flbeaöavsgabe Nr. 47? � 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 233 StjugsSeMnuunaen und 9tn|«igengte!ft fmd in der Morgenausgabe angegeben Nedattion: Sw. S«, Lindenstrahe Z Fernsprecher: VSnhoss 292— 29T Tel..«dresf«: Sozlaldemakro» Berlin Derlinev VolksblAkt Zcntralorgan der Sozfaldemokratifchen partei Dcutfcblands (lO Pfennig} Mittwoch b. Oktober 1 92b «erlag und Anzeigenabteilung: Geschäftszeit Sld bis s Uhr Verleger: BorwSrto-verlag GmbH. Berlin Sw. SS, Llndenstrabe 3 Fernsprecher: VSnhoss 292— 297 Hrzeflnskl Nachfolger Severings. Der neue preußische Minister des Innern. Der preußische ZNinislerprSsidenI Otto Braun ernannte heuie vormittag entsprechend dem Dorschlag des sozialdemokratischen Irak. tionsvorstands. dem sich die sozialdemokratische Landtagssraktion anschloß, den bisherigen Berliner Polizeipräsidenten G r z e s i n s k i zum preußischen Minister des Innern. ♦ Der amtliche Preußische Pressedienst meldet: Der Minister des Innern S e v e r i n g hat den Preußischen Ministerpräsidenten gebeten, ihn mit Rücksicht aus seine erschütterte Gesundheit von seinem Amte zu entbinden. Ministerpräsident Braun hat sich den vom Minister des Innern vorgebrachten Gründen nicht verschließen können und hat an seiner Stelle den Polizeipräsidenten von Berlin G r z e s i n s k i, Mitglied des Landtags. zum Slaatsminister und Minister des Innern ernannt. Vankfchrelbea öes Minifterpräsiüenten. Auf das Rücktrittsgesuch, in dem Minister Severing die Gründe darlegte, aus denen heraus er um Enthebung aus seinem Amte bat, hat Ministerpräsident Braun namens des Staats- Ministeriums mit folgendem Schreiben geantwortet: Mein sehr verehrter cherr Minister! Mit tiefem Bedauern Hobe ich von Ihrer Mitteilung Kenntnis genommen, daß Ihre schwer erschütterte Gesundheit Sie zwingt, Ihr Amt niederzulegen, das Sie 6 Jahre hindurch mit Vorbild- licher Gewissenhaftigkeit unter Einsetzung Ihres ganzen reichen Wissens und Könnens erfolgreich geführt haben. Was Sie in dieser bewegten Zeit für die innere Befriedigung Preußens und damit auch des Reiches, für den Auf- und Ausbau der neuzeitlichen Per- waltung und für die Festigung der Staatsautorität mit unbe- irrbarer Zielklarheit in zähem, ausdauerndem Ringen unter Ein- fetzung Ihrer ganzen Person geleistet haben, gehört der Geschichte an. Namens der Staatsregierung spreche ich Ihnen für diese dem Baterlande in schwerster Zeit geleisteten unschätzbaren Dienste herz- lichen Dank aus. Ich wünsche und hoffe, daß einig« Zeit der wohl- verdienten Ruhe Ihnen Ihre Gesundheit wiedergeben wird, und daß Sie dann sich wieder in alter physischer und geistiger Frische dem Dienste am Volke werden widmen können. In alter Hochachtung Ihr gez. Braun. Der Lebenslauf des neuen Innenministers. Genosse Albert Grzesinski stammt aus Pommern. In Treptow a. d. Tollense ist er am 28. Juli 1879 geboren, wurde bald Berliner, besuchte in Spandau die Schule, lernte in Berlin 1893 bis 1897 Metalldrücker, ging auf die Wanderschaft, arbeitete bis 1906 in Leipzig, Frankfurt a. M. und Offenbach. Dort wurde er seßhaft, wurde 1906 Geschäftsführer im Deutschen Metallarbeiter- oerband zu Osfenbach, bald danach, November 1907, zu Kassel. Dort nahm er am kommunalen Leben tätig teil und wurde schließlich Stadtverordnetenvorfteher. Außerdem Vorsitzender des Gewerkschaftskartells Kassel, seit 1913, wurde er nach dem Zusammenbruch Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrats für den Regierungsbezirk Kassel und nahm an den beiden Zentralräten der deutschen Republik teil. Seit Juni 1919 war er Unter st aatssekretär im preußischen Kriegsministerium. Noske machte ihn bald darauf zum Reichs. kommiffar und Leiter des Abwicklungsamts. 1921 kam er in den Landtag. November 1922 wurde er Oberregierungsrat im preußischen Innenministerium. Von dort entsandte ihn im Mai 192S Severing an die Spitze der Berliner Polizei. -A\ Die baperisthe ferne gesteht! Zeugenvernehmung vor dem Reichstagsuntersuchungsausschuß in München. München, 6. Oktober.(Eigener Drahtbericht.) In der heutigen V». � L lu L/ L L. yV�IVjV II«.!. V»»» V' o"*' Bormittagssitzung des Femcgusschusses waren als Zeugen geladen: Rechtsanwalt Gädemayn, Dr. Kern, Kricbel und Esche- r i ch. Von Gademann war aber ein« schriftliche Erklärung ein- gelausen, daß er aus dringenden beruflichen Grü n d c n nach London verreisen mußte. Er verwies in diesem Schreiben auch auf seine früheren Erklärungen, die er in der ganzen Angelegenheit vor dem Untersuchungsrichter abgegeben hatte, und erklärte, daß er aus Grund des ß 52 der St.-Pr. Ordnung jede weitere Aussoge verweigere. Er begründet das damit, daß er der Verteidiger Brauns und Beurers sei, und brachte für diese Behauptung auch die schriftlichen Belege bei. Seine Abwesenheit von München dauert ungefähr e i n e W o ch e. Hierauf wurde Dr. kern als Zeuge vernommen, der einer der ersten Gründer der Einwohnerwehr ist und zu dem engsten Mit- arbeiterstab des Oberforstrats Escherich gehört. Er arbeitete mit diesem bereits im Jahre 1919 zusammen, als die Einwohnerwehren im Entstehen begriffen waren. Nachdem die Gründung erfolgt war, wurde er der Leiter der Wirtschaftsabteilung der Ein- wohnerwehr und behielt diesen Posten bis Dezember 1920. Er behauptet, seine Aufgaben seien lediglich kaufmännischer Natur gewesen und außerdem habe er sich mit der Personalabteilung zu be- fassen gehabt. Nach seinem Ausscheiden aus der Landesleitung der Einwohnerwehr fei der Oberleutnant Braun, der früher nur als Hilfskraft angestellt gewesen sei, zum Leiter der Wirt- schaftsabteilung ernannt worden. Braun habe dann später, als durch gesetzliche Bestimmungen ein Entwassnungskommissar ausgestellt war. das Einsammeln der Waffen innerhalb der Einwohnerwehr südlich der Donau übernommen. Ueber die engeren Mitarbeiter Brauns, denen'be- kanntlich verschiedene Mordtaten zur Last gelegt werden, weiß er nichts Näheres anzugeben. Er behauptet, diese Leute in der Haupt- sache nur vom Sehen gekannt zu haben. Mehr bekannt war er mit Beurer, der Gauleiter der Einwohnerwehr von Zus- marshausen war und der bekanntlich im Fall Härtung im schwersten belastet ist. Der Zeuge erklärt auf verschiedene Vorhaltungen, daß über Waffenangelegenheiten in der Einwohnerwehrlei- tung so gut wie nicht gesprochen worden sei. Und zwar habe man sich in dieser Richtung stillschweigend an Abmachungen gehalten. über solche Dinge nicht zu reden. Es trifft allerdings zu, daß der Verrat von Waffenlagern sich in jener Zeit a u ß e r o r> d entlich häufte, von der Einwohnerwehrleitung sehr scharf verurteilt wurde und daß auch von ihm Ausdrücke gebraucht wurden wie:„Lolche Verräler gehören umgebracht." Aber von solchen Redensarten bis zur Tat fei ja immer noch ein weiter Schritt. Ueber das Verhältnis zwischen der Polizei- d i r e k t i o n und der Landeslcitung der Einwohner- wehr behauptet der Zeuge, daß dies Verhältnis stets ein sehr freundschaftliches gewesen sei. Bei Einstellungen in der Landes- leitung der Einw-ohnerwehr gab die Polizeidirektion bereitwilligst Auskunft über die Personalien der einzelnen Leute. Hierauf. erfolgt die Vernehmung des Oberforstrats Escherich, des Leiters und Gründers der Einwohnerwehr und der Organisation Escherich. Er erklärte im Zusammenhang, daß der Grundsatz der Einwohnerwehr ein rein antibolschewistischer gewesen sei, um Ruhe und Ordnung zur Zusammenarbeit mit der legalen Regierung herzustellen. Die Einwohnerwehr habe niemals mit Fememorden etwas zu tun gehabt und sei grundsätzlich auf dem Standpunkt gestanden, niemals etwas