Nr. 500 ♦ 43. �ahrg. Ausgabe ü Nr. 255 Bezugspreis. Wöchentlich 70 Pfennie. monatlich S,- Reich smarl voraus zahlbar. Unter Sreuzdand Mr Dcutlchlano. Tanzio. Saar- und Rtcmtlaebict. Oesterreichs Litauen. Luremduro 4.50 Reichsmart, iiir das übrige Suslano 5L0 Reichsmarl vro Monat. orgenausgabe Der„Dorwärls� mit der illustrier» lcn Sonntagsbeilage»Boll und Zeit" sowie den Beilagen»Unterhaltung uno Wissen".»Au» der Kilmwelt". «Frauenstimme".»Der Kinder- freund"...Iugend-Borwärts" und »Blick in die Bllcherwelt" erscheint wochentaglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. Telegramm-Adresset „SojialOetnotcal Berlin" Derlinev VolksvlÄkt Zentralorgan der Sozialdemokratircben parte! Deutfchlands (lO Pfennig� Anzeigenpreise: »Die einsvaltige Nonvareille. geile ölt Pfennig. Rcklamegeile ö.- Rcichsmarl..«leine Anzeigen" das fettgedruckte Wort 25 Psennta szuläsüg zwei fettgedruckte Wortes. icdes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengesuch« da» erste Wort 15 Pfennig, sedes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über 15 Buch- stoben zählen Mr zwei Worte. Arbeitsmarkt Zeile 50 Pkenni«. Familienanzeigen für Abonnenten Zeile 40 Pfennig. Anzeigen Mr die nächste Nummer mimen bis 41* Uhr nachinittag» im Sauolgeschäft, Berlin EW 58, Linde». frraste 3. abgegeben werden. Geöffnet von SVj Uhr früh bi» 5 Uhr nachm. Neüaktion unü Verlag: Serlin EW. öS, Linöenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292—297. Sonnabend, den 23. Oktober 1923 vorwärts-verlag G. m. b. H., Serlin Ew. öS, LinSenstr.Z Bostfcheckkguto: Berlin 37 53«— Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestelten und Beamten. Waststr.«5: Diskoato-Gesestschast. Deoofitenkast« Lindcnftr. 3. Das Programm von Thoirp. Anssprache zwischen Briand und Hoesch. Paris, 22. Okiober.(Eigener Drohibericht.) Ueber den Besuch. den der deutsche Lotschasier von hoesch am Freitag bei Briand gemacht hat, wird von amtlicher deutscher Seite in Paris solzende» Kommunique verbreitet:-Der deutsclie Bot- schaster von hoesch hatte am Freitag vormittag eine Unterredung mit dem französischen Auhenminisler Herrn Briand. Die Unter- redung bedeutet die e r st e Fühlungnahme des Botschafters mit dem Autzenminifter nach seiner Rückkehr. Es wurden dabei in großen Zügen die durch die Unterredung von T H o i r y auf- geworfenen Probleme berührt. Briand reift am Freilag für drei bis vier Tage aufs Land. Räch seiner Rückkehr, das heißt in der zweiten Hälfte der nächsten Woche, soll eine neue Unterredung des Botschafters mit Herrn Briand stattfinden." 3n dem amtlichen Kommunique, da» von französischer Seite dazu ausgegeben wird, heißt es außerdem, daß Herr von hoesch mit keinerlei präzisen Vorschlägen an Herrn Briand herangetreten sei und die beiderseitigen Sachoer st Sndigen gegenwärtig Im Begriff seien, die einzelnen Punkte, die da» so- genannte Programm von Thoiry bilden sollen, auszuarbeiten. Dieses Programm interessiere im übrigen, so schließt die amtliche französische Auslassung, nicht nur Frankreich und Deutschland, sondern alle Unterzeichner des Friedens von Versailles. Die Er?!5rt»ng des Abgeordneten WZlliam-Bcrtrnnd. Die„Dresdener Neuesten Nachrichten" versichern auf Grund eingehenden Materials, das sie von ihrem Pariser Korrespondenten erhalten hasien, daß die von uns als offen» bare Mystifikation gekennZeichncte Erklärung radikal-sozia- listischer Abgeordneter auf dem Parteitag von Bordeaux a'u th c n tisch sei. Sie stamme vom Abgeordneten der Eharente W i l l i a m- B e r t r a n d, der sie im Namen seines Bezirksverbandes und unter ausdrücklicher Zustim- mung anderer Bezirksverbände, sowie einer größeren Anzahl anderer Parlamentarier ihrem Korrespondenten übergeben habe. Unsere Angabe, daß es keinen radikalen Zlbgeordneten Bertxand gebe, müssen wir dahin korrigieren, daß ein Ab- geordneter William-Bertrand, der unter diesem Doppclnamen im französischen Parlamentsverzeichnis unter dem Buch- staken„W" registriert ist, tatsächlich existiert. Wenn indessen in manchen Blättern jene Erklärung als ein« Resolution des radikalen Kongresses von Bordeaux bezeichnet worden ist, so ist das, wie wir bereits festgestellt haben, völlig a b- w e g i g. Es handelt sich nur um eine private Erklärung William-Bertrands, für die er sich, nach seinen Angaben, die Zustimmung weiterer Parlamentarier gesichert hat. Dennoch wäre die Bedeutung dieser Erklärung, falls sie wirklich authentisch ist, nicht zu unterschätzen. Denn sie be- sagt u. a.: „1. Ich hätte die Annullierung aller Kriegsschulden begrüßt, sowohl der deutschen Schulden an Frankreich wie auch der französischen Schulden an England und an die Vereinigten Staaten. Dies« Hoffnung ist jedoch enttäuscht worden. 2. Ich bezeichne mich als Anhänger einer sofortigen Räumung des linken Rheinusers und der Rückgabe des Saargcbietes nur unter den zwei folgenden Bedingungen: a) daß Deutschland durch Trans- ferierung gut fundierter Wert« Frankreich hilft, die Be- friedigung seiner inneren und äußeren Gläubiger zu erleichtern und d) daß die deutsch« Regierung diesen Vorschlag nicht als einen Akt der Schwäch« betrachtet, sondern als Beweis des Friedenswillens des französischen Volkes. 3. Ich glaube, daß die französisch-deuffche Verständigung nur das Vorspiel einer allgemein europäischen Befriedung zum Zwecke der Errichtung der Vereinigten Staaten von Europa (Paneuropa) im Rahmen des Völkerbundes bildet. Daher fasse ich auch eine Revision des verfailler Vertrages ins Äuge, und ganz besonders die Besteigung des polnischen Korridors und die Rückgabe Danzigs zu Deutschland unter dem Vorbehalt, daß Polen Handelsfreiheit durch deutsches Gebiet rechtlich gewährt erhält, und daß die von rein polnischer Bevölkerung bewohnten Gebiete Polen endgültig verbleiben. Diese Revision muß ihr« Ergänzung durch die schärfer«. Anpassung der Verträge von Trianon und Saint Germain an das Selbstbestimmungsrecht der Völker erhalten. 4. Di« V«reinigten Staaten von Europa werden nur errichtet werden nach Schaffung eines Moäu« vivendi zwischen den europäischen Staaten und der USSR., wobei jede Propaganda jensekt-z der Grenzen beiderseits zu unterlassen wäre. 5. Ich erkläre, daß die überwältigende Mehrheit des französischen Volkes einer Anerkennung der Schulden an England und Amerika abgeneigt ist und jedem vertrag, der Frankreich ewen Tribut auferlegen sollte, die direkte Verständigung mit Deutschland vorziehen würde." Diese Erklärung ist so aufsehenerregend, daß. wenn sie tatsächlich von zahlreichen Parlamentariern der radikalen Partei gebilligt wurde, sie wirklich geeignet wäre, neue Per- spektioen zu öffnen. Zür die Erwerbslosen. Die Regierungsparteien vernünftiger als die Regierung. Der vom Sozialpolitischen Ausschuß des Reichstags eingesetzte Unterausschuß beschäftigte sich am Freitag eingehend mit den An- trägen auf Umgestaltung der Erwcrbslosensürsorge. Die Sozialdemokraten verlangten eine allgemeine Erhöhung der Unterstützungssätze um 50 Proz. Das Zentrum forderte eine Erhöhung der Sätze für die Ledigen um 20 Proz. und eine Erhöhung der Gesamtunterstützung um 10 Proz., die be- sonders den kinderreichen Familien zugute kommen soll. Der Der- trctcr der demokratischen Fraktion sprach sich sür eine Erhöhung der Sätze für die Ledigen aus und stimmte auch der an- geregten Erhöhung der Gcsamtunterstützung zu. Er bezeichnete eine Aufhebung der Unterstützungsdauergrenze, die jetzt 52 Wochen be- trägt, als notwendig. Wenn das nicht durchzuführen wäre, müßte die Unterstützungsdauer mindestens um drei Monate verlängert werden. Die Vertreter des Zentrums sprachen sich weiter dahin aus. daß die Unterstützung der Ausgesteuerten weiter den Gemeinden überlassen wird, das Reich aber oerpflichtet werden sollte, mindestens 80 Proz. dieser Aufwendungen zu ersetzen. Von deutschnationaler Seite wurde die Einführung von Lohnklasien gefordert. Die Beratungen wurden dann abgebrochen. In der nächsten Sitzung des Unterausschusics am Dienstag nachmittag soll die Re- gierung sich über die finanzielle Wirkung der einzelnen Vorschläge äußern. Sieg öer steirischen Genossen. Rintclen erledigt. Graz, 22. Oktober.(Eigener Drahlbericht.) Die radikale Ob- sl r uk t i o a der sozialdemokratischen Abgeordnelen im steirischen Landtag gegen die Wahl des in den Bonkskandalen schwer kompro- milllerlen christlich-sozialen Führers und gehässigen Antisozialisten Dr. R in tele« zum Landeshauptmann hotte die kleine Gruppe des Landbunde» zu dem versuch getrieben, dem Kamps ein Ende zu machen. Gewaltige Kuodgebungea der steirischen Arbeiter hatten das vorgehen der sozialdemokratischen Fraktion nicht nur gebilligt, sondern ihnen auch jede Unterstützung verbürgt. Die ans Veranlassung de» Landbundes eingeleiteten Verhandlungen haben nun dazu geführt, daß die Ehristlichsozialen die Kandidatur des Seipelianer» Dr. Rintelen zurückzogen. Zum Landeshauptmann ist bereits der christlichsoziale Abgeordnete Professor Dr. Gürtler gewählt. Die energische Aktion der sozialdemokratischen Abgeordneten hat also zum vollen Sieg geführt. Der Eindruck dieser Tatsache in der ganzen Republik wird wahrhastig nicht gering sein und das Ansehen Seipel» ganz gewiß nicht ver- größern. Seipel unü üie öeamten. Wien. 22. Oktober.(WTB.) Zu Beginn der heutigen VerHand- hingen mit den Beamten sprach Bundeskanzler Seipel die M a h- n u n g aus, keine Ultimaten zu stellen, weil derartige Be- fristungen Nervosität hervorriefen. Er kj�ine sich mit einer etappen- weisen Balorisierung der Gehälter nicht befreunden, hege da- gegen großes Interesse fürdie Angleichung des österreichischen Beamten rechts an das deutsche Veamtenrecht, wo kein S t r e i k r e ch t bestehe, jedoch die berechtigten Bedürfnisie der Be- amtenschast gesetzlich festgelegt seien. Das deutsche Beamtenrecht ist schon lange In Ausarbeitung b e- griffen, wie es schließlich aussehen wird, bleibt abzuwarten! aber wie immer es gestaltet wird und so erfreulich es ist, Herrn Seipel für Anschluß-Dorarbeit eintreten zu sehen— Beamten drüben fordern vor allem jetzt eine Besoldung, die ihnen gestattet, den Hungerriemcn gerade nur etwas zu lockern. Und da muß ge- handelt, nicht zugeredet werdenl Sechste Werbebeilage des Vorwärts; lnlernaJiouaie PoliliK. Emile Vandervelde: Völkerverständigung. Otto Wels: Internationale Friedensarbeit. Wolfgan� Schwarz: Das Problem der Abrüstung. Adele Schreiber: Ausland und Sozialdemokratie. Grgesih/Reichswehr/Jememoröe Psychologische Randglossen zu den Münchcner Verhandlungen. Von K. M a y r. Major a. D.(München.) In einer der zahllosen Vernehmungen aus Anlaß eines «Fememordes" hat ein verständiger unterer Kriminalbeamter über einen der führenden Desperados einmal ausgesagt:„Ich suchte B. in seinem Bureau auf. Er saß auf einem Stuhl und machte einen sehr knabenhaften Eindruck, so daß ich ihn zu- nächst für einen Bureauangestellten hielt.— Auf meine Frage (nach der Verwendung eines Autos der„Landesleitung der Einwohnerwehr", auf dem ein Mord passiert sein mußte) geriet er in große Verlegenheit: er sagte, im Interesse des Staates könne man das nicht sagen: er wisse ja auch gar nicht, wie ich politisch eingestellt sei."— Schon diese Schilderung erschöpfte die Situation: Knabenhafte Unreife— hineingestellt in„Staatsgeheimniss e"! Kaum jemals ist(wohl nicht einmal in amerikanischen Präsidentenwahlen!) eine derartige Summe von Geld, redne- bischer Betriebsamkeit und Druckerschwärze oerausgabt wor- den wie zuguysten der Organisation Escherich 1S19 bis 1S21 zunächst in Bayern, dann im ganzen Reich. 1920 war sie eine Dachorganisation geworden, in der alle möglichen Einzel- verbände, so auch der Iungdeutsche Orden sich untergestellt hatten. Sie war ab 1919 geschaffen worden, nachdem die Tragikomödie der Münchener Räteregierung vornehmlich durch preußische, sächsische, thüringische, fränkische und württembergische Hilfe beseitigt war. Einige hundert Mann, die der„Befreier Münchens", der G e n e r a l v o n E p v, als Sonderkorps heranführte, fpielten damals kaum eine Rolle. Die Marinebrigaden� andererseits haben sich in dem gleichest Maße als sie sich 1919 zögernd furchtsam an die Stadt heran- gefühlt/unnötig brutal in der Stadt aufgeführt. Kappist ist Escherich nicht gewesen, wohl' aber Mandatar jener im Rahmen der Einwohnerwehr stehenden Freiwilligenbataillone, unter deren Druck das bayerische Ministerium Hoffmann seine Position aufgab. Diesen historischen Titel kann ihm nicht einmal der spätere volksparteiliche Reichstagsabge- ordnete Karl von Schach streitig machen, der damals bis iipdie Reichswehrkasernen, bis in die Osfiziersversammlungen drang:„Sie müssen handeln, Herr General, wenn Sie nicht handeln, so tue ich es." „Die Orgesch," so heißt es in einem Werbeblatt von 192V, „befaßt sich nach ihren Satzungen nicht mit militärischen Dingen." Tatsächlich war ihre Gliederung im großen und im einzelnen eine rein militärische. Ein Generalstäbler hatte als„Stabschef" die Leitung organisiert nach dem Muster eines Armeekommandos. Zahllose Waffendepots! Bestände bis herab zum Leibriemen, der Feldflasche und den teuersten optischen Instrumenten! Kraftwagenparks! Sogar eine Nicolai-Abteilung war in diesem Miniaturhauptquartier ein- gerichtet. Gelder in Hülle und Fülle! Die Klippe der„ehren- amtlichen" Beschäftigung war mit honorigen Aufwandent- schädigungen umschifft. Zwar sollte die Orgesch„keinen parteipolitischen Charakter tragen". Aber schon in der baye- rischen Einwohnerwehr war seit 1919 systematisch mit der Säuberung von sozialistischen Elementen begonnen. Die „Escherich-Hefte", eine kostspielige Masienpublikation, ver- raten besser als alles sonst den rein konservativen Charakter. Der Landeshauptmann wird schließlich Reichshauptmann. Zum äußeren Zeichen, daß, wie bei allen großen konser- vativen, in der„Ordnungszelle" inszenierten Theateraktionen so auch hier, Dr. Heim der geheime Macher sei, erfolgt die Erhebung des„Landeshauptmanns" zum„R e i ch s h o'u p t- mann"—„im historischen Rathaussaal zu Regensburg". Stellvertretender Landeshauptmann wird eine Kreatur des Bauerndottors, der Geometer K o n z l e r. Der ministerielle Platzhalter des Dr. Heim, der Herr von K a h r, gilt als der vräsumplioe Disponent des Machtinstruments„Orgesch". Innige Verbindung zum ehemaligen Kronprinzen R n p p- recht wird aufgenommen und gepflegt. Ethos und Geld- beutelinteresie werden vermählt: denn es geht darum, so heißt es, daß„die Staalsautorität gesichert ist und der Wieder- ausdau unserer zerrütteten Moral und Volkswirtschaft im- gestört vor sich gehen kann". Zu gleicher Zeit aber schien man sich in R e i ch s w e h r k r e i s e n einzubilden, daß in der Or- gesch(der Zusammenfassung bewaffneter Verbände) der neu- zeitliche Notersatz der allgemeinen Wehr- Pflicht gefunden sei. Eine Organisationsform, gesäubert obendrein von allen dolchstößlerischen Elementen! Denn ein rein innenpolitisches Polizeibedürfnis konnte doch unmöglich vorliegen. Innenpolitisch mußte das„Machtinstrument" der Reichswehr zusammen mit den Polizeikräften wahrhaftig als stark genug gelten. Nein, das Zusammenspiel von Reichs- wehrstellen mit der Orgesch konnte, dies war das„Gefühl" in den„vaterländischen" Volksschichten, nur außenpolitisch motiviert sein. Der Name„Orgesch" in weitestem Sinne natürlich verstanden— einschließlich auch ihrer Verbindung zur Schwarzen Reichswehrl Nur deshqlb wird(im„Volks- empfinden"!) der Waffenoerrat. auch in den Spalten wurde, daß der Magistrat dem Fürsten größeres Entgegenkommen gezeigt habe als minderbemittelten Einwohnern in ähnlichen Angelegenheiten. Namens des verreisten Oberbürgermeisters gab Stadtrat Steinhagen ein« Erklärung ab, in der gesagt wird, der Magistrat habe sich in keiner Weise bei seiner Stellungnahme dadurch beeinslussen dassen, daß es sich um einen ehemaligen re- gierenden Fürsten handelt. Weitere Auskunft zu ertellen, sei der Magistrat nicht in der Lag«. Sozialdemokraten, Demo- traten und Zentrum gaben schließlich folgende Erklärung ab: „Wir sind der Ueberzcugung, daß die demokratischen und sozialdemo- kratischen Magistratsmitglieder nicht dafür gestimmt haben, daß dem Fürsten ein Armutszeugnis ausgestellt wird. Den übrigen Magi- stratsmitgliedern müssen wir das Mißtrauen aussprechen." Sühne für antisemitische Chrabschneiöung. Hammer-Fritsch zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Hamburg, 22. Oktober.(Eigener Drahtbericht.) In dreitägiger Verhandlung wurde von der Hamburger Strafkammer in der Re- Visionsinstanz das Material untersucht, das der Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift„Hammer", Fritsch, in seinen Ar- titeln„Der heimliche Kaiser" und„Wer ist an der Niederlage schuld?" zum Gesten gegeben hatte. Max Warburg, der wäh- rend des Krieges und nachher von der jeweiligen Regierung mit wichtigen Aufgaben betraut gewesen ist, betrachtete sich durch die in den Artikeln gemachten Anschuldigungen, die auf Landesverrat hin- ausliefen, in seiner Ehre gekränkt. Vom Schöfsengcricht wurde Fritsch im Dezember 192S wegen dieser Beleidigungen zu drei Monaten Gefängnis verurtellt. Die Berufungsinstanz ermäßigte diese Strafe auf 1000 M. Unter Zubilligung des Z 193 ließ dieses Gericht nur in einem Falle Verurteilung eintreten, in dem Fritsch Max Warburg mit seinem Bruder Fritz Warburg verwechselt hatie. Mit dieser Auslegung war die Revisionsinstanz, das Oberlandes- gericht, nicht einverstanden. Es glaubte, diese Auslegung würde zu einem an Rechtlosigkeit grenzenden Zustand für solche Per- sonen führen, die im öffentlichen Leben stehen. Am Freitag abend kam die Strafkammer I zu folgendem Urteil: Der Beklagte Fritsch wird wegen sortgesetzter übler Nach- rede zu vier Monaten Gefängnis verurteilt und zur Publikation des Urteils in der„Rheinisch-Westfälischen Zeitung", der„Deutschen Allgemeinen Zeitung", den„Leipziger Neuesten Nach- richten", der„Vossischen Zeitung", dem„Hammer", im„Hamburger Fremdenblatt",„Hamburgischen Korrespondenten" und den„Ham- burger Nachrichten"._ Er wirö gebaut. Baubeginn am Mittellandkanal. Magdeburg, 22. Ottober.(WTB.) Wie die„Magdeburgische Zeitung" aus Berlin erfährt, hat das Reichskabinett auf Antrag des Reichsverkehrsministers beschlossen, das Ende der Einigungsverhand- lungen zwischen Preußen und seinen Provinzen nicht abzuwarten, sondern auf eigenes Risiko den Beginn der Bau- arbeiten am Mittellandkanal anzuordnen. Dem Blatt wird ferner aus Oebisfelde gemeldet, daß nach einer heut« vor- mittag beim Oebisfelder Kanalbau eingegangenen telephonischen Mit- teilung des Reichsverkehrsministeriums der Auftrag zum Weiterbau des Mittellandkanals erteilt worden ist. Am Montag nach st er Woche kann also der erste Spatenstich getan werden. Die Danziger Rrifc. Rücktritt der sozialdemokratische« Senatoren. Danzlg, 22.. Oktober.