Abendausgabe Nr. 461 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 228 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreise find in der Morgenausgabe angegeben Redaktion: Sm. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297 Tel- Adresse: Sozialdemokrat Berlin Berliner Dolksblatt 10 Pfennig Donnerstag 30. September 1926 Verlag und Anzeigenabteilung: Geschäftszeit 8% bis 5.hr Verleger: Borwärts- Verlag GmbH. Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönho 292-297 Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands Der Mord im Döberitzer Walde. Der Fall Pannier im Feme- Ausschuß. In der heutigen Sigung nahm der Feme- Ausschuß des Preu: Bischen Landtages die Behandlung des Falles Pannier auf. Der Berichterstatter Abg. Kuttner( So03.) gab zunächst in öffent licher Sigung einen Vorbericht über den Inhalt der Aften des Falles. Er wies darauf hin, daß die Gerichtsverhandlung im Falle Bannier geheim geführt worden sei, soweit es sich um die Ver hältnisse der Schwarzen Reichswehr handelte. Die Afien tönnten aber ruhig öffentlich vorgetragen werden, denn in einer Kontroverse zwischen Staatsanwalt und Gericht habe sich sogar der Generalstaatsanwalt auf den Standpunkt gestellt, daß das Urteil nichts enthielte, weswegen man die Deffentlichkeit hätte ausschließen müssen. Das Kammergericht habe den Beschluß auf Ausschluß der Deffentlichkeit nur bestätigt aus der Erwägung heraus, daß es nun einmal geschehen sei und durch den Widerruf eines solchen Beschlusses die Situation nur verwirrt werden könnte. Der Fall Pannier spielt bei einem Arbeitskommando in Elsgrund bei Döberit, dem sogenannten Bataillon v. Senden. Leutnant Benn leitete das Bataillon, und erst kurz vor dem Morde wurde es vom Leutnant D. Senden übernommen. Der eigentliche Gründer war ein Hauptmann Guttknecht, der früher am oberschlesischen SelbstSchutz beteiligt war und das Arbeitsfommando durch Werbung der früher in Oberschlesien unter ihm dienenden Leute vergrößerte. Diefe gehörten fast ausnahmslos rechtsradikalen Berbänden an ( Wiring, Ehrhardt, Nationalverband deutscher Soldaten und der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei). Bar jemand geworben, so wurde er vom Werbeoffizier nach der bekannten Stelle in der Kurfürstenstraße geschickt, wo Stantie n und Oberleutnant Schulz tätig waren. Diese schickten den Mann dann zur Zifodelle Spandau, wo er eingefleidet und dann über Döberig nach Elsgrund geschickt wurde. Beim Bataillon v. Senden diente ein Schüße Pannier, der nach dem Zeugnis seiner Borgesetzten ein schlechter Soldat war und sich mehrfach unerlaubt von der Truppe entfernt hatte. In zwei aftenfundigen Fällen war er nach Berlin zu seinen Angehörigen gegangen. Er wurde dort durch den Sanitätsfeldwebel Schirmann wieder ergriffen und von Schuhpoligiften festgenommen, weil Schirmann ihn als flüchtigen Reichswehr. foldaten bezeichnete. 3um legtenmal wurde er am 2. Juni 1923, zwei Tage vor feiner Ermordung, zum Arbeitskommando zurück gebracht. Die Angehörigen der Truppe waren über Bannier sehr erregt, und er wurde verprügelt. Durch Zeugenaussagen ist erwiesen, daß Leutnant Benn den Befehl gegeben hat, Pannier zu beseitigen. Der Schütze Aschenkamp erhielt von Benn den dienstlichen Befehl, Pannier umzubringen. Der Sanitätsfeldwebel Schir mann wurde zum Schein beauftragt, Pannier zum Bahnhof zu bringen. Die Truppenangehörigen Schmidt, Afchenkamp und Stein hatten sich vorher im Franzer- Busch verborgen und bereits eine Grube ausgeworfen, in der Panniers Leichnam verscharrt werden sollte. Als Schirmann mit Pannier an den Busch fam, verfetzte Aschenlamp auf Aufforderung des Feldwebels Stein dem Pannier mit einem Beil einen heftigen Schlag auf den Kopf, so daß er zusammenbrach. Pannier erhielt dann noch mehrere Schläge und wurde zur Grube geschleift. Den letzten Schleg verfehte ihm Schmidt, der aber nur wegen Mittäterschaft verurteilt worden ist, weil das Gericht annahm, Pannier wäre schon tot gewesen, als er diesen Schlag erhielt. Die Leiche wurde dann zunächst vergraben, aber wahrscheinlich auf Befehl des Oberleutnants Benn Später 100 Meter vom Tatort entfernt in einer anderen 24 Meter Hefen Grube verscharrt. Hierbei wirkte ein Absperrfommando mit, um unbequeme Zuschauer fernzuhalten. Die Angehörigen des Kommandos, die wegen Begünstigung angeflagt waren, find vom Gericht freigesprochen worden mit der Begründung, sie hätten nur dem Befehl ihrer Borgesetzten gehorcht. Ein Fähnrich Mäder ist freigesprochen, weil er damals nicht mehr zur Formation des Leutnants Benn gehörte und nach seiner Angabe nur als neugieriger Zuschauer dabei gewesen ist. Berichterstatter Abg. Kuttner bemerkte, daß irgendwelche positive Anhaltspunkte dafür, daß Pannier einen Berrat an der Sache der Schwarzen Reichswehr verübt habe, von ihm nicht gefunden fei. Er berichtete sodann über die Einzelpernehmungen in der Sache Pannier. Schirmann hat zunächst zu leugnen versucht, hat aber sodann ein Geständnis abgelegt und erflärt, Ceutnant Benn sei der Anftifter gewesen. Auf Grund seiner Aussagen konnte auch auf die Verbrecher gefahn det werden, zunächst auf den Polizeiwachtmeister Stein. Der Berfuch, die Leiche des Pannier zu finden, blieb erst vergeblich, weil Schirmann noch nicht mitgeteilt hatte, daß sie umgebettet sei. Berhaftet und vernommen wurde auch der Bataillonsfeldwebei Stegelberg. Bezeichnend sei, daß er vom Hauptmann Guttfnecht einen mündlichen Befehl" erhalten habe, am nächsten Tage zur Schwarzen Reichswehr zu kommen. Er hat Angaben über die Tat gemacht, die wenigstens feine mittäterfchaft außer Zweifel erscheinen ließen. Festgenommen wurde dann der Leutnant Benn. Diefer leugnete, die Tat angeftiftet oder von ihr gewußt zu haben. Schirmann habe ihm nur gemeldet, daß der Gefangene Pannier den Begleitern entrissen wurde und dann totgeschlagen worden sei. Nach der Tat habe er dem Leutnant v. Senden die Meldung erstattet, daß Bannier tot sei. Dieser habe ihn groß angesehen und fei dann fortgegangen. ohne ein Wort zu fagen. Es folgte das Geständnis des Schirmann über die zweite Vergrabung der Leiche, auf Grund dessen die Leiche ausgegraben wurde. Der Schüße Arnold Erwin Schmidt wurde dann auf Grund der Aussagen festgenommen. Er gab seine Täterschaft zu und hat fich fofort auf die Anftiftung von Benn berufen. Er ist von Aschenkamp zur Teilnahme an der Tat auf= gefordert worden. Zur Zeit feiner Verhaftung war Pannier beim Mecklenburgischen Landbund angestellt. Schließlich hat auch der Polizeiwachtmeister Stein, der zum Tode verurteilt worden ist, ein Geständnis abgelegt und Hauptmann Guttknecht, Freiherrn v. Senden und Oberleutnant Schulz schwer belastet. Er hat besonders die Schuld seiner Vorgesetzten hervorgehoben. Die Ermordung sei erfolgt auf Befehl des Leutnants Benn, der vorher mit Hauptmann Gufffnecht gesprochen habe. Guttknecht hatte zuvor mit Oberleutnant Schulz Rücksprache ge= Benn und Guttknecht hätten auch gewußt, wo die Tat begangen worden sei. Die Entscheidung sei von der Divifion gekommen, vom Oberleutnant Schulz. Mit Buchrucker sei darüber nicht verhandelt worden. Hauptmann Gutttnecht sei dafür gewesen, daß Pannier zu töten sei. Ein weiteres Mitglied der Schwarzen Reichswehr namens Mäder, der Dienst tat als Adjutant beim Oberleutnant v. Senden, leugnete die Tat, hat aber später zugegeben, als Zuschauer der Tat beigewohnt zu haben. Nach einer Mitteilung des Bolizeipräsidenten, Abteilung 1a, ist, wie weiter berichtet wird, feftaeſtellt worden, daß Schirmann, Stein, Schmidt, Stekelberg und Mäder aus dem Gefängnis Briefe geschmuggelt haben und Besuche empfingen, ohne Beisein eines richterlichen Beamten oder eines Beamten der Abfeilung 1a. Daraufhin wurden sie aus der Stadtvogtei in das Untersuchungsgefängnis übergeführt. nommen. Severing, der Kämpfer gegen die Reaktion. Rolle. Sie feien aber lange nicht mehr das, was sie während des Ein französisches Urteil. Ruhrkampfes gewesen seien. Es vergeht zwar auch heute noch taum ein Sonntag, ohne daß es Zusammenstöße zwischen rechts und links gebe. Aber auch das werde immer seltener und ungefährlicher. Schließlich flagte Severing darüber, daß man im Auslande über Preußen immer noch eine falsche Vorstellung habe. Preußen bekenne sich rücksichtslos zur Republik und Weimarer Berfassung und sei die beste Stüße der Reichsregierung gewesen, jolange diese eine entschlossene Linkspolitik betrieben habe. Das Militär verläßt Germersheim. Der Mörder nach Nauch gebracht. Paris, 30. September.( Eigener Drahtbericht.) Sauerwein veröffentlicht am Donnerstagmorgen im Matin" ein Interview mit bem preußischen Innenminister Severing. Die furze Charat teriftit Severings, die Sauerwein der Unterredung voranstellt, ver dient mindestens das gleiche Intereffe wie der Inhalt der Unterredung felbft. Severing, so erflärt Sauerwein, ist der gefürchtet ste und geschmähteste Mann Deutschlands. Es ist ein wahres Wunder, daß er noch nicht demselben Geschick erlag wie Rathenau. Wenn die deutsche Republit heute noch besteht, so verdantt sie das zum größten Teile ihm. Mit unbezähmbarer Energie unterdrückte Severing die Aufstandsversuche der Nationalisten, fämpfte gegen ihre Geheim- Mainz, 30. September.