flbenöausgabe Nr. 425 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 210 SHUttbtbinfiitttAM mtk Vn|e<«cm>tt{f« Rnfi in btt Morzenautgab« ongeatbcn Sebatfion: SB. 68. Ctnkcnftcafic 3 Zernsprecher: VLnhoss 282— 282 XeL-MbccfseSojIalbemetcal Berlin ** Vevlinev Volksblstt (�10 Pfennig) Donnerstag y. September 192H Verla« und Anzeigenabteilung: Deschästszeit 8',i bis b Uhr Verleger: vorn>Srts-ver!ag Gmby. Serlln SW. 08, Cinacnflcahc 3 Zernsprecher: vönhofs 292— 291 Zentralorgan der Sozialdemokrat» feben parte» Deutfcblands Jn Erwartung öer Deutfihen. Willkommen bei der Demokratie— Opposition bei den Nationalisten aller Länder. Pari«. S. September.(Eigener Drahtbericht.) Die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund wird in der ganzen hiesigen Links- presse freudig begrüht. Man weist daraus hin, daß damit ein neuer Schritt dem Weltfrieden entgegen getan sei. Der„Ere Nouvelle" schreibt, daß es noch vor 2 Jahren ein« �diplomatische Revolution* bedeutet hätte, was heute der Abschluß einer Reihe vernünftiger Anstrengungen ist. Die Nationalisten würden, meint das Blatt, natürlich nicht umhin können, in der Aufnahme Deutschlands in den Bund eine Erniedrigung Frankreichs zu sehen, da der Bund bisher als eine Art„Älub der Sieger* angesehen worden sei. Die Ausnahme Deutschlands in den Völkerbund sei vor allem das Wert der französischen Demokratie, die am 1». Mai 1324 die Regierung ergriff und die französische Politik dem Frieden ent- gegen orientiert habe. In ähnlicher Weise äußert sich das„Oeuvre*, das darauf hinweist, daß der Völkerbund dazu da sei, den Krieg zu oerhindern. Kriege müsie man vor allem zwischen den Nationen verhindern, die in der Loge seien, sich zu bekriegen. Bei den anderen sei das nicht nötig. Man müsie dumm wie ein Nationalist sein, um dieses nicht zu begreifen. Infolgedessen müßte man ent- weder den Völkerbund auslösen, oder, wenn man wirklich die Absicht hätte, ihn zu verwirklichen, so schnell wie möglich Deutschland und die anderen früher feindlichen Staaten in den Bund ausnehmen. Es. sei nicht möglich, sich etwas Vernünftigeres zu denken, und es sei erstaunlich, daß man solange gebraucht habe, um dies einzusehen. In dem Gewerkschaftsblatt„Le Peuple* wird der Eintritt des Deutschen Reiches in den Völkerbund als ein großer Schritt auf dem Weg der Völkerversöhnung begrüßt. Er mache dem großen Irrtum ein Ende, der in der Nachkriegszeit auf der ganzen Welt gelastet habe und der darin bestand, daß man sich einbildete, man könne ein Volk politisch b e st r a s e n. Das Blatt erinnert daran, daß bereits 1919 die Gewerkschaftsinternationale in Amsterdam als erstes die Aufnahme Deutschlands und Oesterreichs In den Völkerbund verlangte und daß sieben Jahre oergangen seien, bis man dieser Forderung nachkäme. Im„Ouottdien* heißt es, daß selbst die Chauvinisten endlich einsehen müßten, daß es nicht möglich sei. Deutsch- landoonderWeltkartezu st reichen, daß es das Beste fei, mit den Deutschen in Frieden zu leben. Es sei deshalb gestern ein neuer Stein dem großen Gebäude der internationalen Versöhnung, welches in Genf errichtet werden soll, hinzugefügt worden. Außerordentlich v e r st i m m t äußert sich dagegen die nationalistische Presie. So schreibt der„Gaulios*, Genf sei das logische Ende der interalliierten Politik, die über(!) die Er- wägung einer Gerechtigkeit für Frankreich die Wirtschaft- liche und finanziell« Wieder he r st«llung Deutschlands stelle. Frankreich habe den Krieg gewonnen, aber Deutschland den Frieden.(!) Die nahe Zukunft werde Frankreich lehren, ob die deutsche Regierung die jetzt erlangte vollständige Freisprechung miß- brauchen werde. Das„Echo de Paris* klagt Deutschland an, sofort nach seinem Eintritt in den Völkerbund die Revision des Vcrsailler Vertrages anstreben zu wollen. Die Frage sei nur die, ob es diese Aktion sofort einleiten werde, oder damit noch warten wolle. Die„Action Francaise* erklärt, daß Frankreich jetzt wieder in den gleichen Zustand versetzt worden sei, wie vor dem Kriege. Es sei nicht der Mühe wert gewesen, l'/i Millionen Franzosen töten zu losien und eine Schuld von 31X1 Milliarden Franken auf sich zu bürden, um Deutschland ein solches Resultat zu ermöglichen.(I) Befriedigung in London. London, 9. September..Daily News* sagt in einem Leitartikel: Wir begrüßen Deutschlands feierlichen Eintritt als dos b e d« u- tungsoollste europäisch« Ereignis seit den, Waffenstillstand. Das radikale Blatt spricht die Hoffnung aus, daß Deutschland jetzt, da es seinen Einfluß in dem größten aller internationalen Gerichtshöfe zur Geltung bringen könne, b«- hutsam vorgehen und sich im Völkerbund in erster Linie nicht mit seinen eigenen Interessen, sondern mit den vorherrschenden Interessen des Völkerbundes befassen werde. .Westminster Gazette* sagt: Durch den Locarnopakt und durch seinen Eintritt in den Völkerbund wird Deutschland ein voller Teil- Haber beim Werke der Stabilisierung Europas. In diesem Sinne wird das englische Volt Deutschland als Mitglied begrüßen. Dos Blatt hofft, daß sich die französisch-deutschen Beziehungen durch baldig« Erleichterung der Rheinlond-Besetzung weiter verbesiern werden. .Daily Telegraph* sagt: Ein Volk von über 69 Millionen ist wieder in die Gemeinschaft der europäischen Nationen gebracht worden, und eine der H a u p t s ch w ä ch« n in der Verfassung des Völkerbundes ist endlich beseitigt. Den Vereinigten Staaten mit ihren vielen Millionen Einwohnern deutscher Abstammung kann der Völkerbund nicht länger als eine Verbindung von Siegern gegen Besiegte dargestellt werden, und somit ist wenig- stens etwas geschehen, um den hartnäckigen Glauben Amerikas an den unverbesserlichen Militarismus Europas zu schwächen.— ein Glaub«, der ein wesentlicherer Faktor in der Frage der europäischen Schulden an Amerika ist, als im allgemeinen er- könnt wird. Es muß indesien gesagt werden, daß ein« wirkliche Derbesierung in der internationalen Lage unendlich mehr davon abhängt, was auf den Eintritt Deutschlands folgen wird, als von dem Eintritt selbst. Dies« hat sich unter Umständen vollzogen, die keine Illusion dulden. Der Kampf um die Aufnahme Deutschlands hat schwere moralische Kosten gefordert. Zwei Mächte sind ausgetreten. Wenn Deutschlands Eintritt die Wirkung haben soll, die man von ihm erhofft, dann muß der Geist des Mißtrauens und der Angst verschwinden. Deutschland kann durch sein Verhalten innerhalb des Bundes zu einer solchen K l ä- rung der Atmosphäre mehr beitragen als irgendeine andere Macht. Natürlich müssen die anderen auch das ihre tun. Aber die Aufgabe wird viel von ihrer Schwierigkeit verlieren, wenn Deutsch» land durch sein Handeln zeigt, daß es die Grundsätze des Bundes und die moralischen Verpflichtungen eines Mitgliedes aufrichtig annimmt. Ein Willkommen aus Italien. Rom. 9. September.(WTB.) Warm begrüßt ein Leitartikel der Turiner„Stampa* Deutschlands Eintritt in den Völkerbund. Nur durch diesen Eintritt nehme die Schöpfung von Genf den Charak- ter einer Heiligen Allianz des 20. Jahrhunderts an und es eröffne sich jetzt wenigstens die Möglichkeit, daß die Schöpjung von Genf zu dem werde, was so viele Köpfe wünschten. Acht Jahre habe es bedurft, bis die zwingende Logik der Tatsachen das England Lloyd Georges und das Frankreich Clemeneaus überzeugt hätte, daß kein europäisches Problem gebührend gelöst werden könne, ohne die Zustimmung eines Volkes von 69 Millionen, dessen Land in das Zentrum von Europa gestellt sei als Brücke zwischen d�in Osten und dem Westen und das, zwischen Nordsee und Ostsee gelegen, derwirtschaftlicheWeg zum Balkan und dem Schwarzen Meer sei. Dieses Volt, welches der moralische und intellektuelle Sliitzpunkt einer literarisch geeinigten historischen Rasse von 199 Millionen sei. hätte nicht länger übergangen werden können. Heute stürz« der Geist von Versailles. Der Ruf nach einer Rem- sion der Frage der Schuld am Kriege werde immer allgemeiner. Mißtöne aus Polen. Warschau. 9. September.(Mtb.) Bor«inigen Tagen schon kündigt« das Blatt Pilsudjkis an, daß Polens Grundforde- rung an den Völkerbund sei, Deutschland dürfe nicht eine Stunde früher dem Völkerbundsrat angehören wie Polen und es dürfe nie- mals ohne Polen im Völkerbundsrat vertreten sein. Von dieser Krundfordcrung werde es nicht zurücktreten. Aus diesen Ton ist die ganze polnische Presie eingestellt, woraus sich erklärt, daß sie Schweden und Norwegen wegen ihres Verhaltens in Gens scharf angreift. Es wird von einer„Erbitterung Polens gegen Schweden* gesprochen.