flbenöausgabe Nr. 441 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B tlr. 21S Lezugzbedlngunge» und Anz«Ig«npre>s» Nno i» txr Morgenausgabe angegeben «edattioa: Sw. SS. Lindenslrah» 3 Fernsprecher: VSnhoff 292— 29Z XeL-Vbrefle: Sojialbemotvat Berlin Devlinev Volksblatt (�10 Pfennig) Sonnabend 1 8. September 1 �26 Verlag und Anzeigenabteilung: G-schSst-zett S'.i. bis 5 Uhr Verleger: Vorn»arl»-Verlag GmbH. Berlin SV». VS. Clndcnstrabe 3 Fernsprecher: VSohoss 292— 2flT Zentfalorgan der Bozialdcmokratircbcn Partei Deutfcblands wann wirö öas Rheinland frei? Das Geheimnis von Thoiry. V. Lcti. Genf. 18. September.(Eigener Drahtbericht.) Mit der gestrigen Unterredung der beiden Außenminister Frankreichs und Deutschlands in Thoiry haben die Genfer Tage ihren für Deutschland wichtig st en Punkt über- schritten. Das ergibt sich schon aus der Tatsache, daß Briand inzwischen zurückgereist ist, wie es vor ihm bereits Chamber- lain und Bandervelde getan hatten. Die nächsten Tage wer- den nur noch durch die Erledigung der reinen Völkerbunds- arbeiten in Anspruch genommen werden, während die eigent- liche deutsch-französische Aussprache vorläufig b e endet ist. Der optimistische Ton des gemeinsamen offiziellen Kommuniques über die Aussprache Stresemann- Briand wird naturgemäß in Deutschland st a r k e Hofs- nungen auslösen. Diese Hoffnungen sind berechtigt, und es soll hier nichts geschrieben werden, was als ein Dämpfer auf die zuversichtlichen Aeußerungen Briands und Stresemanns betrachtet werden könnte. Allerdings ist es- nötig, daß man einen kühlen Kopf und realpolitischen Blick behält und nicht etwa die Räumung des gesamten be- setzten Gebietes und die Rückgabe des Saargebietes noch im Laufe dieses Jahres erwartet. Richtig ist, daß die französischen Delegierten sich voll- ständig dessen bewußt sind, daß die mi l i t ä r i s ch e B e- s e tz u n g deutschen Bodens durch fremde Truppen seit dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund widersinnig ist und sogar gegen den Geist des Völkerbundes verstößt. Sie haben sich darüber mit einzelnen deutschen Delegierten und deutschen Pressevertretern in privaten Gesprächen ganz freimütig ausgesprochen. Insbesondere geben sie offen zu, daß nach der Friedensrede Briands, die in Deutsch- land starte und berechtigte Hoffnungen erwecken mußte, es ein Widerspruch in sich wäre, wenn keine entsprechenden Taten folgten. Die maßgebenden französischen Delegations- Mitglieder sehen auch durchaus ein, daß ein solcher Wider- spruch gefährliche Folgen haben könnte, weil die Ent- täuschung, die in Deutschland über das Ausbleiben von Taten in den breitesten Schichten der Bevölkerung entstehen würde, für die Idee des Völkerbundes verhängnisvoll wäre. Das Problem ist nun: Wie erfüllt man jene berechtigten Erwartungen im Einklang mit dem praktisch Durchführbaren? Wie liefert man dem deutschen Volke unmittelbar im Anschluß an Genf den sofortigen Beweis des guten Willens Frankreichs, ohne aus dem Rahmen des Möglichen heraus- zufallen? Dies Problem ist nicht leicht zu lösen, denn was Frank- reich uns sofort bieten kann, ist nicht übermäßig viel: und das, was es uns für eine absehbare Zeit in Aussicht stellen kann, bedarf noch gründlicher Verhandlungen poli- tischer und militärtechnischer Art. Als sofortiges Zugeständnis kommt eigentlich nur die defintive Abberufung der Militärkontrollkommission in Frage. Ueber diesen Punkt ist schon in den Tagen vor der großen Unter- redung zwischen Briand und Stresemann, zwischen einzelnen deutschen Delegationsmitgliedern und Briand verhandelt worden. Diese Besprechungen galten der Bereinigung der letzten noch bestehenden Differenzpunkte bezüglich der Schutz- pölizei und sonstiger Kleinigkeiten. Man darf wohl hoffen, daß innerhalb weniger Tage eine Einigung erzielt sein wird, die die endgültige Abberufung der Militärkontroll- kommission in den nächsten Wochen ermöglicht. Der deutsche Außenminister hätte auch, um ein weiteres sofortiges Zugeständnis heimzubringen, mit Briand über eine weitere Herabsetzung der Besatzungstruppen um ein paar tausend Mann verhandeln können, und zweifellos würde er dabei etwas herausgeholt haben. Mit Recht aber hat er darauf verzichtet, solche Detailfragen anzuschneiden, die den Blick von dem Gesamtproblem der Besatzung ab- gelenkt haben würden. Sein Bestreben war daher auf die Frage gerichtet: Wie erreicht man am schnellsten nicht die Herabsetzung der Truppenstärke, sondern die Zurück- ziehung der gesamten Besatzungstruppen? Man darf sich nicht verhehlen, daß weite Kreise der französischen öffentlichen Meinung noch nicht darauf vorbe- reitet sind, daß Frankreich auf sein vertragliches Recht ver- zichtet, die Bcsatzungsfristen voll auszunützen. In dieser Hin- ficht ist sogar in den letzten Monaten insofern ein kleiner Rückschlag eingetreten, als Briand nicht mehr vollständig Herr seiner Entschlüsse ist. Im März war er noch Minister- Präsident, jetzt ist er lediglich Außenminister eines Kabinetts, dessen Leiter Poincar6 ist und in dem Männer wie Louis Marin sitzen, die fast noch schlimmer sind als Poincar6. Dieser, so wird versichert, hat in den letzten Iahren etwas umgelernt, oder wenigstens ist er bemüht, umzulernen. Im Gegensatz zur Konferenz von Genua, während der er von Paris aus den ersten französischen Delegierten Barthou mit befehlshaberischen Telegrammen geradezu bombardierte, hat Poincarch wie versichert wird, dieses Mal in die Genfer Ber- Handlungen Briands nicht störend eingegriffen. Immerhin muß Briand mit der Tatsache der gegenwärtigen Regierungs- konstellation rechnen, ebenso wie mit der noch immer stark nationalistischen Einstellung großer Blätter wie„Temps" und „Journal". Unter diesen Umständen dürfte Briand das klare Ver- sprechen einer Räumung der besetzten Gebiete bis zu einem bestimmten Termin nicht abgegeben haben. Er wird ledig- lich in seiner Unterredung mit Stresemann seine g r u n d s ä tz- liche Bereitwilligkeit zu erkennen gegeben haben, das Problem einer früheren Räumung vorurteilslos zu prüfen und durch Verhandlungen mit Deutschland und den sonstiqen Rheinpaktmächten von Locarno zu einem die deutschen Wünsche befriedigenden Abschluß zu gelangen. Kabinettsrat in Paris. Am Dienstag berichtet Briand über seine Unterredung. Paris, 18. September.(Eigener Drahtbericht.) Da das Ge- heimnis über die Zusammenkunft zwischen Briand und Stresemann streng gewahrt worden ist, weiß die Pariser Morgenpresse nichts über die Besprechung mitzuteilen, was über das ossizielle Kom- muniqu6 hinausgeht. Sie ist deshalb lediglich aus Kombi- Nationen angewiesen, die in diesem Falle nicht sehr schwer sind. Es steht nach sämtlichen Blättern außer Zweifel, daß die Frage der Rheinland-Besetzung im Vordergrund der Unterhaltung gestanden hat, ebenso das Saarproblcm. Man nimmt aber darüber hinaus an, daß die Besprechung einer beginnenden großen L i q u i- dation sämtlicher Deutschland und Frankreich noch trennenden Fragen gleichkommt und einer neuen Etappe auf dem Wege deutsch- französischer Annäherung. Von den nationalistischen Nechtsblättcrn abgesehen, die nach wie vor die„deutsche Gefahr" an die Wand malen, begrüßen alle Blätter diese Aussicht auf eine umfassende deutsch-französische Zusammenarbeit lebhaft und oersprechen sich für beide Völker und für den Weltfrieden großen Erfolg von dieser ersten Aussprache zwischen Briand und Stresemann in dem kleinen Dorfwirtshaus in Thoiry, der e r st e n offiziellen Aussprache zwischen einem deutschen und einem französischen Staatsmann auf f r a n- z ö s i s ch e m Boden seit 1871. An Dienstag wird hier ein Ministerrat zusammen- treten, der ausschließlich ein Exposä Briands über die VerHand- lungen von Genf und die Besprechung mit Stresemann behandeln wird. Genfer KommWonsarbeiten. Kommissionsberatungen über die Abrüstungskonferenz. Der 3. Ausschuß nahm einen zusammenfassenden Bericht des Holländers L o u d o n, des Vorsitzenden des Vorbereitungs- ausschusses, über den gegenwärtigen Stand der Kommissionsarbeiten entgegen. Loudon enthält sich bei aller Anerkennung für feine Mitarbeiter einer Bewertung der bisherigen Ergebnisse voll- kommen und bezeichnet andererseits die technischen Schwierigkeiten als eine Spiegelung der politischen Segensähe. Er erachtet die Ar- beiten der Unterausschüsse als in einem Stadium befindlich, das die Abhaltung einer zweiten Tagung des Abrüstung? ausschusses im Dezember oder Februar gestattet, ohne daß dabei der Termin für die Abrüslungskonserenz selbst auch nur in Aussicht genommen wird. Der dänische und der norwegische Vertreter beanstandeten den bekannten Fragebogen und wünschten ein ent- schlosseneres Vorgehen in der Vorbereitung der Abrüstungs- konferenz.' Die Vorbereitung der Wirtschastskouferenz. Genf, 18. September.