Menöausgabe Nr. 347 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 171 B»|U8»btiinfluita»B undeniettaf verltn Derlinev Volksblatt (�10 Pfennig) Montag 26. lull 1626 verlas und Anzeigenabteilung: Deschäftezeit SV, die& Uhr Serleger: vora>art»-verlag cSmdh. Serlln Sw. S». cindenstrahe 3 Fernsprechern VSnhoft 292— 291 Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutfchlands Der Magdeburger Skandal. Unbegreiflichkeiten und kein Ende. Die Magdeburger Mordaffär« wächst immer mehr über das rein Kriminelle hinaus. Sie ist jetzt bereit» in ein Stadmm gelangt, wo man sich fragen muß. ob die Staatsregierung die Zustände weiter dulden kann. In seinem Eifer, den verhafteten Kaufmann Rudolf chaas zu belasten, hat der Magde- burger Kriminalkommissar Tenhold e» fertig gebracht, sogar das tschechisch« Konsulat mit Mordverdacht zu über» ziehen. Auf Grund irgendwelcher Kombinationen, die er und der Untersuchungsrichter Kölling angestellt haben mögen, hat sich bei ihnen die fixe Idee festgesetzt, die Spuren des Mordes führten nach Prag hinüber. In Prag hat nämlich die Firma Haas auch geschäft. liche Beziehungen und außerdem wohnen die Schwiegereltern des verhafteten Haas in der tschechischen Hauptstadt. Eines Tages, Mitte Juli, rief nun Tenhold den in Magdeburg amtierenden Konsul der tschechoslowakischen Republik, einen Magdeburger Kaufmann namens Adam, an und teilte ihm mit, daß er»mit einem Begleiter" die Sonsulatsrävme besichtigen möchte. Herr Adam, der den Zweck der Sache zunächst nicht übersah, gab dazu seine Zustimmung. So erschien Tenhold mit dem Schröder nach Schluß de» Bureaus, um die Räume eingehend zu besichtigen. Tenhold nahm Herrn Adam dasEhrenwortab, daß er nichts von diesem Besuch oerlauten last«. Am nächsten Tage wurde Schröder vom Untersuchungsrichter vernommen und konnte nun eine seh? eingehende Darstellung der Räume geben, von denen er behauptete, daß in ihnen die Anstiftung zum Morde er- folgt sei. Auf Grund dieser Aussagen des Schröder wurden nun die jKonsulatsbeamten, darunter auch der amtierend« Vize- konsul I a n d a zur Vernehmung vorgeladen. In Magdeburg pfiffen e» schon alle Spatzen von den Dächern, daß der Unter- fuchungsrlchter die Absicht habe, die Konsulat»beamlen zu verhaften. vor diesem letzte» Schritt ist man jedoch»och zurückgeschreckt. Augen- schetnllch hatte man an der Blamage vorläufig genug. Damit aber kann die Sache für die deutsche Oesfentlichkeit nicht erledigt sein. Es ist unseres Wissens ein in der Kriminalgeschichte bisher noch nicht vorgekommener Fall, daß der untersuchende jdriminolkommisiar sich mit dem unter schwerem Verdacht stehenden Inhaftierten auf so vertraulichem Fuß bewegen kann, wie das im Falle Tenhold-Schröder täglich geschieht. Man spricht in Magde- borg davon, daß die beiden auch noch ander« gemeinsame Ausflüge an» dem Untersuchung». gesäugnl» Haas herbeizuschaffen. Mternehmen, um da» noch immer fehlend« Beweismaterial gegen Merkwürdig ist, daß all« Aussagen Schröders, so vielgestaltig sie auch gewesen sein mögen, und so oft sie auch in Form von Ver- aehmungen vor dem Untersuchungsrichter abgegeben und abgeändert wurden, bis in die letzten Tag« hinein überhaupt nicht vorschriftsmäßig protokolliert worden sind. Der Untersuchungsrichter hielt es für genügend, wenn er sich persönlich stenographische Notizen macht«, während es sonst üblich ist, daß die Aussagen vom Untersuchungsrichter formuliert emem Gerichtsschreiber in die Feder oder die Maschin« diktiert werden und daß jedes derartige Protokoll sowohl vom Richter wie vom Gerichtsschreiber unterzeichnet wird. Warum der Richter Kölling in Magdeburg von dieser vorgeschriebenen Praxis abwich, mögen die Götter wissen. Tatsache ist, daß der V e r» t eidig er de» Haas, wenn er sich für Haftentlassung des Be- schuldigten einsetzen will, bei den Akten die privaten Stenogramme des Herrn Kölling nicht einzusehen vermag und bis vor wenigen Tagen kein Protokoll vorfand. Der Schröder ist seit März in Hast, Haas s«U nunmehr fünf Wochen. Schröder hat da» Vielgestaltigst« erzählt, um Haas und andere zu belasten. Er selbst aber ist nicht wegen Mordes in Untersuchungshaft, sondern immer noch wegen Scheckfälschung und Betrug! Wegen dieser Delikt« könnt« er längst abge- urteil sein, wenn er nicht als Zeuge gegen Haas verwandt würde und durch fein phantastisches Gerede, da» merkwüidigerweise immer wieder Mauben findet, dieses Verfahren endlos lange hinzuziehen vermag. Am Sonnabend ist im Auftrag« der Landeskriminalpolizei der Berliner Kriminalmt G a l z o w in Magdeburg eingetroffen und hat den Untersuchungsrichter ersucht, ihn einer gerode stattfindenden Vernehmung Schröders beiwohnen zu lasten. Der Untersuchungsrichter hat das brüsk abgelehnt und auch den Kriminalkommistar Büsdorf au» dem Zimmer verwiesen, trotzdem Tenhold wie gewöhnlich bei der Vernehmung anwesend war. Erst auf die Vorstellung hin, daß nach den behördlichen Anordnungen die beiden Kommissare gemeinsam zu arbeiten hätten, wurde dann auch Tenhold veranlaßt das Zimmer zu verlassen. Untersuchungsrichter und Kriminalpolizei in Magdeburg hoben sich ganz zweifellos gröblicher Unterlassungen schuldig gemacht. Sie haben weder den Trommelrevolver de, Schröder, den er nachgewiesenermaßen in seinem Besitz hatte, gesucht und beschlag- »ahmt, noch hoben sie sich überhaupt um das Vorleben Schröders auch nur einigermaßen gekümmert. Sie hoben nicht einmal den Lchröder, bei dem sie doch das Scheck! uch und die Uhr des Er- Mordeten fanden, den Schwester» Hellings und den bei ihnen beschäftigten Lehrmädchen gegeuüberge- st e l l t, trotzdem doch nahelag, daß Helling, der au» seiner Wohnung fortgelockt worden ist, mit dem Schröder in irgendeiner Beziehung gestanden haben müsse. Die Lehrmädchen, die seinerzeit dem Fremden, der Helling sortholte, die Tür öffneten, haben gehört, daß dieser Helling mit der Bemerkung anredete, er »suche eine Stellung". Es besteht also die Wahrscheinlichkeit, daß Helling einem gemeinen Raubmord zum Opfer gefallen ist. Da man dos Raubgut bei Schröder fand, so hätte es nahegelegen, in i h m den Mann zu oermuten, der Helling aus seiner Wohnung fortlockte. Aber nach dieser Richtung erstreckt sich das Intereste der Magdeburger Untersuchungsführenden absolut nicht. Es ist auch be- kannt geworden, daß Helling auf einem Fahrrad von Haus fortgefahren ist. Soviel wir wissen, hat die Magdeburger Polizei aber noch keinerlei Anstrengungen gemacht, um den Verbleib dieses Fahrrades, das durch eine eigenartig« Lenkstange von anderen sich unterschied, zu ermitteln, und daraus gewiste Folgerungen zu ziehen. Liegt eine solche Fülle von Unzulänglichkeiten vor, so ist es begreiflich, daß in Magdeburg kein Mensch— von Polizei und Gericht abgesehen— an die Verbindung des Haas mit den Mördern glaubt. Wenn der Untersuchungsrichter und die Polizei wirklich, wie sie behaupten, ernsthafte Verdachtsgründe hoben, so sollten sie angesichts der Erregung in der Oesfentlichkeit diese endlich mitteilen. Die Aussagen eines notorischen Hochstaplers, Fälschers und Schwind- ler» können nicht genügen, um einen unbescholtenen Mann auf Monate unter schwerstem Verdacht in Hast zu behalten. Die Tat- sache, daß Haas ein reicher Mann ist, ist an sich kein Grund für die Annahme, daß er schuldlos sei. Ebensowenig aber für das Gegenteil. Wann also wird der Magdeburger Skandal ein Ende finden? Reform üer Untersuchungshaft. Genoste Kurt Rosens eld schreibt uns: Zu den in der Sonntagsnummer de».Vorwärts" gebrachten Betrachtungen zur Magdeburger Mordaffäre, in denen Hans H y a n mit Recht darauf aufmerksam macht, daß der Verhaftet« noch dem jetzt geltenden Gesetz zu geringe Möglichkeiten hat, sich gegen die Maßnahmen der Behörde, insbesondere gegen Verhaftungen zu wehren, gestatte ich mir darauf hinzuweisen, daß die Sozial- demokratische Fraktion des Reichstages schon seit Jahren bemüht ist, die Rechtsbehclfe eines Verhasteten zu erweitern. Insbesondere seit dem Tode Höfles finden diese Be- mühungen auch beim Zentrum Unterstützung, und es besteht auf Grund der bereits erfolgten Vorbesprechungen die begründete Hoffnung, daß der Reichstag unmittelbar nach seinem Zu- sammentritt im Herbst wenigstens eine wesentliche Derbesse- rung des jetzt geltenden Gesetzes sofort beschließt: die Einführung des Rechtes jedes Verhafteten auf Nachprüfung des Haftbefehls in einer mündlichen Verhandlung, die binnen einer Woche stattfinden muß. Wenn auch die näheren Bestimmungen über diesen neuen Rechtsbehelf noch nicht feststehen, so kann doch soviel schon jetzt gesagt werden, dgß gegenüber der jetzt nur möglichen schriftlichen Haftbeschwerde, die im geheimen Verfahren geprüft und beschieden wird, derZwangzurErörterungder Haftgründe dem Angeklagten und seinem Verteidiger Auge in Auge und die Vernehmung von Zeugen in ihrer Gegenwort eine bedeutende Verbesserung der Lage der Verhafteten bedeutet. Der Magdeburger Fall würde sich sicherlich viel schneller klären oder richtiger längst geklärt haben, wenn die geplante lex Hölle schon Gesetz wäre. deutscher Krankenkaffentag. Eröffnung der Tagung in Düffeldorf. Düsseldorf, 26. Juli.