Menöausgabe Nr. 465 ♦ 43, Jahrgang Ausgabe B Nr. 230 SHiiBsbcbinfiunflen und Anz-Iginprils« Nno In der Morgenau»gabe annegeben »edatklon: Sw. SS, Llndenstrab« 3 Fernsprecher: Dönhoff 282— 297 Tel.-Adresse: Sozialdemokral Berlin Vevlinev VolksblÄtt (�10 Pfennig) Sonnabenü 2. Oktober 192b Lerlaz und Anzeigenabteilung: Eeschiistszeit 8>/d bis s Uhr Verleger: Vorevörls-Verlag GmbH. Berlin Sw. LS. Llndenstrah« Z Fernsprecher: Dönhoff 282— 287 Zentralorgan der Sozialdemokratlfcben Partei Deutfcblands Neue Verhaftungen in Hermersheim. Uebereifer des französischen Staatsanwalts. Landau. 2. Oktober.(Mtb.) Außer dem gestern von den Fran- zosen oerhafteten Richard Holz mann, bekanntlich das erste Opfer der Zwischenfälle in der letzten Montagnacht in Germersheim, find gestern abend auf Anordnung der französischen Staatsanwaltschaft noch zwei der gestern vernommenen jungen Leute aus Germersheim festgenommen worden. * Man muß in Frankreich begreifen, daß es sich in Germersheim nicht um eine juristische, sondern um eine politische Angelegenheit handelt. Bei Konflikten zwischen französischem Militär und deutschem Zivil wird sich so ziemlich ganz Deutschland auf der einen Seite zusammenfinden, die einen, weil sie gegen die Franzosen, die anderen, weil sie gegen das Militär sind. Ein Umschwung der öffentlichen Meinung in Deutschland könnte erst eintreten, wenn der klare unzweideutige Deweis dafür erbracht werden könnte, daß es in Deutschland Stellen gibt, die darauf ausgehen. Zwischen- fälle wie den von Germersheim planmäßig zu provozieren. Die französische Presse vertritt diese These, die ja auch durch die plumpe Reklame des„Völkischen Beobachters" in München eine Stütze erhalten hat, aber eine These ist noch kein Beweis. Ebensowenig ist bewiesen, daß der Leutnant Roucier in wirklicher Notwehr gehandelt hat. Er ist aus dieser Affäre unverletzt hervorgegangen, während sie auf deutscher Seite einen Toten und zwei Verletzte zur Folge hatte. Es ist nicht bewiesen, daß die Deutschen bewaffnet waren oder daß sie den Franzosen in gefährlicher Weise bedrohten. Das französische Vorgehen hat also für uns einen starken Beigeschmack von Militarismus von der Art, wie wir sie aus ähnlichen Fällen der alten preußischen Zeit kennen. Verschärft wird der Konflikt aber dadurch, daß es sich hier um Angehörige zwei verschiedener Nationen handelt. Schon erhebt sich in einem Teil der deutschen Presse aus diesem Anlaß eine geradezu schamlose Hetze gegen alles, was französisch ist. Gegen diese Hetze, deren offenbares Ziel es ist, die deutsch-französische Verständigung wieder zu zerschlagen, kann gar nicht scharf genug protestiert werden. Für jeden ruhig Denkenden ist der Fall von Ger- Mersheim ein Beweis mehr für die Notwendigkeit der Ver- ständigung, deren Ergebnis die Räumung des besetzten Ge- biete? sein muß. Durch Vorfälle wie die von Germersheim und ihre agitatorische Ausnützung wird aber die Befreiung der leidenden Bevölkerung von dem Joch der fremden Be- satzung nicht erleichtert, sondern erschwert. pilsuüskis Schwierigkeiten. Widerstände bei den Sozialisten. Warschau, 2. Oktober.(WTB.) Die Schwierigkeiten, denen Marschall Pilsudski bei der Kabinettsbildung begegnet, konnten gestern abend noch nicht aus dem Wege geräumt werden. Sie be- stehen vor allem darin, daß der Marschall seinen Freund, den(sozial- demokratischen) Sejmabgeordneten M o r a c z e w s k i, in die Re- gierung berufen will, ein Gedanke, der angesichts der weiteren Kon- Zessionen Pulsudskis, konservative Monarch! st en aus dem Wilnaer Gebiet für die Mitarbeit zu gewinnen, auf Schwierig- leiten stößt. Heute vormittag wird der Vollzugsausschuß der sozialdemokratischen Partei zusammentreten, um zur Kandidatur Moraczewskis Stellung zu nehmen. Allenfalls rechnet man mit der Möglichkeit einer Mandatsniederlcgung Moraczewskis, da eine offizielle Teilnahme' der Sozialisten am Kabinett kaum in Betracht kommt. Dafür spricht auch der aus- gcspro—;en unfreundliche Empfang, der der Regierung Pilsudski heute morgen im sozialdemokratischen Organ„R o b o t n i k" zuteil wird.„Robotnik" sagt, daß aus einer nebelhaften Krise eine neue aufsteige, die sich in mancher Beziehung schlimmer aus- wirken könne als ihre Vorgängerin. Das Blatt fordert eine ausgesprochene Linksregie- r u n g mit klarem Sanierungsprogramm, Landtagsauf- l ö s u n g und Neuwahlen. Das Blatt des Marschalls Pilsudski „Glos P r a v d z" ist hocherfreut, daß sich nunmehr„der Kommandant an das Steuer stellt". Die Blätter der R e ch t e n sind aus anderen Gründen mit der letzten Wendung nicht unzu» frieden. Sie begrüßen die Betrauung Pilsudskis, weil diejenigen Persönlichkeiten Nunmehr die Verantwortung für die Vor- gänge in Polen übernähmen, die während der traurigen Maiereig- niss« nxt der Waffe in der Faust die Macht übernommen hätten. Das Kabinett fertig— mit Moraczewski? Die„Telegraphen-Union" verbreitet kurz vor Redaktionsschluß eine Meldung, wonach Pilsudskis Mini st erliste fertig sei, und zwar unter Einschluß des bisherigen sozialistischen Abgeordneten Moraczewski, der Minister für össenlliche Arbeilen ge- worden sein soll. S a r l e l ist Vizepräsident und Unlerrichtsminister geworden. Z a l e s k i ist Außenminister geblieben. warum öeutsch-franzöftsche Annäherung! Bemerkenswerte Begründung durch den„Matin". Pari», 2. Oktober.(MTB.) Der Außenpolitiker des„M a t i n" (Sauerrvein) veröffentlicht heute einen Artikel, in dem er sagt, der mehr oder weniger vollkommene Verzicht auf die Rheinlandbesetzung und auf die Ausbeutung des Saavgebietz gegen die mehr oder weniger ausgedehnt« Mobilisierung von Eisenbahnobligationen sei vielleicht nicht gerechtfertigt. Wenn man den Vergleich ziehe zwischen Opfer und Leistung, sei es schwierig, ein« Aenderung der französischen Politik zu rechtfertigen. Deshalb müsse man weilergehen und den Mut haben, auf folgendes hinzuweisen: Z. Die französisch-englische Enlenls hat nicht die günstigen Er- gcbnissc gehabt, die man erwartete. Zwei Mächte zeigten sich un- fähig, ihre Ansichten miteinander in Einklang zu bringen. Daraus ergibt sich ein« große Beunruhigung für all« Nationen, für die diese Verständigung die einzig« Richtlinie ihrer eigenen Politik war. 2. Inzwischen ist Deutschland als Schuldner Gegenstand der allgemeinen Fürsorge geworden und hat sich wirtschaftlich und j finanziell wieder erholt. Nichts kann verhindern, daß es eine Roll« an der Seite Frankreichs und Englands spielt. Z. Die Politik, in allen Teilen Europas«in« ständige Wach« gegen De-tfchl-and zu errichten, ist heule nicht mehr möglich. um so weniger, als Frankreich finanziell geschwächt, Italien und Rußland beunruhigt sind. ■4. Die wirtschaftliche Annäherung zwischen den beiden Ländern, die der Natur der Dinge entspricht, hat begonnen und wird wahrscheinlich ausgezeichnete Ergebnisse haben. 5. Es ist nur möglich, dös Problem der. internationalen Schulden in Gemeinschaft mit dem Problem der Reparationen, d. h. durch eine gemeinsame Aktion von Frankreich und Deutschland, zu regeln. Das sind nach Ansicht des Außenpolititers des„Matin" genügendGründefür einen Staatsmann, die Annäherung und die vorzeitige Räumung, die die Folge davon sei, zu rechtfertigen. Chamberlain-Mussolini. England versichert, man habe nichts abgemacht. Paris, 2. Oktober.(Eigener Drahtbericht.) Briand empfing am Freitag spät abends den englischen Botschafter in Paris, der ihm erklärt«, daß bei der Zusammenkunft Chamderlain- Mussolini keinerlei Sonderabkommen zwischen Italien und England ins Auge gefaßt worden seien. Wie der„Petit Pavisien" zu wissen glaubt, soll bei dieser Be- sprechung auch die Frage der Kolonialmandat« und der NeuverteilungderehemaligendeutschenKolonien erörtert worden sein und Mussolini dabei die Absicht ausgesprochen haben, wenn Deutschland Ansprüche auf Kolonialmandate ausstelle und die Rückgabe seiner alten Kolonien oerlange, unter Geltend- machung der älteren Rechte Italiens den deutschen Forderungen sich zu widersetzen. Heneschs Ninisterschaft. Bon den Teutsche» abhängig. Prag, 2. Oktober.