„Kurjer Poranny* glaubt aber die Oefsent- lichkcit beruhigen zu können mit der Versicherung, daß Frankreich den Standpunkt Polens unter jeder Bedingung unterstützen werde, was ja auch nach den jüngsten Nachrichcen aus Genf der Fall zu sein scheint. „Przeglad Wieczorny* weiß zu melden, daß Außenminister Zalewski weder das Präsidium in der Völkerbundssitzung noch die Leitung irgendeiner Kommission übernehmen wolle(!), um ganz freie Hand für die Kandidatur Polens im Völkerbundsrat zu haben. Das Blatt K o r f a n t y s, die„Rzeczpospolita*. wendet sich mit besonderer Schärfe gegen Deutschland. Das Blatt teilt seinen Lesern mit, daß Stresemann gleich nach der Ausnahme Deutschlands in den Völkerbund eine Rede in deutscher Sprache halten wolle. Das polnische Blatt nennt dos„eine deutsche Frechheit* und eine „Demonstration, um zu zeigen, daß Deutschland gleichberechtigt sei*. Reichsfinanzen und Verwaltungsreform. Erklärungen des Ministers Dr. Reinhold. Der Reichsfinanzminister Dr. Reinhold gab vor Vertretern der Presie Auskunft über den Inhalt und seinen Zweck der bereits mitgeteilten Verwaltungsreform im Reichsfinanz- Ministerium. Er wie» darauf hin, daß während der Inflation und auch später das Ministerium und seine Beamten überlastet gewesen seien: durch Uebertragung immer neuer Aufgaben auf das Amt wurde es schließlich anorganisch und unübersichtlich im Aufbau. Jetzt kann matt an die Vereinfachung herangehen, um rascher arbeiten zu können. Die Vereinfachung bewirkt, daß statt bisher 2 nur noch 1 Staatssekretär, anstatt 19 nur noch S Abteilungen tätig sein werden und daß die Zahl der Referate, die heute 139 beträgt, um ein Drittel vermindert wird. Ohne eine Verwaltungsreform könne, so führte der Minister weiter aus, die deutsche Finanzpolitik nicht ausrecht- erhalten werden. Man dürfe in der Lag« der Reichsfinanzen durchaus nicht optimistisch sein. Der Minister lehnt es ab, in eine Finanzkatastroph« hineinzureiten, glaubt aber, daß die Reichsfinanzen immer hart an der Grenze des Defizits bleiben werden. Weder das Reich, noch die Länder, noch die Kommunen könnten den großen Apparat aufrechterhalten. Da» Reichsfinanzministerium habe auf dem Weg« der Verwaltungereform beispielgebend voranzu- gehen. Auf Anfragen bestätigte der Minister, daß das Reichsfinanz- Ministerium eine auf Reichsmark, nicht mehr auf Goldmark gestellte Auslandsanleihe plane, jedoch sich den Zeitpunkt vorbehalte, wo die allgemeine finanz- und währungspolitische Lage dazu reif sei. Die Bedingungen einer solchen Auslandsanleihe müßten wesentlich g ü n st i g e r als diejenigen der Dawes-Anleihe sein, das Reich sei in der Lage, den geeigneten Zeitpunkt der Anlciheaufnahme abzu- warten. Di« Tatsache, daß man nur eine Reichsmarkanleihe auf- nehmen will, soll den Beweis erbringen, daß die deutsche Währung jedem Ersatz, wie Feingold oder Dollarbasis, durchaus gleichwertig sei. Die weftarpie. Graf Westarp, Diktator der Deutschnationalcn Partei. Die Deutschnationale Partei ist eine Westarpie. Wenn nicht schon seit vorgestern, so doch gewiß seit gestern. Denn gestern hat die deutschnationale Vertretersitzung in Köln mit einer Mehrheit, die an Einstimmigkeit grenzte, beschlossen, dem Parteivorsitzenden, eben dem Grafen Westarp, freie Hand zu lassen.„Er ist bevollmächtigt,* so wird uns im„Tag" dieser Beschluß erläutert,„im Namen der Partei und sogar der Fraktion das zu tun, was i h m nach der jeweiligen Ent- Wicklung der politischen Lage zweckmäßig erscheint." Das Ideal der Diktatur wäre damit, wenn auch noch nicht für Deutschland, so doch für die Deutschnationale Partei, verwirk- licht. Der Diktator heißt Graf Westarp. Der jetzt zweiundsechzigjährige Graf Kuno Friedrich Viktor v. Westarp war Vorsitzender der Konservativen Partei, die bekanntlich einen Teil der Deutschnationalen bildet, als der Parteivorsitz, den zuvor Herr W i n k l e r und noch früher Herr H e r g t geführt hatte, auf ihn überging. Um dem höheren Zweck zu dienen, legte Graf Kuno damals den konservativen Parteivorsitz nieder und übertrug ihn auf einen andern konservativen Grafen. Damit hatte die Konservative Partei ihren würdigsten Vorsitzenden verloren, denn niemand kann bestreiten, daß es in der deutschen Politik nichts Kon- servatioeres und Gräflicheres gibt, als den nunmehrigen Diktator der Deutschnationalen Partei. Die Konservative Partei hatte ihren Ursprung in der Reaktion auf die Revolution von 1848. Ihr damals be- � gründetes Organ, die„Kreuzzeitung", die heute vom Grafen Westarp geleitet wird, sah ihre wichtigste Aufgabe darin, dein König Friedrich Wilhelm IV. zu beweisen, daß ihn der Eid auf die Verfassung nicht binde; denn da er bei Gott geschworen habe, selber aber von Gottesgnaden sei, habe er es nur mit dem lieben Gott abzumachen, ob er seinen Eid halten wolle pder nicht. Sozial ruhte und ruht die Konservative Partei auf dem preußischen Großgrundbesitz und auf der adeligen Kaste des Junkertums. Sie war daher eine Partei des Hoch- schutzzolls und eine Partei des ländlichen Arbeitgeber- tums, das bekanntlich noch eine ganz andere Sorte ist als das industrielle. Das Recht auf körperliche Züchtigung des Gesindes durch den gnädigen Herrn und seine Beauftragten wurde von ihr hartnäckig verteidigt. Entsprechend ihrem Grundsatz„Autorität, nicht Majorität" schwärmte sie für den königlichen Absolutismus, verdammte sie jeglichen„Par- lamentsschwindel". In ihrer klasseninstinktiven Abneigung gegen alles Reue stand sie der Gründung des Deutschen Reiches mißtrauisch und ablehnend gegenüber. Ueber die Freiheit der Presse, des Vereins-, Verfammlungs- und Koalitionswesens dachte sie so, wie man— leider— heute noch in Rußland denkt, wie denn überhaupt das zarische Rußland in jeder Hinsicht ihr Vorbild war. Kein Wunder, daß jedes polizeiliche Unterdrückungs- system, jede Scharfmachcrei, jedes Sozialisten- und Zucht- hausaesetz an ihr den entschiedensten' Anwalt fand. Kein Wunoer, daß sie gegen das allgemeine Wahlrecht, wie es Bismarck für das Reich eingeführt hatte, fortgesetzt Sturm lief. Desto zäher verteidigte sie das preußische Klassenwahlrecht, das die Steuerzahler in drei Wählerklassen einteilte und einem einzigen reichen Mann mehr politische Rechte gab als Hunderttausenden von Besitz- losen. Diese Verteidigung des Dreiklassenwahlrechts setzte sie bis zum Kriegsende fort, auch dann noch, als Wilhelm II. das gleiche Wahlrecht für Preußen versprochen hatte.- Dafür trat sie für eine uferlose Annexionspolitik ein, und verlangte, daß jeder„auf den Sandhaufen gestellt" werde, der einer so erleuchteten Vertretung deutscher Interessen zu widersprechen wagte. Dann kam die Waffenstillstandsbitte der deutschen Heeres- leitung. Mit dem Aufschrei:„Wir sind belogen und betrogen worden!" brach der Führer v. Heydebrand zusammen. Und mit ihm brach die ganze Konservative Partei in die Knie; sie leistete der Einführung des gleichen Wahlrechts in Preußen keinen Widerstand mehr und ließ überhaupt alles, was weiter geschah, widerspruchslos über sich ergehen. Die Parole lautete damals„Rette sich wer kann!" Und während der erste Mann der Partei, Herr v. Heydebrand, sich in eine selbstgewählte würdige Verbannung begab, erschien ihr zweiter, eben Graf Westarp, bei den Volksbeauftragten, um sie um Schutz für sein— von niemand bedrohtes— Leben zu bitten. Die Konservative Partei war aber nicht gestorben. Sie war nur wie Friedrich Barbarossa in den Kyffhäuser gc- gangen und hatte sich den Bart durch den Tisch wachsen lasten. Als ihre Nachfolgerin erschien die Deutschnatio- nale Partei. Sie selbst blieb ihr Bestandteil und, wie sich immer deutlicher herausstellte, ihr Kern. Und heute ist sie schon wieder in alter Herrlichkeit auferstanden. Denn die Diktatur ihres ehemaligen Führers und Vorsitzenden Grafen Westarp in der Deutschnationalen Partei ist ihre Diktatur. Erst wenn man sich dieser Hergänge und Zusammenhänge erinnert, kann man die Ansprachen, die Graf Westarp auf der Kölner Tagung an die Arbeiter und an die Frauen gehalten hat. richtig genießen. Zu den deutschnationalen Arbeitern sagte der deutschnationale Parteidiktator: Mit unsern Freunden aus Arbeiterkreisen wollen wir, daß mit der deutschen Arbeiterschaft in Deutschland regiert wird: aber gerade am unsere Freunde und Gesinnungsgenossen aus der A r b e i k e r s ch ci f t willen find wir überzeugt daß dies nur ohne, nur gegen die Sozialdemokratie zu geschehen hat. Diese ist die Partei des internationalen Klassenkampfes, der den Arbeiter selbst nur immer tiefer ins Elend hineingeführt hat, den nicht nur unsere Parteifreunde ablehnen, von dem sich eine immer größere Anzahl aus den Reihen der Sozialdemokratie und ihrer Gewerk- schaften abwendet, die noch viel gewaltiger sein würde, wenn nicht Zwang und Terror sie hinderte, und wenn nicht Links- Politik der Mittelparteien den Blick für die Kluft zwischen nationalem und internationalem klassenkämpferischen und staats- bürgerlichen Denken verwischte. Herr Reichert hat auf dem Dresdener Industriellen- tag behauptet, daß die Anhängerschaft der Deutschnationalen Partei zu 9V Proz. aus Arbeitern und sonstigen Besitzlosen bestehe. Das war zweifellos eine starke Uebertrcibung. Aber Tatsache ist, daß in einem Industrielande wie Deutschland unter dem System der Demokratie keine Partei existieren kann, wenn nicht auch Arbeiter und Besitzlose für sie stimmen. Man kann an die Tatsache, daß die Partei Westarps auch Arbeiterstimmen erhält, nicht denken, ohne Scham zu empfinden. - Zu den Frauen sagte Graf Westarp: Mein Thema handelt nicht von der Notwendigkeit und Berechtigung der Frauenarbeit in der Politik und dem Dienste der Partei. Darüber brauchen wir keine Worte mehr zu machen. Also, die Deutschnationale Partei und ihr Führer, der hochkonservative Graf Westarp, sind heute„von der Notwen» digkeit und der Berechtigung der Frauenarbeit in der Politik" so felsenfest überzeugt, daß es sich gar nicht mehr lohnt, Worte darüber zu machen. Sie haben von der internationalen klassen« kämperischen Sozialdemokratie nach langen heftigen Sträuben das Geschenk des Frauenwahlrechts angenommen. Und sie haben vollkommen vergessen, mit welchen die Frauen herabsetzenden Argumenten sie die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts bekämpft haben. Man kann da bei allem Respekt vor der deutschnationalen Damenschaft sich nicht enthalten, des alten Bildes zu gedenken:„Wo der Fuchs den Gänsen predigt." Der deutschnationale Parteitag in Köln soll das Sprung- brett werden für den Wiedereintritt der Deutschnationalen in die Regierung. Die Deutsche Republik, in der die Staatsgewalt vom Volke ausgeht und die morgen ihren feier» lichen Eintritt in den Bölkerbund vollziehen wird, soll regiert werden von der Deutschnationalen Partei. Und diese wiederum wird regiert vom Grafen Westarp. Alles, was in den letzten hundert Jahren in der Welt geworden ist, haben diese Leute nur widerstrebend über sich ergehen lassen: das konstitutionelle System, die Reichsgrün- dung, das Reichtagswahlrecht, das gleiche Wahlrecht der Länder und Gemeinden, die Republik, das parlamentarische System, das Frauenwahlrecht, das Koalitionsrecht, den Völkerbund. Könnten sie, wie sie wollten, so müßte alles wieder den Krebsgang antreten bis in die Zeit vor der großen fran- zösischen Revolution. Sie haben immer falsch prophezeit, immer auf das falsche Pferd gesetzt. Jetzt