Nr. 476 ♦ 43.?ohrg. Ausgabe& Nr. 243 Bezugspreis. Wöchentlich 70 Pfennia, monatlich 8,— Zieichomart voraus»ahlbar. Unter 5kreu»banb für Deutschland, 2>au,ia. Saar, und Memeloebiet. Ocitcrreich, Litauen. Lurembur, künde entsprochen! Ich sehe Sie mit großem Bedauern aus dem Heer scheiden, und es ist mir ein aufrichtiges Bedürfnis, Ihnen in dieser Stunde namens der Reiches für alles, was Sie im Krieg und im Frieden für das Heer und für unser Baterland getan haben, wie eigenen Namens von Herzen zu danken. Ihr Name ist mit zahlreichen Ruhmestaten unseres Heeres im Weltkriege verbunden und wird in der Kriegsgeschichte unvergänglich weiterleben. Ebenso hoch aber steht die stille und entsagungsvolle Arbeit, in der Sie in der harten Nachkriegszeit die neue Reichswehr auf- gebaut und ausgebildet haben, und ebenso groß sind die Verdienste, die Sie sich in den hinter uns liegenden Iahren schwerer Er- schütterungen des Reiehes um die Erhaltung der Ordnung und der Autorität des Staates erworben haben. All dieses wird Ihnen unvergessen bleiben! Ich hoffe zuverstcht- lich, daß Ihr vielseitiges Wissen und Können, Ihre Tatkraft und Ihre Erfahrung auch künftig unserem Baterland nutzbar sein werden und bin in dieser Erwartung mit kameradschaftlichen Grüßen Ihr ergebener gez.: v. Hindenburg." Die Zrage der Nachfolge. Bon unterrichteter Seite oerlautet über die Nachfolgerschaft von Seeckts u. a. folgendes: Die Ernennung eines Nachfolgers für den zurückgetretenen Chef der Obersten Heeresleitung, Generaloberst von Geeckt, wird nicht überstürzt werden. Die Annahme, daß die Entscheidung noch im Lauf« des Sonnabends sollen müßte, weil Reichskanzler Dr. Marx Sonnabendabend Berlin wieder ver» läßt, ist jedenfalls irrig. Als mutmaßlichen Nachfolger des Generals v. Seeckt werden verschiedene Persönlichkeiten genannt. An erster Stelle steht nach Ansicht eingeweihter Kreise Generalleutnant Heye, der Kommandeur der in Königsberg stehenden Reichswehrdivisson. Hetje war Mitglied der Obersten Heeresleitung unter Hindenburg und hat in den Tagen des Zusammenbruchs jene denkwürdige Kommandeuroersammlung einberufen, die dem damaligen Kaiser seinen Rücktritt nahelegte. Später war er im Reichswehr- Ministerium tätig und hat während des Kapp-Putsches das Reichs- wehrministerium in Berlin geleitet. Er soll es auch gewesen sein, der General v. Lüttwitz zur Abdankung veranlaßt hat. Außer General Heye wird neben General Reinhardt vor allem noch General Hasse als Nachfolger genannt. Hier kann es sich aber nur um den Berliner Divisionskommandeur, nicht aber um den gleichnamigen Kommandeur der Stuttgarter Division handeln. Max Reinharöt.. sZu feinem heutigen 25jährigen Jubiläum als Bühnenleiter.) von Eduard v. wlnierstein. Eine Blütezeit des„Deutschen Theaters" in Berlin im beson« deren und des„deutschen" Theaters im allgemeinen war das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, als unter der Herrschaft des heute so viel geschmähten Naturalismus die Schauspielkunst sich von ollen Schlacken öden Komödiantentums freimachte und sich ganz in den Dienst einer großen und reinen Literatur stellend, im Theater wieder etwas wie eine Weihe- und Tempclstimmung hervorzauberte. Weihevoll und begeistert saßen die Schauspieler zu den Füßen Ibsens und der anderen Großen aus denselben Reichen und aus den eitlen Komödianten mit Samtjackett und wallenden Locken und Schlipsen wurden stille, einfache, ernste Bürger, die fast Gelehrte waren, und die vielleicht doch irgendwo in der Brust eine stille Sehnsucht nach dem Komödiantenleben vergangener Jahrzehnt« fühlten und sich endlich danach sehnten, aus dem Düster der psychologischen Grübe- leien, die das Theater fast ausschließlich beherrschten, sich in die Höhen großer phantastischer Schauspielkunst hinauszuwagen. Dazu hatten sie freilich gar keine Gelegenheit. Die großen Dramen der klassischen Weltliteratur waren aus den Theatern verbannt, höchstens in mittelmäßigen Schülernachmtttagsvorstellungcn, die kaum ein erwachsener Mensch besuchte, konnten sich einige unter ihnen in konventionellen Bahnen austoben, und immer und ewig waren sie dazu verdammt,„Ideen" zu verkörpern, wie mir seufzend einmal einer der Größten klagte. Da erschien um die Jahrhundertwende Max Reinhardt auf der Bildfläche und machte, nachdem er durch glänzende Aufführungen moderner Dramen sich einen künK- lerischcn Kredit verschafft hatte, den Versuch, das klassische Drama in Vorstellungen, die, weitab von aller Schablone und Konvention, mit einer glühenden Phantasie inszeniert waren, der Bühne wieder- Zugewinnen. Zuerst ShakespDares„Sommernachtstraum dann Lessings„Minna von Barnhelm", Schillers„Kabale und Liebe", Vorstellungen, die das Publikum faszinierten, so daß die meisten Menschen, denen diese Stücke teils durch die Schule, teils durch minderwertige schludrige Aufführungen verekelt waren, glaubten, sie alle das erstemal kennenzulernen. Wie Reinhardt e? dann verstand, die besten Schauspieler der deutschen Bühne an sich zu ziehen, wie er es verstand, diese Schauspieler an den richtigen Platz zu stellen, wie er es verstand, sich einen Nachwuchs heranzubilden, wie er verstand, alle anderen Künste, Malerei, Musik und Architektur, der Bühne nutzbar zu machen, das gehört schon der Geschichte an und wird ihm stets einen Ehrenplatz in der Geschichte des Theaters sichern. Aber die Schauspieler sehe» in ihm den Messias, der ihnen die Gefilde des großen echten und schönen Komödiantentums wieder eröffnet hat, der ihnen Gelegenheit gab, statt der bei aller Wahrhett Erbprinz, Wiking, Reichswehraspirant. Der Fall Sachsen-Koburg-Gotha. Zu der Nachricht, daß am 1. Ottober der Erbprinz Johann Leopold von Sachsen-Koburg-Gotha als Offiziersanwärter in das Reichswehr-Jnfanterie-Regiment Nr. 14 eingetreten ist, teilt der„Demokratische Zeitungsdienst" mit, daß der Prinz auf dem normalen Dienstweg ein Gesuch um Eintritt an die zustündigen Stellen gerichtet habe. Mit diesem Gesuch habe sich auch das Reichswehrmintsterium besaßt. Angesichts der persön- lichen Eignung des Bewerbers habe der Reichswehrminister keinen Grund gesehen, dem Prinzen den Eintritt in die Reichswehr zu verwehren; vor allem auch deshalb nicht, weil das Land Sachsen- Koburg-Gotha als solches von der Landkarte verschwun- den sei und keine Gefahr bestehe, daß sich in irgend einer Weise dieser Prinz als Prätendent aufführen könnte. Dazu bemerkt die„Frankfurter Zeitung": Das mag sein, und die Beziehungen des Koburger Herzogs zum Wikingbund und zu anderen staats- feindlichen Kreisen waren dem Ministerium in Berlin sicher nicht bekannt. Der zuständige Regimentskommandeur sollte eher davon gehört und dürste sie, wie das bisher üblich war, a l s Empfehlung angeschen haben. Das bestätigt unsere Auffassung, daß Herr Geßler mit der Arbeit gerade erst angefangen hat, und daß ihm noch unendlich viel zu tun bleibt. Dank an Severing. Die demokratische Landtagsfraktion hat an den aus seinem Amte geschiedenen Innenminister Severing folgendes Schreiben ge- richtet: Hochzuverehrender Herr Ministerl Die Fraktion der DDP. des Preußischen Landtages hat mich be- auftragt, beim Berlassen Ihres Amtes Ihnen den Dank für Ihre Amtsführung auszusprechen. Dieser Dank gilt— Sie gestatten, daß ich Ihre eigenen Worte anführe— dem Menschen, dem Deutschen und dem Republikaner. Was Sie als Repu- blikai�er gewirkt haben, steht vor dem Urteil der Geschichte: wir wissen, daß die deutsche Republik durch Sie ihre Sicherung und Sicherheit empfangen hat. Als Deutscher haben Sie vorbildlich Einheit und Stärke des Volkes und des Reiches ge- fördert und in wesentlichen Dingen mit geschaffen, haben Ihr Be- wußtsein als Deutscher vor allem im Ertragen von Angriffen un- edelster Art und Herkunft bewiesen. Was Sie als Mensch uns be- deuten, brauche ich nicht auszudrücken. Sie gehören zu den Men- schen, die den Glauben an die urwüchsige, unzer st örbare Kraft des deutschen Volkes stärken. Wir hoffen und erwarten alle, daß Sie nach baldiger Wieder» gewinnung Ihrer vollen Kraft Ihr Führeramt weiter ausüben. In aufrichtiger Verehrung für die Deutsche Demokratische Landtagsfraktion gez. Falk. fim Scheiöewege. Volksparteiliche Nöte in Preuße«. Die VDZ.-Korrespondenz meldet: Der Vorstand der Landtagsfraktion der Deutschen Volkspartet trat am Freitag abend zu einer Sitzung zusammen, die wohl al» Abschluß der politischen Aussprache angesehen werden dürfte, die seit einigen Tagen die Fraktionen beschäftigt hatte. Abg. Dr. v. E a m p e äußerte sich zu der Frage über die Er- Weiterung der Regierung im Sinne der Bildung der Großen Koalition und kam zu dxm Schluß, daß die Deutscht Volks- parte! nach wie vor zu Verhandlungen bereit ist. Der Fraktionsvorftond stimmte dieser Auffassung zu. Der diplomatische vorsichtige Wortlaut oerdeckt nur mühsam den Widerstand in den eigenen Reihen. Noch gilt für sie das Wort: Sie zieh'n mit Ktturren und Gekrächz Der eine links, der andre rechts. und Echtheit doch einseitigen und auf die Dauer langweiligen Dar» stellungskunst des Naturalismus zu dienen, die immer im Schatten der Literatur stand, nun plötzlich im weiten offenen Reich der Shakespeareschen Dramenwelt Orgien zu feiern. Er lehrte sie, zu zeigen, was sie in dem wohltuenden Reinigungsbad des naturalistt- schen Jahrzehnts an Vertiefung, Wahrheit und Echtheit der Empfindung gewonnen hatten, nun erhöht und gesteigert in den Dienst der großen Dramen der Klassiker zu stellen. Und das ist das größte Verdienst Max Reinhardts um die deutsche Schauspielerwelt. Der Deuische Arbeiter- Sängerbund bittet uns um Veröffent- lichung des folgenden Schreibens, das er an den Kapellmeister und Musikschriftsteller Dr. Rudolf Cahn-Speyer gerichtet hat. „Sehr geehrter Herr Doktor! In der Nr. 239 des„Tag" vom 6. Oktober d. I. befindet sich ein von Ihnen gezeichneter Artikel, betitelt„Politische Musik im Kultusministermm", der sich mit dem Referat des Herrn Professors Kestenberg auf unserer VI. Generaloersammlung in Hamburg befaßt. Ihre Darstellung stützt sich auf einen Bericht, der in der Nr. 8 unseres Bundesorgans erschienen sst. Wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, daß dieser Bericht in unserer Sängerzeitung erschien, während sowohl der Referent, Herr Prof. Kestenberg als auch der Schriftleiter sich auf Urlaub befanden. Mithin konnten beide den Artikel vor Erscheinen nicht prüfen. Herr Prof. Kestenberg hat von seinem Urlaubsorte aus sofort schriftlich Einspruch gegen die Darstellung seines Vortrags erhoben, und wir haben ihm zugesagt, daß eine Richtigstellung erfolgen würde. Dies ist in unserem offiziellen Protokoll, das sich damals schon im Druck befand, geschehen. Da Ihre Schlußfolgerung sich somit auf eine Darstellung stützt, die den Tatsachen nicht ent- soricht, kommt sie zu irrigen Schlußfolgerungen. Wir werden Ihnen alsbald ein Exemplar des Protokolls zukommen lassen und dürfen von Ihrer Loyalität wohl erwarten, daß Sie nach Kenntnis- nähme des Sachverhalts die entsprechenden Schlußfolgerungen in der öffentlichen Behandlung dieser Angelegenheit ziehen werden und zeichnen mit aller Hochachtung Deutscher Arbeiter- Sängerbund lAlex Kaiser), Berlin NO. 18, Elbinger Straße 4. gez. Meyer, Vors." Urkunden des Göllinger Hainbundes. Der Göttinger Univerfl- tätsbibliothek, die vor kurzem die Urschrist von Bürgers Lenore angekauft hat, ist wieder eine für die geistige Tradition Göttingens wichtige und literatur-geschichtlich noch wertvollere Erwerbung ge- glückt: mit Unterstützung der preußischen Staotsrcgierung konnte sie die Bundesbücher des Hainbunds, die aus Voß' Nachlaß in den Besitz der Hamburger Familie Klußmann gekommen waren, an sich bringen. Es handelt sich um dreierlei Urkunden, um das Journal, das Bundesbuch und das von Voß angelegte Bundesstammbuch. Die wichtigste ist das zweibändige Bundesbuch, in das die vorläufig gebilligten Gedichte von den Verfassern eigenhändig eingeschrieben wurden. Die meisten Beiträge stammen von Johann Martin Miller, dem Verfasser des„Siegwart", von Hölty, Voß, Boie und den Brüdern Stolberg. Lücken, die sich in dem ersten Bande finden, sind aus dem Stammbuch Voß' zu ergänzen, das man auch schon Gememschast eöler Seelen. Doch wenn wir im Schmutz uns fanden... Die„Deutschnationale Tagespost"— der Name sagt es— ist offizielles Organ der Deutschnationalen in Berlin. Völkische und Deutschnationale sind nicht besonders gut aufeinander zu sprechen. Vor kurzem noch hat Herr W u l l e erklärt, der E k c l steige ihm hoch, wenn er an die Politik Westarps denke. Es hat daher einen gewissen pikanten Beigeschmack, wenn das Berliner ofsizielle Organ der Deutschnationalen einen Aussatz des völkischen Reichstagsabgeordneten K u b e, des Freundes von W u l l e, eine Spalte lang zustimmend zitiert. Was steht in dem Aufsatz, daß die„Deutschnationale Tagespost" den völkischen Ekel vergaß? Er handelt von Doppelverdienern, und wir lesen da: „Wie wäre es, wenn Herr Dr. Brauns den Ansang machte? Er bezieht das Gehalt eines Reichsministers in Höhe von doch mindestens 24 099 Mark und die D i ä t e n eines Reichstagsabgeordneten in Höhe von 7499 Mark. Diese Art Doppelverdiener meinen Sie doch, Herr Brauns?" „Und da fällt uns folgendes aus: Der edle Sohn der Republik/ Herr Dr. Joseph W i r t h, der sich in einem der proletarischen Republikaner soft provozierenden Ernähr ungs- z u st a n d e befindet(mindestens zwei Zentner Lebend- gewicht), der als Oberlehrer den zarten Mädchen des Lyzeums in Freiburg im Breisgau zweifellos noch die Anfangsgründe der hohen Rechenkunst gegen 5999 Mari Iahresgehalt und eine Leber- wurst mit rotem Bändchen als Extragratifikation zu Weihnachten beibringen könnte, gehört zu diesen Doppelverdienern, die sein in gleicher Verdammnis befindlicher Frattionsbruder(oder Frnk- tionsgenosse?) Reichsarbeitsminister Dr. Brauns wahrscheinlich meint. 27999 Mark Iahrespension läßt sich dieser gesunde, verhältnismäßig junge Mann aus den Steuergroschen des arbeitenden Volkes zahlen, dazu 7 499 Mark Diäten und auch die„Wirtschaft" be- teiligt er neben dem„Staat" an seiner„Notdurft und Nahrung" (Himmelsbach-Konzern)." Sie ekeln sich voreinander, aber mit Behagen wühlen sie gemein- sam im Schmutz der Gemeinheit, und kein Ekel steigt ihnen hoch. Genf üer Zrieöe* Debatte auf dem Pazifistcn-Kongreft. Heldelberg. 8. Oktober.(Eig. Drahtber.) Am Freitag sprach auf dem Pazisistenkongreß in Heidelberg Dr. Kurt Hill er über das Thema„Ist Genf der Friede?" Seine sein stilisierten Dar- legungen wurden häufig von Beifall unterbrochen. Er gab zunächst zu, daß der Völkerbund zwar den Ausbruch von Kriegen er- schwere, sie ober nicht unmöglich mache. Die Völkerbunds- jatzung verbiete zwar im allgemeinen den Angriffskrieg, lasse aber den Verteidigungskrieg unbeschränkt zu. Der Artikel 15 des Statuts ermögliche im Falle mangelnder Einstimmigkeit des Rates den Krieg Aller gegen Alle. Auch die Locarnoverträge schalteten den Krieg nicht aus. Die Unterscheidung zwischen provoziertem und nicht- provoziertem Angriff sei praktisch undurchführbar. Auch die Exe- k u t i o n s kriege gegen etwaige Friedensstörer würden nicht die schuldigen Staatsmänner, sondern die unschuldige Bevölkerung treffen. Es sei ein Unding, Kriege durch Sanktionskriege zu ver- treiben. Die Abrüstung müsse eine tatsächliche sein. Die Verhand- lungen in Genf darüber seien bisher nur eine Komödie gewesen. Trotz alledem, schloß der Redner, sei der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zu begrüßen. Deutschland müsse aber dahin wirken, daß der Bund seine eigenen Ideen verwirkliche. Bis dahin müsse nach Ansicht des Redners die Kriegsdienstverweigerung organisiert werden. Im Anschluß an die Diskussion wurde ein Antrag W e h b e r g angenommen, in dem die Schassung eines Weltparlaments, das Verbot jeden Krieges, die Errichtung unbeschränkter Schiedsgerichts- systeme, allgemein« und vollständige Abrüstung und die Abschaffung der Militärdienstpflicht gefordert wird. Ein Zusatzantrag, der eben- falls Annahme fand, fordert von der deutschen Regierung die Ratifi- zierung eines Statuts zwecks Einrichtung eines Weltgerichtshofs.— Damit war die Arbeit des Kongresses erschöpft. Der Kapitän zur See a. D. Widenmann bittet uns, mitzuteilen, daß er mit dem Kapitän zur See a. D. von Wiedemann nicht identisch ist. von dessen Mitwirkung bei den Tirpitzschen Aktenoerossent- lichungcn wir berichtet haben. für das ursprüngliche Bundesbuch hat erklären wollen. Das Iour- nal enthält die Verhandlungen und die Titel der jeweils vorgelesenen Gedichte, eingetragen durch den Bundesschriftsührer, den jüngeren Miller. Bedenken gegen die Authentizität der Urkunden, die man früher gehegt Hot, konnten nicht aufrechterhalten werden.» Die europäischen Zollmauern. Ein Mitglied de» englischen Unterhauses, Sir Clioe Morrison-Bell, hat ein eigenartiges Pro- pagandamittel für die Herstellung der wirtschaftlichen Einheit Europas gesunden. Er ließ aus einer großen Landkarte von Europa ein Modell der Zollmauern anbringen, wobei die Höhe der einzel- nen, plastisch dargestellten Mauern der durchschnittlichen Höhe ver Zolltarife der einzelnen Länder entspricht. Er ist bei seinen Berech. nungcn u. a. auf folgende Indexzahlen gekommen: für Deutsch- land 15, England 6, Frankreich 13, Ungarn 27, Spanien 35. Das Modell ist zurzeit in der Bank von England für Interessenten zur Besichtigung ausgestellt. Muß der Autor fein Thema verstehen? Diese Frage behandelt Bernard Shaw in einem Brief an den Herausgeber der„English Reviews". Er beschwert sich darin über die Hunderte von Zuschriften aus allen Teilen der Welt, die von ibm eine Theorie über seine „Heilige Johanna" teils wissen, teils herausgelesen haben wollen. Kathegorisch erklärt Shaw, daß ihm selbst die Jungfrau von Orleans bzw. seine Heilige Johanna völlig unverständlich seien. Er habe c» auch gar nicht für nötig gehalten, eine besondere Theorie über Johanna zu bilden; es genüge ihm vollständig, daß sein Stück zumindest nicht ohne Interesse für zahlreiche Iohanna-Deutcr ge- blieben sei._ Ein Arltz-Ebert-Roman. Die Libensgeschichte de? ersten deiitsiken ReichSprästdenten wird demnächst in Romansorm, erzählt von E in t l Felden, unter dem Titel„Eines Menschen Weg" erscheinen. Dem Verfasser stand Material zur Verfügung, da» ihm von der Witwe Eberts anvertraut worden ist. .ciebesbeziehungen und Ihr« Störongni" lautet da» Thema, über da» am II., abend» um 8 Uhr im S ch u b e r t. S a a l, Viilowitr. IM. Dr. Alfred Adler aus Wien, der Begründer und Borsitzende de» Inlemationalen Verein» für Jndividualpshchologie, sprechen wird. Karten zu 1 M. sind im Vorverkauf erbältlich an der Tageskasse de» Schubert. Saal» und in A. Hossmann» Verlag. Berlin O, vlumcnstr. 