flbenöaasgabe Nr. 453 4 45. Jahrgang Msgabe g Nr. 214 B�ui�-dinmnrz«» mtb«itHfaettmif« lind i» txr SHoratnautaabt cngtaclien Itebaftton: SD. 66. CUibenftrabe 3 3ecnfpr*i�»t: VSahoy 292— 29T ScL'lMtcffcSojialbcmottaf Setlla Devlinev Volksblstt (�10 Pfennig� Dienstag 14. September 1426 SetUa unb Xnsetgtnabttilunt: S-schilfl-zeit 8H bi« 5 Uhr Verleger: vorwirts-verlog GmbH. DerN» SV». SS. Linbenslrahe 3 Fernsprecher: VSnhoss 292— 297 Zentralorgan der Sozialdemokratifdien Partei Deutfcblands Ireunöe öer Jememöröer. Schwere Anschuldigungen gegen den völkischen Rechtsanwalt Dr. Sack. Im Femeausschuß des Preußischen Landtages gelangte heute vormittag ein Protokoll über dte Vernehmung des 8 t u 6. i n g. Z s ch a u r vor dem Amtsgericht Bramftädt zur Verlesung. Die Vernehmung Zschaurs erfolgte im Auftrag des Ausschusses und im Beisein von dessen Berichterstatter, dem Abg. Kuttner. Zschaur ist führendes Mitglied der Organisation Consul gewesen, er leitete die Untergruppe„Wittikow*. Im Rathenau- Prozeß hat er mit auf der Anklagebank gesessen, wurde aber freigesprochen. Dagegen erhielt er mehrere Jahre Zucht- Haus wegen eines völkischen D y n a m i t a n s ch l a g e s im Kapp-Putsch und außerdem wegen Beihilfe zu einem Fluchtversuch des Rathenau-Mörders Techow. Zschaur machte Angaben, die den Rechtsanwalt Dr. Sack, den bekannten Verteidiger der Fememörder, auf das allerschwer st e belasten. Er bezeichnete Sack als die Zen- träte für alle Durchstechereien und Fluchtoersuche. Sack hat eigen- händig an Techow, Tillessen und andere Rathenau-Mörder Kassiber ins Gefängnis geschmuggelt. Er benutzte die Sprecherlaubnis des Rechtsanwalts, um die Kassiber seinen Klienten zuzustecken. Am Tage der Verurteilung des Techow war in Leipzig alles für einen Fluchtversuch vorbereitet. Durch Rechtsanwalt Sack waren nach Zschaurs Aussage für Techow ein Motorrad, ein falscher Paß und Geld bereitgestellt. Der Befreiung-versuch wurde jedoch aufgegeben, einmal weil die Bewachung zu streng war, sodann, «eil das Urteil nicht, wie erwartet, auf Todesstrafe, sondern nur auf 15 Jahre Zuchthaus lautete. Während der Verhandlung des Rathenau-Mordes wurde be- kanntlich von der Organisation Consul der Versuch gemacht, den Angeklagten Günther durch vergiftetes Konfekt zu be- seitigen. Dieser Mordversuch harrt bis heute seiner kriminalistischen Aufklärung. Zschaur sagt nun hierzu aus, daß Techow ihm mitgeteilt habe, er wisse, wer die Hersteller de» vergifteten Konsekt» seien. Und zwar habe die» Rechtsanwalt Sack dem Techow mitgeteilt. Sack hat dem Techow auch mitgeteilt, daß ein Beschluß der Organisation Consul bestände, die lästigen Mitwisser am Rathenau-Mord au» der Welt zu schassen. Nach Techow» Verurteilung gelangten Techow sowohl wie Zschaur in das Zuchthaus Sonnen bürg, hier planten sie gemeinsam eine Flucht und wandten sich zu diesem Zweck an ihre Freunde. Wiederum war es Rechtsanwalt Dr. Sack, der.Matador", der.Spiritus rector*, wie Zschaur sich ausdrückt. bei den Befreiungsversuchcn. Unter dem Stichwort.Moselwein" wurde ein raffinierter Kassiberverkehr mit Dr. S a ck in Szene gesetzt. Die Kassiber gingen nicht direkt an ihn, sondern, um die Spur zu verwischen, wurde eine Kette von mehreren Mittelsmännern gebildet, deren letztes Glied Rechtsanwalt Sack war. Es wurden vier, fünf Briefumschläge ineinandergestcckt, die folgende Adresten trugen: Werner v. Mallinkrodt, Berlin-Wilmersdorf, holsteiner Straße 33: Regierungsrat Werner Huld, Berlin-Steglitz, Albrechtstr. 89: Jakob Paar, Berlin-Grunen>ald: Assistent der Siemens-Werk« Quint, Berlin-Tegel, hauptstr. 12: Gutsbesitzer Mohr, Gut Ottensen bei Sebnitz: Rechtsanwalt Dr. Sack, Berlin W ö<), Tauentzienstr. 18a. Natürlich wurde nicht für jeden Brief die ganze Kette in Anspruch genommen, sondern immer nur einige Personen. Mit der Zeit, als sich die Gefangenen sicher fühlten, wurde die Kette verkürzt. Außer der Moselwein"-Korrespondenz des Techow führte Rechtsanwalt Sack auch noch eine zweite unter dem Stichwort .Sa aleck"(die Burg, wo Kern und Fischer sich erschossen). Diese Korrespondenz betraf den zu Gefängnis verurteilten Mitwisser des Rathenau-Mordes T i l l e s s e n, den Bruder des Erzberger- Mörders. Durch diese Korrespondenz mit Rechtsanwalt Sack wurde der Fluchtplan des Techow genau vorbereitet. Dl« Flucht sollte zunächst per Flugzeug nach Prag, dort nach einer Zwischenlandung im zweiten Flugzeug nach Ungarn gehen. Techow war seiner Sache bereits so sicher, daß er in einem Kassiber den Rechtsanwalt Sock ersuchte, er möchte sich beim Prinzipal der Organisation Consul dafür verwenden, daß Techow nach seiner Befreiung das Amt des Feme- richlers und Vollstrecker» über den mitverurteilten Günther erhielte. Günther wurde nämlich als Verräter angesehen, weil durch sein ungeschicktes Verhalten die rasche Aufklärung des Rathenau-Mordes gelang. Die Aussage des Zschaur zeigt die Rechtsanwaltsfirma Sack SockundBlochin neuem Lichte. Das Verhalten dieser Anwälte im Fememordprozeß Pannier wird ja den Ausschuß ohnehin beschäftigen. Im Fall der Rathenau-Mörder aber liegen die Dinge noch viel krasier. Die Aussage Zschaurs zeigt Herrn Rechtsanwalt Sack in der Rolle des Begünstigers, Fluchthelfers, gelegentlichen Vermittler» von Mordplänen, Mitwissers von Mordversuchen usw. Daß diese Dinge durch den Verteidigungsaustrag keineswegs gedeckt werden, liegt auf der Hand. Nicht nur die Anwaltskammer, euch die Staatsanwaltschaft hat nach der Aussage Zschaur, alle Ursache, sich diese Blüte völkischer Verteidigung einmal genau anzusehen. Locarno ist ratifiziert. Die Ratifikationsurkunden in Genf ausgetauscht. Genf, 14. September.(WIv.) Die an den Verträgen von Locarno beteiligten Mächte, nämlich Deutschland. England. Frank- reich. Italien. Belgien, die Tschechoslowakei und Poten, haben heute vormittag im Generalsekretariat de» Völkerbunde» die R a t i- fikationsurkunden zu diesen Verträgen niedergelegt. An dem Akt, der sich im Amtszimmer de» Generalsekretär» Sir Eric Drummond vollzog, nahmen teil: für Deutschland Reich»- minister de» Aeuheren Dr. Stresemann, für England Staat»- sekretär Sir Austen Ehamberlain, für Frankreich Minister de» Aeußereo Briond. für Italien der erste Delegierte Senator Scialoja. für Belgien Senator de Vrouquere. für die T s ch e ch o- s l o w a k e i Minister de» Aeußeren Benesch und für Polen der Minister de» Aeußeren Zaleski. die alle von ihren juristischen Sach- waltern begleitet waren. Nach Prüfung der verschiedenen Urkunden wurde über deren Riederlegung für jeden einzelnen vertrag ein besondere» Protokoll angefertigt und von dem jeweil» beteiligten Vertreter unterzeichnet. Räch Abschluß dieser Formalitäten richteten dte Delegierten ge- «einsam ein Telegramm an den Bürgermeister von Locarno. « Am 11. Februar 1S2S hatte die deutsche Regierung den Westmächten einen Sicherheitspatt angeboten. Am 17. Ot- tober desselben Jahres wurde er in Locarno von den auf der Konferenz versammelten Ministern paraphiert. Am 28. November nahm ihn der Deutsche Reichstag an, am Tage darauf gab der Reichspräsident v. hindenburg seine Unier- schrift, am 1. Dezember wurde der Vertrag von den in allen beteiligten Staaten hierzu bevollmächtigten Ministern in London unterzeichnet. Im März dieses Jahres sollte er auf der außerordentlichen Völkerbundstagung nach der Aufnahme Deutschlands ratifiziert werden. Was damals scheiterte, hat sich heute, am 14. September 1926, vollen- d e t. Die fünf Verträge von Locarno sind Bestandteil des Völkerrechtes geworden: die vier Schiedsverträge zwischen einerseits Deutschland, andererseits Frankreich, Belgien. Tschechoslowakei und Polen, der Rheinpakt zwischen Deutsch- land. Frankreich und Belgien, mit England und Italien als Garanten. Von nun an find die sieben Dertragsmächte an diese Verträge für die Dauer gebunden. Fast zwei Jahre europäische Geschichte haben sich um das internationale Dertragswerk von Locarno gedreht. Mannig- fach waren di« nationalen Schwierigkeiten, die es zu über- winden hatte. Ein Staatsstreich in Polen. Bruch der Re- gierungskoalition in der Tschechoslowakei, Sturz dreier Ka- binette in Frankreich. Zerfall einer Regierungskoalition, dazu ein Kanzlerwechsel in Deutschland: das waren die chinder- niste, die sich in den beteiligten Staaten gegen die Verwirk- lichung von Locarno auftürmten. Schon die Gefchich'e dieses juristischen Vertragswertes ist ein Sieg des z w i s ch e n- staatlichen, des internationalen Gedankens. Nur. gilt es, seine politischen Wirkungen zu erhalten und zu vor- tiefen.__ primo unterliegt im volksentscheiü. Rur eine Minderheit stimmt für die Diktatur. Madrid. 14. September.(TU.) Die Volksabstimmung Hai gestern ihren Abschluß gesunden. Bl» um 9 Uhr abends lagen etwa fünf Millionen Zustimmungen für die Regierung vor. Die Ergebnisse aus einigen Provinzen fehlen noch, so daß mit einer Gesamtzisser von sechs Millionen gerechnet wird. Abends gab primo de RIvera zur Feier seines Regierungsantritt» den Regierungsmitgliedern ein Bankett, heule findet ein kablnelt»rot statt, der sich mit den Maßnahmen für die Konstitute- rung der Rationalversamlung beschästigen wird. Räch einer Meldung de«„Petit Parisien" au» Madrid bedeutet die äußerst schwache Wahlbeteiligung nicht, daß da» Direktorium nicht populär sei. sondern beweise nur die politische Teilnahmslosig- keit de» ganzen Volkes.