fibenöausgabe Nr. 421 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 20$ PHuesbcMnqunaen und Snjelqcnpttfft tino in txc Morsenausgabe onaeqeben nedoftion: Sw. SS. Cindenflrobe 3 Fernsprecher: VSnhoff 292— 297 Tel-Adreffe: Zozialdcmotra» verlin Devlinev Volksblstt (iN pkenniZ) Dienstag 7. September 1 92H Lerla« und Anzeiginabteilung: SeschSstsziit 814 bis 5 Uhr Verleger: vorwSrls-Verleg«Smby. Berlin Slv. öS, Lindenslrahe 3 Zerosprech-r- DSuhoss 292— 297 Zentralorgan der Sozi aldemohrati feben Partei Deutfcblands Spaniens Diktator behauptet sich. Mit Hilfe des Königs.— Kein Nachfolger vorhanden. pari». 7. September.((Eigener Drahtberichk.) Die strenge Zensur, die in Spanien über sämtliche Verbindungen nach außerhalb geübt wird, gestattet keinerlei objektive» Bild über die Vorgänge. ?Iach den letzten Nachrichten der Pariser Morgenpresse scheint e». daß es Prlmo de Rivera gelungen ist, den Wider- st and der Artillerieosfiziere in mehreren Gar- nisonen zu brechen. Ebenso scheint sich der König aus Seite des Diktats rs gestellt zu haben und ihn mit allen Mitteln zu unterstützen. Am Montag hat ein K a b In e t l s r a t stattgesunden, nach dessen Verlassen der Diktator erNärte, alles deute daraus hin, daß die Ruhe in kürzester Zeil wiederhergestellt sein werde. Primo de Rivera halte im Laufe des Montag mehrere Besprechungen mit führenden persönlichkeilen des öffentlichen Lebens und des Heeres. Außerdem empfing er auch den englischen Bolschasler. Da» Zentrum der militärischen Bewegung gegen primo ist die Stadt Bilbao. 3n Madrid dagegen ist die Garnison der Regierung treu geblieben, wegen Beteiligung an der Meuterei sind insgesamt löö? Ossiziere ihre, Postens enthoben worden. Die 5 l o t t e in Eadiz und die Kriegsindustrie in Barcelona hatten sich der Aufstandsbewegung der Artillerie angeschlossen. 3n Barcelona hatten sich zwei Artllleriekasernen geweigert, ihre Waffen abzuliefern und sich zu ergeben. Die Gebäude wurden von Kavallerie und 3nfanterle umzingelt, worauf die eingeschlossenen Truppen die Waffen niederlegten. Alle ausländischen Zeitungen werden an der Grenze angehalten, um die spanische Bevölkerung ruhig im unklaren zu lassen über die Vorgänge. Roch den jüngsten Meldungen au» Madrid hat General primo de Rivera am Montag im Lause einer Besprechung mit dem König diesem seine Demission angeboten. Der König habe sie aber abgelehnt, da er überzeugt sei. datz zwar zahlreiche Generale geneigt seien, sich gegen primo de Rivers aufzulehnen. aber kein einziger davon imstande sei. Ihn Im gegenwärtigen Augenblick an der Spitze der Regierung zu ersehen. Die Stimme öes spanischen Gfflziosus. WTL. verbreitet folgende Mitteilung: Nach einem Telegramm aus Madrid, das heute früh bei der Berliner spanischen Botschaft eingelaufen ist, haben sich die Lehrer der Artilleriea kademie von Segovia der Regierung unterworfen. Damit könne man den Widerstand der Kommandeure und der Offiziere der Artillerie gegen die Staatsgewalt als beendet betrachten. Diese Ossiziere würden nunmehr durch Militärgerichte abgeurteilt werden. Es ist zu bemerken, so fährt der Bericht fort, daß die jetzigen Vorkommnisse in Spanien in Wirklichkeit weder eine mili» tärische noch eine politische Revolution darstellten, sondern ein« korporativ« Auflehnung zur Verteidigung einer Aus- sassung, die der Regierungsmeinung entgegengesetzt war. Rivalität im Artillcrieoffizierkorps als Ursache der Revolte. London, 7. September.(EP.) Der„New Port Herald" meldet aus San Sebastian, daß die Königin von Spanien den früheren amerikanischen Botschafter in Madrid Moose erklärt habe, daß die Unruhen der letzten Tage von den Artillerieoffizieren angezettelt worden seien, die nicht in Marokko gekämpft haben. Primo de Rivera habe ein Gesetz erlassen, wodurch die Beförderung der Ossi- ziere nicht mehr nach Dien st jähren, sondern nach B e r d i e n- st e n erfolgen soll. Die in Frage stehenden Offiziere hätten nun ge» glaubt, bei der Beförderung zu kurzzu kommen.— Die„Daily Mail" meldet aus San Sebastian, daß die plötzliche Abreise des Königs nach Madrid auf einen Anschlag der spanischen R e p u b l i» k a n e r zurückzuführen sei, die geplant hätten, den König g e- sangen zu nehmen und zum Abdanken zu zwingen. Tie Madrider Artillerie ergibt sich. pari», 7. September.(WTB.)„New Park Herald" meldet aus Madrid, gestern abend um 7 Uhr hat sich die gesamte A r t i l- leriegornison von Madrid, bestehend aus vier Regi« mentern, ohne«inen Schuß den Rcgierungstruppen ergeben. In Barcelona gibt die Artillerie ihre Kasernen preis. Madrid,(5. September.(8 Uhr 45 Min. abends.)(WTB.) Es herrscht vollkommene Ruhe. Bis jetzt ist kein Zwischenfall zu inelden. In Barcelona wurden die Artilleriekasernen von den Offizieren in voller Ruhe verlassen. Infanterie- und Kavallerie» abteilungen besetzten diese Kasernen, ohne daß sich der geringste Zwischenfall ereignet hätte. Aus Gibraltar wird gemeldet, daß sämtliche Artillerie. offiziere von Algeciras entgegen dem Befehl der Regie- ,ung ihre Uniformen sowohl in den Kasernen wie auf der Straße w e i t e r t r a K e n, ohne daß sie von den Behörden des- wegen belästigt wurden. Segen öie Diktatur öer Großmächte. In Genf wehren sich die Kleinen. V. Lest. Genf, 7. September.(Eigener Drahtbericht.) Das Mißtrauen der kleinen Staaten gegen die Großmächte ist eine alte Erscheinung im Bölkerbund. Sogar die Tatsache, daß sich vor Zusammentritt der Studienkommisston Frankreich, Deutschland und England grundsätzlich geeinigt hatten, ohne Fühlungnahme mit den übrigen Mächten, ist von den kleinen Staaten u n g ü n st i g aufgenommen worden. Ein Artikel des„Matin", der diese deutsch- französisch-englische Einheitsfront als bedeutungsvolles Ereignis mitteilte, das für die Entwicklung des Völkerbundes richtunggebend sein werde, hatte lebhaste Beunruhigung in den kleinen Staaten ausgelöst und einen Gegenartikel des.Lournal de Geneve" veranlaßt, in dem gegen die geplante„Diktatur der Großmächte" protestiert wird und die kleinen Staaten zum Widerstand dagegen aufgefordert werden. Nur unter diesem Gesichtspunkt ist ein kleiner Zwischenfall zu bewerten, den Nansen- Norwegen am Schluß der gestrigen Vollsitzung verursachte, als er sich lebhaft darüber beschwerte, daß er und viele andere Delegierte infolg« der schlechten Akustik nicht gehört hätten, was der Präsident vorgeschlagen und worüber man abgestimmt hätte. Jetzt verlautet, daß Nansen in der nächsten Sitzung einen zweiten Vorstoß machen wird, der sich gegen„die Diktatur der Großmächte" bzw. des Völkerbundsrats richtet. Er will beantragen, daß entgegen dem Vorschlag des Rats eine getrennte Abstimmung über den permanenten Ratssitz für Deutschland und über die Schaffung der drei neuen nichtständigen Ratssitze vorgenommen werde. Offenbar wollen die kleinen Staaten«ine Debatte über diese Vermehrung der nichtständigen Ratssitze entfesseln, um ihren grundsätzlichenWiderstand gegen diese Neuerung in der gleichen Form zum Ausdruck zu bringen, wie es bereits Schweden in der Studienkommission getan hat. Irgendeine K o m p l i ka t i o n ist von diesem Vorstoß nicht zu erwarten und aruch nicht eine Verzögerung des Eintritts Deutschlands. Es handelt sich, wie gesagt, lediglich um die alt« Rivalität zwischen den großen und den kleinen Mächten. Das Bureau gewählt.— Tie Sitzungen des heutigen Nachmittags. Genf. 7. September.(Eigener Drahtbericht.) Heute vormittag pmrde in der Sitzung der Volloersammlung da» Bureau gewählt, das, wie üblich, aus dem Präsidenten der Tagung und den Bor- sitzenden der sechs regelmäßigen Kommissionen besteht. Das Bureau, dem die Vertreter der vier ständigen Ratsstaaten angehören, tritt heute nachmittag um 3 Uhr zur Beratung der formalen Erledigung des deutschen Aufnah mege- s u ch e s und der Beschlüsse über die Ratserweiterung zusammen. Außerdem werden die sechs Versammlungsausschüsse heute nach- mittag ihre konstituierenden Sitzungen abhalten. Auch der V ö l k e r b u n d s r a t hat auf heute nachmittag eine Sitzung anbe- räumt. Der Bölkerbund in den deutschen Rnndfunk! V. Lcli. Genf, 6. September.(Eigener Drohtbericht.) Die Reden in den öffentlichen Sitzungen der Vollversammlung werden in ver- schiedenen Ländern durch Radio verbreitet, vor allem in Frank- reich, in England, in der Schweiz und in der T s ch« ch o- s l o w a k« i. Uns will es scheinen, daß Deutschland alles Interesse daran hätte, sich in besonderer Weis« der P o p u l a r i- s i« r u n g des Lölkerbundsgedankens zu widmen und entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Zumindest könnte man den Verlauf der Sitzung am Freitag vormittag, in der Deutschland in Genf erscheinen wird, durch Rundfunk verbreiten. Zwar werden die meisten Reden nur in französischer und englischer Sprach« gehalten, aber erstens dürften viele Tausende von Zuhörern sich trotzdem dafür interessieren, und auberdem wird ja Stresemann seine Antritts- rede zweifellos in deutscher Sprache halten. Das Kölling-verfahren eingestellt! Haas, Mischer, Reuter erhalten Entschädigung! Magdeburg, 7. September.