(MTB.) Der Hauptverband deutscher Krankenkassen E. V., der 1600 Krankenkassen mit über 10 Millionen versicherter Mitglieder zählt, hält am 25. und 26. Juli hier in der„Gesolei" seine diesjährige Mitgliederversammlung als 30. Deutschen Krankenkassentag ab. Zu der heutigen Er- öffnungsversammlung waren mit mehreren tausend Vertretern aus dem Reiche Vertreter der Reichs- und Länderregierungen sowie Delegiert« der Versicherungsanstalten erschienen. Ebenso hat das Ausland, Oesterreich, die Tschechoslowakei, Polen, die Schweiz und das Memelgebiet Vertreter entsandt. Auch nimmt ein Vertreter des Internationalen Arbeitsamtes in Genf an den Verhandlungen teil. Nach der Begüßungsansprache des Vorsitzenden des Verbandes, Stadtrats A h r e n s- Charlottenburg, der mitteilte, daß der Ver- band auch im verflossenen Jahre eine erfreuliche Entwicklung ge- nommen hat, hieß der Vertreter des Düsseldorfer Oberbürgermeisters namens der Stadt Düsseldorf die Erschienenen herzlich willkommen und wünschte der Tagung vollen Erfolg. Senatspräsident von Zurwesten vom Reichsversicherungsomt überbrachte die Wünfche der Reichsregierung für einen guten Verlauf der Tagung. Als Vertreter der preußischen Stoatsregierung sprach Reg.-Rat Freiherr von Zedlitz den Wunsch aus, daß die Tagung zum Wohle der Versicherten wie des ganzen deutschen Volkes beitragen möge. Namens der sozialdemokratischen Reichstagsfraktio» sprach Reichstagsabgeordneter Dr. Moses, der betonte, daß die Fraktion besonderen Wert auf inniges Zufainmenarbeiten der deutschen Krankenkasten lege. Den Geschäftsbericht erstattete der geschäfts- führende Vorsitzende Lehmann- Berlin, der über dos Verhältnis zwischen Krankenkasten und Aerzteschast, daß noch nicht so gut sei, wie man wünschen müsse, und über die Bedeutung der Arbeitslosen- Versicherung eingehend berichtet«. Das Zentrum unö wir. Zum Aufruf Wiechs. Bon Wilhelm S o l l m a n n. Joseph W i r t h ist in die Zentrumsfraktion des Reichs- tags zurückgekehrt. Wer seine kraftvolle und Vertrauens- würdige republikanische Persönlichkeit politisch fruchtbar gemacht wissen wollte, mußte längst diese Rückkehr wünschen. Rur wird niemand glauben, daß nun von der Zentrums- frattion Gottfried Kellers Wort zu gelten habe: Gefallen sind die Hiebe, Verflogen Staub und Rauch, Und süße Bruderliebe Blüht wieder an jedem Strauch.... Der stärkste bürgerliche Republikaner steht wieder an seinem Platze. Das ist alles. Die Gegensätze im Zentrum sind geblieben, und seine vorsichtige, nach rechts und links tastende, abwägende Taktik auch. „Wir sind entschiedene Republikaner mit sozialen Idee n," sagte Wirth auf der jüngsten Tagung des Reichsparteiausschusses. Niemand zweifelt an diesem Bekenntnis, aber es gilt noch immer nicht für das ganze Zentrum. Die„Kölnische Volkszeitung" lNr. 520), die keineswegs dem rechten Parteiflügel verschrieben ist, kommentiert das jüngste parteioffizielle Bekenntnis zur republikanischen Staatsform dahin:„Das bedeutet mit Nichten, daß das Zentrum nun als eine Partei von absolut republi- konischer Prägung anzusehen ist, sondern ist nur der druck einer konkret en politischen Tatfachen- löge." Das könnte Herr Stresemann auch von seiner „Volkspartei" gesagt haben. Und da man bei einigem Ber- trauen in die menschliche Intelligenz annehmen darf, daß selbst die deutschnationale Reichstagssraktion nicht mehr all- zulange die Führung des Grafen v. Westarp ertragen kann, wftd vermutlich die Zeit nahe fein, die auch bei manchem Deutschnationalen die Republik zum„praktisch politischen Ausdruck einer konkreten politischen Tatsache" werden läßt. Bernunstrepublikaner: Ja!—„Entschiedene" Republikaner: Nein! Damit soll nichts gegen die Arbeit gesagt werden, die das Zentrum neben uns und den Demokraten für die Befestigung dcr republikanischen Staatsform getan hat. Wenn aber in den Reihen der Ntittelparteien seit einiger Zeit üblich ge- worden ist, an uns Sozialdemokraten staatsvolitifche Fürsorge- erzichung zu üben, so dürfen wir doch wohl auf die da und dort noch sehr mangelnde republikanische Energie der anderen ein wenig hinweisen. Aus jenem Mangel erklärt sich nämlich Etliches, auch die Rebellion der Massen gegen das ewige Krmpromisseln der Republik mit den entthronten Fürsten, und der Sturmruf von fünfzehn Millionen, daß wenigstens eine Partei entschieden republikanisch handle: eben die Sozialdemokratie. Äußerlich ist rein politisch eine leichte Schwenkung des Zentrums nach links unverkennbar. Sie fällt zeitlich mit dem Aufbegehren der proletarischen und kleinbäuerlichen Zentrums- Wähler zugunsten des sozialistischen Volksentscheids zusammen. Der neueste taktische Zug des Zentrums ge- schieht also unter außerparlamentarische in Druck. Es ist kein Anzeichen einer inneren Wandlung von Persönlichkeiten wie Stegerwald, Brauns, Gu6rard zu Kampf- republikanern oder gar zu sozialen Demokraten vorhanden. Stegerwald, der erfreulicherweise eindeutige Formulierungen liebt, hat sich auf der Tagung des Reichsparteiausschujjes gegen das„starre Rechts- oder Linksblocksystem" aus- gesprochen. Er lehnt„sowohl die Rechts- wie die Linkspolitik" ab und verkündet:„M achen wir Politik mit links, dann haben wirFühlung nach rechtszu halten und umgekehr t." D a s, in der Tat, ist gute Zentrumstradition und echte Zentrumspolitik. Darin wird die Gesamtpartei grundsätz- lich nie sich ändern, solange sie nicht selbst sich aufgeben will, solange sie also an dem Bemühen festhält, Monarchisten und Repulljkaner, Konservative und Ehristlichradikale, Autokraten und Demokraten. Kapitalisten und Arbeiter, Landbarone und Bauern unte- der Kuppel des politischen Katholizismus zu vereinen. Wir sind überzeugt, daß trotz allem das Zentrum einmal an dieser mit bewunderswcrtem Geschick in ollen Stürmen aufrechterhaltenen Konstruktion scheitern wird. Wir verhehlen nicht, daß wir immer alle? tun werden, um diese Klärung im Zentrum zu fördern, aber wir verübeln dieser Partei nicht, daß sie ihre Polnik betreibt Nur erheben wir für uns den gleichen Anspruch. In der„Kölnischen Volkszeitung"(Nr. 536) hat soeben ein preußischer. Zentrumsparlamentarier von feiner Partei rühmend gesagt, daß sie auch in den schwersten Iahren grundsätzliche Zugeständnisse n i e gemacht habe. Er Hot Recht. Nennen mir nur drei kulturelle Gebiete: Schule, Ehe, Geburtenregelung! Wo wäre das Zentrum auch nur um Millimeterbreite von seiner Linie abgewichen, die der sozialistische Mensch als einem vergangenen Jahrhundert zu- gehörig empfindet. Gewiß: wenn der Staat in seinen Grund- sesten bebt und die Wirtschaft chaotisch wogt, muß man schließlich Geistesfragen vorübergehend zurückstellen. Aber bringt nicht doch die sozialistische Kulturpolifik damit ein bedeutendes Opfer? Und ist denn so schwer verständlich, daß es auch für unsere republikanische und soziale Partei Grund- sätze gibt, die selbst nur vorübergehend zu opfern für da? Dasein unserer Partei und für deren Ehre genau so unmöglich ist, wie die Preisgabe gewisser weltanschaulicher Doktrinen für die Zentrumspartei? Eine Partei, in der nicht mehr die Ueberzeugung lebt, daß die Verwirklichung ihrer Ideale dem Fortschritt von Volk und Staat am Besten dient, ist geliefert. Bei aller Bereit- Willigkeit �u Koalitionen wird daher keine Partei sich mehr zumuten, als die Masse ihrer Anhänger an materiellen und idellen Opfern ertragen kann. Gerade die Geschichte des Zentrums liefert dafür den besten Beweis und die jüngsten Parteibeschlüsse zeigen, wie klug auch rechtsgerichtete Zen- trumsführer dem Massenwillen von links her nachzugeben wissen. Der in jüngster Zeit vielberufene Genosse Ludwig Frank, der in seiner sozialistischen Glaubensglut, in seiner Synthese von nationalen Wirklichkeiten und internationalen Zielen, in seiner taktischen Beweglichkeit zwischen Großblock und politischem Massenstreik als das Ideal des sozialdemokra- tischen Volksführers und Staatsmannes in einer Person gelten kann, hat im Jahre 19(18 gegenüber den Liberalen die Mög- lichkeit einer Arbeitsgemeinschaft wie folgt umrissen: Es werde nicht bloß von den Zeitumständen, sondern auch von dem Verhalten der beteiligten Parteien abhängen, ob ein ähnliches Abkommen wieder