flbenSausgabe Hr. 361 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 17« fflcwflrtfbinnunjen und«n�izennreif« fmo i» der 9IoTsenaus«a6t anaeocbtn Hcbafflen: SO. 6«. Cln&cnffrofje» Z-r-spr-cher: CBnfgoff 202— 20T ZeL'UO teile: Soj ialdcmofcat Sctlia Devlinev Volkrsblstt (l0 pksnnig) Dienstag A. August 1 Y2H «erlaa und ZlnzeigenabteilunO: Seschäft-zeit bi« 5 Uhr Verleger: vorn> Sri»- Verlag GmbH. ver»n SO. KS, Lindenslrahe 3 Aerasprecher: DSnhoff 292— 297 Zcntralorgan der Sozialdcmokratirchcn Partei Deutfcbtands Srianö über seine Locarnopolitik. Seine Wünsche an Deutschland.— Er sagt nichts von den Besatznngstruppen. Mra. 8. August.(Eigener Drahtbericht.) Der französisck)e Außenminister Briand erklärte einem österreichischen Pressevertreter gegenüber, daß die Aenderung der Regierung keineswegs eine Aenderung der auswärtigen Politik bedeute:.Nie hätte ich mein Amt übernommen, wenn ich nicht völlig sicher gewesen wäre, meine bisherige Politik fortsetzen zu können. Poincart hat die Regierung übernommen, um die Finanzfrage zu lösen. Wir haben uns um ihn gruppiert— Männer aller Parteien—, um ihn bei der Erfüllung seiner Aufgaben zu unter- stützen. Mit dieser Mehrheit wird Poincart sich bemühen, die fran- zösischen Finanzen zu ordnen, i ch werde meine Politik fortsetzen, und meine Politik ist die Politik von L o c a r n o. Diese Abmachungen", erklärte Briand weiter,.sind zum größten Teil, man kann sagen zu vier Fünfteln, bereits erfüllt. Ich kann darauf verweisen, daß ich sogar schon vor der Konferenz von Locarno auf eine Milderung des Rheinlandregimes hingearbeitet habe. Der Rest der Abmachungen von Locarno, der noch zu verwirklichen ist, wird verwirklicht werden, und das wäre vielleicht schon geschehen, wenn nicht die sranzösischc Regierungskrise die Abwiiklung aller Angelegenheiten oerzögert hätte. Freilich ist guter Dille auf beiden Seiten erforderlich. Im Rheinlande hat es während der letzten Zeit allerhand L o r f ä l l e gegeben, die in Frankreich die öffentliche Meinung irregeführt hoben. Beispiels- weise gewisi« geräuschvolle Erinoerungsseiera. Ich weiß sehr wohl. daß die deutsche Regierung nicht für alle Beranstaltun- gen und alle Zwischenfälle verantwortlich gemocht werden kann. Immerhin würde es mir die Durchführung meiner Politik erleichtern, wenn man in Deutschland manchmal mehr b e- r ü ck s i ch t i g e n würde, welchen Eindruck gewisse Vorfälle auf die öffentliche Meinung in Frankreich machen. Das gleiche gllt für die Enlwassnung. Mit allerlei kleinen Eingelheiten ist Deutschland mit der Enlwassnung im Rückstands geblieben. Ich messe dem keine entscheidende Bedeu. tung bei. Aber unsere öffentliche Meinung wird unruhig, wenn sie hört, daß die Entwaffnung Deutschlands auf neue Schwierig- leiten stößt. Aus diesem Grunde würde ich wünschen, daß Deutsch- land alle Maßnahmen durchführt, die noch durchzuführen sind. Meine Politik ist, wie gesagt, die Politik von Locarno. Sie be> deutet eine Politik der Verständigung mit Deutschland, und es ist meine feste Ueberzeugung. daß ohne eine Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland das europäische Gleichgewicht nicht wiederhergestellt werden kann. Ich. will die Politik von Locarno nicht nur weiterführen, ich will sie auch noch a u s g e- st a l t e n. Es ist meine Absicht, im Herbst wieder nach Genf zu gehen, mn bei der Aufnahme Deutschlands in den Bö l k e r b u n d mitzuwirken. Dieser Aufenthalt in Genf wird mir eine willkommene Gelegenheit geben, Unterhaltungen mit den deutschen Staatsmännern zu führen, und zwar sehr ausgedehnte Unterhaltungen. Die Einladung Deutschlands nach Genf. Da Deutschland nicht Mitglied des Völkerbundes ist, wird es zu der Anfang September stattfindenden Tagung in Genf nicht in der gleichen Weise eingeladen wie die Völkerbundsmitglieder. Bei der Märztagung lag die Sache anders, da die Ausnahme Deutschlands der einzige Zweck der Tagung war. Diesmal enthält die Tagesord- nung außer der Neuregelung der Zusammensetzung des Völkerbunds- rates und der Aufnahme Deutschlands noch eine große Anzahl weite. rer Gegenstände, mit denen Deutschland bisher nichts zu tun hat. Da jedoch die F o r m a l i e n beim Eintritt Deutschlands schon in und seit der Märztagung f e st g e l e g t worden sind, ist es nicht un- wahricheinlich, daß Deutschland im geeigneten Zeitpunkt während der Genfer Tagung zur Teilnahme eingeladen wird. t, Der Zoll Kölling unö öle Staatsautorität. Preffe-Kombinationen.— Schweigen des Ministeriums. Di« Einzelheiten der Entschließung der preußischen Re- gierung zum Fall Kölling sind nicht bekannt. Veröffent- lichungen darüber in der Presse sind Kombinationen! sie mögen neben Falschem auch etwas Wahres enthalten, so die Mitteilung, daß Richter Kölling in Krankheitsurlaub zu gehen gedenke. Die Zurückhaltung der amtlichen Stellen ist nach den letzten, vom Sensationstreiben umbrandeten Magdeburger Fällen begreiflich. Dennoch vermißt die auf das Objektive sehende Oeffentlichkeit eine starke öffentliche Wahrung der Staatsautorität. Richter Kölling hat in der Oeffentlichkeit schwere An- �riffe gegen ein Staatsministerium gerichtet, er hat den Kreis einer Kompetenzen überschritten, er hat sich unserer Aus- fassung nach sogar strafbar gemacht. Das angegriffene Ministerium hat ihn in der Oeffentlichkeit energisch und würdig in seine Schranken ge- wiesen. Das Justizministerium aber scheint der Ansicht zu sein, daß es genüge, wenn die Autorität des Staates i m G e» Heimen auf dem vorgeschriebenen Wege gewahrt werde. Eine solche Auffassung läßt sich in einem demokratischen Lande nicht vertreten. Die Autorität der Zentralbehörde muß der Oeffentlichkeit weithin sichtbar geschützt werden. Der Fall Kölling liegt sehr klar, aber der Oefsent- lichkeit sind die Absichten des Justizministeriums sehr unklar. verbafiunst obne kölling. Magdeburg. 8. August.(WTB.) Die Krimlnaltommisiare Dr. R i e m a n n und Braschwitz au« Berlin haben in Köln die angebliche Braut des Schröder. Hilde Götze, fest- genommen. Sie wird nach Magdeburg übergeführt Mut vom»Deutschen Tageblatt". Erst Verleumdung, dann kneifen. In dem Strafverfahren gegen den verantwortlichen Redakteur de».Deutschen Tageblatt»". Dr. Lippert, wegen Be> leidigung de» preußischen Ministers für Voltswohlfahrt, dem sich Staatsminister Hirtsieser als Nebenkläger angeschlossen hat, wurde im heutigen Termin Vertagung beschlossen, da der An- geklagt« nicht erschienen war. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst meldet, bchiell sich das Gericht die Beschlußfassung über den von der Staatsanwaltschaft und dem Vertreter des Neben- tläger» gestellten Antrag auf Erlaß eines Haftbefehl» gegen den Angeklagten vor. Ein neuer Termin ist auk den\i. September anberaumt worden, zu dem auch der deutschvölkische Land- togsabgeordnete Gieseler als Zeuge geladen werden soll. Der An- geklagte hält sich in der Schweiz auf. Trotzdem zeichnet er noch als verantwortlicher Redakteur de»„Deutschen Tageblatt»". tzöchstüauer in üer Erwerbslosenfürforge. Verlängerung der bisherigen Vorschriften bis zum 31. Januar 1927. Der Reichsarbeitsminister hat am 30. März die Höchstdauer in der Erwerbslosensllrsorge aus 39 Wochen verlängert und am 9. Juni das Baugewerbe mit einbezogen. Gleichzeitig wurden die zur Ent- scheidung über die Unterstützung zuständigen Stellen ausgefordert, auf Grund der ihnen zustehenden Befugnisse die Fürsorge über die 39. Woche bis zur Dauer von 52 Wochen zu verlängern. Die Wirksamkeit dieser Anordnung war zunächst aus die Zeit bis zum 31. Juli 1926 begrenzt. Der Reichsarbeitsminister hat jetzt diese Frist bis zum 31. Januar 1927 verlängert. Wir müssen nochmals mit allem Nachdruck betonen, daß diese Fristverlängerung allein nicht genügt. Der Reichsarbeitsminister muß vor allen Dingen auch die Bezugsdauer verlängern, damit den langfristig Erwerbslosen der Fortbezug der Erwerbslosenunter- stützung gewährleistet bleibt. poincarss Schulöentilgungsplan. Ter Ertrag des Tabakmonopols dient znr Tilgung der Nationalbonds. Pari», 3. August.(Eigener Drahtbericht.) Die heutige Morgen- presse teilt Einzelheiten über die Zusammensetzung und das Funktio- nieren der neuen Amorttsationstasse mit. Die diesbezügliche Borlage umfaßt neun Kapitel. Ein Verwaltungsrat soll sowohl das Tabaksmonopol als auch die Amortisationskasse verwalten. Die Kasse selbst wird von dem Ertrag des Tabakmonopols gespeist werden. Sie wird das Recht haben, sich Vorschüsse geben zu lassen oder Aktienauszugeben.die vom Ertrag des Tabakmonopols garantiert werden. Sie wird ferner die Verwal- tung der 49 Millionen Nationalbons und kurzfristigen Schatzscheine sowie deren Verzinsung, ihre Erneuerung und Rückzahlung übernehmen. Es wird im Parlament kaum ernster Widerstand erwartet. Der Entwurf wird wahrscheinlich von der Kammer an einem Tage verabschiedet werden und schon am Donnerstag an den Senat gehen. Unter diesen Umständen könnte da» Gesetz bereits am Sonnabend vormittag im„Iour- nal Officiell" erscheinen. Die Lyoner Sozialisten gegen Herriot. Lyon, 3. August.