flbenöausgabe Nr. 349 ♦ 43. Jahrgang /lusgabe B Nr. 172 Scjuaäbebinflunaen und«njtigenutttff fin» in der Morgcnau-gad« cnfleseben Redoffion: sw. SS. Cindenffcobe 3 Fernsprecher: VSnhoff 292— 207 leL-Sfö reff e: Soj ioldemof toi Setiin Verlinev VolksblÄtt (�10 Pfennig) Dienstag 27. Iuli l92ö Bcrlag und Anzeigenabteilung: Geschäftszeit Sib bis b Uhr Verleger: vorwärlo-verlog GmbH. Serlln Sw. SS, Lindensfroize 3 Zernsprecher: VSnhoff 292— 297 Zentralorgan der Sozialdemokrati rcbcn Partei Deutfchlands Staatsanwalt gegen Reichsbanner. Einseitiges Vorgehen aus Grund deutschnationaler Hetze. Am Sonntag, den 18. Juli, kam es zwischen Reichsbanner- l e u t e n der Ortsgruppe Langendreer und Mitgliedern des Vereins ehemaliger cheeresangehöriger aus Laer zu einer Schlägerei. Die Rechtspresse brachte über den Vorfall einen völlig tendenziösen Artikel unter der Ueberschrift:.Reichs- bannerüberfall auf friedliche Kriegervereinler". In dem Artikel, der fast durch die ganze deutsche Rechtspresse lief, wurde von„Banditen'' und„Mordbuben" gesprochen, die mit Messern und Totschlägern über uehrlose und friedliche Kreigervereinler hergesallen seien. Die Folge der Pressehetze war, daß von der Bochumer Staatsanwaltschaft sieben Reichsbannerfunktionär« verhaftet wur- den, die seit mehreren Tagen im Gefängnis sitzen, während den Kriegervereinlern bis jetzt kein Haar gekrümmt wurde. Wie hat sich die Schlägerei in Laer in Wirklichkeit abgespielt? Am 18. Juli fand in Bochum ein Kreisoerbandsaufmarsch des Reichs- banners statt, zu dem die einzelnen Gruppen aus der Umgebung eingeladen waren. Durch den Ort Laer, in dem ein« Feier des Bereins ehemaliger Heeresangehöriger stattfand, marschierte um die Mittagsstunde ein« etwa 100 Mann stark« Reichsbannerabteilung aus Langendreer. Bei dem Vorbeimarsch vor der Wirtschaft ,Lur Post' traten die Kriegervereinler aus dem Lokal. Sie p r o v o- zierten auf all« möglich« Weife die Reichsbannerleute und mar- fchierten quer über die Straße in eine Seitengass«. Der Reichs- bannertrupp ließ die Kriegervereinler ruhig vorüberziehen. Ein Teil drängte stch mitten durch die Marschgruppen des Reichsbanner- zuges und mochte dabei drohende und hämische Bemerkungen, wie z. B.:„Rur Ruhe, die werden heute abend schon wieder zurückkommen müssen.' In der Nacht zwischen 11 und 12 Uhr kam ein Reichs- bannertrupp von noch nicht 20 Mann auf dem Rückweg wieder an der Wirtschaft vorüber. Als die Kriegervereinler die Reichsbannerleute singen hörten, stürzten sie aus dem Gast- Hof, und gleich darauf vernahm man Hilferufe von zwei Reichsbannerkameraden, die etwas hinter dem Trupp zurückgeblieben waren und von den Kriegervereinlern angefallen wurden. Die An- greiser konnten jedoch in das Lokal zurückgedrängt werden. Als aber der Reichsbannertrupp weitermarschieren wollte, kamen plötzlich 60 bis 70 Kriegervereinler mit Gewehren(Modell 1871), Stuhlbeinen und dergl. bewassnet, auf die Reichsbannerleute zu. Erst jetzt begann die Schlägerei, die mit Verletzungen aufbeidenSeitenendete. Von den Reichsbannerkameraden wurden mehrere durch Messerstiche verletzt. Trotz der Beschimpfungen und Provokationen durch die Krieger. oereinler, trotz des mit der Uebermacht unternommenen Angriffs auf die Reichsbannerleute, die nur mit etwa 20 Mann zurückkamen und schon deshalb außer Verdacht sind, Prügeleien gesucht zu haben, hat es also die Staatsanwaltschaft fertig gebracht, lediglich auf Grund einseitiger Pressemeldungen in schärfster Form gegen Reichsbannermitglieder vorzugehen, sie von der Straße weg verhaften und tagelang festsetzen zu lassen. Also auch hier das übliche Verfahren unserer Justiz! Verfolgungen in Elfaß-Lothringen. Zehn Eisenbahner wegen des Manifestes entlasten. S t r a ß b u r g. 27. Zuli.(Mtb.) Die, e h n E i s e n b a h n e r. die seinerzeit dos Manifest des heimotbundcs mitunterschrieben haben, sind nun vom Direktor der elsaß-lothringischen Lahn e n t- lassen worden. „Der Elsässer' bemerkt dazu:„Die Beamten der elsoh-lothringi- schcn Bahnen sind aus Grund der Konvention von 1321 nicht als Staatsbeamte zu betrachten. Es kann ihnen infolgedessen das Recht der freien Meinungsäußerung nicht bestrillen werden. Aber die Elsah-cothringer. die nicht die im össcntlichcn Leben herangezüchlete Liebedienerei mitmachen, sind an- scheinend vogelsrci. Es ist eine böse Saat, die durch die Sanklions- politik ausgestreut wurde." Der Disziplinarausschuß der Rechtsanwälte von Soargemund hat es der Staatsanwaltschaft gegenüber abgelehnt, gegen den Rechtsanwal« Thomas in Straßburg, der zu den Unterzeichnern des Manifestes gehör», vorzugehen. Als Begründung soll angeführt sein, daß Thomas durch die Unterzeichnung keineswegsgcgen seine Berussehrc verstoßen, sondern lediglich außerhalb seines Berufes von den Menschen- und Bürgerrechten Gebrauch gemacht babe. die selbstverständlich auch den Rechtsanwälten zustehen.„Dieses Urleil hat umsomehr Bedeutung", sagt die„Iukunst", als es nur von Juristen gefällt wurde." poincars vor einem Anfangserfolg. Sichere Mehrheit in der Kammer. Paris, den 27. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Die Regierung Poincar« stellt sich heute nachmittag um 3 Uhr den beiden Kammern vor. Im Senat wird Justizminister Barthcu, in der Kammer Poincarö selbst die Regierungserklärung verlesen. Sic wird, daran ist nicht zu zweifeln, bei den bürgerlichen Fraktionen eine günstige Ausnahme finden. Was die I n t e r- p c l l a t i o n e n anlangt, die der Regierung vielleicht ungemütlich werden könnten, so beabsichtigt Poincarä, einfach unter Stellung der Vertrauensfrage die Vertagung ihrer Besprechung zu verlangen. Unter diesen Interpellationen befinden sich zwei sozialistische über die allgemeine Politik der Regierung und Zwei weitere, ebenfalls von Sozialisten eingebrachte, über die Maßregeln, die die Regierung angesichts der in der letzten Zeit enorm gestiegenen Brotpreise zu ergreifen gedenkt. Poincarö wird jedoch den Standpunkt oertreten, daß die bevorstehende Beratung seiner Finanz- entwürfe den Interpellanten Gelegenheit geben wird, ihm über die allgemeine Politik des Kabinetts zu befragen. Da er, wie gesagt. an die Vertagung die Vertrauensfrage knüpfen wird, so besteht kein Zweifel darüber, daß die gesamten bürgerlichen Par- teien dafür zu haben sein werden. Dagegen werden aller Vor- aussicht nach nur die Sozialisten und Kommunisten. geschlossen stimmen. So wird dem Kabinett zum mindesten ein bedeutender Anfangserfolg beschieden sein, die Regierungserklärung wird mindestens mit 350 Stimmen gutgeheißen werden. Paul Soncour über üen völkerbunü. Jaurös kämpfte für die Feststellung des Angreifers. Paris. 27. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Paul Boncour Hot am Montag in Bruoy eine Rede gehalten, in der er sich gegen den Vorwurf rechtfertigte, als ob er durch Annahme seines Postens beim Völkerbund die sozialistischen Interessen ver- raten habe. Paul Boncour betonte, daß seine Genfer Tätigkeit keineswegs im Widerspruch mit der Friedens- politik stünde, die stets von der sozialistischen Partei auf ihren verfochten worden sei. Das Genfer Wert Hab« den Zweck, den Frieden zu begründen. Der Völkerbund fei gerade des- halb groß, weil er den Frieden wolle und weil er als erste inter- nationale Organisation der Staaten der Friedenssicherung diene. Die Auffassungen, die Iaures von der nationalen Verteidigung gehabt habe, hätte nicht genügt, die Besetzung französischen Ge- bietes durch die deutschen Truppen zu verhindern. Iaures habe immer verlangt, daß von irgendeinem internationalen Institut der Angreiser festgestellt werde. Ebenso verlangte er für den Angegriffenen das Recht, sich zu verteidigen. Cr wollte die Ereignisse den Intrigen der Geheimdiplomatie und den Kanzleien entziehen und eine genaue Feststellung desjenigen ermöglichen, der angegriffen hat, und des anderen, der sich verteidigen muh. Der erste Schritt in dieser Beziehung sei das internationale Schiedsgericht gewesen. Aber erst mit dem Völkerbund sei man zur B e z e i ch- nung des Angreifers geschritten und habe allen anderen Nationen zur Pflicht gemacht, dem Lande zur Seite zu treten, das sich verteidigen muß. Iaures sei am ersten Tage des Krieges ge- tötet worden, ohne seine Träume erfüllt zu sehen; aber aus diesen Träumen sei der Völkerbund hervorgegangen. �beflmien wendet sich an den Völkerbund. Wegen der englisch-italienischen Verhandlungen. London. 27. Juli.