(TU.) Das sozialdemokratische„Pravo Lidu"(Volksrecht) schreibt: Die Faschisten, katholischen Volksparteiler, Nationaldemokratcn und tschechischen Agrarier verlangen die B e- s e i t i g u n g Dr. Bcneschs. Der gewesene und kommende Minister- Präsident S v e h l a bringt Dr. Bcnesch nur geringe Sym- p a t h i e n entgegen. Die genannten Parteien rechnen daher damit, angesichts dieser Sachlage Dr. B e n e s ch entfernen zu können. Die Entscheidung dabei haben also jene deutschen Parteien, die seit der Zollerhöhung mit den tschechischen bürgerlichen Parteien die Mehrheit gebildet haben. Das Blatt hält es für fraglich, daß sich die Deutschen zu Beneschs Sturz bereit zeigen würden. Es ist schon bekannt, daß Benesch den Plan verfolgt, die Deutschen mit in die Regierung hineinzubekommen. Die tschechischen Agrarier und Klerikalen dürften damit einoer- standen sein, die Nationaldemokraten keinesfalls. Das Zu- standekommen einer solchen Regierung ist nicht unwahrschein- lich. Leicht würde es ihr nicht fallen, sich am Ruder zu halten, denn die Sozialdemokraten beider Nationen, die selbstoerständ- lich jeden Fortschritt der Völkerverständigung begrüßen, würden in dieser Koalition vor allem wahrscheinlich die Gemeinsamkeit des agrarischen, klerikalen und bourgeoisen Interesses sehen. Benesch hat übrigens einen längeren Erholungsurlaub angetreten. �uch Charlotte Spruch gestänölg. Ter gesamte Raub wieder herbeigeschafft. Im Lause de» VormUlags legte auch die Schwester des Zuweleit- rüubers Spruch ein Geständnis ab. Sie führte die Kriminalbeamten nach dem Grunewald, wo unter einem schweren Stein ver- a'aben. auch hier wieder in ein Weckglas gelegt, talsächlich der Rest der kostborkellen gesunden wurde. Die ganze Beute ist jetzt also wieder herbeigcfchasst. Eine Statistik öes Grauens. Jährlich tausend Jahre unschuldig erlittener Untersuchungshaft? Von Dr. Siegfried Weinberg, Mitglied des Staatsrats. „Opfer fallen hier, Weder Lamm noch Stier, Aber Menschenopfer unerhört!" Als die in den ersten Jahren diesesJahrhunderts eingesetzte Kommission zur Reformierung des Strafprozesses beantragte, das Reichsjustizamt möge Erhebungen über die Anwendung der Untersuchungshaft veranlassen— ein Antrag, der übrigens von der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion bereits im Jahre 1890 gestellt war— stellte ein unvorsichtiger Vertreter des Reichsjustizamts zunächst die Erfüllung dieses Wunsches in Aussicht. Einig Monate später mußte er jedoch mitteilen, daß dem Verlangen der Kommission nicht stattgegeben werden könne, weil der preußische Justizminister Schönstedt üblen Angedenkens„Bedenken trage, derartige Erhebungen anzu- stellen". Demgegenüber muß es immerhin als ein Fortschritt anerkannt werden, daß das preußische I u st i z m i n i st e- r i u m vor kurzem einem entsprechenden Antrage des Landtags stattgegeben und dem Hauptausschuß des Landtags eine U e b e r f i ch t über die in der Zeit vom 1. Juli bis 31. Dezember 1925 beendeten Fülle der Untersuchungshaft bei den preußischen Gerichten vorgelegt hat. Hierdurch ist zum ersten Male Gelegenheit gegeben, die grauenhaften Wirkungen der gegenwärtigen Regelung der Untersuchungs- Haft auch statistisch zu erfassen. Die Statistik ist die beste Begründung für den vor mehr als Jahresfrist von unserer Reichstagsfraktion eingebrachten Antrag auf Abänderung der auf die Untersuchungshaft bezüglichen Bestimmungen der Strafprozeßordnung. Aus dieserStatistik ergibt sich zunächst dieTatsache.daß allein bei den preußischen Gerichten ineinemeinzigenhalben Ja h r e 29 533 Fälle von Untersuchungshaft vor- gekommen sind. Rechnen wir diese Zahl unter Verücksich- tigung der Ergebnisse der letzten Volkszählung auf das Reich um und berücksichtigen wir außerdem die vom Reichsgericht und vom Staatsgerichtshof erlassenen Haftbefehle, so kom- men wir auf die Zahl von fast 35 990 Untersuchungshaftfällen für ein halbes Jahr oder von 79 909 Fällen von Unter- suchungshaft für ein ganzes Jahr, eine Zahl, welche die schlimmsten Erwartungen übertrifft. Die polizei- lichen Festnahmen sind in dieser Zahl nicht eingerechnet. Aus der amtlichen Statistik ergibt sich, daß die Anwen- dung der Untersuchungshaft in den einzelnen Landestcilen völlig verschieden ist. Während im Durchschnitt Preußens die Untersuchungshaft in 2,6 Proz. aller Strafsachen ein- schließlich derjenigen wegen geringfügiger Uebertretungen zur Anwendung gebracht ist, und während diese Zahl im Ober- landesgerichtsbezirk Königsberg 1,6 Proz. und im Ober- landesgerichtsbezirk Kassel 1,7 Proz. aller Fälle betrug. steigerte sie sich im Bezirke des Oberlandesgerichts Kiel auf 3,5 Proz. und in demjenigen des Oberlandesgerichts Celle sogar aus 4,4 Proz. aller Straffälle einschließlich der Bagatell- fachen. Es geht hieraus hervor, daß die hannoverschen Richter die Untersuchungshaft fast dreimal so häufig verhängen, als die ostpreußischen. Da keine Gründe ersichtlich sind, aus denen die hannoverschen Angeklagten fluchtverdächtiger sein sollten als die ostpreußischen— nach der Statistik bildet Fluchtverdacht in fast 99 Proz. aller Fälle den Haftbefehl— wird durch diese Zahlen bewiesen, daß die Anwendung dieser so tief einschneidenden Maßnahme eine ganz willkürliche ist. Gesetze, die eine derartige Willkür zulassen, bedürfen dringend der Abänderung. Ist die Untersuchungshaft schon gegenüber dem schuldigen Angeklagten eine große Härte, so ist sie ein nicht wieder gut- zumachendes Uebel gegenüber dem Unschuldigen. Erschreckend sind die Zahlen der Statistik des preußischen Justizministe- riums, aus denen sich ergibt, wie oft die Untersuchungshaft gegen völlig unschuldige Beschuldigte verhängt ist. Von den durch die vorgelegte Statistik ausgewiesenen Fällen der Unter- suchungshaft entfallen 14 339 auf Strafverfolgungen wegen Verbrechen und Vergehen. Hiervon find 517 von der Staats- anwaltfchaft und 616 vom Gericht eingestellt worden, ohne daß es überhaupt zu einem Urteil gekommen ist. Hier hat sich also die Unschuld der Verhafteten bereits im Vorverfahren ergeben. Durch rechtskräftiges Urteil sind weitere 650 Unter- suchungsgefangene freigesprochen worden. Es ergibt sich also die erschütternde Tatsache, daß in Preußen in einem einzigen halben Jahre 1783— d. i ein volles Achtel aller 5)aftfälle— wegen angeblicher Verbrechen und Vergehen in Untersuchungs- Haft genommen sind, denen schließlich überhaupt keine straf- bare Handlung nachzuweisen n>ar. Auf die Dauer eines Kalenderjahres und für den Bereich ganz Deutschlands um- gerechnet, entspricht dies einer Zahl von 5999 unschuldig Inhaftierten. Dabei sind in dieser Zahl die wegen Uebertretung in Untersuchungshaft Genommenen, unter denen sich gleichfalls eine Anzahl Unschuldiger befinden, nicht ein- gerechnet. Wieviel Lebensjahre hierdurch völlig unschuldigen Per- sonen geraubt sind, läßt sich nicht genau berechnen. Die Statistik des preußischen Justizministeriums macht jedoch einige Angaben, aus denen sich diese Zahl ungefähr errechnen läßt. Sie teilt die Fälle der Untersuchungshaft in vier Kategorien, nämlich in solche von einer Dauer bis zu zwei Wochen, von mehr als zwei bis vier Wochen, von mehr als vier Wochen bis zu drei Monaten und schließlich von mehr als drei Mona- ten. Um die ungefähre Gesamtdauer berechnen zu können, müssen wir für jede Kategorie eine Durchschnittszahl einsetzen, und zwar von einer Woche, drei Wochen, zwei Monaten und sechs Monaten. Die letzte Zahl dürfte erheblich unter der Wirklichkeit zurückbleiben, da Fälle, in denen die Unter- suchungshaft sogar länger als ein Jahr gedauert hat, keine Seltenheit sind. Unter Zugrundelegung dieser Durchschnitts- zahlen konimen wir zu dem Ergebnis, daß allein in Preußen in einem einzigen halben Jahre von Personen, die zu Unrecht eines Verbrechens oder eines Vergehens angeschuldigt sind, 250 Jahre Untersuchungshaft schuldlos verbüßt sind. Auf ein ganzes Jahr und auf das Gebiet des gesamten Deutschland umgerechnet ergibt dies eine Gesamtzahl von etwa 830 Jahren und unter Hinzurechnung der Uebertretungsfälle, in denen die Untersuchungshaft über schuldlose Personen verhängt ist, eine solche von etwa 900 Iahren. Es haben also in Deutsch- land im Jahre 1925 mehr als 5000 Menschen 900 Jahre ihres Lebens in Untersuchungshaft schmachten müssen, ohne daß ihnen überhaupt eine strafbare Handlung zur Last fiel. Eine fürchterliche und für jeden Freund der Gerechtigkeit geradezu unerträgliche Zahl! Dabei ist im vorstehenden Zahlen das Sündenkonto der Untersuchungshaft noch nicht voll erschöpft. Bei einer erheb- liehen Anzahl von Untersuchungsgefangenen war die erkannte Strafe geringer als die verbüßte Untersuchungshaft. Andere Untersuchungsgefangene sind überhaupt nur zu Geldstrafe verurteilt worden. Auch diese sind in vorstehender Zahl nicht mitgezählt. Wir könen also ohne Uebertreibung sagen, daß in Deutschland jährlich 1000 Jahre Unter- suchungshaft unschuldig verbüßt werden. Die Erkenntnis, daß eine gesetzliche Regelung, die derartige Zustände ermöglicht, unhaltbar ist und schleunigst der Aende- rung bedarf, ist zum Gemeingut aller vorurteilslosen Kenner unserer Strafrechtspflege geworden. Unsere Fraktion hat, wie erwähnt, bereits am 27. Juli 1925 im Reichstag einen Antrag eingebracht, der eine grundlegende Aenderung des neunten Abschnitts des ersten Buches unserer Strafprozeß- ordnung, der von der Untersuchungshaft handelt, verlangt. Den wesentlichen Inhalt dieser Gesctzesvorschläge haben sich sowohl der Deutsche Anwaltverein, wie der Gesetzgebungs- ausschuß des Hamburger Anwaltsvereins in besonderen Gesetzentwürfen zu eigen gemacht. Bei der gegenwärtigen Handhabung der Untersuchungs- Haft ist eine sorgfältig? Prüfung der Haftbefehle schon technisch nicht möglich. Ist doch bereits vor Iahren festgestellt, daß z. B. in Berlin ein einzigerAmtsrichter jähr- l i ch etwa 5000 Haftbefehle wegen Derbrechen und Bergehen verfügt hat. Die Kautelen, die unser gegenwärtiges Gesetz gegen ungerechtfertigte Verhängung von Untersuchungshaft gewährt, sind völlig unzureichend. In fast 99 