(Eigener Drahtbericht.) In Anbetracht der großen politischen Besprechung fanden die Kommissionsberatun- gen am Freitag nur geringes Interesse, obwohl eine ganze Reihe wichtiger Fragen behandelt wurde. Die zweite Kommission setzte die Diskussion über die einzubenifende internationale Wirt- schaftskonferenz und den ersten Programmentwurs der vor- bereitenden Sachverständigenkommission fort. Der französische Ge- nosse und Gewerkschaftsführer I o u h a u x vertrat bei dieser Ge- legenheit die Meinung, daß eine internationale Wirtschaftskonferenz gegen die öffentliche Meinung nichts ausrichten könne und man infolgedessen versuchen müsse, die O e f f e n t l i ch k e i t für die Be- raiungen zu gewinnen. Gewerkschaften unö Wirtschast. Ueber Wirtschaftsdemokratie zur Gemeinwirtschast. Von W. Eggert. Als die Veteranen der Arbeiterbewegung das Saatgut der politischen und gewerkschaftlichen Selbsthilfe unter die Arbeiter aller Länder trugen und sie zur i n t e r n a t i o- nalen Solidarität und Vereinigung aufriefen,' da er- klärte die bürgerliche Welt in voller Empörung diese Vor- kämpfer des Gedankens der Arbeiterbewegung als„Verräter an der Nation". Die Gewerkschaften als nur nationale Gebilde hätte sie zur Not hingenommen. Mußten doch die unvermeidlichen Auseinandersetzungen zwischen Arbeit und Kapital ausgetragen werden. Aber daß die Arbeiter und die Gewerkschaften sich zur Internationale vereinigten und damit zum Ausdruck brachten, daß sie im Kampfe gegen den Privatkapitalismus um den Anteil am Produktions- ertrag eine einheitliche Front bilden, das erschien den herrschenden Gewalten über alle Maßen gefährlich. Die junge internationale Gewerkschaftsbewegung mußte vor 25 Iahren noch ihre ganze Kraft der Organisierung der Massen, dem Kampfe um günstigere Lohn- und Arbeitsbedingungen, dem Tarifvertrag, der fortschreitenden Sozialpolitik widmen. Aber mit ihrem Erstarken sind ihr neue und größere Aufgaben erwachsen. Denn indem die Gewerkschaften als Anwälte des Pro- duktionsfaktors Arbeit wirkten, wurden sie zugleich vor die großen Probleme der Volks- und Weltwirt- s ch a f t gestellt. Als der letzte Geschützdonner des Weltkrieges verhallt war, da Haß und Verblendung noch die Oberhand hatten und der Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete erfolgen sollte, da griff der internationale Gewerkschaftsbund mit Umsicht in die schwebenden Probleme ein. Er sagte dem Völkerbund: „Die Rechtmäßigkeit der Wiedergutmachung wird allseitig an» erkannt. Nicht als Strafe, nicht als Vergeltungs� Maßregel. Die Zerstörung des Krieges muh Platz machen einer dauernden Organisation des Friedens." Der Vorsitzende des IGB., der französische Gewerkschafts- sichrer I o u h a u x, erklärte in einer Rede auf dem Kongreß der Confödöration Generale du Travail: „Das Reparationsproblem ist ein internationales P r o b le m, und seine Lösung muß daher auch auf i n t e r- nationalem Wege gesunden werden. Bleibt diese Lösung gewissermaßen den beteiligten Ländern selbst überlassen, so würde daraus nur neue Gefahr für kriegerische Verwicklungen entstehen." Später, als die Länder Europas durch eine unheilvolle Schutzzollpolitik ihre Wirtschaft vor den Erzeugnissen jedes ein- zelnen Landes zu schützen begannen, erließ der IGB. eine Kundgebung, in der es hieß, daß in fast allen europäischen Ländern eine protektionistische Handelspolitik getrieben werde, die alle europäischen Länder gegeneinander abschließt, statt sie zu einen. Er erhob gegen diesen Zustand seine warnende Stimme und rief die gewerkschaftlichen Landeszentralen seines Bundes auf, in allen Ländern die Schutzzoll- Politik zu bekämpfe n, deren Folgen Verteuerung der Lebenshaltung und Arbeitslosigkeit sein würden. Es müßte ein allgemeiner Abbau der Zölle eingeleitet wer- den, mit dem Ziel, einen einheitlichen Wirtschafts- verband zu schaffen, der die Aufgabe habe, der inter- nationalen Rohstoffverteiluna und dem freien Zugang zu allen Märkten der Welt die Wege zu ebnen. Inzwischen ist die Vereinigungsbestrebung der privat-- kapitalistischen Wirtschaft in allen Ländern selbst w e i t ü b e r ihre nationalen Grenzen hinaus gewachsen. Die Unternehmer, die einst mit allen Machtmitteln, die ihnen Staat und Gesellschaft verliehen, den internationalen Be- strebungen der Gewerkschaften entgegengetreten sind, stehen heute selbst an der Schwelle internationaler Verflechtungen. Das geplante Großeisenkartell und die Vorbereitungen zur Weltwirtschaftskonferenz in Genf sind hierfür Zeuge. Zur Beobachtung dieser neueren Entwicklungsphase nach internationaler Vertrustung der Wirtschaft hat der IGB. schon vor Iahren einen Ausschuß in Amsterdam eingesetzt, um die Interessen der Gewerkschaften gegebenenfalls zu wahren. Und im vorbereitenden Ausschuß zur Weltwirtschastskonferenz sitzt der Sekretär des IGB. und eine Anzahl Vertreter der Landeszentralen. Auch in Deutschland sind die Verbände des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in alle amtlichen Wirt- schaftsorgane eingedrungen. Sie haben sich dort eine Position geschaffen, die von den Behörden und gegne- rischen Wirtschaftskreisen nicht unbeachtet gelassen werden kann. So im Vorläufigen Reichswirtschaftsrat, ferner in den Landes- und Reichseifenbahnräten, in den Vezirks- und Reichswasierftraßenbeiräten, im Verwaltungsrat der Reichs- Aus zum Mffenausmarsch der Gewerffchasten nach Treptow am Sonntag, den-19. September �926 post, im Beirat für die Reichselektrizitätswirtschaft, im Reichs- kohlenrat und im Beirat für die Kaliwirtschaft. Hier wirken 370 Gewerkschaftsvertreter im Sinne des Gemeinwohls und in der Verfechtung des Gewerkschaftsgedankens. Als Ende 1924 und Anfang 1925 die deutsch-französischen und deutsch-belgischcn Handelsvertragsverhandlungen so schwierig standen, daß mit der Möglichkeit ihres Scheiterns gerechnet werden konnte, eilten deutsche, französische und bel- gische Gewerkschaftsvertreter nach Köln, um die handelspoli- tischen Probleme der beteiligten drei Länder eingehend zu besprechen. Hier wurde der einmütige Beschluß gefaßt, daß die Gewerkschaften der beteiligten Länder in ihrem Heimat- land alle Maßnahmen der Regierungen, Parlamente und wirtschaftlichen Unternehmungen scharf bekämpfen werden, die auf Handels- oder wirtschaftspolitische Feindschaft hinaus- laufen. Tatsächlich haben die Gewerkschaften der drei Länder in diesem Sinne gewirkt. Der Handelsvertrag mit Belgien kam zustande und mit Frankreich wurde ein Provisorium geschlossen. So wichtig auch diese ersten Positionen auf Wirtschaft- lichem Gebiete für die Gewerkschaften find— die große und umfassende Aufgabe der Demokratisierung der Wirtschaft harrt noch ihrer Lösung. Es ist ein Verdienst von L e i p a r t, daß die Frage der W i r t s ch a f ts d e m o- k r a t i e in Deutschland auf dem letzten Gewerkschaftskongreß in Breslau zu gründlicher Erörterung gestellt wurde. Sie soll die Arbeiterschaft begeistern und anspornen, zu lernen, was ihnen bislang vorenthalten worden ist: in allen An- gelcgenheiten der Wirtschaft mit zu beraten und m i t z u bestimmen. Der Kongreß richtete an das Reich, an die Länder und Gemeinden jene grundsätzlichen Forderungen, die bekannt sind und den Weg der Wirtschaftsdemokratie ebnen sollen. Darüber hinaus rief er die gesamte Arbeiter- schaft Deutschlands auf, mit höchster Kraftanspannung für Wirtschaftsdemokratie zu wirken, die zur Gemeinwirtschaft geführt werden müsse, Die politische und wirtschaftliche Frei- heit sei die Voraussetzung für die Entfaltung ihrer kulturellen � Kräfte. So hat der Internationale Gewerkschaftsbund von Amsterdam, haben alle feine Landeszentralen, hat der All- gemeine Deutsche Gewerkschaftsbund der Arbeiterschaft aller Länder neue und große Ziele gesetzt. Die Mitbestimmung der Inhaber der Arbeitskraft in allen Dingen der Wirtschaft, ' das ist jenes neue und nächste gewerkschaftliche Ziel. Nochmals üer„vorwärts' und Rußland. Eine russische Erklärung. Das offiziöse russische Telegraphenbureau meldet aus Moskau: Heute fand hier eine Abschiedssitzung mit der deutschen Arbeiter- delegation statt. Mitglieder des Präsidiums des Zentralrates der Gewerkschaften der Sowjetunion beantworteten die letzten Fragen !>er Delegierten über das Gewerkschastsleben in Sowjetrußland. Zum Schluß wurde die Frage gestellt, weshalb die Einreise de» Sorre- üpondenten des„vorwärts", Kurt heinig. in die Sowjetunion nicht genehmigt wurde. Genosse Metnitschansti wies in seiner Ant- wort darauf hin, daß der„vorwärts" täglich Verleumdungen über die Arbeiter und Bauern in Sowjetruhland in seinen Spalten bringt, was die Empörung der werktätigen Masten der Sowjetunion her- vorruft. Unter diesen Umständen hielt die Sowjetregierung es nicht für möglich, den Vertreter eines verleumderischen Blattes in das Land der Arbeiter und Bauern hineinzulassen.