(Eigener Drahlberichl.) Das im Zusammenhang mit dem Mordprozeh Schröder vom Untersuchungsrichter k ö l l i n g eingeleitete Strafverfahren gegen den Kaufmann Rudolf Haas, den Schrijlseher Mischer und den Ehausscur Reuter wegen angeblicher Anstiftung und Beihilfe zum Morde ist jetzt durch Gerichtsbeschluh endgültig eingestellt worden. Gleichzeitig wurde der Anspruch der zu Unrecht Beschul- digten auf Entschädigung für unschuldig erlittene llatersuchungshast anerkannt. Die russische Mauer. Moskauer Prefsepolitik. Die russische Botschaft in Berlin hatte, wie unseren Lesern bekannt, unserem Genossen und Mitarbeiter Kurt H e i n i g die Erlaubnis zur Reise nach Rußland zunächst zugesagt, sie sah sich aber infolge einer Entscheidung der Moskauer Re- gierung genötigt, diese Zusage zu widerrufen. Die peinliche Lage, in die sie durch den Unverstand ihrer Auftraggeber geraten ist, verdient alles Mitgefühl, sie gibt ihr aber nicht das Recht, die Verantwortung für das sogenannte„Miß- Verständnis" dem Genossen Heinig zuzuschieben, wie sie das heute morgen in ihrem hiesigen Organ tut. Dagegen setzt sich Genosse Heinig mit der folgenden Erklärung zur Wehr: 1. Das hiesige Organ der russischen Botschaft behauptet„e i n geheimes Abkommen" entdeckt zu haben, das zwischen dem „Vorwärts", der Sozialdemokratischen Partei und Gewerkschafts- presse und mir geschlossen worden sei. Diese Entdeckung sei der eine Grund der Zurückziehung der bereits erteilt gewesenen Ein- reiseerlaubnis. Der heimliche Zweck meiner Rußlandreise sei nach jenem„Ab- kommen" s) ich solle mir dij Autorität eines Rußlandskcnners verschaffen, b) mit dieser Autorität solle ich den Arbeiterdelcgationen im „Vorwärts" sowie in der übrigen Partei- und Gewerkschafts- presse entgegentreten. Ich erkläre hiermit öffentlich, daß das hiesige Organ der russischen Botschaft mit diesen Behauptungen bewußt die Unwahr- heit sagt. Das„Abkommen" ist frei erfunden. 2. Weiter läßt die russische Botschaft als anderen Grund zur Zurückziehung der erteilten Erlaubnis die Behauptung verbreiten, daß ich ihr weder über meinen Rcisezweck noch über meine Aus- traggeber die volle Wahrheit gesagt hätte. Für heute möchte ich darauf nur antworten, daß meine Ein- reise mündlich und schriftlich von dritter, und zwar von k o m- m u n i st i s ch c r Seite, bei der russischen Botschaft befürwortet worden ist. Diese Befürwortung erfolgte bei voller Kenntnis meiner Absicht, in der sozialdemokratischen Arbelterpresse über die Eindrücke meiner Rußlandreise zn berichten. Und das Allerwichtigste: die Ge- nehmigung meiner Einreise ist aus Grund jener Befürwortungen erfolgt. 3. Im übrigen muß ich die Unanständigkeit zurückweisen, die darin liegt, mir vorgefaßte Meinung gegen Rußland zu unterstellen. Ich bin seit Jahren aus freier Entschließung Mitglied der „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußlands", ich habe weder im„Vorwärts" noch sonstwo gegen Rußland Stellung genommen. Es ist mir deswegen unerfindlich, mit welchen Beweisgründen die Objektivität meiner Berichterstattung anzu- zweifeln war. Berlin, 7. September. Kurt H e i n i g. Man kann wohl sagen, daß die Größe der Verlegenheit, in der sich die russische Botschaft befindet, erkennbar ist an der Plumpheit der Ausreden, die sie gebraucht. Die russische Botschaft will nicht gewußt haben, daß Heinig über seine russischen Reiseeindrücke dem„Vorwärts" etwas schreiben wolle. Heinig habe ihr das geflissentlich verschwiegen. Ganz abgesehen davon, daß sie damit, wie Heinig beweist, die Unwahrheit sagt— hätte die Botschaft nicht s e l b st die schwarzen Pläne Heinigs erraten können, wenn er sie ihr wirklich ängstlich verschwiegen hätte? Die russische Botschaft muß doch wissen, daß Genosse Heinig jahrelang Redakteur am.Vorwärts" war, daß er heute noch sein Mitarbeiter ist und beispielsweise über seine Amerikareise im„Vor- wärts" berichtet hat. Wenn sie jetzt so tut, als hätte sich Genosse Heinig gewissermaßen vermummt und verkleidet nach Rußland einschleichen wollen, so ist das doch einfach kindisch! Aber noch mehr: dieselbe russische Botschaft, die nicht gewußt haben will, wer Heinig ist, besitzt auf einmal so genaue Kenntnisse von den Beziehungen, die zwischen Heinig und uns bestehen, daß sie sogar Geheimabkommen entdeckt, die zwischen uns und ihm geschlossen worden sein sollen! In journalistischen Kreisen wird die Bezeichnung von Abreden, die zwischen den Redaktionen und ihren Mit- arbeitern getroffen werden, als„Geheimabkommen" sicher den fröhlichsten Widerhall finden. Jedermann weiß doch, daß solche Dinge nicht auf Pargamenten mit Wachssiegeln, son- dern in kollegialer Aussprache erledigt werden. Unter solchen Umständen ist das„Geheimabkommen" eine selbst für einen ordinären Polizeispitzel ganz ungewöhnlich dumme Erfindung. Das hiesige Organ der russischen Botschaft beginnt seine Ausführungen über den Fall Heinig mit dem Satze:„D e r Sonntag-„Vorwärts" schwelgt in lauter W o n n e." In diesen Worten scheint uns eine außerordent- lich scharfe Kritik des Verhaltens der russischen Regierung zu liegen, sie sagen doch dem Sinne nach:„Da haben die in Moskau eine ungeheure Dummheit gemacht, und der„Vor- wärts" reibt sich darüber die Hände." Mit der ungeheuren Dummheit stimmt's, aber daß wir über sie Freude empfinden, ist falsch. Wir sind keine Kommunisten, die mit„Entlarvungs- Manövern" arbeiten. Genosse Heinig hat das Einreisegcsuch nicht gestellt, damit es abgelehnt werde und die russische Regierung Gelegenheit finde, sich zu blamieren, sondern er hat es getan mit dem Wunsch und in der Hoffnung, daß die Bewilligung erteilt werden würde. Diesen Wunsch und diese Hoffnung hatten wir geteilt in voller Kenntnis der Tat» fache, daß Heinig. Mitglied der Gesellschaft der Freunde des neuen Rußlands ist und daß gerade von ihm eine voreingenommene, einfach alles herunter- reißende Kritik am allerwenigsten zu erwarten wäre. Denn, unter uns gesagt, eine solche Art der Berichterstattung würde gar nicht die Reisespesen lohnen. Daß in Rußland manches faul ist, weih man. Daß dort noch immer ein so blitzdummes Polizeisystem herrscht wie in der Zarenzeit, daß man dort noch immer eine ganz lächerliche, dem Westeuropäer ganz unverständliche FurchtvordemfreienWort empfin- det, ist zur Genüge bekannt. Es ist auch nicht notwendig, einen Berichterstatter nach Rußland zu schicken, um festzustellen, daß es unmöglich ist, die russischen Methoden schablonenhaft auf Europa zu über- tragen. Das weiß schließlich heute auch schon jeder Kom- munist. Aber ganz abgesehen davon, gibt es in Rußland doch viele Dinge, die genau kennenzulernen, gerade auch für den Sozialisten besonders interessant ist. Und befänden sich unter diesen Dingen auch solche, die Anerkennung und Nachahmung verdienten— wem könnte das lieber sein, als uns, die wir ständig unter dem Argument der Gegner zu leiden haben, in Rußland habe„der Marxis- mus" auf allen Gebieten vollständig versagt?! Der Kommunismus lebt von der illusionären Vorstellung eines russischen Sowjet Paradieses. Es wäre falsch, daraus zu schlußfolgern, die Sozialdemokratie brauche zu ihrer Existenz die Vorstellung einer Sowjet Hölle. Die deutsche Sozialdemokratie ist stark genug, umdemheutigenRußlandunddemrussischen Bolschewismus ganz unvoreingenommen gegen übertreten zu können. Von einer Bericht- erstattung, die Licht und Schatten gerecht verteilt, hat sie nicht das allennindeste zu befürchten. Aus solchen Gedanken ist der Plan einer Rutzlandreise des Genossen Heinig entstanden, der nun durch das vielberedete„Mißverständnis" durchkreuzt worden ist, aber das Mißverständnis liegt ganz auf der russischen Seite. Die ch i n e s i s ch e M a u e r ist gefallen, die russische steht noch. Auch sie endlich einmal zu beseitigen, wäre ein revolutionärer Akt. Wir halten es, wie gesagt, aus» wenn über Rußland außer dem Schlechten, das es dort unstreitig gibt, auch Gutes berichtet wird. Die russische Regierung sollte sich auch stark genug fühlen, in der ausländischen Presse— von der inländischen reden wir erst gar nicht— ein unbequemes� Wort zu ertragen. Sie sollte Abstand nehmen von einer Prcssepolitik, die sie, wie der vorliegende Fall zeigt, vor den Augen der ganzen Welt blamiert. Rutsche parteZöemokratie. Was die Botschewisten Tiskussion nennen. In der„PrQivda" berichtet ein sehr beflissener