(Eigener Drahtbericht.) In der gestrigen Sitzung des Stadtrats von Lyon verlas der Vorsitzende ein Schreiben de» Bürgermeister» Herriot, in dem er ersucht, eine außer- ordentliche Sitzung des Stadtrats einzuberufen, um Auf- klärungen über das Kabinett Poincarö zu geben. Der Sprecher der Sozialisten erwiderte, daß seine Partei die Erklärungen nicht nötig habe und im übrigen in dieser Sitzung nicht erscheinen werde. Die albanischen Grenzen sind endlich festgesetzt worden. Am 31. Juli unterzeichneten Jules Cambon für Frankreich, der englische, spanische und italienische Botschaster und die Gesandten von Ingo- jlawien, Griechenland und Albanien in Paris den Vertrag, der sie endgüllig regelt. Die europäischen Regierungen haben 14 Jahre gebraucht, bi» sie damit fertig wurden. Richterliche Selbstüberhebung. Richterwillkür über Gesetz. Don Kurt Rosenfeld. Die ,L> e u t s ch e R i ch t e r z e i t u n g", das offizielle, von einem Senatspräsidenten beim Reichsgericht herausgege- bene Organ des Deutschen Richterbundes, bringt in Heft 7 vom IS. Juli 1926 ein von dem Geheimen Iustizrat Prof. Dr. E. S t a m p e in Greifswald geschriebenen Artikel. Herausgeber der Zeitschrift und Verfasser des Auf- satzes liefern damit einen wahrhaft erschreckenden Beitrag zur Beurteilung richterlicher Selbsteinschätzung. In diesem Artikel wird die Frage aufgeworfen, ob, wann und inwieweit die Richter an das Gesetz gebunden sind. Eine sonderbare Frage! Sagt doch der grundlegende § 1 des Deutschen Gerichtsverfassungsgesetzes:„Die richter- liche Gewalt wird durch unabhängige, nur dem Gesetz unterworfene Gerichte ausgeübt." Stampe geht davon aus, daß oberstes Ziel des Staates ei,„die Lage und das Zusammenleben aller von ihm um- aßten Menschen für jeden wirtschaftlich erträglich und sittlich befriedigend" zu gestalten, daß dies Ziel die Richtschnur für alle Staatsgewalten, auch für die Gesetzgebung sein müsse, daß zur Verfolgung jenes Zieles die Arbeit an der zweckent- sprechenden Verteilung der Lebensgüter von besonderer Be- deutung sei, und daß als Werkzeuge für die Ausführung dieser Arbeit die einschlägigen Gesetze dienten. Ob ein Gesetz zu dieser Arbeit tauge, darüber aber habe der Richter zu entscheiden! Finde er es „nach pflichtmäßigem Ermessen" untauglich, so müsse er die Freiheit haben,„die Ver- wendung des von ihm untauglich befunde- nen Werkzeuges zu verweigern". Nach dieser„Recht s"-Auffassung würde das Gesetz, dem nach der Gerichtsverfassung der Richter unterworfen ist, umgekehrt dem Richter unterworfen sein! Richterlicher Willkür bei der Anwendung der Gesetze würde damit Tür und Tor geöffnet. Noch mehr als schon jetzt! Und das will gewiß viel heißen. Nichts kann deutsche Richter besser charakterisieren, als die Tassache, daß in ihrem offiziellen Organ gefordert wird:„Die Freistellung des Richters von der Befolgung des Einzelgesetzes." Jetzt schon bringt jeder Tag neue Beweise für eine geistige Berlodderung mancher Richter. Wenn nun gar noch festgelegt würde, wie es Stampe in der„Deutschen Richterzeitung" for- dern darf, daß es in dos Ermessen der Richter gestellt wird, ob und inwieweit sie ein verfassungsmäßig zustande gekom- menes Gesetz anwenden wollen, so würde ein richter- licher Absolutismus Platz greifen, gegen den der fürstliche Absolutismus des dunkelsten Mittelalters samt aller K a b i n e t t s j u st i z ein Kinderspiel wäre. Der Verfasser dieses eigenartigen Artikels vergleicht sonderbarerweise ein Gesetz mit einem Kompaß, Gewehr oder Motor, und er meint, daß diese Gegenstände gründlich erprobt werden könnten, bevor man sie dem Verkehr zugäng- lich mache, daß dagegen in der Regel keine Möglichkeit qe- geben sei, die Brauchbarkeit eines Gesetzes vor seinem In- krafttreten praktisch zu erproben. Diese Prüfung könne nur der Richter in der Praxis vornehmen, und daher müsse er das Recht haben, ein ihm untauglich erscheinendes Gesetz einfach nicht anzuwenden! Auch diese höchst eigen- artige Argumentation, deren bloße Wiedergabe bereits ihre Widerlegung bedeutet, ist nur geeignet, zur Charakterisierung deutscher Richter und ihrer Ueberheblichkeit, durch die sie an der Erkenntnis gehindert werden, daß ihre G o t t ä h n l i ch- k e i t, wie sie in der Richterzeitung proklamiert wird, doch nicht über allen Zweifel erhaben ist. Geradezu unerhört ist die Anwendung der Stampeschcn Argumentation auf das zur Auseinandersetzung der deutschen Fürsten mit den Ländern geplante Ge- setz. Es wird nämlich in dem Artikel der Standpunkt ver- treten, daß das Gesetz 2ur Enteignung der deutschen Fürstenhäuser dem von Stampe aufgestellten höchsten Staats- ziel gerade ins Gesicht schlage.„Es würde ein Akt van solcher Unsittlichkeit sein, daß uns die Völker der Erde ob seiner verachten müßten. Ist der Gesettgeber solcher Schritte fähig, so muß sich der Richter ihnen qegen- über auf seine Pflicht zur Wahrung des obersten Staats- zieles besinnen. Der Umstand, daß ein solches Gesetz mit verfassungsändernder Mehrheit beschlossen wurde, ist dabei für den Richter nicht maßgeblich. Auch diese Mehrheit kann das oberste Staatsziel nicht überwinden." Also: Wenn der Richter ein Gesetz für unsittlich hält, soll er es nicht anzuwenden brauchen! Nicht die einlache Mehrheit, nicht die für Verfassungsänderungen vorgeschriebene Zweidrittelmehrheit braucht dem Richter zr» genüqen. E r allein soll zu entscheiden haben, was als Gesetz anzu- wenden ist! Die Allmacht Gattes— dem Richter! Das ist die Quintessenz der neuesten Richterkorderunaen. Durch den Artikel Stampes läßt der Herausgeber der Zeitschrift des Deutschen Richterbundes Auffassungen propa- gieren, die noch über die in dem neuen Strafaefetzentwurf vorgeschlagene Machterweiterunq der deutschen Richter weit hinausgehen. Sebon die in diesem Entwurf vorgesehene Er- Weiterung des richterlichen Ermessens hat in unseren Reihen scharfe Kritik gefunden. Erst recht muß gegen die von Stampe gewünschte Loslösung der Richter voin Gesetz schärffter Protest erhoben werden. Gerade in diesen Tajjen der offenen Auflehnung eines deutschen Richters gegen die republi- konische Staatsgewalt erlangt der Artikel der„Deut- schen Richterzeitung" besondere Bedeutung. Wenn es niög- lich ist, daß in dem offiziellen Organ der deutschen Richte? bereits die Ansicht vertreten wird, daß der Richter nicht lU'.hr an das Gesetz gebunden sei, daß er nach seinem freien Er- messen Gesetze— also wohl auch die Verfassung?— b e- achten oder nicht beachten dürfe, dann ist die Mag- deburger und Münchener Justiz, wie sie jetzt enthüllt worden ist. wahrlich nicht mehr unerklärlich. Um so notwendiger, daß endlich mit der Reform der deutschen I u st i z an Haupt und Gliedern begonnen wird. Mit den schönen Worten, mit denen der neue R e i ch s j u st i z m i n i st e r sein Amt angetreten hat, ist es wahrlich nicht getan. Die Iustizreform muß sofort in An- griff genommen werden. Und sie muß beginnen: beim deutschen Richter!___ Ein neuer Iuftiziibergriff. Ist der Landbund eine amtliche Institution? Der verantwortlich« Redakteur des in Stettin erscheinenden ,.P o m m c r s ch e n L a n d b o t e n" erhielt für den 15. Juli eine Borladung des Amtsgerichts Stettin zur Zeugenvernehmung. Auf der Ladung stand folgendes vermerkt:„In der Strafsache gegen Un- dekannt wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses sollen Sie" usw. Bei der Vernehmung wurde erklärt, daß es sich um ein in der Nr. 12 der Zeitung abgedrucktes Schreiben des Landbundes, Kreis(grimmen, an die Neubrandenburger Arbeitsgemeinschaft handelt. Ts wurde gefragt, von wem das fragliche Schreiben stamme. Die Aussage hierüber wurde selbstverständlich abgelehnt. Zur besseren Information wollen wir das Schreiben des Land- bundes zunächst zum Abdruck bringen: „Die Deutsche Arbeiterzentrale, Landes st elle Stettin, wendet sich mit einem Schreiben an unsere Arbeit- gcbcr im Kreise und gibt an, daß die Entsendung von Beoustragten (Vorschnittern, Aufsehern usw.) nach der Grenze zur Schnitter- beschasfung üderslüssig und auch unerwünscht sei. Es ist seit Iahren Uebung, daß die einzelnen Wirtschaften ihre Vorschnitter entsenden, um die Leute an der Grenze selbst auszusuchen und zu- scininenzustellen. Die Grenzämter der Deutschen Arbeiterzentrale wollen jetzt die besonderen Wünsche der Herren Arbeitgeber be- rncküchtigen, Aufträge an der Grenze durch Beauftragte(Vor- schnitter, Ausseher usw.) können nicht inehr entgegengenommen werden. Die Deutsche Arbeiterze ntralc sucht sich also eine Monopolstellung in der Schnitter- beschafsung aus eigener Machtvollkommenheit einzuräumen. Da bisher olle behördlichen Einrichtungen für die Wirtschast versagt haben, glauben wir auch hier nicht, daß eine Besserung der Verhältnisse durch die Monopolstellung der Grenzämter der Deutschen Arbeiterzentrale eintritt. Wir be- fürchten vielmehr, daß nach den Ersahrungen namentlich des letzten Jahres von deii� Grenzämtern zunächst die Provinz Sachsen mit ihrem besseren Schnittertaris bevorzugt beliefert wird, an zweiter Stelle die einzelnen Arbeitgeber, denen es möglich ist, besondere Beziehungen zu diesen Grenzämtern