Abendausgabe flr. 369 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 182 »ewBsbebtttflimflm rmh«ndttstnuwih rmo in t>tt SBotatncusgate onflefleben Reiattloa: SW. 63, CinSenftcobc 3 ?-rasprecher: VSnhoff ZgZ— Z»r XeL'Vbreff e: Sojlalöemetrat Berlin r G. Sevlinev VollrsölÄtt (l0 Pfennig) Sonnabend 7. fiugust 192H Bcrla« und Anzeigenabteilung: Geschäftszeit«Vb bis 5 Uhr Verleger: Dorwarl». Verlag GmbH. Berlin STB. 68, Linden slrntze 3 Fernsprecher: VSnhoff 292— 297 Zentralorgan der Sozialdemokratircben Partei Deutfchlands Das öeutfth-ftanMfthe Provisorium. Der endgültige Vertrag soll nunmehr beschlennigt zuftandekomme«. Zu dem deutsch-französlschen Handelsprovisorium erfahren wir, daß nunmehr die Verhandlungen über die Schaffung eines endgültigen Vertrages mit verstärktem Nachdruck aufgenommen werden sollen. Die deutsche Regierung glaubt, da nunmehr eine Verständigung zwischen der deutschen und der französischen Schwerindustrie zustandege- kommen ist, die weiteren strittigen Punkte mit größter Ve- schleunigung klären zu sollen, um so mehr, als man mit einer Etadilisterung des französischen Franken in absehbarer Zeit wird rechnen können und es damit die höchste Zeit geworden ist, bevor sich die Deflationsschwierigkeiten in der französischen Industrie geltend machen,«ine Regelung der deutsch-französischen Handelsbeziehungen herbeizuführen. Auch wird der neue französische Zolltarif in absehbarer Zeit dem Parlament vorgelegt werden und nach der An- nähme dieses Tarife? läßt sich dann genau übersehen, welche For- derungen auf Zollermäßigungen Deutschland zu stellen haben wird und welche Bedeutung die französischen Zugeständnisse auf längere Sicht gesehen haben werden. Es ist bemerkenswert genug, daß die deutsche Regierung vor einer endgültigen Regelung zwischen den Staaten das Feld der privaten Initiiative, d. h. den privaten Abmachungen zwischen den Großindustriellen, über- lassen hat und sogar noch weiterhin überläßt, indem sie nämlich die chemische Großindustrie Deutschlands nunmehr dazu aufgefordert hat. möglichst bald ihrerseits die Verhandlungen mit der chemischen Industrie Frankreichs fortzusetzen und einen Abschluß zu erzielen! Aus den Einzelheiten des Abkommens sei noch er- wähnt, daß die deutschen Zugeständnisse für die Zoll- behandlung französischer Exportwaren bei Wein, bei Baum- w 0 l l w a r e n und W 0 l l w a r e n tatsächlich gleich Null sind, während bei Aepfeln Frankreich schlechter gestellt wird, als z. B. die Schweiz und Italien sowie Amerika. Für Seide und Seiden- waren treten niedrigere Sätze in Geltung, doch besteht hier die Meistbegünstigung, so daß nach Inkrafttreten des deutsch-schweize- rijchcn Handelsoertrages(etwa Anfang 1927) Frankreich im Wege der Meistbegünstigung auch diese niedrigeren Sätze er- halten wird. Für die Automobileinfuhr nach Deutsch- l a n d erhält Frankreich jür die Dauer des Abkommens die Meist- begünstigung. Kölling plötzlich in Urlaub. Die Sache interessiert ihn nicht mehr! Magdeburg. 7. August.(Eigener Drahtbericht.) Am Doiuiers tag abend wurde amtlich mitgeteilt, daß der Schröder eingestanden hat den Buchhalter Helling aus eigenem Antriebe ermordet zu haben. Der Oberstaatsanwalt beantragte am Freitag die Haftentlassung von Haas, Reuter und Fischer. Für den gleichen Tag wurde noch die Entlassung der fälschlich Beschuldigten erwartet, die bis zu vollen sieben Wochen im Gesang- n i b sitzen Diese Annahme erschien um so berechtigter, als der Unter- suchungsrichter Kölling die Hildegaro Götz, die mit dem Mord von Helling gewiß mehr zu tun hat als Haas, Fischer und Reuter, noch om Freitag abend aus freien Fuß setzen ließ Am Freitag hatte Kölling in bezug auf Haas, Fischer und Reuter noch zu keinem Entschluß kommen können. Am Sonnabend ist Untersuchungsrichter kölling gegen Mittag nur für kurze Zeit im Gerichtsgebäude erschienen und war dann plötzlich ver« schwunden. Man hörte, daß er seinen Urlaub angetreten habe. Di« Akten sind der Beschwerdekammer gegen 1 Uhr mittags zugegangen mit dem ablehnenden Votum des Untersuchungs- richters Kölling. Landgerichtsdirektor Löwenthal gab auf Befragen, was mit der Haftbeschwerde werden würde, den Bescheid, daß heute (Sonnabend) kein Beschluß der Beschwerdekammer mehr möglich sei, da die sehr umfangreichen Akten eines eingehenden Studiums bedürfen, das kaum vor Sonntag abgeschlossen ist. Frühestens Sonntag abend könne ein Bescheid der Beschwerdekammer zustande kommen. E» ist aber kaum damit zu rechnen, daß vor Montag über die hasteutlasfung von Haas, Fischer und Reuter entschieden wird. Durch sein„Nein� in dieser Sache hat Kölling auch die letzte Mög- lichkeit beseitigt, sich in der Oeffentlichteit zu rehabilitieren. Der Borsitzende deS DiszipliuarsenatS in Magdeburg. Magdeburg. 7. August.(Eigener Drahtbericht.) Am Freitag weilte der Oberlandesgerichtspräsident Werner als Vorsitzender des Disziplinarsenats von Naumburg in Magdeburg, um sich über den Stand de» Untersuchungsverfahrens und die VerfehlungenKöllingszu unterrichten. Der Untersuchung». richter selbst hat jetzt alle Hofsnung aufgegeben, daß es ihm noch ge- lingen könnte,«ine Wendung in der Affäre künstlich herbeizuführen und der Oeffentlichkeit den Beweis zu liefern, wie eng seine Netze bereits um Haas geschlungen sind". In Wirtlichkeit ist er selbst das Opfer seiner Netze geworden._ Um einen internationalen Strafgerichtshof. Aussprache aus dem Wiener Juriftenkongresi.— England dagegen, Frankreich dafür; Simons nicht abgeneigt. Wien. 7. August.(TU.) Im Rahmen des Internattonalen Iuristenkongresies fanden in der Kommission zur Errichtung eines Internationalen Strafgerichtshofes unter dem Vorsitz des Richters am Internationalen Gericht in Kairo, Prof. Polojani, die Beratungen statt. Es kam dabei zu lebhaften Ausein- andersetzungen. Der Vorsitzende erörterte zunächst die B o r a r b e i- t e n, die für den Antrag zur Errichtung eines Internationalen Ge- richtshofes gemacht worden waren. Der f r a n z ö s i s ch e Delegierte. Dr. Bellst, legte der Kommission den E n t w u r f zur Errichtung des Internationalen Strafgerichtshofes und dessen Statut vor. Hierauf ergriff der Engländer SirGrohamBowelldas Wort. Er sei gegen die Errichtung eines Internationalen Strafgerichts- Hofes. Aus der Kriegsgeschichte oller Zeiten sei zu beweisen, daß Strashandlungen mit dem Krieg fast regelmäßig verbunden waren. Auch in der englischen GesÄ>chke gebe es Fälle, deren man sich heule schäme. Aber niemals hätte England darin eingewilligt, daß die Krieger, die Toten gegen Moral und Gesetz im Kriege unternommen hätt«� v« em fre»d«»»«eicht«krden. Vi- de«tsche Armee Hab« eine Reche nicht schöner Eigenschaften bewiesen, aber wenn Vorwürfe gegen sie erhoben würden, so müsse er erklären, daß er volles Vertrauen zu den deutschen Gerichten auch dann habe, wenn es sich um Verfahren gegen Ausländer handele. Die nationalen Gerichte seien geeignet, auch über Sriegshandlungeu ein gerechtes nud korrektes Urteil zu fällen. Es gebe noch Richter in Berlin, und es gebe noch Richter in Leipzig. Unter lebhafter Bewegung der Anwesenden erhob sich Reichs- gerichtspräsidenten Dr. Simon», der sch bedankte für die Aeußerungen des Engländers. Cr fei im Prinzip der Errichtung eine» Internationalen Gerichtshofes nicht abgeneigt. Die Deutschen hätten keine Ursache, einem solchen Gericht entgegenzutreten, wenn dafür gesorgt werde, daß der Gerichtshof auch wirtlich neu trat fei. Der ungarische Delegierte, Prof. Dr. Paul von Auer, erklärte, daß er den Gerichtshof unter der Voraussetzung annehme, daß er über Straftaten im Kriege erst zwei Jahre nach Frie- d e n s s ch l u h urteile und die Richter neutral seien. Der i t a l i e- nisch« Strafrechtslehrer Prof. Ferri erklärte sich namens der italienischen Delegation für die Errichtung des Internatinalen Ge richtshofes. Die Verhandlungen werden heute fortgesetzt. Buch poincotS ist nicht allmächtig. Er verzichtet darauf, die Ratifikation der Schulden« abkommen vom Parlament zu fordern. Pari», 7. August.(Eigener Drahtbericht.) Alle Gruppen der Kammer, insbesondere aber die Rechte, haben sich noch am Freitag abend als unversöhnliche Gegner der Ratifikation des Schuldenabkommens gezeigt. Angesichts dessen blieb Poincarö nichts übrig, als den R ü ck z u g anzutteten. Er ließ offiziös Tardieu und Briand als die H a u p t p r o p a g a n d i st e n für die soforttge Ratifizierung erklären und sagen, daß er seinen in der Regierungs- erklärung dargelegten Standpunkt über die Schuldenabkommen nicht geändert habe. Mit einer Ratifikation durch Kammer und Senat sst also vorläufig n i ch t zu rechnen. Oberbefehlshaber pilfuüfki. Warschau, 7. August.