(TU.) Der Unterstaatssekretär im Foreign Office erwiderte auf die Frage nach den e n g l i s ch- i t a l i e n i- sehen Verhandlungen über Abessinien, daß die englische Regierung am 24. Juli vom Generalsekretär des Völkerbundes die Abschrift einer Mitteilung erhalten habe, in der die a b e s s i n i s ch e Regierung die Aufmerksamkeit des Völkerbun- des auf die kürzlich zwischen England und Italien ausgetauschten Noten lenkt. Der Arbeiterabgeordnete B u x t o n fragte darauf, welche Vor- teile sich die englische Regierung neben dem Rechte des Baues des Tfana- Staubeckens sichern könne als Gegenleistung für die der italienischen Regierung in Süd- und Westabessinien gemachten Konzessionen. Der Unterstaatssekretär erwiderte, die englische Regierung suche keinerlei Vorteile für Eng- l a n d, sondern die Verbesserung der Wasserversorgung für den Sudan und Aegypten, wovon die Wohlfahrt jener Länder ab- hänge. Der einzige Zweck des kürzlich abgeschlossenen Abkommens bestünde darin, die italienische Unterstützung bei den bevorstehenden Verhandlungen mit der abessinischen Regie- rung zu gewinnen, die allein den Bau des Tsana-Staubeckens genehmigen könne. England hoffe, in der Lage zu fein, der abessini- schen Regierung zu zeigen, daß dieser Bau den Interessen A b e s s i n i e n s ebenso sehr dienen werde, wie denen des Sudans und Aegyptens. Deutsch-polnifche Verhandlungen. Bis auf weiteres unterbrochen. Die im Rahmen der deutsch-polnischen Wirtschaftsoerhandlungen geführten Verhandlungen über das Niederlassungs. recht sind auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Veran- lossung hierzu gab in erster Linie das bevorstehende Inkraftrteten des neuen polnischen Ausländergesetzes, das gemäß der neuen Vollmachten der polnischen Regierung voraussichtlich in einigen Tagen auf dem Verordnungswegc erlassen werden wird. Dieses polnische Ausländergesetz verschlechtertdieRechtslageder Ausländer in Polen ganz erheblich und liefert sie bis zu einem gewissen Grade dem Ermessen der unteren Behörden aus. Für die Wiederaufnahme der Niederlassungsverhandlungen bedeutet dieses Gesetz eine übergroße Belastung, die mit den erst kürzlich bc- tonten guten Absichten der polnischen Regierung, eine Besserung der deutsch-polnischen Beziehungen herbeizuführen, kaum in Einklang steht. den Sinowjews Sturz. So vergeht die Herrlichkeit der Welt... Die gestern durch die offizielle russische Telegraphen- agentur mitgeteilten Einzelheiten über den Hinauswurf Sinowjews bedeuten selbst für die an Maßregelungen reiche Geschichte der rassischen Kommunistischen Partei eine Ueberraschung. Selbst wenn man berücksichtigt, daß Sinowjew nach dem letzten kommunistischen Parteikongreß im vorigen Jahre politisch kaltgestellt war und von der herrschenden Rich- tung im Zentralkomitee auf das heftigste bekämpft wurde, ist sein jetziger Ausschluß aus dem Politischen Bureau ein Vorgang von weitreichender politischer Bedeutung. Durch Ausschluß Sinowjews und seiner nächsten Anhänger, so- aller Deut- ätze im W... ch t d a- geweseneSchärse erreicht haben und daß die gepriesene „Einheit und Geschlossenheit" der in Rußland herrschenden Partei ins Reich der Vergangenheit gehört. Die Mitteilungen der offiziellen russischen Telegraphen- agentur kommen nicht unerwartet. Schon vor einigen Tagen hat das in Berlin erscheinende Zentralorgan der russischen Sozialdemokratie,„Der sozialistische Bote", einen Bericht aus Moskau gebracht, in dem unter Bezugnahme auf die bevorstehende Sitzung des kommunistischen Zentral- komitees angekündigt wurde, daß eine entscheidende Schlacht zwischen der vereinigten Opposition und dem an der Spitze des Parteiapparates stehenden Generalsekretär der Partei, Stalin, stattfinden werde. Der Bericht ent- hält Einzelheiten, die für die Beurteilung der gegenwärtigen äußerst gespannten Situation sehr aufschlußreich sind. So ist es von Interesse, daß sich neuerdings eine gemeinsame Front der Opposition gegen Stalin gebildet hat, die von T r o tz k i, Radek, Sinowjew und K a m e n e w geführt wird. Sensationell ist vor allem die Mitteilung, daß sich Radek und T r o tz k i den beiden Führern der vorjährigen Opposi- tion, Sinowjew und K a m e n e w, angeschlossen haben. Der Grund dafür liegt darin, daß diese kommunistischen Führer vor allem gegen die Tendenz Stalins ankämpfen, die Politik der russischen Sowjetunion vom Einfluß der K o m- munistischen Internationale freizumachen. In führenden kommunistischen Kreisen Moskaus herrscht ins- besondere Unstimmigkeit darüber, ob die Stellung der Kom- munistischen Internationale zum englischen Kohlen- arbeiterstreik und die Tätigkeit des englisch- russischen Komitees den Interessen der russischen Außenpolitik entsprechen. Die von Stalin geführte Mehrheit des Kommunisti- schen Zentralkomitees scheint sich davon Rechenschaft abzu- geben, daß die abenteuerliche Politik, die jetzt von der Exekutive der Kommunistischen Internationale in England eingeleitet worden ist, denInteressenderrussischen Außenpolitik zuwiderläuft, die gezwungen ist, den angebahnten wirtschaftlichen Ausgleich mit England zum Abschluß zu bringen. Diese Strömung in der äußeren Politik steht durchaus im Einklang mit den immer deutlicher hervortretenden Tendenzen in der inneren Politik, die auf eine Kapitulation vor dem wirtschaftlichen Machtstreben der mittleren Bauernschaft hinauslaufen. Um sich an der Macht zu erhalten, sehen sich die maßgebenden Führer der russischen Kommunistischen Partei genötigt, den Wünschen der großen Masse der russischen Bauernschaft, und zwar nicht der armen, sondern der mittleren, besitzenden Schichten, in weitgehender Weise Rechnung zu tragen. Der russische Bauer entpuppt sich immer deutlicher als der wirkliche G e- w i n n e r der russischen Revolution, der die kommunistische Partei zwar heute noch regieren läßt, der aber durch seine zunehmende wirtschaftliche Stärke die gesamte Politik der Sowjetregierung in die Bahn einer ausgesprochenen privat- kapitalistischen Bauernpolitik drängt, die in sozialpolitischer Hinsicht in scharfem Gegensatz zur Arbeiterklasse steht. Ebenso �zwingt diese Wandlung in der inneren Politik die Moskauer Regierung immer mehr, ihrer äußeren Politik einen «nationalen" Anstrich zu geben und sich von der abenteuer- lichen Politik abzuwenden, die die Kommunistische Inter- nationale unter der Leitung Sinowjews seit ihrer Gründung geführt hat. Diese Wandlung der russischen Außenpolitik ist es vor allem, die die verschiedenen Gruppen und Schattierungen in der kommunistischen Opposition gegen Stalin vereinigt hat. Im Bericht des„Sozialistischen Boten" heißt es darüber: „Die Opposition aller Schattierungen hat sich vereinigt und bereitet eine entschiedene Attacke gegen Stalin vor. Aber auch der„Parteiapparat' schläft nicht und bereitet insgeheim eine grausame Abrechnung mit den Gegnern vor, ins- besondere mit Laschewitsch, dem Organisator der Opposition. Von der einen und der anderen Seite wird die öffentliche Meinung der Partei mobilisiert. Der Opposition hat sich fast die gesamte alte Garde der Bolschewisten angeschlossen. Zu ihr gehört anscheinend auch ein Teil der wegen verschiedener „Abweichungen" in Moskau festgehaltenen ausländischen Kommunisten. Das Programm, auf dem sich diese ganze viel- stimmige Opposition geeinigt hat, ist der„I n t c r n a t i o n a l i s- rn�i s", im Gegensatz zu dem„Nationalismus" Stalins, der danach strebt, die gesamte Tätigkeit aller kommunistischen Par- teien der nationalrussischen Staatspolitik unterzu- ordnen. Au dem Ausgang dieses Kampfes, d. h. an dem Sieg Sfofins und die baldigst bevorstehende Zertrümmerung der Lppost- tion scheint niemand zu zweifeln, dieser Sieg wird aber ein Pyrrhus- sieg sein. Die gestvu mitgeteilten Einzelheiten über die Sitzung des Kommunistischen Zentralkomitees bestätigen die Voraus- sage des wiedergegebenen Berichtes. Stalin ist auch dies- mal Sieger geblieben und hat es durchgesetzt, daß S i n o w- j e w, einer der Gründer der russischen Kommunistischen Parte, und der nächste Mitarbeiter Lenins, mit Schimpf und Schande aus den führenden Körperschaften der Partei hinaus- geworfen worden ist. Ebenso ist der Organisator der Opposition, L a s ch e w i t s ch, aus dem Zentralkomitee aus- geschlotzen und von seinem Amt als stellvertretender Vorsitzen- der des Kriegsrevolutionären Rates abberufen worden. Was mit den anderen Führern der Opposition geschehen soll, wird der Oeffentlichkeit vorläufig nicht mitgeteilt. Es kann aber keinem Zweifel unterliegen, daß Stalin gegen sie mit derselben Brutalität vorgehen wird, die ihn im innern Parteikampf seit jeher ausgezeichnet hat. Er wird dies um so mehr, als in der gestern mitgeteilten Entschließung der Exekutive der Kommunistischen Internationale offen zu- gegeben wird, daß die Kommunistische Partei Rußlands von der Gefahr einer Spaltung bedroht werde. Diese Gefahr ist noch niemals so offen zugegeben worden, und um Borzu&.eugen, scheut sich die Moskauer Exekutive nicht, vor aller Welt die blamable Tatsache zuzugeben, daß die Vertreter der oppositlonellen Strömungen in der Kommunistischen Internationale sich genötigt gesehen haben,„ungesetzliche Versammlungen" abzuhalten,.„G e h e i m d o k u- mente" zu drucken und zu versenden, eine„illegale f i k n o n e l l e Organisation" zu schaffen, ja sogar eine„ungesetzliche fraktionelle Versamm- >» n g" in einem Walde bei Moskau abzuhalten. Wohl- gemerkt: zu diesen Methoden, die an die Zeiten des Kampfes unter dem Zarismus erinnern, sahen sich nicht etwa Mit- glieder der in Rußland verfemten und verfolgten s o z i a- l> st i> ch e n Parteien genötigt, sondern prominente Fllh- ,er � a�en Machtmitteln ausgestatteten Kommunistischen Partei, Leute wie S i n o w j e w, T r o tz t i und K a m e n e w. die jahrelang diktatorische Gewalt über das russische Volk . ausübten und, ausgerüstet mit dieser Diktatur, mit den ver- werslichsten Mitteln daran gingen, die sozialdemokratischen Aroeiterparteien des Westens zu zerschlagen, um die west- europäische Arbeiterbewegung unter ihr Kommando zu bringen. Jetzt ist derselbe S i n o w j e w, der die westeuropäische �Arbeiterbewegung in Stücke schlug, ein lebender Leich- n a m, der von seinem Gegenspieler Stalin mit einem itußtmt aus seinen führenden Stellungen hinausbefördert worden ist. Jetzt paßt die von ihm, wie von der alten bolschewistischen Garde vertretene allzu agressive Abenteuer- Politik nicht mehr in den Rahmen der von der Sowjet- regierung angebahnten„nationalrussischcn Politik", die immer offensichtlicher darauf hinarbeitet» sich mit der bürgerlich- kapitalistischen Welt zu verständigen, und die die von ihr ins . eben gerufenen und materiell ausgehaltenen kommunistischen Parteien der anderen Länder, in Europa ebenso wie in Asien, nur soweit duldet, als sie sich als Agenten der n atlonalrusfifchen Außenpolitik betätigen. Das Zusammengehen der alten bolschewistischen Garde mit den in Moskau festgehaltenen Vertretern ausländischer lommun'stischer Parteien ist keine Zu falls erschei- n u n g. Die einen wie die anderen suchen von der alten bolschewistischen