— Die Delegation reiste nach Leningrad ab, wo sie ihre Heimreise antritt. Wir nehmen an, daß diese Erklärung selbst den Mit- gliedern der sogenannten Ärbeiterdelegation etwas zu starker Tobak gewesen ist. Der„Vorwärts" hat die„Arbeiter und Bauern" Rußlands niemals gekränkt, er hat sich nur erlaubt. gegenüber der servilen Beweihräucherung des russischen Re- gierungssystems, wie sie die von der russischen Regierung ab- hängige Presse betreibt, eine selbständige Haltung einzu- nehmen. Deswegen zu behaupten, er hätte„die Arbeiter und Bauern verleumdet", ist eine durch nichts zu überbietende Albernheit. Zu der Frage, warum der Führer der Gelben, G e i s l e r, und der Berichterstatter der„Pommerschen Tagespost" und der„Deutschen Tageszeitung", Herr v. Rohr- Haus Demmin, in Rußland gegenüber dem Genossen Heinig eine Vorzugsbehandlung genießen, hat sich der russische Regicrungsoertreter vorsichtshalber nicht geäußert. Wir haben sie schon wiederholt gestellt, warten aber immer noch auf Antwort. Die gefangenen Menschewiki. In der„Roten Fahne" bringt es der Redakteur S t e i n i ck e fertig, den Lesern zu erzählen, ein wie herrliches Leben im Gefängnis die georgischen Menschewiki(Sozialdemokraten) führen, die seinerzeit verurteilt worden sind, weil sie den Aufstand gegen Rußland im Jahre 1924 organisiert haben sollen. Danach muß jeder Leser Lust verspüren, auch einmal nach Rußland zu reisen und sich dort einsperren zu lassen, weil er dann nichts anderes mehr zu tun hat, als elegant gekleidet spazieren zu gehen und an weiß- gedeckten Tischen ausgezeichnet zu eflen. Und doch meldet sich selbst in diesem schamlosen Schwindelbericht die Stimme der Wahrheit. Es ist die Stimme eines bolschewistischen Kommissars, die dem verzückten Offiziosus erklärt: ... Aber die gefangenen Menschewiki wollen als Partei organisatorische Freiheiten! 7!un, die können und werden wir ihnen jetzt und für alle Zukunft niemals geben. Wir werden den Herren nicht gestatten, von neuem einen Ausstand zu organisieren, von neuem mit den Imperialisten zu konspirieren, den Aufbau unseres Landes zu stören. Diese Gelegenheit werden wir ihnen niemals geben. Wir können einzelne Führer am- nestieren, aber nie und nimmer, nach dem, was vor- a u f g e g a n g en i st, die menjchewistische Partei. Für sie gibt es. solange die Macht der Arbeiter und Bauern steht, keine Amnestie. Also die mcnschewistische, die sozialdemokratische Partei darf in Georgien und in ganz Rußland keine organisatorische Freiheit haben. Sie darf keine Vereine bilden, keine Zei- tungen herausgeben, in keiner Weise auf die Oeffentlichkeit einzu- wirken versuchen. Die gefangenen Menschewiki verlangen für ihre Partei„organisatorische Freiheiten", d. h. Rechte, die die Kommu- nistische Partei in Westeuropa ganz selbstverständlich für sich in An- spruch nimmt— deshalb hält man sie weiter gefangen! Man muß schon ein Redakteur der„Roten Fahne" sein, um ein solches System lobenswert zu finden. Die gespaltene Kpd.-Linke. Eine Erklärung der Weddinger Opposition. Die„Weddinger Opposition" der Bezirke Westsachsen, Niedersachsen und des 6. Bezirks Berlin veröffentlicht in der „Roten Fahne" eine Erklärung, in der sie sich mit den Auf- fafsungen der russischen Opposition solidarisiert und sich zugleich gegen die teils schon hinausgeworfenen, teils mit dem Hinauswurf bedrohten Führer mit folgenden Worten wendet: Wir haben uns an der Herausgabe der„Erklärung zur rufst- schen Frage" nicht beteiligt, weil wir jede Gemeinschaft mit jenen schwankenden Führern, wie Ruth Fischer, Maslow. Schalem usw. ablehnen. Diese Genossen, die, als sie die Führung der KPD. innehatten, die reformistische Volksblocktheorie schufen. einen falschen innerpolitischen Kurs durchführten, den EKKJ.-Brief, der den jetzt herrschenden rechten Strömungen in der KPD. die Plattform zur Eroberung der Partei gab. unterschrieben(Ruth Fischer), die sich unter fragwürdigen Bedingungen bereit erklärten, ihren Standpunkt zu verleugnen und gegen die Opposition zu kämpfen(Scholem)—, diese Genossen werden nie die ehrlichen Führer der deutschen Linken sein können. Durch die schwankende Haltung dieser Genosten war es den Rechten erst möglich, die Führung der Partei zu erobern. Die falsche reformistische Politik des jetzigen ZK. der deutschen Partei kann nur deshalb noch triumphieren, weil Ruth Fischer und Maslow die Linke spalteten und sie zerschlugen. Dadurch, daß der Genoste Weber und einige andere Genosten der Weddinger Opposition sich diesen schwankenden Elementen zu- gesellten, haben sie das Recht verwirkt, noch irgendwelche Erklärungen im Namen der Weddinger Opposition abzugeben, noch in ihrem Namen aufzutreten. Die Weddinger Opposition ist also gegen die Hinaus- geworfenen, weil sie ihr nicht entschieden genug sind. So kommt es, daß die früheren diktatorischen Führer der KPD. jetzt von allen Seiten fallen gelassen werden. Die Weddinger Opposition will sich aber auch nicht hin- auswerfen lassen, sondern sie will versuchen, die Partei von innen heraus zu erobern. Darum sagt sie weiter: Die Weddinger Opposition wird so wie bisher im Rahmen der Partei mit aller Schärfe ihre Auffastungen, d. h. die Auf- fassungen der alten Linken, vertreten. Ihr Ziel ist die Durchsetzung einer klaren revolutionären Linie in der KPD. und der Komintern. Sie wendet sich gegen alle organisatorischen Maßregelung en, weil die falsche Politik des ZK. der KPD. mit mechanischen Maßnahmen nicht durchgesetzt werden kann und soll. Sie wird mit aller Kraft die Einheit der Partei wahren, ganz gleich, von welcher Seite dieselbe gefährdet wird. Die parteiofsiziöse Entgegnung der„Roten Fahne" er- klärt alle Angriffe auf die Parteiführung wegen ihres angeb- lichen Rechtskurses für unbegründet. Die Auseinander- fetzung zwischen den beiden Richtungen wird der kommende Parteitag bringen._ verkrachter(prdnungsbund. Der Landbund macht nicht mit, er will allein herrschen. Weimar, den 18. September.(Eigener Drahtbericht.) Wie vor einigen Tagen gemeldet wurde, sind die nationalistischen Verbände der. Stadt Gotha mit dem Verlangen an die bürgerlichen Parteien Thüringens herangetreten, den kommenden Landtagswahl- kämpf gemeinsam gegen die Sozialdemokratie zu führen. Während diese Bemühungen ober auf keinen Erfolg rech- nen durften, haben auf Veranlassung des Mitteldeutschen Hand- werksbundes und des Thüringischen Einzelhandelverbandes Ver- Handlungen mit Deutschnationalen, Voltspartei, Landbund und De- mokratcn wegen einer gemeinsamen Liste gegen die Sozialdemokra- tie stattgefunden. Der Ausgang der Verhandlungen ist nunmehr bekanntgeworden. Der Landbund hat es abgelehnt, sich diesmal an gemeinsamen bürgerlichen Listen zu beteiligen. Diese Vereinigung, die in Thüringen nicht nur die wirtschaftlichen In- teressen der Großagrarier oertritt, sondern auch im Gegensatz zu anderen Landesteilen Deutschlands eine rein politische Par- t e i ist. glaubt sich, allein auf das Land gestützt, zu größerem Ein- fluh im Parlament berechtigt. Die Demokraten haben aus staatspolitischen Gründen eine Absage erteilt. Dagegen haben sich Volksparteiler, Deutschnationale und die in der Wirtschastspartet zusammengefaßten Mittelstandsoereinigungen zu einer List� bereit- gesunden. Ob sie zustande kommt, ist allerdings noch eine Frage. Der deutsche Städtetag. Arbeitslosenversicherung— aber kein Flickwerk. Stettin. 18. Sepien, ber.(MTB.) Die Vertretertagung des Deutschen Städtetages setzte heute ihre Verhandlungen sort.� Der Vorsitzende Oberbürgermeister Dr. Böß-Berlin gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß gestern alle Mitglieder des Reichswirtschafts- rats sich für ein Arbeitslosenversicherungsgeseg ausgesprochen haben. Man müsse aber Wert daraus legen, so betonte Dr. Böß, die Arbeitslosenversicherung von vornherein a l s ein Ganzes auszubauen. Es dürften keineswegs nur Teilftagcn gelöst und andere Fragen wiederum der Selbstverwaltung überlasse» werden. Darauf sprachen Professor Dr. o. Zwiedineck- Süden- Horst, Stadtverordneter G ö rl i nge r> Köln und Rechtsrat Dr. Klei»dienst über das Erwerbslosenproblem. Volksentscheid über die Flagge Südafrikas. Der südafrikanische Premierminister erklärte, die Frage der Einführung einer eigenen Flagge werde einer Volksabstimmung unterbreitet werden. Romantiker- Ausstellung. Erst die jüngste Zeit mit ihrem Sinn für Präzision und Sach- lichkeit auch in der Kunst hat die Aufmerksamkeit wieder auf eine ' Epoche deutscher Malerei gelenkt, die in vielem unserem Empfinden durchaus entgegenkommt. Die literarische Romantik am Beginn des 19. Jahrhunderts hat in der Malerei ihr Gegenstück. Der Inhalt ist, soweit man dergleichen in Parallele setzen kann, etwa der gleiche: Wtcdererstehung religiöser und vaterländischer Sagen, schwermütig getönte Stimmung der Landschaft, dichterische Verstärkung des ganzen Lebensgefühls. In der Malerei vollzog sich damit aber auch eine völlige Umwandlung des Stils: es war ein Aufstand der Wahr- haftigkeit und männlicher Stärke gegen die verlogen gewordene Weichlichkeit des Rokoko. An Stelle malerischer Flausen setzte die Jugend mit revolutionärem Elan die Härte unbedingten Umrisses und räumlicher Modellierung, die Klarheit der ungebrochenen Lokal- färbe in durchsichtigen Lasuren. Die Blütezeit dieser Revolution war leider kurz, sie währte etwa van 1899 bis 1829. Die Jünglinge, die so kühn den alten verzopften Akademien Krieg angesagt hatten, wurden, als sie erfolgreich waren, selber zu Akademieoirektoren gemacht und boten als solch« das � traurige, aber in der Welt übliche Schauspiel des Empörers, der als leitender Beamter Renegat und Philister wird. Man denkt dabei besonders an Cornelius, Schadow, Veit, Kaulbach, Schnorr; der Rest beeilte sich, feine Jugendsünden zu verleugnen und in akademischer