flbenöausgabe Nr. 427> 4Z. Jahrgang Ausgabe B Nr. 211 SMuasbebtttflungcn und«nwifleitswir« (Ine In lxr Morsinau-gab« onotatbtn Rebaftion; SD. 68, Cin&enftcafi« 3 Z-rnsprechrr: VSnhoff 292— 292 X«l.'SlbceffcSo3ial6eroo(ta(B«TUa Devlinev Volksblatt (�10 Pfennig) §reitag 10. September 192H Verla« und ilnzeigenadteilunt: ScschSftszeit 8>i, bis S Uhr Verleger: vorwürls-verlag GmdH. ZZerN» SW. 68, Cintienflrafje 3 Zernsprecher: Dönhoff 292— 297 Zentralorgan der Sozialdcmokrati fehen parte» Deutfchlands Oer der Gtresemann und Briand: Freiheit, Frieden, Einigkeit— kein Krieg mehr zwischen Deutschland und Frankreich. V. 8dl. Genf. 10. September.(Eigener Drcihtbericht.) Dns historische Ereignis ist vorüber. Es wird unvergehlich sür jeden bleiben, der es als unmittelbarer Zeuge erleben konnte. Man hätte gewünscht, daß die ganze Welt daran hätte teilnehmen können. Immerhin ist es ein erhebendes Gefühl, daß im Zeitalter der Technik mehrere Millionen Menschen auch in den fernsten Ländern die Möglichkeit hatten, auch einen direkten Anteil an den Genfer Geschehnissen zu nehmen. Bei einem solchen Andrang, wie in der heutigen Voll- Versammlung, hat der Völkerbund noch nie getagt. Seit Tagen sind alle Eintrittskarten vergriffen: aber es kommen schließlich mindestens doppelt soviel Menschen rn den Saal hinein, als er normaler- weise saßt. Einschließlich der Delegierten und der Pressevertreter füllen mindestens 3000 Menschen den Reformationssaal. Als Nintschitschs chammerschlag kurz nach 10� Uhr die Tagung eröffnet, tritt sofort lautlose Stille ein. Nach einigen ein- leitenden Worten können die deutschen Delegierten ihre Plätze ein- nehmen. In der Kirchhofsstille hört man nur das Abblitzen der Jupiterlampen, deren greller Schein gegen den Seiteneingang der Delegierten und gegen das Rednerpodium gerichtet ist. Die Schwüle wird dadurch bis zur Unerträglichkeit erhöht. Die parlamentarische» Mitglieder der deutschen Delegation sind bereits anwesend. Ais Stresemann, Schubert und Gaus kurz darauf eintreten, ertönt lebhafter Veifakl, an dem auch das Publikum teil- nimmt. Der Vorsitzende des Prüfungsausschusses teilte nach der formellen Eröffnung mit, daß die Vollmachten der deutschen Delegierten in Ordnung sind. Darauf begrüßt Nintjchltfth In kurzer Ansprach« die deutsch« Delegation: Meine Damen und Herren, es fällt mir heute die besonders hohe Ehre zu. als Präsident die Gefühle der Versammlung der deutschen Delegation zo übermitteln. Ich bin doppelt glücklich, zunächst bei der Aufnahme des Deutschen Reiches präsidiert zn hoben und heute schon die Detegatioa des Deutschen Reiches begrüßen zu dürfen. Der Ein- tritt de» Deutschen Reiche» in den Völkerbund ist sür die Zu- sommenarbeit in der Zukunft von glücklicher Vorbedeutung. Mit dem Eintritt Deutschlands ist der Mlle der Völkerbundsversammlung, der bereit» im vorigen tzahre klar zum Ausdruck gekommen ist. er- füllt worden. Ich freue mich besonder», daß nunmehr die Vertreter des Deutschen Reiches an unseren Arbeiken teilnehmen werden. Der Rede von Nintschitsch folgt« stürmischer Beifall, worauf der Präsident dem Führer der deutschen Delegation, dem Reichsaußenminifter vr. Stresemann das Wort gab. Nach einer lautlosen Stille erhob sich wieder stürmischer Beifall der Versammlung, als Stresemann die Rednertribüne bestieg. Seine in deutscher Sprache gehaltene Rede chatte folgenden Wortlaut: Herr Präsident; Meine Damen und Herren! Der Herr Vorsitzende dieser hohen Versammlung hat ebenso wie der Herr Vorsitzende des Völkerbundsrates die Güte gehabt, mit Worten der Freude und Genugtuung den Eintritt Deutschlands In den Völkerbund zu begrüßen, wir sind sehr bewegt durch die Worte, die wir am heutigen Tage wieder gehört haben, und es ist mir eine angenehme Pflicht, meine erste Pflicht, von dieser Stelle aus, wo ich die Ehre habe zu stehen, den beiden Herren den Dank Deutschlands zum Ausdruck zu bringen und diesen Dank auszudehnen aus die hohe Versammlung. Zch verbinde damit zugleich den Dank an die Regie- rung der schweizerischen Eidgenossenschast. die in traditioneller weise die großzügige Gaslsreundschast ihres schönen Landes nun auch Deutschland als Mitglied des Völkerbünde» erweist. Seit der ve- gründung des Völkerbundes Ist ein Zeitraum von mehr als sechs Zahren verstrichen. Es hat somit einer längeren Entwicklung be- dürft, bis die politische Gesamtlage so gestaltet war. daß die deutsche Mitgliedschaft im Völkerbund möglich wurde. Roch in diesem Zahre sind große Schwierigkeilen zu überwinden gewesen, ehe dem Entschluß Deutschlands der einmütige Beschluß de» Völkerbundes solgle. Fern lieg« e» mir. über diese Dinge der Vergangenheit zu sprechen. Die Aufgabe der lebenden Generation ist es. den Blick auf die Gegenwart und auf die Zukunft zu richten. Rur eine» lassen Sie mich sagen: Wenn ein Geschehnis»vie der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund erst in einer so langen Entwicklung heran- gereift ist. so trägt vielleicht dieses Geschehnis gerade deshalb eine besondere Gewähr in sich für seine Innere Beständigkeit und seine fruchtbare Auswirkung. (Beifall.) Deutschland tritt mit dem heutigen Tage in die Mitte von Staaten, mit denen e» zum Teil seit langen Zahrzchnlcn in ungc- trübtcr Freundschaft verbunden ist. die zum anderen Teil im letzten Weltkrieg gegen Deutschland verbündet waren. E» ist von geschichtlicher Bedeutung, daß Deutschland und diese letzleren Staaten sich jetzt Deutschlanü Hort: Genf spricht, Deutschland hörtl Wer heute vor- mittag nicht' an seine Arbeit gefesselt war, saß vor dem Laut- sprecher oder mit dem Hörer am Ohr und lauschte den Stimmen der Völkerbundsversammlung in Gens. So konnten in Deutschland, in ganz Europa Millionen, blind zwar, aber doch hörend, Zeugen des großen weltgeschichtlichen Aktes sein, der sich im Genfer Reformationssaal vollzog. Doppelter Triumph des Menschengeistes auf dem Gebiet der Technik und auf dem der Politik! Bestätigung des sozialistischen Optimismus, der an den Fortschrift glaubt— und doch in jeder Beziehung nur ein Anfang! Millionen und aber Millionen konnten nicht mithören, weil Arbeit ums Brot sie fernhielt. Millionen und aber Millionen hörten nicht das große Lied von einer besseren Zukunft der Menschheit, oder sie glaubten ihm nicht, weil die Not des Zllltags sie zu Boden drückt, weil der Fortschritt ihnen noch keine Besserung ihres elenden Daseins gebracht hat. Es ist nur ein Anfang. Aber wer spürte nicht die Größe des Augenblicks, als der Vertreter des deutschen Volkes sein Gelöbnis für die Sache des Friedens ablegte und der des französischen Volkes ihm antwortete? Diese Stunde hatten wir Soziali st en ersehnt, wir haben um sie gerungen und gelitten. Jetzt ist es an uns, dafür zu sorgen, daß sie festgehalten wird und für die Zukunft der Völker bestimmend bleibt. im Völkerbund zu dauernder, friedlicher Zusammenarbeit zusammen- finden. Diese Tatsache zeigt deutlicher, als Worte und Programme es können, daß der Völkerbund berufen sein kann, den» polilischen Eni- wicklungsgang der Menschheit eine neue Richtung zu geben. Gerade in der gegenwärtigen Epoche würde die Kultur der Menschheit aus das schwerste bedroht sein, wenn es nicht gelänge, den einzelnen Völkern die Gewähr zu verschafsen. In ungestörtem friedllchenwettbewerbdle ihnen vom Schicksal