22, sowie an der Abendkasse. Die Entwicklung de» Siedlungswefen«. Der Ausschuß für die wissen- schastliche Tätigkeit de« Verbandes deutscher Architekten- und Ingenieur, vereine hat eine Denkschrist bearbeitet über die historische und künstlerische Entwicklung de» Siedlungswesen». Sie soll die Unterlage bilden für ein vom verband« herauszugebende« Wert, da» die historische und künstlerische Entwicklung de» SiedlungswesenS, getrennt nach den einzelnen Gebieten in Deutschland, behandelt. vr. Theodor de» Eondre». Professor der theoretischen Vhhstk und Direktor de» tbeoretisch.phhsikaliichen Institut» an der Universität Leipzig. ist im Alter von«4 Jahren gestorben. Allgemeine Schulpflicht in Rußland. Der Rat der Volkskommissare hat einen Gesepentwurs über die Einsübrung der allgemeinen Schulpflicht in der Sowjetunion angenommen. Der Entwurf soll dem allrussischen Zentral. ixekutivsomilec bei seiner nächsten Tagung uiitcrbrcitet werden. Der Ent- würs sieht zur Erleichterung de» Ucbcrgange» die Errichtung einer großea Anzahl neuer Schuleu vor. d'Hbernons �bfthieö. Bedeutsame Reden bei Hindenburg. Reichspräsident von Hindenburg hat gestern den britischen Botschafter Viscount d'Abernon zur Entgegennahme seines Abberufungsschreibens empfangen. Der Bo'fchafter führte dabei u. a. aus: „Wenigen Botschaftern ist es vergönnt gewesen, in dem Lande, bei dem sie beglaubigt waren, Zeuge derartiger Umwäl- zungen zu sein, wie sie während der sechs Jahre meines hiesigen Aufenthalts sich hier zugetragen haben. In dieser kurzen Zeit habe ich. in bezug auf die Wirtschaft- l i ch e Lage, gesehen, wie die deutsche Währung gefestigt worden ist, nachdem sie eine in der Geschichte einzig dastehende Krist» überwunden hatte. Ich habe beobachtet, wie das Deutsche Reich durch f i n a n- zielles Chaos zu finanziellem Gleichgewicht schritt. und ist tonnte feststellen, wie der Wiederaufbau der deut- schen Industrie und des deutschen Handels auf einer Grundlage sich vollzog, die eine gute Vorbedeutung für das zukünftige wirtschaftliche Gedeihen dieses großen Landes ist. Im Bereich der Politik sind die Umwandlungen nicht weniger bemerkenswert gewesen, und ich verlafle ein Deutschland, da» im Frieden mit seinen Nachbarn lebt, besten Sicherheit durch den Vertrag von Locarno verbürgt und dessen Platz unter den Völkern durch einmütige Zustimmung in Genf begründet ist. Dieses Werk ist ebensosehr denunbezwingbarenEigen- s ch a f t e n des deutschen Volkes wie der weisen st a a t m ä n n i- schen Führung derer zu verdanken, denen es diese Leitung an- vertraut hat. Es ist Ihnen vergönnt gewesen. Herr Reichspräsident, beim Ab- schluß dieser historischen Entwicklung an der Splhe de» Deutschen Reiches zu stehen und zu den Auszeichnungen Ihrer langen Lauf- bahn den unvergänglichen Ruhm hinzuzufügen, die Sache des Friedens gefördert zu haben. Was mich betrifft, so schätze ich es als Vorzug, naher Augen- zeuge dieser Entwicklung gewesen zu sein und im Einklang mit den Weisungen meiner Regierung mit sympatischem Interesse und uneingeschränkter Genugtuung die verschiedenen Abschnitte dieser Aufwärtsentwicklung haben verfolgen zu können." Der Reichspräsident sagte in seiner Erwid»rung u. a.: „Seien Sie versichert, daß Ihre anerkennendenAeuße- rungen über Deutschland und seine Staatsmänner bei uns ein lebhaftes Echo finden werden. Als Sie vor über sechs Iahren meinem Herrn Amts- Vorgänger Ihr Beglaubigungsschreiben überreichten, stand die ganze Welt noch unter dem unmittelbaren Eindruck des soben be- endeten Krieges. Leidenschaslen und persönliche Empfindlichkeiten beherrschten die europäische Politik. In Ihrer damals gehaltenen Ansprache haben Sie betont, daß die Weltkrisis nur durch allge- meine Zusammenarbeit überwunden werden könne, und durch freimütige Erkenntnis der Wahrheit, daß das Wohl jedes ein- zclnen das Wohl aller sei. Wirtschaftlicher Ausbau sei das gebiete- irische Erfordernis der Welt, und dieses könne nur erfüllt werden in -einer Atmosphäre des Vertrauens. Diesem Programm, Herr Bot- schafter, sind Sie während der Jahre Ihres Hierseins treu geblieben. Sie haben sich aber nicht nur damit begnügt, die offiziellen Be- Ziehungen zwischen Ihrer hohen Regierung und der Reichsregierung wieder auf den Stand des gegenseitigen Vertrauens zurückzuführen, sondern Sie haben sich auch bemüht, sich in die Lage des deutschen Volke» hineinzudenken. die unerhört schwierigen Verhältnisse Deutschland zu verstehen und insbesondere auch in wirtschaftlichen Fragen Ihre reichen Kenntnisse und Erfahrungen zur Verfügung gestellt. Ihre Mission endet mit einem bedeutungsvollen Ab- schnitt in der europäischen Rachkriegsgeschichte: mit dem In- krafttreten derLocarno-Verträge und mit dem E i n- tritt Deutschlands in den Völkerbund hat die aus einen dauerhaften europäischen Friede hinzielende Politik einen wichtigen Schritt vorwärts getan. An dieser Gestaltung haben Sie maß- geblichen Anteil genommen, der Ihnen nichr vergessen werden wird." * Es ist schon so, wie der Reichspräsident in seiner Antwortrede zum Ausdruck gebracht hat: der Abschied des nunmehr fast 70jährigen britischen Botschafters be- deutet zugleich den Abschluß eines Abschnittes der europäischen Geschichte. Und es ist nicht un- wahrscheinlich, daß Lord d'Abernon, dessen Abberufung in den letzten drei Iahren wiederholt als bevorstehend ange- kündigt wurde, den Zeitpunkt seines Scheidens selbst be- stimmt hat, um ihm jene symbolischeBedeutungzu verleihen, die ihm zukommt. Dieser Zeitabschnitt erstreckt sich zwar nur auf sechs Jahre, aber in diesen sechs Jahren haben sich in Europa und vor allem in Deutschland selbst tiefergehende Umwälzungen vollzogen als sonst in vielen Jahrzehnten. In seiner Ansprache hat d'Abernon diese Um- wälzungen wirtschaftlicker und politischer Art in prägnanten Sätzen formuliert. D Abernons sechsjährige Botschafterzeit zerfällt in zwei Teile: 1921 bis 1923— Geist von B e r samer Sieg der demokratischen und wirtschaftlichen Vernunft in Europa, Geist von Locarno, Einzug Deutschlands in G e n f. An dieser Entwicklung vom Chaos zur Ordnung, von der Psychose des Krieges zur Idee des Friedens hat der scheidende Botschafter seinen unbestreitbaren persönlichen Ver- dienstanteil. Als guter Engländer hat er rechtzeitig— lange vor vielen seiner Landsleute— die große Gefahr er- kannt, die in der Errichtung der militärischen Vorherrschaft des nationalistischen Frankreichs gerade für die traditionelle kontinentale Politik Großbritanniens lag. Aber es war für ihn nicht immer leicht, seine Erkenntnisse bei den maßgeben- den Stellen in London durchzusetzen. Manches Unheil hat er trotz hartnäckiger Bekämpfung nicht verhindern können, so die Mitwirkung Englands an der Teilung Oberschlesiens und später die britische Tolerierung der Ruhrbesetzung. Aber selbst in den schlimmsten Zeiten des chaotischen Niederganges Deutschlands hielt er an seinen fielen fest, und seit dem Kurs- Wechsel in Frankreich im Frühjahr 1924 konnte er die fort- schreitende Verwirklichung seiner politischen Ideen erleben und tätigen Anteil daran nehmen. Ein französisches Blatt, das sein Wirken mit ge- bässigem Mißtrauen oerfolgt«, hat ihn«inst den»Lord- Der Kampf gegen Sie Erwerbslosigkeit. Beratung im Landtag. Im Preußischen Landtag gab am Freitag zunächst der Abgeord- nete Bazewski(Pole) eine Erklärung ab, die sich gegen«ine Re- gierungeerklärung im Bezirk Allen st« in über angebliche Aeuße- rungen, die er als Abgeordneter im Landtag über Erteilung polnischen Unterrichts durch eine Lehrerin gemacht hat, richtet. Straf- anträg«, die von seiner Seite aus gegen den Regierungspräsidenten und ander« höhere Regierungsbcamt« gestellt wurden, hätten bisher noch keinen Erfolg gehabt. Abg. Schwenk(Komm.) erhebt sodann Protest gegen den in der Sitzung vom 7. Oktober erfolgten Ausschluß seines Fraktionskollegen S o b o t t k a, der bekanntlich den deutschnationalen Abgeordneten Wiedemann der Feigheit und Lüge bezichtigt hatte, als dieser die Arbeitslosen beschimpfte. Der Präsident handhabe nach der Aus- fassung der Kommunisten die Geschäftsordnung«inseitig. Dann trat das Haus in die Tagesordnung«in, in die Weiterberatung der �rwerbslosenfrage. Zunächst begründet Abg. Otter(Soz.) als Berichterstatter einen Antrag des Ausschusses für Handel und Gewerbe, der ein« nochmalige Prüfung von der Staatsregierung darüber verlangt, ob die Wieder- Inbetriebnahme der Steinkohlenzeche„Vereinigte Margarete" in Sölde(Kreis Hörde) nicht möglich ist. In der allgemeinen Be- sprechung nahm flbgeorüneter Wende sSoz.) das Wort zu einer großangelegten Rede über das Erwerbslosen- Problem. Wende erteilte zunächst dem gelben deutschnationalen Ar- beiterführer Wiedemann eine kurze, aber kräftige Abfuhr. Die Ausführungen, die Wiedemann über das Arbeitsdienstpflichtgesetz und die Herabsetzung der Erwerbslosenunterstützung gemacht hat, sind ent- weder zurückzuführen auf völlige Unkenntnis über die Lag« der Ar- beitslvsen oder auf Bosheitspolitik. Aus jeden Fall zeigen sie, daß dieser Führer einer gelben Gewerkschast keine Fühlung mehr mit Arbeiterkreisen hat. Auf jeden Fall wird die Arbeitsdienst- Pflicht von der Sozialdemokratie und den freien Gewertschasten mit aller Schärfe bekämpft werden.(Sehr wahr!) Trotz aller Reden, die bisher im Reichstag und im Landtag über das Erwerbslosenproblem gehalten wurden, hat sich die wirtschaftliche Lage von Tag zu Tag verschlechtert: das Heer der Arbeitslosen ist immer größer geworden. Zurzeit haben wir nach den letzten Fest. stellungen 2 Vi Millionen Arbeitslose und 1,7 Millionen Kurzarbeiter, so daß auf 1000 Einwohner 63 Arbeitslose kommen. In Berlin kommen einschließlich der Familienmitglieder aus 1060 Einwohner sogar 240 Arbeltslose.(Stürmisches ijört! hört!) Diese Zahlen sprechen«ine erschütternde Sprache, hätte sich Herr Wiedemann in den Arbeitervierteln einmal die Rot und die Armut angesehen, die in diesen Kreisen herrscht, dann könnte er nicht so provo- zierend reden, wie er es getan hat. Katastrophal entwickeln sich die sozialen Verhältnisse besonders durch die große Wohnungsnot. Schon die große Masse der arbeitenden Bevölkerung ist gar nicht in der Lage, für«in« aus- reichende Wohnung zu sorgen. In einem Zimmer Hausen 9 bis 12 Personen. In neuerbautenhäuscrn zur Verfügung gestellte Wohnungen zu mieten, sind diese Leute überhaupt nicht in der Lag«, denn selbst bei Beschäftigung sind sie nicht imstande, ein« Miete von 60. 60 oder gar 70 M. auszubringen.(Sehr wahr! links.) Herr Wiedemann Hot den Arbeitslosen vorgeworfen, daß sie kein« Lust zur Arbeit hätten. Von den Arbeitslosen, die zahlenmäßig erfaßt sind, kommen als haupwnterstützungsempfänger 1 603 700 in Frage. Dazu kommen 1 638 626 ZuschlagsempsänRr. Daraus geht hervor, daß unter den Arbeitslosen«ine große Zahl überhaupt keine Unterstützung bezieht. Nach oberflächlicher Feststellung der Gewerkschaften haben wir gegen- wärtig 160 000 Ausgesteuerte, denen sogar bei Notstandsarbeiten keine Arbeit nachgewiesen werden darf. Wie denkt man sich das Leben dieser 160 000 Ausgesteuerten? Sollen dies« alle zu Verbrechern werden? Wenn Staat und Reich sich der Not dieser Erwerbslosen nicht annehmen, fördern sie das Verbrechen.(Sehr richtig! links.) Es kommt hinzu, daß sich die Zahl der Ausgesteuerten im Januar, Februar des nächsten Jahres auf mindestens 6 0 0 0 0 0 erhöhen wird. Wir stehen dann mitten im Winter und ich frage: Was wollen Sie. mit dieser verelendeten, verbitterten Masse machen, wenn sie, durch die Not getrieben, zum Aeußersten greift. Wir haben also alle Ursache, diesem Winter mit großem Ernst ent- gegenzufehen und von Staat und Reich zu verlangen, daß die Aus- gesteuerten dieselbe Unter st ützung erhalten, wie die in der Fürsorge befindlichen Erwerbslosen.(Sehr richtig! Wir wenden uns gegen die aktenmäßig« Behandlung dieser wich. tigsten Frag«, wie sie leider in einzelnen Ministerien erfolgt. Man foll uns nicht immer damit kommen, daß dies« Angelegenheit Reichs- fache ist. Aber Preußen hat mit etwa 1 Million hauptunterstützungs- empfängern all« Ursache, dem Reich gegenüber mehr Initiativ« zu«nt- wickeln, als das bisher geschehen ist. Jetzt muß gehandelt werden,«he es zu spät ist. Die Gefahr, daß die Erbitterung im Winter zur Explosion sührt, ist groß.(Lebh. Zustimmung b. d. Soz.) Es ist«in Hohn, für die Auszahlungen der Unterstützungen die Frage der Bedürftigkeit und der Kriegsfolg« in den Vordergrund zu stellen. Di« Staatsregisrung muß beim Reich darauf dringen, daß endlich das Arbeitslofenversicherungsgesetz heraus- gebracht wird. Die Beitragspflicht der Arbeiter schließt das Recht der Arbeitslosen auf Unterstützung in sich.(Sehr richtig! b. d. Soz.) Ganz abgejehen davon, daß wir endlich die Pslicht haben, nun das Arbeitsbeschaffungsprogramm durchzufüh- ren, ist es auch notwendig, das Arbeitszeitgesetz abzu- ändern. Angesichts der Arbeitslosigkeit sind Ueber stunden un- möglich. Wenn es möglich ist, müfsen wir sogar zu einer Verkürzung der Arbeitszeit unter acht Stunden kommen. Es wird auch die höchste Zeit, daß die Staatsrcgierung dafür sorgt, daß bei Notstands- arbeiten auch die üblichen Tariflöhne gezahlt werden. Wir fordern weiter eine Erhöhung der Unterstützungssätze und die Verlängerung der Untefttützungsdauer. Die Staatsregierung muh sich dafür mit aller Kraft beim Reiche einsetzen. Es ist die höchste Zeit, daß die Staatsregierung anfängt, groß- zügig zu arbeiten und alle kleinen Schikanen beiseite setzt. Die Erbitterung unter den Arbeitslosen steigt. Sie drängen zur Arbeit. Es ist Pslicht der Reichs- und Staatsregierung, durch ein groß- zügiges Programm für Arbeit zu sorgen. Wir wollen nicht nur Worte hören, sondern verlangen Taten zu sehen, um die Erwerbs- losen vor dem Untergang zu retten.(Lebh. Bravo! links.) Abg. klost(Z.) sieht die beste Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in der B e s ch a f f u n g von Arbeit. Die preußische Initiative bei dem Reiche muß nach dieser Richtung hin viel stärker werden. Die Frage der Arbeitsbcschafsung ist für diesen Winter eine Frage der Ruhe und Ordnung im Staat. Er fordert Ausbau der produktiven Erwerbslosenfürsorge und Beschaffung der Mittel dazu durch An- leihen. Abg. Pinkerneil(DBIZ.) gibt der falschen Steuer- Politik die Schuld an der großen Arbeitslosigkeit. Der leidenden Wirtschaft könne nur durch Darlehn geholfen werden. Abg. Gehrmann(Komm.) macht dem Hauptausschuß den Vorwurf der Verschleppung. Das Arbeitsbeschaffungsprogramm des Reiches sei Schwindel. Dem Deutschnationalen Wiedemann kündigt er an, daß die Kommunisten sich Beschimpfungen der Arbeitslosen nicht mehr gefallen lassen. Abg. harfmann(Dem.): Die Arbeitslosen wollen Arbeit. Abhilfe kann nur ein Arbeitslosenvcrsicherungsgesctz bringen: die Bezugsberechtigung muß verlängert werden. Der Wohnungsbau ist unbedingt zu fördern. Statt Ucberstunden inachen zu lassen, möge man Arbeitslose einstellen. 7!bgeorönete 5*0» Hanna sSoz.): Wir können nicht zulassen, daß die ausgesteuerten Erwerbslosen der Wohlfahrtspflege überantwortet werden. Sie verfallen dann ollen Schikanen des Begriffs der Bedürftigkeit und der Rückzahlungspflicht. Wir treten für die Durchführung der Arbeitslosenversicherung ein. Rur durch die Versicherung er- halten die Arbeitslosen ein klagbares Anrecht auf die Unterstützung. Notwendig erscheint uns der sofortige Erlaß eines Gesetzes, wie es in der letzten Vundesausschußsitzung des ADGB. gefordert worden ist, das die Verlängerung der Arbeitszeit über acht Stunden hinaus ver- bietet. Für die Verhöhnung des Elends der Arbeits- losen durch die gestrige Rede des Abg. Wiedemann trägt die D.eutschnationalc Volkspartei die Verantwortung, solange sie ihn nicht abschüttelt.(Sehr wahr! b. d. Soz.) Angesichts von 1� Mil- lionen Arbeitslosen und IH Millionen Kurzarbeitern die Arbeits- dienstpslicht zu fordern, ist gänzlich sinnlos. Vielleicht brächte sie ihnen willige und billige Arbeitskräfte: aber die Erwerbslosigkeit wird dadurch nur vergrößert. Der W o h n u n g s n e u b a u ist sicherlich eines der wichtigsten Mittel zur Bekämpfung der Krise. Aber die Anregung des Wohlsahrtsministers gegen die sogenannten Doppelverdiener bringt die Gefahr mit sich, daß die verheirateten rtrauen aus den Betrieben verdrängt werde». Dabei gibt es jetzt zahllose Fälle, in denen der Verdienst zweier Personen für die Existenz einer Familie notwendig ist. Die R o t d c r A r b e i t s- losen ist riesengroß, und alle Parteien sollten die Verpflichtung in sich fühlen, ihr im Sinne unserer wirksame» Anträge entgegen- zuarbeiten.(Lebh. Bravo! b. d. Soz.) Abg. Dr. v. Waldhausen(Dtn.) verteidigt die Stillegung der Zeche„Vereinigte Margarete". Unproduktive Betnebe könne man eben nicht künstlich erhalten. Ueberschüsse aus der Rational!- sierung habe die. Kohlenindustrie bisher nicht erzielt.(Widerspruch.) Nachdem ein Redner des Zentrums und ein Redner der Kommunisten diesen Behauptungen entgegengetreten sind, wird die Weitcrbcratung auf Sonnabend vormittag 11 Uhr vertaat. Außerdem Magdeburger Justizskandal. Protektor Deutschlands" genannt. Sicher ist, daß er in der schlimmsten Zeit unseres Niederganges ein zuverlässiger und einflußreicher Fürsprecher des deutschen Voltes gewesen ist. Dafür gebührt ihm der Da n k des Landes, das er jetzt verläßt.__ Meineiüsprozeß Zrieöers. Aus der Thüringer Ordnungsära. Weimar, 8. Oktober.