MbenSaasgabe Str. 351 ♦ 43. Iahrgaag Msgabe B Nr. 173 9«iuejMihtatni«es oat VnaeSgemrutf« sind in btt fDhrcenaxisQait engtatbta BebatUoa: Sm.68, Cinbcnffrabe 3 S«rnfpr-ch«r: VSuhoft 292— 287 XeI.'*6t(fTe:Sejlal6cmo(caf v«rU» Vevlinev VoMsvl�tt (lO Pfennig) Mittwoch 2S. Juli 1g2H Zerlaz und Anzeigcnabtcilunn: Seschäftszeit bis S Uhr Verleger: vorwärl». Verlag Gmby, verlla STD. 68, Lindeastrabe 3 Z-ralpr-cher: Dönhoff 292— 292 Zentralorgan der Sozi aldemokrati fchen Partei Deutfcblands Personenwechsel in Magdeburg. Kriminalkommissar Busdors zurückgerusen. Der AmMche preußlsche Pressedleusk schreibt: Zu der Magdeburger ZNordsache Helling sind an Stelle des aus disziplinaren Gründen abgelösten Kriminalkommissars lcn hold die verliuer Kriminalbeamten Kriminalober. inspektor Dr. R i e m a u n und Kriminalkommissar Braschwitz von kriminalpollzeilicher Seite mit den weiteren Ermittlungen be- auftragt worden. Sie werden uuoerzügllch in Magdeburg ihre Tätigkeit unter Leitung des llnlersuchungsrichter» aufnehmen. Kriminalkommissar Busdors. dessen k r i m i n a l i- stische Verdienste auch von den leitenden Beamten der Magdeburger Zustizbehörde auertanat werden, fährt lediglich im Interesse einer gedeihlichen Führung der Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Behörden nach Berlin zurück� Für den beurlaubten Leiter der Magdeburger Kriminalpolizei Kriminaldirektor Müller übernimmt der Krimlnalpolizeirat k u n h e zunächst v e r- trelaugsweise die Führung der kriminalpoNzeillchen Geschäfte. 0 Diese amtliche Mitteilung ist das Ergebnis des am gestrigen Tage in Magdeburg abgeschlossenen A o m p r o- Misses zwischen den Beaufiragten der Berliner Zentral» behörden und den örtlichen Stellen. Auf den ersten Blick erscheint dieses Kompromiß insofern als u n b e f r i e d i» g e n d, als der Berliner Kriminalkommissar B u s d o r f Magdeburg verlassen muß, obwohl er im Gegensatz zu den dortigen Stellen, die mehr als versagt haben, Hervor- ragendes geleistet hat. Man kann sogar sagen, daß das ein- ige, was in der Mordsache Helling positiv im Sinne der lufklärung dieses Verbrechens geleistet wurde, allein auf Busdorf zurückgeht, während die Tätigkeit des Untersuchungs- richters und der Magdeburger Kriminalbeamten eine A n- Häufung von Unzulänglichkeiten, Fahrläs- sigkeiten und Pflichtwidrigkeiten darstellt. Das amtliche Communiquö stellt übrigens die hervorragenden Verdienste Busdorfs ausdrücklich fest und bildet daher für ihn eine erste moralische Genugtuung, die zugleich eine schallende moralische Ohrfeige für den Unter- s u ch u n g s r i ch t e r K ö l l i n g ist, der das Zusammen- arbeiten mit ihm ablehnte. Das amtliche Communiquö deutet zwischen den Zeilen unverblümt an, daß Busdorf nur deshalb abberufen wurde, weil nach der bestehenden Gesetzgebung dos formale Recht auf der Seite des Untersuchungsrichters stand. Das Ministerium des I n n e rn hat wenigstens in Magdeburg das eine erreicht» daß der Untersuchungsrichter sich verpflichten mußte, in Zukunft mit den ihm benannten neuen Berliner Kommissaren zusammenzuarbeiten. So besteht die Hoffnung, daß nunmehr in absehbarer Zeit ein völlig Unschuldiger wieder in Freiheit gesetzt werden wird, und daß der wirkliche Mörder, der offenkundig kein anderer ist, als Schröder selbst, überführt werden wird, was unmöglich war, solange Kölling und Tenhold gehorsam äi! A nach seiner Pfeife tanzten. Das Innenministerium hat somit das Aeußerste getan, wäs es tun konnte, um dem Magdeburger Skandal ein Ende zu bereiten Daß es nicht mehr hat erreichen kön- nm, liegt eben an der Machtfülle, mit der die Richter gesetzlich ausgestattet sind, und gegen die es heutzutage geradezu unmöglich ist, erfolgreich anzukämpfen. Wirrwarr in Ser Untersuchung. Magdeburg. 28. Juli, l(Eigener Drahtbericht.) Zunächst ein« Feststellung: Im Juni 1326 wurde das Verschwinden Hellings angezeigt. Die Bearbeitung des Falles wurde dem Kommissar ten Holt übertragen, ohne daß es diesem gelang, auch nur eine einzige Spur zu ermitteln. Die Sache schien im Sande zu verlaufen. Als die falschen Schecks auftauchten, wurde mit der Ermittlung Kriminalkommissar Rückriem beauftragt. Dieser »ahm auf Grund der Beschreibungen, die von dem Scheckschwindler gegeben wurden, auf der Straße den Schröder fest. Die weiteren Er- nii-llungen führten Rückriem auf die richtig« Spur. Die Schecks wurden als aus dem Besitz Hellings stammend erkannt und die Auf- findung der Pfandschein« brachte, die goldene Taschenuhr und die Armbanduhr Hellings zutage, und zwar in K ö l n, wo die B r a u t des Schröder wohnt. Aus unbekannten Gründen wurde nach diesen Feststellungen Rückriems, di� Schröder als den Mörder Hellings erkennen ließen, die weitere Bearbeitung des Falles dem Kommissar ten Holt übertragen. Bei ihm wurde aus dem großen, bloodea. schnurrbärtigen„Adolf" der kleine, schwarze und barllose Rudolf Haas. Gfegen Haas wurde die Sache auf M 0 r d geführt, gegen Schröder schwebt aber bis heut« noch lediglich ein Ver- fchren wegen Diebstahls, Betrugs und schwerer Urkundenfälschung. Monatelang hielt man es nicht für nötig, in der Wohnung Schröders in Großrottmerslsben ein« Haussuchung abzuhalten. Entgegen seinem Austrag«, worüber der Untersuchungsrichter sich öffentlich beklagte, fand Kriminalkommissar Busdorf die Leiche in Groß-Rottmersleben und machte auch sonst allerlei Feststellungen, die Schröder als den Mörder erkennen ließen. Der Untersuchungs- richter entwickelte folgende Theorie: Haas hat den Helling nach der Tschechoslowakei abgeschoben und dort ermorden lassen. Di« bei Schröder gefundenen Wertsachen samt Scheckbuch hat er sich von den Mördern gewissermaßen als Beweis für den ausgeführten Austrag übersenden lassen, und zwar in einem Akten- Umschlag, den Schröder dem ihm nur als„Adolf" bekannten Haas bei einer Autofahrt aus der Manteltasche gestohlen habe. Da ergibt sich doch die naheliegende Frage: Wenn schon der Untersuchungs- richter den Haas für den Mörder hielt, warum ist nicht«ine gründliche Haussuchung bei Haas abgehalten worden? Warum ist nicht nach dem Derbleib der Brief- tasche, des Siegelringes und des Derlobungsringes geforscht worden? Warum hat man nicht versucht, das Fahrrad zu finden, mit dem Helling am 10. Juni von zu Hause wegfuhr? Warum ist bei Haas nicht nach der Kleidung gesucht worden, die „Adolf", bzw. der Mann in Chauffeurkleidung trug, der den Helling am 1l>. Juni in seiner Wohnung besuchte und zum Ausgehen ver- leitet«? warum bleibt der Schriftsetzer Fischer in hast? Untersuchungsrichter Kölling hat den Chauffeur Große nicht in Haft genommen, weil ihm die Derdachtsgründe nicht ge- nügten, obwohl er sie gar nicht geprüft hatte! Warum behält er Fischer in Haft? Gegen Fischer liegt nichts vor, als die durch keinerlei Tatsachen erwiesene Behauptung des Schrö- der, er habe die Bekanntschaft mit.Adolf" vermittelt. Schröder hat eine ganze Anzahl anderer Männer viel schwerer belastet als gerade Fischer, z. B. das Personal des tschechoslowakischen Konsulats, den Chauffeur Reuter usw. Warum galten Schröders Angaben allein gegen Fischer als anscheinender Haftgrund? Warum fft Fischer erst durch ten Holt festgenommen worden, während Kom- missar Rückriem, der den Fischer auf Grund der Anzeige Schröders ermittelte, eine Festnahme für unnötig hielt. Gegen die Forderung auf Freilassung von Rudolf Haas mögen immer noch die Aussagen der vereidigten halbblinden Frau von Rottmersleben ins Feld geführt werden, die Fortdauer der Haft von Fischer läßt sich aber nicht durch eine einzige tatsächliche Unter- läge begründen. Der wassensachverständige köllings. In einer amtlichen Mitteilung ist angegeben worden, die im Schädel Hennings gefundenen Kugeln seien von 9 Millimeter Kaliber, während der im Besitz Schröders gefundene Revolver eine 7 Millimeter-Waffe ist. Wer ist der Waffensachverständige, der diese Feststellung getroffen hat? Es muß ein blutiger Laie gewesen sein, der sich durch die Deformation der Mordkugeln täuschen ließ. In Wirklichkeit sind die Kugeln, mit denen Henning erschossen wurde, und der Revolver Schröders von gleichem Kaliber. Zurzeit wird von einem Sachverständigen untersucht, ob nicht Helling mit Schröders Revolver erschossen wurde. Mistbrauch der Justiz durch reaktionäre Richter? Aus Magdeburg werden Dinge bekannt, die wie Vor- spiele zu einem ungeheuerlichen Iustizskandal anmuten. Am 21. Juli berichtete die„M a g d e b u r g i s ch e Zeitung": .Am Dienstag mußte sich bereits mit dieser Frage da» Richterkollegium beim Magdeburger Land- g e r i ch t befassen und entschied dabei, daß es mst der Magdeburger Polizei allein weiterarbeiten wolle." Darauf stellte am 22. Juli unser Parteiblatt in Magde- bürg, die„V o l k s st i m m e", fest, daß dies Kollegium keine Befugnisse habe. Es sagte: .Wie kommt das Landgericht Magdeburg zu einem Beschluß, zu dem es keinerlei Berechtigung besitzt? Wie ist die Nachricht von diesem Beschluß in die Presse gelangt? Warum werden die Gründe zu diesem Beschluß verschwiegen?" Nun geht das„Berliner Tageblatt" auf diese Fragen ein, und teilt mit, daß das Richterkollegium noch andere Beschlüsse gefaßt Habe: .Uns wird mitgeteilt, daß, was noch viel peinlicher wäre, dies „Richterkollegium" auch in Sachen Bewersdorff schon zu- sammengetreten ist. Das war damals, als der Reichstagsabgeord- nete Landsberg gegen Bewersdorff und S ch u l tz e seinen vernichtenden Angriff in der Zeitschrift„Die Justiz" gerichtet hatte. Wir haben dies« Ausführungen seinerzeit in allen wesentlichen Teilen wiedergegeben. Damals trat, so wird uns berichtet, das „Magdeburger Richterkollegium" zu einer natürlich geheimen Sitzung zusammen. In dieser wurde man dahin schlüssig, daß die angegrifsenen Richter Bewersdorff und Schultz« weder gegen Landsberg noch gegen die feine Ausführungen übernehmenden Berliner Blätter Klage erheben sollten. Davon versprach man sich keinen Erfolg. Wenn aber die„Magdeburger Volksstimme" die Ausführungen übernehme, dann sollte gegen diese in Magdeburg vorge- gongen werden. Da dos Magdeburger sozialdemokratische Organ die Ausführungen Landsbergs nicht veröffentlichte, konnte dieser Beschluß nicht zur Ausführung kommen. Wir fragen das Magde- burger Richterkollegium, wir fragen insbesondere den Magde- burger Landgerichtspräsidenten, ob diese uns über- mittelte Nachricht, die wir zunächst nur mit Vorbehalt wiedergeben, wirtlich zutreffend ist." Es entsteht also der Eindruck, daß am Magdeburger Landgericht eine Gruppe reaktionärer Richter in Beratung gemeinsame Aktionen beschließt— politische Aktionen, die mit der amtlichen Aufgabe der Richter nichts zu tun haben. Das Justizministerium wird den Angaben des„Ber- liner Tageblatts" nachgehen müssen. Das Zührerproblem. Anmerkungen z« einem Buch. Von Friedrich Stampfer. Das berühmteste Buch vom politischen Führer, Machiavells „Principe", wandte sich an einen eng begrenzten Kreis von Adeligen und Gelehrten des Italien der Renaissance. Es wäre ja auch zwecklos gewesen, ein solches Buch für Bauern und Tagelöhner zu schreiben, die nicht nur ohne politischen Einfluß waren, sondern auch nicht einmal zu lesen verstanden. Das neueste Buch vom politischen Führer ist nun in einer Schriftenreihe erschienen,„Schriften zur Zeit", die von August R a t h m a n n und Franz O st e r r o t h in Verbin- dung mit Radbruch, Bröger und Sinzheimer bei I. H. W. Dietz herausgegeben werden. Es wendet sich an die ganze Jugend des deutschen Volkes, vor allem an die Ar- beiterjugend. Sein Titel ist:„Führer und Masse in d e r D ein q k r a t i e", und sein Verfasser ist der Redakteur am„Vorwärts" Curt Geyer. Der Ruf nach„geistiger Führung", den Curt Geyer er- hebt, ist nach ihm selbst„ein Ruf an die neue Generation", „eine Mahnung an alle anonymen Kräfte". Und so ist sein ganzes Buch ein Appell an die Namenlosen der Gegenwart, die einmal die Namensträger der Zukunft fein werden. Zu Zeiten Machiavells gab es für den Sohn des Volkes nur einen Weg, zu öffentlichem Einfluß zu gelangen: den über die K i r ch e. Heute geht dieser Weg über die Partei. Parallelen zu ziehen wäre reizvoll, führt aber vom Wege zu weit abseits. Genug, darauf hinzuweisen, daß Geyer dem Hader, in dem sich die junge Generation mit dem„Kollektiv- willen" der Partei befindet, kräftigen Ausdruck verleiht. Mögen sich die Jungen sagen lassen, daß den Alten diese Ge- fühle nicht fremd sind. Es gibt in der Demokratie keinen Führe r, der sich nicht mitunter gegenüber dem Kollektiv- willen der Partei in persönliche Ohnmacht zurückgeworfen sieht, der sich nicht manchmal knirschend fügen müßte. Man könnte daraus, auf die Parallele zwischen Kirche und Partei zurückgreifend, schlußfolgern, daß ohne ein erhebliches Maß von innerer Disziplin, von S e l b st z u ch t, keine neue Macht entstehen kann, und daß solch? Selbstzucht vor allem auch denen not tut, die einmal selbst Führer werden wollen. In der Demokratie entscheidet die Mehrheit. Der Führer aber ist ein einzelner, der einem Ganzen die Züge seines Geistes aufprägt. Dieser scheinbare Gegensatz schließt das Problem der Führerschaft in der Demokratie in sich ein. Wir können uns nicht lange aufhalten bei der Vorstellung des„charismatischen Führers", des Führers von Gottes Gnaden, des personifizierten Wunders, des Heilands und Retters, der in der Gedankenwelt der Diktaturapostel und Faschisten eine so große Rolle spielt. Geyer verwirft diese Ausgeburt einer naiven Spiehbllrgerromantik nachdrück- lich. Auf der anderen Seite sind aber auch wir Sozialdemo- kraten längst aus dem Stadium heraus, in dem wir den Begriff des Führers nicht gelten lassen wollten» weil er einem letzten Ideal der Gleichheit zu widersprechen schien.„Wir haben keine Führer!" hieß es einst. Demgegenüber erklärt Geyer: Wir haben Führer in der Sozialdemokratischen Partei, wir haben Führer in der sozialistischen Bewegung über den parteimäßigen Rahmen hinaus, wir haben Führer in den Gewerkschaften aller Richtungen, wir hoben Führer von politischen Parteien, von sozialpolitischen Bewegungen, wir haben Führer der großen demo- kratischen Volksbewegung... Wir haben auch Führer jener jungen und zukunftsfrohen Bewegung, aus der der Ruf nach Führern im besonderen kommt. Wie ist es also? Hat Carlyle recht, und machen M ä n n e r die Geschichte? Oder sie ist, wie es ein mißverftänd- lich vergröberter Marxismus möchte, nichts anderes als ein automatischer Ablauf von Massen erscheinungen? Hier verläuft sich das Führerproblem in das Problem der mensch- lichen Willensfreiheit überhaupt. Geyer erkennt richtig, daß alle Politik aufhört, wo die Möglichkeit negiert wird, den Gang der Ereignisse durch persönliche Willens- äußerung zu beeinflussen. So erscheint denn auch das Ver- hältnis zwischen Führerwillen und Massenwillen als stete Wechselwirkung:„Der Massenwille ist ebensosehr das Pro- bukt des Führerwillens wie umgekehrt. Demokratie ist die Herrschaft der Mehrheit, zugleich aber auch die Freiheit und die Chance, den Massenwillen zu beeinflussen." Für die Führerschaft in der Demokratie gilt daher das- elbe, was Goethe von der Freiheit sagt: Nur der verdient "le, der täglich sie erobern muß. Sie kann nicht durch Er- folge, die in der Vergangenheit liegen, für Lebenszeit er- worden, sondern nur durch immer neue Bewährung der Führer eigenschaften erhalten werden. Führer ist nicht, wer Führer heißt, sondern wer wirklich führt. Daraus er- ibt sich— bei der Vielgestaltigkeit unseres gesellschaftlichen iebens—, daß ein einzelner überhaupt nicht in allen Fragen Führer sein kann, weil eben keine einzelne Person alle Eigenschaften, Fähigkeiten und Kenntnisse in sich vereinigen kann, um überall für sich allein den Ausschlag zu geben. Darum wäre es— wenigstens auf unsere Partei bezogen— vielleicht' richtiger, statt von„Führern" von einer„Führung" zu reden, deren Personenkreis und deren Spitze veränderlich sind. Wobei sich, wohlverstanden, die Veränderungen keines- falls immer durch Neuwahlen innerhalb der Organisation vollziehen, sondern vielmehr so, daß je nach Lage der Um- stände bestimmte Personen und fallweise sich bildende Gruppierungen die tatsächliche Führungsfunktion über- '-ehmen. Auf diese Weise bleiben die Grenzen zwischen Führer und Masse flüssig, und in der Führung vollziehen sich Aende- rungen, ohne daß zum„Absägen ganzer Führergarnituren" gegriffen wird, wie sie bei den Kommunisten ständige Hebung ist. Es liegt in der Natur des Gegenstandes, daß Geyers Buch über die Enge des eigentlichen Themas» des Führer- Problems, weit hinausgreifen muß. Wo es zu einem welt- anschaulichen und politischen Bekenntnisbuch wird, da wird es besonders interessant. Sein Sozialismus ist organisch verbunden mit der Demokratie, die es als„eine sitt- liche Grundforderung, als menschliche Grundstimmung und Willensrichtung", die„nur vom Menschen her verstanden werden kann", definiert. Neben dem rein Verstandes- mäßigen räumt es dem Gefühls- und Willensmäßigen einen weiten Plag ein. So ist denn auch Geyer, weitab von jedem wissenschaftlich drapierten Fatalismus, stark a k t i v i st i s ch. Sozialistischer Attivismus in der Demokratie ist aber nicht „ungestümer Wille zur Opposition", sondern„ungestümer Wille zur Regierung".