Ungesetzliches zu tun. Meine persönliche Anschauung, erklärt Escherich, war, daß, wenn junge Leute Taten vollbracht haben, deren sie heute beschuldigt werden, sie dies im Grunde nur taten, um dem Vaterland aus nationalen Gründen zu helfen. Eingehend wurde dann Eschcrich gefragt, ob der'Rechts- anwalt Gademann in der Rechtsabteilung der Einwohner- wehr angestellt war. Dabei teilte Escherich mit. daß Gademann aus Befehl kriebels eines schönen Tages, und zwar am 14. März 1921. bei einer Be- sprechung mit der bayerischen Regierung von ihm seinen Kraftwagen verlangt habe mit der Begründung, daß er rasch im In- teresse der Einwohnerwehr nach Augsburg fahren müsse. Ohne weitere Auskunft zu verlangen, stellte er, wie das so üblich war, der Landesleitung seinen Wagen zur Verfügung. Ein längeres Fragespiel ergab sich aus der Tatsache, daß Escherich dem Kriebel Schweigepflicht auferlegt hat. Kriebel hat nämlich in einem Schreiben an den Ausschuß erklärt, daß er sich an diese Schweigepflicht gebunden erachte und daß er demzufolge die Aussage verweigern werde. Der Zeug« Escherich wurde auf die Unmöglichkeit dieser Schweigepflicht hingewiesen, worauf er dann erklärte: Ich entbinde kricbel von diesem Stillschweigen nur dann, wenn kriebel selbst es will. Als Begründung dieser Auffassung stellte sich Escherich auf den Standpunkt, daß es besser sei, das Rechtsbcwußtsein des Volkes zu schädigen, als daß vaterländische Interessen geschädigt werden. Tritt Geeckt zurück! Folge» der Affäre von Münsingen. In den Mittagsstunden wird in politischen Kreisen die Nachricht verbreitet, daß General von S e e ck t wegen der Angelegenheil des Kronprinzensohnes im Lager von Münsingen zurück- treten wolle. » Auf unsere Anfrage beim Reichswehrministerium, warum mit dpr Erledigung der Münsinger Affäre gewartet werde, bis der Reichspräsident vom Urlaub zurückgekehrt sei, während die An- gelegenheit doch in die Zuständigkeit des Reichswehrministers falle, wird uns erwidert, daß das Reichswehrministerium zwar sachlich zuständig sei, daß es aber Angelegenheiten gäbe, die über die Kompetenz eines Ressorts hillausreichen, im übrigen fei die Angelegenheit durch die Ereignisse überholt, Sozialistische Kulturaufgabe. Nachwort zur sozialistischen Kultnrtagung. Es liegt im Zuge dieser Zeit, die alle Dinge und Er- kenntnisse zerlegt und auflöst, daß auch die sozialistische Be- wegung spezialisiert, zergliedert und in eine Reihe von be- sonderen Interessengebieten aufgeteilt wird. Mit der wachsen- den Zahl der Mitglieder in den Organisationen wächst auch die Vielgestaltigkeit der Interessengebiete, die sie umschließt, wächst auch der Aufgabenkreis, den die Organisation zu er- füllen hat. Die sozialistische Arbeiterbewegung ist seit ihrem Be- stände etwas wesentlich anderes, als nur eine Lohnbewegung, wie die Gegner sie vielfach aufzufassen suchten. Sie umfaßte alle Interessenkreise der Arbeiterschaft. Sie war eine im tiefsten Kern religiöse Bewegung, der die materialistische Ge- schichtsauffassung zwar größere Klarheit und tieferes Ver- ftändnis für die geschichtlichen und sozialen Zusammenhänge vermittelte, die aber ohne die begeisterte und innerliche Hin- gäbe ihrer Anhänger kaum eine so weltumspannende Be- deutung hätte gewinnen können, wie sie tatsächlich erlangt hat. Aber in ihren Anfängen und den ersten Jahrzehnten ihres Wirkens knüpfte diese Bewegung an verhältnismäßig einfache Verhältnisse an. Es galt zunächst die Arbeiter zur Erkenntnis ihrer Klassenlage zu bringen und ihren Willen zum Kampf für eine Aenderung dieser Lage zu wecken. Da gab es politifch-agitatorische und wirtschastliaze Aufgaben in Hülle und Fülle. Die Agitation für das gleiche Wahlrecht ist eine der ersten Taten der jungen Bewegung, die Lassalle ins Leben rief, der Kampf gegen reaktionäre Kleinstaateici, für ein innerlich freies Großdeutschland mit internationalen Beziehungen eine nicht minder wichtige der Eisenacher Ricktung. Und wenn beide Arme des sozialistischen Stromes gleichzeitig wirtschaftliche Organisatio- n e n(Gewerkschaften) erzeugten, so war das kein Zufall, es entsprang vielmehr der inneren Notwendigkeit, die ganze Be- wegung vom Politisch-Abstrakten auf die wirtschaftliche und damit kulturelle Hebung der Arbeiterklasse hinzuleiten. Es war ohne weiteres klar, daß die unterdrückte, politisch unfreie, sozial mißachtete Arbeiterschaft zu einem Machtfaktor nur werden konnte, wenn sie wirtschaftlich gehoben und damit auch kulturell vorwärts entwickelt wurde. Ohne diese Unter- scheidunaen immer auszusprechen, ohne sie oft auch nur im Bewußtsein ausreifen zu lassen, hat doch die Sozialdemo- kratie in Gemeinschaft mit den Gewerkschaften eine der frucht- barsten Kulturarbeiten verrichtet, die je die Geschichte sah. Die soziale und kulturelle Stellung der Arbeiterschaft als Klaffe ist heute himmelweit von jener verschieden, die sie etwa zur Zeit Lassalles inne hatte, gerade infolge des Wirkens der Sozialdemokratie, die den Arbeitern in steigendem Maße Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein einflößte und sie da- durch reif machte, auch als Klasse einen besonderen Typus zu verkörpern. Wenn jetzt in einem stillen Thüringer Städtchen eine besondere sozialistische Kulturtagung um Formu- lierungen und Begriffsbestimmungen rang, die die Verbin- dung der sozialistischen Gesamtbewegung mit den kulturellen Erscheinungen der Jetztzeit herzustellen in der Lage sind, so stellt sich das dar als eine Erscheinung aus der geistigen, Ä-irt- schaftlichen und politischen Umwälzungsperiode, die wir mit- erleben. Alle Umwelt scheint sich umzuformen. Nicht nur politische Grenzen und Begriffe werden gesprengt, nicht nur überkommene Wirtschaftsformen gehen in neue, große anders geartete Gestaltungen auf— Wissenschaft und Technik bringen fast täglich Neuerscheinungen hervor, deren fernwirkende Kraft oft nur schwer zu überblicken ist. In solcher Uebergangszeit von einem Alten zu werden- dem Neuen steht auch die Arbeit der Sozialdemokratie. Politisch sind ihr— nicht nur in Deutschland— völlig neue Aufgaben gestellt. Wirtschaftlich ringen die Arbeiterorgani- sationen um oermehrten Einfluß im Gesamtprozeß der Pro- duktion und des Güterverbrauchs. Kein Wunder also, daß auch die kulturellen Aufgaben sich schärfer heraus- schälen, nach neuer und. vermehrter Geltung drängen. Es zeigt sich, daß die Erweiterung unserer Reihen nach der Seite der geistigen Arbeiter eine klarere Herausarbeitung der kulturpolitischen Zielsetzungen notwendig macht. Diesem Zwecke sollte die Tagung des S o z i a l i st i s ch e n Kulturbundes, der Dachorganisation sämtlicher an der Arbeiterkultur in sozialistischem Sinne wirkenden Verbände, dienen. Das Vortrags- und Diskussionsprogramm umfaßte das ganze weite Gebiet des Verhältnisses zwischen Sozialis- mus und Kultur. Die Teilung des Hauptthemas in Unter- gruppen sollte die Uebersichtlichkeit erleichtern und die Be- sprechung konzentrieren. Diese naheliegende Absicht wurde in der Ausführung jedoch zum Leidwesen vieler Teilnehmer gestört durch die Häufung der Fragen, die eine überhastete und deshalb nicht voll befriedigende Aussprache zur Folge hatte. Der Sozialismus als Weltanschauung bricht mit unendlich vielen Ueberlieferungen. In seiner Willens- richtung liegt die soziale Gemeinschaft mit s o z i al empfinden- den und für die Gemeinschaft wirkenden Menschen. Das bedeutet einen schroffen Gegensatz zu der i n d i- v i d u a l i st i s ch e n, die P e r s ö n l i ch k e i t in den Vorder- grund rückenden Betrachtungswelt des Liberalismus und dem