Stalinjünger über die P a r t e i d i s k u s s i o n in der Moskauer Organisation. Dieser Bericht ist sehr lehrreich. Man ersährt daraus, was die Botschewisten unter„innerparteilicher Demokratie" verstehen. Wörtlich heiht es in dem Bericht: „Für den Gang der Debatte ist die außerordentliche Aktivität der Organisation bezeichnend. An den Versammlungen nahmen 75 bis 8t) Proz. aller Partennitgieder teil. Das bedeutet in Wirk- lichkeit den gesamten zu mobilisierenden Bestand der Organisation. wenn man Urlaub, Ferien, Reisen und Schichtwechsel der Bs- triebe in Betracht zieht. Durchschnittlich sprachen in jeder Ver- sammlung acht bis zwölf Genossen. Es wurden mehr als 10 000 Zettelanfragen gestellt. Bezeichnend ist, daß die Oppositionellen sich jeder Beteiligung an den De- b a t t e n(mit ganz verschwindenden Ausnahmen) enthielten und es dafür vorzogen, die Referenten m i t Z c t t e l a n f r a g e n zu bombardieren. Manchmal waren ganze Stöße solcher Zettel von einer Hand geschrieben. Die Oppositionellen verzichteten auch in der Regel auf jede A b st i m in u n g." Danach sieht die Parteidemokratie also ungefähr so aus: Zu den Versammlungen erscheint natürlich jeder. Erstens, wäre Nicht- „Otto unö Theophano". Slädkische Oper. Seit langem spricht man von einer Händel- Renaissance und jeder gute Musiker zollt ihr Beifall. Opernhäuser vom Niveau dürfen sich der Aufgabe nicht entziehen, uns die wesentlichsten Theaterwerke des oratorischen Großmeisters vorzuführen. Was die Volksoper mit dem„Cäsar" begann, mit der„Rodelinde" fortsetzt«, was die Staatsopcr sich im Moment versagen muß: Händel zu spielen und seinen Etil zu ertasten, das versucht nun die Stäbtische Oper.„Otto und Theophano" heißt das Werk. Von einem gediegenen Kapellmeister(Zweig) einstudiert und geleitet, von vor- nehmen Sängern solistisch getragen, von dem besten aller Cemba- listen(V. E. W o l f s) gestützt, stimmt das Wert andächtig und feier- täglich. Durch den Adel seiner Melodien, durch die Transparenz der Instrumente, durch das reizvolle Mit- und Gegeneinander des Solo- und Tuttiorchesters, durch die tiefste Beseeltheit der Arien. Stücke, wie die Klag« der Mutter„gibt mir meinen Sohn zurück", oder Theophanos Gesang„salsch Gemälde du", oder der nächtlich- rezitatioische Monolog und das heiter-befchwingte Schlußductt„nun lacht uns die'Sonne"— Stücke so sein durchdachten Gesangs und so einfach-grandioser Empsindung vergißt man nicht. Dos sind Perlen an einer musitantischen Kette, die nicht abreißt und nur Echtheit an Gesinnung und Leben zeigt. Die Bewegung für den Opernmann Händel hat einen Hagen als Fürsprecher und Musikbearbeiter. Ader sie hat— trotz aller Schönheit— ihren Haken. Händel hat im Oratorium mit Glück und letzter Genialität die Stagnatkvn der Dakapo-Arie verdrängt durch die Wucht und Dramatik der Chöre. Er hat au» dem lyrisch-reli- giösen Kunstgebiet ein Epos gemacht. In der Oper aber ist er um die Andeutungen des Theaterschwungs nicht hinweggekommen,. wenigstens nicht für uns, die wir am Musikdrama Wagner» geschult wurden. Das Theaterstück, das Drama wird kurz entfacht, aber es lodert nicht auf. Handlung wird verkündet, aber sie kommt dennoch nicht vom Fleck. Aufruhr in Natur, Elementen, Menschenseelen packt nicht mehr. Der Chor bleibt stummer Statist. Andacht und Bewunderung und Liebe haften am Ereignis des Gesangs, und das Theater als Stätte bewegter, unruhevoller Erlebnisse bleibt ruhig, gleichmäßig, unbetroffen. Es ist ein Drama in Zeitlupenaufnahme. und das trotz aller geschickten, energischen Striche. Dazu kommt das herrliche Gleichmaß des Orchestertlang», in dem die Bläsernüoncen fast völlig fehlen. Jedes Teilchen, goldhaltig, glänzt und wirkt. Der großen Summe von ruhig gehaltener, edelster Schönheit gegen- über tritt Müdigkeit ein. Kein Zufall, daß ein geschmackvolles Publikum, das zu bewundern schien, in echte Begeisterung erst gerät, als dos Vorspiel zum letzten Akt, ein dem Osncerti grossi ebenbürtiges Stück, erklang. Hier wollte man ein Dakapo. Zu Händel» Zeiten verlangte man es von den Sängern, die allerdings viel freier beterkigUng gefährlich und zweitens sind die internen Parteiversammlungen die. einzige Informationsquelle, um mehr zu erfahren, als in der parteiosfiziösen Presse mitgeteilt wird. Kein Mensch wagt aber in den Versammlungen aus- zutreten und etwa eine abweichende Meinung zu äußern. Das einzige Zufluchtsmittcl sind die sogenannten„Zettel", die nach alter bolschewistischer Sitte dem Referenten heraufgereicht werden. Abstimmung erfolgt nicht, denn alle sind immer einmütig für die „Einheit der Partei" und für die jedesmalige„leninistische Linie". Ein paar Leute treten auf, das sind diejenigen, die sich bei den Parteibehördcn beliebt machen wollen und die Hetzen dann in der gemeinsten Weise gegen jeden, der Mut gehabt hat, als Oppositioneller aufzutreten und der bei dem Kampf in den „höchsten Sphären"(ein typischer russischer Ausdruck aus der Zorenzeit) unterlegen ist. Das alles nennt man„Demokratie in der Partei". Und mit solcher Knechtungder Geister will man meinem Riesenland« wie Ruhland den Sozialismus aufrichten! Gelbe Aufregung. Hugenberg gegen Silverbcrg. In der gesamten Rechtspresie hat sich ein großes Lärmen ob der Rede des Industriellen Dr. S i l v e r b e r g auf der Tagung des Reichsoerbandes der deutschen Industrie erhoben. Zunächst war es eine Kakophonie von wilden Tönen der Aufregung und Entrüstung, jetzt ordnen sich allmählich die Stimmen, man könnte sogar sagen, eine gewisse Regie werde erkennbar. Allmählich fühlt die Presse der Rechten die Punkte der Siloerbergrede heraus, die für sie am schmerzlichsten sind. Sie darf es nicht zugeben, daß die Sozialdemokratie die Massenpartei der deutschen Arbeiterschaft ist! Darum läßt Hugenberg im„T a g" den deutschnationalen Reichstags- abgeordneten Lambach vom Deutschnationalen Handlungs» gehilfenverband gegen Silverberg schreiben, darum heißt es in den„Hamburger Nachrichten": „Entschiedenen Widerspruch ober fordert die Be- hauptung Dr. Silverberg;, die große Mehrheit der Ar- beiterschaft finde in der Sozialdemokratie ihre politische Vertretung. Im Gegenteil hat sich ein sehr er- heblicher Teil der deutschen Arbeiterschaft von der Sozialdemokratie abgewandt, darüber können W i n n i g s Schriften Herrn Dr. Silverberg aufklären. Die Sozialdemokratie ist«ine Klassenpartei, eine Art Islam, aber niemals die politische Ver- tretung der deutschen Arbeiterschaft, auch wenn es die sozialdemokratische Presse noch so lärmend und ungestüm be- hauptet. Jene Abkehr der Arbeiterschaft von der Sozialdemokratie, ihr erwachtes Geineinschafts- und Nationalgcfühl soll man fördern und hegen: aber ihr nicht die Sozialdemokratie noch besonders empfehlen." Das ist der Schmerzder Gelben: jene Gruppen und Grüppchen aus gelben, national maskierten Werk- vereinen, aus Renegaten des Sozialismus und Stipendiaten der Arbeitgebervereinigung werden allerdings rücksichtslos preisgegeben, wenn die Anschauungen der Silverbcrg-Rede bei den Industriellen Gemeingut werden. Wer wie Silver- berg offen mit der Arbeiterschaft reden und verhandeln will als anerkannte Macht zu anerkannter Macht, für den darf kein Raum mehr sein für die Methoden der Korrumpierung der Arbeiterschaft durch gelbe Werkoereine und durch die üblen Machenschaften, die in der Arbeitgebervereinigung vor einiger Zeit beliebt waren. Es ist daher nicht überraschend, daß eine Anschauung, die das Gift dieser Methoden aus den Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern entfernen will, sich den be- sonderen Haß Hugenbergs zugezogen hat. Wer in irgend- einer Beziehung für Reinlichkeit eintritt, muß damit rechnen. Mit Schmutzereien und Pöbeleien hat die Hugenbergpresie den Feldzug gegen Silverberg begonnen— man kann voraussehen, daß sie unter eigener oberster Regie ihres Besitzers ihn in entsprechender Tonart fortsetzen chird. mit Verzierungen, Ausdruck, Schmuck der Arien umgingen als unsere Sänger. Vielleicht agierten sie auch mehr, und der Chor be- wegte sich nicht so parzivalhaft stumm, als gälte es einer Trauer- kundgebung. Grete S t ü ck g o l d warf den ganzen Zauber ihrer Stimme und die Anmut eines gleichmäßigen Spiels in die Wogschole, G u t t m a n n den großen Zug seiner gebildeten Sprache. Beide kommen, wie Marie Schulz-Dornburg, vom Oratorium her, und alle drei manifestierten das im gesunden Stil ihres Singens. R ö d i n und D i t t e r konnten schon mehr Elan und Temperament zeigen, die B« r g l u n d blieb bloß. Interessierte sie ihre Rolle nicht sonderlich? Entschuldigung für alle, auch für nichtgepackte Zuhörer: das Haymsche Buch zergliedert eine dahinfliegende Kriegs- und Trugs- geschichte in