„Ein Wille zur Regierung— nicht die Resignation, daß man von Fall zu Fall auch an der Regierung teilnehmen müsse wie an einem schlechten Geschäft. Ein Wille zur Regierung, der verbunden ist mit Hochspannung der Idee." Geyer kommt zu dem Schluß: Der Vorwurf, daß die Sozialdemokratische Partei unter dem Fäsarismus herrfchaftsmählger Führer lltte, ist lächerlich. Der Borwurf, daß die bloße Routine auf Kosten der Idee zu stark betont werde, ist ernsthaft.... Die wirksame organische Einheit der Funktionen der Hochspannung der Idee und Handhabung der politischen Mechanik bleibt zu finden. Dasselbe Problem hat einmal Victor Adler in die Worte zusammengefaßt:„Mit dem Ovportunismus kann man alles, nur eines nicht: man kann sich nicht für ihn be- , geistern." Wo„Hochspannung der Idee" ist, da ist Be- g c i st e r u n g. Aber, wo es gilt,„die politische Mechanik zu handhaben" und die zähen, trägen Dinge in der Richtung auf die Idee ein mehr oder weniger bescheidenes Stückchen vorwärts zu schieben, da kommt man über die Notwendigkeit des Sichanpassens an die gegebenen Umstände,°über einen gewissen Opportunismus nicht hinweg. Dieser unglückliche Gegensatz, an dem wir alle leiden, ist glücklicherweise zeitlich bedingt und nicht unüberwindbar. Er wird überwunden durch die zunehmende politische Schulung der Mallen. Je größer der Teil von ihnen wird, der geistig zu den Aufgaben der Führung heranwächst, der imstande ist, sich in diese Ausgaben hineinzudenken, der insbesondere de- greift, daß die Partei nicht bloß um ihrer selbst willen, ion- dem um des arbeitenden Volkes willen da ist und daß nicht Fordern und Kritisieren, sondern Verwirklichen und Durch- setzen die beste Werbearbeit ist— desto eher wird es möglich sein, zwischen den„Funktionen der Hochspannung der Idee und der Handhabung der politischen Mechanik" jene„or- ganijchs Einheit" herzustellen, die Geyer verlangt. Geyers Buch ist alles andere als eins platte Agitations- schrift. Es ist keine kritiklose Verherrlichung der Partei. Aus ihm spricht sorgende Liebe zur Sache des d e m o t r a t i- schen Sozialismus selbst, der sich ein starker Geist mit starker Ueberzeuguug zugewandt hat. Daß Geyer auch nach Heberwindung seiner politischen Sturm- und Drangperiode cin'Prodlemsteller, ein Suchender bleibt, ist nicht das Schlechteste an ihni. Dmn gerade das macht ihn zu einem Wortführer eben jener jungen Generation, die keine fertigen Resultate serviert haben, sondern sich ihren eigenen Weg er- kämpfen will, und die— in welchem Lager sie heute auch immer stehen mag— mit ihrem Drang nach neuer Erkennt- nis und neuem Schaffen unser aller Hoffnung ist. Die Schlebsverlrage Oesterreich» mit Polen und Schweden wurden vcin österreichischen Nationalrat genehmigt. Geschichten von Mark Twain. Erzählt von Paul Stecgemann. Von den großen deutschen Dichtern, ausgenommen Wedekind, Hartlebcn und Bierbaum, gibt es keine intimen Anekdoten, die durch ihre abseitigen Situationen amüsant und charakteristisch sind. Was aibt es für freche Geschichten von Bernard Shaw, was liegen da für bedenkliche Aufzeichnungen über Anatole France vor... Wäre ja etwas über Thomas Mann, über Gcrhart Hauptmann möglich? Ach Gott, sind die Leute seriös... Unser guter Thomas Mann erscheint wie der olle ehrliche Gustav Freytag. und Gerhart Haupt- mann ist schon längst der Weimarer Geheimbderath. Plaudern wir von lustigen Dingen. Von Mark Twain. « Mitunter ging er auch gelegentlich zur Ktrche� Diesmal besonders angereizt durch die Reklame des Pastors, daß seine Predigt nur fünfzehn Minuten dauern sollte, interessant und erquickend sei. Das ging zuerst ganz gut. Der Dichter war so erfreut, daß er innerlich beschloß, mindestens hundert Dollar In den Klingelbeutel zu tun... Leider hielt der Pastor nicht sein Versprechen, dafür seine Predigt desto länger. Nach drcizig Minuten reduzierte Mark Twain sein Geschenk aus fünfzig Dollar. Nach vierzig Minuten war er willig, nur noch zehn zu geben. Und als endlich der Klingelbeutet zu ihm kam, der Pastor egal- weg weiter predigte, stahl der Dichter kurz»ntschlosten zwanzig Cents. * Als Mark eines Tages eine kleine Dampferreise machen sollte, so die Küste runter, von New Pork südlich, da bekam er als Kajüt- genossen einen Major H. Reynolds. Das freute ihn. Denn dieser Major war von der Heilsarmee und hieß mit Dornamen Mary. « Weil Mark Twain einen ganz großen Mandarin beleidigt hatte, bekam er acht Tage Gefängnis.. Das war noch in seiner goldenen Jugendzeit. Später fragte ihn ein Reporter über sein« Eindrücke. .Ach Gott, lieber Freund, wenn man im Gefängnis näher zu- �ieht, dann entdeckt man, daß es auch da Schurken gibt, wie überall." « Was tut man. wenn der intimste Feind plötzlich vom Blitz er- schlagen und beerdigt wird? Man hält möglichst eine kleine Leichen. rede. Aus Gründen der Objektivität. Das tat auch Mark. Er sprach so:„Unser wertvoller Freund hatte kein lange» Krankenlager zu überstehen, kein Siechtum. Cr starb schnell und schmerzlos. Der liebe Gott drückte auf den elektrischen Knopf im Himmel. Und so wurde der teure Verblichene hingerichtet." Hürtner. ?as bayerische Justizministerium schweigt. Das bayerische Justizministerium s ch w ei g t auf die Anklage, die der Reichstagsabgeordnete Genosse L e v i in voller Oesfentlichteit gegen den Justizminister G ü r t n e r erhoben hat. Die einzige Erklärung, die aus München zu dieser Anklage zu erhalten war, lautete, die Anklage sei„unbegründet". Die Anklage verwies ausdrücklich auf Borgänge, die aktenmäßig festgelegt sind. Mit dem Gestammel„unbegründet" sind diese Vorgänge nicht aus der Welt zu schaffen. Ein Mitglied des bayerischen Slaatsministeriums ist auf das schwerste angeklagt. Wird das bayerische Staatsministe- rium schweigen?_ Oer Volksopferprozeß. 10 000 Mark von der deutschen Nothilfe gepumpt und an die nationalen Verbände weitergegeben! Dresden, 28. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Der Angeklagte Meißner, der in der ersten Instanz mit der hochgestellten, aber unbekannten nationalen Persönlichkeit operierte und diese als Geld- geber bezeichnete, von deren Geld er die Zuwendungen an die natio- nalen Organisationen bestritten habe, hat nunmehr auf das Bor- schieben des großen Unbekannten verzichtet und gibt zu, daß die frag- lichen Gelder dem Polksopfer entnommen worden sind. Im weiteren Verlaus der Verhandlung teilt der Vorsitzende mit, daß die L a d u n g desZcugenUth.der über die Verwendung eines Darlehens an die Reichswehr gehört werden sollte, daß Uth in Wien verunglückt sei. Kurz darauf w»rde das Gericht von der Reichswehr unterrichtet, daß Uth in Berlin zur Verfügung stehe. Das Gericht hat die Ladung des Zeugen angeordnet. Die Aussagen des Angeklagten Gründet brachten nichts Neues: Ich hotte eines Tages dem Kapitänleutnant v. Abendroth gesagt, daß Meißner für den Nationalen Klub Gelder aus dem Polksopfer entnommen habe. Von Abendroth er- widerte hierauf nichts. Meißner bezeichnete seine Reise nach St. Moritz, die er im ersten Prozeß als politische Mission hinstellte, heute als„krankhafte Ein- dildung". Zuerst habe er bewußt die Sache wahrheitswidrig dar- gestellt, dann aber angefangen, selbst daran zu glauben. Etwa K 0 0 0 M. hat er dem Wirtschaftlichen Nachrichtendienst des Industrieverbandes gegeben. Dieser Nachrichtendienst, von dem Meißner erklärt, daß seine etwa 8 Abteilungen im wcsent- lichen der Bekämpfung des Marxismus dienen, hat das Darlehen später on Meißner zurückgezahlt, dieser hat es aber nicht wieder dem Volksopser zugeführt, sondern aufs Neue für den Nach- richtendienst verwandt. Zu einer Zeit, als die Kasse des Volksopfers infolge der häufigen Inanspruchnahme leer geworden war, wandten sich Meißner und Lösfler andie Deutsche Nothilse in Berlin. Sie erhielten ein Darlehen von 10 000 M auf den Namen des Volksopfers, das nach 2 Wochen zurückgezahlt werden sollte. Nach der Rückkehr nach Dresden, wo man anscheinend schon auf Geld wartete, wurden 6000 M. an nationale Verbände gegeben. Was Meißner mit den restlichen 4000 M machte, ist nicht bekannt geworden. Meissner erzählt dann weiter von seinen„trankhaften Cinbil- düngen". So habe er als Kind einmal eine zeitlong fest daran ge- glaubt, daß er nicht da» Kind seiner Eltern sei. Sollte Meissner mit diesen„krankhaften Einbildungen" etwa dem Psychiater winken? Oie ßahnensckänöer von Konstanz. Freispruch der Reichswehrsoldaten. Konstanz, 28. Juli.(WTB.) Vor dem hiesigen Schöffengericht wurde das Urteil gegen die beiden Reichswehrsoldaten und drei Gymnasiasten gefällt, die am 22. Mai d. I. an der Rheinbrücke einen Wimpel der Schwarz-Rot- Goldenen Fahne heruntergerissen hatten. Der Gymnasiast Kienel erhielt wegen Vergehens gegen das Rcpublitschutzgesetz 1 4 T a g e G e> f ä n g n i s unter Bewährungsfrist bis 1S29. Di» übrigen Ange- Das Mark Twain guic Bücher schrieb, weiß heute die ganze Welt. Daß er aber auch Mitinhaber seines eigenen Verlages war, publiziere ich hier. Na, schön. Mark benötigte expreß ein Exemplar seines Tom Sawyer. Er tritt in den nächsten Buchladen, entlarvt sich als Verleger und be- kommt 50 Prozent Rabatt. Nun aber, sagt er, bin ich auch der Autor des Buches. Als solcher bekomme ich immer vom Verleger 50 Prozent Rabatt. Er bekommt. Und was kriege ich als alter Kunde? Haben Sie mir bislang nicht immer 25 Prozent gegeben? Er bekommt. Er bekomint einen Dollar und das Buch. So macht man i» Amerika Geschäfte, Anekdoten und wird weltberühmt. Momentaufnahme. In einer Arbeitergegend, einem Teile der Stadt alfii, der sich kaum durch Schönheit und Wohlstand auszeichnet, klebt an den Lit- fahsäulcn ein schönes, stilklares, buntes Plakat: unter dem hohen Alpcnoiadukt, der sich weiß vom tiefblauen Himmel abhebt, leuchten rot die Dächer eines anscheinend entzückenden Ortes. Darunter steht: „Der Weg zu Kraft und Gesundheit führt nur über Davo»." Es läßt sich gegen dieses Plakat, das künstlerisch auf sehr hoher Stufe steht, gewiß nichts einwenden, und gegen die Behauptung, die es trägt, allenfalls die reklamepsychologisch gut erklärbare Spezialiste- nrngssucht, als ob nur in Donos und nirgends wo anders schwache Menschen stark und kranke Menschen gesund werden könnten. Grotesk wirkte nur die Plazierung dieser Propaganda, die doch eigentlich nur für reiche Leute berechnet sein kann, und ferner, daß just an d i e s e» Plakat ein Kriegskrüppel gelehnt war� der Streichhölzchen verkaufte, ein Krüppel