(Eigener Drahtbericht.) Bor dem Schwur- gericht in Weimar beginnt am Montag ein Meineidsprozeß gegen den ehemaligen Oberstaatsanwalt Frieders, der der Deutschen V o l k s p a r t e i nahesteht. Das Strafverfahren geht auf eine ein- zige Aussage von Frieders in einem Beleidigungsprozeß gegen unsere Jenaer Parteizeitung zurück. Fieders hatte damals unter seinem E i d ausgesagt, von einer bestimmien Verfügung der Staats- anwaltschaft Weimar nichts zu wissen, sie nicht gesehen zu haben. Zwei seiner Kollegen bezeugten aber das Gegenteil. Außerdem stellte sich heraus, daß die Verfügung die Unterschrift von Frieders trug. Frieders hat als Oberstaatsanwalt in Weimar keine rühm- l i ch e Rolle gespielt. Vor allem hat er in den Prozessen gegen den Genossen Hermann, den früheren thüringischen Staats- minister, als Vertreter der Anklage eine merkwürdige Haltung ein- genommen. Da beantragte er sogar einmal eine Strafe, die noch dem Strafgesetzbuch gar nicht zulässig war. Ein andermal legte er Berufung ein, obwohl er von ihrer Aussichtslosigkeit überzeugt war. Dennoch hat später die bürgerliche Presse versucht, Frieders der Sozialdemokratie an die Rockschöße zu hängen. Demgegen- über sei daran erinnert, daß Genosse Dr. K i e ß bereits am 6. No- vembcr 1926 im Thüringer Landtag erklärt hat, die sozialdemo- kratische Partei und ihre Landtagsfraktion habe kein Interesse an dem ehemaligen Korpsstudenten Frieders, der der Volkspartei nahegestanden hat, bis er aus ihren Reihen hinauskomplimentiert wurde. Die Sozialdemokratie habe feststellen müssen, wie kalt, u n- sozial und arbeiterfeindlich Frieders vielfach Recht ge- sprachen hat, sie habe daher für den Staatsanwalt Frieders als Menschen nichts übrig. Der ehemalige Oberstaatsanwalt Frieders falle einzig unld allein den bürgerlichen Parteien zur Last. gelöste Zunge weigert ihm den Dienst, und was er sagen will, bleibt ungesagt. Der Stechlin ist einer von den Vornehmen, die groß« Beziehungen unterhalten. Als das L i s s a b o n e r Erdbeben war(17S9), waren hier StrudelundTrichter, und stäubende Wasserhosen tanzten zwischen den Ufern hin. Cr geht 400 Fuß tief, und an mehr als einer Stell« findet das Senkblei keinen Grund. Und Launen hat er, und man muß ihn ausstudieren wie «in« Frau. Dieses kann er leiden und jenes nicht, und mitunter liegt das, was ihm schmeichelt und das, was ihn ärgert, kein« Hand- breit auseinander. Auf dem Grunde des Stechlin sitzt ein Hahn, der rot und zornig herauf steigt, wenn er geärgert wird und mit seinen Flügeln den See schlägt, bis er schäumt und wogt und das Boot angreift und kreischt und kräht, daß es die ganze Mmzer Forst durchhallt von Dagow bis Roofen und bis Altglobsow hin.* Von all den schönen Seen der Mark, dem buchenumstandenen L i« p n i tz s e e, dem Scharmützelsee, das brandenburgische Meer, dem sagenumwobenen Werbellinse«, den Seen der Uckermark, der Neumark und der Ruppiner Schweiz, erscheint der Stechlin als der schönst«. Sein« gewaltige Größe, seine prächtigen Wald- ufer, die Unberührtheit seiner Umgebung, die keinerlei menschlich« Bauten zeigt, rufen den Eindruck der Erhabenheit hervor. Wenn Vferweg am Stechlin. wir mit geschlossenen Augen an seinen Usern liegen, dann gibt das unablässige Rauschen und Branden der Wogen eine Musik, wie sie das weite unendliche Meer spielt.— Durch schönes Laubgehölz wandern wir nach Süden bis nahe dem Fischerhaus Stechlin, dann auf der Straße von Neuglobsow, immer in der Nähe des Sees, aus halber Höhe des Uferhangs weiter. Der See schimmert durch das Gezweig der Bäume heraus. Bei einer Weggabelung nach rechts, wieder dicht an den See zum Abfluß des Stechlin. In ziemlich schneller Strömung verläßt das Wasser den See und fließt zum Kleinen Stechlinse«, ein kleines, nahezu gänzlich verlandetes Ge- wässer, etwas südlich von seinem großen Bruder. An dem kleinen See liegt ein Moor, das den bereits verlandeten Teil des Sees bildet. Hier treffen wir die bezeichnenden Hochmoorgewächse, vor allem das Torfmoos, dessen Bülte von den zierlichen Strähnen der Moosbeer« überzogen werden'und zwischen dessen Stänunchen der insektenfressende rundblättrige Sonnentau gedeiht. Auf der Chaussee kommen wir zum Forschaus Stechlin und folgen nun dem Weg nach Groß-Menow. Am Anfang des Waldes durch zwei Gatter gen Nordost wieder zum Stechlin und dann immer auf dem West- ufer bis zu semer Nordspitze. Dem Laubwald sind mitunter viele Kiefern beigemischt. Er weist nn Süden viele Birken, in der Mitte viel« Eichen und im Norden viele Buchen auf. Von der Nordspitz« blicken wir noch einmal über den Stechlin zurück, den wir in seiner ganzen gewaltigen Ausdehnung überschauen. Seine größte Tiefe beträgt 64,3 Meter. Eine schöne Wanderung führt auch auf dem Ostuser von Neuglobsow zur Nordspitze. Ein völkischer Schimpfbolü. Beleidigung der Republik mit Geldstrafe geahudet. Unter der Ueberschrift:.Der Terror in Moabit*,.Die Mordfreibriefe der Republik* hatte das.Deutsche Tageblatt* einen Artikel veröffentlicht, der sich mit der Erstechung des jugendlichen Willi Burrmann, eines Angehörigen des.Reichsadler- Verbandes* in der Nacht zum zweiten Wethnachtsfeiertage in der Caloinstraße in Moabit beschäftigte. In dem Artikel, der am 7. Januar d. I. veröffentlicht worden, war behauptet worden, daß in Moabit seit längerer Zeit auf höheren Befehl der rote und der schwarzrotgelbe Terror eingesetzt haoe. Es war behauptet worden, daß Burrmann, als er friedlich von der Weihnachtsfeier seines Turnvereins heimkehrte, von einer Horde politischer Strolche ohne Anlaß angefallen worden sei, daß deren Führer, ein gewisser Alisch, aus feiner Wohnung schnell ein Messer geholt und Burrmann niedergestochen habe. Auf den wehr- los am Boden Liegenden habe diese Horde von Bestien wie auf einem Stück Holz herumgetreten. Einige Tage darauf habe man Alisch wieder freigelassen. Im Anschluß daran war von einem„Blut- sumpf in schwarzrotgelber Umrandung* gesprochen worden. Wegen dieses Artikels war gegen die Redakteure Dr. Julius L i p p e r t, als verantwortlich Zeichnenden, und Herbert Blank, als Verfasser, Anklage auf Grund des Repu» blikschutzgesetzes erhoben worden. Der Angeklagte Dr. Lippert bestritt seine Verantwortlichkeit für den Artikel, da derselbe im lokalen Teil erschienen sei und er nur für Politik und Wirtschaft verantwortlich wäre. Der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor F i e l i tz, hielt ihm entgegen, daß es sich um einen Artikel von hohem politischen Inhalt handle. Der zweite Angeklagte Herbert Blank gab zu, den Artikel verfaßt zu haben, jedoch sei die Ueberschrift vom Lokalredakteur gemacht worden. Anlaß zu dem Artikel habe nicht nur die Ermordung des jugendlichen Burrmann, sondern auch.der seit Monaten in Moabit vom Reichsbanner und Roten Frontkämpferbund ausgeübte Terror gegen hannlose junge Leute, die sich abends mit nationalen Abzeichen sehen ließen, gegeben. Da gegen den Mörder Alisch nichts geschehen sei, habe er das Verhalten der Behörden scharf kritisieren müssen. Auf die Frage des Vorsitzenden erwiderte der Angeklagte, daß er seine Informatto- nen vom.Reichsadler* und zwei gut unterrichteten Herren erhalten habe. Vors.: Die haben Sie aber ganz falsch informiert. Die Vor- untersuchungsakten gegen Alisch ergeben, daß von Ihnen etwas ganz Falsches dargestellt wird. Es wird behauptet, daß eine Horde politischer Strolche Burrmann angefallen, auf ihm herumgetrampelt haben und daß der Täter nach zwei Tagen freigelassen worden sei. Das alles ist absolut unwahr. Es liegt im öffentlichen Interesse, den Fall hier nach dem Untersuchungsergebnis klar- zustellen, damit nicht der Eindruck erweckt werde, als ob die Be- Der Weg des blinden Bruno. 19s Roman von Oskar Raum. „Was ist das für eine Krankheit?" fragten viele im Hause, und niemand antwortete, niemand wußte es. Das kräftige Bauernmädchen hatte nicht einen Tag im Bett ver- bracht, seit sie in der Anstalt war, und nun behandelte man sie wie eine Prinzessin. Sie mußte Eisenwein trinken und eine bittere Medizin. Das Fräulein erinnerte sie ängstlich genau jede Stunde. Zu den Mahlzeiten kam öfters der Direktor und redete ihr zu, viel zu essen. Dabei ging sie umher, arbeitete wie immer, kaum daß sie etwas einsilbiger wurde. Einmal fiel sie auf der Treppe zwischen den Käme- radinnen während des gemeinsamen Ganges zum Frühstück in Ohnmacht. Man trug sie ins Schlafzimmer zurück, wusch sie mit Essig, und in einem Weilchen ging sie wieder frisch und munter wie immer unten den anderen umher. Es entstanden Scherze über die Krankheit, die so bequem war, ihr besseres Essen einbrachte und Dispens von mancher Unter- richtsstunde, während welcher sie bei schönem Wetter in den Garten geschickt wurde. Plötzlich verstummte alles Gerede: Neid, Spott, Be- dauern. Geheimnisvolles Schweigen legte sich um die Sache. Man munkelte, wich verlegen aus. und niemand hätte doch angeben können, warum. Man wußte nur, daß ein Dienst- mädchen auf der Stelle entlassen wurde, weil sie einen un- gebührlichen Scherz vor Franzis Freundinnen gemacht hatte: sie erzählte, daß die Lehrerin Franzi einmal ins Zimmer rief und die Beiden nach einer endlos langen Unterredung in beinahe feierlicher Aufgeregtheit zum Abendessen viel zu spät herunterkamen. Und daß dann Gerüchte umgingen von heimlichen, sehr bewegten Konferenzen des Lehrkörpers, wo keiner es gerade als seine Pflicht anerkennen wollte, dem Direktor die Mitteilung zu machen. Bor Alwin her kroch folternde Nebelangst von stetig wechselnder Gestalt. Das Unheimliche: Sie fühlte sich bei allem eigentlich ganz wohl, wie sie sagte. Er hatte Vorstellungen von Verklärung im Sterben, mählicher Lösung vom Schweren, Stofflichen, Trennung Franzis von. ihrem Leib, der hier nur noch sein bißchen letzte Kraft abschnurrte. Bruno hatte nicht die Aufmerksamkeit für die Sache übrig, die dem Freunde Alwins zukam. Er probierte die Fenster aller erreichbaren Räume aus, wo die Musik von drüben am besten zu hören wäre. Er wollte ein Hörrohr kaufen, Wer der Portier— vielleicht erschien ihm ein so unverständlicher Wunsch verdächtig— schlug es rundweg ab, obgleich der Mensch für viel Geringeres gefährliche Dinge wie Liköre, Würste, Zeitungen und moderne Bücher ins Haus schmuggelte. Bruno glaubte in letzter Zeit an verschiedenen Orten solchem Mißtrauen, wie überhaupt einer Art ganz besonderer Beachtung zu begegnen. Er schien ihm, als höre er beim Vorbeigehen im Gemunkel der Geheimniskrämer zuweilen feinen und Franzis Namen zusammengenannt, aber er küm- merte sich nicht weiter darum. Es machte ihn nicht einmal stutzig, als ihm Fräulein Klara, die Näherin, Franzis Ver- traute, einen Zettel zusteckte, in dem ihn das Mädchen drin- gend bat, nach dem Abendessen ins Nähzimmer zu kommen, wo sie niemand überraschen oder belauschen konnte; sie habe Wichtiges mit ihm zu reden. Er dachte, es handle sich um Alwin, um so mehr als ausdrücklich bemerkt war, er möge Alwin nichts davon sagen. Aber abends, als es eben zur Mahlzeit läutete, und er zur Vollendung seiner täglichen Patrouillengänge durch Bi- bliothekzimmer ging, jubelte ein Soprantriller herüber. Er schnellte zum offetien Fenster, aber das Lied war zu Ende. nur die Klavierbegleitung hatte noch ein kurzes Nachspiel. Er blieb stehen. Mochte er zu spät kommenl Doch drüben trat eine kleine Pause ein. Nur ein eiliger Regen trappelte unten auf aufgeweichtem Boden. Eine außerordentlich günstige Gelegenheit überlegte er dann beim Abendessen drin und kaute schnell, als müsse er nicht wie alle, warten bis das Dankgebet gesprochen war. Bei Regen wird wohl niemand von Kapelans im Borqarten sein oder zum Fenster hinausschauen,— und seifl Borsatz stand fest. Er wußte eigentlich nicht, was er bei den Hemden Leuten drüben wollte: vielleicht lockte ihn nur das Schwierige, kaum Ausführbare des Abenteuers, oder sollte wirklich eine verschwommene Märchenhoffnung von einer königlichen Gön- nerin vielleicht--? Nein, so dumm war er nicht! Das Gittertor im Vorgarten war tagsüber nicht ver- schlössen, das wußte er. Im Regen würden wohl auch auf der Stracke wenige Leute sein, und er wollte sein Benehmen schon so einrichten, daß er nicht auffiel. Er drückte sich die Treppe zum Garten hinab, als sei dies schon unerlaubt. Vor Eile ohne Hut und Ueberrock. Nachher begriff er nicht, wie er diese wichtigsten Vorsichtsmaßnahmen hatte vergessen können. Der Regen hatte übrigens nachgelassen, rieselte ibm nur in erfrischenden dünnen Linien über Haar und Wangen. Langsam, in weitem Bogen, setzte er die Fußspitzen in den schlammigen Lehmboden und erschrak, wenn er laut platschend in eine Pfütze stach. Die Straße schien aber menschenleer. Weitum kein Schritt zu hören. Nur eine Dachrinne sprudelte breit und erhöhte den Eindruck des Regens. Klavierspiel, jetzt ein Marsch, wohl vierhändig, leitete hin bis vor eine Wand, wo es aber immer noch nicht unmittelbar über ihm klang. Also auch nur eine Vorgartenmauer. Er tastete an ihr entlang, eine endlose Sekunde. Jetzt hatte er's: Ein Gittertor! Er griff daran umher. Die Klinke ging leicht nieder, aber öffnete nicht! Sollte er sich unterfangen, zu läuten Was er sagen würde, hatte er auf dem ganzen Weg schon einstudiert. Das Tor war an der Seite mit Relief- girlanden und dazwischen gestreuten Köpfchen verziert. Nirgends ein Knopf zu entdecken, ein Glockenzug. So mußte er wieder umkehren. Er konnte doch nicht wie ein Bettler vor dem Tor stehenbleiben, bis jemand vorbeikam! Er versuchte, die Füße zwischen die Gitterangen zu stecken. Ja, es waren Querstäbe in regelmäßigen Abständen, an denen man bei einiger Vorsicht wie auf einer freilich senkrechten Leiter empor- klettern konnte. Das Gitter war nicht sehr hoch, endete aber in richtigen Lanzenspitzen. Einen Augenblick hielt er erschrocken inne— doch, wenn man ihn in dieser Stellung jetzt anträfe! Hier war keine Zeit, nachzudenken: Zurück oder vorwärts! Er umfaßte die Stange unterhalb der Spitze und gab dem Körper mit ganzer Kraft einen Schwung hinüber— auf die Arme kam's an: wenn sie einknickten, stieß der Kopf in die Spitzen. Zuletzt muhte er auch die halb verrenkten Hände lösen, schwebte einen halben Atemzug lang im Leeren, da hakten die Füße sich drüben ein und die Hände schlugen um die kantigen Eisen. Drei Sprossen und er stand auf dem Boden, einem weichen, schlammigen Boden wie auf der Straße. Mit welcher Schnelligkeit alles gegangen war! Der Marsch war noch nicht zu Ende. Aber wie jetzt ins Haus kommen? Geradeaus dem Klang nach über Rasen und Beete konnte er Schaden anrichten. Er schob die Füße nicht allzu langsam, doch vorsichtigt vorwärts, hoffte, einen steingefaßten Wegrand zu finden. Das Schienbein stieß gegen eine harte Kante. Verflucht! Aber fast gleichzeitig merkte er: Da war eine Borrichtung geradezu für ihn erfunden! Bretter lagen erhöht nebeneinander, eine Brücke über den Schlamm, wohl für die Gäste. Die führte doch gewiß zur richtigen Tür! Lächelnd betrat er sie: es war, als sei durch diese Freundlich- keit auch er geladen. Seine Tritte auf den frei und hoch liegenden Planken hallten weithin hohl, fast polternd. Aber das jagt« ihn nur,(Fortsetzung folgt.) Hörden etwas tn der Sache unterlaffen hätten. Der Vorsitzende stellt dann aus den Akten fest, daß gegen Alisch e in Aer fahren wegen Körperverletzung mit tödlichem Atisgange eingeleitet worden fei, das noch nicht abgeschlossen ist. Nach dem Obduktionsbesund hat B u r r m a n n e i n e n Stich ins Bein erhalten, der die Schlagader getroffen hat, der Tod ist aber hauptsachlich eingetreten durch Darmbrand, hervorgerufen durch einen Fußtritt. Die chaftcntlassungsanträgc für Alisch find iinmer wieder abgelehnt worden, und er ist erst nach dreiviertel Jahren Hast am 17. September entlassen worden, weil seine Mutter im Sterben lag. Der Erstochene befand sich in Begleitung von zwei Kameraden, die bei ihrer Vernehmung angegeben haben, sie seien in der Nacht um 3 Uhr auf dem Heimwege gewesen und wären beim Kriwinalgericht Alisch begegnet, den sie,.die beiden Ueberlebenden, von der Schule kannten. Sie hätten sich gegrüßt, und dann hätte Alisch, der wohl qchört haben müsse, daß sie i n c i n e in Männer- lokal in der Bülowstraße gewesen seien, Schiinpsworte nach- acrusen. Burrmann sei zurückgegangen und habe Alisch durch Fausifchläge dreimal hintereinander zu Boden geworfen. Dann hätten sie sich getrennt. Alisch hatte bei seiner ersten Vernehmung angegeben, daß er nach der Mißhandlung in seine Wohnung ge- laufen sei, sich einen Büchsenöffner geholt habe und in der Türnische auf Burrmann gewartet habe, um sich an diesem zu rächen. Als Burrmann ihn wieder zu Boden geschlagen und ihm selbst mit einem Messer einen Stich gegeben habe, habe er zur Abwehr zugestoßen. Bei einer späteren Vernehinung habe er in Abrede gestellt, überhaupt gestoßen und getreten zu haben. Ein Antrag von R.-A. Dr. Herold, zwei von ihm gestellte Zeugen über den heute noch in Moabit herrschenden Linksterror zu vernehmen, lehnte das Gericht ab. Auf Grund der Beweisaufnahme beantragte Staats- anwaltschaftsrat Dr. Kirschner gegen die Angeklagten se drei Monate Gefängnis und 3lK) M. Geldstrafe. Das Schöffen- g e r i ch t sprach Dr. Lippert frei, weil er nach dem Preßgesetz für den Artikel nicht verantwortlich sei. Blank wurde wegen Beschimpfung der Republik zu einer G e l d st r a f e von 2 8 1/ M. verurteilt. Es wurde ihm trotz der schweren Be- s ch i m p f u n g e n zugute gehalten, daß er sich in einer gewissen politischen Erregung befunden habe. Polizeiftunüe und Zremöenverkehr. Die zeitweise Verlängerung der Polizeistunde während der Polizeiausstellung bis um 3 Uhr und der Wechsel im preußischen Innenministerium haben sofort wieder einige Interessenten benutzt, um gegen die 1- U h r- P o l i z e i st u n d e erneut Sturm zu laufen. Angeblich soll die Forderung, die Bars, Tanzdielen, Nepp- lokale, Restaurants, Weinstuben, Cafes usw. die ganze Nacht offen zu haben, eine Kultursorderung sein. Schließlich wird als letzter Trumpf die Behauptung ausgespielt, daß die Fremden Berlin deshalb meiden, weil sie in Berlin selbstverständlich die Nacht zum Tage machen wollen, und es nun nicht können, eine Behauptung. die sich als dreist und dumm zugleich erweist. Es wäre sehr schlimm um Berlin bestellt, wenn es nur durch fein Nachtleben die Fremden in Scharen anzöge. Es mag schon sein, daß die Fremden nicht in solchen Scharen nach Berlin kommen, wie es sich die Hotel-, Restaurant- und Cafehausunternehmer wünschen. Bevor man aber immer wieder mit trotziger Beharrlichkeit nach Art kleiner Kinder auf diesen einen Wunsch zurückkommt, sollte man zunächst einmal bei sich selber prüfen, ob dort nicht Ursachen vor- handen sind, die den Fremden den Aufenthalt in Berlin verleiden. Tatsache ist zunächst, daß die Zimmerpreise in den Hotels usw. noch viel zu hoch sind. Tatsache ist. daß den Fremden der Zwang zur Zahlung des Bedienungszuschlages zuwider ist, im übrigen doch auch ein Beweis, daß die Unternehmer die Bezahlung ihrer Angestellten kaltschnäuzig dem Publikum, den Gästen, den Fremden überlassen, ein Vorgang, der in dem gesamten Wirtschaftsleben nicht seinesgleichen hat. Und nun einrpal eine kurze Betrachtung über die Art der Behandlung der Gäste und Fremden in den Berliner Hotels und in jenen Gaststätten, die von den Fremden bevorzugt werden. Ein sehr hoher Berliner P o l i z e i b e a m t e r hat sich kürzlich einmal vor einem Kreis von Interessenten gerade über dieses Thema ausgelassen und dabei folgendes festgestellt: Das deutsche Volk, so sagte dieser Beamte, ist leicht dazu geneigt, anzuordnen, vorzuschreiben, zu bevormunden usw. Wie das Volk ist, so auch die aus dem Volke hervorgegangenen Be- Hörden, wie es ja in einem modernen Volksstaate nicht anders möglich ist. Auch im Gastwirtsgewerbe finde man eine Freudigkeit am Anordnen und Borschreiben, wie er es auf seinen vielen Reisen im In- und Auslande nicht angetroffen. Dafür drei Beispiele der allerletzten Zeit. Erste Episode: Nachmittagstee in einem erstklassigen Hotel. Der Polizcigewaltige sitzt vor seinem Tee. als ihn ein ihm bekannter Herr begrüßt. Der Beamte bestellt für seinen Gast einen Kognak, wird aber von dem Kellner darauf hingewiesen, daß es jetzt keinen Kognak gäbe, da— Tee» stunde sei. Zweite Episode: Uni 11 Uhr abends auf dem Dachgarten eines großen Hotels. Der betreffende Herr verlangte Kaffee. Darauf die Erklärung des Kellners, daß Kaffee nur an Gäste gereicht werden könnte, die dort ihr Abend- essen eingenommen hätten. Dritte Episode: In einem großen Lokal bittet der Beamte den Kellner um das Telephon- buch. Der Kellner erklärt, daß das Telephonbuch sich in einem anderen Saal befände und dort eingesehen werden könnte. Diese recht bezeichnenden Beispiele können um viele ander« vermehrt werden. Da ist z. B. jene Anordnung, die den Gast mit einem lO-Proz.