( BS.) Wie wir aus ficherer Quelle er bünde und ließ nach den Urhebern der Fememorde in der Schwarzen fahren, ist der Mörder von Germersheim, der französische Leutnant Reichswehr fahnden. Severing ist das rote Tuch für die Roucier, nachdem beim französischen Militärgericht des Generaldeutsche Rechte. Man fann wohl sagen, daß die Angriffe der fommandos in Kaiserslautern durch einen beauftragten Offizier des Freunde des Grafen Bestarp gegen die preußische Regierung cinzig Armeeoberfommandos aus Mainz vernommen worden ist, auf Beden 3wed verfolgten, Severing aus der Feste zu vertreiben, wo er fehl des Armeeoberkommandos nach Nancy weiterbeför sich zur Verteidigung der Republik verschanzt hat. Troß schwanken- bert worden, um in seiner Heimatorganisation den weiteren Gang der Gesundheit bleibt Severing auf seinem Bosten, um die Bläne der des gegen ihn eingeleiteten Verfahrens abzuwarten. Gegner der Republik zunichte zu machen. Er ist eine ausgesprochene Rämpfernatur und macht den Eindrud größter Kraft und größten Freimuts. Die Erklärungen Severings gegenüber Sauerwein bewegen sich burchweg in den gleichen Gedankengängen wie die am Mittwoch von Sauerwein veröffentlichten Mitteilungen des preußischen Minister präsidenten Braun. Auch Severing sprach sich über die deutsch französische Aussöhnung aus, als deren langjähriger Anhänger er sich bekannt hat. Severing betonte, daß der größte Teil des deutschen Boltes die Aussöhnungspolitit mit Frankreich wünsche. Natürlich gebe es auch Kreise, die an der Revancheidee festhielten. Die Verminderung des Heeresbestandes habe eine Reihe entwurzelter Elemente zurückgelassen, die hartnäckig und verbiffen für die Wiederkehr der alten Einrichtungen fämpfen. Aber ihre Zahl und ihr Einfluß nehmen täglich ab. In der französischen öffentlichen Meinung spielten die vaterländischen Berbände eine große Der Oberbefehlshaber der Rheinarmee hat mit Rüdficht auf den Germersheimer Zwischenfall allen Besatzungsangehörigen im besetzten Gebiet das Tragen von 3ivilkleidung verboten und gleichzeitig angeordnet, daß in den von Befagungstruppen belegten Drien des Nachts bis auf weiteres ein reger Ba trouillengang in Berbindung mit den deutschen örtlichen Bolizeibehörden eingerichtet werden soll, der sich besonders auf die Wirtschaften beziehen soll. Germersheim, 30. September.( WTB.) Der Abtransport des 311. Artillerieregiments ist vollendet. Heute morgen verließen die letzten Mannschaften dieses Truppenteils Germersheim zu Fuß. Die Erregung in der Bevölkerung hat sich durch diese Tatsache etwas gelegt. 3u 3 wischenfällen ist es nicht mehr gekommen. Im Befinden des schwer verletzten Mannes ist eine fleine Wendung zum Befferen eingetreten, doch besteht immer noch Lebensgefahr. 1 Wettbewerb um die Mandschurei. Zum oftchinesischen Eisenbahnkonflikt. Bon Dr. Artasches Abeghian. Wieder ist ein Konflikt zwischen Tschangtfolin, dem Machthaber der Mandschurei, und der Sowjetregierung über die ost chinesische Eisenbahn ausgebrochen. Die Marinebehörden Tschangtsolins haben die Frachtschifflottille der Eisenbahnverwaltung auf dem Sungariflusse und die Warenlager beschlagnahmt. Auch die ganze Schulverwaltung an der oftchinesischen Eisenbahn mußte an das mandschurische Unterrichtsamt übergeben werden. Tschangtfolin hat weiter angeordnet, die mandschurischen Filialen der sowjetrussischen Staats.bant und der Bank für Handel und Industrie zu ließen. Der Sowjetbotschafter in Beling, Karachan, ist gezwungen worden, China zu verlaffen. Tschitscherin hat bei der chinesischen Regierung protestiert und erklärt, daß die Handlungen der autonomen Regierung der drei chinesischen Oftprovinzen die bestehenden Verträge verlegen und der Sowjetregierung die vertragsmäßig festgelegten Rechte an der Ost chinaeisenbahn nähmen. Moskauer Presse bespricht diese Angelegenheit als einen neuen Verfuch politischer Eintreifung Sowjetrußlands durch kapitaliftische Mächte, namentlich England und Japan. Die Schon im Januar 1926 hat Tschangtsolin Maßnahmen gegen die sowjetrussischen Mandschureibahnbehörden verfügt; man verhaftete sogar den russischen Generaldirettor Iwanoff. Der Konflikt wurde jedoch bald beigelegt. Was nun in der Mandschurei vor sich geht, ist eigentlich nichts anderes als eine Wiederholung und Verschärfung des alten Konflikts um die ost chinesische Eisenbahn, das ist die Fortsetzung der sibirischen Bahn, deren Ausgangspunkt die Grenzstation Mandschuria, deren Endpunkt der russische Hafen WIa diwostot am Stillen Ozean ist. Charbin ift Knotenpunft; von dort aus zweigt füdwärts die chinesische Ostbahn bis Tschangtschun ab. Daran schließt sich die südmandschurische Bahn mit dem Zentrum Muf den und mit dem Endpunkt Port Arthur am Gelben Meer. Die Mandschurei ist fo in zwei Einflußgebiete geteilt: die Nordmandschurei russisch, die Südmandschurei japanisch. Sowjetrußland hat zwar auf alle zaristischen Sonderrechte und Kapitulationen in China formell verzichtet, es hat aber in Wirklichkeit die früheren ruffischen Rechte auf die Bahn, die durch das rein chinesische Mandschureigebiet geht, und die eine Leistung der imperialistischen Politik des 3arismus war, weiter beibehalten. In diesem Sinne hat auch die Sowjetregierung, als Erbin der zaristischen, mit China zwei spezielle Berträge abgeschlossen: am 31. Mai 1924 mit der Pefinger Zentralregierung und am 20. September 1924 mit der autonomen Mandschureiregierung Diese beiden Verträge fußen auf dem Tschangtfolins. chinesisch- russischen Vertrag von 1896 betreffend den Bau und die Ausbeutung der chinesischen Ostbahn. Aus dem Gesagten geht also flar hervor, daß die chinesische Bolitik Sowjetrußlands fich nicht allzuweit von derjenigen Englands, Japans und anderer imperialistischer Mächte unterscheidet. als Nach dem Abkommen von 1924 untersteht die chinesische chinesisch russischen Ostbahn einer gemischten Verwaltung. Da nun schon seit Jahren in der Mandichurei Tschangtfolin unabhängig herrscht, fritt er zumal er 1924 das Abkommen mit unterzeichnet hat der wirkliche Kontrahent der Ruffen auf. Diese seine Stellung ist in letzter Zeit, im Zusammenhange mit der Ausdehnung feines Einflusses in Beting, noch befestigt worden. Er will feine Macht zur Schwächung des russischen Einfluises in der Mandschurei ausnutzen. Dabei stützt er sich aber auf den japanischen Imperialismus, den Rivalen des russischen, wie sich eben andere chinesische Gruppen auf Hiermit erhält also der sowjetSowjetrußland stüßen. russische- chinesische Zwischenfall einen internationalimperialistischen Hintergrund. Troß ihrer theoretischen Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes der Bölfer und des Verzichtes auf russische Sonderrechte in fremden Ländern verbleiben doch die Sowjetleute in der Nordmandschurei, wie es eben die Japaner in der Südmandschurei tun. Nicht weniger als die anderen imperialiftischen Mächte mischt sich Sowjetrußland in die inneren Angelegenheiten Chinas. Die Rolle, die Karachan hier gespielt hat, ist bekannt. Aber nicht alles wird direkt, viel wird durch chinesische Hintermänner getan. Gegenstand der heutigen japanisch- ruffischen Gegenfäße in der Mandschurei ist vorzugsweise die Eisenbahnpolitif der beiden Mächte. Während nämlich die Japaner ihr Eisenbahnneß in der Südmandschurei fortwährend vergrößern, wächst das russische in der Nordmandschurei nicht. Die Japaner find jetzt besonders bestrebt, ihre Eisenbahnlinien in östlicher Richtung zu erweitern und sie mit nordforeanischen Häfen zu verbinden. Sie bezwecken mit diesen nach Osten gerichteten Berbindungslinien einen Teil des Warentransportes von der Nordmandschurei nach ihren koreanischen Häfen anzuziehen. Andererseits sollen die n'a ch Westen gerichteten neuen Verbindungslinten Transporte nach der chinesischen Staatsbahn Beting- Mukden ableiten. In letzter Zeit unternehmen die Japaner auch Eisenbahnbauten in der Richtung nach der Mongolei, dem ausschließlichen Einflußgebiet Rußlands. Die Chinesen sind ihrerseits bestrebt, wenn auch nicht mit großem Erfolg, ihr Land von der Herrschaft sowohl japanischer als auch russischer Eisenbahnen zu emanzipieren. Die Südmandschurei hat eine viel größere Bevölkerungsdichte als die Nordmandschurei. Vor 15 bis 20 Iahren hatte die Mandschurei kaum 3 Millio- nen Einwohner: jetzt zählt sie 20 bis 25 Millionen. Die Neu- siedlungen breiten sich vorwiegend längs der südmandschu- rischen Eisenbahnlinie aus, also in der Einfluhzone der Japa- ner, obschon sie aus Chinesen bestehen. Auch in w i r t- s ch a f t l i ch e r Hinsicht entwickelt sich die Südmandschurei viel rascher. Sie liefert heute Japan große Mengen landwirtschaftlicher Erzeugnisse: Reis, Bohnen, Hirse, Seide usw. Die Nordmandschurei ist bei weitem nicht mit der Süd- Mandschurei zu vergleichen, die wirtschaftliche Rllckständigkeit des Landes vermindert den politischen Einfluß Sowjetruß- lands. Angesichts all dieser Tatsachen erhebt die Sowjet- presse eine scharfe Kampagne gegen Tschangt solin, namentlich aber gegen England und Japan.