möglich sein wird, nicht bloß möglich sein wird für die Führer und die Parteien, sondern— und das ist das Entscheidende— möglich sein wird gegenüber der Haltung der Massen, der Wähler draußen im Lande... Man beachte, was Ludwig Frank, der gewiß kein Massen- knecht war,„das Entscheidende" nennt. Man wird in der Parlamentspause Gelegenheit haben, sowohl die Meinung der Wählermassen wie die Haltung der Parteien zu beobachten, und die Zentrnmspartei und ihre Führung werden dieser Beobachtung besonders würdig fein. Die üeutsche(dchrana. General-Feldmarschall v. Eichhorn über Nicolai. Der„I u n g d e u t s ch e" veröffentlicht ein Schreiben des Generalfeldmarschalls v. E i ch h or n, das bezeichnend für das „Ansehen" ist, das Oberst Nicolai und seine Abteilung III d innerhalb der Generalstabskreise genoß. Das Schriftstück lautet: K. 24. VIII. 15. Vielen Dank für Ihren ausführlichen Brief vom 29. o. M. Ich schrieb an Roehl. Anbei die Antwort. Da kann ich weiter nichts mehr tun. Der arme Rechberg. Ich glaube nicht, daß er irrsinnig ist. III b. habe Ich auf dem Strich. Ich weiß noch einen andern Fall, wo die elende Spionenriecherei Unheil gestiftet hat. E« ist so leicht einen Menschen zu verleumden, wer einen Feind hat, der mag sich vorsehen. Er wende» sich an III b und Ill d ist nur zu begierig. alles aufzugreifen. III b wächst sich zu einer russischen Ochrana aus. Hier ist in der Zwischenzeit allerlei nettes passiert. Es geht gut vorwärts. Herzlichen Gruß Ihr von Eichhorn. Das ist das Urteil eines Sachverständigen, der Oberst Nicolai aus nächster Nähe beurteilen konnte. Nicolai übt auch heute noch einen gewissen Einfluß aus. Er steht den Kreisen um C l a ß und Hugenberg nahe. Das macht es verständlich, wenn diese Herren gegen eine Berührung mit den Sicherheitsorganen der Republik so empfindlich sind. Grund genug, sie nicht aus dem Auge zu verlieren! Reichspräsiöent und Verfassungsfeier. TU. meldet: Entgegen anderslautenden Meldungen wird Reichs- Präsident v. H i n d e n b u r g seinen Urlaub erst Mitte August an- treten und am II. August an der Verfassungsfeier teil- nehmen. Wie wir hören, wird auch Reichskanzler Marx der Feier beiwohnen. Slnowjews yinauswurf. Ausschluß aus dem Politbureau.— Laschetvitsch aus der Kandidatenliste gestrichen. Moskau, 2b. Juli.(Telegraphen-Agentur der Sowjet union.) Das Zentralkomitee der kommunistischen Partei der Sowjetunion beschäftigte sich in seiner Vollsitzung am Freitag mit einer Reihe wichtiger Fragen de» staatlichen und wirtschaftlichen Wiederausbaus und des innerparteilichen Lebens. Räch Anhörung eines Referats der Zcntralkontrollkommission über Fälle von llebertretungen der Beschlüsse früherer Kongresse betresss Wahrung der Einheil der Partei durch einige führende Parteimitglieder wurde beschlossen, S i n o w j e s s von seinem Posten als Mitglied des p o l i- tischen Bureaus des Zentralkomitees abzuberufen und Laschc- witsch aus der Zahl der Kandidaten des Zentralkomitees a u s z u- schließen. An Stelle Sinowjesss wurde R u d s u t a k zum Mitglied des Politischen Bureaus gewählt. Gegenwärtig besteht also da» politische Bureau aus folgenden Mitgliedern: Stalin, Rykosj. Bucha- rin, Tomski, Kalinin, Molotov, Rudsutak und Trohki. Die Zahl der Kandidaten des politischen Bureaus wurde von 5 aus 8 erhöht. Räch Entgegennahme einer Mitteilung des Bureaus über die im Zusammenhang mit den letzten internationalen Ereignissen gefaßten Beschlüsse b i l l i g l r die Vollversammlung die Tätigkeit des Politischen Bureaus und der Delegation der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Exekutivkomitee der Kommunistischen Inter- nationale. Die Versammlung beschloß, die nächste ordentliche Parteikonferenz für die er sie Hälfte des Oktober ein- zuberufen. Die Komintern als illegale Organisation.— Geheim- Versammlungen im Walde. Moskau, 26. Juli.(Telegraphen-Agentur der Sowjetimion.) Die vom Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale der � Sowjetunion gefaßte Entschließung über Wahrung der Einheit der Partei weist darauf hin, daß die zur Zeit des 14. Kongresses ent- standene und von dem Kongreß verurteilte Opposition, obwohl ihr die Möglichkeit blieb, sich in sämtlichen führenden Institutionen zu betätigen, dennoch weiter auf ihren vom Kongreß festgestellten Irrtümer» beharrte und in ihrem Kampse den Boden rechtmäßiger Verteidigung ihrer Ansichten im Rahmen des Parteistatuts verließ. Die Opposition hat in letzter Zeit die Beschlüsse der Führer des Kongresses betreffs Wahrung der Ein- heit der Partei verletzt und versucht, eine illegale fraktionelle Organisation zu schaffen, die im Gegensatz zur Partei stand und gegen deren Ein- heit vorging. Dieser Versuch äußerte sich in der Abhaltung u n- gesetzlicher Versammlungen, im Druck und Versand zu tendenziösen Zwecken gesammelter Geheimdokumente der Partei, in der Entsendung von Agenten zu anderen Partei- organisationen zwecks Schaffung ungesetzlicher fraktioneller Gruppen. Festgestellt ist, daß die Fäden dieses fraktionellen Vorgehens der Opposition zum Apparat des Exekutivkomitees der kommunistischen Internationale lon�n, an dessen Spitze Sinowjeff steht. In der Entschließung wird besonders die Tatsache der Abhaltung einer ungesetzlichen fraktionellen Versammlung in einem Walde bei Moskau hervorgehoben, die der Mitarbeiter des Zentralkomitees B e l e n k i organisierte und als Vorsitzender leitet«. In dieser Geheimver- s a m m l u n g forderte der Kandidat des Zentralkomitees Lasche- witsch die Anwesenden auf, sich zum Kampfe gegen die Partei und das von dieser gewählte Zentralkomitee zu- sammenzuschließen. Die fraktionelle Tätigkeit der Fraktion be- schränkt sich nicht auf die Kommunistische Partei der Sowjetunion, sondern es sind Versuche gemacht worden, den Apparat des Exekutiv- komitees der Kommunistischen Internationale in den Kampf hineinzuziehen und mit seiner Hilfe die verurteilten Ansichten der Opposition bei den anderen kommunistischen Parteien zu ver- breiten, um dadurch den Boden zur Aufreizung der ausländischen kommunistischen Parteien gegen die kommunistische Partei der Sowjetunion vorzubereiten. Die Partei macht den Leiter der Opposition auf dem 14. Kongreß, Sinowjeff, politisch für die parteizersplitternde Tätigkeit ver- a n t w o r 1 l i ch, und deshalb hat die Vollsitzung S i n o w j e s s aus dem Politischen Bureau und L a s ch e w i t s ch aus dem Zentral- komitee ausgeschlossen und letzteren von seinem Amte als Stellver- tretenden Vorsitzenden des Kriegsreoolutionären Rates abberusen. Sie hat ihm einen strengen Verweis erteilt und ihm im Falle fort- gesetzter fraktioneller Tätigkeit den Ausschluß aus der Partei angedroht. Die Entschließung stellt fest, daß die Tätigkeit der Oppo- sition bisher bei keiner einzigen Parteiorganisation Anklang gesunden habe, doch könnte eine weitere Entwicklung dieser fraktionellen Tätig- keit die Gefahr einer Spaltung der Partei zeitigen. Die Maßregelung Sinowjews und eines kleineren der kommunistischen Halbgötter zeigt, in welcher Schärfe der Kampf um die Macht innerhalb der russischen kommunistischen Partei weitergegangen ist. Schon aus dem letzten Partei- k o n g r e ß, der um die Jahreswende herum stattgefunden hatte, waren die Gegensätze zwischen der„Linken" Sinowjews und der„Rechten" der Vorstandsmehrheit schärfer als je gewesen. Damals machte die Opposition von dem bisher noch nie angewandten organifntorischen Rechte Gebrauch, ein Korreferat verlangen zu dürfen, und zum ersten Mole stimmte eine Minderheit— von 65 Stimmen— gegen die Kongreßresolutionen, die man bis dahin immer einstimmig hatte annehmen lassen. Der Kampf hatte vor einem halben Jahre damit geendet, daß Sokolnikow aus dem Polit- bureau gänzlich ausschied. K a m e n e w zum Stellvertreter degradiert wurde, und von der Opposition einzig S i n o w- j e w im Politbureau blieb. Nun ist auch Sinowjew als Mitglied des Politbureaus gestürzt. poincare für Steuererhöhungen. Umsatzsteuer als neue Mnanzquelle.— Kleines Er- mächtigungsgesetz.— Am Dienstag Regierungserklärung Paris, 26. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Kriegsmlnister Painleoä erklärt« am Sonntag abend beim Verlassen des Kabinettrats, es sei innerhalb der Regierung zu einer völligen Einigung über das Finanzprogramm gekommen. Das Programm werde keinerlei Begeisterung auslösen, ober günstig aufgenommen werden. Dies« Wertung entspricht der?e- urteilung des Programms und seiner Ausnahme in der Pariser Presse. Es läßt sich erkennen, daß Poincarc mit keinerlei überraschenden oder kühnen Neuerungen auf den Plan treten wird, sondern sich eher in alten, schon ausgefahrenen Gleisen zu bewegen gedenkt. In erster Linie wird er neue direkte und indirekte Steuern in höhe von 5 Milliarden vom Parlament verlangen. Den houptertrag soll eine Erhöhung der Warenumsahsteuer abwerfen. Auch L o u ch e u r hat seinerzeit als Finanzminister von dieser primitiven Lösung d:s Finanzproblems ausgehen wollen, die Finanzkommission der Kammer hat aber damals, erschreckt über die Höh« der geforderten Summe, den Rücktritt des Finanzministers erzwungen. Die Regie- rung läßt die in der Presse aufgestellten Behauptungen d e m e n- t i e r e n, daß sie«ine Zwangsanleihe,«in« K o n f o I>- die rung der schwebenden Schuld und ein Moratorium der kurzfristigen Schatzschein« von der Kammer verlangen werden. Auch die Nachricht, daß die Regierung von der Kammer Vollmachten verlangen werde, wird dementiert. Poincare hat am Sonntag von 8 Uhr morgens an mit den zu- ständigen Stellen des Finanzministeriums an der Ausarbeitung d:s Finanzprogramms gearbeitet. Am Montag wird ein Minister- r a t stattfinden, der das Finanzprogramm endgültig beschließen soll. Am Dienstag vormittag wird ein Ministerrat die Ausarbeitung der Regierungserklärung vornehmen, die am Nachmittag in der Kammer verlesen werden soll. Poincarc will bereits am Dienstag seine Finanzentwürfe in der Kammer einbringen. Ihre endgültige Verabschiedung soll spätestens bis zum 8. August erfolgen, Berichtigung. Am Schluß des Artikels in der Sonntagsausgabe über Sacco und Vanzetti muß es selbstverständlich heißen: „saschistischen, russisch- t s ch« k i st i s ch e n und sonstigen orientalischen Greueln"(nicht: russisch-tschechisch«!). Unter Menschenfressern. Von Hans Otto Henel. Wie schwer sind doch alteingewurzelte Meinungen auszurotten, wenn sie unserer Eitelkeit nur ein klein wenig schmeicheln. Unsere Eltern und Großeltern hatten auf der Schule zu lernen:„Unter den piimitiven Völkern gibt es noch Stämme, denen die Unantastbarkeit des Menschenlebens so unbekannt ist, daß sie sogar Menschen fressen." Diese Anschauung hat sich auf uns vererbt, und nicht nur das phari- säische Bürgerherz fühlt sich mit angenehmem Schauder gekitzelt bei der Vorstellung, wie kultiviert doch wir Europäer sind, weil auf unseren Speisenkarte» keine Menschenfleischgerichte notiert stehen. Rur wenige bemerken, daß auch aus den rückständigsten oölkerkund- lichen Büchern allmählich die Berichte über Menschenfressereien ver- schwinden, weil sie einfach nicht mehr zu beweisen sind. Stehen doch heute in den eheinaligen Menschensresserbezirken auf Sumatra vier- stöckige Hotels, die den Reifenden mit allem europäischem Komfort empfangen, fahren doch heute in den Teilen Afrikas, die noch vor dreißig Jahren in den Karten als unerforschte Gebiete mit weißer Farbe dargestellt waren, die dunkclhäutigen Eingeborenen in Ford- outos von Tankstelle zu Tankstelle. Selbst die ehemals so gefürchteten Südsecinseln sind heute wegen der milden Sitten ihrer Bewohner ein beliebter Zufluchtsort derjenigen Abendländer geworden, denen es vor der europäischen Moral graut. Gibt es also keine Menschenfresser mehr, über die wir uns ent- rüsten und mit hochmütigem Pharisäerstolz die Nase rümpfen könnten? Im Gegenteil! Es hat zu keiner Zeit so viel gegeben wie heute, und wir leben initten unter ihnen, sind selbst in die scheußlichen Greuel hineinverflochten. Die exotischen Völkerschaften, denen unsere „Kulturpioniere" mit Bibel, Pulver und Blei das Mcnschcnfrcssen abgewöhnt haben, würden entsetzt sein über die ungeheure Zahl von Menschen, die allstündlich Im Namen der europäischen Kultur geopfert werden. Von Ausnahmen abgesehen, essen wir allerdings kein Menschenfleisch, aber— ist das nicht nur eine Frage des Geschmacks und der Gewöhnung? Das Menschenleben gilt nichts bei uns. Keine Gesellschaftsordnung hat so wenig Mitleid mit dem Menschen gehabt wie die unsrige. Wir bilden berufsmäßig Menschen aus, die ihre Mitmenschen töten müssen, auch wenn die ihnen nichts zuleide getan haben— das Militär. Unsere Produktionsmethoden pressen Mitleids- los die unersetzbaren Lebenskräfte aus den Arbeitern, überantworten sie ohne Erbarmen einem srühzeitigen und unnatürlichen Tode in- folge Entkräflung. Auszehrung. Schwindsucht und vielen anderen Berufskrankheiten, die zu vermeiden wären. Wir erregen künstlich Hungersnöte durch Zölle, wir überlassen unsere Handels- und Ver- kehi-ssystcme der Prositsucht einzelner besonders habgieriger Menschen und gestatten es demzufolge, daß der Wucherer die Güter lieber um- kommen läßt, ehe er sie zu erschwinglichem Preise den Bedürftigen abgibt. Wir werden durch gefälschte, gestreckte oder mit unnatür- lichen Chemiestoffen versehene Nahrungsmittel vergiftet. Wir dulden eine Gesellschaftsordnung, in der täglich Tausende— ausgeplündert und der letzten' Lebensmöglichkeit beraubt von ihren Mitmenschen— aus Verzweiflung in den Tod gehen. Wir haben sogar noch den Mut, in solchen Fällen von einem freiwilligen Tode zu sprechen, obwohl die Aermsten nur in Konsequenz unserer Verhältnisse um- kommen, also von der Gesellschaft gemordet werden. Wir dulden es, daß der Reiche seinen zusammengestohlenen Uebersluß heraus- fordernd zur Schau stellt, und daß der Arme, der sich daran vergreift, durch die Strafe aus den Weg kommt, der zum frühen Tode führt. Der topfjagende Battater auf Sumatra verzehrte seinen Feind, nach- dem er ihn im Kampfe getötet hatte, aber er hätte sich nie der Un- Menschlichkeit schuldig gemacht, einen Hungrigen ungespcist von seiner Hütte gehen zu lassen. Der Begriff des Bettlers war ihm fremd. Bei uns verenden jährlich viele Taufende wie die Tiere, weil unsere Be- sitzenden dem hungernden Menschenbruder durch harte Gesetze ver- wehren, seinen Hunger am vorhandenen Uebersluß zu stillen. Muß man erst noch an unsere Religionskämpfe erinnern, an die Praktiken unserer Rechts- und Unrechtspflege, an die entsetzliche Strassustiz, an unsere politischen Sitten, die in der letzten Zeit bis zum behördlich vertuschten, nichtsdestoweniger offenen Mord gediehen sind? Sind ihnen nicht unzählbare Menschen zum Opser gefallen? Wenn es heute noch Menschenfresser gibt, dann nirgends auf der Welt in solcher Häufung wie in den Ländern mit europäischer Kultur. Wir alle gehören dazu, wir alle sind mitschuldig, solange wir eine Gesellschaftsordnung dulden, der die Gesamtheit aller Menschenleben nichts gilt, die immer nur den einzelnen schützt, der an ihrer Er- Haltung interessiert ist. Wir sind Barbaren, tausendmal schlimmer al» der dunkclhäutige Menschenfresser, denn wir fügen zu unserer Abgestumpftheit noch die ungeheuerliche Lüge, daß diese Gesell- schastsordnung eine„Kultur" sei, obwohl sie nichts anderes ist als die in ein rassiniertes System gebrachte Grausamkeit. Eine un- menschliche Verachtung des Lebenswertes im Mitmenschen! Es wird von der Einsicht und dem Willen der großen Masse des Proletariats abhängen, ob von der Menschheit endlich die Schande des e u r o- p ä i s ch e n Mcnschenfressertuins genommen wird. Die Wiener„Freie Typographia" ist in der Philhnrinon!« qerad« so herzhaft begrüßt worden wie im Reichstag. Die Idee des brüder- lichen Besuchs vorn Donaustrand her fand den gleichen Widerklang wie der künstlerische Vortrag der singenden Wiener Frauen und Männer. Man fühlte sich freudig bewegt in dem Gedanken, daß auch in Wien, wie in Berlin, die Schristsctzer in abendlicher Feier- stunde einmal fremde Buchstaben mit Noten und Tönen eigener Sehnsucht vertauschen dürfen. Und diese Wiener sind gar nicht so engherzig wie die meisten Berliner Gesangvereine. Sic erweitern ihre Basis durch Angliederung der Frauenstimmen. So ist ihnen da» große Gebiet des Oratoriums frei eröffnet. Ein gesunder, kräf- tiger Klang ist in diesen 299 Kehlen, und wenn auch die Schulung des einzelnen, wie aus dem scharfen Durchhalten der Soprane etwa hervorgeht, nicht vollendet ist, so kommt der gesamte Singe-Apparat doch dem Ausdruck eines Chorsatzes beherzt und künstlerisch entgegen. Es gelangen in den„Jahreszeiten" von Hoydn besonders gut die temperamentvollen und pastosen Chöre. Nun ist allerdings der Sommer kein« Jahreszeit für die„Jahreszeiten". Di« erste Hälfte des Werks dauerte l'H Stunden. Wer hält das aus? Nur freund- Ichaftlich-kollegiale Gesinnung. Die Hitze dehnt bekanntlich die Körper aus. Jetzt wissen wir's, daß sich auch die Noten und Zeit- maße dehnen können. Daß die winterliche Einleitung so zaghait geriet, und daß die Landsleutc so litaneienartig langsam sangen, ist Schuld des Dirigenten Heinrich Schoos. Einen ordentlichen Zu« schuß von Temperament könnte dieser sachliche Mann vertragen. Mehr als einmal muhte sich da» S i n f o n i«- O r ch e st e r