(!) » Die spanische Diktatur hatte es nicht wagen können, eine freie und unbeeinflußte Abstimmung stattfinden zu lassen. Oeffentlich mußten Männer und Frauen ihre Namen unter das Manifest setzen, durch das das Volk dem Diktator sein Vertrauen bekunden sollte. Nein-Stimmen wurden nicht entgegengenommen. Stimmenth'altung war die ein- zige Möglichkeit, gegen Primo de Rioeras Regime Stel- lung zu nehmen. Die Regierung ließ alle Verwaltungskünste stielen, um die Massen in die Stimmlokale zu bringen. Staatsbeamte und Staatsarbeiter wurden als Stimmvieh kommandiert, der ganze Wahlterror angewandt, den auf dem Lande und in kleinen Städten die herrschenden Kliquen auf- zubieten vermögen. Und dennoch nur 5 bis 6 Millionen Stimmen bei einer Bevölkerung von über 21 Millionen, also etwa 14 Millionen Stimmberechtigten. Nur ein Drittel der Wähler hat für Primo gestimmt. Die Militärdiktatur ist i m Volksentscheid mit fast zwei Drittel Mehr- h e i t unterlegen, das ist das Ergebnis der spanischen Abstimmungsfarce. Daß Primo sich zu einer Volksabstimmung herbeiließ. war ein Zeichen der Schwäche. Das Ergebnis hat seine Schwäche vollends enthüllt. Eine unüberlegte Reöe. Dr. Reinhold auf der Jndustriellentagung i« Dresden. Auf der Dresdener Tagung des Reichsverbandes der Industrie sind drei bedeutsame Reden gehalten worden von Geheimrat K a st l, von Reichsfinanzminister Dr. Rein» hold und von Dr. S i l v e r b e r g. Das große Interesse, das die Rede Silverbergs fand, hat die kritische Betrachtung der beiden anderen Reden stark vernachlässigt. Will man sich jedoch über die Richtung der künftigen Finanz-, Sozial- und Wirtschaftspolitik klar werden, so ist diese kritische Betrachtung der Reden von Reinhold und Kastl unerläßlich. Das gilt ins- besondere von der R e d e R e i n h o l d s. Er ist der Ver- walter der Reichsfinanzen und hat in dieser Eigenschaft einen überaus großen Einfluß, besten Auswirkungen auch in der Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik zu spüren sind. Reinhold hat mit seiner Rede in Dresden einen großen persönlichen Erfolg erzielt. Der Bericht verzeichnet nach seiner Rede:„Stürmischer, langanhaltender Beifall: die Versammlung erhebt sich und bringt dem Minister brau- sende Ovationen dar." Wir wollen nicht untersuchen» in welchem Maße dieser Erfolg der Rednergabe des Reichsfinanzministers zu verdanken ist und in welchem Maße dem Inhalt der Rede. Vergegenwärtigt man sich aber, daß die Teilnehmer dieser Jndustriellentagung fast ausnahms- los aus nüchternen Rechnern bestanden, dann wird man kaum daran zweifeln können, daß diese Herren sich weniger durch die Form als durch den Inhalt der Rede zu ihrem Beifall veranlaßt sahen. Das verstehen wir. Wohl noch niemals hat die Rede eines Finanzministers so v ö! l i x den Wünschen großkapitalistischer Kreise ent- sprachen, wie diese. Alles stand unter dem Eindruck, daß gegenwärtig auf dem Posten des Reichsfinanzministers ein Mann der eigenen Denkart steht, der nicht nur im Wollen» sondern auch im Denken und Fühlen dem großindustriellen Ideal entspricht. Der deutschnationale Reichstagsabgeordnete Dr. Reichert drückte das in den Worten aus. Reinhold habe hundert- prozentig nach den Wünschen der Industrie gesprochen. Nur mühten seiner Rede auch die e n t s p r e ch c n- den Taten folgen. Noch wärmer äußerte sich die „Deutsche. Bergwerkszeitung", obwohl sie bis in die letzte Zeit hinein zu den schärfsten Gegnern des demokrati- lchen Finanzministers gehörte. In ihr konnte man lesen: „Wohl selten hat ein Reichsminister seitens der Industrie der- artigen Beifall geerntet wie Herr Minister Reinhold. Wohl selten aber auch hat ein Minister in der Oeffentlichkeit Worte gesprochen, die der Industrie derart sympathisch waren, die von ihr fast restlos unterschrieben werden konnten. Dabei hatte man den Eindruck, daß es sich nicht um leere Phrasen handelte, sondern daß endlich einmal ein Minister den f e st e n Willen hat, seine Politik in industriesörderndem Sinne einzustellen." Dieses Urteil ist verständlich und berechtigt. Selbst wenn man von der Annahme ausgeht, daß der gekürzte Bericht der Rede manche Aeußerung des Ministers unvollständig oder verzerrt wiedergibt, so bleibt doch der allgemeine Eindruck da- von unberührt. Herr Dr. Reinhold verwechselt ebenso wie die deutschen Unternehmer das Interesse der Unternehmer mit dem Interesse der deutschen Wirtschaft. In den großen Steuerlasten des deutschen Volkes sieht er— in völliger Mißachtung der Träger dieser Steuerlasten und ihrer sozialen Wirkungen— Lasten der Unternehmer, die sie aus ihrem Gewinn abzuführen haben. Ihnen, und nur ihnen, verspricht er deshalb eine Senkung der Steuerlasten, und er stellt in Aussicht, daß die Ausgaben gedrosselt werden sollen, um diese Steuersenkung zu ermöglichen. Derart ein- seitig ist bisher von amt sicher Stelle kaum jemals die Förderung plutokratischer Ab- sichten in der Steuerpolitik betont wurden. Herr Dr. Reinhold ist davon ausgegangen, daß biet Finanzpolitik der letzten Jahre infolge ihrer Ueberschußwirt- schaft einen„schweren Fehler" darstellt. Wir sehen keinen Anlaß, diese Finanzpolitik, die meist gegen den Widerstand der Sozialdemokratie betrieben wurde, zu rechtfertigen. Man kann aber auch über sie denken wie man will. Das eine je- doch ist unbestreitbar: Herr Reinhold lebt von d i e s e n„s ch w e r e n F e h l e r n". Diese„schweren Fehler" haben im Jahre 1924/25 einen Ueberschuß von 2079 Millionen Mark gebracht. Diesen Ueberschuß hat Herr Dr. Reinhold zum großen Teil noch vorgefunden. Ohne diesen Ueberschuß wäre eine Politik des Steuerabbaues völlig unmöglich, ohne diesen Ueberschuß hätten nicht einmal die sehr erheblichen einmaligen Ausgaben ohne Steuererhöhung vorgenommen werden können und wäre der Etat des Reiches nicht zu balanzieren. Ohne diese Ueberschüsse hätte man auch das Abkommen mit dem Reparationsagenten nicht abschließen können, das eine frühere Zahlung der Reparationsleistungen vorsieht, Deutsch- land aber eine Ermäßigung der Zusatzleistungen zugesteht. Ebenso wie die Unternehmer scheint aber auch Herr Dr. Reinhold die Meinung zu vertreten, daß diese Ueherschüsse aus der Ueberfpannung derjenigen Steuern herrühren, die von den besitzenden Kreisen aufgebracht wurden. Das ist aber in jeder Beziehung falsch. Und es ist überaus b e- d a u e r l i ch, daß ein Reichsfinanzminister die unwahren Darstellungen derjenigen Kreise, denen die Steuerscheu zur Gewohnheit geworden ist, gedankenlos wiederholt. Von den 2079 Millionen, die sich im Jahre 1924 25 als Ueberschuß er- gaben, stammen nicht weniger als 1682Millionenaus denMassensteuern und nur3g7Millionenaus I a l l e n B e s i tz st 6 tt e r n z i, s a M M 6 n. Die L o h n st e u e r allein brachte einen Mehrertrag von 612 Millionen, die U m- s a tz st e u e r S38 Millionen, die Befördern ngs st euer 82 Millionen und dieZölleundVerbrauchssteuern 430 Millionen. Selbst wenn man annimmt, daß ein Teil der Ilmsatzsteuer nicht auf die Preise der Waren aufgeschlagen werden konnte und infolgedessen von den Unternehmern aus dem Gewinn zu entrichten war, so wäre das nur ein Aus- gleich dafür, daß die Vorauszahlungen auf die Einkommen- und Körperschaftssteuer gerade in dieser Zeit zum wesent- lichsten Teile abgewälzt worden sind. Die Ueberschußwirtschaft der vergangenen Jahre kann also niemals eine Herabsetzung der Steuern derjenigen Schichten rechtfertigen, die zu diesen Ueberschüssen fast nichts beigetragen haben. Statt dessen aber hat Herr Dr. Neinhold die Herab- setzung der Einkommen st euer und die E r m ä ß i- gung der Realsteuern in Aussicht gestellt und ver- sprachen, daß künftig die G e sch ä f t s b i la n z e n die Grundlage der Steuerveranlagung werden sollen. Er hat wieder den Grundsatz aufgestellt, daß die Ausgaben sich nach den Einnahmen zu richten haben, und daß der endgültige Finanzausgleich zu einer Verminderung der ge- samten Steuerlast führen müsse. Ueber die Gestaltung des Finanzausgleichs, wie sie Herrn Reinhold und dem Reichsoerband der Industrie vorschwebt, wird noch im ein- zelnen zu reden sein. Ob es für die Reichsregierung zweck- mäßig ist, dieses an und für sich sehr schwierige Problem, bei dem nicht nur finanzielle und soziale, sondern auch ver- fassungspolitische und verwaltungsrechtliche Gegensätze be> stehen, zum Vorstoß für eine plutokratische Neuordnung unseres Finanzwesens zu be. nutzen, erscheint uns außerordentlich zweifelhaft. Dem Grundsatz, daß die Ausgaben sich nach den Ein- nahmen zu richten haben, widersprechen wir aber aufs schärfste. Er stellt nichts anderes dar als einen Sieg rein materieller Interessen über soziale Pflichten. Die Aufgaben und Ausgaben der öffentlichen Körperschaften dürfen nicht lediglich bestimmt werden nach der an und für sich geringen Neigung.der Bürger. Steuern zu zahlen. Sie haben sich vielmehr von dem Wohl der Allgemein- h e i t und der pflichtgemäßen Fürsorge für die großen Schichten der notleidenden Bevölkerung zu richten. Und wenn insbesondere Herr Dr. Reinhold seinem Grund- satz, die Ausgaben müssen sich nach den Einnahmen richten, die Ankündigung folgen läßt, daß er die Einnadmen er- mäßigen werde, so kann das trotz aller gegenteiligen Versiche- rungen nur als Absicht aufgefaßt werden, die bereits bestehenden sozialen Verpflichtungen ein- zuschränken. Denn wenn die so oft angekündigte Der- waltungsreform etwa in den Dosen verabfolgt wird, deren erste die Umbildung des Reichsfinanzministeriums ist, dann wird man noch in hundert Jahren auf ihre materiellen Aus- Wirkungen warten können. Alles in allem möchten wir keinen Zweifel daran lassen, daß die Rede des Herrn Dr. Reinhold unsere V e f ü r ch t u n. gen gegenüber seiner Politik und seiner Persönlichkeit nur no-tz o e r st ä r t t hat. Wie wollen uns andererseits aber auch vut einer Ueberschätzung dieser Dresdener Rede hüten. Denn