicht, der zufolge das Dekret vom 18. April 1918 über die„Verpflichtung zur R e g i st r i e- r u n g von Aktien, Obligationen undanderen Wert- papieren" aufgehoben wird. Dieses Dekret war seinerzeit eine Art Panier für die in Sowjet-Rußland endgültig durchgeführte Staatskontrolle über das Finanzkapital. Mit Hilfe dieses Dekrets sollte eine Liquidation vorbereitet werden. Jetzt wird dieses Panier des echten Kommunismus aufgehoben und s ä m t- liehe Besitzer von Wertpapieren von der Staats» kontrolle befreit. Damit soll die Möglichkeit der Kapital» bildung erl/ichtert werden. Das ist der ausdrückliche Sinn der Anordnung. Die sich neu bildende Finanzbourgeoisie wird damit legalisiert, bzw. die gesetzlichen Hemmnisse für ihr offenes Auf- treten beseitigt. Gleichzeitig damit erfolgt die Verleihung des Wahlrechts. Die neueste, am 1Z. Oktober 1925 bestätigte Ver- ordnung über die Sowjetwahlen gewährt u. a. das Wahlrecht an „Personen, die Zinsen erhalten aus Einlagen und Obligationen der staatlichen, kommunalen und genossenschaftlichen Anleihen". Für den Umfang des Besitzes ist keine Beschränkung vorgesehen. Diese Bestimmung wurde erlassen, um die Auflegung innerer A n l e i h e n zu erleichtern, ohne die die Sowjetregierung nicht mehr auskommen kann. Prinzipiell ist also die Sachlage vollkommen klar. Di« ursprüng- liche Bestimmung der sowjctrussischen Papierverfassung, wonach das Wahlrecht nur den Personen zusteht, die erwerbstätig sind, ist auf dem einfachen Verordnungsweg« zugunsten der Kapitalisten auf- gehoben. Die Kontrolle über den U m f a n g des Besitzes von Aktien und Obligationen ist beseitigt. Die Sowjetregierung bemüht sich, so- weit als möglich der sich neu bildenden Finanzbourgeo- i s i e entgegenzukommen. Und gerade in Sowjetrußland besteht diese sich neue bildende Schicht zunächst: aus den Börsen speku- l a n t e n. Im übrigen erweitert die erwähnt« Verordnung über das Wahlrecht den Kreis der Wahlberechtigten auch insofern, als Per- sonen aus der Kleinbourgeoisie,„Eigentümer und Pächter von Mühlen, Oelmllhlen, Schmieden usw.", ebenfalls das Wahlrecht erhalten. Wir sind neugierig, ob die„Rote Fahne" nun noch einmal Lust hat, auf unsere ganz einwandfreien Feststellun» gen mit Geschimpfe zu antworten. Die Zustände im Arbeitsnachweis. Ein Deckeneinstttrz in der Gormannstratze.— Was die Oberinspektion sagt. Schwarzweißrot gegen Schwarzrotgolü. Ei» bezeichnender Borfall in Tan Francisco. Unser Karlsruher Part«iblatt, der„D o l k s f r e u n d", veröffentlicht den Brief eines nach San Francisco aus» gewanderten Deutschen, der bezeichnend ist für den Schaden, den der F l a g g e n« r l a ß im Ausland angerichtet hat. Der Brief ist vom 10. Juni datiert und hat folgenden Wortlaut: Letzte Woche war der deutsche Dampfer„Hamburg" hier für 8 Tage. Die ganze Stadt war schwarzrotgold beflaggt. Selbst von den Dächern und von den Hotel», wo die Offizier« wohnten, wehten die schwarzrotgoldenen Flaggen. Vor dem Rathaus waren zwei mächtige schwarzrotgoldene Flaggen auf- gestellt, in der Mitte das amerikanische Sternenbanner. Ein«„rühm- liche Auenohme" machte nur dos deutsche Generalkonsu» lat, das zum erstenmal neben schwarzrotgold auch schwarz- weiß rot flaggte. Scheints die neue Verordnung?? Das sah mal wieder echt teutjch aus. Um sa das Durcheinander noch größer zu machen, hat man jetzt die Flaggenfrage aufgerollt. Mein Cousin fragte mich, ob Deutschland jetzt zwei Flaggen habe. Die Offiziere machten schön« lange Gesichter, als die Stadt mit schwarzrotgold beflaggt war. Ich nahm teil an der offiziellen Vc- grüßung durch die Stadt und Regierung. Die vom Stapel gelasse» nen Reden gefielen mir. Selbst der Kapitän hat sehr gut gesprochen: ich glaube, daß er in Deutschland anders gesprochen hätte. Die Ver- treter der Stadt, der Bürgermeister und auch die Vertreter der Regierung betonten immer die„Germ-rn Republic" und verschiedene Offiziere„h u st e t e n". Der Bürgermeister be- grüßte die Leute, indem er u. o. ausführte:„Amerika und Deutsch- land seien zwei„8i»t«r Republic,"(Schwesterrepubliken), und er hoffe, daß durch diesen Besuch die Freundschaft und der Friede zwischen uns und der jungen„Germsn»Republic" noch sehr ge- stärkt werde, und er begrüßte die ersten Soldaten„ok tbe German Republic" in San Francisco. Er führte weiter aus, daß zum ersten Male die Farben der jungen deutschen Republik neben den amerika- nischen Farben in den Hauptstraßen wehten(lebhaftes Husten der Offiziere). Der Kapitän dagegen hat das Wort„Repu- blik" ganz au» dem Munde gelassen. Das Schönste war, daß ich nach Schluß der Veranstaltung einen furchtbaren Krach mit einem Offizier bekam, in dessen Verlauf ich demselben unverblümt meine Meinung sagte. In Deutschland hätte ich mir da« nicht erlauben dürfen. Als er mir mit„Watschen" drohte, ging der Krach erst recht loe. Ein Schutzmann, der in der Nähe stand, sagte kein Wort und verstand auch nichts von unserer Unterhaltung. Die Streitursache war folgende: Vor dem Deutschen Haus wurden Festabzeichen verkauft mit