„Die japa- nischen Agenten in der Mandschurei," schreibt die„Jswestija", „treiben eine allzu provozierende Politik und stoßen damit den Machthaber Mukdens zum groben Bruche des Vertrages mit Sowjetrußland." Die englische Politik bezeichnet die „Jswestija" als eine„politische Einkreisung der Sowjetunion", von den baltischen Ländern angefangen, bis nach der Türkei, Persien, Afghanistan und China. Was die„Jswestija" sagt, trifft allerdings zu. Aber man kann mit demselben Rechte dasselbe auch von der sowjet- russischen Chinapolitik behaupten. Diese ist nicht weniger imperial! st isch und interventionistisch als jene. Der Sache der bolschewistischen Chinapolitit hilft es nicht, wenn Karl Radek behauptete, Rußland verbleibe in der Mandschurei deshalb, weil sich die anderen imperialisti- schen Mächte von dort nicht entfernen. Schon damit stellt er den russischen Imperialismus mit demjenigen anderer Mächte auf die gleiche Stufe. Ob sie im Namen des Imperialismus, des Kommunismus oder der Revolution, ob sie direkt oder indirekt, jede Intervention in fremde Angelegenheiten ist Imperialismus und Annexionismus. Die Inter- essen des Weltfriedens und der wirtschaftlich-kulturellen Ent- Wicklung der chinesischen Bolksmassen verlangen, daß die eng- lische und die japanische Regierung sowohl, als auch die sowjetrussische auf jede Intervention verzichten und dem chine- fischen Bolke selb st überlassen, seine eigene Sache durch eigene Kräfte und Mittel zu regeln. * Karachan erklärte in Schanghai, wo er auf der Heimreise sich zurzeit aufhält: Die Sowjetunion könne sowenig wie im Inlande im Auslande die Bedrückung einer Nation zugeben. Jedoch sei keine Rede davon, daß sie den Chinesen b e- wafsnete Hilfe leisten werde: die Rote Armee sei nur zur Verteidigung der russischen Grenzen bestimmt. Jedoch schwebe die russische Nationalitätenpolitik den Chinesen als Ideal vor. Daß die Sowjetunion der Kantonarmee Waffen und Munition geliefert habe, sei ein böswillig erfundenes Gerücht. Die kommunistische parteiöiskujston. Kampf in der Berliner Organisation. > Am Dienstag hielt die Berliner Organisation der Kommu- nistischen Partei eine sogenannte Stadtdelegiertenkonferenz ab. Ein Referat über die»Probleme des sozialistischen Ausbaus in der Sowjetunion" leitete nach einme sehr dürftigen Bericht der«Roten Fahne" eine längere Diskussion ein. Bon Interesse sind nur die Abstimmungsergebnisse. Nach den Angaben der«Roten Fahne" standen 335 Kandidaten der Mehrheit 392 Mandate der Opposition gegenüber. Bei der Abstimmung stimmten am ent- scheidenden Punkte 896 Delegierte für die Resolution der Bezirks- lcitung und 344 Delegierte dagegen. Die Opposition hat sich gegen- über früher noch etwas verstärkt, sie umfaßt ein reichliches Drittel. Diese Abstimmung ist erfolgt, trotzdem die Opposition jeden lag in der«Roten Fahne" des Parteiverrats und der beabsichtigten Spaltung beschuldigt wird. Eine Resolution, die die Wiederaufnahme von Ruth Fischer und M a s l o w forderte, erhielt etwas weniger, nämlich 276 Stimmen. Alles in allem zeigt dos Ergebnis, wie sehr die«Rote Fahne" im Rechte ist, wenn sie ihren Bericht mit dem Rufe schließt:„Es lebe die r e v o- lutionäre Einheit der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Kommunistischen Internationale." Reichsarbeitsntmister und Achtstundentag. Verbindlicher Schiedsspruch auch für die Seeschiffswerften Der Schiedsspruch für die Hamburger Hafenbetriebe, der am 29. September in Hamburg gefällt ist, ist vom Reichsarbeitsminister heute für verbindlich erklärt worden. Im Tarifstrcik bei den Seeschiffswerft«n ist der Schiedsspruch des Schlichters für Hamburg vom 15. August 1326 vom Reichs- arbeiteminister heute gleichfalls für verbindlich erklärt worden. Der Schiedsspruch, der von den Arbeitern abgelehnt wurde, sieht als regelmäßige Arbeitszeit den N e u n st u n d e n t a g vor. Der Kußmann-Standal. Anfrage im Preußischen Landtag. Im Preußischen Landtag ist folgende kleine Anfrage Leid. Kuttner und Genossen durch die sozialdemokratische Fraktion ein- gebracht worden: Das Strafverfahren gegen Kußmann-Knoll hat eine Reihe schwerer Amtsmißbräuche des früheren Staats- anwaltschaftsrats, jetzigen Landgerichtsrats Peltzer, sowie der Assessoren Kuhmann und C a s p a r y erwiesen, durch welche die Genannten amtsunwürdig erscheinen. An den Aktenschiebungen des Kußmann haben auch Peltzer und Easpary teilgenommen, indem sie dem deutschnationalen Spionage- agenten Knoll amtliche Schriftstücke aushändigten. Peltzer hat dies unter Begleitumständen getan, die sein schlechtes Gewissen deutlich erkennen lassen. Kußmann hat nacheinander und syystematisch den Regierungs- direktor Weiß, den Untersuchungsausschuh des Preu- ßischen Landtages, den Oberstaatsanwalt Tetzlaff, den Unter- suchungsrichter belogen und beschwindelt, er hat sich in zynischer Weise dieses Treibens noch gerühmt. Easpary hat ihm Hilssstellung geleistet und war In die Lügcnverabredungen der An- geNagten Knoll und Kußmann eingeweiht, ohne davon den Unter- suchungsbehörden Mitteilung zu machen. Peltzer hat in erster Instanz unter Cid Wichtiges verschwiegen, wie er das schon vor dem Hoefle-Untersuchungsausschuß getan hat. Er hat namentlich über die ihn belastenden Begleitumstände der Akten- Übergabe an Knoll erst in zweiter Instanz, gezwungen durch in- zwischen bekannt gewordenes Beweismaterial, Mitteilung gemacht. Ich frage an: 1. Wird die Staatsregierung mit aller Beschleunigung gegen Peltzer, Easpary und Kußmann ein Disziplinarverfahren auf Dienstentlassung durchführen? 2. Wird das Staatsministerium nachprüfen, wie weit der Landgerichtsdirektor, frühere Oberstaatsanwalt Linde als Bor- gesetzter der drei Genannten seiner Beaussichtigungspflicht nach- gekommen ist? Steuerfreiheit der Nachtarbeltszulagen. Weitere Vereinfachung der Lohnsteuer. Auf Grund eines Borschlags der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion hat der Reichsftnanzminister jetzt eine weitere Bereinfachung der Lohnsteuer durchgeführt. In einem Erlaß vom 14. September— III e 5400— ist ein neues Verfahren bei der steuerlichen Behandlung der Nacht- arbeitszulagen vorgesehen. Bisher konnten Nachtarbeitszulagen, die in Privatbetrieben ge- zahlt werden, nur auf besonderen Antrag vom Finanzamt im Einzel- fall für steuerfrei erklärt werden. Hierbei mußte das Borliegen be- stimmter Boraussetzungen vom Steuerpflichtigen nachgewiesen und von dem Finanzamt nachgeprüft werden. Diese umständliche Rege- lung b e l a st e t e einerseits die Finanzämter mit einer großen Zahl von Anträgen und hinderte andererseits die Steuer? Pflichtigen oft, ihre Rechte auszunutzen. Wie schon vorher bei den Monteurauslösungen. Heimardeiterzuschlögen und Erstattungen wegen Verdienstausfall forderte auch hier die Sozial- demokratie weitgehende Vereinfachung. Daraufhin hat jetzt der Reichsfinanzmini st er angeordnet, daß Nacht- arbeitszulagen allgemein steuerfrei bleiben sollen. soweit sie den Betrag von 1 M. je Nachtschicht nicht übersteigen. Da in der Regel keine höheren Nachtarbeitszulagen gezahlt werden, ist damit ihre Steuerfreiheit größtenteils durchgesetzt. Für die p r a k t i s ch e Durchführung der neuen Vorschrift zu sorgen, wird vor allem Ausgabe der Betriebsräte und G e w e r k- schaftsfunktionäre sein. Erst dadurch kommt den Arbeitern eine Steuerbefreiung wirklich zugute, auf die sie schon lange einen gesetzlichen Anspruch hatten. Die Neuregelung bringt einem großen Teil der Arbeiterschaft eine weitere Ermäßigung der Steuer, während sie gleichzeitig den Lohnabzug in einem wesentlichen Punkte ver- elnfacht. Hakenkreuzler als Crwerbslosenführer. Feststellungen zum Brcslnuer Zusammenstoß. Breslau. 29. September.(Eigener Drahtbcricht.) Einer der Führer der Erwerbslosendemo st ration, die kürzlich in Breslau zu so traurigem Blutoergießen führte, wurde unmittel- bar nachher von kommunistischer Seite damit entschuldigt, daß er noch nicht lange in der linksradikalen Bewegung stehe und b i s v o r kurzem Stahlhelmmann gewesen sei. De'r Erwerbslosen- „Führer" namens B r o d d e bestritt das ganz energisch. Unser Breslauer Parteiblatt stellt aber jetzt fest, daß Brodde vor einigen Iahren wegen hatenkreuzleri scher Ausschreitungen bereits einmal öffentlich festgestellt und bestrast wurde. Er war damals oberschlesischer Selbstfchutzmann und verteidigte sich mit seinen rechtsradikalen Uebcrzeugungen. Notftandsaktion für den Gften. SS Millionen Mark angefordert. MTB. meldet: Um den dringlichsten Notständen in den öst- lichen Grenzgebieten Preußens möglichst schnell abzuhelfen, hat die Reichsregierung in der gestrigen Kabinettssitzung beschlossen, dem Rcichsrat und Reichstag einen Nachtrag zum Haushalt des Reichs- Ministeriums des Innern vorzulegen, in dem 32 Millionen Reichs- mark für bestimmte kulturelle und wirtschaftliche Aufgaben in den Ostgebieten angefordert werden. Der Derwendungriplan ist im Ein- vernehmen mit der preußischen Staatsregierung ausgestellt worden. Die Mittel sollen noch in diesem Rechnungsjahr zur Verwendung kommen._ Hilfe für vertriebene Siedler. Der Reichstagsausschuß für schleunige Maßnahmen. In der gestrigen Sitzung des Reichstags-Sonderaus- schusses für das Siedlungswesen wurden die Hilfs- maßnahmen für die vertriebenen Ansiedler be- sprachen. Dabei ergab sich, daß das Reichsfinanzministerium die nötigen Mittel zur Berfügung gestellt und daß vom