kleinste Episoden, die ihren Zusammenhalt auch in der schönsten Musik nicht mehr wahren können. Es geht viel vor sich, ehe Otto seine Theophano krönt, ehe Adalbert, der Sohn Gismondas, seine falsche Otto-Maske ablegt, dem Kerker entflicht, Theophano als Beute mitnimmt, ehe der Seeräuber Emireuus sich märchenhaft als Bruder der Theophano entpuppt, ehe der König Gnade übt und ehe Friede auf den Brettern ist, die da die Welt bedeuten. Ein Drama von geringer Bewegung, ein Oratorium ohne Chor, ein Gleichmaß an würdiger Stimmung, ein theatralisches Still- stehen, aber eine herrliche, glückhafte, wunderooll-reflexive Musik- spräche. Es lebe das Oratorium Händels! Kurt Singer. Das neue Reims— die schönste Stadl Frankreichs. Der Wieder- aufbau des im Kriege zerstörten Reims ist jetzt vollendet, und französische Blätter feiern die neuerltandene Stand als die schönste Frankreichs. Reims hatte vor dem Kriege gegen 11000 Häuser, die zum allergrößten Teil beschädigt wurden. Aus den Ruinen ist nun ein ganz neues Reims entstanden, das fast 15 000 Wohnhäuser um- saßt. Sie sind alle mit dem neuesten Komfort eingerichtet und haben eine hohe künstlerische Schönheit. Es gibt keine Ladenfront in dem neuen Reims, die nicht aus Marmor bestände: die Hausflure selbst der kleinsten Häuser find mit Mosaik ausgelegt. Die Straßen sind breit und sauber. Die Hotels und Restaurants haben die besten Einrichtungen, die man in Frankreich findet. Die Läden sind mit besonderen Luxus ausgestattet. Besonders die Friseurgeschäfte über- raschen den Besucher durch die neuesten Anlagen, die es auf diesem Gebiet gibt. Bor dem Kriege hatte Reims eine Einwohnerschaft von 25 000 Seelen. Das neue Reims und seine Vorstädte gewähren 300 000 Menschen Unterkunst. Nur die Kathedrale ist bisher in ihrem beschädigten Zustand geblieben als ein Denkmal der Kriegs- schrecken, und es ist noch zweiselhaft, ob sie wiederhergestellt werden soll. Das Faschistenlied vor Gericht. Das faschistische Italien Hot ein schwerer Schlag getroffen. Ihr Heiligtum, ihre Sieg- und Triumphfanfare, die„Giovinezza", die Iatlien vom Nordrand der Alpen bis hinunter an die Südspitze Siziliens durchklingt, ist geklaut. Bis jetzt haben sie sie als eine Frucht des italienischen Geistes und der italienischen Seele gepriesen. Und nun muß gerade das, worauf sie ganz besonders stolz sind, das Lied der ewigen Jugend, ihre Der spaltende Dürgerblock. F» Sachsen wird der Jungdo gesprengt. Unter Führung des Meineids-Ehrhardt sucht man in Sachsen den Bürgerblock für die Landtagswahlen zusammen- zubrauen. Die„Wehrverbände", das heißt der Stahlhelm, die Wickingcr und die Wehrwölfe, schließlich auch die Vertreter des Iungdeutschen Ordens haben sich auf die bürgerlichen Parteien gc- stürzt, um sie zu einem Stahlhelmblcck zusammenzuschmieden. Das erste, was dabei erreicht wurde, ist die Sprengung des Jungdeutschen Ordens. Dessen„Hochmeister" Mahraun und..Hoch- kapitel" haben sich energisch gegen die Einmischung der Jungdeutschen in den„Parteiismus" gewandt und den sächsischen„Brüden," sozu- sagen verboten, den Sammelbrei mitzumachen. Daraus erklärte der .Großkomtur" Sachsens, von Tschammer und Osten, er spiele nicht mehr mit, wenn er nicht ein bißchen Bllrgerblock gegen die Sozialdemokratie machen könne, trat aus und verschwand. Jetzt folgt ihm die g a n z e„B a l l e i sächsische Lausitz" nach. Sic hat am Sonntag in Lübau diese Entschließung gefaßt: „Die heute in Lübau versammelten jungdeutschen Meister und Brüder als Vertreter der Ballei sächsische Lausitz haben mit tiefem Schmerze von dem Gegensatz zwischen der Leitung des Ordens und ihrem Führer in Sachsen Kenntnis genommen. Nach eingehender Aussprache ist vollige Ilebercinstimmung darüber erzielt worden, daß die von dem bisherigen Großkomtur von Sachsen eilige- schlagcne Politik, die sich allzeit jeder Einmischung in Parteipolitik ferngehalten hat, die e i n z i g mögliche für die nationale Ent- wicklung unseres Sachsenlandes gewesen ist. Sie danken ihrem bisherigen Führer für die opfervollc Arbeit, die er für die jung- deutsche Bewegung und für die«ammlung staatserhaltender Kräfte in Sachsen geleistet hat. Aus diesem Grunde sind sie nicht in der Lage, die Beschlüsse des hochkapilels vom 25. und 27. August d. 3. sowie des komturkapitels in Dresden vom Zl. Auqust 1926 anzuerkennen. Schweren Herzens hat sich deshalb die Ballei sächsische Lausitz entschlossen, eine Trennung von der Reichsleitung des jung- deulschen Ordens so lange vorzunehmen, bis in Berlin die Er- kenntnis durchgedrungen ist, daß das fortgesetzte Sturm- laufen gegen alle gesunde nationale Aufbau- arbeit anderer unendlich viel schadet und bis dadurch die Er- kenntnis sich ausgewirkt hat und er offen und willig sich in die große Front der nationalen Bewegung eingeordnet hat. Un- beschadet dessen werden die Brüder der Ballei sächsische Lausitz getreu ihrem Gelöbnis am iungdeutschen Gedanken weiter festhalten und i n sich brüderlich zusammenstehen, bis die von inhcn heiß ersehnte Stunde kommt, in der sie sich vertrauensvoll der Leitung des Iungdeutschen Ordens mit gutem Gewissen vor Gott und Vaterland wieder anschließen können." Der„tiefe Schmerz" und die„heiße Sehnsucht" sind nur nette Kulissen für die Tatsache, daß den„Meistern und Brüdern' der Kampfblock gegen die sozialistische Arbeiter- s ch a f t wichtiger ist, als alle Gelübde an die Mystik ihres Ordens! Die Blöckner haben inzwischen eine Sitzung nach der anderen, um die Einheitsfront gegen die Sozialdemokratie zustande zu bringen. Der Vertreter des Zentrums hat erNärt, er sei bereit, mitzuarbeiten, wenn sich alle bürgerlichen Parteien an den Antisoziolistenblock beteiligten. Der Zentrums-Landesvorstand hat diese Haltung gebilligt. Nun haben aber die Demokraten erklären lasten, daß sie mit Rücksicht auf das Verlangen von zwei Berufsverbänden, die ihr naheständen, gezwungen feien, aus den weiteren Blockverhandlungen auszuscheiden. Danach dürste auch die Voraussetzung des Zentrums weggefallen sein. Der Lürgerblock würde also den bisherigen Rechtsblock: Volks- partei und Deutschnationale umfassen, wozu noch die neuen„Ver- tieter der Wehroerbände" kommen. Die Industrie unterstützt den Antisozialistenblock nach Kräften. Was Silverberg in D r e s« den sagte, gilt für Sachsen natürlich nicht! Der 5. Znlernalionale Slraßenkongreß wurde in Mailand unter Teilnahme von 52 Vertretern von Staaten der ganzen Welt er- öffnet. Die Zahl der Konferenzteilnehmer beträgt 2000. Deutsch- land ist nicht vertreten, doch sind verschiedene freie Delegierte aus Deutschland erschienen. „Gionioczza", einen Wermutstropfen erhalten. Es ist gar keine italienische Melodie, sondern zur Hälfte eine deutsche! In Florenz streitet man sich vor den Gerichten hin und her, wer der Autor der Faschistenhymne sei. Auf der einen Seite steht der Komponist Giuseppe Blanc und behauptet, der Florentiner Manno Manni, der die Nutznießung des Liedes hat, habe die Hymne aus seiner Operette„Das Fest der Blumen" entnommen und ver- wertet. Dann hätten es die Soldaten im Kriege gesungen, und danach sei das Lied von den Faschisten zur offiziellen Hynzne erhoben worden. Einmal wurde Herr Manni bereits von einem floren- tinischen Gericht wegen geistigen Diebstahls verurteilt, aber das Appellationsgericht sprach Manni frei mit der Begründung, daß seine Ijandlimg kein Verbrechen darstclle. Kein Wunder: das florentinischc Appellationsgericht wird sich hüten, zu sagen, dieses Plagiai fei ein Verbrechen, da Herr Manni den Nachweis erbrachte, der Komponist Blanc hätte die Haupt- melodie aus einem schönen deutsch-schweizerischen Volkslied„Die Mädchen von Emmcnthal" gestohlen. Die Mädchen von Eminenthol werden sich freuen, daß sie so populär geworden sind. Aber wie wäre es, wenn die nun wiederum Klage gegen Herrn Blanc und die Faschistenverbände wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen erheben würden. Sei es, wie es sei: blamabel ist die Sache, und für die Faschisten wäre es höchste Eile, ihre„Giovinezza" zu ent- thronen, da sie übermäßig viel deutsches Blut in ihren musikalischen Adern hat. Schck. Eine deutsche kunslstislung für den Völkerbund. Die Reichs- regierung hat für das Internationale Arbeitsamt des Völkerbundes in Genf drei große Glasfcnster gestiftet. Sie sind von Max Pech- stein entworfen, von Puhl und Wagner, Gottsried Heinersdorfs in Berlin-Treptow ausgeführt worden. Die drei Fenster stellen die Arbeit dar: in bewegten Arbeitsgruppen aus Industrie, Handel und Landwirtschaft. Sie werden zurzeit in Genf eingesetzt und werden dort ein würdiges Zeugnis ablegen für den Stand der deutschen Kunst und des deutschen Handwerks. vi« vildnisausslellung der.vculschen kuasigemelnichast- im