Tradition zu retten, was zu retten ist, um die immer rebellischer werdenden Arbeitermassen an der «lange zu halten Doch diese Bemühungen, den Leichnam des Bolschewismus zu galvanisieren, sind vergeblich. Immer deutlicher zeigt sich d e r Bankrott der b o l s ch e w i st i- schen Welterlösungsidee. Immer offenkundiger wird der Gegensatz zwischen der Praxis des Bolsche- m i s m u s und den Interessen der um ihre Befreiung ringen- Gas. Von Hermann Schützlnger. Das eine hat der Politiker mit dem Psychiater geniein, daß er aus Gründen des Metiers seinen Patienten bzw. seinen politischen Gegner und dessen leibliche bzw. geistige Kost immer wieder von Grund auf st u d i e r e n muß, um in seiner Behandlungs- Methode nicht eines Tages daneben zu hauen. Aus diesem Grund pflege ich von Zeit zu Zeit die militärische„Unterhaltungsbeilage" der„Kreuzzeitung" mit dem stolzen Titel„Wehr und Waffen" zur Hand zu nehmen und die Reihe der farbenprächtigen Bilder zu be- trachten, die das Herz unserer pensionierten Generale und Feld- pasioren erfreut. Die letzte Nunimer dieser friderizianisch-napoleonisch-luden- dorffischcn Bilderbogen bringt jedoch eine derartige Fülle von so tollem und für den gewöhnlichen Sterblichen so unverdaulichem Zeug, daß es unmöglich erscheint, ohne kräftiges Atfstohen über diese geistige Mahlzeit hinwegzukommen. Zunächst: Ein Leitartikel über die Geschichte des stolzen Regiments„Garde du Corps" mit herzigen Bildern über Säbel, Helme, Spieße, Roß und Reiler des bedauerlicherweise mit den Lettern des„Erbfeindes" zu schreibenden Regiments— und dann nicht etwa eine leben- und sarbensprühende Schilderung des historischen Werdegangs der Truppe, sondern eine geistlrfe Aufzählung plattester Aeußerlichkeit: Am 11. Februar 1741 hat das Regiment seine erste Fahne bekommen, ein paar silberne Pauken und drei Troinpcten dazu— die erste Standarte ist in den Befreiuiigskriegen eingeschmolzen worden, die zweite befindet sich im Zeughaus zu Berlin<1. Stock, Joch 25), die dritte Standarte, dem Regiment am Geburtstag Friedrichs des Großen, am 2t. Januar I5gl), neu verliehen, steht in der Gruftkapelle der Garnisonlirche in Potsdam.—„Von besonderem Interesse ist die Standartenstange".— „Seine Tradition pflegt die 1. Eskadron des 4.(preuß.) Reichswehr- Rciter-Regiments!" Mit solch einem Zeug beschäftigen sich also unsere verabschiedeten Generale und Herr Geßlcr gibt ihnen eine Reichs- wchrschwadron als Spielzeug dazu! Weiter: Für die italienische„Paradeuniform" können sich unscle alten Kommißknöpfe spaltenlang begeistern. Zwei„Richtungen" liegen sich in den Haaren, die eine„Theorie", die der italienischen Grenadierbrigade" in Rom eine feldgraue, und die andere, die ihr eine grüne Paradeuniform zugestehen will. Kolossal wichtig im Zeit- alter der Währungskrisen und der Massenarbeitslosigkeit! Dann brüllt ein stellenloser Luft-Major in einer etwas pasto- raleu Diktion im Stil des Chorals„Eins tut not, ach Herr, dies Eine—„Was uns fehlt"— nämlich Luftabwehrgeschütze! Die Abbildung eines herrlichen Riefsn-Flak-Geschützes und eines durch Lustangriff in Freiburg zerstörten 5)auses, aus dessen auig?- r.ssener Front gar traurig eine halbe Kommode heraushängt, zeigt dem Bürger, was not tut: ein neuer Reichswchrctat' Geradezu kindisch wird das von Herrn Henning gezeichnete den Arbeiterklasse. In Rußland führt diese Wandlung zu einer zunehmenden Verbürgerlichung der gesamten Politik, zu einer Verschärfung des Gegensatzes zwischen Arbeiterklasse und Kommunistischer Partei, zu einer Verengerung der Basis der herrschenden Diktatur, zu einer Anhäufung von Explosiostofsen innerhalb der Kommunistischen Partei selbst. Im Westen zeitigt derselbe Prozeß das Abströmen der Massen von den kommunistischen Parteien, die sich mehr und mehr in kleine einflußlose Sekten verwandeln, und den Uebergang der großen Mehrheit der Arbeiterklasse zu den Methodendesdemo- k r a t i s ch e n Sozialismus, die allein imstande sind, die großen Ziele der internationalen Arbeiterbewegung zu ver- wirklichen. die echte Thesensprache. Die„Volkswacht", das Ersatzorgan für die„Rote Fahne", ver- össenilicht in Fettdruck folgendes Telegramm an das ZK. der KPdSU. Nach Entgegennahme der Berichte der Vertretung des ZK. der KPD. beim EKKJ. über die Plenarsitzung des ZK. der KP. der SU. beschließt das Polbureau des ZK. der KPD.: 1. Seine vorbehaltlose Uebereinstimmung mir den Beschlüssen der ZK. der KP. der SU. 2. Die weitgehendste Unterstützung aller Maßnahmen des ZK. der KPSU., die auf die Verteidigung der Einheit der KP. der SU. und der Komintern gerichtet sind 3. Nochmals die Beschlüsse des ZK. der KPD. zum 14. Parteitag der KP. der SU zu unterstreichen. Zentralkomitee der KPD.(Sekretariat). Sabotierende Stadtverordnete. Und deutschnationales Geschrei über ihre Zurechtweisung. Von einem„Stadtverordnetenskandal in Neu- salz" weiß die Rechtspresse Schauergeschichten zu erzählen. In diesem, etwa 14 000 Einwohner zählenden niederschlesischen O d e r st ä d t ch e n hat nämlich«ine aus Sozialdemokratie, Kom- munisten, zwei Zentrumsleuten und zwei Wirtschaftsparteilern be- stehende Mehrheit den wegen Ablauf seiner Amtszeit zurücktretenden bisherigen Bürgermeister nicht wiedergewählt, sondern den sozial- demokratischen Regierungsassessor Dr. T r ö g e r zum ersten Bürgermeister erkoren. Damit waren die Rechtsparteiler, die auf der„Liste Stadt- wohl" gewählt waren, nicht einverstanden und legten zum Protest ihre Mandate nieder. Auch sämtliche zum Nachrücken einberufenen weiteren Kandidaten der Stadtwohlliste weigerten sich, das Mandat anzunehmen. Der zweite Bürgermeister von Neusalz, namens Bessel, wandte sich ohne Benachrichtigung des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung an die Staats- anwaltschast mit der Anzeige, die beiden Wirtschaftsparteiler, die für Tröger gestimmt haben, hätten sich ihre Stimmen abkaufen lassen! Diese selber freilich haben, obwohl auch sie auf der„Liste Stadtwohl" gewählt waren, ihre Abstimmung damit begründet, sie hätten bei der Behandlung der Aufwertungsfrage erkannt, daß das Eigentum bei Sozialisten und Kommunisten besser geschützt sei, als bei den Rechtsparteilern. Die Stadtverordnetenversammlung hat nun einen sehr ver- nünftigen Beschluß gefaßt. Sie hat diejenigen Mandats- Nachfolger, die sich weigerten in die Stadtverordnetenversammlung «inzutreten, auf sechs Jahre ihres Staatsbürger- rechts verlust ig erklärt und ihre Steuern um 25 Proz. über die Normalfätz« hinaus erhöht. Gleichzeitig hat sie be- schlössen, gegen den zweiten Bürgermeister Bessel das D i s z i p l i n a r- oerfahren mit dem Ziele der Amtsentsetzung zu beantragen. Diese Beschlüsse werden, obfchon sie sich vollständig im Rahmen der Befugnisse der Stadtverordnetenversammlung halten, von der Rechtspress« zu„politischem Terror", zu„sozialdemokratischem Skan- dal", zu einem„unerhörten Machtübergrisi" und zu einer, wie die „Kreuz-Zeitung" sagt,„noch undurchsichtigen Korruptionsaffäre" auf- gebauscht. Die preußische Regierung wird feierlich gefragt, was sie zu tun gedenk«, um derartigen Terrorisierungsakten einen Riegel vorzuschieben. Blatt jedoch auf der vierten Seite, wo sich zwei„Sachverständige", ein General und ein Stabsarzt, auf ihre„Kollegen" in Rußland und in den Vereinigten Staaten berufen, um für den— Gaskrieg Propaganda zu machen. Der General lobt die sonst in Grund und Boden verdammte Bolschewistenarmee über den grünen Klee, weil sie seit einiger Zeit„Wettkämpse im Gasdienst" vera»- staltet, bei denen ein Stabsossizier, ein Militärchemiker, ein Arzt und ein„politischer Kommissar"(Wozu eigentlich das? Wegen des „blauen Dunstes", den die Konterrevolution in der Armee verbreiten könnte?) anwesend sind. Die Hebungen erfolgen zugweise und kompagnieweise i der beste„Gasdienstlehrer", der die„beste Gas- dienstzelle" vorführt, kriegt einen Extrapreis! Besonders freut sich der preußische General, daß die Bolschewiken anscheinend die„Gas- obwehr" zum„Gemeingut des ganzen Voltes" machen! Der zweite Kronzeuge gegen das Gas ist ein O b e r st a b s- a r z t a. D., der sich zur Beschwichtigung des Kanonen- und Bomben-Futters im nächsten Krieg seines amerikanischen„Kol- legen", des„Sanitäts-Oberstleutnants" Gilchrist bedient und einer Kommission amerikanischer Sanitätsoffiziere feinen vollen Beifall ausspricht, weil sie folgende Weisheiten von sich gegeben hat: „Gasoergiftete zeigen keine Neigung zur L u n g« n s ch w i n d- sucht." Sie krepieren also auf eine andere Weise. „Die Sterblichkeitszifser der Gaskranken ist zehnmal gleringer wie die der übrigen Kriegsverletzten." Darum her mit neuen chemischen Giften! „Nur 4 Proz. der 800 amerikanischen Kriegsblinden sind auf Gasbeschießung zurückzuführen."„Nur"! Die lumpigen 32 Gasblinden der Vereinigten Staaten bedeuten also für diese ameritanischen und deutschen„Aerzte" lediglich einen Ansporn für die Intensivierung dieser noch so„unentwickelten" und„humanen" Kriegsgasinduftrie! Bei uns hat im Feld der„Staberl", der Stabsarzt, als Not- Helfer der Verwundeten und Kranken, iiti Lazarett und im Quartier immer noch eine passable, meist sogar eine höchst vernünftige Rolle gespielt: unser Staberl war meist ein Mittelding zwischen Kavalier und Spieß, zwischen Offizier und Arzt, zwischen Soldat und Mensch. Aber dieser Stabsarzt, der scheint ja die reinste Bestie zu sein! Dem ist der„chemische Krieg" nichts wie ein Fatum und die Erfüllung seines Berufs:„Kein vernünitiger Mensch wird behaupten, daß eine wirksame Masse abgcschatst werden kann, che sie durch eine noch wirksamere ersetzt ist." Das heißt also, wir kriegen den Gaskrieg erst los, wenn noch etwas„Wirksameres" erfunden ist, etwa, daß man ein Land mit Petroleum an einem Ende anzündet und dann die ganze Blase mit Haut und Haar verbrennen läßt? Vielleicht macht Herr Henning mit seinen Gae-Spezialistcn den Anfang damit, wenn'? gor nicht anders geht? Ausslelluoa„heim und lechnik". Der Deutsche Verband technisch. wisse», schastcnilicher Vereine bat sich dafür nusgespi ochen, daß die Ausstellung .Heim und Technik' 1928 in München staltsindct. Wenn die Zeitungen, die diese Fragen stellen und dies« De» schuldigungen erheben, sich auch nur die geringe Mühe ge- macht hätten, einen Blick in die preußische Städteordnung zu werfen, so hätten sie im Z 74 folgende Bestimmung gefunden: „Ein jeder stimmfähige Bürger ist verpflichtet, eine unbesoldete Stelle in der Gemeindeverwaltung oder in der-ver- tretung anzunehmen, sowie eine angenommene Stelle mindestens zwei Jahre lang zu oersehen. Zur Ablehnung oder zur früheren Niedcrlegung einer solchen Stelle bcrechtigerr nur folgende Entschuldigungsgründc: 1. anhaltende Krankheit. 