Gleichgültigkeit zu versumpfen. Dieses Renegatentum hat den ganzen Aufschwung diskreditiert. Man denkt nur an lederne Geschichtsschinken und salzlose Altarbilder, wenn man von den„Nazarenern" und ihresgleichen hört. Daß sie in der Zeit ihres Aufschwungs Unsterbliches geleistet haben, daß neben ihnen in der Stille köstliche Landschaften und Bildnisse von höchster Innigkeit entstanden: das wurde in hundertjährigem Darüberwegleben vergessen. Unser Gedächtnis aufzufrischen und die Kostbarkeiten jener zwei Jahrzehnte den Mitlcbenden einmal vor Augen zu führen, war der Zweck einer Romantikerausstellung, die der Leipziger Kunst- verein in diesen Monaten veranstaltete. Das Beste und Tiefste deutscher Art ist hier versammelte Die Abwesenheit des folgenden Niedergangs isoliert die Blütezeit romantischer Kunst zu einer einzig- artige» Demonstration, die so etwas wie„ewige" Gültigkeit besitzt. Bon Carstens über Cornelius und I. A. Koch zu den Nazarenern(Overbeck, Pforr, Ramboux, Veit) und den deutschrömischcn Landschaftsmalern von Rohden und den Brüdern Oliver bis zu dem Genie Karl Fohrs, zu Horny, Dillis, Schnorr von Earolsseld und Ludwig Richter ist hier eine Auslese romantischer Bild- und Zeichenkunst ausgebreitet, soweit sie zu erreichen war und soweit sie die Romfahrer unter den Deutschen ihrer Epoche betraf. Diese Einschränkung gibt zu denken. Der Raum langte nicht entfernt, eine Repräsentation der gesamten Epoche darzustellen. Namen, die zu unseren Besten gehören, mußten von vornherein aus- schalten. Eine solche Schau beansprucht ganz andere Räumlich- keilen, weit umfassendere Mittel. Sie muß aber kommen, und sie wird gemacht werden. Eine die ganze Epoche zwischen dem Ende des Rokoko und dem Beginn der materialistischen Zeit seit Menzel umfassende Romantiker- schau wird die breiteste Oeffentlichkeit und nicht nur Deutsch- lands— über die bisher verborgenen Werke deutscher Kunst vor hundert Jahren gründlich aufklären. Wo könnte sie anders statt- finden als in der N a t i o n a l g a l er i e, die seit der Jahrhundert- schau feit 1996 so manche grundlegend wichtige» Veranstaltungen sah? Und wer könnte berufener sein, sie durchzuführen, als I u st i, u dessen größten Verdiensten es gehört, die Lücken ausgefüllt zu aben, die selbst Tschudi gelassen hatte, was Repräsentation der deutschen Romantik in der Ztationalgalerie betrifft! Leipzig darf nur ein Auftakt sein, der erste höchst beachtenswerte Aufruf, unsere eigene Kunst kennen zu lernen. Erst wenn die Nationalgalerie sich zu der größeren Aufgabe bekennt, wäre der Sinn dieser schönen und anregenden Ausstellung wahrhast erfüllt. 1996 war man noch außerstande, das eigentliche Resultat jener Iahrhundertschau zu begreifen: unsere Zeit wird sie dahin ergänzen, daß wir erkennen: in der Kunst der deutschen Roman- tiker ersehen wir das große Gegengewicht zur französischen Malerei und die Berechtigung aus eigenen Füßen zu stehen» deutsch zu malen und nicht französisch. Dr. Paul F. Schmidt. Erster Autorenabend der Volksbühne. Hans Reimann könnte eine Erfindung seiner selbst sein: der rosige, rundliche Sachse mit dem hilflos verlegenen Mund und den Augen, die immer um Verzeihung zu bitte» scheinen, daß der ganze Mensch da ist. Man nimmt ihn nicht ernst— das ist seine Tragik. Denn eigentlich ist er mit einer großen Melancholie auf die Welt gekommen; aber wenn er sie auf sächsisch ausspricht, ja, wenn sie nur über sein freundliches Sachsengesicht huscht, so lächeln die Menschen. Und Hans Reimann lächelt verständnisvoll mit. Ueber die Primitivität des ganzen Da» seins, das uns nur darum so groß angelegt und bedeutend erscheint, weil wir alle ziemlich interessiert daran sind. Aber eigentlich ist es ein Quark, ohne feste Substanz, in dem wir gewöhnlich mit wich- tigen Mienen umherrühren. Aus dem wir eine Welt machen wollen. Hans Reimann löst keine großen Probleme. Auf die Frage, ob diese Welt wirklich wird, zuckt«r die Achseln. Aber er sieht alle die, die heutigen Tages auf ihre Fasson an dieser Aufgabe mit- arbeiten, und lächelt. Voll Spott; voll Ironie; voll Mitleid. Lächelt sächsisch über die Heutigen, deren er auch einer ist. Und die Menschen verstehen ihn meist; lachen manchmal, wo er nur lächelt oder auch schmunzelt; freuen sich aber, daß es jemand gibt, der sie lehrt, die großen kleinen Dinge des Lebens so untragisch zu nehmen. Die Volksbühne konnte ihre Autorenabende nicht besser als durch Hans Reimann beginnen lassen. Der Ersolg war sicher über Er- warten groß; denn der B e ch st e i n- S a a'l erwies sich für die Erschienenen als fast zu klein. Reimann las viel Bekanntes, einiges Neue. Das dankbar- undankbare Publikum wollte immer mehr hören. Tes. Für die Ilnlerslühungskassen der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger. Wohlfahrtsoeranstaltungen, die Künstler- verbände zugunsten ihrer Unterstützungskassen inszenierten, haben meist einen recht geringen materiellen Ersolg gehabt; teils, weil Künstler im allgemeinen schlechte Kaufleute sind, teils aber— man soll sich dos nicht verhehlen— weil das Wort„Wohlfahrt" nichts anderes als ein zeitgemäßes Aushängeschild für irgendeinen Ball oder Tanzbazar war. Die Lust an festlicher Buntheit verlockte hier eine Schicht, die sonst gern ihre Fernhcit von den gesellschaftlichen Verlogenheiten der bürgerlichen und aristokratischen Kreise betonte, die unmoralische Sitte des„Tanzes für die Armen" zu übernehmen, und hier wie dort gingen die Armen gewöhnlich leer aus. Es war sogar nicht selten, daß solche Veranstaltungen noch beträchtliche Zu- schllsse erforderten. Man muß sich das vor Augen halten, um einer neuartigen Hilfsaktion, die die Genossenschaft der Deutschen Bühnen- angehörigen für ihre Unterstlltzungskassen unternimmt, das rechte Verständnis entgegenzubringen. Es ist ein regelrechtes, kaufmänni- sches Geschäft, das die Genossenschaft mit einem großen Warenhaus abgeschlossen hat: Die Firma zahlt eine ansehnliche Summe in die Unterstützungskasse; dafür stellen sich an einem bestimmten Tage für einige Nachmittagsstunden zahlreiche wirklich Prominente der Bühne und des Films als Empfangsdamen und-Herren in den ver- schicdenen Abteilungen des Hauses zur Verfügung. Es ist anzu- lähmen, daß alle Teile dabei auf ihre Rechnung kommen: das Kauf- haus, in das sich die Schau- und Kauflustigen drängen werden, die meisten der„Verkäufer auf Stunden", die sicher an ihrer neuen Beschäftigung ein Mords-Gaudi haben werden, und eben die Unter. stützungs'kasscn. Die Höhe der Summe, die ihnen aus dieser Ver- anstaltung zufließt, wurde leider nicht genannt. Nach den Angaben des Präsidiums der Deutschen Bühnengenosscnschaft soll sie indessen sehr beträchtlich sein. Vorerst wird diese Hilfsaktion am Montag nachmittag im Kaufhaus des Westens stattfinden; im Ottober will man sie an der gleichen Stätte wiederholen. Andere Städte, darunter Wien, haben den Gedanken gleichfalls aufgeqrissen und wollen an seine Ausführung gehen. TIZ. ErftaussShniagen der Woche. Freitag. Tb. in b. Kommandantenstr.: .Taifun".— Sonnabend. Deutsches Künstler-Th.:.Da« grotze Abenteuer". Uronia-vorlräg«. Illont. bis Sonnt.(5 iL 91:»Unter Affen und Palmen".— Moni.(5 u. 7), Dienst.(7), VNltw.(5 u. 7). Donnerst.(7), Freit.(S u. 7), Sonnab.(7). Sonn«,(d u. 7):.Die W i« k o t t e n S".— Dienst.(7):„Verjüngung".»Das Wunder der Drüsen". Rest Langer bringt ihre„Chanson- Revue" Im Krotrlan Steinwegsaal, Bcllevuestraße 14, vom 21. bis 30., täglich 8'/, Uhr, zur Ausjührung. Der Literalurhistoriter Sauer, Professor der deutschen Literaturwissen- stasien an der Deuitchen Universität in Prag, ist im 7t. Lebensjahr ver- schieden. Sauer ist bauptsächlich als Grillparzer- und tSoetheforscher sowie durch die Herausgabe der Werke GrillparzerS und Stifters bervorgctteten. tkine Liga zum Schuh de» Genie». In New Jork bat sich eine Liga ge- bildet, der-» hauptsächlichster Vroarammpunlt der Schutz de« Genies ist. Der Liga sind bereit» eine große Anzahl prominenter PersSnItchkeiten auZ Wissenschast und Kunst beigetreten, und in einer in der Presse verössent- lichten Erklärung wird behauptet, daß eS künftighin nicht mehr vorkommen würde, dag amerikanische Erfinder verhungern. Enropafabrt schwarzer Intellektueller. Bereits jetzt wird angekündigt, daß sich im Mai nüchtlen Jahres b00 amerikanische Neger, die den freien Berufen angehören, Aerzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller usw., aus einem ebenfalls von Schwarzen bemannten Schisse nach Europa begeben werden. Sie wollen sich birr bis zum September aufbaiten und in England, Frank- reich, Belgien, Holland, Deutschland und Italien die ftrankenpslege, die Justiz, da» ParlantentSwesen, die Bibliotheken usw. studieren. Eröffnungsfeier der Mbeiterfportfthuie Rege Beteiligung aus allen Teilen des Reiches. Leipzig, Z8. September.