Ichloh wird am Donnerstag, den 9. September, S Uhr nachmittags eröffnet. ver v»Ik»chor Königsberg gibt am Sonnabend In der»Neuen Welt', 7Y, Uhr, ein Gastkonzert. Bei der BegrüiuingSseler wirken die gemischten Chöre„Gr. Berlin" und„GeiangSgemeinschait Rosebery d'ilrguto", sowie der»Friedrich Hegarchor- alS Männerchor mit. Sine hisiorbche Ausslevung in Dresden. Vom 7. bi» 10. September veranilaitet das sächsische StoalSarchia in DreSden-Neuliadt eine A u S- st e 1 1 ii n g zur Geschichte de» Drcitziasährigen Kriege«. Die Ausstellung wird grotze und einzigartige, bisher unbekannte historische Schätze zeigen. ver Geburten ilberschoh im veulschen Reiche betrug nach einer Meldung der.Deutschen Medizinischen Wochenschrist' im Jabre 1925 516 426 gegenüber 508 878 im Vorjahr. Tie Ziffer beläuit sich aus 8,7 vro 1000 der Bevölkerung gegen 8,2 1924. Den höchsten UeberschuB hatten Oberjchlesien, Vestfalen. Oldenburg und Ostpreußen, den niedrigsten Hamburg mit 3,8 und Berlin mit 0,3. .va« Leben der heiligen Zohanna' von Anatole Franc- ist von Friederike Maria Zweig sür die deutsche Ausgabe bearbeitet und übersetzt worden. Da» Werk wird vom I. M. Spaeth-Verlag In Berlin in diesen Tagen herausgebracht. Unter dem verdacht ü> Tie Polizei glaubt die Di« hannoversch« Kriminalpolizei hat mit Unterstützung eines Berliner Beamten sich endlich Mühe gegeben, das Dunkel zu lüften, das sich bisher über die furchtbare Eisenbahnkatastrophe von Leiferde breitete. Wie«in« polizeioffiziös bedient« Berliner Korrespondenz jetzt zu melden weiß, ist es den Beamten ge- lungsn, zwei Leute zu ermitteln, die angeblich als Täter in Frag« kommen sollen. Der genannten Korrespondenz entnehmen wir folgendes: Es wurde ein Mann ermittelt, dem gegenüber der am 22. Januar 1904 in Schötmar geboren« Mechaniker Willy Weber am Grab« seines Vaters gestanden hatte, daß er bei dem Altentat beteiligt gewesen sei. Weber hatte sich mit einem Freunde kurze Zeit in Hannover aufgehalten, war aber verschwunden, als die Kriminalpolizei ihn festnehmen wollte. Er mußte erfahren hoben, daß man ihm auf der Spur war. Es wurde nun festgestellt, daß er und sein Freund in der Herberge verschiedentlich geäußert hatten, daß sie noch Berlin wollten. Ferner, daß sie frühmorgens mit einem Zug« aus Hannover abgefahren waren. In Berlin wurde ermittelt, daß Weber und sein Begleiter, der an, 6. Januar 1905 in Stuttgart geboren« Musiklehrer Otto Schlesinger in der Liste der A s y l g ä st e standen, die am 6. September, also gestern, einge- kehrt waren. Unter Zuziehung mehrerer Beamter wurden alle Säle des Obdaches durchsucht, die beiden Wanderer, Weber und Schlesinger, zunächst aber nicht gefunden. Erst später bei einer Einzelprüfung aller Personen fand man zwei junge Männer heraus, die nach der Beschreibung die Gesuchten sein mußten. Sie waren es denn auch. Beide wurden nach dem Polizeipräsidium gebracht und sofort einem kurzen Verhör unterzogen. Sie gaben zu, in der kritischen Zeit in der Gegend gewesen zu sein, leugneten aber beide jede Teilnahme an dem ungeheuerlichen Verbrechen. Mit der ein- dringlichen Ermahnung, sich während der Nacht zu besinnen, wurden sie endlich in den Gewahrsam abgeführt.— heut« früh meldete sich nun Schlesinger freiwillig mit dem Begehren, aus dem Gefängnis den Kommissaren vorgeführt zu werden, um ein Geständnis abzulegen. Schlesinger,«in mitlelgroher, verhältnismäßig gut ge- kleideter Mann mit Künstlerlocken, gab zunächst kurz folgendes an: In Regland bei Obersdorf im Allgäu war er bis zum Juni d. I. in einer Familie Hauslehrer. Nachdem er durch Verleumdungen und Jntrig-uen diese Stellung oerloren hatte, verschenkte er sein ganzes Hab und Gut und ging auf die Wanderschaft, mn über die Schweiz »ach Spanien zu gelangen. Dorthin zog es ihn besonders, weil er sich auch mit Malerei beschäftigt. Etwa am 5. Juni lernt« er im Asyl zu Friedrichshasen Willy Weber kennen. Mit diesem durchwandert« er, nachdem er aus der Schwei., ausgewiesen worden war. Deutschland. Di« beiden kamen zeitweilig auch auseinander uird trafen sich etwa am 20. Juni in Karlsruhe wieder. Weiterwandernd kamen sie inehr und mehr herunier und verfielen auf den Gedanken, durch irgend eine Gewalttat sich Geld zu ver- schaffen. So dachten sie daran, auf den Chausseen Autos anzuhalten und die Insassen zu berauben. Ob sie Pläne dieser Art auch aus- geführt haben oder nicht, werden erst die weiteren Verhöre und Cr- mittlungen zeigen. An der Eisenbahn entlanggehend, fanden die Wanderburschen in der Nähe des Tatortes bei Leiferde einen Schlüssel, wie ihn die Eisenbahnarbeiter gebrauchen. Einen zweiten Schlüssel stahlen sie aus einer Wärterbude. Soweit die Meldungen über die ersten Aussagen Schlesingers. Wie wir in Ergänzung des amtlichen Berichts des Berliner. Polizeipräsidiums erfahren, hat die Vernehmung Webers noch zu keinem Ergebnis geführt, da dieser auf das entschiedenste behauptet, bei der Ausführung des Attentats unbeteiligt gewesen zu sein. Er gibt allerdings zu, in Gemeinschaft mit Schlesinger gewandert :s Cisenbahnattentats. Täter gefaxt zu haben. und verschiedentlich auf den Feldern übernachtet zu haben. Wöhrend dieser Wanderschaft seien beide sehr heruntergekommen und hätten oft nichts anderes als Feldfrüchtc zu essen gehabt. Schlesinger da- gegen hält sein Geständnis aufrecht und gibt an. daß beide nach der Ausführung des Attentats von der Unglücksstätte geflohen seien. Ihm sei bei der Ausführung des Anschlags auf den O-Zug nicht der Gedanke gekommen, daß dadurch Menschenleben gefährdet werden könnten. Wie Eifenbahnunfälle entstehen können. Man schreibt uns: Wiederholt führte mich in den letzten Tagen mein Weg auf der Bahn von Görlitz nach Kohlfurt— L i e g n i tz. Die zweite Station hinter Görlitz ist der kleine Ort Hennersdorf. Bei meiner Durchfahrt sah ich, daß Streckenarbeiter mit dem Aus- wechseln der eisernen Schwellen beschäftigt waren. Was sich dort meinen Augen bot, bewog mich am anderen Tage in Hennersdorf die Fahrt zu unterbrechen und mich durch Augenschein von jenen Arbeiten zu überzeugen. Ich bin nicht Fachmann, doch der allein müßte hier die uner- härteste Schlamperei feststellen. Es zeigte sich, mit welcher un- geheuren Leichtfertigkeit man Leben und Gesundheit des reisenden Publikums behandelt. Die ausgewechselten eis ernen Schwellen waren in einem unbeschreiblichen Zu- st a n d e. Entweder waren die Köpfe vollständig abgebrochen, oder an de» Verschraubungslöchern durch den Rost vollständig durch- fressen, lieberall aber zeigte es sich an den veralteten und verrosteten Bruchstellen, daß die Schwellen seit Jahren in diesem unerhörten Zustande die größten Belastungen aushalten mußten. Bei einer Strecke von 185 Metern zählte ich 0 4 a n g e- b r o ch e n e und zerbrochene Stellen. An einer Stelle waren 14 Schwellen hintereinander aufs schwerste lädiert. Es ist also als ein wahres Glück zu betrachten, daß hier nicht einer der täglich verkehrenden Schnellzüge die Schienen auseinanderriß und somit ein unermeßliches Unglück geschehen wäre. Das Auswechseln der zerbrochenen Schwellen zieht sich dadurch unnötig in die Länge, da nicht genügend Schwellen vorhanden sind, auch nicht mit der erforderlichen Schnelligkeit hingeschafft.werden. Es scheint fcstzu- stehen, daß die untergeordneten Behörden, als sie den Schaden ent- deckt hatten, ihre Pflicht getan haben,»in schleunigst für Abhilfe zu sorgen. Die Schlamperei liegt an den höheren Stellen: der Bureau- kratismus feiert seinen Triumps. Ehe die Bestellungen der unter- geordneten Behörden bei den entscheidenden Stellen angelangt sind, vergeht eine geraume Zeit. Der berühmte Amtsschimmel bekommt Moos auf den Buckel, che die Sache ihre Erledigung gefunden hat. Man fragt sich, welches Unheil konnte hier entstehen. Kommt es dann zu einem größeren Unglück, wie in den letzten Zeiten, dann wird der sogenannte Attentäter gesucht. Kein Mensch im Publikum glaubt auch bei dem letzten Unfall an ein Attentat. Man geht so- gar soweit, abgebaute Eisenbahner solcher unerhörten Verbrechen zu beschuldigen. Man würde die Sache viel leichter haben, wenn man die Täter in den verantwortl ich e n Stellen suchen würde, die für diese Schlamperei verantwortlich gemacht werden mülsen Es zeigt sich auch in diesem Falle, daß der unerhörte und über- triebcnc Abbau solche Zustände mit verschuldet hat. Der unzu- reichende Bestad des Personals reicht nicht mehr aus, um ord- nungsgeniäß die Strecken zu untersuchen und rechtzeitig für Abhilfe sorgen zu können. Wüßte das reisende Publikuin immer, wie völlig unzureichend die Reichseisenbahn das Leben des reisende» Publi- kums sichert, dann wäre der Sturm gegen solche Leichtfertigkeit noch viel größer, alz es zurzeit schon der Fall ist. Die fragen ües Rechts. Zwei Juristentagungen. HK. Köln. 6. September.