schließlich ist sie doch nur eine Rede und keine Hand- l u n g. Und wenn nicht alle Anzeichen trügen, dann muß man gerade bei Herrn Dr. Reindold sehr scharf zwischen Reden und Handeln unterscheiden. Deshalb wollen wir hoffen, daß unsere Kritik Herrn Reinhold vor unüberlegten Schritten bewahren wird, obwohl er deren so viele an- gekündigt hat. Der Relchsinnenmlnisier Dr. Külz hat bei seinem Besuche In Wien anläßlich der Tagung des Vereins für Kommunalwirtschaft den Minister» der österreichischen Bundesregierung wie dem Bürgermeister der Stadt Wien, Genossen S e i tz, Besuche ab- gestattet und überall eine besonders freundschaftliche Aufnahme ge- fundcn. Interview mit Mutter Volffen. Don Hansv. Zwehl. Gerhart Hauptmann wohnte In den drei Jahren, in denen seine ersten naturalistischen Werke eine Revolutionierung der deutschen Thcaterliteratur herbeiführten, zuerst in Fliedrichshagcn, dann in einem Landhause in Erkner in der Nähe der Friedrich- und Fürsten- rvalder Straße, das einem Rentier Lassen gehörte, dem Rentier Krüger vom„Biberpelz" und in dem auch die Mutter Wolfsen mit ihrer Familie angesiedelt war. Das Haus in Erkner, in dem letzt«in Restaurant uiitcr dein Namen„Kurhaus" betrieben wird, erinnert heute äußerlich in nichts mehr an die historische Mission, die es in der Dramatik ausgeübt hat. Der Rentier Krüger ist tot, aber die Muter Wnlffen, eine 81jährige Frau Heinz«, ist heute noch als Be- fitzerin eines einfachen Häuschens in der Wilhelmstr. 42 in Erkner ansässig. Im Vorderhaus, das sie vermietet hat. wohnen vier Ar- beilersnmilien, in einem ärmlichen Seitengebäude des Hofes, nur mit Küche und einem Stäbchen mit der Aussicht auf einen fruchtbaren Charte», hält sich das Urbild der größten Komödie der neueren Lite- ratur verborgen, eine Gestalt, die, ohne es zu ahnen, den hervor- rasendsten Darstellerinnen unserer Zeit, wie der Else Lehmann, die Möglichkeit einer unendlichen Bereicherung ihres Schaffen» ge- geben hat. Auf einer Steintreppe im Abendschein sitzt ein altes Mütterchen. schmal und klein, mit noch nicht ganz erbleichtem, gescheilellem Haar auf einem runden Köpfchen, mit freundlichen, heiteren Gesichtszügen und sehr klugen, intelligenten Augen, grauen Katzenaugen, mit denen sie heute noch beim Schein einer ganz kleinen Nachttischlampe ohne Brille lesen kann und auch halbe Nächte liest. Nach den ersten Worten, die man mit dieser Frau gesprochen hat, wird e» einem sofort klar, daß sie wirklich die Mutter Wolsien ist. Ich frage sie zunächst nach Gerhart Hauptmann.„Freilich," sagt sie,„den Hab' ich gut gekannt. Er war ein guter Mensch—, aber wissen Sie, damals war er eben noch zu jung, auch wegen seiner Heirat. Sein Bruder aber, der Karl, das war der richtige Mann. Na ja, und damals konnte er auch wohl in der Dichtung noch nicht soviel verdienen wie jetzt." „Und haben Sie mit ihm mehrere Jahre im selben Hause ge- wohnt?" „Ja, natürlich, und später zog Hauptniann dann nach Charlotten- bürg, kam aber noch mal als Sommergast wieder." „Und haben Sie d»n„Biberpelz" auch einmal auf der Bühne gesehen?" „Ja. einmal im Lessing-Theater." „Und was haben Sie dazu gemeint?" „Na, ich habe dazu gelacht und gesagt: Ihr seid ja oll« dumm." -- Nach einer Pause fuhr sie fort:„Wissen Sie, die dummen Men- schen glauben immer, daß es sich wirklich alles so zugetragen hat, wie der Dichter es schreibt. Aber der Hauptmann hat natürlich vieles dazu erfunden." Nach dieser Rehabilitation forschte ich weiter noch dem Rentler Krüger. Dies ist unzweifelhaft der vorhin erwähnte Rentier Lasten gewesen, der von der alten Frau genau so als betriebsamer, charakter- fester und leicht erregbarer Mann geschildert wird, wie er von Hauptmann übernommen wurde.„,_ Die letzte Instanz. Ein Ministerialbeamter gegen die Regierung. Im Hugenbergschen ,,T a g" polemisiert ein„höherer Ministerialbeamter" gegen die Umbildung im Reichsfinanzmini st erium. Die Polemik ist auf den Ton gestimmt: jede Aufwartegeldsetzung höherer Beamter, die den Rechtsparteien angehören, ist rechtswidrig und verfassungswidrig. Im übrigen sucht diese Polemik eines„höheren Ministerialbeamten" die Regierung und ihre Verordnung nach Kräften verächtlich zu machen. Sie spricht von einem Beschluß der„Minister der Reichsbanner- Parteien", von„biederem Augenaufschlag und sozialer Sal- bung" der Begründung, von einem„apokryphen Kabinetts- beschluß in später Nachtstunde". Eine Polemik, die ein „höherer Ministerialbeamter" im Kaiserreich schwer hätte büßen müssen. Aber warum zu dieser Polemik im„Tag" nicht die Punkte aufs I setzen? Die Umbildung im Reichsfinanz- Ministerium hat auch den Ministerialrat Kühnemann be- troffen, der besonders wegen seiner reaktionären Beamten- Politik angefeindet wurde. Herr K ü h n e m a n n hat sich bis zum äußersten gewehrt. Er hat sich beim Reichspräsidenten beschwert und eine Intervention erreicht, die erst an dem ent- schiedenen Hinweis des Finanzministers auf seine Zuständig» keit und Verantwortlichkeit ein Ende fand. Die Gegenwehr der Betroffenen hat die Umbildung ver- zögern, aber nicht aufhalten können. Nun bleibt ihnen als letzte Beschwerdeinstanz— die Hugenberg-Presse. Die Sorgen öes Wilhelm Pieck. Oder: Wie vermeidet man eine Parteispaltung. Wilhelm Pieck ist der Organisationsbonze der KPD. An kaltschnäuzigem Zynismus wird er von niemand übertroffen. Er dient jeder Richtung mit gleicher Treue und Hingabe. Wie Cäsar liebt er keine Leute um sich, die sich allzuviel Gedanken machen oder sich durch irgendwelche Intelligenz auszeichnen. Das ist immer gefährlich und schädlich. Rur ist er selbst im übrigen kein Cäsar— weiß Gott nicht! Die Unterschriftensammlung der 700 hat jetzt sogar ihn dazu gebracht, sich schriftstellerisch zu be- tätigen. Ganze anderthalb Spalten widmet er einem Artikel, der zum Kampf gegen die„Saboteure der revolutionären Arbeit" auf- fordert. Wieviele solcher Spaltungen hat Pieck, der bewährte Haus- knecht der KPD., schon mitgemacht! Das Rezept ist bei ihm immer dasselbe: olle sentimentalen Gemüter werden gerührt durch den Hin- weis auf die furchtbare Gefahr, in die die Partei von gewissenlosen Leuten gebracht wird; die armen, bedauernswerten prächtigen, ehr- lich-revolutionären Arbeiter sind die Verführten: die Intellektuellen, die Kaffeehausliteraten, die„Artisten", die Leute mit eigenen Ge- danken, das sind die Verbrecher und Verführer. Die Verführer wirft man hinaus, die Verführten kehren in den Schoß der Kirche zurück. Also heißt die Parole: „Schärfster Kamps den Machern der Unierschrifkensammlung, den Fraktionsmachern, den Parteischädlingen, den Saboteuren jeder revolutionären Arbeit! Diese Elemente haben jetzt klar ihr Gesicht gezeigt, ihnen gegenüber die gesamte Front der Parteimitgliedschaft! Je stärker die Partei ihre revolutionäre Arbeit erfüllt, je weniger die Parteigenossen sich durch die Partei- diskussion von diesen Elementen abhalten lassen, ihre revolutio- näre Arbeit unter den Arbeitern zu erfüllen, je stärker die Partei- genossen den Kongreß d«r Werktätigen-vorbereiten und damit die Boraussetzungen für die weitere Steigerung der Be- wegung und eines ernsten Kampfes für die revolutionären Forde. rungen schaffen, je mehr wird es der Maslow-Ruth- Fijcher-Urbahn-Gruppe unmöglich gemacht wer- den, die Parteigenassen zu desorganisieren, sie mit Mißtrauen Segen die Parteileitung und untereinander zu erfüllen und die lartcieinheit in Gefahr zu bringen." Damit das Rezept w i r t s a m e r sei, bekommt es eine weitere — leider auch nicht neue— Note. Ruth F i j ch c r- M a s l o w- U r b a h n s sind— Menfchewistenl Weil der„Vorwärts" „Und Ihr eigener Mann, Mutter Wolffen?" „Nun, er war Schiffsbauer und ein stiller und ruhiger Mensch — und er mochte auch ganz gern einen trinken, aber er war kein Säufer.— Ich sag's, wte's ist." „Und dann war da noch die Pumpliese", sagte die alte Frau. „Aha, die Frau Motes." „Ihr Mann hat auch gedichtet: er hieß H...... hatte ein lahmes Bein." Im„Biberpelz" ist Motes bekanntlich ein Einäugiger. „Haben Sie auch gewaschen, Frau Heinze?" „Freilich." „Wo denn?" „Na beim Rentier Lassen und beim Amtsvorstehcr." Aha, der Herr von Wehrhahn! „Was war denn das für ein Amtsvorsteher?" „Er hieß Herr von Busse, war ein ganz Scharfer und brauste bei jeder Gelegenheit auf." Hier mischte sich eine Nachbarin ein und sagte, daß der Amts- Vorsteher sie auch einmal gefährlich angeschnauzt hätte, als sie zur Abstempelung einer Inralidenkarte bei ihm erschienen war. Wie man weiter hörte, ist Wehrhahn inzwischen gestorben. „Was machen Sie denn jetzt. Frau Heinze?" „Mein Mann ist 23 Jahre tot, und ich habe das Häuschen und den Garten, da bat man den ganzen Tag zu tun.