(Eigener Drahtbericht.) Der Weihe- akt begann pünktlich um �10 Uhr im dichtgefüllten Uebungssaal der Bundexschule durch den„chuldigungsmarfch" von Grieg, wirkungsvoll und wuchtig vorgetragen vom Schützenorchester. Um die reich mit Grün geschmückte Bühne standen die Fahnenabordnungen, die der Versammlung festlich und würdiges Gepräge gaben. Hell flutete das Oberlicht auf die aufmerksamen Festgäste, die fühlten, daß der heutige Tag in der Geschichte der Arbeiter-Turn- und Sport- bewegung der bisher bedeutungsvollste ist. Der Michaelsche Männer- chor ließ eindrucksvoll das Lied„Krönt den Tag" folgen. Genosse G e l l e r t, der Bundesvorsitzende, richtete nun ein« Ansprache an die Festteilnehmer. Er führte aus, daß die neue Bundesschule eine neue Zeit künde. Frei habe man sich gemacht von allen bürger- lichen Einrichtungen auf dem Gebiete der Turn- und Sportbewe- gung. Der erste Dank gebühre allen Turn- und Sportgenossen und darüber hinaus der gesamten Arbeiterschaft. Dank gebühre aber auch den Staatsrcgierungen und den Städten, den Ortskranken- lassen und anderen Korporationen, die zu den Baukosten nach besten Kräften beigetragen haben. Bedauerlich sei, daß die deutsche Reichs- regierung, die lediglich ihre Glückwünsche übermittelt habe, noch in diesem Kranze fehle. Die Nachbewilligung notwendiger Mittel zur Bundesschule, deren Baukosten etwa 1 Million betragen, müsse unbedingt noch erfolgen. Das Haus habe auch große inter- nationale Bedeutung. Möge es der Arbeiterschaft wert- volle Dienste leisten. Genosse Gellert ubergab dann im Auftrage des Bundesvorstandes dem Genossen Benedix, dem Leiter der Schule, das neue Gebäude. Benedix erinnerte an die Geschichte der Bundesschule, die vor sechs Iahren gegründet wurde. Die In- flation vernichtete zunächst die Pläne. Desto augenfälliger sei nun der Erfolg, denn das Werk sei restlos gelungen. Nur imeigenen Hause könnten die Lehrer ganz unseren Ideen gemäß wirken. Die Schule sei heute die Zentrale der internationalen Arbeiter-Turn- und Sportbewe- gung. Mit einem begeistert aufgenommenen„Frei Heil" schloß der Leiter der neuen Schule seine Ausführungen. Der sächsische Arbeitsminister E l s n e r übermittelte daraus die Glückwünsche der sächsischen Staatsregierung. Die Regierung spreche ihr« Anerkennung für das wohlgelungene Werk aus. Die Arbeit in der Schule werde bewirken, daß die sozialen Lasten sich verringern. Der Sport müsse Allgemeingut des Volkes werden. Das Haus zeuge auch von dem Solidaritäts- gefühl der Arbeiterschaft. Der Leipziger Stadtschulrat Stahl überbrachte die Glück- wünsche des Deutschen Städtetages und der Stadt Leipzig. Die Großstadt sei nur leistungsfähig, wenn ein gesunder Menschenschlag in ihr wohne. Eine ganze Reih« von Großstädten hätte in Er- kenntnis dessen deshalb bereits Beiträge zu diesem Hause geleistet und sie würden das Wert weiterhin tatkräftig unterstützen. Genosse P l o t t k e sprach für die sozialdemokratische Stadt- verordneten- und Rathausframon! die Schule könne sich aus die Untrstützung beider Fraktionen nach wie vor verlassen. Reichstags- abgeordneter L i p i n s k i vertrat die Sozialdemokratische Partei und Presse. Er führte aus, daß Geist und Körper eins sein müssen. Die Grundlage, einen gesunden Körper sür einen gesunden Geist zu schaffen, sei Hauptausgabe der Bundcsschule. Genosse Lipinski ging weiter aus die Turn- und Sportbewegung in Deutsch- land überhaupt ein. Erst die Umwälzung von 1918 machte dem unwürdigen Zustand, daß sozialdemokratische Organisationen als Aschenbrödel im deutschen Staate behandelt wurden, ein Ende. Siegreich habe sich die Arbeiter-Turn- und Sport- bewegung durchgesetzt.„Der Freiheit eine Gasse"— müsse der Wahlspruch aller sozialistischen Arbeiterorganisationen bleiben. Reichstagsabgeordneter E b e r l e i n überbrachte die Grüße der KPD. und der Komintern. Genosse Schilling sprach sür den ADGB. und das Leipziger Gewerkschaftskartell. Genosse W i l d u n g beglückwünschte die neue Hochschule im Namen der Zentralen Kommission für Sport, und Körper- pflege Berlin. Die Arbeiter-Turn- und Sportbewegung sei auch eine geistige, eine sozialistische Bewegung, die den Kamps gegen alle alten Gewalten ausnehme. Weiter hielten Begrüßungsansprachen: Arbeitersportlcr aus Prag, Aussig, aus Wien die Führer mehrerer deutscher Arbeiterorganisationen. Genosse Gellert dankte mit herzlichen Worten allen Rednern. Er gab dann bekannt, daß zahl- reiche Ministerien sowie in- und ausländische Korporationen, Nord- amcrika und Brasilien Glückwünsche gesandt haben. Ein Vortrag des Männerchors und der Gesang der„Internationale" schlössen die glanzvolle und würdig verlaufene Feier d«r Einweihung der Bundes- schule. Nach der Feier wurden die Festteilnehmer durch das stolze Ge- bäude zur eingehenden Besichtigung geführt. Italienische fittentatsfolgen. Geh den Plünderern zart entgegen..— Ein Verfahren gegen Genossin Lerda-Olberg. Von der italienischen Grenze wird uns geschrieben: Die Entlassung des Generaldirektors der italienischen Polizei und des römischen Polizeipräsidenten ist als eine Konzession zu deuten, die die Negierung dem linken Flügel des Faschismus macht, der am Tag« des A t t e n t a.t s g e g e n M u s s o n i n i das römisch« Polizeipräsidium umzingeln ließ und eine Demonstration gegen den Minister des Innern organisierte. Beide Kundgebungen mußten von Militär und Kara- binerie aufgelöst werden, aber die Forderung der Demonstranten, den Polizeipräsidenten der Hauptstadt zu entlassen, hat Gehör gefunden. Eigentlich zielt« die Demonstration höher hinauf, nach dem Minister des Innern selbst, nach Federzoni, der den hitzigsten Faschisten als Bekämpfer des Squadrismus,— der bewaffneten Banden von Schwarzhemden außerhalb der Miliz— verhaßt ist und dem man vorwirft, nach der Nachfolge Mussolinis zu streben und des- halb die Person des Ministerpräsidenten nicht genügend zu schützen. Wir haben schon einmal im faschistischen Regime die gleich- zeitige Entlassung des römischen Polizeipräsidenten und des General- direktors erlebt. Gleichzeitig mußt« damals auch der Minister des Innern dran glauben. Das war nach der Ermordung Matte- o t t i s. Damals waren dies« Maßnahmen gleichbedeutend mit einem Sieg der legalitären Elemente innerhalb des Faschismus, dessen Linke sich auf den Standpunkt stellte, die Ermordung als einen Akt der faschistischen Revolution anzuerkennen und die Helfershelfer als Diener des Regimes zu betrachten und zu schützen. Die entgegen- gesetzt« Richtung behielt die Oberhand: Finzi wurde preisgegeben und der frühere Nationalsst Federzoni wurde Minister des Innern. Auch Del Bono konnte sich nicht halten, obwohl ihm Mussolini sein Ver- trauen und sein« Dankbarkeit bestätigte, indem er ihm das General- kommando der Miliz ließ. Heute ist die Situation genau umgekehrt, heute sind es die Squodristen, die die Entlassung Federzonis fordern und denen man durch die Entfernung der Generaldirektors der Polizei wenigstens teilweis« genug tut. Was den neuen Generaldirektor betrifft, so ist er der Opposition nicht unbekannt. Es ist jener Herr B o f ch i n i, der als Präsekt von Bologna bei den letzten Wahlen«in sehr kunswolles System durch- geführt hat, durch das es genau möglich war, zu kontrollieren, welchen Wahlzettel jeder abgegeben hatte. Der Herr hat sich sein« Polizei- sporen da verdient, wo der Kamps gegen den Sozialismus die Formen der schärfsten und brutalsten Gesetzwidrigkeit ange- nommen hat, in Bologna. Di« Parole der faschistischen Hierarchie, jede Repressalie zu ver- meiden, ist nicht besonders treu eingehalten worden. In Mailand hat man die Bureaus der Genossen Claudio Treues und C l e r i c i zerstört; um die Arbeit bei Treues zu leisten, hatten die Herrschaften gar eine A x t mitgebracht. Aus Raoenna und Bologna kommt die Kund« sehr ernster Unruhen: in Raoenna ist ein Republikaner sterbend im Krankenhaus eingeliefert worden. In Rom erregt es ein« gewisse Heiterkeit, daß die Genossin Lerda-Olberg auf die Polizei beschieden wurde, weil sie es, gegenüber den Verwüstern der„Giustizia" an der„pflichtschuldigen Höflichkeit" hätte fehlen lassen! Es wäre gewiß gut, wenn«in« offiziell« Verordnung vorschriebe, wie man Leute zu empfangen hat, die einem die Möbel aus dem Fenster werfen und oerbrennen. Aus der glück- lich überstandenen Zeit des Liberalismus und der Demokratie sind kein« Regeln darüber überliefert worden. 2m„Foglio d'Ordini", das so eine Art„Militärwochenblatt" des Faschismus sein will, lesen wir die nachstehende Notiz, die noch weit besser als alle Demonstrationen vor dem Viminal die Jnkompati- bilität zwischen Federzoni und der in der herrschenden Partei über- wiegenden Richtung bartut: „Es wird von gewissen Leuten das Gerücht in Umlauf gesetzt, daß der Prozeß gegen Zaniboni und Capello ein Prozeß mit poli- tischem Hintergrund und politischer Färbung sein werde, bei dem die Delinguenten hinter dem Gitter die Pos« von Anklägern des Regimes annehmen würden. Diesen gewissen Leuten sei schon jetzt gesagt, daß der Faschismus keine derartige Spekulation erlauben wird. Zaniboni und Capello sind Verbrecher— Beauftragter und Auftraggeber— eines entsetzlichen Verbrechens: eines Attentats auf das Leben des Duc«, der nicht nur Regierung»- oberhaupt, fondern der Führer Italiens ist. Auf all« Fäll« werden vor dem Schwurgerichtssaal die faschistischen Massen sein, entschlossen und wachsam." Der Faschismus stellt sich somit, protzig und breitbeinig, auf den Boden der offiziellen Illegalität. Man rechne dazu die Auslands- Politik mit Stallknechtmanieren und man wird einem faschistischen Wochenblatt Roms es nachfühlen, daß zu Italiens Kulturprimat in der Welt nur die Einführung des faschsstischen„Imprimatur" fehlt. Hat Italien dies erst eingeführt, kenn es seinen Welterlösungskreuz- zug beginnen, um die Welt von allem zu befreien, was sich in ihr an Wissen und Werten seit dem Mittelalter angehäuft hat. Massenverhaftungen in Rom. Rom, 18. September.