(MTB.) Die Verordnung des Staats- Präsidenten, die die Neuordnung der ober st en Kom- mandostellen im polnischen Heer regelt, ist erschienen. Oberster Kriegsherr der polnischen Republik ist verfassungs- gemäß der Staatspräsident. Oberbefehlshaber der Armee im Kriege ist der neu zu ernennende Generolinspek- t e u r des Heeres. Im F r i e d en sind dem Generalinspek- r e u r. der gleichzeittg stellvertretender Kriegsmini st er ist. unmittelbar unterstellt der G e n« r a l st a b mit dem Chef des Generalstabs an der Spitze, und die Armeeinspektoren mit den ihnen zugeteilten Offizieren. Dem Generalinspekteur des Heeres liegt die Ausarbeitung und Kontrolle aller Mobil- machungs- und Operationsarbeiten sowie die Der- teidigungserweiterung im Falle eines kriegerischen Zu- sammenstohes ob. Wie Kurier Warszawsk erfährt, soll die Ernennung des Mar- schalls P i l f u d s k i zum Generalinspekteur des Heeres schon in den nächsten Tagen erfolgen » Diese Beschlüsse haben in erster Linie den Zweck, den totsäch- lichen obersten Heerführer die möglichste Unabhängigkeit von Re- gierungs- und Parlamentekontrollen zu sichern. Die Befugnisse des Staatspräsidenten als Obersten Chef der Wehrmacht werden dadurch noch mehr als bisher zu dekorativen Vorrechten. Die Befug- nisse über alle wichtigen Personalfragen und des Oberkommandos in Krieg und Frieden liegen auf Grund dieser Beschlüsse in Zukunft in den Händen des Generalinfpekteurs der Armee. Pilsudfki wird dieses Amt übernehmen. Zweifelhast ist, ob er als Kriegsminister zurücktritt— aber warum sollt« er nicht zugleich Kriegsminister und fedi eigener Stellvertreter fein? Mbbau von volksrechten. Sind die Reichsbahnbediensteten noch gleichberechtigt? Der Reichsbahndirektor Dr. Fromm veröffentlicht in dem amtlichen Nachrichtonblatt der Deutschen Reichsbahn- gefellschaft über das Petitionsrecht der im Reichsbahnbetriebe stehenden Bediensteten eine Arbeit, die keinesfalls unwider- sprocheir bleiben darf. Sie ist sicher die offizielle An» ficht der Reichsbahngesellschaft, die ja auch dem Reichsverkehrsminister mitgeteilt wurde, und verdient darum besondere Beachtung. Fromm zitiert den Artikel 126 der Reichsverfaffung, nach dem jeder Deuffche das Recht hat, sich schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an die Volksvertretung zu wenden. Er ge- steht dieses Recht natürlich auch den Reichsbahnbediensteten zu, meint dann aber, daß„dieser Befugnis nicht den wefent- lichen staatsrechtlichen Inhalt des Petitionsrechts dar- stellt, denn sie ist an sich selbstverständlich und bedarf eigentlich keiner gesetzlichen Anerkennung". Er definiert das Wesen des Petitionsrechtes dahin,„daß die Volksvertretung die Petitton in sachliche Behandlung nimmt, daß sie prüft, ob der Wunsch gerechtfcrttgt fei und ob und wie sie dem Petenten helfen könnte". Dazu ist seiner Meinung nach notwendig,„daß die Volksvertretung von der Regierung über die Petitton Aus- kunft einziehen und durch Ueberweisung der Petition an die Regierung auf diese einwirken kann". Er legt in seinen weiteren Darlegungen das Pettttonsrecht so aus, daß der Reichsbahnbedienstete wohl wegen jeder allgemein- politischen oder wirtschaftlichen Frage petttionieren könne, daß aber jede Petition wegen eines zu Unrecht er- folgten Abbaues eines Bediensteten unzulässig sei. Fromm verkennt hier vollkommen das Wesen des durch die Verfassung gewährleisteten Pettttonsrechtes. Artikel 126 der Reichsverfassung befindet sich im zweiten Abschnitt der Weimarer Verfassu-ng» der von dem Gemeinschafts- leben handelt. Daraus ergibt sich, daß das Petitionsrecht ein Recht der Volksgemeinschaft ist, aus der die Reichsbahn- bedienfteten nicht einseitig herausgenommeen werden können: sie wären sonst die einzige Bevölkerungsschicht, für die ein Ar- tikel der Verfassung überhaupt nicht besttinde. Die Definition Frvmms finhet also in der Verfassung selbst keine Grundlage. Er zieht sich daher auf den Standpunkt zurück, daß der Reichs- tag von der Reichsregierung in dieser Frage keine Auskunft über den Sachverhalt verlangen könne und folgert dieses Un- vermögen der Reichsregierung aus der von ihm selbst erst kon- struierten angeblichen Taffache. Er stellt sich auf den Stand- punkt, daß die Reichsregierung von der deuffchen Reichsbahn- gefellschaft unmittelbar keim Recht habe, eine Auskunft in dieser Frage zu fordern, da sie keine R e i ch s v e r w a lt u n g und kein Reichsbtrieb, sondern ein öffentlich-rechtlicher Betrieb mit eigener Rechts- perfönlichkeft und dem Rechte der Selbstverwaltung ist. Auch folgert er aus dieser Auffassung, daß der Generaldirektor der Gesellschaft dem Reichstage nicht verantwortlich sei, als solcher weder selbst dem Reichstage Rede und Antwort stehen, noch Kommissare zu diesem Zwecke entsenden könne: ebensowenig habe der Reichstag irgendeine rechtliche Hand- habe gegenüber der Gesellschaft, sie zu einer Wiedereinstellung aus dem Gesellschaftsdienste ausgeschiedener Bediensteter zu veranlassen." Er stützt seine Meinung auf das auf dem Dawes-Gutachten hervorgegangene Reichsbahngesetz, das angeblich das Ziel verfolge, die Reichsbahnverwaltung von dem Zusammenhange mit den politischen Faktoren und damit auch mit dem Reichstage selbst zu l ö s e n. Diese Meinung muß als vollkommen abwegig be- zeichnet werden. Zweck des Reichseisenbahngesetzes ist es, d i e Reparationsverpflichtungen sicherzustellen. Wenn auch die Personalabbauverordnung, diese aber n u r i n der Frage des Abbaues selbst, die Rechte der Bc- amten vorübergehend suspendierte, so muß festgestellt werden, daß es sich hierbei lediglich um Rechte aus Artikel 129 der Reichsverfassung, der die wohlerworbenen Rechte der Beamten garantiert, handelt, daß aber keinesfalls Artikel 126, der das Petitionsrecht allgemein gewährleistet, dadurch in irgendeiner Form berührt worden ist. Zweifellos hat der Reichstag nicht nur im Verfolg einer Petition, sondern ebenso aus eigener Initiative das Recht, bei einem Reichsunternehmen, selbst wenn es in der Form einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft b e- trieben wird, nach dem Rechten zu sehen, da die Reichs- bahnverwaltung nur der Treuhänder für die im Besitze des Reiches verbliebene Reichsbahn geworden ist. Der Stand- punkt, als wenn durch die Uebertragilng des Betriebsrechtes an die Gesellschaft für die ganze Dauer des Vertragsverhält- nisies im Wege der Interpretation verfassungsmäßig ge- währleistete Rechte beeinträchtigt oder ganz und gar voll- kommen aufgehoben werden sollten, ist vollkommen unhaltbar. Außerdem ist selbstverständlich auch der Wille des Gesetz- gebers bei der Verabschiedung des Reichscisenbahngesetzcs maß- gebend. Der damalige Reichsverkehrsminister O e s e r hat bei der Beratung des Gesetzes im Reichstag ausdrücklich darauf hingewiesen, daß ein vertrauensvolles Verhält- n i s zwischen dem Porsonal und der Verwaltung erforderlich ist, wenn die neue Gesellschaft gedeihen soll: das sei seine Meinung und gleichzeittg auch die der Verwaltung. Er hat damit seiner Ansicht dahin Ausdruck gegeben, daß dieses ver- trauensoolle Verhältnis im wirtschaftlichen Interesse der Ver- waltung selber liegt. Wenn also nach§ 2 des Eisenbahn» oejetzes die Gesellschaft ihren Betrieh unter Wahrung der In» teresscn der deutschen Volkswirtschaft zu führen hak, so muß einmal festgestellt werden, daß die Interessen der Volks- m i r t s ch a f t auch dadurch gewahrt werden, daß man die Interessen des Personals nicht beeinträchtigt. Außerdem beweisen die bekannten neun Forderun- gen des Reichstages, die auf Grund der Darlegungen des damaligen Reichsvertehrsministers Oeser bei der Ver- abschiedung des Eisenbahngesetzes einstimmig angenommen wurden, den Willen des Gesetzgebers auch in dieser Frage. Nach den Darlegungen Oe'sers konnte niemand auf den Gedanken kommen, daß die Reichsbahnverwaltung den Artikel 126 der Reichsverfassung, von dem mit keinem Worte die Rede gewesen ist, für das Personal einfach suspendieren könnte. Diese Rechtslage unzweideutig festzustellen, war der Sinn der neunten Forderung des Reichstages, die wörtlich lautet: „Verpflichtung der Hauptverwaltung der Deutschen Reichs- bahngesellschast zur Auskunftertcilung an die gesetzgebenden 51örperschaftcii und an ihre Mitglieder." Wenn Worte einen Sinn haben, so ist damit klar er- wiesen, daß es sich bei der durch Fromm oersuchtenAus» l e g u n g des Eisenbahngesetzes, soweit Artikel 126 der Reichs- Verfassung in Frage kommt, um eine Interpretation handelt, die keine Grundlage in den Gesetzen selbst findet. Sie ist voll- kommen verfassungs- und gesetzwidrig! Wenn Fromm behauptet, daß„der Reichsbahnbedienstete wie jeder Deutsche das Recht habe, sich mit Bitten oder Be- schwerden an den Reichstag zu wenden, daß aber dieses Recht für die Reichsbahnbediensteten sachlich insoweit an Inhalt ver- lorei: habe, als die