fühlen sie sich reif zum Regieren, weil regieren— Voraussehen heißt! Kein Zentrumsparteitag. Nur Reichsparteiausschutz in diesem Jahr. Die„Germania" schreibt: Wie uns mitgeteilt wird, ist eine Sitzung des Reichsparteiausschusses für Sonntag, den 31. Oktober, vorgesehen. Der Ort der Tagung ist noch unbestimmt. Es soll diesmal aber nicht Berlin sein. In Frage kommt vor» aussichtlich eine Stadt in Mitteldeutschland. Den Hauptgegenstand der Besprechungen bilden einmal die politsche Arbeit im Reiche in der kommenden Wintersession und zum zweiten Organisationsfragen. Da in diesem Jahre nicht in Aus- ficht genommen ist, einen Reichsparteitag abzuhalten, wird be- absichtigt, diesc koinmende Tagung des Reichsparteiausschusies in etwas größerem Rahmen abzuhalten. Porträtausstellung üerKunstgememsihast Von HermannHieber. i Es scheint doch, daß der Gedanke der Deutschen Kunstge. m c i n s ch a f t, Werke der bildenden Künste zu niedrigen Abzahlungs- preisen— Monatszahlungen von 20 M. etwa— im Publikum An- klang findet. Während von der ersten Ausstellung, unter 200 Bildern nur 24 abgesetzt wurden, hat sich bei der zweiten, obwohl sie un> mittelbar vor den Ferien stattfand, der Prozentsatz auf 2S gesteigert, der Umsatz auf 15 000 M. Nicht weniger als 64 Kunstwerke wurden von Mitgliedern der Genossenschaft käuflich erworben. Das ist, namentlich im Hinblick auf die katastrophale Wirtschaftslage, immer- hin ein Ergebnis, über das man sich freuen kann. Wenn man die dritte Veranstaltung dem Bildnis gewidmet hat, so geschah das, weil man für Weihnachtsaufträge schon frühzeitig Stimmung machen rr-ollte. Es soll darauf hingewiesen werden, daß neben der Photographie noch eine andere Möglichkeit besteht, und zwar eine weit wertvollere, die Züge eines Menschen für seine Angehörigen festzuhalten. Die Kamera, die nur die äußere Aehnlich- keit aufzusangen vermag, wird niemals imstande sein, die Fähigkeit des K ii n st l e r s, der hinter die Dinge sieht, zu ersetzen. Die beiden letzten Jahrzehnte sind der Vertiefung des künstle- ! ischen Empfindens gewiß günstig gewesen. Je mehr die moderne Technik vom Leben Besitz ergreift, und je mehr unsere Interessen nach außen hin in Anspruch genommen werden, um so unabweisbarer meldet sich das seelische Bedürfnis, der Beräußerlichung des Lebens ein Gegengewicht zu schassen. Man darf in diesem Zusammenhang selbst von einer„Vcrinnerlichung des Films" sprechen. Aber so sehr auch die mechanischen Mittel verseinert und verooll- kommnet werden mögen, sie werden nie heranreichen an die Künstler- Hand, die unmittelbar aus dem seelischen Erlebnis heraus schafft. Das materialistische Zeitalter hat dies« Aufgabe des Porträtisten vergessen. Man fordert A e h n l i ch k e i t und nur immer wieder Aehnlichkeit. Der Maler soll mit dem Photographcn wetteifern im Festhalten der äußeren Erscheinung. Aber damit beraubt man ihn ja seiner besten Kraft. Jeder Künstler ist Prophet, der im Sinne des Goethe-Wortes in„allem Vergänglichen nur ein Gleichnis" sieht. Dir Züge eines Menschen sind das Vergängliche an ihm, insofern sie dem Einmaligen, so und nicht anders geformten Gebilde, dem Indi- viduum, angehören. Aber wenn es wahr ist, daß der„G e i st es ist, der sich den Körper schasst", dann hat der Künstler eine weit wich- tigere Aufgabe als die, jeden Vorsprung und jedes Hautfältchen eines Gesichts nachzuzeichnen Diese Gesamtheit von Haut und Fleisch und Knochen darf nicht wie«in Einmaliges und Zufälliges hingestellt werden. Gerade wir S o z i a l i st e n, die wir im Wirtschaftsleben die isolierte Einzelpersönlichkeit ablehnen, sollten unseren Blick schär- fcn für die Fähigkeit des Künstlers, dos Verbindende, das Bleibende und Dauernde aus der Erscheinung eines Menschen herauszulesen und zu gestalten. � Die �emz-kNanner. Beschimpfung, Verdächtigung, Verleumdung. Der Stahlhelm-Heinz, Ehrhardt-Mann I. Sorte, beteiligt an zahlreichen Unternehmungen zum Sturz der Republik, dann Haupt- schriftleiter des Bundesblattes der putschistischen Frontsoldaten, schließlich unter dem Verdacht der Anstiftung zu einem Mordversuch in Untersuchungshaft in Gießen— dieser Stahlhelm-Heinz ist wert, daß man sich mit ihm des näheren beschäftigt. Vor allem aber auch mit seiner Verteidigung, die setzt durch die Rechtspresse Ehrenerklärungen für den Häftling verbreiten läßt. So teilt sie z. B. der„Deutscheu Zeitung" folgendes mit: Der Oberleutnant a. D. Wagner ist nicht ermordet(d. h. beim Mordversuch nicht getötet worden. Red.) worden, vielmehr hat er bei dem angeblichen Mordversuch nur ganz geringfügige Verletzungen davongetragen. Heinz ist lediglich einer A n- st i f t u n g beschuldigt, und zwar auf Grund der Aussage des Be- schuldigten Schwing, der sich selb st einer Mittäter- schaft an dem angeblichen Mordversuch bezichtigt, obwohl Wagner, der auch in keiner Weise Heinz belastet, von der Mit» täterschaft Schwings gar nichts weiß. Inwieweit die Angaben Wagners, daß ein Mordversuch vorliegt, der Wahrheit entsprechen, muß die Untersuchung ergeben. Jedenfalls ist das Schweigen von 1922 bis 1926 mehr als ausfallend, und weiterhin werden die noch im Gange befindlichen Feststellungen voraussichtlich über- raschende Enthüllungen über die Persönlichkeit des Wagner und dessen Glaubwürdigkeit bringen. Schwing ist Psychopat, dessen eigener Verteidiger sich auf§ 51 St. G. B. beNtst, und dessen Unzitrechnungsfähigkeit durch Sach- verftändigenbeobachtung festgestellt werden soll. Bei Gegenüber- stellung Schwings mit Herrn Heinz hat Schwing seine Aussage, soweit sie Heinz belastete, restlos widerrufen! Die Informationen der Linkspresse beruhen auf den An- gaben eines gewissen Schmidt. Schmidt hat gegen eine Anzahl Personen Erpressungsversuche verübt, hat g e st o h l c n, steht im Verdachte eines Zuhälters und einer Homo- sexuellen Person. Das ist die charakteristische Art, wie von den Völkisch-Nationalen jeder Belastungszeuge schon vorher in der Oeffentlichkeit b e- schimpft und herabgesetzt wird, um ihn unglaubwürdig zu machen. Nun liegt hier die Sache besonders eigenartig: Der Chauffeur Schwing in Nauheim hat in engstem Familienkreise von dem Mordversuch an Wagner erzählt. Aus diesem Familien- kreise ist die Meldung an die Behörden gelangt. Darauf wurde er verhaftet und hat bei Vernehmung seine Beteiligung an der Tat, wie die Anstiftung durch Heinz gestanden. Grund genug, daß dieser Mann, der sich selbst eines schweren Verbrechens be- schuldigt, dessen Zugehörigkeit zur Organisation C. auch nicht einmal bestritten wird, bestritten wird, jetzt als Geisteskranker hinge- stellt wird! Das Opfer jenes Mordversuchs, ein wirtlicher oder vermeint- licher Hauptmann Wagner, ist nicht getötet, sondern nur schwer ver- letzt worden. Er ist ermittelt, weiß aber natürlich nichts von der Anstiftung durch Heinz. Was den Verteidiger des Stahlhelm-Heinz genügt, um furchtbare„Enthüllungen" über den Wagner anzukündi- gen. Als ob der Mordversuch deshalb anders zu beurteilen wäre, wenn diese„Enthüllungen" auch nur irgendeinen Schein von Be- rechtigung hätten. Was soll denn enthüllt werden? Daß sich in der „nationalen Armee" der Heinz oder der OC. des Meineid-Ehrhardts Subjekte allerzweifelhaftesten Charakters, übelste Landsknechts- naturen herumgetrieben haben, braucht durch keinerlei„Enthüllungen" mehr bewiesen zu werden. Das ist ohnehin gerichtsnotorisch. Wenn der Verteidiger schließlich irgendeinen Mann, den er Schmidt nennt und dessen Name unseres Wissens bisher noch nie- mals im Zusammenhang mit der Sache Heinz genannt war, als Dieb, als Zuhälter und Homosexuellen hinstellt, so ist das eine so grobe Entgleisung eines Anwalts, wie man sie bisher kaum erlebt haben dürfte. Ganz abgesehen davon, daß die Zusammenstellung „Zuhälter und Homosexuellen" den Reiz der Neuheit selbst für Sexualpsychologen haben dürfte. Der ganze Entlastungsoorstoß für den Stahlhelmredokteur, der der M o r d a n st i f t u n g beschuldigt ist und deshalb von dem sonst so unantastbaren Staatsanwalt und Untersuchung s- r i ch t e r in Haft genommen ist, bedeutet den nichtsnutzigen Versuch, Und gerade diese über die reale Welt Hinausgreisende Macht de» Künstlers macht den guten Porträtisten aus. Wie eng und unzu- reichend ist die landläufige Meinung, die Hauptsache an einem Bild- ni» sei die Aehnlichkeit. Dann wäre ja das Kunstwerk sür jeden, der das Modell nicht persönlich kennt, sozusagen wertlos. Denn wäre also ein Porträt von Van Eyck, von Holbein oder Frans Hals für uns heute ohne Belang— wir können ja nicht entscheiden, ob diese Bildnisse„ähnlich" sind oder nicht. Man erzählt, daß gerade die Künstler, deren Bilder wir heute am höchsten verehren, von ihrer Porträtkundschoft Vorwürfe bekommen haben wegen mangelnder Aehnlichkeit. Wir wollen auch diesmal nicht, so wenig wie bei den früheren Ausstellungen der Deutschen Kunstgenossenschast, dem Geschmack und der Liebhaberei der Besucher vorgreifen. Wer den Impressionisten, die immerhin eher zu Kompromissen mit den Forderungen des Publi- kums geneigt sind, den Vorzug gibt vor den rücksichtslos auf ihren seelischen Zweck zuschreitenden Expressionisten, der möge sich anstatt von Kokoschka und D'x von Bato oder Honigberger oder Spiro por- tn.tieren lassen. Wir sür unser Teil gestehen, daß uns Willi I a e ck e l, Otto Marquartsen, G. H. Wollheim, von Bild- Hauern R. Bednorz und Heinz Ledere r— ja nich- zu vcr- wechseln mit dem erschreckend flauen Hugo Lederer!