Autoritätsprinzip der konservativen Welt. Geht man an die Entwicklung eines sozialistischen Kultur- Programms, so öffnen sich immer weitere Blicke und von immer neuen.Punkten gus läßt sich vorstoßen, um Ge- m c I n s ch a f t s g e d a n k e n zur Geltung zu bringen. Aber überall nmß dabei angeknüpft werden an Bestehendes, historisch Gewordenes, das umgestaltet, aber nicht ausgelöscht werden kann. Ob wir auf dem Wege der Gesetzgebung— in Reich, Staat oder Gemeinde— sozialistische Gedanken durchzusetzen suchen, oder auf dem Wege der freien organi- satorischen Arbeit, überall sind wir genötigt, an die U m- f o r m u n g des Vorhandenen zu gehen. Es ist leicht, von dem „neuen Menschen" zu reden, der gestaltet werden müsse, aber schwer, für diesen Begriff eine andere Unterlage zu finden, als die sachliche Umgestaltung der Existenzbedingun- gen der Menschen"überhaupt. Es scheint uns deshalb nicht unbedingt erforderlich, in diesen Dingen mit überspitzten Begriffen zu spielen, wie das vielfach auch auf dieser Kulturtagung geschah. Ob„Reformismus" oder„Reoolutionarismus", ob„Rationalismus" oder„Seele" — das sind für die praktische Wirksamkeit sozialistischen Kulturstrebens nur akademische Unterscheidungszeichen. Denn schließlich muß all unser Wollen münden in den Sozialismus, der die Wirtschafts- und Lebensform der sozialen Gemein- schaft bedeutet. Diese neue Form der Gemeinschaft unter Aufhebung der Gesellschaftsklassen wird aber nicht an einem Tage plötzlich vor uns stehen, sondern jeder Tag, den wir im Streben nach ihr schaffend vollenden, muß uns dem Ziele näher bringen. Jeder Tag bringt aber auch neue Probleme und neue Aufgaben, die wieder zu meistern sind. Da ist es gut, gelegentlich Rück- und Vorschau zu halten, um die Strecke zu errechnen, die noch vor uns liegt, aber auch die Steigung, die wir schon erklommen haben. Ein solcher Augenblick der Rast und des Ueberschauens sollte die Kulturtagung in Blankenburg sein. Selbstverständlich, daß rüstige Wanderer glauben, noch schneller zum Ziele eilen zu müssen. Selbst- verständlich, daß von anderen gemahnt wird, nicht den Weg und die Nachkommenden zu vergessen. Stürmender Optimis- mus und ruhige Berechnung trafen hier zusammen. Beide streben demselben Ziele zu. Ueberwog auf der Kulturtagung mehr das theoretisierende Moment, so kam in der ihr folgenden Reichskonferenz der Bildungsausschüsse mehr die Praxis zum Wort. Hier, wo die Männer der Wirklichkeit und der organisatorischen Arbeit berieten, klang es zwar zuweilen nüchterner als dort, aber schließlich ist diese Arbeit an der Arbeiterklasse und für sie ein überaus wertvolles Stück sozialistischer Kulturarbeit. Nur ein Stück aus dem großen Bilde, das die sozialistische Be- wegung in ihrer Gesamtheit darbietet, aber ein lebhaftes und farbenfrohes Spiegelbild echt sozialistischen und proletarischen Kulturwillens. Westarp will warten. Das deutschnationale Echo zumParteitag der Volkspartei Graf Westarp hat als Vorsitzender der Deutsch- nationalen Volkspartei von seinem Parteitag Handlungs- freiheit erhalten, um seine Partei in die Regierung zu führen. Nach dem Parteitag der Volkspartei bleibt ihm nichts übrig, als diese Vollmacht zu benutzen zum— Abwarten. Er konstatiert in der„Kreuzzeitung", daß der Parteitag der Volkspartei mit folgendem Ergebnis geendet habe: „So muß man alles in allem als Ergebnis des Kölner Parteitages buchen, daß die Deutsche Volkspartei die von den Herren vom Staatsrat vorgeschlagene Arbeitsgemeinschaft abgelehnt hat. Man mag diese Tatsache beklagen. Man muß ein st weilen mit ihr rechnen." „Die Kölnische Zeitung" spricht aus, der volksparteiliche Partei- tag bringe eine Stockung auf dem Wege zur Bildung einer trag- fähigen Regierungsmehrheit. Wir beharren, unbeirrt durch persönliche Empfindlichkeiten, bei der zur Ueberwindung dieser Stockung geeigneten Politik, die wir auf unserem Kölner Parteitag vorgezeichnet haben." Herr Graf Westarp will nach wie vor in die Regierung. Er steckt die bitteren Wahrheiten ein, die Stresemann den Deutschnationalen versetzt hat. Wohl polemisiert er dagegen — aber mit ängstlichem Bemühen, nichts zu verderben. Er klagt über die„Zeugnisse von verhaltener K a m p f l u st", die Stresemann abgelegt habe, seine eigenen Ausführungen sind ein Zeugnis von schlecht verhohlener Enttäuschung. Die Deutschnationalen stehen weiter vor der Tür. Graf Westarp wartet._ Der tzohenzollern-Vergleich. Der Vergleich, der zwischen der preußischen Staatsregierung und den Hohenzollcrn zustande gekommen ist, beruht aus den letzten Abfindungskompromißbeschlllssen des Reichstages, die bekanntlich nicht endgültig zur Annahme gelangt sind. Das preußische Finanz- Ministerium hat auf Grund dieser Kompromißbcschlüsse. die noch eine schiedsgerichtliche Entscheidung vorsahen, eine Wahr- scheinlichkeitsrechnung aufgestellt, wieviel danach dem Staat und wieviel den Hohenzollern zufallen würden. Danach ergab sich, daß die Hauptlinie der Hohenzollern etwa SdOOOO Morgen Land und etwa 6 bis 7 Millionen in bar erhalten würde. Daß es sich hierbei um einen erheblichen Fortschritt gegenüber dem früheren Vergleich Handel, ist daraus zu ersehen, daß in dem Veraleichsentwurf von 1925 der Hnuptlinie der Hohen- zollern 339(MX1 Morgen und 30 Millionen zufallen sollten. Von den Rcichstagskompromißvorschlägen ausgehend, gibt der neue Ver- gleich den Hohenzollcrn 250 000 Morgen Land, also 50 000 mehr als nach den Reichstagsbeschlüsscn, wogegen die Hohenzollern auf Schloß und Park Bellen ue, Schloß und Park Babels- b e r g mit Inventar, Schloß und Park Wusterhausen und verschiedene Nutzgrundstücke in der Breiten Straß« in Berlin, in Karlshorst, Potsdam und Nitolskoe verzichten. Die Albrecht-Linie verzichtet in dem neuen Vertrag zugunsten des Staates auf 20 000 Morgen Land und Forst und behält etwa 60 000 Morgen. Die Karl-Linie verzichtet auf 27 000 Morgen und erhält etwa 70 000 Morgen. Bei der Karl-Linie handelt es sich hauptsächlich um F l a t o w- K r o j a n k e, bei dem es sehr zweisel- hast war, wohin es nach den letzten Reichstagsbeschlüssen fallen würde. Die Barentschädigung der Hohenzollern ist in dem neuen Vergleich auf 15 Millionen Mark festgesetzt. Von den Werten, auf die die Hohenzollern in dem neuen Vergleich verzichten, sind bei der Erhebung des Wchrbeitrages Schloß und Park Bellevue mit 34 Millionen, Babelsberg mit 15 Millionen und die übrigen Objekte mit 9 Millionen veranschlagt worden. Die Monarchisten in Dapern. Stille, stille, kein Geräusch gemacht... Die Stärke der monarchistischen Bewegung in Bayern ergibt sich aus einem offiziellen Schriftstück, das aus der Zentralleitung des„Heimat- und Königsbundes„In Treue fest!" stammt und in dem von der Führung dieses Bundes Rechenschaft abgelegt wird über die äußere und innere Entwicklung des Bundes seit dem März 1925. Damals übernahm der Freiherr von Aretin, der Redakteur der von dem Dolchstößler Coßmann herausgegebenen„Süddeutschen Monatshefte", die geschäftsführende Landesleitung des Bundes, mit dem sich dieser Tage die b a y e- rische- Königspartei verschmolzen hat. „Als erstes," so heißt es in dem Dokument,„ist anzustreben, daß die Bewegung des Bundes, die als Organisation der Wähler- massen gedacht ist, iius der N e.r e i n s m e i e r« i herausgehoben wird. Dabei muß möglichst geräuschlos gearbeitet werden, weil es nur schädlich ist, wenn schon bei dem Ausmarsch die Aus- merksamkeit der Gegner bewirkt wird. An eine gewaltsame Aende- rung der freistaatlichen Verfassung ist seit 1923 nicht mehr zu denken. Dies wäre vielleicht dann möglich, wenn