— Und manchmal gehe ich auch in die Heide, fürs Holz." „Und Ihre Kinder? Sie hatten wohl nur Mädchen?" „Ja, drei. Zwei sind tot, und die eine ist im Rheinland ver- heiratet, aber es geht ihr nicht gut." „War eine Ihrer Töchter bei dem Rentier in Stellung?" „Rein, aber die Zweite war, als sie noch ein Schulmädel war, vielfach bei Hauptmanne im Hause und ist auch mit ihnen gereist. Sehen Sie, hier habe ich noch eine Photographie von dem kleinen Ivo Hauptmann, dem guten Jungen." Sie jchaute traumverloren über das Bild und fragte, ob ich nicht wüßte, wo dieser Junge geblieben wäre: sie hätte nie wieder etwas von ihm gehört. Und es war ganz, als ob man die Szene aus dem „Biberpelz" sähe, in dem Mutter Wolffen das kleine Philippchen liebkost, weil sie selbst keinen Sohn hat, und ihre eigene Tochter daneben steht. Dieser rührende Zug aus dem Schauspiel hat sich bis zu dem 81. Lebensjahre der Frau erhalten. „Und die Schiffer?" „Don Schiffern weiß ich nichts. Früher gab's hier wohl einige, die Steine aus den Kalkbergen fuhren, aber ich hatte mit ihnen nichts zu tun." Dafür erzählte sie mir aber, daß Hauptmann in seiner Erknerzeit sehr sorgfältig die Handwerker und Arbeiter beobachtet habe, die in das Haus kamen. Ein von der Fra» immer wieder mir gegenüber wiederholtes Bekenntnis lautete:„Ich bin geradezu— und ich war helle: darauf können Sie sich verlassen. Und Humor habe ich auch, selbst heute noch, das können Sie glauben!" Die Sprechweise der alten Frau war ganz die der Mutter Wolffen— und als ich von ihr schied, hatte sie mir einen Apfel aus ihrem Garten in eine Tasche geschmuggelt und ries mir. ganz ol» ob sie den seligen Julian meinte, sreundlich-energisch nach:„Macht aber auch das Tor zu!" (Vorabdruck aus der„Volksbühn e."), I wörtliche Auszüge aus den Dokumenten der Opposition bringt, wird! den bedauernswerten Gläubigen erzählt, der„Dorwärts" solidari- siere sich mit der Opposition. Dabei weiß jedes Kind, daß die arme „Rote Fahne" um so mehr auf den„Vorwärts" und die Sozial- demokratie fluchen muß, je offenkundiger in Rußland und in Deutschland der Bruch mit der alten kommunistischen Taktik wird. Die Rückzugstanonade eines Wilhelm Pieck und seiner jungen Leute kann doch niemand darüber täuschen, daß die Russen das Kommando geben: Volldampf rückwärts! und daß man dabei— ob man will oder nicht— bei der Sozialdemokratie landen wird. Einstweilen wird man vielleicht 30„Führer" hinaus- werfen und dann erklären:— nun ist die Partei gerettet. Halten wird die„Rettung" gerade eine ganze Woche. Wilhelm Pieck»st kein Cäsar._ Cinfuhrscheine und DutterzoU. Beschlüsse des handelspolitischen Ausschusses. In der heutigen Sitzung des handelspolitischen Ausschusses wurde über Einfuhrscheine und Butterzoll nur kurz debattiert. Nachdem der Regierungsvertreter aufgefordert hatte, der Regierung den Zeitpunkt für die Aufhebung der jetzt gültigen Bestimmungen über die Wertbestimmung der Einfuhrscheine zu überlassen, und dieser Antrag gegen die Stimmen der Sozialdemo- kraten abgelehnt worden war, nahm die Mehrheit des Aus- schusses einen Antrag der Deutschnationalen und der Deutschen Volkspartei(Zwischenruf Hilferding: Partei G a y l- I a r r e s) an: Der Ausschuß wolle beschließen, die Reichsregicrung zu ersuchen. die Wertbestimmung der Einfuhrscheine in den ersten Tagen des Oktober 1S26 mit den geltenden Zollsätzen in Ueberein- stimmung zu bringen. Die Sozialdemokratie beantragt, statt des in Kraft getretenen autonomen Zolls von 30 M. den bis zum 1. August d. I. in Kraft gewesenen Zoll von 22,50 M. bis 31. Dezember bestehen zu lassen. Genossin W u r in erinnert an die Versprechungen der Regierung wie des Zentrums, den autonomen Zoll nur als Ver- handlungsgrundlag« zu betrachten, ihn aber nicht in Krast zu setzen. Genosse Hilferding erhebt den Vorwurf, daß die Handels- Politik der Regierung sich vollkommen in den alten B ü l o w- schen Bahnen bewege, und von den Veränderungen in der weltagrarischen Produktion seit dem Kriege von den Führern der deutschen Handelspolitik keine Notiz genominen werde. Nach langer Debatte wird der Antrag der Sozialdemokratie a b g e l e'h n t, und der finnische Handelsvertrag mit Wirkung ab 1. Oktober an- genommen, wodurch der Butterzoll auf 27,50 M. festgelegt wird. Auf Anfrage der Genossin Wurm, welch« Vorkehrungen d'e Regierung nunmehr getroffen habe, den vom Ernährungsministerium lzervorgerufenen Schwierigkeiten in der Gefrisrfleischver- s o r g u n g zu begegnen, gibt«in Vertreter des Ernährungs- minssteriums die formelle Erklärung ab, daß sofort eine Aus- gleichsmenge von 5000 Tonnen für den Monat September hergegeben worden sei, und daß ab 1. Oktober die monatliche Belieferung mit 10 000 Tonnen gesichert wär«. poincarss Schatten hinter Srianö. Frankreichs Außenminister beklagt die unaufhörliche Polemik zwischen Teutschland und Frankreich. Pari», 14. September.(MTB.) Minister des Auswärtigen B r i o n d Hot nach einer Meldung der Agence Haoas gestern abend in Genf den Journalisten erklärt, er habe keine neue Unter- redung mit Dr. Etreseniann gehabt, jedoch würden sie beide wenigstens noch einmal zusammenkommen, um über die Mittel zur Durchführung der Abkommen von Locarno sich zu ver- st ä n d i g e n. Diese Abkommen seien auf Berträgen basiert. Die Durchführung eines Vertrages aber sei schwierig für zwei Länder, die durch unaufhörliche Polemik gegenein- ander aufgebracht würden. Müßten nicht aber Locarno und der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund die Lage oereinfachen und die Anwendung der Verträge erleichtern? Rabindranath Tagur redet und singt. Rabindranath Tagur, der nach dem großen Saal der Philharmonie zu einem Vor- trag eingeladen hatte, jprach vor einer dichtgedrängten Menge. Er sprach englisch und in seinem Heimatdialekte. Er setzte die fröhliche und harmonische Lehre auseinander, die da erreichen will, daß der arme Mensch sich hier schon auf unserer häßlichen Erde ein Himmel- reich bereitet. Wir müssen uns nur daran erinnern, daß der Mensch der Herrscher und Schöpfer aller weltlichen Dinge ist. Nichts ick der Welt besitzt Wirklichkeit durch sich selber. Alles, was existiert. Steine und Blumen, Gewässer und Sterne» Freuden und Schmerzen, Niedriges und Erhabenes, der ganze Kosmos in seiner scheinbaren Unzulänglichkeit, alles was geschaffen wurde, alles was geschaffen ist und noch geschaffen sein wird, lebt nur, wenn der Mensch ihm Leben gewährt. Der Mensch ist der Schöpfer aller Schöpfung, er ist darum auch der Schöpfer aller Wirklichkeit und Wahrheit. Er ist darum endlich auch Schöpfer jener höchsten Wabrheit, die wir des Göttliche nennen. Der Indier verfügt über das Geheimnis, das all« Apostel, Religionsstifter und Sektierer besaßen. Er ersetzt durch entzückende Worte das, was im Geldbeutel und im Magen fehlt. Gewiß, um Freude an leiner Beredsamkeit zu finden, darf man nicht übermäßig von Daseinsbeschwerde überbürdet sein. Hat man Hoffnung, nicht vollständig in das Meer des Elends hinaus- geschwemmt zu werden, so faßt man noch mehr Hoffnung, indein man dem Indier zuhört. Hat Rabindranath Tagur die gedanklich« Darstellung seiner Lehre beendet, dann beginnt er, in benghalischer Sprache seine Gedichte vorzutragen. Er singt, er sinkt sichtbarlich in sein klingende» Innere hinein. Schließt man die Augen, so ver- meint man, daß nicht«in kraftvoller Greis dort auf der Bühne der Philharmonie tönende Verse skandiert. Man vermeint, es rege sich dort eine Sybille, um mit Heller, hallender Frauenstimme freudige Wahrheiten zu verkünden. Diese Dichterstimme des indischen Propheten ist besonders merkwürdig. Es geht von diesem Manne ein Strom der Begeisterung und der Labsal aus, obwohl wir uns gestehen müssen, daß er uns nur für Augenblicke beruhigt. Das, was er lehrt, kann nur eine Zerstreuung sein. Eine Stütze und ein Stab kann es nicht sein._ ßans Ttelmorni Hell auf ein Einladung der VolkSblldn« E. V. am 17., abend« 8 Uhr im Bechsteinlaal, LultigeS au« seinen Merken. Einlahtarten sllr t Mark sind in den Kclchäsl«stcllen und Zahlstellen der Volksbühne sowie an den Tietzschen Theaterkassen erhSUItch. cilerarische Ztackilvorstellungea. Ta« Trianon-Tbcater bereitet für diele Spielzeit einen Zdklu« von liierarillhen Nattvorslellungen unter Splellciiunq von Pro«. Heiberi Hirschbcrg vor. Am»7. September. 1t Ubr, geht crümalig da» drctatlige Drama.Die Enterbten" von Viktor von Bialon in Szene. Diese Rachivorstcllungen werden kurz vor '/,l Uhr beendet sein. Line«usllellunq pholograpblfcher Vildnisse veranstaltet da« Pbolo. yrapbislbe Atelier Nini n n d Carry H e j! auS Frankfurt a. Main in den Räumen der Vuib- und Knnstbandlunq Reust& Pollack. Kur- sürstendamm 220. Die Ausstellung wird am 1». September eröffnet. Ein deutsch schwelzerlsche« Slädtebuadtheater. Die Städte Konstanz. Schasfbausen und Winterthur haben eine Thcaterpemeinjchast in der Form belchlossen. das! der Tbeaterbetrieb in den drei Städten unter dem Namen .vereinigt« Sladttbcater Konstanz-Schasthausen-Dinteitbur" dem seitherige« Vodenjee-StSdiebulidtheater in Konstanz übertragen wird. Deutsther Juriftentag. Debatte über parlamentarische Untersuchungsausschüsse Köln. 14. Septcmb-r.