(WTB.) Die sozialdemokrati- s ch e n Mitglieder des Danziger Senats, die zusammen mit den ande- ren am 29. September zurückgetretenen Senatoren vorläufig die Ge- schäfte bis zur Bildung einer neuen Danziger Regierung weiter- geführt haben, sind heute, ehe noch die erwartete Neubildung zustandegekommen war, aus dem Senat ausgeschieden, weil sie mit der Geschäftsführung des Senats nicht einverstanden waren. der Zeitung, als Landesverrat qualifiziert. Es hält aber schwer, bestimmte Reichswehrführer für so urteilslos zu halten, daß sie im Ernst gedacht hätten, einige versteckte Gewehre, einige MG. und selbst einige Geschütze kämen als neuzeitliche Rüstung irgendwie in Betracht. Ganz gleich aus welchen Motiven die sogenannten Waffendenunziationen er- folgt sind, der Landessicherheit geschah damit kein Eintrag, nachdem nun einmal unsere schwere Artillerie samt Munition abgeliefert, unsere Flugzeuge vernichtet, die Flotte übergeben und die Kriegswerkstätten zerstört waren. Auch der Gefahr, daß wir der„Sabotage" des Versailler Vertrages bezichtigt werden könnten, ist selbstverständlich durch die Landes- verratsprozefsiererei viel mehr Vorschub geleistet worden als dies durch grundsätzliche Gestattung aller Anzeigen denkbar und möglich gewesen wäre. Daß viele Anzeigen(an die Entente) in der Inslations- zeit, als sich Stinnes und Konsorten mittels Steuerstundungen Devisenprofite machten, auch finanziell motiviert gewesen sein mögen, tut nichts zur Sache. Die Strafgesetzgebung ist kein pädagogisches Zweckinstrument. Re i n, den V e r- antwortlichen/ insbesondere bei der Reichs- wehr kam es, dem äußeren Schein entgegen, nur auf Mehrung innerpolitischer Macht im konservativen Sinne an. Mit dem patriotischen Vorwand der Landesverteidigung wurden aber ausnahmslos olle militärisch urteilslosen Mitläufer kirre gemacht, und das waren so ziemlich alle bei allen Organi- sationen seit der Orgesch eingeteilten, in erster Linie die— Fememörder! Es ist ja ein wehrpolitischer Skandal ersten Ranges, wenn zum Beispiel ein junger Generalstäbler des Münchener Wehrkreiskommandos öffentlich eidlich be- haupten kann, er allein habe in seinem Bureau(für Verbin- dung mit der Einwohnerwehr zwecks Waffenoerwaltung) 28 Offiziere unterstellt gehabt. Psychologisch fiel aber noch etwas anderes ins Gewicht. Nie ist, selbst in der wilhelminischen Aera nicht, ein derartiger Personenkultus getrieben worden wie in der Blüte- zeit der Orgesch und der aus ihr hervorgegangenen„vater- ländischen Bewegung". Da schrieb die„Tägliche Rundschau" über Escherich:„Er ist nicht nur einer der besten Organi- satoren des Reiches, die wir haben, sondern auch vielleicht die stärkste Willenskraft, über die wir verfügen."„Ein Mann ohne Nerven"— nach Erwin Rasens bei Scherl er- schienener unerhört kitschiger Propagandaschrift„O r g e sch". Die„Dresdener Nachrichten" gar fallen ehrlich ins Läppische:„Ein echter Bayer mit allen Vorzügen der Rasse s— ein Prachtkerl, kapabel(l). Dinge zu bauen und zu zim- mern, die er nie vorher gesehen hat. Von Kohr bis zum letzten Führer einer./Organisation" wird so der Schleim der unbegrenzten Bewunderung und Hochachtung ausgegossen. Jeder Reichswehrgeneral wird auf ein Piedestal gehoben, das ihm gar nicht zusteht. Umgekehrt ist systematisch die Ehre derjenigen(dünngesäten) Offiziere, die sich gegen diese pseudo- militärischen, rein innenpolitisch-parteipolitischen Gedanken- gänge stellten, angegriffen worden. Zu alledem kommt noch, daß die vaterländischen Repräsentanten einer„nationalen" Wehrpolitik meist von der Wirklichkeit des Krieges keine Ahnung haben, insofern sie entweder überhaupt nicht oder nur verschwindend kurze Zeit an der Front gewesen sind. Sie revanchierten sich für diese Schicksalsgunst oder-tücke durch schrankenlose Verhimmelung der Fronttämpfertugenden ihrer > Mitläufermassen. Dies stieg wiederum den zahlreichen ganz jungen Leuten, Kriegsleutnants in den Kopf, die großenteils erst 1918 ins Feld gekommen waren, deren Bedarf an heroischem Erleben also noch nicht gedeckt war. Mit diesem Mangel an kriegerischem Erleben ist zum Beispiel vieles im Falle Kapitän E r h a r d t erklärlich. Auch eine Art ver» drängter Komplexe! Dieses gegenseitige ungerechtfertigte Hinaussteigern des Selbstbewußtseins ist natürlich für die Jugend weit gefährlicher gewesen als für die alten Esel. Dazu gesellte sich bei den jungen„Wehr"-Elementen noch«ine kritiklose Zuversicht in die Macht der„vaterländischen" Der rote Soldat. Von Hermann Schühinger. Als unser Regiment im Oktober 1914 völlig abgekämpft und „ausgebrannt", wie der schöne Fachausdruck heißt, im Bois de Mandray bei Epinal lag, übertrug man mir die Führung der sechsten Kompagnie. Das Regiment bestand zur guten Hälfte aus niederbayerischen Bauern und zur kleineren Hälfte aus ober- fränkischen Proletariern aus der Gegend von Marktredwitz und Hof. Man hatte damals, wie überall, die„Mischung" von prole- tarischen und agrarischen Bezirkskommandos für notwendig gehalten, um den„vaterlandslosen Gesellen" durch die christlich-katholischen Bauern das Rückgrat zu steifen und sie„bei der Stange zu halten". In Wirklichkeit aber sah die„Kräftemischung" im bayerischen Reserve-Jnfanterie-Regiment Nr. 11 geradezu umgekehrt aus. Die bayerischen Bauern lagen apathisch hinter ihren kümmerlichen Schützendeckungen, schoben ihre Gewehr« automatisch zum Feuern vor und zurück und bissen sich mit der letzten Kraft zur Abwehr der französischen Konterattacke in ihre Löcher hinein. Die Aktivität in der unteren Führung aber war vollständig auf die oberfränkischen Proleten übergegangen und als der schweroerwundete Hauptmann der„Sechsten." davongetragen wurde, rief er mir mit der letzten Kraft noch zu:„Halten Sie sich an den Schwab!" Der„Schwab" aber war Sozialdemokrotl Der Schwab hatte keine Charge. Er war weder Feldwebel noch Unteroffizier und hatte trotzdem, so wurde mir erzähtt, als Gefechts- ordonnanz des Hauptmanns die Kompagnie geführt! Der Schwab führte zunächst noch einige Tage, wie ocrher, ganz selbstherrlich die Kompagnie— das heißt, nicht in der Ruhestellung, wo der Feld- webel mit seiner Doppellitze beim Packwagen thronte, sondern vorn im Gefecht!. Wenn es hart auf hart ging, wenn die Kompagnie in Schrapnell- oder Maschinengewehrfeuer geriet und die Todesangst uns an den Schädel griff, da schauten die feldgrauen Fabrikler und Bauern unwillkürlich auf den Schwab: denn er war unbestritten der schneidigste Mann der Kompagnie. Ich war zuerst ordentlich eifersüchtig aus ihn: denn im Augenblick der höchsten Gefahr sauste er mit seinem hageren Proletengesicht wie ein Windhund vor die Front und rief„Hinlegcnl" oder„Hurra!" Dieser Schwab ist natürlich gefallen, elendiglich ums Leben gekommen, nachdem er sich durch seinen beispielslosen Schneid bis zum Feldwebelleutnant, die letzte Schranke für den Proleten vor dem Feldmarschall— heraufgedient hatte. Die Bauern des Re- giments aber spielen jetzt wieder Parade vor dem„Rupertus rex". Michel Schwab, der„rote Soldat" meiner Kompagnie, hat mit seiner sozialdemokratischen Gesinnung nie hinter dem Berg gehatten! In der„Ruhestellung" hat er meist die ganze Parteiorganisation von Marktredwitz und Wiesau um sich versammelt, ohne daß darin irgend jemand ein Verbrechen gesehen hätte. Ich muß gestehen, Oberen und die zu erwartende Rückendeckung. Man er- wartete unbegrenzte moralische und materielle Stützung. „Ihr laßt den Armen schuldig werden, dann überlaßt ihr ihn der Pein." Das überwiegende Maß an moralischer Verant- wortung für die Fememordatmosphäre— es ist überaus charakteristisch, daß sich das Reichswehrministerium gegen diesen Ausdruck zu stemmen erlaubt hat— liegt bei politisch maßgebenden Persönlichkeiten und vor allem auch kriegstheoretisch„Sachverständigen". Mit einer rücksichtslos sachlichen Aufklärung, mit einem von„militärfachlicher" Autorität getragenen Appell an den gesunden Menschenver- stand hätten sie alles von vornherein abbiegen können. Mit diesen Verantwortlichen ist rücksichtslos aufzuräumen, und zwar ohne Rücksicht auf die vom Versailler Vertrag ein- geräumte Pension'erungsquote und ausnahmsweise ohne Rücksicht auf den Steuersäckel. Nach Klärung der einzelnen Fememordfälle dagegen und sobald der kriminalistischen Wahrheit die Ehre gegeben, möge den Verführten, und lägen die Fälle menschlich noch so hoffnungslos, in weitem Umfang Gnade für Recht gewährt werden— nicht vom Richter, sondern seitens des Staates! Wehrwolf gegen Neichspolitik. Er will die Rechtsparteien an die Kandare nehmen. Eine Führertagung de»„Wehrwolf", eines der völkischen Wehr- verbände, hat Entschließungen gefaßt, die sich gegen die amtliche Außenpolitik der Befreiung durch Verständigung wandten und die Absicht erkennen lassen, parteipolitisch wirksam zu werden. lieber die Außenpolitik sagt die Entschließung: „Der Wehrwols muß aus kulturellen und rassischen Gründen jede Politik ablehnen, die zur Erreichung von Augen- blickserfolgen ein dauerndes Bündnis mit den Fran- z o s e n zur Folge hat. Er lehnt deswegen jede Westpolitik, die eine einseitige Bindung mit Frankreich bedeutet, einmütig ab." Die innenpolitischen Absichten des Wehrwolfs gehen aus fol- gender Stelle hervor: „Der„Wehrwolf" trttt bei Reichstags- und Landtagswahlen nicht als eigene Wahlgruppe auf. Er g e st a t t e t seinen » Mitgliedern an den Wahlhandlungen teilzunehmen. Da aber die Mitglieder des.LVehrwolfs" nicht einen unwesentlichen Teil des Wahlkampfes gegen die Internationale in Deutschland tragen, verlangt er in Zukunft von den in den Parlamenten ver- ttetenen Parteien die Erfüllung bestimmterForderungen. Er erwartet von allen Wehrwölfen, daß diese in Zukunft als be- wußte Anhänger der Wehrwolfidee nur für solche Parteien ihre Stimme abgeben, bzw. Wahlhilse leisten, die diese Forderungen er- füllen." Im übrigen wird den Mitgliedern des Wehrwolf ein politischer Maulkorb umgehängt: � „Es ist Mitgliedern des Wehrwolfs nicht gestattet, über die allgemeine Haltung des Wehrwolfs ohne Genehmigung der Bundesleitung Reichsfragen öffentlich zu behau- d e l n." Dies« Entschließungen sind bedrucktes Papier, und nicht mehr. Es ist gänzlich ohne Belang für die deutsche Außenpolitik, wie die Jünglinge vom Wehrwolf darüber denken. Die Rechtsparteien haben diese Sorte Verbände ernst genommen— sie haben damit das Ge- lüfte der Verbände erweckt, politisch zu kommandieren und politische Bedingungen zu stellen. Aber der wachsende Größenwahn solcher Organisationen steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrer politischen Bedeutung. Der Zürst mit flrmenanwalt. Debatte im Detmolder Stadtparlament. Detmold. 22. Oktober.(TU.) Magistrat und Stadtverordnete beschäftigten sich in gemeinsamer Sitzung mit der jüngst viel be- sprochenen Angelegenheit der Verleihung des Armen r« chts an den Fürsten Leopold zu Lippe zum Zweck einer Prozeß- führung. Von sozialdemokratischer Seite lag ein« Eingabe vor, in der zu dieser Angelegenheit kritisch Stellung genommen und betont wenn uns damals die Internationale des Proletariats hätte faktisch den Frieden erzwingen können, wäre die große Mehrzahl des seelisch aufs schwerste erschütterten Truppenoffizierskorps diesem Proleten innerlich um den Hals gefallen! So verkrüppelt und zertreten waren auch wir. So ist uns der„rote Soldat", den wir sehr wohl kannten, eine unentbehrlich� Stütze in dieser schrecklichen Zeit gewesen. Kein An- griff, ohne daß ich mir den Schwab nicht an die Seite geholt hätte! Kein Großkampf, ohne daß wir uns vorher beim Kompagnieappell die größten Sorgen herausgekotzt hätten! Wir sahen es sehr wohl, Genosse Barthel, wenn ihr die roten Fähnchen am 1. Mai auf die Gewehre stecktet, wir hörten es recht gut, wenn ihr euch die Losung gabt:„Die Gewehre sprechen!" Denn auch wir waren seelisch zer- schlagen und zermürbt und schauten versonnen und durch den Krieg innerlich verbrannt auf diesen Seelenkampf im„roten Soldaten", auf den tragischen Konflikt zwischen Proletariat und Vaterland! Und wir waren euch dankbar, daß ihr bis zuletzt, als bei Dun an der Maas die letzten amerikanischen Flaschengranaten über unsere Schädel sausten, bei uns geblieben seid! Dann schuf sich der„rote Soldat" aus seinen„Arbeiter- und Soldatenräten" den neuen Staat. Ein Teil von uns ist bei euch, bei der„Republikanischen Schutztruppe" hängen geblieben und hat sich dadurch die ganze militärische.Karriere" versaut. Von der Ferne betrachtet, ist es vi�eicht kein allzu großes Unglück gewesen — vor allem sahen wir cher aus nächster Nähe die erschütternde Tragödie vom„roten Soldaten", der voll Haß und Abscheu vor dem Krieg die Heimat von dem kommunistischen Arbeiterbruder in Brand gesteckt und ün ein neues Feldlager verwandelt fand! Kein Wunder, daß so manchen der große Ekel ergriff, daß er die Flinte in die Ecke warf und die„Exekution" den Landsknechten aus Neigung und Beruf überließ! So bedeutet das Schicksal des„roten Soldaten" für jeden, der zu denken und menschlich zu fühlen vermag, ein Gewitter voll tragischer Zerrissenheiten und seelischer Schmerzen, voll Bitterkeit und TodeMot. Daß dieser Veitstanz toll gewordener Menschen nie wiederkehre, das ist die Kampsparole des„roten Soldaten" in der Werbewoche der Sozialdemokratie: Hände weg von der Republik! Nie wieder Krieg! Freie Sozialistische Hochschule. Di« im letzten Winter mit so großem Beifall aufgenommenen Vorträge der„Freien Sozialistischen Hochschule" werden auch im kommenden Winterhalbjahr fortgeführt werden. All« drei Wochen soll im Sitzungssaal des ehemaligen Herrenhauses«in Vortrag gehalten werden. Der nächste Vortrag, der von dem Genossen Pros. Bruno Kuske-Köln gehalten wird, findet am Sonnabend, 30. Okiober, 7)4 Uhr abends, statt Genosse Kuske spricht über das Thema„Europa und die Weltwirt- s ch a f t" und wird bei dieser Gelegenheit auch die jetzt so aktuell ge- wordenen Problem« der Vereinigten Staaten Europas behandeln. Als zweiter Redner spricht Genosse Pros. Karl Vorländer- Münster über„DieethischeJdee im Sozialismus". Dieser Vortrog findet am 20. November, 7)4 Uhr abends, gleichfalls im Herrenhause statt. Karten zum Preis« von SO Pf. sind an folgenden Stellen zu haben: Bureau des Bezirksbildungsausschusses, Linden- sttaße 3, 2. Hos II., Zimmer 8; Buchhandlung I. H. W. Dietz, Linden- straße 2; Verband der graphischen Hilfsarbeiter, Ritterstraße Ecke Luisenufer: Zigarrengeschäst Horsch, Engeluser 24/25(Gewerkschaftshaus): Buchgemeinschaft„Gutenberg", Drerbundstraße 5; Tabakvertrieb, Inselstroß« 6, sowie In allen„vorwärts"-Speditlonen. Ein Nachspiel zum Fall Lessing. Im Vorlesungsverzeichnis der Technischen Hochschule in Hannover für das Wintersemester waren noch vier Vorlesungen von Professor Th. Lessing angekündigt. Das hat bei den Studenten, wie TU. meldet,„eine gewisse Erregung hervorgerufen". Sofort wurde ober am schwarzen Brett mitgeteilt, daß die Borlesungen ausfallen. Der Katalog war schon im Juni gedruckt, also noch vor dem Vergleich, durch den Prof. Lessing ein „wissenschastlicher Auftrag" außerhalb der eigentlichen Lehrtätigkeit erteilt wurde.— Die hannoverschen Anti-Lessing-Studenten werde» jedenfalls bedauern, daß ihnen die Gelegenheit zu neuen Belästi- gungen entgangen ist. Die„Heroen" der amerikanischen Schuljugend. In den ameri- konischen Schulen wurde vor einiger Zeit eine Umfrage veranstaltet, die feststellen sollte, wer nach der Meinung der Schulkinder der größte Mann der Weltgeschichte war. Das Resultat, das jetzt be- kanntgegeben wird, ist sehr merkwürdig und für die amerikanische Mentalität bezeichnend. Die meisten Stimmen bekam Jesus. An zweiter Stelle steht Napoleon, aus ihn folgen Mussolini und Henry Ford. Die nächsten Heroen Alexander der Große und Francis Drake erhielten beinahe die gleiche Stimmenzahl. Alsdann folgen Pasteur, Lincoln, Edison, Amundsen, Lloyd George und Lenin. Conan Doyle als Prediger. Unter dem Namen„Der Tempel des Lichts" wird dieser Tage In London ein spiritistisches Missionsinstitut eröffnet. Das Institut bestellt aus einer Kapelle für ZOO Zu- Hörer, einer Bibliothek und zahlreichen Räumlichkelten für spiri- tistische Sitzungen, psychische Heilversuche und ähnliches. Sir Arthur Conan Doyle, der bekanntlich schon vor längerer Zeit von d�r Kriminalschriftstellerei zum Spiritismus übergegangen ist, ist als einer der Hauptprediger des Instituts vorgesehen. Die Akademie- SeMoa für Dichtkunst wird am 2S. Ottober erstmalig i» Berlin zusammentreten. Da» Atel er Karl Schenker lJndaber: Mari» von Bucovich) verandaltet vom 24. Oltober b!S S. Novcmbcr im Eden-Hotei eine sonder- a u s st e I l u n g. in der u. a. zirka 30 Bromöldrucke bckannler Pcrsönlich- teiten aus Bolilik, Diplomatie und namhafter Kiinillrr und Künstlci innen sowie eine Anzahl anderer Werke zu leben sein werden. Die AuSilellung wird im grünen salon de» Sden-Holel», Eingang Nürnberger Straße, gegenüber dem Künsllcr-Tbeater, eingerichtet. Eine Dlckene-Feirr. In Brighton soll vom t7. bi» IS. November unter dem Ehrenpräsidium von John GalZworthh eine große Feier zur Erinnerung an Dickens staltfinden. Eine Reihe Szenen aus den„Pickwickiern- wurde zu diesem Zweck dramatisiert und soll von eurer Laienbühne mit 200 Dar- slellern vorgesührt werden. Xaanr reist nach Rußland. Die russische Akademie der Wiflenschasten bat die Millellung erhalten, daß Robindranath Tagur Ansang November »ach Leningrad kommen wird. Zwei Untersuchungsaussä>üffe. Die bayerischen Fememorde und Ministerpräsident Held. Der Komplex der Fememorde in Bayern ist bereits im Jahre 1920 einmal von einem Slusschuß des bayerischen Landtags untersucht worden. Im Gegensatz zum Reichstagsaus- schuß, der die Zusammenhänge der Fememorde aufgedeckt hat, hat der bayerische Ausschuß die Untersuchung nicht ernsthaft geführt. Die Verdächtigen— Verchtold, Schuster, Böhm, Z�ller, Glaser, Neunzert— wurden nicht unter Eid ver- nommen. Die Mehrhen des Landtags hat sie für Ehren- männer erNärt. Der Berichterstatter des Ausschusses war der Abgeordnete ch e l d, der jetzige Ministerpräsident. Zur Würdigung semer Berichterstattung im Plenum des Landtags am 9. No- vember 1920 veröffentlicht unsere bayerische Parteipresse fol- gende Gegenüberstellungen: Held:„Berchtold, Schuster, Böhm. Zeller, Glaser haben durch die Bank auf mich einen durchaus soliden, durchaus glaubwürdigen Eindruck gmiachi." Jcmcmisschuß: Berchtold ist seit Iahren flüchtig, wird wegen Mordverdacht verfolgt— Böhm gibt zu, dem Untersuchungsrichter wiederHoll falsche Angaben ge- wacht zu haben, um aus der Sache herauszukommen— Glaser hat sich bei dem viermal ge- hörten Wort„beiseilegemacht" nichts gedacht. Böhm(im Femeausschuß unter Eid):„3ch war Chef einer Or- ganlsation, die sich zur Aufgabe gemacht hatte, Waffen zu retten, die an die Entente verraten wurden. Diese Organisation be- stand aus etwa 50 Studenten." Böhm;(im Femeausschuß unter Eid):„Den Bracher hatte ich durch Glaser kennengelernt, nicht in der Polizei, sondern in einem Zimmer an der Pfandhausstraße, das von der Polizei für Be- sprechungen mit Polizeispitzeln gemietet war. Da wurde mir Bracher vorgestellt� ich habe mich ihm unter dem Tlamen Pollin- ger vorgestellt." procher(im Femeausschuß): „Ich habe dem Glaser die Was» fensache von Dobner mitgeteilt, daraus hat er mich mit Pollinger zusammengebracht und bekannt- gemacht." Glaser(im Femeausschuß unter Eid):„Die Fahrt nach Mirs- kofen mit Dobner ist mit meiner Kenntnis angetreten worden. Im Femeausschuß stellte sich als einziger natürlicher Grund der Furcht des Pracher vor Dob- ner der heraus, daß Dobner glaubte und es seinen Freunden gegenüber äußerte, Pracher als der Anreger der Fahrt bei Böhm hätte vor dem Mordüberfall auf ihn gewußt und hätte ihn ab- sichtlich in die Falle gelockt. Aus diesen wenigen Gegenüberstellungen ergibt sich mit absoluter Klarheit, mft