zu crössnen. und an letzter Stelle die Provinz Pommern den Ausschuß der Schnitter zugewiesen erhält, der später mehr auf der Wanderschaft als wie in der Wirtschaft tätig ist. Wir bitten um eine gefl. Stellungnahm«, ob wir noch in letzter Stunde entgegen dem Rundschreiben der Deutschen Arbeiter- zentrale unsern Arbeitgebern mitteilen können, daß sie nach wie vor ihren Bedarf an der Grenze selbst eindecken können, soweit die Vorschnitter dazu geeignet sind." Im„Landboten" wurde an die Wiedergabe dieses Schreibens eine durchaus sachlich gehaltene Kritik geknüpft. Es wurde dar- auf verwiese», daß die S ch i t t e r t a r i f e der Provinz Pommern schlechter als die der Provinz Sachsen sind. Darauf sei es zurück- zuführen, daß bei der Beschaffung von Schnittern erheblich« Schmie- rigkeiten bestehen. Folgendes muß aber beachtet werden: Das Schreiben ist von keiner amtlichen Stelle versaßt und auch nicht an eine solche gerichtet, denn die Neubranden- Meltkunst oöer völkerkunöe? Eine Erwiderung von Erich Paget. In der Freitagmorgennummer vom ZV. Juli übt Dr. Paul F. Schmidt Kritik an� Museum für Völkerkunde. Als langjährige» Mitglied der von Adolf Bastian. Rudols Dirchow und anderen be- gründeten„Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte", die stet» in enger Verbindung mit dem Museum stand. möchte ich doch etwas Grundsätzliches zu dieser Kritik bemerken. Eingangs hebe ich hervor, daß es mir noch nicht an der Zeit ercheint, ein abschließendes Urteil über die jetzige Ausstellung des Museums zu geben, da einige Abteilungen noch gar nicht fertig und eröffnet sind und bei anderen(z. B. im Erdgeschoß) vielfach noch die erklärenden Beischristen fehlen. Dr. Schmidt urteilt als Kunstkritiker und Kunsthistoriker, und so interessant seine Bemerkungen sind, so können sie doch keinen Freund der Völkerkunde überzeugen. Völkerkunde bedeutet, richtig verstanden, Kunde von den Völkern, gleichviel rb hoch- oder tief- stehenden, Kennenlernen und Erkenntnis über Lebensbedingungen, Lcbenssoimen und Lebensäußerungen, wozu das ganze materielle Besitztum und selbstverständlich auch die künstlerische Betätigung ge- hört. Aber die Kunst ist vielfach nur Zwcckkunst, Kunstgewerbe. und es ist(abgesehen von einigen Hochkulturgebieten Asiens) kaum Kunst um ihrer selbst willen ausgeübt worden. Die künstlerisch« Be- tätigung kann also nicht von den Werkzeugen. Wafsen. Kunstgeg-n- ständen usw. gesondert werden. Wie sollen z. D. die wundervollen Augenornamente des Indianerkulturkreises an der Nordwcstküste Amerikas in einem„Weltkunstmuseum" gezeigt werden, ohne zu- gleich die Boote, Gerätschaften, Gewebe usw., aus denen diese Orna- mente angebracht sind, zu beachten? Ferner sind z. D. die Tanz- masken vielsach hochkünstlerisch ausgeführt, nichtsdestoweniger bleiben diese Tanzmasken aber in erster Linie Gegenstände völkerkundlicher Betrachtung, und ihre Ausstellung lediglich nach ihrer Kunstwertung würde die Tatsache verwischen, daß Tanzmasken(auch unkünstlerische) bei vielen Völkern auf der Erde verbreitet sind, und daß hier die Frage austaucht, ob alle diese Maßnahmen unabhängig voneinander auf Grund gleicher oder ähnlicher menschlicher Anlagen entstanden sind oder sich von einem Ursprungsort weiterverbreitet hoben. Ebenso sind z. B. die oft fein verzierten Menschenschädel oder etwa die Totempfosten völkerkundliche Gegenstände. Warum soll man nicht auch dabei oder bei der Betrachtung peruanischer Töpferwaren zugleich �künstlerisch empfinden dürfen, nur weil z. B. im Neben- schrank einig« Mumien untergebracht sind? Die buddhistisch» Kunst (im Erdgeschoß) ist ebenfalls nicht nur künstlerisch, sondern auch völkerkundlich, ja sie ist ohne die völkerkundliche Betrachtung mit ihren Kulturkreisen und Kulturausstrahlungen gar nicht so gut zu verstehen, und nebenbei bemerkt gibt e» auch hier«Siegesallee- tunst",wie z. A. die Reliefs zum Epos Ramayana. Daß sich bei burger Arbeitsgemeinschaft stellt nur eine Vereinigung von land- wirtschaftlichen Arbeitgeberoerbänden dar. Sie verfolgt den Zweck, gemeinsam gleichlautende Richtlinien zur Beschaffung von Schnittern aufzustellen. Der Landbund, Kreisgruppe Grimmen, hat aber gegen„Unbekannt" Anzeige erstattet, weil ver- mutet wird, daß ein Angestellter dem„Landboten" das Schreiben zugestellt hat und die mecklenburgische Justizbehörde eröffnet prompt da» Strafversahren gegen„Un- bekannt". In dem Schreiben des Landbundes kommt unzweifelhaft der Wunsch zum Ausdruck, die Arbeitsgemeinschaft möge durch ihre Stellungnahme dafür sorgen, daß die in Frage kommenden Arbeit- geber die von der Deutschen Arbeiterzentrale herausgegebenen An- Ordnungen Nichtbefolgen. Es wäre, weil die Arbeiterzentral: eine halbamtliche Stelle ist, begreiflich, wenn deswegen gegen den Londbund, eventuell gegen die Neubrandenburger Arbeitsgemein- schaft, eingeschritten werden würde. Die Deutsche Arbeiterzentrale hat doch sicher im Einverständnis mit der Regierung gehandett, als sie das in dem Schreiben des Landbundes erwähnte Rundschreiben an die Arbeltgeber des Kreise» Grimmen gerichtet hat. Wir sagen ausdrücklich: da» wäre begreiflich, weil offensichtlich die Absicht vorliegt, behördliche Maßnahmen zu durchkreuzen. Stattdessen wird nach demjenigen gefahndet, der das Schreiben dem„Landboten" übermittelt haben soll. Am 23. Juli erfolgte eine neu« Ladung zur Vernehmung auf dem Amtsgericht. Dabei wurde erklärt, daß die Vernehmung noch einmal angeordnet sei mit dem Ersuchen, den Zeugen, also den Redakteur darauf aufmerksam zu machen, daß bei Verweige- rung der Aussage eventuell das Zeugniszwangsoer- fahren gegen ihn angeordnet werden würde. Selb- verständlich ist auch bei dieser Vernehmung die Aussage oerweigert worden._ die Reichsemnahmen. Die Einnahme« decken nicht mehr die Ausgaben. Da« Reichsfinanzministerium oerössentlicht über die Lage der Reichsfinanzen neuerdings laufend zwei Uebersichten. Die erste Uebersicht verzeichnet nur die Eingänge an Steuern. Sie ist wichtig, weil sie den Ertrag jeder einzelnen Steuer nachweist. Die zweite Uebersicht stellt alle Einnahmen(Stenern und Verwal- tungseinnahmen) den gesamten Ausgaben gegebenüber. Dabei wird zwischen dem ordentlichen und dem außerordentlichen Haushalt unterschieden. Ferner werden— und das ist eine überaus wichtige Neuerung— auch die nachträglichen Einnahmen und Ausgaben des bereits abgeschlossenen Rechnungsjahres berücksichtigt. Deshalb find diese Uebersichten ein brauchbares Mittel zur Beurteilung der jeweiligen Lage der Reichsfinanzen. lieber die Reichseinnahmen und-ausgaben des ersten Quar- tals des Rechnungsjahres 1926(April bis Juni) ist die Uebersicht vor einigen Tagen erschienen. Danach verzeichnete der ordentliche Haushalt eine Gesamteinnahme von 1524 Mil- lionen, eine Gesamtausgabe von 1661 Millionen Mark. Es ist also ein kassenmähiger Zuschuß von 77 Millionen erforderlich gewesen. Da im Etat au» den. Ueberschüssen der Jahre 1924 und 1925«in monatlicher Zuschuß von 39,6 Millionen vorgesehen ist, in drei Monaten also 91,8 Millionen, so hat der ordentliche Haushalt mit einem etatsmäßlgen Ueberschuß von 14,8 Millio- n e n abgeschlossen. Der außerordentliche Haushalt, durch den insbeson- der« die Kriegslasten und die Reparationszahlungen zu decken sind, weist nur eine Einnahme von 9,6 Millionen Mark nach. Die Aus- gaben betragen dagegen 116,5 Millionen. Mithin sind aus A n- leihen zu decken 115,9 Millionen. Im allgemeinen bestätigt diese Uebersicht die Annahme, die sich schon aus der Entwicklung der Steuereinnahmen des Reiches ergeben hatte. Mit Hilfe der Ueberschüsie der vergangenen zwei Jahre ist ein etatsmoßiger Ueberschuß von 14,8 Millionen erzielt worden. Da» ändert ober nichts an der Tatsache, daß die Steuerein- nahmen nicht mehr zur Bestreitung der Ausgaben ausreichen. Tritt ein weiterer Rückgang der Steuererträge ein, so wird auch rechnungsmäßig«in Fehlbetrag sich ergeben. der religiösen Kunst oft keine scharfe Grenze gegenüber der„reinen" Kunst ziehen läßt, ist natürlich, spricht aber durchaus nicht gegen die Trennung von der ostasiatischen Kunstabteilung. Im Berliner Museumswesen liegt manches im argen, auch das Berliner Völkerkundemuseum wird nach Beendigung der Neuordung viele Wünsche übrig lassen, aber die Kritik Dr. Schmidts geht hier von unrichtigen Voraussetzungen aus. Das Völkcrkundemuseum soll im Gegenteil durchaus zu völkerkundlichen Betrachtungen anregen, ander« Völker verstehen und auch ihre künstlerische Betätigung schätzen lernen. Eine solche wichtige völkerkundliche Schulung ist zugleich sozialistisch. yibt keinen Krebsbazillus. Die Ansicht, daß der Krebs durch einen Krebsbazillus entstehe, taucht immer wieder auf, aber sie ist, wie in der Leipziger „Illustrierten Zeitung" ausgeführt wird, nach den letzten Unter- suchunaen von Professor Warburg in Berlin nicht aufrecht- zuerhalten. Es gibt einen Krebsbazillus ebensowenig, wie es einen bestimmten Bazillus gibt, der Zucker oder Arterienverkalkung hervor- ruft. Krebs ist vielmehr eine Infektion der körpereigenen Zellen. Krebsgewebe wächst unbeschränkt, im