s ch w a r z r o t g o l- denen Bändchen. Zwei eintretenden Ossizieren wurden diese Festabzeichen auch angeboten. Ich stand daneben, der eine Ossizier wollte ein solches nehmen, worauf ihm der andere riet:„Du wirst doch nicht auch noch diesen schwarzrotgoldenen Dreck anziehen wollen!" Die richtige Antwort hat der Herr von mir bekommen. Er denkt an mich, er war rot vor Wut und tonnte doch nichts machen. Der Brief ist ein Beweis dafür, wie wenig stichhaltig die Begründung o»r Flaggenverordnung war, in der man sich einerseits auf den Wunsch der Auslandsdeutschen stützte und auf der anderen Seite behauptete, die schwarzrot- goldene Flagge sei im Ausland zu wenig bekannt. Der Vorfall in San Francisco ist eine peinliche Blamage der deutschen Regierung, die deren Ansehen auch im Auslande schweren Schaden zufügen muß. Aus dem Brief geht nicht hervor, ob es sich bei der „Hamburg" um ein Kriegsschiff oder ein Handelsschiff handelt. Das Verhalten der Offiziere ist unter allen Umständen flegelhaft. Es entspricht aber durchaus dem Geist, der an vielen Orten in der Reichswehr großgezüchtet wird. Im Arbeitsnachweis Gormannstraße herrschte heute früh der übliche ordnungsmäßige Betrieb. Am Hauplcingang ist keine Polizei zu sehen, nur am Nebenportal Rückerstraßc steht ein Doppelposten. Ein Deckeneinsturz, der gestern nachmittag gegen 5 Uhr im hau» de» Arbeitsnachweise» ersolgte, gab zu wilden Gerüchten Anlaß. Der Einsturz sollte mit den Tumulten des Vormittags in Verbindung stehen. Um irgendwelchem Unfug der schwarzweißroten Hetzpresse vorzubeugen, besichtigte einer unserer Mitarbeiter heute früh vor Oeffnung de« Nachweises die Unfallstelle. Wie der Oberinspektor des Nachweises mitteilte, stürzte nachmittags gegen%5 Uhr, also Stunden nach Schluß der Rachweisstellen, in einer länge von etwa 3.50 Metern der veckensluck zusammen. Die Räume waren völlig geschlossen, Personen sind nicht verletzt worden. Es handelt sich um ein Glasdach mit dünner Betonschicht rn einer Bauart, die alles andere als stabil genannt werden kann. Da» ganze haus bedarf dringend einer Renovierung. Wenn auch im Augenblick keine Ge- fahr besteht, so ist doch die Dachanlage als solche bautechnisch nicht bedenkenlos. Eine Untersuchung, die in der Frühe des Mittwoch stattfand, stellte fest, daß die Betonschicht völlig trocken war. Die Regengüsse der letzten Tage können also kaum die Ursache sein. Im Laufe des Tages wird eine nochmalige gründliche Untersuchung der brüchigen Deckcnstclle stattfinden. Wie der Leiter des Nachweises auf Anfrage weiter mitteilte, stimmt es tatsächlich, daß die arbeitsuchenden Frauen 1 bis i'A Stunden warten mühten. Ursache sind die riesenhaft gesteigerte Arbeits- losigkeit, die Saumseligkeit der Arbeitgeber, die mit ihren Offerten sehr auf sich warten lassen und die Raumnot im Arbeitsnachweis. Man könne, so betonte der Nachweisleiter, doch in den engen Stuben nicht 29 Beamte beschäftigen, wenn kaum für 19 Platz zum geord- neten Arbeiten wäre. Ein in jeder Beziehung berechtigter Stand- punkt. Sache des Magistrats ist es daher, für schleunigste bauliche Erweiterung der stark veralteten Anlagen Sorge zu tragen. Eben- falls bestätigt wurde, daß es in der Frauenabteilung zu Ohnmachts- anfüllen gekommen ist. Folgen der Gluthitze und der körperlichen Unterernährung der verzweifelten erwerbslosen Frauen. Jeden- falls scheint man den Beamten in keiner Weise Vorwürfe machen zu können. Der Leiter des Arbeitsnachweises legt im übrigen Wert darauf, öffentlich festzustellen, daß nicht er, wie irrtümlich in der Presse berichtet wurde, die Polizei alarmiert habe. Die draußen stationierten Polizeiposten selbst haben Alarm geschlagen und das Ueberfallkommando herbeigerufen. Die Abfertigung der Arbeit- suchenden geht am Mittwoch weit schneller: von der Leitung sind die Beamten um möglichste Beschleunigung der Abfertigung ersucht worden. Wie uns der Oberinspektor des Arbeitsnachweises mittcili, stehen ausgebildete Sanitäter sowie Sanitätsmatcriai im Hause zur Verfügung, um bei besonderen Fällen cinzugrcisen. öesuch im Zrauennachweis. In dem großen, graugetünchten Parterresaal„A r b e i t s v c r- mittlung für Textil-, Putz-, Konfektions-, Wäsche- und Kunstgewerbearbeiterinnen ist es heute nicht sehr voll, trotzdem herrscht eine Gluthitze. Man unterscheidet deutlich einige Diskussionsherde, in denen die gestrigen Vorgänge eifrig bis- kutiert werden. Was war die Ursache der„Revolte der Arbeits- losen"?— „Warum jeht et denn heute?"„Nu kann mit'n mal die janze Zeit durch jestempelt werden!"