zugewiesenen Ausgaben zu erfüllen. Die grundstürzenden Ereignisse eines furcht- baren Krieges haben die Menschheit zur Besinnung über die den Völkern zugewiesenen Aufgaben gebracht, wir sehen in vielen Slaalen den Riederbruch werlvollster, für den Staat unentbehrlicher geistiger und wirtschaftlicher Schichten, wir erleben die Bildung von neuen und da» hinsinken von alten Formen der Wirt- s ch a s t. wir sehen, wie die Wirtschaft die alten Grenzen der Länder sprengt und neue Formen internationaler Zusammenarbeit erstrebt. Die alte Weltwirlschost hatte sür ihre Zusammenarbeit keine Sahun- gen und Programme, aber sie beruhte auf dem ungeschriebenen Gesetz des traditionellen Güteraustausches zwischen den Erdteilen. Zhn wiederherzustellen ist unsere Ausgabe, wollen wir eine ungestörte rveltwirlschaftliche Entwicklung. dann wird da» nicht geschehen durch Abschliehung der Gebiete voneinander, sondern durch Ueberbrückung dessen, was bisher die Wirtschaft der Völker lrennle. Wichtiger aber als alles materielle Geschehen ist das seelische Leben der Rationen. Eine starke Gärung der Gedanken kämpft unter den Völkern der Erde. Die einen ver- treten da» Prinzip der nationalen Geschlossenheit und verwerfen die Internationale Verständigung, weil sie da» national Gewordene nicht durch den allgemeinen Begriff der Menschheil ersehen wollen. Zch bin der Meinung, daß keine Ration, die dem Völkerbund angehört, dadurch ihr nationales Eigenleben irgendwie ausgibt. Ver göllliche Baumelster der Erde hat die Menschheil nicht geschaffen als ein gleichförmige» Ganzes. Er gab den Völkern ver- Ichiedene Blutströme, er gab ihnen als Heiligtum ihrer Seele ihre Muttersprache, er gab ihnen als Heimat Länder ver- schiedener Ratur. Aber es kann nicht der Sinn einer gölt- lichen Weltordnung sein, daß die Menschen ihre nationalen Höchstleistungen gegen einander kehren und damit die allgemeine Kulturenlwlcklung immer wieder zurück- werfen. Der wird der Menschheil am meisten dienen, der, wurzelnd im eigenen Volke, das ihm seelisch und geistig Gegebene zur höchsten Bedeutung entwickelt und damit, über die Grenzen des eigenen Volkes hlnauswochsend, der gesamten Menschheit etwas zu geben vermag, wie es die Großen aller Rationen getan haben, deren Ramen in der Menschheitsgeschichte niedergeschrieben ist. So verbindet sich Ration und Menschheit aus geistigem Gebiete, so kann sie sich auch verbinden in politischem Slreben. wenn der Wille da ist, in diesem Sinne der Gesamkenkwicklung zu dienen. Die politische Auswirkung dieser Gedanken liegt in einer inneren Verpflichtung der Slaalen zu gemeinsamem, friedlichem Zusammenwirken. Diese innere vor- pslichlung zu friedlichem Zusammenwirken besteht auch sür die großen moralischen Menschheilssragen. Kein anderes Gesetz dars sür sie gelten als das Gesetz der Gerechtigkeit. Das Zusammenarbeiten der Rationen im Völkerbünde muß und wird dazu führen, auch auf diese moralischen Fragen im völkcrleben die gleiche Antwort zu geben. Denn das sicherste Anndamenl für den Frieden ist eine Polllik, die getrogen wird von gegenseitigem verstehen und gegenseitiger Achtung der Völker. Deutschland hat sich schon vor seinem Eintritt in den Völkerbund bemüht, im Sinne friedlichen Zusammenwirkens zu arbeiten, davon zeugt die d e u t s ch e Z n i t i a t i v e. die zu dem Pakt von Locarno führte. Davon zeugen die jetzt nahezu mit allen Rachbarslaalen ab- geschlossenen deutschen Schiedsverträge. Die deutsche Regierung ist entschlossen, diese Politik mit aller Entschiedenheit weiter zu ver- folgen. Sie kann mit Genugtuung feststellen, daß diese Gedanken— anfangs in Deutschland heftig umkämpft— sich allmählich immer mehr das deutsche Volksbewußtjein erobert habe», so daß die deutsche Regierung auch sür die überwältigende Rlehcheil des denlschea Volkes spricht, wenn sie erklärt, daß sie sich "än den Aufgaben des Völkerbundes mit voller Hingebung beteiligen wird.(Lebhafter Beifall.) Von diesen Ausgaben hat der Völker- b u n d in sechsjähriger Tätigkeit bereits einen wesentlichen Teil in Angriff genommen und in ernster Arbeit gefördert. Die deutsche Delegation verfügt nicht über die Erfahrungen, d'e den übrigen hier versammelten Mitgliedern zur Seile stehen. Gleich- wohl glaubt sie die Ansicht zum Ausdruck bringen zu können, daß bei den wcilrren Arbeilen zunächst jene Gebiete besondere Beachtung verdienen, bei denen die einzelnen Völker durch Einordnung in gemeinsame Einrichtungen die eigene Leistungssähigkeit zu steigern vermögen. Reben mancher anderen Schöpfung des Volkerbundes kommt hier vor ollem das Streben nach einer internationalen Rechts- ordnung in Betracht, das in der Gründung de» wellgerichlshofes sichtbaren Ausdruck gewonnen hat. Von besonderer Bedeutung sür die Festigung einer Friedeneordnimg zwischen den Völkern sind ferner die Bestrebungen, die sich aus die Abrüstung beziehen. Die völlige Abrüstung Deutschlands ist durch den Vertrag von Versailles als Beginn der allgemeinen Abrüstung sestgesetzt worden. Möge es gelingen, einer allgemeinen Abrüstung in praktischer Arbeit näherzukommen und damit den Beweis zu erbringen, daß eine starke positiv? Kraft den großen Ideale» des Völkerbundes schon jetzt innewohnt. Deutsch- lauds Beziehungen zum Völkerbund werden freilich nicht ausschticß- lich durch die jetzt gegebene Möglichkeit der Mitarbeit an den großen allgemeinen Zielen bestimmt. Der Völkerbund ist vielmehr in mancher Beziehung auch Erbe und Bcllstrecker der Verträge von ISIS. Daraus haben sich, wie ich offen ausspreche, in der Vergangenheit vielfach Gegensähe zwischen dem Völkerbund und Deutschland er- geben. Zch hosse, daß sich die Behandlung der hierbei in velrachk kommenden Fragen infolge unserer künftigen MIlarbeii im Völker- bunde leichler gestalten wird. Auch hier wird gegenseitiges ver- trauen eine größers polilische Schöpferkraft besitzen als andere Me- lhoden. Dem völkcrbmidsgedankcn widerspricht es, die im Bunde milarbeilendsn Rationen zu trennen in solche, mit denen Sym- palhicn oder Antipathien die einzelnen Mitarbeitenden verbinden. Zch lehne In diesem Zusammenhang auch ganz entschieden die Aus- sassung ab. als wenn dle Stellung, die Deutschland bisher in An- gelegcnheilen de» Völkerbundes eingenommen hat, von solchen Sgm- palhien oder Antipalhlea eingegeben worden wäre. Deutschland wünscht mit a l l e n Rationen, die im Völker- bunde und im Rate des Völkerbundes vertreten sind, auk der Grundlage gegenseitigen Verlranens zusammen z»! arbeiten. Roch hat der Völkerbund sein Ziel nicht erreicht, alle Weltmächte In sich zu umfassen, wenn der EinlxHl Deutschlands auch einen wichtigen Schritt zur Universalität des Bundes bedeutet, so müssen wir doch unserem lebhaften Bedauern darüber Ausdruck geben, daß Brasilien dle Absicht kundgelan hat. sich aus dem Völkerbund zurückzuziehen. Dieses Bedauern ist um so. lebhafter, als Deutsch- land aus dein Standpunkt steht, daß zum Begrisf der Aniversoliläl des Völkerbundes auch der Gedanke gehört, nicht einem Erdteil die maßgebende Bedeutung gegenüber anderen Erdteilen einzuräumen. wir fühlen uns ferner eins mit den Im Bunde verclniglsn Rallonen in der beflimmlen Hoffnung, daß die wertvolle Milarb-il Spaniens dem Völkerbünde erhallen bleiben möge, wir sind über- zeugt, daß der von allen Mächleu an Spanlea acrickllelc