allein durch gesährliche Rezitativ-Unebenheiten Hindurchhelsen. Von den Solisten konnte nur Cläre M u s i l mit einer warmen, schönen, wenn auch beim Vokalisieren etwas gepreßten Sopranstimme koloratur- tüchtig interessieren Der Gesamteindruck war dennoch gut. Das nächste Mal also: große Striche in das große Wert, oder besser noch: zeigt an kleineren, weniger auf den gleichen Ton der Idylle gestellten Chorstücken, was Ihr könnt. Denn das scheint mir das Wichtig«: Ihr Frauen und Männer der„Typographia"-Wien könnt viel mehr, als Ihr sommerlich oerraten habt. Also vor allem: Sluf Wiedersehen, auf Wiederhören! K. S. Ein Deutscher Ehrenberater der chinesischen Reichsmuseen. Ein« ungewöhnlich« Ehrung ist vor kurzem in China einem Deulschen zuteil geworden. Der Direktor der Staatlichen Gemäldegalerie in Stuttgart, Dr. Otto Fischer, der zurzeit ein« einjährige Studienreise durch Japan und China macht, wurde zum Ehrenberater der chinesischen Reichs» museen ernannt und ihm das Diplom überreicht, nachdem er vor einer Versammlung hervorragender Vertreter der chinessschen Wissen- schaft in Peking«inen Vortrag über Denkmalpfleg« gehalten halte. Daß diese Ehrung mehr bedeutet als ein« Augenblickshöflichkeit, aebt daraus hervor, daß Dr. Fischer daraufhin der Zutritt zu den kost- barsten Sammlungen chinesischer Kunst und Altertümer gestattet wurde, der heut« keinem Europäer oder Amerikaner gewährt wird. Dr. Fischer, aus dessen Feder schon vor dem Krieg« ein wichtiges Wert über die Salzburger altdeutsche Malerschule erschienen war, hatte sich besonders durch sein wegweisendes Buch über chinesische Landschaftsmalerei im In- und Ausland einen Namen gemacht. Altrasfische ftanst In Berlin, ffflr hen iVrMt d. I. wird elne NuZfiellimg von Erzen missen Sllercr ruWcfier Kunst In Berlin aevlant. Leningrad allein will 160 Kunllqezenlländ« aus die AuSilolliing schicken, die fast alle aus den ältesten russischen Städten Nowgorod, Pskow u. a. stammen. von der k>rinrtch.H«rh.v«sellschail zur Förderung de» Funkwesens wurde ein Preisausschreiben sür ew lelbstaebautes Empsangsaerät»ur Bewerbung um die silberne Heinrich-Hertz-Medaille erlassen. Der Termin sür die Eln- Endung läuft bis 16. August 1926. Ein inlernallonaler Songreh weiblicher Akademiker findet vom 27 Juli bis 2. Augufi in Amsterdam statt. 27 Nationen werden aus diesem Kongreß vertreten sein. Tle den Kongref; veranstaltende Organisation ist dielmor» nat lonnlFederation ofL'niversity Wornen. die mit eincrTeünebmerinnen« ravt von 600 Delegierten au» Amerika. Britisch-Indien. Indonesien. Auilralien, Neueeland. Südafrika. Aegypten und anderen Ländern rechnet. Au« Amserita hoben sich allein 90 Damen angemeldet. Zu der Erössnungtlelcr de«.«longresse« im Kolonialinftitut wird da» Ratsherrenkollegium den S- nojsen Wrbaut delegiere». wirbelsturmkatajlrophe bei Grünsu. Eine Frau getötet.— Drei Personen schwerverletzt und viele Leichtverletzte. Dieser Sommer unsere» Mißvergnügen» beschert uns eine fast endlose Reihe von Unglücksfällen, von denen fast immer die betroffen werden, die am Sonntag außer' halb der Stadt Erholung gesucht haben. Nach dem furcht- baren Unglück bei Woltersdorf ist es gestern ein Wirbel- stürm gewesen, der taifunartig den Strand von Grünau heimsuchte. Bon zusammen st Lrzendcn Bäume» wurde dabei eine Frau erschlagen und mehrere Personen erlitten teils schwere, teils leichtere Verletzungen. Die Stätte, über die der Wirbelsturm hinweggebraust war, glich nach wenigen Minuten einem Trümmerfeld. Heber die Einzelheiten der Wirbelsturmunfälle gehen uns fol- gende Schilderungen zu: Die Vmühofe bei Grünau. Es war mittags kurz von Vj2 Uhr, als sich der Himmel plotzlid) unheimlich verdunkelte. Dicke, tieshängende Wolkenmasie» zogen heran. Alles suchte irgendwo Schutz und eilte, um dem heran- kommenden Unwetter zu entgehen. Kurz nach Mt2 Uhr setzte unter ohrenbetäubendem Lärm ein Orkan ein, wie ihn die meisten der dort weilenden noch nicht erlebt haben dürsten. Ein furchtbares Krachen, Splittern ertönte, die Kiefern wurden wie Streichhölzer zerbrochen oder mit den Wurzeln aus der Erde gehoben. Abgerissene Baumkronen wurden viele Meter weit fortgerissen. Einige Ans- flügler, die sich gerade in dem Waldstreifen aushielten, konnten sich bedauerlicherweise nicht mehr in Sicherheit bringen. So wu.'de von einem niederstürzenden Baumstamm die 4kjährige Ehefrau Else komossa aus der Möckernstrahe 33 so unglücklich getroffen, dah der Tod auf der Stelle eintrat. Ihre 17jährige Tochter, die nur wenige Schritte von der verunglückten Mutier entfernt stand, blieb wunderbarerweise unverletzt. Sanitäter und Samariter eilten sofort zur Hilfe herbei und leiteten die ersten Rettungsmaßnohmen. Die tödlich verunglückte Frau K. mußte unter dem Baumstamm hervorgezogen werden. Drei weitere Frauen, die sich in dem Waid- abschnitt befanden, wurden gleichfalls erheblich verletzt. Es sind dies: Frau Helene Wensinger, 33 Jahre, Adalbertstr. 21: Frau Jenny W o l s f, 3S Jahre, Seestr. 41: Frau Emma G r o s f t, 76 Jahre, Adalbertstr. 21. Sie erlitten Kops- und Armverlctzungen und erhielten an Ort und Stelle Notverbände. Läng» de» Freibades Grünau stehende Kiefern wurden entwurzelt und umge ffen. Ein Stamm stürzte auf das Dach des Herrenumkleideraums. Durch umherfliegende Holz- und Glassplitter wurden acht Personen ge- troffen, glücklicherweise aber nur unerheblich verletzt. Einige Baum- stamme hatten sich quer über die Geleise der am Ufer entlang- führenden Straßenbahn gelegt. Der Verkehr wurde dadurch auf lange Zeit lahmgelegt. Die Freiwillige Feuerwehr von Grünau, die inzwischen alarmiert worden war, nahm dann die ersten Auf- räumungsarbeiten vor. Gine zerstörte Laubenkolonie. Beinahe noch schlimmer hatte der Wirbelsturm in der K o l o n i c „Eintracht", die an den Neuen Kirchhof von Grünau grenzt, gewütet. Sechs stabile Lauben wurden total abgedeckt, ein Dach sogar einige hundert Meter weit fortgeführt. Die Laube des Besitzers Ernst wegencr brach wie ein Kartenhaus zusammen, mehrere Personen unler sich begrabend. Auch hier grisf die Feuerwehr und Samariter sofort ein und befreite die Verunglückten aus ihrer Lage. Vier Personen zogen sich erhebliche Verletzungen zu. Ihre Rainen sind: Ernst Wag euer, Grünau, Wiesenweg 7, Brüche und Kops Verletzungen: Frau Wally Wagener, schwerer Nervenschock: Paul F l e i s ch n e r, 46 Jahre, Kopenhagenerstraße 15, Kopsverletzungen und Brüche. Alle drei wurden in das Cöpenicker Kreis-Krankenhaus eingeliefert. Auch auf dem Wasser machte sich die Gewalt des Orkanes bc- merkbar. Eine Flutwelle von vielen Metern Höhe ging über den Fluß und brachte vier Boote zum kenlern. Die Insasien stürzten ins Wasser, konnten sich aber teils durch Schwimmen selbst in Sicherheit bringen oder wurden von hinzueilenden Booten gerettet. Die Unfallstelle am Grünauer Strand bot den Anblick t r o st- loser Verwüstung, die von Beamten des Reichswasserschutzes in weitem Kreise abgesperrt worden war. Die Feuerwehr hatte mehrere Stunde» lang mit dem Zersägen der gestürzten und zer- brochenen Baumstämme und mit der Beseitigung der über den Geleisen liegenden Stämme zu tun. Ueberschwemmungen in Berlin. Das in den Sonntagsvorrniltagsstunden über Berlin nieder- gehende Unwetter, das von zahlreichen elektrischen Entladungen und Donnerschlägen begleitet war, hatte wieder eine große Zahl von U e b e r s cki w e m m u n g e» zur Folge. Besonders heim- gesucht wurden Friedenau, Neukölln, Lichtenberg, Weißcnsee und �ldlershof. Tiefliegende Straßen wurden teilweise bis zu einer Wasierhöhe von einem Meter überslutet. Die Feuerwehr wurde nicht weniger als 45 mal alarmiert, um vollgelaufene Keller leerzupumpen und durch den Sturm verursachte Verkehrs- Hindernisse zu beseitigen. An zwei Stellen schlug der Blitz ein. Ein kalter Schlag traf das Haus Frankfurter Allee 35, ohne jedoch größeren Schaden anzurichten. In den Häusern Biebrichstraße 11 und 15 zu Neukölln, wo gleichsalls ein Blitz einschlug, wurde c i n Teil des D a ch st uh l e s zertrümmert und die Giebel- m a u e r gespalten. Dann traf der Blitz noch einen Hodi- spannungsinast und brachte ihn zum Stürzen. Auch aus Vororten werden"einige Blitzschläge gemeldet, die aber nirgends großen Schaden angerichtet haben. Die Ursache der gestrigen Wellerkatastrophe wird von metcorologisdier Seite folgendermaßen erklärt: In unseren Breiten treten atmosphärische Störungen entweder als Gewitterböen mit horizontaler Achse oder als Wirbel mit verli- kaler Zldzse, letztere im allgemeinen als Begleiterscheinungen von Gc- witterstörungcn auf. Diese Wirbel entiprcdien im allgemeinen den in unseren Gegenden nur selten vorkommenden Tornados, aus See nennt man sie Wasserhose, auf Land Windhose. Gc- wöhnlich werden sie durch Tcmpcratur-Anomalien hervorgerufen. Das war anscheinend auch gestern bei Grünau der Fall. Bei dem Kälteeinbruch, der die gestrigen Gewiltererscheinungen zur Folge hatte, sind einzelne kleine Stönmgen zurückgeblieben, die sich zu lokalen Wirbeln ausbildeten. Diese Wirbel sind aus See eine dem Seefahrer fast alltägliche Erscheinung, dagegen sind sie auf dem Festland selten, wirken sich aber stets auf dem Lande verheerend aus. Glücklicherweise pflegt ihre räumliche Ausdehnung in, allgemeinen nur gering zu fein. Anscheinend i st die Grünauer Gegendvoueinerregelrechte n Windhose betroffen worden. Ein wichtiges Moment für diese atnwsphärisdjen Stö rungen sind immer die lokalen Verhältn'sse, die Gegensätze zwischen Land und Waiier. Das Gelände im Osten Berlins mit seinen zahl- reichen Hügeln und ausgedehnten Wasserflächen ist für die Bildung derartiger Wirbel besonders günstig. was ist mit Kutschin? 