Gegensatz zum nornialen Körpergewebe, so daß sich der Stoffwechsel in der Krebszelle von dem einer normalen Zelle unterscheiden muß. Zwischen dem Stofswechjel der normalen Zelle und dein der Krebszelle besteht der Unterschied, daß die normale Zelle zugeführten Zucker zu Kohlensäure und Wasier verbrennt, während die Krebszelle ihn in Milchsäure spaltet. Grund- sätzliche Unterschiede hinsichtlich des Zellstoffwechsels, der für das Wachstum der Karzinome ausschlaggebend ist, bestehen, wie die Untersuchungen künstlicher wie natürlicher Krebsgeschwülste, Ratten- karzinom, normaler menschlicher Krebsgeschwülste zeigen, nicht: immer bildet da» Karzinoin au» dem zugeführtcn Blutzucker Milchsäure. Es ist dabei auch ganz gleichgültig, welchen Reiz das Karzinom hat oder welchen Sitz es ausweist. Die Fähigkeit, aus den, Blutzucker Milchsäure zu bilden, ist eine allgemeine Eigenschaft aller Körperzellen. Die normale Zelle bildet aber erst Milchsäure, wenn der Zelle nicht genügend Sauerstoff zuge- führt oder die Zellatmung durch Gifte gehemmt wird. Die Krebs- zelle tut dies aber auch bei einem Sauerstoffüberschuß, ihr Stoff- Wechsel vollzieht sich wie bei einer normalen, aber erstickten Zelle. Erstickt man künstlich normule Zellen, so wird deren Atmung ge- schädigt, und sie stellt sich auch nicht wieder ein, wenn man genügend Sauerstosf heranbringt. Die meisten der künstlich so behandelten Zellen sterben ab: nur wenige bleiben am Lc''en. und diese sind nicht mehr von Karzinomzellcn zu unterscheiden. Die Erstickung normaler menschlicher Zellen scheint zu genügen, um Kreb» hervorzurufen. Durch dauernde Schädigung der Atmung normaler Zellen gehen diese zum größten Teil zugrunde, während ein Teil sich in lgpijche Krebszellen umwandelt. Durch diese grundlegenden neuen Unter- suchungen eröffnen sich unter Umständen auch neu« Wege in der Be- Handlung de? bisher als unheilbar erscheinenden Leidens. Der t». welttovgreß für Elperanto wurde am Montag in Edinburgh unter Betelligung von 1000 Delegierten, die fast 40 Rationen oertreten, eröffnet. ffochwafferfchutz in Preußen. Ein Programm des Landwirtschaftsministers. Das preußische Landwirtschaftsmini st erium hat zur Vermeidung von Ucbcrschwemmungen und Hochwasier- katastrophen, wie sie in den letzten Monaten viele Gegenden und Landstriche über sich ergehen lassen mußten, ein großes Hoch- wasserschutzprogramm entworfen. Wie wir erfahren, rechnet das Minifteriuni stark damit, daß dieses Programm im Rahmen des großen Arbeitsbeschafsungsprogramms durchgeführt wird. Die Bauten für den Hochwasserschutz find an sich Sache der Länder. Aber da die Länder sich schon in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit finanziell anstrengen müssen, appellieren sie für die Hochwasserschutzarbeiten an die Hilfe des Reiches. Für Not- ftandsorbeiten in engerem Sinne sind bekanntlich 200 Millionen (100 vom Reich und IG) von den Ländern) bewilligt. Die Frage ist nun, ob diese 200 Millionen zur Finanzierung der Hochwasser- schutzarbeiten herangezogen werden können. Der auf Preußen ent- fallende Teil der 20 0 Millionen entspricht ungefähr der Summe, auf die die Kosten für das preußische Hochwasierschutz- Programm(96 Millionen für die westlichen und 60 Millionen für die östlichen Provinzen) veranschlagt worden sind. Das Reich hat bereits ein gewisies Entgegenkommen zugesagt. Die zur Verfügung stehenden Mittel können zum Zweck der Beschäftigung von Arbeitslosen auch für Hochwasferschutz- arbeiten Verwendung finden. Auf diese Weise kann aber nur ein Teil des Hochwasserschutzprogramms erledigt werden: denn Grund- bedingung für die Verwendung des 200-Millionen-Fonds ist, daß dos Geld in erster Linie in den Gegenden nutzbar gemacht wird, wo die Zahl der unterstützten Arbeitslosen besonders groß ist, und das sind in erster Linie die westlichen Provinzen. Die Mittel müssen dort oerwendet werden, wo große Arbeitslosigkeit herrscht, ganz gleich, ob nun Hochwasserschutzarbciten. in Frage kommen oder nicht. Es dürste sich daher empfehlen, im Rahmen de» Programms für die eigentlichen Notstandsarbeiten, das zurzeit zwischen der Reichsarbeitsverwoltung und den Ländern ausgearbeitet wird, die- jenigen Hochwasierschutzprojekt« in Angriff zu nehmen, die nicht so umfangreich sind und die noch in diesem Herbst rechtzeitig zu Ende geführt werden können: denn die Hochwasserschutzbauten, vor allem die D e i ch d ä m m e, können nicht den Winter über halbfertig liegen bleiben, weil sonst leicht neu austretendes Hochwasser die an- gefangenen Bauten in kurzer Zeit wieder völlig zerstört. Da aber auf der anderen Seite die Durchführung gerade der größeren Hoch- wasserschutzprojekte zur Verhütung neuer Schäden auch nicht auf die lange Bank geschoben werden darf, muß für diesen Teil des Hochwasserschutzprogramms rechtzeitig eine besondere Finanzierung erfolgen. Man darf nicht außer acht lassen, daß der Hochwosserschutz eine produktiv« Anlage ist. Reich und Länder müssen daher sofort bei dem Zusammentritt der Parlamente im Herbst für die Finanzierung des Teils des Hochwasserschutzes, der augenblicklich durch Notstandsarbeiten noch nicht erledigt werden kann, rechtzeitig Sorge tragen. Raiffeisen staalsgefährlich. Die polnische Polizei verlangt, daß der Name Raiffeisen von dem Genosfenschastshaus in Posen beseitigt wird. Sie stützt ihre elende Schikane auf eine Verordnung, nach der Inschriften an Straßenfronten in polnischer oder polnischer und deutscher Sprache angebracht sein müssen. Aber ein Eigenname ist unübersetzbar. Der polnische Innenminister sollte die Posener Poli- zei daran hindern, Polen lächerlich zu machen wegen ihrer Aktion gegen den verdienten, in ganz Europa bekannten Gründer des lönd- lichen Genossenschiftswestns. Die tschechischen Faschisten drohten in einer Prager Versaium- lung mit eiucr„Aktion", wenn ihr geliebter General Gajda nicht binnen 10 Tagen ein amtliches Ehrenzeugnis erhalte. Die Regie- rungsvertreter schritten gegen diese Drohung nicht«in. Eine Re- gierungserklärung besagte vrohcr, daß einige Zeugen noch nicht er- mittelt seien, die Untersuchung gegen Gajda(wegen Spionage für Sowjetrußland) also noch einige Zeit brauch«. Wie sie auch aus- gehen mag— wir wissen, daß Masaryk den Gajda wegen seiner faschistischen Gelüste entfernt hat und dabei dürfte es auch bleiben. Nikolaus II. als Zensor. Das neueste Heft des in Moskau er- scheinenden„Roten Archivs" enthält einen interessanten Bericht über eine nicht zustandegekommene Zensurierung der Tolstoischen Werke durch Nikolaus II. Die russische Vorzensur wurde erst im Jahre 1906 abgeschafft, während bis dahin viele Werke Tolstois im Auslande erscheinen mußten. Aber selbst nach Aushebung der Vorzensur siel so manches Tolstoische Werk der Beschlagnahme anheim. Als nach Tolstois Ab- leben seine Tochter zusammen mit seinem Sekretär Tschortkow an die Herausgabe seiner noch unveröffentlichten Werke schritten, bean- tragten sie zur Vermeidung etwaiger Zensureingriffe bei Nikolaus II. «ine generelle Erlaubnis zur Herausgabe von Tolstois Werken. Dieses Gesuch wurde dem Zaren von dem Hosminister gredericks unterbreitet. Offenbar wußte weder der Zar»och sein Minister, daß in Rußland die Vorzensur bereite abgejchasft worden war. Niko- lau» II. entschloß sich also, die Geste Nikolaus I. nachzuahmen(der die Zensurierung von Puschkins Werken übernommen hatte) und be- traute den Hofminister Graf Golsaischtschow Kulusow mit der Zen- surierung von Tolstois Werten, wobei dieser in zweifelhaften Fällen um das persönliche Gutachten Nikolaus II. einkommen mußte. Als Ministerpräsident Stolypin von der Sache erfuhr, wies er in einer Eingabe an gredericks daraus hin, daß die Wiedereinführung der Vorzensur einen ungesetzlichen Akt bedeuten würde. Fredericks machte dem Zaren ein« entsprechende neue Eingabe, woraus sich dieser veranlaßt sah, von der Zensurierung der Tolstoischen Werke abzu- sehen. Tolstois Manuskripte wurden Tschortkow dann mit dem Ver. merk zurückgegeben, daß sie nur aus Grund der bestehenden allge- meinen Pressebestimmungen gedruckt und verbreitet werden dürften. Mussolini verflucht das Fluchen. Sehr interessant ist die Tat- fache, daß Mussolini, der zeitgenössische Verfechter des Mittelalter- lichen Gehorsams seitens der Unterdrückten, das Fluchen neuerdings als eine strafbar« Handlung, als Erregung öffentlichen Aergcrnisses erklärt hat. Was heißt aber Fluchen? Der Katechismus sagt für „Fluchen": Du sollst den Namen deines Gottes nicht unnütz führen. Wer ist Gott? Ich bin der Herr dein Gott. Vielleicht Mussolini? Klug genug von ihm, dem Staatsmann, der Macht genug in dem faschistischen Italien besitzt, das Fluchen zu verbieten, das Fluchen auf ihn. einen Staatsmann, der heute zu oft und gern verflucht wird. Das ist der Fluch der bösen Tat: denn verbotene Früchte reizen. Werden die Italiener nicht Mussolinis Verbot verfluchen müssen, und damit ihn? Geflucht hat man ja auch schon trog des neuen Gesetzes. Wurde doch neulich erst in Italien ein Viehhändler, der nur ein Roß verflucht hat. schwer bestraft._ 1 400 000 Tbenterplötze cebrnkt die Berliner?ott4k>llbne Im neuen Spie- sabr zu liillen. Tie verteilen sich wie folft: 620 000 Plötze im T cat r(im Biilewplatz, 642 00» Plötze in der iCpcr am Platz der Rcvublit,»HO 000 Plätze im Tbcaler am Schiffb-undamm. 