(Eigener Bericht.) Im Lauf« dieser und der kommenden Woche finden in Bonn und in Köln zwei Iuristentagungen statt, die in doppelter Hinsicht auch für weit« Kreise der Arbeiterschaft von großem Interesse sein dürften: einmal durch die Fragen, die zur Beratung stehen: zum anderen durch die voraussichtliche aktivere Beteiligung sozialdemokratischer Juristen an diesen Beratungen. Wie bereits berichtet, werden die parteigenösiischen Juristen am Sonntag in Köln zu einer Kons«. renz zusammentreten. An der zwanglosen Aussprache über die schwebenden Fragen der Justiz und Gesetzgebung werden u. o. auch die Genossen Prof. R a d b r u ch und Prof. Sinzheim er teil- nehmen, die als Referenten auf dem in Köln vom 12. bis 15. Sep. tember stattfindenden deutschen Iuristentag vorgemerkt sind. Der erstere wird über die so wichtige Frage der strafrechtlichen„Ein- schließung"' sprechen, die nach dem Entwurf zum neuen deutschen Staatsgesetzbuche an Stelle von Gefängnis und Zuchthaus in all den Fällen treten soll, wenn„der Täter sich zur Tot auf Grund seiner sittlichen, religiösen oder politischen Ueberzcugung für ver- pflichtet hielt�, Pros. Sinzheimer über die„Hastung der Gewerk- schasten". Im Programm des Iuristentages lautet die Fragestellung zum letzten Punkte folgendermaßen:„Inwieweit haftet ein Be- rufsverein der Arbeitgeber oder Arbeitnehmer für unzulässige Kampfhandlungen, und welche Aenderung des deutschen Rechte» sind hier, zugleich unter Beobachtung ausländischer Vorbilder, cmp- fehlenswert?" Daß dieses Problem für die Gewerkschaften von größter Bedeutung ist, versteht sich ja von selbst. Neben diesen beiden Verhandlungsgegenständen des Juristen- tages sind noch besonders drei weitere zu nennen: das straf- rechtliche Problem über den gegenwärtigen Stand und die Aus- gestaltung des Auslieferungsrechts und zwei öffentlich- rechtliche Probleme. Das erste behandest die aktuelle Frage der par- lamentarischen Untersuchungsausschüsse und lautet in der Frage- stellung des Juristentages:„Empfiehlt sich ein« Abänderung der Be- stimmungen über parlamentarische Untersuchungsausschüsse, um den ungestörten Berlauf des Strafverfahrens und die Unabhängigkeit des Richtertums sicherzustellen?" Das zweite Thema bezieht sich auf die Zuständigkeit des Staatsgerichtshofes bei Verfassungsstreitig- keilen. Es ist anzunehmen, daß beide Fragen eine äußerst rege Diskussion hervorrufen werden, in der die sozialdemokratischen Juristen ein Wort mitzureden haben werden. In Bonn findet vorher die Tagung der deutschen Lande?- gruppe der Internationalen Kriminal! st ischen Bcreini- g u n g statt. Al» erster Verhandlungsgcgenstand steht auf der Tagesordnung die Frage des„richterlichen Ermessens" nach dem amtlichen Entwurf eines allgemeinen deutschen Strafgesetz. buches. Bon nicht geringerer Bedeutung ist bei der Flut der Be- lcidigungs- und Preßprozesie der zweite Punkt der Tagesordnung: „Wahrheitsbeweis und Wahrung berechtigter Inter- essen nach dem amtlichen Entwurf eines allgemeinen Strafgesetz- buches." Schließlich wird Dr. med. Hübner in einem öffentlichen Bortrage über das Problem der Sterilisierung Geisteskranker und Krimineller sprechen. Besonders zu erwähnen wäre noch, daß die Teilnahme der österreichischen Genosien an der Konferenz der sozialdemokratischen Juristen in Köln Gelegenheit bieten wird, die Schaffung eines all- gemeinen Strafgesetzbuches für beide Länder zu erörtern, und daß Fachgenossen, die an der Arbeit der strafrechtlichen Sektion de? Vereinigung sozialdemokratischer Juristen teilnehmen, eine Sonder- konferenz abzuhalten beabsichtigen. Besprechung deutscher und österreichischer Sozial- demokraten. Am 3. September fand in Wien eine Besprechung von Ver- tretern der sozialdemokratischen Parka mentsfrak- tioncn Deutschlands und Oesterreichs über den für beide Länder geplanten Strafgesetze ntwurf statt. Das neue Strafgesetz soll sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich gelten. Die Rcchtsangleichung beider Länder soll auf dem Gebiet des Strafrcchts betont werden. An der Besprechung, welche die beiden Parlamentsfraktionen zwecks gegenseitiger Fühlungnahme über die Stellung zum neuen Srafgesetz oeranstalteten, nahmen teil: Genosse Otto Bauer vom österreichischen Parteioorstand, die Genossen Landsberg und R o s e n f e l d für die deutsche Rcichstagsfraktion und die Genossen Renner, Austerlitz, Eisler und S ch ä r s für die öfter- reichische Nationalratsfraktion. Die Aussprache ergab eine einmütige Beurteilung des Strasgesetzentwurfes und völlige U e b e r e i n- st i m m u n g in der Kritik seiner Mängel, so daß schon jetzt sicher ist, daß die sozialdemokratischen Parlamentsfraktionen Oesterreichs und Deutschlands bei den parlamentarischen Beratungen des künftigen Strafrechts in voll st er llebercinstimmung handeln werden. Es wurde in Aussicht genommen, zu einem geeigneten späteren Zeitpunkt eine noch eingehendere Spezialberatung des ganzen Gesetzentwurfs stattsinden zu lassen. Stahlhelm-Nationalhelöen. Anständige Leute rücken ab. Papenburg. 7. September 1926.(Eigener Bericht.) Die hiesige „Stahlhelm"- Ortsgruppe erläßt soeben in der hiesigen Tages- presse einer Erklärung, in welcher sie von der Wochenzeitschrift „Die Standarte" wegen eines in diesem Blatt veröffentlichten Artikels, in welchem die politischen Mörder eines Rathenau. Erz- bergers u. a. als N a t i o n a l h e l d e n verherrlicht werden, a b- rückt. Auch das Verhalten des Bundesorgans«Der Stahlhelm" wird in der vorerwähnten Erklärung scharf kritisiert. Die hiesige Ortsgruppe des Stahlhelm lehnt die Verantwortung für den bekannten Artikel„Der Ungeist von Weimar", der nach Form und Inhalt bercchtigterweise unliebsames Auf- sehen erregt habe, ab. Es wird in der Kundgebung am Schluß noch zum Ausdruck gebracht, daß der Stahlhelm seine Ziele nur auf gesetzlich em Wege zu erreichen suche. Diese Verlaut- barung ist jedenfalls sehr beachtenswert. Vielleicht ist in dem Der- halten der Stahlhelmleitung auch die Ursache dafür zu finden, daß eine prominente Persönlichkeit dieser Organisation den Rücken ge- kehrt hat. Tie Beschlagnahme des„JnngstahlhelmS" aufgehoben. Wie der„Stahlhelm"-Derlag mitteilt, hat das Magdeburger Amtsgericht die Beschlagnahme des„Jungstahlhelms" aufgehoben. Auch di« Beschlagnahme der„Elbwacht" ist aufgehoben worden. Das Verbot der genannten Blätter bleibt bestehen. polnlsch-marekkanlscher Arbeiterkampf. In Marseille sind bei einem Kampfe zwischen etwa 50 volnischen und marokkanischen Ar- beitern Rcoolverschüsse und Messerstiche ausgetauscht worden. Zwei Beteiligte wurden.lebensgefährlich verletzt. Mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen. 5ür unsere herbst-Jugenöweihen im Großen Schauspielhaus am 12., 19. und 26. September sind Gastkarten zum Preise von 1 M. in folgenden Verkaufsstellen er- hältlich: Fiir Berlin OSroß« Zchoiitviclhnurt: Iugendsckretariat«roii-Bkrlm, Lindcnftr. 3, 2. fiot, 2 Treprcn(Rirnmer 11),«cöffnct»on 9 Bis 4 Uhr. Mitt. woihs und glrilaas von 9 Bis 7 Uhr. 6. Jolrvh. Z!D. 21, Wilhclmshavcnrr eiraftc 48(Spedition); A. Sänifi), ZI. 65, Mitllrr-, Ecke Utrechirr Straße (Spedition): P. Kroll. R 65, Utrrchtrr Str. 21(Reftaurant); Hoifmann. N 53. Lochen er Str. 3(Zirstaurant): P. DoBrohIaw, 9197. Swinrmiindrr Str. 11 (Aeitanrant): 6. Obst, 9! 39, Ackeritr. 174(Spedition); S. Seeth, 91113. Steifen- haarner Str. 22(Spcdirion); fl. Andersson, 91 31, Strvlsunder Str. 19; Fischer, 9120. Bastianstr. 7j W Silbe, 91018. LondsBerger Ällee 45, 1 Tr.; ZZ. Döl». 910 55, ImmanuelNra,!,«. 24(Spedition); Arndt, 0 17, Martusstr. 86(Spedition); M. Wartmann. 0 84, Konizsderaer Str. 37(Laden); L. Wittschuß. 0 84, PeteraBurger Str. 5<9>estaurant!; K. Melle, 0 84. Petersdurger Blaß 4(Spe- dilion); P. Lire. SO 26. 91annnnslr. 9(91estaurant); I Belke. SO 36, Slogauer Straße 80, p. 4 Tr.; Böhm, SO 36, Lausißer Bloß 14:15(Spedition); W. Sollas, Baumtchnlenwea. Schraderstr. 16. 8 Tr.: sitz des Ministers Churchill, und Vertretern der Bergwerks- besitzcr, wurden mit einer langen Erklärung Churchills eröffnet, der es beklagte, daß die Bergwerksbesitzer die Verhandlungen über einen Reichstarif abgebrochen hätten, ohne der Regierung Mitte!