Proz. aller Fälle wird der Haftbefehl mit angeblichem Fluchtverdacht gerecht- fertigt. Dieser Fluchtverdacht bedarf nach der gegenwärtigen gesetzlichen Regelung bei den wegen schwerer Straftaten An- geschuldigten, sowie bei Ausländern, Heimatlosen mrd Land- strcichern überhaupt keiner weiteren Begründung. Aber auch in den Fällen, in denen eine Begründung des Fluchtverdachts erfolgt, wird in der Praxis außerordentlich leichtfertig ver- fahren. Ist der Angeschuldigte vermögenslos, so begründet dies den Fluchtverdacht, da er ja durch keinerlei Vermögens- intcresssn in Deutschland zurückgehalten werden. Ist er ober in der glücklichen Lage, Vermögen zu besitzen, so wird an- genommen, daß ihm hierdurch die Möglichkeit, in das Ausland zu entkommen, erleichtert werde. Mit Recht verlangt deshalb unsere Fraktion im Einklang mit einem bereits im Jahre 1896 von unseren Genossen Stadthagen und Frohme im Reichstag gestellten Antrage eine Gesetzesänderung dahin, daß bestimmte Tatsachen vorliegen müssen, welche den Fluchtverdacht begründen. Ein weiterer Grund für die Vcrhängung der Unter- suchungshaft ist die sogenannte Vcrdunklungsgefahr. Auch hier verlangt der Antrag unserer Genossen mit Recht, daß der Angeschuldigte, um die Untersuchungshaft zu recht- fertigen, bereits Berdunklungsoersuche unternommen haben muß. Gegenwärtig schmachtet der Untersuchungsgefangene in der Haft, ohne daß ihm überhaupt die Verdachtsgründe gegen ihn bekanntgegeben werden, und ahne daß ihm die Möglich- keit einer mündlichen Perhandlung über die Fort- dauer der Untersuchungshaft eröffnet ist. Es ist deshalb zu begrüßen und entspricht der Auffassung aller einsichtigen Kriminalisten, daß der Antrag unserer Genossen verlangt, daß über die Fortdauer des Haftbefehls unter Zuziehung des Angeschuldigten und eines ihm zu stellenden Verteidigers zu verhandeln ist. Rur so ist der Angeschuldigte in der Lage, das gegen ihn vorliegende Verdachtsmateriol kennen zu lernen und zu entkräften. Hat die Untersuchungshaft zwei Monate gedauert, so ist nach dem Dorschlage unserer Fraktion erneut über die Fortdauer der Untersuchungshaft auf Grund münd- licher Verhandlung zu entscheiden. Die Bestimmung unserer Strafprozeßordnung, nach der dem Untersuchungsgefangenen nur solche Beschränkungen auferlegt werden dürfen, welche zur Sicherung des Zwecks der Haft oder zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Gefängnis erforderlich sind, steht in der Praxis völlig auf dem Papier. Auch hier sieht der Antrag unserer Partei Abhilfe vor, indem er dem Untersuchungsgefangenen eigene Kleidung, Lagerung, Beköstigung, Beleuchtung und Bequemlichkeit, sowie die An- schaffung von Büchern, Zeitungen und Schriften und Erleich- terung des Briefverkehrs sichert. Die Unerträglichkeit der gegenwärtigen Regelung der Untersuchungshaft wird noch durch die Unvollkommenheit des Gesetzes über die Entschädigung für unschuldig erlittene Untersuchungshaft gesteigert. Rur in seltenen Ausnahmefällen wird gegenwärtig den freige- sprochenen oder außer Verfolgung gesetzten Untersuchungs- gefangenen eine derartige Entschädigung zugebilligt, und auch dann meist in unzureichender Höhe. Eine Aenderung ist dringend geboten, wobei natürlich nicht verkannt werden darf, daß die Qualen der Untersuchungshaft auch durch die größte Entschädigung nicht gutgemacht werden können. Wenn die Statistik des preußischen Justizministeriums dazu beiträgt, die Reform der Untersuchungshaft zu befchleu- nigen, so hat sich die Mühe, die auf sie verwendet wurde, reichlich bezahlt gemacht. der Parteitag üer Volkspartei. Stresemann über die Verständigungspolitik.— Gegen die Etappenpolitiker. Köln, 2. Oktober.(Eigener Drahtbericht.) Heute vormittag um 10 Uhr wurde im großen Saale des Gürzenich der Parteitag der Deutschen Volkspartci eröffnet. Außenminister Dr. S t r e s e- mann als Parteivorsitzendcr begrüßte in kurzen Worten die Er- fchicncnen, besonders Geheimrat Kahl, der einstimmig von den Delegierten zum Leiter des Parteitages gewählt wurde. Kahl nahm dann in kurzen Worten Stellung zu der Befreiung der ersten Zone, zum Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, den er begrüßte, weil Deutschland nun vor der ganzen Welt offiziell seine berechtigten Forderungen vertreten könne. Dann begrüßte Kahl den Außen- minister Stresemann unter stürmischem Beifall der Delegierten als den Führer des deutschen Volkes. Seit drei Jahren steh« Strese- mann in heftigem Kampf um eine vernunftgemäß« Außenpolitik. Sein Weg sei schwer und mühevoll gewesen. Er habe nun fest- zustellen, daß dieser Weg der einzig richtige und einzig erfolgreiche gewesen sei. Gcheimrat Kahl begrüßte dann die fremden Gäste des Partei- tages mit den Worten: Deutschland, Deutschland über alles, die er nicht in dem entstellten Sinne aufgefaßt wissen wolle, sondern ledig- lich als einen Ausdruck der Treue zu den abgetrennten Landesteilcn und den Deutschen In Uebcrsee. Kahl gedachte des 79. Geburts. tage? Hindcnburgs, an den man eine Depesche absenden will. Ale Vorsitzender des Wahlkreisoerbandes Köln-Aachen begrüßte Cin tschechisches Seelenörama. Das wußten wir gleich im Beginn des gestrigen Abends im Deutschen Theater: im Drama„Peripherie" spricht ein Meister des Wortes. Der Tscheche F r a n t i s e k Langer ist ein Dichter. Da tritt, wenn der letzte Gongschlag verklungen ist, ein Herr vor den Vorhang und erzählt, wie es aussieht draußen am Rande des großen Häusermeeres, an der Peripherie der Stadt. Wie es da trostlos ist und ohne Wärme. Er erzählt uns gar nichts Neues. Aber wie er zu uns spricht, das nimmt uns gefangen. Er malt mit der Sprache, die Worte bauen in uns Eindrücke allf. Tote Dinge werden lebendig. Wir sehen die Vorstadt in ihrer Verlassen- heit und Ocde. Und dann geht der Vorhang hoch und wir blicken in das Innere der kalten Micttaserne und in das Innere der armen Wesen, die da Hausen. Sie haben auch ihre große Sehnsucht, z. B. der Franzi, der aus dem Gefängnis kommt und gleich am ersten Abend in seiner armseligen Wohnung die große Liebe findet, die Anschi, eine müde Dirne. Aber ihn liebt sie mit der Hingabe ihrer ganzen Seele. Ja, Glück muß man eben haben. Und wenn der Franzi einen Frack hätte und weiße Wäsche und Lackschuhe, die Welt würde er sich erobern. Eines Abends, wie er in die Stube tritt, fitzt ein Kavalier auf dem Schoß setner Anschi. In der Wut schlägt er ihn tot. Und er hat weiter Glück. Es kommt nicht heraus, daß ihn einer umgebracht hat. Ja, er erbt sogar die Sachen des Toten. Nun hat er den Frack. Aber der Gedanke, getötet zu haben, läßt ihn nicht los. Er muß es sich von der Seele reden. Vielleicht aus Prahlerei. Wie schlau er alles angestellt hat und wie das Glück ihn begünstigt— oder aus Gewissensnot. Wer kann es wissen? Die Kameraden glauben ihm nicht, nicht einmal die Polizei, der er»in Geständnis ablegt. Es ist ohne Belang bei dieser Gegenständlichkeit und Kraft der Darstellung, die der Dichter ausbringt, daß er jetzt sein Problem von Schuld und Sühne überspitzt und nach Pirandellos Manier skurrile Gedankengänge übertüftelt. Franzi hat e» sich in den Kopf gesetzt, abgeurteilt zu werden. Ketten muß er tragen. Er fahndet nach Gerechtigkeit. Weil ihm keiner den ersten Mord glaubt, begeht er einen zweiten. Seiner Anschi, die einzige, die seine Seelen- not versteht, legt er seine Hände um ihren Hals. Im Verlauf des Abends wurde man unsicher. Ist es das dichterische Wort, das uns packt, oder ist es die Inszenierung Max Reinhardts, die diese starken, bleibenden Eindrücke vermittelt. Im Deutschen Theater spielt wieder einmal ein Ensemble. Auch Neben- rollen sind mit ersten Schauspielern besetzt. Mit H o m o l k a, mit H ö r b i g e r, mit Gülstorfs(einem prachtvollen verkommenen Idealisten), mit Kühne, mit W a l l b u r g, der Anni M e w e s und den mit eindringlicher Plastik sprechenden„Betrachter" des Wladimir S o k o l o f f. Den Franzi gibt Hermann T h i m i g mit der Besessen- heit eines reinen Toren. Er ist die Verkörperung einer gehetzten Seele, die alles gezwungen und plötzlich erscheinen läßt. Seine Sprache, sein Gefühl, sein Lachen und seine Angst. Cr öffnet sein Inneres vor unseren Augen. Ein rührendes Bild weiblicher Hingabe zeichnete Franziska K i n z, die noch- nie eine solche Tiefe des Gc- fühls aufgebracht hat. Ernst Degener. hebräisches Theater habima. Das Hebräische Theater von Moskau, das jetzt im„Theater am Nollendorfplatz" gastiert, gilt als russische Staats- inftitution. Es wurde ihm, bevor es zu uns kam, nachgerühmt, daß es die Selbstverleugnung und Verwandlungsfähigkeit des Schau- spielers unendlich verfeinert und so ein erschütterndes Bild von dem merkwürdigen Aberglaubeusdasein der russischen Judenheit zustand« gebracht hätte. Was wir jetzt sehen, ist wirklich die vollendete Erziehung. Die Natur wird geknickt, unterbrochen. Selbst der kleinste Statist ist äußerlich prachtvoll gedrillt. Das Ensemble wird als Heiligtum gehalten. Die Truppe duldet keine außerordentliche Persönlichkeit. Aber die Schauspieler, die so erzogen wurden, wirken heute wie