Aovell dieses grofje Land und da» spanische Volk überzeugen wird, wie sehr c» den von Spanien selbst vertrelenen grohen Gedanken obkräg- lich sein würde, wenn e» hier in Genf aus längere Zeil fehlen würde. Erst durch die U n i o e r s a l i l ä t wird der Bund vor jeder Gefahr geschäht, seine politische Kraft zu anderen Diensten als zu reinen Ariedcnsdienslen einzusehen. Rur aus der Grundlage einer Gemein- schost, die alle Staaten ohne Unterschied in voller Gleichberechtigung umspannt, können Hilssbercitschast und Gerechtigkeit die wahren Leitsterne des Mcnschenschicksals werden. Rur aus dieser Grundlage täht sich der Grundsah der Freiheit ausbauen, um den jedes Volk ringt wie jedes Menschcnwcscn. Deutschland ist entschlossen. sich in seiner Politik aus den Boden dieser erhabenen Ziele zu stellen. Für alle hier versammelten Völker gilt da» Wort eines grohen Denkers, dasz wir Menschen uns zu dem Geschlecht bekennen, das aus dem Dunkel ins helle strebt. Möge die Arbeit des Völkerbundes sich auf der Grundlage der grofoen Begriffe: Friede. Freiheit und Einigkeit vollziehen, dann werden wir dem von uns allen erstrebten Ziele näherkommen. Daran freudig mitzuarbeiten, ist Deutschlands fester Wille. Als dvr Präsident Nintchitsch um 11 Uhr 25 Briand das Wort gab, erhob sich ein neuer minutenlanger Beifallssturm. SrionS sprach zunächst dem Präsidium und den Delegierten seinen Dank aus, weil sie gestattet haben, dast nach dem Vertreter Deutschlands der Vertreter Frankreichs das Wort ergreifen kann, um den Ein- tritt Deutschlands in die Völkerbundsv«rsammlung zu begrüßen. Ich kann der deutschen Delegation oersichern, daß die Vertreter Frankreich« im Geiste des Friedens mit ihnen zusammenarbeiten werden. Briand weist auf die große Tragweite des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund hin, der alle Hoffnungen der Völker erfülle. Die Spötter, die Pessimisten hoben U n- recht bekommen. Es habe Leute gegeben, die schon das V«r> schwinden des Völkerbunds angekündigt haben. Nun, die Tatsache, die wir heute verzeichnen, sie wäre unmöglich, wenn der Völker- bund nicht existierte. Noch vor wenigen Zähren, nach den fürchter- lichen Zahr-n eines In der Geschichte beispiellosen Gemehel». schien es undenkbar, daß die Völker einander in dieser Versammlung begegnen werden, um die Versicherungen des willen» au»zutaulch«n. am Frieden zu arbeiten.o vor etwa 100 000 Iahren, eine Werkstäiie befunden haben, in der große Mengen von Werkzeugen und Waffen hergestellt wurden. Die Verfertiger dieser Gegenstände, die eine sonst noch nicht sestgestcllic Schönheit und Güte der Arbeit ausweisen, gehörten zu einer Rasse, die in der dritten Zwischcneiezeit das südliche England bewohnten: sie müssen ein sehr viel höher entwickelter und ganz andersartiger Typus gewesen sein als die Reandertalrasse, die ihnen folgte. Englische Radio-Reichsausstellunq._ Die britische Radio-Reiche- ausstellung in der Londoner Olympia-ffalle wird eine größere An- zahl neuer Geräte zeigen. Sie wird von der National Association os Radio Manusaeturers veranstaltet und dürfte mehr eine Muster- messe als eine systematisch angeordnete Ausstellung werden. Mit besonderem Interesse wird die Vorführung einer Schaltung des bekannten Physikers Sir Oliver Lodge erwartet, welche alle Nebe»- geräusche, insbesondere das sogenannte„ffeulen* vollkommen aus- schalten und bei großer Einfachheit weitgehende Selektivität besitzen soll. Der Preis dieser Schaltung bei zwei Lampen einschließlich Lautsprecher und Batterien wird auf 1Z Psund Sterling angegeben imigHederarnneltangen zur v«lt,bghne können auch jetzt noch erfolgen. Die sich in diesen Wochen anmeldenden Mitglieder versäumen nicht«, da sie in Abteilungen� eingerelbt werden tönnen, deren Borstellungen erst in der zweiten Zeptemberbälste beginnen. Dl« Borstellungen finden ab- wechselnd in der Vol!«bühiie am vlilowdlatz. In der Oper am Plad der Republik, im Theater am Tchlffbauerdomm. in den siaatllchen Sch-msple!- bäusern und im Tbaliaibcater slalt. Der Veiirna iit einbelillch flh alle Mitglieder bei Abendnorslelluiigen 1,50 M., Rachmillag-o-ritellungeii 1.10 M Opernausführungen 1,80 M. Rablndranalh Tagore hält am 13. Teptcmber, 3 Uhr, im groüen Saale der Philharmonie«inen einmaligen Vortrag. Zoseph Viani vcranstallel am Ii. und IL. September. 8 Uhr. im Schiller- saal seine ersten Abende. Marta Schncider-Plaut singt heitere Lieder. Römische Fund«. Im Verlause der Ausgrabungen In der Gegend van Miosen, aui dem Gebiete de« elniligen Agntncum, wurde die bisher älteste römische Begräbnisstätte au» den ersten Iaiirzehnten des ersten Jahrhundert« nach Christus ausgegraben. Aus Grund der dabei vorgesundenen Gegen- stände wird sestgestcllt, daß der Ansang der Rimcrherr chast m eine viel sriihere Periode sällt, alt bisher ang«nommen wurde, v;-..« Ein Aufschrei. Was die Teutschnationalen nicht könne». Die freundlichen Ratschläge der..Germania" an den deutschnationalen Parteitag haben einen Ausschrei der Getroffenen hervorgerufen. Dieser Aufschrei zeigt die ganze Tiefe der Enttäuschung der Abgewiesenen: ..Die„Germania" verlangt dann dieRückkehrderDeutsch- nationalen zu dem Programm Hergts vom Jahre 1919. Wir haben diesem Programm durchaus nicht zustimmen können und seine Aufstellung für einen Fehler gehalten, eine Rückkehr zu ihm kann er st recht nicht in Frage kommen. chergt selbst hat es längst preisgegeben, da die Erwartung. unter dem es ausgestellt wurde— daß nämlich die Sozialdemokratie zu sachlicher Arbeit am Staate und zum Aufbau, ohne niederzureißen bereit wäre— grimmig genug enttäuscht worden ist. Weiter stellt die„Germania" die Forderung aus. die Deutschnationale Volks- partei müßte sich in eine konservative Stoatspartei um- wandeln. Wenn es nur auf das Wort ankäme, wäre hier nichts umzuwandeln, tatsächlich ist diese Forderung aber im Sinne der Republik oder vielleicht sagt man noch zutressender: im Sinne der jeweiligen Staatssorm gemeint. Dem Bestehenden also soll man konservativ gegenüberstehen, aber nur so lange, bis etwas anderes kommt, das man dann wiederum treu und brav bis zu seinem Ende verteidigt, um hernach das Allerneueste ebenso schön zu finden? Run, die Hoffnung auf solch Verhalten der Deutsch. nationalen ist eitel, soviel Rückgratlosigkeit ist zu viel verlangt." Die Deutschnationalen sind ja gerne bereit, feierlich beschworene Grundsätze über Bord zu werfen, fünfzig- prozentig, wenn es sein muß, sogar hundertprozentig. Sfe können viel, sie sind Virtuosen auf diesem Gebiete— aber was die„Germania" verlangt, das können sie nicht. Etwas rückgratlos find sie ja immer, aber— soviel Rückgratlosigkeit ist zu viel verlangt! Die Stimme der Wahrheit im Ausschrei der Getroffenen. Gelbes in der«.Deutschen Zeitung�. Tie zerschlagenen Töpfe der Werkdercine. Die Bosse der gelben Werkoereine sitzen an den Berichten über die Tagung des Reichsverbandes der Industrie in Dresden und weinen. Herr Silverberg hat ihnen böse die Töpfe zerschlagen. Darob klagt der Wortführer der völkischen„Industriellen Vereinigung", Herr B a n g, in der „Deutschen Zeitung": „Die Töpfe, die Herr Silverberg zerschlagen, wird der Reichs- verband kaum wieder zusammenflicken können. Eine wahrhaft trostlose Sache übrigens: Am L7.