welcher O b er f l ä cht i-ch t e it der Landtagsäusschuß nach dem Willen seiner bürgerlichen Mehr» heit damals die Untersuchung geführt hat und mit welcher— man muß es schon sagen— Leichtfertigkeit der Abgeordnete Held den„durchaus soliden, durchaus glaub- wllrd'gen" Zeugen Berchtold, Böhm, Glaser usw. glaubte. Diese Leichtfertigkeit ging aber so weit, daß Held bei seiner Berichterstattung im Plenum sogar den Mut fand, den Abg. G a r e i s in folgender unerhörten Weise zu ver- dächtigen: „Dem Kollegen Gareis und seinen Zeugen ist es um nichts anderes zu tun, als gewisse Denunziationen des bayerischen Vaterlandes gegenüber der Entente anzubringen." Das darauf ertönende„Sehr richtig" rechts und„Pfui" links veranlaßte denselben Abg. Held daraufhin noch ein- mal zu erklären: „Herr Kollege Gareis, was haben Sie für eine Absicht? Nicht der Wahrheit zu dienen, sondern zu denunzieren!" Diese Erklärungen und Feststellungen des Abg. Held sind inzwischen zu einer furchtbaren Anklage gegen ihn selbst geworden. Denn es ist heute eine unbestreitbare Wahrheit, daß G a r e i s dreiviertel Jahre nach diesem Bor gong im Bayerischen Landtag ein Opfer dieser durch rzichts begründeten, verlogenen Hetze geworden ist. Held:„Berchtold, Schuster, Neunzert wurden g-nz zufällig von einem Dritten(Böhm) zu- sammengeführt, ohne über- Haupt zu wissen, um was es sich handelt. Und nun nennen Sie(zu Gareis gewandt) das eine Organisation, wenn drei Menschen, der Chauffeur, Scbu- ster und Berchtold ganz zufällig für das Hinwegschaffen der Was- fen zusammengeführt werden?" Held:„Durch die Zeugenaus. sagen ist festgestellt, daß nicht Böhm sich den Namen Polllnoer gewählt hat, sondern daß Pracher in dem Augenblick, als er sich in einer Notlage befand, Böhin vorstellen zu müssen, den Namen Pollinger gewählt hat." Held:„Es ist nachgewiesen, daß Glaser kein wart davon gewußt hat, daß Dobner nach Mirskofen fährt oder die Fahrt nach Mir- kofen vorhatte." Held:„Der Grund, warum sich Pracher vor Dobner so gesürch- tet hat, ist der, weil er den Dob- ner incidenter beschuldigt hat, eventuell im Fall Schloß Holzen und am Mord im Forstenrieder Park beteiligt zu sein." en. Ist diese Zeit verstrichen, werden andere eingestellt. Die Entlassenen kommen wieder in den Genuß der Erwerbslosen- Unterstützung. Die Entlohnung der Arbeiter Ist als a n gemessen zu bezeichnen. Dagegen wurde vereinzelt Klage geführt, daß von den Leitern der Werkstätten zu hohe Arbeitsleistungen ver- langt werden. Dies ist jedoch kein Grund g«gen die Werkstätten: Es ist vielmehr Sache der Arbeiter, sich i» solchen Fällen an die Gewerkschaft zu wenden, die die nötigen Prüfungen vornimmt. Soweit Vertreter des Zentralverbandcs der Schuh- macher Einblick in den Geschäftsgang der„Schuhreparatur- Be- triebswerkstätten für Erwerbslose" gewinnen konnten, ist festzu- stellen, daß in den Werkstätten gutes Material in sachgemäßer Weise verarbeitet wird. Die Preise der Schuhreparaturen liegen infolge des Zu- schusses der produktiven Erwerbslosensürsorge weit unter den üb- lichen Preisen der Privatbetriebe gleicher Qualifikation. Die Versammlung hält es jedoch für notwendig, daß die Leiter der Werkstätten, soweit sie keine Fachleute sind, durch Fachleute ersetzt werden. Ferner wendet sich die Versammlung entschieden gegen das Verlangen der Berliner Schuh niacher-Jn- n u n g e n, die Reparaturen für die Erwerbslosen an In- nungsmitglieder zu vergebe» und verlangt vom Landes- arbeitsam«, daß bei Besprechungen mit den Innungen Vertreter der Gewerkschaft hinzug'ezogen werden, um das Interesse ihrer Mit- glieder wahrzunehmen._ die Konzertreise nach Gftpreußen. Zu unserer Notiz in Nr. 497„ Herr Stingl sorgt für das Deutschtum" läßt das Reichspostministerinm erklären: „Die sechs Oberpostsekretäre sind Mitglieder des Akademischen Orchesters, bei dem häufig Mangel an Musikanten besteht, so daß im Laufe der Zeit Beamte des Haupttelegraphenamtes beigetreten sind. Aus die Konzertreise nach Ostpreußen hatten die sechs Ober- telegraphensekretärc sich schon seit Monaten eingericbtet und ihren Erholungsurlaub für diese Zeit angesetzt. Die Oberpostdirektion ist mit der Angelegenheit nicht befaßt gewesen. Bezahlung für ihre Teilnahme erhalten die Obertelegraphensekretäre nicht, es werden ihnen nur, wie allen übrigen Mitgliedern des Orchesters die baren Auslagen, zehn Mark täglich, erstattet. Der hiesige Borsitzende des freien Musikerverbandes ist bei seiner Rücksprache im Haupt- telegraphcnamt über den Sachverhalt ausgeklärt worden und hat sich damit befriedigt erklärt, auch versprochen, in seinen Kreisen für entsprechende Aufklärung zu sorgen. Der Postminister weiß auch heute nicht, wer diese Slkademische Orchestervereinigung ist." Achtung, Maurer? Die Maurerarbeiten bei der Finna Hermann Bamm auf der Baustelle Frohnau sind wegen Differenzen für Maurer gesperrt. Deutscher Baugewerksbund; Daugewcrkschaft Berlin. Berband der Akkordmaurer Groß-Berlins. BtranfmorNirfi ftir Politik: Dr. Cmt Seqer; Wirtschaft: Skrint Sötern«»: Sewerkschaktsbcweaima: I. Steinet; ffeuilleton:#. S. DSlcher: Lokales und Soniaac»; Sri* Jtacfläbt; Anreioen: Tb.»locke: sämtlich in Berlin. Berlaa: Lonvärts.Perlaalum", Marlannenptati. der Arbeiterschaft die Wisienschaft unentbehrlich. Die Forschung«. crgebnisse der modernen Gesellschaslswissenschastea. der Rational- und Privatökonomie, der Rechtswissenschaft und der Sozialpolitik, müssen von den Gewerkschaften, von ihren Führern, Funktionären und Mitgliedern stets erkannt, beobachtet und ausgewertet werden. Die wirtschaftliche Existenz, da« Wohl und Wehe Hunderttausender von Menschen kann durch falsche Maßnahmen aufs Spiel gesetzt werden. Zugleich ist jeder Betriebsrat Sachwalter der unmittelbaren materiellen Interessen seiner Kollegen. Durch ungeschickte, nachlässige Führung seiner Geschäfte, durch Unwissenheit aus wir!« schaftlichem Gebiete, durch mangelnde Kenntnis der Gesetze kann er viele seiner Kollegen um Lohn und Brot bringen, um gesetzlich ihnen zustehende hohe Geldentschädigungen. Jeder Gewerkschaftssunttio- när, jeder Arbeiter und Angestellte steht in der Front des gewerk- schaftlichen Heeres. Der Tarisvertrag, die Arbeitsverordmmg, die Betriebevereinbarung und die daraus entstehenden Rechte sind tag- liche Kampsobjekte. Rur eines derselben preisgeben, heißt oft, den Mitkämpfern und Arbeitskameraden schwersten Schaden zusügen. Die kriegsakaSemke See Serlmer Arbeiter. Die Gewerkschasten brauchen also gut ausgebildete Kämpfer. Dazu haben die Berliner Arbeiter- und Angestelltenverbände ihre Kriegsakademie: die Berliner Gewerkschaftsschule! Rund dreitausend Gewerkschafter aller Berufe, aller Jahrgänge und beider Geschlechter, Mitglieder, meist aber Funktionäre, Betriebsräte und Beamte gehen jährlich durch ihre Kurse hindurch. Sie hat Im Berliner Gewerk- schaftshaus ihren Sitz. Ihr Unterricht findet in zwei städtischen Schulgebäuden, dem Lelbniz-Ghmnasium am TNarlannenpiah und dem Sophien-Lyzeum, Weinmcisierstraße, statt. Es ist eine helle Freude, zu sehen, wie braune und blonde, aber auch viele graue Köpfe in gemeinsamer, harter geistiger Arbeit mit ihren Kursleitern und Lehrern alle die brennenden und grohen Fragen besprechen, die für die Entwicklung der Arbeiterbewegung, für den Aufstieg der Klasse, für ihre Kampfmaßnahmen bestimmend sind. Betriebsräte aus Hunderten von Berliner Betrieben haben sich hier ihr geistige« Rüstzeug geHoll. Mancher Schüler ist von hier aus in andere Schul- gntlnngen übergegangen, die es ihm gestatten, mehrere Monate, los- gelöst von der Berufsarbeit, nur seiner geistigen Auebildung sich zu widmen. Mancher andere Gewertschaftsschüler ist von seiner Organisation schon an verantwortliche hauptamtliche Stellen gesetzt worden und hat sich glänzend bewährt. Ein neues Silöungsiöeal. Mit der Berliner Gewerkschaftsschule ist nicht eine neu« Schul- gattung, wohl aber ein neue« Bildungsideal entstanden. Keiner ihrer Schüler hat ein Recht, nach seinem— und sei es jahrelangen— Studium eine Anstellung zu verlangen, die ihn versorgt. Viele aber haben für ihr vermehrtes Wissen, ihre gesteigerten Fähigkeiten geradezu büßen müssen. Sie waren dem Unternehmer gefährlich geworden. Er benütztc deshalb die erste Gelegenheit, sie aus seinem Betrieb zu entfernen. Dieser neue Bildungstypus wird heute umschrieben mit dem Begriff soziale Bildung! Bildung für den sozialen Kampf. Bildung für die Gesellschaft, Bildung zum Wohle der anderen, nicht für das eigene, persönliche Fortkommen. Damit aber verbürgt die soziale Bildung zugleich auch den äußeren Erfolg: Bessere Tarise, höhere Entlohnung, nicht für den einzelnen allein, sondern für den Beruf. Bessere Lebensbedingungen für alle! Die Berliner Gewerkschaftsschule bildet den politisch denkenden, den planmäßig und bewußt handelnden Arbeiter und Funktionär heran. Sie rüstet ihn aus mit den geistigen Waffen und mit der „ Sopblea'Lyxeum", Weiomelsterstraße, Wissenschaft, die die Arbeiterklasse beherrschen muß, um siegen zu können. Sie ist eine Kriegsakademie derjenigen Armee, die für das ganze Volk eine bessere Zukunst erobern will! Die Schan der Herbstblumen. Zur gleichen Zeit, wo sich die Automobile am Kaiserdamm«in Stelldichein geben, werden Tausende von Herbstblumen aller Art in die Funkhalle einziehen. Die Berliner Gärtnerschaft Veranstalter vom 28. Oktober bis 7. November dort eine große Herb st blumenschau. Außer den Gärtnern mit ihren Blumen- kulturen beteiligen sich an der Schau auch die Gartengestalter mit Miniaturanlagen, die praktische Anregungen sür die schöne und zweckmäßige Anlage von Nutz- und Ziergärten geben. Dazu kqmmt «ine Reihe erst« Berliner Blumengeschäste mit Sonderausstelllrn- gen, die eine besondere Anziehungskraft auf die Besucher ausüben werden. Die künstlerisch« Ausgestaltung sür die Blumenschou liegt in den Händen des Stadtgartendirektors Erwin Barth. An» Gram über den Tod ihre» alten Vaters, eines 79jährigon Mannes, des Invaliden Sch., hat sich seine Säjährigc Tochter Agnes, die mit ihrem Vater zusammen in der Heimstraße 23 wohnte, m i t Gas vergiftet. Man sand am Freitag vormittag beide Leichen in der mit Gas gefüllten Wohnung auf. Aus einem hintcrlassenen Zettel schrieb die Tochter, daß ihr Bater unter schweren Qualen ver- starben sei und sie ohne ihn niäit weiter leben könne. Beide Leichen wurden in das Schauhaus gebracht. Der Weg des blinden Bruno. 31Z Roman von Oskar Baum. Die Iakobskirche war eine der neueren, keineswegs größten Kirchen der Stadt. Bruno aber, als nach wenigen Proben das erstemal den Gottesdienst begleitete, glaubte sich mitten auf einem großen freien Platz, hoch hingestellt und fern drängte sich in geschlossenem Umkreis dichte Menge und wartete neugierig, wie er sein Recht erweisen würde. Es hätte ihn, der hier auf unfehlbares Gedächtnis ohne Gnade gestellt war, verhängnisvoll verwirren können. Doch schon die präludierenden Tuttiakkorde, mit gewitterndcr Naturgewalt über die Hunderte andächtiger Köpfe durch den aufhorchenden Raum hindröhnend, überraschten ihn mit dem herrlichen Gefühl, daß er ja dies alles gar nicht allein tat, daß er nur eine der Zungen, der Pfeifen, Röhren, der Tasten, der tragenden Lustwellen war. Und geschah es, daß er anfangs in der Scknelligkcit ein- mal eine Register daneben zog, oder einen Augenblick im Tempo mit dem Chor auseinonderkam, erschrak er nicht gleich zu Tode: er brachte es leicht wieder in Ordnung. Fräulein Bilma konnte kaum reden, wenn sie ihn manch- mal nach Schluß von seiner Orgelbank holte. Hilflos zuckte ihr Atem, erfolglos unter Tränen lächelnd über die grundlose Erregtheit. Musik sei für sie immer ein berauschendes Getränk und gar Orgel! Ihr Vater, ein Monist, hatte sie fern von der Kirche erzogen. Bruno wußte besser, was es war. Sie dachte nicht an das böse schwere Opfer, dachte nicht daran, daß sie sich aus- schloß aus ihrer Welt, aus dem, was ihre Freude, ihre Bestimmung war, ohne daß ausdrücklicher äußerer Zwang ihr half. Bruno haßte die ärmliche, harte, von Ordnung und Nüchternheit säuerlich riechende Wohnung und den ewig nörgelnden, moralisierenden Vater mit seiner unabsehbaren Krankheit, der die glücklichen Zukunftsbilder dieser Jugend aussaugte und auffraß. #« • Bruno Nagle öfters vor ihr über seine Abhängigkeit anläßlich eines herrlichen Konzertprogramms oder einer auserlesenen Aufführung in der Oper. Er wußte, wie schwer es für sie war. sich abends freizumachen. Er verheimlichte ihr deshalb lange, daß er sich schon allein in der Stadt zurecht- finden konnte, Es war eine Freude, neben ihr zu sitzen, wenn alles in ihr mitsang, sie sich und der Welt fern, nur Wille dieser Töne schien. Wie sie unglücklich war, wenn etwas auf der Bübne schlecht gemacht wurde, namentlich ihre eigenen Partien! Und wie sie, ganz heiß von kindlichem Vergnügen, außer sich geriet, wenn sie es sich genau so gedacht hatte oder neues nach ihrem Sinn war! Bruno mußte lächelnd an Lizzis Ausspruch denken: Sie wird nie eine Künstlerin: sie hat ja gar keinen Neid, keine Eifersucht! Am schönsten war immer der Heimweg durch die Nacht- stille: manchmal im knirschenden Schnee, der den Straßen viel von ihrem Stadtcharakter nahm. Sie war ganz still vom Glück der losgelösten Stunden, das sie nun mit sich nahm in den Kummer, die Arbeit und Sorgen ihrer Tage. Sie hätte die dumpfe, hoffnungslose Luft zu Hause wohl ohne solche Hilfe nicht ertragen! Sie brachte es dahin, wenn sie im stillen Krankenzimmer Partituren las, ihre Stimme zu hören, ihre Gestalt mit allen Bewegungen aus der Bühne vor sich zu sehen. Lizzis erstes Auftreten in der Staatsoper war eine Sensation. Es war journalistisch und gesellschaftlich umsichtig vorbereitet und wurde in richtiger Weise ausgenützt. Ein neuer Stern, eine große Hoffnung! Vergeblich! Sie trat kein zweitesmal wieder auf, ob- gleich sie auch keine andere auswärtige Anstellung annahm: sie zog sich ins Privatleben zurück. Niemand konnte es sich erklären. Liptus, so hieß es, habe das Haus voll hungriger Augen, die Blumen und Briefe am Morgen, ihre verschiede- nen Stellungen in den Schaufenstern der Photographen rasend gemacht, und sie habe ihm versprechen müssen, die Bühne nicht mehr zu betreten. Womit er sie zu solch einem Opfer bewogen hatte, wußte man nicht. Die Mutter, auf die der strahlende Debuterfolg nur wenig gewirkt hatte, erschrak über diese Wendung sehr: sie hatte früher davon Kenntnis als alle anderen, war ganz fasfungs- los. Bruno drang in sie: aber sie wollte lange nicht zugeben, daß ein besonderer Grund vorlag. Sie hatte seinerzeit einen Teil der Schulden, um Lizzi beim Studium mit Sorgen nicht allzu sehr zu beschweren, vor ihr verheimlicht, und die Gläu- biger, immer mit dem kommenden Erfolg oertröstet, sahen sich nun genarrt und wurden rücksichlslos.„Was, wenn sie sich an Lizzi wenden? Sie drohen damit,' klagte sie,„das könnte ihr in ihrer jetzigen Lage alles verderben!" In ihrer jetzigen Lage? dachte Bruno, was wußte denn die Mutter? Kein Mensch hatte mit ihr je darüber gesprochen! Sie wollte ihre kleine Pension verpfänden und als Wirt- fchafterin in Stellung gehen. Sie könnte die Arbeit noch sehr gut leisten! Aber die Leute sahen so sehr aufs Aeußere: sie war allen zu alt. Bruno wurde das Herz schwer: Hatte er je schon bei seiner Arbeit an anderes als an sich selbst gedacht? Seit Kröß ihm von dem, was er konnte, nichts mehr zu geben hatte, war er zur höheren Ausbildung bei einem großen Meister, einem bekannten Komponisten. Eine Stunde kostete so viel, wie er in einer Woche oerdiente. Aber nun war es wohl an ihm, auch etwas zu leisten! Der alte Herr in der Iakobskirche übergab feine Orgel noch nicht so bald, wie es den Anschein gehabt hatte: doch Bruno konnte längst die ersten Jahrgänge im Klaoierspiel schon selbst unterrichten. Freilich war es nicht leicht, Schül.er zu finden. Mutter, Bilma, Kröß warben in weitem Be- kanntenkreis. Der Blinde mußte erst seine Fähigkeit durch Ergebnisse beweisen. Den begabten Knaben einer Waschfrau, den ihm Kröß einmal gebracht hatte, hatte er nach kaum einem Dreivierteljahr dem Konservatoriumsdircktor vorgeführt und konnte sicher sein, daß ihm die Gründung einer Musikschule bewilligt würde und er um Schülerzuspruch sich nicht würde sorgen müssen.. Aber das war Hoffnung für spätere Zukunft. Er wendete sich an Schorsch, den Korkstöpsel, den tüchtigen Kameraden aus der Blindenanstalt, der sich als„Salonpianist" schon eines güien Rufes erfreute. Der führte Bruno in Wirtshäusern am Rande der Vorstadt mit zahlungskräftigem Publium ein, wo er die Nacht durch in Lärm und Schweiß und Staub zum Tanze aufspielte. Aber das genügte bei weitem nicht: Bruno mußte sich noch nach anderem umsehen. Er begleitete bei vornehmen Tanzstunden. Kränzchen, Haus- bällen, half in einem Kabarett aus, versuchte es eine Zeitlang im Kino. Er brauchte dazu immer neues, immer wechselndes Pro- gramm, und Vilma, die ihm bei der Einstudierung half, war seit einem beim Vater neueingeschlagenen Heilverfahren ganz ans Haus gebunden. Da saß er denn oft bis tief in die Nacht bei ihr, von eigener Müdigkeit und den Schwierigkeiten der raschen und genauen Arbeit so benommen, daß er nicht bemerkte, wie schwer Vilma, erschöpft von ihrem langen Tag, zuweilen ihre Aufmerksamkeit für die Arbeit beisammen halten konnte. Der Vater, durch Beruhigungsmittel nach argen Schmer- zen in einem Dämmerzustand, unterhielt sich In seinem Lehn- stuhl am selben Tisch halblaut mit längst verstorbenen Jugend- freunden und Verwandten.(Fortsetzung folgt.) Noüerne �eiztechnik. Das Fernheizwerk Charlottenburg. Die Ersetzung des Stubenofens durch Zentral- Heizung war ein Fortschritt, der zu den Kleinwohnungen der un- bemittelten Bevölkerung nur erst vereinzelt hat vordringen können. Inzwischen hat die Heiztechnik sich so weiterentwickelt, daß bereits an Ersetzung der Hauszentralcheizungen durch Fern- heizwcrke gedacht wird.' Das Charlottenburger Fernheizwerk, das aus einer zunächst für die Rathausbeheizung geschafsenen Anlage zu einer allgemeinen Wärinelieferungsanlage erweitert wird, ist in Groß- Berlin ein Anfang dauernder Wärmelieferung für Wohnhäuser. Die Berliner Clektrizitäts-Werke A.-G. liefert von ihrem Kraftwerk Charlottenburg, dem das Fernheizwerk angegliedert ist, Dampf für die Beheizung öffentlicher und privater Gebäude. Nach Fertigstellung des ersten Bauabschitittes des von der BEWAG gebauten Fernheizwerks werden seit Anfang Oktober 32 Gebäude von dort aus beheizt, 23 städtische, 2 staatliche, 7 private, im einzelnen: 1 Rathaus, 1 Krankeichaus, 1 Stadtbad, ö Schulen, 15 Ber- waltungsgebäude, Turnhallen usw. und 7 Wohnhäuser. Der Dampf wird aus den Hochdrucklurbincn des Kraftwerkes mit 2 Atmosphären Spannung entnommen und durch in Beton kanälen liegende Straßenleitungen von 300— 400 Millimeter Durchmesser, wovon seit Eiche Juni bis jetzt 5000 Meter verlegt worden find, zu den Verbrauchsstellen geleitet. Einstweilen reicht die Anlage aus zur Versorgung von noch weiteren 70 vierstöckigen Wohnhäusern. Nach dem vollen Ausbau dieses ersten Fernheizwerkteiles würde das Gebiet zwischen Spree st raße, Goethe st raße, Har- denbergstraße. Wilmersdorfer Straße mit Wärme beliefert werden können, aber hiermit wäre die verfügbare Abwärme aus dem Kraftwerk noch nicht erschöpft. Die BEWAG denkt bereits an eine Fernbehcizung auch der Gegenden am Lietzensee und am Kurfürstendainyi und prüft zurzeit, wie weit sie möglich sein wird. Dem Fernheizwerk sind Dampfheizungen und auch Warm- wasserheizuitgen und Warmwasserbereitungs- anlagen angeschlossen. Von Fernheizwerken, die in anderen Städten bereits eingerichtet find, unterscheidet sich das Charlotten- burgcr Fernheizwerk dadurch, daß es Wärme auch im Sommer zur Warmwasserbereitung liefern wird. Der Bezug von Wärme aus dem Fernheizwerk bietet den Vorteil, daß die Wärmebeschaffung billiger wird als bei einer Hauszentralheizung oder gar bei Ofen- Heizung und Herdfeuer. Die Ersparnis wird auf 10— 15 Prozent geschätzt. Man kann die Wärmezufuhr je nach Bedarf einstellen oder abstellen, während Oefen und Herde mit Brennstoff oft über Bedarf gefüttert werden. Das Fernheizwerk liefert Dampf bei Tage und bei Nachtt. Der Druck regelt sich automatisch, und der Verbrauch wird an dem sich bildenden Kondenswasser gemessen, das durch einen Messer geht.