Reichsregicrung nicht die Möglichkeit hat, dem Reichstag Zluskunft zu geben, weil sie in dieser Frage kein Aufsicht� und Auskunftsrecht gegenüber der Reichsbahngcsell- schast besitzt," wenn er dann aber weiter zu der Folgerung konimt,„daß diese Rechtslage sich ohne weiteres und sogar zwingend aus dem Reichsbahngesetz, zu dessen loyaler Durchführung die Leitung der Deutschen Reichsbahngesellschast verpflichtet ist, ergibt," müsse nach seiner Anschauung der Ae- setzgeber gerade das Gegenteil von dem gewollt haben, was Fromm als Recht ansieht. Führt er noch dazu in einer Fuß- note an, daß die Reichsbahngesellschaft sich„aber bereit er- kläre", ihr überwiesene Reichstagsbeschlüsse zu Petitionen, die Gegenstände behandeln, über die eine Auskunftspflicht der Gefellschast nicht besteht, an die innerhalb der Gesellschaft zustm digen Stellen zur Prüfung weiterzugeben, so beweist er damit, daß er selbst und mit ihm der Verwaltungsrat. in dessen Auftrag er handelt, klar erkannt haben, daß ihre Argu- mcntaiion unzutreffend ist. Zusammensalsend ist also festzustellen, daß durch Ein- sübrung des Eisenbahngesetzes Artikel 126 der Reichsver- fassung nicht, auch nicht vorübergehend, aufgehoben wurde. Diese Tatsache ist bewiesen durch den Wortlaut der oben wicdcrgegebenen neunten Forderung des Reichstags. Es besteht also die V e r p f l i ch t u n g der Reichsbahngesellschaft, auf Petitionen von Reichsbahnbediensteten d e m R e i ch s- tage auf Verlangen Auskunftzu erteilen, un- bedingt, da es sich um ein Reichsunternehmen handelt. Diese Auffassung wird noch erhärtet durch 8 6 des Reichsbahn- gesetzcs, durch den der Gesellschaft lediglich das Betriebs- recht übertragen wurde. Es wird also Aufgabe des Reichstags sein müssen, seinem bei der Verabschiedung des Reichsbahngesetzes klar nieder- gelegten Willen, dem auch der damalige Reichsverkehrs- minister zustimmte, unzweideutig Geltung zu verschaffen. Aber auch die Reichsregierung sollte bei den bevorstehenden Schlußoerhandlungen in der Frage der Bestätigung des neuen Generaldirektors diese Reichstagsentschließung berücksichtigen. Der Nachfolger Dscherfhlnski», M e n s ch i n s M, wurde 1874 gebore» und ist von Berus Rechtsanwalt. An der revolutionären Be- wcgung nahm er seit 1835 teil und gehört seit 1gN2 der Bolsche- wi, tischen Partei an. 1918 war er Mitglied der ersten Sowjetbot- schast in Berlin und Generalkonsul. vaterlanösliebe. Zur Moral des völkischen Nationalismus. Der Volksopferprozeß in Dresden hat damit geendet, daß die Strafen für die Angeklagten ermäßigt worden sind. Die Freiheitsstrafe für den Hauptangeklagten ist nicht ermäßigt worden, aber die Ehren st rafe— statt 5 Jahre Ehroerlust nur 3 Jahre Ehrverlust. Die Handlungsweise der Angeklagten war ehrlos. Es wurde für die ärmsten Opfer der Inflation gesammelt. Große Summen kamen zusammen. Tausende gaben, um zu helfen — aber die M e i ß n e r und L ö f f l e r nahmen die Hundert- tausende, um schwarzweißrote Organisationen gegen die Re- Sublik zu finanzieren. Sie unterschlugen die Gelder der Irmen, um sie in Gelagen und Bordellen zu oerprassen. Ehrlosere Handlungen sind kaum denkbar. Trotzdem hat das Gericht die Ehrenstrafe gegen den Hauptschuldigen herabgesetzt. Es hat ihm bescheinigt, daß er„aus einer gewissen Vaterlandsliebe gehandelt" habe. Eine feine Sorte Vaterlandsliebe das, die das Geld der Armen unterschlägt, um es im Bordell auszugeben! Die„gewisse Vaterlandsliebe", die das Dresdener Ge- rieht dem Meißner bescheinigte, bestand darin, daß er mit unterschlagenen Geldern republikfeindliche Organisationen finanzierte. Das ist es, was das Dresdener Gericht als „Vaterlandsliebe" angesehen hat. Meißner hat mit der nationalistischen und reaktionären Pyrase bei diesem Gericht Resonanz gefunden. Dies Gericht ist bei der Ermäßigung der Ehrenstrafe von der Voraussetzung ausgegangen, daß man mit ehrloser Ge- sinnung ehrlose Handlungen aus„Vaterlandsliebe" begehen könne. Der reaktionäre Haß gegen den neuen Staat, der hinter dem Schlagwort der„gewissen Vaterlandsliebe" per- borgen ist. geht diesen reaktionären Elementen über alle sittlichen Begriffe. In diesem Punkte ist das Dresdener Urteil keine Einzel- erschcinung. Man erinnert sich an das Urteil im Berliner Fememordprozeß P a n n i e r, das einem der Angeklagten mildernde Umstände zubilligte, weil er„a u s v a t e r l ä n d i- scher Gesinnung gehandelt" habe. Vaterländische Gesinnung bei der Teilnahme an einem kaltblütigen gemeinen Mord. In derselben Linie liegt die Begründung des freisprechen- den Urteils gegen die Mörder des Kellners Härtung vom Jahre 1924. Die Mörder waren Ehrenmänner, erfüllt von heißer Vaterlandsliebe— trotzdem sie zu viert einen Menschen in eine Falle gelockt und meuchlings ermordet haben. Vaterlandsliebe, die kaltblütig und feig mordet, Vater- landsliebe, die Unterschlagungen begeht, um staatsfeindliche Organisationen zu finanzieren, Vaterlandsliebe, die die Gelder der Armen im Bordell oerpraßt! Die Verwirrung aller sittlichen Begriffe in der völkisch- nationalistischen Bewegung kann nicht deutlicher gezeichnet werden. Eine Rechtsprechung aber, die so gemeine Handlungen mit schlecht verstandener Vaterlandsliebe entschuldigt, prosti- tuiert den Begriff der Vaterlandsliebe. Meißner legt Revision ein. Dresden. 7. August.(TU.) Der im Voltsopferprozeh verurteilte Meißner wird durch seinen Verteidiger sofort Revision des Ur- teils beantragen, während sich Löffler und dessen Verteidiger noch nicht schlüssig geworden sind. Doch wird als wahrscheinlich angenommen, daß auch sie eine Revision des Urteils beim Oberlandesgericht bean- tragen werden. potemkin-verbot in Thüringen. Reaktionäre Beklemmungen. Weimar, 7. August.(TU.) Dos thüringische Staatsministerium hat die Vorführung des gekürzten Bildstreisens.Panzerkreuzer Po- temkin" mit Wirkung vom 6. August sür das Land Thüringen ver- wir von öer Stempelakaöemie. Don Emil Rath. II. Die Ecke an der Akademie ist leer. Desto regerer Verkehr herrscht in der Akademie. Die wenigen Bänke in den Wartezimmern sind dicht besetzt, ja, nicht einmal ein Stehplatz mit Lehne, sei«» an der Mauer oder an einem Fenster, ist frei. Zeitungsblätter knistem, von aufgeregten Händen umgeschlagen. Ueber Politik und Lokalereignisse, über Handel und Feuilleton gleiten die Blicke gleichgültig hinweg, sie saugen sich fest am Inseratenteil. Durchsuchen die Spalten nicht einmal, zwei-, dreimal, aus Furcht, es könnte ein Stellenangebot übersehen werden. Man klammert sich ja an die schwache Hoffnung: vielleicht hat eine deiner Bewerbungen Zweck. Man vergißt, daß man hier in einer Lotterie mit unzähligen Nieten spielt. An den beiden langgestreckten, schlichten Tischen sitzen Schach- spieler. Einige haben ihr Schachbrett von daheim mitgebracht. Sie sind die Unentwegten. Ab und zu gehen die Augen suchend nach der schwarzen Tafel: Nichts. Die schwarze Tafel! Sie ist ein Angelpunkt. Der erste Blick gilt ihr, wenn man den Raum betritt: Sie ist leer. Wie sollte auch.— Aber manchesmal stehen flüchtig gekritzelt einige Worte daraus: Ein« Karte gefunden. Gesucht: Reisend«. Technischer Kaufmann als Ver- tretung. Wie ein Rudel heißhungriger Wölfe stürzt dann die Schar dem Schalter zu, reckt d'e Arme mit den Stempelkarten aufgeregt in das Schalterscnster hinein. Und hübsch der Reihe noch bekommt jeder ein Zettelchen in die Hand gedrückt, auf dem die freie Stelle vermerkt ist. O, Fata Morgana! Di« gleiche Stelle wird ja zumeist in allen Arbeitsnachweisen ausgeschrieben, und ein Pilgerzug von Hunderten, ja, Tausenden, wandert zu der einzigen freien Stell«. Wieder reckt sich die Hand mit der Kreide zur Tafel: Gespannt verfolgt man das Werden der einzelnen. Buchstaben: landwirtschaft- liche Arbeiter. Fortuna lächelt boshaft. Ein kleiner Zettel. Zimmer soundso melden. Karte vorzeigen. Reisegeld. Ziel: Ostpriegnitz. In aller Herrgottsfrühe sährt man mit dem Zug davon, viel zu langsam für die beschwingte Hoffnung, endlich wieder satt zu esien und einige Pfennige Bargeld m der Tasche zu haben. Endstation. Lange Wanderung mit zerrissenem Schuhwerk über ausgeweichte Wege. Fragt sich durch nach dem angegebenen Bauern. Was hatte man doch gehört? 