— besonders angesprochen haben: daß uns Otto Nagels Bildnis seiner vergräm- ten alten Mutter, wie sie auf ihrem Spitalbett sitzt,.tief ergrissen hat inmitten der vielfach elegant-platten Niedlichkeiten, und daß die K ä t e K o l l w i tz wieder einmal alle weit hinter sich zurückläßt. Das„Volksstück" im Wallnerthcaler. Die Stätte der Zllt-Bcr- liner Lustbarkeit, das Wallnertheater, ist unter neuer Direktion zu seinen urspriinglichen Traditionen zurückgekehrt: es will wieder das Volksstück pflegen. Ferdinand M e y s e l, der bekannte Berliner Humorist, schwingt das Direktionsszepter und bescherte uns als erste Gabe:„HasemannsTöchter vom guten alten L' A r r o n g e. Auf der gleichen Bühne erlebte das Stück mit Helmerding in der Hauptrolle 187? seine Uraufführung. Damals war das Wallner- theoter die Vergnügungsstätte des mittleren und kleinen Bürger- tum». Die Freuden und Leiden dieser Klasse waren der Inhalt der Stücke von damals. Aber wo ist heute dies Publikum und wo ist das alte Volksstück geblieben. So sehr man das Ziel der neuen Direktion begrüßen mag, Sorgenbrecher zu bieten, mit dem alten Volksstück geht's nicht mehr. Auch L'Arronges humoristisch-witzig- sentimentales Sittenbild hat wesentlich nur noch kulturhistorisches Interesse. Es wurde uns mit einer breiten Behaglichkeit aufgetischt, die nicht mehr zeitgemäß ist. Eine Festouvertüre über das Thema „Freut euch des Lebens", ein Vorspruch, Gesangseinlagen dehnten die Aufführung bis an die 12. Stunde aus. Mancherlei Moderni- sierungen sollten beleben, eine sehr hübsche Inszenierung frischte die Farben auf, aber das Interesse an den Schicksalen von Hasemanns Töchtern beginnt doch zu erlahmen. Wir haben heute andere Sorgen, und die bürgerlichen Frauentypen von dazumal erscheinen uns heute vielfach blaß. Sehr wirksam war aber immer noch der „Vater von das Ganze: Anton Hasemann, den Ferdinand M e y s e l durch öffentliche Bedrohung. Beschimpfung und Herabsetzung von Zeugen, deren Einschüchterung zu erzielen und dadurch das wahre Bild der Verbindung von Stahlhelmgeist und Fememord» gesinnung zu verschleiern. Gegen solche Versuche muß auf das schärfste im Interesse der öffentlichen Moral protestiert werden! ?hr wahres Ziel. Stahlhclmkampf gegen die Republik. Einen interessanten Einblick in die wirklichen Absichten der als rechtsradikal bekannten Stahlhelmführer in Hall« und Umgebung gs- währen die Berichte über„D o r f g« m e i nf ch a f t« n" der vater» ländischen Verbände. Einer dieser Bericht«, erstattet von leitenden Persönlichkeiten dieser Gruppe, besagt folgendes: „Die Dorfgemeinschaftsführer und verantwortlichen Führer der Verbände oerpflichten sich, den aufgezwungenen Kampf mit den vaterlandslosen Gesellen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu führen. Dieses Vorgehen ist mora- lisch berechtigt und hat nur ein Ziel im Aug«, die Befreiung des Volkes von innerer Zerrissenheit und Klassen- kämpf. Seine Macht und keine Gewalt kann uns in unseren valerländischcn Bezirken davon abhalten, mich nicht das Gekeis der Kommunisten und die infame Hetze der Severiag-Freunde und ihrer presse." Befreit man diese wenigen Sätze von der schönen Verbrämung mit Moral und Vaterlandsliebe, so hat man hier in nackten Worten das wirkliche Ziel des„S t a h l h e l m". Es handelt sich um nicht mehr und nicht weniger als die Schaffung einer festen Front zur Führung des inneren Kampfes gegen die Republik. In Mitteldeutschland wird durch diese Bestrebungen ein Gefahrenherd geschaffen, der ernstester Aufmerksamkeit der Behörden bedarf. An Beteuerungen über die Harmlosigkeit und vaterländische Zuverlässig- keit der Dorfgemeinschaften wird es nicht fehlen. Man darf gespannt sein, mit welchen Heldentaten die Dorfgemeinschaften in der Folgezeit ihre Existenzberechtigung erweisen werden. � Der lthwakonflitt. London, 9. September.(Eigener Drahtbericht.) Nach den letzten aus China vorliegenden Meldungen haben die Engländer bei dem Feuergefecht auf dem Oberlauf des Yangtse zwischen englischen Kanonenbooten und Truppen Wupeifus drei Offiziere und vier Matrosen verloren, während zwei Ossiziere und vier Matrosen verwundet wurden. Inzwischen soll es gelungen sein, die von den Chinesen beschlagnahmten englischen F l u ß d a m p f e r, die den Anlaß zu dem Zusammenstoß gaben, zu befreien. Der Kommandeur des englischen Chinageschwaders Hot sich an Bord seines Flaggschiffes nach Hankau begeben, da man für diesen inter- nationalen Hasen mit neuen Zusammen st ößen rechnet. Die Stadt befindet sich in den Händen der roten Kantontruppen. Englische Bestürzung im fernen Osten. London. 9. September.(EP.) Die Mißerfolge der englischen Kanonenboote auf dein Dangtsetiang und die dabei erlittenen ver- hältnismäßig schweren Verluste haben in Schanghai und anderen Plätzen des f e r n e n O st e n s unter der englischen Bevölkerung eine ungeheure Bestürzung hervorgerufen. Die englische Presse. die sich eingehend mit der Lage in China befaßt, beeilt sich daher. sichtlich unter a m t l ich e m E i n f l u ß. die Tätigkeit der Kanonen- boote insofern als einen Erfolg hinzustellen, als die Europäer, die auf den beschlagnahmten Dampfern festgehalten worden waren. unter schwierigen Verhältnissen befreit worden seien. Wie ernst der Prestigeverlust angesehen wird, geht daraus hervor, daß die eng- tische Admiralität sofort dem Admiral der chinesischen Flottenstation Befehl erteilt hat, mit dem 10 voo-Tonnen-Kreuzer„Hawkins". der von anderen Kreuzern begleitet sein wird, nach Hankau abzufahren. Die fozialdemokrolischen Milglieder des Handelspolitischen Aus- schusses des Reichstages haben den Vorsitzenden ersucht, auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung am Dienstag eine Besprechung über die Mißstände in der Gefrierfleischversorgung zu setzen. mit alten Berliner Humoren und Witzijsteiten ausstattete. Seine Art, die Dinge ironisch zu nehmen und sie kalt servieren zu lassen, hatte die Lacher auf seiner Seite. Meta Jäger als Mutter mit dem Streben in die höheren Gesellschaftsschichten oermied alle Ueber- treibung. Hermia Born suchte nach Kräften die Rosa, die ge> und verbildete Tochter zu modernisieren. Hans H o m f e l d t gab dem Schlossermeister Knorr Charakter. Der Beifall und die Blumen- fülle schienen einem Theaterereignis ersten Ranges zu gelten.— r. Ein europäische» Telephonneh. Bor Ende des Jahres 1927 werden Deutschland, England, Holland, Belgien, Frankreich, Däne- mark, Schweden, die Tschechoslowakei, Oesterreich, Ungarn, die Schweiz und Italien untereinander durch ein zusammenhängendes Telephonnetz verbunden sein. Bis zu Anfang dieses Jahres gab es wohl gewisse, für den internationalen Verkehr bestimmte Kabel, aber keine wirkliche Verbindung der Telephonnetz« zweier Länder, durch die sie ein gleichförmiges Ganzes bildeten. Nach einem Bericht des Berner Zentralbureaus ist im vergangenen März diese enge Telephongemeinschaft zuerst zwischen Deutschland und der Schweiz hergestellt worden. Deutschland wird durch verschiedene Kabel über Holland, Belgien und Frankreich mit England verbunden werden. An da» Kabel Appenweier— Straßburg— Paris— Boulogne wird die Schweiz durch die Verbindung Straßburg— Basel angeschlossen. Neue Unterseekabel werden Deutschland mit Dänemark und Schweden ver- binden. Das Netz wird weiter ausgebaut durch die Verbindungen Prag— Dresden, Nürnberg— Wien und Budapest— Wien. Wenn dann noch eine Linie zwischen Mailand und der Schweiz hergestellt ist, dann befinden sich außerhalb dieses paneuropäischen Netzes nur noch Norwegen, Sowjetruhland. die Balkanstaaten und Spanien. deren Telephonverkehr weniger lebhaft ist. Ein internationaler Laubenkolonistenkongreß. In Luxemburg soll am 3. Oktober ein erster internationaler Laubenkolonistenkongreß stattfinden. Die Entsendung von Delegierten haben bisher Deutsch- land, England, Frankreich, Italien und sechs andere europäische Länder zugesagt. Den Vorsitz soll der französische Delegierte Abbä Lemire, der Mair« von Hazebrouck, führen. Der Kongreß ist dazu bestimmt, einen internationalen Austausch der gärtnerischen Er- fahrungen zu organisieren, eine Aussprache über die Formen und Aussickten der genossenschaftlichen Zusammenarbeit abzuhalten und Vorschläge über notwendige Rechtsreformen zugunsten der Lauben- kolonisten aufzustellen._ Der Llterarhlkkoriker Jranj Aluncker ig In München im Aller von 70 Jahren gestorben. Er hatte don feit Jahrzehnten den Lehrstuhl sür Literaturgeschichte iune. Seine Forschungen galten besonder» Ktohstock und Lei sing, besten Gesamtwerte er in einer grohen Ausgabe edierte. BeionderZ eingesetzt hat sich Muncker, der ein geborener Bavreutber ist, sür Wagner. Gustav Zrenssea bat einen großen autobiographischen Roman„Otto Sabendiek* vollendet, der demnächst im Berlage von G. Grote, Berlin, erscheinen wird. tkia wall whitmaa-venkmal. Wbitman, der große Nationaldichter der Amerikaner, wird jetzt endlich nach fast 6 Jahrzehnten ein Denkmal in New Nork erhalten. Wie Max Havel in der.Literarischen Welt- mitteilt. ist da» Denkmal von dem New Yorker Bildhauer Jo Davidson geschaffen worden und zeigt ihn-IS.Tramp-, als Wanderer aus der freien Straße. mit dem Hute in der Hand und mit wallendem Bart, s««ie er seine schönsten Gesänge gedichtet haben mag. Lenmgraöer Alltag. Arbeitslosigkeit und„Sparsamkeitskampagne". Von«in«m russischen Sozialdemokraten wird uns aus Leningrad geschrieben: Wir leben im Zeichen der„Sparsomkeitskampagne", die sich immer deutlicher gegen die Arbeiterschast wendet. Das Sparsamkeits- regime wird meist von den Arbeitern„die Sparsamkeitspresse" genannt. Der Druck dieser.Presse" wird von Monat zu Monat emp> findlicher. Am stärksten wirkt sie sich in der Arbeitslosigkeit aus. Seit Januar werden ununterbrochen Einschränkungen in den Be- trieben vorgenommen, wobei sich die Zahl der entlassenen Fabrik- a r b e i t e r im April besonders gesteigert hat. In den lesstcn Mo- naten wurden die Buchdrucker von der Abbauaktion besonders stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Arbeitslosigkeit Hot hier im Zusammenhang mit der Krise auf dem Büchermarkte einen bedrohlichen Charakter angenommen. Die Verlage schränken ihren Betrieb ein, die Druckereien entlassen einen Teil der Arbeiter. In Leningrad sind 4000 Buchdrucker— von insgesamt 20 000— arbeitslos: die Mehrzahl der Buchdrucker arbeitet bloß vier Tage in der Woche.