370 000 Plätze im iftalin-itzeater, 130U00 Plätze im Schillert�caler. 31 000 Plätze im Staatliche» Schauivicl- bau» am 6!eiidarmenmarkt. Da jede» Mitglied der Doltsbühne fäbrlich zwölfmal In» Tbeater kommt,>o rechnet die?olk«bübne aus 150 000 Mit- glieder. Die Beiträge itir den Poistellun-iSbesuch bleiben wie im Borjatzre (ttbciidvorsiellunaen M. 1.50.?iach»iillag«vorilclli»ige» M. l,10i. Ischechische Ehrung tfit Hugo Salus Der Ilchechoslowakischc Unterricht»« minister hat dem deutschen Dichter Hugo Solu« anlästlich seine« 60. burtltagc» eine Ehrengabc al» Anerkennung für seine literarische Tätlgkelt überwiese». Steuerfreie Gffizierspensionen? Ein Beitrag zum Kapitel der Steuergerechtigkeit. Zu welchen unglaublichen Zuständen die einseitige Be- vorzugung des Großgrundbesitzes in der Steuerpolitik führt, darüber erfährt man fast jeden Tag neue überraschende Tat- fachen. Bekannt ist ja, daß die ostelbischen Großagrarier nach Aen- derung der Steuergesetze durch den verflossenen deutschnationalen Finanzminister v. Schlieben kein« Einkommen st euer mehr bezahlten: denn sie reichten dem Finanzamt eine Buchführung ein, die mit einer gewaltigen Unterbilanz abschloß. Dagegen wurden die nicht buchsührenden Landwirte(kleine Bauern) nach so- genannten R i ch t z a h l e n eingeschätzt, d. h. es wurde im Durch- schnitt der reine Ertrag pro Morgen geschätzt, der zwischen 6�20 M. pro Morgen schwankte, und danach das Einkommen festgestellt, iuooon die Einkommensteuer zu bezahlen ist. Bei der Festsetzung iieser Richtzahlen wurden meistens die Kreislandwirtschaftsoer- bände gehört, die diesen auch zustimmten, da ihre Vorstände mit Großagrariern besetzt sind, die diese Regelung nicht kümmerte. Sie brachten nicht den Mut auf zu sagen, wir haben buchmäßig keinen Reinertrag, also können die kleinen Bauern erst recht keinen Ertrag gehabt haben: nein, im Gegenteil, sie sagten vielmehr, der kleine Besitzer könne billiger und damit auch ertragreicher wirtschaften, weil seine individuelle Arbeitskraft darin steckt, weil er weniger mit Kunstdung und auch mit einfacheren Maschinen arbeitet u. a. So sieht die Berufsoertretung aus, die der Bauer mit seinen Beiträgen mästet! Je weniger Land, desto mehr Steuern! Aber es ist doch noch ein Mittel im Gesetz, mit dem die steuer- scheuen Großagrarier zu ihrer Steuerpflicht herangezogen werden können. Ein Paragraph des Einkommensteuergesetzes besagt näm- lich, daß sie, wenn sie buchmäßig eine Unterbilanz feststellen, nach dem Verbrauch besteuert werden können. Das wäre doch noch ein Weg, der etwa der Lohnsteuer entspricht: denn den Lohn, den heute ein Arbeiter, Angestellter oder Beamter erhält, den verbraucht er auch: trotzdem bezahlt er Steuer, oder vielmehr, sie wird ihm vorher schon abgezogen, bannt er sie ja nicht ver- braucht. Ein Arbeiter, der ein Monatseinkommen von zirka 150 bis 180 M. hat, bezahlt etwa 8 M. Einkommensteuer, das sind jähr- lich rund 100 M., bei einem Jahresverbrauch von rund 1800 bis 2000 M.:«in Beamter mit etwa 3000 M. zahlt zirka 200 M. Steuern usw. Frage: Wieviel Einkommen st euer bezahlt nun ein Großagrarier, der einen Jahresverbrauch von 14 900 Mark hat(also 5— 8mal so viel verbraucht)? Antwort: Keine, denn nach der Ausführungsverordnung des lierrn Finianzministers zu diesem Paragraphen ist er erst dann mit Einkommensteuer zu belegen, wenn er einen Jahresverbrauch über 15 000 M. hat. Ist diese Regelung an sich schon ein schreiendes Unrecht am übrigen Volke, an werktätigen Arbeiter, Angestellten, Beamten und Bauern, so wird sie geradezu grotesk durch die Art, wie der Großgrundbesitz von diesem Privileg Gebrauch zu machen sucht. Auf Grund dieser Bestimmung oersuchen nämlich Großagrarier, die Offizierspensionen von 6000 bis 15 000 M. jährlich be- ziehen, sich sogar von dem Lohnabzug— der auch für Pensionen gilt— zu drücken. Sie fordern nämlich, daß ihnen die Pension auf ihre Betriebsbilanz angerechnet werden, wenn mit den bekannten Mitteln der Steuerberater eine solche Derlustbilanz zurechtfrisiert worden ist. Wenn also ein Großagrarier und Pen- sionsbezieher dem Finanzamt 30 000 M. Unterbilanz gemeldet hat, dann will er auch davon seine Pension absetzen, sagen wir 10 000 M., dann bleibt nur eine Unterbilanz von 20 000 M.: er ist trotzdem für seine Einnahmen aus der Landwirtschaft noch steuer- frei, ober er will obendrein die eingesetzte Pension steuerfrei haben, also Zurückzahlung der abgezogenen Lohnsteuer von der Pension. Dieser Fall hat sich in Ostdeutschland tat- sächlich ereignet. Es ist höchste Zeit, daß in diesen Steuersumpf einmal gründlich hineingeleuchtet wird, daß der Reichstag sich daraushin die Steuergesetze vornimmt und daß der Herr Finanzmini st er, jetzt ein Demokrat, für wahre Steuergerechtigkeit sorgt. Im Geiste üer völterversöhnung. Liebet eure Heinde. In einer„Kleinen Anfrage" vom 9. Juni hatte die Sozial- demokratische Partei des Preußischen Landtags die Vorgänge be- leuchtet, die unser hinterpommersches Parteiblatt aus Ä u s s e r o w berichtet hatte. Der dortige Lehrer Jagsch soll die Nächsten- liebe folgendermaßen in der Religionsstunde behandelt haben: I. Frage: Wer sind unsere Nächsten? Antwort(im Chor): Die Deutsche» sind unsere Nächsten. 2. Frag«: Sind die Franzosen auch unsere Nächsten? Antwort(im Chor): Nein, die Franzosen sind unsere Feinde. 3. Frage: Sollen wir die Franzosen auch lieben? Antwort(im Chor): Nein, wir müssen die Franzosen Haffen.— Im Anschluß daran wurde gefragt:.Was gedenkt das Staatsnünisterium zu tun. um dem Artikel 148 Abs. 1 der Reichsverfassung gegenüber Lehrern und Schulaussichtsbeamten, die die Verfassung nicht re- spcktieren, Geltung zu verschossen?" Das Kultusministerium hat nun in seiner Antwort von« 20. Juli Vis Vorgänge so dargestellt, daß der Lehrer Jagsch bei der BeHand- ung der Berg> redigr auch das„Problem der Feindesliebe" mit den Kindern in freier Wechselrede erörtert Hab«. Dabei sei seitens der Kinder— das hebt der Bericht besonders hervor— u. a. auch der Gedanke zum Ausdruck gebracht worden, daß es doch ganz unmöglich sei, auch die Franzosen zu lieben. Andere Kinder wiesen aber darauf hin, daß es doch klipp und klar in der Schrift stehe, und daß daran nicht zu deuteln sei. Nach längerer Aussprache habe der Lehrer den Streit dahin geschlichtet, daß es dem n a t ü r- l i ch e n Menschen—„natürlich" besonders hervorgehoben!— allerdings unmöglich sei, in so weitgehender Weise selbst Feinde zu lieben. obwohl Jesus in seiner übermenschlichen Art dies fordere, daß wir uns aber bemühen müssen, seiner Forderung nachzukommen.— E i n Anlaß zum Einschreiten liege daher nicht vor. Der ganze Vorgang zeigt wieder einmal,, wie notwendig die staatliche Schulaufsicht auch im Religionsuntericht ist. Der verfastunostaq. Am Mittwoch, den 11. August, mittags 12 Uhr, ist wie all- jährlich im Reichstagsgebäude die offizielle Verfassungs- f e i e r. Sie wird eingeleitet durch ein vom Staats- und Domchor unter der Leitung Prof. Rüdels gesungenes Volkslied um 1510: „An die deutsche Nation", darauf folgt«in« Rede des Reichsinnen- Ministers Dr. Külz, woraus der Chor das Mozartfche Bundeslied singt. Nach einer Ansprache des Reichskanzlers Dr. Marx wird dann gemeinsam das Deutschlandlied Strophe 1 und 3 gesungen, worauf der Reichspräsident die Front der auf dem Platz der Republik aufgestellten Reichswehrkompagni« abschreiten wird, vi« Reichswehrkapelle spielt während der Feier draußen auf hem Platz der Republik.— Die Girlanöe Herluis. £5 Jahre Laubenkolonien. Im Frühling in ein Blütenmeer eingebettet, im Sommer und Herbst zur Zeit der Fruchtreife voll festlichen Frohsinns erfüllt, ruhen wie Oasen die Berliner Laubenkolonien in der sandigen Eben« der Mark. Mehrer« Wegstunden lang begleiten schon die primitiven kleinen Gärtchen, mit Drahtzäunen und Hecken umhegt, die Chausieen und Bahngeleise, bis an das steinerne Herz der Stadt hinein kleben sie an Bahndämmen, an totem Eisenbahngelände und auf leeren Bau- Plätzen zwischen grauen Häusermauern. Und überall spiegeln sie Be- triebsamkeit und Fleiß. Wie sie ein Künstler wie Baluschek immer und immer wieder gemalt hat, eine festliche Girlande, haben sie die Menschen aufgerichtet zu ihrer eigenen Feier, zum Jubiläum des 25jährigen Bestehens des Verbandes der Laubenkolonien. So lieblich der hier gezeichnet« äußere Rahmen, so prosaisch ist sein Zweck, denn von Beginn an bis zum heutigen Tag gilt der Zusammenschluß der Kleingärwer dem Kampf gegen die Uebermacht der feindlichen Groß- stadt mit ihrem naturgemäß gegensätzlichen Impuls und den vielen sonstigen gegenteiligen Interessen, die der Kleingartenbewegung ent- gegenstehen. Di« Geschichte dieses Verbandes spiegelt auch förmlich die Leidensgeschichte der asthmakranken Stadt, der als Anormalität gleichsam«ine zweit« Lunge durch die Laubengelände von außen an- gewachsen ist, an Stell« der fehlenden Parks und Spielplätze im Inneren. Der Ursprung der Laubenkolonien datiert seit der Wohnungsnot nach dem Krieg« 1870�71, wo die Stadt Wohnbaracken— wie jetzt im Weltkrieg— mit kleinen Gärten auf dem Urban im Berliner Süden errichtet«. Noch am Moritz- platz und am Dönhoffplatz, diesen heutigen Zentren großen Verkehrs, befanden sich große Sandflächen und Gärtnereien von 10 bis 12 Morgen Größe. Das Ueberhandnehmen verbrecherischen Ge- sindels, das an den Rändern der Stadt sein Unwesen trieb, ver- anlaßt« in den SOer Jahren die Berliner„Ackerbürger", wie sich die Laubenkolonisten damals nannten, sich zu einem Schutz- und Trutz- verein zusammenzuschließen. Von dieser Zeit her rühren auch die zur ständigen Einrichtung gewordenen Erntefeste, die anfangs Herbst wimpelbeflaggt die große Heiterkeit des Berliner Humors breit aus- zeigen.