(Eigener Drahtbericht.) Auf der Tages- ordnung des Deutschen Juristentagcs stehen eine Reihe von VerHand- lungsgcgenständen, die für die weiten Schichten der arbeitenden Bevölkerung von größter Wichtigkeit erscheinen. Dieses find die Frage der parlamentarischen Untersuchungsaus. schösse in ihrer Beziehung zum Strafversahren und zur Unab- hängigkeit des Richtertums, die Frage der Ausdehnung der Zu- ständigkeit des Staatsgerichtshofes, das Problem der Einschließung für Ueberzeugungsverbrecher und die Frage der Haftung der Berufsvereine der Arbeitgeber und Arbeitnehmer für unzulässige Kampfhandlungen. Acußerst bedeutungsvoll war der Verlauf der Verhandlungen über die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse. Der Berichterstatter Professor Dr. I a c o b i. Leipzig stellte sich im großen und ganzen auf den Standpunkt, daß die Untersuchungs- ausschüsse in ihren Rechten nicht eingeschränkt werden dürf. ten. daß die Forderung des Gutachters Rosenberg, die dahin ging, daß die parlamentarische Untersuchung eines Verbrechens erst nach Beendigung des gerichtlichen Strafverfahrens beginnen dürfe, unannehmbar sei und daß es notwendig erscheine, durch ein Reichsgesetz das Verfahren der parlamentarischen Untersuchungs- ausschüsse festzulegen. Genosse Dr. Kurt R o s e n s e l d erklärte, daß von irgendwelchen Eingriffen der parlamentarischen Ausschüsse in die Unabhängigkeit der Richter keine Rede sein könne. Die Frage- stellung sei aber im Falle einer möglichen Kollision zwischen Recht- sprechung und parlamentarischen Ausschüssen, welches von beiden Interessen von größerer Bedeutung ist, das Interesse des Staates an der Beseitigung gewisser Mißstände oder das Interesse an einer geordneten Rechtspflege. Di« Antwort könne nicht zweifcl- hast sein. Zudem habe die Praxis der parlamentarischen Aus- schülse ihre Nützlichkeit erwiesen. So habe ihre Tätigkeit dazu gc- führt, daß die Bestimmungen zur Abgabe von Postkreditcn ge- ändert wurden, daß der Minister für Volkswohlfahrt in Verbindung mit der H ö f l e- A f f ä r e durch einen entsprechenden Erlaß bc- stehende Mängel beseitigt habe, daß im Herbst ein Gesetz dem Reichs- tag vorgelegt werde, das die Untersuchungshaft regelt usw. Im weiteren wandte sich Rosenfeld gegen die Forderung des Bericht- erstatters Iacobi, den parlamentarischen Zlusschüssen das Recht der Beeidigung der Zeugen zu nehmen und die Einforde- rungen von Akten durch Behörden oder öffentliche Beamte zu unterlassen. Die Ausführungen des Genossen Rosenfeld wurden von einem großen Teil der Versammlung mit Beifall aufgenommen. Im gleichen Sinne äußerten sich auch die Genossen G o l d s ch m i d t und Eckstein. Auch zwei Vorsitzende von parlamentarischen Aus- schüssen, ein Volksparteiler und ein Zentnimsmann, sprachen sich für die N i ch t e i n s ch r ä n k u n g der Ausschußbesugnijse aus. Er- wähnenswert ist u. a. noch die Rede des Rechteanwalts Alsberg. der die Kritik an den parlamentarischen Ausschüssen durch den Hin- weis parierte, daß diese ja erst einige Jahre ihre Tätigkeit aus- übten, während z. B. trotz des SOjährigen Bestehens der Strafprozeßordnung kürzlich ein Fall passiert sei(er meint damit die Magdeburger Kölling-Afsäre), wo eine blinde Frau nach einer Gegenüberstellung mit der in Frage kommenden Person vereidigt wurde. Genosse Dr. Kurt Rosenfeld und eittd Anzahl anderer parteigenössischcr Juristen beantragten mit Rücksicht daraus, daß die Untersuchungsausschüsse weder die Unabhängigkeit der Richter, noch die Durchführung von Strafverfahren beeinträchtigen, in erster Linie von allen Forderungen auf Aenderung der Ver- fassung Abstand zu nehmen. Im Falle der Ablehnung dieser Entschließung beantragten die Genossen, daß man wenigstens für die Untersuchungsunterschüsse fordern müsse das Recht der Ver- eidigung, das Recht auf unbeschränkte Vorlegung von Akten und das Recht der Sitzungspolizei gegen un- gebührlich auftretende Auskunfdspersonen. Sozialöemokratische Kunögebung. Köln. 14. September.(Eigener Drahtbcricht.) Am Montag .bend beschäftigte sich in Köln eine sehr stark besuchte öffentliche Versammlung mit der deutschen Klassen- und Parteijustiz. Die Kundgebung, in der eine Anzahl namhafter, aus Anlaß des Iuriftentages in Köln weilender sozialdemokratischer I u r i st e n sprachen, gestaltete sich äußerst eindrucksvoll. Als erster Redner sprach Reichstagsabgeordneter Dr. R o s e n f c l d, der sich besonders mit den jüngsten Vorgängen in Magdeburg befaßte und die Forderung erhob, daß gegen alle Versehlungen des Richter. tums die Arbeiterklasse geschlossen und einig ankämpfen müsse. Reichstagsabgeordneter K i r s ch m a n n- Köln bezeichnete die heutige Justiz als das schwärzeste Kapitel in der neuesten deutschen Geschichte. Der neue Staat sei noch kein Rechtsstaat geworden. Notwendig sei es auch, daß man- in Deutschland den Strafvollzug ändere. Auf diesem Gebiet könne man von auherdeutschen Ländern noch mancherlei lernen. Besonders stürmisch begrüßt, sprach der öfter. reichische Nationalrat Dr. E i s l e r, der sich mit den Rechtsverhält. nisscn in Oesterreich beschäftigte, die er als ebenso dunkel und verworren bezeichnete, wie die in der deutschen Republik. Der ehe- malige Bundeskanzler Dr. Renner aus Wien wies daraus hin, daß sowohl in Oesterreich wie in Deutschland die neue Verfassung grundsätzlich an der Justiz nichts geändert hat. Die Sozialdemo- rratie lehne das Berufsrichtertum innerlich nicht ab, wohl aber sei sie gegen die Auswirkungen, in denen sich das Berufsrichtertum vollziehe. Landrichter Rüben- Berlin geißelte die Schikanen, denen republikanische Richter in Deutschland ausgesetzt sind. Der Richter müsse sich als ein Teil des Volkes fühlen, in dessen Namen er Recht spricht. Rüben verlangte die Heranbildung eines Laienrichtertums, das sich den Berufsrichtern an die Seite stellen könne. vom deulsch-polnischen Schiedsgericht in Paris bereist eine Kommission aus fünf Mitgliedern(drei Neutralen, einem Polen und einem Deutschen) zurzeit Polen, um die Liquidationssälle, in denen gegen ein Butterbrot liquidiert wurde, zu prüfen. Die Kom- Mission wird nach Abschluß ihrer Feststellungen dem Schiedsgericht ei» Gutachten unterbreiten. Bei vielen Liquidationssällen muß auch noch die Frage der Staatsangehörigkeit geklärt werden, weil Polen seinerzeit eine ganze Menge deutschstämmiger Polen kurzer- Hand zu Reichsdeutschen gestempelt hat. Auch hierfür muß noch in Ausführung des Wiener Vertrages ein besonderes Schiedsgericht eingesetzt werden. Reichspräsident von hindenburg beendete seinen Urlaub und kehrte nach Berlin zurück. Anläßlich der Tagung des Haupkausfchusses des deutschen 5lädle!ages am 17. Scptenrber in Stettin findet am Freitag, den 17. September, vormittags um 8 Uhr, im kleinen Saal des zweiten Obergeschosses des Städtischen Konzerthauses(am Königstvr) eine Gruppensitzung der SPD.-Delegierten statt. Es ist Pflicht aller Parteigenossen, welche die Tagung besuchen, so zeitig in Stettin einzutreffen, daß sie an dieser Sitzung teilnehmen können. Die Kommunalpolitische Zentralstelle beim Parteivorstand(SPD.) Der Reichsminifler der Finanzen Dr. Retnhold tritt nach Be- endigung feiner Besprechungen mit der hessischen Regierung einen etwa vierwöchigen Erholungsurlaub an, den er in S p a- nie» oerbringen wird. Seine Vertretung führt Staatssekretär Dr. Popitz. Das gefälschte Testament. Eine ProfefsorSgattin der Fälschung überführt. In der nächsten Schwurgerichksperiode wird bis Verhandlung gegen die 40 jährige Professorsgottin, Frau Dr. heffolde Schnabel, geb. Gräfin v. Leiningen, stattfinden. Frau Dr. Schnabel ist der Testamenlssälschung angeklagt. Räch ihrem eigenen Geständnis hak sie noch dem Tode ihres Gatten ein Testament oufgefehi, nach dem sie Aniversalerbin wurde. Frau Schnabel ist die 5iaupttochier der reichsunmittelbareu Familie Alk- leiningen-westernburg in Hessen. Professor Dr. Schnabel, der aus Lemberg stammte und jüdischer Konfession war. feit langen Iahren in Deutschland lebte, lernte während des Krieges in einem Lazarett die Gräfin Leiningen kennen, die von einer katholischen Frauenorgani- s o t i o n als Pflegeschwester ins Feld gesandt worden war. Professor Schnabel oerlobte sich mit der Gräfin schon während des Krieges und kam 1gZ2 nach Deutschland zurück, nachdem er auf Grund einer viel beachteten wissenschaftlichen Arbeit einen Ruf an das Robert-Koch- Institut für Infektionskrankheiten erhalten hott«. Der Professor be- wohnte mit seiner Gattin, die er sehr liebt«, das der Gräfin gehörig« Besitztum auf der stillen Planitz-Insel, verkehrt« jedoch in der Potsdamer Gesellschaft nur sehr wenig. Im November 1324 trat der Gelehrte eine Forschungsreise nach Ostpreußen an, wo in einigen Landkreisen rätselhafte Krankheitsfälle aufgetreten waren. Er infizierte sich dort an der Ruhr und starb, nachdem man ihn schwerkrank nach Berlin gebracht hatte, hier in einer Klinik. Nach dem Tode Prof. Schnabels tauchte plötzlich ein T e st a- m e n t des Gelehrten auf, in dem er feine Gattin zur Uni- verfalerbin seines gesamten Besitzes machte, während seine eigene Familie, mit der der Verstorben« stets in bestem Frieden lebte, leer ausging. Die Verwandten Prof. Schnabels zweifelten das Testament vom ersten Tage an. Die Schrcibsachocrständigen gelangten sehr bald zu der Ansicht, daß das Testament in der Tat eine Fälschung sein müsse. Frau Prof. Schnabel wurde auch durch die Wirtschafterin ihres Mannes belastet, die bekundete, daß Frau Prof. Sch., die mit der Familie ihres Mannes nicht sehr gut stand, kurz vor dem Tode des Professors seinen Schreibtisch geöffnet und die dort vorhandenen Papiere gesichtet und an sich genommen habe. Im Papierkorb fanden sich auch einzelne Papiersetzen, auf denen Schreibübungen in der Handfchrsst Schnabels angestellt waren. Der Untersuchungsrichter legte der Witwe, die bei den bisherigen Ver- hören stets geleugnet hatte, sich der Urkundenfälschung und des Betruges schuldig gemacht zu haben, überraschend die ausgefundenen Beweisstücke vor, und unter der Wucht der Tatsachen legte Frau Prof. Schnabel dann ein umfangreiches Geständnis«b. Sie erklärte, daß ihr Gatte, der körperlich sich sehr wohl und rüstig fühlte, nicht daran gedacht hatte, ein Testament zu machen, daß er ihr aber bei Lebzeiten stets erklärt habe, er wünsche, daß sie im Falle seines vorzeitigen Ablebens Unioerialerbin werde. Da Frau Prof. Schnabel mit der Familie ihres Mannes aber in Unfrieden lebte, befürchtete sie, daß die Verwandten ihres Mannes auch auf das ihr persönlich gehörige Besitztum bei Potsdam Anspruch erheben würden, da sie mit ihrem Manne in Gütergemeinschaft gelebt habe. Sie habe deshalb vorbeugen und sich selbst sicherstellen wollen, um so mehr, als das Vermögen ihres Mannes nicht sehr beträchtlich gewesen sei. Die Villa auf der Planitz, zu der man nur durch Ueöer- setzen gelangt, macht einen unheimlichen Eindruck. Die unteren Fenster sind vergittert, der Garten vollständig verwahrlost und nur ein bissiger