die radikale Linke einen Umsturz versuchen würde. Die Haupttätigkeit des Bundes bleibt darauf gerichtet, das konservative Element der bayerischen Be- völkening zu stärken, es zu organisieren und einen bestimmenden Einfluß auf die Leitung der bürgerlichen Parteien zu gewinnen. An eine durchgreifende Tat ist erst dann zu denken, wenn der Bund die Mitglicderzahl von 130 000 bis 140 000 erreicht hat. Die Mit- gliederzahl beträgt aber heute erst etwas über 50 000. Die Baye- rische Volkspartei ist bereits überflügelt. Der Bund besitzt in fast allen bayerischen Kreisen hauptamtlich angestellte Sekretäre, nachdem die ehrenamtlichen Sekretäre und die Vereinsoorständc be- feitigt werden konnten. Diesen Krcissekretärcn ist im wesentlichen der Aufstieg des Bundes seit Jahresfrist zu danken. Von 540 po- litischen Gemeinden in Obcrbayern bestehen in 175 Ortsgruppen des Bundes, von den 954 in Niederbayern in 60. von den 1085 in der Oberpfalz in 263, von den 1007 in Mittelfranken in 260 und von den 1121 in Oberfranken in 160. In Schwaben und Unterfranken sind die Ziffern weniger befriedigend. In den derzeitigen 50 000 Mitgliedern sind lediglich die aktiven Monarchisten erfaßt Ihre Ziffer muß und kann gesteigert werden, und zwar aus den Reihen der gleichgültigen Monarchisten. Das gelingt um so leichter, wenn man die vorhandenen Vorurteile gegen den Separatismus beachtet und nach dieser Richtung weniger geräuschvoll arbeitet. Damit wird eine Reihe von Schwierigkeiten umgangen. Finanziert wird der Bund im wesentlichen durch freiwillige Spenden, wobei der Mittelstand und die kleinen Beamten eine staunenswerte Opfer- Willigkeit zeigen. Die straffe Durchorganisation des Bundes wird in zw e i bis drei Jahren vollzogen sein." Der Bericht ist ein Zeichen dafür, daß die bayerischen Mo»- archisten sich mit den neuen Verhältnissen noch nicht abgesunden hoben. Der Bericht dürfte in seinen zahlenmäßigen Angaben st a r t übertrieben sein. Aber selbst wenn man nur 50 Prozent der einzelnen Behauptungen als richtig anerkennt, bleibt eine starke Aktivität der bayerischen Monarchisten festzustellen. Die besoldeten Agitatoren müssen„geräuschlos" den monarchistischen Honig ver- schleudern. Die heutige monarchistische Taktik erfordert selbstverständlich riesige Geldsummen, denn die Königsbllndler haben jetzt besoldete Kreisselretäre angestellt, um planmäßige monarchistische Propa- ganda treiben zu können. Wer finanziert heute die sehr kostspielige monarchistische Organisation? Da fließen zunächst die freiwilligen Spenden, und da werden die Taschen der Wittelsbacher herhalten müssen! Bezeichnenderweise betätigten sich die monarchistischen Kreis- sekreiäre besonders in der Propaganda gegen die Fürsten- c n t e i g n u n g. Der Kreissekretär in Bamberg, der vom Oktober 1925 bis zum Juni 1926 über 40 Ortsgruppen errichtet haben will, rühmt sich 50 fränkische Zeitungen zum Kampf gegen die Fürstenenteignüng ausgepeitscht zu haben. Die monarchistischen „Aktivisten" scheuten sich auch nicht bei diesem Kampfe vor der An- wendung terroristischer Mittel, daß in einzelnen Gemeinden, in denen die monarchistischen Ortsgruppen arbeiteten, keine Ja- st i m m e abgegeben wurde. Der bayerische Monarchistenbund will sich die Geistlichkeit ge- fügig machen, damit ihnen in den Ortsgruppen wirksame Agitatoren für König Rupprccht erstehen. Bisher fanden die Biindler nämlich. daß die Geistlichen ihnen vielfach eine kalte Schulter zeigten. Die geistlichen Herren sind natürlich durchweg Mitglieder der Bayerischen Volkspartei, die sich doch nicht so ohne weiteres zum Lakai der Witt-lsbacher herabwürdigen läßt. Die Geistlichkeit hat ihre Sonder- interessen und läßt sich nicht einfach von Berchtesgaden und München gängeln._ Wanzen-Größenwahn. Der„Deutschen Zeitung" gewidmet. Eines Tages wurde die Wanze größenwahnsinnig.„Ich stinke und steche, und die Menschen jucken sich, wenn ich sie berühre," so sagte sie,„warum soll ich nicht auch töten können?" Von da ab bildete sie sich ein, sie könne töten. Herr Bacmeister und die„D e u t f che Zeitung" haben vor einiger Zeit eine Stinkbombe gegen den Genossen Sevcring ge- warfen, so daß sich alle anständigen Leute die Nase zuhielten. Jetzt erzählen sie, der Gestank habe Sevcrings Gesundheit erschüttert, sie hätten ihn gestürzt. Größenwahnsinn der Wanze! Gefängnis wegen anlimililaristischer Propaganda. Das fron- zöfische Kriegsgericht in Trier verurteilte einen Buchhändler aus Koblenz zu 2 Jahren Gefängnis, weil er gemeinschaftlich mit Franzosen antimilitaristische Flugschriften unter den Besatzungs- truppen verteilt hatte. Wegen des gleichen Vergehens wurde ein Mann aus Düren in Abwesenheit zu 5 Iahren Gefängnis verurteilt. Shaw: Mensch unö Uebermensch Lessingthealer. Hallo, dieses Feuerwerk, wenn sich im phantastischen Vorraum von Himmel und Hölle der steinerne Komtur, Don Juan Tenorio, der Teufel und die liebe Donna Anna über ihre Herzensange- legenhciten unterhalten! Die Männlein und Weiblein, ewige Ge- schöpfe der Dichterphantasie und der mozartischcn Unsterblichkeit, zer- grübeln sich die Köpfe darüber, ob es möglich sein wird, den wahren tlebermenschen eimal in die Welt zu setzen. Soll der Uebermensch im Himmel geboren werden, wo alles Harmonie und gähnende Langeweile ist oder wird er der Pilger zum Höllenschlund sein, wo Gottes ungehorsame Geschöpfe zwar schmoren, wo aber für jederlei Vergnügungen gesorgt ist? Shaw, der Lustigmacher, haut den Knoten der schwierigen Frage mit großer Zivilcourage entzwei. Selbst der steinerne Komtur, um dessen Pferd und Helmzier es so reaktionär geistert, zieht die abwechslungsreiche Hölle dem Himmel vor, wo die Unsterblichen nur gähnen. Diesen Akt brachte man früher nicht auf die Bühne, da inan ihn für undramatisch hielt. Nun hat der Regisseur Martin die Shawsche Burleske durch die Vision unterbrechen lassen, und es wird der Akt der Diskussionen bei- nahe zum stärksten Stück. Denn hier werden Gedanken zu Ende gedacht und geredet, die uns verflucht bedrängen. Wir wollen näm- lich, alle, wofern wir uns an ein Ideal festgesogen haben, irgend- wie an de» Uebermenschcn heran. Und zum Henker, nur im Traum gelingt es, die Wirklichkeit wegzuwischen und ein ganzer Held zu sein, und kein kleiner, leidenschaftlicher Knirps. Weil Shaw sich vor 25 Jahren vornahm, zu beweisen, daß auch der stärkste Frauen- Verführer Don Juan nur ein Spießer und im Gespann der bürgcr- lichen Ehe enden inuß, kam ihm beinahe die grüne Galle hoch, weil er das schwierig« Problem nur so dürftig lösen konnte. Es gibt keinen Don Juan, es gibt nur den hartgesottenen Junggesellen, der schlichlich doch zu Kreuze, d. h. zum Standesbeamten kriecht. Shaw fühlte sich so wenig als Meister des Problems, daß er über sein Theaterstück eine dickleibige Philosophie herumschrieb. Er wollte be- zeugen, daß das Heldentum nur ein Maulheldentum sei. Er ordnet die Welt also nicht, wie die Maulhelden es wollen, aber er schreibt einen famosen Schwank, dessen kleinbürgerliches Ende durch raffinierten Witz und jene Pointen vorbereitet wird, die auch den Menschenfeind trösten und versöhnen. Von dem Absoluten, das sich die Philosophen und Sittenprediger ausdenken, bleibt nicht viel übrig. Doch die Albersweisheit, die jedermann mit seinem knappen gesunden Menschenverstand bewältigt, ist so fröhlich, daß man schließlich das Zusammenschrumpfen der Ideale als eine sehr anständige Weltlösung akzeptiert. Man glaube um Gotteswillen nicht, daß dieser Bernard Shaw ein Revolutinär ist. Die Eng- länder, die ihm von Staats wegen zu seinem 