25 M. Lohn— das ging an. Schon steht man vor dem„Allgewaltigen", der doch nur ein kleiner Bauer ist. Aber in der Erntezeit braucht man rührige Hände. Karze, gedrungene Gestalt, für einen Bauern recht gut gekleidet, ein Paar grauer Augen, das den Bettler— ddnn anders kommt man sich wohl kaum vor— ungeniert mustert. Ja, morgen könnte ich an- sangen. Lohn? Vier Mark pro Woche, dafür freie Unterkunst und Verpflegung. Vier deutsch« Reichemark die Woche! Und dafür schuf- tc» von morgens fünf Uhr be« abend» neun Uhr! Di«r deutsche Reichsmark! Dafür Arbeitskraft ausschöpfen bis zur Neige, den letzten Anzug zersetzen bis zur Unkennllichkeit. Vier deutsche Reichs- mark! Blitzschnell geht es einem durch den Kopf: Wie wäre es, wenn du eine Woche bliebest und dir wenigstens die Stiesel besohlen ließest! Die Kehle wird seltsam trocken— nein, es geht nicht. Für vier Mark. Niedergeschlagen stapft man zum nächsten Dorf. Macht vor einem größeren Bauernhof« Halt. Arbeiter sür die Ernte? Gewiß, die werden hier gebraucht. Man wartet kurze Zeit. Der Bauer kommt. Hört zu, nickt bedächtig. Abgemacht. Zwanzig Mark die Woche, frei Essen und Unterkunst. Wo ich schlafen solle? Er werde mir mein Bett zeigen. Er geht langsam voran, mein Fuß möchte freudig dahinrasen, ihm zuvorzukommen. Wir gehen in den Pferde- stall. Sechs Pferd«. An die Wand gequetscht, eine Bettlade, Stroh. sack. Das ist das Bett! Die Pferde stoßen mit ihrem Hinterteil an die äußere Bettkante. Vielleicht ginge es, wenn man sich mit dem Gesicht zur Wand hindrehte? Aber der stechende Geruch von Ammoniak macht jetzt schon den AufenthaU unerträglich. Diesen Gestank soll man die ganze Nacht einatmen, ständig der Gefahr aus- gesetzt, daß man topfschüttelnd und Wilhelm Busch variierend sagen kann: Das Pferd, es ließ was fallen, doch war es nicht das Blatt.... Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an. Eine andere Schlaf- stell«? Der Bauer ist entrüstet. Noch nie hätten sich seine Knechte beschwert. Und der Mann hat zwei Bodenkammern, die leer stehen. Ich wurde mit ihm nicht handelseins. Zwei Stunden später fuhr ich zurück, um wertvolle Erfahrungen reicher. Ich wußte, daß die Arbeitslosen nicht arbeiten wollen. Nichtstun ist süß, Faulheit stärkt die Glieder. Vier Mark sind ein fürstlicher Wochenlohn, und ein Pferdestall in der Hand ist mehr wert, als ein Federbett auf dem Dache. Jedenfalls studiere ich wieder das schwarze Brett mit besonderer Aufmerksamkeit. Ein Schwalbennest in de? Pendeluhr. Ueber einen hübschen Vorgang im Tierlcben wird aus Wien berichtet: Man bat schon häufig von kuriosen Vogelne-tern gehört. Die Vögel wählen manch- mal zum Bau ihrer Wohnstätten die merkwürdigsten Stellen, und es ist schon manchem Tierfreund schwer genug gefallen, ein Vogel- nest von einer Stelle zu entferne», wo es ganz und gar nicht hin- paffen wollte. Das merkwürdigste Vogelnest befand sich aber wohl in Kaltenleutgeben bei Wien. Dort haben die Schwalben in dem Hause des Rauchfangkehrcrmeisters Leoni vor längerer Zeit ihr Nest auf eine Wandpendeluhr gebaut, die im Sä)lafzimmer der Wohnung hängt. Die Tierchen haben ihr Nest mit überaus großer Geschick- lichkeit und ohne Furcht fertiggestellt, ohne dabei die Uhr auch nur im geringsten in ihrem Gang zu behindern. Jedesmal, wenn die Schwalben wieder ihr Nest aufsuchen wollten, hatten sie einen recht langen Weg zurückzulegen. Durch ein Fenster flogen sie zunächst!n «in Wohnzimmer, dann durch ein« Tür in das Schlafzimmer, wo die Uhr hängt. Sie benahmen sich dabei aber ohne jede Scheu,«in B«- boten. Wie die Telegraphen-Unlon weiter hört, erhebt das thürin« gische Staatsministerium gleichzeitig, ebenso wie es Württemberg ge- tan hat, Einspruch gegen die Freigabe des Films durch die Prüsstelle und beantragt bei der Oberprüjstelle Widerruf dieser Entscheidung._ Kompetenzkonftikte statt Arbeit! Wo bleibt die Durchführung der Bauprojekte? Wie dringend notwendig die von den Spitzenorganisationen der Gewerkschaften geforderte Aussprache mit den zuständigen Reichs- stellen über den Stand der Notstandsarbeiten ist. zeigen die sich bedenklich häufenden Klagen und Beschwerden über die unerträglich umständliche und langsame Vorbereitung der oerschiede- nen Bauprojekte. Bei dem Kanalbauprogramm liegen die Dinge ganz besonders schlimm. Wenn es im bisherigen Tempo weitergeht, dann wird in diesem Jahre von all den angekündigten Kanalbauarbeiten auch nicht eine einzige in Angriss genommen. Das vom Reichsarbeitsminister vor einigen Wochen im Reichstag angekündigte Kanalbauprogramm brockest von Tag zu Tag ab. Zunächst sind ganze Teile dieses Programms, wie z. B. der vom Arbeitsminister angekündigte Bau des Stauwerks von Ott- mach au, zurückgestellt worden. Preußen kann sich mit Rücksicht aus die nicht geringen Kosten, die man auf 60 Millionen veranschlagt, sür den Bau des Stauwerk» nicht mehr erwärmen. Man bezweifelt die Rentabilität des Projekte», an dessen Durchführung nur der fchlessfche Kohlenhandel ein besonderes Interesse habe. Das Stauwerk soll bekanntlich auch die Wasserführung der Oder regulieren, damit 400-Tonnen-Kähne benutzt werden können. Warum sind die Zweifel und Bedenken erst jetzt gekommen? Wußte man von ihnen noch nichts, als der Reichsarbcitsminister die Durchführung des Projektes ankündigte? Bei den nicht zurückgestellten kleineren Kanalprojekten, wie z. B. beim Lahntanalbau, kommt man wegen Kompetenzstreitig- leiten nicht vorwärts. Die Hansakanalfrage ist noch nicht geklärt. Aber auch bei dem Mittellandkanalbau, der doch nach wiederholten Versicherungen des Reichsarbeitsministeriums mit Beschleunigung in Angriff genommen werden sollte, kommt man nicht vom Fleck. In den Kreisen der Bauarbeiter hat man sich ver- g e b e n s bemüht, bei den verschiedensten Stellen, die für die Aus- führung der Teilprojekte maßgebend sind, etwas Genaueres darüber zu erfahren, wo, wie und wann nun eigentlich mit den Kanal- bauarbeiten begonnen wird. Wann werden die für den Bau not- wendigen Verträge der Länder abgeschlossen sein? Wann werden die Parlamente die Mittel bewilligt haben? Die Fachleute erklären, daß noch Monate vergehen würden, bis die Vorarbeiten für die größeren Arbeiten, bei denen Bagger und ähnliche Land- bewegungsmafchinen in Verwendung kommen, abgeschlossen ssnd. Die Antwort auf alle aus den Bauarbeiterkreisen an die sür den Kanal- bau in Betracht kommenden Stellen lauten geradezu niederschmetternd. Kein Wunder, wenn sich unter diesen Umständen allmähliche Enttäuschung und Erbitterung bei den Arbeitern zeigen. In der Besprechung der Gewerkschaften mit den Vertretern der Ministerial- kommissson zur Durchführung des Arbeitsbefchaffungsprogramms muß am kommenden Montag ein ernstes Wort gesprochen werden. Versprechungen, die nicht eingelöst werden, sind Gift.. verbot einer Antikriegskundgebong. Der Dresdener Polizeipräsident hat die für Sonntag von den Kommunisten und den- Roten Frontkämpserbund gepl mtc Antikriegsluiidgebui-g verboten. Das Verbot wird begründet mit der Abwicklung des 45. Bundessestes des Bundes deutscher Radsahrer, di« durch die Kiindgebling der Kommunisten bei de? bekannten Einstellung der KPD. gegenüber polizeilichen Maßnahmen außerordentlich gefährdet erscheint. weis dafür, wie wohl sich die Tierchen in ihrem Asyl fühlten. Der Besitzer der Uhr tat auch alles, um die Tierchen in feiner Wohnung zu holten. Er ließ ihnen die beste Sorgfalt angedeihen und scheute euch nicht die Mühe, die ihm durch das Oeffnen des Ferssters in frühester Morgenstunde erwuchs, wenn die gefiederten Hausgenossen ihre Wohnung oerlassen wollten, um ins Freie zu gelangen. Sie konnten gehen und kommen, wann sie wollten, brauchten sich nie- mals als Gefangene zu fühlen und wurden beim Holen von Futter für ihre Jungen niemals ausgehalten, so lange diese nicht selbst flügge waren. Einen ganzen Sommer lang währte dieses Idyll. Der Wandertrieb ergriff aber auch die kleinen Gäste des Rauchfang- kehrers. Eines Morgens flogen sie davon. Umsonst wartete der Rauchfangkehrer auf seine kleinen Freunde, die nicht wiederkehrten. Sonnenglut als Slrase sür Steverschuldner. Wenn ein steuer- Pflichtiger Hindu seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommt, so wird er zu ganz barbarischen Slrasen oerurteilt. In dem Staat Haiderabad hat man ein« Straf« ersonnen, di« den furchtbarsten Tor- turcn des Mittelalters ebenbürtig ist: Der„säumige Zahler" wird den brennenden Sonnenstrahlen ausgefetzt, die gegenwärtig eine Temperatur von SS Grad und darüber haben, lviefe schrecklichen Qualen hat der reichste indische Fürst, der Nizam von Haiderabad, gegen seine Untertanen anwenden lassen. Der Herrscher dieses süd- indischen Staates betrachtet das Dolk noch als fein Eigentum, und er preßt es schonungslos aus, um die Kosten seiner orientalisch- luxuriösen Hofhaltung zu decken und feine Schatzkammern zu füllen. Es ist keine Settenheit, daß in indischen Staaten den Bauern mehr als die Hälfte ihres Einkommens durch Steuern wieder abgenommen wird. Kürzlich wurde ein Kaufmann au» Adharpor der oben er- wähnten Strafe ausgesetzt, und nachdem er vier Stunden von den Sonnenstrahlen geröstet worden war, bot er an, die doppelte Summe zu bezahlen, falls man diese Folter unterbräche. Vor einem Jahr reiste ein Maharadscha mit einem riesenhaften Gefolge, zwanzig Automobilen und einer silbernen Badewanne