— Und auf Anfrage erfährt man. daß bisher das Abstempeln stets von �9 Uhr bis 11 Uhr unterbrochen wurde. Wer bis dahin nicht abgefertigt worden war, muhte erbarmungslos 2 Stunden warten: es wurde nicht einmal Rücksicht genommen, wenn einer Frau ein Schwächeanfgll zustieß: der Portier gab ihr dann eben ein Glas Wasser, und wenn sie sich erholt hatte, dann durste sie weiter warten, bis die Abstemplung wieder aufgenommen wurde. Und die Erbitterung der Arbeits- losen macht sich noch weiter Lust:„D i e wissen jar nich mehr, wie ein hier zu Mute is, die sitzen Jahrö lang und sitzen sicher...." Dazu kommt, daß die Räume bei der dauernd wachsenden Krise wirklich im äußersten Maße unzulänglich sind. Ein grauer Saal: als einziger„Schmuck" ein moralisierendes Sprüchlein mit der An- Weisung, wie man im Leben rastlos vorwärtsstreben müsse. Und Tag für Tag sitzen hier die arbeitslosen Frauen, warten den Arbeitsausruf ab, auch wenn sie durchaus noch nicht „dran" sind. Warten auf„das Wunderbare"; es könnte ja doch mal Arbeit vom Himmel fallen... Und jede Ungerechtigkeit, die im Geschäftsgang unterläuft, wird debattiert und eingekerbt in die verbitterten Herzen.„Da hat meine Nachbarin die Arbeit nach Tarif III nich nehmen wollen— wo sie doch immer I gearbeitet hat, und denn hat man ihr die Unterstützung entzogen... dafor sind wir doch nich schon zwanzig Jahre in der Gewerkschaft..." Die Leiterin aber sagt:„Es ist viel Unverständnis— auch auf beiden Seiten: manche Aeußerung wird entstellt kolportiert, geht durch tausend Münder. Wir arbeiten hier unter Verhältnissen, die die besten Nerven zermürben müssen, und ich habe mich geweigert, die Arbeit hier weiter zu leiten, wenn ich mit meinen Beamtinnen in Lebensgefahr schweben soll.... Die Räume sind längst unzu- reichend, aber es kommen zum Arbeitsaufruf auch die, die überhaupt noch nicht dran sind, und das ist viel Schuld an der Ueberfllllung." Um öen hitzerekorö! So sind wir nun einmal. Noch vor 19 Tagen haben die Ver- liner in den Schlammfluten eines geborstenen Himmels nach einem bisiel Sonn« und der regenschirmlosen, der herrlichen Zeit gelechzt, und nun ist uns die gewünschte und erhaltene Bescherung schon wieder mehr als genug. Die Sache fängt allerdings sehr bedroh- lich an. Schon beginnt der reichshauptstädtische Asphalt, dies un- trügliche Barometer sommerlicher Unmäßigkeit— jene diabolisch dünstende Mischung zu werden, die das Gehen bekanntlich so über- aus angenehm macht. Wie uns das Wetteramt mitteilt, ist für längere Frist mit warmem, heiterem Sommer- wetterzurechnen. Es besteht wohl Gewitterneigung, doch ist an längere Regenperioden der erlebten Art vorerst erfreulicherweise nicht zu denken. Der gestrige und heutige Tag streiten sich erbittert um die zweifelhafte Palme, der heißeste Tag des Jahrer zu sein. Maß man gestern nachmittag um 4 Uhr 28 Grad im Schatten, so registrierte das Thermometer heute früh 8 Uhr schon 24 Grad. Das wird also ein im wahrsten Sinne des Wortes heißes Ringen um den Higerekord werden. woltersöorser Totenfeier. Eine stille Totenfeier für die armen Ooser und zugleich eine innige Danksagung an diejenigen, die im Augenblick höchster Not hilfsbereit beigesprungen waren, vereinigte gestern eine kleine Men- schenschar. Im Saal des Hotel« am Kranichsberg— der Unglücksstätte— erklangen Musik- und Gesanasvorlräge und der Veranstalter Arno Rentsch hielt eine sinnige Ansprache über Natur- gewalt und Menschenkrait. Wie sehr im Lauf der Zeiten der Mensch auch imer mehr die Oberherrschast über die Kräfte in der Natur ge- wann, so ist er doch klein und ohnmächtig gegenüber solchen Elemen. tarereignissen. Der Saal war geschmückt mit Orleanderbllschen und weißen Lilien und eine weihevolle Stimmung herrschte, als die Werke der großen Meister Händel, Bach und Schubert erklangen. Draußen aber lag der weiche, satte Sommerabend, kein Lüstchen wehte, kein Wölkchen bedeckte den Himmel und nur ein einsamer, kleiner Lichtstrahl beleuchtete die Stelle, wo wenige Tage zuvor eine furchtbare Tragödie ihren Abschluß fand. Sommerlichen Frie- ien atmet die Natur und wie ein ferner, böser Traum erscheint das schwere Unglück, das vielen so tiefe Wunden schlug. Eine russische Fliegerexpedition wird erwartet. Die russische Regierung unternimmt mit vier Einzel- flugzeugen die Fernflüge nach Mitteleuropa, Südeuropa, Angora und Teheran mit dem Zweck, dem Auslande die Fortschritte des russischen Flugwesens vor Augen zu führen und um die durch Flug- zeuge der westeuropäischen Staaten dem Osten abgestatteten Flug- zeugbesuche zu erwidern. In diesen Tagen startet voraussichtlich in Moskau das Passagierslugzeug PMJ. mit dem Flugzeugführer Schebanoff, dem Luftschiffer Wischness, Inspektor der Zivillustslotte, und dem Monteur Varanzesf zum Fluge über Königsberg nach Berlin, um später über Frankfurt a. M. nach Paris zu fliegen. Es ist das erstemal, daß ein Flugzeug der UdSSR, nach Berlin kommt. Die Deutsche Lufthansa beabsichtigt deshalb, die russische Besatzung bei ihrem Eintreffen aus dem Flughafen Tempel- Hof offiziell zu begrüßen und es ist«in feierlicher Empfang vor- gesehen._ Die unpünktliche Wannsecbahn. Immer von neuem kommen Beschwerden über die Unpünkt- lichkeit der Wannseebahn. Züge, die in Wannsee eingesetzt werden, haben in Lichterfelde und Steglitz bereit» drei bis vier Minuten Ver- fpätung. Warum wird auf der Wannseebahn derartiges geduldet, was auf der Stadtbahn, über die Züge der verschiedensten Linien laufen, bald zu einer vollkommenen Unordnung im ganzen Zugbetrieb