geölte Menschenmaschinen auf der Bühne. Der Regisseur hat seinen ganzen Traum und seine tiefste Grübelei in Theaterwirklichkeit ver- wandelt. Dabei war dieser Regisseur gleichmäßig begabt mit der Kraft des Auges und mit der Kraft des Ohres. Wenn er Akustisches, das die Seele oerraten soll, aus den einzelnen Künstler Herausholen möchte, dann wird ihm allerdings der Erfolg versagt. Diese fabel- hast tanzenden russisch-jüdischen Schauspieler, diese herrlich im Chor näselnden und plärrenden Schristgclehrten sind nur zu ertragen, wenn sie als Gesamtheit wirke». Eine wirtlich hervorragende, große sck)auspiclerische Individualität fehlt diesem Theater absolul. Die Künstler werden technisch gebändigt. Es herrscht die hohe Mechanik der Bewegungen und der Stimme. Diese Erscheinung ist sehr merkwürdig an dieser hebräischen Theatertruppe. Sie arbeitet mit allen Mitteln auf den groben und primitiven Instinkt des Zuschauer» hin. Sie befriedigt diesen Trieb ungeheuer geschickt, vielleicht sogar genial. Aber der Regisseur hat all seinen Künstlern die Seele gestohlen. Vielleicht gelang es ihm so leicht, weil keiner von den Leuten eine rechte Seele hatte. Auch diese russischen Juden verkünden, wie alle Theaterleute im heutige» Ruhlanh, daß sie nur Theater machen wollen. Sie richten das Drama zugrunde, damit ihr Theater, das ein Gemisch von Kolpor- tag«, Zirtu« und Varietä ist, zur Blüte gelangt. So ist dieses Theater im Grunde gemeingefährlich. Es ist dürftig trotz seiner Raffiniertheit. Darum, daß einem Judenmädchen der böse Geist („Dybuk") ausgetriben wird, handelt es sich in dem Stücke. Diese Teufelsaustreibung, die vorgenommen wird nach einem glänzend aufgeführten jüdischen Hochzeitstrubel, erfüllt alles Kino- und Kolportageoerlangen des Theatervolkes. Es ist«in Spuk für den Augenblick, der Männer zu Kindern und würdiae Frauen zu aber- gläubischen Tanten macht._ Max Hochdorf. Erstausführungen der Woche. Sonnt. StaalSthealer:»Die b- st e Polizei", vienst. Tribtinc:„Die Wildente".— Lessing-Th.: .Mensch und Ueber mensch". Zielt. Kainmcrspiele;„Der fliegende.«> u t".— Theater i. d. Koinmandantcnstr.:„Egmont". Sonnab. Krolloper:.Die Liebe zu den drei Orangen".— LuflspielhauS:„Herzogin von Elba". Rechtsanwalt B o ck h a h n- Köln den Parteitag. Dann nahm, stür- misch begrüßt, Dr. Stresemann das Wort zu seinem Reserat über die politische Lage. Slresemanns Referat. Zwischen dem Parteitag, den wir vor zwei Jahren in Dort- mund abhielten, und dem heutigen Zusammensein der gesamten Partei liegt eine große Spanne innen- und außenpolitischer Eni» Wicklung. Noch immer ist dabei die Außenpolitik die vor- herrschende. Sie bestimmt unser politisches und soziales und unser wirtschaftliches Sein in erster Linie. Lassen Sie mich daher von dieser Entwicklung zuerst sprechen. Die Deutsche Volkspartci hat jahrelang unter der Außenpolitik gelitten. Ich glaube und kann sagen, es gibt nicht die Außenpolitik der Partei, sondern nur eine deutsche Außenpolitik. In diesem Sinne ist sich die große Mehrheit des deutschen Voltes über diese Außen- Politik durchaus einig. Ihre Methode ist umstritten. Ob sie richtig ist, wird an ihren Erfolgen zu messen sein. Aber lassen Sie uns gleichzeitig Vi« Frag« vorlegen, welche Erfolg« kann man dann von einer solchen Außenpolitik Heist« er- warten. Niemand kann irgendwie Himmelstürmendcs tatsächlich erstreben und erreichen wollen. Was wir als Erfolg ansehen müssen, kann in der Lag«, in der wir uns bis zur Stunde befinden, nur Befreiung von drückendsten Fessel.n sein, die auf uns lasten. Aber auf diesem Gebiete ist es vorwärts gegangen. Wie lange haben wir versucht, in den ersten Iahren nach dem Niederbruch überhaupt nur dahin zu kommen, einmal den deutschen Standpunkt vor einer Konferenz vertreten zu können, anstatt nur ultimative Drohungen und Befehl« von der anderen Seit« cnt- gegenzunehmen. Wie wenig lange ist es her, daß, als die Konferenz- idee sich durchfetzt«, der Mahnruf ertönte: Ihr dürft als Gleich- berechtigte mit den anderen verhandeln. Erst langsam ist das Terrain besser geworden. Und glauben Sie mir. der Kampf im Schützengraben wird nicht gestärkt durch das große Wort der Etappe. (Lebhafte Zustimmung.) Es war die Tragik jedes Außenministers des neuen Deutsch- land, daß er zwischen der Diskrepanz der deutschen Geschichte des deutschen Volkes und der deutschen Machtlosigkeit der Gegenwart stand. Dazu kommt, daß es auch in der Nachkriegszeit nicht ohne neu« Erschütterung und neu« Verlust« abging. Ausdrücklich oerlangte Dr. Stresemann dann Achtung für diejenigen Staatsmänner, die nach dem Zusammenbruch der Ruhraktion die Verantwortung über- nommen und damit ein« neue Zeit«ingeleitet halten. All« Außen- minister europäischer Staaten liegen heut« mit den Cwig-Gestrigen im Kampf und derjenige, der sich das Blickfeld freigehalten, weiß, daß er heut« mit neuen Mitteln und ohne Illusionen arbeiten muß. Auf dem Wege von Locarno nach Genf und Thoiry sei die Souverä- nität Deutschlands über das gesamte Rheinland wieder errungen worden. Stresemann verbreitet« sich dann über die Genfer Tagung. Ein« Torheit wäre es, das groß« übernationale Forum in Genf zu verrennen. Di« internationalen Beziehungen bedürften neuer Formen. Diese kann ihnen nur der Völkerbund geben. In Locarno und Genf ist für uns die Grundlage geschaffen worden, die eine Bereinigung der zwischen Deutschland und seinen ehemaligen Kriegsgegnern schwebenden Probleme ermöglicht. Des- halb komme ich zu dem viel erörterten Thema einer deuksch-fron- zösischen Verständigung. Ich glaube, daß die Tatsache nicht zu bc- streiten ist, daß die deutsch-französische Verständigung der Kern- punkt jeder europäischen Verständigung und Bc- friedung ist und bleibt. Diese Frage ist keine theoretische, sondern sie ist das Kernproblem zukünftiger Entwicklung, ohne daß heute jemand zu sagen vermag, ob in dieser Entwicklung die Völker dem Wunsch und dem Willen ihrer Staatsmänner folgen. Ich glaube an den ehrlichen vcrstSndigungswillen des Herrn französischen Außenministers." Zum Bürgermeister von Budapest wurde in der Stichwahl der Horthyaner S i p o c z gewählt. Er erhielt 166 Stimmen, während auf Stephan Ba.rczy, den Kandidaten der Demokraten und Sozialdemokraten, 135 Stimmen entfielen. Ein großer Teil der ..Stadtvertreter" sind von der Regierung ernannt! Reue Rasen. Dempsey hat bei seiner Begegnung mit Tunney nicht nur seine Weltmeisterschaft, sondern auch seine neue schöne Rase eingebüßt, die ihm schon beim Trainieren ziemlich beschädigt worden war. Dieser letztere Verlust wird aber rascher zu reparieren sein als der crstere, denn eine neue Rase ist heute recht leicht zu beschoffen: die moderne Gestchteplastik leistet darin Erstaunliches. Wenn das Riechorgan infolge irgendeines Unglücksfalles oder einer Beschädigung ganz fehlt, so werden neue Nasen von Fleisch und Blut in jeder beliebigen Form rasch hergestellt, und wenn nur die Form der Nase geändert werden soll, so ist auch dazu der Chirurge imstande. Solche Operationen sind durchaus nicht so neuen Datums, wie man wohl annehmen möchte. Im sechzehnten Jahrhundert war ein Chirurgieprofesser der Universität Bologna, Tagliocozzi, wegen seiner Nascmiberpflanzungen berühmt, die nach ihm- den Namen der „Talicotischen Operation" erhielten. Diese Operation bestand in der Ueberpflanzung eines Stückes Fleisch und Haut vom Arm an die Stelle der fehlenden Nase. Das abgelöste Fleischstllck, das noch am Arm hing, wurde auf die Ränder der Ocsfnung ausgenäht, die von der fehlenden Rase gebildet wurde, und der Arm wurde dann an den Kopf gebunden, so daß er unbeweglich war. Wenn das Fleisch- stuck in seiner neuen Lage sestgewachsen war, wurde es behutsam vom Arm abgetrennt und in die richtige Form gebracht. Noch viel geschickter ist aber eine Methode der Nasenplastik, die von den Indern seit uralten Zeiten geübt wird. Bei dieser Operation wird ein dreieckiges Stück Fleisch und Haut, dessen Basis sich unter dem Haar befindet, aus der Stirn herausgenommen. Die Haut wird dann heruntergezogen, bis die Spitze die Nasenwurzel erreicht. Diese Spitze erhält den Zusammenhang mit dem Gewebe, aus dem dnz Stück herausgeschnitten ist und sichert seine Lebenskraft. Durch die Basis des Fleischstückes werden die Nüstern der neuen Nase gebildet, und sie erhalten durch Gummiröhren, die hineingesteckt werden, ihre neue Form. Di« Narbe ist außerordentlich klein und kaum sichtbar. Wenn die Nase nicht ganz zerstört Ist, sondern nur mißgestaltet oder eingesunken ist, dann kann ihr eine schönere Form durch Einspritzung von Parafin verliehen werden. Ein Reichslnstitul für die Texlilwirlschasf. Das Reichs- Wirtschaftsministerium beabsichtigt«ine Stiftung mit dem Sitz in Berlin ins Leben zu rufen, die der Förderung der deutschen Textil- Wirtschaft dienen soll. Die Arbeiten der Stiftung sollen hauptsächlich den Problemen der Wirtschaftlichkeit in der Produktion, der fach- lichen Ausbildung des Nachwuchses und der technisch-wlssenschaft- lichen Forschung dienen. Für den Vorstand sind zunächst in Au-- sieht