% Der Raubmord in Neukölln. Der Angeklagte will nicht die Tat gestehen. Die Vernehmung des Angeklagten wie auch die Beweisaufnahme ergaben eine Reihe äußerst belastender Momente gegen den An- geklagten Schuhmann; sie verdichteten sich gegen Ende der Sitzung derart, daß der Vorsitzende, auf Anregung der Verteidiger, den An- geklagten ermahnte, die Tat zu gestehen, falls er sie wirklich b«- gangen haben sollte. Schuhmann erklärte jedoch mit aller Bestimmt- heit, mit der Tat nichts zu tun zu haben. Die Ermahnungen des Vorsitzenden werden allein schon aus der Vernehmung der Zeugin Böhle verständlich. Es war dieselbe Frau, die in den Keller trat, in dem sich die Geschäftsräume des ermordeten Wurzel befanden, als der Mörder noch da war. Er fiel über die Frau Böhle her, packte sie am Hals, warf sie zu Boden und schlug auf sie mit einem Gegenstand«in. Als sie aus ihrer Bewußtlosigkeit zu sich kam, sagte sich zu ihm: Ich bin doch zu Wurzel gekommen, was wollen Sie von mir? Er erklärte ihr, e r s e i W u r z e l. und sie solle sich ruhig verhalten, sonst würde er sie töten. Sie schloß die Augen, hörte ihn rascheln, dann mit einem Menschen sprechen, der an die Tür klopfte, und schaute ihm nach, als sie merkte, daß er davonzugehen beabsichtigte. Sie sah einen mageren jungen Menschen mit einem weichen, modernen Hut auf dem Kopfe und einen modernen anschließenden Mantel. Obgleich der Täter damals ohne Brille war, erkennt die Zeugin jetzt in dem Angeklagten den- selben Mann, der sie gewürgt hat. Nebendem auf dem Boden liegenden Wurzel will sie ein Beil gesehen haben. Noch belastender gestal.cte sich das g e r i ch t l i ch- in e d l z i n i s ch e Gutachten des i/r. H o m m e r i ch Der Getötete wies drei schwere Kopf- Verletzungen auf: an der Stirn, am rechten Scheitelbein und am Hinter- köpf. Von besonderer Bedeutung ist der Umstand, daß oberhalb der Stirnwunde sich eine kleine bogenförmige Verletzung der oberen Hautschichten befand, die eine Spannweite von 1, 5 Zentimeter aufwies. Der Stiel des Schuhmanns Wirts- leuten gehörigen Beiles trug aber an seinem oberen Ende, das ein Stückchen über das Beil hinausragte, einen Metallbeschlag von gleicher Spannweite. Die kleine bogenförmige Hautverletzunq soll nun von diesem Metallbeschlag herrühren. Als nun der Vorsitzende in Anbetracht der schwer belastenden Tatsache des Vorhandenseins dieser kleinen Stirnwunde den Angeklagten ermahnte, der Wahrheit dic Ehre zu geben, erklärte, er daß es w o h l n i ch t d a s e i n z i g e Beil dieser Art sei, und daß er dieses Beil nie in den Händen gehabt habe. Von Bedeutung war noch der Teil der Aussage des Kriminalkommissars Werneburg, der die Herkunft der vom Angeklagten am 24. Dezember verausgabten 100 Mark be- handelte. Der Angeklagte hatte behauptet, er habe das Geld von feinem Onkel erhalten. Das erwies sich als falsch. Ein an seinem �sskel geschriebener Brief belastet den Angeklagten außerordentlich. Die Verhandlung dauert heute fort. Eröffnung emer internationalen Eisenbahnkonferenz. � Die internationale Konferenz über den Personenverkehr £ er,:ner Osten— Europa ist am Freitag nachmittag in einem riestsaal des ehemaligen Herrenhauses in Gegenwart von rund 10 0 Delegierten aus 13 Staaten eröffnet worden Die Konserenz ist von großer Bedeutung sowohl für Europa als auch für die asiatischen Länder, da sie den durch den Weltkrieg zerstörten 3 � d e n Eisenbahnverkehr von den westeuro- paischen Ländern bis nach dem fernen Osten wieder herstellen und noch erweitern soll. Aus der Anwesenheitsliste ging hervor, daß folgende 13 Staaten vertreten sind: Deutschland, Oesterreich, Frank- re>ch. Belgien, Rußland, Polen, Japan. China. Tschechoslowakei, Italien, Estland. Lettland und Litauen. Nach einleitenden Worten des stellvertretenden Direktors des Volkskommissariats für das Ver- kehrswefen in Moskau S ch o u k h o f f hielt der Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn Dr. Dorp müller eine Vegrühungs- anspräche, in der er die Wichtigkeit der Bölkerverbindung zwischen Europa und dem fernen Osten betonte. Das gemeinsame Bestreben, die durch den Krieg zerstörten internationalen Verbindungen wieder aufzubauen und in jeder Weise zu erleichtern, hat in den letzten Iahren die Vertreter der Eisenbahnen aller Länder immer wieder erfolgreich zusammengeführt. Iir normalen Zeiten benutzen in jedem Monat 10 000 Menschen den Weg zwischen Europa und dem fernen Osten Es gilt, eine 4ötägige Seereise durch eine zwölftägige Eisen- bnhnfahrt zu oerkürzen. Man trat sodann in die Beratungen über das sehr umfangreiche Programm ein. die etwa 14 Tage in Anspruch nehmen dürsten. Ein Berliner Betrüger in der Schwei, verhaftet. Auf Grund eines Steckbriefes der Berliner Kriminalpolizei tonnte am Donnerstag vormittag in F l u m s im Schweizer Kanton St. Gallen der 29jährige Berliner Bankbeamte Ernst Müller verhaftet werden. Müller hat als Kassierer des Bankhauses M a r c u s 30 000 Mark»unterschlagen. Als er mit Entdeckung rech- nen mußte ging er flüchtig und trieb sich seitdem in oerschiede- nen Städten der Schweiz herum. weil öer Richte Schwere Richterbeleidigung- Vor dem erweiterten Schösfengericht Berlin-Mitte hatte sich gestern der 71jährige frühere Gutsbesitzer und spätere Opernsänger und Konzertmeister Ritter Robert Hans Voigtländer wegen Beleidigung des früheren Vorsitzenden der Ehescheidungskammer des Landgerichts III, Landgerichtsrat Dr. Rosenthal, zu verantworten, weil er denselben in mehreren Zuschriften und auch in Eingaben an den Landgerichtspräsidcnten, Kammergerichtspräsidentcn und den Justizminister der Rechtsbeugung beschuldigt harte. Der alte Herr hatte mit 6 8 Jahren nochmals geheiratet. Die späte Ehe war aber unglücklich, und es wurde von beiden Seiten Ehescheidung beantragt. Die 3. Zivilkammer hatte die Ehe geschieden und den Angeklagten als den schul- d i g e n Teil bezeichnet. Das Kammergericht halte jedoch das Urteil in mehreren Punkten abgeändert und beide Teile als schuldig erklärt. Der Angeklagte hatte nun nach Erledigung des Ehc- scheidungsprozefses an den Richter Briefe geschrieben, in denen er ihn der Parteilichkeit. Unfähigkeit und O b e r f l ä ch- l i ch k e i t beschuldigt. Als darauf nichts erfolgte, hatte er gegen sich selbst ein Strafverfahren beim Landgerichtspräsi- denten verlangt. Auf den Bescheid, daß kein Anlaß zum Einschreiten vorliege, kam"er mit schwererem Geschütz und behauptete, daß eine Rechtsbeugung gegen ihn verübt worden fei. Nunmehr erreichte er seinen Zweck und wurde ange- klagt. Er verteidigte sich damit, daß er im allgemeinen Interesse diesen Richter, unter den die Ehescheidungslammer in den Ruf dieser gefürchteten Kammer gekommen sei, anklagen wolle. Im übrigen seien alle drei Richter schuldig, die ein falsches Urteil bewußt gefällt hätten. Auf die Frage des Amts- gerichtsrats Koßner, was Ländgerichtsrat Rosenthol für einen Grund zu einem pflichtwidrigen Verhalten gehabt haben soll, erwiderie der Angeklagte:„Das licgc in der Gegensätzlichkeit zwischen Demokrat und Aristokrat."— Vors.: Woher wsssen Sie, daß er Demokrat ist?— Angekl.: Ich nehme es an. Die Demo- kraten sind die schlimmsten Feinde der Aristokraten.— Vors.: W-m: Sie aber hören, daß Landgerichtsrat Dtz. Rofenthal lediglich zulegt bei der mündlichen Verhandlung, in der der Verkündungstermin ein- gesetzt wurde, den Vorsitz geführt hat und daß die Beweis- aufnähme und die Ausfertigung des Urteils von einem anderen Richter vorgenommen'' worden ist, der Mitglied der Deutfchnationalen Bolkspartei ist, dann bricht doch Ihr ganzes Gebäude zusammen.— Angckl.: Landgerichtsrat Dr. Rofenthal hat mich in der Verhandlung immer höhnisch angeblinzelt, und er hat dann auch seinen lokalen Macht- willen den anderen Richtern aufgezwungen. ' ein Jn&t war! Ein Justizrat als Anstifter? Der als Zeuge vernommene Landgerichtsrat Dr. Rosenthal erklärte, daß es ihm gleichgültig sei, ob ein Demokrat oder Aristokrat vor der Kanimer erscheine. Auf die Frage des Angeklagten, waruni er nicht auf feinen Brief gleich Strafantrag gestellt habe, erklärt der Zeuge:„Weil ich den Eindruck hatte, es mit einem tranken Manne zu tun zu haben. Der Angeklagte stand mir genau so fern wie die Ehefrau." Der Angeklagte bat sich besonders auf I u st i z r a t Schmielinski aus Charlotten bürg berufen, der mit ihm in ein und demselben Hause wohne und der in Briefen bestätigt hätte, daß Dr. Rosenthal eine Rechtsbeugung als Demokrat verübt habe. Er habe ihn auch veranlaßt, an den Landgerichtspräsidenten zu schreiben und von Zuständen beim Landgericht III zu sprechen, die in der Regerrepublik Liberia höchstens enifchuldbar wären. Iustizrat Schmielinski, der dann vernommen wurde, mußte zugeben, daß er dem Angeklagten einige Briefe geschrieben hat. Nach der Abänderung des Urteils durch das Kammergericht hatte er ge- schrieben:.„Hoffentlich steckt sich Landgerichtsrat Dr. Rofenthal dieses - Urteil hinter die Ohren und hoffentlich wird die Urteilsbegründung seinem Gehirnkasten näherkommen." In einem zweiten Brief von vier Seiten Länge schreibt er:„Das Urteil der Zioilkammer ist nicht von einem deutschen Rick-ter gemacht, sondern von einem jüdischen Demokraten. Die Entscheidung der I. Instanz ist nur zu er- klären durch die Borniertheit der Kammer und die falsche Einstellung eines jüdischen Demokraten gegen einen deutschen Aristokraten." Justizrat Schmielinski gab zu. die Briese zwar geschrieben zu haben, es sei aber nicht seine Idee gewesen, sondern er habe nur die Ideen des Angeklagten übermittelt. Der Vorsitzende drückte dagegen die Ansicht aus, daß dieseBriefedieGedankcngängeeines Juristen, nicht aber eines Laien enthielten. Iustizrat Schmielinski erklärte daraufhin weiter, er sei bei dem zuständigen Landgerichts- Präsidenten vorstellig geworden, Dr. Rosenthal nicht mehr mit der Sache zu betrauen, da dieser nicht imstande sei, objektiv zu richten. Den Vorwurf bewußter Rechtsbeugung wolle er Dr. Rosenthal allerdings nicht machen. Aui Antrag des Staats- anwalts wurde dann Iustizrat Schmielinski als Zeuge nicht vereidigt, da gegen ihn der Verdacht zur Anstiftung der Tat bestehe. Staatsanwalt van Haut gab außerdem die Erklä- rung ab, daß der Anwalt sich wegen seines Vorgehens noch zu ver- antworten haben werde. Das Gericht verurteilte den Angeklagten wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe von 300 Mark. An sich wäre die Höchststrafe am Plage gewesen, da von den Vorwürfen gegen Landgerichtsrat Dr. Rosenthal und seiner Kammer nicht der Schatten eines Beweises erbracht sei. Nur das hohe?llter des Angeklagten habe eine Strafmilderung bewirkt. Das Vorgehen des Angeklagten fei zudem auf Iustizrat Schmielinski zurückzuführen, der als alter Jurist leichtfertig gehandett yabe. Oeffentl.Werbeversammlungen heute, Sonnabend, den 2Z. Oktober: Bohnsdorf: 7 Uhr im Lokal Sorge, Rahnsdorfer Mühle. Referent: Professor Dr. Reinhard Strecker. Kaulsdorf-Süd: TA Uhr im Restaurant„Jägerheim". Referent: Franz von Puttkamer. Blankenburg: 7� Uhr im Lokal Klug, Dorfstr. 2. Referent: Erich Kuttncr, M. d. L. Männer und Frauen, erscheint in Massen! Die Werbung geht weiter! Abend für Abend finden unsere Wcrdeveranstaliungen statt, und sie stellen in denjenigen Stadtteilen den stärksten Magneten des Abends dar. In Massen erscheint die Bevölkerung. Zahlreiche Aufnahmeerklärungen und Abonnements auf den„Vorwärts" sind das praktische Ergebnis. Die Parteigenossen der 8. Abteilung des Kreisoereins Tiergarten veranstalteten gestern abend einen Werbeumzug und anschließend eine Versammlung im Nationalhof, Bülowstraße. Schon als der Zug unter Vorantritt eines Tambourkorps und einer Musikkapelle durch die Straßen marschierte, sammelten sich in statt- licher Anzahl Passanten, bie den Zug begleiteten und auch an der Versammlung teilnahmen. Nach andcrthalbstündigem Ummarsch zogen die Genossen in den Vcrsammlungssaal ein, und dort sprach im gut besetzten Saal Genosse L e m p e r t über den Kampf um die politische Macht. Nach einem kurzen geschichtlichen Rückblick legte Genosse Lempert Ziel und Aufgaben der Partei dar und verband damit eine Ausforderung, sich der Partei anzuschließen, denn eine Arbeiterpartei, die Erfolg haben will, muß eine Masscnpartei sein. Sehr beachtet wurden die erläuternden Ausführungen des Genossen Lempert über den Fürstenvergleich und die Regierungs- tätigkeit der Sozialdemokratie. Eine Ablehnung des Ver- gleich? hätte das Zerbrechen der preußischen Koali- t i o n zur Folge gehabt. Damit wäre das starke Bollwerk der zuverlässigen Schutztruppe verschwunden und bei Zeiten wie 1923 wäre die Sicherheit Preußens und des Reiches gefährtet. Zu einer eindrucksvollen Kundgebung gestaltete sich gestern abend der Werbeumzug unserer Tegeler Genossen, unterstützt von den Genossen des Reichsbanners Reinickendorf. Der Zug nahm unter Vorantritt von zwei Musikkapellen seinen Weg vom Bahnhofsplatz durch die Straßen Tegels und endete am Kirchplatz, wo Genosse Krüger in einer kurzen Ansprache auf die Bedeutung unserer Werbevcranstaltungen hinwies und die Notwendigkeit der Stärkung unserer Partei betonte. Unterwegs stießen zu dem Zuge. der zahlreiche Transparente und Fahnen mit sich führte. Hunderte hinzu, die unsere Flugblätter und Schriften freudig entgegennahmen. Einige unentwegte Kommunisten konnten es nicht unterlassen, neben dem Zuge herzulaufen und dumme Redensarten zu führen. Sie fanden mit ihren Mätzchen keinen Anklang. Die„Bewag" wird Stromlieferant für die Stadtbahn Am gestrigen Freitag fanden erneut Verhandlungen zwischen der Reichsbahngeselllchaft und der Direktion der Städtischen Ber- liner Elektrizitätswerke über die Stromversorgung der Stadtbahn, deren Elektrifizierung nunmehr in Angriff ge- nommen worden ist. statt. Es handelte sich bekanntlich darum, ob es möglich fein würde, zwischen der Reichsbahn und der„Bewag" zu einem annehmbaren Stromlieferungsvertrag für diese Zwecke zu kommen, oder ob die Reichsbohngesellfchast erwa durch die Er- richtung eines eigenen Kraftwerkes zu einer günstigeren Strom- lieferung gelangen würde. Das Großkraftwerk Rummelsburg hatte auf die Versorgung der elektrifizierten Stadtbahn gerechnet. Die gestrigen Verhandlungen haben nun zu einer Verständigung dahin- gehend geführt, daß die„Bewag" in Gemeinschaft mit den Elektro- werken in Zschornewitz den für die Stadtbahn notwendigen Strom liefern soll. Die Verhandlungen stehen kurz vor dem Abschluß, und es ist beabsichtigt, einen mehrjährigen Lieferungsvertrag abzuschließen, durch den 100 Millionen Kilowatt Strom geliefert wer- den, und zwar zur Hälfte von der„Bewag" und zur anderen Hälfte von den Elektrowerken. Das Lieferungsabkommen soll An- fang des Jahres 1928 beginnen und zum 1. Oktober 1928 zur vollen Auswirkung kommen. Das Abkommen wird, wie wir hören, im Laufe der nächsten Wochen endgültig unterzeichnet werden. Der Autobus richtet Nachtverkehr ein. Nachdem die verlängerte Polizeistunde in Kraft getreten ist, wird von den Berliner Verkehrsunternehmungen die Aboag einen besonderen Nachtverkehr auf folgenden Linien einrichten: Potsdamer Platz— Halens«-(4), Wedding— Hermannplatz(5), Stet- tincr Bahnhof— Steglitz(8), Weißenfee. Antonplatz— Wilmersdorf. Kaiserplatz(9), Pankow, Berliner Straße— Charlottenburg. Sophie- Charlotte-Platz<11), Turmstraße, Ecke Gotzkowskystraße— Neukölln. Hermannplatz(19), Stephc-nplatz(Moabit)— Bahnhof Lichtenberg- Friedrichsselde<20). Westend(Krankenhaus) über Zoo durch Fr«- denau nach Zehlendorf(Bahnhof Mitte. Rathaus) und Pankow. Breite Straße— Neukölln, Hermannplatz(29). Nach dem Fahrplan, der in der Nacht vom Sonnabend auf Sonntag, 23. auf 24. Okio- ver, in Kraft tritt, fahren auf den einzelnen Linien die ersten Wagen von den Endhaltestellen kurz nach 1 Uhr ab, die letzten Wagen zwischen 3 und 4 Uhr. Die Fahrtabstände betragen 10 bis 20 Minuten, auf der Linie Potsdamer Platz—-Halenfce 5 bis 10 Minuten: auf der Linie 5, Stettiner Bahnhof— Steglitz, wird in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag ein durchgehender Be- trieb eingerichtet. Ein„Farmfabrikant" vor Gericht. Ein Kautionsschwindler stand gestern in dem 3SjShrlgen Kaufmann Hermann M a t t e r n vor dem Erwetterten Schösfengericht Neukölln. Der Angeklagte hat ein wcchseloollcs Leben hinter sich. Bei Kriegsausbruch wurde er in Amerika interniert und kam erst im Jahre 1919 nach Deutschland zurück, nachdem er in Nordamerika angeblich Beziehungen zu großen Firmen angeknüpft hatte. Mit einem Geschäft, das er hier betrieb, geriet er in Konkurs und ver- büßte in den Jahren 1922 bis 1926 eine Gefängnisstrafe von 5 Jahren wegen Konkursverbrechens. Erst am 16. Juni dieses Jahres wurde er aus der Haft entlassen. Sofort setzte er ein großangelegtes Schwindelmannöver in Szene. In Inseraten suchte er Mit- arbeiter, die sich an der Gründung einer„Deutschen Kolonie:n Be- nezuela" beteiligen sollten. Auf das Inserat hin meldeten sich lehr viele Bewerber. Mattern schilderte den Bewerbern die Slusfichten, die ihnen dort drüben blühen sollten, in den reizvollsten Farben. Die Kosten der Ueberfahrt wollte er übernehmen. Das Geld dazu sollten ihm seine bekannten nordamerikanischen Firmen liefern. 