führen müßte? Auch in umgekehrter Richtung Berlin— Wannsee klappt es nicht. Ein Arbeiter, der in' Eichkamp arbeitet, in Lichtcrfelde wohnt und über Nikolassee fahren und dort umsteigen muß, teilt uns mit, daß er wiederholt infolge Ver- spätung des Berlin-Wannseer Zuges in Nikolassee den Anschluß nicht erreicht hat und sich für seine Arbeitsstelle die Zugverspätung bescheinigen lassen mußte. Haben die Verspätungen ihre Ursache darin, daß die Reiclzsbahn sich scheut, neue LotomotivLN einzustellen(auch die Wagen dritter Klasse sind vielfach abgenützt), oder liegt es daran, daß nicht genug Personal da ist? Dem letzteren könnte doch bald abgeholfen werden. Denn so wie es jetzt ist, kann es nicht mehr bleiben. Die jetzige Fahrzeit von 39 Minuten für die Strecke Berlin— Wannsee ist ausreichend und sollte unter allen Umständen eingehalten werden. Im Gegensatz dazu kann man feststellen, daß v-Züge, die aus weiter Ferne kommen, täglich fast auf die Minute genau vorübersausen. Die Gerichtsferien. Am 15. Juli beginnen die G e r i ch t s f e r l e n, die bis ein- schließlich 15. September dauern. Sie sind für das Rechtslebe» von einschntidender Bedeutung, so daß es angebracht ist, die wichtigsten Bestimmungen zusammenfassend wiederzugeben. Währen der Gerichtsferien werden nur in Feriensachen Termine abgehalten und Entscheidungen erlassen. Feriensachen sind: Strafsachen, A r r e st s a ch e n und einstweilige Ver- fügungen, Meß- und Marktsachen, Streitigkeiten zwischen Vermieter und Mieter oder Untermieter wegen Ueberlassung, Benutzung oder Räumung von Wohn- und anderen Räumen oder wegen Zurückhaltung von eingebrachten Sachen (Streitigkeiten aus" Pachtverhältnissen sind keine Feriensachenl, Streitigkeiten zwischen Dienstherrschaft und Gesinde, zwischen Arbeitgebern und Arbeitern hinsichtlich des Dienst- und Arbeitsverhältnisses und die in Z 299 Ziffer 5 des Ge- richtsverfossungsgesetzes genannten Streitigkeiten vor den Gewerbe- und Kaufmannsgerichten, Ansprüche aus außerehelichem Bei- schlaf(also nicht Unterhaltsansprüche von ehelichen Kindern oder Ehegatten), Regreßansprüche aus Schecks und W e ch s e l a n- spräche, auch wenn nicht im Wechselprozeß(8 692 ZPO.) geklagt wird, Streitigkeiten über Fortsetzung eines angefangenen. Baues, Slreitigkeiten wegen Störung elektrischer An-' l a g e n(§8 12, 13 R.-Ges. vom 6. April 1892). Aber auch alle anderen Sachen hat das Gericht zu Feriensachen zu erklären, wenn der Kläger dies in der Klagschrift oder im Zahlungsbefehl ausdrücklich beantragt. Dadurch ist dem Klägdr die Möglichkeit gegeben, auch in solchen Sachen, die an sich nicht zu den oben aufgeführten Feriensachen gehören, während der Ferien Anerkenntnis- oder Ver- iäumnisurteile zu erlangen. Falls jedoch in solchen Sachen der Beklagte im Termin den Anspruch streitig macht, werden sie als Ferieiisachen wieder abgesetzt und nach den Ferien verhandelt, so- fern nicht etwa der Kläger ein besonderes Besch leunigungs- b e d ü r f n i s glaubhaft macht(z. B. bedrängte Lage des Klägers, Absichten des Beklagten, den Prozeh zu verschleppen oder sein Ver- mögen zu verschieben usw.). Gegen den Beschluß, durch welchen das Gericht die Behandlung des Rechtsstreites als Feriensache ablehnt, steht dem Kläger das Recht der Beschwerde zu. Keinen Einfluß haben die Gerichtsferien aus die K o st e n s e st s etz u n g, das Mahnoersahren, die Zwangsooll st reckung(ein- schließlich des Offenbarungseidsverfahrens), das Konkurs, und Geschäftsau fsichtsverfahren und das Versahren vor den Auswertungsstellen. Endlich bleiben von den Ferien un- berührt die Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit(Grund- buchsachen, Vormundschasts- und Nachlaß-, sowie Registersachen usw.). Immerhin bedeuten die Gerichtsfcrien für zahlreiche Prozesse eine Unterbrechung von etwa V* Jahr, so daß die Bestrebungen, die Ge- richtsserien bei den Amtsgerichten zu beseitigen und den Urlaub der Gerichtsbeamten auf den ganzen Sommer zu verteilen, durchaus berechtigt sind._ „Königin der Rocht." Ein seltener Anblick bot sich gestern den Gästen des L u n a p a r k s. Dort erblühte am Abend bei feen- haster Beleuchtung und Musik ein« Cereus grandiflorus, uns als „Königin der Nacht" bekannt. Die 5ieiinat dieser seltenen Kaktee ist Westindien, wo sie in den wärmeren Talgegenden vorkommt: schlangenartig erklimmt sie uralte Baumriesen und ihre herrlichen Blüten strömen einen wunderbaren Duft aus. Das hier gezeigte Exemplar ist übrigens in der eigenen Gärnerei des Lunaparks ge- züchtet worden._ Der Areindenverkchrsveebcnd INÜnchec. und Dayeeifche Alpcn e. v. Hai ein neuartige« VerkebrSbuch.Südbayern" herausgebracht, t,aS einen Bilderteil mit ichönen Ansichten de« gesamten Geblcle« enthält und einen T e x t t e il, der sich frei hält von den in OrlSprospetten und Führern entbaltenen Detail«, dagegen aber i» hübschen Schilderungen die Eigentümlichkeiten der Gebiete beschreibt. Da« hübsch« Buch<80 Bsg.) ist durch die Buchhandlungen zu beziehen. In kurzer Zeit erscheint ein weiterer