genommen Gchdmrat Hagemann vom Reichswirtichafts» Ministerium und je drei Vertreter der Arbeitgeber und der Arbeit- nehmer. Zum Verwalrungsrat sollen außerdem noch Vertreter der Bekleidungsindustrie und des Groß- und Einzelhandel» zugezogen werden. Die wirtschaftliche Grundlage der Stiftung bilden die Kapitalien, die. von der inzwischen aufgelösten Neichsstelle für Textll- wirtschaft, einer Organisation für die Außenhandelskontrolle, hinter- lasten worden sind: es handelt sich dabei um mehrere Millionen Mark. Urania-veronstallungen. Täglich:„Die Shgiene der V b e". Täglich bis Donnerstag einlchl.:„Die Schweiz". Mittwoch(5):„ver- j fl n g u n g": Sonnabend(9):„D t e G e f ch i ch t e de» Film»". Das Duell Silverberg-Thpffen. Die Düsseldorfer Wirtschaftstagung und ihre Lehre. Aus Düsseldorf wird uns geschrieben: 54. Mitgliederversammlung der Organisation mit dem langen Namen: des»Vereins zur Wahrung der gemein- samen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland u n d W e st f a l e n". Die Düsseldorfer Tonhalle ist überfüllt mit einigen Hunderten von Industriellen und ihrer Wortführer. Alle erwarten ein grostes forensisches Schauspiel: Dr. Silverberg, der feit der Dresdener Tagung des Reichsvcrbandes meistgenannte deutsche Industrielle, soll heute vor seinesgleichen als Beklagter erscheinen. Ehe die Versammlung beginnt, geht es schon unter den Eingeweihten von Mund zu Mund, wer dazu bestimmt worden sei, das ketzerische Kaninchen, das einen Abbau der bisherigen indu- striellen Kampffront gegenüber der Sozialdemokratie gefordert hatte, an den Ohren zu nehmen. Hat doch jene Dresdener Rede unter den deutschen Unternehmern, die als Hänse im innerpoltischen Glück ihre Besigtitel und ihre Vorurteile nicht gern preisgeben, eine heftige und unbequeme Unsicherheit erzeugt. Und darum wird heute in Düsseldorf die Szene sehr schnell zum Tribunal. Sofort wagt sich der Vorsitzende, der Komnierzienrat Reusch aus Oberhausen, mitten ins Kampfgetümmel. Wohl stimnite er, eine schöne Geste, Silverberg zu, wenn dieser sagte, es könne in Deutsch- land nicht gegen und nicht ohne die Arbeiterschaft regiert werden. Aber diese Arbeiterschaft ist nach Reusch eben nicht die Sozialdemokratie: es sei nicht„angängig", eine einzelne Partei als Arbeiterpartei zu bezeichnen. Das ist überhaupt das Hauptargument der Gegner Silvcrbergs: daraus resultiert ihr Vorwurf, daß er„parteipolitisch" gesprochen habe. Gleich erhebt sich Silverberg zur Antwort. Er spricht mit leiser Ironie. Er redet den Widerspenstigen sanft zu, bleibt in den wesentlichsten Punkten bei seinen Anschauungen, versucht nur hin und wieder eine andere Interpretation. Roch deutlicher als in Dresden zeigt er aber auch, welche Bedingungen er„der Partei, die die größten Massen der Arbeiter hinter sich habe", stellen wolle, eh« sie der Ehre teilhaftig werden könne, von der„Wirtschaft" als regierungsfähig anerkannt zu werden. Sie muh: 1. Auf bestimmte Doktrinen verzichten und darf fie höchstens noch als„theoretische Lehrbuchmeinungen" behalten. 2. Jede Rücksicht aus die Straße unterlassen. Dabei sagt Silverberg zur Bekräftigung, daß die Sozialdemo- kratie nicht die Kraft und die Fähigkeit habe, den Staat zu re- gieren. Er will vermutlich sagen„a l l e i n" zur regieren, aber er verschluckt das entscheidende Wort. Aus den Bedingungen Silver- bcrgs ergibt sich mit letzter Deutlichkeit, daß selbst die fortgeschritte- neren Unternehmer seiner Prägung die Lage vollkommen verkennen. Ihr Pronunziamiento verlangt von der Sozial- demokratie eine Regierungsbefähigung, die sich erst im praktischen Verzicht auf die Anwendung bestimmter politischer Kampfmittel und Grund- anschauungcn bewähren soll. Sie soll den Klassentampf streichen aus der lebendigen Gegenwart/ das verlangt Herr Silver- berg, einer der erprobtesten industriellen Klassenkämpfer. Sie soll auf die„Straße" keine Rücksicht nehmen. Das ist, mit Verlaub, eine Redephrase, dehnbar wie Gummi, weil der politische Gegner zur Rot jede Forderung der Sozialdemokratie auf solche Art iiifamicrcn kann. Mit einem Wort: auch Herr Silverberg ist sich darüber gar nicht klar, daß eine wirtschaftliche und politische Gemeinschaftsarbeit nur lebensfähig werden kann, wenn jede Gruppe im vollen Lefitz ihrer praktischen und agitatorischen Kraft bleibt und die volle Autorität vor den Massen ihrer Anhängerschaft behält. Eine Sozialdemokratie, die das tut, was Herr Silverberg fordert, hätte die Regierungsfähig- keit Valoren, weil sie bei ihren Mitgliedern und Wählern jeder Fähigkeit zur Kraftcntfaltung verlustig gegangen wäre. Es geht eben nur so: Macht gegen Macht nach den Wahrheiten der Demokratie mit einer Notbrücke zur politischen Verständi- gung. So verstanden, würde die Sozialdemokratie über eine neu« Regierungsbildung auf dem Boden„wirtschaftlicher Verständigung" mit st'// reden lassen, anders nicht. Wie weit wir davon noch entfernt stnd, zeigt bald nachher die Rede Fritz Thyssens. Silverberg sei„parteipolitisch" ge- wcsen, er aber sei der Arbeiterschaft gegenüber neutral: Die Seele der Arbeiter sei weder eine sozialistische, noch eine klerikale, son- dern ein« deutsche Seele.„Alle Arbeiter stehen uns gleich nahe." Seltsam, was blanke Dersammlungsrsthorik Erfolge vor Männern erzielt, die sonst sehr nüchtern und realpolitisch denken. Thyssen, der Deutschnationale, im merkwürdigen„neutralen" Man- tel, findet einen stärkeren Beifall als vorher Silverberg. Die Hörer vernehmen aus Thyssens Rede vor allem nur das Nein, auf das sie gewartet hatten. Dann redet D u i s b e r g, der Vorsitzende des Reichsverbandes. Ritterlich springt er Silverberg bei, ja, das ist keine gering« Ueber- raschung für viele, er stimmt ihm zu. Unter weitreichender, ver- ständnisjnniger Heiterkeit sagt er, er habe ein« gewisse Freude daran gehabt, zu beobachten, wie es wirkt, wenn man in den Teich der Oeffentlichkeit einen dicken Stein werfe und dann höre, wie die Frösche quaken. Dulsberg sagt offen: e s w a r e i n taktischer Streich, der die Bildung einer trag- sähigen Regierung erleichtern solle. Damit entließ Dulsberg die Katze aus dem Sack. Es war also auch Herrn Silverberg nicht ganz ernst gemeint: sein Programm war ein Versuchsballon! Er hat, das ist sein Verdienst, das Gelände ausgeklärt. Weder die Rechtsparteien, noch das Gros der so- genannten industriellen Führerschaft vermögen sich zu einer Ver- ständigung mit der größten Arbeiterpartei zu bekennen und zu bekehren. Silverberg steht mit einigen Spitzen, die iiber den Wirtschaftscgoismus des Tages hinwegsehen können, ziemlich alein auf weiter Flur. Das hat diese Düsteldorfer Auseinandersetzung noch deutlicher als die Dresdener Tagung erwiesen. Erst wenn ein ganz harter Zwang durch einen neuen Spruch des Volkes vorliegen wird, kann sich diese Situation wesentlich verändern. Nur die wirtschast- liche und politische Macht der Sozialdemokratie imponiert der Unter- nehmerschaft, die gewöhnt ist, vor klaren Tatsachen der Geschichte die Maske zu wechseln._ Wiener Ehrung für Ebert. Wien,?. Oktober.(MTV.) Die(sozialdemokratische) Gemeinde Wien hat den Beschluß gefaßt, eine im Stadtbezirk Fünfhaus errichtete Wohnungsanlage für 200 Familien nach dem verstorbenen ersten Reichspräsidenten E b e r t h o f zu benennen. In vanzlg versucht der Senatspräsident Sa hm eine neue Regierung zu bilden. Die Deutfchnationalen wollen keine parla- mentarische, sondern eine Beamtenregierung. Da dieser Vorschlag ober undurchführbar ist, kommen die Verhandlungen nicht vorwärts. Rcichsfinanzminisler Reinhold, der auf Ferien in Spanien ist, datt« in Madrid eine lange Unterredung mit dem Finanzminifter, Sozialdemokratische Wohnungspolitik. In der stark besuchten Versammlung der Abteilung?