-Aufschlag bestraft, wenn er keine Getränke zu sich nimmt. Hier wird auf den Gast geradezu ein unerträglicher Zwang ausgeübt, weil noch immer die alte als unwahr erwiesene Be- bauptung gilt, daß am Eisen nichts verdient wird. In den von Fremden bevorzugten Gaststätten der Friedrichstadt, die keineswegs Luruslokale sind, kann man es erleben, daß man für ein Glas Zitronenwasser naturell einschließlich Bedienungszuschlag 8l) Pf. und sogar noch mehr zahlen muß. Man kann es dort erleben, daß man in der Nachmittagszeit gezwungen wird,«in Tee- oder Kaffeegedeck zu 2,50 M. zu nehmen, weil zufällig in dem Raum ein bißchen gefiedelt wird, was man S-Uhr-Tce nennt. So fügt sich«in Glied ans andere zu der Kette, die den Fremden und den Besuchsgästen der Einheimischen den Zutritt an den Gaststätten Berlins verleidet. In nichstt wenig Theatern kann man es er- leben, daß man für Garderobe und Programm einen Betrag zahlt, für den man in der Volksbühne fast die Vorstellung ein- schließlich Garderobe und Programm hat. Es wäre gut, wenn die Unternehmer zunächst hier einmal ganz gründlich Rem edu r schüfen, damit Berlin nicht immer wieder mit dem häßlichen Odium behaltet würde, eine Stätte des Fremden- neops zu sein. Solange dieses Odium nicht von ihm genommen wird, hat es gar keinen Zweck, eine Erweiterung der Polizei- stunde zu propagieren. Ganz abgesehen davon, daß die Angestellten eine Erweiterung der Polizeistunde nach wie vor energisch be- kämpfen, und daß es schließlich ganz unerträglich ist, zu denken. daß ein paar Tausend das Recht haben sollen,— weil sie das Geld haben—, die Nacht zum Tage zu machen, während Hunderttausende erwerbs- und einkommenlos sind. Sie Tragödie von Großröhrsdorf. Der Angeklagte kann sich ans nichts mehr besinnen. Dresden, 8. Oktober. In der weiteren Vernehmung des Sani- tätsrats Dr. Bochme rief der Angeklagte einen merkwürdigen Eindruck dadurch hervor, daß er auf die vielen Fragen des Vor- sitzenden und des Staatsanwalts unausgesetzt nur erwidern konnte: „Ich weiß es nicht mehr."„Ich entsinne mich dessen nicht inehr." „Ich habe es vergessen." Der Vorsitzende geht zunächst auf die dritte Ehe des Angeklagten mit der Witwe Trips ein. Dabei kommt zur Sprache, daß des Angeklagten Tochter aus erster Ehe ihr mütter- liches Erbteil in Höhe von 43 009 M. gegen ihn geltend gemacht habe, worauf ihr der Vater, da er das Geld nicht mehr hatte, monatlich 30 M. Zuschuß zu ihrem Lehreringehalt zahlen wollte. Der Vor- sitzende stellte aus den Akten dann fest, daß Dr. Boehme versucht habe, seine Tochter durch die Uebereignung einer Hypothek ab- zufinden. Sie habe sich aber geweigert, das anzunehmen, und im Septeinber ISIS mußte sich Dr. Boehme verpflichten, seiner Tochter ein Erbteil, das man auf 7S 000 M. festgesetzt hatte, durch Monats- raten von 1000 M. bar auszuzahlen. Es steht fest, daß Boehme un- mittelbar nach dem Ableben seiner dritten Gattin auf der Jagd seiner Tochter diese 75 000 M. in bar ausgezahlt hat. In der Nachmittagsverhandlung beschäftigte sich der Vorsitzende weiter mit der Frage, ob der Angeklagte lediglich aus dem Grunde die dritte Heirat gescklossen habe, um seine Tochter, die nun eine gerichtlich verbriefte Forderung auf das mütterliche Erbteil in der Hand hatte, zu befriedigen. Sannitätsrat Dr. Boehme bestritt das energisch. Vors.:„Wann haben Sie genaue Kenntnis des Ver- mögcns Ihrer dritten Frau, der Frau Trips erhalten?" Angeklagter: „Ich wußte erst nach den Erzählungen meiner Frau, was los sei. Ich wußte zwar, daß sie sehr schöne Grundstücke besaß, aber die Wertpapiere habe icherstnachdemTodemeinerFrau gefunden." Vors.:„Das ist unrichtig. In einem Prozeß haben Sie im März 1013 das Vermögen Ihrer Frau durch die Kredit- anstatt nachgewiesen erhalten. Ihre Frau hatte allein für 82 000 M. Wertpapiere dort." Angeklagter:„Das ist mir vollkommen entfalle n."(Bewegung.) Vors.:„Als Ihre Frau starb, wußten Sie, daß das Bankdepot da war. Sie waren damals mit Ihrem Anwalt bei der Bank, um das Geld herauszubekommen." An- geklagter:„Ich habe keine Erinnerung daran." Vors.: „Wir wissen aber, daß Sie mit Ihrer Frau bei Lebzeiten bei der Bank waren, und Sie Ihnen das Bankkonto nachwies." Angeklagter: „Auch das ist mir entfallen."(Große Bewegung.) Vors.: „Sie haben kurze Zeit nach der Heirat mit Ihrer Frau ein Testament gemacht, in dem Ihre Frau Sie als Alleinerben einsetzte, während Sie Ihre Frau zur Alleincrbin machten. Das durften Sie nicht, denn was wurde nun aus Ihren beiden erbberechtigten Töchtern?" Angeklagter:„Das weiß ich nicht niehr. Ich erinnere mich nur, daß meine Frau den Wunsch hatte, ein Testament zu machen." Pars.: „Das ist unwahr, Ihre Frau hat zu Zeugen erklärt:„Jetzt hat er mich doch herumgekriegt, ein Testament zu machen, und zwar zu seinen Gunsten." . Ein verhängnisvoller Schuh. Vors.:„Am 20. September 1916 sind Sie mit Ihrer Frau nach Großröhrsdorf gefahren. Erzählen Sie nun mal alles." Es kommt nun zunächst jene Episode zur Sprache, daß der Sanitätsrat Boehme versucht haben soll, seine Frau von einem st eilen Felsen zu stürzen. Er soll der Frau einen Stoß mit dem Fuß gegeben haben, und sie ist der Roheit nur dadurch entgangen, daß sie sich an ihren Mann festhielt. Boehme behauptet, er habe mit dem Fuß nach einer Schlange getreten. Vors.:„Am 22. September begleitete Ihre Frau Sie also auf die Jagd. Ihr Gewehr war mit Schrot geladen, was passierte dann?" Angeklagter:„Wir wollten Hühner schießen und gingen nach dem Totenstein zu. Die Haide ist dort mit dichtem Gestrüpp bewachsen. Mit uns ging der Förster. Mehrere Hühner und Fasane gingen vor uns auf und wir wollten eine Kette bilden, um das Wild zu treiben. Ich ging einige Meter rechts von meiner Frau, ganz rechts von mir ging der Förster. Wir näherten uns einer Stelle, wo ich mehrere Hühner hatte einfallen sehen. Plötzlich spürte ich eine Hemmung am Fuß, ich schwankte, suchte mich zu halten, siel dann aber seitwärts über nach der linken Seite. Die Flinte muß meine Körperbewegung mitgemacht haben. Plötzlich krachte ein Schuß und dann..." Vors.:„Sie haben an- gegeben, ein Schnürsenkel wäre aufgegangen und hätte sich um Ihr Bein geschlungen. Wie konnten Sie fallen, und merk- würdigweise so, daß Sie auf dem Rücken zu liegen kamen?" An- geklagter:„Das weiß ich heute alles nicht mehr. Ich war so er- schüttert, daß ich mich nach dein unglücklichen Schuß auf den Boden warf und die Finger in den Boden krallte. Meine Erinnerung an inanche Vorgänge dieses Tages ist völlig oerblaßt." Vors.:„Wo war Ihre Frau, als sie stürzten?" Angeklagter:„Das weiß ich nicht mehr." Vors.:„Es fällt weiter auf, daß Ihre Frau in Höhe des entsicherten Gewehres ging. Das läßt kein erfahrener Waidmann zu. Der Leichenbefund gibt an, daß der Schuß auf Ihre Frau aus 50 Zentimeter Nähe abgegeben ist." Angeklagter:„Auch das weiß ich nicht mehr." Staatsanwalt:„Haben Sie gesehen, ob Ihr Schuh beim Sturz beschädigt worden ist?" Angeklagter:„Das hat zwei Tage später mein Bruder festgestellt." Vors.:„So, Sie haben aber an demselben Abend noch zweiOesen aufgehoben und gesagt, sie müßten aufgehoben werden, da sie wichtige L e- w e i s st ü ck e seien. Ihr Dienstmädchen behauptet, sie habe an dem Schuh nicht die geringste Beschädigung bemerkt." Angeklagter: „Darüber kann ich nichts mehr sagen." Dann mußte Sanitätsrat Boehme die Stiefel anziehen, die er an dem Unglückstage getragen hat: es sollte festgestellt werden, ob der Angeklagte über einen ge- lösten Schnürsenkel gestolpert sein könne. Der Vorsitzende äußerte dabei starke Zweifel an der Darstellung des Angeklagten. Hierauf begannen am späten Nachmittag die Zeugenaussagem Rcviersörster Winter, der als einziger Zeuge dem Vorfall am 22. September 1916 beiwohnte, schilderte, daß er mit Boehme befreundet und deshalb an diesem Tage zur Jagd ein- geladen war. Man habe sich vor dem Unfall getrennt, und Boehme ging links von ihm, dicht neben feiner Frau. Plötzlich fiel ein Schuß. „Ich drehte mich um und sah Frau Sanitätsrat am Boden liegen. Boehme lag daneben. Ich eilte hin. Der Schuh hatte die obere Schädeldecke abgehoben und das Gehirn aus dem Kopf heraustreten lassen. Der Sanitätsrat rollte sich am Boden und schrie, was ge- schehen sei. Als er dann das Unglück erkannte, wollte er sich erschießen, und ich nahm ihm deshalb die Flinte weg." Vors.:„Wissen Sie, ob bei dem Unfall der Schuh Boehmes auf- gegangen war?" Zeuge:„Ich habe mir das selbst sofort nach der Tat angesehen und festgestellt, daß ein Haken am Schuh ausgerissen war." Vors.:„Hat Herr Boehme Ihnen später Versprechungen ge- macht?" Zeuge:„Er wollte mir etwas schenken, weil ich ihm einen Freundschaftsdienst erwiesen hatte, da ich ihm das Gewehr wegnahm. Ich habe das abgelehnt." Die Zeugin Frau Therese Schoffrath aus Seidenhain, die am Unglückstage auf dem Felde arbeitete, hatte in Abständen zwei Schüsse gehört und nach dem letzten Schuß beobachtet, wie Frau Boehme am Boden lag. Sie habe auch nach dem ersten Schuß den Ruf gehört:„Gut, daß du dabeigewesen bist". wisse aber nicht, wer geruscn habe. Der Vorsitzende hielt- der Zeugin vor, daß sie diese schwerbelastenden Aussagen früher nie gemacht, sondern sich erst jetzt gemeldet habe. Die Frau erklärte dar- auf, daß sie nicht gewagt habe, etwas zu sagen, weil Boehme jeden verklagt habe, der etwas nach dieser Richtung hin ge- äußert hätte. Der Sachverständige Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Schnorl, Dresden, der die exhumierte Leiche der Frau Boehme untersucht hätte, schilderte, daß der Schädel durch den Schuß völlig zertrünimert war. Der Schuß sei offenbar nicht wägerecht durch den «chädcl gegangen. Hierauf wurde die Verhandlung auf Sonnabend morgen ver- tagt. Am Montag wird in Großröhrsdorf dann ein L o- k a l t e r m i n abgehalten werden, bei dem das Gericht weitere Fest- stellungen machen will. Tpphusgefahr für Serlin? Die Lehren der Epidemie von Hannover. Im„Gesundheitshaus Kreuzberg" sprach auf Wunsch des B e- zirksamts Krenzberg gestern Professor Dr. Jürgens, dirigierender Arzt am städtischen Urban-Krankcnhaus, über d l e sozialhygienischen Erfahrungen bei der B e- kämpfung des Typhusepidemie in Hannover. Jürgens war auf Vorschlag des Ministeriums nach Hannooer gesandt worden und berichtete jetzt über seine dort gemachten Beobachtungen vor geladenen Vertretern der Behörden, der Wissenschaft und der Presse, lieber die Ursachen der Hannoverschen Typhusepidemie wollte er nicht abschließend urteilen, doch erklärte er es könne nicht als wirklich bewiesen gelten, daß man die Epidemie auf das Trinkwasser zurückzuführen habe. Seine Schilderung der Bekämpfungsmaßnahmen in Hannover ließ die panikartige Wirkung der Epidemie erkennen. Die Unterbringung der Kranken, die Freimachung von Schulen für sie, die Beschaffung von Betten machten größte Schwierigkeiten. Bei den Folgerungen, die der Redner an seine Erfahrungen knüpfte, zog er besonders Berlin zur Vergleichung heran. Eine Typhusgefahr besteht für Berlin nicht, meint er. Hier seien die hygienischen Verhältnisse so gut, daß man ähnliches wie in Hannover nicht zu befürchten brauche. Den in Hannover beobachteten Eifer, zu impfen, wen man erreichen konnte, hält Jürgens für Uebertreibuno. In der Aussprache äußerte auch der Berliner Stablmedizinalrat Professor Dr. v. D r i g a l s k i die Ansicht, daß man über die Ursachen nichts Sicheres weiß. Aber er hielt freilich auch nicht für erwiesen, daß die Ursache nicht in dem Wasser zu suchen sei, und er will als Kommunalhygieniker lieber das Schlimmste annehnien. Er betonte die Gefährlichkeit der Bazillenträger, die nicht selber erkranken, aber anderen die Erkrankung bringen. In Berlin sei für die Keimsreibeit des Trinkwasser- infolge doppelter und dreifacher Sicherungsmaßnahmcn eine starke Gewähr gegeben. ViclmehrSorgeniiisseunsdieMilch machen, weil in manchen für Berlin wichtigen Milchproduktions- gebieten im vorigen und in diesem Jahr der Typhus aufgetreten fei. Die Bevölkerung solle die' Vorsicht gebrauchen, Milch a b z u- kochen. Auch durch Gemüse und Rohabst könne Typhus nach Berlin eingeschleppt werden. Kommt es hier etwa doch einmal zu einer Epidemie, dann werde die Betten not der Kranken- Häuser sich sehr fühlbar machen. Stadtarzt Dr. B e j a ch berichtete über die leichte Mehrung von Typhusfällen in seinem Amtsbezirk Kreuzberg, doch fei kein Grund zu ernsterer Besorgnis gegeben. Es sprachen noch mehrere Redner, darunter Direktor Kühne von den Städtischen Wasserwerken, der Typhusüberlragung durch dos Wasser dieser Werke nicht für möglich Hütt. Im«chlußwort warnte Professor Dr. Jürgens, durch Impfung die Bevölkerung in Sicherheit zu wiegen, so daß sie Vorsicht und, Sauberkeit außer acht läßt. Einer Schauspielerin in Hannooer habe er auf die Frage, ob sie sich impfen lassen solle, geantwortet:„W a s ch e n Sie sich die H ä n d e!" Großer Dachstuhlbranö in Serlin0 bis 400 Heimarbeiter und-arbeite- rinnen suche. Es sollte sich»m die Herstellung von ganz beson- deren Karten handeln, die zur Ausfuhr nach England bestimmt waren. Bewerber und Bewerberinnen wurden zweimal zu bestimmten Tagesstunden nach einer Wirtschaft in Schöne! che hinter Friedrichshagen bestellt. Jedesmal kamen die Arbeitslosen in Massen herbei und versammelten sich iir und vor dem Lokal, in dem sie sich melden sollten.„Herr von Knüpser* kam beide Male i m Auto vorgefahren. Die Leute glaubten dem jungen Manne alles aufs Wort, was er sagte, zumal er auch einige Muster der zu leistenden Arbeiten mitbrachte. Den Bewerbern und Bewerberinnen stellte er in Aussicht, daß die Beschäftigung wohl 1 bis 2 Jahre dauern könne. Es handele sich um einen Millionen- auftrag. Der Lohn, den er bot, war recht gut. Für 1000 Karten sollten 4 M. gezahlt werden. Geschickte Hände hätten es auf 8M. denTag bringen können. So griffen alle Bewerber, durch- weg Arbeitslose, mit Freuden zu. Weil die Beschäftigung gleich beginnen sollte, meldeten sie sich auch bei der Arbeitslosenunter- stügung ab.„Herr von Knüpfer" nahm nicht weniger als 360 Arbeiter und Arbeiterinnen fest an. Bald aber kam die bittere Enttäuschung. Es wurde nichts geliefert, und so gab es auch nichts zu arbeiten und zu verdienen. Eines Tages wurde de- kannt, daß„Herr von Knüpser" festgenommen worden war. In Wirklichkeit ist er ein 24 Jahre alter Willy Riedel, der wegen eines Diebstahls in der Lehrter Straße zu Berlin schon be- straft war. Was er mit dem großzügigen Schwindel im letzten Grunde beabsichtigt hat, muß noch weiter untersucht werden. Man hätte wohl hoffen dürfen, daß die Landjäger von Anfang a n dem merkwürdigen Herrn, der in dem stillen Schöneiche die Menschen zusammentrommelte, schärfer auf die Finger gesehen hätten. Dann wäre bestimmt verhindert worden, daß die armen Arbeftslosen in dieser schändlichen Weise betrogen wurden. hugo-preuß-Geüenkfeker öes Reichsbanners. In der großen Halle des Stadthauses in der Klosterstraße be- ging gestern das Reichsbanner den einjährigen Todestag Hugo Preuß'. Die Halle war reich ausgeschmückt mit den Bannern der Berliner Kreisverein«. Die Feier wurde eröffnet mit Gefangsvor- trägen von„Fichte-Georginia" vom Arbeiter-Sängerbund. Zu einer eindrucksvollen Würdigung des verstorbenen Schöpfers der deutschen Reichsversassung nahm der Landtagsabgeordnet« S ch i m e k das Wort:„Wir feiern in Hugo Preuß den Schöpfer der neuen Reichs- Verfassung, die als Grundlage das Recht aller hat. Als der Zusammenbruch Männer an das Werk der Regierung stellte und Ebert an die Spitze des Staates, da wurde Hugo Preuß als Staatssekretär ins preußische Innenministerium berufen. Ebert gab ihm den Auftrag, in der stillen Gelehrtenstube das Werk zu schaffen, das die neue Zeit zur Festigung der neuen Mächtegruppen brauchte. Der einfache Mann aus dem Volke bewies seine staatsmännische Befähigung, als er Dr. Hugo Preuß mit der Aufgabe betraute, das Verfassungswerk zu schaffen. Hugo Preuß ging mit einem achtung- gebietenden Eifer an dieses Werk und freute sich, schweren Ausgaben in unruhigen Zeiten gegenüberzustehen. Er jchus in von politischen Ereignissen überstürzenden Zeiten das Werk einer freien Verfassung. Wenige Wochen hat er zu diesem Werk notwendig gehabt. In seinem Kopfe war seit Monaten ein Plan gewachsen, das Staatssystem in Deutschland demokratischer zu gestallen. Mit sellenem Eifer verteidigte er. sein Werk in der Ratianalversammlung. Er mußte vieles von seinem Entwurf preisgeben, weil die Zeit noch nicht reif war fiir große politische Aufgaben. Es würde ihn heute«it uns freudig stimmen, daß der Nachfolger des starken Severing«benfalls mit starker Faust das preußische Innen- Ministerium weiter ausbauen will zu einem festen Hord des republikanischen Staates. Preuß wäre mit Freuden erfüllt gewesen, hätte er die starken Worte Grzestnskis noch ver» nehmen können. Er wollte, daß das neue Preußen politisch verwaltet werde. Die republikanischen Parteien sollten ent- scheidenden Einfluß auf die politische Regierungstätigkeit haben. Mit dem Gesang„Tord Foleson", gesungen von„Fichte-Georginia", schloß die eindrucksvolle Feier des Reichsbanners. Voruntersuchung gegen die Spritschmuggler. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft beim Landgericht III ist nunmehr die Voruntersuchung gegen die Brüder Lindemann und die übrigen in die Spritschmuggclasfäre verwickelten Personen wegen Bandcnschmuggels, Zollvergehens usw. eingeleitet worden. Von dem flüchtigen Ingenieur Bauer fehlt noch immer jede Spur. Eisenbahn Jungsernheidc-Siemensstadt. Der Siemens-Konzern in Berlin beabsichtigt zusammen mit der Reichsbahnverwallung eine Zweigbahn vom Bahnhof Iungfernheide über Siemensstadt nach dem Kabelwerk in Gartenfeld zu erbauen, um den Verkehr der Angestellten und Arbeiter zwischen den Wohngebieten und den Betrieben in Siemens- ?adt zu erleichtern. Die Zweigstrecke wird in den Besitz der Reichsbahn übergehen und von dieser in der Weise betrieben werden, daß ein Teil der Züge vom Nordring auf der 4,7 Kilo- meter langen Strecke, die am Bahnhof Iungfernheide abzweigt. bis Gartenfeld durchgeführt wird. Die Bahn wird doppel- g l e i f i g gebaut und erhält drei Haltestellen: die erste auf dem Gelände zwischen Nonnendamm und Siemensdamm, in der Nähe der Bezirksgrenze Charlottenburg-Spandau, die zweite bei der Kreuzung der Bahn mit dem Rohrdamm nahe dem Siemens- Sportplatz, und die dritte unmittelbar an der Brücke, auf der die Gartenfelder Straße den alten Spandauer Schiffahrtskanal über- schreitet. Alle von der Bahn gekreuzten Strecken werden unterführt. Der Bau soll in kurzem zur Ausführung kommen, sobald das Plan- feststellungsoerfahrcn erfolgt ist. Mik dem Fahrrad zwischen zwei Straßenbahnwagen. Ein schwerer Strahenunfall ereignete sich gestern nachmittag gegen 5 Uhr in der O r a n i e n st r a ß e, nahe der Oranienbriicke. Der 43jährige Arbeiter Alfred Schünemann aus der Raun y n st r. 66, der sich aus seinem Fahrrad von seiner Arbeitsstelle auf dem Heimweg befand, geriet zwischen zwei Straßenbahnzüge, wurde erfaßt und mehrere Meter mitgeschleift. Mit einem dop- pelten Schädelbruch wurde der Verunglückte durch einen Wogen des Städtischen Rettungsamtes in das Bethanienkrankenhaus geschafft, wo er heute vormittag seinen schweren Verletzungen erlag. Schwerer Strahenunfall. Ein folgenschwerer Strahenunfall er- eignete sich gestern abend gegen 6 Uhr an der Straßenkreuzung Große Frankfurter und Lebuser� Straße. Mehrere Strohenpassanten wollten hier den Fohrdamm überschreiten, als ein Geschäftskraft- wagen in schneller Fahrt herannahte, zwei Personen erfaßte und überfuhr. Der 30jährige Musiker Hans Koberstein aus der Frankfurter Allee 64 und der 14jöhrige Arbsitsbursche Kurt Perlin aus der Goethsstr. 8 zu Lichtenberg gerieten unter den Wagen und wurden mit schweren Verletzungen in das Krankenhaus Am Friedrichshain eingeliefert. Während Perlin zwar erhebliche, doch nicht lebensgefährlich« Verletzungen erlitt, verstarb Koberstein kurz nach seiner Einlieferung an den Folgen schwerer innerer Verletzungen._ Melier f""b bcr tfür'lkNvergtelch lliri.kt bellte.?anne>bknb. «benbS' CO II, r. im.tiaimien des Pi ograuunS Ser �untjlwre in Berlin ©taaUmUitjlci Tr. Höpker-iljchosj. Lustmord an einem zehnjährigen Mädchen. Emen entsetzlichen Lustmord beging der 38jährig« Rllßer aus Köln-Mühlhsim an einem lOjährigen Mädchen. Cr nahm das Kind, an dem er sich schon mehrfach vergangen hatte, auf die Rheinwiesen mit und vergewaltigte es. Als das Kind vor Schmerzen schrie, hielt der Verbrecher ihm den Mund zu und das Kind erstickte. Dann warf der Mörder das Mädchen in den Rhein. Der Täter wurde bereits festgenommen, gestand die Tat ein und gab als Grund starke sinnlich« Veranlagung an. Noch ein Attentäter zum Unglück bei Leiferde? Bei der Gendarmerie in E s ch in Luxemburg stellte sich«in g e> wisserTheodor Bischof aus Köln, der sich seit eiiiiger Zeit in Esch beschäftigungslos herumgetrieben hatte und erklärte, mit einem gewissen Otto Schulz im vergangenen August das Eisenbahn- Unglück bei Leiferde verschuldet zu haben. Nach dem Geständnis wollt« sich Bischof das Leben nehmen, indem er sich die Schlagader öffnete. Die beigebrachte Wund« war jedoch nicht schwer und die Blutung konnte rasch gestillt werden. Der angebliche Alien- täter wurde von der luxemburgischen Polizei nach Luxemburg ge- bracht, wo die weitere Untersuchung wahrscheinlich Licht in das Geständnis bringen wird.__ 3m Venzoltank erstickt. Beim Benzoltanken verlor der bei der Firma Gebrüder Fitzer in der Metzgerstraße 7—10 zu Adlershof angestellt« Hofarbeiter Wilhelm Pank aus der Metzgerstraße 6 durch Einatmen von giftigen Dämpfen plötzlich das Bewußtsein, stürzte in die T a n t g r u b e, wo er e r st i ck i e. bevor noch Hilf« zur Stell« war. Die Feuerwehr war längere Zeit mit Wiederbclebungs- versuchen beschäftigt, die leider ohne Erfolg blieben. öerliner varietös. Dem Wintergarten ist es gelungen,«in paar große Nummern zu verpflichten, die man mit gleich großem Per- gnügen steht. Als Robinson Crusoe verkleidet, arbeitet der I o n g- leur Riarch Heyes mit einer verblüsfenden Sicherheit, die sich mit seiner absoluten Wurstigkeit, überschaltet von einem unerschütter- lichen Ernst, zu höchster Komik steigert. Die Pierrotys Ex- centriks geben ihm nicht viel nach. Bei ihnen sowohl, wie im Trampolinokt der Julians find es die komischen Partner, die höchstes artistisches Können mit drastischem Humor verbinden und Lachsalven auslösen. Ganz famos ist Ilse B o i s, die eine Zehn- minutenreoue nach witzigem Text von Kurt Robitschek hinlegt, wo- bei die französische Diseuse, kue englischen Girls und die exotischen Tänzerinnen unserer Revuen nicht übel veräppelt werden. Die Tänze der Endja Megoul und der D i o Pia sind Schau- nummern und Augenschmaus. Schöne Mädchenkörper, umhüllt von prächtigen Lichtern. Der unerhört kühne und halsbrecherische Draht- seilakt der M«ja res Bros ist zwar bekannt, man sieht ihn aber gern wieder. Die Stirnbalnncen der Philipps, der Goliath- Kraftakt und der Tricktänzer G a r r a t dürften nicht unerwähnt bleiben. Das rasende Tempo des Fußballaktes auf Rädern der Harvard und Holt mit der feschen, schneidigen Prudence Kendrik bringt das Blut angenehm in Wallung. Apollo-Theaker. Das empfehlenswerte Oktoberprogramm weist einige recht gute Nummern auf. Es seien nur Wendinis humo- ristische Assen und tletternde Hunde, Los Korunas Luftfensa- tion, Jean Florian als ausgezeichneter Jongleur, der Humorist Petermann und Joses B r c i t b a r t, das Kraftwunder, ge- nannt, der ähnlich wie sein verstorbener Bruder arbeitet. Geo und Paul als Phlegmatiker geben zwei seine Desillusionisten und die drei Stephans zeigen sich als elegante Springer. Der Verwandlungs- sketsch„Zwischen Himmel und Hölle" fängt sehr verheißungsvoll an, erlahmt aber auf halbem Wege. Den Schluß bildet eine geräusch- volle Pantomime der Vanloos-Kompagnie„Tirol in Trümmer". Sie verspricht nicht zuviel, denn am Schluß der Keilerei mit Tanz- vergnügen, die durch krachende Watschen rhythmisch unterstützt wird, bleibt nichts als ein großer Trümmerhaufen. Thealer am Sottbusser Tor. Die E l i t e s ä n g e r boten ein erfreuliches Oktoberprogramm. Man gewinnt dieses Theater lieb, weil herzlich darin gelacht wird, obne alle Befangenheit. Man will hier nicht„gebildet" sein und sich ehrlich der Stunde freuen. Das Blüthgen-Orchester spielt flotte Weisen. Flotte Bedienung gibt den humoristischen Auftakt. Und dann wechseln sich Gesangsparodien mit ernsteren Gesangstücken ab. S ch o r s ch R u s e l l i. die sächsische Type, zeigt sein echt sächsisches Gemüt und erntet Lorbeern als Schnelldichter. Ein russisches Damenquartett singt Volkslieder, und zum Schluß kommt ein Schwank„Das Kind mit den zwei Müllern". Der übliche nette Quatsch, aber die einzelnen Darsteller legen ihre Sache so hin. daß das Publikum nicht aus dem Lachen herauskommt. Und das ist ja schließlich beabsichtigt! vortrage, vereine unö Versammlungen. £%* Reichsbanner»S chwarz Rol Gold". SeschLft-st-Il«: Berlin 6 U. S-bastianstr. 87/38, Hof l?r. •■7/izvr Saunott«- nd: Wir weisen alle Nameraden auf den Republikanischen Teil* Tag mit Sportfest am Sonntag, b. 10., in Spandau hin und er- suchen um»ahlreiche Beteiligung. Redner Namerad Landtagspräsitent Bartels. Treffpunkt für alle Kameraden 18>h Uhr Bhf. Spandou-West.— Tiergarten: Sonntag, d. 10., SZH Uhr. Spandau-West. Um reg« Beteiligung wird ersucht. — Wcdding: Sonntag, d. 10.. Bftichtveranstallung Spandau. Antreten in den Abteilungen 11�4 Uhr.— Reukölln-Brig: 1. Nomeradschaft, 2. Zug. Mo., d. 11., 8 Uhr. Monotsversammlung bei Bahle, Wildenbruch- Ecke Wescrstrahe. Der Besuch der Persammlung ist für aktive und passive Kameraden Pflicht. Bei Verhinderung Meldung bei der gugleitung. Radfahrer Mo., d. 11.. Ti Uhr, bei Thormalen, Serhbergstr. 22.— Erkner: Sonntag, d. 10., 11?4 Uhr, An- treten am Bohnhos zum Marsch nach Werlsc« sStifwngsfest, Republikanischer Tag).— RcukSlln-Britz: 8. Nameradschaft Versammlung Mo., d. 11., 8 Uhr, Portrag des Kameraden Arno Scholz über:„Rechtsradikale Nampfverbilndc" bei Balehii, Boddin- Ecke Isarstrahe.— Treptow sNrcie): Spondau.ssahrcr Sonntag Treffpunkt nicht ll� Uhr. sondern 1114 Ubr Bahnhof Treptow. Abfahrt be. stimmt 11.33 Uhr.— Lonkwih: Sonntag, d. 10.. 0 Uhr, Aufmarsch. Treffpunkt bei Lehmann. Kaiscr-Wilhelm-Strahe. Reichsbund der Nttegobeschädigten, Kriegsteilnehmer»od Nriegerhinter. blicbencn. Ortsoerein Etcglig: 12. Oktober. 8 Uhr, im Albrcchtshof Mitglieder- pettammlung._ wellerberichk der öffentlicheo wellerdlcuslstelle für Berlin. sNachdr. vcrb. Zunehmende Bewölkung und vereinzelte Nicderichläge. Temperaturen wenig verändert.— Zu Deulschlond: In West- und Mitteldeutschland meist bewölkt mit etwas Regen. Im Osten vorübergehende Beruhigung des Wetters) Temperaturen überall nur wenig verändert. bin nun in Berlin! Ich bin sogar schon Berliner. Ich bin heimisch hier. Man hat mich allenthalben recht freundlich aufgenommen.- Herzlichen Dank dafür.— Ich bin eben eine besonders gute und besonders preiswerte Cigarette. „Haipaus Mocca" ARMAUO Sozialistische Krbeiterjugenü Groß-öerlkn. l.»!«.»>», ert(mit ein« etftttnfffijnjne)«-nn-ten»,» Cf- dvt«. 7% Uhe, Im Brojen Saal der Philharmonie, Bernbnrger Straße,»arten in« ermöhifflen Preise sind im Zugendsctretariat erhältlich. Unser Ingendchor soll wieder neu geschaffen werden. Erste Zusammenkunft aller mulikalisch interessierten Genossinnen und Genossen am Montag. H. Oktober, 714 Uhr, im Jugendheim Lindenstr. S. Instrumente mitbringenl Die Zugendgenossen, welche am 19. September die..Arbeiter-Iugend" und den.Vorwärts" oei kauft haben, werden gebeten, die Abrechnung umgehend vorzunehmen oder die Zeitungen zurückzubringen. heule, Sonnabend. S. Oktober: Seneselder.Piertel! ffahrt Oranienburg— Alte Havel. Treffpunkt S Uhr Stet- tiner Bahnhof. Normaluhr. Fahrpreis. Schlafen usw. 1,20 M.— Wittenau: Iupendheim Rosen thaler Strafe Wcrbeveranstaltung. Werbebezirk Schönebera: Werbebezirksvorstandssihunfl 7 Uhr beim Genossen Jonas. Jede Abteilung muß vertreten sein. Morgen, Sonntag, im Jugend» ye:m �lsison 6e kant.6 Lichtbildervortrag. Morgen. Sonnlag. 10. Oktober: Schönhauser«otstadt I- Treffpunkt zur Werbebezirksveranstaltung-47 Uhr Bahnhof Schönhauser Allee.— Südwest: Jugendheim Lindenstr. Z. Einführungo» abend für Echulentlossene. 7 Uhr abends.— Weste»! Beteiligung an der Klugblattverbreitung der Partei. Treffpunkt-49 Uhr vormittaas LUHow- Ecke Äornerstrasse. Nachmittags Epazie-qang durch den Grunewald. Treffpunkt 2 Uhr Bahnhof Blllowstrosse.- Lichtenberg, Mitte: Fahrt Bernau. Treffpunkt i-~ r''t«ahnbof Etralau-Rummelsburg.(Die Nachtwanbeeung findet nicht statt.)— Lichtenberg.Norb: Treffpunkt zur ilonsumbesschtigung 9 Uhr vor dem Jugendheim. Das Keim ist nachmittags ab 5 Uhr geöffnet.- L�chtenberg-West- �pazieraangr Riimmelsburq. Treffpunkt nachmittags Z Uhr Borhagener Plah. — Pankow: Beginn der Werbewocheveranstaltungen auf den einzelnen Plätzen. Vormittags 9 Uhr Generalprobe Echulaula Gärfchstraße. Werbebezirk Prenzlauer Berg: Sonntao. IN. Oklober. nachmittags» Ubr. Werbebezirksvorstandssstzung IM Jugendheim Danziger Str. W. Um 7 Uhr abends Werbebezirksdelegieetenpersammlung. Neuwahl de» Werbebezirk«» vorsstzenden. Auf fe IN Mitglieder ein Delegierter. Abrechnung Monat August. Um 8 Übe abends Werbebezi-ksmitgliedeiwerfammlung mit Vortrag!„Der Amsterdamer Iugendkonaress". Mitaliedsbnch mitbringen. 13™ Arbeitsabenb für Mädchen fragen des Weeb'bezird,»-enzbee« am E Mondag. 11. Ottober. 8 Uh-, in der Schule Kochstr. 13. Alle Mädchen Uli dos Werbebezirks müssen erscheinen. Sport. Rennen zu Mariendorf am Freitag, den S. Oktober. l. Nennen. 1. JVcancttc(Iinuß ir.). 2. Tudore(Roll). 3. Sonntag,. tnin,(Weitmer jr.l. Toto: 1«: 10. Platz: 21. 21, 32: 10. Ferner liefen: sl'iiofoniain. 5!ronv>in, I, Belvedere, Freibeuter, Casanova, Postumu, Punier, MaimS, Notula. 2. Rennen, l. Magoinon jr.(Cb. MillS), 2. Niederländer(Heckert), 3, Turifsn(ttz. Lantenberger). Toto: 26: 10 Platz: 14, ,5. 13:10 Ferner lieien: Sphinx I, Lebemann, Möglich, Weinbrand, Holstein, Michael. Mentor II., �. 3. Rennen. 1. Cosimo(Cb. Mills). 2. Kortenlpieler(Klabund). 3. Erbprinz jr.(Nnövna�el fr.). Toto: 20: 10. Platz: 13. 13. 44: 10. Feiner liefen: flönin Robert, Süss Lehbnrn. Hippologe, Mrossmognl, Leucht- tockel. Vota Triseo, KronSbeete, SIrnienier, Ciiento, Leuchtturm, Trauring ilüraisier. 4. R e n n e n. 1. Starlata(Cb. Mills). 2. Dasserlaus(ö. Schleussnqer). 3 Copol(F. Schmidt). Toto: 22: 10. Platz: 12, 12. 16: 10. Ferner liefen: Denkmünze,»Ilpenqeier, Altmark. Konsul. ö. Rennen. 1. Cotta(Schlenfener). 2. Cbester Belle ICH. MillS) 3. Invnlion(L. Weist). Toto: 35: 10. Platz: 13, 12. 13: 10 Ferner liefen; Pechfockel. Knmmeriänper. Prinzessin Etawab. Quadrat. Nachtfalter 6. Rennen 1. Aga(Iaii>! jr.). 2. Martha Halle(W Lemzer). 3. Minni Halle(Pr,v> mbel). Toto: 19: 10. Platz: 14.>7 16: 10 l-crner I-eten: Ida Palos, AIcibades, Steinnelke, Erster Seehos. Sadana Regenbogen. 7. flennen. 1. Soubrette(Cb. Mills), 2. Addie(P. Finn), 3. Aber. glanbe(F. Mills). Toto: 20; 10. Platz: 12, 17: 10. Ferner lies: Buchdrucker. d. Rennen. 1. Criia(0)tro-d,). 2. Hersteller(Barnewitz), 3. Baron i'egantie(Haaie). Toto: 33: 10 B'atz: 21. 108, 6t: 10. Ferner liefen � Lord Polo. Petrovella A.. Q'Copt. Lcerburg. Schneemolke. Ilona W.. Malta. Lesiing. Potsdam. Cbarade. Skinoitern. Ludwig R, Langemann. Venus, Lenchlläser, Einsicht. MonostatoS, Elsentönigm. Freibeuter. Ariiiried. 9. lli e nn e n. 1 Mis. Bosworth(Ch. Mills,. 2. Franzisko lKnvp. nadel jr). 3. Blaue Adrig(Heckert). Tolo: 31:10. Platz: 25, 30. 73:10. Ferner liefen: Federnelke, Torero, Heiderole B., Arworthy If.. Coriolanus, Morgentau. Berglchwalbe, Peter Haives. Lockung, Baron Axworthy, Katz- bach, Erbgras, Perdun, Ludmill I, Fenelon, Quera. !> s r a r d Debaets. den Bruder von Ceior Debaels. angeboten, waS sich jedoch später als Irrtum heraus. stellte, da 0)örard TebnetS oon feiner Bliiidda:menlz>>ndung noch nicht ganz wieder beigestellt ist. Der nach Belgien zur Unlerfchtitt an<Äöra>d Debaets gesandte Vertrag lam dann, von Casar DebealS unterschrieben, zurück, aber au der Tcilnabme von Cäsar Debaets hat der Sportpalast, nachdem dieser bei den letzten beiden Berliner Sechstagerennen leine sonder« -chen Leistungen pezeigt bot. kein Interesse. Dies wurde auch van Hevel sofort mitgeteilt. Der Partner van Hevels steht also noch nicht fest. HMästliche Mitteilungen. Am 9. Oktober 19?« feiert die»einbrennerei Gebt. Hirschmann zu Hanau am Main ihr Sviähriaes Jubiläum, während ih:e Sckfwesterfirma. die«Bein. �aeob Stück Rachf. Aktiengesellschaft am gleichen Tage auf ihr IMiahriges Bestehen zurückblicke» kann. Die Firma Gebr. Hirschmann wurde im Jahre 187« von de» Herren H. Hirschmann und M. Hirschmann gegründet. tteinen Ansängen heraus verstanden es die Gründer, den Umfang des Gesätaftes von Jahr zu Jahr zu vergräftern. Schon bei Lebzeiten der Gebrüder traten die Herren E. S. Hirschmann und E. M. Hirschmann in die väterliche Firma ein und übernahmen diese nach erfolgtem Ableben der Gründer in den Jahren 1911(1912, zn welchem Zeitpunkt die Firma bereits zu den bekanntesten Firmen der Branche zählte. Unter ihrer Inhabersä>aft wurde im Jahre 1913 h>e seit 18?« bestehende Firma Jacob Stück Nachfolger käuflich erwolben. die INI Jahre 1919 in eine Aktieneesetischaft umgewandelt wurde. Die Firma Jacob Stück Nacht. A.,G. nimmt heute eine führende und achtunggebietende Stellung in der Spirituoseninduftrie ein. Ihre Weinbrondmarken„Gowstück" und„Meisterstück" sind, ebenso wie ihre„Edellikäre", über ganz Deutschland verbreitet. Kahr vor öem Jemeausjchuß. Seine Beziehnngen zu Ehrhardt. Vor dem Untersuchungsausschuß des Reichstags in München wurde nach dem früheren Justizminister Dr. Roth der Minister- Präsident a. D. Dr. v. Kohr vernomnien. Vorsitzender: Im Laufe der Verhandlungen ist auch eine Zu- sammentunst berührt worden, die am 14. März 1921 unmittel. bar nach dem Zusamer-Mord mit Oberforstrat E s ch e r i ch, Staats- rat Dr. S ch w e y e r, Oberstleutnant a. D. K r i e b e l und noch einer Reihe anderer Persönlichkeiten mit Ihnen stattgesunden haben soll. Wissen Sie etwas von dieser Zusammenkunft und worüber sich die Besprechung drehte? Dr. v. Kohr: Ich kann mich an eine solche Zusammenkunft im Landtag mit den eben genannten Herren in gar keiner Weise erinnern. Vorsitzender: Ist Ihnen etwas davon bekannt, daß Schweig- hart, Braun und Berchthold mit falschen Pässen ge- reist sind, und daß diese falschen Pässe mst irgendwelchen amt- lichen Stellen im Zusammenhang stehen könnten? Dr. o. Kohr: Davon weiß ich nichts. Vorsitzender: Sind Ihnen Talsachen nähergebracht worden, die den Verdacht, daß falsche Pässe ausgestellt wurden, aufkommen ließe? Dr. v. Kohr: ReinI Vors.: Schweighart soll einen Paß oon der ungarischen Gesandtschaft auf den Namen Janas Schmidt gehabt haben. Dr. v. Kohr: Das weiß ich nietjt. Vors.: Es wurden umfangveiche Erhebungen vorgenommen. Es find Verdachtsgründe aufgetaucht, daß Beamte der Poll- zeidircktion oder Vorgesetzte anderer Beamten einen Einfluß geltend gemacht hätten, um eine solche Poßbesorgung in Szene zu setzen. Ist Ihnen von solchen Einflüssen etwas be- kannt? Dr. v. Kohr: Mir ist davon nichts bekannt. Ich selbst erfahr« von der Sache erst jetzt. Abg. Dr. Levi: Aus den Akten ergibt sich ein Verdacht dafür, daß diese falschen Pässe aus derselben Quelle stammen, aus der Kapitänleulnant Erhardl seinen falschen Paß aus den Ilamen v. Eschwege häkle. Ist Ihnen etwas davon bekannt, daß Kapitänleutnant ErHardt einen solchen Paß in Bayern erhalten hat? Dr. v. Kohr protestiert gegen diese Frage. Vors.: Ich glaube, daß diese Frage nicht unmittelbar in unser Aufgabengebiet einschlägt. Dr. Levi: Aus den bei Reunzert beschlagnahmten Aktew ergibt sich, tag die falschen Pässe, die für die Gruppe„Einwohner- wehr" hergestellt wurden, aus derselben Quelle st a m m e n, wie der falsche Pa ß für ErHardt. Bei dem bei Reunzert beschlagnahmten Material wurde eine Personalbeschreibung eines aJ'{rru.