— Es meldete sich sofort eine Gegenorganisation, die der „G« n« r a l p ä ch t« r", deren Aufgab« nur darin bestand, für billiges Geld die Sandplätze den Grundstücksbesitzern abzupachten und klein parzelliert sie wucherisch an die Laubenkolonisten weiter- zuverpachten. Nebenher hotten sie noch Privileg« auf Bier und Schnapsausschank und oerstanden es auch sonst ausgezeichnet, die Laubenbewegung in Mißkredit zu bringen. Der durch 25 Jahre mit unverminderter Heftigkeit geführt« Kampf der Laubenkolonisten gegen die„Generalpächter", die neuerdings auch wieder in versteckter Form auftauchen, endete mit einer glatten Niederlage der letzteren, denn neben anderen nunmehr erwirkten Rechten, die durch ein Klein- gartengesetz und eingesetzten Schiedsgerichte Pachtverhältnisse u. a. regeln, wurde durch Gesetz ein« Zwischenpocht verboten. Die teilweis« auch schon im Frieden einsetzende Ungewißheit des Arbeitsmarktes und Arbeitslosigkeit begünstigten die Entwicklung der Laubenkolonien, die Gärten vielfach zum Nothelfer und zur Unter- kunftsstätte armer Familien. Die erzieherische Wirkung. Wie erzieherisch die Laubenkolonien gewirkt haben, geht aus der deutlich sichtbaren Tatsach« hervor, daß durch den Fleiß der Leute sandige Bodenwüsten in fruchtbares Ackerland von hohem Ertrag verwandelt wurden, daß sie auf die Bodenwerte be- fruchtend wirkten und daß Gartenindustrien und vieler Nebenbedarf sich vielfach nur auf sie begründen. Aus manchem Kolonisten, der Jahre hindurch seine Scholle im Pacht bewirtschaftet«, wurde mit der Zeit ein Besitzer, der sich dann auch sein eigenes Häuschen in den Garten baute. Viele blühende Gemeinwesen in nächster und weiterer Entfernung der Hauptstadt oerdanken den Laubentolonisten, den Pionieren ihr« Entstehung. Der Wert an Voltsvermögen, der sich auf diese Art über die Inflation gerettet hat und eben den mittleren Schichten zugute kommt, ist ein ganz beträchtlicher. Ihren idealen Daseinszweck, durch Zahlen belegt, haben die Laubenkolonien jedoch während des Durchhaltens im Krieg bewiesen. Es wird errechnet, daß von einem Garten von etwa 300 bis 400 Quadratmeter Fläch« bei intensiver Bewirtschaf- tung ein« fünfköpfige Familie das ganze Jahr hindurch ihr Gemüse ernten kann: während der er- wähnten Zeit aber waren es mehr als 100 000 Berliner Familien, die sich durch den Garten selbst ernährten und so den übrigen Markt entlasteten. Es wurden offiziell bei einer Viehzählung in den Laubenkolonien gezählt: 237 364 Hühner, 134 064 Kaninchen. 7440 Gänse, 18 960 Enten, 64 848 Tauben, 2976 Ziegen, 336 Puten.— ♦ Heute, wo der Ernährungsmarkt mit den wirtschaftlichen Ver- Hältnissen ziemlich wieder ausgeglichen ist und sich der Eigenbau von Gemüse nicht mehr so wie früher lohnt, neigt man in der Lauben- bcwirtschaftung wieder mehr zur Obstbaukultur, auch Blumenbeete und schöngärtnerische Bestrebungen finden wieder Platz Im Herzen des emsigen„Berliner Ackerbürgers", zur Freude der vorüber- wandelnden„Besitzlosen". Di« klein« Laubenbewegung ist seit ihrer Begründung vor 25 Jahren nun auch weit über den Provinzial. verband Berlin hinaus zu einem einheitlichen Reichsverband zu- sammengewachsen, der all« anderen Vereinigungen wie die der Schreber- und Roten-Kreuz-Gärten mit einschließt. ver Wächter als vieb. Das Teppichgefchäft mit der Kriminalpolizei. Einen großen Teppichdiebstahl, der in der Nacht zum ver- gangenen Sonnabend in der K a n t st r a ß e verübt wurde, hat die Kriminalpolizei rasch aufgeklärt. Eine Antiquitätenhandlung ließ ihre Räume durch einen 27 Jahre alten Elektromonteur Franz W a r d a Nacht für Nacht bewachen. Am Sonnabend morgen entdeckte man einen großen Diebstahl. Als man den Wächter zur Rede stellen wollte, war er nicht zu finden. In der Nacht zum Sonntag hörten Beamte der Streife Mitte, die sich aus einem Rundgang be- fanden, in einem Lokal in der Invalidenstraße ein Gespräch, aus dem hervorging, daß Teppiche oerkauft werden sollten. Einer von ihnen machte sich an die Leute heran und spielt« den Vermittler. Man wurde handelseinig, und der„Vermittler" erbot sich, sofort einen Geldmann zu holen. Dieser erschien denn auch bald und oerhandelte von neuem. Di« Verkäufer, drei Mann, der„Vermittler" und der Geldmann" begaben sich endlich in ein R a d i o g e s ch ä f t in der Invalidenstraße, wo die zu verkaufenden Teppiche in einem Hinter- ziwmer lagen. Hier traf man noch einen vierten Mann, der die Teppiche in seiner Obhut hatte. Man einigte sich auf 2200 Mark, die der Käufer sofort bar bezahlen sollte. Der griff dann auch in die Tasche, holte aber statt des Geldes eine Silber- marke heraus, zeigte sie den Leuten und stellte sich als K r i m i n a l k o m m i ss a r vor. Die„Händler" waren einen Zlugenblick verblüfft, schickten sich dann aber an. ihre Revolver zu ziehen, mit denen alle vier bewaffnet waren. Der Kommissar kam ihnen jedoch zuvor und hielt sie mit seiner Waffe in Schach, bis Schutzpolizei zu Hilfe eilte. Es wurde bald festgestellt, daß es sich um die in der Kantstraße gestohlenen Teppiche handelte. Der vierte Mann, der die„Sore" in dem Radiogeschäst bewacht hatte, war der diebische Wächter Warda. Die drei anderen wollen an dem Diebstahl nicht beteiligt gewesen sein, mußten aber zugeben, gewußt zu haben, daß die Teppiche, um deren Verkauf sie sich mitbemühten, gestohlen waren. Alle vier wurden festgenommen. Ueberfav auf einen Polizeibeamten. Die verbotene Sammlung für die englischen Bergarbeiter. Am gestrigen Montag abend kam es in der Landsberger Allee in der Nähe des Bahnhofs vor dem Lokal„Steuerhaus" zu einem Zusammenstoß zwischen Mitgliedern des Roten Frontkämpferbundes und P o l i z e i b e a m te n. in desien Verlaus«in Schutzpolizist von den Kommunist«» schwer miß- handelt wurde, so daß er sich in ärztliche Behandlung begeben mußt«. Ein Zug des Roten Frontkämpfcrbundes marschiert« die Landsberger Alle« entlang, um im„Steuerhaus" ein« Versammlung abzuhalten. Zwischen der Kreuzung der Petersburger Straß« und des Bahnhofs Landsberger Allee bemerkten die Polizeibeamten, die den Zug in einem Lastauto begleiteten, daß zwei Angehörige der kommunistischen Organisation von den Possanten Geldbeträge sür die vom Polizeipräsidium nicht genehinigte Geldsammlung für die streikenden englischen Bergarbeiter in Empfang nahmen. Die Polizeibeamten schritten daraushin zur Fe st nahm« derbeiden Sammler, die sie auf ihrem Lastauto mitführt«». Infolg« der Festnahme hatte sich«in« größere Menschenmenge ange- sammelt, die vor dem Lokal die Polizeibeamten belästigt«, so daß zur Wiedsrherstellung der Ordnung die Straße abgesperrt werden mußte. Die Menge sammelte sich jedoch wieder, und die Polizei- beamtcn wurden hart bedrängt. Ein Schutzpolizist wurde von den Kommunisten in den Gatten des Lokals gezogen und dott schwer mißhandelt. Di« Meng« ließ erst von dem Beamten ab, als ein Ordner des Roten Frontkämpferbundes hinzukam und ihn befreite. Straftenbahnzusammenstoh i» Neukölln. Ein Straßenbahnzusammen st oß. bei dem vier Personen verletzt wurden, ereignete sich heute morgen gegen %8 Uhr an der Steinmetz. Ecke Lessingstraße zu Reu- k ö l l n. An der Haltestelle kurz vor der Straßenkreuzung hielt ein Straßenbahnzug der Linie 6 3 S. Der Führer des nachfolgenden Triebwagens der Linie 63 konnte seinen Wagen nicht mehr zum Halten bringen und fuhr aus den Anhängerwagen mit voller Wucht aus. Sämtliche Scheiben gingen in Trümmer. Obgleich der Wagen ziemlich stark besetzt war, wurden nur vier Personen, die sich Quetschungen zuzogen, verletzt. Sie be- gaben sich nach der naheliegenden Rettungsstelle, wo ihnen Not- oerbände angelegt wurden. Beide Straßenbahnwagen waren so stark beschädigt, daß sie aus dem Verkehr gezogen und abge- schleppt werden muhten. Durch den Zusammenstoß entstand eine sehr empfindliche Verkehrs st örung von beinahe ein- stündiger Dauer. Die Schuldfrage bedarf noch der Klärung. 