Abendausgabe_(10 Pfennig) Nr.437.«.?.h-g..g T|H U�HA'Al d-nn°r°.°g �u---b« B nt. 216 M M II I Mll I II I w|, JX'» S°p«°mb-r 1-2«. ,, � ,r** Derlinev 3D0lft30&Iafl!,!"" Zentralorgan der Sozialdemokratifd�en Partei Deutfcblands Deutfihlanö stimmt für Polen. Der Völkerbnndsrat neugewählt. Genf, 16. September.(Eigener Vrahtbericht.) Zn der Heu«. gen Sitzung der Völterbundsversommlung wurden im ersten Wahlgange als nichtständige Mitglieder des Völterbundsrats gewählt: Solumbien mit 46 Stimmen: Polen mit 45 Stimmen: Chile mit 4Z Stimmen: Salvadore mit 42 Stimmen: Bel- g i e n mit 41 Stimmen: R u m ä y i e u mit 41 Stimmen: Holland mit 37 Stimmen und C h i n a mit 2g Stimmen, von 4g abgegebenen Stimmen. Im zweiten Mahlgänge wurde als neunte» nichtständiges Ralsmilglied die Tschechoslowakei mit 27 Stimmen gewählt. Daneben wurden sür Finnland 11 Stimmen, Portugal 7 und sür Irland 4 Stimmen abgegeben. Tie Wahlhandlung vollzieht sich in drei Abschnitten. Genf, 16. September.(WTB.) Die Vollsitzung der Völkerbünde- Versammlung für die Wahlen der nichtständigen Völkerbundsrats- Mitglieder, die durch die vollzählige Anwesenheit der Delegationen und die zahlreichen Gäste sowie durch die strenge Einzelkontrolle den Charakter eines großen Tages zeigt, wurde etwas später als vorgesehen um 10,30 Uhr durch Nintschitsch eröffnet. Dieser erörterte zunächst das W a h l v e r f a h r e n, das in drei Abschnitte zerlegt wird. Der e r st e bezieht sich auf die Wahl von neun nichtständigen Mitgliedern in den Rat, der zweite aus die Wahl von drei der so Gewählten für drei jährige Man- datsdauer, und der dritte auf drei weitere für zwei- jährige Mandatsdauer. Die drei Verbleibenden sind dann ohne weiteres für ein Jahr gewählt. Dann erfolgt die Ab- 'timmung über Anträge, einzelnen Staaten die Wiederwählbarkeit zu verleihen. Die Wahlhandlung, die sich geheim durch Niederlegung von Stimmzetteln mit je neun Namen in die Urne vollzieht, begann um 10,40 Uhr, um 11,22 Uhr verkündete der Präsident Nintjchitsch das Ergebnis des ersten Wahlganges. Polen als einziger Staat wiederwählbar erklärt. V. LcK. Gens, 16. September. sEigener Drahtbericht.) Nach den Wahlgängen oerlas der Präsident den schriftlichen Antrag Polens auf Verleihung der Wiederwählbarkeit. Weitere An- träge waren nicht eingebracht.- Die Wiederwählbarkeit Polens wurde mit 36 von 48 Stim- men angenommen. Vier Staaten gaben weihe Stimmzettel ab, a ch t stimmten mit Nein, Südafrika enthielt sich der Wahl. Das Ergebnis wunde von einem Teil der Bundesversammlung beifällig begrüßt. Zu zweijährigen Ratsmitgliedern wurden ge- wählt: Kolumbien mit 47 Stimmen, Holland mit 47 Stim- men, China mit 34 Stimmen. Daher werden die drei übrigen Staaten Belgien, Tschechoslowakei und Salvador zunächst für die Dauer eines Jahres im Rat sitzen. Polen, Rumänien und Chile für drei Jahre gewählt. Genf. 16. September.(Eigener Drahtbericht.) Als Ergebnis des zweiten Wahlganges verkündete Präsident Nintschitsch um 12,25 Uhr, daß Polen, Chile und Rumänien für die Dauer von drei Jahren dem Völkerbundsrat angehören. Bei diesem zweiten Wahlgang erhielten Polen 44. Chile 41 und Rumänien 30 Stimmen von den abgegebenen 49 Stimmen. V. Ldi. Gens, 16. September.(Eigener Drahtbericht.) Das Ergebnis der Wahl zeigt folgende bemerkenswerte Ergebnisse: Per- s i e n ist vollständig unter den Tisch gefallen. Der Block der kleinen Staaten hatte wieder zusammengehalten: die Tschechoslowa- k e i ist mit Hilfe der Slldamerikaner wiedergewählt worden. Diese Wiederwahl galt vor allem der Person von Benesch, der im Völkerbund großes Ansehen genießt und besonders in den Adrüstungsfragen sehr tätig gewesen ist. Nichtsdestoweniger wäre es wohl besser gewesen, wenn man es vermieden hätte, daß zwei von den Staaten der kleinen Entente, und sei es auch nur auf ein Jahr, im Rat zusammensitzen. völtistbe Raüaubrüüer. Unfug im befreiten Rheinland. Seit der Räumung der Kölner Zone haben sich die rechts- radikalen Bünde vor allem das unbesetzte Rheinland zu ihrem Tummelplatz ausgesucht. So veranstalteten sie am ver- gangcnen Sonntag in Brühl, dem Städtchen im linsrhcinischen Braunkohlengebiet, einen sogenannten �Deutschen Tag"- Hierbei kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen den Nationalisten und den Anhängern der Republik. Die nationalistischen Radauhelden überfielen Angehörige des Reicks- b a n n e r s und rissen ihnen ihre Abzeichen ab. Im Lause des Nachmittags versuchte eine Rotte, das D e r k e h s l o k a l der freien Gewerkschaften zu stürmen, da die Nationalisten dort die Vertreter der englischen Bergarbeiter vorzusindcn ver- muteten, die im Kölner Bezirk sür die Unterstützung der englischen Bergarbeiterschaft warben. Auch Anhänger des W i n d t h o r sl- Bunde» und Mitglieder des Katholischen Gesellcnvercins wurden von den nationalistischen Jünglingen belästigt. Eigenartig berührte es, daß die Polizei bei diesen Ausschreitungen wenig oder gar nicht eingriff. Während bei Kundgebungen der verfasiungstreuen Verbände wiederholt die Kölner Schutzpolizei aufgeboten wurde. hatte sie bei diesem.Deutschen Tag" keinerlei Schutzmaßnahmen ge- troffen. Polens Wahl erfolgte mit der zweitgrößten Stimmenzahl. Deutschland hatte seine Absicht, sür polen» Ratssilz zu stimmen, bekanntgegeben und hat entsprechend gehandelt. Bei der Frage der Wiederwählbarkeit gab Deutschland einen weißen Stimmzettel ab. Hätte noch ein anderer Staat, z. B. Bel- gien, sich um die Wiederwählbarkeit beworben, dann hätte die deutsche Delegation auch für Polen stimmen können. Aber unter diesen Umständen bekam die Wiederwählbarteit allzusehr den Charakter einer ausdrücklichen Vertrauenskund- g e b u n g für Polen und dazu hatte Deutschland keine Veranlassung. Gegen eine Wiederwählbarkeit Belgiens, die u. a. von Deutschland angeregt worden war, hatte England Bedenken geäußert, um evtl. Spanien und Brasilien im nächsten Jahr die Möglichkeit der Wieder- Wählbarkeit freizuhalten, falls diese Länder in den Völkerbund bis dahin zurückkehren sollten. Das Ausscheiden Uruguays und feine Ersetzung durch San Salvadore ist auf einen gestern gefaßten Beschluß der latein- amerikanischen Staaten zurückzuführen, gegen dessen zufälligen Charakter der Vertreter Uruguays, Guani, in einer geHarnisch- ten Erklärung p r o t e st i e r t e, die noch der Verkündung des Wahlergebnisses verlesen wurde. Ueberhaupt hat es zwischen den südamerikanischen Staaten mehrfach Kampf gegeben, doch die euro- päischen Staaten mischen sich glücklicherweise grundsätzlich in diese Angelegenheiten nicht ein. Das Schwergewicht der süd- und zentralamerikanischen Staaten, die über fast ein Drittel der Gesamt- zahl der Völkerbundstimmen verfügen, trat bei dieser Wahl wieder deutlich in die Erscheinung. Kolumbien marschierte stolz an der Spitze aller neugewählten Staaten, Chile und San Salvadore nahmen den dritten und vierten Sitz ein. Chinas größter Wunsch ist endlich in Erfüllung gegangen. sogar im ersten Wahlgang, aber nur mit einer relativ geringen Stimmenzahl. * Der neue Völkerbundsrat unterscheidet sich vom alten und von der Zusammensetzung, die ursprünglich in Aussicht genommen war. Seine Gesamtzahl hat sich von 10 auf 14 erhöht. Zu den bisherigen vier ständigen Sitzen der Großmächte ist der fünfte für Deutschland hinzugetreten. Die Zahl der nichtständigen hat sich von sechs auf neun erhöht. Ausgeschieden sind nicht nur Schweden und Ungarn, sondern auch Spanien und Brasilien. Wiedergewählt sind nur Belgien, das dem Rate feit Anbeginn angehört, und die Tschechoslowakei. Dagegen sind neu hin- eingetommen nicht weniger als sieben Staaten, also die Hälft« des ganzen Rates. Und zwar: Polen, Ru- mänien und Holland für Europa, Chile, Columbien und Salvador für Amerika, China für Asien. Untersucht man den neuen Rat nach seiner g e o g r a- phischen Gliederung, so ergibt sich: Europa ist durch vier ständioe und fünf nichtständige, zusammen neun Staaten vertreten. In den Rest von sünf teilen sich Asien mit zwei, nämlich je einem ständigen(Japan) und un- ständigen Sitz(China) und Amerika mit drei unstän- digen Sitzen. Die Neuwahl der Hälfte des Rates spiegelt die Schwere der Verfassungskrise, in der sich der Völkerbund befindet. Es ist die Frage, ob die Aktionsfähigkeit des Rates nicht zunächst dadurch g e m i n d e r t wird, daß so viel unerfahrene Staaten neu in den Rat eintreten: nur China hat von ihnen Rats- erfahrung. Auf jeden Fall wird zunächst der Einfluß der alten, erfahrenen Ratsmächte gesteigert. Das politisch wichtigste Ergebnis ist der Eintritt Polens in den Rat. Die deutsche Delegation hat dafür ge- stimmt. Das mag nur als eine Geste scheinen. Aber diese Geste soll die freundnachbarliche Zusammen- a rb e i t mit Deutschlands größtem östlichen Nachbar einleiten. pariser Entrüstung gegen Kemal. Ter französische Tchiffsoffizier zu Gefängnis verurteilt. Paris, 16. September.(Eigener Drahtbericht.) Aus Konstant!