150 Kilometer südlich von Bolivia wollte Mattern große Plantagen und Farmen begründen. Zuerst sollten die Bewerber dort aus einer Landwirtschastsschule Ackerbau lernen, dann sollten sie mit Ein Hohn auf den Bubikopf ist struppiges und widerspenstiges Haar, das von der viel gepriesenen jugendlichen Anmut nicht das geringste ahnen läßt und zugleich abschreckend zeigt, wohin die Vernachlässigung der Pflege führt. Da giht's nur eine Hilfe: regelmäßiges Waschen mit Pixavon. Pixavon gibt dem Haar schimmernden Glanz und die< Geschmeidigkeit, die den eleganten Sitz der Bubifrisur ermöglicht. ! Keine der gewöhnlichen flätsigen § Teer seifen hat auch nur annähernd die Wirkungen von Pixavon, Bestehen Sie fest auf„Pixavon"(nur in geschlossenen Originalflaschen), sowohl für die häusliche Haarwäsche, wie auch für die im Frisiersalon. Fordern Sie kostenlos von uns Abbildungen neuer Buben- hopf schnitte für Winter 1926. LINGNER-WERKE ■■ Dresden Art und Spatsn das Land urbar machen. Bei einem guten Gsyalt wurde ihnen ein herrliches Leben prophezeit. Nach fünf Jahren sollte jeder Auswanderer eine Farm verwalten und dann schließlich als Eigentum erhalten. Der Angeklagte verlangte von seinen Bc- wcrbcrn eine..Sicherheit" in Höhe von 120 Mk Vorsichtshalber erkundigten sich aber einige der Bewerber bei der Äesaiidtschiit von Venezuela, die das Unternchnien als Schwindel bezeichnete. Vor Gericht hatte sich Mattern wegen Betruges tnd wegen An- Werbern von Auswanderern ohne'behördliche Genehmigung zu verantworten. Der Staatsanwalt beantragte eine Gefängnisstrafe von einem Jahr sechs Monaten: das Gericht verurteilte ihn zu 10 Mo- naten Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft. „Kleine Fuwenöunqen." Zwei Postbeamte und ein Betriebsleiter verhaftet. Die Kriminalpastdienststells hatte ermittelt, daß zwei Postbeamte, der 32 Jahre alte technische Oberpostsekrctär Richard Mareskc aus der �Anncnallee 2 zu Köpenick, und der technische Oberpost- sekretär Friedrich Groenandt aus der Kurischen Straße 21, ein Mann von 60 Jahren, der seil 30Iahren im Po st die nlt stehi, von dem Vorsteher der Zweignie'-rlassang der Dentz-Motoren- Aktiengesellschaft, dem Obering-nienr ch u g o G o s s i n g aus der Iohanna-Stegen-Straße 22 zu Steglitz, dauernd Schmiergelder � erhielten. Die Bestechungen Mareskcs reichen bis in das Jahre| 1921 zurück, bei Groenandt begannen sie etwas sniite-\ D'e Ober-! »ostdirektion Berlin stand seit 1921 mit Deutz-Motorcn in Verbindung. Sie erhielt von ihr nicht nur Motore, sondern auch Oele geliefert. Mare-ke hatte hauptsächlich mit Motoren zu tun. Die Geldlieferungen wurden von Groenandt besorgt. Mareske er- hielt nun für jede Lieferung 5 bis 1 0 P r o z. des Wertes der gelieferten Ware und für jede Montagestunde, die Angestellte der Firma in feinem Auftrage leisteten, 20 Pfennig. Groenandt bekam für Oelbestellungcn ebenfalls 10 Proz. des Wertes der ge- lieferten Mengen. Die Beschuldigten leugneten anfangs jede Be- stechung. Nach einer Durchsuchung der Wohnung Mareskes räumte dieser schließlich ein, mindestens 4000 Mark erhalten zu haben. In Groenandts Wohnung fand man ein B a n k b u ch über 15 000 M. Bareinlage und Aktien im Wert« von ebenfalls IS 000 M. Er be- hauptetc zunächst, daß er das Geld alles durch Spekulationen er- worden habe. Die Beschuldigten waren schließlich geständig. Gosiing behauptet, daß die beiden Postbeamten an ihn herangetreten seien. Er habe ihnen auch nicht Provisionen oder Schmiergelder gegeben, sondern nur kleine Zuwendungen gemacht, um sie zu ver- anlassen, geringe Mängel bei den Lieser ungen nicht sofort weiterznmelden, sondern sich um Beseitigung zunächst an ihn zu wenden. Die beiden Beamten dagegen erklären übereinstimmend, daß sie von Gossing zur Annahme von Schmiergeldern verleitet worden seien. Die P o st v e r w a l t u n g ist kaum oder gar nicht geschädigt. Gosiing hat die Zuwendungen auf Kosten der Firma gemacht nur, um die Aufträge überhaupt zu bekommen. 7000 Dutzend Krawatten als Diebesgut. Eine Reihe großer Konfektions- und Pelzwareneinbrüche, die in der letzten Zeit verübt wurden, ließen erkennen, daß eine gut organisierte Bande von mehreren Mitgliedern am Werke sein mußte. Nach langwierigen Beobachtungen ist es gelungen, vier Einbrecher festzunehmen. Die vier Verhafteten haben bisher sechs große Einbrüche in Konfektions, und Pelzwarengeschäften zugegeben. Aus ihr Konto kommt zum Beispiel auch der Einbruch an der Svan- dauer Brücke, bei dem sie nicht weniger als 7000 Dutzend seidene cherrenkrawatten erbeuteten. Der Grohstadtverbrccher. Unter den vielen Vorträgen, die im Rahmen der Polizeiaus- stell ung gehalten wurden, ist der des Leiters der Berliner Mors- kommission. Kriininalrat Gennat, über den Großstadtverbrecher. erwähnenswert. Gennat Ichildertc die Wandlungen, die in der Ver- brecherzunst vor sich gegangen sind. Die Ganoven haben sich im höchjten Matze spezialisiert. So entstand der Fassadenkletterer, als die Tür derart geschützt wurde, daß dlirch sie ein Eintritt i» die Wohnung unmöglich wurde. Auch der„S ch l ü s s e l k a v a l l c r", der mit dem Dienstmädchen anbandelt, um auf diese Weise in die Wohnung hineinzukommen und sie auszuzilllndern, ist neueren Datums. Das Publikum, das seine Kenntnisie über Perbreäzerbekämp- fung i>i erster Linie aus den D e t e k t i v r o ni a n c n schöpft, besitzt ganz falsche Vorstellungen von der Arbeit der Kriminalbeamten und von der Eigenart der Verbrecher. Der Verbrecher bietet nicht selten de» Typ des ausgesprochenen Kavaliers. Das Verhältnis des Kri- ininalbeamten zum berufsmäßigen Verbrecher ist gerade durch den Umstand, daß gewisse Beamte sich stets mit denselben Verbrechens- arten befassen, oft ein sehr zutrauliches. So konnte Kriminalrat Gennat einen Brief verlesen, in dem ein Kollidieb nach Verbüßung seiner Strafe sich an ihn mit der Bitte wandte, ihm Arbeit zu bcsor- gen. In einem andere!. Brief bedankle sich ein betnmitcr Mörder für die gute Behandlung, die ihm durch den Kriminallomniissar und dessen Beamten zuteil geworden war. Zur Jllustrierung des Vor- träges zeigte 5lriminalrat Gennat eine Reihe höchst intercjfantcr Lichtbilder. «30 t R«00 000. Im Jahre 1905 war der Bielefelder Geistliche v. Bodelschwingh daran gegangen, zur Behebung der Not der Obdach- und Arbeits- losen auch in Berlin Slrbeiterkolonieir zu gründen. Es wurden zwischen Bernau und Rüdnitz die Kolonien Hoff- nungstal, Gnadcntal und Lobetal angelegt, deren kirchlich-konfcsjioncller Charakter für unser Empfinden allzu auf- dringlich sich bereits in den Namen äußert. Die Unternehmen hotten in Kriegs- und Inflationszeit sehr zu kämpfen, aber heute sind sie bereits wieder so weit, daß ihr Leiter, Pastor Braun, in Berlin, seinen Vororten und im Lande mit einem Filmoortrag reisen kann, um. vor einem fast immer nur kirchlich interessierten Kreis über das Werk zu berichten. Die durchaus schlichte, offene und natürliche Art des Redners, der glücklicherweise jeder Phrase abhold zu sein scheint, und der außerordentlich geschickt und ei». drnckevoll gearbeitete Film sind Anlaß, darüber mit einigen Wor- ten zu sprechen. 650 Arbeits- und Obdachlose können die drei Kolonien im Norden Berlins unterbringen, und Pastor Braun gibt ohne weiteres zu, daß er nicht daran denken könne, das Elend der 1 6 00 000 Arbeitslosen in Deutschland nur um ein weniges zu lindern. Trotzdem oerzagt er nicht und arbeitet in seinem kleinen Reich mit einer Anzahl Helfern welter. lieber 1000 preußische Morgen, also den Umfang eines veritablen Rittergutes, hat man dort unter Pflug und- Spaten. An fünf anderen Stellen in Deutschland sind ähnliche Kolonien entstanden, u. a. in Drei- brück bei Nauen und in R e i ch e n w a l d e bei Saarow. Wenn man eine gewisse konfessionelle Beengtheit, die ja immer noch zu wenig aus den leidenden Menschen schlechthin als auf den Christen menschen sieht, abzieht, so bleibt doch ein Werk, dem man Achtung entgegenbringen muß. Aber im Hintergerund dieses kleinen, mit Fleiß. Liebe und Freude für 650 Menschen getanen Werkes erhebt sich furchtbar, wie dräuendes Unwetter die Not der 1600000 Arbeits- und Erwerbslosen. Hier kann nur ein alle konfessionelle Grenzen überschreitender, allum- fassender Sozialwille helfen. Sin« weile« Erhöhung der Hundesteuer— in unserem Stadt- verordnetenfitzungsbericht stand Infolge eines Druck- fehlers irrtümlich: Grundsteuer— ist durch die Stadt- verordnetenbeschlüsic über den Nochtrag zum Stadthaushaltplan ü b« r f l ü f s ig gemacht worden. „lypographitl". Achtung. Sängerl Das Ständchen für Soll. Schiller am Sonnabend, 23. Ottober, findet nicht fteti. 50 jähriges Arbeitsjudiläum. Der Knohfvslierer August M o e tz, Landsberger Allee 40, begeht am ZZ.Oktober sein öOjähriges Arbeits- j u b i l ä u m bei der Knopf- und Wetallwaiensabnt Maedicke. Zuchthaus für einen CHscnbahnattentäter. Das Hirfchbcrgsr Schöffengericht verurteilte den Landarbeiter Alfred Gräbel aus Hartenberg wegen vorsätzlicher Ge- fahrdung eines Eisenbahntransports zu l'A Jahren Zuchthaus. Gräbst hatte am 14. September dieses Jahres, also einige Wochen nach dem Leiserder Eisenbahnunglück, auf der Strecke Petcrsdorf— Schreiberhau einen schweren Felsblock auf die Gleise ge- wälzt und sich in unmittelbarer Nähe hinter einem Strauch ver- borgen, um den Erfolg seiner Tat zu sehen. Cr wurde entdeckt und gab an, er habe den Felsbiock aus Die Schienen gewälzt, um einmal ein richtiges Eisenbahnunglück zu sehen. Handgranaten auf den Schienen. Wie aus Magdeburg ge- meldei wird, fanden in der Nähe des Ueberganges Zibberick— Sandkrug über die Reichsbahn Bahnbcamte an den Schienen drei Handgranaten. Die Untersuchung ist sofon eingeleitet worden. Was„Bon Mund zu Mund" gehen soll, lieber Rund,. funk, findet einen schlechten Weg vom Mikrophon zum Lautsprecher, trotz des Sprechers in der Log«, der übrigens reichlich trocken war. Also was soll sich der Funkhörer bei dem Ausspruch vorstellen:„Ein Ballett, Lzimmel und Erde verkörpernd"? In dem Stil— und in dem Deutsch bewegte sich die ganze Interpretation. Was in aller- erster Linie fürs Augs geschaffen ist, eignet sich wirklich nicht für die Uebersetzung in Schallwellen. Usbrigens wahrte der Rundfunk wieder seine hübsche Einheitlichkeit: damit man richtig für Ettes Begleitmusik am Abend präpariert war, kriegte man auch zum Nachmittagskonzert feine Kapelle zu hören, die freigebig die Musik zwischen Rossini und Nelson abgraste.— Die Frauensrngen und Fraucnsorgei', von denen die Funthörerinnen wöchentlich einmal um 4 Uhr befreit werden sollen, dursten die meisten von ihnen kaum sehr belasten. Frau Margarete Eaemmerer, die meist das Referat hält, erledigt dieie Themen alle so ausgezeichnet im Stil„besserer" Hausfraucnblätter, daß es sich eigentlich er- übrigt, überhaupt Worte darüber zu verlieren.„W a s heißt wirtschaften können?" fragt Frau Eaemmerer: aber soziale Probleme, Probleme der Arbeiterin, Der kleinen Beamtenfrau, gibt es für sie in dieser Angelegenheit nicht. Man hat nur nötig, sich gleich für die ganze Woche seinen Speisezettel aufzustellen und seinen Arbeitsplan festzulegen, dazu ein wenig Ordnung und Ueberficht— und Frau Coemmerers„trautes Heim" ist fertig. Vielleicht könnte einmal eine Frau ohne Hausangestellte, dafür aber mit einer großen .Kinderschar und einer Notwohnung Frau Eaemmerer eine Weile ihren Platz einräumen. Sehr hörenswert war der Vortrag des Geschäfts- führers A. M i r u s über„W esen und Ziele k o n f u m- genossenschaftlicher Organisation", der einen Ueber- blick über die volkswirtschaftliche Bedeutung und die erstaunliche Entwicklung der Konsumgenostenschaften gab. vss �uncZfunkproxrsmm. Sonnadenck, den 23. Oktober. Außer dem üblichen TaKOsprogrammt 12 30 Uhr nachm: Die Viertelstunde für den Landwirt. 4.30 Uhr nachm.: Marcel Proust. 1. Einleitende Worte(H. v. Wedder- kop). 2. Aus Pronsts Werken f.Iohannos'Riemann). 5—3 Uhr abends: Xachmittaffskonrert der Berliner Fnnkkapolle. Leitung; Konzertmeistor Franz v. Szpanowski. Anschließend; Patschläg-o fürs Haus. Theater- und Film dienst. 6.30 Uhr abends: San.-Rat Er. Paul Frank; Medizinisch-hygienische Planderei. 7 Uhr abends: Chetredaktenr F. Budzinski: Per moderne Bahnrennsport. 7.25 Uhr abends: General Schlee-Pascha: Aegypten nnd der Sudan.(Im Spiegel englischer Weltwirtschaft). 7 65 Uhr abends; Kommerzion- rnt Georg Hahorland: Praktische Betiachtnngen zur Wohnungsfrage. 8 30 Uhr abends: Popnliires Orchesterkonzert. Dirigent: Bruno Seidler-Winkicr. Unter Mitwirkung von Fritz Zohsol vom Stadttheater Chemnitz, Tenor. 1. Mendelssohn: Ouvertüre.Die Hebrü'.en". 2. a) Bizet: Bluraenarie aus der Oper.Carmen", b> Verdi: Mein Vater. Arie des Alvaro aus der Oper ..Die Macht des Schicksals"(Fritz Zohsol). 3. Nicode; Faschingsbilder-Snite. 4. a) Verdi: Daß nur für dich mein Iferz erbebt, Arie aus der Oner„Troubadour", b) Wascagni: Ständchen aus der Oper„Cavalleria instieana". c) Verdi; Lodern zum Himmel. Stretta aus der Oper„Troubadour"(Fritz Zohsel). 5. Job. Strauß; Kaiserwalzer(Berliner Funkorchester). 2.30 Uhr abends: Lustiger.Tacoby-Abend. Anschließend: Dritte Bekanntgabe der neueston Tagesnachrichten. Zeitansage. Wetterdienst. Sportnachrichten. Theater- und Filmdionst. 10.30—12.30 Uhr abends: Tanzmusik(Tanzorchester Etti). Königswusterhansen, Sonnabend, den 23. Oktober. 3—3.30 Uhr nachm.: Prof. Dr. Amsel, Oberschnllehrer Westermann; Einheitskurzschritt. 3 30— 4 Uhr nachm.: Hedwi» Stievo; Die Arbeit der Familienfürsorgerin. 4- 4.30 Uhr nachm.; Prof. Dr ing. e. h. Toussaint; Bernfskundo: Angelernte, ungelernte Ar- heiter und Frauen in der Metallindustrie. 4.30—5 Uhr nachm.: Das Keneste aus der pädagogischen Zcitschriftenliteratur. 5.30 bis 6 Uhr abends; Professor Mackowski: Berlin und Potsdam zur Schinkelzoit. 6—630 Uhr abends: Direktor Rehmer: Das Elektrizitätswerk in Rnmmelsbnrg. 6.30—7 Uhr abends: Dr. Küsse- raeier; Die Grundlagen neuzeitlicher Tiersenehenbekampfung. 7— 7.30 Uhrabonds: Dr. Mersmann: Die deutsche Oper von Mozart bis Sohrokcr. 7 30—3 Uhr abends: Prof. Dr. Richter: Strömungen der modernen deutschen Literaturgeschichte. 8— 8.30 Uhr abends: Prof. Dr. v. Wilamowitz-Moellendorf; Aristophanes. Ab 8.30 Uhr abends: Debcrtragung aus Hamburg. In die Fremdenlegion verschleppt? Bei dem Finanzamt in Hamborn ging von dem Steuerassistenten Weiß, der seit einiger Zeit spurlos verschwunden ist, die Mitteilung ein, daß er in die frän- zösifche Fremdenlegion oerschleppl wurde und sich bereits in Ma- rokko befindet. Er hatte gemeinsam mit seiner Frau seinen II r- laub im Elsaß verbracht und ist von dort nicht mehr zurückgekehrt. Seine Frau hat ihn zum letzten Male vor einer Bergbesteigung gesehen. �rbe!terbilöungss l i t i k". Beginn am Diens* tofl, den 2. November. Erwin Marquardt spricht über„Geschichte des S o z i a l i s mM s in der Nerganqenbeit und Gegenwart" in der Bibliothek Wcz Arbeiterbildungsschule. Lindenstr. 3. Beginn Freitag, den 5. November. Genosse Bicnstock behandelt' das Thema„Probleme der Weltwirtschaft". Hörsaal 245. Gemeindeschule, Wiesen-, Ecke Pankstraßc, Kinderaartenzimmer. Beginn Donnerstaa. den 4. November. Genosse Dr. Salo- man spricht über..Ginführuna in die Sozioloqi e". Bortragssaal in der Madchen-Mittelschule Neukölln, Douaustr. 120. Beginn ftreitag, den 5. November. Alle diese Kurse sind Arbeitsgemeinschaften und sind auf 12 Abende berechnet. Die Hörgebühr beträgt für den ganzen Kursus 2 M. Die Anmeldungen zu diesen vier Kursen müssen rechtzeitig erfolgen im Bureau des BezirksbildungsansfSmsses Lindenstr. 3. 2. Hof, 2 Tr., Zimmer S. Kurse, die in de« Kreisen fiatifinden: 4. Kreis Prenzlauer Berg- Bor- tragender Otto Kausi:„Einführung in den M a r x i s m u s". Vortrags- faal Gcmeindefchule Senefelderttr. 5. Deginn Freitag, den 5. November.— 7. Kreis Elnrlottenburg: Vortragender Genosse Dr. Schröder:„Der moderne Kapitalismus". Vortragssaal Jugendheim Eharlottenburg, Rosinen- strage 4. Beginn Donnerstag, den 4. November.— 12. Kreis Stegli�: Albert Horlit; spiicht in der Gemeindeschule Rinastrah? über..Grundlagen der Arbciterbildung". Beginn Montag, den 15. November.— 10. Kreis Kehlen dorf: Vortragender Otto Kausi-„Einführung in den Marxis- m u s�. Beginn Donnerstag, den 4. November.— 13. Kreis Tem velhof.M arten- darf: Vortragender Dr. Schröder:„Einführung in die Gesell- schaftewissenschaf t". Vortrogssaal Mittelschule Mgriendo'-f, Kur- �ürstenstrasie. im Nadelarbeitsraum. Beainn Montag, den 23. Oktober.— 18. Kreis Wcisiensee: Bortraaender Dr. Spröder:„Einführung in die Gesellschaftswissenschaft". Hörsaal im Realgymnasium Weihen- fee. Woelckvromenad« 37. Besinn Dienstag, den?. November.— 19. Kreis Pankow: Vortragender Simon Ä- freu stein:..Deutsche Geschichte im 19. I a b r b u n d e r t". Vortragssaal im Städtischen Jugendheim Pankow, Kissingenstrasie 48. Beginn Freitag, den 29. Oktober.— Die Kurse sind sedier zu sechs Abenden berechnet. Die Höroebiihr betragt für den Kursus 1 M. Anmeldungen zu diesen Kursen we'dcn erbeten an die Bildungsobleute in den Kreisen, in denen der Kursus stattfinde. Der erst- Kursus bea'nnt am Montag, den 25 Oktober, in Mariendors, Mittel- schu e«-itrffirftenftrftfcp Dr Schröder bebandelt das Dbema:„Einführung in die'Ges'ssscha'tsw-.ssensibas'" Sämtliche Kurse finden abends in der Zeit von 71$ bis 9 Uhr statt. Sport. Rennen zu Grunewald am Freikag, den 22. Oktober. I. Rennen I. Majoran(Oeriel), 2.(Sajeoto(Willi Dauer). 3. Etzel (Moritz). Toto: 27: 10. Ptah: 12, 72, 18: 10. Ferner tiefen; NeltclZeck, Immer DorwäriZ, Irrlehre, Echwalberich, Fechter, Mimole,?oII4rachc, Eigilsaga. 2. Rennen. 1. Esanah(v Borcke), 2, Onlel Otto(v. ,L-orn), 3, Myron (h. Herder). Toto: 28: 10. Platz: 19, 24: 10. Ferner lieien: An: in, Udine. 3. Rennen. 1. Dorn II(Oeitel), 2. Bandola(Ttolpel, 3, Zauber« flöte(Zchnller).?»to: 30: 10. Platz: 19, 37, 46: 10. Ferner liefen: Borussia, Faustinus, Staltlich», Ondina, Kili, Riederwald, Kolberg, Allanlie, Fried chen. Troja, Mainberg. 4. Nennen. 1. Märchen�auberin(v Götz). 2. Eulalia(Leut, Viebiq). 3. Erdferkel(V.Horn). Toto: 123: 10. Platz: 21. 18. 15: 10 Fcrnex liefen: Rofenkönig, Sanibur, Tulainitb, Mundschenk, kballikan, Fuchsie. 5. Rennen, 1. Parnatz(Bifinarki, 2. Missa(Milchen). 2. Ra6vi!» (Block), Toto: 18: 10. Platz: 14, 26 i 10. Ferner liefen: Gerold Piksieben. 6. Nennen. 1. Mirko(Oeriel), 2. Imperator(Renner), 3. Auibaa (Lüder), Tolo: 123: 10. Platz: 30, 84. 25: 10, Ferner I'.eien: Rekareb MöroS, Tuselkov, Rom, gci., Nomreise, Hu?dent, Maestoso, Totila, Prinzetz Frobnnn, Jilderim, Willa, Rorita. 7, R e n n e n, 1. Lukrezia(Moritz), 2, Cfjalzit(W. Schmidt), 3, Poled« (Zk. Derschng). Toio: 77:10. Platz: 33, 40. 19: 10. Ferner lieien: First)' Lckokoon, Credo. Blanfelche, Clike*. Schirmherr, Aiarid,(Zanymed, Wolken schleber. Hohe Tonne, lianta Lucia. 01 HefthäMches. Mein Freund der Lord.?ch bebe einen Freund— Lord b er— »iclmclit ita nenne ihn so. Dorum? Weil er stets gleichwertia und se.rel! ist — nicht nur fein Aensteres, mcstr noch sein Inneres, Viel« schmücken sich mit unnützen Ninkerlittchen. und trenn auch die ersten Züze tlues„Ich" sich zum eilen ttm iSeschmock des anderen anpassen, urlif! man sie auf den Grund— dann hat mttn noch dem ersten guten Eindruck einen lütteren Nachgeschmack._ Und tu, mein Lord— immer der feine Mademan mit den aiclchmäzia.'n Zügen eines edlen Herzens. Und mtsse» Tie, wer mein Freund ist? Das ist der „Lord" unter den ZlgoreUen der Firma Nestor tbiauaclis. Ein« Beeiilligung der grostrn Sauswäsche erreicht die Hansstau, trenn sie die ncuaitiae pulverisierie Teile„Turnn" von der ounlicht Mannbenn oer- wendet. Tic ist von ganz anstcrordenelichce Ergiebigkeit: ei» V-akct etqidt 4 Eimer wasS:räs!igster Lange. Dies verdankt.Tnnia" seinem hohen Gehalt an reiner Teife. Die Verwendung von„Tuma" gewiihrletstet zugleich voll- kommcnfte Schonung des Wasehgutes, hilft also auf doppelte Weise sparen. 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Regie: Max Reinhardt Kammerspiele Norden 10334—38 ■F/i Uhr: von Tristan Bernard Regle: Eug. Robert MW KuriUrst eist 8 Uhr Variete- Neuheiten ScBnabnuJs o. Sonntag: 2 Vorstellungen 3« und 8 Uhr, 3'° zu ermäßigt Preisend, ganze Programm! Jtose-Theater 4(ihn Aschenbrödel «Vi Uhr Ehrliche Arbeit Volks bü h ne tbeiter an BDIowpIati 8 Uhr: Sysistrafa Morgen 3 u. 8 Uhr: Sysistrafa Tb. m SdiiffbaDtnlann Täglich 8 Uhr: Das Grabmal des onbekanntea Soldaten. JVomiscfie Cper Der Kroßt Oom-etteneriotg Jidwienne mit Serak, WeaseJy, Wirl, Blass Boettcher, HelL- Sonntag nehm. 3 U.: jDie&ic€&&rmawäa in trster Besetzung Vorveekaut ununterbrochen t.WU an 0 Neues Ttieaier am Zoo 8„Ich hab Dich lieb" Ptrt.l-SM Sr Theater l. Admiralspalazt Tiaüdi SV. Uht tieadi S1/, Uhr 10. Woche Dar anübertretfbare Erfolgt 2Sonatags-yorsL3 u. S Ubr Nacbm. ganze I orstellunz DM tu t alben Freisen Mg Kinder-Revne�in«�" Premiere Heute, Sonnab., 3v, Uhr Kleine Preise 0,S0, L—, 1,50 M. usw. 