— 30. August 1926 in Nürnberg auf der großartigen Tagung des Rcichsbundes der vaterländischen Arbeiter- und Werkoereine ein stolzes Bekenntnis deutscher Arbeiter zum sittlichen Idealismus der Arbeit und zum Wirtschastsverftande— und am 4. September 1926 auf der Tagung des Reichsverbandes der Industrie eine schallende Ohrfeige für die dummen Kerle in der deutschen Arbeiterschaft, die sich ihre geistige und sittliche Freiheit nicht erschlagen lasten wollen in der roten Zwangs- anstatt, und ein Bekenntnis zum Wirtschaftsmaterialismus reinster Prägung und jedenfalls alles weniger als ein Bekenntnis zum Wirtschaftsverstande! Die Lobgesänge von Dan und Bersaba sind zu verstehen. Ebenso der satte Hohn des„Vorwärts", dem man nichts hinzuzufügen braucht." Das ist wirklich eine dumme Sache: erst in Nürnberg Parade der Streikbrcchergarden vor Rupprccht und Compagnie, die sich ins Fäustchen lachen über die dummen Arbeiter, die sich gegen ihre Interessen und gegen ihre Klastengenossen mißbrauchen lassen» und nun gleich die Abkehr des Reichs- Verbandes von der niederträchtigen Methode der gelben Werkvercinc. Kein Wunder, daß Herr Bang seinen gelben Schmerz in der„Deutschen Zeitung" so laut klagend besingt. Geschäft mit tzinüenburg. Agrarische Tüchtigkeit in Hinterpommern. In Stolp erscheint eine„Zeitung für Hinterpommern". Sie vcr. öffentlichtc einen Aufruf, in dem zur Sammlung einer ,H i n d e n. burg-Spende" aufgefordert wird, das heißt zur Sammlung eines Fonds zum Ankauf eines Landguts, das Hindcnburg zu seinem 79. Geburtstage geschenkt werden soll. Der Reichspräsident hat diesem Unfug sofort energisch ein Ende gemacht. Wie kommt das Blättchen in Hinterpommern auf solche Idee? Da will einer sein Landgut zu guten: Preise losschlagen und ein Ge- schäst mit Hindenburg machen. Die Behauptung, daß das Paradies in Pommern gelegen habe, gewinnt an Wahrscheinlichkeit. Der üeutschnationale Parteitag. Wirtschaftliche Ffragcn.— Ter Ruf nach den Zöllen. Der zweite Tag des deutschnationalen Parteitages in Köln ist wirtschaftlichen' Fragen gewidmet. Reichsiaqsabg. Lejeune-Iung erhob bei seinem Vortrag über„Staat, Gesell- schaft und Wirtschast" von neuem die traditionelle deutschnationale Forderung noch einer Zollpolitik, die die deutsche P r o d u k- tion aus dem Land« im finanziellen und industriellen Leben gegen die übermächtige Konkurrenz im Auslande schützt. Reichs- iagsabg. S ch l a n g e- Schöningen beklagte sich über das mangelnde Verständnis einzelner Regierungen(er hob vor allem die preußische hervor) den Erfordernissen der Wirtschast gegenüber und sorderte die Sammlung der Produzenten und Konsumenten. An die Vor- träge schloß sich eine lebhafte Diskussion. Straßenkampf in fithen. Militärputsch gegen Kondylis. Pari», 10. September.(XD1B.) wie„Chicago Tribüne" au» Athen meldet, ist e» bei der Entwaffnung der republikanischen Sorbe zu lebhasten Straßenkämpsen gekommen, bei denen etwa 100 Personen entweder getötet oder ernstlich verletzt worden seien._ Umschwung in den Vereinigten Slaater.? Bei der Gouverneur- wohl in Wisconsin siegle die Linkspartei Lasolletes über den Kandidaten der konservativen Republikaner. Der interalliierte Sriegsteilnehmerkongreß In Warschau hat die Absicht ausgesprochen, eine gemeinsame Konserenz mit deutschen Kriegsteilnehmern in Genf abzuhalten, um eine Derftändi- gung anzubahnen. Die Adelstitel abschössen wird nächsten« die k i t a u I s ch e Re- gicrung und gleich in einem Aufwaschen auch das Prädikat„Ex- zellenz",�■•w,, Die moüerne Brche ttoah. Die Geschichte von der Arche Roah hat man als Kind mehr oder weniger mit den Prunkgewändern seiner Phantasie ausgestattet. Die Arche Roah, sie ging als Spielzeug durch unsere Tage der ersten Jugend, die Arche Roah, wie viele Künstler haben sie und ihren Inhalt als Illustrationsmaterial benutzt. Sie ist so recht«in Stoff zum Fabulieren. Dennoch wurde die Arche Roah gegenwärtig eine Tatsache. Reist doch beispielsweise jetzt der Zirkus Krone mit über 669 Tieren. Das ist natürlich für die Bewohner von Städten, denen ein Zoologischer Garten unbekannt ist, ein Erlebnis. Da fast ausschließlich Großtier« in Frage kommen, ist der Futter- verbrauch ein ganz enormer. Beansprucht zum Beispiel«in großes Raubtter sieben Kilo Pferdefleisch pro Tag, während ein Elefant einen Zentner Heu und je nach der eigenen Größe einen ganzen oder einen halben Zentner Kraftfutter verbraucht. Insgesamt verspeisen die Fleischfresser pro Tag zwei Pferde. In Groß- städten stößt die Futterbeschaffung auf keinerlei Schwierigkeiten,- anders ist es in Kleinstädten, wo es zuweilen nicht leicht fällt, gute Pferde zu bekommen. Selbstredend erfordert die Futterzubereitung, das Zerteilen der geschlachteten Pferde, die Futterverabreichung und das Tränken der Tiere viel Zeit und Arbeit. Darum beginnt unter dem Zeltplan schon in den frühen Morgenstunden der arbeitsreiche Tag. Vor der Fütterung müssen viele Raubtiere durch in die Käsig- wagen eingeschobene eiserne Wände voneinander getrennt werden, damit die Tiere sich imlereinander nicht beißen. Selbst um das Trinkwasser— es wird in eisernen Pfannen in die Käsige geschoben — kann es noch folgenschweren Zank geben und die rauslustig« Ge- sellschost muß überwacht werden. Die vielen Unkosten, die auf einem solchen Unternehmen lasten, machen einen kurzen Aufenthalt auch in Neineren Städten zur Be- dingung. Obwohl man gerade in den kleineren Städten oft nicht weiß, wo eigentlich die Einlaß begehrenden Menschen �all« herkommen. Trotzdem sind heute dreitägige Gastspiele keine Seltenheit. Sehr oft hat das Publikum die vorgefaßte Meinung, daß den Tieren das Reisen nicht zuträglich ist. Das trifft heute, wo alles aus das Wohlbefinden der Tiere eingestellt ist, nicht mehr zu. So bekundete auch der erfahrene Sachverständige aus dem Gebiete der Tierhaltung, Dr. Th. Knottnerus-Meyer, der zehn Jahr« Direktor des Zoologischen Gartens in Rom war und nunmehr mit Zirkus Krone reist, daß der Gesundheitszustand aller Tiere ein tadelloser stt. DieTieregc- wöhnen sich schnell an die Reisen und handeln beim Vcr- laden oft aus eigen«? Ucberlegung heraus geschickt. So hat zum Beisoiel ein Vollblutpferd, das gerade einen Wagen betreten wollte, als der Zug rangierte, sich durch schnelles Zurücktreten selbst das Leben gerettet. In ähnlicher krittscher Situation geioann ein Elefant, obzwar alle Näherstehenden schon eine Katastrophe herein- brechen sahen, überraschend schnell sein Gleichgewicht. Uebrigens müssen die Elefanten sehr reiselustig sein, denn sobald ihre Wagen bereit stehen, drängen die Dickhäuter einander, weil jeder der erste im Wagen sein will. In der Freiheit verbringt das Tier die meiste Zeit seines Lebens mit der Futtersuche. Dielen der Arche-Roah-Bcwohnern wird die Langeweile durch die Unterrichtsstunden vertrieben. Dabei muß betont werden: däß für Dressurzwecke nur ein vollkommen gesundes Tier in Frage kommt. Zudem niuß der Dresteur versuchen, die Fähigkeiten zu wecken, die im Tiere schlummern. Ein lieber- anstrengen der Tiere und Rohheiten rächen sich durch ein voll- kommenes Mißlingen der Dressur. Silliges Obst und Gemüse. Aber der klcinhandelsznschlag zu hoch. Der Großhandel in Gemüse und Obst teilt mtt, daß die Zufuhren an Obst und Gemüse derartig stark sind, daß die Preise, die erzielt werden, teilweis« weit unter Vorkriegspreisen liegen. So wurde