nach London. Jetzt weiß man, woher der märchenhaste Reichtum der Indischen Nabobs kommt. Erskaussührvoge« der Woche. Freitag: Residenz-Tbeatcr: ,Dä» goldene Kalb'. Casino-Thealer:.Wa» Liebe vermag'. llronia-vortröge. Sonnt. tS n. 8):.S o n n e n s r e n d i g k e I t und Körperkultur'. Ab Sonntaa täglich:„Im braiilianischen Urwald'. Ab Montag täglich:„Dänemark', vienst, ANltw, von». (9):.A u i T i c r s a n g in Abessinir Iheoterchronik. Tonntaz abend« l0>/, Ubr findet Im Trianon- T b c a t c r al? Nachtvorstellung der Einatlerzhllu«.Da« dujte Berlin' von Leo Heller statt. Witgllederanmeldnvgev zur Vottsbüdn« können dvn jetzt an auch ichrift» lich«rsolgen. Die Anmeldimg mutz nur die Augabe entbaltem ob die Än- reihung in eine Abend», etne Nachmittag«- oder eine gemischte Abteilung gewllnsckt wird: serncr mutz ibr die Cinschreibegebühr von l,d9 M. sowie ein trankiertc« Kuvert zur N-bcrniittlung der Mitgliedskarte b-igeiiigt werden. Die Anmeldungen sind an die GelchSslSitell« der BöltZbühn?, Linlcnstiatze 227, zu richten. Aach Bayern gegen.potemkla'. Bayern bat au« den gleichen Wrllndcn wie Nürttemberg den Antrag gestellt, die Srlaubni» zur Auiillhenng de« .Potemtln'-Film» auch in seiner neuen Fassung zu widerrusen, und hat sein» Polizeibehörde« dementsprechend angewiesen. Llnschulüsengel Englanü. Chamberlains Antwort auf Abefsiniens Protest erklärt alles für„Mistverständnis". Genf. 7. August.(TU.) Das Dölker-bundssetrctariat oerösfent» licht die vom Z. August datiert« Antwort des englischen Außen» m i n i st« r i u m s auf die Zuschrift des Sekretariats vom 22. Juli, worin die abessinische Beschwerde über den«nglisch-italienischen Vertrag über den Tsanasee und übrigen Abmachungen der eng- tischen Regierung behandelt werden. In dem Schreiben wird zu- nächst die ganz« Angelegenheit für«in M i ß v« r st ä n d n i s erklärt. England und Italien beabsichtigen keinen Zwang. Die praktischen Ar- beiten seien für all« drei Teile nützlich: Abessinlen bleibe aus alle Fälle volle Entscheidungsfreiheit. Der britisch« Geschäfts- träger Hab««n 14. Juli den telegraphischen Auftrag erhalten, diese Erklärung dem Kronprinzen Tafari mitzuteilen. Ferner widerlegt das Schreiben den abessinischen Vorwurf, wonach England und Italien eine zu rasche Antwort oerlangten. Die Verhandlungen hätten zwischen Großbritannien und Abessinien bereits am 18. März 1 9 0 2 angefangen, und schon damals habe Kaiser M e n e l i k die Konzeffion des Tfanafees an England und den Sudan zugesagt. Di« Verhandlungen, die 24 Jahre dauerten, könnten also nicht als über stürzt bezeichnet werden. Es handle sich um keine wirt- schaftliche Uebertrogung eines Teiles von Abessinien an eine bestimmte Macht. Mit der englischen Anerkennung eines aus- schließlichen italienischen W i r ts ch a ft se i n f lusse s in Westabessinien und im Gebiet« der italienischen Eisenbahnen sei niemand anders als doch England allein gebunden, das als Gegenleistung für die italienischen Zusicherungen über den Tsana- see sich verpflichtet, mit den italienischen Unternehmungen nicht zu konkurrieren und Konkurrenten nicht zu unterstützen. Das Schreiben schließt mit der Erklärung, Chamberlain wäre glücklich, in der nächsten Ratstagung diese Versicherung Abessinien gegenüber wiederholen zu können. » Gut gebrüllt Löwe? Der italienischen Diplomatie sitzt der Völker- bundsschreckschuß aus Addis Abeba noch immer in den Knochen: die englische aber ist schon wieder aus die Füße gefallen. E» ist alle» nicht wahr und nur«in Mißverständnis gewesen. Was als die zwangsweise Aufteilung Abessiniens in Einfluß- fphären gerneint war, daß erklärt sich jetzt als eine Gest« der Ehr- erbietung vor der unantastbaren Staatspersönllchkeit des ehrwürdigen afrikanischen Reiches. Mit der Miene des Biedennannes lügt das Londoner Auswärtige Amt die Tatsach« aus der Welt, daß das Ab- kommen mit Rom geschlossen und dann in Addis Abeba n o t i f i- ziert(amtlich mitgeteilt) wurde, um Abessinien unter schwerstes diplomatisches Geschützfeuer zu nehmen. Da sich der Prinzregent Ras Tafari, natürlich angestachelt von dem französischen Gesandten, nicht«inschüchtern ließ, wurde der englische Löwe tatzenfreund- l i ch. Chamberlain ist geradezu provozierend liebenswürdig. Abcssiniens Protest war nämlich nur ganz allgemeiner, platonischer Natur gewesen: es hott« nur„beim Völkerbund protestiert", ohne den Antrag zu stellen, seinen Protest im Rat zu behandeln. Daraufhin hatte der Generalsekretär des Bundes Abessinien darauf aufmerksam gemacht, daß es ausdrücklich beantragen müsse, seinen Protest auf die Tagesordnung zu setzen, wenn es ein« Ratsberatung wolle. Soweit bekannt ist, hat sogar auf diese Aufforderung hin Abessinien bis jetzt diesen Antrag nicht gestellt. In dieser Situation bekommt Chamberlain es fertig, anzudeuten, daß ihm sogar will- kommen wäre, wenn die Sache im Völkerbund zur Beratung tamel So gibt es nun also drei lachend« und«in weinendes Auge. Paris, London und Addis Abeba lachen sich ins Fäustchen, Rom aber heult vor Wut blutig« Tränen. Der Faschismus fühlt sich ertappt und blamiert. Nun wird es wohl wieder nichts mit der schönen Eisenbahnlinie, die quer durch Abessinien, Somaliland und Eritrea verbinden sollte. Da» klein« Wundpslästerchen auf den grimm- schmerzenden imperialistischen Ehrgeiz ist wieder heruntergerissen. Das oberste Schwarzhemd ballt die Faust in der Tasche, flucht auf Paris, London und Genf und fein« Presie entdeckt— Sympathien für— Deutschland! dzerszinskis Entsetzen unü E�ual. Sein Aufschrei über die entsetzliche Bureaukratie.— flür Hcercsvermehrnng, für Abbau der Verwaltung. Die.Rote Fahne" veröffentlicht nach der.Prawda" Dzerszinskis letzte Rede. Wir deHalten uns vor, auf die durch diese Rede geschehen« Aufhellung der verzweifelten Kämpfe um die Ausrechterhaltung der sowjetistischen Wirtschaftspolitik kritisch einzugehen, und bringen zu- nächst das, was Dzerfzinfki über Verwaltung und cheer zu sagen hatte. .Wenn Sie sich unseren ganzen Apparat ansehen, wenn Sie unser ganzes Berwoltungsfystem ansehen, wenn Sie unseren unerhörten Bureaukrotismus! unsere unerhörten Scherereien mit allen möglichen llebereinkommen ansehen, da gerate Ich geradezu in Entsetzen. Nicht bloß einmal bin ich zum Vorsitzenden des Rates für Arbeit und Verteidigung und des Rates der Volkskommissare gegangen und habe gesagt: Nehmt meine Demission, oder über- gebt nrir dos Volkskommissariat für Handel, oder übergebt mir irgendeine Funktion in der Staatsbank, oder übergebt mir das eine und dos andere, denn es gibt so viele Abmachungen(die „Rote Fahne" sagt„Uebereinkommen"), daß man keine Frage entscheiden, daß man so nicht arbeilen kann." „Ich frage, muß die Armee akngebaut werden? Die Ar- me« kann nicht abgebaut werben, sondern die Armee und die Ausgaben für die Armee müssen augenblicklich vermehrt werden." Zurufe:„Richtig!" Kamenjew:„Aber die Kriegsindustrie, was haben Sie mit der Kriegsindustrie gemacht?" Dzerszinski:„Genosse Kamenjew, sehen Sie denn nicht, welcher Unterschied zwischen mir und Ihnen ist? Daß Sie das ganze Unglück auf eine Person abwälzen, die an der Spitze steht, ich dies aber nicht tue? Was noch einschränken Im Budget? Die Ausgaben für das Bildungs- wesen? Genosse Pjatakow kann Ihnen vielleicht sagen, wie unsere Industrie unter dem Mangel an Ausbildung(die„Rote Fahne" sagt:„Kultur"), unter dem Mangel an 0oaIifitation er- flickt. Wir können diese Ausgaben nicht einschränken, wir können und müssen die rein administrativen Ausgaben unsere» Apparate» einschränken, und der Rat für Arbeit und Verteidigung hat einen Beschluß gefaßt über die Einschränkung dieser Ausgaben für den Apparat. Genosse Pjatakow sagt weiter, warum plagt ihr uns also? Letzten Endes gebt ihr uns di>? Mittel, warum plagt ihr uns? Ich schließe mich ganz der Stimme de» Genossen Pjatkows an. Wirklich, wenn wenig Mittel vorhanden, wenn unsere Wirtschaftler übertriebene Forderungen stellen, wenn wenig Mittel vorhanden sind, dann ist es die r e i n st e Qua l." Bolfcheivistlsche Beamte als kommunistische Redakteure. Bei einer Haussuchung in der kommunistischen Zeitung„Weenida" wurden in der Redaktion vier Angestellt« der Rigaer Sowjetvertretung an- getroffen und festgenommen. Es handelt sich um vier Leiten, die in der russischen Handelsoertretung beschäftigt sind. Sie erhielten für ihr« redaktionell« Tätigkeit ein Monatsgehalt von je 18 000 Rubel. Auch der angebliche Houptschnftleiter des Blattes, Withol, wurde in Haft genommen. Neue Glocken. Der DerNner hat jetzt reichlich Gelegenheit, verwundert auf- zuhorchen und sich zu fragen, weshalb denn so oft und jedesmal so lang die Glocken in schwingend« Bewegung oerfetzt werden. Unwillkürlich denkt er in diesen Togen eines Augustanfang» an die Zeit, da