14 Tage Hungerstreik! Heraus mit ihm! Wir haben bereit» am 15. d. M. darüber berichtet, dah der Genosse Georg Kulschtn, Mitglied des Zentralkomitees der russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, in den Hungerstreik getreten ist. um seiner bereit» zwei Zahre andauernden auherordenl- lich rigorosen Einzelhaft ein Ende zu machen und seine Der- b a n n u n g nach dem gleidzen Ort in Turkeflan zu erwirken, in dem seine Frau feit einem Zahre leben muh, oder wenigsten» feine Unterbringung in ein anderes Gefängnis durchzusetzen, in dem andere Menfchewisten sitzen, kulschins„verbrechen" besteht bekanntlich nur in seiner Teilnahme an einer Sitzung der Exekutive der S. A. Z. in Wien im Sommer 1324. Dieser Hungerstreik dauert nun bereit» volle 14 Tage an! Die Sowjet-Regierung hol nicht nur den berechtigten und so besdiei- denen Forderungen de» Genossen kutschia nicht Rechnung getragen, sondern sie hat sich überhaupt nicht herbeigelassen, eine Auskunft über ihre Absichten bzw. über da» Schicksal de» Genossen Kulschln zu geben. wie lange soll dieser Skandal, soll diese Schande noch dauern? Etwa bi» der politische Gegner an den qualvollen Leiden seiner Verzweiflungstat erlegen fein wird? wir verlangen nicht nur endlidz Antwort, sondern auch Freilassung des heldenmütigen Sozialdemo- kraten. 3a dem Augenblick, wo die Kommunisten die Begnadigung von Sacra und vanzctti. dieser Opfer der amerikanischen Slasien- justiz, fordern und sich dabei an uns wenden, um ihren Resolutionen den nötigen Widerhall zu sichern, wäre es einfach unerhört, wenn sie die Opfer ihrer eigenen Zustizmethoden zu einem grauenhaften Tode treiben würden. Keine Einrichtung Saccos und vanzettis. Entscheidung nicht vor September. New pork. 26. Zu».(Eigener Drahtbericht.) wie der „International News Service" aus Boston erfährt, entspricht die in einigen deutschen Blättern veröffentlichte pariser Meldung, dah die beiden italienischen Arbeiter und Anarchisten S a c c o und v a n- zetli am Sonnabend hingerichtet worden seien, nicht den Tatsachen. Sacco und Vanzetti wurden seinerzeit zum Tode verurteilt. der Termin der Vollstreckung des Urteils jedoch nicht sestgesehl. Bach dem Bericht des„3. Jl. S." wird auch die Vollstreckung des Urteils nicht vor September erfolgen, da de? Richter Webster Thayer an Lungenentzündung erkrankt und den Sommer über beur- laubt ist. Reichsbanner und Kleinkaliber. Aussprache und Beschlüsse einer Reichskonferenz. Am Sonntag fand in Magdeburg eine Reichskonferenz des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold statt. Außer dem gesamten Bundesvorstand nahmen Vertreter der 32 Gaue sowie Beauftragte der Parteivorstände des Zentrums, der Demotraten und der Sozialdemokraten teil. Gegenstand der Beratungen war neben inneren organisatorischen Fragen ims Ausmaß der Bewaffnung der verfassungsseindlichen Berbände. Nach aus- giebiger Aussprache stellte der Vorsitzende als die Meinung der Konferenz fest: 1. Der Bundesvorstand wird beauftragt, die Reichsrezierung um nochmalige Prüfung der Frage zu bitten, ob die geltenden Bestimmungen über Waffen und Waffenbesitz ge- n ü g e n, um den znneren Frieden zu sichern. 2. Eine Bewassnung des Reichsbanners wird als satzungswidrig nach wie vor abgelehnt. 3. Kameraden, die Kleinkaliberschießsport betreiben. haben darauf zu achten, daß das im Rahmen der gesetzlichen und politischen Vorschriften geschieht und die Richtlinien der obersten Sportbehörde für Kleinkaliberschießsport genau innegehalten werden. Jfc Hagen L w.. 26. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Die Stadt Schwelm an der westfälischen-rheinischen Grenz« gelegen, erlebte am Sonntag eine große sd,warz-rot-goldene Kundgebung. Ihr voran ging am Sonnabend ein Festkommers, auf dem Landrat Dr. Acker die zahlreich erschienenen Republikaner begrüßte. Am Sonntag fand auf öffentlichem Platz unter zahlreicher Beleiligung der Bevölkerung die Fahnenweihe der Ortsgruppe Schwelm des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold statt. Ein stattlicher Festzug durch die Straßen der Stadt begab sid: anschließend zur„Wilhelmshöhe". Hier be- grüßt« Stadtrat Schöneweiß(Soz.) die riesige Festversammlung. Die Festrede hielt der demokratische Reichstagsabgeordnete Z i e g l e r. Reichsbahnbeamte unö Heneralüirektor. Tie Verhandlungen mit der Rcichsregierung. Die abermalige Verschiebung der Bestätigung 2 o r p m ü l l c r s als Generaldirektor der Reichsbahn hat deutlich gezeigt, daß es sich vei den Berhandlui.gen zwischen Reichsreg.crung und Reichsbahngc- fellschaft um mehr handelt als um die Person Dorpmüllers und um die Sicherung besserer Fühlungnahi.-e zwischen Reidzskabinett und Reichsbahn. Bor allem gehört zu den Gegenständen, die in den Verhandlungen noch erörtert uid geklä': werden»uilscn, die Frag« der Personalpolitik, de.cit bisher willkürlidie Regelung durch den Verwaltungsrat vi:! dazu beitnig. daß es zu der schweren Vertrauenskrise zwischen Reichsbahn und Reichstag kam. Anfangs Juli ist von den Organisationen an dem Reichsocrkehrsminister bereits eine Eingabe zur Klärung der Rechtsverhältnisse der Reick) sbahnbeamten gerichtet worden. Dit Reichsbahnbeamten verlangen, daß entweder die Ab- weichungen vom Rechtsverhältnis von der Zustimmung des Reichs- tags und der Reichsregierung ab h ä n g i g gemacht werden oder«in Mitbestimmungsrecht des Personals für seine Rechtsfragen geschaffen wird. Alle bisherigen Verschlechterungen im Rechtsver- hältnis sind nur unter Mißbilligung des Reichstags und unter Pro- test der Organisationen erfolgt. Der Reichsoerkehrsminister geht grundsätzlich konform mit den Forderungen der Reichsbahnbeamten. Nach seiner Auffassung war es nicht Absicht der Reichsbahngesetz- gebung, daß für die Reichsbahnbeamten Rechtsverhältnisse lediglich nach der Willkür der Reichsbahngesellschast geschaffen werden. Rbftimmungskomöüie in Spanien. Oeffcntlicher Volksentscheid über die Tiktatur.— Verhaftete Verschwörer freigelassen. pari». 26. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Wie aus Madrid ge- meldet wird, soll das spanische Direktorium die Absicht haben, den dritten Jahrestag seines Bestehens durch«ine Volt sab- ft i m m u n g zu begehen. Es soll«in« össentliche Abstimmung für oder gegen die Diktatur stattfinden. Hierzu sollen Regierungs- t o m m i s f a r e ernannt werden, vor denen die Wähler die Frage, ob sie für oder gegen die Diktatur sind, beantworten sollen. Der Oberst« Kriegsrat Spaniens hat beschlossen, mehrere der unter der Anklage des Komplotts gegen den Diktator verhafteten Persönlichkeiten, darunter General Weyler, vorläufig in Lrel�eit zu setzen. Die Rnschlußkunügebung üer Sänger. ..Typographia" im Lustgarten. Die Wiener Sänger veranstalteten gestern im Lustgarten ein Platzkonzert, bei dem Reichstagspräsident Gen. L ö b e und Stadl» rat Gen. S p e i h e r das Wort zu Ausführungen über den Anschluß- gedanken nahmen. Bis kurz vor Beginn der Kundgebung regnete es so stark, daß sicher sehr viele Mutige, die auf dem Wege zum Lustgarten waren, unigekehrt sind. Nur die Unentwegten, die Wetterfesten, das Reichsbanner trafen in stattlicher Zah) mit Baunern und Tambourkorps im Lustgarten«in. In einer Regenpause er- schienen dann auch die Wiener und Berliner„Typographia". Aus der Museumstreppe nahmen die Chöre Slusstellung. Nack, einem Begrüßungsgesang der Berliner„Typographia" sangen abwechselnd die Berliner und Wiener und ein Kinderchor. Der Sang aus der Stadt des Walzers mischte sich mlt den Kampsgesängen der Nord- deutschen. Dann erschien zwischen den Sängern die lebendige Figur des Vorsitzenden des Oesterreichiscki-Deutschcn