in den letzten Tagen bezahlt: für böhmische Pflaumen 7 Mark pro Zentner. Von Birnensorten brachten Salander 8 bis 11 M., Williams 8 bis 12 M.. Kongreßbirnen 9 bis 16 M. Werdersch« Pfirsiche wurden mit S bis 10 M. verkauft und die Preis« für hiesig« Pflaumen und Birnen waren ähnlich niedrig. Am Gemüsemarkt wurde der Zentner Weiß- und Rotkohl mit 2 bis 3 M. bezahlt. Für Blumentohl, Bohnen ufw. zahlten die Kleinhändler ähnlich niedrig« Preise. Damit vergleiche man das, was der Konsument im Kleinhandel zu zahlen hat. Die Preise sind zwar niedriger als die des Vorjahres, aber im Ler- hältnis zu den«beit genannten Preisen zahlt der Verbraucher einen 1 66 p r o z« n t ige n Zuschlag: vielleicht ist der Zuschlag sogar teilweise noch hoher. Angesichts der großen Arbeitslosigkeit und bei der Tendenz des Lohnabbaues, die von den Schlichttingsausschüfsen gefördert wird, wäre es notwendig, daß sich die behördlichen Instanzen auch einmal mit dieser Frage aufs eingehendste befassen. Vielleicht äußern sich auch die Organisationen der Kleinhändler einmal hierzu. Strnßcnriiuber aus Not und Arbcitslosikkcit. Dauernde Arbeiislofigkeit hat die Arbeiter Erich P. und Kurt K. sowie den Dreher Alberl G., die sich wegen Raubes vor dem Großen Schöffengericht Verlin-Mitto verantworten mußten, zu Straßen- räubern gemacht. P. ist jedoch bereits achtmal und K. viermal ausschließlich wegen Eigentum«Vergehens vorbestraft worden. Als sie das letztemäl aus dem Gefängnis kamen, konnten sie trotz dauernden Suchens keine Stellung finden und gerieten da- durch in bitterste Rot. In dieser Lage machte ihnen G. den Vor- schlag, sich durch einen Raub im Postscheckamt Geld zu vcr- schaffen. Zu diesem Zwecke weilte er am 5. Juni in den dortigen Räumen, um zu beobachten, welche Leute Geld empfingen, während die beiden anderen draußen warteten. Dann zeigte G. ihnen ein Lehrmädchen, das soeben für seine Firma 566 M. erhoben batto. P. und K. gingen ihm nach, und als das Lehrmädchen das Haus Leipziger Straße 96 betreten hatte und die Treppen hinauf- gehen wollte, packte sie K. plötzlich von hinten am Halse und drückte ihr die Kehle so fest zu, daß das Mädchen nicht schreien konnte. Dann entriß P. dem Mädchen die Tasche und flüchtete. K. lief ihm jetzt nach, wurde aber auf die Hilferufe der Uebcrsallenen vom Straßenpublikum mit seinem Komplicen an der Markgrasenstraße gefaßt, obwohl er, um die Spur von sich abzulenken, nach einem alten Trick immer schrie:„Haltet ihn, hallet ihn!" Das junge Mädchen leidet heute noch a» den Folgen des Nervenschocks. Mit Rücksicht auf die Notlage der Angellagten billigte ihnen das Gericht mildernde Umstände zu und verurteilte P. zu zwei Iahren, K. zu einem Jahr und den G. wegen Beihilfe zum Raube zu neun Monaten Gefängnis._ Verhaftung eines Sittlichkeitsverbrechers. Wegen Sittlichkeitsoerbrechen» an minder- jährigen Kindern wurde der 27 Jahre alte Bäckergeselle Albert Herold aus der Dorotheenstraßc in Karlshorst, ein verheirateter Mann festgenommen. Wenn Herold von der Früharbeit nach Hause kam, so war er dort allein, weil sein« Frau außerhalb arbeitete. Diese Gelegenheiten benutzte er, kleine Mädchen an sich zu locken. Er veranlaßte sie für ihn eine Zeitung oder der- gleichen zu holen und ihm dann in der Wohnung Handreichungen zu leisten. Hierbei verging er sich an ihnen. Der Perkehr oer Kleinen fiel in dem Halste allmählich aus, und unter den Kindern selbst sprach sich auch das unsaubere Treibe» herum. So kam es auch zur Kenntnis von Eltern, die die Polizei aufmerksam machten Die Ermittlungen ergaben die Richtigkeit der Gerücht«. Roch den erforderlichen Feststellungen holten heute morgen der Vorsteher und Kriminalbeamte de, 259. Reviers in Lichtenberg Herold aus seiner Wohnung heraus und verhafteten ihn Er gibt zu. die Kinder wohl einmal„angefaßt" zu haben, bestreitet aber, schwerere Straftaten._ Ein gefährlicher Dachstuhlbrand kam heule früh gegen Uhr in dem Haus« Dijonstrahe 1 zu Steglitz zmn Ausbruch. In der Dijonftraße 1 Ecke Belforter Straße befindet sich eine von mehreren Parteien bewohnt« Villa. Von Vorübergehenden Wirde starker Qualm und ein Feuerschein wahrgenommen. Die Feuerwehr wurde herbeigerufen, die nach sehr kurzer Zeit mit vier Löschzügen unter Leitung des Branddirektors Mende erschien. Durch«inen uiqsassenden Löschangriff unter Zuhilfenahme mehrerer Rohr« größten Kalibers gelang es, das Feuer aus seinen Herd zu beschränken und«in Weitergreifen zu verhindern. Immerhin ist«in großer Teil des Dachstuhles vernichtet. Nach mehrstündiger Tätigkeit konnten die Wehren wieder abrücken. Di« Entstehungsursache konnte bisher noch nicht einwandfrei geklärt werden. Gefährliche Entscheidung. Eine schwere Gefahr für arbeitslose Alieter. Das Landgericht III Berlin hat am 29. Juli 1926 eine für arbeitslose Mieter äußerst gefährliche Entscheidung getroffen. Ei,, arbeitsloses Ehepaar hatte die Miete für drei Monate nicht bezahlt. Der Vermieter erhob Klage auf Aushebung des Miet- Vertrags und Herausgabe der Mieträume. Die Beklagten bestritten nicht den Rückstand, beriefen sich jedoch aus lange Arbeitslosigkeit. Das Mietschöffengericht verurteilte die Beklagten zur Herausgabe der Mietwohnung, gewährte nicht Ersatzraumsicherung. billigte aber eine Räumungsfrist zu. Gegen dieses Urteil legten die Beklagten Berufung ein. Das Landgericht verwarf die Berufung, o b w o h l i n zw ijchendic. Mietschuldenresllosbezahtt waren, und iührte in der Begründung folgende» aus: Worauf die unpüntliche M-etezahlung beruht, ist' nicht zu berücksichtigen. Es ist insbesondere keine Entschuldigung, daß der beklagte Ehemann seit langer Zeit arbeitslos ist. Darunter kann nicht der Kläger leiden. Die Beklagten mußten die Wohlfahrtsbchördcn in An- fpruch nehmen, die für sie einzuspringe» haben. Die ständige Nicht- Zahlung oder unpünktliche Zahlung ist eine gröbliche Belästigung des Vermieters. An die Belästigung ist ein obiektioer, nicht ein subjek- liver Maßstab zu legen. Es ist also nicht zu untersuchen, ob die Beklagten den Vermieter haben belästigen wollen. Die Ersatzraum- sicherung war, da Belästigung vorliegt, auszuschalten. Da» Gerichr hätte auch ohne Belästigung keinen Ersatzroum zugebilligt. Dagegen hat es mft Rücksicht auf die schwierige Lagt des Wvhnungs- und Ar- bcitsmarktes ebenfalls Räumungsfrist gewährt. Diese Entscheidung des Landgerichts, die natürlich die Haus- besitze? mit Freude begrüßen, geht entschieden zu weit, sie ist in ihrer Allgemeinheit eine ganz unbillige Härte. Kann es schon umstritten sein, ob eine Mietschuld von drei Monaten eine „ständige" Nichtzahlung ist, so dan die verzögerte Zahlung wegen einer in den allgemeinen wirtschaftlichen Mißverhältnissen liegenden Arbeitslosigkeit nicht ohne weiteres als„grobe Belästigung" aufgc- faßt und mtt Hinauswurf bestraft werden. Tie Uhr der Gräsin Lambsdorff. Durch Mitteilungen über den Ankauf der Armbanduhr der er. mordeten Gräsin Lambsdorff ist der Gcldwarenhändler Wies« aus der Artilleriestraß« in«in schiefes Licht geraten. Es wurde so dargestellt, als ob Wies« persönlich die Uhr angekauft hätte, nachdem ihr« Beschreibung veröffentlicht gewesen wäre. In Wirklichkeit ging der Ankauf so vor sich: Schon am Tage nach dem Morde, zu einer Zeit, als Wiese persönlich nicht im Geschäft anwesend war, bot dort der Mörder Böttcher die Uhr zum Kauf an. Weil er sich nicht aus- weisen konnte, lehnt« der Angestellt« Wiese» den Ankauf ad. In diesem Augenblick kam der Uhrmacher Hoch, der zeitweilig auch beim Verkauf aushalf, von der Werkstatt in den Laden. Er halte Böttcher im Krankenhaus« kennengelernt, wußte aber von seiner Töterschaft ebensowenig wie irgend jemand anders. Hoch nahm nun Böttcher die Uhr ab. entfernt« daraus da» Werk mit dem Zisferblatt, gab es ihm zurück und ließ den Ankauf auf seinen Namen al» Ver- käufer eintragen. Gezahlt wurde der Höchstpreis von 1,56 Mark für das Gramm Altgold. So kamen im ganzen 12 Mark heraus, weil das Gold 8 Gramm wog. Der Ankauf fand am 8. Mai, die Ein- schmelzung am 18. Mai statt, nicht schon, wie behauptet wurde, am selben Tag«. Di« Beschreilnmg der Uhr war am Tage des Ankaufs, mit dem Wiese also persönlich nichts zu tun hatte, noch nicht ver- öffentlicht. �__ Ein neuer Kaualrekord. London. 