(Im Zusammenhang damit verdient die Tatsache Er- wähnung, daß die Auflageziffern der Zeitungen nach dem Ueber- ganz zum Einzelabonnement stark zurückgegangen sind: in diesem Jahre werden täglich nur 240 000 Exemplare— gegenüber 400 000 im Vorjahre— verbreitet.) Die Entlassungen erstrecken sich vorwiegend auf die unteren Beamten und aus die Arbeiter der niedrig st«n Lohnklasscn. Auch unter den Jugendlichen herrscht eine starke Arbeitslosigkeit. Die Zahl der bei dem lokalen Arbeits. Nachweis registrierten jugendlichen Arbeitslosen beträgt 18 300. Ar- best findet sich jedoch nur für fünf bis zehn Personen täglich. Be- sonders hoch ist die Zahl der Opfer des Sporsystems unter dem Bureaupersonal, das sich in einer verzweifelten Lage be- findet. In den Zuschriften der Arbeiterkorrespondenten und in den Entschließungen der Arbeiteroersammlungen wird ständig und mit großem Nachdruck auf das Mißverhältnis zwischen der Zahl der An- gestellten und der der Arbeiter hingewiesen. Das bedrohliche Gespenst der Entlassung, das mitunter auch die Arbeiter in einem Gefühl der Unzufriedenheit und des Protestes vereinigt, führt andererseits zu Unstimmigkeiten und Feindseligkeiten i n der Arbeiterschaft selbst. Nach den Berechnungen der Wirschastler erreicht die Zahl der überschüssigen Arbeitskräfte in der Leningrader Industrie die Höhe von 18 000. Mit großem Nachdruck, der hier wenig am Platz« ist, wird die Entfernung dieses.Anhängsels" gefordert. Man traut sich freilich nicht mit dieser energischen For- dcrung den Arbeitern offen in den Arbeiterversammlungen gegen- überzutreten, jedoch sind weitere Entlassungen unvcr- weidlich. Die Arbeiter sind sich dieser Tatsache bewußt, und es wird deshalb in ihren Kreisen die Frage erörtert, auf wen sich die Entlassungen in erster Reihe erstrecken sollen. Müssen in erster Linie die ledigen oder jugendlichen Arbeiter oder die, die am häufig- slen von der Arbeit fernbleiben, enllassen werden? Es ist klar, daß schon die Erörterung dieser Frage zu Zwistigkeiten in der Arbeiter- schast führen muß. Im Lokalblatt werden täglich 13 bis 20 S e l b st m o r d f ä l l e registriert. Darunter sind viele Jugendliche, meist Schüler, die Lebensüberdruß und Enttäuschung in den Tod treiben; in über- wiegender Mehrzahl sind es jedoch Arbeitslos«. Gist, die schlammigen Fluten der Fontanka oder der Sprung aus dem fünften Stockwerk erscheint ihnen als einziger Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit der monatelangen Hungerqualen. Die Verzweiflung hebt den Mut, und die Unzufriedenheit tritt mitunter offen zutage. So schreibt ein Ar- bester an die Leningrader.Prawda"(die meisten dieser Briese wandern sicherlich in den Papierkorb der Redaktion!):.Wir schauen In die Ferne und sehen nicht, was in unserer allernächsten Nähe vorgeht; wir erörtern die Lage in den bürgerlichen Ländern, was bei uns aber los ist, das sehen wir nicht, wir wollen auch nicht sehen und verlieren darüber kein Wort." Solche Klagen hört man häufig..Für die Arbeitslosen in E n g- land wird Geld gesammelt, und die Leichen unserer Arbeirslosen schwimmen dutzendweise in der Fontanka." Es ist bezeichnend, daß die Arbeiter fast nie den Ausdruck gebrauchen,„wir sammeln", son- dern immer nur„es wird gesammelt". Auf dem Arbeits- nochweis wurden zwangsweise Kolonnen aus gelernten Arbeitern für die Straßenreinigung, für den Traneport von Baumaterialien nach den Bauplätzen, für Verladungsarbeiten usw. gebildet. Ihr Taglohn beträgt mitunter nicht mehr als 80 bis 80 Kopeken(!). die Arbeitsverweigerung führt in diesen Fällen zur Streichung aus den Listen der Arbeitsuchenden. Zwangsweise wurden auch Kolonnen aus Arbeitslosen für die Torfgewinnung gebildet. Das Sparsamkeitsregime führt nicht nur zum Anwachsen der Arbeitslosigkeit, es trägt auch in erheblichem Matze zur V e r- schlechterung der Arbeitsbedingungen bei, denn zu seinen Begleiterscheinungen gehören Herabsetzung der Löhne. Ber- lctzung der Tarifverträge. Verzögerungen bei der Lohnauszahlung. Einschränkungen auf dem-Gebiet« der sozialen Versicherung, Ver- schärfung des Strafsystems usw. Besonders häufig sind auch die Klagen über die Handhabung des„Sparregimes" als eines Systems der kleinlichsten Schikanen, die unter den Arbeitern Aerger und Un- mut erregen. Die Verletzungen der Tarifverträge durch die Der. waltung in Form von Einschränkung und Schmälerung der Ver» günstigungen für Arbeiter nehmen einen systematischen Charakter an. So hat z. B. die Verwaltung der Fabrik„Krasnaja N i t s" die Löhne der Hilfsarbeiter um 12 Proz. verkürzt, ohne vorher die Zustimmung der paritätischen Tariskommission einzuholen. Di« Ver- waltung der Werke„K r a s n y M a j a k" hat es abgelehnt, die Zeit für das Schmieren der Maschinen anzurechnen, obgleich jede Schicht eine halbe Stunde dafür verwenden muß. Den Lederarbeitern, die mit dem Trocknen der Felle beschäftigt sind, wurde entgegen dem Tarifvertrag ein Ergänzungsurlaub verweigert usw. Noch schlimmer steht es mit der Frage der rechtzeitigen Auszahlung der Löhne. Im Zusammenhang damit wächst auch die Zahl der Kon- fliktc zwischen der Verwaltung und den Arbeitern. Darüber gibt es keine genauen Angaben, da die Mitteilungen über Arbeitskonflikte in der Press« nur sehr geringe Erwähnung finden. Es ist aber beispielsweise bekannt, daß der Metallarbeiteroerband im vorigen Jahre 331 Konfliktfälle zu schlichten hatte; in diesem Jahre ist die Zahl der Konflikte im Laufe des ersten Halbjahres bereit» auf 1482 angewachsen. Unter diesen Verhältnissen setzt sich die Unzufriedenheit der Massen allmählich in eine politisch« Aktivität um. auf die die Zickzacklinie der Gewerkschostspolitik. das Anwachsen der oppositionellen Stimmungen und das wachsende Interesse der Ar- beiter für die Sozialdemokratie zurückzuführen sind. England» iso-Milliarden-Skaasischuld. Die Verbindlichkeiten des englischen Staates höben sich im letzten Finanzjahr um 480 Mil- lionen Mark vermindert. Di« äußere Staatsschuld beträgt jetzt 22 Milliarden, die Innere 138 Milliarden Mark. Kinöerfest im Dorf. Daß die Dorfschule auch dazu übergegangen ist, den Kindern die Bitternis des Stillsitzens, Nichtschwätzens und Lernen» durch die Süße fröhlicher Veranstaltungen schmackhaft zu machen, ist gewiß freudig zu begrüßen. Anders als im Kopf des Großstadtkindes malt sich in dem des Dorfkindes die Welt. Gewiß, die technischen Wunder, Elektrizität und Telephon, haben auch in den abgelegensten Orten ihren Einzug gehalten, und Familien, die sich abends die Rundfunk- Hörer anlegen, gibt es auch vereinzelt. Aber das, was die Kinder mehr zujaminensühren könnte, wie z. B. Sport, fehlt meistens, da keine Plätze vorhanden sind, die sich zur Abhaltung der Uebungen eignen. In den gemeinsamen Vergnügungen während der Jahre, die sie in der Schule verbringen, haben die Kinder Ersatz für so vieles, das den Großstadtkindern öfters geboten werden kann. Auf den Lehrer kommt es natürlich an, ob solche Gemeinsamkeit anregend und erfrischend auf die jugendlichen Gemüter wirkt. Wer auf dem Lande viel umherkommt, wird wohl stets die eine oder andere Schule auf froher Wanderung angetroffen haben, deren Endziel ein land- schaftlich oder historisch bemerkenswerter Punkt ist. Aber letzt, wo der Abend schon ziemlich früh hereinbricht, ist dos dörfliche Kinder- fest Trumpf. Von mittags bis abends beherrschen Mädel und Buben die Dorfaue und den Festsaal der Dorfwirtschast: ein Umzug der mit Blumen geschmückten Kinder leitet das Fest ein, ein Fackelzug beschließt es. Dazwischen allerhand Belustigungen, Spiele, Reigen- Vorführungen, Sportübungen, wie Klettern und Lausen: Kinder- gemllter sind ja mit so wenigem zufrieden zu stellen. Ist die Dunkel- hcit hereingebrochen, gibt es im Saal eine Kasperlevorstellung, die das volle Verständnis der Jugend findet. Aber auch die Alten lachen über die Schnurren— sitzen doch hier Arbeiter und Groß- bauer dicht beisammen. Politik sollte von diesen Kinderfesten fern- gehalten werden, aber es ist kennzeichnend für die Mentalität der reaktionären Kreise, daß sie auch hier versuchen, schwarzweißrot zur Geltung zu bringen. Und sei es auch nur als kleine Wimpel hoch oben an den Balten der Saaldecke. Eine Provokation, die so billig ist, wenn man die Majorität im Dorf hat. Und das Pfui derer, die Politik von Schulkindern fernhalten wollen, prallt an ihrem engen Geisteshorizont ab. Söttchers Raubzüge. Verbrechen, die noch auszuklären sind. D«r Raubmörder Böttcher räumte«inen neuen Ueberfakh «in. Auf ein« eigene Art ist wieder«in Raubüberfall, der ebenfalls von dem oerhafteten Böttcher oerübt wurde, aufgeklärt worden. Unter den Sachen, die der Verbrecher einem Mädchen geschenkt hatte, befand sich auf«in M i n ia t u r« l e fa n t aus Elfenbein. Eine Dame, die von den Taten Böttchers und diesem Fund in den Zeitungen los, machte daraufhin der Kriminalpolizei erst nachträglich die Mitteilung, daß sie ebenfalls beraubt worden war. Am Sonnabend, den 21. August d. I., ging sie mit einem Herrn in der Umgebung von Strausberg spazieren. Auf einem Waldweg« In der Näh« des Stienitzfees stürmte plötzlich ein junger Mann, der unbemerkt von hinten herangekommen war, zwischen dem Herrn und der Dame hindurch und entriß dieser die Handtasche. Um dem Räuber einen Schreck einzujagen, rief sie ihrem Begleiter zu, er solle seinen Revolver ziehen und schießen. In diesem Augenblick hatte der Räuber in nicht allzu weiter Entfernung«in« Anhöhe«rreicht. Als er den Ruf der Dame hörte, wandt« er sich um, zog sein« Pistole und rief, das Schießen könne sie haben. Sofort feuerte er auch«inen Schuß ab, der aber zum Glück fehlging. Die geraubte Handtasche hatte nun u. a. einen Elfenbeinelefanten enthalten, den die Dame, wie viel« ander«, als Talisman bei sich zu tragen pflegt«. In dem dem Mädchen abgenommenen Talisman erkannte sie den ihrigen wieder. Böttcher gestand auch diesen Raub«in. Andererseits haben die Vernehmungen des Verhafteten selbst und sein« Geständnisse auch «zeigt, daß in vielen anderen Fällen die Ueberfallenen