Reichsarbeits- Ministerium ebenfalls die nötigen Dereinbarungen zur schnellen Durchsetzung dieser Hilfsmaßnahmen getrofsen worden sind. Ossen- bar sind aber, wie aus den Erörterungen im Ausschuß hervorging, im Vollzuge noch erhe.bliche Verzögerungen ein- getreten. Der Ausschuß war einmütig in dem Wunsche, daß die Reichsregierimg in enger Verbindung mit der preußischen Regie- rung aus jede nur mögliche Beschleunigung der Hilfs- maßnahmen hinwirken möge. Er hält es ebenso einmütig für richtig, daß in den einzelnen Bezirken Kommissionen ge- bildet werden, in denen auch die Ansiedler vertreten sind und die die erforderlichen Hilismaßnahmi n feststellen. Außerdem wurde über den Stand der� Siedlungsarbeit ge- sprachen, soweit sie vom Reich aus mitfinanziert wird. Es wurde dabei festgestellt, daß von der Reichsregierung olles Erforderliche getan worden ist, insbesondere bezüglich der t-surverfügungstellung der benötigten Gelder durch das Reichsfinanzniinisterium, und daß gegenteilige Mitteilungen, wie sie letzthin mehrfach laut geworden sind, nicht den Tatsachen entsprechen. Polizei. Von Hermann Schlltzknger. Die Polizei hat bis in unsere Tage hinein immer ein wenig im Geruch des Büttels und des Henkers gestanden und etwas roch ihr Kamifol immer noch nach Kommiß, Alkohol und Sergeantenton— wenigstens in der Unterschicht des Proletariats. Nun stehen die Besuchermassen der Reichshauptstadt vor dieser Ausstellung, dieser „Mustermesse" der. Polizei und staunen In«in« ihnen bisher völlig fremde, ganz eigenartig« Welt hinein. Es»st, wie wenn dies« zehn- tausend Polizeibeamten, die aus allen Polizeirevieren der Welt heraus an diesem Werk mitgeschafst haben, plötzllch durch den elektrischen Schlag, den ihnen«in sozialistischer Polizeiminister mitteilt, von aller Beamtenschwer« erlöst und zu frei schaffenden Künstlern gemacht worden wären. Eine geistige Funkwelle vom Sender eines vom Proletariat emporgehobenen Ministers— und der Sargdeckel der Paragraphen und des Alltagstrotts löst sich von einigen tausend korrekter, scharf abgezirkelter Beamter und reißt sie mit fort w das Reich der Satire und der Selbstironi«! Ein frohes Lachen und«in Schuß Lebensphilosophi« liegt über dem ganzen Werk. „Polizei und Humor!" Wie sie daherstelzen, diese Polizei-Silhouetten, ihr« Revier«, Richtstätten und Schloßwochen im 5?intergrund, mit mächtigen Hüten und steifen Troddeln, mit würdigen, auswattierten Röcken und riesigen Schwertern. Selbst der Schuporekrut von heutzutage und der Monokelleutnant fehlt nicht dabei! Miesmachen gilt nichtl Alles lacht dazu! „Mord!" Ein schwarzverkleideter Querbalten schiebt sich drohend über unser« Häupter. Man duckt sich scheu und weiß nicht recht, tut sich jetzt eine pompöse Tragödie oder ein tolle» Satyrspicl auf. Gewiß, das Thema ist ernst. Man schaut in die Tiefen der Mensch- heit: der Rock des Massenmörders Angerstein mit seinen blutigen Flecken hängt so greifbar und so nahe vor»ms, daß uns das Lachen vergeht. Und doch dauert die Düsternis der Mordatmosphäre nicht allzulang. Da erklärt uns ein Beamter das Zimmermodell des Massenschlächters Großmann, deutet auf einen Bogelbauer und sagt: „Diesen Kanarienvogel hat uns Großmann bei seiner Derhaftung noch besonders ans Herz gelegt!" Ein befreiendes Lachen braust über die„Mord-Abteilung" hinweg. Oder: Das Diorama eines Raub- mordes im Wald. Zwischen den Düschen liegt die schrecklich ver- stümmelte Leiche. An den Wänden aber dudelt und pfeift in den Schaukästen der Jahrmarkt des Lebens: Berg« voll Anzeigen türmen sich auf:„Die Nachbarin, die immer alles schon seit Wochen voraus- gesehen hat—".„Der Hellseher, der nie versäumt anläßlich des Mordes für sich Reklame zu machen."„Der übliche Schwachsinnige, der die Geduld der Polizei stundenlang zerreibt!" Di«„Hinrichtung I" Gleich vier Guillotiniermaschinen stehen da in tadelloser Aussühning, mit dem Fallbeil, dem Richtblock, dem Sack für den Kopf und was fönst noch dazu gehört. Direkt«in- ladend! Ein kurzes„Schwapp!" und du bist weg. In feiner Ironie aber haben die Aussteller gleich die mitlelaltcrliche Konkurrenz des modernen Scharfrichters daneben gestellt: mächtige Schwerter zum Köpfen, Galgen zum Hängen, Zangen zum Zwicken, Seile zum „strecken" xmy Reklame für die Todesstrafe ist das gerode nichts Die„Sexualnot unserer Zeit!" Sie hat zwar lediglich ln der geschlossenen Abteilung ihre Vertretung gefunden, wirkt aber gerade dort auf den Polizisten und Journalisten, der doch die Schlag- schatten des Lebens berufsmäßig kennt, in dieser ungeschminkten Auf- machung, geradezu erschütternd. Ein Schrei der Not plärrt aus diesen gequälten Präparaten, aus diesen verstümmelten und ver- wachsenen Genitalien, und gebietend mahnen die Zifsern an den Wänden:„Seht her! Der Alkohol!" Beim Verlassen der Ausstellung fällt mein Blick zufällig auf ein« Wanddorstellung der Polizeidirektion München über die polizeiliche Absperrung beim Oktobersest: Mächtige Bierbanzen, rund« Pferde und Devndln, beleibte Schutzmänner und darüber«in Dunst von gebratenem Fleisch und Bier. Der neuest« Simplizissimuswitz der„Ottoberfest-Nummer" fällt mir ein von den„Oktoberfestkindern", den„Faschingsliedcrn" und dem„Startbierbankert", allesamt im Suff erzeugt! Mein Gott— zwei Welten scheiden sich dal Hier der Wiesen- zauber von anno dazumat, zwischen den Schutzmannstolossen mit der Kgl. bayerischen Pickelhaube der damalige„Polizeiherr", den man ruhig zum„Anzapsn" an den nächsten„Bierbanzn" hätte stellen kämen, der Herr von Kahr— und da der sozialistisch« Polizeiminister mit den Arbeiterhänden und dem seinen Gelehrtenkopf, der sein« Polizeiausstellung emleitet mit dem Friedsnshymnus von Jacob Kneip:„Gotts Laß den Menschen nicht wieder sinken zum Tiers" Am zweiten Autorenabend der Volksbühne las Arthur H o- l i t s ch e r aus seinem demnächst erscheinenden Werke„Das un- ruhige Asien". Holitschcr ist kein deutlicher Sprecher: es ist an- strengend und mühevoll, ihm zu solgen, und es war zumindest be- greiflich, daß der Wunsch laut wurde, künftig von sprachlich Geschulten die Werte des betreffenden Autors vorgetragen zu hören. Das majj nun zwar in vielen Fällen gehen und sogar gut und richtig sein: diesmal aber wäre es unmöglich gewesen. Denn nicht auf den Schriftsteller Holitscher kam es an— den hätte ein geübter Rezitator gewiß zur eindrucksvolleren Wirkung gebracht—, sondern auf den Menschen, der ein Jahr lang in Asien umherreiste und überall Menschen begegnete, die er lieben tonnte. Und von dieser Liebe konnte nur Holitscher selber sprechen, mit kleinen, untermalen- den Gesten, mit einem leisen Erinnerungslöcheln und mit sehr großer Güte. Hier hätte auch der beste Dorleser einen falschen Klang hin- eingebracht, wenn ihm das eigene Wissen und Erleben gefehlt hätte. Bor allem aber wäre er an das Wort gebunden gewesen, von dem Holitscher sich frei fühlle. Er schob kleine, erläuternde Sätze ein, und oft war man nickt ganz sicher, ob er schon wieder vom Manu- skript las oder nicht. Denn Holitscher entwickelte gar keinen Autoren- ehrgeiz. Nicht sein Buch, sondern das große Erlebnis, das ihm diele Reise bedeutete, wollte er den Hörern mitteilen, das Asien wollt« er ihnen zeigen, das sich in seiner Seele gespiegelt hatte. Und dieses Asien ist ein großes Wunder und doch ohne Fremdheit. Holitscher sieht die Länder durch die Menschen, die so verschieden und doch so gleich find, und er liebt die Länder, weil er die Menschen liebt, und fühlt sich ihnen fremd und oertraut, so wie er zu gleicher Zeit den Menschen fremd und vertraut gegenübersteht. Es war keine laute Stunde, die mau im Bürgerjaaldes Rathauses erlebte, aber es war eine Swnde ohne falschen Klang, von einer stillen, leuchtenden Eindringlichkeit. Tan, und Gymnastik. Im Blüthnersaal tanzte P v o n n e Ge o r g i. Zum Lobe ihrer unvergleichlichen Kunst ist heute nichts mehr zu sagen. Neben der Polucca die größte in der jungen Generation. Jene gipfelnd in wuchtiger Krastentfaltung, diese in beschwingter Leichtigkeit. Die Technik beider schlechthin vollkommen. Bewundernswert bei der Gcorgi vor allem die Aktion der Beine. Die Kompositionen seltsam sprunghast, oft ohne Uebergänge. Pseil- schnell schießt sie aus der Kulisie. Wirbelt roie ein Tornado über das Podium. Arme sausen, Haar« fliegen. Phantastische, exotische Leidenschaft. Dann, plötzlich: Müdes Gleiten. Knicken der Linien. Sinken, Zusammensalten. Oder: Sanfte, weiche Wellen ranken sich, schlängeln sich, züngeln, aus und nieder. Plötzlich: Die wogenden, springenden Fluten erstarren; in Verzauberung steht ein lichter Kristall da. Da» Ganze ein prasselndes, blendendes Feuerwerk, das uns nicht zur Besinnung kommen läßt. Dabei nie der Eindruck gewollter Essektmache. Sie tanzt sür sich, tanzt, weil sie muß, lebt in ihren Tänzen. Ebenfalls im Blüthnersaal eine Aufführung der Bode- Schule. Die Werte des Bodeschen Systems liegen aus dem Ge- biet gymnastischer Körperbildung. Ziele: Befreiung des Leibes von naturwidriger Verkrampfung und Herausarbeiten des lebendigen Rhythmus der Bewegung im Gegensatz zum drillinäßlgen metrischen Tatt. Die ousdrucksgymnaftsichcn Vorführungen der Gruppe, die den ersten Teil des Programms bildeten, brachten