Hund läuft umher. Jeder, der zur Villa gelangen will, muß vorher die Wort«:„Maxe. Maxe* rufen. Es erscheint auf diesen Ruf ein 18 jähriger, sehr hübscher junger Mann, das einzige Wesen, das in der aus acht Zimmern und Nebengelaß bestehenden Villa haust. Max führt der Frau Professor den Hausstand voll- ständig ollein, macht mit ihr Ausflüge und wird von ihr sehr bevor- zugt. Zu dem Prozeß ist kein Zeuge geladen, da die Frau Schnabel geständig ist._ Tchüsse am Schwielowsee. Ein Vorfall, der noch der Aufklärung bedarf und der wieder einmal mir den Herren v. Kähne auf Petzow in Zusammen- hang gebracht wird, beschäftigt zurzeit die Potsdamer Staatsanwalt- schast. Am Sonntag abend wurde von zwei jungen Leuten aus Berlin beim Landjägerposten in Petzow die Anzeige erstattet, daß sie beim Angeln im Schilf des Schwielowsces unweit des Besitztums des Herrn v. Kähne plötzlich Schüsse gehört hätten und gleich darauf von mehreren Schrotkörnern getroffen und ver- letzt worden feien. Die Anzeige wurde an die Staatsanwaltschaft in Potsdam wcitergelcitet, die sofort die notwendigen Ermittlungen aufnahm, und zwar zunächst aus Schloß Petzow selbst, da nach den Vorfällen früherer Jahre der Verdacht nahe lag, daß Herr v. Kähne oder sein Sohn die Urheber dieser Schüsse gewesen seien. Beide bestritten bei einer Bernehmung ober auf das entschiedenste, am letzten Sanntag überhaupt nur«in Gewehr in der Hand gehabt zu haben. Ebenso hätten sie an diesem Tag« auf ihrem Besitztum weder Schüsse noch Hilferufe gehört. Da diese Darstellung auch von anderen Zeugen bestätigt wurde, scheint es sich tatsächlich um einen noch un- bekannten Schützen zu handeln, der vielleicht im Schilfe auf Enten gejagt und dabei, ohne sein Wissen die Angler durch abirrende Schrotkugeln verletzt hat. Die Ermittlungen der Potsdamer Staats- anwaltschast nehmen ihren Fortgang. Ein Taxameter mit Qnittunqsdrucker. Von einer bekonnten Uhrenfabrik wurde kürzlich auf dem Hof des Polizeipräsidiums in der Magazinstraße ein Taxameter vorgeführt, der nicht nur alle bisher bekannten Funktionen und Vor- teile der auf dem Markt« befindlichen Apparat« umschließt, sondern noch als Neuheit einen Zusatzapparat bringt, durch den nach jeder Fahrt zwangsläufig eine Quittung für den Fahrgast über den zu entrichtenden Fahrpreis ausgehändigt wird. Die Quittung in Bon-Format zeigt den Fahrpreis, Zuschlag, das Datum und die Nummer der Tax« an. Eine aui Veranlassung und unter Aussicht der Abteilung II des Polizeipräsidiums in Anwesenheit des Re< gierungs- und Baura-tes Schupphan vorgenommen« Probefahrt zeigte die einwandfreie Funktion des Apparates. Der Schutz und der Vor- teil, den das Publikum durch ein« derartig« Einrichtung genießt, ist ofsenfichtlich. Nicht nur, daß die verabreicht« Quittung als Belag zu betrachten ist, kann an Hand der auf der Quittung enthaltenen Angaben eine eventuell anzubringende Reklamation jederzeit verfolgt werden. In etwa einem halben Jahre sollen die ersten Taxameter mit Quittungsdrucker— solange dauert noch die Herstellung von Werkzeugen für eine Serienfabrikation— in Betrieb genommen werden. Jngendwcihe. Die Jugendweihe der Arbeiterschaft Groß-Verlins, die am Sonntag im überfüllten Schauspielhaus stattfand, war ein lebend!» ger Ausdruck künstlerischer Kraft und starker Empfindung, so daß sie Jugendliche wie Erwachsene gleichermaßen in ihren Bann zog. Ein Orgeloortrag und ein Adagio für drei Celli schufen gleich an- fang? die feierliche Grundstlmmung. Der Berliner Volkschor unter Leitung Dr. Zanders ließ darauf„Wach auf!" aus den Meistersingern und„Morgenrot" in den hohen Raum klingen. Eine Weiherede Dr. L o h m a n n s, von Herzen kommend, zu Herzen gehend, wandte sich eindringlich an die jungen Menschen, die hier ihre Weihe für �as Leben empfingen. Wieder setzte das Liebermannfche Cello-Trio mit einem Schubertfchen Adagio ein. Ihm folgte der Berliner Volkschor mit„Sorge nur nicht" und vor allem dem ergreifenden Mozartschen„Reichet euch die Hand". Hieran baute sich als Kuppel- krönung Franz Rothcnselders schöner Sprechchor„Her Herbst geht über die Heide", der von dem Florethschen Sprechchor meisterhast wiedergegeben wurde. Erstaunlich stark wirkten dabei auch zwei jugendliche Sprecher, die aus der Frische ihrer Cmp< findung heraus Heinrich Witte, der wie immer mit starker Gc- staltungskraft sprach, mitsamt den mitschwingenden Teilchören die Schöpfung des Dichters zum Erlebnis werden ließen. Wieder setzte nach dem großen Gelübde des Sprechchors die Orgel ein, die Willi Taeger meisterhaft spielte. Letzte Worte zum Geleit gab der Weiheredner auf den Weg und drückte zwei Jugendlichen für alle symbolisch die Hand. Als Ausklong spielte die Orgel„Freude, schöner Götterfunken", und langsam, leider ohne gemeinsamen Gesang als letztes starkes Bekenntnis, verließ die Menge die Jugendweihe. Kunftansstellung in Neukölln. Die Deutsche K u n st g e m e i n s ch a f i, die den Erwerb auter Originalkunstwerke auch Minderbemittelten durch monatliche Teilzahlungen ermöglichen will, veranstaltet in Berlin zum ersten Male für einen einzelnen Bezirk eine besondere Kunstausstellung. An die Bevölkerung des Verwaltungsbezirks Neukölln wendet sie sich mit einer Auswahl von Werken namhafter Künstler, von Oel- gemälden, Plastiken und Graphiken, die im Palmenhaus des Körnerparks ausgestellt sind. Bei der Eröffnung, die am Sonntag stattfand, waren Vertreter der Kunstgemeinschaft, der Stadt Berlin und ihrer Bezirke zugegen. Im Namen des Bezirksamts Neukölln, unter dessen Mit. Wirkung die Ausstellung zustandegekommen ist, begrüßte Stadtrat Genosse Dr. L ö w e n st e i n die Gäste. Er wies darauf hin, daß in dieser Zeit der Verarmung und des allgemeinen Mangels es weiten Kreisen der Bevölkerung noch schwerer'als sonst wird, in den Besitz guter Kunstwerke zu gelangen. Die Befriedigung des Kunst Hungers der Minderbemittelten dürfe nichr einem gewinnsüchtigem Unternehmertum überlassen bleiben, das mit scheinbar billigem, aber tatsächlich wertlosem Kitsch und Schund die sisiassen abspeist. Die Deutsche Kunstgemeinschaft habe den Weg gc- zeigt, gute Kunst in das Volk zu tragen, und Proben davon wolle diese Ausstellung bieten. Als Vertreter der Deutschen Kunstgemeinschaft sprach Prof. Hans Baluschek. Die Kunst- gemeinschast wolle den Massen dienen, die nach Kunst verlangen, und zugleich den Künstlern, die nach Brot hungern. Baluschek hob hervor, daß im Ausschuß der Deutschen Kunstgemein- schaft angesehene Künstler aller augenblicklich herrschenden Kunst- richtungen sitzen. Auch die Neuköllner Kunstausstellung bietet Werke der verschiedensten Kunstrichtungen. Die Ausstellung wurde sofort nach der schlichten Eröffnungs- fcier dem allgemeinen Besuch freigegeben. Sie bleibt geöffnet vom 12. September bis zum 8 3. September in den Nachmittags- stunden von 2 bis 6 Uhr. Der Zutritt ist unentgeltlich. Großes Bubeukopfschnciden. Der Werbeabend der Fachabteilung des Arbeit- nehmervcrbandes des Friseurgewerbes am Sonn- tag bei Haberland leitete die Arbeiten für das kommende Winter- Halbjahr ein. Die enge Verbindung zwischen den fachlichen und den gewerkschaftlichen Bestrebungen der Gehilfenorganisation wurde besonders hervorgehoben. Die Bersicherng, daß in der Fachabtei- lung das Beste an beruflichen Leistungen geboten wird, wurde durch die Tätigkeit der Frisierenden, worunter neun der Fachlehrer, voll- auf bestätigt. Frisuren aus langem Haar wurden der Bubikopf- mode angepaßt, Phantasiefrisuren gezeigt, Bubiköpfe geschnitten oder nachgeschnitten und in den verschiedensten Formen frisiert. Nagelpflege, Wassersrisuren am Kopf, Schminken, kurzum alle Proze- duren, die zum richtigen„Aufkratzen" gehören, wurden vorgenonc- men und nachdem im einzelnen kurz erläutert. Die Arbeiten konnten durchweg als erstklassig bezeichnet werden. Der Werbeabend sollte insbesondere nach außen hin von der Bedeutung der Fachabteilung Zeugnis ablegen, die sie sich in Fach- kreise bereits errungen hat. Die Aufnahmelisten sür die Kursus- teilnehmer mußten geschlossen werden, da die Teilnehmerzahl fich nicht über einen gewissen Kreis hinaus erstrecken kann, wenn Massenausbildung vermieden werden soll. Die Fachabteilung darf ihren Werbeabend als einen guten Erfolg buchen. Felix Fechenbach spricht über„Polizei. Justiz und Fememorde in Bayern" heute abend 8 Uhr in der„Repu- blikanischen Redner-Vereinigung* Anhaltstr. 11. Republikaner als Gäest willkommen. Eintritt frei. Die Tpphusepiüemie wächst weiter. Der Ursprung des Erregers noch nicht geklärt. Hannover, 14. September. Die furchtbare Tphusepidemic in Hannooer ist trotz aller gegenteiligen Versicherungen der städtischen Körperschaften noch immer nicht zum Stillstand gekommen, vielmehr läßt sich feststellen, daß die krankhell von Stunde zu Stunde an Ausbreitung gewinnt. Heute vormittag sind durch den Magistrat auf Grund der Aufnahmen in den Krankenhäusern und in den besonders hergerichteten Schulen 873 Personen als eingeliefert sest- gestellt worden. 