stumpliger Beine, dürren Körpers, zittriger Hände, welken Gesichts, stumpfen Blicks, kein Mensch mehr, nur noch Tlendssigur, ein Rcstchen„Große Zeit". Es war wohl nicht Absicht, daß das Wrack gerade vor dem Daooser Gesundheitsvlakat saß, es war wohl nur reiner Zufall, derselbe Zufall, der diesen Bruder Mensch vor dreißig Iahren In einer Proletarierwohnung und nicht in einer Villa geboren werden ließ, derselbe Zufall, der ihn in Frankreich viermal hintereinander ins Trommelfeuer jagte, derselbe Zufall, der ihm mirnicht» dirnicht» zwei Beine abriß, derselbe Zufall. Immerhin könnten Menschen, wclche gleichfalls eher auf Pflaster- steine als auf Rosen gebettet sind, bei Betrachtung dieser Moment- aufnähme auf den Gedanken kommen, daß es nicht gerade nötig ist, alles diesem blinden und oft so gemeinen Zufall zu überlassen. _ Erich G o t t g e t r e u. Da» Kölner Kunstgewerbe-Museum in neuer Gestalt. Prof. Karl Schaefer, der Kölner Museumsdirektor, hat jetzt bei der Reu. ordnung des dortigen Kunstgewerbemuseums den Ruf, den er der Ncugestaliung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte in Lübeck oerdankt, ause neu« bewährt und eine Sammlung ausgebaut, die dein Besucher etwas von der wohnlichen Freundlichkeit kultivierter Privat- fammlungen vermitteln und den unvermeidlichen Museumsleichen. geruch vergessen lassert kann. Wie Ernst»cheyer in der Wiener Kunstzeitsehrist„Bclvedere" berichtet, ist dieser Erjolg um so mehr klagten wurden freigesprochen. Die Gymnasiasten waren kurz nach der Tat aus der Anstalt ausgewiesen worden. Außerdem hatten sich vor dem Schöffengericht 2 3 Schüler des hiesigen Technikums wegen Zweikampfesmittödlichen Waffen zu oerantworten. Die Angeklagten waren beschuldigt, am 16. März d. I. im Saale eines hiesigen Gebäudes mit icharf ge- schliffenen Waffen Mensuren ausgetragen zu haben. Sämtliche Studenten wurden zu drei Monaten Festungshaft sowie zur Tragung der Kosten verurteilt. Es wurde ihnen Bcwährungssrist zugebilligt. polizeitag in Sochum. Tie Aufgaben der Schutzpolizei in der Temokratie. Am 26. und 27. Juli fand in Bochum ein r h e i n i s ch- w e st« fälischer Polizeitag statt, den die Freie Vereinigung für Polizei- und Kriminalwissenschaft in Verbindung mit dem preußischen Innenministerium, der Bereinigung der Polizeioberbeamten des rheinisch- westfälischen Industriegebietes, der Westfälischen Verwal- tungsakademie veranstaltete. Zahlreiche Borträge behandelten das Problem der Schutzpolizei und die Stellung der Polizeibeamten zum demokratischen Staat. Erfreulich war es. daß allgemein ancr- könnt wurde, daß sich die Stellung der Polizei im modernen Staat grundlegend geändert hat. So führte Polizeischuldirektor L. B a r t e l s in einem Dortrag über„Polizei, Publikum, Presse" aus, daß sich der Polizeibeamte nicht mehr wie in den Zeiten des Obrigkeits- und Polizeistaates alsVorgesetzterdesPublikums fühlen dürfe, sondern seine Tätigkeit darauf einstellen müsse, daß er Be- amter eines geordneten Rechtsstaates sei, in dem das Boll der Souverän ist. Nicht minder beachtenswert war es, wenn Polizeioberst Kray- Hannover in seinem Referat über die wassentechnijche Ausbildung der Schutzpolizei betonte, daß sich der Polizeibeamte ein m ö g l i ch st rücksichtsloses Vorgehen zum Prinzip machen müsse. Der Referent führte aus: Der Polizeibeamt« muß durch Planspiel lernen, daß er nicht gegen äußere Feinde kämpft, sondern den Versuch, ohne Waffengewalt auszukommen, nie außer acht lassen darf, ebenso, daß er nicht allein kämpst. sondern stets an die Der- bindung nach oben und nach unten denken muß. Er muß lernen, sofort nach Beendigung des Kampfes verwundeten Aufstän- d i f ch e n jede mögliche Fürsorge angedeihen zu lassen. Er muß lernen, wie er sich zunächst unbewassncten und bewassneten Massen gegenüber verhält und wenn es zum Kampf kommt, welche Polizei- taktischen Grundsätze zum Ziele führen. Bei politischen Un- ruhen sind ganz andere Mittel vonnöten, als bei solchen w i r t» s ch a s t l i ck e r Art. Lebhafte Beifallsäußerungen rief die Mitteilung des Ministeriol- direktors S t e g y hervor, daß Minister Severins auf seinem Platz zurückgekehrt sei und der westdeutschen Polizeibcamtenschast herzliche Grüße übermitteln losi«. Oer Sauplan öes Mittellanökanals. Er wird vollendet. Die am 26. Juli abgehaltene Besprechung zwischen dem Reich und den am Mittellandkanal beteiligten Ländern hat zu dem Er- gebnis gesührt, daß Reich und Länder über folgenden im Rahmen des Arbeitsbeschaffungsprogramms auszuführenden Bauplan einig sind: Vollendung des Hauptkanals(Peine bls Burg) ein- schließlich folgender Teile des S ü d f l ü g e l s: Kanal von Leipzig bis Ereypau, Saalekanalisierung von Creypau bis Halle und Zweigkanal Bernburg— Leopoldshall— Sta ß- furt. Verbunden mit diesen Anlagen ist ein Z w e i g k a n a l nach Braunschweig sowie ein Elbabstieg nach Rothensee und R i e g r i p p. Dieses Bauprogramm soll in Angriff genommen werden, sobald die den Ländern zugegangenen Berträge über die Vollendung des Mittellandkanals unterschristlich vollzogen und dem Reich wieder zu- gegangen sein werden. An dem Zustandekommen der Verträge in kürzester Frist dürfte nicht mehr zu zweifeln sein. cnzuerkennen, als er unter nicht gering zu schätzenden Schwierigkeiten pekuniärer Art und im ständigen Kamps gegen unglückliche bauliche Gegebenheiten erreicht wurde. Da» Kölner Kunstgewerbemuseum in seinem Renaissancestil ist der Museumsbou wie er nicht sein soll. Schacser hatte es sich zur Ausgabe gestellt, den historischen Ablauf insbesondere niederrheinischen Kunstschasfens deutlich zu machen. So wird eine durch ein ganz bestimmtes landsckostliches Temperament geprägte Kunst durch den Wandel der Jahrhunderte oerfolgt. Der Plan geht dahin, rheinische Kunst von der karolingischen Epoche bis zur Gegenwart zu zeigen, wobei Dorbilder und Parallelen aus den anderen Teilen Deutschlands und Europas nicht fehlen. Aus Raum- Mangel ist dieser Entwicklungsprozeß vorläufig nur bis zum 18. Jahr- hundert zur Darstellung gebracht: eine Louis XVI.-, eine Empire- und eine moderne Slbteilung sind im Ausbau begriffen. Die Be- schränkung aus ein bestimmtes Ausbreitungsgebiet, die durch den Aufbau der Sammlungen von vornherein gegeben war und nur herausgearbeitet zu werden brauchte, fördert den Eindruck der Ge- schloslcnheit. Vom Ideal des Warenhaus-Museums, in dem man ehrgeizig alles auf Lager hielt, auch«in bißchen Orient,«in bißchen Japan, ist man erfreulicherweise wohl allgemein abgekommen. Romanische, gotische und Renaissancekunst füllen das untere Stock- werk aus, oben bilden die Räume des Barock und des Rokoko eine in sich geschlossene Raumslucht. Der Höhepunkt der Neuschöpsung ist wohl das Meißener Porzellankabinett, das durch bauliche Verände- rung ganz neu gewonnen wurde. Finnland exporiierl Kraft nach Rußland. Das riesige Russische Reich hat große Menssen Wasserkräfte und ungeheure Schätze an Kohle brach liegen. Zur Hebung der Wasserkräfte fehlt es an Kapital, die Kohle liegt vielfack zu weit abseits. Daher kommt Ruß- lands Energiewirtschaft nur langsam vorwärts und man begreift, daß sich die Russen um die Beschaffung billiger ausländiicher Kraft bemühen. Run ist ein Bertrag zustande gekommen, demzufolge Finnland 40 000 Kilowatt in die Gegend von Petersburg liesern soll. Die Beschassung des Geldes für die Anlagen ist Sache der Finnen. Es handelt sich also um eine Jahresleistung, die dem wirt- schastlichen Wert von 200 000 Tonnen Kohlen gleich ist. Das wäre die größte internationale Energieleistung, die bisher ausgeführt wurde,(z. Vergl.: Deutschlands Iahrescrzeugung an Kohle beträgt 180 Millionen Tonnen.) Beinahe bis zum Mond. In London wurde einer der ältesten Briefträger der City zum 1. Juli in den Ruhestand versetzt. Der Mann hat 43 Jahre lang an jedem Werktag denselben Weg zurück- gelegt und dadurch eine Gesamtwegstrecke von 223 000 englischen Meilen(55 800 deutsche Meilen) hinler sich. Wenn der Mann noch ein Jahr im Dienste geblieben wäre, so hätte er einen Weg zurück- gelegt, der dem Abstand von der Erde zum Monde gleichkommt. SeZnz Unger-Konzerte. Im Rahmen der nüchsiwinterliiicn Pbilharmo- nischen.«anzedc der wrielllchnst der Mugksreunde unier lleitung non£>einz Unger gelangen Welte sola'endcr Komvantsten zur«usfÜH'.ung: Kcctkvven, Bloch, Brahini, Braunscit, Haydn. Rahier. MendelSlebn. Mozart Reipigbi. Cchönberg, Slraus». Slravinkt�, Weber. Taiunter Erslaussühlunaen van Bloch, BraunselS und Respighi. Altertumssand. Bei AnSschachtungZarbeiten für den UnIverätZteneutau in Bonn wurde ein römiichcr Ziegclosen freigelegt, der aus dem 1. bis 4. chrisUichen Jahrhundert stamuu. Resignierte Aufnahme ües Programms. Paris sieht die Notwendigkeit neuer Stenern ei». Paris, 28. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Der Ersolg Poincaräz ��r Kammer und Senat wird, da er allgemein erwartet war, von der gesamten bürgerlichen Morgenpresse ziemlich k o m m e n t a r» los hingenommen. Man weist � höchstens darauf hin, daß die neue Regierung jetzt, wo sie eine feste parlamentarische Grund» läge hat, auch die Handlungsfreiheit besitze, ihr Finanz- Programm durchzusetzen. Dieses Finanzprogramm ist am Dienstag abend in einem etwa tO Seiten starken Heft der Presse übermittelt worden. Die Kommentare, die an diese Veröffentlichung des Programms geknüpft werden, find ziemlich resigniert. Im großen und ganzen waren die großen Linien dieses Finanzpro- gramms bereits bekannt, so daß es keine Ueberraschungen gebracht hat. Immerhin hat die Aufzählung der zahlreichen E r- höhungen direkter und indirekter Steuern eine gewisse pein- liche Ueberraschung ausgelöst. Mau erwartete zwar neue Steuern, aber doch nicht in dem jetzt bekannten Umfang. Auch die bürger» liche Linkspresie, wo man eine etwas schärfere Kritik hätte e» rvarten dürfen, beschränkt sich in ihren Kommentaren auf ziemlich melancholische Bemerkungen. Der„Quotidien" begnügt sich damit, darauf hinzuweisen, daß auf Grund des vorliegenden Finanzprogramms„diejenigen bezahlen müßten, die an nichts schuld leisn�. Im übrigen aber beeilt er sich, hinzuzufügen, daß die Finanzkommission gut daran tue, das Programm in der vorliegen- den Form anzunehmen und es nicht durch längere und schärfere Kritiken zu gefährden, da man im gegenwärtigen Augenblick, wolle man eine wirksame Finanzsanierung vornehmen. schnell handeln müsie. Die einzigen wirtlichen Kritiken finden sich eigentlich nur In den Blättern der Rechten. Hier wird vor einem unangebrachten Opt.imismus in die Wirksamkeit de» Finanzprogramms gewarnt: in mehreren Blättern wird be- sonders auf die Gefahr des von PoincarS vorgeschlagenen Systems der langsamen Amortisierung der schwebenden Schuld hingewiesen, die sich einzig und allein auf die zweifelhaste Ueber- zeugung gnindet, daß sich auf Grund des wiedererstandenen„Ver- trauens" die schwebende Schuld nicht stets automatisch erneuern werde, und dies trotz der gestiegenen Preise. In dieser Hinsicht könnte vielleicht Poincarö, so wird in diesen Blättern betont, allerlei unangenehme Ueberraschungen erleben. Im allge- meinen findet aber das Finanzprogramm, trotzdem es natürlich wenig populär ist und in den weitesten Kreisen Unzufriedenheit über die neuen Lasten auslösen wird, eine ziemlich ungeteilt« Aufnahme im Lager der bürgerlichen Parteien. Das wird ohne Zweifel auch im Parlament der Fall sein, wo ein ernster Wider- stand nur von den Soziali st en zu erwarten ist. Alles deutet daraus hin. daß das Finanzprogramm in der vorliegenden Form von dem Parlament, wie Poincarc es wünscht, in kürzester Zeit verabschiedet sein wird. Vanüervelüe und Zrancqui in Paris. Gemeinsame Frankenrettunstsversurhc. Brüssel, 28. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Der Finanzminister F r a n c q u i und der Außenminister Bandcrveld« begeben sich heute nach Paris, um mit der sranzösischen Regierung die gemeinsame Frankensanierung zu besprechen. Der Ministerrat beschloß, eine Aufenthalts st euer für Aus- l ä n d e r, ausgenommen aus Ländern mit niedriger Valuta, ein- zuführen, und ferner die Devisenkontrolle zu verschärsen. Für das Brot sollen Höchstpreise festgesetzt werden. Das Einheitsgraubrot ist nunmehr Tatsache geworden, seine Schmackhaftigkeit befriedigt die Bevölkerung durchaus. Im Senat fand am Dienstag eine große Debatte über die Rati? fizierung des Washingtoner Abkommens über den Achtstundentag statt. Mit dem Hammer gegen das Amerika-Denkmal. Pari». 28. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Am Dienstag nach- mittag ist es auf dem„Platz der Vereinigten Staaten" in Paris zu einem peinlichen Zwischenfall gekommen. Ein r u s s i- scher Ingenieur hat mit einem Hammer das aus dem Platz aufgestellte Denkmal zu Ehren der Vereinigten Staaten ver- stümmelt. Er wurde festgenommen und erklärte, daß er sich einer Manifestation gegen die Amerikaner wegen ihrer Haltung in der Schuldenfrage Frankreich gegenüber habe hingeben wollen. Der Uebeltäter bleibt vorläufig in Haft. Verbotene Beamtcndemonstration.— 300 Verhaftungen. Pari», 28. Juli.(WTB.) Im Laufe der Kundgebung der Beamten, die wegen Lohnerhöhung trotz polizei- lichen Verbotes gestern vor der Kammer stattfand, kam es verschiedentlich zu Zusammenstößen mit der Polizei. Ueber SOS Manifestanten, darunter die Frau des Kommunisten Abg. M a r t y wurden verhaftet. Die meisten Verhasteten sind nach Feststellung ihrer Personalien wieder freigelassen worden. Entwaffnung und Völkerbund. (Tecil erklärt: Teutschlands Aufnahme stehts nicht? im Wege. London, 28. Zull.(Eigener Drahtbericht.) 3m Oberhaus interpellierte Lord Parmoore die Regierung wegen des„Jleins", das Außenminister Chamberlain vor kurzem im Unterhau» mit Bezug ouf die deutsche Entwassnuag gesprochen hatte. Lord Eecil wies darauf hin. daß die votschasterkonferenz die Feststellung ge- troffen habe, wonach Deutschlands Ausnahme in den Völkerbund nichts mehr Im Wege stünde. Diese Entscheidung der Botschasterkonserenz sei endgültig und werde durch nichtsbeeinslußt. wa» seil- dem gesagt oder geschehen sei. Zwar seien noch untergeordnete Fragen aus dem Gebiete der Entwassnung zu erledigen, es läge aber keine Besorgnl» vor, daß Dculschland seinen Verpflichtungen nicht nachkomme.__ Der öudapesier Kommunisienprozeß. Strafantrag wegen Organisation des Umsturzes. Budapest, 28. Juli.(WTB.) Im Rakosy-Prozeß beantragte der Staatsanwalt die Bestrafung der 53 Angeklagten wegen aus Umsturz der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung gerichteten Verbrechens durch Schaffung einer Organisation, um die gesetzliche Ordnung des Staates und der Gesellschaft gewaltsam umzu- stürzen, bzw. zu vernichten. Die Behauptung der Angeklagten, daß alle zivilisierten Länder den Bestand der kommunistischen Parteien dulden, nur Ungarn nicht, sei ungerechtfertigt, denn zwei so demokratische Republiken, wie die Schweiz und die Dereinigten Staaten, dulden sie ebenfalls nicht, obwohl sie nicht wie Ungarn, die Folgen kommunistischer Bestrebungen am eigenen Leib« spürten. Gegen die Anhänger der V a g i p a r t e i erhebe der Staatsanwalt nicht Anklage wegen ihrer Zugehörigkeit zur ungarländijchen sozialistischen Partei, sondern wegen der von ihnen verübten strafbaren Handlungen, weil sie zweifcl- los gewaltsam einen Umsturz herbeiführen wollten, obwohl sie leugnen, Kommunisten zu sein. Mehr Erholungspfiege. Die vorbeugende Crholungspfleg« ist eines der wichtigsten Kapitel der kommunalen Gesundheitsfürsorge. Wie eine gute Säuglingsfürsorge schon der Ärüppelfürsorg« gewaltig« Lasten er- sparen kann, so wird die Erholungspfleg« oft schon vorbeugend der Lungenfürsorge manche Arbeit vorwegnehmen können. Es find in den letzten Iahren in Groß-Berlin immer wieder Untersuchungen angestellt worden, ob und in welchem Maße der Gesundheitszustand der Schuljugend zu Verbesserungen in der Gesundheitsfürsorge An- laß gibt. Einig« neuere Zahlenangaben ergaben dabei wiederum ein bemerkenswertes Bild. Ein Schularzt im Osten Berlins nahm Untersuchungen in ihm unterstellten Schulen vor. Von 2011 Kindern waren nur 33,3 Proz. gut ernährt, während von den übrigen 14,2 Proz. sehr schlecht ernährt werden können. Hier handelte es sich um Gemeinde- schulen. In den Kreisen der Hilfsschulen, also der in jeder Hinsicht am schlechtesten Gestellten, ergaben die Untersuchungen gar nur 15,3 Proz. gut ernährt« und 33,3 Proz. sehr schlecht ernährt« Kinder. Dabei stehen die Mädchen infolge ihrer schnelleren körperlichen Ent- Wicklung immer ein wenig besser da. In einzelnen Klassen der Ge- meindeschulen zeigten die Meldungen einen direkt schlechten Er- nährungszustand bei fast 50 Proz. der Kinder. Ein anderer Schul- arzt meldete von 2364 untersuchten Kindern nur 872 als gut ernährt, das ist 29,4 Proz. Aus diesen Zahlen— die in allen Proletarier- bezirken Berlins ein« gleich« oder ähnliche Höh« aufweisen— läßt sich auch weiterhin vom eigentlichen Gesundheitszustand auf das Maß der Notwendigkeit in der Erholungsverschickung schließen. Ein Schul- arzt im gleichen Bezirk hat von 3084 untersuchten Knaben 905, von 4070 untersuchten Mädchen 884 als dringend erholungsbedürftig bezeichnet und dabei in einzelnen Klassen sogar 50 Proz. für die geschlosiene Kurverschickung vormerken müssen. Hier sind also in einem Bezirk mit rund 36 000 Schulkindern ZV Proz. bei den Knaben und 22 Proz. bei den Mädchen dringend«rholungs- bedürstig. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß für die übrigen Tausends«in« Verschickung nicht notwendig wäre, denn oben ist ja nur das unumgänglich notwendige Maß festgestellt. Wie wir nun weiter feststellen konnten, sind von diesem Bezirk, es handelt sich um den Bezirk Friedrichshain, seit Iahren in steigendem Maße Kinder verschickt worden. Vom Berliner Magistrat wurden den Bezirken im Vorjahr für die Erholungspflege insgesamt 206 000 Mark bewilligt, und als die Not schon in diesem Jahre immer größer wurde, mußte man noch 194 000 Mark nachbewilligen. In Konsequenz dessen find den Bezirken im Haushalt 1926 auch 520 000 Mark für Zwecke der Erholungspfleg« vorbehalten worden. Wie ober jetzt neuerdings eine Feststellung beweist, wird auch in diesem Jahre mit den vorge- sehenen Beträgen nicht auszukommen sein. Einzeln« Bezirke haben schon heute außerordentlich zu kämpfen, um der dringendsten An- sorderungen gerecht zu werden. Verantwortlich für djesen Tatbestand ist einzig und allein die Wirts choslskris«, die den Eltern der Aermsten nicht mehr die Möglichkeit gibt, selbst durch Teilbeträge an der Durch- führung der Erholungspflege teilzunehmen. Dabei ist die Verschickungsperiode noch längst nicht beendet. Nicht nur die Verschickung im August und September, sondern auch die eigenttiche Winterverschickung hat in den letzten Iahren in steigen- dem Maß« Erfolge gezeitigt, so daß ein weiterer Ausbau dringend vonnöten wäre. Will die Berliner Stadtverwallung in der Frage der Erholungspflege auch nur der wichtigsten Anforderungen gerecht werden, so darf sie diesen Notwendigkeiten nicht ihre Aufmerksamkeit verschließen. Sajazzo, der Gelüspielautomat. höhere Vesleuerung wäre wünschenswert. Nachdem mit der neuen Währung das Hartgeld, die Füns- und Zehnpfennigstücke wieder eingeführt wurden, tauchten auf allen Bahnhösen, in den Wirtschaften und auf den Rummelplätzen die Automaten wieder auf. Da sah man die Schokoladenautomaten, die Briefmarken- und die bekannten Rcclamschen Buchautomaten wiederkehren. Alles in einer frischen Aufmachung, bis auf Reclams Buchautomaten, di» bestenfalls nur di« Farbe gewechselt haben, kam alles in größerer, gediegener und in ansprechender Herstellung wieder. Hierzu gesellte sich plötzlich ein neuer Automat,„B a j a z z o". ge- nannt, ein Geldspielautomat, der auch schon in der Vor- kriegszcit nicht ganz unbekannt gewesen sein soll, und der jedem. der Geschicklichkeit besitzt und flink sst, den Einsatz doppelt und mehr- fach wiedergibt. Diese Automaten üben auf die Jugend eine große Anziehungskraft aus, und trotz der schlechten Erfahrungen wird das Glück immer wieder versucht. Die Polizei hat seiner- zeit In richtiger Erkenntnis der wahren Natur dieser Kästen versucht, sie als Glücksspiele zu behandeln, und erließ ein All- gemeinoerbot bei Androhung der Beschlagnahme. Das Reichs- gericht jedoch stellte sich auf einen anderen Standpunkt und will diese Automaten nicht allgemein, sondern nur unter bestimmten Vor- aussetzungen als Glücksspiele betrachtet wissen. Nach dieser Ent- scheidung nahm die Zahl der Automaten unerhört zu, in jeder Wirtschaft hing bald ein Kasten, aus den Rummelplätzen wurden regelrechte Stände errichtet, wo oft bis zu zwanzig in einer Reihe oder im Kreise angebracht waren. Vor einem Jahre schätzte man die Zahl der in Berlin aufgestellten Geldspielautomaten auf 15 00 0, heute rechnet man mit 20000 bis 2500 0. Daß diese Kästen die.rasche und schnelle Ausbreitung fanden, nimmt weiter nicht wunder, wenn man weiß, daß mancher Kasten dem Besitzer 10 0 Mark und mehr an einem Tage einbringt. Es gibt in Berlin mehrere Personen, darunter einige ehemalige Offiziere, die an 200 Geldspielautomaten besitzen. Sie haben Geschäftsräume, eigene Autos, beschäftigen eine Anzahl Personen, die die Kästen kontrollieren, einen oder mehrere Mechaniker, welche die reparaturbedürftigen Automaten reparieren. Neuerdings sind die großenUnternehmer dazu übergegangen. -eine bestimmt« Anzahl Automaten in einem Stadtbezirk an«inen anderen zu verpackten. Der Pächter hat für die Kästen je nach Loge und Stand 10 bis 20 M. zu entrichten. Funktionieren die Automaten nicht, so ist das sein Schade, denn die Pacht ist in der scstgesetzen Höhe zu zahlen. Es handelt sich hier um ein Ilnternehmen, dos mit Recht bereits als ein« große Gefahr für die Jugend bezeichnet wurde. Angebracht ist mindestens eine erhöhte Besteuerung, die in diesem Falle ruhig die Tragfähigkeit überschreiten kann, so daß wenigstens auf diese Art und Weise eine Verringerung der allzu vielen Gcldspielautomaten herbeigeführt wird. Mord oder Selbstmord? Unter dem Verdacht der Tötung auf ausdrückliches Verlangen wurde gestern die 39 Jahr« alte Ehefrau Franziska Engel, geb. Winggreiter, eine gebürtige Tirolerin, festgenommen. Am vergangenen Freitag stieg, wie gemeld». der Koufniann Engelbert Engel mit seiner Frau in einem Pensionat in der Wilhelm- st roß« ab. In den frühen Morgenshmden des Sonntag wurde der Mann mit einer schweren Schußverletzung im Bett liegend aufgefunden, während die Frau nur mit Mühe am Selbstmord ver- hindert werden konnte. Sie wurde in Schutzhast genommen. Di« erst« Annahme, daß Engel Selbstmord verübt habe, wurde aber durch die Aussagen mehrerer Arbeitskoll«g«n erschüttert. Er hatte ihnen erzählt, daß er sich von seiner Frau trennen wollte, weil der Altersunterschied doch zu groß sei. Es kam noch hinzu, daß die Frau Unterstützungen verlangte, di« er deshalb nicht leisten konnte, weil«r noch für seinen Vater zu sorgen hatte. Alle seine Versuche. sich vor seiner Frau verborgen zu halten, waren gescheitert. Sic machte auch seine letzte Wohnung in der Nhlandstraße ausfindig. Freunden gegenüber äußerte Engel die Befürchtung, daß seine Frau ihn erschießen werde, wo sie ihn finde. Diesen Aussagen steht die Tatsache gegenüber, daß der junge Mann vor seinem Tode zu- sammea mit seiner Frau Abschiedsbriefe geschrieben hat. Ob es sich uni einen Selbstmord oder um Tötung auf ausdrückliches Verlangen handelt, bedarf noch der Untersuchung. Frau Engel wurde bis zur Klärung in Gewahrsam behalten. Im Interesse der Aufklärung wäre es dringend erwünscht, wenn sich all« Personen, die Einblick in das Eheleben halten und sachdienliche Mitteilungen machen können, bei der Mordkommission, den Kommissaren Johann«? Müller und Dr. Braschwitz, im Zimmer 104 des Polizeipräsidiums meldeten. Noch einmal Sie Mückenplage. Zu den im„Vorwärts" veröffentlichten Anregungen zur De- kämpsung der Mückenplagc schreibt ein Leser: Der Rat, die Mücken womöglich mit Staubsaugern zu fangen, im anderen Fall rechtzeitig abends Tür und Fenster zu schließen, ist ein„guter Rat" und als solcher„teuer". Denn die meisten Menschen haben keine Staubsauger. Die anderen, und zwar gerade diejenigen, die besonders der Mückenplage ausgesetzt sind, weil sie in Siedlungs- Häusern mit niedrigen Zimmern oder in Wohnlauben oder sonst auf„Sommerwohnung" wohnen, leiden an heißen Tagen außerordentlich unter der Hitze und können die kühle Nachtlust, die durch das offene Fenster eindringt, namentlich zum Schlafen nicht entbehren. Hier hat sich mir ein sehr einfaches, eigentlich selbstver- ständliches Mittel als sehr probat erwiesen.— Ich habe eine sehr große, der Mückenplage sehr ausgesetzte Wohnung in kürzester Zeit völlig mücken frei dadurch gemacht, daß ich in jedem Zimmer den Rahmen eines Fensters bzw. auch einer Balkontür mit Gaze auskleidete. Diese weiße Gaze, in Berliner Warenhäusern schon als„Mückengaze" bezeichnet, ist absolut durchlässig sür Lust, aber absolut undurchlässig für jedes Insekt. Sie hat den Vorzug, verhältnismäßig billig zu sein. In einem Warenhaus des Westens kostet der Quadratmeter 48 Pf. Die Gaze wird am besten in den äußersten Teilen des Fensterrahmens mit Reißnägeln festgesteckt. Wenn diese genügend tief eingedrückt sind und die Gaze dabei nicht zu straff gespannt, sondern ihr ein genügend bauchiger Spielraum gelassen wird, läßt sich auch das Fenster trotz der vorgespannten Gaze schließen, so daß man etwa entstehende Zuglust beim Offen- stehen mehrerer Fenster vermeiden kann. Aus derselben Gaze kann man Vorhänge vor Balkontüren oder Laubentüren machen» die. aus zwei Bahnen bestehend, in der Mitte übereinanderhängen und an ihrem unteren Rande eine eingenähte Bleischnur enthalten. Da- durch deckt einmal die Gaze den ganzen Türrahmen bis zum Fuß- boden: andererseits kann man die betreffenden Türen doch als Durch- gang benutzen, ohne daß die Absperrung gegen die Mücken wesent- lich beeinttächtigt wird. Wenn man sich dann noch mit einer Fliegenklatsche bewaffnet, die aus einem Stiel mit einem daransitzenden Drahtgitter besteht, so gelingt es leicht, di« noch in der Wohnung befindlichen Mücken damit zu töten. Besonders ist dos beim Einbruch der Dämmerung möglich, wenn in der dunNen Wohnung die Mücken von innen gegen den weißschimmernden Gazevorhang stiegen und hier in den Maschen erheblich bewcgungs- behindert sind.