- nopel wird gemeldet, daß das Gericht von Angara, ohne die Entscheidung des Haager Schiedsgerichts abzuwarten, den franzö- sischen Schiffsleutnant in der Angelegenheit des Dampfers„Lotos" zu 80 Tagen Gefängnis v« r u rt c i l t hat. Diese Nachricht hat in der ganzen Pariser Morgenpresse einen Sturm der Eni- r ü st u n g ausgelöst. Die Blätter der Linken und der Rechten sind einstimmig der Ueberzeugung, daß es sich dabei um eine b e a b- sichtigte Herausforderung Frankreichs durch Kemal Pascha handelt, und fordern die Regierunug auf, zu allen Mitteln zu greifen, um das Prestige Frankreichs im Orient vor unberech- tigten Angriffen der Türkei zu schützen. Die Blätter der Rechten führen sogar eine außerordentlich kriegerische Sprache. Aber auch in der Linkspresse ist der Ton ungewöhnlich scharf. Das„Oeuvre" überschreibt seinen Artikel„Was wollen diese Leute von uns?" Die Türkei verurteile einen französischen Schifssleutnant zu 80 Tagen Gefängnis, die Italiener werfen Steine in unsere Kon- sulate und schießen uns in die Fenster. Gleichzeitig erginge sich die italienische Presse, obwohl sie unter scharfer Zensur steht, in den ungeheuerlichsten Angriffen gegen Frankreich. Wenn die Leutue Krieg von uns wollen, sollen sie es jagen. Internationale Sozialpolitik. � Ihr Wesen und ihr Ziel. Die Vierteljahrhundertfeier der Gewerkschafts- Internationale lenkt den Blick auch auf die Bedeutung der internationalen Sozialpolitik. Ist doch neben der Sozialistischen Arbeiterinternationale die Gewerkschasts-Jnter- nationale ihr wichtigster Träger. Man streitet sich in der ganzen Welt über Wesen und Ziel der Sozialpolitik, stellt„tiefgründige" Betrachtungen von bürgerlicher Seite darüber an, ohne doch zu klaren Ergeb- nissen zu kommen. Diese Unklarheit ist das notwendige Re- sultat des Nichterkennens, daß alle Sozialpolitik Ergebnis des Machtoerhältnisses zwischen Kapital und Arbeit ist und daß ihr letztes Ziel die soziale Produktion sein muß. Sozialpolitik ist also ihrem Wesen nach Neuordnung der gesellschaftlichen Produktion, die in ihren Mittelpunkt den Menschen mit seinen gesellschaftlichen Bedürf- nissen stellt. Solange jedoch das Privateigentum an Pro- duktionsmitteln besteht, kann nur durch den sozialpolitischen Schutz der Arbeiterklasse dieser Gedanke Wirklich- keit werden. Auf diesen Zusammenhang hat bereits Karl Marx in der Inauguraladresse sehr deutlich hingewiesen. Als im eng- lifchen Fabrikakt vom 8. Juni 1847 das Zehnstundengesetz durchgesetzt wurde, schrieb Marx über diesen Sieg der eng- lischen Arbeiterklasse in der Inauguraladresse: „Dieser Kampf um die gesetzliche Arbeitezeit wütete um so heftiger, je mehr er, abgesehen von der aufgeschreckten Habgier, tatsächlich sich um den großen Gegensatz dreht zwischen der blinden Herrschaft der Gesetze von Nachfrage und Angebot, die die politische Oekonomie der Bourgeoisie bilden, und zwischen der durch soziale Voraussicht und Einheit beherrschten sozialen Pro- d u k t i o n, die die politische Oekonomie der Arbeiterklasse bildet. Und darum war das Zehnstundengesetzt nicht nur ein großer prak- tischer Erfolg: es war der Sieg eines Prinzips. Zum erstenmal unterlag im hellen Licht des Tages die politische Oekonomie der Bourgeoisie der politischen Oekonomie der Arbeiterklasse." Gehört heute die Sozialpolitik dem Grundsatze nach zu den Selbstverständlichkeiten, die auch von den Unternehmern anerkannt werden, so ist ihr Ausmaß doch hart umstritten. Die Unternehmer wollen, wie es B o r f i g auf der Industrie- tagung 1924 ausdrückte, an einer„g e f u n d e n" Sozial- Politik positiv mitarbeiten. Darunter versteht man im Unter- nehmerlager die e i g e n e Gesundheit, d. h. die Rücksichtnahme auf den Unternehmerprofit, der durch keinerlei sozialpolitische Maßnahmen gefährdet werden darf. Für den Fortschritt der Sozialpolitik ist es deshalb von der entscheidendsten Bedeutung, ob die gewerkschaftliche und politische Arbeiterbewegung stark genug ist, erfolgreiche Kämpfe zu führen. Dabei fällt den gewerkschaftlichen Or- ganisationen die besondere Aufgabe zu, durch Tarifverträge die sozialpolitische Schutzgesetzgebuntz vorzubereiten und zu verbessern. Je mehr Macht sie repräsentieren, um so besser wird ihnen die Erfüllung dieser Aufgabe gelingen. Es kommt deshalb alles darauf an, daß die Arbeiter und Ange- stellten durch Zusammenschluß und Solidarität die freien Ge- werkschaften zu einer solchen überragenden Macht ausbauen. Wird das Ausmaß der nationalen Sozialpolitik von diesen Faktoren bestimmt, so gilt das gleiche auch von der internationalen Sozialpolitik. Schon früh begriff die klaffen- bewußte Arbeiterbewegung die Notwendigkeit internationalen Handelns. Sie wurde durch Vorgänge auf sozialpolitischem Gebiet förmlich demonstriert. In einer Schrift über Jnter- nationalen Arbeiterschutz weist Fehlinger beispielsweise darauf hin, daß im Jahre 1848, nach kurzem Bestand, das französische Zehnstundengesetz aufgehoben und durch eines über den Zwölfftundentag ersetzt wurde, mit der Begründung, daß die kürzere Arbeitszeit ohne internationales Zusammengehen nicht aufrechterhalten werden könne. Die kraftvollste Förderung erfuhr der Gedanke des inter» nationalen Arbeiterschutzes durch die Beschlüsse der Sozialisti- schen Internationale in Paris 1889. Seit dieser Zeit de- monstrieren die Arbeiter der Welt am 1. Mai für den Acht» stundentag und für den internationalen Arbeiterschutz. Am Ende des Weltkrieges erhalten die Fragen der inter- nationalen Sozialpolitik erhöhte Bedeutung. Die B.rner Konferenz im Jahre 1919 beschäftigte sich eingehend mit einem internationalen Arbeiterschutzpro- g r a m m, in dem die Forderungen der Gewerkschaften für die Friedenskonferenz aufgestellt werden sollten. Der Inter- nationale Gewerkschaftskongreß in Wien 1924 beschloß ein umfassendes Programm für die internationale Arbeitsgesetz- gebung. Der Versailler Friedensvertrag schuf durch seinen Teil XIII die Internationale Arbeitsorganisation, deren Aus- gäbe es ist, den Weltfrieden zu fördern, der nur auf dem Äoden der sozialen Gerechtigkeit aufgebaut werden kann, wie es treffend in der Vorrede heißt. Damit ist eine, wenn auch noch unzureichende, organi- satorische Grundlage für die Förderung und Verwirklichung internationaler Arbeiterschutzgesetzgebung geschaffen. In zahl- reichen Uebereinkommen und Vorschlägen hat das Internatio- nale Arbeitsamt auf vielen Gebieten der sozialpolitischen Schutzgesetzgebung Bedeutsames geleistet. Aber auch hier zeigt sich, wie die Ratifizierung der Ueber- einkommen, d. h. ihre Umsetzung in die Wirklichkeit, abhängt von der politischen und gewerkschaftlichen Macht der Arbeiterklaffe. Angesichts der starken Wider- stände kann es der Arbeiterklasse nur erwünscht sein, wenn die Internationale Vereinigung für sozialen Fortschritt, deren Vorläufer sich schon vor dem Kriege Verdienste um den inter- nationalen Arbeiterschutz erworben haben, den Fortgang der Ratifizierungen fördert. Von besonderer Bedeutung ist das U e b e r e i n- kommen über den Achtstundentag. Es ist merk- würdig still geworden über das so oft von der-Regierung an- gekündigte Arbeitsschutzgesetz, das auch die Arbeitszeit und Sonntagsruhe neu regeln soll. Will etwa die Regierung der Industriellenforderung auf Vertagung dieser Frage Rech- nung tragen? Es wäre eine falsche Rechnung. Die gesetzliche Wiedereinführung des Achtstundentages, die Sicherung eines ausreichenden lstuhetages und die Einführung der voll- ständigen Sonntagsruhe im Handelsgewerbe vertragen keinen längeren Aufschub. Es sind gleichzeitig unentbehrliche Maßnahmen zur Entlastung des Arbeitsmarktes. Durch das Arbeitsschutzgesetz können auch erst die Vor- aussetzungen zur Ratifizierung des Washingtoner Ueberein- kommen? über den Achtstundentag geschaffen werden. Darüber hinaus gilt es, im deutschen Arbeitszeitgesetz das Ueber- einkommen zu verbessern, das ja für die nationale Gesetz- gebung nuQ Mindestvorschriften enthält. Soll dieser Kampf erfolgreich geführt werden, dann be- darf es starker gewerkschaftlicher Organisationen, bedarf es Stärkung der Sozialdemokratischen Partei.„Im Problem des Staates gipfelt das Ganze der sozialen Frage," sagte ein- mal Rudolph Goldscheid. Macht gewinnen über den Staat kann aber nur eine starke gewerkschaftliche und politische Arbeiter- und Angestelltenbewegung. Zasthismus unö presse. Sonderbare Berichterstattung aus Rom. Das Verhalten der deutschen demokratischen Presse gegen- über dem italienischen Faschismus gibt schon längst Anlaß zu den lebhaftesten Bedenken. Während die französische Links- presse mit prachtvollem Elan und in wahrhaft demokratischem Geiste den Kampf gegen die römischen Unterdrückungs- Methoden führt und sich damit die Dankbarkeit aller freiheitlich gesinnten Italiener sichert, vermeidet ein großer Teil der deutschen Demokratenpresse gegen das römische Regie- rungssystem nach Möglichkeit jedes scharfe Wort und ver- ösfentlicht aus Italien Berichte, die von faschistischer Ofsiziosität nicht mehr weit entfernt sind. Dabei ereignet es sich, daß selbst deutschnationale Blätter der Stimme der Kritik mehr Gehör verschaffen als demokratische. Vergleicht man z. B. den römischen Brief im Mittwoch-Abendblatt der„Deutschen Tageszeitung" mit dem in der Donnerstag-Morgenausgabe des„B e r l i n e r T a g e- b l a t t s", so fällt dieser Vergleich entschieden zugunsten der „Deutschen Tageszeitung" aus. Ihr Korrespondent steht naturgemäß den Gedankengängen der Faschisten ziemlich nahe, trotzdem kann er sich nicht enthalten festzustellen, daß die sogenannte„nationale Sammlung" in Italien erreicht worden ist„auf Kosten jenes Minimums politischer Freiheit, ohne das in der gegenwärtigen Epoche das öffentlicheLeben nichtmehrdenk- b a r i st". Nach solchen Anklängen der Kritik sucht man in dem Ar- tikel Dr. Hans Barths über„Mussolini und sein Volt(!) vergeblich. Der ganze Artikel des demokratischen Bericht- erstatters ist eine einzige servile Lobhudelei für den Diktator, auf den, wie zum Schlüsse gesagt wird, die antiken Cäsaren mit Neid blicken können. Der heulende Mob, der Mussolini huldigt, wird als das wahre italienische Volk hingestellt, die anderen aber, die es doch auch gibt, werden mit folgender Bemerkung abgetan: Die natürlich vorhandene Menge der Andersdenkenden, der Sozialisten, Demokraten usw., wagt sich nicht her- vor. Sie wissen, daß sie es mit einer Regierung und mit einer Partei zu tun haben, die absprechende Kritik nicht duldet. Vestisia terrcnt.