Bcwegungs- motioe, Schwünge, Beugungen, Stöße, die für künstlerische Ge- staltung zu nützen wären. Aber diese Gestaltung mißlingt. Die wertvollen Elemente schließen sich nicht zu tänzerischen Organismen zusammen. Gang, Lauf und Sprung sind ungepflegt. Den Kam- Positionen—«Die Steppe",„Nackt und Morgen"..Walzer"— mangelt Ausbau, Gliederung und Stusung. Das Ganze bleibt eine rein gymnastische Angelegenheit. Bewundernswert lediglich das rein Technische, die Sauberkeit und Präzision der Arbeit. I. S. Ein Sieg der Bildungsdemokrafie. Die zürcherische Schul» synode, das demokratische Parlament der Lehrer und Professoren aller Schulgattungen des Kantons Zürich, hat mit 646 gegen 21 Stimmen die Hochschulbildung der Bolksschullehrer sür das neue Schulgesetz beschlossen. Dieser Beschluß ist denkwürdig als ein Sieg der Dildungsdemokratie, und er ist interessant deshalb, weil der erste Berichterstatter der Lehrerschaft, Realiehrer Huber, Sozial- demokrat ist, ebenso der Hauptredner in der Diskussion, Prosessa? Robert Seidel, der bekannte Sozialpädagoge und Dichter, dc älteste Mitglied der 1. und 2. Arbeitcrinternationale in der Schw- Hock- und Zvkber-Aaislcllunz In hn 5saakb bliockek. Die Drcv TtcatZbibliolbek vcranslallet au??lnlas, de«?ach-neste« in Idrem gros,» Sckanlaale eine Ru«s!ellung der wickitgilen Lligiiml-Handickriflen Iodan- Sebastian Bach« und ieiner Söbne sowie in dem lleinen Schaulaal« eine AuSilelluug von Original-Handschrlslen Carl Maria von Dcbcr«. Beide Ausstellungen sind vom 1. bis Ii. Oktober von 1l bis 3 Uhr unent» g e I t l t ch geöffnet. ZUuflk-Abeade im.Sfam'. In der Kunstausstellung«Der Sturm', Poi-idamcr Siratze 134 a, finden während der ganzen Saison an jedem Freitag— beginnend mit JJreitog, den 4. Oktober. abdZ. S Uhr— regelmäßig Musikabende statt. Tie Mitwirkenden dieses ersten Abend» sind Slgne» kS«nbach-(«lt). Sva He i n i tz tCellHmndDr:�.'Ernst«So l f sOU-vter). Rutsch-litauischer Vertrag. Friedenspolitik und diplomatische Intrigen. Das Beispiel von Locarno macht nunmehr in Osteuropa Schule. Nach monarelangen Verhandlungen der Sowjetunion mit den baltischen Staaten wurde gestern in Moskau ein russisch-litauischer Verlrag geschlossen. Er ist der Form nach ein Nichtangrifss- Pakt ähnlich wie der Rheinpakt, enthält also die Verpflichtung, keinerlei aggressive Handlungen gegeneinander vorzunehmen. Er ist zugleich ein Ncutralitätsvertrag, ähnlich wie der „Berliner Vertrag" Deutschlands mit der Sowjetunion, mit der Ver. xflichtung, einen Angreifer gegen einen der beiden Vertragsstaaten nicht zu unterstützen. Aehnlich wie bei dem Berliner Vertrag enthält ' ein hinzugefügtes Schreiben die Feststellung, daß Litauens Pflichten 1 als Bundesvolk gegenüber dem Völkerbund nicht aufgehoben würden. Die bei dem Berliner Vertrag ist«ine Schiedsklausel in den Vertrag aufgenommen, die die friedliche Schlichtung der Streitfragen vorsieht, die diplomatisch nicht erledigt werden können. Seiner Ideologie nach gehört dieser Vertrag also in die ständig wachsende Zahl der modernen gegenseitigen Sicherungsverträge. Sein Inhalt ist denkbar entgegengesetzt der militaristischen Sich«. rungsweise durch Bündnisabkommen und Militärkonventivnen, wie sie in der Vorkriegszeit fast ausschlietzlich üblich waren. In diesem Sinne ist der Vertrag ein neuer Beweis dafür, wie völlig die russische Außenpolitik, im Gegensatz zur Komintern, ihre ursprüngliäien revolutionären Ziele aufgegeben und sich mit der Existenz der bestehenden Staaten abgefunden hat. Das im Berliner Bertrag schüchtern angekündigte Bekenntnis zum Schieds gedanken wird widerholt. Die These, daß das kommunistische Rußland keine Schiedsverträge mit kapitalistischen Staaten abschließen könne, weil es keine Schiedsrichter zwischen„Himmel und Hölle" gäbe, wird anscheinend völlig verlassen. Dennoch enthält der Vertrag eine Bestimmung, die zwar durch- aus in feiner pazifistischen Gesamllinie liegt, dabei ein« Spitze gegen einen dritten Staat enthält. Ein endgültiges Urteil wird sich zwar erst fällen lassen, wenn der Wortlaut des Vertrages bekannt ist. Aber auch die bisher schon bekannt gegebenen Einzelheiten besagen, daß die Sowjetunion das litauische Gebiet nicht in dem heutigen Umfang« garantiert hat, sondern daß die„Sowjetunion an ihrer bisherigen Auffassung in der Wilnafrage" festhält. Damit hat Moskau zwar nicht militärisch, aber diplomatisch-politisch gegen Polen Stellung genommen. So wird die polnisch-russisch« Spannung verschärft. Jedoch bemüht sich die Moskauer offiziöse Presse, die Erregung, die sie in Warschau voraussieht, im voraus zu dämpfen. Im Augenblick herrscht in Moskau über den„Erfolg" Tschitscherins eitel Jubel und Freude. Nachdem die Politik, Deutsch- land aus dem Völkerbünde fernzuhalten, gescheitert ist, braucht Tschitscherin Erfolge. Aber es ist die Frage, ob nicht die Freude durch die Rückwirkung auf Warschau vergällt wird. Jedoch scheint der Wortlaut des Vertrages zweideutig genug zu sein, um es der Sowjetdiplomatie zu erlauben, Polen zu versichern, daß der Vertrag ihrer Auffassung nach, nicht das erstrebte, was die Litauer i ihn hineindeuten— ein« Garantie Wilno» für Litauen. Da» ließt nicht aus, daß sie den Litauern das Gegenteil oersichert ad die Litauer dies glauben. Um Litauen zu dem Vertragsabschluß zu„verleiten", veran- .iltete Moskau vor zwei Monaten einen ungeheuren Lärm über ?rmeintliche polnische Angriffsabsichten. Im offenen Gegensatz zu en diplomatischen Jntriguen ällestcn Stils, die ihm vorangegangen sind, steht Inhalt und Ideologie des neuen Dertragswcrkcs. Segegnung Chamberlain-Muflolini. „Ein Höflichkeitsbesuch." London. Z0. September.(Eigener Vrahlbcricht.) vi« an- iekündigie Begegnung zwischen TNussolini und Chamberlain wird voraussichtlich im Lause des Donnerstag, in Eivita vecchia. dem Kricgshafen Rom», auf der Zacht Chamberlain» statlsinden. Die Unterredung ist von Mussolini angeregt worden. * London. 30. September.(TU.) Der diplomatisch« Korrespondent de» i.Daily Telegraph" bezeichnet die heutige Zusammenkunft »wischen Mussolini und Ehambcrlain als einen Höflichkeit?- z e s u ch. Es sei für den britischen Außenminister unmöglich, sich mit irgendwelchen Problemen zu befassen, ohne vorher das eng- tische Kabinett befragt zu hoben. Auf der anderen Seite sei damit >u rechnen, daß Mussolini gewisse gemeinsame Interessen m Mittelländischen Meere und besonders die Tangerfrage an- chnciden werde. Es fei sicherlich kein Grund vorhanden, weshalb lhamberlain nicht versichern sollte, daß Großbritannien dein italieni- chen Wunsche auf angemessen- Vertretung in der T a n g e r z o n e y dm p a t h i s ch gegenüberstehe. Frankreich und Spanien seien chießsich nicht die einzigen Mächte, die an der strategischen Schlüssel- stcllung am westlichen Eingang zum Mittclmeer ein Interesse hätten. �eeriot will öen Parteivorsitz niederlegen. Ter Kampf um seinen Bürgermeisterposten. Pari». 30. September.(Eigener Drahtbericht.) Die„Ere Nou- velle" bringt am Domierstagmorgen die sensationelle Nachricht, daß Herriot fest entschlossen sei, die L e i t u n g der Radikalen Partei niederzulegen. Herriot habe bereits seine Freunde und den Parteivorstend von seiner unwiderruflichen Absicht in Kenntnis gesetzt, auf d«m Radikalen Parteitag, der voin 14. bis 17. Oktober in Bordeaux stattfindet, eine Verlängerung seines Amtes oder ein« Wiederwahl rundweg abzulehnen. In der Eröffnungs- sitzung des Parteitages werde er seine Gründe öffentlich darlegen. Eine Kandidatur für die Nachfolgerschaft Herriot» in der Partei- leitung ist noch nicht aufgestellt. C a i l l a u x, an den man heran- getreten sei, habe verzichtet, um eine Spaltung der Partei zu ver- hüten. Im übrigen werden für den Posten genannt: Malvy, Dalladier. Renault und C h a u t e m p s. Paris. 30. September.(Eigener Drahtbericht.) In der Stadt- verordnetcnverfammlung von Lyon wurde Herriot von der sozia- listischen Fraktion aufgefordert, sich darüber zu äußern, wie er sein Amt als Bürgermeister einer Stadt mit sozialistischer Mehrheit und sein« Teilnahme an der Regierung P o i nc a r 6 rechtfertigen wolle. Herriot lehnt« es ab, in öffentlicher Sitzung zu antworten. Es wurde darauf eine neue Sitzung unter Ausschluß der OeffeMlichkeit abgehalten. Der sozialistische Stadtverordnete Abg. R o g n o n erklärte, daß Herriot gegen den Willen einer offenkundigen Mehrheit sich hinter gesetzlichen Bestimmungen verschanze, um im Amte zu bleiben. Das sei ein antidemokratisches Verhalten. Herriot führte die von ihm bereits mehrfach geltend gemachten Gründe dafür an. Ein Beschluß wurde auch diesmal nicht gefaßt. Eine zahreiche Menge erwartete draußen das Ergebnis der geheimen Sitzung. Es kam zu Demonstrationen, so daß die Polizei genötigt war. die Manifestanten zu zerstreuen. Die Aufklärung öes �uwelenraubes. 