____«nonolnrtt hast tbm daß damals w o unter dem Namen o. Eschwege wohnte, und wissen Sie, ' er Echardt den Paß auf diesen Namen erhalten hat? lbg. Slöhr(Dölk.) beanstandet diese Frage als nicht zu- Der Ausschuß zieht sich zur Beschlußfassung über die Zulässigkeit der Frage zurück. Nach kurzer Beratung erklärt der Ausschutz die � o.3 Kohr'antwortet; Daß sich ErHardt wiederholt unter falschem Namen bald hier, bald da ausgehalten hat, ist allgemein bekannt. Es m a g s e i n, daß er einen falschen P a ß auf den Namen Eschwege gehabt hat. Wer ihn ausgestellt hat, weig ich nicht. Darüber ist mir auch dienstlich nichts berichtet worden. Der Zeuge v. Kohr wird daraus vereidigt und der Ausschuß oertagt sich um 542 Uhr auf Sonnabend 549 Uhr. Warum nennt Leo L a n i a seine Essays, die er gestern abend im Rundfunk las,„Hinter der Fassade der Wirklichkeit?" Das klingt so metaphysisch und philosophisch, als ob er die Fäden bloß- legen wollte, an denen die Menschen zappeln. Da» ist keineswegs der Fall. Ach, diese Geschichte von den sogenannten Uebermenschen, die vorgeben, die Welt zu regieren, kennt man zu genau aus Zu- kunftsromanen, seien sie von Dominick, Wells oder Döblin verfaßt. Lama beschreibt die Genua-Konferenz, stilistisch ausgezeichnet, kühl, beherrscht, überlegen: doch es bleibt bei der Zeitglosse, beim Feullle- ton, allerdings bemüht er sich um die Haltung eines Chronisten, der, unberührt, entsprechend dem Geist der Gegenwart, das Tempo dieses Automobilzeitalters geben will. Sehr wirksam, daß auch noch eine„dämonische" Frau auftritt, die etwa die Rolle eines Schicksals spielt. Doch der Titel ist anspruchsvoller, gestraffte Mundsalten machen es ollein nicht. Darauf folgt als Kontrast die dritte i�ort- setzung des Zyklus„Das deutsche Lied".— Rokoko. Das Programm vereinigt Reichardt. Zelter und Mozart, eine etwas merkwürdig- Zusammensetzung, da Zelter bereits Ausdruck der bürgerlich ge- bundenen Zopfzeit ist und einen Uebergang zum sinnigen Bieder- meier bedeutet. Nur Mozart und Haydn verfügen über dle tanze. rische Grazie, über die Leichtigkeit und Koketterie, die in den Werken des Rokoko lebt. Die anderen sind eher Chodewiecki als vielleicht Fragouard oder Boucher. Else d'Heureuse singt diese zarten Lieder mit schöner, wohlgebildeter Stimme, spielend und tändelnd. Das Rundfunkprogramm. Sonnabend, den 9. Oktober. Außer dem üblichen Taeesprogramm- 12 30 Uhr nachm: Die Viertelstunde für den Landwirt. 4 30 bis 6 Uhr abends: Xachmittag-skonr.ert der Berliner Funkkapelle. Leitung: Konzertmeister Franz v. Szpanowski. Anschließend; Ratschläge fürs Haus. Theater- und Filmdienst. 6 30 Uhr abends; Sanitätsrat Dr. Paul Frank: Medizinisch-hygienische Plauderei. 8.55 Uhr abends: Dr. h. c. Ferdinand Bausback:„Europäische Filmfragen(Der Pariser Filmkongreß)". 7 45 Uhr abends: Fred Hildenbrandt: Einführung zu dem Sendespiel:„Das Konzerf. 8 Uhr abends: Sendespiel:„Das Konzerf, Lustspiel in drei Akten von Hermann Bahr. Regie: Alfred Braun. Gustav Heink, Pianist: Karl Ebert; Mario, seine Frau: Lina Lossen; Dr. Franz Jura: Alfred Braun; Delfine, seine Frau: Renate Müller; Eva Gern dl: Eva Piebig; Pollinger: Albert Plorath; Frau Pollinger: Mathilde Sussin; Fräulein Wehner: Elsa Wagner; Fräulein Selma Meier; Miß Garden; Frau Claire Floderer; Frau Fanny Meli; Frau Dr. Kann, Anschließend: Dritte Bekanntgabe der neuesten Tagesnachrichten. Zeitansage. Wetterdienst. Sportnachrichten. Theater- nnd Filmdienst. 10.30—12.30 Uhr abends: Tanzmusik(Tanzorchester Ettö). Königswusterhausen, Sonnabend, den 9. Oktober. 9 Uhr vorm.: Uebertragung der Rede von Professor Dr. Kerschensteiner, München, anläßlich des Pädagogischen Kongresses in Weimar. 3—3.30 Uhr nachm.: Prof. Dr. Amsel und Oberschullehrer Westermann: Einheitskurzschrift. 3.30-�4 Uhr nachm. Hedwig Stieve: Die Arbeit der Wohlfahrtspfiegenn in der Jugendpflege und Jugendfürsorge. 4—4.30 Uhr nachm.: Werkschul direkter Reich: Der Beruf des Fabrikschlossers. 4.30-5 Uhr nachm.: Das Neueste aus der pädagogischen Zeitscbnftenhteratur. 5.30-8 Uhr abends: Prof. Dr. Mackowsky: Berlin zur Barockzeit 6-6.30 Uhr abends: Prof. Dr.-Ing. Laudien. Stettin: Die elektrische Be- leuchtung. 6.30-7 Uhr abends: Geh. Rat Dr. Wehrle: Abwehr der Einschleppung von Tierseuchen aus dem Auslände. 7—7.30 unr abends: Dr. Mersmann: Die deutsche Oper von Mozart bis Schreker. 7.30-8 Uhr abends: Ministerialdirektor Dr. Rieh: Strömungen der modernen deutschen Literaturgeschichte. 8 unr abends: Uebertragung aus Berlin. Partemachrichten für Hroß-öerlin Einsendungen sLr diese Rubrik sind Berlin<5W 68, Lindenstratze 3, flets an da» BezirkOsekretariat. ?. Hos, 2 Trep. recht». ,u richte». Verichiigung. In den Mitteilungen für den Bezirk Berlin Nr. 10 Seite 40 unter„Theaterveranstaltungen in der Volksbuhne muß es heißen: Sonntag, den 24. Oktober 1926, nachnnttags 3 Uhr, Lnfistrata". Für die Sonntage: 28. November 1926, 30. Januar 1927, 20. Februar 1927 und 17. April 1927 sind die auszuführenden Stücke nod) nicht bekannt. 7. lteei» Eb-rlottenburg und Epandau- Iueissisch« Sprechstunde findet anr Sonnabend, 9. Oktober, nachrnittags non«—« upr, INI Iugenddenn Pp. sinenstr. 4 statt. B 13 Rrei» Zernpelhof, Marieadorf, Morlenselde, Lichtenrade. Heute, Ü Sonnabend. 9. Oktober. 7-.i Uhr. Kunstabend, heitere Mu,� und �nz 0 im Festsaal des Gymnasiums Martendorf. Kaiserstr. 21. Mttotilcnbc. Gertrud Wolf, Gesang: Professor Ze.ler. erster Konzertmeister der Staats. «per, Geige: Dr. Ernst Zoll. Klavier: ffriedek Beyer>Rulh Bolz, Tanz. Eintritt 1 Mk.. im Dorverlauf 80 Pf. 19«reis Pankow. Montag, 11. Ofwber. IM Uhr. im Türkischen Zelt. Po». low. Breite Str. 14, Kreis-Delegiertenoeisommlung. heule. Sonnabend. S. Oklober: 33. Abt. Die Genossinnen und Genossen sowie„Porwärtf-Leser werden zu dem heute abend in der„Allen Traverne", Alt-Stralau, stattfindenden Serbstveignügen hiermit herzlichst eingeladen. Regen Besuch erwartet das Pergnllgungskomitee. Morgen, Sonnlag. 10. Oktober: 38 Abt Sharlottenburg. Zur Bestchtigun-, der Berichtsanlagen der Konsum- aenosse, tschaft in Lichtenberg treffen sich die Genossinnen und Genossen vormittags 9'i Uhr an der Haltestelle der Straßenbahn am KDW. »1«it. Neukölln. Besichtigung der Konlumgenossenschatt. Treftpuntt vor. mittags 9 Uhr vor dem Lokal von Cöster, Karlsgartenstr. 4. Rege Betel. gung erwünscht. � 7 Abt Achtung! Montag. 11. Oktober, 8 Uhr. bei BLrwalde, Schlegelstratze. ' Alle Funktionäre müsse» wegen der wichtigen Tagesordnung unbedingt erscheinen. Sterbetafel üer Groß-öerllner Partel-Grganifation 13t. Abt. Rieberschönhausen. Am Donnerstag. 7. ONvber, abend» 7% Uhr. verstarb unser langjähriger Genosse Korl Matschke im 57. Lebensjahre. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Einäscherung am Dien». tag, 12. Oktober, nachmittags 5 Uhr, im Krematorium Gerichtstratzr. Wir erwarten zahlreiche Beteiligung. HOKBNTH&U RAUCHE NUR BATSCHARI 1 *Wcxu wjortnuduAnßt&tßingen 1 A-ßatfchari Ggarztten phd als hochwzr' Üg in Quolitär und Arbeit Loeitbehannt SLEIPNER seit jeher die hegehrkffl? Ggareite TUFUMA 6Pf MERCEDES 8Pf SENATOR toPF DIE BATSCHARI KRONE 15 PF A BATSCHARI CIGADETTE N FABDI K-A'G. Ic 1 A Hc. 476 4. 45. Jahrgang 2. Seilage öes vorwärts Sonnabenü, 9. Oktober 2S Die neue Jirma Stinnes. 25 Millionen Dollaranleihe.— Holdinggesellschaften in New Dort. Es sind knappe eineinviertel Jahre her, daß unter den schwersten Folgen für die deutsche Gesamtwirtschaft und als Sensation für die ganze Welt die Riesenschöpfung des alten chugo Stinnes zu- sammenkrachte. Unter den scharfen Griffen der ebenso b e- stürzten wie bedrohten deutschen Großbanken wurden in wenigen Monaten die wertvollsten Teile der Stinnesschen Aktiven in vollem Sinn des Wortes verschleudert. Die Gläubiger machten sich, getrieben von ihrer durch die Wucht der ausbrechen- den Wirtschaftskrise verschärften Panikstimmung, als Liquida- toren des Stinnes-Konzern« bezahlt wie sie tonnten. Der junge Hugo Stinnes, zusammen mit seiner Familie, beugte sich offiziell dem Bankendiktat. Edmund, der ältere Bruder, ließ es durch seine Rebellion gegen Banken und Familie zu einem Kampf kommen, zu dem Duell mit dem Herrscher der Darmstädter Bank Jakob Gold- schmidt mit dem berühmten A t t i« n g e s ch e n t an die„Aga"beleg- schast und zu den Prozessen mit seiner Familie, von der er schließlich in einer mehrmonatigen Amerikareis« Erholung suchte. Inzwischen schaffte dieBörsenhaussedenBankenLust, und mit dem Frühjahr versandete die Stinnes-Sensation in der immer wieder angekündigten Gründung der Stinnesschen Ruhrtohle A.-T., in der die Zechen- und Kohlenhandelsinteressen des Hauses Stinnes als Rudiment des ernst so mächtigen Stinnes-Konzerns mit einem Kapital von 25 Millionen zum Unterhalt der Familie Stinnes konsoli- diert werden sollten. Der Widerstand gegen die weitere Liquidation. So konnte man annehmen, daß eines Tages der einst mehrere Milliarden starke Stinnes-Konzern als Zechen- und Kohlenhandels- firma sich bescheiden in das deutsche Wirtschaftsleben wieder offiziell einschalten werde und daß die im Frühjahr noch mit etwa 74 Mil- lionen hängenden Stillhalte- und Garantiekonsortien sich aus dem übrigen Vermögen des Konzerns allmählich bezahlt machen würd«n. Daraus deuteten der Verkauf der K o h o l y t a k ti e n an die eng- lische Jnveresk Payer Co., der 10 Millionen brachte, ebenso der Verkauf der Stinnes-Linien an Austral-Kosmos hin, der netto sechs Millionen brachte. Aber schon im März verlautete, daß die Familie Stinnes der weiteren Liquidation der Konzernmasse zugunsten der Banken und auch der Gründung der Kohlengesellschaft Wider- stand entgegensetze und unter Führung von dem jungen Hugo Stinnes selbständig an der Reorganisation der Firma und ihrer selbständigen Weiterführung arbeite. Seitdem verlautete außer Mel- düngen über England- und Amerikabesuche des jungen Stinnes von dem weiteren Schicksal der Stinnes-Erbmasse fast nichts, bis endlich Ende September die Meldung kam, daß das Haus Stinnes vor dem Abschluß einer 2S-Millionen-Dollaranleihe mit New Porter Banken stehe. Die kaum ernst genommene Ankündigung ist Wahrheit ge- worden. Die Familie Stinnes hat die deutsche Oeffentlichteit vor den überraschenden Erfolg gestellt, daß erste amerikanische Banken ihr die große Summe von 100 Millionen Mark zur Ver- fügung stellen, um durch Abtragung d«r Vankenschuld der Firma Stinnes die Unabhängigkeit von den Gläubigern zu erkaufen und die Firma Stinnes wieder auf eigene Füße zu stellen. Der Umfang der neuen Firma. Noch sind nähere Einzelheiten über den Umfang und die zu- künftige Gestalt der Firma nicht bekannt. Aber d«r Umfang läßt sich einigermaßen abschätzen. Seit den letzten großen Verkäufen durch das Stillhaltekonsortium(Riebeckmontanpaket und Gasolin A.-G. an Chemietrust, Koholytakien nach England und Stinnes-Linien an Austral-Kosmos) sind folgende Transaktionen und Vorgänge zu verzeichnen, die allerdings mehr Reorganisationsakte als Substanz- Verkäufe sind: Verkauf der H. Stinnes A.-G. für S ü d o st h a n d e l und Jndustrie-Wien(Kohlen-, Oel-, Roheisen- und landwirtschaflliche Maschineninteresten), Verkauf der Beteiligung an der H o ch t i e f A.-G. Essen(Käufer auch Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk), Abweisung der Ansprüche von Edmund Stinnes hinsichtlich der Aga durch Gerichtsurteil(Agaforderung über eine halbe Million und Dividendengarantie für die Aga), Abwicklung der Hugo Stinnes A.-G. für Seeschiffahrt, Hamburg, durch die Firma Arn. Otto Mayer, Hamburg, Rückverlegung der Stinnes A.-G. für O st h a n d e l und Industrie nach Mülheim a. d. Ruhr, Liquidation der Stinnes Eisen A.-G. Die beiden letzten Gesellschaften werden liquidiert. Aus der Stinnes Eisen A.-G. bleiben aber folgende wertvolle Werke und Firmen dem Hause Stinnes erhalten: das gut rentierend« Eisen- werke Reisholz, die Eisenhandels A.-G. Weil-Reinhardt- Mannheim, die E i s e n l a g e r G. m. b. H. Essen und die Rhein- Lenne G. m. b. H. Anrath. Diese stellen die Eiseninteressen des Hauses Stinnes dar. Dazu kommen die Glaswerke Ruhr A.-G., die unseres Wissens noch immer nicht vertauft ist, der Erlös au» der Liquidation der Hamburger A.- G. für Seeschiff- fahrt und die Hotelinteressen in Berlin und Hamburg. Diese Werte stellen den einen Teil des Vermögens der Firma Stinnes dar, der nach dem veröffentlichten Kommunique in der einen der beiden zu grundenden Holdinggesellschaften zusammengefaßt werden soll. Dieser Teil soll allmählich abgestoßen werden. Der Hauptteil des Vermögens wird in eine zweite Holdinggesellschaft eingebracht: er umfaßt den Kuxenbesitz der Stinnes-Zechen, die Beteiligungen am Mülheimer Bergwerks- verein und das Stinnessche Kohlenhandelsgeschäst mit den Erz- und Kohlendampfern und d«r Flußschisfahrtsflotte mit Hilfsfahrzeugen. Ueber die finanziellen Grundlagen der Firma ist nur«ine Schätzung vom März dieses Jahres bekannt: Damals standen der Restforderung des Stillhaltekonsortiums von 14 Millionen und der Forderung des Garantiekonsortiums von 60 Millionen Außenstände und sonst unbelastete Aktiven gegenüber von 99 bis 100 Millionen Mark. Inzwischen scheinen aus- gelaufene Zinsen die Bankforderungen auf 85 Millionen erhöht zu haben. Der Wert der Aktiven scheint von den a m e r i k a n, s ch e n Anleihebanken bedeutend höher eingeschätzt zu werden, worauf die Höhe der Anleihe ohne weiteres schließen läßt. Die Firma amerikanisch.— Nur die Derwalkung in Mülheim. Ueber die zukünftig« Gestaltung der Firma Stinnes steht eines fest: obwohl die Betriebe in Deutschland liegen, wird die F i r m a Stinnes amerikanisch sein. Wie man aus dem Kommu- niqu« entnehmen kann, werden die beiden Holdinggesellschaften, für die auch die Anleihe aufgenommen wird, in New Pork gegrün- d e t: sie werden auch ihren S i tz in New Pork haben. Das mag deshalb geschehen sein, weil das Anleihekonsortium es für unratsam hielt, dem amerikanischen Publikum eine„Stinnes".Anl«ihe zuzu- muten. Nur die Verwaltung selbst wird in Mülheim sein, wie auch der überwiegende Mehrheitsbesitz der neuen Gesellschaften sich bei der Familie Stinne» befinden wird. Für die Familie Stinnes ist das neue Arrangement zweifellos e i n E r f o l g. Ein Erfolg, der mehr als die materielle Bedeutung hat, daß die deutschen Großbanken ihre 85 Millionen glatt auf den Tisch gelegt bekommen und der neuen Firma noch ein beträchtlicher Teil der Anleihe als Betriebs- kapital verbleibt. Das Haus Stinnes verläßt die Herrschaft der Vankenliquidation gewiß mit gewaltigen Verlusten. Aber es ist für die deutschen Großbanken alles weniger als ein Lob, daß amen- kanische Finanziers die ihrer besten Stücke beraubte Erbmasse für einen lOO-Millionen-Kredit gut hielt, und daß das Haus Stinnes sür sein« Wiederaufrichtung auf die Hilfe der deutschen Bänkwelt ver- z i ch t e n tonnt«. Für alle, die mit dem Namen des Hauses Stinnes die Erinne- rung an den ungeheuren Aufstieg und die gewaltige Macht des alten Hugo Stinnes oerbinden, entbehrt die neueste Entwicklung nicht eines eigenartigen Beigeschmacks. Heute gehen die letzten Der- mögensreste diese» aus der Not des Volkes erramschten Vermögen» nach Amerika. Dort werden st«.saniert", wieder rentabel gemacht. Noch vor drei Jahren sind die Erbauer de» Hauses, das jetzt zum Schutthaufen herabsank und seine Steine neuen Baumeistern über- lassen mutzte, mit dem Anspruch aufgetreten, das kostbarste National- gut, die R e i ch« e i s e n b a h n e n, in die Hände der unfehlbaren „Privatwirtschaft" zu überführen, deren Repräsentanten sie selbst waren. Ein gelindes Grauen überläuft jeden, der sich darüber Gedanken macht, w o heute vielleicht die Reichsbahn wäre, wenn sie in den Besitz der Jndustrieherzöge von damals und Bankerotteure von heute gelangt wäre! öauernsthulung unö flgrarproüuktion. Wie der Landwirtschaft wirklich geholfen werden kann. In der letzten Sitzung des Unterausschusses für Landwirtschaft des Enqueteausschusses hielt am Freitag Genosse Dr. Laad« ein Referat über die Ausbildung des Landwirt». Während man vor dem Kriege diese Frag« nur wenig beachtete, steht sie heute im Mittelpunkt des Interesses, denn in keinem Wirtjchastszweig ist es so wenig gelungen, die Errungenschaften der Wissenschaft und Technik in die große Praxis umzusetzen wie in der Land- Wirtschaft, und vor allem sind es die kleinen Landwirte und Dauern, die infolge der großen Vernachlässigung ihrer Ausbildung durch den Staat vielfach noch heute rückständig und unrationell wirtschaften. Nur einige Zahlen hierzu: 1907 waren in der deutschen Landwirtschast nur 290 000 Sä- und Drillmaschinen in Gebrauch, hiervon 270 000 in den etwa 2 Millionen Betrieben von 2—100 Hektar. Es entfiel also nur auf jeden achten bäuerlichen Betrieb eine Sämaschine! 