ebenfalls kein« Anzeige gemacht hoben. So raubte Böttcher End« Juli oder Anfang August d. I. einer Dame im Grunewald ein« kleine Handtasche mit 4 bis 5 Mark, einem Bund Schlüssel und einigen Taschentüchern, Mitte August einer jungen Frau in der Nähe des Bahnhofs Eich- kamp«ine Handtasche mit einem kleineren Geldbetrag, Schlüsseln und einer Hundekette, ferner zu einer anderen Zeit am Bahnhof Eichtamp einer jungen Frau, die einen hellbraunen Mantel getragen hoben soll, die Handtasche mit etwas über 3 Mark, mehreren Schlüsseln und zwei Fahrkarten für die Streck« Biefenthal— Grunewald. Endlich versuchte er in der Näh« des Kaiser-Wilhelm-Turmes einer Dame eme Aktentasche zu entreißen. Wie er sich zu«rinnen» glaubt, feuerte er in diesem Falle«inen Schuß in den Erdboden ab, um die Dame zu erschrecken. Die Opfer aller dieser Uebersälle haben, wie gesogt, keine Anzeige gemacht, konnten bisher auch noch nicht ermittelt werden. Sie werden gebeten, sich im Zimmer 108 des Polizeipräsidiums zu melden. Dort liegen auch noch mehrere Sachen aus. die Böttcher ohne Zweifel bei Ueberfällen erbeutet Hot. Ob ihm auch der Mord an der Frau Ulbrich im August 1924 in dem Walde zwifchen Friedrichshagen und Rahnsdorf und an der 19jährigen Hausangestellten Elisabeth Stangierfti im März l928 auf dem Arnswalder Platz zur Last fallen, läßt sich noch nicht sagen. Die Ermittlungen haben bisher dafür noch keinen Anhalt ergeben, sind aber noch nicht abgeschlossen. „Ter BerfaN der Wohnhäuser." Zu diesen Feststellungen in Rr. 406 vom 29. August 1926 erhalten wir vom Bezirksamt Prenzlauer Berg nachstehend« Erwiderung: „Am 23. Juli 1926 erhielten wir die Anzeige eines Mieters, daß der Vermieter trotz wiederholter Ausforderung durch die Mieter sehr dringende Reparaturen nicht ausgeführt habe. Besichtigung der Schäden auf dem Grundstück wurden angeordnet und fand am 11. August 1926 statt. Der technische Sachverständige des Wohnungsamtes hatte zur Besichtigung sowohl den Antragsteller als auch den Eigentümer geladen. Der Eigentümer ließ durch die Frau des Hausreinigers um Ausschub der Besichtigung bitten, weil er verreist sei. Diesem Wunsche wurde nicht entsprochen, die Be- sichtigung wurde vielmehr in Gegenwart des Antragstellers durch- geführt. Dabei wurden im Hause schwere Schäden fest- g e st e l l t, die zum großen Teil der Darstellung, die am 29. August 1926 im.Vorwärts" gegeben wurde, entsprechen. Auf Grund der Bestimmungen des preußischen Wohnungsgesetzes und der Berliner Polizeiverordnung betreffend Wohrnmgsordnung konnte das Wohnungsamt nun nicht fofort etwa mit Zwang gegen den Eigentümer vorgehen. Das Wohnungsamt hat vielmehr Abhilfe zunächst durch Rat. Belehrung oder Mahnung zu versuchen. Das ist auch in diesem Fall, nachdem der umfangreiche Bericht des technischen Sachverständigen niedergelegt war, alsbald geschehen. Erst wenn sich nach Ablauf einer Frist erweist, daß dieser-gütliche Versuch, zur Abhilfe zu gelangen, fruchtlos bleibt, ist das Wohnungsamt in der Lage, dem Vermieter unter Stellung einer nochmaligen angemessenen Frist zur freiwilligen Aussührung der Arbeiten die Anwendung von Zwang anzudrohen. Bleibt diese Androhung vergeblich, so wird das Wohnungsamt die Ausführung der Arbeiten, die zur Be- seitigung der Schäden notwendig sind, auf Kosten desEigen- tümers durch Dritte anordnen. Ein Teil der Mängel ist inzwischen durch Eingreifen der städtischen Baupolizei behoben. Die Ungeduld der unter der Nachlässigkeit des Hauewirtes leidenden Misterschast ist zwar zu begreisen, es ist aber in diesem Falle der Mieterschaft lelbst nicht der Vorwurf zu ersparen, daß sie die Schäden zu großem Umfang hat an- wachjen lassen, ohne das Wohnungsamt zu unter. richten. Dos Wohnungsamt bemüht sich, in jedem Fall, in dem über Schäden in Häusern geklagt wird, nach seinen Kräften, die ja durch Einschränkung de» Personals bekanntlich stark beschränkt worden sind, und unter strenger Anwendung der gesetzlichen Vorschristen den Klagen so schnell wie möglich nachzugehen und dafür zu sorgen. daß den gerechtfertigten Ansprüchen der Mieter hinsichtlich der Be- schaffenheit und der Instandhaltung der Wohnungen entsprochen wird." Schwerer Unfall km Umformerwerk humbolüt. Von der Hochspannung gelölet. Ein tödlicher Unfall trug sich heut« morgen in dem U m- formerwerk Humboldt in der Kopenhagener Slraß« im Norden Berlins zu. In einem 6000 Volt(6-Kilc»watt-Sammelfchi«nen) Raum war der 27jährig« Monteur Otto Runge aus der Herz- bergstraße 123a zu Lichtenberg mit Montagearbeiten be- schöstigt. Aus bisher noch ungeklärten Ursachen kam R. der Hoch- fpannungsleitung zu nahe und wurde auf der Stelle ge- tötet. Der Tot« wurde nach dem Leichenschauhaus gebracht; ein« polizeiliche Untersuchung über die Todesfrag« ist eingeleitet. Das Unglück ist um so tragischer, als Runge kurz vor der Hochzeit stand. Ein weiterer folgenschwerer Unfall mit tödlichem Ausgang er- eignete sich am Mittwoch abend auf dem Verschiebebahnhof in Seddin. Der Fahrdienstleiter Hermann Kroll aus Neu-Seddin wurde von einer zuschlagenden Tür so unglücklich am Kopfe ge- troffen, daß er schwer verletzt, bewußtlos zusammenbrach. Kurze Zeit darauf trat der T o d ein. K., der verheiratet ist, hinter- läßt vier Kinder.__ Die hundertjährige Erbschaft. Vor fast zwei Jahrhunderten wollten zwei Brüder Loch- mann, ein Seiler und ein Sattler, noch Holländisch-Jndien aus- wandern. Sie wollten die Ueberrcise getrennt unternehmen und sich in Bataoia wieder treffen. Das Schikf, mit dem der Seiler fuhr, ging unterwegs unter, keiner ber Passagiere konnte gerettet werden. Der Sattler Lochmann siedelte sich in Bataoia an und nahm eine Eingeborene zur Frau. Durch seinen Beruf tonnte er sehr viel Geld verdienen und galt bald al» ein wohlhabender Mann. Sein einziges Kind, ein Sohn, wollte Lochmann in Deutschland studieren lassen. Kurz nach der Ueberfahrt nach Holland starb der Sohn auf einer Insel bei Amsterdam. Auch die Frau starb sehr jung. Lochmann, der mit großer Liebe an sein Heimatland hing, unterstützte seine in Deutschland lebenden Verwandten. Als er im Jahre 1792 in Bataoia starb, haben die holländischen Behörden sein Erbe verwaltet, den Erlös seines Besitzes nach Deutschlsand geschickt. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden diese Beträge von einem Rechtsanwalt Bindewald unter die Erben verteilt. Die Erbjchaftsmasse war aber noch nicht völlig aufgebraucht nach dieser Verteilung. Vor einiger Zeit hat die holländische Regierung als Nachtrag noch eine Summe von 20000 holländischen Gulden überwiesen mit der Anordnung, diese Summe an die Erben zu verteilen. Das Erbschastsgeld, das von der Devisen- beschoffcingsstelle des Amtsgericht Berlin-Mitte zur Auszahlung gelangen soll, harrt immer noch aus die Erben. Nach langem Mühen sind jetzt drei Familien ausgesundcn, die für die Erbschaft in Fraae kommen. Doch da das Geld erst ausgezahlt werden kann, bis alle Erbberechtigten, die aus Hettstädt. Arnstadt. Sondcrsleben stammen müßten, sich gemeldet haben, müssen auch die schon bekannten Erben noch warten. Aus Leserkreisen wird uns noch mitgeteilt, daß die Vertretung der schon als erbberechtigten Familien Rechtsanwalt Dr. E. Dett- nmnn, Berlin, Samoastr. 7, übernommen hat. Schloß Grunewald als Polizcistation. In letzter Zeit waren wiederholt Klagen über ungenügenden polizeilichen Schutz im Grunewald laut geworden. Wie wir dazu vom Polizeipräsidium ersahren, ist inzwischen ein Kommando von 15 Beamten mit 17 Pferden im Jagdschloß Grunewald stationiert worden. Durch diese Maßnahme hat nunmehr der ganze südwestliche Bezirk bis zur Potsdainer Grenze ausreichenden polizeilichen Schutz erhalten. Immer wieder Steinwürfe aus Eisenbahnzüge. Erst vor einigen Tagen wurde einem Fahrgast am Bahnhof Börse durch einen Stein- wurf der Unterkiefer zerschmettert. Der Mann liegt noch im Krankenhausc. Gestern nachmittag wurde wieder der Wann- seezug 4418 auf der Strecke zwischen Schöneberg und Friedenau in der Nähe der Ebersbrücke beworfen. Ein fauftqroher Stein zer- trümmerte auf der rechten Seite die Fensterscheibe eines Abteil«. Die Splitter flogen umher, der einzige Fahrgast in dem Abteil,«ine Dame, blieb ober unverletzt, weil sie aus der linken Seite saß. Mit- teilungen zur Ausklärung an Kriminalkommissar Dost, Streif« H, im Polizeipräsidium. Mit einem Schuß in der Brust wurde heute früh gegen 1 Uhr ein junger Mann an der Ecke der Westfälischen und Eisenzahnstraße besinnungslos aufgefunden. Im Krankenhaus in der Achenbach- straße, wo der Arzt einen Lungenschuh feststellte, wurde er als der 21 Jahre alt« Arbeiter Otto Ohm aus der Hektorstraße 14 erkannt. Der Schwerverletzte hat das Bewußtsein noch nicht wieder- erlangt. Passanten und ein Wächter hatten einen Schuß fallen hören und den Mann in einer Blutlache liegend aufgesunden, aber nicht gesehen, daß jemand davonlief. Weil der Verletzte noch nicht vernommen werden kann, so ist noch ungeklärt, ob er sich selbst ge- schössen hat oder angeschossen worden ist. Mitteilungen zur Aus- klärung an die Kriminalpolizei des 157. Reviers. Ein aufregender Vorfall spielte sich gestern abend kurz vor 'AS Uhr in dem Hause Katzlerstrahe 7 ab. Die 21jährige Ehe- s r a u des Schlossers Hermann Hansche geriet mit ihrem Manne, den sie der Untreue bezichtigte, in Streit. Sie ergriff ein auf dem Tisch liegendes Küchenmesser und bracht« ihrem 23jährigen Ehemann mehrere Stiche in der linken Brustseite bei. H. wurde in schwerverletztem Zustande in das St. Norbert-Krankenhaus eingeliefert. Die Täterin wurde von der Polizei festgenommen. Müttersortbildungskur, über Entwicklung, Pflege. Ernährung und Erziehung des Kleinkindes. Am Freitag, den 1. Oktober 1926, beginnt im Koiserin-Auguste-Viktoria-Haus, Eharlottcnburg, Fiank- straße 3(Straßenbahnhof Westend), ein Kursus über Entwicklung, Pflege, Ernährung und Erziehung des Kleinkindes. Der Kursus umfaßt vier Doppelstunden, jeweils Freitags von 3— 5 Uhr nachmittags. Die Einschreibegebühr von 10 M. ist im Aufnahmsbureau der Anstalt zu entrichten.