2. Geschäfte, die eine häufige oder dauernde Abwesenheit mit sich bringen. 3. Ein Alter über«0 Jahre. 4. Die früher stattgehabte Verwaltung einer unbesoldeten Stelle für die nächsten drei Jahre. 5. Die Verwaltung eines anderen öffentlichen Amtes. 0. Aerzt- liche oder wundärztliche Praxis. 7. Sonstige besondere Verhält- nisse, welche nach dem Ermessen der Stadtverordnetenversammlung eine gültige Entschuldigung begründen. wer sich ohne einen dieser Entschuldigungsgründe weigert, eine unbesoldete Stelle in der Gemeindeverwaltung oder-Vertretung anzunehmen oder die noch nicht drei Jahre lang versehene Stella ferner zu versehen, sowie derjenige, welcher sich der Verwaltung solcher Stellen talsächlich entzieht, kann durch Beschluß der Stadt- verordneten auf drei bis sechs Jahre der Ausübung des Bürger- rechts verlustig erklärt und um ein Achtel bis ein viertel stärker zu den direkten Gemcindeabgaben herangezogen werden. Der Beschluß bedarf keiner Genehmigung oder Be- st ä t i g u n g von feiten des Magistrats oder der Aufsichts- behörden." Diese„Städteordnung für die sechs östlichen Provinzen Preußens" stammt noch aus dem Jahre 1833! Sie ist von k o n s e r- o a t i o e n Politikern gemacht und von konservativen Verwaltungsbeamten viele Jahrzehnte hindurch g e- handhabt worden. Den konservativen, oder wie sie sich heule nennen, deutschnationalen Zeitungen, wäre daher dringend zu empfehlen, sich die Städteordnung ihrer Väter einmal genau anzu- sehen, bevpr sie von einem„Skandal" sprechen. Die Regierung hat keinerlei Möglichkeit gegen die Stadtverordnetenversammlung von Neusalz vorzugehen. Auch ihre Auflösung kann nicht in Frage kommen. Di« Deutschnationalen und Völkischen müssen ihren Schmerz schon ein wenig eindämmen. Kind, Schule, Landarbeit. Notschrei eines Lehrers. In der„Lehrerzeitung für West- und Ostpreußen" nimmt der Herausgeber— selbst ein Lehrer— Stellung zu unseren Darlegungen über das Verhältnis von Kind, Schule und Landarbeit in Ostpreußen in Nr. 317. Seine Stellungnahme gipfelt in folgendem Notschrei: „Die ostpreußisch« Lehrerschaft ist erfreut, daß einmal in der politischen Press« auf die zum Teil unhaltbaren Zu- stände in Ostpreußen hingewiesen wird. Schon lang« hat der Ostpreußische Prooinziallehrerverein aus deren Beseitigung hinge- arbeitet. Fast keine Verbandstagung verging, ohne daß die acht- jährige Schulzeit gefordert wurde. Nun scheint man nahe an deren Einführung. Wenigstens ist dem Landtage ein Gesetzentwurf zur Abänderung der Schulordnung für die Elementarschulen der Pro- vinz Preußen vom 11. Dezember 1845, die es den ostpreußischen Schülern gestattete, die Schule am Tage der Vollendung des 14. Lebensjahres zu verlassen, vorgelegt... Alle diese Zustände,„die an die schlimmsten Zeiten bäuerlicher Hörigkeit erinnern", werden schwinden, wenn endlich einmal d i e Staatsschule eingeführt und der Landlehrer so gestellt wird, daß er frei und unabhängig dasteht. Heute allerdings befindet er sich noch oft in„bäuerlicher Hörigkeit". Nur die Staatsfchule kann helfen. Von Gemeindevertretungen und den Kreisparlamenten ist meiner Meinung nach in den meisten Fällen nichts zu erwarten." Im übrigen bestätigt der Herausgeber zu einem großen Teil die Angaben unseres Berichtes und legt die schwierige Lage des Landlehrers unter den jetzigen Verhältnissen dar. Putschabenteucr eines rasenden Reporters. O, welche Lust. Journalist zu sein! Ein englischer Kollege, der während des letzten Putsche? in Lissabon geweilt ha», um seine Zeitung zu bedienen, Hai diesen Freudenkelch bis zur Neige geleert. Als der Staatsstreich los- ging, bat er den General Gomes da Costa um ein Interview: es wurde ihm bewilligt, und der erfreute Reporter eilte zum Regierung»- palast. Dort mußte er zunächst drei Stunden warten, bis ein Sekre- tär erschien, um ihm mitzuteilen, daß der Herr General an diesem Tag nicht inehr empfange. Als sich der Journalist daraufhin emp- fehlen wollte, wurde ihn> bedeutet, daß er das Palois nicht mehr ver- lassen könne, da sich bereits seindliche Truppen im Anmarsch be- fänden. Nach einigen kräftigen Flüchen ergab sich unser Freund in sein Schicksal. Kurz darauf wurde das Gebäude vom Gegner ge- stürmt, der Journalist ungeachtet.seiner Einwände als Anhänger Costas verhaftet und wenig höflich in ein Automobil gesetzt, das ihn zum Gefängnis bringen sollte. Schön, dachte der Reporter, da werde ich auch etwas Besonderes zu berichten haben und malte sich schon im Geiste aus, was das für eine aufsehenerregende Meldung geben würde. Aber sein Wunsch, das Gesängnis von innen kennen zu lernen, sollte so rasch noch nicht in Erfüllung gehen. Das Auto wurde unterwegs von Parteigängern Costas angehalten, der Eng- länder befreit und im Triumph durch die Straßen getragen. Doch das Hochgefühl, eine vergötterte Persönlichkeit zu sein, währte nicht lange. Schon rückte eine Polizeibrigade heran, ein paar Schüsse vertreiben die Enthusiasten, und der arme Reporter wird diesmal recht arg zugerichtet. Als er sich wieber erholt, sitzt er am Ziel feiner Wünsche: im Kittchen. Erst gegen Abend gelingt es einem Peloton Infanterie des Generals, das Gesängnis zu stürmen und die Insassen zu befreie». Von zwei Soldaten betreut, versucht der Gast aus England die heimischen Penaten zu erreichen: unter der Haustür sällt er noch einmal einer Polizeistreife in die Hand, aber diesmal kann er sich mit Erfolg auf seinen Konsul berufen. Spät in der Nacht endet das Abenteuer des Putschisten wider Willen. Wie schläft der Vlensch? Am Psychologischen Institut der Uni- versitäl Pinsburg hat«in Gelehrter, Professor Johnson, Unter- suchungen über den menschlichen Schlaf angestellt. Ale Versuchs- objekt« dienten ihm zwölf Studenten, die sich freiwillig zur Ver- fügung gestellt hatten. Fünf Nächte in der Woche gingen die Studenten um 11 Uhr abends zu Bett und standen um sieben Uhr früh auf. Sie schliefen gemeinsam in einem großen, gut erwärmten und gelüfteten Raum, jeder in einem besonders konstruierten Bett, das mit einem Registrierapparat versehen war. Die Versuchs haben ergeben, daß die allgemein« Annahm«, die ersten Stunden des Schlafes feien am tiefsten und ruhigsten, ganz falsch ist. Im Gegenteil: die beiden letzten Stunden sind die besten. Di« selbst- registrierenden Apparate zeigten, daß«in Mensch durchschnitilich 11,5 Minuten schläft, ohne sich zu bewegen. Also ist die gewöhnliche Annahme, daß sich der Mensch nur einige wenige Male während der Nacht bewege, unrichtig. Im Durschschniit bewegten sich die Versuchs- personsn dreiundreißigmal in jeder Nachr Ein einziger Student lag drei Stunden lang unbeweglich, einige andere zweieinhalb Stunden. Im ganzen wurden 13,448 Ruheperioden aufgezeichnet, von denen etwa die Hälfte weniger als fünf Minuten dauerte. Ein hoffnungsloser Zoll. Ter Parteitag der Deutschen Wirts6>astspartei. In Görlitz tagt augenblicklich der Parteitag der Deutschen Wirlschaftspartei(Reichspartei des deutschen Mittelstandes). Er tritt mit programmatischen Kundgebungen in die Oeffentlichkeit. Aus politischem Gebiet« verlangt er eine Revision der Reichsverfassung auf Grund des Eigentumsbegriffes und seiner Unverletzlichkeit, die Heraufsetzung des W a h l a l t e r s auf das 24. Lebensjahr, Freihaltung der Regierung von jeglicher Parteibeeinflussung usw. Weiter setzt er sich für die von Hindenburg verordnete schwarzweitzrote Handels- flagge«in. Man sieht also, wessen Geistes Kinder die Leute von der Wirtschaftspartei sind. Elwas unklar find die von ihnen aufgestellten Forderungen aus wirtschaftspolitischem Gebiet«, die das Rückgrat des neuen Programms dieser etwas eigentümlichen Partei bilden sollen. Per- langt wird hier der privat« Eigentumsschutz, Beseitigung aller be- stehenden Zwangs- und Bevormundungsmatznahmen, Aufhebung aller staatssozialistischen Unternehmungen und Einführung des be- rüchtigten Arbeitsdienstjahres für Jugendliche; was natürlich die famose Partei nicht hindert, in dem gleichen Atemzug neu« Staatsunter st ützungen zu fordern, wie sie sich denn auch durch ihre Parlamentsoertreter mit Erfolg für das berüchtigt« Innungswesen eingesetzt hat und einsetzt, das mit empfind- lichen, von den Innungen oerhängten Geldstrafen im Falle von Unterbietungen der übersetzten Jnnungspreise, mit Liefersperren und gesellschaftlichem Boykott arbeitet. Wenn man wirklich die Bin- düngen während. der Jahre des Krieges und der Not als Be- schränkung der gewerblichen Freiheit betrachten will und betrachten kann, so ist der von den Innungen geübte Terror tausendmal schlimmer. Die Wirtschaftspartei entwickelte sich aus der Initiative von rechtsstehenden Kirchturmspolitikern, die in den Rechtsparteien nicht auf ihre Kosten, d. h. zu ihrem Mandätchen kamen. Man gründete eine neue Partei und zog in die Stadtverwaltungen, in die Parla- mente der Länder und des Reiches