1913 betrug der Verbrauch von Stickstoffdüngern, die be- kanntlich am stärksten zur Ertragssteigerung beitragen, 200 000 Tonnen Reinstickstoff, das find 6,5 Kilogramm pro Hektar, während rationell bewirtschaftete Betriebe etwa 50 bis 40 Kilogramm auf- wenden. Nach diesen Zahlen ergibt sich also, daß in dem letzten Vor- kriegsjahr mindestens L0 Pro;, des Kulturlandes gar nicht oder in ganz ungenügendem Maße mit Stickstoff gedüngt wurde. Natürlich ist es sehr schwierig, die große Masse der schwer arbeitenden Bauern zu geistiger Tätigkeit zu bringen, aber ohne Frage würde diese Mühe reich belohnt durch höhere Erträge und höheres Einkommen bei vermindertem Kraftaufwand. Jedoch nicht nur privatwirtschaftlich, auch volkswirtschaftlich ist die Hebung des Bauernstandes von größter Bedeutung. In wenigen Zahren kann durch Verbesserung der bäuerlichen Produk- kionsmethoden die Kaufkraft der Landwirtschaft kolossal gesteigert werden, wodurch der Industrie ein Absatzgebiet erschlossen würde, das in die Milliarden geht. Die Erzeugung der deutschen Land- Wirtschaft könnte leicht durch bessere Schulung der Bauern so ge- hoben werden, daß mindestens der Inlandsbedarf gedeckt würde. Was tut nun der Staat und das Reich für diese hochwichtige Frag«? Wohl ist in den letzten Jahren manches geschehen, um das landwirtschaftliche Schulwesen zu verbessern und auszudehnen: aber wie stiefmütterlich es immer noch behandelt wird, zeigen folgende Zahlen aus dem Etat des Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft für 1926: Von den 3 5 Millionen, die d«m Ministerium zur Ver- fügung stehen, gehen 26H Millionen als Unterstützung an die Winzer, 2 Millionen sind für die Fischerei vorgesehen, so daß für allgemeine landwirtschaftliche Zwecke nur 6)4 Millionen übrig bleiben. Von diesen werden 4 Millionen für Unterrichts- und Delehrungszwscke verwendet, davon 3 Millionen für die Förderung der bäuerlichen Ausbildung. Im Preußischen Finanzmini st erium, das bisher 75 Proz. der Gehälter der Landwirtschaftslehrer zahlte, wird äugen- blicklich darüber beraten, ob nicht ein Drittel dieser Summe g e- st r i ch e n werden kann, wodurch nur einige hundertausend Mark gespart würden, was aber bei der heutigen Lage der Landwirtschafts- kammern, die den Rest zu zahlen haben, zu einer Katastrophe des landwirtschaftlichen Bildunzswesens führen würde. Es wird eine der vornehmsten Aufgaben der Enquete sein, zu diesen Fragen Stellung zu nehmen und die dem landwirtschaftlichen Bildung?- wesen gebührende Beachtung und Pflege zu fordern. Nach Dr. Baabe ergriff Prof. Dr. Beckmann das Wort und zeigte die vielen technischen Fragen und Schwierigkeiten der Aus- bildung. Prof. Dr. Lang wies darauf hin, daß vor dem Kriege auch die Ausbildung der größeren Landwirte sehr im argen lag, da sie aus Standesgründsn nur auf militärische Karriere Wert legten. Der Redner begrüßte den Umschwung, der hier in der Nachkriegszeit eingetreten ist und sprach die Hoffnung aus, daß auch die Landwirtschaft davon Nutzen hättet Dke krankenzissern See Ruhrbergarbeiter. In letzter Zeit konnte man wiederholt Bemerkungen aus dem Unternehmerlager hör«n. daß die Zahl der krankfeiernden Ruhrbergarbeit«r infolg« des hohen Krankengeldes, das nach dem Reichsknappfchaftsgesetz an sie zu zahlen sei, ein« u n n a t ü r- liche Höhe erreicht habe. Die Ruhrbergarbeiter wurden also ganz offen der Simulation beschuldigt. Nun stellt sich heraus, daß die Behauptungen jeder Grundlage entbehren. Die bekannt« Berg- und Hüttenmännisch« Unternehmerzeitschrist „Glückauf" erbringt dafür den statistischen Nachweis. Nach einer Berechnung dieser Zeitschrift«ntfielen auf einen im Ruhrbergbau bc- schäftigten Arbeiter, ausgehend von 25 Arbeitstagen im Monat: Ver- Feier. davon Feier- tahrcne) dichlen schichten in- Schicdlen insges. folge Kranlh. 1925 Durchschnitt... 22.46 8.89 1.70 1926 Januar.... 22,54 8.47 1.56 Februar.... 21,86 3.89 1.63 März..... 20,93 4,61 1,69 April..... 21,03 8,83 1,51 Mai...... 23,12 2.05 1,47 Juni..... 28,74 2,64 1,48 Juli...... 28,75 2,80 1,69 Mit dieser Aufstellung wird der Nachweis geführt, daß die Feierschichten infolge Krankheit in den genannten sieben Monaten van 1926 nicht einmal die Durchschnittszahl von 1925 erreicht haben. Nach einer anderen Statistik, die in derselben Nummer des„Glückauf" enthalten ist, entfielen auf 100 Mitglieder der Ruhrknoppschaft verrechnete Krankenscheine: 1913 1925 1926 Mai....... 6,2 5,4 4,6 Juni....... 5,3 3.7 5,7 Juli....... 5,9 4,8 5,4 Auch damit ist der Nachweis erbracht, daß die Behauptung von den simulierenden Ruhrbergarbeitern, von den Bergarbeitern, die nur krank feiern, um Krankengeld zu beziehen ohne in Wirklichkeit krank fiARBATY fnas 90 öl J.Gt5C»t. JSeitdmQcm'icdiomnKön� zu fem,}e5er Enmdlage enTehri. Selten konnten Unternehmer- behauptungen trefflicher widerlegt werden wie mit den Zahlen des „Glückauf", also einer Zeitschrift, die in Unternehmerdiensten steht. Welchen Zweck die Unternehmer mit ihren Behauptungen ver- folgen, ist bekannt. Sie möchten das Reichsknappschaftsgesetz, das den Bergarbeitern einige Borteile bietet, niederkämpfen. Für diesen Aroeck ist ihnen jedes Mittel recht', auch die Unwahrheit. Ein solcher Kamps kann zwar nicht erfolgreich sein, aber man muß die Kampfesart niedriger hängen. von öer öeutschen Krastfahezeuginüuftrie. Die Bedeutung des inzreren Marktes. Bon der deutschen Automobilindustrie hatte man in den letzten Monaten, abgesehen von gelegentlichen Mitteilungen über einzelne Firmen und von der Fusion Daimler- Benz, recht wenig gehört. Es war deshalb gut, daß der Reichsverband der Automobilindustrie von sich aus die Oessentlichkeit durch die Presse über die Lage und Probleme des Kraftfahr- zeugbaues zu informieren wünschte. Leider waren die Referate weniger den eigentlichen Problemen der Industrie gewidmet, die wahrhaft ernst genug sind, als vielmehr dem bald abgeschmackten Propagnndnruf: Deutsche, kauft deutsche Kraftfahrzeuge. Für diesen Jnteressentenrus sind schließlich nicht die Wirtschaftsredak- tionen, sondern die Reklamechefs der Autofirmen da. Immerhin ließen d/e Referate an manchen Stellen, besonders aber die zur Diskussion abgegebenen Erklärungen erkennen, daß die deutsche Kraftfahrzeugindustrie für den besseren Absatz ihrer Fabri- kate auch etwas tut, und daß sie aus der Rot der Wirtschaftskrise gelernt hat. ,Bon den so lang« und intensiv diskutierten Kon- zentrations- und Trustplänen war allerdings keine Rede mehr, was für lfcie Industrie nur nützlich sein wird, weil die Aufmerksamkeit um so stärker auf �Rationalisierung im einzelnen Betrieb konzentriert wird. Auch d.ie vom Daimler-Benz-Direktor zitiert« Amerikastimme, daß der deutschen Autoindustrie nur Ber- trustung und ein striktes Einfuhrverbot helfen könnte, blieb erfreu- lichenveise nur ein Zitat. Die Motorradindustri« produzierte 1323 rund 65 000 Krafträder, von denen 50 000 im Werte von etwa 65 Millionen Mark in den Berkehr kamen. Auch das Jahr 1926 ist gut, für den Monat Oktober sogar sehr gut, so daß der Generaldirektor der Reckarsulmer Fahrzeugwerke wieder mit guten Gewinnen rechnet. Der Bedarf sei zweifellos noch lange befriedigt, doch fehle die Kaufkraft. Klar wurde der Preis als der Kern des Absatzpro- blems bezeichnet. Preise von 650 bis 700 M. und von 300 bis 350 M. für mittlere und schwerere Gebrauchstypen müßten als Bedingung für die weitere- stärkere Ausdehnung des Motorrad- gebrauchs im Inland erreicht werden. Ein Serienmodell am Band zu bauen, seien Absatz und auch die stark wechselnde Mode noch nicht reif. Dazu sei es notwendig, e i n Modell auf mehrere Jahre absetzen zu können. Für das Auto als Volksfahrzeug fehlt »in Deutschland nach Direktor Schippert die kaufende Schicht: der '.Arbeiter, der kleine Geschäftsmann, der Bauer oder Farmer, die in Amerika vor Händen sei. Dennoch bleibe der innere Markt die Voraussetzung für einen starken und erfolgreichen Export. Das Optimum zwischen Leistungsfähigkeit und Ab- fatzmöglichkeit fei nur durch den billigst möglichen Preis zu erreichen. Die Preise der deutschen Produkt« seien dgnen des Auslandes durchaus angepaßt und wo sich Unterschiede er- gäben, erklärten sich diese ausschließlich aus der Qualität oder der Mehrausstattung. Interessant ist die Mitteilung über die Per- ringerung der in Deutschland produzierten Typen. So produ- zierten � 1923 77 Hersteller noch 118 Typen 1924..... 62.'. 94.. 1923..... 62.. 74, 1926 dagegen.. 30, nur mehr 43, Für die Lastkraftwagenindustri'e, den bestbeschäf- tigten und auch konkurrenzstärksten Teil des deutschen Kraftsahrzeug. baues, wurde mit Nachdruck stärkste Konzentration gefordert. Große Beunruhigung haben in der Autoindustrie die Errich- tung der Montagewerkstätten von Ford, General Motors undChrysler hervorgerufen, weil diese die Einzelteile bedeutend unter den Zollsätzen hereinbringen können, die auf kompletten Automobilen liegen. Im übrigen seien, um die Konkurrenz zu be- stehen, weitere Preiskonzessionen nicht mehr erforderlich, die Fa- briken arbeiteten heute durchschnittlich mit Gewinn. Di« Absatzfinynzierungsinstitute allerdings brächten heute noch bedeutend größere Ausfälle bei den Kunden, als dies zum Beispiel in Amerika der Fall sei. >.■■ - u LI::ii Ü Deutsche Mrlschaflsfuhrer In London. Unter Führung von Eeheimrat Duisberg sind Freitag zehn deutsche Wirtschaftssührer zu den am Sonnabend in Romsey beginnenden Besprechun- gen mit englischen Wirtschastsführern in London eingetroffen. Das Mitglied der deutschen Delegation K a st l erklärte einem Zeitungsvertreter, daß die deutsche Delegation sich freue, der Einladung der englischen Industriellen gefolgt zu sein: Für die Zusammenkunst sei keine Tagesordnung festgesetzt, da sie nur den Zweck habe, einen freundschaftlichen Meinungsaustausch über die allgemeinen Fragen der industriellen Beziehungen� der beiden Länder, herbeizuführen, um eventuell später abzuhaltende genau« und speziell« Verhandlungen zu ermöglichen. In seiner Unter- redung mit einem Zeitungsberichterstatter erklärte das Mitglied der deutschen Wirtschaftsdelegation Geheimrat Kastl weiter: die Konferenz sei eine private Veranstaltung und besitze keine VerHandlungsvollmacht: auf beiden Seiten bestehe jedoch der aufrichtige Wunsch, eine Grund- läge gegenseitigen guten Willens herzustellen, auf der freundliche Be- Ziehungen, sowohl in industrieller wie in politischer Hinsicht ent- wickelt merden könnten.. Eine bulgarisch-deutsche Maschinenfabrik. In Varna ist eine bulgarischdeutsche Schiffsbau-, Lokomotiv- und Waggonbaugesell- schast mit einem Kapital von 75 Millionen Lewa errichtet worden. Als Gründer werden genannt die Bulgarische Seehandels- gesellschaft, die Ringhoffer-Fabriken, Prag, eine Schiffswerst in Regensburg und eine Hannoversche Maschinenfabrik. Kenntnis öes Wirtschaftslebens. Die wichtigste Grundlage gewerkschaftlicher Bildnngsarbcit. Wer als Gewerkschaftsfunktionär, als Gewerkschaftsmitglied um die Hebung feiner und feiner Kollegen Lebenshaltung bemüht ist, erkennt sehr bald, daß mächtige Wirtschaftsgruppen, in großen Organi- fationen vereinigt, dem Wirtschaftsleben eines Landes feinen Charakter geben. Im Interesse des'Kapitals, nicht aber dem der Arbeit. Wir leben im Zeitalter der sich organisierenden Weltwirt- schast. Ohne ihr« Zusammenhäng« zu kennen, bleibt auch das uns heute so stark beschäftigende Problem der„Rationalisierung" un- lösbar. Die Arbeiter und Angestellten stehen vor der Frage, ob sie ewig Opfer der Wirtschaft bleiben oder ihre Gestalter werden wollen. Für jeden fortschrittlichen Arbeitnehmer heißt daher das Gebot der Stunde: Wirtschaftliches Denken! Wirtschaftskenntnis! In den Kursen und Arbeitsgemeinschaften der Berliner Gewerk- schaftsschul« finden die Mitglieder der freien Arbeiter- und An- gestellten-Gewerkschaften die Möglichkeit wirtschaftlicher Bildungsarbeit. Volkswirtschaftliche Theorie und wirtschaftliche Praxis, die Wirtschaftspolitik des Staates und die genossenschaftliche Bedarfswirtschaft: ihre Grundlagen und Zusammenhänge kann sich jedes Gewerkschaftsmitglied erarbeiten. Und von gleicher Bedeutung für den Arbeitnehmer ist die m o d e r n e B e t r i e b s l e h r e, ist die handelsrechtliche Form der Unternehmungen und— nicht zuletzt— das Streben der Unter- nehmer, sich die Ergebnisie der Psychologie bei der kapitalistischen Auswertung der Arbeitskraft zu eigen zu machen. Unterrichtsverzeichnisse und Teilnehmerkarten zu den Veran- staltungen der Gervertschastsschul« sind im Schulbureau(Engel- ufer 24/25) und in den Ortsverwoltungen der Gewerkschaften er- höltlich. Vollerwerbstätige Gewerkschaftsmitglieder zahlen für einen Kursus(bis zu 10 Unterrichtsabenden) 1,50 M., Kurzarbeiter und Jugendlich« 75 Pf. Für Erwerbslose ist die Teilnahme unentgeltlich. Fast all« Kurse beginnen in der Woche vom 10. Oktober. In den Lehr-Beratungs-Sprechstunden ist individuelle Auskunft- und Rat- erteilung ermöglicht. Gewerkschaftsmitglieder, besucht die Kurs« und Arbeitsgemeinschaften der Berliner Gewerkschafisschulei der Anhalter Güterbahnhof verstopft. Eine Berichtigung der Reichsbahndirektion. Zu dem Artikel in Rr. 468 der Morgenausgabe des„Vorwärts" vom 5. Oktober schickt uns die Reichsbahndirektion Berlin, gezeichnet Dr. Stapf, ein« längere Berichtigung, aus der wir die tatsächlichen Angaben wiedergeben: Der Anhalter Güterbahnhof ist nicht verstopft. Der Ver- kehr zeigt dort wie alljährlich die erwartete und erfreuliche liche Zunahme, die aber bisher keineswegs das normale Maß überschritten hat. Sie ist vielmehr sogar geringer als im Vorjahr. Während im August 1925 im Ortsempfang 13 940 t behandelt wurden, gingen im August 1926 nur 12 015 t Ortsgut ein. Auch der Gütereingang im September d. I. betrug rund 500 t weniger als im Vorjahre! Im übrigen ist durch den Einsatz besonderer Kolonnen dafür gesorgt, daß nach zeitweilig besonders starker Güterausgabe der Boden gründlich aufgeräumt wird, so daß die erforderliche geordnete und übersichtliche Lagerung der Güter stets gewahrt bleibt.— Das Einmanngedinge besteht bei keiner Güterabfertigung. Es werden auf dem Anhalter Bahnhof nur Verdienstaemeinschaften von einem Vorarbeiter und zwei Mann verwendet. Diese Anordnung stützt sich auf die zur Durchführung des Gedingeverfahrens auf Güterbäden und Umladestellen getroffene Vereinbarung zwischen der Deutschen Reichsbahngesellschast und den drei großen Arbeitnehmervereini- gungen der Deutfchen Eisenbahner. Das Verhältnis der Erkrankungen der Gedingearbeiter ist das gleiche wie bei den Zeitlohnarbeitern. Unzulässige Anforderungen, die über den Rahmen deS Lohntarifvertrages und der Arbeits- ordung hinausgehen, werden nicht gestellt. Die Notwendigkeit der Wiedereröffnung des Potsdamer Güterbahnhofs liegt zurzeit noch nicht vor. Die Verkehrsentwicklung wird ständig beobachtet. Die Vor- bereitungen sind unter Nutzbarmachung der Erfahrungen der Vor- jähre so getroffen, daß die Inbetriebnahme der Hilfsspeicher jederzeit erfolgen kann, wenn der Verkehrsumfang sie erfordert. Soweit die Zuschrift der Reichsbahndirektion, die mit keinem Wort die erschreckend hohen Krankheitszifsern bestreitet, sondern mit allgemeinen Redensarten alles bestreitet. Wieweit die vorstehenden Angaben mit den Tatsachen überein- stimmen, können wir im Augenblick nicht nachprüfen, behalten uns aber vor, darauf zurückzukommen. Die Seuche der Geheimbureaukratie. Von Angestellten wird uns geschrieben: Während bisher das Kaufhaus N. Israel in dem Ruf stand, gegenüber den Angestellten die Unternehmerinteressen in ver- höltnismäßig gemäßigter Weise zu vertreten, scheint man letzt anders vorgehen zu wollen. Die Firma beabsichtiqt, die Angestellten zur Ausfüllung von Fragebogen zu veranlassen, die zur Ausstellung einer neuen, und zwar geheimen Personalkartothek dienen sollen. Diese wird ihren besonderen Charakter noch dadurch erhalten, daß die Angestellten veranlaßt werden sollen, ihre Licht- b i l d e r einzureichen. Es ist selbstverständlich, daß die Angestellten nicht daran denken werden, der Firma ihre Lichtbilder zu übergeben oder die neuen Fragebogen mit allzuviel Liebe auszufüllen. Niemand weiß nämlich, wozu diese Unterlagen der Firma dienen werden. Diese hat auch ausdrücklich erklärt, den Angestelltenrat keinen Einblick in die Kartothek zu gestatten. Dieses Verhalten der Firma N. Israel gibt allerhand zu denken und gibt recht peinlichen Vermutungen Raum. Wir meinen, daß ein« Finna N. Israel ihren Ehrgeiz nicht darin setzen sollte, es den großinduftriellen Scharfmachern gleichzutun und die Angestellten zu provozieren. Die organisierten Angestellten wenigstens werden sich dagegen zu wehren wissen. Auch das kaufende Publikum dürfte für solche Scherze sehr we nigVerständnis aufbringen._ Aushungerungsbrutalität in Thüringen. Trotzdem seit Jahr und Tag unablässig über die Notwendigkeit einer durchgreifenden Bekämpfung der Arbeitslosigkeit geredet und geschrieben wird, sehen gewisse Landesregierungen in Deutschland brutalen Arbeiterentlassungen noch immer mit einer Gleichgültigkeit zu, als handele es sich, dabei um die nebensächlich st« Sache der Welt. Anfang September wur- den in den Eisen a cher Dixi-Werken imd In der G oihaek Waggonfabrik nahezu 1699 Arbeiker plötzlich entlassen und 2 0 0 Angestellten wurde zum 1. Oktober gekündigt. Das geschah unter bewußter Verletzung der reichsgesetzlichen Bestimmungen, die bei Betriebsstillegungen einzuhalten find. Die hinter den Werken stehenden Banken, die kein anderes Interesse haben, als ihr angelegtes Kapital zu sichern, ließen Arbeiter und Angestellte, die ein Menschenalter in den Betrieben gearbeitet haben, rücksichtslos auf die Straß« werfen. Der zuständige M i n i ft e r aber hielt es für zweckmäßig und richtig, diese Entlassungen nachträglich zu genehmigen, trotzdem nur bei un- vorhersehbaren Ereignissen durch höhere Gewalt eine nachträgliche Genehmigung möglich ist. Wie gut das Zusammenarbeiten der Dixi- Werke mit dem Minister funktioniert, beweist die Anmeldung von weiteren 500 Entlassungen. »SSHIKZZZ Unserm lieben Genossen LUzsksrFUNÜLvsu die herzlichste« Glückioüosche zur Tilberhochzeit. Der erweilerie Krcisvorjiand bjjv de» 1. Kreiie» Berlin-Mitte. ,v �ss-sssss«■ L 6€®€€€e-fc ZMlWKMjMMW Monkag, den II.Otkober.nnchmittags 5 Ahr. in» Lokal von Wogner„3ail> Sottbuffer Srug-, Sollbusfer Str. IS Versammlung Zeugschmiede aus Znnungsbelrieben. Da sehr wichtige Fragen zu erledigen sind, ist das Erscheinen aller dringend notwendig. Die Altgesellen sind besonders eingeladen. vi« Orksverevalkvaa. aller den Xueb langem schweren Leiden verschied am 7. Oktober, abends'ltS Uhr, mein lieber Mann, mein treuer Kamerad in 29jähriger Lebensgemeinschaft, der selbsloseste und beste Vater meines im Kriege gefallenen einzigen Sohnes, unser lieber Onkel, Bruder und Freund Carl giatschke im 57. Lebensjahr. In tiefem Schmerz Anna Matsdikc. Berlin- Niederschönhansen, Zietenstr. 6. Die Einäscherung erfolgt am Dienstag, 12. Ohtober, nachmittags 5 Uhr, im Krematorium Gerichtstraße. Während der Arbeit sind Wrigley P. K.- Kau-Bonbons von hervorragender Wirkung. Sie beruhigen die Nerven, beseitigen das DurstgefüKl und geben stundenlang einen erfrischenden W ohlgeschmack. Ein vorzüglicher Ersatz in Räumen, in denen das Rauchen nicht zulässig. Als ein erprobtes Mittel zur gründlichen Reinigung und zur Erhaltung der Zähne werden Wrigley P. K.