- lung zu machen. Dadurch fei eine neue Verwicklung in der ganzen Angelegenheit entstanden. Der Minister sagte, wenn die Regierung gewuht hätte, daß die Bergwerksbesitzer diese neu« Verwicklung herausbeschwören würden, so hätte sie niemals das Acht- stundengesetz eingebracht, welches das frühere Gesetz über den Siebenstundentag im Bergbau außer Kraft setze. Churchill fuhr fort, er wisse nicht, wie weit die Bergleute zu Zugeständnissen bereit seien, um ein Abkommen zu erzielen, aber er sei ehrlich davon überzeugt, daß der Bergarbeiteroerband zu einer endgültigen Sinnesänderung gelangt sei und aufrichtig wünsche, ein friedliche» Abkommen von Dauer abzuschließen. Der Vorsitzende des Verbandes der Bergwerksbesitzer, W i l- li a m s, trat dem Vorwurf Churchills, die Grubenbesitzer hätten einen Treubruch der Regierung gegenüber begangen, nachdrück- lich entgegen und betonte, die Grubenbesitzer hätten mit Kennt- nis der Regierung das System distriktswciser Verhandlungen ausgenommen, das von selbst die Politik nationaler Verhandlungen ersetze. Die Regierungsoertreter hoben die Bereitschaft der Bergleute her- vor, über distriktsweise Regelung auf der Grundlage eines natio- nalen Abkommens zu oerhandeln, und ersuchten die Grubenbesitzer dringend, wenigstens einer Erörterung der ganzen Frage zuzu- stimmen. Churchill wies die Grubenbesitzer warnend darauf hin, daß, falls sie auf ihrer Ablehnung von Verhandlungen beständen, die Regierung auf eigene Hand ohne sie werde vorgehen müssen. Schließlich willigte der Sprecher der Grubenbesitzer ein, der Versammlung der Distriktsvertreter über die heutige Konferenz morgen Bericht zu erstatten, erklärte aber dabei, daß er auf keine günstige Antwort rechnen könne. London, 7. September.(EP.) Man nimmt an, daß die Gruben- besitzer weiterhin bartnäckig auf ihrem Standpunkt verharren werden, mit den Bergarbeitern lediglich auf der Basis von b e- z i r k s w e i s e n Abkommen zu verbandeln. Die Presse nimmt eine ziemlich scharfe Haltung gegen die Grubenbesitzer ein. Sie erinnert daran, daß diese neun Monate lang durch die Regierung unterstützt wurden, und daß sie nun die Verpflichtung bätten, dem Wunsche der Regierung nachzugeben. Die Vertreter der Bergarbeiter von Lanca- s'üre und anderen Bezirken Halen es abgelehnt, mit den Grubenbesitzern in bezirksweisen Verhandlungen einzutreten. Die größte Serufsinternatlonale. Die ZTJ. lg24/1g2S. Di« Internationale Transportarbeiter-Föderation ist nicht nur die größte, sie ist auch die bedeutendste internationale Berufsorga- nisation. Ei« ist sozusagen auch die internationalste Internationale, lie ist international von Berufs wegen. Der Eisenbahn-, Schiffs-. Auto- und Flugverkehr kann heute nicht anders als international scin. Von einer erfreulichen inneren Entwicklung zeugt der Tätig- k e i t s- und Kassenbericht, den das Sekretariat der ITF. dem im September in Paris stattfindenden I n t e r n a t i o- nalen Transportarbeiterkongreß unterbreitet. Ins- gesamt waren der ITF. am 1. Januar 1926 83 Organisationen mit 2 140 123 Mitgliedern angeschlossen gegenüber 72 Organisationen mit 1 938 617 Mitgliedern am 1. Januar 1923 und 36 Organisationen mit 2 035 938 Mitgliedern am I.Januar 1924. Besondere Beachtung beansprucht die starke Vermehrung der angeschlossenen Organisationen. In den beiden Berichtsjahren allein sind neun Länder neu hinzugekommen, so daß die ITF. nunmcbr in 33 Ländern Mitglieder besitzt. Soweit Europa in Betracht kommt, sind die freien Transport- und Verkehrsgewerkschaflen ziem- lich lückenlos in der ITF. vereint. Mangelhaft sind dagegen noch die Verbindungen mit der überseeischen Gewerkschastsbewe- gung. Immerhin konnte die ITF. auch in dieser Hinsicht bemer- kenswerte Fortschritte machen, da sich in der Berichtszeit Organisa- tionen aus Australien, Brasilien, Britisch-Indien, Niederländisch- Indien und Teneriffa angeschlossen haben. Darüber hinaus haben sich die schriftlichen Beziehungen mit einer Reihe anderer über- seeischer Organisationen(namentlich in den Vereinigten Staaten und in Australien) weiter verdichtet, so daß wohl in absehbarer Zeit mit weiteren wichtigen Anschlüssen gerechnet werden darf. Auf die verschiedenen Sektionen verteilte sich die Mitgliedschaft am 1. Januar 1926 wie folgt: Eisenbahner 1298 131 Mitglieder, Transportarbeiter 731090 Mitglieder, Seeleute 110 882 Mitglieder. Innerhalb der Transportarbeitersektion war die Verteilung der Mit- glieder am 1. Januar 1926 wie folgt: Hafenarbeiter 198 727, Straßen- und Kleinbahner 147 713, Kraftfahrer 41 626, Binnenschiffer 26 970, Kutscher und Fuhrleute 93 773, Speicherei- und Lagerhaus- arbeiter 16 029, Luftfahrtpersonal 337, sonstige 203 873. Für die beiden anderen Sektionen waren die Angaben der Organisationen nicht hinreichend, um einen Einblick in die innere Gliederung zu vermitteln. Mit der Zunahme der Mitgliederorganisationen ging eine Zu- nähme der Setretariatsgeschäfte einher. Einen großen Ra�m nahm hierbei die publizistische Tätigkeit ein. Das„Mitteilungsblatt� wurde weiter ausgebaut und erscheint ab 1. Januar 1926 außer in der deutschen, englischen und französischen, auch in der schwedischen Sprache. Der Umfang wurde vom gleichen Zeitpunkt an von 12 auf 16 Seiten erweitert. Oester als früher wurde in den Berichtsjahren bei Ausbruch von Konflikten an die Hilfe des Sekretariats appelliert. Bald handelte es sich um die Boykottierung von Schiffen, bald um die Verhinderung von gewissen Transporten, bald wurde finanzielle, bald moralische Unterstützung erbeten. Besonders wertvolle praktische Unterstützung konnte bei dem Großkamps der dänischen Arbeiterschaft im Frühjahr 1925 oerliehen werden. Der Kassenbericht zeigt eine Einnahme aus Mitgliederbeiträgen in Höhe von 99 438.81 Gulden für 1924, und in Höhe von 109 398,55 Gulden für 1925. Während das Jahr 1924 mit einem Verlustsaldo von rund 2000 Gulden abschloß, weist der Kassen. bericht für 1923 einen Gewinnsaldo in Höhe von rund 8400 Gulden auf. Ein praktisches Lehrbuch für Kommunißen. Die Methode des Illaulaufreihens. Wer kennt sie nicht, die Zwischenruser von Beruf, die in den Gewerkschaftsversammlungen die„Opposition" markieren. Ihre Un- wissenheit ist ebenso groß wie ihre Anmaßung, und ihre schlechten Manieren sollen als„revolutionäre" Gesinnung gelten. Da ist es nun interessant, nach der„Prawda" einen bolschewistischen Leit- faden zu zitieren, betitelt„Die Redekunst, praktisches Lehrbuch für die Jugend", der bereits in der 3. Auflage erschienen ist. Die „Prawda" zitiert daraus folgende Sätze: „Die Annahme ist durchaus irrig, daß die Bescheiden- h e i t des Redners einen vorteilhaften Eindruck auf die Hörer ausübt. Diese süßliche, spießerhafte Tugend. h a f t i g k e i t ist zu o e r w e r f e n. Bescheidenheit wirkt angenehm bei einer hervorragenden, chereits allgemein bekannten Persönlichkeit. Bei solchen Leuten wirkt unnahbares und überhebliches Wesen un- angenehm. Wenn ihr jedoch nur Anfänger seid, so müßt ihr vom ersten Augenblick an bestrebt sein, die Aufmerksamkeit aus sich zu lenken. Nehmt auf der Versammlung einen günstigen Platz ein, macht euch in auffallender Weise Notizen, macht m i t lauter Stimme Bemerkungen bei der Wahl des Vor- sitzenden, verlangt das Wort zur Geschäftsord- n u n g usw. Noch ehe ihr zum Wort kommt, wird die Versamm- lung euch kennen und den Eindruck gewinnen, daß ihr über der Masse st e h t, daß ihr von besonderem Schlage seid. Wenn ihr das Wort ergreift, wird das Interesse für euch bereits geweckt sein: Interessant, was er sagen wird? Man wird euch aufmerksam anhören...." Dieses bolschewistische Lehrbuch des Rllpeltums ist zwar für die russische Jugend geschrieben worden, es scheint aber auch in Deutschland als Handbuch für die„Opposition" beliebt zu sein. Freilich finden die Moskauer Diktatoren ein Haar in der Suppe. Eine solche Ungeniertheit unwissender Maulaufreißer macht sich gut als„Opposition" in den verfluchten Amsterdamer Gewerk- schasten. Aber lin Rußland? Die„Prawda" knöpft sich also diese Rüpel vor und sie zitiert B u ch a r i n, der auf dem letzten Kongreß des kommunistischen Iugendverbandes vor den neuen„Typen" warnte, die sich in der Bewegung immer mehr breitmachen:„Nach außen hin klappt alles: Aktenmappe, Abzeichen und ähnliche Attribute der kommunistischen Tugendhaftigkeit— in Wirtlichkeit jedoch entwickelt sich hier e i n richtiges Gesindel." Das Urteil ist streng, was sich daraus erklärt, daß Bucharin nicht liebt, wenn die bolschewistischen Rüpel ihm übers Maul fahren. Man kann hier nur an das bekannte Sprichwort erinnern: Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen. Ein Notschrei aus Jrlanö. Aus Irland erhalten wir folgende Zuschrift: Mit einen, Notschrei treten wir deutschen Facharbeiter hier bei der Siemens-Bau-Union in Irland an euch. Wir können das S k l a v e n j o ch, die Schundbehandlung, die uns hier von feiten der Siemensschen Bauleitung zuteil wird, fast nicht mehr ertragen. Ein Leben als ärgster Verbrecher in der Fremdenlegion kann nie schlimmer gewesen sein. Wir sind hier ungefähr dreihundert deutsche Facharbeiter, Meister und