— Mücken, die an hohen Stellen der Wand oder an der Zimmerdecke herumsitzen, lassen sich gut beseitigen, wenn man sie mit dem-Haarigen Teil eines Besens, der am besten noch naß gemacht ist, zerdrückt. Die Mücken sangen und zerreiben sich näm- lich sehr leicht zwischen den Besenhaaren. Ein anderer Leser schreibt:„Ich wohne in einem Vorort, wo die Plagegeister ganz besonders schlimm auftreten. Zur Abwehr emp- fehle ich Nelkenöl, das man sich auf die unbedeckten Körper- stellen streicht. Auch«in Wattebäuschchen oder Wolläppchen mit Nelkenöl getränkt und im Zimmer aufgehängt, vericheucht die Mücken. Ablehnung des Sonnabendmittag-GeschäftsschlusseS.lv'l In einer Dorstondssitzung der Einzelhandelsgemein� � schaft Groß-Berlin beschäftigte man sich u. a. mit der An- regung des Bürgermeisters Scholtz, durch Einführung des Sonn- abendmittag-Geschäftsschlusses ein„Weekend" zu schaffen. Sämtliche anwesenden Vorstandsmitglieder waren einstimmig der Meinung. daß bei der augenblicklichen Wirtschaftslage der Einzelhandel unter keinen Umständen auf den Sonnabendnachmittag verzichten und des- halb den gut gemeinten Anregungen des Berliner Bürgermeisters nicht folgen kann. Vor allem seien es die katastrophalen Wirtschaft- lichen Verhältnisse, die im Augenblick und wahrscheinlich für noch längere Zeit es dem auf das schwerste um seine Existenz kämpfenden Einzelhandel unmöglich machten, den Anregungen des Bürgermeisters Scholtz zu folgen._ Jedermann sein eigener Chauffeur. Im Lunapark wird augenblicklich ein Apparat vorgeführt, der ouf künstlichem Wege ein Autorennen darstellt, das vorerst dem großen Publikum zeigen soll, wie die Bediennung eines Wagens in groben Umrissen vor sich geht. Jeder der Lust hat, setzt sich ein- fach in ein feststehende» Auto, gibt auf Anordnung des Manegers bei der imaginären Abfahrt„Gas" und versucht nun, seinen Wagen innerhalb der Bahn, die«r auf der Filmleinwand vor sich sieht, richtig zu lenken und ans Ziel zu bringen. Mit Hilfe von kleinen. Autos darstellenden Maschinen, die mit den großen Wagen, in dem man sich befindet, unmittelbar vor der Filmflächc angebracht sind, kann man Fahrttichtung und Geschwindigkeit seines Wagens auf der Leinwand genau beobachten und dirigieren. Diese Erfindung ist als Erleichterung und Verbesserung der Ausbildung von Wogen- führern gedacht und man hofft, auf diesem Wege das Interesse für den Autosport in seiner Eigenschaft als praktisches Verkehrsmittel zu steigern. Auch die Fahrsicherheit und Verhütung von Unfällen soll aus diese Weis« eine erhebliche Verbesserung erfahren. Wenn zur Ausübung der Praxis nicht so allerhand anderes erforderlich wäre, an Lernlustigen würde es bestimmt nicht fehlen. ver»Alänaerchor Ivelheuse«� veranstaltet am Freitag, den 80. Juli, abend» VI, Uhr, aus dem Humannplatz etn Frelkonzert. Die S kosten durch eine höhere Belastung der Sozialgesetzgebung mehr od« weniger versteuert werden. Abgesehen davon, daß wir es keines- we g s als eine B e l a st u n g der Produktion angesehen, wenn Leben und Gesundheit der Arbeiter geschützt wird, werden höhere Ausgaben für soziale Zwecke und auch höhere Löhne reichlich hereingebracht durch eine gesteigerte Leistung, vorausgesetzt, die Unter- nchmer lassen sich die technische Vervollkommnung der Betriebe an- gelegen sein./ Immerhin will das Geschrei der Unternehmer sowohl in Deutsck- land wie in anderen Ländern über die„hohen Soziiillasttn* nicht verstummen. Immer wieder wird behauptet, die Wettbewerbs- fahigkeit des Landes auf dem Weltmarkt werden gefährdet, ja unter- bunden durch die ungleich höheren Soziallasten im Vergleich zu denen der andern Länder. Schon deshalb ist es zu begrüßen, wenn einmal durch eine nach gleichen Grundsätzen vorgenommene Untersuchung zweiselssrei fest- gestellt wird, wie hoch in ledem Lande die tatsächliche Belastung sür sozial« Zwecke ist und welche Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern in dieser Beziehung bestehen. Eine derartige Untersuchung kann jedenfalls nur vo.n Internationalen Arbeitsamt geführt werden. Wir sind von vornherein überzeugt, daß diese Untersuchung keine Beweise liefern wird für die Behauptungen der Unternehmer oller Lander, Behauptungen, die ja einander von vornherein aufheben. Zum Tarifstreit im Cinzelhanüel. Die Angestellten lehnen den Gehaltsabkxiu nb. Di« vom Zentrolverband der Angestellten in den Betrieben durchgeführte A b st i m m u n g hat mit etwa öä Proz. der Stimmen die Ablehnung des am 19. Juli gefällten Schiedsspruches er- gebeg. Diese Entscheidung ist völlauf begründet. Sie erklärt sich aus der berechtigten Empörung der Angestellten gegenüber einem Unter- nehmertum, das ohne Notwendigkeit und bei gutem Geschäftsgang die Konjunktur auf dem Arbeitsmarkt auszunützen sucht, um die ohnehin säzon elenden Gehälter abzubauen. Dabei jammern gerade die Unternehmer im Einzelhandel über die mangelnve Kaufkraft. p'd So bleibt nun abzuwarten, wie sich die Tarisverhöltnisse nun- iäehr gestalten werden. Ueber das Verhalten einzelner Firmen gehen die verschiedensten Gerüchte um. Einzelne. Firmen sollen ihren Angestellten bereits erklärt haben, daß sie an einen Abbau der Ge- Hölter gar nicht denken. Andere Firmen werden, vielleicht oer- suchen, schon Ende dieses Monats eine allerdings unzulässige Ge- haltskllrzung vorzunehmen. Die Angestellten werden sich dies unter keinen Umständen gefallen lassen. Es liegt in der Wesensart des Einzelhandels, daß weite Kreise für sein Geschäftsgebaren Interesse zeigen. Es dürfte besonders den kaufenden Arbeitern nicht gleichgültig sein, ob sich die von uns schon oft geschilderten Mißstände im Einzelhandel durch die neuen Scharfmachereien der Unternehmer noch vermehren werden oder ob dem Einzelhandel, d« ja neuerdings den„Dienst am Publikum� auf seine Fahne geschrieben Hot, noch etwas an seinem sozialen Ruf gelegen sein wird. potemkin. Ein aufgedeckter BolschewistenschwindeL Don der kommunistischen„Arbeiter-Illustrierten' erhalten wir folgende Berichtigung: „Unter Bezugnahme auf§ 11 des Presie-Gesetzes ersuchen wir Sie um Richtigstellung der unter Gewerkschafts-Bewegung oer- afientlichten Notiz„Potemkin", Ini Maschinensaal einer Moskauer Fabrik, in der Nummer 178 des„Vorwärts" vom Lö. Juli er.: Es ist unrichtig, daß in Nr. 8 der Arbeiter-Illustrierten Zeitung endgültig 1 Photo mit der Unterschrift„Maschinensaal einer Moskauer Fabrik" bezeichnet wurde. Richtig ist es viel- mehr, daß es sich bei dieser Bezeichnung um einen Irrtum der Bildredaktion handelte, der in Nr. 11 Seite h(5 der„Arbeiter- Illustrierten Zeitung" richtig gestellt wurde. Hiermit werden auch die an diese Unterschrift geknüpften Folgerungen Ihrer Notiz hinfällig." Die„Richtigstellung" in Nr. 11, die unter der Abbildung einer Maschinenabteilung aus Archangelsk(und nicht aus Moskau) steht, hat folgenden Worllaut: „Uns« Bild bringt die Darstellung eines großen russischen Werkes, die in der Nummer 8 unserer A.I.Z. erscheinen sollte. Versehentlich brachten wir an dies« Stell- mit der Unterschrift„Im Maschinensaol einer Moskauer Fabrik" die Darstellung eine» Betriebes in H a r b u r g/ E., was einem Schmockdes UftUfk«! b 111 in ein ••(»«Hf#*« �««»»«««««ch»� 8« ligem Anlaß fit Angriff« gegen die A.I.Z. urd«. Er versuchte seinen Lesern vorzumachen, es gäbe kein« gut organisierten russischen Betriebe, und wir müßten, um solch« darzu stellen, deutsche Fabriken abbilden. Jeder Leser wird sich mit einem Blick auf unser heutiges Bild überzeugen, daß dieser sozialdemo tratische Anwurf geradezu lächerlich ist." Aus diesen beiden echt bolschewistischen„Berichtigungen" geht zweierlei hervor: 1.' daß die bolschewistische„Arbeiter-Illustrierte" eine Fälschung beging, als sie in Nr. 8 die Abbildung eines Maschinensaals aus Harburg als die eines Moskauer Maschinensaals ausgab: 2. daß sie diese Fälschung notgedrungen drei Wochen später eingestand, nachdem unser Hamburger Bruderblatt festgestellt hotte, daß der Moskauer Mafchinenjaal in Harburg an der Elbe liegt. Da sie aber gar kein Bild aus Moskau zur Verfügung hatte, druckt sie das Bild einer angeblichen Maschinen abteilung aus Archangelsk ab, auf dem zwei harmhose Diesel- motoren zu sehen sind. Ganz abgesehen davon, daß die Aufmachung diese« angeblichen Werkes aus Archangelsk ziemlich rückständig ist, beweift die„Arbeiter-Illustrierte" mit ihrer zweifachen Berichtigung nur, daß sie gefälscht hat._ Die Arbeitslosigkeit See Verkmeisier. (Eine Entschließung des Deutschen lverkmeisterv er bände«. Di« am Sonntag, den 25. Juli, im Berliner Klubhaus ver- sammelten Vorstände der Ortsvereine des Bezirks X des Deutschen Wertmeisterverbandes, Sitz Düsseldorf, beschäftigten sich unter Hinzu- ziehung einer Anzahl stellenloser Kollegen mit der imm« größer werdenden Zahl der stellenlosen Werkmeister, deren Not und Der- elendung auch bei opferwilligster Hilfe des Verbandes immer größ« wird. Erschütternd waren die Hilferufe der seit 18 Monaten und noch länger stellenlosen Kollegen. Menschen, die als Werkmeister in aufreibend« Tätigkeit mit Vorgesetzten, Gleichgeordneten und Unterstellten durcheinander und in ununterbrochener Reihenfolge, sowohl in fachlicher als auch in menschlicher Beziehung, jahrzehntelang im Betriebe tätig waren, werden in der rigorosesten Weife aufs Pflaster geworfen. Die Werkmeister verschließen sich nicht den Bestrebungen der Umstellung und Rationalisierung im Betriebe. Sie sind stets b«eit, auch hier mit ihrem doch immer bewährten Rat als Fachleute mit- zuarbeiten. Diese Bestrebungen dürfen sich aber nicht zugunsten einiger Bevorzugter auswirken und zum Schaden des Betriebes und der Wirtschaft führen.„Keine Almosen, schafft Arbeit!" war d« Schrei. Nachstehende Entschließung fand einstimmige An- nähme: Die heute in Berlin»«sammelten Vorstände des Bezirks X im Deutsche» Werkmeisterverband hoben in reger Diskussion über die Stellenlosigkeit Wege gesucht, um den stellenlosen Kollegen zu helfen. Da sie nicht in der Lage sind, die Unterstützungssätze zu«höhen, beauftragen sie den Bezirksvorstand, im Verein mit den anderen frei- gewerkschaftlichen Organisationen(AfA-Bund) in öffentlicher Dersamm- lung der stellenlosen Angestellten, unter Hinzuziehung der Behörde und Reichsoertreter, Stellung zu nehmen. kommunisiisiher öluff. wie die kommunistischen Bergarbeiter Solidarität üben. Paris, 28. Juli.