(Die Spuren schrecken.) Die italienischen Sozialisten und Demokraten haben nicht aufgehört, den Kampf gegen den Faschismus zu führen; die Wahl der Methoden muß ihnen überlassen bleiben. Aber wer sich nicht hervorwagt, weil die italienische Regierung ab- sprechende Kritik nicht duldet, das ist das„Berliner Tageblatt" und sein römischer Berichterstatter, Herr Dr. Barth. Vielleicht spricht bei solchem Verhalten auch die äußerst kurzsichtige Erwägung mit, daß man es sich aus Gründen der deutschen Außenpolitik mit den jeweiligen Machthabern eines großen Staates nicht verderben dürfe. Aber wer dieser Er- wägung nachgeht, wird für sich und das Volk, das er publi- zistisch oertritt, nichts anderes ernten als Mißachtung. Eine demokratische Presse, die es nicht versteht, die D e m o k r a t i e als eine europäische Angelegenheit zu be- handeln, verkennt ihre Aufgabe. Man kann den Faschismus auch im eigenen Lande nicht ernsthaft bekämpfen, wenn man dort vor ihm niederkniet, wo er gesiegt hat. Endlich bestrast. Erst zweite Instanz schützt Reichsfarben. Breslau, IS. September.(Eigener Drahtbcricht.) Der Spe- ditionsinhaber Emil Tyka aus Guttentag wurde von der Straf- kammer in Oppeln wegen Beschimpfung der Reichs» färben zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt. Tyka war in einer Iuninacht durch Oppeln geritten und hatte dabei in betrunkenem Zustand die Farben Schwarz-Rot-Gold in unerhörter Weise bc> schimpft. In er st er Instanz war er freigesprochen, in zweiter wegen persönlicher Beleidigung zu 60 Mark Geldstrafe verurteilt worden. Die Berusungsinstanz stellte sich auf den einzig richtigen Standpunkt, daß Tyka bewußt die Farben der Republik in gemeinster Weise herunterriß. Ein würdiger Königsbündler. Nach wie vor können die Monarchisten der mildesten und wohlwollendsten Behandlung durch die Gerichte sicher sein. Ganz besonders in Bayern. Bor dem Schöffengericht Erlangen hatte sich dieser Tage das Mitglied des Heimat- und Königs- bundes, der Techniker Perzl, wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt und Beamtenbeleidigung zu verantworten. Nach einer Geburtstagsfeier füd den ehemaligen Krön- Prinzen Rupprecht geriet Perzl mit Schutzleuten zusammen, da er auf den Straßen laut lärmte. Als die Beamten feine Per- nalien feststellen wollten, ließ er sich zu Tätlichkeiten hinreißen. Auf der Polizeiwache schlug und trat der Königsbündler mit Händen und Füßen gegen die Schutzleute. Außerdem belegte er sie mit Ausdrücken wie„Halunken",„Lackl",„Schufte",„Lausbuben" usw. Trotz alledem kam er mit einer Geldstrafe von 4S M. davon, anscheinend weil das Gericht von der Erwägung ausging. daß es sich bei Perzl lediglich um die Betätigung einer durch Alkohol gesteigerten monarchistischen Gesinnung gehandelt hat. Deutsthnationales Sprungbrett. Das Schulgesetz als Köder für das Zentrum. Heran an die Macht! Das ist die deutschnationale Pa- role. Sie sind bereit, jeden Kotau zu leisten, Ueberzeu- gungs- und Prinzipientreue ist ihnen nichts. L o c a r n o werden sie schlucken, im Völkerbund loyal mitarbeiten, aber sie müssen an die Macht! Dann wird sich das weitere schon finden. Mit dem gewaltsamen Umsturz ist es nichts, bleibt nur der parlamentarische Weg. Der führt über das Zentrum. Und das Zentrum? Warum sollen nicht andere Parteien genau so käuflich sein wie die Deutschnationalen? So bietet man dem Zentrum das Schul- gesetz. Morgens und abends empfehlen sich die deutschnatio- nalen Blätter als Hüter christlicher Weltanschauung, ja sogar als Beschützer katholischer Interessen. An Rom sterben zwar bekanntlich die Völker, aber das kann man zur Not vergessen, wenn Ministersessel winken. Heute bringt die„Kreuz- Zeitung" wieder einen Leitartikel über das Reichsfchulgesetz. Ganz offen wird der Zweck der Uebung aufgezeigt: „Dagegen wird die Deutschnationale Volkspariei auf dem Wege zu einer grundsätzlichen christlichen Schul- und Kulturpolitik ihrer eigenen Anhängerschaft ein Gesetz bringen, das von ihr längst schon erwartet wurde und sie würde ein durchschlagendes Mittel in die Hand bekommen, um die Wählerschaft des Zentrums aus- z u l o ck« r n und entweder zu sich herüberzuziehen, oder aber sie zu einer Entscheidung innerhalb des Zentrums zu zwingen. Sie würde bestimmt alle diejenigen zurückgewinnen, die durch die manchmal nicht ganz geschickte Behandlung der konfessionspolitischen Fragen immer wieder ins Zentrum zurückgedrängt wurden oder in unensschiedenem Schwanken zwischen Zentrum und Deutschnationale Bolkspartei resigniert abseits standen." Also als Sprengpulver fürs Zentrum! Die Behandlung der konfessionellen Fragen soll„geschickter" werden! Die„Vor- aussetzung" vergißt dabei nur mancherlei. Sie vergißt, daß das Schulgesetz auch noch andere Parteien interessiert, worauf die„Nationalliberale Korrespondenz" heute mit deutlicher An- spielung hinweist. Und im übrigen ist der Z w e ck der Uebung so offenkundig, daß er auch dem Zentrum klar sein wird. Auch dieser„Dreh" wird nicht zum teuer ersehnten Ziele führen._ Kanalbau in Mecklenburg. Verbindung zwischen Oftsee und den Schiffahrtsstraßen Schwerin, 16. September.(Eigener Drahtbericht.) Im Rathaus zu Rostock tagten die Vertreter der mecklenburgischen Stäb.. Rostock, Güstrow, Bützow, Schwaan, Krakow, Plan und Malchow, sowie eine große Anzahl Vertreter verschiedene! Handels-, Reeder- und sonstiger kaufmännischer Korporationen, um Stellung zu dem beabsichtigten Ausbau der Kanal st recke Güstrow— P l a u e r See zu nehmen. Der Vorsitzende de Versammlung, Bürgermeister Dr. Heidemann- Rostock, wi>. darauf hin, daß der Zeitpunkt für die Inangriffnahme des Projel der Weiterführung des Schiffahrtsweges von Bützow über Güftro bis nach Plau, um dadurch eine Verbindung der Osts- durch Mecklenburg mit den großen deutsch Schiffahrtsstraßen zu erreichen, augenblicklich günstig Einmal soll versucht werden, einen Teil der großen Kredite, der Reichssinanzminister für Notstandsarbeiten zur Behebung t Erwerbslosigkeit in Aussicht gestellt hat, in Anspruch zu nehm.. Weiter zeigte das Reich fein Interesse für den Ausbau der ge- nannten Wasserstraße durch die Bewilligung von Millionen Mark für den Ausbau des Wasserweges von Rostock nach Güstrow Es eigne sich keine Arbeit so gut als N o t st a n d s a r b e i t wie der Bau eines Kanals mit seinen sehr großen Erdarbeiten. Da Projekt fand in der Debatte allgemeine Zu st immun g. E wurde ein Arbeitsausschuß gewählt, der die nötigen Borarbeüc erledigen, und die mündlichen Verhandlungen mit de- Reichsoerkehrsministerium und der Mecklenburg schen Landesregierung führen soll. Alsdann wurde Herr gehoben, daß der Kanal Ostsee— Rostock— Güstrow— Plaucr S: nicht nur ein großes Flächengcbiet neu erschließen werde, fonde- auch für die wirtschaftlichen Jneressen Mecklenburgs eine Notwend kcit sei. ver Vevlsch« tandkreislag hat, wie wir erfahren, an das Reich-- arbeitsministerium und Reichsfinanzministerium ein Schreiben ge richtet, worin er sich nachdrücklich gegen die geplante Neu- regelung der Ausgesteuertenunter st ützung wendet. Der Landkreistag fordert, daß an Stelle der Pläne der Reichs- regierung auf Schaffung einer besonderen Fürsorge für die Ausgc- steuerten die Verlängerung der Unterstützungsdauer treten soll. Auch der Deutsche Landkreistag sieht in der Ausgesteuertcnfrage die Entwicklung der Dinge sehr ernst an; auch er betrachtet das unauf- haltsame Anwachsen der Ausgesteuertenzifser mit Sorge. Wird das Reichsarbeitsministerium diese Warnung beachten? Der Luisen-Mar. Von Hermann Schützing« r. Annaberg, die Metropole des Erzgebirges, ist eine achtenswerte und reputierlich« Stadt. Sie liegt mit ihren Kirchen und Kapellen am Fuß des Pöhlberges, eingebettet zwischen das Zfchopau- und das Egertal, zwischen borstig« Bergkuppen, den Bärenstein und den Fichtelberg und zwischen armselig« Proletendörfer wie«in« mittel- alterliche Bastion und bewacht die Heerstraße, die von Chemnitz, dem sächsischen Manchester, nach dem Egerland, nach Komotau und Prag hinüberführt. Hier tummeln die sächsischen Industriellensöhne ihr« hundertpferdigen Benzauiomobil« und die etwas dicklichen Fabri- kanten- und Händlersgattinen strapazieren sich nach Möglichkeit dos überflüssig« Feit vom Leib. Zur Verewigung des sächsischen Unter- nehmergeistes und des Annaberger Tatendranges ist am Marktplatz die Annaberger„Ahnfrou", mit Namen Barbara Utmann, mit einem Mordsspinnrad in der Hand aufgestellt. Na schön; immer noch besser, als wenn die Annaberger ihren Markt mit einem der üblichen König- Albert-Klifchees verschandelt hätten! Dieses Annaberg, mitten in einer blutarmen und durch Mitleid- loseste 5)ausindustrie proletarisierten Wirtschastsprooinz gelegen, hat sich seit«inigen Monaten und Iahren zum Sorgenkind des roten Sachsen ausgewachsen. Kapitän Ehrhardt hat dort oben, geschützt durch die Palisaden kleinbürgerlicher Enge und durch ein Dutzend hinterwäldlerischer Lokalblätter, neuerdings sein Lager aufgeschlagen und mit dem Trommelwirbel der Landsknechte ein Häuflein von Wunderaposteln der„Landeskirchlichen Gemeinschaft" mit Orgelton und Evangelistenpathos herangelockt. Seitdem wird in dieser komsschen Ecke des sonst so vernünftigen Sachsen am Sonntag von morgens bis abends gepredigt und in der Nacht exerziert. Rein meschugge ist der sonst so friedliche Winkel geworden! Aus dem Riarktplatz kündigt auf einem mächtigen Plakat ein neuer Feldprediger das jüngste Konkurrenzunternehmen, den„Bund der Kämpfer" an:„Keine Sekte, keine Parteil" wird zunächst oersichert und dann als Thema des Abends das tiefsinnig« Problem gestellt: „Schaffen und Leben, das groß« Geheimnis!" Ja, das möchte ich auch gern wissen, wozu wir schaffen und wozu wir leben! Ob uns das aber der Annaberger„Häußer" sagen kann? Beim Friseur am Markt seh« ich mich nach einer Zeitung um; es gibt jedoch lediglich das Annaberger.