- mieteroblcute der SPD., die am Freitag abend im Graphi- schen Vereinshaus stattfand, referierten die Genossen Rüben und Lange über den Kongreß der Mieteinigungsämter in Düsseldorf. Der Auftakt zu diesem Kongreß sei eine große K u n d g e- bung der gesamten Arbeiter- und Mieterschaft ge> wesen. Bei dieser Kundgebung hätten sich Gewerkschaften aller Rich- tungen zu einer Abwehrfront gegen die Ilebergrisfe der Hausbesitzer vereinigt. Der Kongreß selbst brachte ein starkes Ueberwiegen der Laienbeisitzer. Es entwickelten sich dort heftige Kämpfe gegen die sogenannten unparteiischen Beisitzer, welche auf dem Wege über die Länder unter dem Vorgeben, daß die„Ver- tragstreue" wieder hergestellt werden müsse, den Abbau des Mieter- schutzes betreiben. Im Anschluß an den Kongreß fand eine Kon- ferenz der Mictcrbeisitzer(bei den Mieteinigungsämtern und Amtsgerichten) statt. Es soll der Versuch gemacht werden, ähn- lich wie in Berlin im ganzen Reiche die parteigenössischen Mieter- funktionäre zusammenzufassen. Mit den vorläufigen Arbeiten ist der Berliner Bezirksmieterausschuß der SPD. betraut worden. In dem Bericht über den internationalen Wohnungsbaukongreh hob Genosse Rüben hervor, daß es den Hausbesitzern angesichts der Er- f o l g e, die die W i e n e r K o m m u n e m i t i h r e r W o h n u n g s- b a u p o l i t i k erzielt hat, schwer wurde, irgendwelche Argumente zugunsten des privaten Wohnungsbaues vorzubringen. Die Frage, ob Hoch- oder Flachbau, offene oder gofchlossene Wohnungsbauweise das richtige sei, sei nebensächlicher Natur. Das Grundlegende sei, daß die Wohnungspolitik und die Wohnbaupolitik Sache der öffent- lichen Körperschaften sei, die der privaten Einflußsphäre vollkommen entzogen werden müsse. Auch die Schulen seien ja einmal in Privat- Händen gewesen. Heute werde jeder verlacht, der die Schulen wieder in die Prioathänd« zurücklegen wolle. Die Wohnung sei kein Gegen- stand für die Rentabilitätserzielung. Wenn in Wien mit der Wohn- baupolitik so große Erfolge erzielt worden seien, so sei das nicht zum wenigsten dem Umstand zu danken, daß die Wiener Gemeinde ihre Häuser zum großen Teil in Gegenden mit teurem Grund und Boden gebaut hat und durch niedrige Mieten erreicht hat, daß der Preis des Grund und Bodens gefallen fei. Da sich in Wien die private Häuserwirtschaft nicht mehr rentiere, habe die Gemeinde von privater Seite erhebliche Ankaussangcbote erhalten, und sie habe es erreicht, daß jetzt ein Viertel des Wiener Grund und Bodens in ihrer Hand fei. In der Diskussion unterstrich Genosse F e ch n e r vom Partei- vorstand die Ausführungen der Referenten und hob hervor, daß sich auch N-""ißgebenden Parteiinstanzen in intensiver Weise mit der Wohnungsfrage beschäftigen. Genosse T o m s ch i k aus Wien schilderte in eingehender Weise die Geschichte der Wiener Wohnbau- Politik und riet den deutschen Genossen zu größerer Aktivität in der Wohnungsfrage. Genosse Most empfahl die Unterstützung der Genossenschaften, die sich mit dem Wohnungsbau für kinderreiche Familien befassen und die sehr bedeutsame Erfolge erzielt hätten. Jedenfalls gab die Tagung jedem Teilnehmer bedeutsame Anregungen mit auf den Weg, und damit ist sie ein Erfolg für das Weitertreibcn einer Wohnungsbaupolitit im sozialistischen Sinne. Der Totschlag an üer prostituierten. Ein Gegenstück zum �fuN Gerth. Vor dem Landgericht II begann heut« die Verhandlung gegen den Hvteldiener Kurt Brandt, der angeklagt ist, am 12."Juni dieses Jahres die Prostituierte Helene Dupi erwürgt zu haben. Der Fall hat seinerzeit viel Aufsehen erregt. Der Angeklagte behauptet, sich der Einzelheiten der Tat nicht zu erinnern. Der Angeklagte ist ein uneheliches Kind und wurde bei den Geschwistern seiner Mutter erzogen. Aeußerst sinnlich von Natur begann er sehr früh einen regen Geschlechtsverkehr mit Prostituierten zu führen. Auch das Trinken gewöhnte er sich sehr früh an. Sein Leben gestaltete sich mehr als unstet. Die Siemenswerkftätten in Berlin verließ er am 17. Juni nach zehntägiger Arbeit wegen eines Streites mit seinem Meister. In der Nacht vom II. aus den 12. Juni ereignete sich die Tat. Am Tage vor der Tat hatte er mehr als gewöhnlich getrunken. Darüber, was er vom Nachmittage an getan hat, kann er nur unklar Zlufschluß geben. In einem Lokal kaufte er». a. eine Reitpeitsche— wozu, das kann er nicht sagen. Jedenfalls fand er sie aber am nächsten Morgen, als er im Zimmer der in der Nacht erwürgten Dupi erwachte. Er begann nun, sich zu überlegen, wie er zu der Dupi gekommen sei. Am selben Abend stellte er sich der Polizei, nachdem er um 10 Uhr in Weißensee die Montagszeitung getauft batet und im Bericht über den Mord seinen Namen erwähnt fand. Er erinnerte sich nur soviel, daß er am Abend vorher auf dem Bayerischen Platz von einer Frau untergehakt wurde und daß er Zigaretten gekauft hat. Weiter weiß er nichts oder will er nichts wissen. Allerdings hat er im Polizeirevier bei feiner Der- nehmung noch andere Einzelheiten genannt. Die Verhandlung dauert fort._ Die Verkehrsampeln verschwinden! Der Zusammenbruch des gesamten Verkehrs in den wichtigsten Straßcnzügen der Eity hat die maßgebenden Leiter der Verkehrs- behörden veranlaßt, heute bereits eine Neuregelung vorzu- nehmen, um zu verhindern, daß die Szenen, die sich während des ganzen Tages im Stadtinnern abspielten, eine Wiederholung finden. Man ist dazu übergegangen, an den Hauptkreuzungen wieder den Verkehr entsprechend den Bedürfnissen des Augenblicks durch B e- amte regeln zu lassen, die die Verkehrsampeln entsprechend der Frequenz grün, gelb oder rot aufleuchten lassen. Zu dieser durch- aus notwendigen Regelung der„Verkehrsneuregelung" hat man sich im Polizeipräsidium einmal entschlossen, nachdem Reqierungsdirektor Mösle selbst die Wirkungen der automatischen Verkehrsetnteilung in der City mehrere Stunden mitgemacht hatte, dann aber auch, weil die Leiter der Straßenbahn- und Omnibusgefellschaften übereln- stimmend erklären, daß der augenblickliche Zu st and unHalt- bar sei. Sowohl von der Direktion der Straßenbahn als auch von der Omnibusgesellschaft wird bestätigt, daß das Publikum die Ver- kehrsmittel fluchtartig verlassen Hobe, daß der Fahrplan auf den Linien restlos zusammenbrach und daß man Ver- spätungen erlebte, wie sie in Berlin einfach noch nicht da- gewesen seien. Die Anbringung der Verkehrsampeln in Berlin kann beim besten Wielln nicht als eine glückliche, geschweige ideale Lösung bezeichnet werden. Die Kraftdroschkenbesitzer hatten das Polizeipräsidium schon vor Wochen darauf aufmerksam gemacht, daß die Ampeln viel zu hoch hängen, und daß der Chauffeur, der unter seinem festen Verdeck sitzt, die Lampen überhaupt nicht sehen kann. Der allgemeine Wunsch der Automobilisten geht dahin, daß man die Verkehrsampeln schleunigst wieder beseitigt. An ihre Stelle sollten überall die drehbaren Winker treten, die sich in Berlin bisher ganz ausgezeichnet bewährt haben. Diese Ansicht vertreten nicht nur die Fahrzeuglenker, sondern auch die Schupobeamtcn, die übereinstimmend erklären, daß der Verkehr mit diesen Signalein. richtungen sich in geradezu mustergültiger Weise abgewickelt habe. Die kionsnmgenossenschasl Verlin und Umgegend bietet allen Verbrämt die Möglichkeit, an den nächsten vier Sonn- tagen..er Zeit von S Uhr vormittags bis 12 Uhr mittags ihre Betriebsanlagen in Berlin- Lichtenberg, Rittergutftr. 16/30, zu beficktigen. Um einen zu starken Andrang zu verhinhern, sind die Abgabestellen für diese Besichtigung auf vier Sonntage verteilt. Für Sonntag, den 3. Ottober, kommen folgende Abgabestellen vom östlichen Teil Berlins in Betracht: 20, 30. 31, 47. 84. 123, 133, 139, 140 und 152(Bezirk Lichtenberg). vom nördlichen Teil Berlins die Abgabenstellen: 1. 5, 39, 51. 55, 116, 119, 125 und 182, außerdem die Abgabestellen in den Kommunal- bezirken Treptow und Spandau sowie Eichwalde. Da an diesen Be- ßchtigungeq.. sich.auch Richtmilg lieber beteilige«.können, empfiehlt es sich, die Gelegenheit zu benutzen, einen der größten Nahrungsmittelbetriebe Deutschlands mit seinen technisch und hygienisch vollkommenen Einrichtungen kennen zu lernen. Das Weckglas als Diebestresor. Restlose Aufklärung des Juwelenraubes. Der Iuwelenräuber Spruch, der gestern von Breslau noch Berlin übergeführt worden ist, wurde nach seiner Ankunft in Berlin noch einmal im Zimmex des Kriminalkommissars Trettin einem«in- gehenden Verhör unterzogen. Seinem Charakter entsprechend, gesiel er sich in großen Worten und kam wieder auf sein« überspannten Ideen zu sprechen. Gegen 1 Uhr nachts schien er sich endlich eines Besseren besonnen zu haben. Er mochte wohl einsehen, daß das Lügengewebe doch in Kürze zerrissen sein würde. In Gegenwart des Chefs der Kriminalpolizei, Regierungc- direttor Dr. Weiß, erklärte er sich bereit, die volle Wahrheit zu sagen und das Ver st eck der Juwelen bekanntzugeben. Da es sich um einen Ort außerhalb Berlins handelte, so wurden unver- züglich zwei Automobile bereitgestellt, in denen der Verbrecher, diesmal ungefesselt, zwischen den Beamten der zuständigen Dezernate Platz nahm. In rascher Fahrt ging es nach Anweisung des Spruch nach Friedrichshagen hinaus. Unterwegs erzählte der jung« Mensch prahlerisch von den Erfolgen, die er als Patrouillen- gänger während des Krieges erzielt habe. Jetzt wert« er den Beamten einmal„ein feines Stück Pfadsinderarbeit" vor- iühren. Am Ende der großen Mauer des Wasserwerkes in Friedrichs- Hagen hielten die Wagen an. Spruch führte von hier aus im grellen Licht der Scheinwerfer die Beamten auf ein« Gruppe hoch- gewachsener Föhren zu. An einem dieser Bäume trat im Licht der Scheinwerfer ein deutlich erkennbares Zeichen hervor. Es hotte die G e st a l t eines H a l b m o n des. Drei Schritte von diesem gezeichneten Baum entfernt wies Spruch auf den Boden und gab an, daß inan hier graben solle. In einer Tiefe von 80 Zentimetern stieß man aus einen harten Gegenstand, der vor- sichtig herausgeholt wurde. Zur allgemeinen Ueberraschung war es ein Weckglas, wie es zum Einkochen von Früchten usw. ver- wendet wird. In dem Glase befand sich eine Schachtel aus Aluminium und in ihr, sauber in Watte verpackt, die wert- vollsten Stücke der Iuwelenbeute. So holte man eine Perlen- kette im Werte von 24 000 Mark, einen großen Brillant- ring, verschiedene Ohrringe u. a. in. heraus. Auch jetzt stand Spruch teilnahmslos daneben. Die