ein. Heute ist man wieder zu der Weisheit der Rechtsparteien zurückgekehrt, die jedes politisch: und wirtschaftliche Uebel auf die böse Sozialdemokratie und auf die Weimarer Berfassung zurückführt. Spießer bleibt eben Spießer. Dabei darf man die furchtbare Tragik des gewerb- lichen Mittel st an des. in dem die Wirtschastspartei ihre An- Hänger sucht und findet, nicht verkennen. Dieser Mittelstand wurzelt in dem Prinzip der Einzelanfertigung, die für die Kaufkraft der Massen zu teuer ist. Ihr gegenüber steht die zunehmende Mechani- sierung in der Industrie und das gigantisch konzentrierte Finanz- kapital, das für den Geldnehmer im Mittelstand völlige Auspowe- rung bedeutet. Zwischen diesen beiden Steinen wird der Mittel- stand von heute weiter ouszerieben. Seine Proletarisierung ist un- ausbleiblich, wenn er nicht auf der Plattform des Genossen- schastswesens, also auf durchaus sozialistischem Fundament, seine Existenz behaupten will. Statt dessen schwännt die Wirt- schaftspartei in Görlitz in Ideologien, die vor einigen Iahren vor- übergehend wieder praktischen Wert zu bekommen schienen, heute aber schon lange ausgehört haben, Ausgangspunkt wirtschaftlicher Betätigung zu sein. Wirtschaslsgeschichtlich gesehen find so der Görlitzer Parteitag und seine Lebensäußerungen ein hoffnungsloser Fall. Politisch ist er ein Ausdruck der Kinderjahre des Parla- m« n t a r i s m u s, die zu überwinden eine Frage der Gesundung des Voltsganzen, des Volkskörpers ist. Das baperiscbe Zeme-Netz. Schwcikarts Beziehungen. Schweikardt, der Mörder von Gareis, weiß viel über die Der- flochtenheit gewisser bayerischer Beamten mit den Waffenschiebern und Fememördern, daß eine eidliche Aussage von ihm vor einem die Wahrheit suchenden Gericht oder Ausschuß mehr offcnlegen würde, als dem bayerischen Justizmimsterium und seinen Freunden lieb ist. Das gilt insbesondere von Schweikardts München« Tätigkeit im Herbst 1920. Er war damals ini Austrag der„O r g e s ch" und in Verbindung mit dem W e h r k r c i s t o m m a n d o mit der„Ber- g u n g von Waffen" beschäftigt und trat zu diesem Zweck mit einer Reihe von Personen in Verbindung, die Kenntnis von ge- Heimen Wasfenlagern hatten. So kam er auch zu dem Dienstmädchen Sandmaycr, das dann ermordet wurde, weil man befürchtete, die Sandmayer könnte das Waffenlager verraten Auch mit dem ehemaligen Reichswehrsoldaten Dobner wurden durch Vermittlung des Dolmetschers P r a ch c r, der bei der Ententekommission bejchäf- tigt war, Waffengeschäfte gemacht. Dobner sollte wegen seiner Kenntnis der Waffenlager ebenfalls beseitigt werden. Der Mord- anjchlag mißlang aber. Leutnant Schweikardt trat bei allen Verhandlungen über Waffengeschäfte immer wie ein Mann auf, der behördliche Autor! sation hatte, und warf mit dem Geld sehr freigebig um sich. Als P racher Bedenken hatte, Waffengeschöfte mit Schweikardt zu machen, erklärte dieser: .Wenn Sie verhaslel werden und zur Polizei kommen, werden Sie sofort wieder entlassen."(!) Dieser Fall ist dann tatsächlich eingetreten. Pracher wurde nach seiner ersten Verhaftung auf Intervention des Schwei- kardt wieder freigelassen. Die Polizei verwandte den Pracher dann selbst als Agenten bei Wasfenschiebungen und ließ ihn erst fallen, als die Sache durch den mißlungenen Mordanschlag aus Dobner brenzlig wurde. Alle diese Dinge kennt Leutnant Schweikardt sehr genau. Er kennt auch die Personen, die bei diesen dunklen Wassengeschästcn und bei den damit in Verbindung stehenden Fememorden neben ihm noch eine Rolle gespielt haben. Als besonders peinlich mag es heute >n Bayern empfunden werden, daß die Schweikardtschen Waffen- schiebungen vorgenommen wurden in Verbindung mit dem Wehrkreiskommando der Reichswehr, das seinerseits die Fühlung mit der..O r g e s ch" aufrechterhielt. Die Reichswehr- osfizicrc, Hauptmann O b e r in c i c r. Major von B e r ch e in ui'd Hauptmann R ö m können nähere Auskunft geben. Die Münchener Polizei arbeitete mit diesem Kreis aufs engste zusammen, was ja schon daraus hervorgeht, daß Pracher auf Schweikardts Intervention sofort freigelassen wurde.__ Graf terchenseld überreichte in Wien sein Beqlaubigungs- schreiben. Er erklärte.„Das Streben des deutscheu Gesandten in Wien darf nicht allein von dem Gedanken an die Vorteile des eigenen Staates ausgehen, sondern gleichzeitig von dem Gedanken, wie jede politische und wirtschaftliche Erwägung, aus die Erhaltung und Förderung des im österreichischen Staate zusammengefaßten Teils der deutschen Bevölkerung zu wirken geeignet ist." Die Reparationskommisslon arbeitdr»m SS Prozent billiger, seit- dem der Dawe?-Plan in Kraft ist. Die Kosten werden nämlich von alliierten Staaten, nicht mehr von Deutschland getragen. Deutsche Beteiligung an einer französischen Wesse. Deutschland wird zun, ersten Mal« seil dem Krieg wieder auf der im März 1927 jn Lyon stattfindenden Messe vertreten sein. Geld auf der Straße. Hunger und Armut zwingen viele, sich nach Arbeitsmvglich- ketten umzusehen, die einen Verdienst abwerfen. Das ist heute b:: der große» Arbeitslosigkeit nicht leicht, und viele, die gerne jede Arbeit machen möchten, sehen sich vergeblich nach diesen Möglichkeiten um. Aber so mancher ist doch darunter, der es raus hat, und für den das volkstümliche Sprichwort„das Geld liegt auf der Straße" noch eine Bedeutung hat. Es gibt in Berlin einen„Beruf", von vielleicht 80 bis 100 Personen ausgeübt, von dem nur ganz wenige wissen werden, der aber recht und schlecht seinen Mann ernährt. Um die Zeit, wenn die Kinos und Theater geschlossen werden, der Bierlärm in den Kneipen zum Tumult aufsteigt und verschlungene Liebes- pärchen dunkle Wege und Straßen wählen, rüsten sich kne Männer dieses seltenen Gewerbes zu ihrem nächtlichen Arbeitsdienst. Sie suchen die Straßen und Plätze ab, die am Tage und in den Abend- stunden stark belebt sind, wobei besonders vor den Theatern und Kinos fleißig„gearbeitet" wird, und sammeln, was am Boden Wert- volles liegt. Und sie finden so manches, was einen Wert besitzt: Blei- stifte, Taschenmesser, unbenutzte Postkarten, Ringe und— kleine Geldstücke. Mitunter ist auch ein Geldschein dabei, manchmal auch eine kostbare Uhrkette oder Uhr, seltener.größere Gegenstände, wie Hut, Handtasche oder Schirm. Um es hier zur Meisterschaft zu bringen, gehört eine lange Uebungszeit, Geduld und ein scharfes Auge. Nur sehr wenige verstehen sich auf diese Kunst, und unter diesen wenigen befinden sich viele, die gerne wieder in ihren früheren Beruf zurückkehren möchten, trotzdem sie es in diesem seltenen Ge- werbe zum Meister ihres Faches gebracht haben. Diese nächtlichen Wanderungen sind sehr aufreibend: der Sucher geht oft vier, fünf Stunden hintereinander, gebückt, die Augen immer auf das Pflaster gerichtet und erzwungenermaßen mit der größten Geduld. Da er in der kurzen Zeit, die ihm zur Verfügung steht, möglichst viele Straßen und Plätze„bearbeiten" will, darf er kaum rasten. Häusig kommt es vor, daß die Konkurrenz vorher die Gegend abgegrast hat, dann gibt es natürlich nichts mehr zu holen, und man muß sich schnell in eine andere Gegend begeben. Auch hier kann gerade die Konkurrenz vor- ber die„Reinigung" gründlich besorgt hoben, das ist dann doppelt Pech. Unter diesen Umstände» fällt die Ernte nicht sehr günstig aus. Die Bilanz einer solchen Nacht ist sehr verschieden. Unser Ge- währsmann, ein stellungsloser kaufmännischer Angestellter, gibt die „Einnahme" der letzten Nacht wie folgt an: 1,85 Mk. in bar, ein Taschenmesser, ein wertloses Zigarettenetuis, drei Taschentücher, eine kleine Schere, zwei Zigarren, fünf Bleistifte, ein Zahnstocher, ein halbes Pfund Kaffeebohnen und— eine Handvoll Zigarettenstummcl. Manchmal fällt die Bilanz günstiger aus, beispielsweise wenn er größeres Geld findet, was aber selten vorkommt, oder eine Uhr, oder einen anderen wertvollen Gegenstand. Das wird dann zu Geld ge- macht. Immer aber findet er etwas.„Sie sehen", sagt er,„was man alles machen muß, um nicht zu verhungern. Es bleibt mir aber weiter nichts übrig, Unterstützung bekomme ich nicht, und umsanst gibt einem kein Mensch was." vie Operation im kokainraufih. Berurkeilung eines Arztes zu iy2 Iahren Gefängnis. Vor dem Schöffengericht Schöneberg hatte sich der prakt. Arzt Dr. K r i tz m a n n wegen gewerbsmäßiger Betätigung nach der Richtung des§ 218 des Strafgesetzbuches(Abtreibung) in mehreren Fällen, von denen der eine mit dem Tode der Patientin, an der der gewaltsame Eingriss vorgenommen worden war, geendet hat, zu verantworten. Dr. Kritzmann ist noch ein junger Arzt, der aus der Provinz nach Berlin gekommen war. und als ein wenig gefestigter Charakter in die Tiefen des Großstadtlebens hinabgczoaen worden war. Nachdem er einige Zeit Arzt bei einem biochemischen Institut gewesen war, machte er sich selbständig. Es fiel auf, daß er einen starken Zuspruch von Pärchen hatte, die ihn besonders am Sonntag vormittag aussuchten. Auch die Verstorbene, ein Mädchen aus Eisenach, halte seine Hilfe an einem Sonntag ausgesucht. Nach- dem sie von drei verschiedenen Seiten auf den hilfreichen Arzt ver- wiesen worden war. Er hatte sie aus Montag bestellt und lag noch, als sie kam, im Bett vollkommen im Banne des Koksrausches. Dr. Kritzinann war ein leidenschaftlicher Kokser und es schwebte gegen ihn auch ein Strafverfahren wegen Abgabe von Kokainrezepten ohne vor- hcrige Untersuchung, die er in einem Vergnügungslokal zweifelhafter Art an die dort verkehrende männliche Prostitution verteilt hatte. In dem vorliegenden Strafversahren«gab sich, daß Dr. Kritzmann die Operation so ungeschickt vorgenommen hatte, daß eine Perforation entstand, und die Operierte an den Folgen einer Bauch- fellentzündung v e r st a r b. Nach den ärztlichen Gutachten von San.