2onja, die Geheimnisvolle. Zur weiteren Ausklärung des großen Juwelenraubes i» der Tauentzienstraße sind noch gestern abend die Kriminalkommissare Trettin und Werneburg nach Breslau gefahren. Es besteht immer noch der Verdacht, daß Spruch den verwegenen Streich nicht mit der geheimnisvollen Schauspielerin Sonja Igniatew, sondern mit dem Matrosen Hermann und dem Schmiede- Paul, wahrscheinlich einem LI Jahre alten aus Niedcrhof bci Breslau gebürtigen Paul Ger lach ausgeführt hat. Spruch blieb aber auch gestern abend in einem langen Verhör dabei, daß diese beiden an der Tat selbst nicht beteiligt seien. Wohl hätten sie seinen Plan und auch den Loden, dem er nach den letzten Entschlüssen galt, gekannt. Sie hätten sich auch beteiligen wollen, im letzten Augenblick aber den Mut ver- l o r e n. Die Sonja bezeichnet er als ein Mädchen, das einen großen Eindruck auf ihn gemacht habe. Er sei oft mit ihr zusammen gewesen, habe nie ihr« Wohnung erfahren können, so sehr er sich auch darum bemüht Hab«, sei es ihm nie geglückt. Sonja habe ihr« Wohnung nicht verraten. Er habe sich mit ihr stets nur in der Gegend des Oranienburger Tores aeirosfen. Die Kriminal- Polizei hat nun die ganze vergangen« Nacht hindurch nach ihr gesucht, auch in den Lokalen der Halbwelt, in denen sie verkehrt haben soll. Auch jetzt sind wieder die Streifen unterwegs. Fest- gestellt wurde, daß eine Schauspielerin Sonja Igniatew nirgends gemeldet ist. Sie ist auch sonst mit der Polizei noch nicht in Berührung gekommen. Es hat sich auch bisher niemand gefunden, der sie kennt. Die Kriminalpolizei versucht weiter, das noch völlige Dunkel, das sie umgibt, z» lichten. Sie soll, wie früher schon gesagt, im April 1905 in Warschau ge- boren, etwa 1,50 Meter groß, also nur klein und von Gestalt unter- setzt sein. Ihr Haar kann Spruch der Farbe nach nicht genau be- zeichnen. Die Sonja soll es im Herrenschnitt tragen, der die Ohren freiläßt. Diese pflegt sie mit großen unechten Perlen zu schmücken. Zuletzt trug Sonja ein schwarzes Kostüm und einen schwarzen Samthut. Wer über dieses Mädchen, insbesondere auch über die Berliner Wohnung, etwas weiß, wird ersucht, sich bei Kriminal- kommissar Zapfe im Polizeipräsidium zu melden. Nach G e- lingen des Raubes hielten sich Spruch und Sonja noch mehrer« Stunden im Kadewe auf, bis es ihnen pelang, nach der Passauer Straße zu, nicht durch den Neubau, hinauszukommen. Sie begaben sich nach der Wohnung Sonjas, einem Pensionat, dessen Lage sich Soruch, wie er sagt, nicht mehr erinnern kann. Hier begann das Mädchen sofort mit der Sondierung der Beute, von der es den größten Teil an sich nahm. Weil Spruch an barem Kelde nur die letzte Arbeitslosenunterstützung belaß, so bestand der Zwang, von der Beute wenigstens einige Kleinigkeiten zu ver- kaufen. Wo das geschehen ist, weiß man noch nicht. In Berlin trauten sie sich nicht, größere Stücke anzubieten, weil olle schon öffentlich beschrieben waren. Hier fühlten sich die Räuber auch sehr unsicher. Deshalb fuhren sie am Montag abend um 8 Uhr mit dem O-Zug nach Breslau, wo sie in der Nacht um 2 Uhr ein- trafen. Spruch kehrte in einem Hotel ein, während Sonja nach Warschau weiter fuhr. Sie sollte ihm die Wege über die Grenze ebnen. Für den Uebergang war eine Stelle ver. abredet worden. Wenn der schwarze Grenzüberschritt Spruch dort nicht gelingen sollte, so wollte Sonja, durch sein Ausbleiben an der verabredeten Stelle unterrichtet, nach Kattowitz kommen, um von hier aus eine geeignete Stelle zu suchen. Spruch war jedoch gezwungen, auch in Breslau etwas von seiner Beute zu Geld zu machen. Dazu wählte er einen sckönen B r i l l a nt r i n g, den er einem kleinen Juwelier anbot. Dieser benachrichtigte heimlich die Kriminalpolizei. Sa faßte man den Räuber und vereitelte alle Reisepläne. Bei ihm und in seinem Hotelzimmer fand man weitere Beutestücke. Salzsäure statt Kochfalzlösunp� Folgenschlvere Verwechselung in einem Krankenhaus. Ein mysteriöser Fall, dem ein acht Jahre alter Knabe namens Kurt R a f f t e c aus der Blumenftr. 4 im Spandauer Krankenhaus zum Opfer fiel, beschäftigt augenblicklich zwei Berliner Gerichtsärzte. Das Ergebnis der Sezierung des Kindes, das wahrscheinlich durch eine Verwechslung einer Jnjek- tionslösung den Tod fand, ist bisher noch nicht bekannt ge- worden. Kurt R., der auf einem Laubengcländc spielte, sah einem Laubenkolonisten beim Teeren seines Daches zu. Das Kind stolperte so unglücklich, daß es in den Kessel mit kochendem Teer stürzte und lebensgefährliche Brandwunden erlitt. Es wurde in das Spandauer Krankenhaus eingeliefert, wo es eine Injektion erhielt, aber kurz nach der Einliefcrung starb. Das schnelle Hinscheiden des oerun- glückten Knaben ließ den Verdacht einer Verwechselung der Jnjek- tionsflüssigkeit auftauchen. Die Staatsanwallschaft würde benachrichtigt. die den Fall untersuchte. Di« Leiche wurde obduziert, doch ist bisher ein einwandfreies Ergebnis der Obduktion noch nicht be- kannt. Es besteht die Vermutung, daß dem Kinde zur Erneuerung des Blutes eine Kochsalzlösung cingespritzr werden sollte; aus irgendeinem Versehen wurde aber die Injektion mit Salzsäure vorgenommen, die tödlich wirkte. Wer an dieser tragischen Ver- wechslung Schuld trägt, konnte alcichsalls noch nicht geklärt werden; angeblich soll eine Pflegeschwester das Mißgeschick gehabt haben. Ungeheizte Tchnlftuben. Man schreibt uns: Wer bei der gegenwärtigen Uebergangszeit zum kühlen Herbst gezwungen ist, sich längere Zeit stillsitzend in ungeheizten Räumen aufzuhalten, ist der größten Gefahr einer schlimmen Erkältung ausgesetzt. Trotzdem lögt der Berliner Magi- strat in den Volts schulen noch nicht heizen; er denkt wohl, da jetzt Ferien eintreten, kommt es auf die paar Tage nicht an. Ob er in den höheren Schulen d-ejelbe Sparsamkeit übt. ist uns nicht bekannt. Wir können nur allen Eltern, deren Kinder sich nachweislich in diesen Tagen eine Erkältung wegen der ungeheizten Schulräume zugezogen haben, und ebenso den betroffenen Lehr- trösten raten, den Magistrat wegen der Arztkosten in Anspruch zu nehmen und ihn zur strafrechtlichen Verfolgung wegen fahrlässiger Körperverletzung bei der Staaisonwaltschaft zur Anzeige zu bringen. Wenn er auch mir einmal zur Tragung der Arztkoften verurteilt sein wird, wird es ihm zum Bewußtsein kommen, daß das Nicht- heizen der Schulräume«ine übel angebrachte Sparsamkeit ist. Kleingärtner und Volkspark Rehberge. Am Mittwoch abend veranstaltete der Kleingarten-Be- zirksverband W e d d i n g ein« Protestkundgebung in den Pharussölen, Müllerstraße, mit der Tagesordnung:„Was tut der Magi st rat für die zu räumenden Kleingärten Groß-Berlin»?" Der Referent des Abends, der erste Vor- sitzende des Provinzialosrbandes der Kleingärtner, R e i n h o l d, führte u. o. aus, daß der Anlaß zu dieser Versammlung die K ü n- digung der Kleingärtner in den Kolonien an den Reh- bergen ist. Das Bezirksamt Wedding hat 40 Kleingärtnern, die an der Windhuker Straße ihre Laube haben, die Kündigung zu- geschickt. Als Grund dafür ist angegeben, daß das Gelände zum Voltspark Rehberg« gebraucht wird. Auf eine Eingabe an das Bezirksamt ist die Antwort eingegangen, daß an dem Beschluß, der auch vo,, der Bezirksoerordnetenoersainmlung gutgeheißen war- den ist. nichts geändert werden kann: für die gekündigten Kleingärtner wird in Reinickendorf Gelände be. r e i t g c st e l l t. Weiter teilte Relnhcld mit, daß die Kündigung von weiteren 330 Kleingärtnern in Aussicht genommen ist; auch für diese wild, wie das Bezirksamt mitteilt, Gelände be- reitgestellt. Nach einer lebhaft geführten Diskusston wurde eine Entschließung angenommen, in der gegen die Kündigung der Klein- gärtner protestiert und betont wird, daß Ersatzland im Dezirk n i ch t m e h r vorhanden ist. Nachspiel zum Prozeß öer Gräfin Bothmer. Ter»lcineidige Zeuge Stange. Der Fall der Gräfin Bothmer spukt noch immer in der Oefsrnt- lichkeit herum. So hatte sich heute vor dem Landgericht I der berüchtigte Stange zu oerantworten, der sich erboten h itt«, gegen Bezahlung die Schuld der Gräsin Bothmer auf sich zu nehmen. Der Fall selbst dürfte noch teilweise in der Erinnerung sein. Die Gräfin war wegen eines Diebstahls in Polzin angeklagt. Da erschien bei ihr eines Tages, kurz vor der Hauptverhandlung,«tauge, der unter einem Hauptmann v. Bothmer gedient hatte, in der Hoff- nung, bci seinem früheren Hauptmann Unterstützung zu erhalten. Die Gräfin Bothmer, Schwägerin des verstorbenen Hauptmanns, ließ sich mit dem Manne in ein Gespräch ein, wahrend dessen Ver- laufes Stange Polzin erwähnt haben will. Die Gräfin warf ein, daß ihr gerade ein Diebstahl in Polzin zur Last gelegt werde. So wurde das Geschäft perfekt. Stange erhielt außer Likören und Zigaretten nach und nach 80 Mark und außerdem des Per- sprechen, nach günstiger Erledigung der heiklen Angelegenheit noch mit einer größeren Summe entschädigt zu werden. Auf Antrag de» Staatsanwalts wurde Stange von dem Richter Berlin-Mitte ver- eidigt: Seine Selbstbezichtigung schien den Behörden verdächtig. Er bekundete unter seinem Eide, mitderGräfinüberPolzin nicht gesprochen und von ihr kein Geld empfangen zu haben. Am ersten Tage der Hauptverhandlung wiederholte er sein« Selbstbezichtigung. In die Zelle zurückgeführt, kamen ihm jedoch Bedenken, er ließ sich am nächsten Tage dem Staatsanwalt oorsühren und widerrief hier seine Aussagen. Darauf wurde gegen ihn das Verfahren wegen Meineids eingeleitet. Stange, mit aufgezwirbeltem Schnurrbart a la Wilhelm II. frisiert, war geständig und erklärte, seine Tat zu bereuen. Der Staats- anwalt plädierte selbst für