(Postscheckkonto Berlin Nr. 12 360.) Zwei Bergarbeiter getötet. Ein schwerer Unfall, dem zwei Menschenleben zum Opser fielen, hat sich am Mittwoch nachmittag auf dem Clothildc-Schacht bei Eislcben ereignet. Infolge eines Strcbenzusammenbruches gingen dort größere Gestein- Massen nieder und stürzten aus mehrere an dem Ort arbeitende Bergleute. Zwei von diesen wurden getötet, einer schwer und einer leicht verletzt. Die Schuldfrage ist noch nicht geklärt. Doppelraubmord in Schlesien. In der schlesischen Grenz- gemeinde W e r n st a d t ist ein doppelter Raubmord verübt worden. Einbrecher drangen nach Einbruch der Dunkelheit in das Haus des Schuhmachermeisters Kriesche, den sie über den Haufen schössen, als er sich ihnen entgegenstellte. Der zur Hilfe herbeieilende Sohn wurde durch einen Bauchschuh tödlich verletzt. Von den Ein« brechcrn fehlt einstweilen jede Spur. Groß- Serlmer Parteinachrichten. 17.«t«U. Lichtenberg z e I t>l n a» k o m m l ssi«n. Heute abend» llhr Sitzung in der BidiioNiet. Veichselstr. SS W.«bt. Heut« abend« Ubr. Die Partelaenogen beletliaen sich«ur UntertiNtzung unseres Redner» an der Siternversammiung der 23. Poiteschui». Ktrau.d.-racr Strotze 9. Die B»z>it»slltirer melden umgehend an den Lorsitzenden die FunttionSr, der gerwngstommifsion, Bn öle berliner BfB-Mtglieüer! Für die gewerkschaftliche Werbewoche. Das Jubiläum de» Inlernalionalen Gcwerkschaflsbundes wird Sonnlag, den lg. September lSZS, gemeinsam von den freien Ge- werkschasten der Berliner Arbeiter und Angesielllen durch D e m o n- stralionszug und eine nachfolgende 5 e I e r auf der Treptower Spielwiese und in den Treptower Gartenlokalen begangen. Jür den Demonstrationszug aller AfA-Gewerkschaften werden genaue Anweisungen von den einzelnen Gewerkfchaslea sowohl wie auch vom AsA-Orlskartell herausgegeben. Als Lokal in Treptow(nach der Feier auf der Spielwiese) ist ollen AfA-Gewerkschaflen da» tklablissemenl Z e n n e r zugeteilt worden. Einlrillskarlen zum preise von 50 Pf. werden ausgegeben. Diese können bei den Berliner Geschäftsstellen der AsA-Gewerk- schoflen gtrfcn sofortige Bezahlung während der bekannten Geschäfts. stunden abgeholt werden. Gemeinschaftliche Entnahme von Karlen für bestimmte Betriebe usw. empfiehlt sich. Im Interesse einer schnellen Abrechnung können kommissionsweise Karten nicht aus- gegeben werden. Bezahlte Karten werden nicht zurückgenommen. Die Zahl der abzuholenden Karten mutz deshalb von den Funktionären usw. vorher genau errechnet werden. Es wird erwartet, datz alle Berliner AfA-BIItglieder sich restlos an allen gewerkschaftlichen veranstallungen am Sonntag, dem lZ. September er., beteiligen. Allgemeiner freier Angeslclllenbund, Ortskarlell Berlin. Flatau. Reichel t. vie Vorschläge üer englischen Negierung. Bezlrksrege'ungcn mit allgemeinen Grundsähen. London, 9. September. lWTB.) Churchill erklärt in seinem bereits kurz gemeldeten Schreiben an den Vorsitzenden des Verbandes der Grubenbesitzer, E o a n Wi l l i a m s, es fei unter den äugen- blicklichen Verhältnissen vollkommen unmöglich, daß irgendeine in London stattsindcnde Konferenz zunächst mehr tun könne, als gewisse G r u n d s ätz e festzulegen und die praktischen Schritte zu cmp- kehlen, die notwendig seien, um eine baldige allgemeine Wiederauf- nähme der Arbeit herbeizuführen. Die Verhandlungen über A b- kommen bezüglich der Löhne, Arbeitsstunden und andere Ve- dingungen in jedem Bezirk könnten mit der Zustimmung beider Parteien unter günstigen Bedingungen und ohne weitere Ver- zögcrung geführt werden. Bezirksregelungen, die in Heber- einstimmung mit allgemeinen Grundsätzen abgeschlossen würden, müßten eine Grundlage haben, auf der die Arbeit sofort wieder ausgenommen werden könnte. Es dürfte nicht schwierig sein, ein für ganz England gültiges Abkommen abzuschließen, das zahl- reich«, wenn nicht alle Punkte einbegreife, die bisher für das ganz« Land behandelt worden seien. « Wenn das vorstehende Telegramm die Vorschläge der englischen Regierung richtig wiedergibt, dann würde das ein Eingehen auf die Forderungen der Zechenbesitzer bedeuten. Diese wollen die neuen Arbeitsbedingungen nur bezirksweise regeln, während der Bergarbeiterverband als Verhandlungsgrundlage einen Reichs- t a r i f fordert. Die �allgemeinen Grundsätze' würden nur noch eine leere Form bilden, wenn sie nicht die Arbeitszeit und allgemeine Mindestlöhne vorschreiben. Keine zentralen Verhandlungen? London. 9. September.(EP.) Schatzkanzler Churchill hat dem Speziolkomitee des Bergwerksbesitzeroerbandes einen Brief gesandt, worin er«ine neue'Konserenz zwischen Vertretern der Arbeiter, der Bergwerksbesitzer und der Regierung vorschlägt. Er bringt u. a. in Dorschlag, daß in jedem Bezirk die Arbeiter und Bergwerks- besitzcr getrennt über die Bedingungen für die Wiederausnahme der Arbeit zu beraten hätten und daß die jeweiligen D i st r i k t s- abkommen dann einem Reichskomilee zur Ratifizierung zu unterbreiten seien.(Damit wäre das Reichskomitee nur noch eine Negistriermaschine.) Cook ist pessimistisch. London, 9. September.(Eigener Drahtbericht.) Cook ver- weigerte nach seiner Rückkehr zum Gewerkschaftskongreß in Bourne- mouth jegliche Auskunst über den Inhalt der Unterredung mit der Regierung, jedoch stand sein Pessimismus in auffallendem Gegensatz zu den in den Kreisen der Regierung gemachten optimisti- schen Auslassungen._ Sorgen eines kommunistischen öetriebsrats. Wie verhindert man die Einheilsfronl? Von dem Betriebsrat einer Firma— der Name tut nichts zur Sache— erhalten wir den Wortlaut einer Entschließung zugestellr. Diese Entschließung beschäftigt sich mit keinem Wort mit den Der- hällnissen in dem Betrieb. Don gewerkschaftlichen Dingen ist üb«?- Haupt keine Rede darin. Die gewerkschaftliche Werbewoche scheint die Belegschaft, in deren Namen der Betriebsrat uns die Ent- fchließung zuschickt, nicht zu interessieren. Auch von sozialpolitischen Wünschen findet man in der nicht gerade wortkargen Entschließung auch nur die geringst« Spur. Die Entschließung ist in ihrem ersten und längsten Teil«in Protest gegen die Zustände in— Rumänien. Dann heißt es wörtlich: „Ferner fordert die Belegschaft die Freilassung aller prole- tarischen politischen Gefangenen in Deutschland wie in allen übrigen kapitalistischen Ländern.' Da» ist nun kommunistische Arbeiterpolitikl An sich ist es ab- geschmackt und lächerlich, wenn die Belegschaft eines kleinen Unter- nehmen? von„ollen übrigen kapitalistischen Ländern' dies oder jenes fordert. Diese übrigen kapitalistischen Länder hab«n andere Sorgen, als sich um„Entschließung«»' der Belegschaft eines Be- triebes in irgendeiner Stadt der Welt zu kümmern. Hat aber die Belegschaft wirklich keine anderen Sorgen? Weiß sie nicht, daß es politisch« Parteien und Parlamente gibt, die dazu da sind, um sich mit politischen Dingen zu befassen? Es ist freilich viel bequemer und weniger riskant, gegen die rumänisch« Regierung zu protestieren, als sich um die Zustände im eigenen Betrieb zu kümmern. Es erfordert viel weniger Mühe und Kenntnisse, eine solche Entschließung zu schreiben und zu begründen, als sich in die Anwendung des Betriebsrätegesetzes zu vertiefen. Ist es nicht von einer tragischen Komik, wenn dann dies« Helden „die Freilassung aller proletarischen politischen Gefangenen in Deutschland wie in allen übrigen kapital! st ischen Ländern' fordern! Also in Rußland darf man Proletarier wegen ihrer abweichenden politischen Gesinnung einsperren! Solche Geistes- eunuchen, solche platte Mamelucken erzieht die KPD. Warum w«rden überhaupt solch« lächerliche und beschämende Entschließungen eingebracht? Man weiß, daß sie lächerlich sind. MUglieder des DNV. Ihr müht vollzählig die Wahltörperversammlungen besuchen! Aber sie werden fabriziert, weil man verhüten will, daß die Arb«iter sich einigen. In den Fragen, die die Belegschaft als solch« interessiert, in allen gewerkschaftlichen Fragen wird«s immer leicht sein, eine Einigung zwischen kommunistischen und sozialdemn- kratischen Arbeitern herzustellen. Das muß verhütet werden! Deshalb bringt man Entschließungen ein, denen kein ehrlicher Sozialist zustimmen kann. Spaltung um jeden Preis, auch um den Preis der Lächerlichkeit, das ist die bolschewistische Parole der „Einheitsfront'._ /lus der öötzow-örauerei. Die neue Richtung. Solange die Leitung der Brauerei Bötzow noch in den Händen des alten Inhabers Julius Bötzow lag, konnte man sagen, daß der Betrieb unter allen Brauereien zu denen gehört, die wenigstens etwas soziales Verständnis für die Lage ihrer Arbeiter und Angestellten hatten. Nach dem Tode des Inhabers versucht man neue Bahnen zu gehen. Die jetzige Leitung hat es fertig bekommen, von ihren 86 Angestellten 28 zu kündigen, angeblich, weil der Betrieb mit Angestellten übersetzt und das Gehaltskonto nicht mehr „tragbar' sei. Es zeugt gerade nicht von großer Weisheit, daß man, um E r- s p a r n i s s e zu machen, diese zuerst bei den Gehältern der A n g e- stellten machen will. Auch im Betriebe der Brauerei Bötzow wird es bestimmt andere Möglichkeiten geben, die Aus- gaben einzuschränken. Wir denken da z. B. an eine Verringerung der Direktorenbezüge, durch die diesen Herren immer noch mehr als das Eristenzininimum verbleiben würde. Die Tatsache aber, daß unter den Gekündigten Leute sind, die«in Menschen- alter im Betrieb beschäftigt sind und wegen ihres Alters gar keine Aussicht mehr haben, überhaupt noch in einem anderen Betrieb unterzukommen, läßt die Vermutung zu, daß die Firma diese L«ute eben wegen ihres Altere entlassen will. Diese Personalpolitik ist um so unverständlicher, als doch gerade die Braue- reien— und die Brauerei Bötzow bildet keine Ausnahme— unter der Wirtschaftskrise fast gar nicht leiden, was ja die von ihnen aus- geschütteten Dividenden beweisen. Von der Firma scheint nicht erwogen worden zu sein, welche Folgen diese Kündigungen nach sich ziehen können. Die Arbeiter der Brauerei Bötzow wissen, daß das Schicksal der Angestellten auch das ihr« werden kann und werden es nicht nur bei Protesten be- lassen, wenn die Firma nicht die Kündigungen zurückzieht. Ebenso ist es der gesamten Berliner Arbeiterschaft, die doch hauptsächlich der Konsument des Bieres ist, nicht gleichgültig, welche Personalpolitik die Brauerei Bötzow treibt. Gewerblicher Gesundheitsschutz. JAB. Der Korrespondenzausschuß für den gewerblichen Ge- sundheitsschutz des Internationalen Arbeitsamtes tritt am 13. Sep- tember im Sitzungssaal der Ausstellung für Gewerbehygiene in Düsseldorf zusammen. Albert Thomas, der Direktor des Jnter- nationalen Arbeitsamtes in Genf, wird an dieser Sitzung teilnehmen. Auf der Tagesordnung stehen folgende Fragen: 1. Gewerbliche Ermüdung,-) die Begrenzung der Trag- lasten und Gewichte, insbesondere für die Dockarbeiter, b) Liste der Ermüdungsstudien. 