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SIZ. 28— sau der ehemalige An- ■Stla--—-• gehSefge de» VrheltekommandoeSÄtrin tlrthur Domdrowfkl am 27. Okiober 1026»»ormiüag» 8 Ilhe. gegen Schidure und Setoffen wegen Morde» po- 2J. 2607 28- folien die ehemaligen«naehSriaen de» Ar- beU»k»nrmand»» üithrln: Otla Oelt e Illcke. Sitra. Arn: Sari Rnanff. S Gummi Mäntel für Herren. Damen und Kinder vorrätig und nach Maß Pelerinen Wind- Jteken.Repiraturer ipeziaMtt iir üBgMSlpldüpg M.Welnheber C 2, Breite Str. 6. Ä' am 80. . Rtllll Vitober 1828, bornüllag«, al* Sengen sn dem Hieltgen Schon, oetlm erWeine«. Da Ihre(ig Igen«n WtKten nicht ermittelt Find eheh(oa>mig ooe Ihre genannt Personalien, haben Snen tue Jabungen nicht zugeheilt werben nrien.» Sie werben hfermy emigekorberL gu den oben onge-ithrien Zeiten vor dem genannten Gericht ol» Zeugen»i erscheinen Personen die ihre(et igen Anschriften kennen, mecb n g- beten, biete schleunigst hierher zu den angegebenen Attenzefch:-- oben Cond» en mitzuteilen den 21. Oktober 1228 berstaatoanmait. 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Bdlßas öes Vorwärts Sonnabenö, 23.'!;>!■■ ii'Mlfeli'K'i ] ft:'WMW ßf iMch chiMM ;iv,y,w iÄllÄÄfc Internationale Zrieöensarbeit. Das Pionierwerk der deutschen Sozialdemokratie. Von Otto Wels. Zu den dümmsten Schlagworten, mit denen die Rechts- Parteien die deutsche Sozialdemokratie jahrelang bekämpft haben und heute noch bekämpfen, gehört die Behauptung, daß wir„antinational" seien, da wir uns zur Internationale be- kennen.„Marxistisch" und„international", das waren die beiden Hauptargumente, mit denen man besonders in der Blütezeit des Nationalismus, 1920 bis 1924, die unaufgeklärten Massen gegen uns mobil zu machen versuchte. Die ewige Wiederholung dieser beiden Schlagworte hat schließlich auf Hunderttausende von politisch unreifen Gehirnen den ge- wünschten Eindruck erzielt und so gibt es unzählige Wähler und Wählerinnen in Deutschland, die zwar die Ausdrücke „marxistisch" und„international" nicht verstehen, aber gerade deshalb eine geradezu mittelalterliche Abscheu vor der Sozial- demokratie empfinden, obwohl sie klassenmäßig genau so zu uns gehören wie die bereits aufgeklärten Arbeiter, Angestellten und Beamten. Dabei gibt es auf dem Gebiet der Werbeagitation für die Sozialdemokratie kaum eine dankbarere Ausgabe als die Darstellung alles dessen, was die SPD. durch ihr Bekenntnis und ihre Zugehörigkeit zur Arbeiterinternationale für das deutsche Volksganze und damit für jeden einzelnen gerade in den letzten Iahren geleistet hat. Bereits drei Monate nach dem Waffenstillstand trat in Bern eine erste Konferenz der früheren Internatio- nale zusammen. Noch platzten die nationalen Gegensätze, verschlimmert und kompliziert durch die grundsätzliche, von Moskau hineingetragene Streitfrage„Diktatur oder Demo- kratie?" scharf aufeinander. Trotzdem gelang es schon damals, die Parteien der Internationale auf ein einstimmig ange- nommenes Fricdensprogromm festzulegen, das auf den zwei Hauptgrundsätzen beruhte: Selbstbestimmungsrccht der Völker und weltumfassender Völkerbund. Eme unmittelbar praktische Wirkung konnte dieses Ber- ner Programm leider nicht haben. Wenn sogar ein Staate- mann von der Bedeutung und dem Einfluß von Wilson in Paris vor Clemenceau und Foch Stück um Stück seines Pro- gramms preisgeben mußte, so konnten die fast überall außer- halb der Regierungen stehenden sozialistischen Parteien die Berner Forderungen erst recht nicht durchsetzen. Als diese Gefahr immer klarer in Erscheinung trat, kam die Inter- nationale noch einmal zusammen im April 1919 in A m st e r- dam. Wie gering aber der Einfluß war, den die Internationale in den Tagen von Versailles auszuüben vermochte, geht am besten daraus hervor, daß die in Amster- dam gewählte Delegation, die beim Obersten Rat vorstellig werden sollte, von diesem gar nicht empfangen wurde! Es gehörten ihr unter anderem Arthur Henderfon und Eamille Huysmans an: ersterer war fünf Jahre später Minister des Innern des britischen Reiches, letzterer ist zurzeit belgischer Unterrichtsminister. Unmittelbar nach dem Versailler Vertrag hat die Aktion der Sozialistischen Internationale zur Herbeiführung eines wirk- lichen Friedens eingesetzt. Bereits wenige Wochen nach der Unterzeichnung trat anfangs August 1919 in L u z e r n eine internationale Konferenz zusammen, die alle die schlimmsten Ungerechtigkeiten und Unmöglichkeiten des Friedensd'ktates aufzeigte und deren Revision forderte. Ostern 1921 fanden in Amsterdam neue Zusammenkünfte der internationalen Arbeiterbewegung statt. Nach deren Richtlinien wurde die aufklärende Agitation der so-ialistischen Parteien in allen Ländern betrieben. Zunächst schien es, als ob sie ihre Früchte tragen würde. Nicht zuletzt unter dem Druck der Inter- nationale wollten zur Jahreswende 1921 Lloyd George, Dr'ond und Nitti eine neue europäische Politik einleiten und beriefen die Internationale Wirtschaftskonferenz von Genua ein. Zur selben Zeit trat in Frankfurt o. M. aus An- regung der deutschen Sozialdemokratie eine Fünfländerkon- ferenz zusammen, die von den sozialistischen Parteien Frank- reichs, Belgiens, Italiens, Englands und Deutschlands bs- schickt war. D'ese Frankfurter Fünfländerkonferenz w'rd später auch von nichtfozialistischcn Geschichtsforsebern als eins der wichtigsten außenpolitischen Er- e i g n: s s e der Nachkriegszeit gewürdigt werden. Wenn sich ihre Beschlüsse auch nicht unmittelbar praktisch ausge- wirkt haben, so liegt es daran, daß kurz vordem der Nationale Block in Frankreich unter Führung Poincarös die Regierung Briond eben wegen ibres neuen außenpolitischen Kurses ge- stürzt hatte. Die Konferenz von Genua fand zwar statt, aber Poincarö verstand es, sie ihres eigentlichen Zweckes zu be- rauben, indem er die Beratung des Reparationsproblems verhinderte. Trotzdem sollten sich die Beschlüsse der Frank- furter Fünfländerkonferenz später segensreich auswirken. Zu- nächst mußte noch Europa alles Unheil über sich ergehen lasten, das die Rückkehr Poincarös zur Macht mit sich brachte: die R u h r b e s e tz u n g, das Inflationschaos in Deutschland, die Massenarbeitslosigkeit in England, dw abermalige Auf- peitschung der nationalist'schen Leidenschaften hüben und drüben. Als aber die Welt erkannte, daß auch d'c'er neue versuch, die wirtschaftlichen Unmöglichkeiten des Versailler Diktates mit Gewalt durchzusetzen, nur neue Ruinen ange- häuft hatte, da war sie zugleich reifer für die in Frankfurt am Main entworfenen Vorschläge des internationalen Sozia- lismus. Diese Vorschläge hatten mitten während der Ruhrbe- setzung, im März 1923, auf einer in Be r l i n zusammenge- tretenen Konferenz, an der Deutsche, Engländer, Belgier, Franzosen und für Italien der später ermordete Genosse Matteotti teilnahmen, eine Bestätigung und Ergänzung erfahren. Der Gründungskongreß der wiedcrvereinigten So- zialistischen Arbeiterinternationale in Hamburg zu Pfingsten 1923, auf dem Höhepunkt des Ruhrkampfes, hatte sich diese Richtlinien zu eigen gemacht. Unermüdlich setzte die sozialistische Propaganda in allen Ländern für diese Lö- sungen der Verständigung und der Vernunft ein. Bürger- liche Parteien, Wirtschastsführer, Regierungsstellen wurden in immer stärkcrem Maße dafür gewonnen. Und als die Dawes-Kommisfion nach Europa kam, um Vorschläge für eine vernünftigere Regelung des Reparationsproblems auszu- arbeiten, da konnte sie nicht umhin, einen wesentlichen Teil der von den Sozialisten ausgearbeiteten Lösungen und auf- gestellten Grundsätze zu übernehmen. Alles was an dem Dawes-Plan gut ist und was eine gründliche Abkehr von den bis dahin angewandten Gewaltmethoden darstellt, wurde aus dem sozialistischen Friedensprogramm entlehnt. Inzwischen hatte die kombinierte Aktion der Internatio- nale zu großen politischen Erfolgen geführt: In England war zum ersten Male in der Geschichte eine Regierung der Arbeiterpartei unter dem Vorsitz Macdonalds ans Ruder gekommen. Ihr Sieg leitete den Zusammen- b r u ch des bis dahin allmächtigen Nationalen Blocks in Frankreich ein. Zum erstenmal seit Kriegsende wurden die französischen Sozialisten wieder ein einflußreicher Faktor in der Politik Frankreichs. Nur in Deutschland hatten In- flationschaos und Ruhrbesetzung zu einer vorüberstehenden Schwächung der Sozialdemokratie bei den Maiwahlen 1924 geführt. Dieser Umstand hat den außenpolitischen Genesungs- völkerverstänötglmg. Gin Beitrag zur deutschen Werbcwochc. Von Emil« Vandervelde. Ich will um so lieber an der W c r b e w o ch e der Deut- schen Sozialdemokratie als langjähriger Kampfgenosse durch einen Beitrag mitwirken, als die Verbindungen zwischen den Menschen verschiedener Länder, die für ein gemeinsames Ideal kämpfen, verhältnismäßig selten und ungenügend sind. Darin liegt übrigens ein sehr ernstes Hindernis für die Annäherung der Völker. Sogar in sozialistischen Kreisen— ich denke dabei zu- mindest an Frankreich und Belgien— werden ausländische Zeitungen nur wenig gelesen. Allzu viele Genossen sind, wenn sie wisten wollen, was draußen in der Welt vorgeht, auf Nachrichten angewiesen, die sorgsam gesiebt, wenn nicht gar verdreht werden durch die großen Nachrichtenagenturen, die ihre Verbreitung übernehmen. Und so bildet sich in jedem einzelnen Lande eine kollektive Geistesversossung, die der Geistesverfassung des Nachbarlandes entgegengesetzt ist, was wiederum zu regelrechten Zusammenstößen der öffcnt- lichen Meinungen führt. Man spricht immer wieder von der französischen öffent- lichen Meinung, von der deutschen öffentlichen Meinung und manchmal auch, wenn auch selten, von der belgischen öffent- lichen Meinung. So etwas gibt es aber nicht: es gibt weder eine französische, noch eine deutsche, noch eine belgische Auf- fassung. Es gibt nur französische Meinungen, deutsche Meinungen, belgische Meinungen. Es gibt in jedem Lande Mensrhen, die aufrichtig den Wiederaufbau im Frieden, die Stärkung der Demokratie, die Völkerverstän- digung erstreben. Umgekehrt gibt es überall auch solche Menschen, die die nationalistischen oder imperialistischen Kundgebungen jenseits der Grenzen auszuschachten bemüht sind, um ihren eigenen Nationalismus oder Imperialismus zu begründen. Es ist die A u f g a b e der Sozialisten der verschiedenen Länder, durch eine unermüdliche und einheitliche An- strengung eine derartige Propaganda zu bekämpfen. So haben wir zum Beispiel mit tiefster Sympathie die Arbeit der deutschen Sozialdemokratie zugunsten des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund, zugunsten der Politik von L o c a r n o verfolgt. Wir betrachten weiter mit Genug- tuung den Kampf, den sie führt, damit im republikanischen Deutschland die Gespenster des alten Regimes keine Ehrenplätze wieder einnehmen, v. Je aktiver und wirksamer diese Propaganda der Deutschen Sozialdemokratie sein wird, desto leichter wird es für die belgischen oder französischen Sozialisten sein d!e Bedenken zurückzudrängen, die sogar bei einem Teil der Arbeiter vor- standen sind, wenn man ihnen versichert, daß die Deutsche Re- publik kein leeres Gebilde ist, und daß in Deutschland wie in allen Ländern die werktätige und leidende Bevölkerung die gleiche Abscheu vor dem Kriege und die gleiche Liebe zum Frieden empfindet. prozeß Deutschlands zwar erschwert, konnte ihn aber nicht aufhalten, weil die geistige Macht der Internationale bereits zu stark und weil der Bankerott der Gewaltpolt- t i k e r in allen Ländern bereits zu vollständig war, als daß man an den sozialistischen Lösungen vorübergehen konnte. In knappen zwei Iahren— von der Londoner Repara- tionskonferenz im August 1924 bis zur Genfer Völkerbunds- konferenz im September 1926— ist ein geradezu erstaunlicher Fortschritt auf dem Wege zur Befriedung Europas und damit zum Wiederaufftieg Deutschlands erzielt worden. Zunächst wurde i n L o n d o n die Reparationsfrage in einer Weise gelöst, die sich von den Gewaltmethoden Poin- carös wie der Tag von der Nacht unterschied. Em Jahr später wurde in L o c a r n o der Rheinpakt abgeschlossen, der die denkbar größten Friedcnssicherungen für olle Betcil'a- ten enthält und der die geistige Annäherung der beiden für die Aufrechterhaltung des Friedens wichtigen Länder Euro- pas, Frankreichs und Deutschlands, wesentlich gefördert hat. Noch ein Jahr später, im September 1926, erfolgte der E i n- tritt Deutschlands in den Völkerbund unter dem Jubel aller Völkcrbundsmitgliedsr. fand die Unterredung zwischen Briand und Strcsemann in T h o i r y statt, an die so große Hostnungen für die Verwirklichung des Traumes von Bebel und Iav.räs, für die d e u t s ch- f r a n z ö s i s ch e Versöhnung geknüpft werden. Dieses Friedensprogramm, das nun feit zwei Iahren in eipem verhältnismäßig schnellen Tempo verwirklicht wird, es wird zwar scheinbar von bürgerlichen Staats- männern durchgeführt, in Wirklichkeit ist es aber das geistige Eigentum des internationalen Sozialismus: Wir sind es, die den bürgerlichen Par- teien und Regierungen auf allen Gebieten der Außenpolitik vorangegangen sind. Mit Recht konnte unser franzö- sischer Genosse L ä o n Blum in seiner Rede auf dem Inter- nationalen Kongreß von Marseille, im August 1925, darauf hinweisen, daß das deuische Memorand um vom 9. Februar 1925, das später zum Locarno-Vertrag führte, im wesentlichen mit den Forderungen der Frankfurter Konferenz von 1922 und der B e r l i n e r K o n f e r e n z von 1923 übereinstimme. Alles, was bereits erüelt ist gll:s, wo- für wir noch kämpfen— insbesondere die R ä u m u n g der' besetzten Gebiete—, das ist von den Koistcromen der internationalen Soüaldemokrotie feit 1919 immer wieder ge- fordert worden. Stets und überall schreitet die sozialifns'he Arbeiterbewegung in der Welt voran, und das Unalück ist nur. daß sie noch nicht stark genug ist, um ihre Forderungen und Programme sofort und selbständig zu verwirklichen, und daß die bürgerlichen Regierungen deren Richtigkeit immer erst viel zu spät erkennen oder zugeben wollen. Im übrigen kann es für uns deutsche und internationale Sozialdemokraten nach all den maßlosen Schmähungen, denen wir in den letzten Iahren wegen unserer Pionierarbeit für den europäischen Frieden ausgesetzt waren, keme bessere Ge- nugtuung geben als jene Worte, die kürzlich in Genf der »olksparteiliche Außenminister Dr. Strescmonn zornentbrannt den dcutschnationalen Pressevertretern ins Gesicht schleuderte:„Man muß manchmal wahrhaftig den Eindruck gewinnen, daß es leichler ist, sich mit Franzosen zu verständigen, als mi'» Teilen des eigenen deutschen Volkes!" SozialSemokratie unS Hus'anü. Etwas von der außenpolitischen Bedeutung unserer Partei. Von Adele Schreiber. Nicht von Theorie sei hier die Rede, sondern von praktischen Erfahrungen, gesammelt in vielen Ländern, auch den Vereinigten Staaten Amerikas, zuletzt bei längerem Aufenthalt in Frankreich. In Nord, Süd, West dieselben Fragen, in Diskussionen. Inter- vicws Prioatgesprächen. In festgelegten Gleisen bewegen sich Bor- stcllungen und Befürchtungen des Auslandes im chinblick auf Deutschland. Der letzte Hohcnzollernkaiser, der unser Denken wohl nux dann bcschästigt, wenn unser armes Volk das Lied singen muß: „Bezahlen sollst du, mußt bezahlen", hat sich tiefer, als wir meist annehmen, eingezeichnet in die Erinnerung des Auslandes. Ge- fördert durch jahrelange Kriegsgreuelpropaganda, wird sein Format auch im Bösen überschätzt. Als Erbschaft hinterließ er Angst, Schrecken, Haß, die vorgefaßte Meinung von einem unheilbar mili- taristischen Prcußen-Deutschland. „Wird Kaiser Wilhelm wiederkehren?"„Wird der Kronprinz einmal Kaiser werden?"„Rüstet Deutschland wirklich zu neuen Kriegen?"„Bildet es insgeheim Millionen zum Kriegsdienst aus?" „Bereitet es in seinen Laboratorien die schlimmsten Gisiwafsen?" „Wird die Republik von Dauer sein?" Fast in ledem Ort diese gleich- lautenden Fragen. Das neue Deutschland gesichert zu wissen, ist besonders unseren französischen Nachbarn Lebensfrage. Den Glauben daran zu stärken, ist Dienst an Deutschland. Glauben findet, wer als Republikaner, AntiMilitarist, Sozialist ehrlich den Kampf scknl- dert, den wir für die Republik führen. Die Auslandsstimmung reagiert außerordentlich fein auf Vor- gänze. die oft geringfügig scheinen. Ich erlebte vor drei Jahren in Amerika den erneuten Ausbruch des..Hunnenhasses", der be-m Tode Wilsons die auf nationalistische Berliner Anordnung hin unterlassen« Hissung der Trmierflagg« auf der deutschen Botschaft in Washington hervorrief. Hindenburgs Wahl zum Reichspräsidenim ttregte tiefste Beunruhigung, bis man sich überzeugte, dach sie keine inililanstisch« Bedrohung bedeute. Stresemanns letzter großer Erfolg in Genf wurde sofort stark gedämpft durch seine unvorsichtige Bierrede vor der deutschen Kolonie. Jede nationalistische Entgleisung zerstört mühsam er» rungene Fortschritt«. Der Aufklärung bedarf stets die irrige Auffasiung, daß Preußen der Hort von Reaktion und Militarismus sei, während es heute in Wirklichkeit einen festen Rückhalt der Republik bildet. Brennendes Interesie erweckte in Frankreich der Volks- entscheid zur Fürstenenteignung. Trotz praktischen Fehlschlages hat doch die Abgabe der 14Va Millionen Stimmen gewait-g impo- niert, besonders als man begriff, unter welchen Schwieriglciien sich diese vollzog. Ein zutreffendes Bild Deutschlands, wie es heute ist, beginnt endlich im Ausland das alte Schreckgespenst zu verdrängen. In diesem Bilde wird der deutschen Sozialdemokratie ein Ehrenplag ein- geräumt. Man begreift jetzt in weiten Kreisen das Trauerspiel der verpaßten Gelegenheiten, die Tragik des Bersailler Diktats gegenüber einer vom Friedens- und Sachverständigenwillen beseelten Volksregierung, die dadurch bewirkte Schwächung der Repu- blik unr Stärkung der Reaktion, die chinopferung unserer Besten al» Vorkämpfer des nunmehr nach jahrelangem Leiden und Irr» tümern beschrittenen Weges. Das hier Gesagte gilt weit über die Kreise unserer Gcsinnungs- genosien hinaus, gilt namentlich auch für jene große» Schichten französischen Kleinbürgertums, die, unter dem Druck wirtschaftlicher Schwierigkeiten leidend, den kurzen Siegesrausch längst mit dem Ge- fühl, daß es nur Besiegte gibt, vertauschten. Sie haben, obwohl selbst nicht Sozialisten, verstanden, daß die deutsche Repu- blik als festes Rückgrat eine staxkc, geeinte sozialdemokratische Partei braucht, daß ohne solchen Wall die kleine demokratische Partei der Adbröckelung und Zerreibung ausgesetzt wäre und die republt- konischen Führer des Zentrums vom rechten Flügel überrannt wür- den. Mit Vertrauen blickt man auf unsere waffenlose Armee, dos Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, diese für den Schutz der Republik und der politischen Freiheit opferbereite Garde. Die alte irrige Vorstellung