70. Geburtstage einen Fußtritt gaben, waren sehr borniette Leute, Bernard Shaw ist nämlich der artigste Hüter jeder Ueberlieferr�ng. Er zappelt nur eine Weile lang, um sich loszureißen. Dann unterwirft er sich schnell dem bürgerlichsten Gesetzbuch mit all seinen Paragraphen. Nur besteht sein großes Talent darin, daß er immer wieder diesen Prozeß des Zappelns so dramatisch beschreibt. Wenn Eugen Klöpfer, von Anfang an furios und prustend in Gelächter, verrät, daß er trotz seiner brennenden Don Juan-Gelüst« endlich doch um die kleine Hand der kleinen Anna anhalten wird, so hilft der Schauspieler prächtig der Absicht des Dramatikers. Klöpfer wählt ein kollossales Tempo, um den ge- sunden Menschenverstand schleunigst zum Finish zu bringen. Seine Leistung ist eine wahre Sportleistung des Komödianten. Mit Hurra beritt er die Bühne, mit Hurra verläßt er sie, als der Vorhang zum letztenmal fällt. Seine Adjutantin vom anderen Geschlecht ist Frau Carola Neher, die gerade soviel Verstand und Grazie aufbietet, daß sie über die Durchschnittsklasse der nonnalen Back- fische hinüber hüpft. Ein Augenblick, und aus dem süßen Mädel wird ein Weib. Das Schnippische und Neckische ist schwer zu ver- menschlichen und vor der faden Süßlichkeit zu bewahren. Frau Neher überwindet die Natur, die sie auf die gefährliche Butter- und Honigseite des Daseins hinüberwarf. Eugen Burg, Irmgard Richter, Ulrich Bettat, Wilhelm Dieterle und vor allem auch Karl E t t l i n g e r, der die krausen Menschen so köstlich spielt, wirkten als gehorsame Mithelfer des Regisseurs Karl- Hein; Martin. Man freute sich sehr und klatschte dankbar Beifall. Max Hochdorf. Ikeueinstiidieruiig der„Tvildenle". Im Jahre 1889 war in Berlin die„Freie Bühne" gegründet worden, die dem dramatischen Ausdruckswillen der Jugend dienen wollte und tatsächlich eine neue dramatische Richtung einleitete. Der erste Dichter, mit dem die „Freie Bühne" an die Oeffentlichkeit trat, mar Henrik Ibsen. Heute kann man kaum noch begreifen, daß die Vorstellungen damals eine Sensation gebildet und zu hitzigen Meinungskämpfen geführt haben. Es hat seinen eigenen Reiz, wenn jetzt, drei Jahrzehnte später, Ibsen auf dem Spielplan erscheint. In der„T r i b ü n c" sah man gestern die„W i l d e n t e". Wenn Ibsen dem Wahrheitsfanatiker die Lebcnskompromißler, die ideale Forderung der Lebenslüge gegen- überstellt, wenn er das Problem aufrollt, ob Erkenntnis der nackten Wahrheit oder hoffende Illusion t!as Glück bedeutet, so weckt er bei lins nicht mehr brennendes Interesse. Es ist nicht mehr unser Problem. Ibsens Mission scheint erfüllt, seine Gedankengänge sind allgemein geworden. Wir wissen, daß die Wahrheit oft bitter ist. und den holden Traum vom Glück zerstört. Zuweilen kommt uns sogar der Zweifel, ob Ibsens Fragestellung überhaupt jemals ein Problem gewesen ist. Was uns heute nach niit Bewunderung erfüllt, das ist die Gestaltungskraft des norwegischen Dichters, die dramatisch gespitzte Zurichtung des Schauspiels. Von Anfang an ist der Zu- schauer mit Spannung geladen. Das präzis laufende Räderwerk der grandiosen Konstruktion tritt zutage, und doch greift der Dichter tief in unsere Seele. Hjalmar, der Mann mit der Lebenslügc, ist bei dem Regisseur Eugen Robert Alexander Moissi. Seine Stimme sinkt, die Unwahrhaftigkcit seines Charakters versucht er schon durch gewollte Grandezza in der Tongebung auszudrücken. Da er aber den ganzen Abend über in geziert großer Geste verharrt. so wird er überdeutlich und überzeugt nicht mehr. Wir verstehen nicht, daß an diesen hohlen prahlerischen Menschen ein so klares und unpompliziertes Wesen, wie seine Frau Dina, geglaubt hat, der Ilka Grüning menschlich ergreifende Züge leiht. Die Besetzung des Hjalmar machten auch die prächtigen Leistungen Albert Steinrücks, Hermann Vallentins und Lothar M ü t h e l s nicht weit. Dgr. „Das märchenhaft schöne Finnland" ist ein Film betitelt, der jetzt in der Urania läuft. Diese Bilderreise ist nicht nur eine angenehme optische Angelegenheit, sie bietet auch reiche Möglich- leiten der Belehrung. Man ging bewußt vor, in straffer Zusammen- fassung alles dessen, was man zeigen wollte. So sieht man zuerst die Bauten und Wahrzeichen Finnlands, bei stolzer Namennennung derer, die sie schufen. Als Crnährungsquelle der Bevölkerung spielt die Landwirtschaft eine große Rolle: daher werden landwirtschast- licher Groß- und Kleinbetrieb vorgeführt, und das Leben und Treiben in den Genossenschnftsmolkereien, von denen jede noch einen Schweinehof hat, wird eingehend veranschaulicht. In den großen Genossenschaftsgebäuden bedienen viele fleißige Hände die Maschinen, die u. a. die Butter waschen, salzen und kneten. In Kühlwagen der Eisenbahn wird dann die Butter nach den Hafenstädten be- sördert, von wo aus sie per Schiff die Reise nach ihrem Bestim- mungsort antritt. Finnland mit seinen ausgedehnten Wiesen hat eine natürliche Grundlage für die Viehzucht und laut Statistik kommt auf jeden dritten Einwohner eine Kuh. Finnland ist aber auch das Land der Wälder und es ist ein eigenartiger und unver- geßlicher Anblick, wenn man 4 Millionen gefällter Stämme treibend in einem Flusse sieht. Eine Zellulose- und Papierfabrik, mit deren Einrichtungen man sehr genau bekannt gemacht wird, verarbeitet täglich 50 000 Stämme. Finnlands Wasserkraft, prächtig dargestellt in den Aufnahmen der brausenden Wasserfälle, ist erst zu einem Drittel nutzbar gemacht. Ferner vergaß der Film es nicht, vom Sport ausgiebig zu berichten. So war man Zeuge des begeisterten Empfangs siegreich heimgekehrter Sportsleute, während unter all den vorgeführten Sportarten für uns wohl das Pferderennen auf der Schncebahn erhöhten Reiz hat. e. d. Aulomobilräder aus Gummi. Automobilräder, die ganz au» Gummi hergestellt sind, soll nach der„Gummi-Zeitung" die Au- stralian Rubber Co. Ltd. auf den Markt bringen. Infolge der Elastizität des Gummis ist die Dämpfung von Straßenstößen derart gut, daß dieses Rad keines Luftreifens und Schlauches bedarf. Das Rad ist damit auch nicht den Gefahren von Reifen- Pannen ausgesetzt, soll leicht niontierbar und auswechselbar sein und garantiert den vierfachen Dienst leisten. Die Kosten sollen so- aar geringer sein als bei einem gleichen Rad mit Bereifung. Das Rad soll außen aus Vollgummi bestehen und innen eine Gummi- korkeinlage besitzen._ Zur Uraufführung gelangt Butting'» TT. Zinfonie ot>. 29 in 8 Sätzen im II. groben Sinioniekonzert des Berliner Sinsonie-OrchesterZ, Dirigent: Emil Lohnte, am Mittwoch, den 13. Oktober, im Blüthnersaal. Der Koblenzer Aufruf. Warum hat ihn MTB. nicht verbreitet? Der von uns heute morgen veröffentlichte gemein- f a m e Aufruf des Reichskommiffars für die besetzten Gebiete Freiherrn Langwerth von Simmern, und des Vorsitzenden der Interalliierten Rheinlandkommission T i r a r d, ist ein überaus erfreuliches Dokument. Diese Kundgebung beweist, daß die beiden Regierungen ernst- lich gewillt sind, die durch die jüngsten Zwischenfälle im besetzten Gebiete erregte öffentliche Meinung in beiden Ländern zu beruhigen. Der ausdrückliche Hinweis auf die angebahnte allgemeine Verständigung zwischen Deutsch- land und Frankreich ist sehr glücklich und wertvoll, denn er zeugt von der Entschlossenheit der maßgebenden Stellen in beiden Ländern, sich von ihren großen politischen Zielen nicht durch lokale Raufhändel ablenken zu lassen. Eben die Bedeutung dieser Kundgebung läßt es als unverständlich erscheinen, daß für ihre weitere Verbreitung so wenig gesorgt werde. Immerhin hat die„T e l e g r a p h e n- U n i o n" den Aufruf