5euer im Postamt Steglitz. Telephonverkehr Potsdam— Berlin unterbrochen. Durch Kurzschluß im Umschaltraum des Postamtes Steglitz in der Bergstraße 1 entstand heut« morgen kurz nach-liS Uhr«in Feuer, das einen T«il der technischen Einttchtung und mehrere Kabel zerstötte. D«r Feuerwehr gelang es nach kurzer Zeit den Brand zu löschen. Durch den Brand ist jeder telephonische Verkehr von Pols- dam bzw. Zehlendorf nach Groß-Berlin unterbrochen. In entgegengesetzter Richtung erleidet der Verkehr keine Verzögerung. Es soll versucht werden, die Störung durch ein« provisorisch« Schaltung zu beheb«». Sollte aber, was sehr wahrscheinlich ist, durch dieses Be- helfsmittel eine Verbindung nicht hergestellt werden können, so wird die Unterbrechung unter Umständen von längerer Dauer sein. Ueber die Ursache des Kurzschlusses ist die Untersuchung noch im Gange. Nächtliches Reiter in der Fricdcnstrasje. Ein gefährliches Feuer kam gestern Nacht gegen �»1 Uhr in der Tischlerei von E h m in der F r i e d e n st r. 4 8 zum Ausbruch. Bei Erscheinen der Wehren standen die ausgedehnten Räume, in denen Nutzhölzer, Werkzeugbänke usw. lagerten, in Flammen. Das Feuer breitete sich mit großer Schnelligkeit aus und griff auf die Schaldeckc über. Erst nach einstündigem Wassergeben war die Hauptgefahr beseitigt. Die Ausräumungsarbeiten dauerten bis 3 Uhr morgens. Die Eni- stehungsursache ist noch unbekannt. Wer ist der Tote? Mit abgefahrenem Kopf wurde am vergangenen Sonnabend ein unbekannter Mann aus den Gleisen des Bahnhof» Chor- l o t t e n b u r g aufgefunden. Nach den Ermittlungen hat er sich absichtlich überfahren lassen. Die Leiche wurde nach dem Charlottenburger Schauhause gebracht. Der Man» ist etwa 50 Jahre alt und 1,80 Meter groß, hat langes blondes grau- meliertes Haar, eine kohle Stirn und auffallend lange Finger- nägel und trug einen hellgrauen gestreist«» Anzug, ein weißes Leinenhemd ohne Zeichen, eine lila Krawatte, grüne Strümpfe mit dem aufgenähten Zeichen>1 und halbe schwarze Schnürschuhe. Bei ihm fand man eine Kokainschachtel mit dem Namen„Paul Nolte". Wieder Oderiiberschweminungen. Leuthen. 3. August.(WTB.) Nach B.ättermeldungen aus Ratibor ist infolge starker Regenfäll« in den letzten Tagen d i e Oder erneut aus den Ufern getreten und hat die Oder- Niederungen überschwemmt. Di« Lag« der Landwirtschaft droht verzweifelt zu werden._ Der Dammbruch der Mulde abgedichtet. Den vereinten An- strengungen der staatlichen Ordnungsponzei, der Technischen Nothilfe, sowie der tatkräftigen Hilfe der Einwohner der angrenzenden preußischen und onhaltischen Ortschaften gelang es in später Abend- stunde, den Dammbruch der Mulde bei Niesau abzu- dichten und den Strom in sein natürliches Bett zurückzudrängen. Gleichwohl ist der Schaden, der durch die Ueberflutung der Mulde entstanden ist, außerordentlich groß. Wieder ein Kanalschwimmcn mistglückt. London, 3. August.(TU.) Die amerikanisch« Schwimmerin Barrett mußte drei Kilometer vor Cap Grisnez da. Kanalschwimmen ausgeben, nachdem sie 21� Stunden geschwommen war._ Aus Angst vor die Lokomotive. Die kleinen Dieb« hängt man überall, die großen läßt man lausen. Nirgends aber wird diese alte Wahrheit getreulicher befolgt als in der Tschechoslowakei. Ein armer Lehrjunge, der 15jährige Anton Rudolf aus T r a u t e n a u in Ostböhmen, war auch von dieser Erkenntnis durchdrungen und weil der Bursche eine kleine Unregelmäßigkeit begangen hatte, bekam er solche Zlngst, daß er sich, wie uns ein Berich» unseres Korrespondenten meldet, vor die Lokomotive warf. Der Körper wurde gräßlich verstümmelt; der Tod trat sosott»in. OewerMostsbewegung Kongreß See Werktätigen. Die neue Schwindelparole von Moskau. Das von Iwan K a tz herausgegebene„Mitteilungsblatt für Ue Parteiarbeiter der KPD.-Oppofition(Linke KPD.)", gibt in feiner Nr. 17 folgende treffende Schildenmg der neuesten„Parole" i on Moskau. „Zieht die Parole einer Auflösung und Neuwahl des Reichstags icht mehr, so soll der„Kongreß der W c r k t ä g i g e n" an die ' leihe kommen. Was das ist? Ein infames Ablenkungsmanöver vom Klassenkampf. Statt Arbeitslose und Betriebsarbeiter zur Erkennt- > is der furchtbaren Lage und zum Willen zu dem schweren, großen � ndkampsc aufzurütieln, werden die Arbeiter aus die ach so viel i uchtere„Wahl eines Delegierten zum Kongreß der Werktätigen" lbgelenkt. Das gibt in den Betrieben und Versa mm- lungen wieder Rummel und Gcschäftigkeitund tut uen K a p i t a l i st e n nicht weh. Anträge, Demonstrationen, Plakate: dann fette Siegesmeldungen:„Die Belegschaft Metier in .'Aein-Dummsdorf schickt 2 Delegierte"—„12 Sozialdemokraten delegiert"—„Unermüdlich weiter, der Sieg wird unser sein"—„fflc- wertschoftstartell Pisewittsruh hat 11 Delegierte gewählt, die Rote Hilfe 6a, der Rote Frontkämpferbund bereits 420 und sogar der Königin-Luise-Bund(RFMB.) 26," hurra!!: der„Kongreß der Werktätigen", dieser neue sreche Schwindel, beginnt: Begrüßungs- telegramme, Ansprachen, Stalin schickt Botschaft, die stehend on- gehört wird, Thälmann verliest das ihm von Dietrich und Ewert aufgeschriebene politische Referat, ein Dutzend stundenlang vorher peinlich gesiebte und instruiert« „Diskussionsredner" erzählen von der Begeisterung der Massen für die neueste Taktik der KPD., eine 21seitiffe Resolution mit„Anna- liefe" und neuesten Parolen wird einstimmig angenommen, brausender Beisall,„Internationale", Parade vor Thälmann,„Augen rechts!", Musik, Fahnen,„Auszahlung der Spesen", Heimfahrt aus vollgepferchtcn Lastautos— und dann zurück ins graue Elend, zur hungernden Familie! Die Kapita- listen schmunzeln pfiffig? sie haben währenddes neue Hunderttausend aufs Pflaster■gesetzt. Grimmiger wütet unter den Dauerarbeitslosen Hunger und Not. Verzweiflung steht auf. Dumpfe, Grollen wird vernehmbar. Das Proletariat beginnt sich zu regen. Da telegraphiert Moskau an die deutsche Zentrale:„Sofort neuen Ablenkungsrummel inszenieren, stellen 800 000 M. zur Verfügung." Und dann geht es von neuem los, mit amerikanischer Reklame:„Aus zum Roten Treffen in Hamburg!"„Für d'ie Ausnahme der russischen Gewerkschaften in die Amsterdamer Internationale",„Für den Freiheitskampf Lloyd Georges gegen den amerikanischen Imperia- lismus". Anträge sprudeln,„Spesen fließen, Lastautos mit zu- fammengepferchten Hungerproleten flitzen über Landstraßen— das Spiel beginnt von neuem." Aber wie lange noch? Ja, wie lange noch! Wie lange wird es Moskau noch gelingen, „die Partei der Schmarotzer" zu solchen„Manövern" mißbrauchen zu können? Es ist jedenfalls höchste Zeit, daß die Arbeiterschaft sich abwendet von Leuten, die sogenannte Aktionen veranstalten, deren einziger Zweck und Erfolg die Spaltung der Arbeiterschaft und die Stärkung des Kapitals ist. Der verbanä üer Maler ms. Mitgliederaufstieg trotz Krise. Das Jahrbuch 1923 des Verbandes der Maler und Lackierer erinnert daran, daß man nach der günstigen Konjunktur in den Wintermonaten 1924 auf ein Jahr mit noch flotterem Geschäftsgang rechnete. Die Verwahrlosung der Häuser während des Krieges und der Änslotion, die neue Stilrichtung und der farbige Anstrich nicht nur der Jnnenräume, sondern auch der Fassaden, die von den Arbeit- geber- und Arbeitnehmerorganisationen mit Erfolg gefördert wurden, hatten auch eine gute Beschäftigung im ersten Halbjahre zur Folge. Die im Herbst«insetzende Wirtschaftskrise ergriff aber auch das Malergewerbe. Die einsetzend« Arbeitslosigkeit ist nur durch die Wintermonate 1922/24 übertroffen worden. Während im Mai nur 0,3 Proz. der Mitglieder arbeitslos waren, so waren es im Dezember 31,1 Proz., gegen HL Proz. im Dezember des Bor- jahres und 33,3 Proz. im Dezember 1923. Infolge der im Herbst einsetzenden katastrophalen Arbeitslosig- keit legte der Vorstand sein Hauptaugenmerk auf die B e s ch a f- fung von Arbeitsgelegenheit. Gemeinsam mit dem Vorstand des Reichsbundes für das deutsche Malergewerbe wurden Inserate, Schriftsätze an Behörden, Verwaltungen, Hausbesitzer usw. vorbereitet und diesen Stellen zugeleitet. Wenn diese Bemühungen nicht immer den vollen Erfolg hatten, so darum, weil die meisten nicht glauben wollten, daß Malerarbeiten im Winter genau so gut, fa meist noch vorteilhafter als in den Sommermonaten ausgeführt werden können. Ebenso war der Vorstand bemüht um die Derbesierung und den Ausbau des Gesundheit?- und Unfallschutzes. Durch die ebenso zähe Arbeit anderer Gewerkschakten gelang es, eine Ver Ordnung der Regierung zu erwirken, wonach die Unfallversicherung auf weitere Berusskrankheiten als bisher ausgedehnt wurde. Aller dings ließ diese Verordnung, noch mehr aber die zu ihr heraus gegebenen Richtlinien, den Auslegungskünsten der Aerzte und Richter großen' Spielraum. Ebenso angelegen hat sich der Vorstand und die einzelnen Filial leitungen die Pflege der Gewerkschaftsjugend sein lassen. Die Lehrlingsabteilungen zählten am Jahresschluß 2089 Mit glieder gegen 1324 am Schlüsse des Jahres 1924. Den regen Zw ström junger Leute zum Malerberuf haben die Unternehmer zu einem Vorstoß benutzt, die Lehrzeit zu verlängern, der ihnen in vielen Fällen wegen der großen Bereitwilligkeit der zuständigen Behörden gelungen ist. Die an die Lehrlinge bezahlten Entschädig gungen, die im Laufe des Jahres um etwa 1 M. erhöht werden konnten, bewegten sich im ersten Lehrjahr zwischen 3 bis 6 M., im zweiten Jahr zwischen 4 bis 8 M., im dritten Jahr zwischen 3 bis 12 M. und im vierten Jahr zwischen 6 bis 12 M. Man sieht, daß die Entschädigung im vienen Lehrjahre nicht viel höher ist als im dritten Lehrjahre, daß es den Unternehmern also mit der Der längerung der Lehrzeit nur um billige Arbeitskräfte zu tun ist. Die Betriebsoertretungen bilden infolge der beson deren Berufsverhältnisse leider ein schwarzes Kapitel, denn nur in etwa 30 Proz. der Betriebe ist eine Betriebsvertretung vorhanden. Lohnbewegungen ohne Arbeitseinstellung wurden ins gesamt 433 in 1996 Orten mit 73 839 Beschäftigten in 32 393 Be trieben geführt. Erreicht wurde durch sie ein« wöchentlich« Lohn> erhöhung von 746 139 M. für 62 809 Beschäftigte oder pro Kopf 11,88 M. Weitere 400 Beschäftigte im Saargebiet erreichten eine Lahnerhöhung von 23 040 sranzösiichen Franken pro Woche. 