-Kau-Bonbons von Aerzten und Zahnärzten vielfach empfohlen. Das kleine Päckchen, das nur 10 Pf. kostet, lässt sich bequem in derW est entasche tragen c f.$ Päckchen=4Stück==10Pf. Ueberall erhältlich! WRIGLEY WRIGLEY AKTIEN-GE5ELL5CHAFI. FRANKFURT A.W Bio SbeHiebte EM VER BEV VAlilU<34 o/yV. dick m. Fiscsd wieder UheraBS zu habest F SonnabenS H. Oktober 792H Unterhaltung unö ÄVissen Settage ües vorwärts Die Ireunöe. Von Jaroslav hulka.*) Sie slihen in der Au-kocherei in der Peroutkagasse, jeder bei einem anderen Tische, weil sie nicht zur gleichen Zeit hereingekommen waren. Das Essen war hier bekannt gut und billig, so dag die Räum- lichkeit zur Mittagszeit vollbesetzt war. Als sie die Suppe atzen, wueen sie beide von dieser angenehmen Arbeit so eingero">men, datz sie keine Zeit hatten, sich umzuschauen. Die Suppe war eine Celchsleischbrühe. Das Mittagessen, dessen zwei'cr Gang aus diesem Fleische bestand, war natürlich teurer als ein gewöhnliches Mittag- mahl aus Knödel und Kraut. Diejenigen, welche sich so eine Deli- katesse aber nicht leisten konnten, trösteten sich mit dem Gedanken, datz der beste Teil des Fleisches in ihrer Suppe ausgekocht sei, und atzen aufmerksam mit dein Munde und der Nase. Mit dem Munde den Wohlgeschmack und mit der Nase den Dust, damit nichts verloren gehe. Die anderen, welche sich Selchfleisch bestellen konnten, atzen die Suppe gleichgültig und nur deshalb, weil es eine Gepflogenheit ist, die Suppe vor dem Hauptgerichte zu essen. Jene zwei, die bei den verschiedenen Tischen saßen, aßen fast gleichzeitig. Sie warteten, bis man ihnen die Knödel mit dem Kraute brachte, und begegneten einander mit den Augen. Sie sahen einander an, und ihre Erinnerung wurde wach. Dann glitt beiden ein Lächeln über ihr Gesicht und sie öffneten den Mund, als ob sie eine Frage herausrufen wollten. Aber die Frage wurde nicht gestellt, weil dieses gleichzeitige Anlächeln und Oeffnen des Mundes genügt hatte, um sie zu überzeugen, datz kein Irrtum vorliege. Und hätte ihnen nicht die Wirtin gerade die Teller mit den Knödeln und dem Kraute hingestellt, so wären sie aufgestanden, um einander die Hand zu schütteln. Sie waren alte Bekannte, sie hatten nämlich vor sieben Jahren miteinander bei Ura gearbeitet. Einer von ihnen hieß Franz Kozum, der zweite Wenzel Marek. Sie trafen sich hier zufälligerweise nach sieben Iahren, und während des Essens wechselten sie miteinander ein lebhaftes Ge> spräch, das einer Brücke über den breiten Zcitabgrund ähnelte. Wenzel Marek hatte sich während der sieben Jahre nicht viel verändert, er war wohl ein wenig gealtert, aber sonst war keine Veränderung, absolut keine zu bemerken. Er arbeitete noch immer bei Uxa, nur die Wohnung hatte er gewechselt. Aber bloß einmal. Er hat schon so einen stabilen Charakter. Dann erzählte Marek, wie er ausgezogen war, um das Glück zu erjagen. Aber das Glück führt einen an der Nase im Kreise her- um, und schließlich kommt man wieder dorthin, von wo man aus- gegangen ist. Eine Zeitlang hatte er bei Sigmund in L. gearbeitet. Als der Krieg ausbrach und ihm das Einrücken drohte, riet ihm jemand die Skoda-Werke in Pilsen an. Er fuhr hin, aber dort war Arbeit für einen Mörder, Arrest wurde einem zudiktiert, wie der Pfarrer einen Segen erteilt, und deshalb blieb er nicht länger dort, als er mußte. Zuletzt war er bei Breitfeld u. Blansko, und von dort war's nicht mehr weit nach Brünn, wo er sich am wohlstcn fühlte. Er hatte etwas bei Bartelmus in Aussicht. Dann verstummte das Gespräch, da sie nichts mehr zu fragen hatten. Ihr Leben wär wohl reich an Arbeit, aber arm an Begeben- heiten. Und wer wird denn am Sonntag von der Arbeit reden! Ja, es war Sonntag, und das paßte ihnen gerade. Sie be- schlössen, den Nachmittag fröhlich miteinander in Pisarky") zu verbringen. Der Mensch muß sich doch ein wenig unterhalten. Der liebe Herrgott hat doch auch am siebenten Tage nach Erschaffung der Welt ausgeruht, und sicherlich wäre er auch nach Pisarky gc- gangen, wenn er in Brünn gelebt hätte. In Pisarky gingen sie an den Karussells und Schaukeln vorüber. Als sie dann merkten, wie lustig es in dem Gedränge zuging, hatten sie das Verlangen, auch ein wenig Amllseinent für sich zu ergattern. Sie trafen aber eine schlechte Wahl. Sie setzten eine Krone auf die Gelbe beim Kegclspiel und verloren. Sie waren nicht so reich, um diesen Verlust wortlos zu verwinden. Kozum bedauerte:„Wenn wenigstens du gewonnen hättest, würdest du ein Bier gezahlt haben!" Und Marek erwiderte:„Selbst- verständlich! Wir hätten es uns gleich denken können, datz es»ein Schwindel ist!" Dann waren sie noch bloße Zuschauer. Es verlockte sie weder der amerikanische Photograph, noch der Mann mit dem elektrischen Apparate. Alles war bloß ein Schwindel, sine ge- wöhnliche Attacke auf ihren Säckel. Das Leben wogte dahin, und sie ließen sich ziellos von seinem Wirbel ergreifen. Sie fühlten sich einander unendlich nahe in dieser unbekannten Menge, die einander erdrückte und zerriß, deren Ausrufe durch die Luft tönten und sich mit der Musik der Flaschinetto und der Militär- kapelle, die im Restaurant spielte, vermischten. Sie fühlten sich ein- ander unendlich nahe, weil ihre Hände sich seit Jahren bei der gleichen Arbeit in den dunklen Räumen der Gießereien verbanden, und so kam es, daß ihre Gedanken miteinander so scharf harmonier- ten wie die Räder der Maschinen, an denen sie arbeiteten. Die Freundschaft, die sieben Jahre lang verborgen schlummerte, drang plötzlich aus ihren Herzen hervor, aus Freude über ihr unoer. hofftes Wiedersehen. Schweigend lächelten sie. Dann gelang es ihnen, eine billige Unterhaltung zu finden. Irgendein halbwüchsiger Bursche, dem ein Holzwagerl die entsetzlich gelähmten Füße ersetzte, spielte unterwegs auf einer Harmonika und sang dazu einen alten Gassenhauer: ... Und sie fuhren durchs Tunnele; Drin war's nicht ein bisierl helle! Er wollt' küssen ihren Mund, Hatte Pech und küßt'— den Hund! Sie lachten und suchten in den Taschen nach Kleingeld. Bei Kozum war das mit gewissen Schwierigkeiten verbunden, deni� die Krone, die er verspielt hatte, war seine letzte gewesen. Trotzdem fand er in der Westentasche ein vergessenes Zehn- hellerstück, und so blieb ihm seine gute Laune erhallen. Sie lauschten noch einmal dem Liede, dann wandten sie sich zum Gehen. Unfern von ihnen stand ein lächelndes Mädckien. Sie war unbestimmbaren Alters, man konnte aus mehr raten, als sie aussah. Von rückwärts sah sie bedeutend jünger aus als von vorn. Sie trug die Haare gestutzt, ihre Augen schweiften herum, und die Absätze ihrer Schuhe waren einigermaßen krumm getreten. Kozum machte Marek aufmerksam:„Sich mal, das ist leichte War«, was meinst du?" „Nun, hübsch ist sie genug: hättest du Lust?" Es ist eine alte Sache: Wo ein hohenzoller kommk— *) Tschechischer proletarischer Dichter, im Jahre 192i, 26 Jahre alt, gestorben. **l bei Brünn. gibt es immer ein Malheur! Sie überlegten eine Weile, aber schließlich: Unglück im Spiele, Glück in der Liebe! „Kleine!" Sie war willig, aber zwei, das war ein bißchen dumm, und sie mußten warten, bis es dunkel wurde. Marek sagte:„Schade, datz du nicht irgendeine Kameradin mit hast, du weißt ja, unsereiner ist mit einem Mädel am liebsten allein. So hat weder er dich, noch ich. Man amüsiert sich gern, liebt einander gern, und wie würde das aussehen, wenn wir zwei dich gleich- zeitig' lieben wollten? Man ist doch kein Hund, meiner Seel'. wahr- haftig nicht!" Kozum pflichtete ihm bei:„Ich sag's auch, der Mensch will nicht bloß das allein, er will auch ein, Brinkerl Liebe, und selbst wenn's nicht wahr ist. Man will sich doch mit dir in den Wald setzen, wie mit einem Weib plaudern und dich küssen, wie nian ein Liebchen küßt. Unsereiner kann sich's nicht vergönnen, jeden Tag zu lieben." Alle drei dachten nach, bis sie endlich sagte:„Loset. Leiht mir ein Zehnhellerstück, und ich werd's in die Höh' werfen!" Sie waren mit dieser Lösung einverstanden. „Wenn Adler fällt, gehe ich mit dir, wenn Kopf, geht der Kozum, und ich warte noch eine Woche." Sie gingen in den Wald hinein� und das Mädel warf das Geld- stück in die Höhe. Es drehte sich in der Luft, erglänzte und wurde dunkler, wie es aus dem Lichte und dem Schatten der Zweige herabglitt. Sie sahen schweigend diesem kleinen Schicksal im Werte von zehn Hellern zu und waren bereit, es mit einem Lächeln, einem Achsel- zucken,«inem kurzen Ausrufe entgegenzunehmen.- „Hast du ein verflixtes Glück!" Und das Schicksal sank hernieder und fiel zu Boden. Kopf! Marek empfahl sich:„Ich werde mir deshalb nicht das Bein hinter den Kopf stecken, ich wsrd' hier noch ein Weilchen gaffen, und dann geh ich heim. Ich wohn jetzt in der Zaungasse Nummer zehn, parterre links bei Frau Kulik. Komm mal zu mir zu Besuch, ich bin immer von halb sieben ab daheim. Und unterhaltet euch gut!" Er antwortete:„Mit dreißig Iahren kann man sich noch gut unterhalten! Wir werden in den Kaiserwald gehen!" e- Liebchen! Im Kaiserwalde hat der Wenzel Kozum dich zu einem solchen aus einer Dirne gewandelt. Er hat deine Augen milder gemacht, deinen Mund voll Zärtlichkeit gestimmt. Seins Liebe ist in dich wie die Sonne, wie ein Lied gekommen, Du dachtest nicht an die Tage, die vorüberfliegen, nicht einmal an deine abgetragenen Schuhe, die Absätze benötigen. Du bist mit deinen siebenundzwanzig Iahren wieder sechzehn alt geworden. Du wolltest dich dankbar erweisen und deinem Liebsten von deiner Freude erzählen, aber du sagtest nur:„Dies ist mein Ideal!" Seine Liebe hat auch in dir die Liebe wachgerufen. Aber wehe! Um halb zehn am Bahnhofsplatze erinnert dich dein Magen wieder daran, daß dp eine Dirne sein mußt. Zuerst hast du dich von deinem Geliebten ein klein wenig freigemacht, denn du weißt ja, daß es eine Roheit wäre, einen solchen Satz nahe seinem Angesichte und seiner Liebe auszusprechen: „Wieviel gibst du mir?" Dies war das Ende der Liebe, der Anfang des Lebens, die Stadt. Daran hat er überhaupt nicht gedacht, er hatte vergessen, datz er kein Geld bei sich hatte. Den letzten Zehnkronenschein hotte er der Ouartierfrou gegeben, sie wollte nicht warten, er mußte eine Woche im vorhinein bezahlen. Wie? Hat er denn nicht�daran gedacht? Glaubt er vielleicht, daß sie von der Liebe satt werden könne? Ja, es ist wahr, er ver- steht es, zu lieben, alles was wahr ist, und sie war mit ihm glück- licher als mit zehn Dickwömsten irgendwo im„Orient". Aber er muß doch einsehen, sie mutz doch morgen frühstücken und Mittagessen. Sie hatte nicht sofort nach dein Gelde gefragt, damit er nicht meine, daß sie darauf fliege. Aber sie kann doch nicht hungern. Er sah es ein, und es war ihm schwer zumute. Er hatte das Gefühl, als ob er ein Dieb wäre. Da erinnerte er sich seines Freundes Marek, der diese Liebe oerspielt hatte.„Komm mit mir in die Zaungasse, ich werd' es mir von meinem Kameraden ausleihen!" Sie kam um zehn Uhr zu Marek. Kozum weckte zuerst Frau Kulik. Sie war brummig. Dann weckte er Marek. Dieser lachte: „Und das konntest du nicht gleich sagen?" „Die Liebe hat dich blind gemacht, in die eigene Tasche ichautcst du nicht hinein. Du gibst mir's also am Samstag wieder. Sag dem Mädel, sie soll in einer Woche bestimmt bei den Schaukeln warten!" Die Dirne war zufrieden, und da es schon spät war, entschloß sie sich, heimzugehen. Sie wohnte in Husovitz. Kozum niachte sich erbötig, sie zu begleiten. Sie schritten schweigend, Kamerad neben Kamerad, durch die Gasse, wo die Fenster schliefen und das Leben ruhig geworden war. Sie hielt die Banknote in der Hand und dachte bei sich, daß es immer so ende. Das Geld erschlägt das Glück, der Magen das Herz. Und sie hat außer dem Magen noch eine Zugabe: die letzten zerrissenen Schuhe, dreißig Kronen Schulden bei der Quaiticrsrau und die Wintcrjacke im Versatzamte. Und es ist bereits Ende Sep- tember. Und Kozum dachte bei sich, es ist schön, einen Freund zu besitzen, bei dem Freundschaft nicht ollein ein Wort, sondern eme� Tat bedeutet. Und dann kommt sie in die Vorstadt. „Ich wohne hier gleich hinter der Stadt. Du wirst einen langen Weg zurück haben. Und bist sicher abgehetzt und hast Hunger. Warte, ich Hab' daheim noch ein Stück Brot, ich bring' es dir. damit dir der Weg kürzer wird!" Sie bracksts ihm eine große Schnitte. „Sieh mal, ich Hab' dir die harte Rinde woggeschnitten. Ich werd' sie morgen zunr Kaffee essen, und du könntest dir die Zähne herausbrechen!"—— „Gute Nacht!" Und dann küßten sie sich. tBcrcchtiglc Aedcrsijving qu» dem„Nachlasse" von I. Reismonn.) Wie ein Eskimo Nem gor? sieht. „Die Frauen haben hier nackte Hälse, aber ich glaube, ich würde mich daran gewöhnen. Sie müssen sich gut zur Ehe eignen, denn sie sind gehorsam und rauchen Tabak. Sic sind so schön wie ich nur je eine rirrau sah, aber so dünn, so dünn, wie verhungerte Eskimojungen. Warum bekommen sie nicht genug zu essen?" Mit diesen Worten äußerte sich über die New Porkerinnen Abio Broom- jield, ein Hundeführer von Labrador, der von dem 56. Grad nörd- licher Breite mit dem Polarforscher Donald B. Mac Millan nach der amerikanischen Hauptstadt gekommen ist. Was er gesehen, erklärte er, sei„genug, um meinem Stainme eine ganze Polarnacht von sechs Monaten hindurch davon zu erzählen". Als man ihn fragte, ob er ein New Porker Mädchen heiraten wolle, erklärte er sich so- fort dazu bereit, aber er machte eine Bedingung: Er müsse sie, sagte er,„zuerst ein Jahr nehmen und füttern. Ich will ihr viel gedörrtes Schweinefleisch zu essen geben: dann wird sie recht fett werden und eine gute Frau für den besten Hundesührcr auf dieser Seite des Nordpols". Es war ein denkwürdiges Schauspiel, als der 4Sjährige rotbäckige, kindlich dreinschauende Eskimo, der vorher niemals eine Siedlung von.mehr als 50 Personen gesehen hatte, durch die Millionenstadt am Hudson fuhr und plötzlich aus einer um 1OO0O Jahre zurückliegenden Kultur in das moderne Leben verseht war. Als er von dem Turm des World-Gcbändes auf das Menschcngewimmel im City-Hall-Park herniederblickte, sagte er: „Das sieht aus wie Moskitos in Labrador oder wie die Renntiers im Frühjahr, wenn sie in jeder Richtung durcheinanderlausen." Ueber den Woolworth-Wolkcnkratzer meinte er:„Das ist größer als Kap Muaford." Es war ein Tag des ewigen Erstaunens für Abio. Im Zoo sah er Tiere, von denen er niemals vorher ge- träumt hatte: er fuhr zum, erstenmal mit der Untergrundbahn: er besuchte den Riesendampfer'„Majestic" und sah ein Luftschiff über seinem Haupte fliegen. Er besuchte des Zfbends ein Varietä und war Gast bei einem großen Essen im Astor-Hotel. Er staunte mit offenem Munde und schließlich— sagte er gar nichts mehr. Eine Wunderpslanze. Eine Pflanze, die wahre Wunder wirkt, ist die heilige„Pejotl" der Mexikaner, mit dem wissenschaftlichen Nomen Echincoactus Williamsii, die der französische Gelehrte Rouhier jetzt «ingehender untersucht hat. Es ist ein Kaktus, der auf den wasser- losen Steppen an den Felsufern des Rio Grande gedeiht. Es gibt verkümmerte und verrunzelte Exemplare, die wie mißgestaltete Zwerge aussehen und an die zauberhaft« Mandragorawurzel der alten Welt«rinnern. Nach dem Glauben der Indianer läßt die Pflanz« einen wohllautenden Gesang hören, der denjenigen, die sie sammeln, es möglich macht, sie leicht zu finden. Worin bestehen nun die Kräfte dieses Wunderkrautes? Dem, der es genießt, werden da- durch„die Pforten des Paradieses geöffnet". Er hat wundersame Farbenvisionen, sieht kaleidoskopisch sich wandelnd« leuchtende Formen, Feuerräder, Rubinstern«, Diamantenkreuze, glühende Kugeln, kurz ein Feuerwerk, so herrlich, wie es der beste Pyrotechniker nicht ver- anstalten könnte.„Mir war es," erzählt Rouhier nach dem Genuß der Pejoll,„wie wenn ich lang« Strähnen von Goldfäden erblickte, die in meinem Innern vom Magen bis zum Mund sich zu ziehen schienen, und ich glaubte, meine Eingeweide als ein Netz von leuchten- den Fäden zu sehen." Mit den Farbenvisionen sind ebenso schöne Gehörshalluzinationen verbunden. Eine Uhr, die man an die Stirn eines Berauschten hielt, rief die Vision einer sich drehenden Sonne hervor, deren einzelne Strahlen in den Rhythmus de» Uhrschlages »«inen Sphärengesang zu erklingen schienen. SeUT5CH6R ar€IN-BRÄND Die Rietenleiftung des Herzens Cln normales mensdilldies ßerz»legt ungefähr 350 g. Es pumpt mit durchschnittlich 70 Sdildgen in der Minute Jedesmal 180-200 ccm Blut durch die flderkandle des Körpers. Fast 14000 ccm Blut»erden vom Kerzen bewältigt oder das vierzigfache seines Eigengewichts in der Minute. Das Durchschnittsherz beim Manne hat die SröHe einet geballten Faust.?n der 5tunde pumpt es 840 Kilo Blut durch das Bdersystem des menschlichen Körpers 1 Bieter hoch oder hebt einen 60 Kilo schweren Jungen Mann <3 Bieter hoch; In 8 standiger Brbeitszelt denselben Mann 100 Meter hoch oder bis auf die duherste CurmspKse einer grohen Kirche. Und in nierundzwanzig Stunden, Im Stahre- während des bebensl Bei BerOcksichtlgung dieser Tatsachen wird einem klar, »eiche Riesenleistung, trotz seiner Kleinheit, dieser Muskel Jahrein, Jahraus unermüdlich verrichtet. Run wird es auch l verständlich, datz dieses ßerz geschützt»erden muH vor sdiddllchen oder nachteiligen Einflüssen. Zu den schädlichen Einflüssen gehört das Coffein, dos die Iieistungen des Kerzens beeintrdchtlgt. Wer daher Wert auf die richtige Funktion seines Kerzens legt, wählt Kaffee Hag den unsdifidlidien, echten Bohnenhaffee. Staats-Theater Oparnhaus a.Platxd.Republ. 7'/, Uhr: Die Liebe XU den 3 Orangen Schaanpielhanc 8 Uhr: Napoleon SchlUar, Thaatar 8 Uhr: Paar Oyn« Sthtiidie Opei Cbarlottenbure 8 Uhr; Norlna Mar. IvogUn Mus-Ltg� B.Walter Abonn.-TurnusU DsDttdiEt Theater Norden IOU<— 38 8 Uhr: Peripherie v.F. Langer. Regle: Max Reinhardt Kanmerspiele Norden 10334—38 8 Uhr- Aadroklna and der LOwe Von Bernara Shaw Regle: Erich Enge. Die KomOdle Blimarca 2414, 7316 8 Uhr: Die Gefangene Von Bourdat Regie M. Reinhardt XleinesTheater Tiglich 8 Uhr: HeostliegfreQDile IauMLSwit.idn.4g Cr. Kindervorstellg. WeeviMeo 8irM«>k7-iihiug TBeaier Hönlödrati.sir. 8 Uhr: Mn. Chenoys Ende blisabetn Bergner HonKMlealiaai 8 Uhr: Einbruch UWUithr Ibbirh Id. l HMirfplih Gastspiel d. Moskauer kdnstler. Theaters Habima 8 Uhr: Dybuk Wallner-Th. Bis 14. 10. tägl.SU. dergroßeErfolg Jasemanns IDtMcr' Ab 13. 10. 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