veröffentlicht, wenn auch an unschein- barer Stelle. Was soll man aber dazu sagen, daß das offiziöse Wolffbureau bis heute mittag von diesem wichtigen Dokument überhaupt keine Notiz ge- n o m m e n hat? Müßte diese unerklärliche Unterlassung nicht drüben geradezu den Eindruck erwecken, als hätte man in Berlin kein Interesse an einer Beruhigung der öffentlichen Meinung? Dieser Eindruck— das fügen wir ausdrücklich hinzu— wäre übrigens durchaus falsch: Wir können vielmehr ver- sichern, daß die hiesigen Regierungsstellen ihrerseits bemüht find, die Gemüter zu beruhigen. Der Reichskommissar ist zur Unterzeichnung des gemeinsamen Aufrufs ausdrücklich von der Reichsregierung ermächtigt worden. Und was die Zwischenfälle selbst bctrift, so scheint man hier Grund zu haben, das Ergebnis der Untersuchungen abwarten zu wollen, che man sich über die Schuldfragc ein Urteil bildet. Offenbar sind inzwischen in Berlin Nachrichten eingelaufen, aus denen sich ergibt, daß gegenüber den e r st e n Darstellungen über die Gcrmersheimcr und sonstigen Zwischenfälle eine gewisse Vorsicht am Platze ist. Wenn der„Lokal-Anzeigcr" den gemeinsamen Aufruf mit der Ueberschrift ironisiert„Ruhe ist die erste Bürgerpflicht", so beweist er nur, daß es in Deutsch- land Leute gibt, die kein Interesse an der Beruhigung der Bürgerschaft haben. Bei Redaktionsschluß, um 2 Uhr nachinittags, wird der Ausruf durch WTB. endlich mit 18stündigsr Verspätung verösfentlicht— offenbar auf Grund einer Anfrage, die wir wegen dieses seltsamen Stillschweigens an die zuständige Stelle gerichtet hatten. Cooliüge unö Sie Cisenbahnobligationen. Truck auf Frankreich. Washington. 6. Ottober. lwTV.) Aach einer Meldung der„Associated preß" haben weder die alliierten Regierungen noch die deutsche Regierung dem Weißen Hause oder dem Staatsdepartement mitgeteilt, daß sie irgendwie daran dächten, deutsche Elsenbahnbonds in Amerika auf den Markt zu bringen. Eoolidge vertrete den Standpunkt, daß die Washingtoner Re- g i e r u n g den Saus irgendwelcher dieser Bonds nicht in Erwägung ziehen würde. Eoolidge habe aber nicht angegeben, welche Haltung die Regierung für den Fall ihres Berkauf» an private Interessenten einnehmen würde. «- Daß die amerikanische Regierung den Kauf von deutschen Eiscnbahnobligationen s e l b st vornehmem würde, hat niemand von ihr erwartet. Was die Unterbringung der Obligationen beim amerikanischen Finanzkapital be- trifft, so hat die Washingtoner Regierung allerdings genügend Mittel in der Hand, um diese Operation zu fördern oder zu sabotieren. Ihre Haltung wird von der Bereitwilligkeit Frankreichs abhängen» das Schuldenabkommcn zu ratifizieren. Die obige offiziöse Aeußerung gibt dies deutlich zu verstehen. Loucheurs Kritik am StahlkarteU. Mr die Kontrolle der Verbraucher und des Völkerbundes pari», 6. Oktober.(Eigener Drahtbericht.) Der Abgeordnete L o u ch e u r setzt seinen Kampf g e g e n das internationale Stahl- k a r t e l l in seiner jetzigen Forin fort. Im„Oeuvre" wiederholt er seine Bedenken, daß das Kartell zu eng beschränkt und daher unvollständig sei; immerhin sei es ein Anfang, denn es bringe eine Verständigung zwischen Leuten, die sich auch bekämpfen könnten. Loucheur wendet sich dann noch einmal dagegen, daß in dem Kartell nur die Interessen von einem Dutzend Jndustriemagnaten wahrgenommen werden, während zur Wahrung der Interessen der Verbraucher keine Bestimmungen getroffen sind. Er schlägt schließlich vor, daß zur Kontrolle der Oeffentlichkeit über der- artige Jndustrieabmachungen in Zukunft alle I n d u st r i e v e r- träge, genau wie alle politischen Vertrüge, beim Völkerbund in Genf eingetragen werden sollen. Loucheur kommt dann auch auf den Gedanken der Ver- einigten Staaten van Europa zu sprechen, dessen Durch- fühning auf politischem Gebiet er für die nächsten Jahrzehnte als unmöglich bezeichnet. Auf wirtschaftlichem Gebiete dagegen seien die Vereinigten Staaten von Europa ein« Lebenznotwendigkeit. „Ich sehe mit Schrecken die Anarchie in der europäischen Produktion gegenüber der methodischen Ordnung in Amerika. Wenn man hier nicht Aenderung schafft, ist bald jede Konkurrenz unmöglich." Loucheur faßt zum Schluß seine Auffassungen noch einmal kurz in dem Satz zusammen:„Das Stahlkartell für sich allein gc- nommen, kann keine Garantie für den Frieden sein. Es kann dies aber werden im Rahmen einer umfangreicheren, rationelleren Organisation, und vor allen Dingen, es kann nur dann nicht gefähr- lich werden, wenn es in einer Atmosphäre des Friedens leben kann. Endlich wieder eine Revolution. In Motto Grosso, an der Grenze Brasiliens, ist eine revolutionäre Bewegung ausgebrochen, an deren Spitze General Prestes steht. Die Sinokönigin von Rumänien. Maria, ehemals Kgl. Prin- Zessin von Großbritannien und Irland, die Gattin Ferdinands und Mutter des Exkronprinzen Earol, fahrt nach den Vereinigten Staaten. Es wird behauptet, sie werde in Hollyword gegen ein Honorar von 850 000 Franken in der Verfilmung von Tolstois „Auferstehung" mitwirken. Die Pariser rumänische Gesandtschaft bestreitet das, als wenn es sür eine Königin unanständig wäre, sich ihr Geld selbst zu verdienen, statt sich von ihrem Volke er- Nähren zu lassen. Deamte, Polizei unö SPD. Die Beamtcnzentrale der SPD. hatte gestern eine Funktionärversammlung einberufen, in der als erster Senatspräfi- dcnt Genosse Dr. F r e y m u t h über die„Rechtliche Stellung des Polizeibeamten im Volksstaat" sprach. Dr. Freymuth ging zunächst auf das Berufsbcamtentum ein. Seit Iahren beschäftigen sich die politischen Parteien mit der Frage, ob das B e r u f s b e a in t c n- tum beizubehalten sei. Die SPD. nimmt in dieser Frage eine ganz besondere Stellung ein Im Programm von 1924 tritt sie für das Berufsbeamtentum mit Anstellung auf Lebenszeit ein mit den, weiteren Ziel der Eingliederung' in das allgemeine Arbeits- recht, wie es in der Reichsverfassung verheißen wird. Es ist zwar unverkennbar, daß Beamte wirtschaftlich besser gestellt sind als Ar- bester, sie dürfen sich aber deswegen keineswegs in Gegensatz zu den Arbeitern stellen. Die Beamten wollen natürlich ihre Errungen- schaften in sozialer Beziehung nicht aufgeben. Die Arbeiter muffen nun danach streben, dasselbe oder ähnliches zu erreichen. Dr. Freymuth ging dann auf die Meinungsfreiheit der Be- amten ein. Nach 8 118 der Reichsverfassung steht jedem Deutschen das Recht zu, seine Meinung frei zu vertrete». Es wurde ein Fall angeführt, in der ein Beamter irgend etwas publizierte und darüber vom Oberbürgermeister zur Rechenschaft gezogen wurde. Das kann nicht im Sinne der Reichsverfaffung liegen, die nach Ansicht des Referenten dieser Auffassung durchaus widerspricht. Mit einigen Worten ging Freymuth auf das neue Disziplinargesetz ein. Nach§ 17 des Reichsdienststrasgesctzcs(betr. Ruhcftandsbeainle) können Beamte noch diszliplinarisch verfolgt werden, was vor allen Dingen politisch und zwar wegen Hoch- und Landesverrats sehr wichtig ist. Eine wichtige Ausgabe der Reichstagsfrnktion der SPD. muß es sein, zu erkennen, daß bei den jetzigen politischen Verhält- Nissen hierin eine Aenderung eintreten muß. Der Redner sprach sodann über die P o l i z e i im b e f o n d c r e n. Durch ihre Aus- gäbe, sich international zu betätigen, sind die Polizeibeamtcn gc- wisscrmaßcn gezwungen, sich gegen jeden nationalen C h a rr r i n i s nr u s zu wehren." Dr. Freymuth schloß, daß der Polrzeibcamte Berufsbeamtcr bleiben soll, aber er soll sich als Bc- amter fühlen, der nicht über den anderen Volksgenossen steht, der immer mit dem Volt