16. September.(WTB.) Der Franzose Georges M i ch e r konnte gestern nach wiederholten Versuchen den Kanal durchschwimmen. Er ist gestern abend am Kap Grisnez gestartet und heute morgen um 7.25 Uhr in der Margareten Bay gelandet. Er hat mit einer Zeit von llStunden6Minuten einen neuen Rekord aufgestellt. e- Meisterleisiung eines deulichen Schwimmer«. Der deutsche Schwimmer Kemmerich hat gestern die Strecke zwischen Feh- mar» und Roed auf der dänischen Insel Laaland in 11 Stunden durchschwammen._ Entgleisung zweier Güterzüge. Gestern nachmittag entgleisten zwischen den Bahnhöfen Grvfenroda und Plaue auf der Strecke Ritschenhausen— Erfurt infolge Herabfallens von Langholz vier Wagen eines Güterzuges. Ein entgegen. kommender Güterzug wurde gleichfalls in Mitleidenschaft ge- zogen, so daß von diesem Zuge auch einige Wagen entgleiste». Beide Hauptgleise sind gesperrt. Personen wurden nicht verletzt. Der Verkehr bei Personenzügen wird durch Umsteigen aufrechterhalten. Der O-Zugoertehr muß umgeleitet werden. „Die Stecknadel Im heuwagen." Karl S ch u e l e r s harmlos- fröhliches Spiel, nicht ohne Feinheiten, das jetzt im Rose- Theater über die Bretter geht, dreht sich um eine ominös« Perlen- kette, die mehr ergötzliche als gefährliche Verwirrungen anrichtet. Der drollige Titel besagt, daß eher eine Stecknadel in einem Heu- wagen als eine anständige Frau zu finden ist. Hier aber macht ein Don Juan die Rechnung ohne— die Frau. Erna Boewe, die sehr gut aussah, wußte diese mit viel Eharme zu geben, und ebenso spielte Martin K n a p f e l den geheimnisvollen Schwerenöter voll Verve. Direktor Bernhard Rose bewies seine Routine sowohl als Schauspieler wie auch al« Regisseur, während die übrigen Dar- steller, besonders Georg P o u l s e n, sich in kleinen Episodenrollen auszeichneten. Das Publikum amüsierte sich köstlich und ließ es an dankbarem Beifall nicht fehlen. Vau de» Elster- Saale-Kanals. Die Leipziger Stadtverordnete» bewilligten mit Z u st i m m u n g sämtlicher Parteien den Beitrag der Stadt Leipzig zum Bau des Elster-Saale-Kanals. Der Beitrag Leipzigs betrögt 35 Prozent des Anteils des Landes Sachsen an den Gesamtkosten des Kanalbaues. Diese sind auf 3 6 3 M i l- l i o n e n veranschlagt, von denen zwei Drittel auf das Reich ent- fallen. Sachsen hat 2 3 Millionen beizusteuern. Mit dem Bau des Kanals soll im nächsten Frühjahr begonnen werden. Eine Frau rette! drei Männer. In dem belgischen Seebad H e y st war«in Herr beim Baden durch hohen Wellengang vom Strande abgetrieben worden. Ein Rettungsboot mit zwei Fischern kenterte. Eine Frau Forst er aus Düren schwamm zur Hilf» in die See und es gelang ihr, die drei Männer vom Tode de» Ertrinkens zu retten. Dafür wurde ihr die b e l g i s ch e R e t t u n g s» medaille verliehen. vortrage, vereine unö Versammlungen. vereiulgt« tterMiiil»« hei» Streuer Vd«rschl«s>er«.». Ott.qmpp, BerN» Norden III.«ni Sonnabend, den 11, September, findet abend« n Ultr. ln bm Pboru.siilen. Müllerstr. 142. ein Sommernachtsball statt,«arten zum Preis« von 1 ZJl. sind an der Adendkasse zu haben.— Segen die Arbeitslosigkeit der Angestellten. Vorschläge des AfA-Vundes. Auf dem Arbeitsmarkt der Privatangestellten wird nach wie vor die Arbeitsnachfrage durch das Arbeitsa»gebot weit überstiegen. Es besteht auch für die kommenden Monate keine Aussicht, einen erheblichen Teil der etwa ZWXKX) Stellenlosen in Arbeit zu bringen. In der Tat ist heute jeder fünfte bis sechste Angestellte arbeitslos. Die Andrangdzisser der Angestellten ist auch durchschnittlich höher als die der Arbeiter. Die Angestclltenverbände beschäftigen sich deshalb nach wie vor sehr eingehend mit Vorschlägen zur C n t l a st u n g des überfüllten Arbeiismarktes ihrer Berufe. Dabei ist auch festgestellt rr-orden, daß das starke Eindringen von ehemaligen Offizieren, pensionierten Beamten und ganz besonders von Wartegeldempfängern diese schlechte Situation der Prioatangestellten noch wesentlich erschwert. Es war auch bereits bei den Erweibslosendebatten im Haushaltsausschuß des Reichstags von den verschiedenen Parteirednern angeregt worden, Wege zu suchen, um diese Konkurrenz zwischen Beamten und An- gestellten zu entspannen. Das ganze Problem wird zweifellos auch in der cherbstsession de� Reichstags bei der Weiterberatung der Erwerbslosenfürsorge und der Schutzmaßnahmen für die älteren Angestellten neu ausgerollt werden. Die Spitzenorganisation der gewerkschaftlichen Angestelltenverbände, der Af'A-Bund, ist nunmehr mit einem positiven Borschlag an die Behörden und die gesetzgebenden Körperschaften herangetreten. An der Spitze seiner Leitsätze wird anerkannt, daß die Pension des Bamten sich als ein wohlerworbenes persönliches Recht darstellt, daß das Wartegeld dem Grundsatz der lebenslänglichen Anstellung entspricht und daß deshalb eine Kürzung von Pension oder Wartegeld des Beamten, der ein Arbeitseinkommen bezieht, nicht angängig sei. Eine solche Lösung, die von verschiedenen Seiten vorgeschlagen worden war, sei ebenso abzulehnen wie die Anrechnung von Leistungen aus der Sozialversicherung auf das Ar. bc!tseinkommen eines Prioatangestellten. Der SlfA-Bund stellt weiter fest, daß das Recht auf Arbeit als ein verfassungsmäßig fest- gestelltes Grundrecht dem Beamten wie jedem anderen Staats- blirger uneingeschränkt erhalten bleiben muß. Die Vorschläge des AfA-Bundes vermeiden es also, irgend- wie in die geltenden Rechtsverhältnisse der Beamten einzugreisen. Wohl aber steht der AsA-Dund auf dem Standpunkt, daß zum Zweck einer beschleunigten Regulierung des bis zum äußersten belasteten Stillenmarktes der Angestellten die Eingliederung der arbeit- suchenden Beamten in die bestehende Arbeitsnachweisord- n u n g erfolgen muß. Ln den Leitsätzen wird deshalb im einzelnen gefordert: „1. Die Einstellung pensionierter oder auf Wartegeld gesetzter Beamter darf nur durch den öffentlichen Arbeitsnach- weis erfolgen.. 2. Pensionierte oder auf Wartegeld gesetzte Beamte, deren Be- züge aus dem Beamteiiverhältnis nicht mehr als den doppelten Be- trag dessen cusmachen, was sie für sich und ihre Angehörigen an Arbeitslose nu nter st ützung erhalten würden,' sind bezüg- lich der Einreihung und Bermittlung nach den gleichen Grund- sätzen zu behandeln wie andere Arbeitsuchende. 