vom deutschen„Barbarenvoll' erfährt eine völlige Wandlung, sobald man sich im Ausland klar- macht, daß dieses Volk zum großen Teil identisch mit seiner organisierten Arbeiterschaft ist, einer Arbeiterschaft, die unter schwersten Entbehrungen sich, kraft unserer Partei, gleich widerstandsfähig erwies gegen Bolschewismus und Faschismus, die, hungernd und darbend, im Herzen Europas unerschllttcrt steht als Hüter der Kultur und Demokratie. Bewunderung erweckt stete die Schilderung von der heroischen Kleinarbeit unserer„unbekannten Soldaten' für die großen Ziele der Partei, von den Leistungen auf dem Gebiete der Volksbildung, der Volkskunst, von der regen Mit- arbeit der Frauen, von unserer verheißungsvollen Jugendbewegung. Deutsche Aktivposten im Auslande sind: alle Bekun- düngen republikanischer Gesinnung(auch die Entlassung S e e ck t s hat einen günstigen Widerhall gefunden), alle Beweise der Festigung der Republik, alle Fortschritte in demokratischer Entwick- lung, hierzu gehören auch die so wesentlich verbesicrte Stellung der Frau, die Auffassung vom Recht und vom Schutz der Jugend, jeder Schrirt voran in Volksbildung und Volkswohlfahrt. Aktivposten«ist vor allein jede ehrliche Aktion im Sinne der Völkerverständigung und des Friedens. Locarno, Genf, Thoiry— Erntetage für Saat, die iin In- und Ausland Männer unseres Geistes gesät. Historische Gerechtigkeit wird einst neben den Namen derer, denen es vergönnt war. die Frucht zu pflücken, auch die nicht vergessen, die gepflanzt und von denen manche als Opfer fielen. Die Sozialdemokratie Deutschlands hat in diesen letzten Jahren ihr gegnerische Regierungen geschützt und gestützt, damit der große Schritt der Verständigung geschehen konnte, der ohne ihren Rückhalt mißlingen mußte. Di« schicksalsschweren Fragen zwischenstaatlicher Gestaltung und Zusammenarbeit beherrschen die Gegenwart— sie werden wesentlich bestimmt vom Grade der Demokratie und innerpolitischen Freiheit, der Reiie und Entwicklung in den einzelnen Ländern, die sich zu internationaler Organisation zusammenschließen. Von der deutschen Reviiblik erhoffen die anderen Demokratien Stärkung wirk- lichen Völkerbundsgeistes. Wir wisien, daß die deutsche Einstellung in nicht geringem Maße abhängt vom Kräfteverhältni- In unserem Lande, daß jeder Rückschlag in der Stärke unserer Partei sich unheilbar fühlbar macht, jede Zunahme unseres Einflusies vor- wartstreibend wirkt Wer will, daß Deutschland im Rat der Völker Ansehen gewinne imd bewahre, daß es zum Führer werde auf neuen Weyen, muß die Arbeit in der Heimat beginnen. Unerläßlich h�er- für rft Ausbau und Stärkung der Sozialdemokratie. Jeder einzelne ist notwendig— Größe und Kraft unserer Partei ruhen auf dem Opferwillen der vielen Ungenannten— ihre uneigennützige Arbeit wird gelohnt durch das Bewußtsein, daß nichts davon verloren geht, sondern Triebkraft wird zur Gestaltung einer neuen Welt. vas Problem öer Abrüstung. Eine Gegenwartsaufgabe der Internationale. Von Wolfgang Schwarz. fast einem Jahre sind drei oder vier Dutzend Militärs von Völkerbunds wegen mit dem Abrüstungs- Problem beschäftigt. Seit 1899 ist es das erstemal wieder in Europa, daß Militärs international vor das Abrüstungs- Problem gestellt worden sind. Aber„beraten Militärs über die Abrüstung, so ist das. als wollten Schuhmacher die Ab- schaffung der Stiefel beschließen". Die Völker empfinden, daß die Militärs die Abrüstung sabotieren, wir können hinzu- fugen: müsse n. weil sie ihre Selbstvernichtung nicht fördern tonnen. Statt sich mit der Abrüstung konkret zu befassen. setzen sie sich über theoretische Fragen unendlich auseinander oder werden sich lieber einig darüber, wie sie Bombenflug- zeuge, Giftgase und Panzerkreuzer für internationale Völker- bundskrieg vereinigen können. Gleichgültig oder mit innerer Abwehr sehen die europäischen Völker auf die Völkerbunds- debatten über die Abrüstung. Und dennoch handelt es sich um den Weg zur Erfüllung leidenschaftlicher Massensehnsucht. um einem der Mensckheit größten Gegenstände. Das Ideal des dauernden Friedens erfüllt die Herzen der Masten nicht erst seit Jahren. Aber trotzdem haben ihre Kopfe das Problem der Abrüstung noch nicht bewältigt. Die Proletarier aller Länder sind eingespannt in die staatlich- nationalen Machtapparate, deren ungeheuerliche Uebermacht über internationale Ideologien der Weltkrieg enthüllte. So sehr galt das für die Vorkriegszeit, daß man heute, wo die Abrüstung eine selbstverständlich» Mostenforderung wurde, durch die Erinnerung daran erschüttert wird, wie wenig damals die Abrüstung für die Arbeiterklaste ein Problem war. Die Arbeiterschaft war für den Frieden» sie war für Schiedsgerichte, sie war leidenschaftlich gegen den „Interna ktonale und vaierland sind von nun ab verbunden. In der Internationale findet die Unabhängigkeit der Rationen ihre höchste Gewähr: in den unabhängigen Rationen vervlelsälligt die Inlecnailonale ihre stärksten und edelsten Organe. Ulan könnte fast sogen: cln wenig Internationalismus entfernt vom Vaterland, viel Internationalismus führt zum Vaterland zurück. Ein wenig Patriotismus entfernt von der Internationale, viel Patriotismus führt zur Internationale zur'-ck'. Jean Iaures. Imperialismus, aber sie war für die Landesverteidigung, für die Erziehung„zu allgemeiner Wehrhaftigkeit", für„die Nolkswehr an Stelle der stehenden Heere". Der Weltkrieg hat diese, nicht nur im Bolschewismus weiterlebende, militärische Ideologie im demokratischen Europa zerbrochen. Die Gleichheit der Rüstungs- s y st e m e, die für diese Ideologie die soziale Basis war, ist jetzt auf dem Kontinent z e r st ö r t. In Deutschland ist die Arbeiterschaft ohne Waffen. Im Waffenhandwerk ist ein Söldnerheer von 100 090 Mann zwölf Jahre geschult: eine Armee von Unteroffizieren, ein Standcsheer, wie es die Französische Revolution und der preußische Zusammenbruch vor 120 Jahren vernichteten, ist die Folge des Bersailler Ber- träges, der von Militärs und Militaristen ausqedachten„Eni- waffnung". Aehnliches gilt für die drei anderen besiegten Staaten. Doch die europäischen Siegermächte haben sich die ge- mischtfeudal-dcmokratischen Massenheere erhalten, die ent- ftandenen Staaten haben sie sich geschaffen. Ende 1925 zählte Frankreich 570 000 Mann Friedensstärke an europäischen Truppen(dazu 10 000 Fremdcnlegionäre und 150 000 Ein- geborene), Belgien 80 000, Polen fast 300 000, die Tschecho- slowakei zwischen 90 000 und 150 000, Rumänien und Süd- slawien je über 100 000, Griechenland 70 000, Schweden und die kleinen baltischen Staaten je 20 000 bis 30 000. In Spanien beruht die Diktatur Primos auf einer Armee von 150 000 Mann, der Faschismus hat neben das ständige Heer von 300 000 Mann eine Nationalmiliz von ungenau bekannter Größe gesellt. Eine halbe Million stark ist schließlich die russische Armee. Dennoch hat sich die Lage des Militarismus gegen- über der Vorkriegszeit gewandelt. Der Militarismus ist notleidend geworden, sein Nahrungsspielraum ist enger geworden: die finanziellen Lasten der Nachkriegszeit drücken: die ökonomischen Gründe für die Rüstungs- befchränkung sind stärker als früher. Die Erkenntnis, daß der Militarismus, daß der Krieg sich nicht bezahlt mache, ist von der Arbeiterschaft hinaus bis tief in die bürgerlichen Kreise gedrungen. Die Bereitschaft, über die Abrüstung zu diskutieren, sie als ein Problem zu betrachten, ist stärker als jemals geworden. Dennoch hat das Wettrüsten keines- wegs aufgehört. Aber es hat seinen Charakter geändert. Früher umfaßte es die ganzen Armeen und die ganzen Flotten. Von Jahr zu Jahr wuchten die Maße der Kriegs- schiffe: Wasserverdrängung, Bestückung. Panzerung, Schnelligkeit. Es wuchsen die Kaders der stehenden Heere, alle paar Jahre erh'elt die Artillerie neue Geschütze. Festun» gen wurden zu Festungsgürteln erweitert, die U-Boot- und die Flugzeugwasse neu entwickelt. Das Wettrüsten umfaßte die gesamte Rüstung. Jetzt hat es sich auf Spezialwaffen, allerdings gefährlichster Art, konzentriert. Die Militärtechnik entwickelt in der Hauptsache die Luft- und die U-Boot-Waffe, und die Chemie studiert neue Formen des Gaskrieges. Die schweren Seerüfwngen aber sind seit dem Washingtoner Abkommen von 1922 herabgesetzt und für zehn Jahre nach oben hin begrenzt. Die Landheere zeigen im ganzen eine langsam abnehmende Tenden': auch militärische Großmächte, wie Frankreich, gehen dazu über, die Dienstzeit wesentlich unter das Vorkrieqsmaß zu verkürzen, ohne frei- lich die Rekrutierung des gesamten männlichen Nachwuchses zu beschränken. Die technische Qualität des Militarismus hat sich gesteigert, aber seine quantitative Entfaltung ist zum S t i l l st a n d, ja hier und da zum Rückgang ge- kommen. Vor allem beginnt sich die Rolle des Militarismus in der Weltpolitik»u ändern. Zwar ist der Imperialismus der kapitalistischen Staaten gegen die unterdrückten und ausge- beuteten Völker anderer Kontinente derselbe geblieben. Den- noch hört die Rüstung allmählich auf, ein i n t e r n a t i o- nales Werkzeug der europäischen Staaten untereinander zu sein. Vor dem Weltkriege war die Rüstungssteigeri'ng das Hauptanskilnftsmittei der Groß- machtspolitit. Die Machtnolitit bestand eben darin, daß jeder Großstaat auf seine Rüstung pochte, seine Kriegsbereit- schaft fortgesetzt betonte, seine Macht als politisches Argument anwandte, um seine politischen Zwecke durchzusetzen. Der Hinweis, auf den Krieg vorbereitet zu sein, der Bluff, den Krieg nicht scbeuen zu brauchen, die Kriegsdrohuna mit der verbesserten Rüstung, das war immer das letzte Mittel der alten Divlomatie. Diese Art auswärtiger Politik euro- päischer Staaten untereinander beginnt zu veralten. Heut- zutage macht kein Staat gute Außenpolitik mit dem Hinweis auf seine Rüstung. Der Sieg der Schicdsgerichts'dee hat die R ü st u n g entwertet. Im Völkerbunde schadet sich ein Staat, der die Argumente der Waffen verwendet. Das neue Völkerrecht bat den Ueberfallkrieg verboten. Wer sich weigert, einen Konflikt dem Völkerbunds vorzulegen, wer mobilisieren wollte, bevor der Bölkerbund feinen Schiedsspruch gefällt „Sie mögen sich gegen die Wahrheit sträuben, wie St- wollen, aber Sie werden dl« Kriege nichk eher beseitig'» können, m'g bis, wie ich vorhin sagie, sich die Reiche der welk auf die Gerechtigkeit gründen, bis die Völker ein neues Völkerrecht geschaffen haben, ein wahres Völker- und Aleaschenrecht, weiches das gleiche Recht jedes einzelnen anerkennt. Dann erst, vorher nicht, wird der Weltfriede möglich sein. Die Sozialdemokratische Partei, die Sie veelachea, wenn sie in dieser weise auftritt, hat auf ihr Schild geschrieben die Forderung einer Politik, we'che die sittlichen Grundsätze de» Privatlebens auf das öffentliche Leben überlrägt. Das. was die Moral im Privatleben Heischi, soll auch gelten in dem öffentlichen Leben, in der Politik. Heute wird der Diebstahl im kleinen schwer bestrast, im grohen aber gepriesen, der Raub ganzer Länder bedeckt mit Ruhm, während der Raub eines Rahrungsmiltels ins Zuchthaus bringt. Das ist ein moralisches Chaos, wenn dieses Chaos gelichtet und einmal dir Moral in die Politik eingezogen ist, werden die Geschicke der Völker ander» und zum heil für die Menschen gelenkt werden!' Wilhelm Liebknecht. hat. setzt sich ins Unrecht. Früher war die Drohung, einen Konflikt mit den Waffen austragen zu wollen, ein Druck- mittel, um einen Gegner zum Weichen zu bringen: heute hätte die Bedrohung den Erfolg, die internationale Gemein- schaft gegen den Angreifer zusammenzuschließen. Das Schwert hört auf, das letzte Mittel der auswärtigen Politik zu fein. Auswärtige Politik europäischer Staaten untereinander wird allmählich etwas anderes als die Fortsetzung des Krieges mit diplomatischen Mitteln. Deutschlands Aufftieg vollzieht sich inmitten einer Umwelt vergleichsweise schwer gerüsteter Staaten. Der Entwaffnete besteht und setzt sich durch gegen- über den Bewaffneten. Die Satzung und die Organisation des Völkerbundes, die Schiedsgerichtsverträge, das Vertrags- werk von Locarno mit dem Verbote des Krieges am Rhein find ebensoviel Fesseln für den Militarismus. Die internationale Friedenspolitik, der die sozialistische Internationale die Wege wies, ist indirekte Ab- r ü st u n g s p o l i t i k. Die Rüstung wird allmählich politisch unbrauchbar gemacht. Der Militarismus wird von der demokratischen Außenpolitik, vom Pazifismus, vom Sozialismus blockiert. Aber noch freilich hat diese Blockade nicht zum sammenbruch des Militarismus gesührt. Noch längst ist nicht völlig abgeschnitten von aller Zufuhr. Welches sind die Methoden, um den Militarismus zur Uebergabe zu zwingen? Das erste wäre, den Krieg gänzlich zu verbie- t e n. Das ist bisher nur zwischen Deutschland. Frankreich und Belgien erreicht. Er muß allgemein zum internationalen Verbrechen erklärt werden, gewaltsame Sanktionen dürfen nirgends mehr stattfinden. Erst dan.1 ist jede_ Rüstung außenpolitisch unnütz. Deshalb ist der Kampf um die Grund- fätze des Genfer Protokolls fortzuführen. Freilich darf das Verbot des Krieges nicht mit der allgemeinen Vorbereiwnz eines Weltkrieges gegen einen Friedensstörer verknüpft wer- den. sonst versteckt'sich hinter der Formel, den Frieden wahren zu wollen— der Militarismus. Vielleicht ist es fruchtbringender, die Methode von Locarno zu verwenden, durch regionale Sicherheitsabkommen die schon im Völkerbund gegebenen Garantien zu verstärken. Aber der Friede ist nicht völlig gesichert, wenn man sich mit der formalen Sicherheit, dem Kriegsverbot, begnügt. Es genügt nicht, das Schießen zu verbieten. Die Schußwaffen müssen abgeschafft werden. Rur die Abrüstung schafft Sicherheit im vollen, im materiellen Sinne. Rur wenn schließlich kein Staat mehr Waffen führt, ist jeder Staat vor den Waffen der anderen gesichert. Rur die völlige Abrüstung schafft die Sicherheit völlig. Ist das das endgültige Ziel, so gilt es. die Wege zu diesem Ziele zu finden. Vor dem Kriege bestimmte jeder Staat souverän den Umfang seiner Rüstungen. Die herrschenden Klassen verhinderten die deutsch-englifche Flottenverständi- gung. sie diskutierten überhaupt nicht die Mögstchkeit eines deutsch-iranzöfstck-russisch-österreichischen Hceresabtommens. Daher ist die R ü st u n g s b e g r e n z u n g der zweite Grund- satz der Abrüstungspolitik. Es müssen Höchstgrenzen für alle RustiMgen lrstqesetzt werden. Bisher tybt es nur die 1922 festgesetzte Begren-ung der schweren S-erüstungen: aber sie gilt nur für zehn Jahre. Das Prinzip der internationalen Begrenzung der Rüstungen muß allgemein und für die Dauer durchgesetzt werden. Nun fragt es sich in welcher Art dft Rüstungsbegrenning stattfinden kann. Die Rüstungsausgaben festzu- fetzen wäre der eine Weg. Kein Staat soll mehr für Rüstungs- zwecke ausgeben dürfen, als ihm durch internationalen Ver- trag erlaubt ist. Das erfordert die Aufstellung eines inter- nationalen militärischen Ronnalbudgets, um die militärischen Ausgaben gleichmäßig von anderen Staatsausgaben zu fon- dern. Zur wirksamen Durchführung gehört freilich, daß die Rüstungsausgaben öffentlich und parlamentarisch kontrolliert werden: sonst wäre der Umgehung Tür und Tor geöffnet. Die schwankende Währung mancher Länder erschwert auf Jahre hinaus einen gerechten Nergleichsmaßstab zu finden. Auch schaltet die bloße Begrenzung der Ausgaben das Weit- rüsten nicht aus. Sie könnte zu einer Rationalisierung des Militarismus führen, in dem sich die Staaten im Rahmen des internationalen Bl'dgets auf die Herstellung besonders gefährlicher Angriffswaffen stürzten. Neben der indirekten Begrenzung durch die Rüftunas» ausgaben ist. die direkte Begrenzung unumgänglich. Wie im Washingtoner Abkommen müssen Höchstzahlen für alle Teile der Rüstungen eingeführt werden: z. B. für die Dauer der Dienstzeit. Zahl der iährlich ausciebobencn Mannschaften. Kalibcrgrenzen für die Artillerie. Hochststlfern für die Ausrüstung mit schweren und leichten Geschützen, schweren und leichten Maschinengewehren, Minenwerfern, Tanks, Flugzeugen. Luftschiffen, leichten Kreuzern und U-Booten. Der Rüstungsindustrie darf keine Lücke bleib-n, auf irgendeinem Gebiete ein Wettrüsten zu entfachen. Diö private Rüstungsindustrie ist überall unter S t a a t s k o n- trolle zu stellen, der internationale Waffenhandel zu unterbinden. Zu erwägen wäre, ob durch internationalen Vertrag die Staaten gezwungen werden sollen, das Recht der Bürger anzuerkennen, die militärische Ausbildung zu ver- weiaern. Die Dienstpflicht muß begrenzt werden. Was die U e b e r w a ch n n g des Rüstungsstandes angeht, so mag unier bestimmten Staaten für bestimmte Rüstungsnvecke die Kontrolle der Militärattaches genügen: anderswo wird das Prinzip der Völkerbundsllbermachung, das Deutschland an- genommen hat, allgemein anzuwenden sein. Ist der Grundsatz der Begrenzung in allen Einzel- betten durchgearbeitet, so ist damit �>as Wettrüsten, das Wachstum der Rüstungen unterbunden'! Aber noch in diesen Fesseln ist der Militarismus ein gefährlicher Riese. Die Be- arenzung der Rüstungen genügt nicht. Sie muß durch die R ü st u n g s b e s ch r ä n k u n g eraänzt werden. Die Rü- stungsverminderung ist der dritte Schritt auf dem Wege zur Abrüstung Jahraus, jahrein dürfen weniger Flugzeuge, U-Boote, Tanks, Geschütze hergestellt werden, jahraus, jahrein müssen weniger Rekruten ausgebildet, müsten mehr und mehr etatsmäßige Offiziers- und Unteroffiziersstellen beseitigt werden. Bon zwei Prozent der Bevölkerung müssen die Friedensstärken auf 1, X, H, V«,'/» Prozent heruntergesetzt werden. Die stetige Rüstungsverminderung ist der Weg zur Abrüstung. Die Befreiung der arbeitenden Mensch- heit gehtdurch die Abrüstung. Erst die Abrüstung sclzafft gleiche Kampfbed nguvgen für alle Klassen auf dem Boden der Demokratie. Dann erst vermaq sich das Sviel der Massenkräfte frei zu entfalten. Mit der Abrüstung ist die so- zialistische Gesellschaftsordnung zu verwirklichen. Die Ab- rüstung ist dringende internationale Aufgabe. wohin steuert Sie Reichsbank? Schacht vor der Wirtfchafts-Enquete. Das Gutachten des Reichsbankprästdenten Dr. Schacht vor der Wirtschafts-Enquete, über das wir schon kurz berichtet haben, umfaßte eine Fülle von Fragen der B a n k p o l i t i k und der all- gemeinen Wi r t s ch a f t s p o l i t i k, aus der es sich verlohnt, drei Probleme besonders hervorzuheben: Die Diskontfrage, die privat- wirtschaftliche Einstellung der Reichsbahn und die Frage der Aus- landskredite. Diskontpolitik. Dr. Schacht schilderte, wie für dt« Notenbank die Rücksicht- nähme auf ihre eigene Dividende niemals bestimmend sein kann und auch gar nicht bestimmend zu sein braucht für die Bemesiung des Diskontsatzes. Er hob hervor, daß sich die Diskontpolitik nach der Beobachtung einer ganzen Reihe von Erscheinungen in der Praxis richten müsse. Es müsse die Bewegung der Deckung der Reichsbanknoten, ebenso wie die Bewegung der Devisenkurse, die Umlaufsmittelmenge, ebenso wie das Preisniveau und das Lohn- Niveau beobachtet werden, und es müsse nichr zuletzt die Entwick- lung der Zinssätze an den freien Kreditmärkten maßgebend � die Diskontfestsetzung beeinflussen. Die Kunst bestünde daran, durch die Diskontpolitik die natürlichen Berhältnisse am Kreditmarkt rechtzeitig zu konstatieren und för- dernd auf erwünschte wirtschaftliche