-Rat Dr. Leppmann und Oberarzt Dr. Jung von der Charite, soll der Angeklagte einen außergewöhnlichen Mangel an medizinischen Kenntnissen ausweisen. Der Angeklagte hatte sich von Frauen, die seine Hilfe suchten, stets vorher bescheinigen lassen, daß sie an Blutungen leiden. Der Staatsanwalt hatte zwei Jahre Zuchthaus beantragt. Auf die Vorstellungen der Rechtsan- wälte Dr. Kamecke und Dr. Sack bewilligte das Schössengericht dem Angeklagten mildernde Umstände und verurteilte ihn in zwei Fällen, darunter in dem mit dem Todesausgang zu 1 H Jahren G e> f ä n g n i s und drei Iahren Ehrverlust. Eine Ehetragödie. Eine Ehetragödie spielte sich gestern abend in dem Hause Lindower Straße 8 ab. Hier wohnt als Untermieter der 44 Jahre alte Friseur Karl H« i m b o l d, der sich vor einigen Wochen von seiner gleichaltrigen Ehefrau Mathilde, geb. Mandel, die jetzt in der Reinickendorfer Straße 29 wohnt, trennte. Die Frau hatte ihren Mann gestern abend noch einmal ausgesucht, um ihm noch einige seiner Kleidungsstücke zu bringen. Heimbold versuchte, eine Versöhnung herbeizuführen, hatte aber keinen Erfolg damit. In dem sich entspinnenden Wortwechsel ergriff Heimbold«inen Revolver und gab auf seine Frau drei S ch ü s s e ab, von denen zwei fehlginge», während der dritte sie leicht an der Brust verletzte. Die Frau eilte, laut um Hilse rufend, auf die Treppe hinaus. Haus- bewohner, die durch die Schüsse und das Schreien aufmerksam ge- worden waren, brachten sie nach der nächsten Rettungestelle, wo sie verbunden wurde. Inzwischen hatte der Mann sich selbst zwei Kugeln in die Brust geschossen. Beamte des 42. Reviers brachten ihn, da er noch Lebenszeiechn von sich gab, in das Krankenhaus._ Heiftt das Iiedlcrunterstutzuug? Man schreibt uns aus Leserkreisen: Bürger, siedelt euch an und baut euch euer Häuschen! So hieß es nach der Revolution, als die Wohnungsfrage ansing brennend zu werden. Gleich vielen folgte ich diesem Ruf und taufte ain 31. Mai 1920 eine Siedlungsparzelle in Mahlsdorf vom Bezirksamt Lichtenberg, das sich u. o. das Wiederkaufsrecht vorbehielt. Nach vieler Arbeit, Mühe und Kosten wurde zuerst das Land urbar gemacht. Endlich tonnte der Traum von der eigenen Scholle erfüllt und mit dem Bau eines Häuschens begonnen werden. Nach vieler Entbehrung und Arbeit ist dieses bis auf das Dach aus eigenen Mitteln hochgebracht. Nun heißt es, eine Hypothek besorgen und dann schnell fertiggebaut, damit man noch vor dem Winter ein- ziehen kann. Nach vielen vergeblichen Laufereien ist auch endlich eine kleine Bank bereit, eine Hypothek zu geben, nur wird, was schließlich verständlich ist, eine Varrangscrklärung gefordert. Das Bezirksamt Lichtenberg hat sich nun schriftlich sowie mündlich geweigert, eine derartige Erklärung zu geben. Also ein praktisches Beispiel, wie Behörden die Siedler- tätigkeit fördern. Ich will aus eigenen und Privatmitteln mein Häuschen fertigstellen. Als Entgegenkommen, daß Ich keinerlei Kommunalgeld verlange, erhalte ich eine glatte Ablehnung meiner Bitte.' Am Hause fehlt nur noch das Dach, und, da die eigenen Mittel erschöpft sind, sollte dieses von der Hypothek scttiggestellt werden. Jedenfalls steht fest, daß die Holzteile des Häuschens, wenn die Winterfeuchtigkeit noch hinzukommt, anfaulen. Im Ernst- falle würde Lichtenberg gar nicht daran denken, die Parzelle mit dem Neubau zurückzukaufen: denn die Arbeit, die wir Siedler draußen geleistet haben, kann und will Lichtenberg nicht bezahlen. Durch dieses Vorgehen wird also ein Siedler, der sich sein Brot sauer verdienen muß, um die Früchte von fünf arbeits- und ent- behrungsreichen Jahren gebracht, und zwar von einer Behörde. von Kairo nach deutschlanS. Eine Fahrt ins Zuchthaus. Im Jahre 1924 wurde der griechische Holzhändler K a r a m B e y in seiner Villa in Alcxandria von zwei deutschen Seeleuten ermordet und beraubt. Aus die Ergreifung der Mörder war eine Belohnung von 1000 Pfund ausgesetzt worden. Im Herbst vergangenen Jahres wurde der eine, ein gewisser Klaus, in Bombay ergriffen, bald darauf der andere, ein ge- wisser Dewitsch, in Trieft. Sie hatten gemeinsam Karam Bey im Bett überfallen. Dewitsch schlug den Ueberroschten mit einer Eisen- stange nieder und Klaus schoß ihm zwei Kugeln in die Stirn Von dem deutschen �konsulargericht in Kairo wurden beide zum Tode verurteilt: die Strafe wurde jedoch später in lebenslängliches Zucht- haus umgewandelt. Da sie als deutsche Staatsangehörige die Strafe in Deutschland absitzen sollten, so entsandte die Berliner Kriminalpolizei zwei Kriminalsekretäre der Fahndungs- lnspektion H.. die die Verbrecher nach Deutschland bringen sollten. Das Konsulat in Kairo gab den Be- omten noch zwei deutsche Desraudanten mit auf den Transport. Diese beiden hatten vor etwa drei Monaten einer Hain- burger Firma 42 000 Mark unterschlagen und waren da- mit, wie die Ermittlungen der Berliner Kriminalpolizei ergaben, nach Aegypten geflüchtet. Die beiden ungetreuen Buchhalter namens Kühn und Heinrich wurden aus die übersandte Personal- bcschreibung hin in einem Hotel verhaftet. Sie hatten noch 30 000 Mark bei sich. Der Heimtransport auf dem Dampfer„Adolf Woermann" verlief ohne jeden Zwischenfall. In Hamburg wurden die beiden Desraudanten dem Gericht übergeben, während die Mörder einem Zuchthaus zugeführt wurden. Er will durchaus inS Zuchthaus! Um seinen Wunsch, in das Zuchthaus oder in eine Irrenanstalt zu kommen, durchzusetzen, erschien aus dem Polizeipräsidium ein gut gekleideter junger Mann mit einem kleinen Seitengewehr in der Hand. Er erklärte, daß er„jemanden über den Haufen st e ch e n müsse", damit man ihn endlich festsetze. Er wurde der Dienststelle des Kriminaltommissars Q u o ß zugeführt, wo er nach anfänglichem Toben sich endlich beruhigte. Durch güt- liches Zureden erfuhr man folgendes: Vor 14 Tagen sei er aus Partenkirchen gekommen, habe aber am vergangenen Sonnabend feine Wohnung und seinen Namen plötzlich vergessen. Er sei Maler und habe die Kunstgewerbeschule besucht. Die Monogramme aus den Wäschestücken und dem Taschentuch hatte er entfernt, ebenso die Seiten seines Notizbuches, die zur Feststellung der Persönlichkeit hätten beitragen können. Der Unbekannte ist etwa 29 Jahre alt. 1,79 Meter groß, hat blondes hochstehendes Haar, ein bartloses Ge- ficht und trug einen blauen Anzug, einen braunen weichen Hut, ein braungestreiftes Oberhemd und eine rötliche Krawatte. Allem An- scheine nach hat er früher in geordneten Verhältnissen gelebt. Nach- richten zu seiner Feststellung sind an Kriminalkommissar O u o ß im Zimmer 96 des Polizeipräsidiums zu richten. �freilicht-Theater Jungfernheide. Vorbei an Fabriken, Schrebergärten, gelangt man endlich zur neuen Freilichtbühne. Im Volkspark Iungfernheide, eingefriedet von hohen Hecken und alten Bäumen,«in schöner Rasenplatz, dem als Kulissen wiederum schöngepflegte Hecken dienen. Amphitheater- lich die Sitzreihen, darüber— wenigstens bei der Generalprobe— ein prächtiger Sommerhimmel. Hier wurden unter der Regie Ferry Werners Schillers„Räuber" gespielt. Im großen und ganzen eine recht gute Aufführung, wenn auch nicht immer so ganz im Geiste des Dichters. Manchmal erfordert dies Iugi!?>dwert Schillers mit seiner stürmenden Leidenschast denn doch nicht allzu temperierte Auffassung. Der Karl Moor des Henrn Pleß recht gut in Sprache und Darstellung, sein Bruder Franz(Hans Harnier) im Monolog zu kühl. Amalie, die infolge nicht eingetroffener Kostüme im mod«nen Zivil erschien(Sybille Pietsch), etwas farblos, mehr- Ophelia in heutiger Auffassung. Da» Ganze aber wirkte Zweifels- ohne in der außerordentlich stimmungsvollen Szenerie und glänzen- den Akustik. Die Aufführung, stark gekürzt, war eine pausenlose und alle Möglichkeiten und Vorzüge der Gartenbühne geschickt ausgenützt. Folgen einer Schwarzfahrt. An der Kreuzung Schönhauser Allee und Carmen-Sylvastraße ereignet« sich heute vor- mittag ein folgenschwerer Automobilzusammen st oß, bei dem fünf Personen erheblich verletzt wurden. Der Chauffeur Rudolf W., der zusammen mit seiner Ehefrau, seinen beiden Töchtern Eva und Irmgard und seiner Schwiegermutter Pauline Hönisch eine Schwarzfahrt unternehmen wollte, stieß an he-r bezeichneten Stelle mit einem anderen Kraftwagen zusammen. Die fünf Insassen wurden durch Schnitt- und Quetschwunden erheblich verletzt und erhielten auf der Rettungsstelle in der Winsstraße erste Hilse. Beide Kraftwagen wurden schwer beschädigt. kindersommerfest d« Zugscharen. Die„Zugscharenbewegung", die sich besonders gefährdeter Kinder annimmt, deren Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern, oder im Gefängnis sitzen, zieht in jedem Sommer aus ihren Stadthorten in die Jugendherbergen der Mark. In diesem Jahr haben die freiwilligen Helfer— junge Wander- vögel mit den Kindern— In der Jugendherberge Zossen Unterschlüpfe gefunden. Am Sonnlag veranstalteten die Zugscharen in ihrem Sommerheim e i n K i n d e r f e st. Bei Kassee und Kuchen. beim Kllrmpfenspiel der Wandervögel wartete alles in dem für die große Besucherschar zu engem Heim, bis der Regen endlich nachließ und auf der Freilichtbühne die Kinder mit ihren Darbietungen be- ginnen konnten. Eine Zirkusschau mit improvisierten Tieren und Artisten löste stürmische Heiterkeit aus. Bei Spiel und Sport verlief der Nachmittag. Eine kurze Ansprache des Vorsitzenden der Zugscharen wies auf die Notwendigkeit der durchgreifenden Fürsorge für die Jugend hin. Es müsse gelingen, die Jugend fernzuhalten von den Eiittlüssen der Großstadt, nur so werde es gelingen, die Jugend zu selbstbewußten Menschen heranzubilden. Arbellsgemeinschask der Sinderfrevnde,«reis Wille Dreitägige Ferien- sabrt nach Birkenwerder. Treffpunkt Mittwoch, den?8. Juli, vormittag« 8 Uhr am Slettlner Vorortbahnbof. Unkoftenbeitrog für Fahrt, Unteikunft und volle Verpflegung 3.