Band„Psalz» und ein Band„Nordbayern"._ Groß- berliner Parteinachrichten» »i. Abteilung. Di«»ruppenversammlungen sollen heut» abend au». GeweMhastsbewegung Scharfmacherei bei üen Spediteuren. Vor kurzer Zeit hoben die deutschen Spediteure in Dussel dorf getagt. Wie das bei den Unternehmerverbänden Mode ge- worden ist, werden bei solchen Gelegenheiten Gründe gesucht, um der weitesten Oeffentlichkeit plausibel zu machen, wie„notleidend" doch eigentlich die Unternehmer seien. Immer wieder wird bei diesen Tagungen„festgestellt", daß die Arbeitnehmer es feien, die durch ihre„maßlosen Forderungen" die Wirtschaft zu- gründe richten. Der cherr Syndikus nützt die Gelegenheit, vor dem erleuchteten Kreise seiner Auftraggeber, seine Gesinnungstüchtig- keit und Unentbehrlichkeit zu bekunden. Er hält den Vortrag, den sie hören wollen und serviert den aus der Schaufmacherpresse sertig bezogenen Extrakt in einer gepfefferten Entschließung, die dann als„N o t s ch r e i" aus gepreßtem fjerzen in die Oeffentlichkeit gebrocht wird. Man kennt die Weise, kennt den Text und kennt auch die Verfasser. Die Herren Spediteure haben sich etwas Besonderes geleistet. Sie gehen in ihrer Entschließung aufs Ganze, gegen den Acht- stundentag, gegen die Ratifizierung des Washing- toner Abkommens, gegen eine Arbeitslosenversicherung, selbst gegen die Erwerbslosenfürsorge und g c g c n d i e Soziolpolitiküberhaupt. Für den Fall, daß sie den Achtstundentag nicht zum Zehn- oder Zwitlfstundentag regulär ausdehnen können, kommen sie mit der Deklgrierung eines Teils der Arheitszeit als „Arbeil-bereilschast", und weil ihnen eine Arbeitszeit von acht und mehr Stunden samt etlichen Stunden„Arbeitsbereitschaft" noch immer nicht lang genug erscheint, wollen sie außerdem noch U e b e rst u n d e n ,' für' deren Leistung sie am liebsten überhaupt nichts bezahlen wollen, jedenfalls aber keine Zuschläge. � Die Herren belieben �zu dekretieren: „Deutschland als Reparationsland kann mit seinen ungeheuren Verpflichtungen nicht auf eine Stufe gestellt werden mit den anderen freien Ländern. Deutschland(lies: dos Unter- nehmertum) muß das Letzte aus seiner Arbeitskraft ldas heißt aus der Arbeitskraft der Arbeitnehmer. D. Red.) heraus holen, wenn es seine Verpflichtungen erfüllen und wieder emporkommen will." Um wirtschaftliche Zusammenbrüche zu verhüten — die b e i den langfristig Erwerbslosen läng st er- folgt sind— bekundeten die Herren Spediteure ihre Stellung- nähme zur Arbeitslosigkeit, vielmehr zur Vorschub- leistung. der Faulenzerei, in folgenden Sätzen: „Eine derartige Fürsorge für eine so große Zahl von Arbeits- losen, wie wir sie heute haben und auf lange Zeit noch haben werden, ist für ein vollkommen verarmtes Volk wie. das unsere unmöglich und muß zu den schärfsten wirtschaftlichen Zusammen- brüchen und damit wieder zu einer Vermehrung der Arbeitslosen führen. Die Fürsorgcleistungen müssen m ö g l i ch st weit unter dem normalen Arbeitsverdienst bleiben, um nicht zur Arbeitsslucht anzureizen. Wir fordern unbedingt einen Abbau der Arbeits- losenfürsorge un!> eine Zuweisung von Arbeit evtl. m i t A r b e i t s z w a n g. Eine Arbeiterschaft, die monatelang und fahrelang von Arbeitslosenzuschüssen lebt, ist ein Unding, urfz eine Wirtschaft, die diese Zahlungen aufbringen soll, muß auf die Dauer daran zugrunde gehen." Was aus den Arbeitslosen werden soll, ist ja nicht Sorge der Herren Spediteure. Von ihrem beruflichen Standpunkte aus dürsten die Herren, die sonst gern mit Losten zu tun haben, weil sie aus deren Lagerung und Transport ihr Geschäft machen, eigentlich keine FÄnde von Lasten sein, sondern sie müßten denken. Laßen sind dazu da, daß sie bewältigt werden. Im Punkt sozialer Belastung aber denken die Herren„wirtschaftlich", denn hier'handelt es sich nickt um L a st e n, sii« die nur die anderen bezahlen, sondern um solche, für die auch die Herren Spediteure ein geringes zahlen müssen, anstatt dabei zu profitieren. Und deshalb legen sie gegen die sozialen Lasten los: „Gerade weil wir sozial empfinden(so sehen sie aus! D. Red.). fordern wir unbedingt ein entschiedenes Einhalten auf diesem Wege und ein Zurückführen der Sozialpolitik auf dos dem verarmten Deutschland mögliche und erträgliche Maß. ehe die soziale Fürsarge unter den Trümmern der deutschen Wirtschaft begraben wird." Fü die Z u r ü ck f ü h r u n g der Sozialpolit-k sollen die Arbeit- nohmer den Herren allzu Hohe Transportkosten zahlen, die über „das erträgliche Maß" so weit hinausgehen, daß keine Aussicht be- steht, den Herrschaften den Gefallen zu tun. Die Gewohnheit stumpft ab, und deshalb sind die Düsseldorfer Anstrengungen der tagenden Spediteure nicht gar tragisch zu nehmen. Damit soll jcdock keineswegs gesogt sein, daß es den Herren nicht ernst sei. Die Spediteure sind scharf g e- macht, die Arbeiter und Angestellten des Spedileurgewerbes sind gewarnt. Sowohl der Deuts ckfe Verkehrsbund wie der Z e n- tralverband der Ange st eilten werden auf dem Posten sein. Run müßten aber auch die immer noch unorganisierten Ar- heiter und Angestellten des Spedilionsgewerbes endlich begreifen, daß sie sich unverzüglich ihren Verbänden anzuschließen haben. Der Beitritt zum Verkehrsbund und zum Z d A. muß ihre Antwort sein auf die Provozierung der Arbeitnehmerschaft, dt« die Spediteure sich in Düsseldorf geleistet haben._ Verdrehungsversuche. Unser Artikel über den englischen Bergarbeiterkampf und die Rolle, die Moskau dabei spielt, hat begreiflicherweise nicht den Beifall der„Roten Fahne" gesunden. Bezeichnend ist ober die Methode. nach der sie gegen den„Vorwärts" polemisiert, getreu den 21 Punkten. Aus unserer Feststellung, daß die Sowjetregierung den Haupt- anteil der Streikgelder liefert, macht das KPD.