in Berührung bleibt. Sodann sprach Gen. Dr. S ch ü tz i n g e r. Er ging zunächst ruf die Polizeiausstellung ein, die das' Werk eines sozialdemo- kratischen Ministers sei, der hiermit seiner fünfjährigen segensreichen Tätigkeit eine Krone aufgefetzt habe. Eine große Aufgabe der SPD ist es, für den Weiterausbau von Staat und seiner Verwaltung zu wirken, und den Beamte» vor allen Dingel« Schutt gegen die Reaktion zu geben. Das größte Ziel, das wir haben, ist die kleineren und Mittelstaatcn zu einer Verwaltung zusammenzuschließen. Ein« große Rolle spielt hier die Besetzung in den Ministerien mit Personalrefcrent«n. Von weiterer Wichtig- kcit ist die Fortbistmng des eigentlichen Nachwuchses aus dem untere» Beamten heraus durch geeignete Bildungsinstitute. In der Diskussion wurde von einigen Rednern die Ausführungen des Refe- reuten unterstrichen und gutgeheißen. Es iv»rde betont, daß die B c a m t e n fch a f t geschlossen z u in V o l k s st a a t steht. Genosse Dr. Bendix sagte, das Berussbeamtentum stehe vor der großen Frage, ob es zusammen mit dem Arbeiter g«hen oder den Ton auf das Berufsbeamtentum so stark legen will, daß eine Spannung zwischen Arbeiter und Beaniten entsteht. Er fordert inehr solidarisches Vorgehen. Rcichstagsabgeordneter Gen. Wäger betonte zum Schluß, daß vollkommene Meinung?- frciheit auch in der Sozialdemokratische!' Partei herrsche und nur so ein Vorwärtskommen möglich war und ist. Die Arbeiterschaft muß in Zukunft noch mehr sür die Stellungnahme zum Beamtentum interessiert werden. Der„pelikcm" in Kiel beschlagnahmt. Verhaftung einer geheimnisvollen Botin der Schmuggler. Die Schmugglerjacht„Pelikan", die bisher in der Nähe des Feuerschiffes„Adlergrund" außerhalb der Drei-Meilen-Zonc ver- geblich auf die andere Schmugglerjacht„Inge" gewartet hatte, ist am gestrigen Dienstag abend im Kieler Freihafen einge- laufen, wo sie sofort vom Grenzzollkommissariat Kiel beschlagnahmt wurde. Dagegen war es den Behörden bisher nicht möglich, die Spritladung der Jacht sicherzustellen oder den Kapitän Kewitz und seine Maimschaft zu verhasten, da eine solche Maßnahme in dem als Ausland geltenden Freihafen gemäß den inter- nationalen Bestimmungen nicht zulässig ist. Erst wenn die Besatzung von Bord geht oder wenn das Schiff de» Freihafen verlassen sollte, könnte die Verhaftung dieser Helfershelfer der Schmuggler durch- geführt werden. Inzwischen hat sich der Kapitän Kewitz voin „Pelikan" beim Kieler Hauotzollamt gemeldet, wo zurzeit seine Ver- stchmung stattfindet. Ob der Fithrer der Jacht verhaftet werden wird, steht zurzeit noch nicht fest. Ebenso ist bisher auch die Durch- suchung des Schiffes auf etwa an Bord befindliche Spritmengen noch nicht beendet, so daß sich noch nicht sagen läßt, ob über- Haupt eine Ladung gesunden wird oder ob, wie nach der gestrigen Beschlagnahme einer aus Swinemünd« kommenden Spritladung in Berlin vermutet wird, der„Pelikan" außerhalb der Drei- Meilen-Grenze seine Ladung auf andere Schiffe übergeführt hat. An Bord des Schiffes, einer Zweimastjacht, befanden sich außer dem Kapitän nur»och zwei Mann. Die Berliner Kriminalpolizei hat gestern abend auf dem Stettiner Bahnhof in Berlin eine Frau verhastet, die möglicher- weise Auskunst über den im Augenblick noch von allen Behörden gesuchten Ingenieur Bauer geben kann. Man vermutet, daß Bauer, nachdem seine Geschäftsfreunde nunmehr in Haft gesetzt worden sind, über die Lustig versucht hat, Geld von dem Prokuristen des Bankhauses Mertz u. Co. zu erhalten, um die Flucht bemerk- stelligen zu können._ Die arbeiterfeindliche Kirche! In 15 st a r k besuchten Versammlungen protestierte die Reichsgemeinschaft freigcisliger Verbände am Dienstag abend„gegen die arbeiterfeindliche Kirche". Aus den Ver- sammlungen greisen wir zwei heraus. Im Restaurant Markthalle, Spandau, Pichelsdorfer Straße, sprach vor zahlreichem Publikum Landtagsabgeordneter Gen. Otto Meier. Er beleuchtete in wirkungsvollen Ausführungen die Haltung der Kirche während des Weltkrieges und die Jntrigenpolitik großer Teile der Geistlichkeit gegen freiheitliche und republikanische Menschen. Diese und die Politik der„neutralen" kirchlichen Funktionäre gegen die Wirtschaft- lichon und politischen Organifatione» der A r- b e i t c r s ch a f t sind charakteristisch sür die arbeiterfeindliche Ein- stellung kirchlicher Institutionen. Wie sich die„unpolitische" Kirche in der Praxis ausnimmt, zeigen die„Stahlhclm"wcihe>i der nationalistischen Pfarrer und die Tiraden der Döhring und Vogel gegen Volk und Freiheit. Mit einem Appell an die Versammelten, mit aller Kraft fürdic weltliche Schule zu wirken und der Religion des sozialistischen Neubaus der Gesell- schaft freie Bahn zu schaffen, schloß Gen. Meier unter starkem Beifall der Hörerschaft. Nach einer kurzen Diskussion faßte der Redner den Inhalt seines Referats nochmals zusammen.— Im Gcscllschostshaus in Moabit sprach Gen. Prof. Hartwig, Prä- sidcnt der Internationalen proletarischen Freidenkergemeinschoft. Er betonte, daß wir im Gegensatz zu der Kirche die Armen nicht auf das Jenseits vertrösten, sondern wir wollen im Dies- scits für jeden Menschen ein erträgliches Leben schaffen. Wir können auch nicht auf Gott vertrauen, sondern auf unsere eigene Kraft setzen wir unsere Hofsnungen. Wir sind überzeugt, daß es uns gelingen wird, den Kapitalismus durch die sozialistische Ge» sellschaftsordnung zu ersetzen. Die Kirche hat sich in den Dienst der herrschenden Klasse gestellt, sie kann gar nicht anders, als die Maßnahmen zu unterstützen, die sich gegen die arbeitende Klasse wendet. Man tut un» unrecht, wenn man uns Gotteslästerung vorwirft. Wir werden im Kampfe für den Sozialis- inus nicht erlahmen, und wir sind bereit, diesen Kampf auch gegen die Kirche zu führen, deren bisheriges Verhalten nicht den Eindruck erwecken konnte, daß sie für die Armen etwas übrig hat. Die verräterischen 20-Nlart'schein-.. Unterschlagungen eines KraftwagenführerS. Wie erinnerlich, hatten zwei Beamte des Auswärtigen Amts in einer Autodroschke eine Mappe mit 54 000 M. liegen lassen. Da die Beamten nicht die Nummer des Autos wußten, war eine Er- mittlung des Chauffeurs ungemein erschwert. Jetzt gelang o, festzustellen, daß der Chauffeur ein 27 Jahre alter Kraftwagcnsührcr Karl Horneber aus der Bellermannftraße 79 war. Unter den vielen Beobachteten fiel Horneber durch Ausgaben auf, die nüt seinem Einkommen nicht übereinstimmen konnten. Es wurde erniittelt, daß der Chauffeur bei einem Schneider eine alte Restschuld von 80 M. mit vier nagelneuen 2 0- M a r t- S ch e i n e n be- zahlt hatte, die fortlaufende Nummern hatten. Weiter ergab sich, daß der von ihm geführte Wagen an dem kritischen Tage eine kurze Fahrt für 80 Pfennige gemacht hatte. Man beobachtete seine Wohnung und stellte fest, daß er öfter mit Kollegen kleine Zechen machte. Gestern abend, als er um 9 Uhr nach Hause kam, wurde er festgenommen und einem vierstündigen Verhör unter- zogen. Zunächst behauptete er, daß gleich, nachdem die Beamten den Wagen verlassen hatten, ihn eine Dame zu einer neuen Fahrt annahm. Die Verlierer des Geldes, die herbeigeholt worden waren, erkannten ihn sofort wieder. Da er weiter hartnäckig leugnete, wurde seine Wohnung durchsucht. In seinem Zimmer und im Keller fand man zunächst nichts. Endlich entdeckte man auf dem Boden in einem fremden Verschlage in einer alten Kiste unter Lumpen das gesuchte Geld. Es waren noch 5 1 440 M. vor- Händen. Mit dem Rest hatte Horneber alte Schulden b c- zahlt, sich neue Kleidung beschafft und Zechereien ver- anstaltct. Der