(WTB.) Die römische Polizei hat in der letzten Nacht etwa 335 Personen verhastet und etwa 600 Haus- suchungen vorgenommen. In Mailand wurde eine Haussuchung bei dem republikanischen Abgeordneten Chiesa vorgenommen. Der Ministerrat ist auf den 1. Oktober einberufen worden, um die Borlage über die Verteidigung des Staates, d. h. die Einführung der Todesstrafe zu beschließen. Neue Revolte in Spanien. Die Infanterie schlicht sich der Artillerie an. London, IS. September,(wlv.) wie„Daily Chronicle" erfahren haben will, hat die Lage in Spanien sich von neuem ver- schärft. Die Infanterie habe sich, wie verloutet, der Artillerie angeschlossen und eine formelle Ausforderung an Prima de Rivcra gerichtet, zurückzutreten. Primo de Rioera, der augenblicklich unpäßlich sei, werde heute vormittag nach San Sebastian gehen, um mit dem König über die Lage zu beraten. Eine Wendung in der Tangerfrage. London. 19. September.(WTB.).Times" berichtet, die spanische Regierung habe die Haltung ausgegeben, die sie vor kurzem in der Tangerfrage eingenommen habe. In einer gleichzeitig London und Paris unterbreiteten Note bestehe sie nicht länger auf ihrer Forderung nach Einschluß Tangers in die spanische Maroktozone. Die spanische Regierung schlage Vorbesprechungen zwischen Großbritannien, Frankreich und Spanien zur Erörterung der Zulassung Italiens unter einem abgeänderten Statut vor. Auf diese Besprechung würde eine Voll kons er enz aller Signatarmächte des Algeciras-Vertrages folgen..Times" meint, in amtlichen britischen Kreisen überwiege anscheinend die Ansicht, daß keine Notwendigkeit sür eine Beschleunigung der Ver- Handlungen bestehe und daß es praktisch wäre, wenn informelle Besprechungen vor allem zwischen Frankreich und Spanien, die die am nächsten interessierten Mächte seien, stattfänden. war öas fleisch tauglich oüer nicht! Tierarzt Dr. Gaul vor dem Berufungsgericht. Tierarzt Dr. Gaul, auf dessen Verschulden die Aussehen er- regenden Fleischvergiftungen von über 166 Personen in H c r z s e l d e zurückgeführt werden, stand heute vor der Berufungs- strafkammer des Landgerichts III. Wegen der Fleischvergiftungen in Herzfelde ist bekanntlich dem Dr. Gaul di« Fleischbeschau bereits entzogen und gegen ihn ein Strafversahren eingeleitet worden, da er mindestens insofern fahrlässig gehandelt haben soll, als er nicht sofort nach einer Notschlachtung die Untersuchung des Fleisches durch das Bcterinäruntcrsuchungsamt beantragt hatte. Im vorliegenden Falle hätte in Grünheide in der Mark eine ähnliche Katastrophe wie in Herzfelde eintreten können, wenn nicht das Fleisch noch rechtzeitig durch den Kreistierarzt beschlagnahmt worden wäre. Als dieser am 36. September bei dem Schlächtenneister Opitz in Grünheide zur Nahrungsmittel- kontrolle erschien, fand er Fletsch eines geschlachteten Rindes vor, das trotz genauester Untersuchung keine Stempel zeigte. Auch waren die vorgeschriebenen Schnitt« unsachgemäß ausgeführt worden oder zum Teil gar nicht vorbanden. Da er infolgedessen den Verdacht schöpfte, daß gar keine tierärztliche Untersuchung des Fleisches statt- gesunden habe, entnahm er Proben und schickte diese zur Unter- suchung an das Veterinäruntersuchungsamt in Potsdam, wo p a r a- typhusähnliche Bazillen festgestellt wurden. Aus Grund dieses Befundes erklärt« der Kreisticrarzt das Fleisch sür untauglich. Als er am nächsten Tage die Beschlagnahme aussprechen wollte, fand er an dem Kopf des Rindes zu seiner Ueberraschung drei Taug- l i ch k e i t s st e m p c l. Da Opitz angab, daß Dr. Gaul diese Stempel nach Benachrichtigung von der Beschlagnahme des Fleisches angebracht hatte, wurde jetzt Dr. Gaul wegen Urkunden- s ä l s ch u n g angeklagt. Er wurde vom Schöffengericht aus recht- lichen Gründen freigesprochen, wogegen die Staatsanwaltschaft Be- rusung einlegte. In der heutigen Verhandlung behauptete der An- geklagte, daß er das Fleisch sogleich noch der Schlachtung untersucht und mit den vorgeschriebenen 17 Stempeln versehen habe. Er habe das Fleisch sür vollwertig tauglich gesunden, da er die Ursache der starken Abmagerung des Tieres in einem verschluckten Draht erblickte und er das Tier im übrigen für vollkommen gesund gehalten habe. Die nachträgliche Stempelung sei auch von ihm nicht ausgeführt worden, um das Fleisch als tauglich erscheinen zu lassen. Er habe den Stempel nur aufgedrückt, um zu kennzeichnen, daß es dasjenige Fleisch sei, was er schon vorher untersucht habe. Die Beweisausnahme wird sich noch bis in die Nachmittagestunden hinziehen. Die Unterschlagungen bei den Schlacke nftierkcn. lieber die Unterschlagungen bei den städtischen Schlacken- werken werden jetzt nach der Revision durch die Obcrrechnungs- kammer weitere Einzelheiten bekannt. Die Fälschungen in den Büchern liegen schon eine Zeit zrück. Mit der Bilanz vom 31. März 1925 scheinen die Unterschlagungen größeren Umfang anzunehmen. Die Bilanz ist, wie j«tzt festgestellt worden ist, mehrfach ab- geändert worden. Zunächst wurde eine von einem beeidigten Bücherrevisor als richtig bescheinigte Bilanz eingereicht, die mit einem Gewinn von 3212,77 Mark schloß. Di« Bilanz wurde später abgeändert und«in Verlust von 93 856,36 Mark angegeben, der durch einen Nachtrag sich auf 169 856,36 Mark er- höhte. Diese Aenderungen wurden notwendig, weil einzelne Bu- chungen als falsch erkannt wurden. Diese und andere Umstände lassen es dringend notwendig erscheinen, daß die ganze Angelegen- heit baldigst geklärt wird. Ein Krankenkassenschwindler erwischt. Auf der Krankenkasse In der K l o st e r st r a ß e wurde anfangs April dieses Jahres ein junger Mann sestgenommen. der versuchte, sich auf einen falschen Namen Krankengeld zu verschaffen. Er erklärte, daß er die Unterlagen für die Fälschung von einem ihm nur von Ansehen, nicht aber dem Namen nach bekannten anderen sungen Manne bekommen habe. Dieser war nicht zu sinden. Der Ertappte mußte allein büß«n. Er wurde zu einer kurzen Freiheits- strafe verurteilt. Gestern— Freitag— mittag wurde auf derselben Stelle wieder ein Fälscher und Schwindler ergriffen und als ein 25 Jahre alter Maler Willi Warnecke aus Köln a. Rh. fest- gestellt. Es ergab sich, daß dieser Warnecke der Urheber der Schwindeleien vom April ist. Di« Kassenbeamtcn hatten Verdacht geschöpft, weil sich der junge Mann so viel in den Räumen aufhielt und Krankenscheine vorzeigte. Man bestellte Ihn zur Er- ledigung seiner A»fleleg«nheit aus gestern mittag wieder und benach- richtigtc die Kriminalpolizei. Beamte der Dienststelle R 7 er- warteten den„Kranken" und nahmen ihn fest, als er pünktlich er- schien. Eine Durchsuchung des Unterschlupfe«, den der Verhastete in der Mulackstraßc gesunden hatte, klärte auch bald darüber auf, wie er vorgegangen war. Daraus ging hervor, daß sich Warnecke Namen und Geburtsdaten von Arbeitern beschasst und ärztliche Krankenscheine sehr geschickt gefälscht hatte. Zwei Listen von Kranken wurden bei ihm beschlagnahmt. Mit diesen Fälschungen wollte Warnccke heute einen größeren Schlag gegen die Kasse führen. Zum Helfershelfer hatte er einen Kellner Neudorf gewonnen. Auch dieser wurde festgenommen. Nachsommer. Heute früh bot der Himmel den Berlinern eine freudige Ueber- raschung: Wolkenloser Sonnenhimmel, soweit das Auge reichte. Wie uns die Wetterprophctin mitteilt, ist aller Wahrscheinlichkeit nach für die nächsten Tage mit warniem sonnigen Wetter zu rechnen. Seit gestern hat sich die Lustdruckverteilung gegenüber den Vortagen wesentlich umgestaltet. In Mitteleuropa entwickelt sich ein anscheinend stabiles Hochdruckgebiet. Dem weiteren Vordringen ozeanischer Depressionen ist damit ein Widerstand entgegengesetzt. Heute mittag um 12 Uhr wurden 26 Grad Celsius gemessen. Pro- gnose für die nächste Zeit: Ruhig, meist heiter, tagsüber recht warm. 1 5-Stunden-Tauerkonzcrt. Wer da meint, es gäbe kein« neuen Rekordmöglichkciten mehr, der ist falsch beraten. In einem kleinen Lokal in Berlin O. taten sich jüngst Klavier, Cello und Geige zu einem 1 5 st ü n- d i g e n Dauerkonzert zusammen. Um 9 Uhr morgens ging's los. Ein Sbimmy folgte dem anderen— zwischendurch kam auch ein solides Salonstück öder ein Lied mit Gesang usw. Dieses„Gc- waltkonzert" ging unentwegt ohne jedwede Pause— die Musitusse nahmen weder Speise»och Trank zu sich, um Ellens- und V'r- dauungsuntcrbrechungen zu vermeiden— bis 12 Uhr nachts. Di« Bedingungen lauteten: Klappt die Sache, dann gibt's eine Prämie von 56 M. vom Wirt, klappt es aber nicht, dann gibt es nichts, sondern sämtliche Spesen, wie Reklame, Lustbarkeitssteu«r(man denke: dieser traurige Akt rangiert unter.steuerpflichtige Vergnü- gungen� haben