Volksbundes, Genossen P a u l L ö b«. Er spricht von der Sehnsucht der Oesterreicher. mit uns zusammen in einem Staat zu leben. Hinüber und herüber wandern die Sendboten für den Anschlußgedanken. Unser heißer Wunsch ist, zu einer Nation verbunden zu werden. Wir wollen nicht Dünkel und Eigenstolz pflegen, nein, Großdeutschland muß im Ring der Völker ein Glied sein, daß mit ausbaut, was das kalte Eisen des Krieges vernichtet hat. Unser Werkzeug des Aufbaues ist nicht der Mordstahl, sondern der Pflug des Landmannes und der Hammer des Wcrkmannee. Stadtrat Gen. Spei her sprach vom Sehnen der Oesterreicher, eingereiht zu werden in die deutsche N> tion. Man muß den Zug des.Reichsbanners' auf dem Ring vor wenigen Tagen gesehen und den Jubel gehört haben, der ihm zur Begrüßung entaegcnklang. Die Wog« der Begeisterung war ein kleines Zeichen, wie tief die Anschlußfrage bei uns in den Herzen verankert ist. Eine» Tages werden auch die andere» Staaten«in- sehen, daß wir keine Rachepläne schmieden, wir wollen mir die Ge- meinsamkeit der beiden deutschen Staaten. Ein neuer Platzregen beendete nach einem Marsch, geschlagen von den vereinigten Tambourkorps des Reichsbanners, die Kund- gebung. Im Anschluß an die Kundgebung fuhr die Wiener„Typs- graphia" nach Potsdam, wo auf dem B a j f i n p l a tz tausende Sanges- und Parteibrüder die Wiener begrüßten. Nack) einigen Gesongsvorträgen sprachen Dr. M i s ch l e r und Gen. Dr. S p e i ß e r zu den Versammelten. An diese Kundgebung schloß sich eine Bc- sichtigung Potsdams und Sanssoucis. In der„N e u e n W e l t" veranstaltete die Wiener„T y p o. graphia' am Sonntagabend ihre letzte Kundgebung in Berlin. Schon lange vor Beginn war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Darbietungen der Wiener wurden mit starkem Beifall aufgenommen. Das Mandlquartctt löste stürmische Lachsalven aus. Mit dem Donauwalzer verabschiedeten sich die Wiener. Heute mittag Ich? fahren' sie nach Leipzig weiter, wo sie ebenfalls einige Konzerte veranstalten wollen. Tragödie eiues Ehepaares. � In einer Pension in der Wilhelmstrohe stieg ani vergangenen Freitag der 23 Jahre alte Kaufmann Engelbert Engel mit seiner 39 Jahre alten Ehefrau Franziska, geb. Winggreiter, ab. Das Paar, dos feit dem April 1925 oerheiratet ist und früher in der Uhlnndstrahe wohnte, hatte nach Aussogen der Frau schwer mit wirtschaftlichen Sorgen zu kämpsen. Am Sonnabend abend ging das Ehepaar zusammen aus und kehrte morgens gegen 4 Uhr zurück mit dem Entschluß, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden. Engel Lötete sich d» r ch einen K o p f s ck) u ß. Aus die Sckircie der Frau hin eilten andere Pcnsionsbewohner herbei und drangen in das Zimmer ein. Jetzt versuchte Frau Engel sich aus dem Fknster zu stürzen, konnte aber nock) rechtzeitig daran verhindert werden. Da sie immer erneut Selbstmordversuche machte, so wurde sie von der Polizei iu Sckzutzhast genommen. Die Leiche des Mannes wurde beschlagnahmt. Zwei Tachstühlc cinizeiisrhert. Nackzdem erst in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag ein Krehdnchssuhlbrand mehrere Löschzüge der Feuerwehr bis in die Morgenstunden hinein besckmitigte, wurde gestern nachmittag um 3 Uhr abermals von verschiedenen Seiten zu gleidicr Zeit die Feuerwehr uack) der P a n n j e r st r a ß e 14 zu Neukölln gerusen. wo der Dachstuhl des Seitenflügels und O u e r g e b ä u d e s in voller Ausdehnung brannte. Unter Leitung von Baurot Papke wurde aus drei E-Rohren etwa drei Stunden lang Walser gegeben. Für die obenliegenden Wohnungen bestand längere Zeit größte Gefahr. Sie haben unter Wasserschaden erheblick) gelitten. Um'ACt Uhr nachmittags war dit Hauptgesahr bcseiligt. Die Aus- räumriugsarbeitcn zogen sich bis'A10 Uhr abends hin. Auch hier wird Brand st istung vermutet, da das Feuer an mehreren Stellen zu gleicher Zeit aufloderte. In der Leincstraßc 56/57. Ecke Hermannstraße, gleichfalls zu Neukölln, war die Feuerwehr abends gegen AtO Uhr etwa 2 Stunden lang mit einem Feuer beschäftigt, das in dem Backraum einer Bäckerei ausgebrvd)en war. Nach längerem Wassergeben konnte die Gcfahr beseitigt werden. SlitzfthUß in ein Llugzeug. Fünf Istesvpser. Aus der Lustverkehrslinie zwischen Hannaver und den N o r d s e e i n s e l u, die seit lurzem von der Lusihansa eingenchtct worden ist, ereignete sich am Sonnabend abend über der R o r d> see, südlich der Insel Iuist, eine schwere Katastrophe, die fünf Opfer forderte. Das ständige Berkihrsslugzeug Hannover— Nordseeinseln war am Sonnabend nachmittag bei leidlick) gutem Wetter gc- startet und geriet in den ersten Abendstunden ganz unvorhergesehen in einen wilden Wirbelsturm, der von schweren Gewittcrschlägen begleitet war. Ein Blitz traf das Flugzeug und setzte es lichterloh m Brand. Die Trümmer stürzten ins Mcee. Eine Rettung der vier zum Teil verbrannten Passagiere und des Führers war unmög- lich. Tol sind der Führer Trazinski-Verlin, weiterhin da» Ehepaar horster aus verlin. ein Mann namens van Beiden aus Nordhorn bei Bensheim: ein Pasiagier Slolck, ebenfalls aus Nordhorn, tonnte, lcbensgesährlich verletzt, geborgen werden, ist jedoch nach kurzer Zeit im Krankenhaus an seinen schweren Brandwunden oersdjicden. Ein technisches Versagen des Flugzeuges liegt nicht vor. Das Flugzeug sollte seine Gäste nach Norderney und Borkum befördern. Groß-Serliner parteinachrlchten. 7.«rei» Cliirtlirtt-nimr«.®rr fOr MonIagnachmiUag angese»,««..»klug dir Genossinnen findet nicht heute, sondern erst am Dienstaz. den 27 Juli statt. Siehe D'en»tagmorqenau?qabe 12. Krei». Steglitz-Lankwitz-Lichterfelde. Erweiterte Kreivvorstandssitzung. Montag« den 26., adcnds 8 Uhr, an bekannter Stelle. Sozialistische Arbeiterjugend Groß-Serlin. W"b«b-zir5 Tiera-rte«: Aeltenngruppi tagt Dimetaa, 21. Juli, abend, i V: Uhr, bei HUdner, WUsnacker Str. 34. Iungsozialifien(lad dazu-Mfl-'göfii, OewsrMaAsbewögung Schutz der Arbeitskraft l Wochenende als Erholung. Der preußisch« Wohlfahrtsminister erklärte dieser Tag« zu der jetzt besonders in Berlin stark diskutierten Frage der Neuge. staltung der Arbeitsverhältnisse am Wochenende nach englischen, Muster, daß er es begrüße, wenn diese Angelegen- heit von Arbeitgeber, und Arbeitnehmerseite ernsthast erwogen werde. Die mit der Rationalisierung der Betriebe und der Dervoll- kommnung der Technik verbundere Steigerung der Ar. beitsleistung zwinge zu einer vermehrten Aufmerksamkeit gegenüber der Erhaltung der Arbeitskraft. Zur Schonung der Arbeitskräfte trage eine bessere Ausgestaltung des Wochenendes viel bei. Es ist so gut wie selbstverständlich, daß zur Wiedergutmachung auf gesundheitlichem Gebiet die Einführung eines regelrechten Wochenendes, d. h. die Verkürzung der Sonnabendar» b e i t vor allem in den Großstädten notwendig ist. Wenn England mit seinem weniger scharfen Arbeitstempo sich ein Weekend leisten lann, dann darf Deutschland, das viel schärfere Arbeits- Methoden kennt und dessen Arbeiterbcvölkerung durch Krieg und Inflation gesundheitlich schwer mitgenommen worden ist, nicht zu- rückbleiben. Englische Berhöltnisse können natürlich nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragen werden. Aber wenn man die ausfallende Arbeitszeit vom Sonnabend einfach schematisch auf die übrigen Arbeitstage verteilen will, dann werden für viele Arbeiter und Angestellte, besonders in den Großstädten, unmöglich« Situationen herauskommen. Biel« Angestellte und Arbeiter haben in den Städten sehr weite Wege von ihrer Wohnung bis zur ihrer Arbeitsstätte zurückzulegen, oft 1, l'A und 2 Stunden. Diese Arbeitskräfte kämen bei einer einfachen Verteilung der ausfallenden Ar- beitszeit vom Sonnabend auf die Woche überhaupt nicht mehr nach Haufe. So geht es also nicht. Ein Ausweg aus den Schwierigkeiten muß jedenfalls gefunden werden. Es sollte Sache des Reichsarbcitsminifteriums sein, bereits im Arbeitsfchutzgesctz die Wcekendfrag« praktisch zu lösen. Dieses Gesetz wird allerdings erst im n ä ch st e n Jahr verwirklicht werden. Wie wir erfahren, wird in der kommenden Woche der Wirtschofts- und Sozialpolitische Ausschuß des AfA-Bundes zu der Wochcnendfrage Stellung nehmen. die krastwagenführer der Neichspoft. Unhaltbare Mißstände. Die Allgemeine Deutsche Postgewcrkschaft(Sektion de» Deutschen verkchrsbundcs), hatte zu Sonntag vormittag nqch dem Gewerk- schoitshous eine öffentliche Versammlung der Postkraftwogenführcr einberufen, um einmal in aller Ocffentlichkeit zu den Dcr'häitniisen im Oberpostdirekrionsbezirk Berlin Stellung zu nehmen. Die Aus- führungen der Organisationsvertreter wie auch der Diskussionsredner warfen auf die Berhöltnisse in diesem Reichsbetrieb ein