�Tageblatt" und-- als Bildungsinstrument aus der Reichshauptstadt Berlin-- die „Deutsch« Zeitung!" Also ausgerechnet das am Aussterbeetat stehende Claß-Blatt, das im Berliner Westen in keinem Restaurant aufzu- treiben ist, liest man mit tiefsinniger Miene am Marktplatz von Annabergl Ich schlage auf: Natürlich in aller Breit« der„Severing- Skandal", den jede andere aus Sauberkeit sehend« Redaktton mtt ein paar Zeilen übergangen hat und dann«in mächttger Artikel über die militärische Laufbahn des-- Großherzogs Friedrich von Baden! Andächtig lesen die Handlungsgehilfen und die Grünkramhändler dieses„besseren" Friseurgeschäfts, welche Chargen dieser alte deutsche Fürst während einer recht unkriegerischen Zeit von 1830 bis 1870 eingenommen hat! Also, während die Arbeitslosigkeit im Erzgebirge zum Himmel schreit und die„Ausgesteuerten" nicht wissen, wie sie Frau und Kind vom nackten Hungertod erretten sollen, liest die „sleunezze ckoree" von Annaberg Leitartikel über die militärischen Chargen eines teusschen Dundesfürsten, der schon 40 Jahr« tot ist und die Sachsen eigenttich gar nichts angeht; denn wofür ist der angestammte„Geenij", der August da? Das andere Blatt des Annaberger Friseurs aber berichtet in Balkenschrist über ein« ebensowenig sächsisch-oaterländische Affäre, nämlich den ersten Gautag des.Königin-Luife-Bundes". Was geht die sächsischen Landeskinder die Preußen-Königin Luis« eigentlich an! Tiefen Eindruck machte der„Cuisen-Altar" neben dem Borstands- tifch. Um die Büste der Königin waren Kerzen aufgestellt und weiße Blumen zierten den Altar.-- Beim Einmarsch des Werwolf- Banners erhoben sich die Luisenschwestern von ihren Sitzen.-- Zum Schluß fand die feierliche Verpflichtung von 36 Luisenschwestern statt. Im Halbkreis saßen sie um den Altar. In der Berpslichtung gelobten die Schwestern Gehorsam den Satzungen des Bundes. Zum Schluß sangen sie gemeinsam das Lied:„Ich Hab' mich ergeben!" Also ein richtiger, weiblicher Ku-Klux-Klan in dem friedlichen Sachsenstädtchen Annaberg! Wozu der„Gehorsam", vor brennenden Kerzen gelesstet, wozu der Feme-Schwur vor dem„Luisen-Altar?" Doch da nimmt mich der völkische Friseurgehilf« zwischen seine germanischen Pratzen und fährt mir mit seinem Bratspieß mit einem möchtigen Ruck über den Hals. keine Opernsusion. Die Meldung, daß der neuernanute General- Intendant der staatlichen Opern, Herr T i e t j e n, gleichzeitig auch Intendant der Berliner Städtischen Oper weiter bleiben würde, ist nach Erklärung der zuständigen Stelle falsch. Der Vertrag des Staates mit Herrn Tietjen läuft von Mitte 1028 ab, weil er bis dahin der Stadt Berlin verpflichtet ist. Es wird versucht werden, ein früheres Ausscheiden Tietjens aus der Städtischen Oper zu er- langen, jedoch wird nicht daran gedacht, die Inten- dantur der Städtischen Oper und die General- intendantur der Staatsopcrn durch eine und die- selbe Person zu Gesetzen. Eine gewiss« Interesfengemein- schaft der Staats- und Städtischen Oper besteht in beschränktem Maße schon. Es find nämlich Vereinbarungen getroffen, bei Engagements der Künstler und bei der Gestaltung' des Spielplans möglichst konform vorzugehen und eine Konkurrenz, die beide Teile schwer belasten würde, beim Engagement prominenter Künstler möglichst zu vermeiden. Ob diese Vereinbarungen noch weiter ausgedehnt werden, steht noch nicht fest. Derartige Verhandlungen sind vor einiger Zeit ergebnislos verlaufen. Schließlich fei noch erwähnt, daß der Generalintendant gleichzeitig auch die Leitung der Staat- lichen Opern in Wiesbaden und Kassel hat. „Tugend und Bühne". Der Verband der deutschen Bolksbühnen oereine veranstaltet vom 23. bis 26. Sep- tember in Friedrichroda eine I u g e n d t a g u n g, die sich mit dem Laienspiel und den Beziehungen der Jugend zum Theater beschäftigen wird. Eine Reihe von jugendlichen Teil- nehmern aus dem Reich ist vom Lolksbühnenverband delegiert worden. Für das Laienspiel sind praktische Versuche unter Leitung des Oberspielleiters Karl Vogt geplant. Als Referenten wirken ferner Dr. Löwenberg- Berlin und Fritz R. Schulz- Berlin. Die Tagung hat nicht nur Bedeutung für die Einbeziehung der Jugend in die künstlerische Kultur des Theaters, sondern sie wird auch neue Möglichkelten des Laienspiels suchen und gegen dessen Auswüchse Stellung nehmen. Akademie der Künste. Die erste konstituierende Sitzung der neu begründeten Sektion für Dichtkunst der Preußischen Aka- demie der Künste Berlin wird nach Beendigung der akademischen Ferien im Ottober stattfinden. An dieser Sitzung werden auch die außerhalb Berlins wohnenden Mitglieder der Sektion teilnehme». Behandlung geistiger Bückständigkeik durch Röntgenstrahlen. Die seit längerer Zeit im Wiener Röntgeninstitut von Primarius Woli- gang Riefer angestellten Versuche, den Zustand geistig zurück- gebliebener Kinder durch Bestrahlung mit Röntgenstrahlen zu ver- bessern, haben, wie die Blätter melden, günstige Ergebnisse gehabt. Es gelang in zahlreichen Fällen, einen Rückgang der Krankheits- erfcheinungen, u. a. bei Kopfgrippe, zu erzielen und besonders die geistige Entwicklung der Kinder zu fördern. Vorlesung han» Beimann. Der luftige Abend, den HanS Reimaim für die Volksbühne E. V. am lfrcitag. den 17. Sebtcmbcr, im Bechstcinianl vcranllaltct, beginnt um 8 llbr. Karten in beschräntler Anzahl zum Preise von 1 Mark sind noch erhältlich. Slaotsoper. Barbara Kemp tritt zum erstenmal In dieser Spielzeit am 18. aus und zwar aiS Senta. Den Holländer singt Friedrich Scharr, den Daland erstmalig M i ch a e l B o h n e n.— In der .Troubadour'-Aussührnng am 13., singen Tino Pattiera, Heinrich Schi n»nu«, Karin Branzell und Hedwig v. Debitzka. Dirigent: Gencralmusildircttor Leo Blech. Dl««Valerie Mltschek eröffnet am 22. ibre neuen Räume In der B i k- torta st ratze 2 mit einer Ausstellung de» zum ersten Male in Berlin kolleltio gezeigten Malers Gert vollheim. -Der muflNose Tanz.« Unter diesem Titel gibt H i l d e S t r i n z am 24., abend» 8 Uhr, cincii Tanzabend im K 1 i n d w o r t h f a a I Erhöbungen de» vle,rc»grunte» im Atlantischen Ozean. Bei der Re- paratur eines Ueberseekabels wurde entdeckt, datz der Meeresgrund in der Röhe der Insel St. Helena sich im Lause der letzten Sä Jahre beträchtlich gehoben bat. Da» Kabel lag stilber an der betreffenden Stelle 4500 Meter unter Wasser; die neuen Messungen de» liabelschisse« ergaben jetzt nur noch eine Tiese von 1100 Melerii. 2500 Buchstaben In der VNaute gekabelt. Der erste Teil de, neuen Ueberseekabels. das England mit der Neuen Well verbinden wird, ist gelegt worden. Mit Hilfe diese» Kabel» wird man 2500 Buchstaben in der Minute telegrav hleren können. Diese ungebeueri Leistung wird nur dadurch er- möglicht, datz da» Kabel gleichzeitig verschiedenartige Wellen leitet und als» nebeneinander die verschiedensten Telegramme gesandt werden können, NoröprozH Schröder. Der Angeklagte gesteht alles.— Wo bleiben Kölling nnd Tenhold? L. 8. Magdeburg. IS. September. Mit allen äußeren Einzelheiten eines Senfationspro- z s s s e s begann heute vormittag im Schwurgerichtssaal des Magde- burger Justizpalastes die Verhandlung gegen den Mörder des Buchhalters Helling, den Schmied Richard Schröder aus Groß-Rottmersleben. Lange vor Beginn der Sitzung harrten in großen Mengen die Besitzer von Einlaßkarten vor dem Gebäude. Viele Hunderte versuchten noch im letzten Augenblick, Einlaß zu bekommen, was ihnen aber nicht gelang. Im Saal« selbst hatten an langen Tischen etwa SlZ Vertreter der Presse aus allen Teilen des Reiches Platz genommen. Vor der Anklagebank war ein« Staffelei mit einer Tafel ang«. bracht, auf der der Plan das Mordhauses in Groß-Rottmersleben mit der Einrichtung der einzelnen Zimmer aufgezeichnet war. Auf dem Gerichtstisch lagen die schauerlichen Beweisstücke dieses Mordprozesses: der Chauffeuranzug Schröders, den seine Schwester vom Blut ge- reinigt hatte,«in Paket mit dem durchschossenen Schädel, sowie mit Knochenteilen, deren verkohlte Stellen Zeugnis dafür oblegen, daß Schröder zuerst versucht hat, die Leiche seines Opfers zu verbrennen. Daneben liegen Bücher aus dem Besitz des Angeklagten, charakteristi- scherweise darunter das Buch„Auf Deutschlands Hochschulen' und der„Deutsche Hochschulkalender', ferner Notizbücher mit interesianten Aufzeichnungen. Bezeichnend für Schröder, den P s e u d o- st u d e n t e n mit den selbst beigebrachten Schmissen ist es, daß er sich die Farben fast aller farbentragenden deutschen Verbindungen auf 20 Notizbuchseiten aufgezeichnet hat. Ferner befanden sich darin zahlreiche Adressen von Freunden, Widmungen von jungen Mädchen, aber auch ein« sehr zärtliche Widmung von einem„Freund' namens Cäsar. Unter dem Gerichtstisch stand«in Reisekorb mit weiteren Asiervaten, unter anderem einem alten Militärgewehr und ein Paar hohen Stiefeln, die Helling gehört hatten. Um Uhr erschienen die Geschworenen, ein Bürgermeister, Fabrikbesitzer, Gutsbesitzer, Landwirt, Bankbeamter und Bureau- assistent im Saal. Unmittelbar darauf wurde Schröder vorgeführt. Er wurde, an den Händen gefesselt, von zwei Gefängnisbeamten zum Gericht transportiert, wo ihn sein Verteidiger erwartete. Als er auf dem Gang zwei Schupobeamten übergeben wurde, sagte er zynisch lächelnd:„R a, nun wollen wir das Schützen- fest mal steigen lassen." Lächelnd, wenn auch zunächst an- gesichts der auf ihn starrenden Augen etwas verlegen, betrat er auch die Anklagebank, wo er zwischen zwei Schupobeamten Platz nahm. Auf Anordnung des Vorsitzenden blieb Schröder während der ganzen Verhandlung gefesselt. Auch auf der An- klagcbank verließ ihn sein Lächeln nicht, und interessiert musterte er den Saal und das Publikum, ab und zu einige Worte mit seinem Verteidiger wechselnd. Nach dem üblichen Zeugenaufruf begann dann das Verhör des Angeklagte«. Vors.: Sind Sie vorbestraft?