17 Todesfälle sind bis heute morgen zu beklagen. Talsächlich ist die Zahl der Erkrankten aber noch wesentlich höher. da es allmählich schwierig wird, geeignete Unterkunstsräume für die Behandlung der Kranken zu schaffen. Heute vormittag hat sich die Stadt veranlaßt gesehen, eine weitere Schule zu schließen und als Lazarett umzuwandeln, nachdem die gestern erst hergerichtete Schule in der Petristraße schon besetzt ist. Die städtischen Körperschaften Hannovers stehen dem Anwachsen der Epidemie zemlich ratlos gegenüber, und es ist mit Ausnahme der S ch u tz i m p f u n g« n, die heute nachmittag um 4 Uhr beginnen sollen, noch nichts geschehen, um dem Uebel grund- legend zu steuern. Bedauerlicherweise gehen in Hannover die An- sicisten über die Ursachen der Erkrankungen sehr weit auseinander, und dieser Streit der Meinungen scheint auch die Initiative der Stadtverwaltung nicht gerade fördernd zu beeinflussen. Wöhrend die von der Regierung beauftragte Untersuchungskoinmission ebenso wie die Gesundheitspolizei der Ansicht sind, daß die verseuchte Ricklinger Wasserleitung als Verbreiter der Infektion in Frage kommt, erklärt die Stadtverwaltung, daß eine Sperrung dieser Werke solang« nicht durchgeführt werden könne, als nicht klar erwiesen sei, daß auch tat- sächlich von dort her di- Krankheitserreger kommen. Di« Regierungs- stellen ihrerseits haben sich aber auch nicht entschließen können, der Stadt die Sperrung dieser Wasserquelle aufzuerlegen, und diese, Hin und Her hat viel dazu beigetragen, die Unruhe in der Stadt zu erhöhen. Zahlreiche Burger verlassen mit ihren Familien die Stadt und suchen jetzt bereits in der Umgegend Hannovers in kleineren Städten und Dörfern Unterkommen, bis die Seuche den Höhepunkt überschritten hat. Zur Eindämmung der Typhueepidemie in Hannooer hat das Rote Kreuz, wie wir erfahren, in den letzten Tagen bereits fünf Baracken mit je 20 Betten nachHa nnooer geschickt. Eine sechste Baracke ist im Abtransport begriffen. Außerdem sind zwischen Berlin und Hannooer andauernd Autolastwagen unter- wegs, in denen außer den Baracken Hunderte von Einzelbetten befördert werden. Hannover, 14. September.(WTB.) Nach einer Meldung der städtischen Pressestelle Hannover über den Stand der Tphus- crkrankungen liegen im Krankenhaus I ZL3, im hilfskrankenhau» hallenhoffstraße 313. Im Krankenhaus Siloah 177 Kranke. Bisher sind 17 Fälle tödlich verlausen. Hannover, 14. September.(Eigener Drahtbertcht.) Während sich bisher alle gemeldeten Typhusfälle auf die Stadt Hannover be- zogen, kommt jetzt vom Landratsamt des Kreises Linden die Nachricht, daß in fünf Orten des Kreises ebenfalls Typhusfälle einwandfrei festgestellt worden find. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Uebertragung der Seuche aus Hannooer. Gewerkschaftliche Jahresbilanz. Der Bericht des ADGB. für 1925. Las Jahrbuch des Allgemeinen Deutschen Gewerkschastsbunde« das Jahr 1925, das jüngst in der Nerlagsgesellschaft des Bundes erschienen ist, biete» aus seinen 237 Seiten eine Fülle von Material. D�e ersten Abschnitte behandeln die Entwicklung der deutschen Win- schaft, die Preissteigerung und ihre Bekämpfung sowie die chandels- volitiki die Krisis auf dem Arbeitsmarkt, die durch tabellarische Uebersichten über die Arbeitslosigkeit der Gewerkschaftsmitglieder, der Bollerwerbslosen und der Kurzarbeiter im allgemeinen und nach Industriegruppen geordnet erläutert wird, die Unterstützung der Er- werbslosen, die Beschaffung von Arbeitsgelegenheit und den Arbeits- Nachweis Die folgenden Abschnitte betreffen Dawes-Plan und Steuergesetzgebung, Sozialpolitik und Volkswirtschaft, den Kampf um den Achtstundentag, die Sozialpolitik im Reichswirtschastsrat, Reichs- wirtschaftsrat und Berufskammern, die Gewerkschaften in den amt- lichen Wirtschaftsorganen und die Entwicklung des Arbeitsrechts. Der Darstellung der tohnpolillk der Gewerkschaften folgt eine tabellarische Uebersicht über die Tarif(spitzen)löhn« der männlichen und weiblichen gelernten und ungelernten Vollarbeiter einer ganzen Reihe von Berufen in 48 Groß- und Mittelstädten auf Grund der regelmäßigen Erhebungen des ADGB. Die durch- schnittliche Lohnhöhe in allen Berufen schwankte End« 1926 zwischen 7.0,2 Pf. und 102,3 Pf., wobei Liegnitz am nie- drigsten, Berlin am hoch st en steht. Die Statistik der Lohnbewegungen weist 269 958 Fälle an 51 816 Orten in 304 243 Betrieben mit 15 758 812 Beteiligten auf: in 3659 Fällen, die sich auf 45 782 Betriebe erstrecken, kam es zu Streiks und Aussperrungen. Die Gesamtausgaben der freien Gewerk- fchaften für die Lohnbewegungen betrugen 26 851 679 M., wo- von allein 25 324 867 ITC. für Streik» und Ausfperrnngen. Die Bewegungen drehten sich hauptsächlich um. die Erringung besserer Löhne. In 26 662 Fällen von 26 958, d. h. in fast allen Fällen, wurden die Bewegungen durch Vergleichsverhandlungen beendet, davon 10 039 durch Vermittlung der Echlichtungsausschüsie und der Einigungsämter. 34 Gewerkschaften schlössen in 1921 Tarifverträge für 1 307 935 Arbeitnehmer ab, während 2407 Tarifverträge für 3 638 466 Arbeiter verlängert oder«neucrt wurden. Ein Abschnitt ist der Technischen N o t h i' s e und ihrer notwendigen Beseitigung gewidmet, wichtigere dem technischen Arbeiterschutz, dem Elend der Heimarbeit, der Berufs- fchulung der Frauen, dem Lehrlingswesen und der I u g« n d> o r g a n i s a t i on. Aus dem die Organisationsfragen betreffenden Ab- schnitt geht hervor, daß die Zusammenfassung der Organisationen Fortschritte macht, und daß auch auf dem Gebiete der Vereinheit- lichung der vcrwaltungstechnischen Einrichtungen der Verbände, auf dem leider noch keine besonderen Erfolge zu verzeichnen sind, weiter- gearbeitet wird. Die 40 Verbände des ADGB. zählten 1925 im Jahresdurchschnitt In 16 054 Verbandsorken 4 154 451 TNitglieder, wovon 751 583 weibliche. Ende 1925 betrug die Mitgliederzahl 4 182 511, ein Mehr von 158 644 gegen das Vorjahr. Von den Verbänden zählten 14 weniger als 25 000 Mitglieder, sieben bis zu 50 000, neun bis zu 100 000. 10 über 100 000, und zwar die Metallarbeiter 764 609, die Bauarbeiter 342 255, die Fabrikarbeiter 334 685, Textilarbeiter 312 935, Holzarbeiter 297 511, Oerkehrsbund 289 455, G e- meinde- und Staatsarbeiter 200 464, Bergarbeiter 187 818, Eisenbahner 197 990 und Landarbeiter 185 212. Die 1067 Ortsausschüsse der Gewerkschaften, gebildet von 11 168 Gewerkschaften mit 3 355 952 Mitgliedern, unterhalten 127 Ge- werkschaftshäuser, 43 Bureaus, 115 Arbeitersekretariat«, 219 Reichsauskunftsstellcn, 696 Ortsbibliotheken, 420 Bildung?-, 238 Jugendausschüsie, 291 Kommissionen für Bauarbeiterschutz und 244 Betriebsrätezentralen. Auch mit den kommunistischen Zersplitte- rungsmanöoern mutz der Bericht sich befassen. Um über den wirklichen Arbeitsverdienst ein Bild zu bekommen, hat der ADGB. in der Woche vom 2. bis 7. Ro- vember 1925 in 54 Städten für 22 Berufe eine Lohnkütensammlung vorgenonimen, wobei auf den Tüten die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden anzugeben war, ob gelernt, angelernt oder ungelernt ob im Zeitlohn oder Akkord, ob männlich oder weiblich, Alter, ledig oder verheiratet und Zahl der schulpflichtigen Kinder. 14 5 4 9 7 Lohntüten wurden bearbeitet. Das Ergebnis, das hier nur gestreift werden kann, ist äußerst wertvoll. Die ermittelten Arbeitsstunden schwanken zwischen 48,7 und 53,9(Berlin 49,2). Der Durchschnitts st undenlohn eines über 18 Jahre alten Gelernten bewegte sich zwischen zwischen 79 und 1 1 3 P f., eines Ungelernten zwischen 63 und 91 Pf., einer Arbeiterin zwischen 39(Stettin) und 60 Pf.(Köln), eines jugendlichen männ- lichen Arbeiters zwischen 31 und 55 Pf., einer Arbeiterin zwischen 26 und 44 Pf. In gleicher Reihenfolge betrug der Durchschnitts- lohn der einzelnen Gruppen 95,8, 76,3, 51,4, 42,9 und 35,7 Pf. Weitere Abschnitte gelten dem deutschen Auswanderungs- problsm, dem gewerkschaftlichen Bildungswesen und dem Mutter- schütz. Das Jahrbuch bietet einen guten Ueberblick über da» große Aufgabengebiet der Gewerkschaften im allgemeinen und das des Bundesvorstandes im besonderen. Um den an ihn herantretenden Anforderungen gerecht zu werden, mußte der Bundesvorstand seinen Derwaltungsapparat vergrößern. Im inneren Dienste des Bundesvorstandes stehen sieben Vorstands- Mitglieder. 16 Angestellte und 11 Hilfskräfte, während in den Be- zirksausschüssen 11 vom Bunde besoldete Sekretäre tätig sind. Die Bundeskasse schloß in Einnahmen und Ausgaben mit 2 469 700,19 M. ob, worunter allerdings allein 1 004 967,15 M. für die Aussperrung in Dänemark an Einnahmen und 885 000 M. Ausgaben, und für die Aussperrung der Glasarbeiter 130 936,18 M. an Einnahmen und 185 000 M. Ausgaben. Die.Gewertschafts- Zeitung"' hat eine Auflage von 73 000, die„Gewerkschaft- liche Frauenzeitung" eine solche von 75 000. Die Ver- bandsorgane verzeichneten eine Auflag« von 4 349 500 Exem- plaren. Zum Schlüsse behandelt das Iahrhuch die Delegation des ADGB. nach den Vereinigten Staaten und die internationale Ge- werkschaftsbewegung. Kein Zweifel, in den Verbänden wie im Bundesvorstand des ADGB. wird eine Unmenge notwendiger und nützlicher Arbeit ge- leistet, die zwar vorwiegend„reformistisch", in Wirklichkeit revo- lutionärer ist als die ganze wortrodikale Betriebsamkeit aus jener Seite, die sich bescheidentlich zur Welteroberung berufen fühlt. Wenn irgend möglich, müssen die folgenden Jahrbücher min- bestens ein Vierteljahr früher herausgebracht werden.. Da picht jeder eifrige Gewerkschafter sich das Jahrbuch(Preis für Mitglieder 3,75 M., gebunden 4,25 M.) beschaffen kann, müßten die Biblis- t h e k e n der einzelnen Gewerkschaften dafür sargen, daß ein mög- lichst großer Kreis ihrer Mitglieder es lesen kann. f. t. . Versammlung der Hemeinüe- und Staatsarbeiter. Aufkakk zur Werbewoche. Die Funktionäre des Verbandes der Gemeinde- und Staats- arbeitsr waren am Freitag im großen Saal des Gewerkschaft«- Hauses versammelt, um ein Referat des Genosien Ernst S ch u l tz e. Vorstandsmitglied des ADGB., über„Die internationale Gewerk- lchaftsbewegung und die deutschen Arbeiter" entgegen zu nehmen. Genosse Schultz« schilderte die Entwicklung der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung vom Tag« der Proklamation des