Schlaglicht, das den Beruf des Boftkraftwagenfuhrers gerade nicht als beneidenswert erscheinen läßt. Trotzdem es bei der Rcichspoft eine Laufbahn für Krasrwagenführer gibt, sind die Führer der Elektrowageu von dieser Laufbahn ausgeschaltet und werden nur als Helfer angesehen und bezahlt. Dies ist um so ungerechter, als die Führer der meist mir in Großstädten laufenden Elektrowageu zumindest die gleiche Verantwortung zu tragen haben wie die Führer der Wagen mit Berbrennungsmolorcn. Sind die Elektrowagenfllhrer schon durch diese Ausnahmestellung gegenüber den übrigen Postkrastwagensührern in der Besoldung schlechter gestellt, so kommt dazu noch eine unbeschreibliche Schikane durch die Kontrolleure. Diese Leute, die nieist nur 14 Tage in, Fahrdienst ausgebildet sind und von der Schwere des Dienstes gar keine Ahnung haben, machen den Fahrern das Leben geradezu zur Hölle. Sie sind die reinsten A n z e ig e n j ä g c r. Es gibt fast keinen Fahrer, der am Monatsende sein volles Gehalt— ausbezahlt bekommt! immer werden Beträge, sogar bis zu 20 Mark, von dem ohnehin schon kläglichen Gehalt abgezogen. Die Rcichspoft versteckt sich hinter dem Z 8 des Reichsgesetzes über den Bertehr mit Kraft- fahrzeugen, nach dem die Führer von Fahrzeugen, die nicht über 20 Kilometer Stundengeschwindigkeit haben, für den Wagen die volle Berontwortung tragen. Etwa 20 Prozent der UnW« find zurückzuführen auf die Ermüdung der Fahrer infolge des wechselnden Dienstes, die Schikanen der Kontrolleure und die Einregulisrung der Wagen auf 20 Kilometer Höchstgeschwindigkeit. Der nach der Uhr fahrende Post- wagenfohrer hat aus freier Strecke keine Möglichkeit, den Wagen schneller laufen zu lassen, um dadurch Verspätungen einzuholen. Er ist vielmehr in solchen Fällen gezwungen, den Wagen auch an ge- fährlichen Punkten wie Straßenkreuzungen usw. schnell laufen zu lassen, weil er durch Abstoppen oder Langsamiahren verloren- gegangene Zeit wegen technisch beschränkter Höchstgeschwindigkeit seines Wagens nicht aufholen kann. Dadurch entstehen die meisten Unfälle. Da? Publikum, welches nicht weiß, daß das System der Reichspost die Haupttriebkraft dieser Unfälle ist, nimmt gefühlsmäßig immer gegen den Fahrer Stellung und spricht von einer„Gelben Gefahr." Die bürgerliche Preise stachelt den Haß gegen die Postkraftfahrer durch tendenziöse Berichte 1Z.-U.Sepk.: MniMMle gmerkWftl. AglWovsnMe 19. September: vietteljahchMettseinpnikkematlon.SMettsiSiisksbmegilvg »och mehr auf. Jedenfalls sind die Zustände, wie sie in der Be- Handlung der Kraitwagenführer eingerissen sind, unhaltbar. Die Versammelte» forderten in mehreren Entschließungen die Abstelluyß dieser Mißstände. Die Organisationsvertreter versprachen, die Entschließungen an die maßgebenden Behörden weiterzuleiten, machten aber auch auf die Notwendigkeit des festen organifa- torischen Zusammenschlusses aufmerksam, der zur Durch- führung des Geforderten notwendig ist. tin Sklavenvertrag. Beim Zirkus Sarasoni-Schau. Der Zirku, Sarasani» Schau bringt es fertig, folgenden Dien st vertrag seinen Angestellten zur Unterfchrist vorzulegen: „Ich Unterzeichneter als Angestellter von Herrn Restaurateur Eduard Buchmann der Sarafani-Schau erkläre mich mit folgen- den Bedingungen einverstanden. 1. Ich bin engagiert ohne gegenseitig« Kündigung, und v« r- zicht« aus die gesetzlichen Bestimmungen, da ich nur tagesweis« engagiert bin. 2. Ich verpflichte mich, dos Publikum nicht zu übervorteilen, sondern die von Herrn Buchmann festgesetzten Preis« für sämtlich« Berkausswaren zu fordern. 3. Ich verpslichte mich, die von Herrn Buchmann oder dessen Vertreter angesetzte Dienst- zeit pünktlich«inzuhalten. 4. Es ist mir bekannt, daß ich stets in sauberer weißer Wäsche zum Dienst zu erscheinen Hab«, und die Direktion der Sarasani-Schau laut Dienstvertrag berechtigt ist, bei Verstoß gegen die ini Vertrag stehende» Bedingungen mich sofort zu entlassen, ö. Die gesetzlichen Krankenkassen- und Invaliden- beiträge Hobe ich am Schluß jeder Woche zu entrichten.(5. Mit dem Prozentsatz von 15 Proz. erkläre ich mich einverstanden. 7. Bei der Reis« von einer Sodt zur anderen habe ich den Anordnungen des Herrn Buchmonn unbedingt Folge zu leisten. Sonstige Reiselosten habe ich nicht zu beanspruchen, z. B. bei Neuanftellungen oder Entlassungen. 8. Für jeden Schaden, den ich Herrn Buchmann oder der Sarofnm-Schau zufüge, bin ich haftbar. 9. Ich ver- pflichte mich, ohne Entgeld die Restaurotionszelte bei jeder Tages- und Nachtzeit mit auf- und ab- zubauen und beim Einräumen der Warenbestände behilslich zu sein. 10. Ich Hab« selbst für mein« Verpflegung und mein Logis zu sorgen und auch zu bezahlen. 11. Ich erkläre mich einverstanden, die Pserd« vom Bahnhof zum Platz zu führen, soweit es von der Direktion verlangt wird. 12. Ich mach« mir zum Prinzip, jeden Morgen gründlich die Gläser sowie die Scherben aus dem ganzen Zirkusgeiönde zu suchen. Sarasani-Schau." Wenn wir diesen Dienstoertrag als Sklavenvertrag be> zeichnen, so sind wir vielleicht milde verfahren. Der Besitzer des Sklaven hatte über diesen wohl all« Rechte, aber er hatte auch Pflichten. Der Mestourateur vom Zirkus Sarasani-Schau ver- langt von seinen Angestellten nicht nur den Verzicht auf den Schutz der Gesetze und unbedingten Gehorsam, er verlangt nicht nur Arbeit ohne Entgelt, und zwar„bei jeder Tages- und Nachtzeit": er bezahlt seine Angestellten nicht und will sie jederzeit ohne weiteres entlassen können. Der Zirkus Sarasani-Schau würde sich hüten, so etwa mit dem Zirkusvieh umzugehen. AuVtrtti aus der TrauAportarbeiter-Juteruatsoual«. London. 20. Juli.(Reuter.) Der National oerbonb der englischen Seelems hat auf der Schlußsitzung seiner hier abgehaltenen Jahres» tagung den Beschluß gefaßt, mit sofortiger Wirkung au» dem Inter- nationalen Transporlarbeilerverband auszutreten. Weiterhin wurde beschlossen, eine Abstimmung der Mitglieder über die Frage herbeizusühren, ob der Verband sein« Beziehungen zu ollen Vereinigungen mit politischem Einschlag lösen soll. Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich um den Derband, dessen Vorsitzender der bekannte Havelock Wilson ist. Dieser Verband hat während des englischen Generalstreiks Streit- brecherdienst« geleistet und die Angestellten entlassen, die der Streikparole gemäß handelten. Daß er jetzt erst rechr den streikenden Berarbeitern in den Rücken fällt, versteht sich am Rande. Er gehört wirklich nicht in die Internationale Transportarbeiter- föderation hinein._ Achtung SchNdermaler! Bei der Löwen- Brauerei i« Hohenschönhausen bestehen Differenzen, da die Firma nicht einmal den Mindestlohn der Schildermaler zahlen will. Der Bc- trieb ist sür Schildermaler gesperrt. Verband der Porzellanarbeitcr, Abteilung Schildermaler. Der Streik bei der Firma Sielass-Reukölln ist zugunsten der Belegschait beigelegt worden. Wenn auch infolge der ungünstigen Wirtschaftslage trotz des siebenwöchigen Streiks kein voller Erfolg erzielt werden konnte, so war auch dos Erreichte nur möglich durch den lückenlosen organisatorischen Zusammenschluß der Belegschaft. Die Sparkasse der Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten A.-«.. Berlin, wallstr. SS, ist täglich mit Ausnahme von Sonnabend von 9— 3 Uhr und 5—7 Uhr, Sonnabends von 9—1 Uhr geöffnet. Sport. Um den..Großen Urcona-Preis". Der B. C. R. Arcona 1326 brachte am Sonntag sein erste» Gäste- rennen zur Abwicklung, das offen war für alle Fahrer der deutschen Rodfahrer-Union. Die Strecke, insgesamt 141.6 Kilometer, führte von Berlin über Ebcrswalde nach Angermünde und zurück. Von insgesamt 167 gemeldeten Fahrern begaben sich 152 vom Start in Weißensee, Berliner Allee, auf die lange Reise. Da» Rennen litt sehr unter der Unbill des Wetters, trotzdem wurden gute Zeiten herausgeholt. Nach einem scharfen Endspurt ging Max K a d a ch(R. V. Norden 1921), der die Spitze vom Eberswaldcr Forst an hielt, als erster in der Zeit von 4:05:05 durchs Ziel. Ergebnisse: s: w: 4u; v meorg»aciraig•ju u. ouu-idcuj 4,: R.(J Cnbfgutt) i Cängt; 8. Sollet Schwenglct(9t B Möoe 1910) S Längen; 9. Hellmuth Schu rolet(51. B. Miwe 1910) V» Länge: 10»tun- Steinbotn 1». 9t. £.«Ibetto 07) 4:10: 10; It. Reinh Solle(9. 9t£.«nbfputl) 4:10:20; 12»tun# Reich(9. 9t C. Cnbfpurt) 4:11: 15; 13. Wollet Klotz(9. 9t C. Opel) ä: 11:80; 14. Ewald Mohton(S. 9t ffi. Ptesto) 4 Längen; 15.«ethotb Schutz(9. 9t, Uhn Koucrt und Baater Teil 8 Uj Fditterchrisil Mhtuer-Tli. OfcnttMu�elnlt. 8 Uhr: -JsaßetE EUte-sanaer ZägL 8 Uhr: Oahlpiel berCriginol Hatdibartr EUii-SSnÄer. Riesen- PnOrtnnn! Inserate im Cß Vorwärts sichern Erfolg keictitzkaUen- Theater oaslspiei der betllhmien vm