da» beredte Erz überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommen wollte vor lauter Frohlocken über einen der zahllosen„Siege", d. h. über die Hinschlachtung von unglückseligen Tausenden oder das Zusammentreiben einer stattlichen armen Menschenherde. Es hat schon etwas mit dem Krieg zu tun. dies neue Schwingen und Klingen. Die Glocken kehren in neuer Gestalt auf die stiller gewordene» Türme zurück, nicht mehr oder nur zum Teil au» dem kostbaren Erz, um dessentwillen sie einst ihr harmloses Handwerk mit dem des tausendfältigen Mordes vertauschen mußten. Glocken und Kanonen— wie rasch ging damals die Wandlung, und wie sehr begreifen wir heute, da ihre Hüter noch immer nicht vom Segnen der Mordwcrkzeuge sreigeworden sind, die innere Ber» wandtschaft! Wir haben sie in der langen Zwischenzeit nicht vermißt, der Sinn für Glockenromantik ist uns längst abhanden gekommen. Wir sehen auch nicht mehr ein— wenn wir das überhaupt jemals getan haben—, wozu man bei Beerdigungen oder Trauungen gleich die Ohren und Gemüter eines ganzen Stadtviertels in Bewegung setzen muß. Und für den, der gläubig ist, hätte sicher auch weiter der Sonntagsrus einer einzigen Glocke genügt. Die große Masse wird, seit sich die Glocken einmal in Kanonen und die Pastoren in Prediger des Haffes wandelten, auch dann nicht mehr herangelockt, wenn die sämtlichen Türme der Stadt vor lauter Schall und Sturm bis in ihre Grundfesten wankten. Auch denkt man daran, wieviele» Armen und Kriegskrüppeln man hätte helfen können, wenn die Glocken- kanonen nicht ihre kostspielige Rückwandlung vollzogen hätten. Aber das ist schließlich Sache der Herden und Hirten selbst, und wenn wir vor den festlich geschmückten Glocken haltmachen, die jetzt so zahlreich vor Türmen des Aufftiegs warten, dann geschieht es deshalb, weil wir ein hartes Stück menschlicher Arbeitsmühe vor uns sehen. Es ist für den Arbeiter schwer und nicht gefahrlos, sie in ihre luftigen Stuben zu bringen, und wenn sie endlich mit dem Probeläuten beginnen, um kaum noch aufhören zu wollen, dann klingt uns dos Lied von der Arbeit in die Ohren, durchbrochen von der Hungerweise böser Tage. Das ist unsere Glockenromantit, und e» will uns dünken, als riefen die stählernen Himmelszungen manch« Gedanken in uns wach, die ihnen selbst ganz und gar nicht eigen sind. Glockenlicd unserer Tage— ein harter, herber Sang, und auch ein« Mahnung für den, der stark genug ist, ehrlich hinzuhorchen. Großfeuer in Neukölln. Ein Großseuer beschäftigte gestern nacht mehrere Löschzüge der Feuerwehr in der Delbrückstr. 27 zu Neukölln. Auf dem Hos des Grundstück» sind größere Schuppen und Stallungen des Fuhr- aeschäfts von Alfred A l b r e ch t. Einer dieser Schuppen, in dein Kutsch- und Bcerdiguugswogcn untergebracht waren, begann gegen �2 Uhr nachts zu brennen. Bon Vorübergehenden und Hau»- bewohnern wurde die Feuerwehr herbeigerufen, bei deren Eintreffen der große Schuppe» in hellen Flammen stand. Das Feuer hatte bereits auf den Pferdestall eines zweistöckigen Oueroebäudes über. gegriffen. Unter Leitung des Branddirektors Pozozicch wurde a> 5 mehreren Rohren großen Kalibers Wasser gegeben. Noch vor Eintreffen der Feuerwehr hotten Vorübergehende zwei Pferde aus dem brennenden Stall gerettet, ein drittes tam in den Flamme» um. Das Feuer grijf mit großer Schnelligkeit auf die über dem Stall liegenden Wohnungen und die Dachkonftrultion über. Di» Mieter konnten sich retten. Die Wohnungen brannten au». Auch der Dachstuhl brannte nieder. Die Löschmannschaften hatten unter starker Qualmentwicklung sehr zu leiden. Der Schaden ist betröcht- lich. D'e Enfftehungsursache konnte bi-her noch nicht festgestellt werden. Unter Zurücklassung einer Brandwache rückten die Dachen niorgens gegen 5 Uhr ob._ Zigeuner als öahnhofsgasie. Seltsame Gäste beherbergte gestern der Stettiner Bahnhof. Im Wartesaal Z. und 4. Klosie bot sich ein eigenartiger und malerischer Anblick. In einer Art Derschlag kauerte ein fremder Bolksstamm, schwarzbraune Männer und Frauen mit pechschwarzem Kraushaar, zerlumpt und phantastisch bunt gekleidet. Aufsallend waren ihre wundervollen Zähne, die bestimmt kein« Pflege kennen, und der reiche Goldschmuck, der gar nicht zu ihrer scheinbaren Ar- mut und dem fürchterlichen Schmutz paßte. Faul hockten sie auf grauen Säcken, die wohl ihre Habe bargen. Wie andere Frauen einen Schoßhund, so trugen sie junge Hühner bei sich. Eine Frau bereitete eine Art Salat von Zwiebeln und Gurken, indes die an- deren Zigaretten rauchten. Die hübschen Frauen verrieten besonder» viel Temperament, denn im Lauf« des Nochmittag» schlugen sie sich einmal ihrer Kinder wegen, und zwar derartig, daß die Bahn- Hofswoche eingreifen mußte. Die Anwesenheit der Fremdlinge hatte sich schnell herumgesprochen; neugierig wurden sie von allen Seiten bewundert. Ein alter Mann wußte ein paar französische Brocken. Soviel au» ihn herauszukriegen war, handelte es sich um Araber, die aus Marseille kamen und nach Schweden weiter wollten. Sie warteten auf ihren Führer, der angeblich mit Geld aus Hamburg kommen fällte. Er tam auch bald und die fremden Vögel zogen am Abend nach Schweden ab._ Fackelzug des Reichsbanners am Verfaflungstag. Die preußische Staotsreoierung veranstaltet be- kanntlich ihre Derfasiungefeier wie im Vorjahre am Mittwoch abend in der Hochschule'für Musik. Um S Uhr treten die westlichen Ber- liner Kreise des Reichsbanners auf dem Et ein platz an, um in einen, Fackelzuge nach Beendigung der Feier in der Hochschule für Musik vor der preußischen Regierung vorbeizumarschieren. Der Fackelzug löst sich am Knie auf. Berhaftung eines Massenmörders. Der Massenmörder Rarloch wurde in Spandau v e r- haftet. Der Melker Rarloch wurde von der Staatsanwaltschaft in Schwerin seil dem Vorjahr wegen Ermordung seiner Familie gesucht. Rarloch hatte im Mai 192S seine Frau und sein Sjährigcs Kind erschlagen und die Leichen in einen tiefen Teich bei Becksndorf in der Nähe von Boitzendorf geworfen, wo sie später gesunden wurden. Die Leiche des zweiten nur wenige Monate alten Kindes wurde in einem Sack aufgefunden. Der Unhold hatte das Kind noch lebend in den Sack gesteckt und in» Wasier geworfen. Verhaftung eines Raubmörders. Auf der Suche nach dem Iuwelcndisb Frank stießen die Krimi- »albeamten bei ihren Nachforschungen und großen Razzien in Bansin aus mehrere Männer, die dabei waren, harmlose Leute mit dem Kümmelblöttchen zu rupfen. Sie wurden festgenommen und noch dem Amtsgerichtsgefängnis in Swinemündc gebracht. Der eine von den vier Verhafteten, einer Kolonne, die mit Folschipiel auf Rügen ihr Unwesen trieb, nannte sich Simon Duoet. Als er versuchte, au» dem Gefängnis zu entspringen, fah man sich veranlaßt, sich mit seiner Person näher zu beschäftigen, weil man vermutete, daß er mehr als Glückö- und Falschspiel auf dem Kerbholz habb. Sein Bild und die Akten wurden dem Berliner Polizeipräsidium zugefandt, und die Kriminalpolizei stellte hier fest, daß man in dem angeblichen Dudek«inen gewissen Alois Klein gefaßt hatte, der wegen doppelten Raubmordes gesucht wurde. Klein hat als Angehöriger des oberfchlefischen Grenzschutzes mtt einem anderen zusammen zw«? Handelsleute, die in Oberschlesien von Ort zu Ort zogen, in einen Wald gelockt und dort ermordet und beraubt. Er war vor einiger Zeit schon einmal sest- genommen, aber aus dem Gefängnis in Oppeln entwichen� Der Wiederverhaftcte bestreitet. Klein zu fein, bleibt dabei, daß er Simon Dudek heiße, ist aber zweifelsfrei als der gesuchte Raubmörder fest- gestellt. Bei seiner ersten Festnahme, die in Berlin erfolgte, wollte er siin Gedächtnis verloren haben. Er behauptete damals, sich nicht daraus besinnen zu können, wie er heiße. 