die Herren Musikathleten aus eigener Tasche zu berappen. Zlber— es klappte. Mit leerem Magen und mit ge- schwollencn Handgelenken und kapuiten Fingerspitzen zwar, aber sie haben durchgehalten und noch 8 Minuten„Ueberstunden" gemacht. Di- Zahl der Neugierigen war recht gering. Im Schankzimmer saßen ein paar Gäste und hörten so mit halbem Ohr auf die musi- kalischen Schwerarbeiter._ Der Sonntagssonderzug In den Harz fährt! Wie wir soeben erfahren, wird der für morgen vorgesehene Sonntagssonderzug vierter Klasse zu ermäßigten Fahrpreisen nach Thale iin Harz bestimmt verkehren. Der Zug fährt ab Berlin Potsdamer Bahnhof 6,45 Uhr vormittags und trifft in Thale um li, 7 Uhr ein. Rück- fahrt ab Thale 7.36 Uhr nachmittags, an Berlin 11,45 Uhr nachts. Fahrkarten zum Preise von 16,36 M. sind bis kurz vor Slbgang des Zuges an der Fahrkartenausgabe des Potsdamer Bahnhofs zu haben._ Taten religiösen Wahnsinns. Selbstverstümmelung eines Studenten. Eine kaum glaubliche Tat hat sich, vom Polizeibericht ver- schwiegen, in dieser Woche in D e j w i tz bei Prag abgespielt. Ein Student, der bei einer alten Familie wohnt« und schon mehr- inals'Anzeichen übertriebener Religiosität gezeigt hatte. rasierte sich am Morgen wie immer. Plötzlich bemerkten die alten Eheleute, wie«in Gegenstand in die Küche slog. Die Frau siel so- fort in Ohnmacht, als man da» Entsetzliche erkannte. Der Student hatte sich in einem Anfalle von religösem Wahnsinne mit dem Rasier- Messer entmannt. Der Student wurde in» Krankenhaus übergeführt. wo er die Verstümmelung als ein von Gott gewolltes Werk bezeichnete. Die Untersuchung ergab, daß er im religiösen Wahnsinn gehandelt hatte. Fälle von religiösem Wahnsinn kamen in den letzten Tagen aber auch in der S l o w a k e i mehrmals vor. Eine Frau in Tyrnau hieb auf ihr 14jähriges Mädchen mit der Hacke ein, um das Kind Gott zu opfern. Da» Kind starb bald darauf im Kranken- hause. Bei Tyrnau schnitt sich ein junger Mann, der wegen reli- aiösen Wahnsinns in die Irrenanstalt gebracht werden sollte, den Hals durch. Vorher hatte er das Haus seiner Eltern in Brand gesteckt. Der Mann lebte noch und gab an, daß er wegen seiner Sünden vom Teufel besessen sei. der ihn erwürgen wollte. Um dem Tode in Teufelskrallen zu entgehen, habe er lieber durch Selbstmord enden wollen._ Dt« Typhusrpidemie in Hannover. Bis heut« morgen ist die Zahl der Erkrankten auf 1539 gestiegen. Die Zahl der Toten beträgt 4 7. Zur Ausnahme der Kranken sind noch bereitgestellt eine Schule in der Fröbelstraße und eine Stadt-Töchterschule in der Meterstraße..... � j/.. �. Die Seitragsstheu muß fallen! Unt«r den mancherlei Ausreden, mit denen die Unorganisierten ihr gemeinschädliches Verhalten zu bemänteln versuchen, steht„der hohe Beitrag" an erster Stelle. Da jedoch Millionen von Ar- beitern und Angestellten gleich chunderttausenden von Arbeiterinnen, die auch nicht in besseren wirtschaftlichen Verhältnissen leben als das Heer der Beitragsscheuen, sich längst an die Beitragsleishingen für ihren Verband gewöhnt haben, und so das windige Argument des hohen Beitrags von vornherein erledigt ist, werden die Ausreden in andere Worte gekleidet. In welcher Gestalt sie aber auch oorge- bracht werden mögen, ob alz Entschuldigung oder als Schimpferei gegen die„Bonzen", sie lassen immer wieder deutlich erkennen, daß sie der Beitragsscheu entspringen. Und wohl die meisten derer, die in der einen oder anderen Öigaipsation einmal eine Gastrolle als Mit- glied gegeben haben, sind lediglich deswegen nicht mehr organisiert. weil sie ihrer Bcitragspflichl nicht nachgekommen sind und darum aus den Listen der organisierten Arbeiter oder Angestellten gestrichen werden mußten. Die Jahresberichte verschiedener Verbände weisen«ine geradezu erschreckende Fluktuation auf, die nur zu einem verhältnismäßig geringen Teil auf Berufswechsel, bei weiblichen Mitgliedern auf Ehe- schließung zurückzuführen ist, vielmehr zu einem beträchtlichen, wenn nicht zum allergrößten Teil, aus die unsinnige Beitrags- scheu. Di« ganze mühsame Agitationsarbeit der Gewerkschaften, d h. der beitrogszahlenden Mitglieder, wird durch dieses Uebel wieder zunichte gemacht, und die Schlagkraft der Organisation geschwächt und gelähmt. Es ist Erziehungsarbeit zum Beitragzahlen notwendig, wie sie wohl am erfolgreichsten bei den Buchdruckern ge- leistet worden ist. Kein Mensch wird behaupten wollen, daß das Beitragzahlen eine angenehm« Sache sei. Wer es aber immer noch nicht begriffen hat, daß es notwendig ist, weil ohnedem die Organisation unmöglich wäre, dem muß es begreiflich gemacht werden. Die Erhaltung der einmal aufgenommenen Mitglieder im Verbände ist wichtiger noch als die Ausnahme neuer Milglieder. Ohne den Kreisen, die die Gewerkschaften als Bersicherungs- anstalten„erfassen" möchten, auch nur die geringste Konzession zu machen, kann gesagt werden, daß der Gewerkschaftsbeitrag in gewissem Sinn« ein« Versicherung der Arbeitskraft gegen schlechte Bewertung durch niedrige Löhn«, lange Arbeitszeit und rücksichtslos« Behandlung darstellt. Die Versicherungsbeiträg« gegen Krankheit, Unfall und Invalidität werden sozusagen Zwangs- weiss erhoben, weil es sonst unmöglich wäre, sie regelrecht beizu- bringen. So mancher schilt über diese Abzüge, zumal er noch nie krank gewesen sei, und muß sich dennoch bei einiger Ueberlegung sagen, daß sie notwendig sind, um sich und seine Familie vor den Wechsel- fällen des Lebens einigermaßen zu sichern. Fordern wir doch oben- drein die Erwerbslosen oe r s i ch e r u n g, trotzdem dafür höhere Beiträge zu leisten sein werden als zu der heutigen unzulänglichen Erwerbslofenfllrsorg«. Di« Unorganisierten, die sich der Zahlung der gesetzlich festgelegten Versicherungsbeiträge nicht entziehen können, scheinen eine gewisse Befriedigung darin zu finden, ihrer Beitragsscheu gegen die Gewerkschaften freien Lauf zu lösten. Ein Zeichen von Leicht- fertigkeit, Unselbständigkeit und mangelnder Reife, das zu denken gibt. Die Gewerkschaften, die mit dieser Beitragsscheu zu rechnen haben, kommen nicht vom Fleck. Den Beitrags-„Sparern" muß deshalb klar gemacht werden, daß sie nicht einmal zu ihren heutigen Arbeits- bedingungen arbeiten könnten, sondern unter sehr viel schlechteren Bedingungen arbeiten inüßten, wenn nicht die Gewerkschaften aus Grund der Beitragslei st ungen ihrer Mitglieder den Tiefftand der Lohn- und Arbeitsbedingungen so weit gehoben hätten und wenn sie nicht alles aufbieten würden, um ihren Abbau zu ver- hindern. Den Beitragsscheuen muß klar gemacht werden, daß gerade sie es sind, die durch ihr. kindisches Beitragsfparen ihre Gewerkschaften früher daran gehindert haben, bessere Arbeitsverhält- niste herbeizuführen und sie jetzt daran hindern, noch nachhaltigeren Widerstand gegen den Lohndruck zu leisten. Der Beitrag, den die Unorganisierten und Nichtmehrorganisierten „spare n", gehört nicht ihnen, sondern ihrer Gewerkschaft. Wenn sie glauben, ihren Verband und ihre Arbeitskameraden darum prellen zu können, so sind sie se l b e r d ie G e p re l l t« n. Da sie aber nicht nur sich selbst schädigen, sondern die Allgemeinheit, müssen die Beitragszahler dem Uebel der Beitragsscheu mit allen Kräften begegnen. Für Beitragsscheue darf kein Raum mehr sein in den Reihen der Arbeiterschaft. Mit ihrem Ausschluß ist nichts getan: darum müssen wir sie von ihrer Beitrags scheu kurieren. v'e Sauunternehmer wollen billiger bauen. Wenn die hilssarbeiterlöhne abgebaut sind. Di« Lohnoerhandlungen am gestrigen Freitag zur Neuregelung der beiderseits gekündigten Löhn« sind ergebnislos verlaufen. Der Berbandssyndikus der Bauunternehmer hat zwar kürzlich auf der Düststdorfer Bauwoche erklärt, die Arbeiter des Baugewerbes müßten höher« Löhne Hoven als die übrigen Industriearbeiter. Di« Facharbeiter müßten einen höheren Lohn erhalten als die Ungelernten. Das sind zwar Gemeinplätze, weil es längst kein Geheimnis mehr ist, daß die Bauarbeiter Saisonarbeiter sind und die Maurer von jeher mehr Lohn bekommen als die Hilfs- arbeiten Die Verkündigung aber, daß die Facharbeiter einen höheren Lohn bekommen müssen, fassen die Unternehmer auf ihre Art auf. Sie wollen— wie sich in der Verhandlung zeigte— nicht etwa die Facharbeiterlöhn« erhöhen, sondern die Hilfsarbeiterlöhne abbauen, da dann ja die Facharbeiter einen um so viel höheren Lohn zu oerzeichnen haben, ohne daß die Unternehmer es nötig hätten, ihnen auch nur einen roten Pfennig mehr zu zahlen. Im Gegenteil, die Unternehmer könnten obendrein die sechs Pfennig«, um die sie die Hilfsar betterlöhn« kürzen wollen, in die Tasche stecken. Nach den Worten der Unternehmer dreht es sich jedoch keines- wegs um ein« Erhöhung ihres Profits, sondern um die edle Absicht, billiger zu bauen, um der Wohnungsnot endlich abzuhelfen. Da die selber so sehr notleidenden Unternehmer nicht noch Geld aus ihrer Tasche zusetzen können, um billiger zu bauen, sollen die Hilfsarbeiter diejenigen fein, die billiger arbeiten und die Zeche zahlen sollen. Denn, so argumentierten die Vertreter der Unter- nehmer: die Löhn« der Bauhilfsarbeiter sind gegen die Vorkriegszeit zu hoch. Alle