Milde und bat, den 8 158 StGB, anzu- wenden, der bei zeitigem Widerruf einer meineidigen Aussag« die Strafe bis zur Hälfte oder bis zu einem Viertel zu verringern gestattet. Hervorzuheben ist, daß der Staatsanwalt durchblicken ließ, daß er die Vereidigung des Stange durch den Richter wie auch den entsprechenden Antrag der Staatsanwaltschaft sür unzulässig halte. Stange sei damals unter allen Umständen der Begiinstigung dringend verdächtig gewesen. Der Antrag des Staatsanwalt» lautete auf neun Monate Gefängnis. Das Gericht verurteilte den Angeklag'm nach längerer Beratung zu einem Jahr« Gefängnis. Der Weil zur �freien Schulqemeinde. Am Montag abend hielt die Frei« Schulgemeinde Prenzlauer Berg im Ledigenheim, Papvelallce, eine Werbe- Versammlung für die weltliche Schule ab, die ichr gut besucht war. Genosse Rektor Schulz, der dos Referat hielt, wies in seiner Rede aus das starke Anwachsen der Bewegung sür die weltliche Schule hin und betonte, daß es jetzt hoffentlich auch bald gelingen wird, in dem Arbeiterbezirt Prenzlauer Berg die weltliche Schule zu errichten. Wir brauchen die weltliche Schule, und wir Sozialisten kämpfen für sie und werden sie, des sind wir uns gewiß, noch erringen, denn allein sie bietet uns die Gewähr, daß die Kinder frei von jedem Zwang erzogen werden. Wir täuschen uns nicht über die Macht der Gegner, wir übersehen auch nicht, daß letzt mehr denn je die religiösen Kreise darauf binarbeiten, die Schule wieder ganz der geistlichen Oberaufsicht aus- zuliefern. Die schulpolitische Reaktion zieht ihre Kreise, sie ist über- all am Werk, das Errungene wieder abzubauen. Uns genügen auch nicht die Forderungen der bürgerlichen Schulreformer. die es den Eltern freistellen, ob das Kind am Religionsunterricht teilnimmt oder nicht. Wir fordern die Herausnahme der Religion aus der Schule und ferner die Reform des gesamten Unter- richtswefens. Es genügt nicht, die ReligionSi.undc sallenzulasscn, sondern m sämtlichen Fächern, besonders aber in den geschichtlichen lind n. turkundlichen. ist nach den errungenen wisscnschastlichen Er- lenntnisje.r zu unterrichten. Die weltlich« Schule sührt uns zur Einheitsschule, und ohne die Einheitsschule kein gleiches Recht.— In der darauffolgenden lebhaften Diskussion wurde dos Problem der weltlichen Schule eingehend erörtert und zum Ausdruck gebracht, daß hosfentlich bis zum nächsten Ostern der Bezirk Prenzlauer Berg seine wellliche Schule Hot. Ein Gegner, der sich ciiigesunden halte, erntete mit seinen Ausführungen, daß es„ohne Religion nicht gehl", spöttisches Gelächter. SO Jahre Roie-Dheater. Am gestrigen Mittwoch feierte Direktor Bernhard Rose das Fe st des 20jährig«n Bestehens seines Theaters. Aus diesem Anlaß sand eine Festaussührung statt und zwar..Ehrlich« A r b e i t". die bekannte Altberliner Posse von H. Wilken mit der hübsitZ-n Musik von Richard Bial. Direktor Rose spielr« die Haupt- roll«, deren Wahl an diesem Abend«in Symbol bedeutet« Denn die verflossenen 20 Jahre Rose-Theater nxiren für den Selfmadcmann. ehemals ein mittelloser Schriftsetzer, der mit 13 Jahren zum erstenmal die Bretter betrat,«in steter Kamps uud ehrliche«hrenl>asie Arbeit. Das Rofe-Theater, nicht ohne litevarische Vergangenheit, ist h-ul« eine Bühne des arbeitenden Volkes, dem Paul Rose, der Sahn, für sein.« Anhänglichkeit dankte, nachdem ivr von Kapellmeister Max Schmidt den, Jubilar zugeeignet« Festmarsch verklungen war. Dann folgte die Festaussührung, im Sinn« des Wortes, die ein Glanzpunkt in der Geschichte des Rose-Theaters bleiben wird. All« Darsteller gaben ihr Allerbestes, voran der herzerfrischende Willi Rose und die mit Beifall llberschüttet« holdselig« Traute Rose, deren hingebendes Spiel das Publikum hinriß; sein Beifall klang wie jubelnder Dank. Es gab Blumen über Blumen, und jeder Besucher wünschte beim Nachhausegehen dem ehrlich arbeitenden Rose-Theater weitere glücklich« 20 Jahr«. 3m Slreit erstochen. In der vergcmsenen Nacht gegen 2 Uhr wurde der 45 Jahr« alt« Händler Adolf A. aus der Steinstraße von dem 2ljährigen Kutscher P. an der Ecke der Dircksen- und Rochstraße im Lause eines Streites mit einem Taschenmesser erstochen. P. soll Beziehungen zu der Ehefrau des A. unterhalten haben. Er wurde daraus von A. zur Rede gestellt und nach einem hestigen Wortwechsel zog P. sein Messer und bracht« dem A. fünf Stiche in den Kopf. Nacken und in die linke Hand bei. Auf dem Transport zu einer Rettungsstelle erleg A. den schweren Verletzungen. Di« Leiche wurde beschlagnahmt und der Täter verhastet und dem Polizeipräsidium zugeführt._ Rufruhr in einer Strafanstalt. Polizei zur Hilfe aufgeboten. wie aus A l l e n st e I n in Ostpreußen gemeldet wird, ist es am Vlenstog in der Strasanstali warlenburg zu einem schweren Ztusruhr gekommen, der sich über mehrere Arbeilssäle ver- breitete. Die Gefangenen ricksteten schwere Beschädigungen an. Fenster. Schemel, Tisch« und Oesen wurden zerlrümmerl, auch wert- volle Maschinen unbrauchbar gemacht. Da die gesamte veamtenschast de» Aufruhrs nickst Herr werden tonnte, wurde von Allenjlein ein Schuhpolizcitommando herbeigerufen, das die Ruhe wieder- herstellte. Am Mittwoch nachmittag droht« in einem anderen Saat ein neuer Ausstand auszubrcchen. Die Aufrühre? wurden gegen die Schuhpolizeibeamlen tütlich und muhten mit Gummischläuchen nieder gerungen werden. Der von den Aufruhrern angerichtete Schade» wird auf 20 000 Mark geschäht. Der Ausruhr soll dadurch entstanden sein, daß Znsterburger Strafgefangene sich mit den Einrichtungen und Anordnungen des Wartenburger Zuchthauses nicht abfinden wollten. Aus Anordnung des Generalsiaatsanwalts ist ein« strenge Untersuchung eingeleitet. Die Berliner Gewerkschaftsschule. Ihr neuer Lehrplan. Die neuen Lehrgänge der Berliner Gewerkschaftsschule beginnen Anfang und Mitte Oktober. Der vorliegende Lehrplan ist ein neuer Beweis für den erfreulichen Aufstieg der Berliner freigemerfschaftlichen Bildungsbewegung, der die Gewerkschaftsschule dient. Die Ausgestaltung des Lehrplanes zeigt eine Erweiterung der einzelnen Unterrichtsgebiete und zweckmäßige Anpassung an das recht verschiedene Maß von Zeit, Arbeitsintensität und Interesse, daß jeweils von den Besuchern der Schule aufgebracht wird. begegnen und für die unbedingt notwendige Erhöhung| 40 Dienstjahre in den Diensten des Reiches und der Länder zu der Löhne einzutreten. Es bleibt abzuwarten, wie sich gerade die Straßenbahn, die besonders in diesem Sommer das Geld scheffelweise eingenommen hat, zu der Forderung auf Lohnerhöhung stellen wird. Die Tarifbewegung der Puher. Der Vertrag um ein Jahr verlängert. gebracht hätten, nicht auf Almosen angewiesen seien, menn fie arbeitsunfähig seien und daß sie einen Rechtsanspruch hätten auf einen Ruhelohn. Eine Resolution, die in diesem Sinne gehalten war, fand nach einer zustimmenden Diskussion die einmütige Billigung der Bersammlung. Der Konflikt im Hamburger Hafen. Neuer Schiedsspruch. Wie wir schon mitteilten, ist zwischen dem Verband Berliner Baugeschäfte und der Arbeitsgemeinschaft der deutschen industriellen Die wesentlichen Unterrichtsgebiete gliedern sich in Bolts Bauunternehmungen sowie dem Baugewerksbund in diesem Monat Hamburg, 30. September.( Eigener Drahtbericht.) Die Ber wirtschaft, Betriebswirtschaftslehre, Arbeits des öfteren verhandelt worden, um den von den Unternehmern zum handlungen über den Tarifftreit im Hamburger Hafen, die am Mittrecht, Gewertschaftswesen, Kulturpolitik. Wer sich 30. September gekündigten Tarifvertrag der Buzer neu abzuschließen. woch unter Borsig eines Vertreters des Reichsarbeitsministeriums auf einem dieser Gebiete ein gründliches Spezialwissen aneignen will, Die Verhandlungen führten nie zu einem Ergebnis, da die unter stattfanden, führten zu feiner Vereinbarung. Auf Vorschlag des wird nicht umhin kommen, sich einen Bildungsplan auf längere Zeit nehmer auf eine Neufest sezung des Aufmaßes( Afford- Bertreters des Reichsarbeitsministeriums wurde eine neue Schlichter aufzustellen, wobei er in den Lehrberatungs- Sprechberechnung nach Quadratmetern) bestanden, welches Berlangen von stunden der Schule wesentlich unterstützt wird. Neben Arbeits- den Buzern in mehreren Versammlungen stets entschieden abgekammer gebildet. Von dieser wurde in den späten Abendstunden des gruppen, die einem längeren und gründlichen Spezialstudium dienen, lehnt wurde. Mittwoch ein neuer Schiedsspruch gefällt. Danach sollen die bisfieht der Lehrplan eine Anzahl von von vier bis acht Abende Da die Buzer in ihrer Versammlung am 21. September ganz herigen Löhne beibehalten werden, der Rahmentarif währenden Einzelfurfen vor. Somit haben auch die besonders stark unmißverständlich zum Ausdruck gebracht hatten, daß sie einer Neu- aber einige Verbesserungen in der Entlohnung der Ueberbelasteten Funktionäre der Gewerkschaften die Möglichkeit, sich festlegung des Aufmaßes, die einer Verschlechterung ihrer bisherigen schichten und besonders der dritten Schicht bringen. Wie wir Kenntnisse einzelner Teilgebiete zu erarbeiten. Affordverdienste gleich fäme, den tariflosen Zustand vorziehen erfahren, wurde auch dieser Spruch von beiden Parteien abgewürden, fam es in den nochmaligen Verhandlungen am 