3. Soweit die Bezüge aus dem Beamtenoerhältnis diese Grenze ü b e r st e i g e n, ist vor der Bermittlung festzustellen, daß keine anderen für den betreffenden Posten geeigneten Bewerber beim Arbeitsnachweis eingetragen find. 4. Arbeitsverträge, die nach Inkrafttreten der Bestimmungen 1 bis 3 unter ihrer Außerachtlassung zustandegekommen sind, sind nichtig. Arbeitgeber, die pensionierte oder aus Wartegeld gesetzte Beamte unter Umgehung des öffentlichen Arbeitsnachweises einstellen, sind zu bestrafen/' Dies» Vorschläge des AfA-Bundes sollten die ernsthafteste Be- achtung der verantwortlichen Stellen des Reichs, der Länder und der Gemeinden wie der Parlamente finden. Es geht nicht an, dieses wichtige soziale Problem länger ungelöst zu lassen, und es ist auf der anderen Seite notwendig, den sozialen Bedürfnissen der Ange- stellten Rechnung zu tragen, ohne einen Eingriff in das bestehende Beamtenrecht vorzunehmen. Der besondere Wert dieses Borschlages liegt darin, daß hier ein billiger Ausgleich zwischen den berechtigten Interessen von Angestellten und Beamten geschaffen wird. Vie Differenzen im Sankgewerbe. Verhandlungen im Reicharbeiksministerium. Wie der Allgemeine Verband der Deutschen Bankangestellten mitteilt, finden zwecks Beilegung des Tarifkonflikts im Bankgewerbe am kommenden Montag, den 29. September, Derhandlungen im Reichsarbeitsministerium statt. verbanöstag üer firbeitsinvaliöen. (Schluh der Tagung.) München, S. September.(Eigener Drohtbericht.) Am fünften Berhandlungstag befaßte sich der Kongreß der Arbeitsinvaliden ab- schließend mit der Frage der Organisation des Rechtsschutzes. Der Hauptvorstand hotte seinen Antrag auf zentrale Regelung des Rechtsschutzes zurückgezogen und sich der Meinung der Kommission angeschlossen, daß mit einfachen und billigen Mitteln die zweckmäßige Regelung des Rechtsschutzes durch die Gaue erfolgen soll. Der Aufwand hierfür erfolgt durch Erhöhung der Mitgliederbeiträg«. Diese Regelung wurde vom Verbandstag gutgeheißen. Ebenso wurde die Errichtung einer Unter st lltzungskasse für Sterbe- fäll« beschlossen, für die bei einer Leistung zwischen äo bis 199 M. je nach der Summe der geleisteten Beiträg« 39 Pf. Monats- beitrag zu zahlen sind. Eingehend befaßten sich dann die Dele- gierten mit der Beratung und Beschlußfassung eines neuen Ber. b a n d s st a t u t s, das am 1. Januar 1927 in Kraft tritt. Die Streitfrage, die den Rücktritt des bisherigen Bor- sitzenden K a r st e n in bedrohlich« Nähe rückte, wurde d ur ch ein Kompromiß erledigt. Karsten hatte sich gegen die vom Ber- bandstag beschlossene Einrichtung einer siebengliedrigen Kommission für die Beratung sozialpolitischer Fragen ausgesprochen. Das Kam- promiß, mit dem Karsten sich einverstanden erklärte, geht dahin, daß «in breiter Kreis von Kollegen zur Beratung wichtiger sozialpolitischer Angelegenheiten vom Hauptvorstand von Fall zu Fall heran- gezogen werden soll. Die Gauleiter sollen bei der Auswahl dieser Kollegen möglichst zahlreich gehört werden. Infolge dieses Kom- promifses ging die Neuwahl des Hauptoorftandes auch glatt von- statten, in der K a r st e n und M a t t h e s"e i n st i m m i g wiederum zu Vorsitzenden mit gleichen Rechten gewählt wurden, als Kassierer D o r b« ck. In den erweiterten Hauptvorstand wurden berufen Thomas vom Gau Rhein-Ruhr, Schneider vom Freistaat Sachsen und Walter von der Provinz Sachsen. Die Wahl zum Beirat hatte folgendes Ergebnis: H ü r s ch e l- Westfalen, Schirrmacher- Norddeutschland, W a l t h e r- Brandenburg, H o f m a n n-Schlesien, O st e r t a g- Hessen-Nassau, Ewald-Baden und K e r z« l- Bayern. Mit der Bestimmung von Magdeburg als Sitz des nächsten Verbandstages wurde der Kongreß am Donners- tag nachmittag geschloffen._ Die Werbewoche. Der Auftakt im Verkehrsbund. Die Berliner Ortsoerwaltung des Verkehrsbundes hatte als Auftakt der gewerkschaftlichen Werbewoche zu gestern abend nach dem Gewerkschaftshaus eine Bersammlung der Funktionäre einbe- rufen, die einen äußerst starken Besuch auswies. Der Bundesvorsitzende Genosse Schumann legte in seinem instruktiven Referat„W eltkapitalismus und interna- tionaler Gcwerkschaftsbund" dar, warum die mit Riesenschritten fortschreitende nationale und internationale Konzen- tration des Kapitals eine ebenso geschlossene und starke gewerkschaft- lich organisierte Arbeiterschaft erfordert. Er erinnerte an die Tagung der Industriellen in Leipzig, wo durch den prominenten Unter- Nehmervertreter Silverberg die Gewerkschaften als ein gleich. berechtigter Faktor im Wirtschaftsleben anerkannt und zur Mitarbeit an der Gestaltung der Wirtschaft aufgefordert wurden. Di« Rede Siloerbergs beweise, daß auch im Unternehmer- lager eine Wandlung eingetreten sei, die beweise, daß die Gewerk- schaften auf dem richtigen Weg« waren und recht daran taten, sich trotz der Sirenengesänge und Unkenrufe einer bestimmten Seite von dem Wege nicht abdrängen zu lassen. Wie weit ein Zusammenarbeiten mit den Unternehmern m ö g- l i ch sein wird, kann man heute noch nicht sagen, das hängt ganz von den Unternehmern selbst ab. Wichtig ist es jedenfalls, daß von den Unternehmern anerkannt wurde, daß man auf die Dauer keine Wirtschaftspolitik gegen die Gewerkschaften machen könne. Daraus muß man aber auch die Lehre ziehen, daß jetzt eine Stärkung der Gewerkschaften mehr denn je notwendig ist, denn der Einfluß der Gewerkschaften auf die Gestaltung der Wirtschaft wird immer von ihrer Stärke ad- hängen. Darum ist es die Pflicht nicht nur eines jeden Funktionärs, andern auch Mitgliedes, während der Werbewoche mindestens ein Mitglied für die Organisation zu gewinnen. Es gilt, be- vnders die wiederzugewinnen, die schon einmal der Gewerkschast angehörten und ihr aus irgendwelchen nicht stichhaltigen Gründen wieder den Rücken gekehrt haben. Bei einer einigermaßen regen Agitation muß es möglich sein, den Nachweis zu erbringen, daß nicht nur der Funktionärkörper der Organisation gesund ist, sondern daß die Gero«' k schaften selbst das Sammelbecken der gesamten Arbeitnehmerschaft sind. An das Referat schloß sich eine Fragestellung, d:e von einigen „Oppositionellen" zu: Erheiterung der Versammlung benützt wurde, den guten Ausklang der Bersammlung aber nicht abschwächt«. Die Iriseurgehilfen zur Awangsinnung. Gegen kommunistische Quertreiberei. Am 1. Oktober tritt an Stelle von 14 Zwangs- und freien Innungen im Friseurgewerbe Groß-Berlins eine gemeinsame Zwangsinnung. Der Arbeitnehmerverband des Friseur- und Haar- gewerbes nahm in seiner Versammlung am Mittwoch abend in Haverlands Festsälcn dazu Stellung. Der Referent, Berbandsoor- sitzender Lorenz, gab zunächst eine Darstellung der infolge der bisherigen Zersplitterung des Gewerbes erwachsenen Mißstände so- wohl in beruflicher als auch in sozialer Beziehung: ein halbes Dutzend Jnnungskrankenkassen, darunter solche, die noch nicht S9 Mitglieder zählen, etwa 15 Arbeitsnachweise und eine Reihe von Fachschulen, wovon die meisten nicht lebensfähig waren. Trotz der grundsätzlichen Gegnerschaft der Gewerkschaften gegen das Recht der Zwangsorganisation der Handwerksmeister sei die Zwangs- organifation im Friseurgewerbe die einzig mögliche Organisation. Deren stärkster Gegner war die Haarformerinnung, die nachzuweisen versuchte, daß es sich im Friseurgewerbe um zwei verschiedene Berussgruppen handle, die nicht zusammengeworfen werden dürsten. Ein Gutachten der