Erdschachtmeister einbegriffen. Die ersteren wurden an- geworben von der Siemens-Bau-Union in Berlin voriges Jahr im September, also vor einem Jahre, unter allerhand falschen Vor- spicgelungen. Aon diesen dreihundert sind aber gut schon zweihundert wieder ausgewechselt und durch andere Slaven aus Deutschland ersetzt. Diese Kollegen sind zum Teil auf schikanöse Weise von der Bauleitung fortgejagt, oder sie haben diese Tyrannei nicht mehr ertragen können und sind gegangen, haben aber zur Heimreise die Hilfe vom Konsul einholen müssen. Alles Versprechen von feiten des Stammhauses in Berlin, daß wir viel Geld verdienen, gute Unterkunft und Verpflegung haben würden, alles das war bis jetzt für jeden deutschen Bruder hier die ärgste Enttäschung. Am allerörgsten ist es den armen Deutschen gegangen, die gleich ihre Familie mit herüber genommen haben und dann fortgejagt wurden. Hilflos, ohne«achen, ohne Geld. Solche Dinge bringt ein Kulturstaat im Auslande fertig! Das Hauptprinzip der Bau-Union ist, die Leute in Berlin für billiges Geld unter Vereinbarung von niederer Arbeitsleistung anzu- werben, in Irland werden sie dann aus Grund ihrer früheren Zeug- nisse und Leistungen zu den verantwortungsvollsten Arbeiten heran- gezogen. Zum Beispiel, ich bin angenommen in Berlin als Lok- Heizer und Reparaturschlosser für Lokomotiven. Kein Gedanke daran hier in Irland. Zuerst Montagearbeiter, allerhand Maschinen und dergleichen aufstellen, dann Lokführer, Maschinist auf See- rammen, Pumpenaulagen, Kompressoren usw. Aber mehr Geld, kein Gedanke! 90 Mark die Woche. Dann habe ich meine Familie in Berlin. Hier muß ich meinen Unterhalt immer teuer bestreiten. Es bleibt mir gar nichts. So die Zuschrift. Wir hatten seinerzeit wiederholt vor Arbeits- annahm« bei der Siemens-Bau-Union in Irland gewarnt. Auch die Gewerkschaften haben ihre Mitglieder gewarnt. Es ist bedauer- lich, wenn die Mitglieder die Warnungen der Gewerkschaften m den Wind schlagen. Wir veröffentlichen die Zuschrift, um nochmals vor der Arbcitsannahme bei der Siemens-Bau-Union in Irland zu warnen. Worte und Taten. Prag, 6. September.(Eigener Drahtbericht.) Die Kommunisten führen ähnlich wie in anderen Ländern so auch in der Tschechoslowakei eine gewissenlose und laute Propaganda mit den angeblichen Streik- brecherdiensten der Amsterdamer Gewerkschaften gegenüber den eng- lischen Bergarbeitern. In dem Elbehafen Aussig wird seit Wochen ungewöhnlich viel Kohle oerladen. Die Kommunisten behaupteten, es handele sich hier um Streikbrecherkohle, die in den sozialdemokrati- schen Brauntohlenrevieren gefördert wird. Eine genaue Revision, die von der Union der Bergarbeiter durchgeführt wurde, hat er- geben, daß die aus den sozialdemokratischen Revieren stammende Braunkohle nach Mitteldeutschland geht, das gleiche Mengen Kohl« feit Iahren bezieht. Die Steinkohl« ist nach Hamburg deklariert und dürfte zum Teil nach England gehen. Sie stammt aber zum größten Teil aus dem kommunistischen Revier von Kladno. VirtsiHolst Steuergerechtigkeit? Die Extrawurst des Grundbesitzes. Der Geschäftsführer des bekannten Haberland-Rosenbaumschen Schutzoerbandes für Großgrundbesitz, Reichlagsad- geordneter Steiniger, hat in einem unbewachten Augenblick im Fluß seiner Rede zum Bodenresormgesetz im Reichstag ain 5. Mai d. I. sich ein Geständnis entschlüpfen lassen, das in Kreisen der Handel- und Gewerbetreibenden und aller Arbeitnehmer, also bei all denen, die an der Besteuerung der ehrlichen Arbeit schwer zu tragen haben, ein lebhaftes Aufmerken auslösen müßte. Steiniger sagte laut dem stenographischen Reichstagsd«- richt u. a.: „Legt denn diese Grundsteuer, die wir jetzt im Reiche haben, wirklich objektiv die Werte fest? Fragen Sie doch mal, wie die Werte jetzt eingeschätzt werden: Nach dem Ertrage einer. seits, mit massenhaften Abschlägen so und sol Das ist doch keine Grundlage! Sie ist es um so weniger, als sie gar nicht auf der Selbsteinschätzung beruht. Man kann sehr wohl den Standpunkt vertreten: Derjenige, der eine bestimmte Steuer- erklärung abgegeben hat, soll an den erklärten Wert gebunden sein. Gewiß!'Aber hier ist ja gar keine Steuererklärung. Der Eigentümer gibt ja keinen Wert an. Und wenn Sie jetzt die Praxis unserer Finanzämter in Berlin sich einmal ansehen, so werden Sie merkwürdige Ergebnisse bekommen." In der Tat ist wohl die Steuermoral in keiner Kategorie von Steuerpflichtigen so tief gesunken wie gerade im Grundbesitz. Der von der„Magdeburger Zeitung" berichtete Fall, daß ein Architekt zu einer Geldstrafe von 100 M. verurteilt wurde, weil er angeregt hatte, bei einem Grundstücksoerkauf nicht den richtigen Preis von 6 Millionen Mark, sondern nur 1,2 Millionen Mark anzugeben,„zur Vermeidpng von Steuerbeträgen", wofür er eine Provision von 130 000 M. erhielt, spricht Bände, sowohl über die Steuer- moral dieser Kreise, wie über die eigenartige Einstellung des Rich- ters zu solchem Diebstahl an der Allgemeinheit. Und auch das Be- kenntnis des Herrn Steiniger läßt nicht daran zweifeln, daß der Fall Magdeburg beinahe alltäglich ist, daß er tatsächlich, wie es in der„Bodenreform" gesagt ist,„allgemein üblich" ist. Und nun hört man von dem Geschäftsführer des Schutzverbandes für Grundbesitz, daß obendrein noch von den Steuereinschätzungen des Grundbesitzes„massenhafte Abschläge so und so!" üblich sind. Dr. Adolf Damaschke hat diesen sehr bemerkenswerten Pasius aus Steinigers Rede in seiner„ungehaltenen" Schlußrede in dem soeben erschienenen dritten Heft des„Jahrbuchs der Boden- reform". 1926, festgehalten. Damaschke schreibt dazu: „Also nach dem Reichsbewertungsgesetz werden, wie hier von in dieser Hinsicht wirtlich maßgebender Seite zugegeben wird, die Werte nach dem Ertrage eingeschätzt„mit massenhaften A b s ch l ä g e n s o u n d s o!" Das wird alle Vertreter ehrlicher Arbeit, alle Arbeitgeber und Arbeitnehmer, alle Handwerker, alle Gewerbetreibenden, alle Beamten höchlichst verwundern. Bei der Besteuerung ihres Arbeitsertrages merken sie nichts von„mästen- haften Abschlägen so und so". Nein. Herr Steiniger hat recht: Das ist doch keine Grundlage!" Damaschke erinnert daran, daß der Ständige Beirat für Heimstättenwesen beim Reichsarbeitsm iniste- rium bei den Beratungen des Reichsbodenreformgesetzentwurfs (Wohnheimstättengesetz) einstimmig beschlossen hat, die Regierungen und Parteien aufzufordern, das Rcichsbewertungsgefetz noch im letzten Augenblick dahin zu ergänzen, daß die Ergeb- niste der Einschätzung der Bodenwerte grundsätzlich allgemein zu veröffentlichen sind. Soviele Bedenken man gegen die Der- öffentlichung der Einkommen- und Gewerbesteuer mit Recht erheben kann, beim Boden treffen sie nicht zu. Er liegt vor der Tür. Der „Ständige Beirat" war der Meinung, daß diese Offenlegung von selbst zu einer gerechten Einschätzung führen werde.„Und wenn nicht?", schreibt Damaschke im erwähnten Aussatz,„wenn in der Tat der Steuerwert durch„massenhafte Abschläge so und so" und der wirkliche Wert, wie er etwa beim Verkauf in Erscheinung tritt, zu sehr auseinandersallen sollte, so würde eine solche Nebeneinander. stellung von Steuerwert und gerechtem Wert mehr boden- reformerische Aufklärungsarbeit verrichten, als«s tausend theoretische Abhandlungen vermöchten." Diese Auffassung kann man nur unterstreichen. Und die Parteien und Organisationen aller Arbeitnehmer und auch die Handel- und Gewerbetreibenden sollten aus Gründen der Steuer- gerechtigkeit fordern, daß der Entschließung des Ständigen Bei- rats zum Reichsbewcrtungsgesetz von selten der Regierung Folg« geleistet werde. Verantwortlich silr Politik: Dr. Surt kenerz Wirtschaft: Brtnr Sötern«»; Scwertschaflsbewcguna: I. Steiner; lZeuilleton: Dr. John Schikow«Ii: Lokale» und Eonltige»: iZri» yarstädt; Anzeiaen: Th.»loeke; sämtlich in Berlin. Verlan: Vorwärto-Verlaa<5. in. b. H.. Berlin. Druck: Vorwärts-Buchdruckerei und Verlaasanstalt Paul Ein«» u. Co.. Berlin EW 68, Lindenstrake 3. (Sear. 1891. ® Unter Garantie vi« schSnslen tepp- und Daunen- Decken �tau7er��?e�de?tens� _ Rernöftrrt Sfroiinfsndel, RerUy. Wall'traße 72(Untergrundbahn InselbrUae). giltale: Spittelmarft, Ecke Seydeutrahe. und w, Rifolsdurger PlaS 2, Ecke Trautenaustrahe — Revarat ted. Art.— Illustr. �rcisfatoTm— Mmiidel! Sonderangebot! iüliiii '•-.'.Uy; An Private zu Engrospreisen. Eigene Fabrikate in gedierenen Ausführungen kaufen Sie in grober Auswahl und billig bei Wilhelm Schulze Nonbijonplaiz 12, Hof pari. Nähe Hackescher Mark' Zablungserlelchterung Telephon; A'exander 4112 Tapeten 25. 30. 35 PIß, Riescnauswahl. herrliche Muster, Linoleum u. Wachstuche, Cocos- matien nur bester Qualität in großer Auswahl. 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