— Angetl.: Jawohl, wegen fahr- lässiger Tötung mit drei Monaten Gefängnis und wegen unbefugten Waffenbesitzes. Beide Strafen find jedoch vorläufig ausgesetzt.— Vors.: Ihnen wird zur Last gelegt, einen Menschen, den Buch- Halter Helling, getötet und dann beraubt zu haben. Ferner sind Sie des Betruges und der Verleitung zum Meineid an der Hildegard Götze beschuldigt. Sie haben dem Gericht Ihren Lebenslauf"schriftlich eingereicht, und ich nehme an, daß Sie sich geordnet äußern können. Wie ist Ihr Leben bisher verlaufen?— Angekl.: Ich bin in Groß-Rottmersleben geboren und habe die Dorfschule bis zum Jahre 1917 besucht. Dann bin ich zu einem Schmiedemeister in die Lehre gekommen.— Vors.: Sie hoben aber an dem Beruf offenbar keine Freude gehabt, denn Sie haben Ihr Examen mit Ach und Krach bestanden und haben dann versucht, sich geistig weiter zu bilden.— Angekl.: So ist es. 1920 bin ich dann zum Militär gegangen. Dieser Beruf erschien mir sehr interessant, und ich meldete mich bei den Magdeburger Pionieren, wo ich auch angenommen wurde.— Vors.: Weshalb haben Sie dann den Soldatenrock wieder ausqezogen?— Angekl.: Weil ich im Oktober 1923 meine Braut Hildegard Götze kennen lernte und weil ich als Soldat doch nicht gut heiraten konnte.— Vors.: Soweit mir bekannt ist, haben Sie das Mädchen bei der Post kennen gelernt, sind ihr als Student vorgestellt und Sie haben ihr einen Couleurausweis gezeigt. Dann haben Sie Fräulein Götze wenige Tage später zu einem Couleursest der ..Allania' geladen. Welche Tendenz hatte die„Allania'?— Angekl.: Sie ahmte studentische Gebräuche nach.— Vors.: Wie sind Sie in diese Verbindung hineingekommen?— Angekl.: Durch einen Bekannten.— Vors.: Sie sind dann mit Fräulein Götze in ein näheres Verhältnis gekommen und hoben das junge Mädchen, das als Stütze in Magdeburg tätig war, dann im Juni 1924 nach Groß-Rottmersleben in Ihr Haus eingeladen. Wie kam denn das? — A n q e kl.: Ueber die näheren Umstände möchte ich in ösfent- licker Sitzung nichts sagen.— V e r t.: Ich würde auch dafür sein, diese Dinge unter Ausschluß der Oessentlichkeit zu verhandeln.— Vors.: Dann lallen Sie es beiseite, denn für die Straftat inter- elsiert es nicht. Sagen Sie einmal. Angeklagter, weshalb ist Ihnen beim Militär ein solch schlechtes Zeugnis ausgestellt worden?— Angekl.: Ich bin mit Arrest bestraft worden, weil in unserer Kompagnie soviel getrunken wurde. Deshalb kam ich einigemal zu spät.— Vorl.: Sie sollen vor allen Dingen durch Ihre Groß- m a n n s s u ch t sich unbeliebt gemacht haben: denn Sie wollten mehr erscheinen als Sie waren.— Angekl.: Das möchte ich bestreiten. Schröder schilderte dann weiter, wie er aus Fahrlässigkeit seine Mutler erschossen habe:„Ich las die Zeitung und spielte dabei mit dem Revolver, dabei muß sich eine Patrone aus dem Magazin in- den Lauf ge- schoben haben, denn plötzlich ging ein Schuß los und traf meine Mutter in den Unterleib.'— Vors.: Sie hoben also Ihre Mutter fahrlässig erschosien. Hatten Sie nicht am selben Tag eine Eifer- suchtsszene mit Ihrer Braut, die Sie sehr liebten, der Sie aber nie treu waren?— Angekl.: Ja, das war am Vor- mittag desselben Tages, und da habe ich beim Leben meiner Mutter geschworen, daß ich ihr treu bleiben wollte. Nach- mittags war ich aber doch mit einem anderen Mdchen zusammen (nach einer kleinen Pause) und abends habe ich dann meine Mutter erschossen.(Bewegung im Saal.)— Vors.: Machte das nicht einen großen Eindruck auf Sie?— Angekl.(pathetisch): Ja. einen ganz kolossalen Eindruck. Ich glaubt« dann an Okkultismus, kaufte mir Bücher darüber und machte Erperi- mente. Natürlich wurde ich immer nervöser und sah überall Ge- spenster. Auf Vorhalt des Vorsitzenden, daß er doch mit seiner Rente mit kB Mark monatlich nicht auskommen konnte zumal er doch mit seiner Braut zusammen lebte, daß er sich doch Arbeit suchen mußte, erklärte Schröder, er habe das auch Immer versucht, so habe er auch in ein Detettiobureau eintreten wollen, schließlich sei er zur Handels- schule gegangen.— Vors.: Sie haben dabei oft in Magdeburg übernachtet. Hatten Sie denn damals viel verkehr mit Mädchen oder waren Ihre Beziehungen normal?— Angekl.: Jawohl, ich hatte aber nicht viel Liebschaften damals.— Bor}.: Haben Sie sich die Namen aller Mädchen, die Ihnen Ihre Gunst geschenkt halten, in ein Buch eingetragen?— Angekl.: Ich halte eine Liste auf- gestellt.— Vors.: Und was hatten Sie darin notiert?— Angekl. (nach einigem Zögern): Die Haare und wo und wann ich das Mädchen kennen gelernt hatte, sowie den Wohnort. Ich habe auch Locken und Haare gesammelt.— Vors.: Sie hatten ja auch in Ihrem Zimmer einen Stock mit Frauenhaaren als Siegcslrophäe. Auf Veranlassung des Vorsi�enden wurde der Stock gezeigt. Unter der Krücke sind um den«lock zahlreiche Frauenhaare ge- wickelt, die Schröder als seine„Sammlung" bezeichnet. Er be- kündet« dann weiter, daß er die Hildegard Götze unter allen Um- ständen heiraten wollte, vor allem habe er diesen Wunsch gehabt, als seine Mutter starb und er infolgedessen jeden Halt ver- loren hatte.— Vors.: Wie meinen Sie das?— Angekl.: Ich muß mich an jemanden anlehnen. Ich bin nicht selbständig.— Vor f.: Das kann ich mir von Ihnen gar nicht vorstellen. Die Hildegard Götze hat doch ganz unter Ihrem Einfluß gestanden.— Angekl.: Aber ich brauche einen Charakter, an den ich inich an- lehne. Ich bin sehr gesellig. Ich kann auch kein Geheimnis für mich behalten.— Vors.: Sie sollen nicht nur große Intelligenz, sondern auch Initiative und Ueberlegung besitzen.— Angekl.: Ich suche Führernaluren nachzuahmen. trau« mir aber eine solche Rolle selbst nicht zu.— Vor s.: So, dann möchte ich doch darauf hinweisen, daß ich jetzt einen Brief von Ihrem Zellengenossen Schulz bekommen habe. Klopfgeister i« der ZeNe. Vors.: Schlckz sagt in dieser Eingab«, daß er gar nicht fliehen wollte, wegen seiner geringen Strafe auch gar nicht zu fliehen brauchte. Sie hätten aber immer auf ihn eingeredet, Sie wären überhaupt von überlegener Intelligenz gewesen, da Sie sich viel mit Philosophie beschäftigten. Er, Schulz, Hab« sich immer geweigert, er habe daraus hingewiesen, daß Sie auch nach der Flucht nicht weiter- kommen könnten. Daraufhin haben Sie ihm beruhigt mit dem Hin- weis, Sie würden für ihn und sich schon weitersorgen. Auf diesen Punkt komm« ich später noch zurück. Schließlich haben Sie Ihre Hilfe zum Spiritismus genommen. Sie haben Klopfgeisier beschworen. mit denen Sie ein Alphabet verabredet hatten. Schulz will anfangs daran nicht geglaubt, vielmehr angenommen haben, daß Sie dies« Klopfgeräusch« in der dunklen Zelle durch«inen Faden, der zur Hei- zung führte, hervorgerufen haben. Aber die Geräusch« wären aus einer ganz anderen Ecke ertönt und schließlich habe er auch an Klopf- geister geglaubt. So hätte dreimaliges Klopses„Ja" bedeutet, zwei- maliges Klopfen„Nein", schließlich seien auch ganz« Silben zustande gekommen und die Geister, hätten erklärt, die Flucht werde gelingen. Selbst in Sprichwörtern sei geantwortet worden, so u. a.:„Der Tapfere wird siegen." Dadurch allein habe sich Schulz bereit erklärt, auf den Plan einzugehen, der von Ihnen in allen Einzelheiten ent- wickelt und besprochen worden sei. Schulz sollte dem Gefängnis- Wachtmeister an die Kehl« springen und Sie wollten ihm den Karabiner entreißen.— Angekl.: Taatsächlich ist viel geklopft worden in der Zelle. Ich habe das auch dem Gefängnisdirektor ge- meldet, der auch zugab, daß in dem Gefängnis nachts viel geklopft werde. Zum Teil reagiert« das Klopfen auf unser« Fragen. Es ist ganz ausgeschlossen, daß ich dieses Klopfen verursacht habe. Ob dieses übersinnlich war,- kann ich nicht sogen. Unter großer Spannung ging nun der Vorsitzende auf die Vorbereitungen zur Mordtat selbst ein. Landgerichtsdirektor Dr. L ö w e n t h a l suchte dabei den Angeklagten, der absichtlich leise sprach, um vom Gericht und von den Geschworenen nicht verstanden zu werden, immer wieder zu bewegen, laut und deutlich zu sprechen und den Plan chrono- logisch aufzurollen.— Vors.: Anfang Juni ging es Ihnen sehr schlecht. Sie hatten wohl nur noch 30 Mark in Ihrem Besitz und da gaben Sie ein I n s e r a t in der deutschnationalen„Magde- burger Tageszeitung" auf. Dieses Inserat hatte folgenden Wort- laut: „Buchhalter für landwirtschaftliche Spar- und Darlehenskassen mit 500 M. Kaution gesucht. Schulze.' Aus welchem Grunde, Angeklagter, suchten Sie denn einen Luchhalter, der über eine Kaution von 500 M. oerfügte? Der Angeklagte sprach so leise, daß man nur Bruchstücke aus seiner Erzählung verstand: Ich wollte einen Mann mit 500 M. Vermögen in Schackensleben bei Groß-Rottmersleben betrunken machen und dann ausrauben.