Auffindung seines Beuteversteckes und seine Leerung schienen keine besondere Erregung in ihm auszu- lösen. Willig lieh er sich zu den wartenden Autos zurückführen. Stach Berlin zurückgekehrt, wurde er nur kurz befragt und dann ins Polizeigesängnis«ingeliefert. Als seinen Mittäter bezeichnet er auch jetzt wieder seinen Freund Paul Gerlach. Außerdem ist man zu der Ueberzeugung gelangt, daß die beiden S ch w e st e r n zum mindesten von dem llebersall gewußt oder bei dem Vergraben der Beute geholfen haben. Sie wurden deshalb erneut festgenommen und ebenfalls in Polizei- gewahrsam eingeliefert:__ Republikanischer Tag in Blankenfelde(Teltow). Am Sonn- abend, den 2., und Sopntag, den 3. Oktober, findet in Blankenfelde, Kreis Teltow, ein Republikanischer Tag des Reichsbanners Schwarz- Rot-Gold statt. Freund« und Genossen werden gebeten, diesen Sonn- tag zu einem Ausflug noch Blankenfelde zu benutzen. ver kreisverein Zteutölln-Urih de» Reichsbanner» Schwarz-Ral Sold ver- an staltet in den Eon ntaqvor mittag« sinn den in der Graß- Siedlung Britz einen Werbeumzng. Die in der Siedlung wob- nenden Parteigenossen und Neviiblikaner werden gebeten, ihre Wohnun- gen zu beflaggen und so die Veranstaltung zu unterstützen. Cxplosionsnnglülk bei der Reichswehr. Gestern abend gegen 5 Uhr erfolgte mif den Schießständen bei Barnstorff bei Rostock eine Explosion von Munition, wobei zwei Mann schwer und einer leicht verletzt wurde. Die näheren Umstände sind bisher noch nicht bekannt. Die Unter- suchungskommission ist zurzeit auf den Schießständen, um die Einzelheiten aufzuklären. „Volk und Zell", unsere illustrierte Wochenschrift, und „Der Kindcrsreund" liegen der heutigen Postauslage bei. Sport. Großkampstag im Sportpalast. Im Sportpalast, der gestern seine Pforten zum Saisonbeginn öffnete, fand vor leider nur schwach besetztem Hause ein Großboxkampftag statt, der sportlich beachtenswerte Kämpfe brachte. Das Hauptinteresse richtete sich auf die Begegnung des Exeuropameisters Van t' H o f mit dem deutschen Schwergewichtsmeister Max S ch m e l i n g. In der achten Runde wurde Van t'Hof wegen Nierenschlages, nachdem er zuvor zwei Berwarnungen wegen gleicher unerlaubter Hiebe erhalten hatte, disqualifiziert. Schmeltng, der bessere von beiden Boxern, lag ohnehin nach Punkton vorn. Der Kampfabbruch zugunsten Schmelings löste starken Beifall, aber auch Protestrufe bei einem Teil der Zuschauer aus. Erich Brandel-Berlin wurde von Egene Alonzo (BclgisiH bereits in der ersten Runde überraschend koi geschlagen. Teddy Sandwina-Berlin lieferte Max Diekmann-Berlin über vier Runden einen hervorragenden Kampf, der unentschieden endete. Schließlich traten um die Endausscheidung im Mittelgewicht der Exmeister Adolf Wiegert und Walter Funke in den Ring. Wiegert, äußerst hart im Schlag, aber sehr lange Zeit ohne Kämpfe, mußte sich von dem flinken Waller Funk« auspunkten lassen. Funke wird nunmehr mit Domgörgen um die Mittelgewichtemeisterschaft boxen, wo er wahrscheinlich wenig zu bestellen haben wird. Theater See Woche. «om S. Oktober vis II. Oktober Iviiy. «»lksiüh»«! Lysilirata.— Oper am Platz btt Resablit! 3. ft'e WaNite. 1. Di« luMaen Weiber von Windlor. 6. Tavalleria Rusiieana. Bajazzi. 6. gar »nd tzimmcrman». 7. Mona Lisa. 3. Maskenball. 9. arslaiifsUhruns: Die Lieb« ,u ben drei Oranacn. 10. Carmen. 71. Oberon.— Siaailiche» Schauspiel- hau»! 3. Die beste Polizei, ittein Karienvcrlaus.) 4. ltpritz.Pnritz. 5. Am- pbikrioii. S., 9.. 10. AapolSo». 7. Die Rauber. 3.. II. Herades und Mari» amne. Ol. Kein Kartenverkauf.)— Schilee-Theat««! 3., 8. Minna von Barnhelm. 4., 9. Peer Sunt. 5., 0.. 7„ 10., 11. Di« Well, in der man sich lanaweilt.— Deuisch«» rhe.iee: Peripherie.— Kimmerlsiel«: Bis 7. Androklua und der Löwe. 9lb 3. Der fliegende Hui.— Die Komidi«: Die Sefangene,— Lesti»a-Tbe«i«r:< beschlossen. Ab ö. Mensch und U«berm«nsch. Theaier i* der«iuiaarötzrr Siratze: Mra. Chenens Ende.— Städtisch« vper,«harlotten- dura: 3. Margarelhe. 10. sfatinitza. Z. Die Dobian«. 6. Carmen. 7. Die Kauberflöie. 8. Tooea. 0. Don Paaauale. 11. ssidelio.— Srotze» Schauspre!» bau«: Bon Mund zu Mund.— rhaaier de» Westen,: Der ßug nach dem Westen.— Die rribüne: Bio 4. Ilnierweg». Ab 5. Di« Wildente.— Deuische» Kttnftler.Ibeater: Da, arotz« Abenteuer.— Komödienbau,! Einbruch.—»er. Huer Theater: Mitz Amerika.— Reue» Theater am go«: Ich Hab dich liebl— Tri«»,«. Theater: Dirnentragödie.— Residenz Theater: Absteiaeauartier.— stcutral-Theater: Ich had mein Ser, in Heidelberg...— Theater iu der Kommandantenstratze: Bis 7. Taifun. Ab 3. Egmoni.— Relloa-Theater: Di« tanzenden ssritulein,.— Komische Oper: Adrienne.— Kustspielhau»: Bi, 3. Kttkuli. Ab 9. Herzogin von Elba.— Metrapol-Thraier: Wieder Metropol.— Theater am Schiffbauerdamm: Da, Drabmal de, unbekannten Soldaten.— Thalia-Theador: Der Biberpelz.— Theater am Rollendorfplatz: Dnbuk.— Theater am Kurfärstendamm: Es geht schon besser.—»lrlaeo Theater: Menschen- freunde. KW Uhr Nachtspiele Bella Siri«—«allner. Theater: Hasemanns Töchter.— Theater in der«lafterstratz«: Ghetto.— Rose-Theat-r: Ehrlich- Arbeit.— Kasino-Theater: Grafin Tippmamsel.— Theatee i»»er Liitzomstratz«: Epreewaldmädel.— Theatc« Im«dmiralspalast: Haller-Reoue: An und au». — winiergarte» und Deal«: International«, Bariei«. «achmittaga,», stell»»«- u. Bolk.bühn«: 8.. 10. ffouft.— Staatliche« Schaulpielhan,: 3., 10. Doppelselbstmord.— Grotze» Schauspiel. hau«: 10. Bon Mund z» Mund.— Theaiee de« Weste»»: 3., 10. Der Kug nach dem Westen.— Reue« rheaier om go«: 7., 9. Der Stittenbesitzer. 10.. 1I>4 Uhr: Di« Nadel.— zentrol-Theate»: 9. Der lnstig« glridolin.— Theaier in der Kommandanten ftratz«: 10. Die zärtlichen Verwandten.— Theater am Schiff. bauerdamm: 3.. 10. Do, Grabmal de« unbekannten Soldaten.— Thalia» Theater: 10. Lottchen, Geburtstag und Erster Klasse.— Kleine« Theater: 3. Schneewittchen.— Rofc-Theatee: s„ IS. Aschenbrödel.—. Theater im Bdmi. rolspalaft: 8- 10. Saller-Ncv«; Sn-nd au». Oer Hamburger hafenarbeiterstreik. Homburg, Z. Ottober.(Eigener Drahtbericht.) Im Hamburger Hafen ruhte die Arbeit am?reitag fast vollständig, nachdem die Hasenarbeiter in ihrer Versammlung ohne Mitwirkung der Gewerkschaften den Streik beschlossen hatten. Der Hafenbetriebsoerel n veröffentlicht am Sonnabend morgen in den Zeitungen große Inserate, in denen darauf hingewiesen wird, daß nach der Verbindlichkeitserttärung des Schiedsspruchs durch den Reichsorbeits- minisler die Hafenarbeit durch Arbeitsverweigerung nicht gestört werden dürfe. Die durch den Schiedsspruch verbesserten Löhne würden ausgezahlt und Arbeiter nach diesen Bedingungen in den Vermittlungsstellen zur Arbeit angenommen. Die beteiligten Organisationen,„Deutscher Verkehrsbund" und„Zentral- verband der Maschinisten und Heizer" werden in den Abendblättern ihrerseits bekanntgeben, daß durch die Verbindlichkeilserklärung die Lohnbewegung für die Organisationen und damit auch für die Mitglieder beider Organisationen beendet ist. Unter- st ü h u n g irgendwelcher Art könne nicht gezahlt werden, auch nicht in umschriebener Form. Die Gerüchte, daß die Organisationen, wenn sie den Streik auch nicht anerkennen, in irgendeiner Form den Hafenarbeitern finanzielle Unlerstühung gewähren, werden als erfunden bezeichnet. Am Sonnabend vormittag ruht die Arbeit im Hamburger Hafen zum größten Teil. Rur in einem Teil der Betriebe, die feste Arbeiter haben, wird weiter gearbeitet. Ob der Streik an Ausdehnung gewinnen wird, steht noch nicht fest. Die Organisationen sind bemüht, den Konflikt in einer für die Hafenarbeiter günstigen weise beizulegen. Sie Eisenbahnstrecke Gffenburg— Sasel. Eine Berichtigung der Reichsbahndirektion. Wir erhalten von der Reichsbahndireltion Karlsruh« folgende Zuschrift: Der in einigen Zeitungen über die„Generalversammlung der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer in Dortmund" erschienene Bericht enthält eine unrichtige Wiedergabe der vom Vorsitzenden W a r st�e i n- Berlin hinsichtlich des Zuständes der Strecke Öffem 11 Ausfül bürg— Basel gemachten rungen. Der Bezirksverem Baden der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, der mehrere Vertreter zu der Tagung nach Dortmund abgeordnet hatte, bringt im„Offen- burger Tagblatt" vom 24. September selbst folgend« Berichtigung zu diesem Punkt: „Warstein sagte, daß der Oberbau nicht überall in Ordnung ist und er nannte in diesem Zusammenhang auch die Strecke Osfenbur g— B a s e l, betonte aber, daß seine Mitteilungen aus einer früheren Zeil stanimen. Das war das einzige, was er über die Strecke Offenburg— Basel sagte. Der nächst« Satz, daß mit bloßem Fingen Schrauben aus Holzschwellen an einer Strecke herausgezogen wurden, bezieht sich nicht auf die Strecke Offenburg— Basel, sondern auf eine andere Strecke, die er aber wahrscheinlich nicht genannt hat. Das badische Schisnenglcis hat keine Holzschwellen, sondern Eisenschwellen." Di« Streck« Osfenbur g— B a s e l ist, wie auch eine erneute Untersuchung durch einen von der Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbvhiigesellschaft für die Nachprüfung des Oberbaus im ganzen Reich bestellten Ausschuß dargetan hat, vollkommen bc- triebssicher. Mängel in der Gleisunterhaltung, die die Betriebssicherheit beeinträchtigen, bestehen auf den im Bezirk der Reichs- bahndirektion Karlsruhe �elegened Strecken nicht. Es ist bedauer- lich, daß durch solche irreführende Bersammlungsberichte das reisende Publikum unnötig beunruhigt wird. Nicht die Versammlungsberichte, sondern die Eisenbahnunfälle — u. a. der aus der Strecke Ofsenburg— Basel— beunruhigen das Publikum._ Tie arme Gasbetriebsgesellschaft. Die Gasbetriebsgesellschaft hat sich bisher stets allen Forde- rungen der Arbeiterschaft auf Durchführung der 48stündigen wöchentlichen Arbeitszeit, auf Verbesserung der sozialen Bestimmungen des Manteltarifvertrages und endlich auf Er- höhung der minimalen Löhne für die Arbeiter mit allen Kräften widersetzt. Selbst gegen ganz geringfügige Verbesserungen, die bei den städtischen Werten in freier Vereinbarung durchgeführt werden konnten, hat die Direktion der Gasbetriebsgescllschast hart- näckigen Widerstand geleistet. So mußte bei der letzten Lohn- erhöhung um 2 Pfennig pro Stunde, die in allen städtischen Werken zugestanden wurde, be- der Gasbetriebsgesellschaft der Schlichtung?