Gehilfenorganisation, das in diesem Streit ein- geholt wurde, sprach sich dahin aus, daß es sich uni ein e i n h e i t- liches Gewerbe handle. Der Redner erörterte dann an Hand der Gewerbeordnung die der Gehilfenschaft aus der Bildung der Zwangsinnung er- wachsenden Aufgaben, zu deren Durchführung ein Gehilfenausschuß zu bestellen ist. Es werde zur Schaffung einer einheitlichen Jnnungs- krantenkasse kommen und wohl auch vsrs»cht werden, ein Jnnungs- schiedsgericht zu errichten. Der Gehilfenausschuß kann wohl seine Zustimmung zur Schaffung derartiger überflüssiger Einrichtungen verweigern, doch kann die Aufsichtsbehörde die fehlende Zustimmung des Gehilfenausschusses ersetzen. In positiver Beziehung sei die Mitwirkung des Gehilfenausschusses im Lehrlingsfachschul- und -prüfungswesen recht wertvoll. Ohne den Rückhalt der Organisation schwebe der Gehilfenausschuß in der Luft. Selbstverständlich müsse daher sein, den neuen Gehilfenausschuß aus organisierten Gehilfen zusammenzusetzen. Nach eingehender Darlegung der Wahlrechts- bestimmungen forderte der Referent zur Mitarbeit auch aus diesem neuen Gebiete auf. Da am Vormittag in der„Roten Fahne� behauptet worden war, die beiden Verbandsoorsitzenden hätten die Organisation einem katastrophalen Zusammenbruch entgegengeführt, weshalb die nächste und wichtigste Aufgabe die Teilnahme am„Kongreß der Werktätigen" sei, und die„Opposition" diesen Artikel in der Bersammlung verbreitete, wandten sich Etzkorn, Lorenz unS Hahne gegen dieses verbandsschädigende Treiben. Der„Zu- sammenbruch bestehe in einer Steigerung der Mitgliederzahl gegen die Vorkriegszeit um rund 1999, in einer Erhöhung des Mindest- lohne? von 21 auf 39 Mark, einem Tarifvertrag mit allen Meister- Vereinigungen, einer die frühere Lehrlingszüchterei eindämmenden Verordnung und der Einführung der vollständigen Sonntagsruhe. Diese Ergebnisse der reformistischen Tätigkeit könnten sich immerhin sehen lassen. Die KPD. müsse ihren„Kongreß der Werktätigen" ohne die Friseurgehilsen machen. Bäsch trat für den Klassen- kämpf der Friseurgehilfen ein, der von der Verbandsleitung nicht propagiert werde, lehnte jedoch die Verantwortung für den Artikel in der„Roten Fahne" ausdrücklich ab. Wallstab polemisierte gegen die Ausführungen von Etzkorn, mußte sich aber durch Zwischenrufe die Feststellung gefallen lassen, daß er als früherer Meister in S t a ß f u r t unorganisierte Gehilfen beschäftigte, zu derselben Zeit, zu der er auch die kommunistische Betriebs- rätedelegation nach Berlin anführte. Damit war der „Kongreß der Werktätigen" für die Versammlung erledigt. Einigung im polnischen Bergbau. Warschau, 19. September.(Eigener Drahtbericht.) Im Katto- witzer Schlichtungsausschuß zur Regelung des Lohnstreits im oft- oberschlesischen Bergbau schlug der Regierungsvertreter am Donners- tag eine Lohnerhöhung um 8 Proz. ab 1. September vor. Arbeiter und Unternehmer nahmen diesen Vorschlag an. Die Lohnerhöhung im oberschlesischen Hüttenwesen soll in den nächsten Tagen eine Regelung ersahren, wobei voraussichtlich eben- falls eine Einigung zustande kommt. /tos der Partei. Ein neues Organ der russischen Sozialdemokratie. Die in den schwersten Berhältnissen der Illegalität kämpfende russische Sozialdemokratie mußte sich seit 1925 damit begnügen, den in Berlin als Zentralorgan erscheinenden„Sozia- l i st i s ch e n Boten"(Sozialistitscheski Wjestnit") als einzige Zeit- schrift der Partei herauszugeben. Nunmehr ist es der Parteizenträle gelungen, ein neues Organ ins Leben zu rufen. Die erste Nummer des Bulletins„Jz Partii"(„Aus der Partei"), die Ende Juli in Rußland erschien und mit Hilfe eines Vervielfältigungsapparates hergestellt wurde, ist ein für die illegalen Verhält- nisse gut herausgegebenes Heft im Umfange von iVt Druckbogen. Es stellt sich zur Aufgabe, im engsten Einklang mit dem„Sozia- listischen Boten" die Parteizentrale mit der Mitgliedschaft enger zu verbinden, die Aktivität und die Initiative der im ganzen Lande zerstreuten Kräfte der Partei zu fördern und die Parteimitglieder anzuregen, an dem Wiederaufbau der Arbeiterbewegung und an dem Ausbau der Partei energisch mitzuarbeiten.->> Der Wechsel ia der Ehesredaktion des..Daily herald". Seit 1. September ist William M e l l o r an Stelle Hamil- ton Fyfes Chefredakteur des„Daily Herald". Der neue Chef- redakteur hat in Oxford studiert und ist gegenwärtig 38 Jahre alt. Vor dem Kriege war er Sekretär des Forschungsbureaus der F a b i e rg« s e l l s ch a f t und war unter der Leitung Webbs tätig. Hierauf gab er gemeinsam mit G. D. H. Cole mehrere Publi- kationen über organisatorische Fragen der Gewerkschaftsbewegung heraus und war an der eben entstehenden Gildenbewegung beteiligt. Im Jahr« 1913 trat er als Stellvertreter des Chefredak- teurs in den„Daily Herald" ein. Während des Krieges wurde er. da er als D i e n st v c r w e i g e r e r aus Gewissensgründen die Militärdienstleistung ablehnte, verhaftet. Nach dem Waffenstillstand, als der.Gerald" wieder zum Tagblatt wurde, trat er als Redakteur für Wirtschaftsangelegenheiten wieder in die Redaktion ein. Später wurde er Mitglied"der Kommunistischen Partei Großbritanniens, trat aber im Jahre 1924 aus Gründen prinzipieller Natur wieder aus. Seit längerer Zeit war er bereits die rechte Hand des Chef- redakteurs.,_ Schweizer Sozialdemokratie und Interna klonale. Der Partei- vorstand der Schweizer Sozialdemokratie hat e i n st i m m i g be- chlossen. dem Parteiausschuß, der am Sonnabend und Sonn- tag in Bern zusammentritt, den Eintritt in die Sozialistische Arbeiter- Internationale vorzuschlagen. Falls der Parteiausschuß sich diesem Antrag anschließt, wird im November der Parteitag endgültig zu entscheiden haben. „Lachen links" ist diesmal als Sondernummer„Das M a g a- z i n" erschienen. Waschechte„Magazin"illustrationen in launige Be- Ziehungen zu politischen Ereignissen gebracht, erzielen dadurch die witzigsten Ergebnisse. Zugleich ist die Sondernummer von„Lachen links" eine köstliche Verhöhnung auf den„Magazin"-Unfug über- Haupt.«Lachen links" kostet pro Nummer 25 Pf. „vie Frauenwelt" bringt von ihrem soeben erschienenen Heft 19 ab neben ihrem bisherigen reichen Inhalt drei neue Rubri- k e n: 1.„W er weiß Rat"— ein Meinungsaustausch unter den Freundinnen der„Frauenwelt" über alle Sorgen, große und kleine, welche sie bedrücken. 2. Zwei Küchenzettel für die ganze Woche mit Kochrezepten. 3.„S o n n e n b l i ck e"— heitere selbst- erlebte Episoden aus dem Alltag, für die die Leserinnen der „Frauenwelt" um eifrige Mitarbeit gebeten werden. Mit dieser Erweiterung der„Frauenwelt" kommt sie den Wünschen vieler Lese- rinnen entgegen und wird sich zu den bisherigen viele neue Freundinnen gewinnen. Jedes Heft der„Frauenwelt" tostet 39, mit Schnittmusterbogen 49 Pf. BerantwortliK für Dallttk: Dr. Hort<5«i>«! Wirtlckafl: flrtat Satrrnu»! Sewrrischaftsbeweftuni,!?. Steiucr: sscuillelon: Dr. John SSikowOti: Lokale» und Sonltiae»: ffril,»artlädt: An,cn>cn: Td. KloSe! sSintlich in Berlin. Bcrlflfl: Borwärts-Berla« S. m. b. S,. Berlin. Druck: Boru)äiI»»Buckdruckerei und Verlaasanstalt Paul Sinaer u. Co.. Berlin 6® 63, Lindenstrake 3. n l-ßaer, Berlin N20 Badstrahc 26, Ecke Prinzenallee Neuheiten für Herbst und Winter in Herren- n. 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