— Vors.: Sie hatten also die Ab- sicht mehrere Leute auf Grund des Inserats kennenzulernen und dann auszurauben.— Angekl.: Nein, denn die Sache konnte ja boß einmal klappen. Ich wollte das mit noch einem anderen zu- sammen machen.— Vors.: Das Inserat ist am 5. Juli in der Zei- tung erschienen und am 8. Juli haben Sie etwa 10 Antwortschreiben erhalten. Was haben Sie nun getan?— Angekl.: Ich habe nur die Briefe mit den Bewerbungsschreiben von der Bahnpost abgeholt und wollte dann sofort nach Groß-Rottmersleben fahren, um mit meinem Helfershelfer den Plan der Beraubung durchzusprechen. Die Namen der Reflektanten hatte ich mir aus einem Zettel nottert. Aber ich wußte noch nicht, wie ich die Sache eigentlich drehen sollte. Deshalb blieb ich bis zum 13. Juli bei meiner Schwester in Magdeburg. Ich hatte mich bereits mit meinem Freunde Ewald über die Angelegenheit ausgesprochen und er war der Ansicht, daß ich mich zunächst an Helling wenden sollte, dessen Bewerbungs- schvciben ich in der Tasche trug. Ich fuhr in die Wohnung de» Helling. und«ine Dame öffnet« lind fragt«:„Was wollen Sie?" Ich ant- wartete:„Herr Helling hat sich um«in« Stelle beworben und ich möchte ihn sprechen."— Vors.: An diesem Tage trugen Sie den Chauffeuranzug, um als Kraftfahrer zu erscheinen?— Angekl.: Jawohl. Während ich mit der Dam« sprach, kam Helling und bat uns beide in sein Zimmer, wo wir uns dann unterhielien. Ich fragte Helling, ob er die Kaution stellen könnt«, was er bejaht«. Daraus fragte er mich, ob sich noch mehrer« fzerren um dies« Stellung beworben hätten und welcher Art die Stelle sei. Ich sagte, es sei ein« leichte Stellung. Nun wollt« Helling sofort mitkommen, aber das war gegen meinen Plan. Deshalb sagt« ich Helling, wir wollten uns in einer Stunde im Part treffen. Ich ging nun in die Anlagen, setzte mich dort auf ein« Bant, und nach einiger Zeit kam Helling nach. Wir fuhren also zusammen nach Schackensleben, dort kehrten wir bei meinem Freunde Schulze ein, der eine Wirtschaft hatte. Dort habe ich mir den Plan überlegt. Ich sagte dann zu Helling, ich würde nach Groß-Rottmersleben vorfahren, er solle mir langsam folgen, weil ich mich eigentlich noch mit meinem Freund« Ziese besprechen wollte. Hellina kam bald darauf bei mir zu Hause an. Er nahm in der Wohnstube Platz und blätterte in einem Buch, das ich ihm gegeben haue. Wir unterhielten uns, und ich wußte zunächst nicht, was ich tun sollte. Schließlich dacht« ich mir: „Am besten ist es. du schießt ihn über den Haufen." Und nun folgte ein ausführliches Geständnis des Angekelagten. das sich völlig mit seinen letzten Angaben vor den Berliner kriminal- kommissaren deckt und. um e» gleich vorweg zu sagen, keine neuen lleberraschungen brachte..',. bisher 1 259 Tpphusfälle in Hannover. 37 Todesopfer.— 7 an einem Tage. Nach den amtlich vorliegenden Meldungen betrug die Gesamt- zahl der Typhuserkrankungen in Hannover am heutigen Donnerstag vormittag 1259 gegenüber 1212 des Vortages. In den städtischen Krankenhäusern haben bisher 547 Männer, 535 Frauen und 177 Kinder Aufnahme gefunden. Die Zahl der Todesopfer ist von gestern zu heute von 30 auf 37 gestiegen. Glücklicherweise macht sich verhältnismäßig eine gewisse Abnahme der Zahl der Neuerkrankungen bemerkbar, so daß sich die Annahme der Gcsundheitsbehörden, daß die Epidemie ihren eigentlichen H ö h e p u n k t bereits überschritten habe, nunmehr zu be- stätigen scheint. Nicht einbegriffen sind in den obigen Zahlen die- jenigen Erkrankungsfälle, die in privater Behandlung liegen. Man dürste in der Annahme kaum fehlgehen, daß es sich bei diesen Fällen ebenfalls noch um einige Hundert handelt. Bezüglich der Unter- bringung und Beförderung der Kranken ist die städtische Verwaltung der größten Sorge enthoben, da nunmehr genügend Petten und Fahrzeuge zur Verfügung gestellt worden sind. Der Be- such der von der Gesundheitsbehörde eingerichteten öffentlichen Impf- stellen ist nach wie vor sehr stark, und am gestrigen Tage wurden in einigen dieser Stationen nicht weniger als 20 0 0 P e r s o ne n ge- impft. Infolge des starken Andranges hat man sich entschlossen, die Besuchszeiten zu verlängern und die Impfstellen sowohl am Vormittag wie am Nachmittag offenzuhalten. Nach den Beschlüssen der städtischen Körperschaften sollen zur restlosen Bekämpfung der furchtbaren Seuche keine Mittel unversucht gelassen werden und ohne Rücksicht auf die Kosten alle notwendigen Maßnahmen getroffen werden. Nehr Rücksicht auf Arbeitslose. Der Betrag von 2 M., den die Berliner Rundfunk- Hörer monatlich an die Post abliefern müssen, ist tatsächlich nicht hoch, besonders wenn man die Qualität und die Menge des Gebotenen berücksichtigt. Aber man soll nie vergessen, daß sich der Kreis der Hörer zum größten Teil aus der arbeitenden Bevölkerung Berlins zusammensetzt. Für einen Arbeiter, der Arbeit hat, werden die 2 M. wohl immer erschwinglich sein, anders ober liegt der Fall bei den Arbeitslosen, die jeden Pfennig der Unter- stützung für den bloßen Lebensunterhalt gebrauchen, für sie bedeuten die 2 M. Rundfunkgebühren schon eine unerschwingliche Ausgabe. Nun wird jedem Hörer, der nicht zahlen kann, die Erlaubnis zum Hören entzogen. Aber noch nicht genug damit, die Post verlangt obendrein, daß auch die Antenne entfernt wird, damit kein Verdacht des Schwarzhörens entstehe. Der Arbeitslose muß sich also nach Unkost«n machen. Sicherlich entspricht dieses Vorgehen der Post ihrem Reglement, das nur mit den Tatsachen rechnet und sich nicht von Gefühlen leiten läßt. Wer nicht bezahlen kann, soll auch nicht Rundfunk hören. Schön und einfach, das ist kaufmännisch richtig, aber kaum human gedacht. Vielleicht könnte die Postoer- waltung sich einmal wirklich großzügig zeigen, und den Arbeits- losen, die sich durch Kontrollkarte ausweisen, und di« tatsächlich nicht in der Lage sind, die Gebühr zu zahlen, die 2 M. eben erlassen, der Rundfunk würde kaum dadurch in die Gefahr des Konkurses oder der Geschäftsaussicht geraten. Das wäre wirklich rücksichtsvoll und menschlich gehandelt. Warum will man den Arbeitslosen, die besonders schwer mit dem Leben kämpfen, noch die Freude des Rundsunkhörens rauben? Der Rundfunk selbst würde durch diese Tat sicherlich an Beliebtheit gewinnen. � Sieq bei Konsumwahlen. Für vier Verkaufs st ellenbezirke der Berliner Konsumgenossenschaft fanden am vorigen Sonntag di« Wahlen der Vertreter zur Generalversammlung statt, mit dem Er- gebnis, daß der Liste Genossenschaft saufbau neun Mandate zufielen, die Kommunisten drei Mandate erhielten. In den Bezirken der 180. Abgabestelle(Dreibundstraße) und der 187. Ast- gabestclle(Britz, Hannemannstrahe) gingen die Kommunisten völlig leer äus, brachten sie es doch in einem der Wahlbezirke (Dreibundstrahe) nur auf ganze drei(!) Stimmen. Wenn es ihnen gleichwohl gelungen war, in letzterem Bezirk eine gültige Borschlagsliste und mehr als zehn Unterschriften zustandezubringen, so erreichten sie dies nur dadurch, daß sie ihre Unterschriftleistendcn Uber den kommunistischen Charakter der vorgelegten Liste in g r ö b- lichster Weise täuschten. Die Wahlagitation wurde von kommunistischer Seite wieder in der sattsam bekannten Form von unüberbietbaren Beschimpfungen der Genossenschast s- Verwaltung geführt. Wann wird man auf jener Seite zu der Einsicht. kommen, daß die Entlehnungen aus dem bolschewistischen Schimpflexikon auch ihre Wirkung verlieren, daß sich die deutschen Arbeiter mit Abscheu von dem genossenschastsschädigenden Treiben abwenden? Ein jugendlicher Durchbrenner. Mit 13 000 Mark ist seit gestern nachmittag der 16 Jahre alte Kassenbote Wolfgang K n a u e r, der bei einer hiesigen Firma angestellt war, spurlos verschwunden. Der junge Bursche war vor- her schon wiederholt zum Einziehen von Geldern geschickt worden. Jedesmal hatte er seinen Austrag pünktlich erledigt und das Geld ordentlich abgeliefert. So trug man keine Bedenken, ihm gestern vormittag einen Scheck über 13 000 M. zur Einlösung zu übergeben. Man wartete bis in die späte» Nachmittagstunden vergeblich aus die Wiederkehr Knauers und erstattete endlich An- zeige bei der Kriminalpolizei. Es wurde festgestellt, daß der junge Pursche den Betrag aus der Bank erhoben hat. Da er ein großer Freund der Rummelplätze und Kinos ist, so vermutet man, daß der jugendliche Durchbrenner seinen plötzlichen Reichtum dort an den Mann bringen wird.