Verhastete wird dein Untersuchungsrichter vorgeführt werden. Die nächtliche Durchsuchung des Bodens, die naturgemäß mit Geräusch verbunden war, lieh die Hausbewohner, die nichts ahnten, glauben, daß Einbrecher an der Arbeit seien. Sie alarmierten das Ucberfallkommando und waren nicht wenig erstaunt, als sich desfen Beamte freundschaftlich zu den„Einbrechern" gesellten und ihnen bei der Arbeit halfen. Republikaner heraus! Temonstration des Reichsbanners für Severin�. Das Ncichsbannxr Schwarz-Rot-Gold ruft zu heute, Miltwoch, abend 8 Uhr. auf dem Gcnsdarmenmarkt seine Mitglieder zu einem Aufmarsch und einer A b s ch i e d s f c i c r für den aus seinein Amt scheidenden preußischen Innenminister S c v e r i n g auf. 3n dieser Demonstration wollen noch einmal Tausende von Republikanern dem scheidenden Minister Dank sagen sür die von ihm geleistete Ausbauarbeil im Dolksstaal und das Gelöbnis unwandelbarer Treue«biegen. Der Ankauf Ses„kaiserhofs". Bereits in der Vertehrsdeputation hat man städtischerseits den vom Reich beabsichtigten Ankauf des Hotels„K a i s e r h o s" be- sprachen. Die Deputation stellte sich e i n ni ü t i g aus den Stand- punkt, daß der Verkauf des„Kaiserhofs" den Gesa m tinter- essen der Stadt widerfpreche. Er billigte die Hol- tung des Magistrats, der bekanntlich in einer Eingabe an die Reichs- regierung und an den Reichstag sich gegen den Ankauf gewandt hat. Damit die Angelegenheit auch in der Stadtverordnetenvcr- s a m m l u n g zur Sprache koinmt, hat die sozialdemokratische Irak- tion folgenden'Antrag eingebracht: Die Stadtverordnetenversammlung beschließ!: Den Magistrat zu ersuchen, dahin zu wirken, daß der beabsichtiale Verkauf des Hotels„Der kaiserhof" an die Reichsregierung nicht zur Tatsache wird, vielmehr ist die Reichsregierung daraus hinzuweisen, daß sür die geplanten Zwecke die Errichtung eines Reu- b a u c s im Regierungszen-rum den Znteresjen de» Reichs und der Stadl Berlin ent'pricht. Sollte sedow der Verkauf des Hotels „Der kaiserhos" zustande kommen, muß eine angemessene Ent- schödigung der dann bro.los werdenden Angestellten und Arbeiter erwirkt werden. Die Besprechung dieses Antrags wird vor der breitesten Oefsent- lichkcit Gelegenheit geben, alle die zahlreichen Bedenken vorzubringen, die gegen den aufsehenerregenden Beschluß der Reichsregierung sprechen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Stadtver- ordnetenvcrsammlung mit großer Mehrh cit dem sozialdemo- kratischen Antrag zustimmen wird. Die goftörte Hochzeitsreise. Einen bösen Anfang nahm eine Hochzeitsreise, die ein 29 Jahre alter Berliner Kaufmann gestern mit seiner jungen Frau antreten wollte. Das Paar hatte am Abend ein Theater besucht und war kurz nach 12 Uhr in sein Hotel zurückgekehrt. Es bestellte sich bei deni Etagcnkellner ein Abendessen. Kaum hatte der Kellner das Zimmer verlassen, als es wiederum klopfte. Auf den Zuruf des jungen Ehemannes erschien in der Tür ein schlmiker Bursche, der sie leise hinter sich zuzog und einen Revolver auf das Paar richtete. Mit vorgehaltener Waffe forderte er den Ehe- mann auf, die Brieftasche herauszugeben. Die erschrockene Frau rief jetzt laut um Hilfe. Da richtete der Verbrecher die Masse aus sie und schoß, trof aber glücklickerweise nicht. Der Anschlag auf feine Frau brachte den Mann derartig in Wut, daß er sich auf den Eindringling stürzte und ihm den Revolver aus der Hand riß. Der Wasfeulose slüchieic nun, wurde aber von dem Manne versolgt. Ein Schuß, den er ihm nachsandte, ging fehl. Der Lärm hatte die Hotelleitung und das Personal alarmiert. Sie sahen den Räuber die Treppe hinunterlaufen und verfolgten ihn. Eineni der Kellner gelang es, den Fliehenden init einem I i u> I i t s u g r i s f zu Boden zu bringen, und in wenigen Augenblicken war er gefesselt. Polizeibeamto stellten ihn als einen 20 Jahre alten Studenten Johannes W i t t m a n n aus Kirscbdorf in Oesterreich fest. W. war am Abend uni 0 Uhr im Hotel abgestiegen und hatte sich dort ols „Student Alfred P sch o r r aus München" in das Fremden- buch eingetragen. Der wohlbekannte Name zerstreute jeden Ver- dacht der Hotelleitung. Dem neuen Gast wurde im Erdgeschoß das Zimmer neben den Neuverniählten zugewiesen. Der Verhastete gibt zu, daß er einen räuberischen Ueberfall geplant hat, um sich Geld zu verschassen. Er selbst ist völlig mittellos. z?amilientragödie in Tangerhütte. I» Tangerhiitte spielte sich in der vergangenen Nacht in der Familie des Arbeiters Hermann Prüfer eine furchtbare Ehe- Iragödie ab. Vermutlich infolge ehelicher Zwistigkeiten warf sich Frau Prüfer mit ihrem sechsjährigen Sohn vor einen aus Richtung Stendal kommenden Zug. Beide wurden sofort getötet. Unter deni Eindruck des furchtbaren Gefchehniffes hat sich der Ehemann in seiner Wohnung erhängt. Ein Ozeandampfer in Brand geraten. Der englische Dampfer„Byron" ist auf der Fahrt von Athen nach New Port 30 Kilometer außerhalb New Porks in Brand geraten. Das Schiff, das 400 Passagier« an Bord hat, rief sunkentelegraphisch um Hilfe, da die Besatzung des Feuers nicht Herr werden kann. Zahlreiche Dampfer und Motorboote sind dem Schiff zu Hilse geeilt., Die Kpd. für öle Scharfmacher. Die Arbeiter sollen niedergeschlqge« werden. Hamburg. 6. Oktober.(BIS.) Die Hofenarbeiter haben die Arbeit in großem Umfange wieder aufgenommen. Ein Teil der Arbeiter verhält sich aber noch abwartend. In Flugblättern der SPD.. Bezirk Basserkante, werden die Arbeiter zur Weiter- sührung des Kampfe» aufgefordert. »» Nach der Abstimmung am Dienstag, an der von rund 15 000 Hafenarbeitern nur ein gutes Drittel überhaupt teilgenommen hat, blieb von vornherein nur die eine Möglichkeit des g e s ch l o s s e- n e n Abbruchs des Kampfes. Bon den organisierten Streiken- den, von denen wenigstens die Mehrheit an der Abstimmung teil- nahm, haben noch nicht einmal zwei Drittel für die Fortführung des Kampfes gestimmt, während drei Biertel erforderlich find. Heute früh veröffentlicht die„Rots Fahne" auf der ersten Seite einen Schimpfartitel, der die Wut der KPD. über die fort- geschwommenen Felle verrät. Anschliehcnd daran teilt sie mit, daß die KPD. heut« ein Flugblatt oerbreiten wird, in dem sie von dem Streit in der Vergangenheit spricht. Die Richtigkeit de- vorstehenden Telegramms vorausgesetzt, scheint man in der KPD. in Hamburg anderer Meinung zu sein als in der KPD. in Berlin. In der KPD. in Hamburg begnügt man sich nicht mit der moralischen Verhetzung und inneren Schwächung der Arbeiter- klasle! die Arbeiter sollen auch materiell den Scharsniachern ans Messer geliefert werden. Der Kampf soll nicht geschlossen ab- gebrochen werden. Die Scharfmacher im Unternehmerlager sollen Gelegenheit bekommen, Maßregelungen durchzuführen. An dem guten Willen fehlt es dazu im Hafenbetriebsoerein nicht. Ohne das Dazwischentreten des Vertehrsbundes wäre der Versuch bereits gemacht worden. Die KPD. in Hamburg will gewaltsam dazu die Gelegenheit bieten. Der Versuch der KPD., sich als G e w e r k s ch a f t zu etablieren, ist gescheitert. Von den bei der KPD. so sehr beliebten„r e v o- lutionären Unorganisierten" blieben drei Viertel der Abstimmung fern. T h ä l m a n n war nämlich am Sonntag in Hamburg gewesen, Thülmann, der politische Transportarbeirer. Da ist den Hamburger Hasenarbeitern ein Licht aufgegangen, wohin die Reise gehen soll. Die KPD. will aber trotzdem noch den Versuch machen, die Arbeiter in eine Niederlage hineinzuhetzen. Das darf ihr nicht gelingen! Rationierung der Kohle in England. Ablehnung der Regierungsvorfchläge. London 6. Oktober.