Kommunistischen Manifestes an, das die Fundamentalforderuna erhob:„Proletarier aller Länder oereinigt euch!". In eingehender Weise behandelt er die ersten Ansänge der Gewerkschaftsbewegung. den Uebergairg von den lokalen Fachverbänden zu zentralen Organi- fationen, den Kampf innerhalb der Gewerkschaften um die Organi- sationsform und um die Unterstützungseinrichtungen, den Kampf um Tarifverträge, um Lohn, Arbeitszeit, und vor allen Dingen die Bestrebungen der Gewerkschaften auf dem Gebiete der Sozial- Politik. Mit großem Interesse wurden besonders seine Aus- führungen über die Grenzen der Solidarität und die Auswirkunaen bestimmter gewerkschaftlicher Aktionen in einzelnen Ländern auf die Gewerkschaftsbewegung anderer Länder entgegengenommen. Die Ausführungen fanden den lebhaftesten Beifall der Versammlung. Im Anschluß an das Referat behandelte Kollege P o l e n s k e in kurzen Zügen die für die internationale Gewerkschaftswoche vor- gesehenen Maßnahmen und im besonderen den Aufmarschplan für die Gewerkschaftstundgebung am Sonntag, den 19. September 1926. P o l e n s k e berichtet« über die jüngsten Lohnbewegungen. Die Gasbetriebs-Gesellschast hat den Schiedsspruch des Schlichtungs- ausschusses Groß-Berlin abgelehnt. Die Organisation hat daraufhin die Verbindlichkeitserklärung beantragt. Die Lohntarisverhand- lungen bei den Charlottenburger Wasser- und Industriewerten sind noch nicht zum Abschluß gekommen. Die vom besten Geist und Willen beseelte Funktionärversamm- lung war einmütig in der Auffasiung, in den nächsten Wochen alles zu tun, um die noch vorhandenen Lücken in der Organisation zu schließen. GelverkschaftSfeier der Lithographen. Die Mitgliedschaft Berlin des Verbandes der Lithographen, Steindrucker und verwandten Berufe feierte gestern in den Kammer- sälen ein doppeltes Fest: Das 25jährige Bestehen der Gewertschafts- internationale und das 25jährige Verbandsjubiläum von 120 Berliner Mitgliedern. Die Ortsverwaltung, die jedes Jahr ihre Jubilars durch eine Veranstaltung ehrt, hatte diesmal anläßlich des Internationalen Jubiläums eine besonders würdige Feier veranstaltet. Der groß« Saal der Kammersäle war prächtig geschmückt. In den Saal hinein wehten rote Fahnen, von der Bühne leuchtete aus flammendem Rot die alte Mahnung: „Proletarier aller Länder, oereinigt euch!" Das Programm des Abends war sehr gewählt und geschmackvoll. Nach einleitenden Darbietungen des Konzertorchesters unter Leitung L. Löwenthals sprach Genosie L a n d a den Prolog„Weltweg der Arbeit" von Franz Rothenfelder. An die darauf folgenden Darbietungen des Berliner Sängerchors Ichloh sich die Festrede des Verbandsoorsitzen- den Genossen Haß, der die Entwicklung der internationalen Gewerkschaftsbewegung, die heutige Bedeutung der Gewerkschaften und die Notwendigkeit ihrer weiteren Stärkung aufzeigt«. Die Ver- bondsjubilare ehrte in einer Ansprache der Ortsoorsitzende Genosie H o f s m a n n. Während des bunten Teils riß vornehmlich Erich W e i n« r t die Teilnehmer zu immer neuen Beifallsstürmen hin. Den Verbandsjubilaren wie auch den übrigen Teilnehmern wird die wohlgelungene Feier in bester Erinnerung bleiben. Zur Neuregelung der ErwerbSloseufätze. Di« von den Gewerkschaften zur Einführung des L o h n k l a s s e n f y st e m s in die Erwerbsloscnunterstützung vor einiger Zeit im Reichswirtschastsrat gemachten Borschläge zeigen, wie wir erfahren, folgendes Bild: An die Stelle der von der Regierung geplanten fünf Lohn- klasien treten acht. Diese acht Lohnklassen sind wie folgt ge- stasfell: Lohnklasie 1 bis 12 M.. dann 15, 21, 27, 35, 45, 55 und achte Lohnklasie 65 M. In der ersten und zweiten Lohnklasse be- trägt die Unterstützung 60 P r o z., von der dritten bis achten Lohnklasie 50 Proz. des Einheitslohnes. Für die Frau und für jedes Kind treten IVt Proz. Zuschlag hinzu. Grenze der Gesamtunterstützung bei 80 Proz. des Lohnes. Dies« Vorschläge bringen gegenüber den Plänen der Regierung Vermehrung um „ WWW.„ sowie Erhöhung des Höchstunterstützungssatzes um 15 Proz. Die bis- herige Einteilung der Unterstützungssätze nach Ortsklasien und Wirtschaftsgebieten war längst veraltet und hat vielfach zu schreienden Ungerechtigkeiten in der Unterstützung geführt. Diese Ungerechtigkeiten zu beseitigen und zu gleicher Zeit im ganzen die Unterstützung für die Arbeiterschaft zu oerbessern, ist der Zweck der gewerkschaftlichen Vorschläge. Temonftration der Leipziger. Leipzig, 14. September.(Eigener Drahtbericht.) Anläßlich des 25jährigen Bestehens des Internationalen Gewerkschaftsbundes und zur Einleitung der gewerkschaftlichen Werbewoche hatte das Gewerk- schaftskartell in Leipzig am Montag abend zu einer Demon» ftration aufgerufen. Zehntausende von Arbeitern und Angestellten marschierten mit Fackeln und Musikkapellen nach dem A u g u st u s- platz. Es war eine gewaltige Kundgebung des Proletariats und die Veranstalwng bildete einen guten Auftakt für die kommend« Werbewoche. Drei Redner hielten Ansprachen, die mit einem Hoch auf den Internationalen Gewerkschaftsbund endeten. Das Leipziger Dolkshaus war angesichts der Feier reich geschmückt. Gewerkschaftsfeier in Paris. Pari», 14. September.(Eigener Drahtbericht.) Anläßlich des 25. Jahrestages der Begründung der Gewerkschafts-Jnternationale wird am 18. September in Paris im Trocadero eine große Volksfeier veranstaltet werden, auf der u. a. der General- sekretär der freien Gewerkschaften, Genosse Iouhaux, das Wort ergreifen wird. Französischer Bcrgarbeitcrkongresi. Paris, 13. September.(Eigener Drahtbericht.) Am Montag nachmittag ist in dem Gewerkschaftshaus der Grubenarbeiter in Leas der 20. Kongreß der nationalen Föderation der französischen Gruben- arbeiter eröffnet worden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß im Lause des Kongresses die Delegierten der Grubenarbeiter aufgefordert werden, die Stellungnahm« der französischen Grubenarbeiter zu dem englischen General st reit zu präzisieren. Aller Voraus- ficht nach wird ein Antrag«ingebracht werden, ein Referendum in allen Zweigvereinen zu veranstalten, um festzustellen, ob es nicht opportun fei, einen internationalen Streit in den Kohlen- bezirken zu veranstalten, um die englischen Arbeiter zu unterstützen für den Fall, daß ihre Forderungen bis Ende des Monats nicht er- füllt sein sollten._ verfahrene Situation im öergbaukonflitt. Die Regierung hal jetzt da« Wort. London, 14. September.(Eigener Drahtbericht.) Die Gruben- besitzet haben am Montag abend Churchill schriftlich mitgeteilt, daß sie jede Verhandlung über ein nationales Lohn- und Arbeitszeit- abkommen im Bergbau ablehnen. London, 14. September.(MTB.) Der zur Behandlung der Kohlensrage gebildete Kabinettsausschuß wird unter dem Vorsitz von Churchill heute nachmittag zusammentreten, um die durch den Be- schluß der Bezirksvereinigungen der Bergwerksbesitzer geschaffene Loge zu besprechen. Der Vollzugsausschuß des Bergarbeiterverbandes war gestern zu einer Sitzung zusammengetreten und hat sich dann bis heute vertagt. Die Verurteilung de» Verhaltens der Unternehmer. London, 14. September.(EP.) Premierminister Baldwin wird am Mittwoch, spätestens Donnerstag in London zurückerwartet, worauf«in Kabinettsrat stattfinden soll. Di« Stellung- nahm« der Grubenbesitzer wird nicht nur von liberalen, sondern auch von konservativen Kreisen verurteilt. Man wirft ihnen vor, daß sie denKohlenbericht.den sie seiner- zeit angenommen haben, n u n a b l e h n e n. Di« Behauptung, daß ein nationales Abkommen die Industrie mit politischen Fragen oerknüpfen würde, sei nicht überzeugend, schreibt die„Times". Di« Vorschläge der Regierung zurückzuweisen, hieß« ein« schwer« Verantwortung auf sich nehmen. Zeitungen wi«„Morning Post",„Daily Mail" und„Daily Telegraph" ver- teidigen jedoch die Beschlüsse der Grubenbesitzer. Seine einheitliche Stellung der Grubenbesitzer. Di« Grubenbesitzer der Grafschaft D u r h a m haben bekannt- gegeben, daß sie einem nationalen Abkommen nicht abgeneigt seien, indessen seien sie gleichwohl bereit, an einer Konferenz mit Regierungs- und Arbeitervertretern teilzunehmen. London, 14. September.(Eigener Drahtbericht.) Das heute bekanntgegeben« endgültig« Resultat der Abstimmung unter den Berg- bauunternehmern zeigt, daß sämtliche Distriktsverbänd« der Unter- nehmerorganisotion, mit einziger Ausnahme der Unt«rnehn«r in Warwickshire gegen nationale Lohnverhandlungcn sich ausge- sprachen und demgemäß der Zentral« des Unternehmerverbandes kein« Vollmacht erteilt wird, in zentral« Lohnoerhandlungen mit dem Bergarbeiterverband«inzutreten. Die Bergarbeiter muffen unterstützt werden. Bei den Veranstaltungen in der Werbewoche müssen Sommel- listen zirkulieren. Es wäre ein bedeutsamer Erfolg der Gewerkschafts- wach« mit, wenn es gelänge, recht ansehnliche Summen zusammen zu bringen, um dem Existenzkampf der englischen Bergarbeiter größeren Nachdruck zu geben, damit die Herren Grubenbesitzer zur Vernunft kommen. Di« Sache der englischen Bergarbeiter ist jetzt unser« Sache. Sammelt! «erenw-rtN« für Politik: Dr. tutt St«»: Wirtlchoft: ,rt»r eolttnnt: Stwtrtsch-st-bcw-suna: Z. 6tel«fi; sstuweton: Dr. John Schlko».«: L-kolt» und Eonstiae»: gr>»»urftadt: Anzeistn: r». Sl«£i sämtlich in Sttlin. PfrtOfl: BorwarI».BerI-a D. m. d. S.. Berlin. Druck:«orwärtt-Buchdrucktrei und Btrlaa-anstalt P-ul Sinacr u. Co., Berlin S9B 68, Lind-nslrati- 5. Berliner Elekfrlher Genossensdiaü angci cti I. dem Verb. soz. Beubeiriebe Berlin dl. 24. Elsisser Str. 86-88' Fernsprecher: Norden 6625, 65di Filiale Westen, Wilmersdorf Lendhautstr, 4. 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