___ Schwerer Slraßenunsall eines Bürgermeister». Von einem schweren Unfall wurde heute morgen der Bürgermeister von A n- klam, Dr. Hannemann, betroffen. H., der auf dem Bahnhof Friedrichstraße eintraf, benutzte eine Autodroschke und ließ in der Nähe der Kochstraße halten. Er stieg nach der Straßenseite aus und wurde von einem vorüb«rkommenden Auto erfaßt und über- fahren. Passanten und Schutzpolizeibeamte bemühten sich sofort um den Schwerverletzten und brachten ihn»ach der Rettungs- stelle in der Kronenstraße. Hier stellte der Arzt einen schweren Schädelbruch fest und ordnete die sofortige Uebersührung in das Urbankrankenhaus an. Wie wir erfahren, ist der Zustand des in den vierziger Jahren befindlichen Bürgermeisters sehr ernst. Sittlichkeitsverbrechen und Mord in Leipzig. In der Wohnung des Kraftwagenfllhrers Ernst Poetzsch in Leip- fand man im Schlafzimmer zwischen zerwühlten Betten die eiche eines jungen Mädchens. Es wurde festgestellt, daß ein Sittlichkeitsverbrechen und Mord begangen worden ist. Dem Mädchen waren sämtliche Kleidungsstücke mit Gewalt vom Leib ge- rissen worden, die Handgelenke waren gefesselt, um den Hals war ein Stück des zerrissenen Kopfkissens festgeknotet, im Hals selbst be- fand sich ein Knebel. Mit einem Peil hatte der Mörder seinem Opfer die rechte Schädclseite zertrümmert. Poetzsch galt im all- gemeinen als nicht normal. Seine Frau und fein Kind befanden sich auf einer Hochzeit in Stettin. Der Täter ist flüchtig. Paratyphus in Fulda. Wie amtlich mitgeteilt wird, sind in Fulda und Umgebung einige Fäll« von Paratyphus festgestellt worden. Die Erkrankten sind sämtlich in dem Fuldaer Kranken- haus untergebracht worden. Vorträge, vereine und Versammlungen. «rteitsgemelnschast der itwderfreunde— ttrel» Ritt«. Sexte«denk, püntllch S Uhr. IpieU Geitoge Kamlh- Wien mit den Kindern de» Srelse« MiN». in der Turnhalle, Ruppintr Etraße t8- Alle Kinder de» Bezirt« find herzlich willkommen. Keine Llnorganifierten mehr! „Der Fe'.nd, den wir am tiefsten hassen... das ist der Unverstand der Masten.. Seit Zakob Andorf in seiner Arbeitermarseillaise das Problem der Bekämpfung der politischen und gewerkschaftlichen Indifferenz in dieser trefflichen weise formulierte, sind etliche Jahrzehnte verflossen. In- J wischen ist der Unverstand der Massen zu einem groszen Teil er Erkenntnis gewichen, aber auch heute noch müssen wir unablässig ein gutes Teil unserer Kraft an den Kampf gegen den ständig nachwachsenden Unverstand verwenden. Der längst von der Jiotwendigkeil der Organisation über- zeugte Arbeiter und Angestellte srägl sich immer wieder: w i e ist es möglich, dah es heute immer noch Ar- beiter und Angestellte gibt, ob männlich oder weibliche die nicht gewerkschaftlich organisiert sind? Ist es im Grunde genommen auch heute noch der Unverstand, der die Unorganisierten von ihrer gewerkschaftlichen Organisation fernhält, so ist es doch nillzt mehr die Unkenntnis über die Existenz, den Zweck und die Ziele der Organisation. und auch nicht wie früher die Angst vor dem Unternehmer, was die Indifferenten zu ihrem Verhalten bestimmt. Es ist hänsig auch nur Leichtsinn. Eharakterlosigkeit und dumm- pfiffiae Berechnung die Ursache, haben doch selbst die Gelben die Zorm der gewerkschaftlichen Organisation über- nommen. Allerdings nur. um sie zu mihbranchen, sie mit gewerkschaftsfeindlichem Inhalt zu erfüllen. Auch krankhafte geistige versastung ist mitunter die Ursache der Gleichgültigkeit. was immer die Ursache auch sein mag. Tatsache ist. dah die Unorganisierten, die sich jede Errungenschaft der sür sie zuständigen Gewerkschaft gern gefallen lassen, die Gewerk- schasten an der Entfaltung ihrer vollen Kraft und Macht hindern, sie als Lohndrücker. Ueberstundenfchieber. gegebenen- falls gar als Streikbrecher schädigen, ohne sich zu überlegen. dafz sie sich selber dadurch mit schädigen. Bach wie vor muh der allgemeinen Agitation durch die K l ei n a r b e i t zu praktischem Erfolg verhölfen werden. An dieser Kleinarbeit aber mnst sich jeder einzelne Gewerkschafter beteiligen. Wohl jeder und jede kommt mit einem unorganisierten Arbeilokolleaen In Berührung und must ihn zr, sasten wisten. Der erste Misierfolg darf nicht ab- schrecken. Bur wenn jede Mühe vergeblich erscheint, wenn weder vernünftige Vorstellungen helfen noch ernsthafte moralische Vorha'lungen, das Objekt sich als Subjekt untauglich erweist, wende man sick) ab und— einem anderen Un- oraanisierlen zu. wir müssen die Unorganisierten, soweit sie nicht nbsotut nntaualich dazu sind, unseren Reihen eingliedern. Geduld muh bei dem Werke sein, aber auch der unbeugsame Wille, der feste Enlschlusz. das Heer der lln- organisierlenaufzn reiben. Kein anständiger oder auch nur halbwegs anständiger Arbeiter oder Angestellter, der seine fünf Sinne beisammen hat, darf unorganisiert bleiben. wir schaffen es. wenn wir nur wollen, und müssen es dahin bringen, wenn wir uns nicht zurückwerfen lasten, uns in unserem Vormarsch nicht aushallen lassen wollen! Kündigung des Lohnabkommens in der Stickereibranche. Am Mittwoch abend hielten die in der Htickerejhrpnche he> schöftiatcn Arbeiter und Arbeiterinnen in der Langesiraße bei No- wottnik eine Versammlung ab, in der zu der gewerkschaftlichen Werbearbeit und zum Tarif Stellung genommen wurde. Genosse B a l k e. der?u dem Thema„Brauchen wir Gewerkschaftem?' sprach, zeichnete-in Bild der newerkschaftlichen Kämpfe in Vergangenheit und Gegenwart, legte �weck und Ziel der Gewerkschaften dar und schlos, mit der Aufforderung zur eifrigen Mitarbeit in der gewerk- Ichaftlichcn Werbewoche. Zum zweiten Punkt der Tagesordnung sprach Genosse N i e m e tz, der das bestehende Lohnabkommen als überholt bezeichnete. Es gelten seht noch die Löhne, die in dem Lohnabkommen vom 11 August 1925 vereinbart wurden, und die schon seiner, eit völlig unzureichend waren. Man kann einem ver- heirateten S t e che r und Pauser nicht noch länger zumuten, für 48 Pfennig Stunden lohn zu arbeiten. Ebenso be- dürfen auch die Löhne der Arbeiterinnen und Jugendlichen einer Aufbesserung. Zudem werden die Löhne, wie sie im Lohnabkommen festgelegt sind, vielfach nicht einmal gezcchlt: die Sti-ker küm- m e r n sich zu wenig um die tariflichen Abmachun- gen, und die Unternehmer zahlen am liebsten immer unter Tarif. Wenn wir auch berücksichtigen, daß die g�oße Arbeitslosig- k e i t in der Branche den Unternehmern den Druck auf die Löhne erleichtert, so dürfte trotzdem vieles anders aussehen, wenn die Arbeiter gewerkschaftlich fester zusammSnständen. Für die Branche kommt ferner in Betracht, datz man es ausnahmslos mit kleinen Betrieben zu tun hat, woraus sich die schwere Arbeit für die gewerk- schastliche Bewegung ergibt. Genosse N i e m e tz ging ferner noch auf den Manteltarif ein, der zum 3t). September kündbar ist. Die Unternehmer hatten schon bei der Kündigung im April den Fortfall der Urlaubstage gefordert: das Ansinnen konnte zurück- gewiesen werden, da selbst dem Schlichter, Gewerberat Körner, diese Forderung zu weit ging. In der Diskussion kam zum Ausdruck, daß man nicht länger gewillt ist, diele Zustände stillschweigend zu ertragen. Die Auf- kisserung der Löhne müsse unter ollen Umständen vorgenommen w�rds>n. Di« Organisation wurde beauftragt, das Lohn- »«lammen zu kündigen. Provokation von Ruhrbergleuten. „Die Wohlfahrseinrichtung" der Zechenwohnungen. Köln, IS. September.(Eigener Drahtbericht.) Di« Bergbau. Aktiengesellschaft Recklinghausen hat die Mietverträge ihrer sämtlichen Betriebsangehörigen, die in Zechenwohnun» gen wohnen, gekündigt, um einen neuen Mietver- trag mit einer Erhöhung um 30 Proz. abzuschließen. Es handelt sich um über 10 000 Bergarbeiter. Diese» Borgehen der Verwaltung hat unter der Belegschaft größte Erregung verursacht, zumal allgemein bekannt ist, daß die Zechenkolonie- seinerzeit als Wohlfahrtseinrichtung mit Unterstützung aus preußischen Staatsmitteln geschaffen worden ist. Die„Recklinghausen� will die Bergarbeiter, die ihrer.Wohl- fahrtscinrichtung" ausgeliefert sind, offenbar für den verbindlich erklärten Schiedsspruch belangen und durch die Mieterhöhung die Lohnerhöhung.ausgleichen"'. Es genügt, diese Aktion aufzuzeigen, um die Bergarbeiter wissen zu lassen, woran sie mit ihren Unter- nehmern auch in deren Rolle als Hausbesitzer sind. V!e vierteljahrhunöertfeier. Glänzende Propagandawoche. (JGB.) Wie aus Mitteilungen von fast allen dem IGB. angeschlossenen Ländern hervorgeht, ist der Aufforderung, bei Ge- legenheit der Vierteljahrhundertfeier unter der Losung:„Hinein in die Gewerkschaften— zum Kampf für den internationalen Achtstundentag'' eine großzügige Propaganda zu führen, in weitgehender und in einzelnen Ländern in geradezu glänzender Weise entsprochen worden. Durch Zeitungsartikel, Versammlungen und öffentliche Demonstrationen, Werbearbeit in Fabrik und Werkstelle, Hausbesuche, Verteilung von Flug- schriften usw. wird versucht, auch an den letzten noch unorganisierten Arbeiter und an die letzte noch außerhalb stehende Arbeiterin heranzukommen und sie für die freien Gewerkschaften zu gewinnen. Für die Bierteljahrhundertseier selbst sind fast überall weitgehende Vorbereitungen getrossen worden. Es ist nicht allein zu hoffen, sondern es darf bestimmt erwartet werden, daß durch diese Veranstattungen den Gewerkschaften in allen Ländern zahlreiche neue Mitglieder zugeführt werden, so daß der Aufstieg der Gewerkschaftsbewegung, der bereits eingesetzt hat, dadurch beschleunigt wird. Internationaler Teansportarbeiter-Koagreß. Dawes-Ubkommen und Bergarbeiterstreit. Gestern begann in Paris der Kongreß der Internationalen Transportarbeiterföderation. Der Kongreß wird sich nach der Dis- kussion des Berichts der ITF. besonders mit dem englischen Bergarbeiterkampf und den Maßnahmen beschäftigen, die von der ITF. zur Unterstützung des englischen Generalstreiks ge- troffen wurden. Unter den Anträgen, die dem Kongreß vorliegen, ist besonders ein Antrag des Einheitsoerbandes der Eisenbahner Deutschlands zu erwähnen. Der Antrag weist auf die starken Gefährdungen hm, denen die deutsche Eisenbahnerschast durch die im Rahmen der D a w e s- Regelung erfolgte Umstellung der deutschen Staatsbahnen in die „Deutsche Reichsbahngesellschaft" ausgesetzt sind. Letztere versucht aus den Bestimmungen der Reichsbahngesetze vom 30. August 1924 eine schrankenlose Autonomie für sich herzuleiten und die Arbeitsbedingungen wie die sonstigen Rechtsverhältnisse des Perso- nals dauernd zu beeinträchtigen. So wurden die Beamten der Reichebahn, die bisher Reichsbeamte waren und deren Rechts- und Dienstverhältnisse unmittelbar durch Gesetz geregelt werden, in Privatbeamte umgewandelt, deren Besoldung»-, Pensions- und sonstigen Rechtsverhältnisse durch eine P e'r s o n a l o r d n u n g der Reichsbahn geregelt werden. Auch hinsichtlich der Behandlung der Arbeiter und Angestellten trachtet die Reichsbahngesellschaft aus Grund der Reichsbahngesetze eine Sonderstellung für sich geltend zu machen, indem sie die deutsche Sozialgesetzgebung als auf die Reichsbahn nicht anwendbar erachtet.