2434 Personen erzielten sonstige Derbesserungen in der Ferienfrage, an Leistungszulagen usw. Angriff» streik? wurden 96 geführt mit 4180 Beschäftigten in 98 Orten und 1286 Betrieben, worin 60 Fälle enthalten sind, in denen die Mitglieder durch Streiks anderer Beruf« in Mitleidenschaft gezogen wurden Die durch diese Streits erreicht« Lohnerhöhung beträgt für 3234 Beschäftigte in 904 Betrieben 22 340 M. oder pro Kopf 4,23 M. in der Woche. Die Mitgliederbewegung befand sich In einem erfreu- lichen Aufstieg. Es wurden am Schlüsse des Berichtsjahres 41 983 Mitglieder gezählt gegen 37 237 zu Ende 1924. Sehr groß ist aller- dings die Fluktuation in der Mitgliederbewegung. Einem Gesamtzugang von 22 106 steht ein Abgang von 17 360 gegenüber, wovon allein 7623 wegen restierender Beiträge gestrichen wurden. Di« Gesamteinnahmen des Verbandes beliefen sich auf 3137 168,43 M.. die Ausgaben auf 2 006 678,23 M.. so daß das Gesamtvermögen der Organisation am Jahresschluß 1 130 493,20 M. betrug, womit der Verband wohl eine der stärksten Organisationen in finanzieller Beziehung ist. An Arbeitslosen-, Kranken- und Reiseunter st ützung wurden insgesamt 329 364.94 M. ausgezahlt. Der Jahresbericht zeigt jedenfalls, daß sich der Verband der Maler und Lackierer im verflossenen Jahre zahlenmäßig und finanziell außerordentlich gekräftigt und mit Erfolg für seine Mitglieder gewirkt hat. Um üen Schiedsspruch im Einzelhandel. Verhandlungen über die Verbindlichkeikserkläruag. Gestern fanden auf Veranlassung des Schlichters von Berlin Verhandlungen zwischen den Parteien statt über die Verbindlichkeit»- eitlärung des Schiedsspruchs im Einzelhandel, der bekanntlich«inen Lohnabbau von rund 10 Proz. vorsieht. Di« Vertreter des ZdA. wandten sich mit Entschiedenheit gegen die Verbindlichkeit»- erklärung des Schiedsspruches und wiesen darauf hin, daß gegen- wärtig ein öffentliches Interesse nicht vorlieg«. Die Unternehmer stellten dagegen formell den Antrag, den Schiedsspruch für ver- kindlich zu erklären. Der Schlichter behielt sich seine Ent- scheidung vor. Es liegt keinerlei Grund vor, den Unternehmern auch noch den Gefallen der Verbindlichkeitserklärung eines Schiedsspruches zu tun, gegen den die prominentesten Unternehmervertreter selbst die besten Argumente geliefert haben. Es sind vor ollem Unternehmer de» Einzelhandels, die immer wieder auf die mangelnde Kaufkraft hin- wiesen und aus die Notwendigkeit, auskömmliche Löhne und Ge< hälter zu zahlen. Die Angestellten ziehen jedenfalls«inen'tarif- losen Zustand einem Gehaltsabbau vor. Wenn die Unternehmer in kurzsichtiger Prositgier ihre eigenen Argumente vergesien und die große Arbeitslosigkeit benutzen wollen, um die Gehälter noch weiter abzubauen und damit die Krise zu verschärfen, so wollen die An- gestellten wenigstens freie Hand behalten für den ihnen geeignet erscheinenden Augenblick, um dann die Scharte wieder auszuwetzen. Streik in der Wurstfabrit VShmke, Elmshorn. Den mit der Fleischer-Innung Elmshorn abgeschlossenen Tarif« vertrag will die Firma Böhmte nicht averkennen, trotzdem er auch für ihren Betrieb zuständig ist. Der Inhaber des Betriebes, Herr B. ist selbst„Herr im Hause". Er meint, wer sich nicht fügen wolle, könne gehen. Die Verbandsleitung hat alles versucht, um zu einer friedlichen Regelung der Angelegenheit zu kommen, auch die Innung hat ent- sprechend den tarifvertraglichen Abmachungen eine Regelung versucht. B. antwortete auf eine Einladung zu einer Sitzung, er mache, was ihm beliebt, und lasse sich keine Vorschriften machen. Die Gesellen verlangen die Bezahlung der tariflichen Heber- stunden, uschläge und saubere, den hygienischen Anforderungen entsprechende Frühstücksräume sowie Wasch Gelegenheit. Das alles wird abgelehnt. Bezeichnend, daß man in einem Nahrungsmittel. betrieb noch nicht einmal für Waschgelegenheit sorgen will. Im Be- triebe herrschen in der Behandlung der Beschäftigten ganz miserable Zustände. Di« bei B. Beschäftigten haben die Arbeit eingestellt und hoffen auch, daß überall versuch: wird, jeden Zuzug nach Elmshorn fernzuhalten. Die Firma Böhmke stellt eine sogenannte.Konsumware" her, die besonders in den Industrie- gcgenden Deutschlands abgesetzt wird, und da glaubt Herr B., daß es schon richtig sei, wenn er die z, orderungen der Beschäftigten ablehnt. zumal es sick gerade um Forderungen handelt, die der Sauberkeit im Betriebe Rechnung tragen sollen. Herstellung der Einheitsfront in der Tschechoslowakei. Der„Weckruf der Eisenbahner", das Organ der deutschen Eisen. bahn«: in der Tschechoslowakei, bringt folgende Bekannmachung: „Nachstehende Gewerkschastsorganisationen und Derein« der Eisenbahnangestellten: „Foderotion der Maschinenführer in der Tschechoslowakischen Republik",„Demntenverein der tschechoslowakischen Bahnen mit voller Mittelschulbildung in Prag",„Union der Eisenbahnange- stellten in der Tschechoslowakischen Republik",.«. beschließen einen Gegenseitigkeitsvertrag zum einheitlichen Vorgehen in allen Aktionen, welche zum Zweck«, wie nachstehend angeführt, unternommen werden. Di« Einheitsorganisation trägt den Titel: . Aktionsausschuß der Gewerkschaftsorganisationen und Verein« der Eisenbahnangestellten in der Tschechoslowakischen Republik". Der Zweck des Akttonsausschusses ist: Durchführung der sozialen. wirtschaftlichen und kulturellen Aktionen für die Eisenbahnange- stellten. Mitarbeit im Interess« im Interesse der Angestellten bei Durchführung der Gehalts- und Lohnregelung. Regelung und Ein- Haltung der Dienst- und Arbeitszeit im ßegislativ- als auch im Amts- wege: gemeinschaftlich bei Bewertung und Normalisierung der Dienst- und Arbestsoerrichtungen zu arbeiten, sowie bei Systemisierung der Dienststellen: die Interessen der Mitglieder der Bundesorganisationen und Verein« in Human itätsanstalien zu wahren: Durchführung von Interventionen in konkreten Fällen prinzipiellen Charakter«, die Jnteresien der einzelnen Berussgruppen in Ueberemstimmung mit den anderen Gruppen zu wahren. Zwist« und Mißverständnisse zwischen diesen Gruppen zu beseitigen: Auswohl und Durchsetzung von Kandidaten bei Wahlen in Angestellten, und Humanitätsinsti- tutionen: Pfleg« gegenseitiger Verbindungen zwischen Angestellten. gruppen, ihren Organisationen und Vereinen wie auch Erfüllung aller Aufgaben, die aus dem Dienst, und Sesellschastsleben des Eisen- bahnpersonals hervorgehen." Damit ist die besonders durch die nationalen Unterschiede ver- i;"sacht« Spaltung«in gutes Stück zurückgedrängt worden. Soziattftifthe Arbeiterjugend Groß-Serlin. schölchaxl-r Oorftobt I. Heute, DI«n»tag, MiIsNed«r»»rsammlu«g de«•»>*• schmidt, Sl->ivisch«straß« 34. Treffpunkte zur.?lie-wieder.krieg"-Kuodgebung morgen Abend. /.7 Uhr Wrberwiest.— Südost Zt.-».:>/,7 Uhr Jugrodhrim.— Bhf. Straiau-i erg.Ztord: 7 Uhr-m.Schwor»«» Adler". Irnberg<40 Pt Fahrgrid).-»»«»«»«,«rk —«eddtng!>/,? Uhr Brunnrnolatz. p isigor.— arepww: ugc ugi x-i-piui -Rummeledurg.— Ltchtenbrrg.Nord: erg!>/«7 Uhr Bhl Ztru-Lichirnderg<40 liorgort»»:>/«» Uhr sttriner Tirrgorten— Wrddina!------__., PrruAiaurr Berg:>,,7 Uhr Daiutg« Strohe, ff 4« Schitnhauser Allee.— MüzgeU see and Oberspre«: Vi 8 Uhr«hs. Belleou«(Auigang Brllckenallee). Verantwortlich fllr Politik: Dr. ffxrt•««(>; Wirtschast:«du«ater»»»! Sewerkschaftsbewegung: Z. Steiner; Feuilleton: Dr. Zoh» Echikowost: Lokale» und Sonstige»: Fei»«arftädt; An»««>«a: lV»loch«: sämtlich in B«rliu. Verlag: Vorwäri».B«rlag G.m.b.H., Berlin. Druck: BarwSrt»-Vuchdruckerei und Berlagoanswlt Paul Singer u. Co., Vrrlin SW 88, Linbenslrah- 3. ♦ HUNDE � Katzen, Papageien und alle Haustiere werden behandelt. neranflldic PolUtllnlh ChaussaulraBe 93 ♦ neoen Kriecervereinshaus Sprechstunden: 11-1 u. 4-« Uhr Adolf hoffmann Episoden und Zwischenrufe au» der varlament»- und INinisterzeit. Brei» 1 Hart. Porto S Pfennig, Vorrätig in allen vorwärt»- Ausgabestellen. DerlinerElclürilier v Genossensdiait lagcschl.dem Verb. soz. Baubetriebe Berlin N.24, Elsässer Str. 86-88 Fernsprecher: Norden 6523, 6526 Filiale Westen, Wilmersdort UndhauKtr. 4. Tel.: pialzburg 9831 Aasstellunpsräume and Laj-err Alexanderttrade 39-46(Alexander Passage), Telephon: KSnlgsuat 540 Herstellung elektr. Licht-, Kratt-undSignalanlagen. Verkauf aller e'eKtr.Bedarfsartikel Ausiührg. sämtl. 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