-Blatt«ine B e- schimpfungderrussischenArbeiterjchast. Bei früheren Streitbewegungen habe der„Vorwärts" die russischen Arbeiter be- schuldigt, daß sie„angeblich zu wenig Unterstützungsgelder für die Streikenden in Westeuropa aufgebracht hätten", heute aber beschimpfe der„Vorwärts" die russische Arbeiterschaft deshalb, weil sie ihre Pflichten der internationalen Solidarität gegenüber ihren englischen Arbeitsbrüdern erfüllen." „Die russische Arbeiterschaft" wird in diesem wie in allen ahn- lichen Fällen von den Drahtziehern ober nur als Popanz benutzt. Wenn die russische Arbeiterschaft in allen westeuropäischen Kämpfen finanzielle Unterstützung leisten sollte, dann reichten ihre nicht gerade übermäßig hohen Löhne kaum dazu aus. Wir zweifeln die Opferwilligkeit der russischen Arbeiterschaft keineswegs an. Die Arbeiterschaft wird zweifellos mit zu der Aufbringung der Unter- stützungsgeldcr für die englische Bergarbeiterschaft herangezogen, aber sie kann die Summen nicht ausbringen, die Moskau in diesem Fall aufwendet um seine besonderen Zwecke in England zu verfolgen. Ein„Proteststurm", den die„Rote Fahne" au« den Reihen der sozialdemokratischen Arbeiter fordert, müßte sich allerdings erheben, aber nicht gegen den„Vorwärts", sondern gegen die Moskauer Allerweltspolitiker und Weltrevolutionspropagandisten, die mit Arbeiterschicksalen Schindluder treiben, alles ihren politischen Plänen und ihrem ehrgeizigen Machtdünkel opfern. Ob die Bergarbeiter in Rußland besser gestellt sind als es die englischen Bergarbeiter selbst im ungünstigsten Falle des Ausgangs ihres Kampfes sein würden, das ist eine Frage für sich. Und so wenig die Arbeiterschaft irgend eines Landes gleichbedeutend ist mit der Regierung ihres Landes. ebensowenigistdieSowjetregierung.chierufsische Arbeiterschaft." Im Gegenteil, die Abhängigkeit der russischen Arbeiterschaft von der Sowjetregierung ist kaum geringer als die der italienischen Arbeiterschaft von der Faschistenregierung. Durch ein- fältige Vcrdrehungsversuche, wie die„Rote Fahne" sie macht, wird an diesen Totsachen nichts geändert. Die Arbeitsbedingungen der Kämmereiqrbeiter. In der Funktionäroersommlung der Kämmereiarbeiter am Dienstag im Verbandshous Iohannisstroße berichtete P o l e n s k e über die Abänderungen des 7. Bezirksmanteltarif- Vertrages. Bei den Berhandlungen über den am 31. März dieses Jahres abgelaufenen Reichsmanteltarifoertrag verlangte der Reichsarbeitgeberverband eine vollständige Um- änderung der bestehenden Bestimmungen, um dadurch eine gründ- liche Verschlechterung des Tarifvertrages herbeizu- führen. Der von ihm eingebrachte Entwurf betraf die Urlaubszeit, die Bezahlung der Ueberftundenzuschläge und eine Anzahl anderer sozialer Fragen. Der Gegcnentwurf der Arbeitnehmer forderte dagegen Verbesserungen der bisherigen Tarifbestimmungen. Roch mehrmaligen ergebnislosen Ver- Handlungen und einem vom Reichsarbeitsministerium gefällten Schiedsspruch, der ober von beiden Parteien ab- gelehnt wurde, gab der Verbandsvorstand am 4. Juni ein Ver- Handlungsergebnis bekannt, das von den Arbeitnehmern ebenfalls abgelehnt wurde. Roch nochmaligen Verhandlungen kam es-dann zu einem Ergebnis, das im wesentlichen folgendes'besagt: Für planmäßige Sonntagsarbeit wird ein Zuschlag von Z3th P r o z. gezahlt, für Arbeit an in die Woche fallenden e i e r t a g e n werden anstatt wie bisher M nunmehr 100 P r o z. „Uschlag gezahlt, der einqr Anzahl von Arbeitern bisher gewährte bessere Urlaub bleibt bestehen. Ebenso kann die Arbeits- zeit an den Vorfesttagen um zwei Stunden verkürzt werden. Diese zwei Stunden müssen bezahÜ werden. Arbeiter, die wegen der Eigenart ihrer Beschäftigung nicht verkürzt arbeiten können, erhalten die zwei Stunden extra vergütet. Bei den Verhandlungen mit dem Tarifvertragsamt der Stadt Berlin um die Abänderung des Bezirks- tarifoertrages, der dem Reichsmantelvertraa bei dessen Veränderung angepaßl werden muß, wurde diese letzte Kann-Bestimmung in eine M u ß- B c st i m m» n g umgewandelt. Wenn auch hinsichtlich der Berechnung des Krankenlohnes eine geringe Verschlechterung eingetreten ist, so haben doch die Verhand- lungen besonders für Berlin erste blich« Verbesserung gebracht. Dieser Erfolg ist um so höher zu bewerten, wenn man die Situasion zu Beginn der Verhandlungen berücksichtigt. Die Tarif- kommission hat den ab 1. Juni gültigen Abänderungen des Bezirks- tarifverrrages z ug c ft i m m t. Die Funktionäre billigten einstimmig die Haltung der Tarifkommission und erkannten den erreichten Erfolg rückhaltlos an. Wahlerfolg bei der Wasserbauverwaltung. Duisburg, 14. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Die Wahlen zum Hauptbetriebsrot für die Preußisch« Wasserbauverwaltung brach- ten den freien Gewerkschaften einen oußergewöhn- lich großen Erfolg. Aus die Vorschlagsliste der freien Ge- werkschaften entfielen 2801 Stimmen gegen 2038 im Vorjahre. Die christlichen Gewerkschaften erhielten 6 41 S t i m- m e n, während sie im Vorjahre noch 736 erreichten. Auf die Vorschlagsliste der freien Gewerkschaften entfallen vier Betriebsräte, auf die der Christlichen e i n Betriebsrat. Auch bei den Angestellten war das Ergebnis für die freien Ge- werkschaften sehr günstig. Hier erhielten von 323 abgegebenen Stimmen die freien Gewerkschaften 226, die Christlichen 103. Kc- wählt sind hier zwei Angestelltenoertreter der AlA- Gewerkschaften, während die Christlichen leer ausgingen. Bochum. 14. Juli.(Eigener Dvost:bericht.) Bei der Betriebs- rätewahl im Bereich der Wafserbaudircktion Münster haben die freien Gewerkschaften einen, vollen Erfolg zu oerzeichnen. Während seither der Bezivksbetriebsrat aus vier Mitgliedern bestand, ging diesmal die Wahl um fünf Mandat«. Davon haben die freien Gewerkschaften drei, die christlichen Geweri» schotten zwei, so daß die Mehrheit-des Betriebsrats f r e i g e- wcrkschaftlich orientiert ist. Teuerungszulage im Saargebiet. Saarbrücken. 14. Juli.(Mtb.) Der Schlichtungsausfchuß Saar- brücken, der noch immer»nach den Bestimmungen des Hilfsdienstge- fetzes vom Jahre 1917 arbeitet, hat für die Löhn« der s o a r- lä n d i fche n Fertigindustrie mit Wirkung vom 1. Juli ob ein« Teuerungszulage von 10 Proz. des Tarifstunden. lohne? empfohlen. Ein« Erhöhung der sozialen Zulage ist nicht genehmigt worden. Mirtfchaft Sejserung in See Textilinöuftrie. Nach den beim Deutschen Textilarbeiter-Derband aus den einzelnen Bezirken einlaufenden Konjunkturberichten ist eine leichte Besserung in der Textilindustrie festzustellen. In erster Linie trifft das auf die Verarbeitung von Welle zu, die teil- weise sogar recht guten Geschäftsgang Hot. Hier und da wirkt sich die Veränderung der Geschäftslage in der Einlegung von lieber- stunden und Doppclschichtcn aus. Guten Geschäftsgang melden die Berichterstatter des Deutschen Textilarbciterverbandcs für die Be- triebe der K u n st s e i d e n i n d u st r i e. Auch in der Baum- Wollindustrie scheint die noch bis Anfang Juni festzustellende Verschärfung der Lage einer allmählichen Entspannung zu weichen. Wenn auch einige Berichterstatter weitere Verschlechterungen melden, so stehen doch diesen Berichten andere gegenüber, die aus guten oder Gbesser werdenden Geschäftsgang verweisen. Die Besserung der besser werdenden Geschäftsgang oerckeisen. Die Besserung der zu, da die einlaufenden Austräge, soweit es sich nicht um Export- auftrüge handelt, auf kleinen Nachbestellungen beruhen. Ob es sich um einen wirtlichen Gcschästsaufschwung und um eine wirtliche Ent- spannung in der Textilindustrie handelt, wird sich erst in späteren Monaten erkennen lassen, wenn die Aufträge für Frühjahrs- und Sommerartikel eingehen. Für die einzelnen Branchen kann folgendes festgestellt werden: In der Kammgarnspinnerei ist die Belebung des Geschäfts- ganges fast ollgemein. So hat sich z. B. die Zahl der wöchentlichen Arbeitsstunden erhöht. Außerdem sind Neueinstellungen von Ar- beitern vorgenommen worden: u. a. arbeiten die Kammgarnspinnc- reicn in Thüringen und Sachsen wieder voll. Wesentlich ge- bessert hat sich die Loge in der Damen st ossweberei, obwohl sich die schlechte Witterung in den letzten Monaten im ollgemeinen recht ungünstig auswirkte. So sind z. B. die Aufträge für wasch- seidene Artikel geringer geworden, dagegen gibt es große Werke, z. B. die Fabriken in Greiz, die größere Aufträge für schwere Damenstoffe hereinnehmen tonnten. Auch in Greiz arbeiten die Be- triebe voll. In Pößneck herrscht sogar eine Hochkonjunktur, wie man sie nur selten erlebt hat. Bezeichnend ist, daß hier über Roh- stoffmangel geklagt wird. Aus Reichenbach wird gemeldet, daß die Fabriken wieder täglich nach Webern und Weberinnen suchen. Wesentliche Besserungen sind auch aus Aachen und Sommer- f e l d zu berichten. In den Sommerfelder Betrieben beruht der Umschwung der Geschäftslage auf den Eingang von bedeutenden Auslandsaufträgen. Bolle Beschäftigung melden auch die Woll- streichgarnspinnereien in Kettwig und Mylau-Netzschkau. Für W c r d a u und Zwickau werden Spinnereiarbeiter gesucht und in Reichenbach im Vogtland sind Ueberstunden eingelegt worden. Wesentliche Besserung der Lage weist auch die Textilindustrie in Westdeutschland auf. Das gilt besonders für die Herrenstosswebereien. Gekennzeichnet ist hier aber die Lag« durch kleine Bestellungen mit kurzen Liesersristen. Aus den Berichten geht im