2. Die Entschädigung von Berufskrankheiten: Krankheiten, die noch auf die Liste der Berufskrankheiten zu setzen sind. Am Schluß dieser Tagung beginnt in Düsseldorf eine inter- nationale Konferenz der Gewerbeärzte. Internationale Konferenz der Arbeitsstatistiker. JAB. Am 18. Oktober d. I. beginnt in Genf unter der Leitung des Internationalen Arbeitsamtes die dritte von den Regierungen beschickte Internationale Konferenz der Arbeitsstatistiker. Die Auf- gab« dieser Konserenzen, deren erste im Jahre 1923, die zweite im Jahre 1926 stattgesunden hat, besteht darin, eine Verständigung über gewisse gemeinsame und einheitliche Methoden der Statistik, die eine bessere Vergleichbarkeit der Statistiken von Land zu Land ermöglichen sollen, herbeizuführen. Die Statistiken betr. die Löhne, die Arbeitszeit, die Lebens- kosten, die Arbeitslosigkeit, die Berufsunsälle und die Klassifikation der Industrien wurden bereits aus früheren Konserenzen beraten. Die kommende Konferenz wird sich mit den Streik- und Aus- sperrungsstatistiken und den Erhebungen über Haushaltsrechnungen (Familienbudgets) befassen. Auch soll die Ausstellung eines für internationale Vergleichszwecke geeigneten Jndustrieoerzeichnisses oersucht werden._ »ewirkschaft Dcvtscher Bollslehrer und Bollolehrertune», B r o v i n z l a I- »erbaad Berlin! Nächste Sitzung am Sonnadend, den II. d«. Mio, adends s Uhr, Raihautz, Zimmer»Z. Tageoordnung: l. Sewerkschaltliche«. Z. Jung- ehrersragen, S. Berichte Uber Pari» und Wien. Bitte pünliltch zu erscheinen. Wirtschast Die Preispolitik des kunsiseidenkarlells. Im Juni ist das jüngst gegründete Kunstseidenkartell in Wirklichkeit getreten. Ihm sind di« meisten deutschen Fabriken, die etwa 99 Proz. der Produktion o«r- treten— zurzeit wird dies« aus 89 000 bis 100 000 Kilogramm pro Tag geschätzt—, beigetreten. Als großes Verdienst nimmt das Kartell für sich in Anspruch, daß die Preis« für kunstseidene Artikel von ihm nicht erhöht werden. In der Tat ist es ein seltener Ausnahme- fall, wenn ein Kartell fein« Tätigkeil n i cht mit Preiserhöhungen be- ginnt. Was begründet aber das Verhalten des Kunstseidenkartells— die Absicht etwa, den Verbrauchern zuvorzukomm«n und deshalb auf die Vergrößerung der Profite zu verzichten? Es wäre weit gefehlt, einem Kartell ähnlich« Absichten zuzumuten. Um die wahren Beweg- gründe einer Preispolitik zu würdigen, muß man wissen: 1. daß gerade in den letzten Monaten, als das Kartell gegründet wurde, ein« A b- sa tz st o ck u n g für Kunstseidenwaren aus dem Weltmarkt«intrat, di« die Preise in allen anderen Ländern scharf herabdrückts. Ohne das Kartell wäre vielleicht auch die deutsche Kunstseide billiger ge- worden. 2. Di« deutsche Kunstfeidenindustrie ist einer scharfen Aus- landskonkurrenz auegesetzt: der bestehende Schutzzoll ist nicht hoch genug, um diese auszuschalten, zumal die italienische Kunstseidenin- dustrie durch schlechte Valuta begünstigt wird und dank der billigen Kinderarbeit mit niedrigen Produktionskosten arbeitet. 3. Aus diesen Gründen ist die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Kunstseidenindustrie auch auf dem Weltmarkt sehr«ingeschränkt. Der üblich« Weg der Kartellpolitik, die darauf hinausläuft, die Preise im Inland hochzu- halten, um dadurch ein« Schleuderausfuhr zu ermöglichen, ist für die deutsche Kunstseidenproduktion nicht gangbar bzw. hat sein« Grenzen, einmal weil sie selbst durch Dumping keine große Erfolg« im Ausland erzielen könnte, zum anderen aber, weil die deutschen Ko n- sumgewohnheiten der Kunstseid« im Vergleich zum Verbrauch in anderen Ländern nicht günstig sind. In Amerika schätzt man. daß die Menge der verarbeiteten Kunstseide 10 Proz. der oerarbeiteten Textilrohstofse(Wolle, Baumwolle, Flachs) betrag«: in Deutsch- land dagegen nur etwa 3 Proz. Bei erheblicher Preissteigerung würde sich dieses Verhältnis noch verschlechtern. Somit liegt beim Kunstseidenkartell ein Sonderfall vor: es ist ihm nicht möglich, so lange der Schutzzoll für Kunstseide nicht wesentlich erhöht wird, und auch dann nicht unbedingt, willkürliche Preiserhöhungen vor- zunehmen. Der bayerische Sparkassen- und Giroverband plant eine neue inländische Goldanleihe, deren Höhe noch unbestimmt ist: es sollen 10 bis 26 Millionen Mark auf dem Anleihewege ausgebracht werden, und zwar zu dem Zweck, die alten Markanleihen der baye- rijchen Städte abzulösen. Wie hoch die Summe endgültig sein wird, ist u. a. davon abhängig, daß die großen Städte Bayerns an ihr teilnehmen. Von München und Nürnberg steht das noch nicht fest. Dagegen haben die meisten anderen Städte und Kreise sich dem Projekt bereits angeschlossen. Die Anleihe soll erst im nächsten Jahr herauskommen._,..._ Bus öer Partei. Bevölkerungspolitische Tagung. Der Hauptausschuh für Arbeiterwohlfahrt e. D� Berlin SW. 61, Belle-Alliance-Platz 8(Fernsprecher Dönhoff 8188), veranstaltet am 26. und 26. September eine öffentliche b e v ö l k e» rungspolitische Tagung im Dolkshaussaal in Jena. Am ersten Tag, vormittags 9 Uhr, spricht Dr. Max Ouarck, Dozent an der Universität Frankfurt a. M., über„Sozialismus und Bevölke- rungspolitik', vr. mecl. Zadek-Berlin über„Säuglings- und Mutter- schütz'. Nachmittags 2 Uhr sprechen Or. med. Julius Moses, M. d. R., Berlin, und Gertrud Hanna, M. d. L., Sekre'.ärin im ADGB., Berlin, über den„Schutz der schwangeren Arbeiterin im Betriebe'. Am zweiten Tage folgen Vortröge über„Prostitution und Reglementierung'(Referenten Or. med. A. V. Knack, M. d. B., Hamburg, und Luise Schroeder, M. d. R., Altona) und„Schwanger- schaftsunterbrechungen und-Verhütung(Referenten Or. med. Kautsky-Wien und Elisabeth Kirschmann-Röhl, M. d. L., Köln). Stadtmedizinalrat Or. mvd. S i l b e r st e i n, der der Partei durch den Tod entrissen wurde, sollte das Thema„Säugltzigs- und Mutterschutz' behandeln. An seiner Stelle wird Or. med. Z a d e k in Anlehnung an das von dem Verstorbenen hinterlassen« und im wesentlichen fertiggestellte Manuskript auf der Tagung sprechen. Teil- nehmer müssen baldmöglichst, allerspätestens aber eine Woche vor der Tagung, dem Hauptausschuß für Arbeiterwohlsahrt gemeldet sein. Privat- oder Hotelquartier wird durch die Wohnungskommission in Jena besorgt. Zimmerbestellungen sind unmittelbar an Herrn August Striebung, Jena, Teichgraben 4, II, auszugeben, Eine Landeskonferenz für Würklemberg, an der der erweiterte Landesvorstand und eine Anzahl agitatorisch tätiger Parteigenossen aus dem Lande teilnahmen, besprach die Vorbereitungen für die Sozialdemokratische Werbewoche. Der Bezirksjekretär Genosse Steinmayer gab ein Bild von der Entwicklung der Parteiorganisation während der letzten 16 Jahre in den einzelnen Bezirken und Städten des Landes. Cr teilte zugleich den vom Partei- vorstand aufgestellten Arbeitsplan mit und gab dazu die not- wendigen Erläuterungen. In der Aussprache wurden seine Mit- teilungen und Ratschläge von verschiedenen Rednern durch weitere Anregungen ergänzi. Genosse Hildenbrand vom Parteivorstand besprach des näheren die Gründe, die den Parteioorstand zur Der- anstaltung der Werbewoche veranlaßten. Die Dorschläge des Parteivorstandes ünd des Landesvorstandes fanden die einmütige Zustimmung der Vertrauensmänner der Partei im Lande. Bei allen Teilnehmern der Konferenz war das eifrige Bestreben erkennbar, die Werbewoche zu einem großen o r g a n i s a torischen Erfolg zu gestalten. Den Schluß der Parteikonferenz bildete ein Referat des Genossen Roßmann über die politisd)« Lage, dem eine angeregte Aussprad)« folgte. Verantwortlich für Politik: Dr. S-rt Aeqcr; Wirtschaft:«?t»r Sater m»»: Sewerlschast-beweauna: Z. Strwer: Feuilleton: Dr. John Schikow,«: Lokale» und Eonsliaes: ffrift ltarftädt: Pnzeiaen: Td.«loch«! sämtlich in Berlin. Lerlaft: Borwärl».Perlaa®. m. i. H., Berlin. Druck: Vorwärto-Buchdruckeret und Verlaasansialt Paul Singer u. Co.. Berlin EW 68, Lindenst ratze 8. Berliner Eleklrlher Genossensdiafl »ngcsclil. dem Verb.soi. Oaubelrlebe Berlin N. 24, Elsisser Str. 86-88 Fcrnsbrectier; Norden 6523, b&A Filiale Westen, Wilmersdorl Landhiusstr. 4. Tel.: Plilzburg 9831 Au»»(cllunc»r5aine und Lasen Alexandcritraße 39-40(Alexander Passage), Telephon: kitalgsudt 340 Herstellung elektr. Licht-, Kralt- und Signalanlagen. Verkauf aller elektr. Bedarfsartikel Ausiühr". sämtl. Keparaturen Hreiswerte, eedieaene Arbeit > md iptlir- W„ ifla jn ji_ ri» iiitl.. Gnit und Bei.»ck Intl.topntclll. tv IS Tigen sind ldimn Fjn» t«a(lg> nrten. Gsnttiltarf Ihilrttlot bntltifQDi iid Rifingna. in«l, empfohlen. hvalifmlnli IM. Ht. 1-4. Stola] 10-12. Jnbr lir N» isdilas Adolf Hossmann Episoden und Zwischenrufe an» der Darloments- und INinlsterzeit. Beet» 1 Maet. Porto 6 Pfennig. vorrälig in allen Vorwärts- Ausgabestellen. J. H. W. Dietz NachfL, C.m.b. Undeosnafe i, Hansmasik aal Kredit! iiiiiiniiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiimuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimii Erstkl. 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