(EP.) Das Nationalkomitee des kommu- iristischen Grubenarbeiterbundes hat gestern beschlossen, vom 19. August an den Generalstreik zu proklamieren, um dadurch sein« Solidarität mit den englischen Grubenarbeitern zu bekunden und um gleichzeitig eine Lohnerhöhung von sechs Franken pro Tag durchzusetzen. * Zu diesem Beschluß ist zunächst zu bemerken, daß er hint« dem Beschluß d« Amsterdamer Organisation, in eine Lohnbewegung ein- zutreten, herhinkt. Die Behauptung ab«, daß der sür drei Wochen später angekündigte„Generalstreik" dazu dienen spll, die Solidarität mit den englischen B«garbeitern zu bekunden, wirkt in ihrer lächerlichen Berlogenheit geradezu widerwärtig. Die kommunistischen Bergarbeiter Frankreichs sehen also nahezu vier Monat« dem gigantischen Ringen der englischen Bergarbeiter seelen- ruhig zu. bevor sie sich entschließen wollen, nach Moskauer Rezept Solidarität" zu üben. Vorausgesetzt natürlich, es gelingt der Amsterdamer Organisation nicht vorher, die geforderte Lohn- erhöhung durchzusetzen oder der englische Kampf wird nicht vorher beendet. ver �chtsiunüentog im englischen Sergbau. Annahme de» Bergbaugesehes im Unlerhau«. London. 28. Juli.(WTB.) Die Gefetzesoorlage betreffend die Reorganisation der Bergwerke wurde heute abend in dritter Lesung mit 312 gegen 125 Stimmen angenommen. Mit der Annahme dieses Gesetzes, das die zulässige regelmäßige Arbeitszeit in den Bergbaubetrieben auf acht Stunden ohne Ein- und Ausfahrt erhöht, ist der Konflikt nicht gelöst. Solange die Berg. arbeit« sich weigern, länger als bisher zu arbeiten, hilft kein Gesetz den Zechenbesitzern, das dkesen gestattet, die Bergarbeiter länger arbeiten zu lassen. Es ist aber bezeichnend für die englische Regierung und die konservative Mehrheit, die mit der Annahme bzw. der Ein- bringung dieses Gesetzes sich offen auf die Seite der Zechenbesitzer stellen und selbst gegen die offizielle Kohlenkommission, die sich in ihrem Bericht gegen die Verlängerung der Arbeitszeit ausge- sprochsn hat. verhäaguag bes Ausnahmezustandes. London, 27. Zull.(TU.) Zm Unterhaus« wurde heule nach. mitlag eine Botschaft de» Königs verlesen, durch die d« Ausnahme- zustand für die Dauer de» Konflikte» im Sohlenb«gbau«Närl wird. Am Freitag werden die Ausnahmezuftandsbedingungen im Unterhau» besprochen w«den. Die Lage in Warwickshire. London. 28. Juli.(WTB.) Infolg« der Reden Cook» gegen Streikbrecher hat die Zahl d« arbeitswilligen Bergleute in Marwick- shir« gestern um 1190 abgenommen und beträgt jetzt noch ungefähr 6909. Mirtsthaft ?si üer Stahltrusi überkapitalifiertt Der Aapitaldieust im Lichte der Prospekte. Die Finanzpresse hat sich in den letzten Wochen stark mit der bevorstehenden Einführung der Stahltrustaktien an den deutschen Börsen beschäftigt. Insbesondere ist die Frage, wie- viel von den Stahltrustaktien in den Händen von freien Aktionären und wieviel in den Händen der einzelnen Gründ«gesellschaften bleiben, die bekanntlich als Haltegesellschaft weiter bestehen, für die Börse von Wichtigkeit. Die Börse erinnert sich dabei mit Recht der großen Beunruhigungen, die seinerzeit durch die 159 Millionen Vorratsaktien des Phönixkonzerns ständig hervorgerufen worden sind. Da die Stahltrustaktien als Repräsentanten der größten europäischen Unternehmung neben denen des Chemie- trusts das führende Wertpapier der deutschen Börsen sein werden, ist die Frage tatsächlich von«heblicher Bedeutung. Sie kann heute einigermaßen sicher beantwortet werden. Die Eröffnungsbilanz der Vereinigten Stahlwerke, wie sie sich in den amerikanischen Anleiheprospekten darstellt, gibt die Unterlagen dafür. Jnteressi«en dürsten folgend« Posten: A n- lagen 256,14 Millionen Dollar(1976 Millionen Mark), B e t e i- l i g u n g e n 9,85 Millionen Dollar(41,4 Millionen Mark), Roh- stoffe und Waren 54,38 Millionen Dollar(228,39 Millionen Mark). Kasse und sonstige Barbestände 25,81 Millionen Dollar (198,40 Millionen Mark). Forderungen an die Gründer- gesellschaften 9,79 und sonstige Forderungen 3,11 Millionen Dollar (zusammen 53,80 Millionen Mark). Schulden bei den Gründergesell. schaften 13,87 Millionen Dollar(58,25 Millionen Mark). 1,91 Millionen Dollar Anzahlungen(4,24 Millionen Mark), 9,61 Millionen Dollar ausgelaufene Obligationsschulden(2,56 Millionen Mark) und 0,53 Millionen Dollar Fusionssteuern und-Unkosten(2,23 Mil- lionen Mark). Die langfristigen Schulden sind mit 94,79 Millionen Dollar oder 399 Millionen Mark angegeben. Dabei fehlt noch die 126.Millionen.Mart.Anleihe, die von deutschen Banken aufgelegt wurde.... � Danach hat d« Stahltrust heute mit Dividende auszu- statten: 899 Millionen Mark Aktienbapital und 12 5 Millionen Mark Genußscheine. Dazu kommen als langfristiges Fremdkapital 399 Millionen Mark aus der letzten großen Am«ikaanl«ihe des Trusts, aus den übernommenen Aus- landsanleihen von Rhein- Elbe und Thysien. aus Aufwertungs- schulden und den Gründern geschuldeten Restkaufgeldern, endlich der in Europa begebene Teil der letzten großen Anleihe mit 126 Mil- lionen Mark. Es sind also 925 Millionen Mark Eigen- kapital mit D i o i d e n de und 525 Millionen Mark Fremd- kapital mit fälligen Zinsen zu bedecken. Die gewiß nicht pessi- inistisch rechnenden amerikanischen Dermittl«banten veranschlagen die Einnahmen des Trusts nach Abzug d« Abschreibungen, nich aber der Steuern und Zinsen, auf 28,31 Millionen Dollar oder rund 119 Millionen Mark. 39 Millionen sind gut auf den Zinsendienst zu rechnen. Die Steuerlasten können sich beim Trust durch die Werkzusammenlegung, durch die Ratio- nalisierung und die gewährten Ermäßigungen senken. Immerhin stellt da»„Berliner Tageblatt" fest, daß Steu«n und Soziallasten in den letzten Abschlüsien allein bei Phönix. Deutsch- Luxemburg, Gelsenkirchen und Rheinstahl 58,5 Millionen Mark erforderten. Bei Rheinstahl sind wegen der nicht aufgebrachten Kohlenintttesien Ab- züge zu machen. Dafür aber fehlt Thysien mit seinen Steuer- und Soziallasten für Werke von über 299 Millionen Mark Aktien- kapital. Nehmen wir den äußerst günstigen Fall an. es bliebe bei den 58,5 Millionen Mark Steuerlasten, was nicht zu erwarten ist. so bleiben für die Dividende des 925 Millionen Mark betragenden Eigenkapitals 119—(39+58,5) oder rund 40 Millionen Mark. Das sind etwas über 4 Prozent Dividend«. Man sieht, man muß schon die allergünstigsten Vor- oussetzungen machen, um zu der gewiß nicht hohen Dividende von 4 Prozent zu kommen. Normale Börsenverhältnisie vor- ausgesetzt, müßte jetzt die einzuführende Äontantrustaktie unter 199 Prozent zu liegen kommen. Jedenfalls«gibt sich als Resultat (wir haben schon früh« immer darauf hingewiesen), daß der Mon- tantrust außerordentlich hoch, wahrscheinlnich zu hoch kapitalisiert ist. Es geht natürlich nicht an, wie es d« Amerikaprospekt tut. ohne weiteres mit einer 29prozentigen E i n- nahmesteigerung ,m Falle d« ftanzösifch- belgischen Wäh- rungsstabilisierung zu rechnen. Daß ob« aus diese Erhöhung hin- gewiesen wird, verstärkt die Wahrscheinlichkeit der Ueberkapitali- sierung. Die Oesfentlichkeit hat also ein sehr großes Int«esie. mit äußerster Wachsamkeit die Seschäftsentwicklung beim Stahltrust zu verfolgen, um für die Gesamiwirtschaft gefährlichen Folgen recht- zeitig vorzubeugen._. Znr bayerischen 199-Millionen-Aaleih«. D« Freistaat Bayern hat im vorigen Jahre eine Gesamtouslandsanleihe von 25 Millionen Dollar auflegen lassen. Davon kommt jetzt der Rest mit 19 Mil- lionen Dollar im Ausland zur Zeichnung. Aus dem Amsterdamer Prospekt sind einige Angaben bemerkenswert. Der Erlös dient der Erweiterung und dem Ausbau der bayerischen Wasserkrastwirtschaft. die nach Durchführung der Pläne eine Kapazität von 2 Millionen Pferdestärken besitzen wird. Das Gesamtvermögen des Freistaats Bayern(öffentlicher undprioater Besitz) wird auf 4,17 Milliar- den Dollar angegeben, 641,97 Dollar pro Kopf der Bevölkerung. Der Wert der staatlichen Erwerbsbetriebe wird auf über 599 Mil- lionen Dollar geschätzt(Forsten. Wasierkraft- und Uebertragungsan- lagen, Bergwerke und Fabriken, Staatsbank, Münze, Mineralbäder. Weingüter, Hofbräuhaus). Di« 6i4prozentige Anleihe läuft bis spätestens 1. August 1943. Ab 1939 soll ein Tilgungsfonds gebildet werden, der 1943 zur Ablösung von mindestens 59 Proz. der Anleihe ausreichen soll. ««(itrtwsrtli» füc PotlNk: Dr. Sni«««er; Wirtschaft!«rwr«ater»»»! Gcwertschaft»bewequna: I. Striaer: ss-uill«t-n: Dr. I-d» Schik-w-ki: Lokale» und Sonstiges: üri» itarstadt: Äiueigen: Zh.»loch; sämtlich in Berlin. Verlag: Borwärts-Verlag IL. m. b. Berlin. Druck: Borwitets-Buchdruckerei und Berlagsanstali Paul Singer u. To., Berlin SW»8, LindenftraZe Z. Komische Oper 8'/« Dir. James Klein S1/« DI« Irav« Rrrna Berlin ohne Hemd! Allabendlich 9 30 Uhr Die sensationelle Einlaie: Satans Brantnacht! Ueber 200 Mitwirkende! Safinitz auf Rügen Rep�likanisctier Tay ÜDgost 1926 Ausflüge in herrl. Umgegend. Dampfer- fahrten(Stubbenkammer),VerbilllgteVer- pflegung. Billige Unterkunft Es ladet ein Reichsbanner Rügen. Hn'rsVSncor liefert seit 25 Jahren UOjia�uQSvr Dirk mann A.-. Osfende«ir ladet jeden Besucher freundlichst ein. Prachtvoller Karsaal mit Konterten. Vedetten.amerik Dancin-s. Simtllche Attraktionen wie In Monte Carlo. Juli August jeden Tag Rennen•— 5 Millionen Preise. 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