5erienj/«3 Uhr. Infl-n sich alle«cnogen und«enosmmen am WUHrlmZpIatz Sdt Spreellraße zur Drinen- stralion litr die»crfalsung vortrage, vereine unü Versammlungen. vrt»»,»»p« yhaelottenburg:.Nadfahrer»alidarwit- trifft sich morgen. Sonntag, nachmittags>/,Z Uhr am Wilhelmptah Ecke Spreeftrate zur Demonstration zur dt« Lerfaffwlg. GewerMaftsbeVegung Oer HutarbeiterverbanS 1925. Per kürzlich erschienene Jahresbericht des Deutschen Hutarbeiter- u bandcs behandelt nach einein Rückblick auf die politischen Creigni>1e dez Vorjahres auch die Wirkungen der Schutzzollpolitik auf die Hulindustrie. Auch diese Industrie ist nicht nur auf die Tinfuhr . rri Rohsiosfen und Halbfabrikaten, sondern auch aus die Ausfuhr ro i Fertigfabrikaten angewiesen. Di- Verteucrung einer Anzah' l i ser Produkte, die unbedingt eingeführt werden müssen, hatte eine t. i rteuerung der Fertigwaren und demzufolge einen verminder- i n Absatz nicht nur auf dem Inland-, sondern auch auf dem W-ltmarkle zur Folge. Die Zölle sind für einzelne Waren geradezu in glaublich erhöht worden. So lag z. B. auf einem Doppelzentner <- ärbter oder zugerichteter Reiherfedern vor dem Kriege ein Zoll von 1000 Mark, bis zum l. Ottober 1925 ein solcher von 4000 Mark. Ruck) dem neuen Zolltarif beträgt der Zoll 40 009 Mark! Strauh federn wurden vor dem Kriege mit 1000 Mark, bis 1. Ottober 1925 irit 4000 Mark und nach dem neuen Zoll-anf mit 30 000 Mark pro Doppelzentner verzollt! Die Tabelle über die Ein- und Ausfuhr der deutschen Hut- i' dustrie für 1924 und 1925 spiegelt so recht die Folgen dieser„weit- htigen Wirtschaftspolitik� wieder. So ist z. B. die Ausfuhr von szerrenbüten aus Haarfilz gegen 1924 von t>75 323 auf 367 443«tuck, also fast um die Hälfte, zurückgegangen Die Aussuhr von Woll- f l-en ging von 2 157 772 auf 1 466 112 Stück, also um rund ein Drittel, zurück. Diese Tatsachen in Verbindung mit dem Rückgang des Hut- lonsums im Jnlanöe infolge der allgemeinen Wirtschaftskrise und der Zunahme der„Hutlosen" hatten eine starke Zunahme an Erwerbslosen und Kurzarbeitern zur Folge. So ivaren am Ende des Berichtsjahres 34,9 Proz. der Mitglieder Voll- »rbeiter, 43,9 Proz. Kurzarbeiter und 21.6 Proz. erwerbslos. Ende -924 waren 74,9 Proz. Vollarbcitcr, 19.5 Pioz. Kurzarbeiter und 5,6 Proz. arbeitslos. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß die Kurzarbkiter meist nur zwei bis drei Tage in der Woche arbeiten. Zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen wurden 20 Bewegungen ohne und 4 n»t Arbeitseiiistellungen geführt in 84 Orten mit 420 Betrieben und 21 937 Beschäftigten. Zur Abwehr von Verschlechterungen kam es zu einer Bewegung ohne und einer mit Arbeitseinstellung m 20 Orten mit 47 Betrieben und 9334 Beschäftigten. Diese Bewegungen brachten für 19124 Terufsangehörige eine Lohnethöhung von 96 455 Mk. In den wichtigsten Berufsgruppcn konntcn die Löhne im Laufe des Jahres gesteigert werden um'.4,7 bis 35,3 Proz., die Atlordlöhne um 15,2 bis 25 Proz. Trog der Aufirengüngen der Uniernchmcr, die schlechte Wirtschaftslage' zu Vcrschlech'erringen der Tarife zu benutzen, ist es gelungen, fast alle diese Angriffe abzuschlagen, zum Teil sogar nocb Verbesserungen einzelner Tarif- bcftiminungen durchzusetzen. Abgeschlo'sen sind 2 Rcichstarise, 5 Bezirks tarifc, 11 Ortstarife und 6 Brtcicostarife. � Der Bestand an Mitgliedern erhöhte sich von 18 563 zu Be- ginn des Jahres auf 19 053. also uin 400. Trotz der steigenden Zahl vo» Kurzarbeitern und Erwerbslosen war die finanzielle Eni- wicklung des Vorbandes im Berichtsjahre eine ganz günstige. Der Kassenbcsland ciuschließlich der Zahlstellen betrug Ende 1925 insgesamt 199 748,36 Mark gegen 126 910.62 Mark zu Beginn des Jahres. Das ist eine Erhöhung des Kassenbestandes um 72837,74 Mark. Zusammenfassend kann gesagt warben, datz das Jahr 1925 für den Berband der Hutarbeiter trotz der Ungunst der Wirtschaft- l.chcn Verhältnisse ein Jahr gewerkschastlichen Ersolges gewesen ist. Generalversammlung üer Gemeinüearbeiter. Im ersten Halbjahr Zunahme 112S Mitglieder. Die Ortsverwaliung Berlin des Verbandes der Gemeinde- und Etaatoarbeiier hielt gestern im Gewerkschastshaus ihre Viertel- johrs-Generaloerfammlung ab. Genosse P o l e n s k e streifte in seinem Geschäftsbericht zunächst die allgemeinen wirlschasilichen Verhältnisse, besonders die Abbau- Politik der Unternehmer. Er ging dann näher auf die eigent- liche organisatorische Arbeit in der Berliner Filiale ein. Die etwa ein halbes Jahr laufende Lohnbewegung für die Reichs- lind Stoatsurbeiter wurde durch die Entscheidung des Reichsgerichts. von der auch die Erhöhung der Reichs, und Siaaisarbeiterlöhn« obhing, beendet. Die Nachzahlung ist bereits ersolgt. Ebenso konnten die Verhandlungen über den 7. Bezirkstarif für die städtischen Arbeiter ini Juni zum definitiven Abfchluß gebracht worden. Durch diesen Neuabschluß sind für Berlin eine ganze An- zahl von Derbesserungen gegenüber dem bisherigen Tarif eingeführt worden. Ein großer Erfolg war der Abschluß des Tarifvertrages für die Arbeiter der städtischen Güter. Es ist gelungen, vom Derirogsverhältnis mit dem Landbund loszukommen und den Tarif mit der Städtischen Güter- G. m. b. H. abzufchliehen, sowie eine Ausbesserung d.-r Löhne durchzusetzen. Die Bemühungen, für das städtische Haus- und Pflege- personal wieder die achtstündige A r b e i t sz e i t einzuführen, führten zu einem beachtlichen Teilerfolg. Für da, Pflege- personal der städtischen Anstalt wird die achtstündige Arbeitszeit am 1. Ottober wieder eingeführt. Die Bemühungen, das auch für das Hauspersonal zu erreichen, werden mit dem gleichen Eifer weitergeführt werden. In der M i t g l i e d e r b« w e g u n g ist ebenfalls«in Auf» stieg zu verzeichnen. Am Schluß de» zweiten Vierteljahres waren in Berlin 25 403 Mitglieder gegen 24 267 am Schlüsse de» Bor- jahres, das ist eine Zunahme von 1136 Mitgliedern. Nach dem vom Kassierer Z i e t e m a n n erläuterten Kassenbericht für das 2. Quartal hat sich der Kassenbeftand der Lokalkasse um rund 20 000 Mark erhöht. Nach einer kurzen Diskussion wurde ein auch von Polenste zur Annahm« empfohlener Antrag einstimmig angenommen. aus der Lokalkasse dem englischen Bergarbeiteroer» band 2000 M. zur Unterstützung der englischen Bergarbeiter zu überweisen. Die Generaloersammlung beschloß dann die feste Anstellung der drei bisher probeweise angestellten Kollegen Mielte, Horei» und Zeuge. In die Ortsverwoltung wurden als unbesoldete Mitglieder Kuchenbecker und T o r g e gewählt. Generalversammlung Ser Masthknisten unö tzekzer. Die Berliner Maschinisten und Heizer hielten am Freitag ihre Generalversammlung für da» 2. Quartal 1926 ab. Nach dem vom Genossen Reinefeld erstatteten Geschäftsbericht ist in diesem Meneljahr die Zahl der Arbeitslosen um 56 gest-egen. st daß die Gesamtsumme 500 beträgt. Obwohl es sich dabei nur um 12 bis 15 Proz. des Mitgliederbestandes(etwa 4000) hondell. mutz man die Zahl in Anbetracht der stabileren Arbeitsverhältnisse bei den Heizern und Maschinisten, als sehr hoch ansehen. lieber Lohnbewegungen war infolge der Kris: wenig zu berichten. In de? B r a u e r e i b r a n ch e hotte sich eine Abstim- mung gegen den Streik erklärt. Aus dem Bericht über B i l d u n g arbeit sind die Bemühungen um die Einrichtung einer M a- s ch i n i st e n s ch u l e sür Berlin zu erwähnen, die höchstwahrschein- lich im Winter mit ihrer Tätigkeit beginnt, der Mitglieder- bestand hat sich auf der alten Höhe gehalten. Den breitesten Raum nahm die Diskussion über die Einführung des D e l e g i e rt en si) st e m s für die Generalversammlung ein. die durch die große Ausdehnung der Geschäftsstelle Groß-Bcrlin (bis Flankfurt a. d. O.) geboten erscheint. Die Versammlung ent- schied sich seltsamerweise gegen den Antrag der Geschäftsleitung, der doch vornehmlich die Mitarbeit der auswärtigen Kollegen in der Generaloersammlung ermöglichen sollte. Nach dem Kassenbericht beliesen sich die Einnahmen für die Hauptkasie auf 24 435,35 Mt.. die Ausgaben auf 11 684,12 Mk.. 1Z.-18.Selll.: Älenillktonsle smeMMAMlWUMe 19, September: viertesjgkjrtz!tl!dMinl»elinteWklon.GmeMl!Wmegv«g davon beträgt der Anteil der Arbeitslosen- und Krankenunier- ftlst unoen allein 4500 Mk. Die Lokalkasse hatte 29 332,60 Mt. Einnahmen gegen 1( 692,43 Mk. Ausgaben. Ein Antrag auf Er- böhung der Lokalbeiträge für einen Teck der Mitglieder wurde ange- nomwen. Die daraus fließenden Mittel kommen für Arbeitslosen und Invalidenuntsrstützung in Betracht. fllle Verräter. Das anglo-ruffifche Komitee in Ungnade gefallen. sJGB.) Am 30. und 31. Juli trat in Paris das anglo-rufsifche Komitee zu der von den Russen seit langem sehnlichst herbeige- wünschten Sitzung zusammen. Der osfizielle Bericht über die Tagung sagt lediglich, daß die internationale Loge besprochen und eine neue Sitzung für Ende August angesetzt worden sei. Im übrigen hätten die beiden Parteien abgemacht, nichts über die Be- sprechungen verlauten zu lassen. Die„Humanite", das offizielle Organ der Kommunisten Frankreichs, scheint trotzdem verschiedenes erfahren zu haben. Denn sie benützt die Gelegenheit, ihren Gästen wenigstens zum Abschied ein paar Fußtritte zu versetzen. In einem langen Artikel wird nämlich gesagt, daß„die Führer des Generolrats den Generalstreik oerraten haben, daß„sie nun den Bergarbeiter- streit sabotieren" und daß.chie englischen Arbeiter im Anglo-russi- schen Komitee nicht die Vertreter haben, die sie verdienen". Es scheint, daß die englischen Genossen des Komitees, dos als «ine der hoffnungsvollsten Schöpfungen der Drahtzieher in Moskau im Geruch kommunistischer Heiligkeit stand, ebenfalls den Weg alles Kommunistischen gehen und sich damit abfinden müssen, daß sie eben schließlich doch auch nur ganz gewöhnliche„Verräter" sind. Denn alle englischen Teilnehmer der Sitzung in