— M. Anmeldungen werden bei den zuständigen (Rruppenlistern noch entgegengenommen. Leiter der Fahrt DiHi Bcrgei Erubenunglück bei Dortmund. Bochum, 27. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Aus Schachtanlag« ..Westerholt" bei Dortmund ging eine Förderstrecke zu Bruch. Don den im Flöz 7 auf der zweiten Sohl« beschäftig- ten Bergleuten wurden drei Mann durch das niederfallend« Ge- stein abgeschnitten. Die sofort aufgenommenen Rettungsarbeiten ergaben, daß die Abgeschnittenen leben und unverletzt sind. Ein« Verständigung mit ihnen war möglich. Es besteht Hoffnung, sie zu befreien. Die Nachtschicht tonnte durch das Unglück, das aui Bewegung im Gestein zurückzuführen ist, nicht ausfahren. Auf. der Zeche„M orgensonne" entlud sich eine Spreng- Patrone uorzeitig. Hierdurch wurden zwei Bergleute durch Sprengstücke schwer verletzt. OewerMaftsbewegung Reform der ftrbektsnachweifel Zusgmmeufasiung uab Enkbureaukrakisieruag. �i« Reformbedürftigkeit der Arbeitznachweise ist noch nie so ...ell in die Erscheinung getreten wie in diesen Tagen der Massen. arbeitslosigteit. Gewiß, auch die Arbeitsnachweise können nicht zaubern und Arbeit aus dem Boden stampfen, wenn man von oben her in der großen Wirtschafts- und Arbeitskrise die Dinge hat zu weit treiben lassen. Aber jeder Kenner der Verhältnisse weiß, daß trotz der Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt beträchtlich mehr Arbeit zu vermitteln wäre, wenn die Arbeitsnachweise sich wirklich der Arbeitsvermittlung widmen könnten. Die Arbeits- nachweife sind zum größten Teil heute mit der Fürsorge, mit dem Stempeln, mit dem Auszahlen und dergleichen überlastet und können daher für ihre eigentliche Aufgabe, die Arbeitsbeschafsung, nur sehr wenig tun. Es rächt sich jetzt, daß man nicht frühzeitig entsprechend den Forderungen der Freien Gewerkschasten eine Reform der Ar- beitsnachweise durchgeführt hat. Der Fehler liegt in der Verzettelung des Arbeitsnachweiswesens. Wir haben zu viel kleine Nachweise, die nur wenig leisten können. Was wir brauchen, sind größere Nachweisbezirke und Besetzung dieser größeren Arbeitsnachweise mit fachlich geschultem und gut bezahltem Personal. Die Arbeitsnachweisleiter müssen Aufstiegmöglichkeiten haben. Es muß der Anreiz ge- geben sein, daß Leute mit Initiative, Tatkraft und kaufmännischem Sinn in den Beruf der Arbeitsvermittlung hineingehen. Die Ar- beitsvermittler müssen Arbeit suchen und dafür auch in technischer Hinsicht gut ausgerüstet sein. Jedem Arbeitsvermittlcr in ländlichen Bezirken gehört ein Motorrad, damit er an die Arbeitsstellen und Arbeitgeber herankommt. Für die Beschaffung.von Frauenarbeit brauchen die Nachweise weibliche Vermittlungskräfte. Der jetzige viel zu bureaukratisch aufgezogene Arbeitsnachweisapparat ist o e r- a l t e t. Wenn man auch nicht von heute auf morgen den gesamten Aufbau der Arbeitsnachweise umkrempeln kann, so kann nian doch wenigsten» in der Richtung der Forderungen der Gewerkschaften, d. h. auf st ä r k e r e Zusammenfassung des verzettelten Ar- bcitsnachweiswcsens, hinarbeiten. Die Finanzfrage ist kein unlösbares Problem, da schon jetzt die Kosten zu zwei Dritteln aus der Erwerbslosenfürsorge gedeckt wer- den. Erfreulich ist, daß endlich auch der Städtetag und zum Teil auch die Landgemeinden den gewerkschaftlichen Forderungen bei- pflichten. Der Arbeitsnachweis muß heraus aus der bureau- krotifchen Tradition und Bevormundung und auf eigene Füße gestellt werden, damit er den sozialpolitischen Bedürfnissen der Gegenwart gerecht werden kann. Von Gemeinden, die die Aufgaben cmes Arbeitsnachweises so nebenbei erledigen lassen, und von Land- raien, die sich vor dem Armeleutegeruch des Arbeitsnachweiswcsens furchten, ist nichts zu erwarten. Tagung der italienischen Gewerkjchasten. Isic Gewerkschaften unter dem faschistischen Gewaltrcgimc. INailand, ZK. Juli.(Eigener Drahtbericht.) In den Räumen des italienischen Gewerkschaftsbundes in Mailand hat eine National- lagung stallgesunden, an der außer den Mitgliedern des Vorstandes imd den Bezirksvertrauensmännern die Vertreter der angeschlossenen Zentralverbände teilgenommen haben. Der Zweck der Tagung war di-e Prüfung der Lage der Organisationen und die Einrcichung. Mehrerer Resolutionen an den Vorstand, die sich mit den Bcdürf- Nissen der italienischen Arbeiterklasse beschäftigten. Der Diskussion ging ein eingehender Bericht des General- sekrctärs des Gewerkschaftsbundcs voraus, der Rechenschaft über die Maßnahmen abglegte, die der Gewerkschaftsbund ergriffen hat in Verfolg der Ereignisse vom November 1925, die bekanntlich in der Auflösung aller Arbcitskanimmern gegipfelt haben. Dieser Be- richt bemerkte hinsichtlich des Organisationslebens, daß die Gcwerk- jchaftsbewegung in der letzten Zeit durch verschiedene Zwangs- maßnahmen gehcmmm und gestört worden ist, die keinerlei Recht- fertigung beanspruchen können. Unter diesen Maßnahmen sind die v'ichtigsten die Auflösung der freien Landarbeitergewerkschaften von Molinella und der Beamten- und Angestelltenvereine in Mailand. Die beiden Vertreter der aufgelösten Landarbeiterorganisationen er- statteten ebenfalls einen Bericht, der mit großer Bewegung aus- genommen wurde. Außer der Auflösung ihrer Organisationen mußten die Landarbeiter von Molinella auch noch dulden, daß die Gutsbesitzer ihnen jede weitere Arbeitsmöglichkeit verweigerten. Der Bundesausfchuß hat daraufhin von der Tagung den Auftrag erhalten, jedes ihm zur Verfügung stehende Mittel anzuwenden, den Schwerarbeitern von Molinella die Existenz zu sichern, auf die sie Anspruch haben. Der Beamten- und An- gestelltenverein von Mailand ist dagegen unter dem Vorwand auf- gelöst worden, eine Vereinigung zu sein, in der sich Mitglieder der Opposition befinden! In beiden Fällen hat der italienische Gewerkschastsbund Beschwerde beim Innenministerium eingelegt. Freilich wird diese Beschwerde nichts nützen. Di« Beschlagnahme der Gewerkschafsräume und die G e w a l t t a t e n gegen einzelne Genossen haben nicht verhindern können, daß die Bewegung in der letzten Zeit selbst unter den ge- waltigsten Schwierigkeiten überall gute Fortschritte gemacht hat.'Der Bundesausschuß hat die Tagung auf die Denkschrift hin- gewiesen, die der Gewerkschaftsbund an die Regierung in Verteidi- gung der ebenfalls durch die letzte faschistische Gesetzgebung ein- geschränkten Freiheit der freien Gewerkschaften gerichtet hat. Die Tagung diskutierte und billigte einmütig die Arbeiten des Bundesausschusses für die der internationalen Arbeitskonferenz in Genf gewährt« Unterstützung gegen die Machenschaften der faschistischen Delegierten. Nach Anhörung des Berichtes des Gene- ralsekretärs über die allgemeine moralische und finanzielle Lage des Gewerkschaftsbundes hat die Tagung mit Befriedigung festgestellt. daß der Forsschritt der Bewegung allen Widerständen gegenüber eine gute Aufwärtsentwicklung zeitigt. Die Bezirksvertrauens. »*****■--------*-»-«-»- I IcDTyüjltli zllufu an 0« 2Jl3TurlüTU DeTunDCTS OT©» jenigen, die in dauernder Berührung mit der Arbeiterschaft leben. Ohne sich die Schwierigkeiten zu oerhehlen, die der Bewegung durch die BeHorden oder einzelne Faschisten erwachsen, waren sie sich einig in dem befriedigenden Eindruck, daß die Arbeiten bis heute einen ver- heißungsvollen Verlauf genommen haben. Es gilt also nun in Zu- kunft die Arbeit mit den Methoden fortzusetzen, die die Erfahrung als wirksam erwiesen hat. Im übrigen wurde ebenfalls festgestellt, daß in dieser letzten Zeit eine Besserung der Beziehungen zwischen den einzelnen poli- tischen Richtungen innerhalb der Zentralverbände Platz gegriffen hat. Eine bessere Erkenntnis der Erfordernisse, die der Augenblick erheischt, hat den Ausbruch unnützer Polemiken verhindert. Hinsichtlich der Auswanderungsfrage hielt es die Tagung für angebracht, angesichts der Schwierigkeiten, die sich in verschiedenen Ländern gegen die italienischen Auswanderer er- heben, alle Anstrengungen zu versuchen, eine noch innigere Ver- brüderuntz mit den Arbeitern jener Länder anzustreben, deren Gäste diese italienischen Auswanderer werden. Zum Zwecke der Ver- teidigung der italienischen Auswandererinteressen wurde der Generalsekretär beauftragt,' an dem im Oktober dieses Jahres in Mexiko stattfindenden Auswanderungskongreß teilzunehmen. Um die Löhne der Handelshilfsarbeiter. Die Berliner Einzelhandelsgemeinschast hatte bekanntlich das Lohnabkommen der' Handelhilfsarbeiter zum 39. Juli gekündigt und einen AbbauderLöhnebiszu29 Proz. gefordert. Die Verhandlungen am vorigen Freitag scheiterten, da die Unternehmer auf den Lohnabbau bestanden, die Organisations. Vertreter jedoch wegen der seit dem Abschluß des letzten Lohnab- kommens eingetretenen Miessteigerungen eine Erhöhung der Löhne beantragten. Die Berliner Einzelhandelsgemeinschaft hat nun den Schlichtungsausschuß angerufen, der die Parteien zu Freitag nachmittag zu Verhandlungen geladen hat. Bei den direkten Verhandlungen ließen die Unternehmer durch- blicken, es mit dem Anrufen des Schlichtungsausschusses nicht s o n- dcrlicheiligzu haben. Warum denn plötzlich die Ueberstürzung? Etwa weil Herr Körner am Montag aus Urlaub geht? Sie glauben anscheinend, daß Herr Körner ihnen beim Abbau der Löhne der Handelshilfsorbeiter genau so weit entgegenkommen wird, wie er es bei den Angestellten des Einzelhandels getan hat. Bolle will keinen Frieden. Die Funktionäre derMeiereiBolle beschäftigten sich gestern mit dem ani Freitag voriger Woche vom Schlichter gemachten Ver- gleichsvorschlag, über den wir in unserer Sonntagsausgabe schon aus- führlich berichteten. Nach einer längeren Aussprache stimmten sie dem Vergleichsvorschlag zu. Wie wir heute erfahren, hat die Meierei Bolle jedoch auch wieder diesen Vergleich abgelehnt. Seit Weihnachten vorigen Jahres geht nun schon der Streit um die Feiertagsbezahlung, die Zahlung des Aufschlages für Arbeit an Wochenfeiertagen und die Lohnberech- nung der Kutscher. Durch die Annahme des Vergleichsvorschlages wäre endlich der Streit aus der Welt geschafft worden. Die Meierei Balle hat anscheinend kein Interesse an dem Frieden in ihrem Be- triehe. Es bereitet ihr offenbar besonderes Vergnügen, in der Oeffent- lichkeit dauernd von sich reden zu machen. Vielleicht soll das eine besondere Reklame für ihren Betrieb sein? Cin Sklavenvertrag. Zu der von uns in der gestrigen Abendausgabe veröffentlichten Notiz teilt uns Herr Stosch-Sarrasani mit, daß der Betrieb des Restaurateurs Eduard Buchmann wirtschaftlich unabhängig von der eigentlichen Sarrasani-Schau ist. Herr Stosch-Sarrasam hatte von den Arbeitsbedingungen, die in dem veröffentlichten Dienst- vertrag festgelegt sind, keine Kenntnis. Er erklärt ausdrücklich, daß er derartige Arbeitsbedingungen auf das Schärfste miß- billigt und nach Kenntnisnahme sofort die nötigen Konsequenzen zu dem Restaurationsbetrieb des Herrn Buchmann gezogen habe. Tagung der Krankenkossen. Düsseldorf, 27. Juli.