allgemeinen hervor, daß dos Inland meist leichtere Gewebe verlangt, während das Ausland Qualitäts- waren in Auftrog gegeben hat. Ziemlich selbstverständlich ist es, daß es neben gutbeschäfligten Betrieben eine Anzahl von Betrieben gibt, die von der Besserung der Konjunktur bis fetzt noch nichts gemerkt haben. So ist z. B. die Lage in der H e r r e n t u ch i n d u st r i e außerordentlich unübersichtlich. Bei anderen Branchen, besonders soweit sie nicht zur Ausrüsterei gehören, besteht die schwierige Lage weiter: z. B. kann man in der Leine nwcberei und -spinnerei kaum von einer Besserung reden. Einige Firmen haben wohl einen recht guten Auftragsbestand zu verzeichnen unh konnten auch neue Aufträge hereinnehmen. Dafür hat sich aber in zahlreichen anderen Betrieben der Geschäftsgang weiter verschlechtert, so daß neue Betriebsstillegungen und Entlassungen von Arbeitern stattgefunden haben. In der Wirkerei und Stickerei hat sich die Lage kaum verändert. Die Arbeitszcitdauer dürfte stach allge- mein die gleiche sein w�e im Monat Mai. Auch in der G a r d i n e n-, der Tüll- und Spitzenbranche ist eine Besserung der bisher sehr schlechten Geschäftslage noch nicht erfolgt. Das gleiche ist von der Teppich- und den Möbel st offwcbereicn zu sagen. In diesem Zusammenhang dürfte es interessieren, daß die Aus- suhrziffern für Textilsertigwaren gegenwärtig nicht ungünstig liegen. Wenn sich eine Besserung in der Textilindustrie nur schwer durchsetzen kann, ist das in erster Linie aus die schlechte Jnlandsmarktlagc. insbesondere auf die Schwäche der Kaufkraft des Volkes zurückzu- führen._ ver Ihysien-vertrag mit dem Donugosi-Irusi beftäsigl. Der Ver- trag, der vor einiger Zeit zwischen der Schachtbou Thysien G. m. b. H.. Mülheim a. d. Ruhr, und dem russischen Kohlentrust„Donugolj" über die Errichtung von 27 S ch a ch t a n l a g e n im Donezbecken ab- geschlosien wurde, ist. wie der Ost-Expreß erfährt, soeben vom Rat der Volkskommissare der Sowjetunion bestätigt worden. Zunäcyst werden drei Schächte errichtet. Die Ausführung des ganzen Auftrages dürfte drei bis vier Jahre in Anspruch nehmen. Mit den Vorarbeiten ist bereits begonnen worden. Auch eine Reihe anderer russischer Austräge tonnt« nach dem Abschluß des 300.Millionen-Kredits nach Deutschland gebrocht werden._, fius der Partei. Aus der bulgarischen Sozialdemokratie. Sofia. 14. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Wie bekannt, hatte ein außerordentlicher Kongreß der bulgarischen sozialdemokratischen Partei vor einiger Zeit den Ausschluß des Abgeordneten Ka« z as s o v und des Abgeordneten Z a n k o v, eines Bruders des ehe- maligen Ministerpräsidenten, beschlossen. Zur selben Zeit beschloß der Kongreß, daß Parteimitglieder an keinen sogenannten sozial- demokratischen Blättern außer der offiziellen Parteipresse mitarbeiten dürften. Drei weitere Abgeordnete hotten sich diesem Beschluß nicht gefügt, so daß sie nunmehr vom erweiterten Vollzugsaus- schuß aus der Partei ausgeschlossen worden sind. Berantworlliib für Dolitlk: Ernst Reuter: Wirtk�akt: Rrtnr Lateran»: Sew-rlsckaft-dewegun»: gr. tktatn; sieuilleton: Dr. z»ha Schit-««ki: L-I-lc, und Sonstiae,:«ri,«arstadt: Aiueiaen: Id.»locke: samtlick, in Berlin. Verla«: Borwärts-Verlaa s. rn. b.!>.. Berlin. Druck: Dorwäris-Builidrucker-k und Berlaasanstalt Vaul Srnaer u. To.. Berlin SW W. Lindcnltroste I. Berliner- Eickfriher- fienossensdiaü BerlinN24,ElsässerStr.86-88 I Filiale Westen, Wilmersdorf Pcratprecber. Norden 65 25 u. 65 36' Landtiausstraße 4. Tel.: Pfalzbarg?&31 „_ anssfeUnnö«ranme and laier «cianaerstr. 39-40(Alexander-Passaie) Tel.: HOnlOstadl 540. Elektrische Anlagen jeder Art n. Jeden llmfanges zu kulanten Zahlungsbedingungen. Bgleuchtungskarper und Osram-Lampen zu Fabrikpreisen Korbmöbel Große Auswahl! Billige Preise! Peddlgrobriiseb von 5,75 M. an Peddigrohrsessel von 7,50 M. an Spiziil-laibiiiSbelbiss Edmund VoB Neukölln, Itrllgr Str. 14, Anzahlung gestaltet HolztaBserÄ�Ä�l? Wodrisendh loser- Prospekte cratts! Wald- u. Wa»»«rp araeUeo- Na« wet». Sole Kapifän- Baulabah'ÄÄarl C. Httcker, Berlin Lichtenberger Straße 22, Kgst. 3861 [ Betfledern Adolf Pohl Dresdener StraBe 15 (Pabrikgeblude.) Miefen Sie von uns Sfau$'si sauger. t'ORION- "rXeserCstln, Vvttortcdter, Ojentum. Ber/ta W&Q&aagsrstc 122-123. Stocklaternen mit-Licht u. Stock Dtzd. 75 u. 90 Pf. Packeln Dutzend 75 Pf, Lampions von 5 Pf. an F-fMIPt-AVdSf-lr jeder Art, Sorti- reuerwerK mente von 1 M. an. Benraifeuer, 20,30 SO Pi. Wachstackeln. Papierballons, Mützen, Dutzend von 20 Pfennig an. Alle Vereins• Somraer- nrtlkel sehr biUlg, Seit 36 Jahren Markgrafenstr. SS(an dar Lindcnstr.) LUCIA in FslnkastbaodluiMM and Apothakaa BwItaN« Uber 30000 Stück Im Oebrauchl Altert koeenktia s aeueetee Saffianled er-Portanonaai« für Herren und Damen „DerSchacht� Trasor" für SeliCLBe osd Hartfcl j (Schi braun Saffian »ad SO Pfg, für portofrei« Zoeead«# Unoer neuer Hau£tkataJog Np. 25 vird auf �A�unecH ItoeienJ oe»ogeoendt. Olbert&Qi*eMthaut üBeriin 6W IQ leipziger Sir. 72-74