Paris sind auch Mitglieder des Ceneralrats des Britischen Gewerkschastsbundes. Eisbeutel gefällig? Wir haben als Antwort auf die großaufgezogene Hetze gegen die deutsche Arbeiterbewegung mit Hilfe der sogenannten zweiten deutschen Arbeiterdelegation nach Rußland«ine Notiz veröffentlicht, in der wir den Kern des angeblichen Interviews Körbers veröffent- lichten und darauf kurz an die Tatsachen erinnerten. Die„Rote Fahne" nimmt diese Notiz zum Ausgangspunkt, um in einem mit Hundstagshitze überheizten Leitartikel„nachzuweisen", daß die Im- perialiften unier Führung Englands einen Krieg gegen Sowjetruß- land vorbereiten und daß der„Vorwärts" dazu die journalistische Vorarbeit leiste. Da muß man schon fragen: Eisbeutel gefällig? Adelige Entrüstung. Zwei gdelig« Damen. Baronin von Hühnerbein und Frau v. S ch c n d e l standen als Beklagt« vor dem Gewerbegericht. Mit ihnen zusammen war ein Herr Riesenseld ortlagt, der aber durch Abwesenheit glänzte. Der Kläger war bei einem Spieltlub in Wilmersdorf, der sich„Künftlerklub Westen" nennt, angestellt. Er sortiert« von den drei Beklagten, als den Inhabern des Klubs, Schadenersatz wegen kündigungsloser Entlassung. Di« Beklagten be» stritten, daß sie zurzeit der Beschästigung des Klägers. Besitzerinnen des Klubs gewesen feien. Das Gewerbegericht hatte deswegen bei der Polizei angefragt und von dieser ein« ziemlich lang« Liste von Personen erhalten, die vom März bis Juni nacheinander Inhaber des Klubs gewesen sind. Di« Baronin o. Hühnerbein gehört« nicht zu diesen, si« schied demnach als Beklagt« aus. Dagegen waren Frau o. Schendel und Herr Riesenseld ohne Zweifel als derzeitig« Arbeit- geber des Klägers anzusehen. Sie wurden denn auch gemeinsam zur Zahlung oerurterlt. Nachdem das Urteil verkündet war, begann Frau o. Schendel in temperamentvoller Weife Einwendungen zu machen. Der Bor- sitzende bedeutet« ihr, daß nach der Urteilsverkündung Derhandlungen nicht mehr zulässig seien. Aber Frau o. Schendel mochte ihren Rede- fluß nicht hemmen. Immer wieder versuchte sie, auf das Gericht einzureden. Der Borsitzend« ersucht« sie diese Störungen zu unter- lassen, als gebildet« Dame werde si« doch wissen, wie man sich zu benehmen Hab«. Aber der Zlppell an die„gebildete Dame" war ver- geben». Frau v. Schendel räsonniert«:„Das ist ja noch schöner, wenn hier die Angestellten immer recht triegen und die anderen nicht!" Dann warf si« die Tür krachend ins Schloß und verschwand. Dies« Ungezogenheit veranlaßt« das Gericht, gegen die„Dame" «in« Ungebührstrafe von 20 Mark zu oerhängen. EookS Bekehrung. London, 7. August.(EP.) Grubensekretär Cook hielt gestern in Eowdenbeath vor 15 000 Grubenarbeitern eine Rede, in der er diese aufforderte, zusammenzuhalten und die Bermiitlungs» Vorschläge der B i s ch ö s e anzunehmen. Cook erklärte, er stehe nach wie vor auf dem Standpunkt, daß diese Vorschläge«ine günstige Grundlage für die Beilegung des Konfliktes dar- stellten, und daß er den Führern des Allgemeinen Gcwerkscholts- bundes gegenüber das verfrühte Abbrechen des Generalstreiks be- dauert habe. Er drückt die Hoffnung aus, daß der Generalstreik nochmals erklärt werde, um die Grubenarbeiter zu unter- stützen. -i- Nach den beispiellosen Angriffen desselben Cook auf den Generalrat der englischen Gewerkschaften wegen des Abbruchs des Generalstreiks, ist öffentlich festgestellt worden, daß der Abbruch erfolgte, weil die Vertreter der Bergarbeiter die Bermiitlungs- vorschlage von Sir Herbert Samuel— die von den Bischöfen wieder aufgenommen wurden— ablehnten. Jetzt, wo es wahrschein- lich zu spät ist. findet auch Cook diese Borschläge annehmbar. Datz heute wohl kaum die Voraussetzungen für einen neuen General- streik vorhanden sind, dürft« auch Cook wissen. Die englischen Berg- arbeiter, deren zähe Widerstandskraft allgemein bewundert wird, sind zu bedauern, daß sie einen Cook zum Führer haben. Gewerkschastsfeindliche Pläne in England. London. 7. August.(EP.) Das Kabinett hat gestern eine neue Vorlage geprüft, die vorsieht, daß die Kasicnbestände der Gswerk- fchafien gesetzlich in zwei Teile geteilt werden müssen. Die eine Hälfte sei für die Arbeitslosenunterstützung, die Kranken- und die Altersunterstützung reserviert, und die zweite Hälfte soll nur für die Streikunterstützung benutzt werden. Ein neues englisches Arbciterschutzgesetz. London. 6 August.(MTB.) Der Staatssekretär des Innern hat den Text eines Gesegentwurfes zur Reform der Fabrikgesetzgebung bekanntgegeben, der in der nächsten Parlamentstagung zur Beratung vorgelegt werden soll. Es handelt sich um eine Beschränkung der wöchentlichen Arbeitszeit und das Verbot gewisser körperlich anstrengender Verrichtungen für die in Fabrikbetriebcn tätigen Frauen und Kinder sowie um verschiedene sanitäre und Sicherheitsvorschriften. Ein ähnlicher Gesetzentwurf war von dem Arbeiterkabinctt seinerzeit geplant. Es wird erwartet, daß verschiedene wichtige Aenderungen, die in dem neu vorzulegenden Entwurf enthalten sind, Anlaß zu lebhasten parlamentarischen Aus- einanderfetzungen geben werden. Sport. ZNöller Sieger im„Grohen Preis von Berlin". Der gestrige Renntag der kleinen Treptower Radrenn- bahn konnte guten Besuch oerzeichnen. Tribünen, Kurven, Sattel- platz und Innenraum waren glänzend besetzt. Gekämpft wurde um den„Großen Preis von Berlin", ein Dauerrennen über 100 Kilometer, das zwei Läufe zu 30 und einen Lauf zu 40 Kilometer vorsah. Am Start erschienen S a w a l l. Möller, Krupkot, Brünier und M i q u e l(für Parifot). Im Verlauf des Rennens zeigt sich K r u p k a t von starker Seite, im Gegensatz zu Sawall, dessen berühmter Stern gestern in Treptow nicht glänzte. Der Hannoveraner Möller hat sicher- lich mit seiner gestrigen Fahrweise wieder viele neue Freunde ge- wannen! Im e r st e n L au f über 30 Kilometer siegte Brünier, der bald nach Start M'guek die Spitze abnahm und sie gut ver- teidigte. Möller belegte den zweiten Platz vor Krupkat, Sawall untz Miquel. Der zweite Lauf, der wieder über 30 Kilometer ging, brachte den Sieg Krupkot», der es in fabelhafter Weise verstand, Brünier die Spitz« streitig zu machen. Der Franzol« hielt seinen zweiten Platz gegen Möller, Sawall und Miquel. Möller wurde dann der führende Mann im letzten Lauf über 40 Kilometer. Hier mußte Sawall Reisenschaden hinnehmen und verlor viel an Platz. Der Spitzenhalter Möller hatte als nächsten Gegner Brünier hinter sich, der nach dem 30. Kilometer Krupkat passieren lassen mußte. Möller setzte nun alles daran, um den Platz behalten zu können, was ihm auch gelang. Im Gesamt- klassement ging dann der junge Möller auch als Sieger (99 5(50) hervor, zweiter Krupkat(99 410), dritter Brünier(99 150 Kilometer gefahren), vierter Sawall, fünfter Miquel.— Bei den Fli«gern siegte im Malfahren Jensen und im Punkte- fahren Rizetto. In der Boucheftraße zu Neukölln kannte 21jährige Radrennamateur Karl Krupkat, der sich seinem Fahrrad aus dem Heimweg befand, mit einem Motorradfahrer zusammen. Krupkat erlitt starke Hautabschürfungen und vermutlich einen Wadenbeinbruch. Sein Start in Dresden am morgigen Sonntag ist daber sehr in Frage gestellt. K. und der gleichfalls oerletzte Motorradfahrer, Kaufmann Hans Müller aus der Grätzstraße in Treptow, erhielten auf der nahe- liegenden Rettungsstelle die erste Hilfe. gestern nacht der be- r u p t a t, der sich mit Theater üer wache. vom 8. August bis 16. August 1926. Ovet am?l»ti der Republik: lti.«ida. 4». gar und Zimmermann.—- Schiller. Theater: Die leichte ? Isabell.— Deutsche, Theater: Das Ekel. rnn.— Theater in her llituiggrätzer Straße: Der Garten Eden.— Thrater des Weften,: Der Zug nach dem Westen.-> Renailsanee-Zheater: Eisersucht.— Deutsche» Tüustler-Zheater: Der Nabel preis. — gamädienhau»: Drei Madel van heute.— Berliner Theater: Donnerwetter — ganz famos I— Triauon. Theater: Bictorine» Hochzeit.— Aesideaz. Theater: Bis 12. Der Mustergatt«. Ab 13. Das golben« Kalb.— Romisch« vprr: Berlin ahne Semd.— Meteopol-Tbeater: Regerrevue Black peovle und Schneider Wibdel.— Theater am Rursiiefteadamm: Bvonnc.—»leiae, Theater: Asta Nielsen.— Rose-Zheater: Olaf, Tragödie«ine« Spartlier».— Rast u». Thealer: Ab 13. Was Liebe vermag.— Theater in der LLHomstraße: SvreewaldmSdcl. — Schloßpark- Theater Steglitz: Schwarz waldmädel.— Wintergarten: Beriet». — Seala: Internationales Variete. Verantwortlich für Politik: Dr. Eurt Geyer; Wirtschaft: Ar'nr Sater»»»: Gewerkschastebeweguna: Z. Steiner; Feuilleton: Dr. Zahn Schik»w»ki! Lolale» und Eonliige»: Fritz»arftiidt; Anzeigen: Th. Glocke: sämtlich in Berlin. Verlag: Borwärt».B«rIag G. m. b. H.. Berlin. Druck: Borwärts-Buchdruckerei und Berlagsanstalt Paul Singer u. So., Berlin 6 SB 68, Lindcnftraße 3. Mieten Sie von uns fjtaddatzS Berlin W66 leipziger*! rasse 122 123