Bevölkerungskreis« haben das Verlangen auf S e n- kung der Baukosten und diesem Verlangen müsse Rechnung getragen werden— auf Kosten de r Hilfsarbeiterlöhne. Ueberdies und außerdem fei au'f dem Lebensmittelmarkt eine Preissenkung eingetreten, so daß die Hilfsarbeiter ganz gut einen kleinen Lohnabzug von nur sechs Pfennigen in jeder Arbeitsstunde ertragen könnten. Di« Löhne der Facharbeiter sollen zwar nicht direkt erhöht, aber— einstweilen— auch nicht abgebaut werden. Di« Facharbeiter könnten also ruhig dem Lohnabzug der Hilfsarbeiter zustimmen. Und wenn dieser erst einmal durchgeführt ist, können dann von wegen der weiteren Senkung der Baukosten auch die Löhne der Facharbeiter abgebaut werden, die dann immer noch einen höheren Lohn haben als die Hilfsarbeiter. Von den Facharbeiterlöhnen war zwar noch nicht die Rede, doch ergibt sich ihre Lohnregelung logischer- weise aus der Absicht der Unternehmer— die Baukosten zu senken. Die Bauarbeiter haben jedoch offenbar nicht das gehörig« Verständnis für die guten Absichten ihrer Unternehmer, die doch nur die Baukosten senken wollen. Wenn zu den verlorenen Zuschüssen der Mieter von Neubauwohnungen in Höhe von 1000 Mark und mehr pro Zimmer noch ein« Verbilligung um 6 Pf. stündlichen Hilfs- arbeiterlohn hinzukäme, wie glücklich wären die Wohnungsuchenden! Sogar«in Bauhilfsarbeiter könnte sich dann eine so„billige" Wohnung beschaffen. I m E r n st l Die Bauarbeiter denken nicht daran, sich ein« Kürzung der Hilfsarbeiterlöhn« um 6 Pf. pro Stunde gefallen zu lasten. Die Unternehmer haben mit derartigen Argumenten bei ihnen kein Glück. Sie werden sich gründlich umstellen müssen zur Lohnregelung und eine Senkung der Baukosten auf andere Weis« herbeiführen müssen als auf Kosten der Bauarbeiter. Der Vorgang zeigt nur, was die Unternehmer der Arbeiterschaft heute alles bieten zu können glauben. auffallender Nechtsirrtum. Nach dem Tarifvertrage für das Gastwirtsgewerbe steht den Kellnern ein« fünftägig« Kündigungsfrist und als Lohn voll« Ig Proz. des Umsatzes zu. Im Gegensatz zu' dieser Tarifbesümmung hatte der Inhaber des Hausbootrestaurants im Luna- park von seinen Kellnern«in Schrift st ück unterzeichnen lassen, wodurch sie sich einverstanden erklären mit einer täglichen Kündigung sowie mit einem Lohnabzug« von 2 Proz. zugunsten des Geschäftsführers und für die Versicherungsbeiträge. Nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses klagten die Kellner beim Gewerbegericht auf Zahlung der ihnen abgezogenen 2 Proz. sowie Entschädigung für die fünftägig« Kündigungsfrist. Sie beriefen sich darauf, daß Vereinbarungen, die zuungunsten der Arbeitnehmer vom Tarif abweichen, ungültig sind. Di« Kammer 13 unter Vorsitz des Stadtrats Hippe wies die Kläger mit dieser Forderung ab. In der schrift- liehen Begründung des Urteils heißt es:„Der Hinweis der Kläger, daß die tariflichen Bestimmungen nicht durch besondere Partei- Vereinbarungen außer Kraft gesetzt werden können, ist irrig. Der Tarifvertrag gilt nur, wenn etwas anderes nicht vereinbart ist." Hiernach scheint es, daß der Verfaster dieses Urteils, Stadtrat Hippe, der erst feit einigen Wochen am Gewerbe- gericht Berlin amtiert, gewiss« gesetzliche Bestim- m ungen, die er als Gewerberichter anzuwenden hat, nicht kennt. Das Tarifvertragswefen ist gesetzlich ge» regelt durch die Verordnung vom 23. Dezember 1918.§ 1 dieser Verordnung bestimmt ausdrücklich, daß von den Tarifverträgen ab- weichende Vereinbarungen zwischen den betelligten Per- sonen unwirksam sind und daß an die Stell« unwirsamer Der- elnvarungen die entsprechenden Bestimmungen de, Tarifvertrages treten. Dies« Bestimmung der Verordnung vom 23. Dezember 1918 trifft im Falle der Kläger zu. D a s U r t e i l, das die Kläger abweist, steht also in Widerspruch zum Tarisgesetz. Da das Urteil nicht berufungsfähig ist, so kann der Nachteil» der den Klägern aus der Gesetzesunkenntnis des Richters entstanden ist, nicht wieder gutgemacht werden. ,Vie Großbetriebe marschieren auf!" Kommunistischer kongrehhumbug. Auf der ersten Seite, unter drei Spalten breitem Balken, be- richtet die„Rote Fahne" am Freitag über wichtige Kundgebungen aus bedeutenden Berliner Großbetrieben für den„Kongreß der Werktätigen". Zuerst wird eine Betriebsversammlung der Städtischen Gaswerke am 14. September erwähnt, in der e i n st i m m i g beschlosten worden sei, drei Delegierte zu wählen, und einstimmig eine Entschließung gefaßt worden sei. Wie stehts damit? Von etwa 900 Gaswerksarbeitern waren etwa 1S0, also der sechste Teil, zu der Versammlung gekommen. Von diesen 150 Versammlungsbesuchern haben 40 für den Beschluß gestimmt, die übrigen enthielten sich der Stimme. Im Zentral- magazin sind 450 Personen beschäftigt. Etwa 100 kamen zur Ver- sammlung und mit 30 gegen 23 Stimmen bei 50 Stimm- enthaltungen wurde den KPD.-Parolen entsprechend beschlossen. Die„Einstimmigkeit" wird konstruiert, indem nur die Für- stimmen gezählt werden. Doch wenn die KPD. von dieser„Ein- stimmigkeit" und einem derartigen„Aufmarsch der Großbetriebe" entzückt ist, dann ist ihre Bescheidenheit in diesem Punkte geradezu rührend. Bedauerlich bleibt, daß unsere Gewerkschaftsgenosten in der Versammlung am 14. September sich scheuten, offen Farbe zu be- kennen und den kommunistischen Paroletänzern das Spiel zu ver- derben, was in ihrer Macht lag. Der Streik der Berliner Mühlenarbeiter dauert unver- ändert fort. Gesperrte Gaslwirlsbelriebe. Wie uns der Zentraloerband der Hotel-, Restaurant- und Cafc-Angestellten mitteilt, sind folgende Gast- wirtsbetneb« für organisierte Arbeitnehmer gesperrt: Lehrer- vereinshaus,(Inh. C. Saeger), Alexonderstr. 41; Deutscher Hof,(Inh. A. Kromrey), Luckauer Str. 15; Kammersäl«,(Jnh. A. Freyer), Teltower Str. 1/4: Haoerlands F« st s ä l e,(Jnh. L. Pähl), Neu« Friedrichstr. 35. Die Sparkasse der Bank der Arbeiter. Angestellten«nd Beamten A.-G.. Berlin, wallstr. 65, ist täglich mit Ausnahm« von Sonnabend von 9— 3 Uhr und 5— 7 Uhr, Sonnabends von 9—1 Uhr geöffnet. Theater der Woche. Vom tl«. bis 27. September 1926. BoNsbühne: 19., 21., 27. Judith. 20., 24., 25. staust. 22., 28., 26. See dlltiche Michel.—?»er am Pia» d», Republit: 19. Troubadour. 20., 24. Oberau. 21. Carmen. 22. Der ferne Klang. 28. Maskenball. 25. Meister- stnger. 26. Aida. 27. Die luftiaen Weiber von Windfor— Schauspielhan» lStaatstheaterN 19, 22., 24., 26. Di- Räuber. 20. Kniitz-Pyritz(kein Kartcn- vcrkaufi. 21., SZ., 27. Amphitrcon(am 27. kein Karlenocrkauf). 25. Napoleon. — Schillcr-Theater! 19., 2l., 22., 28., 25., 26.. 27. Die Welt, in der man sich langweilt. 20. 24. Peer Eynt.— Lesting-Theatcr: Cromwcll.— Theater in der Königgräher Strohe: Zweimal Olivcr.— Städtische Oper, Charlottenburg! 19., 22. Die Jüdin. 20., 26. stidelio. 21. Margarethe. 23. Die Meistersinger oon Nllrnberg. 24. Otto und Theophano. 25. Pique-Dame(geschlossene Vor- ftellung). 27. Der fliegende Kolländer.— Grosics Schauspielhaus: Von Mund ,u Mund.— Theater de» Westen«: Der Zug noch dem Westen.— Di« Tribüne: Unterwegs.— Deutsche» Kunftler-Theatcr: Bis 24. Veronika. Ab 25. Das grosse Abenteuer.— Komödienhau»: Herr von Saint-Obin.— Berliner Theater: Miss Amerika.— Triaaoa-Thcater: Der müde Theodor.— Residenz-Theater: Das Absteigequartier.— Zcntral-Theater: Kampf in der Hechzeitsnocht.— Theater in der Kounnandontcnftrasse: Bis 23. Der schwarze Engel. Ab 24. Taisun.— Theater am Schiffbauerdamm: Das Grabmal des unbekannten Soldaten.— Komisch« Oper: Adrienne.— Lustspielhaus: Kukuli.— Mctropol- Theater: Wieder Metrovol.— Thalia-Theater: Der Biberpelz.— Thea er am Kursürstendamm: Es geht schon besser.— Wallner-Theatcr: Hasemanns Töchter. — Theater in der Klosterstrassc: Schneider Wibbel.— Rose-Theater: Die Stecknadel im Hcuwagcn.— Kasino- Theater: Wa, Liebe vermag.— Theater in der Lüssowstrasse: Sprcewaldmädcl.— Theater im Admiral»palast: Haller-Revuc: An und aus!— Wintergarten und Scala: Internationales Boriet«.— Deutsche, Theater: Androklus und der Löwe.— Kammerspielc: Wcck-cnd(Ueber'n Sonntag).— Komödie: Die Gefangene. Rachmittag»»»» st ellunge». Schauspielhan«(Staat»th«ater): 19., 2«. Doppelselbstmord.— Grosse» Schauspielhau»: 19. Doppelseldstmord. 26. Bon Mund zu Mund.— Theater de» Westen»: 19.. 26. Der Zug nach dem Westen. — Theater in der Kommandantcustrasse: 19., 26. Die zärtlichen Verwandten.— Rose-Theater: 25. Aschenbrödel. 26. Willis Hochzeitstag.— Theater i» Ad- miralspalast: 19., 26. Holler-Rrvue: An und aus! Verantwortlich für Politik: Dr. Eurt Geger: Wirtschaft:«rlnr Sötern»»! Gewerkschaftsbewegung: 3. Steiner: steuilleton: Dr. John Schikow»ki: Lokale» und Sonstiges: stritt Karstädt: Anzriaen: Th. Glocke: sämtlich in Berlin. Verlag: Vorwärts-Verlag G.m.b.H.. Berlin. Druck: Vorwärts-Buchdruckerel und Verlaasanstalt Paul Singer u. Eo. Berlin SW 68. Lindenstrasse 8. Berliner- Elektriker- Genossemdia« BerlinN24,EIsässerStr.86-88 I Filiale Westen, Wilmersdorf Fernsprecher Norden 65 23 u. 65 26' Landhaussiraße4. Tel.: Pfaliburr 9831 ADSSteUnnstsramne und Lader Alexonderstr. 3*- 40(Alexander- PasMde) Tel.: HOnlditadt 540. 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