- ausschuß und obendrein der Schlichter eingreifen. Die Direktion klagt stets, die finanziellen Verhältnisse der Gesellschaft seien derart ungünstig, daß die Ausgaben für Löhne und Gehälter sowie für soziale Leistungen aufs äußerste zu beschränken seien. Die Gesellschaft kann bei anderen Gelegenheiten auch anders. So zum Beispiel bei der Festsetzung der Gehälter für Diret- t o r e n und leitende Angestellte, bei der Festsetzung der Tan- tiemen für die Aussichtsratsmitgliedcr usw. Die letzte Lohnerhöhung belastet die Gesellschaft mit etwa 100 000 Mark im Jahr. Die Behauptung, daß die Gesellschaft diese Erhöhung„nicht tragen" könne, illustriert am besten die Tatsache, daß zu dem gleichen Zeitpunkt eine groß aufgezogene Feier für das hundertjährige Jubiläum der Gasbeleuchtung in Berlin veranstaltet wurde. Die Gäste der Gasbetriebsgesellschaft waren im Hotel Kaiserhof untergebracht. Am Sonnlag, den 19. Sep- tember, fand in diesem Hotel ein großes Festessen statt, am Montag die Besichtigung des Gaswerks Schöneberg, ein Frühstück in der Gitschiner Straße und eine Fahrt nach Potsdam. Am Dienstag war eine Flugzeugfahrt nach Dessau mit Frühstück und Autopartie nach Schloß und Park Wörlitz und Wittenberg vorgesehen. Die finanziellen Verhältnisse gestatteten offenbar, die Kosten für diese Feier aufzubringen, was für eine Lohnerhöhung angeblich un- möglich war. In die Betriebe dieser noblen Gesellschaft versucht man bei Neu- einstellungen in letzter Zeit ausschließlich Mitglieder der„nationalen" und völkischen Verbände hineinzubringen. Während von der alten Arbeiterschaft ein überaus großes tägliches Arbeitspensuin oerlangl wird, haben die Leute der nationalen Verbände das Röcht, m i t den Händen in der Hosentasche umherzu- spazieren. Man nimmt wahrscheinlich an, daß diese Leute sich durch Angeberei gegen ihre Arbeitskollegen bezahlt machen. Bei der Einstellung lind der Unterstützung dieser„Nationalen" tut sich besonders ein Angestellter der Kocherabteilung hervor. Da- für genießt er auch das besondere Wohlwollen der leitenden Herren des Außenbetriebes. Es ist notwendig, daß die Arbeiterschast Berlins und die gesamte Bevölkerung auf diese Wirtschaft aufmerksam ge- macht werden. Wird die Arbeiterschaft der Gasbetriebsgesellschaft noch länger zu einem Konflikt mit der Direktion provoziert, dann darf die Gesellschaft sich nicht wundern, wenn er eines guten Tagen zu offenem Ausbruch kommt. Die übliche Methode, den Arbeitern die Schuld zuzuschieben, wird dann von vornherein versagen._ Versammlung der erwerbslosen Angestellten. Die Ortsgruppe Groß-Berlin des Zentralverbandes der An- gestellten hatte zum 27. September ihre erwerbslosen Mitglieder zu einer Versammlung zufammenberufen, die außerordentlich gut besucht war und den Beweis für den engen Zusammenhalt zwischen den erwerbslosen Gewerkschastsmitgliedern innerhalb ihrer Organisation erbrachte. Genosse Dr. Bruno B r o e ck e r sprach über den Kampf der Gewerkschaften gegen das Erwerbslosenelend. Erbe- handelte in seinem Referat die Entstehung der gegenwärtigen Zlrbeits- losigkeit, ihren Umfang und ihre Ursachen. An Hand von Zahlen wies er nach, daß trotz aller Erfolge der Gewerkschaften noch außer- ordentlich viel für die Erwerbslosen zu tun übrig bleibt. Besonders ausführlich wurden alle die Fragen behandelt, die dazu angetan sind, den Erwerbslosen wieder Arbeitsgelegenheit zu verschaffen. Kritisch behandelt wurden die durchaus unangebrachten Methoden der Unter- nehmer. Das Referat wurde beifällig aufgenommen. In einer regen Diskussion wurde in einwandfreier sachlicher Form von den erwerbslosen Kollegen das vorgetragen, was den Kollegen in dem täglichen Kampf um die Arbeitsbeschaffung begegnet. Der Vorsitzende der Ortsgruppe Groß-Berlin des Zentralverbandes der Angestellten, Genosse G o t t f u r ch t, konnte in seinem zusammen- fassenden Schlußwort feststellen, daß aus dem Verhalten zu erkennen ist, in wie starkem Maße das Vertrauen der erwerbslosen Kollegen zu ihrer Organisation besteht. Es sei hervorzuheben, daß von den erwerbslosen Kollegen die unermüdliche Tätigkeit der gewertschaft- liehen Organisationen gegen das Erwerbslosenelend anerkannt wird. Mit der Aufforderung, den Zusammenhalt mit d«r Organisation auch in Zukunft nicht zu verlieren, wurde die Versammlung geschlossen. Die Peransialtung war ein neuer Beweis dafür, daß die denken- den Angestellten es ablehnen, Erwerbslosenausschllsse und ähnliche Dinge als das Heilmittel zu betrachten. Die Kollegen wisse», daß nur der gewerkschaftliche Zusammenhalt ihnen helfen kann._ Zum englischen Sergarbeiterkampf. Teilergebnis der Abstimmung. London, 2. Oktober.(EP.) Der Vollzugsausschuß der Gruben- gewerkschasten von D�erbyshire und Nottinghamshire hat beschlossen, den Mitgliedern die Annahme der letzten Re gierungsvorschläge für die Beilegung des Grubenkonfl'" empfehlen. Rlacdonald über den Vergarbeilerstreik. London, 2. Oktober.(MTB.) Macdonald wandte sich gestern abend in einer Rede bei einer Kundgebung der Arbeiterpartei für die Bergarbeiter gegen die„Ungerechtigkeit der letzten Regierungs- vorschlüge" und fuhr fort:„W irstehen erst am Beginn des Kampfes. Der Kampf ist nicht beendet, wenn eine Vereinbarung erzielt wird." Macdonald sagte, eine Regierung, die sich benommen habe wie die Regierung Baldwin. müsse die Achtung und das Ver- trauen jedermanns verwirkt haben. Wenn Bezirksverein- barungen angenommen werden sollten, so bedeute dies eine Uebergabe der Bergarbeiter. Gewerkschaften und Politik. London, 2. Oktober.(EP.) Macdonald hielt auf einer Vcr- sammlung, die zugunsten der Bergarbeiter in London abgehalten wurde, eine Rede, die insofern bedeutungsvoll für das innere Leben der Arbeiterbewegung in England ist, als Macdonald sich auf den Standpunkt stellte, daß die industrielle Frage ohne po- l i t i s ch e A n st r e n g u n g e n nicht g e l ö st werden könnte. Diese könnten nur durch die parlamentarische Ar- beiterpartei erreicht werden. Auf dem letzten Kongreß haben die Gewerkschaften sich auf den entgegengesetzten Standpunkt gestellt und jede Einmischung der parla- mentarischen Arbeiterpartei in die Angelegenheiten der Gewerk- schasten zurückgewiesen. Von 140 Hochöfen noch sechs in Betrieb. London. 2. Oktober.(EP.) Es verlautet, daß die Zahl der in Betrieb stehenden Hochöfen gegenwärtig nur noch 6 beträgt, gegenüber 149 vor dem Streik der Kohlenarbciter. Die monatliche Guß- Produktion ist von 599 999 Tonnen auf 13 999 Tonnen zurück- gegangen. Die Kohlenproduktion von 5 Millionen Tonnen pro Woche ist auf 599 999 Tonnen pro Woche zurückgegangen. Der S. Bundestag des Deutschen Veamtenbundes findet vom 7. bis 9. Oktober in den„Kammersälen" in Berlin statt. Die Tagung dürfte wegen des zur Erörterung stehenden Einiaungs- Problems von besonderem Interesse sein. Am 2. Verhandlungstage werden sprechen: 1. Präsident des Oberverwaltungsgerichts Dr. Dre ws über„Berufsbeamtentum und Staat": 2. Dr. August Müller über„Berussbeamtentum und Wirtschaft". Verantwortlich fitr Politik: Dr. E»rt Scqer! Wirtschaft: Artvr Saternu»; Eewerklchostsbewcguna: I. Stein«: lZeuilleton: Dr. John Schikowiki; Lotalc, und Sonstwo: isrit, A-rftiidt: Pnjeifltn: Td. stock-: sämtlich in Berlin. Verla«: Vorwärto-Verla« G. m. b. tö.. Berlin. Druck: Vorwärts-Buchdruckerci und Verlaasanstalt Paul Singer u. Co.. Berlin EW KS. Lindenstrafte Z. 2 Oktober Neu-Eröffnung meiner großen neuzeitlich modern eingerichteten Oesctiüfis- Räume 2. Oktober Damenhüte ♦ Trauerhütc ♦ Kinderhüte Hcrrcnhütc ♦ Krawatten : Neu aufgenommen I Pelzwaren ii Damenslrilmpfe Neu aufgenommen!: NeuHOlln, Bersstr. 9-10 Filialen! Kaiser-Friedrich-Str. 224-225 Hermannslraße 171. Nur Herren-Artikel. JBuer'Bsf GEORONOET«SSO BERLIN-MOABIT TURMSTRASSE 42. ECKE OLDENBURGERSTR.