(Eigener Drahtbericht.) In der Diskussion sprachen Dr. G e r l i ch als Vertreter der Reichszentrale für Kinder- fürforge und Geschästssührer Lehmann, der daraus hinwies, daß bei den meisten Kasse» die Familienocrsicherung eingeführt sei. Dann sprach noch Prof. Dr. W i ch m a n n-Hamburg über„Die elektro- physikalische Heilmethode in der Krankenversicherung" und Dr. Z e h- den-Berlin über„Bädersürsorge für Kassenmitglieder". Beide Referate, die sich mit Spezialfragen befaßten, fanden großen Beifall. Das wesentlichste bei diesen beiden Vorträgen war die Feststellung, daß das Kronkenkassenmitglied nicht als Patient zweiter Klasse be- handelt werden dürfe. Damit war die Reihe der Vorträge erschöpft. Es wurden dann noch einige Satzungsänderungen vorgenommen und einige einge- gangene Anträge erledigt._ Keine Aenderung im englischen Bergbaukonslikt. London, 27.Juli.(WTB.) Die allgemeine Auffassung über die gestrigen parlamentarischen Debatten über die Kohlenkrise geht dahin, daß sich die Lage in keiner Weise gebessert habe. Die Erörterungen im Oberhaus zeitigten kein Ergebnis, und die Aussprache im Unterhaus bestand lediglich in erbitterten Angriffen der Opposition gegen die Regierung, weil sie die Vorschläge der Vertreter der Kirche nicht angenommen Hab«. In der für nächsten Freitag einberufenen Konferenz der Bergarbeiterdelegierten erblicken die Zeitungen ein Er- eignis von wesentlicher Bedeutung. Der Sekretär des Bergarbeiter- verbände?, Cook, erklärte, die Konferenz bedeute keine Kapitula- tion, sondern sei nur der Prüfung der Lage gewidmet. Die Dele- gierten der Bergarbeiter müßten ihren Führern erklären, ob sie nachgeben oder neue Pläne zur Fortsetzung des Kampfes vorbereiten wollten. Wie die Blätter berichten, arbeiteten gestern in Warwickshire infolge der Rede, die Bergarb«iterführer Cook in dem Bezirk gegen die Streikbrecher gehalten Hot. 399 Bergarbeiter weniger. Im ganzen waren ungefähr 1999 Bergarbeiter der Arbeit ferngeblieben, jedoch sind 799 neu« Arbeitswillig« zur Arbeit zurückgekehrt. Ms öer Partei. Zur Verfassungsfeier. Zur bevorstehenden Verfassungsfeier am 11. August verweist der Reichsausschuh für sozialistische Bildungsarbeit auf das von ihm herausgegebene Heft Nummer 6 der Sonderreihe„Arbeiterbildung", betitelt„Die V e r f a s s u n g s f e i e r". Die Schrift enthält mehrere wertvolle Anregungen, Gedichte und Programmvorschläge für die Verfassungsfeier, außerdem einen Entwurf zu einer Rede von Gustav R a d b r u ch. Ferner enthält die Anfang Juni erschienene Nummer 7 der „B ü ch e r w a r t e" in ihrer Beilage„Arbeiterbildung" eine Vor- tragsdisposition für die Verfassungsseier mit Literaturnachweisen von Alwin S a e n g e r, die besonders den Referenten empfohlen wird. Das Heft Nummer 6 der Sonderreihe der„Arbeiterbildung" ist zum Preis von 25 Pf. vom Reichsausschuß für sozialistische Bildung?- arbeit, Berlin SW. 68, Lindenstraße 3, zu beziehen. Das genannte Heft der„Bücherwarte" tostet 75 Pf. im Einzeloerkauf. Die„Bücher- warte" wird aber, da sie laufend wertvolles Material für die Bil- dungs- und Organisationsarbeit bringt, am besten ständig abonniert und kostet im Quartal 1,59 M. Bestellungen nehmen die Post- anstalten und Buchhandlungen entgegen. Arbeilerserieaveranstaltungen. Die vom Reichsausschuß für sozialistische Bildungsarbett in diesem Sommer vorgesehenen Ferienveranstaltungen konnten bisher restlos durchgeführt werden und fanden eine sehr starke Beteiligung. Ein Beweis für das große Interesse, das die Arbeiterschaft diesen Veranstaltungen entgegenbringt. Ferienkurse fanden neben zwei zentralen Schulungskursen für Frauen und Redakteure in den folgenden Bezirken statt: Hannooer, Pfalz, Hessen-Nassau, westliches Westfalen, Ostsachsen, Leipzig, Freistaat Hessen, Zwickau, Hamburg. Ferienreisen nach Paris, Italien, an den Rhein, Schweiz, Hamburg— Helgoland. Im Lause der nächsten Zeit finden noch folgende Ver- anstaltungen statt: a) Ferienkurse: 1. bis 7. August: Landesjugendheim Eis- mar an der Ostsee(Holstein). Christian Döring:„Marx' ökonomische Lehren".— 15. bis 21. August: Naturfreundehaus in Friedrichsroda (Thüringen). Richard Woldt:„Amerikanismus in der heutigen Wirtschaft".— 15. bis 21. August: Voltshaus Bischofsgrün(Fichtel- gebirge). Dr. Schröder:„Einführung in die Staatslehre".— 15. bis 21. August: Soltau in der Lüneburger Heide. Christian Döring: „Einführung in die Volkswirtschaft".— 5. bis 11. September im Bezirk Chemnitz: Walter Loeb:„Probleme der Finanzpolitik".— 5. bis 11. September: Gewerkschaftshaus„Monopol", Wernigerode im Harz. Richard Woldt:„Massenpsychologie und Arbeiterbewe- gung".— 22. bis 29. August: Bezirk Mccklenburg-Lübeck. Albert Rudolph:„Geschichte der Arbeiterbewegung".— 26. September bis 2. Oktober: Bad Stein an der Ossses. Professor E. Nölting:„Ein- führung in die Politik". d) Ferienreisen: Brüssel— Paris vom 15. bis 23. August" Prag— Wien— Salzburg vom 22. bis 31. August: Wanderfahrt in den Schwarzwald vom 22. bis 31. August. Anmeldungen zu den Kursen wie zu den Reisen werden, wenn sie recht bald erfolgen, mit Ausnahme der Reise Brüssel— Paris, zu der die Teilnehmerliste bereits geschlossen ist, noch angenommen durch den Reichsausschuß für sozialistische Bildungsarbeit, Berlin SW. 68, Lindenstraße 3._ /lrbeitersport. 15. Sundestag des Mbeiter-Turn- und Sportbundes Am Sonnabendnachmütag wurde der 15. Bundestag des Arbeiter-Turn- und Sportbundes in dem würdig geschmückten großen Saal des Hamburger Gewerkschaftshauses eröffnet. Der Bundes- Vorsitzende G e l l e r t begrüßte die Vertreter des Hamburg«? Senats und der Städte Altona und Wandsbek. Der Vertreter des Hamburger Senats, Staatsrat Dr. B u e h l, überbrachte die Grüße der drei Schwesterstädte und überreichte als sichtbares Zeichen der Anerkennung der Arbeiter-Turn- und Sport- bewegung einen Betrag von 3999 M. für die Bundes- schule in Leipzig. Für die Sozialdemokratische Partei Deutsch- lands sprach Genosse Ludwig, der die Verbundenheit zwischen der politischen Partei- und der Arbeitersportbewegung betonte. Auch die Kommuni st en ließen den Bundestag be- grüßen. Für den ADGB. sprach die Genossin Heine, für die Zentralkommission der Arbeiter-Sport- und Körperpflege Fritz W i l d u n g. Grüß« der tschechischen Arbeitersportler, der deutschen Arbeitersportler der Tschechoslowakei, des Deutschen Arbeiter-Sänger- bundes, der Hamburger Sozialdemokratie und des Hamburger Sport- kartells schlössen sich an. Nachdem der Bundesoorsitzende der Toten des Bundes gedacht hotte, wurde die vorgeschlagene Geschäftsord- nung genehmigt._ Sport. Moestops und Martinetti Fliegerweltmeister! Die Radweltmeisterschaften für Flieger, die am Sonnabend und Sonntag in Gegenwart von etwa 19 9 99 Zu- schauern auf der Simplonbahn in Mailand in zahlreichen Läufen ausgetragen wurden, sahen als Sieger und neue Weltmeister: der Berufsfahrer der Holländer M o e s k o p s(Weltmeister 1921/21) vor Moretti-Italien, Michard-Frankreich und Kaufmann-e-chweiz: der Amateure den Italiener M a r t i n e t t i vor Galvaing-Frankreich. Mazairac-Holland und Boiocchi-Itolien. Der Rennleitung wird der Vorwurf gemacht, in mehreren Fällen die Italiener in Entscheidungen begünstigt zu hoben. Die deutschen Teilnehmer Engel, Stesses, Oskar Rütt und Oszmella schieden alle bereits in den Zwischenläufen aus. Verantwortlich kllr Palltik: Dr. Turt Geyer; Wirtschaft: Art», Saterau«: Sewcrtschaftsbcweauna: I. Steiner; ffeuillewn: Dr. Zahn Schi law,«: Lokale» und Sanstifles: ksritz«arftädt; Änzclaen: Th. Slixh; sämtlich in Berlin. Bcrlaa: Vorwärts- Veilaq S. m. b. H., Berlin. Druck: Borwärts-Buchdruckerci und Verlaasanstalt Paul Singer u. Ca., Berlin SW S». Lindenstraße 3. Komische Oper Sxlt Dir. James Klein 81/« Die große Revue Berlin ohne Hemd! Allabendlich 4 30 Uhr Die sentatlonelle Einlage: Satans Brantnacht! Uebcr 200 Mitwirkende! vorwärts I Krlegsiahrgiinge gesucht. Lagerkarte 91 Steglitz. Gardinen! Berliner||ik-TriG Neukölln, Uhnslr. 74 75 1 Pholoapparaie Bedarlsartihel Entwickeln- Kopieren gut und preiswert Photo- SpezUlhaus Haller KotlBuier Damm 98 in Künstler- uardinen. «adras- Gardinen. Stores... dettdecken i beul«.. Bettdecken 2 bettig. Spn.-Ginüneii weilst. Neukölln, Bergstr. 67 am Rm bahnhof Kein Laden! Hausmasik aal Kredit! iiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii Erstkl. Sprech- Apparate iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiuiiHiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiui j mit Platten zugäbe. 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