„Dieser Zustand", so schließt die vorgelegte Resolution,„gegen den sich der Einheitsver- band der Eisenbahner Deutschlands sofort mit Entschiedenheit zur Wehr gesetzt hat, muß auch die Arbeitesbedingungen und Rechtsver- Hältnisse des Eisenbahnpersonals ganz besonders in den anderen europäischen Ländern ungünstig beeinflussen. Der Kongreß erwartet deshalb, daß alle angeschlossenen Organisationen, deren Regierungen an der Schaffung des Londoner Abkommens beteiligt sind, auf dieselben mit allem Nachdruck dahingehend einwirken, daß diese einer solchen Aenderung der Reichsbahng«setze, die das Personal der Deutschen Reichsbahngesellschaft vor Nachteilen jeder Art gegenüber den übrigen deutschen Arbeitern, Angestellten und Beamten sichern sollen, ihre Zustimmung geben." Bon den übrigen Anträgen zielen einige auf die Schaffung eines Kampffonds zur Unterstützung großer Kämpfe hin. Auch die Frage des Achtstundentages sowohl für die Eisen- bahner wie sür die Seeleute wird vom Kongreß behandelt werden. was soll nun werüen! heute Kabinettssilzung. London. 16. September.(Eigener Drahtbericht.) Minister- Präsident Baldwin ist am Mittwoch abend von seinem Ferienaufent- halt in Frankreich nach London zuruückgekehrt. Die für Donners- tag vorgesehene Kabinettssitzung kennzeichnet den kritischen Moment im Bergbaukonflikt. Sie soll die Entscheidung bringen, ob die Re- gierung daran festhält, den Unternehmern gegenüber auf Nachgiebig- keit hinsichtlich der nationalen Lohnverhandlungen zu bestehen, oder ob die Regierung unter dem Druck der Arbeitnehmer und einem Teil der Unternehmer den von Churchill vertretenen Standpunkt ausgeben wird. Letzteres würde nach Auffassung des„Daily Herald" vom Donnerstag die Regierung so schwer diskreditieren, daß eine Kabinettskrise als Folge nicht ausgeschlossen wäre. Die Verluste durch den englischen Grubenkonflikk. London, 15. September.(TU.) Die Westminsterbank,«ine der führenden englischen Banken, schätzt in ihrem soeben heraus- gekommenen Iahresber-cht den durch den Kohlenstreik bisher ver- ursachten Nertooerlust auf rund 200 Millionen Pfund. Kongreß der schweüischen Gewerkschaften. Der Kongreß des schwedischen Gcwerkschaftsbundes vom 28. August bis 4. September kann sicher als eine der wichtigsten bis- herigen gewerkschaftlichen Tagungen in Schweden bezeichnet wer- den. Der Kongreß hatte sich in erster Linie mit der I n d u st r i e- oerbandsfrage zu befassen, ferner mit dem Problem der stärkeren Zentralisation des Gcwerkschafts- b u n d e s, d. h. der Vermehrung seiner Befugnisse bei Angriffs- attionen. Aus dem vom Vorsitzenden Thorberg erstatteten Tätigkeits- bericht über die seit dem letzten Kongreß verflossenen vier Jahre geht hervor, daß sich die schwedische Gewerkschaftsbewegung erfreu- lich entwicke!' hat. Die Mitgliederzahl stieg von 292 91? im Dezem- der 1922 auf 397 354 im Juni 1926(360 000 Männer und 37 000 Frauen). Trotz Krise und Arbeitslosigkeit sind die Gewerkschaften im beständigen Vormarsch begriffen. Die geführte Lohnpolitik war hauptsächlich auf die Erhaltung der Reallöhne gerichtet. Es ist denn auch dem Gcwerkschaftsbund geglückt, die Lohnherab- setzungen in der Krisenpcriode aufzuhalten, so daß im Jahre 1925 der Reallohn 22 Proz. über das Lohnniveau des Jahres 1913 zu stehen kam. Der Kongreß behandelte hierauf einen Antrag betreffend die Umbildung der Landeszentrale. Die Antragsteller waren der Meinung, daß diese Umstellung, die gleichzeitig eine Er- Weiterung des Einflusses und des Mitbestimmungsrechts des Vor- standes bedeuten würde, den Gewerkschaftsbund aus einer reinen Abwehrorganisation zu einer Abwehr- und Angriffsorganisation umgestalten und es auf diese Weise gelingen würde, die Löhne der am schlechtesten entlohnten Arbeiter zu heben und ein einheitlicheres Lohnniveau zu schaffen. Der Antrag wurde vom Vorstand bc- kämpft. Nach einer ausführlichen Debatte wurde beschlossen, die Frage einer„vorurteilslosen Prüfung" zu unterziehen. Der Kongreß behandelte sodann den wichtigsten Punkt d-r Tagesordnung: die Industrieverbandsfrags. Bekanntlich beschloß der letzte Gewerkschaftskongreß im Jahre 1922 die Um- bildung der Berufsverbände zu Industrieverbänden, die bis zum 1. Januar 1925 durchgeführt sein sollte. Dieser Beschluß konnte jedoch nicht verwirklicht werden. Der Vorstand hat seinerzeit eine Organisanonsvorlagc ausgearbeitet, die jedoch auch nicht die Bildung reiner Jndustrieverbände vorsieht, sondern eher als ein Kam- p r o m i ß zwischen de» verschiedenen Ausfassungen bezeichnet werden kann. Das Grundprinzip dieses Organisationsplans ist, daß alle Arbeiter, die unter den gleichen Tarisoertrag fallen, auch der gleichen Organisation angehören müssen. Eine Reihe von den dem Kongreß zu diesem Punkte vorliegenden Anträgen forderte Aenderungen in Einzelheiten des Planes, während in anderen Anträgen die Vornahme einer Urabstimmung, eine Verschie- bung der Durchführung des letzten Kongreßbeschlusses sowie eine neue Untersuchung resp. Ausarbeitung eines neuen Organisationsplanes gefordert wurde. Die Debatte, die mehrere Tage in Anspruch nahm, deckte tief- gehende Meinungsverschiedenheiten über die Notwendigkeit bzw. Zweckmäßigkeit der Durchführung der neuen Organisationssorm auf. Auf der einen Seite wurde die vorgeschlagene Zusammensetzung der neuen Verbände stark kritisiert, während auf der anderen Seite ver- schieden« Vertreter der reinen Berussoerbände kein Hehl daraus machten, daß sie lieber die Verbindung mit der Landes- zentrale abbrechen würden, als ihre bisherige Selbständigkeit aufgeben..„ Zu diesem Punkte hatte der Vorstand eine Entschließung vor- gelegt, die besagt, daß, obwohl der vom letzten Kongreß gefaßte Beschluß betr. Uebergang zu Jndustrirvcrbänden nicht innerhalb der vom Kongreß festgeseßten Frist durchgeführt werden konnte, die Frage doch ihrer Lösung bedeutend näher gesührt worden sei. Der Kongreß stimmte der vom Vorstand ausgearbeiteten Vorlage als einer Grundlage für die Organisierung der Jndustrieverbände zu und forderte die angeschlossenen Verbände auf, den Uebergang der Ortsgruppen und Mitglieder in die neuen Verbände zu be- schleunigen. Die Verbände, die einen Kar teil vertrag abgeschlossen haben, werden aufgefordert, ihre Tätigkeit so ein- zurichten, daß ein baldiger organisatorischer Zusammenschluß er- reicht werden kann. Diese Entschließung wurde mit überwältigender Mehrheit a n- genommen. Es wurde jedoch hierbei ausdrücklich festgestellt. daß Verbände, die sich diesem Beschluß nicht fügen wollen, nicht ausgeschlossen werden dürfen. Es wird dem nächsten Gewerkschafts- kongreß vorbehalten sein, zu dieser Seite der Frage Stellung zu nehmen. Ein weiterer Punkt, mit dem sich der Kongreß zu beschäftigen hatte, betrifft die„M onopoltendenzen innerhalb der Gewert- ichaftsbewegung". In der letzten Zeit haben einige Gewerkschaften, hauptsächlich des Baugewerbes, versucht, die Rekrutierung des Berufs zu verhindern sowie den Arbeitsmarkt durch Verweigerung der Auf- nähme neuer Mitglieder abzusperren. Es wurde hierzu eine vom Vorstand vorgeschlagene Entschließung angenommen, die diese Monopolbestrebungen verurteilt und entschieden die Politik der offenen Tür verteidigt. Die Tagung, der Oudegeest als Vertreter des JGB. beiwohnte, legte Zeugnis ab vom regen Leben, der Stärke und den guten Zukunftsaussichten der schwc- bischen Gewerkschaftsbewegung. Achtung, Vauarbelter und Töpfer! Die Firma„M a s ch!- n e l l e r H a u s a b p u tz" G. m. b. H., Kurfürstendamm 224, führt in der Oranien- Ecke Dresdener Straße Fafsaden- arbeiten aus. Die Firma weigert sich fortgesetzt, die tarifliche Arbeitszeit von 8 Stunden innezu- halten. Sie hat es verstanden, für die Stemm- und anderen Nebenarbeiten unorganisiert« Arbeiter einzustellen, welche bis zur Dunkelheit Ueberstunden machen. Aus diesen Gründen ist dies« Firma sür Bauarbeiter, Maurer und Töpfer g e- sperrt. Vaugewerksbund, Vaugewerkschaft Verlin. L«rant>vortli für Volitik: Dr. tturt©fort; Wirtschaft: Artxr Sater»-»: Sewerkschastsdeweauna: 3. Steiner: Feuilleton: Dr. John Schitowoti: Lotale» und Eonstiac«: Fris,«arstädt: An, einen: ZH.©lache; sämtlich in Berlin. Berta«: Borwärto-Berlaa©.m.b.H., Berlin. Druck: Borwärts-Buchdruckerel und Berlaasanstalt Paul Sinaer u. To., Berlin EW S8. Lindcnslrake 3. HAUS und HAUSRAT GILDENHALL G. M. B. H. OBEL HAUSRAT in schlicht Form u. gediegn. Ausführg. v/f-nty a. Berlin W, Könlgln-Augu8ta-Str.21 VERKAUFS- an dar Potsdamer Brlicke STELLEN: BeillnNO,Qr.FrankfurtStr.41-42 Charlottenburg, Bismarckatr. 85 Haben Sie Wanzen? So gebrauchen Sie MOtHeSin* Uniehlbare» Spejiol- mittel ,ur radikalen Bernichtunz der Wanzen u. deren Beat. Ädsolut sicher u. schnellste Wirlung Pr.i» Flasche. i,50 n. m. 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