23. Septem- tehnt. Man rechnet jetzt mit einer Berbindlichkeitserklärung des ber endlich zu einer Einigung. Ob sich letzten Spruches durch das Reichsarbeitsministerium. damit die Hamburger Hafenarbeiterschaft abfinden wird, bleibt allerdings abzuwarten. Zwei Gruppen von Bildungsbeslissenen bedürfen besonderer Berücksichtigung: die Anfänger und die in ihren Kenntnissen bereits weiter Borgeschrittenen. Für Anfänger fieht der Lehrplan der Gewerkschaftsschule eine Anzahl Einführungsture vor, darunter auch einen Kursus Die Frauen im Befreiungskampf des Proletariats". Hörer mit besonders guter Vorbildung gleich, ob fie diese im Unterricht oder durch Selbststudium erworben haben finden im arbeitsrechtlichen Seminar, im Seminar für prattische Nationalötonomie und im kulturpolitischen Seminar die Möglichkeit weiteren wissenschaftLichen Studiums. " # # Neben den von einzelnen Verbänden für ihre Mitglieder ver anstalteten Sonderkursen und neben den ständigen Aussprache abenden der Frauen Bildungs- Gemeinschaft verdient eine für die Betriebsräte getroffene Einrichtung besondere Beachtung. Erstmalig am 19. Oftober, von da an regelmäßig vierzehntägig, finden Arbeitsrechtliche Aussprache Abende für Betriebsräte" statt, die unter der fachkundigen Leitung des Genossen Clemens Nörpel stehen. Diese Aussprache- Abende follen zu einem Mittelpunkt arbeitsrechtlicher Information für die Arbeiter und Angestelltenräte werden. Nicht unter richtsmäßig, sondern in zwangloser Form werden die Betriebsräte Gelegenheit finden, aus den praktischen Erfahrungen des Betriebslebens die juristischen Folgerungen für ihre weitere Arbeit zu ziehen. Um den Kursen und Arbeitsgemeinschaften der Berliner Gewerkschaftsschule die notwendige Besucherzahl zu sichern, ist nunmehr eine intensive Agitation in den Betrieben erforderlich. Im Intereffe des weiteren Aufstiegs. der Gewerkschaftsbewegung dürfen die Funktionäre der freien Arbeiter und Angestellten- Gewerkschaften nichts unversucht laffen, um im Kreise der Kollegenschaft für rege Beteiligung an den Veranstaltungen der Schule zu merben. Unterrichtsverzeichnisse und Teilnehmerfarten sind im Schulbureau( Engelufer 24/25, Zimmer 6) sowie in allen Ortsverwaltungen erhältlich. Die gewerkschaftliche Bildungsarbeit vermittelt nicht nur dem einzelnen Kenntnisse und Fähigkeiten, fie ist eine unentbehr. liche Voraussetzung für den Aufstieg der Arbeiter tlasse. Die Lohnbewegung in den Verkehrsbetrieben. Verhandlungen mit der Straßenbahn. Wir hatten bereits vor einigen Tagen mitgeteilt, daß der Ber. fehrsbund die Lohntarife für die Berliner Verkehrsbetriebe zum 30.September gekündigt hatte. Die Direktion der Berliner Straßenbahn, der bereits die Forderungen überreicht worden find, ist aber bisher den Verhandlungen ausgewichen. Auf anhalten des Drängen der Organisation hat sie nun endlich für den 5. Oktober Berhandlungen zugesagt. Bei der bekannten Einstellung der Direktion der Straßenbahn zu jeder Lohnforderung ist aber damit zu rechnen, daß sie sich jeder Lehnerhöhung hartnäckig widersetzen wird und die Verhandlungen äußerst schwierig sein werden. Der Verkehrsbund ist aber entschlossen, jeder Verschleppungstaktik mit allen gebotenen Mitteln zu Großer Die Unternehmer erklärten sich mit einer Verlängerung des bisherigen Manteltarifs auf ein Jahr, also bis zum 30. September 1927, bereit. Die Parteien behalten jich vor, zum 15. Februar 1927 eine andere Regelung des Aufmaßes zu beantragen. Sollte eine Einigung darüber bis zum 31. März nicht erzielt werden, so läuft der Vertrag in der bestehenden Form bis zum 30. September weiter. Die im Baugen bebund organisierten Buzer, die sich in einer gut besuchten Versammlung am Mittwoch in den Residenzfälen mit dem Verhandlungsergebnis beschäftigten, stimmten nach einer länge ren Aussprache gegen eine Minderheit dem Ergebnis zu. Die Stellungnahme der Unternehmer steht jedoch noch aus. Ruhelohn der Reichs- und Staatsarbeiter. Die Filiale Groß- Berlin des Verbandes der Gemeinde- und Staatsarbeiter hatte zu Montag abend nach den Germania- Sälen eine Versammlung der in den Reichs- und Staatsbetrieben beschäftigten Arbeiter und Angestellten einberufen, die sehr stark besucht war. Genosse Stetter vom Verbandsvorstand referierte über die Ruhelohn und hinterbliebenenverfor gungstasse für die Reichs- und Staatsarbeiter. Er führte aus, daß für die bei der Rei ch sbahn beschäftigten Arbeiter eine Ruhelohn- und Hinterbliebenenversorgungstaffe bestehe, daß auch die Reichs poft für ihre Angestellten und Arbeiter eine derartige Kaffe geschaffen habe und daß die im Wasserbau Beschäftigten der Kaffe bei der Reichsbahn angeschlossen seien. Auch in Sachsen, Hamburg und Thüringen beständen derartige Einrichtungen, so daß 80 roz. der Arbeiter, die in Reichs. und Staatsbetrieben beschäftigt seien, in den Genuß eines Ruhelohnes und der Hinterbliebenenversorgung fämen. Es sei daher eine ungerechtigkeit, daß für die übrigen 20 Broz. nicht auch derartige Einrichtungen existierten. Wenn entgegen dem Beschluß des Kabinetts Luther- Schlieben im Reiche eine solche Kaffe noch nicht eingerichtet sei, so läge das in erster Linie an dem Widerstand der Länderregierungen, in erster Linie des preußischen Finanzministeriums. Die Länder erklärten, daß für diese Zwecke das Geld fehle. Dabei sei aber folgendes zu berücksichtigen: Wenn die nicht arbeitsfähigen Kräfte in den Reichs- und Staatsbetrieben mit einem Anspruch auf Ruhelohn aus diesen Betrieben verschwänden, so werde dadurch Blah geschaffen für eine Anzahl Erwerbslose, die eingestellt werden könnten. Es entständen keine Mehrausgaben, sondern es würde nur eine Verschiebung der Ausgaben vorgenommen. Die Länderregierungen wollten diese Frage mit dem Finanzausgleich zusammenmischen. Damit hätte aber die Frage des Ruhelohnes und der Hinterbliebenenversorgung nicht das Geringfte zu tun, Es fei nicht angängig, den Finanzausgleich auf Kosten der Gemeindeund Staatsarbeiter besser regeln zu wollen, als das bisher der Fall war. brechen, so bleibe einzig und allein der parlamentarische Weg offen, Wenn es nicht gelänge, den Widerstand der Länderregierungen zu auf dem man das glaube erreichen zu fönnen, was bisher nicht möglich fei. Es sei die moralische Pflicht des Reiches und der Länder, dafür zu sorgen, daß Arbeiter und Angestellte, die 35 und ahrmarkts- Verkauf in zu horrend Herbstwaren billigen Preisen Einigung in Oberschlesien. Breslau, 30. September.( Eigener Drahtbericht.) Der Manteltarif für die oberschlesischen Eisenhütten ist jeẞt endgültig zustandegekommen. Bereits am 8. September fällte der oberschlesische Schlichter einen Schiedsspruch, der das Kohlendeputat für die Hüttenarbeiter wieder einführt, in der Irlaubsfrage einen Tag mehr Urlaub für alle über 40 Jahre alten Arbeiter vorsieht und den For derungen der Arbeitnehmer bezüglich der Schlichtung von Streitigfeiten entgegenkommt. Dieser Schiedsspruch war von Arbeitgebern und Arbeitnehmern abgelehnt worden. Anfang der Woche fanden deshalb vor dem Reichsarbeitsministerium abermals Berhandlungen statt, die schließlich mit einer Einigung beider Parteien endeten. Arbeitgeber und Arbeitnehmer beschlossen, den Schieds Spruch zum Vertrag zu erheben und ihm bis September 1927 Gültigfeit zu geben. Bei der Neuwahl zum Vorstand des Verbandes der Polizeibeamten der fagungsgemäß ausscheidenden Vorstandsmitglieder wurden Schrader( 1. Vorsitzender) und Gens( 3. Vorsitzender) einstimmig wiedergewählt. Ebenso wurde der vom Borftand aufgestellte Haushaltsplan genehmigt. Es wurde weiter beschlossen, den nächsten Verbandstag im Jahre 1928 abzuhalten. Die Feftfegung des Tagungsortes wurde dem Vorstand und Ver. bandsausschuß überlassen. Achtung, Zimmerer! Die Baustelle Avus Bahn am Bahnhof Eichlamp der Firma Habermann u. Gugges ist gesperrt. Die Firma verlangt von den dort beschäftigten Zimmerern dauernd Ueberstunden, obwohl es genügend arbeitsloje Bimmerer gibt. Eine Regelung mit der Organisation lehnt die Firma ab. Kameraden, übt Solidarität, meidet die Baustelle! Zentralverband der Zimmerer, Zahlstelle Berlin und Umgegend. Geschäftliche Mitteilungen. Die bekannte Schokoladenfabrit B. Sprengel& Co., Hannover, begeht heute the 75jähriges Geschäftsjubiläum. Die Firma befindet sich seit Anfang allein in den Händen der Familie des Gründers. Berantwortlich für Bolitik: Dr. Curt Geyer; Wirtschaft: Artur Saternus; Gewerkschaftsbewegung: 3. Steiner; Feuilleton: Dr. John Schikowski; Lokales und Sonstiges: Frik Karstädt; Anzeigen: Th. Glode; fämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts.Berlag G. m. b. S., Berlin. Drud: Borwärts- Buchdruderei und Berlagsanstalt Baul Ginger u. Co. Berlin SW 68. Lindenstraße 3. Jed. Freitag frische Junge Fett1.10 1.25 allererste Qualität. Wegner, Berlin SO Mariannenstraße 34. Gänse. Photoapparate, Feldstecher kaufen sie gut und preiswert im Photo- Spezialhaus Haller, Kottbuser Damm 98 In der II. Etage Kinder- Belustigungen Täglich von 4 Uhr ab: Künstlerische Märchen- Puppenspiele Fenster N. 1 Staunend billig! Pullower und Westen Fenster Nr. 2 Staunend billig! Gardinen, Stores Garnituren Fenster Nr. 3 Staunend billig! 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