Tendenzen einzuwirken. Die Idee einer Regulierung der Gesamtwirtschaft durch die Bantpolitik lehnte Dr. Schacht ab, nur im Rahmen der allgemeinen Wirtschafts- und Sozialpolitik könne die Bankpolitik auf den Ablauf der Wirtschaft einwirken. Die Erfüllung dieser Aufgabe könne nicht durch mathematische Rechnung gewährleistet werden, sondern sie hänge ab von der richtigen Kombination der verschiedenen Wirtschaftserscheinungen. Diesen Ausführungen kann man grundsätzlich zustimmen: prak- tisch taucht nun aber die Frage auf, weshalb das Reichsbankdirek- torium im gegenwärtigen Zeitpunkt den Diskontsatz ver- hältnismätzig hoch über den Zinssätzen des freien Kreditmarktes hält. Die Reichsbank erstrebt Zinsocrbilli- gung, aber sie hemmt durch die Höhe ihres Diskantes die U S b e r- t r a g u n g der Zinsverbilligung von den kurzfristigen auf die langfristigen Kredite. Daß die Deckungsvorschriften nicht die geringste Hemmung für eine Diskomherabsetzung bedeuten könn- ten, unterliegt keinem Zweifel, denn die Reichsbank klagt gegen- wärtig selbst über ungenügenden Zustrom von Wechseln. Sie klotzt ferner über allzu reichlichen Zustrom von Devisen aus Auslands- krediten. Sicherlich gibt es aber kein wirksameres Mittel der Ein- dämmung der Auslandskredite als die Förderung des Zinsabbaues. Endlich bedeutet Zinssenkung im möglichen Rahmen eine Förde- rung der Arbeitsbeschaffung in der Wirtschaft, sie liegt also auch in der Richtung der Aufgaben unserer Gesamtwirtschafts- Politik. Die Frage, die sich logisch an das vorgestrige Gutachten des Reichsbankpräsidenten anknüpft, lautet also: Warum zögert die Reichsbank, ihren Diskont herabzusetzen? Wäre nicht eine D i s- kontermäßigung um 1 Proz. schon lange eine rechtzeitige Konstatierung der natürlichen Verhältnisse gewesen, und würde sie nicht-dazu beitragen, die die Börsenspekulation auf Kosten produk- tiver Wirtschaft begünstigende große Spannung zwischen kurzsristi- gen und langfristigen Zinssätzen zu vermindern? Der Reichebaukpräsideat als Slaatssozialist. Im Zusammenhang mit der Frage der Verwaltung der Lffent- Kchen Gelder am Geldmarkt, für deren Zentralisierung Dr. Schacht seit langem kämpft, machte er eine Reihe von grundsätzlich wichtigen Bemerkungen über die Organisation der großen Berkehrebetriebe. Er bezeichnet es als einen der großen, wenn auch vielleicht not- gedrungenen Fehler im Dawee-Plan, daß er die Trennung der Eisenbahn- und Posioerwaltung vom Staat bewirkt habe. Die Folge sei, daß die Verkehrsverwaltungen in über- triebenem Maße privatwirtschaftlich eingestellt seien. Es sei notwendig, daß derartig« Betriebe nach Volkswirtschaft- lichen Gesichtspunkten geführt werden. Dr. Schacht erNärt«, daß er sich als Staatssozialist in dieser Beziehung bekenne. In bezug auf die Verwaltung der Gelder ist mit der Post, die ja viel weniger verselbständigt ist als die Eisenbahn, vollkommene Uebereinstimmung erzielt. Sehr heftig griff dagegen der Rcichsbankpräsidcnt die B e r- kehrs-Kreditbank, das eigene Bankinstitut der Reichsbahn, an, von dem er behauptete, daß es rein erwerbswirtschaftlich ein- gestellt sei. Ein Direktor diescs Instituts hätte es fertigbekommen, öffentlich zu erklären, daß die Reichebahn ihre Gelder der Reichs- dank nicht geben wolle, weil die Reichsbank unter ausländischem Einfluß stünde. Der Reichsbankpräsident betonte demgegenüber, daß von einem ausländischen Einfluß auf die Bankpolitik gar keipe Rede sein könne. Die Frage nach der Schädlichkeit des gegenwärtigen Zustandes der Anlage öffentlicher Gelder und nach dem Nutzen ihrer Zentra- lisation wird der Enquete-Ausschuß weiter sachlich zu prüfen Habel». Auf jeden Fall aber können wir Herrn Dr. Schacht als Bundes- genossen im Kampfe gegen die privatwirtschaftlichen Tendenzen der Reichsbahnverwaliung gern begrüßen. Auslandskredite und Freihandel. Der Schluß der Schachtschen Ausführungen war ein heftiger Angriff auf die Auslandskredite. Dr. Schacht warnt seit längerer Zeit vor den Gefahren des Zustromes der Auslandskredite. Er sieht in ihnen nicht nur eine erwünschte Kapitalzufuhr zur Be- lebung der deutschen Wirtschaft, sondern er glaubt, daß viele von den Auslandskrediten aufgenommen werden, ohne genügende Rücksicht auf die Berpflichtung der späteren Rück- Zahlung. Er glaubt insbesondere, daß dieser Zustrom von Auslandskrediten, die zunächst zu einem Zustrom von Devisen in die Reichsbank führen, reparationspolitisch unheilvoll sei, weil er dem Ausland nicht nur.«in« Zahlungsfähigkeit Deutschlands, sondern vor allen Dingen auch«ine Transfer-Fähigkeit, d. h. eine Fähigkeit, Zahlungen durch Devisenabgabe zu leisten. vortäusch«, die in Wirklichkeit nicht vorhanden sei. Dr. Schacht dem besonders die Auslandsanleihen der öffenllichen Körperschaften ein Dorn im Auge sind, meinte, daß die Politik der Beratungsstelle für Kommunalanleihen nicht ausreiche, um die Gefahren zu be- schwören, und daß es vielleicht nötig sein werde, der K r e d i t a u f- nahm« im Ausland schärfere Fesseln anzulegen. Wir glauben, daß der Reichsbankpräsident die Gefahren der Auslandskredite sehr überschätzt, und daß er ihre Vorteile im Hinblick auf notwendigen Kapitalzustrom und vor allen Dingen auch als Ausgleichsmittel gegenüber zu hohen Zinsfordeningcn der Kreditgeber im Inlande unterschätzt. Die Diskussion über dieses Problem im Enquete-Ausfchuß wurde vertagt, und es würde uns hier zu weit führen, in diesem Augenblick uns mit der ganzen theoretischen Begründung Dr. Schachts auseinanderzusetzen. Aber eine Frage soll doch ausgeworfen werden: Wie reimt sich der Wunsch nach einer protektionistischen Fesselung des inter- nationalen Kapitalverkehrs zusammen mit den Grund- sätzen der internationalen Handels- und Verkehrs- freiheit, die das Manifest der Wirtschaftsführer rerrritt, zu besten ersten Unterzeichnern der Reichsbankpräsident Dr. Schacht gehört? Ist es vielleicht typisch, daß die Wirtschafts- führer sich für die Handelsfreiheit immer mehr auf den Gebieten begeistern, auf denen sie weniger direkt beteiligt sind? Wenn der Bankpräsident für freien Warenhandel und gehemmten Kapital- verkehr eintritt, und der Großindustrielle für freien Kapitalverkehr, aber Aufrechterhaltung je nach der Branche der Eisen-, Textil- oder anderer Zölle, so wird wohl die Uebertragung der Grundsätze des Manifestes in die Praxis gute Weile haben. Ein englischer Ehemietruft. Bierfirmenfusion mit 764 Millionen Mark Kapital. Wie aus London genieldet wird, stehen vier führende Gesell- schaften der chemischen Industrie Englands vor der Fusion. Di« Ber- waltungen haben die Vertrustung im Grundsatz bereits beschlosten. Es handelt sich um Eingezahltes Kapital Brunuer, Mond u. Co. Lim.. Pfund Nobel ZndunrieS Lim..... lö,97«t-, British Dyesluffs Corp. Lim... 4,78, Uniled Altali Comp. Lim.... 3,72„„ Das«ingezahlt« Kapital beträgt insgesamt 33,2 Millionen Pfund Sterling oder rund 7S4 Millionen Mark. Das Nominal- kapital liegt nicht unbeträchtlich höher: es betrögt 47,5 Millionen Pfund oder rund Söll Millionen Mark. Di« Höh« der zu vereinigenden Kapitalien zeigt, daß es sich um einen Zusammenschluß großen Formats handelt. Die Stellung dies«, zukünftigen Trust«s wird in England dieselbe sein, die di« I. C. Forbenindustri« in Deutschland hat. Daben darf aber der Vergleich der Kapitalien nicht dazu verführen(das Nominalkapital der englischen Firmen ist nämlich noch höher als das des deutschen Ehemietrustes), der englischen Kombination etwa di« gleich« w i r t- schaftlich« Bedeutung beizumesten. Davon kann nicht«nt- fernt die Rede sein, weil die englischen Gefellschaften allgemein viel höher kapitalisiert sind als heute die deutschen, von der Zusammenhanglosigkeit, der Jugend und relativen Unerfahrenhcit der englischen Chemieindustrie ganz abgesehen. Der Zusammenschluß selbst, die von Mr. Mond aus der Brunner, Mond u. Co. Lim. ausgeht, ist ein Zeichen für di« Lebendigkeit, mit der die Notwendigkeit der Konzentration auch in dem konservativen England heute empfunden wird. Daß Deutsch- lands Beispiel stark anregend gewirkt hat, ist sicher: es ist auch wahrscheinlich, daß di« vom deutschen Farbenlonzern schon früher mit der British Dyestuffs Corp. angeknüpften Verhandlungen und di« seit der Köln-Rottweil-Fusion ziemlich eng gewordenen Verbindungen zwischen I. G. Farben und dem englischen Nobel- Konzern dem Zusammenschluß förderlich waren. Daß Dulsberg, der Leiter des deutschen Chemietrustes, mit Mister Mond an den Wirtschaftsverhandlungen in R o m s« y teilnahm, das läßt nn Zu- sammenhang mit den vorhin genannten Berbindungsfäden auch darauf schließen, daß nicht ausschließlich Konkurrenz- gesichtspunkte die Fusion oeranlaßt haben. See /iußenhanöel der Sowjetunion. Das Handelskoistmifsariat der Sowjetunion hat vor kurzem nähere Angaben über den Außenhandel der Sowjetunion ver- öffentlicht. Der Gesamtumsatz im Handel mit den europäischen Staaten betrug demnach für zehn Monate des Wirtschaftsjahres 1S25/2ö 1864 Millionen Rubel gegenüber 908 Millionen Rubel für dieselbe Zeit im Loriahre. Aus die Ausfuhr entfielen 493 Millionen, auf die Einfuhr 571 Millionen Rubel. Die entsprechenden Zahlen für das Vorjahr waren 386 Millionen und 522 Millionen Rubel. Das passive Saldo betrug für 10 Monate 1925/26 78 Millionen gegenüber 136 Millionen Rubel im Borjahre. An erster Stelle ist am russischen Außenhandel England beteiligt Der Umsatz im Handel mit ihm erreichte für die genannte Zeit 259,1 Millionen Rubel, wobei auf die Auefuhr 159,6 Millionen und auf die Einfuhr 109,5 Millionen Rubel entfielen. An zweiter Stelle steht Deutschland(im vorigen Jahre standen die Vereinigten Staaten an dieser Stelle). Der entsprechende Umsatz betrug 242,4 Millionen Rubel. Der Um- satz mit den Vereinigten Staaten erreichte 109,1 Millionen gegenüber 187,7 Millionen Rubel im Vorjahre. Der Umsag mit Frankreich betrug 52,9 Millidnen, mit Lettland 61,6 Millionen, mit Belgien 19,1 Millionen, mit der Tschechoslowakei 16 Millionen Rubel. Der Umsatz im Handel mit den asiatischen Ländern machte für 9 Monate des Jahres 1925/26 116,7 Millionen Rubel aus, wobei auf die Ausfuhr 53,6 Millionen und auf die Einfuhr 65,1 Mil- lioncn Rubel entfielen. Der Einfuhrüberschuß betrug 9,5 Millionen Rubel. Die Hauptrolle im russischen Handel mit Zlsien spielt P e r s i e n. Der Umsatz betrug dabei 59,3 Millionen Rubel: auf die Ausfuhr entfielen 27,2 Millionen und auf die Einfuhr 32,1 Mil- lionen Rubel. Der Umsatz mit China betrug 22 Millionen, mit Japan 6,3 Millionen, mit Mongolien 4,7 Millionen und"mir Afghanistan 3,7 Millionen Rubel. Ausbau der oderrheinischen Eiektrizitatswirtschast. In der Schweiz ist soeben die Gründung der Aktiengesellschaft zum Bau und Vertrieb des Kraftwerks Ryburg-Schwör- st« dt vollzogen worden. Gründer der Aktiengesellschaft sind der bad isch« Staat, die Kraftübertragungszentral« R y e i n f« l d« n, der schweizerische Kanton A a r g a u und di« Gesellschaft Motor- C o l u m bu s- Zürich. Das Aktienkapital beträgt 30 Millionen Franken. Der Kostenaufwand für den Ausbau des ganzen Wertes ist auf 60 Millionen Franken oeranschlagt. Die Anlag« soll in vier Jahren fertiggestellt sein. Di« erzeugte Energiemenge von einer halben Milliarde Kilowattstunden wird zur«inen Hälfte der Schweiz, zur anderen Hälfte Baden zufallen. Mit der Anlag« dieses neuen Kraftwertes am Oberrhein ist ein weüerer Schritt in der Nutzbar machungderWasserträft« des Oberrheins für die Elektrizitätswirtschaft getan. Di« Ausnutzung der Rheinstrecke von Konstanz big Basel wird aus 3,6 Milliarden Kilowattstundenleistung geschätzt. Damit ist die Rheinstrecke«ine der größten Kraftguellen Europas. Es sind 13 Kraftwerk« vorgesehen, von denen vier bereits erstellt sind. Der Aktienanteil des badischen Staates an dem ncuen.Werk beträgt 5 0 Proz. Mit dieser Beteiligung fichert sich der Staat einen namhaften Einfluß aus die Elektrizitätswirtschaft des Ober- rheins. Baden ist alleinige Besitzerin des Badenwerks, das fast das ganz« Land mit Kraft und Licht versorgt. Gegenwärtig ist eine weitere große Kraftanlage im Auebau begriffen, das Schluchseewerk, hgs nach vollem Ausbau mit 390 Millionen Kilowottftunden die größte Speicheranlage Deütfchlands fein wird. fluf dem Wege zum Monopol. Der Stahlverein auch Herrscher im mitteldeutschen Stahltrust? Bei unserer Behandlung der Neugruppierüng des Linle-Hof- mann-Lauchhammer Konzerns im Zufamnienhang mit der Bildung des Mitteldeutschen Stahltrustes haben wir schon auf die bedeutsam« Mittlerrolle des Herrn der Charlottenhütte, Friedrich Flick, jetzt Großaktionär der Vereinigten Stahlwerk« A.-G., hm- gewiesen. Flick ist auch Besitzer des beherrschenden Aktienpakets von Linke-Hofmann-Lauchhammer und verfügt ebenso über die 15 Millionen Aktien des Oberschlesischen Montantrustes. Die Gründung des Mitteldeutschen Stahltrustes im Zusammenhang mit der Sanierung des Lauchhammer-Konzerns wird damit als eine Sanierung des Aktienbesitzes des Herrn Flick erkennbar und erhall durch seine jetzige Stellung im Direktorium des Ruhrmontantrustes«ine weit über di« mitteldeutichcn Um- stellungsvorgänge hinausgreiscnde Bedeutung. Die Bsreinigte Stahlwerke A.-G. dürste nämlich schon jetzt p r a k t i s ch den Mittel- deutschen Stahltrust beherrschen und durch starke Mitbeteiligung am Oberschlesischen Montantrust auch dessen Politik wettgehend beeinflussen. Bon dem 5 0- M i l l i o n e n- K a p i t a l des Mitteldeutschen Trustes erhält nämlich der Stahloerein für sein Brandenburger Wcberwerk unmittelbar 12 Millionen, also die qualifizierte Minderheit. 5 Millionen werden ja in, Portefeuille des Trustes zu eventuellen Angliederun gen zurückgehalten. Herr Flick ec hielt als Großaktionär vom Linkc-Hofmann-Konzern für dessen �sit cksi Genörationen Lit La ÖU/don usiM/m KONIGIN VON SABA Qualitätgziqarette. ymjiWibdrwiriq vxm�JudirdmjbiAa.-fkAonfk/it fru/vch, ein£,-tciyu�äM/dc�(j�. Zahlreiche Beteiliguna auch der Ifrcuen und Spmpathisteren. den erwünscht. 52. Abt. eharlottenbnrp. Bormlttaa» 10 Mr fressen sich olle Genoffen zur ff-uoblattverbreituna bei B-be. Noiserin-Anausta-Allee 52. 85. Abt. Reukilln. Lerbst-slaniilienabend in Rudow. Restaurant. Lindenpa-k", Bcndastrahe. stoneert. Reutationen� Bort-äae. Tanz. Lebende Bilder. An- sana nachmittags 5 Übe. Bon 3—0 Mr nachmittags Kaffeekochen. Eintritt «inschkichlich Tanz 50 Pf. Strahenbahn 47 bis Rudow. * NunnsoUalisten. Gruppe Lichtenberg: Sonntag. 24. Okwber, Konsumbeffchti- gung. Tressnunkt vormittags 8 Ubr IZronkfurter Allee Eck« Giirtelstrah«. am »Schwarzen Adler".____ So�jaiiftiscbe firbeiterjugenü Groß-Serlin. Angendbeirät«, Referenden, Mitarbeiter und ältere Genaffei«.«scheint bente ebend zu dem Bortran de» Geneffen Dr. Siegfried Bern-e'd äbee:»Die Psuch« de- proleia-ischen lingeudlicheu". Tagnngsort: Znristische Sprechstnnb«, L!»dra- ftrehe 3.»eainn>�8 Uhr. ?t>hreran,spr« Ge- nossen. die bisher an den Proben in ihrem Werbebrnrk teNpcnommen haben. mssssen nnbedinat ersübeinen. Inieressierte Genossen sind herzlichst wisskommen. Nerbcbe'.irk NoukZssn: 7 Uhr im Jugendheim Kanner Sttahe ciuherst wichtige Tagesordnung. Jeder Genosse und jede Genossin muß erscheinen. Mitglieds« buch dient �5 Ausweis. �- Werbebczttk Krenzbeeg» Der Schulnngskurfus fällt wegen der Svrechchor- probe aus imd findet am Montag, 23. Oktober, statt. Die Genossen müssen sich restlos am Sprcchchor beteiligen. Werbebezir? Peenzlauer Berg: Beginn des Schuluna-kurfus �8 Uhr im Jugendheim DenAiger Str. 62. Genossen, erscheint pünktlich. Westen: Di« ksnoendfeter. die heute stattfinden sollte, muh wegen unüber» windharer Schwierigkeiten abqesebt werden. Die gelösten Karten werden gegen Nückcrstattuug des Geldes von unseren Genessen und von dem Genossen Asapp- stein, Culmstr. 20«. zurückgenommen.. ZNorgen, Sonnkaos, 24. Okkober: Echänbonsee B-rstabt: sZOHet. Treffpunkt 7 Ubr Bahnhos Gesundbrunnen.— «essen: Irnh-t. TresspUNkt SS Uhr B'hnhof Blllowstrahe.— S»öneberg l und II: Beffchtiaimg des Konsums. Treflpunft Zr8 Uhr KWG.— Lichtenberg- West: Ifabrt. Treifpunkt 7 Uhr Bahnhof Etralau-Rummelsburg. «erbebe, irk Teltowkaual: Besichtigung der Ausstellung für Arbeiterwohlfohrt. Treffpunkt Zill Uhr Gharlotteuburg. Am Knie Ecke Sardenbergstrahe. vortrage, vereine unü Versammlungen. Reichsbanner. Schwor, Rol-Gold". Geschäftsstelle: Berlin �14. Eebasttanstr. 87,88. Hof i Tr. Bafferspoetnbteilnng: Zungmannschasten Sonntag Arbeitsdienst. Stach mittags gemütliches Zusammensein.— Reukälln-Brig: 5. Käme- radschaft Iungmonnschaft Sonntag, d. 24., Treffpunkt 8 Uhr Elbe- Ecke Kaiser- Isriedrich-Strahe zur Konsumbesichtigun»— Lichtenberg nebst Uniergeuppent Sämtliche Kameraden sowie Tamdourkorps treffen sich zur Kousumbrstchtigung um UU Uhr Rittergut» Ecke Memeler Strohe. Arbeiter- Ten us».Berrinignrg. Da» erste Hallentraining findet Sonnlag. 2t. Oktober, normittags»an 8—12 Uhr. in der Schule Gvrmonnftrah« 15 Minu- ten vom Aleranderploh) statt. Turnschuhe und Tennisschläger sind mitzubringen. «erkner»Inchemisch« Berern. Mvutog. 25. Oktober. 8 Uhr. Moabit. Bandelstr. 35. Hobenzollernfäle. Referent Herr Dr. Stockfleth. Reu« Kurse der Weltsprache Ida. 3. Bezirk! Mittwoch. 3. November. >48 Uhr bei Theodor Witt. P-sewalker Str. 2. R-sevat-»Weltsprache und Kiaffenkamvf". 4. Dezirk: Mittwochs Z48 Uhr bei Hans Perkun. irried-nstr. 23. 5. Bezirk: Donnerstags',48 Uhr bei W. Kaufmann. Litouer Str. 7. 8. Bezirl: Montag. 25 Oktober. 7 Uhr. In der 2. Gemeindeschule. Moltkestr. 82, Zimmer l. Einleitende- Referat:„Die«eltspracheim Dienst« des Klassen kämpfe»". 17. B«. ztrk: Kinderkursus Dienstags und Freitags 4—0 Uhr Rathausstraße. Baracken. Arbeitersport. SchachwettkSmpfe des VASS. Refnltote der leiten Spiele: Di« Spiel« um die Abteilungsmeisterschaft im »,» vi,_______- 1»_.»? r:».4»»» z». r»»»» v» Ct>• 4-�4.- Berliner Arbeiter �chachNub am lehten Sonntaa zeitigten folgend« Reslltate: —----».,_ __ Friedrichsseide I gegen„. fl Hänge)."Mordwest I gegen Charloltenburg II 4lij2%(3 Hänge). Rord- b.Eruöpe: vhen'l g«S«n Südwest l"7Zh: 2Z4. Schienberg k gegen Weddjng ll V,: 6'/j(3 Hänge). B. Gruppe: Friedrichsfeld« I gegen Weihenfe« I 6V>_: 2H ring I gegen Norden 15:4(1 Häng«). V.Gruppe: Mitte l gegen Charlotk-n. dura IN 8:1. Baltikum l gegen Gesundbrunnen NI 0Zb: 2Z,(1 Hange). Südwest N gegen Norden 11 5: 5. Neukölln ll gegen Wrdding IV 8: 1» Sstden ll gegen Friedrichsfelde 4: 5 sl Hänge). So klein ist ein Päckchen WRIGLEY P. K.- Kau- Bonbons. Es lässt sich bequem in der Tasche unterbringen. Stets willkommen zur Erfrischung von Mund und Atem, besonders nach dem Eissen, Trinken und Rauchen. Dauerndes angenehmes Aroma, appetitanregend, Verdauung fördernd. V on vielen Aerzten und Zahnärzten empfohlen! GF.7 |�ckßhen=4Stöck-10Pf. Uebsrall erhältlich! WKBGLEY KAU-BONBQNS WRIGLEr AKTIEN•CEiEUSCHAfT. 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Ganz besonders haben sie recht, wenn die, die jetzt am lautesten über„Verrat" schimpfen, mit zugefaßt hätten, sofern sie damals politisch schon aktionsfähig waren. Aber immerhin: stellte da- Schicksal das deutsche Proletariat noch einmal vor dieselbe Aufgabe, würde es sicher manches besser machen. Nicht zuletzt deshalb, weil die neue Zeit einen großen Teil Prole- tarier in Ausgaben hineingezwungen hat, die sie in der alten mit sehr, sehr wenigen Äusnahinen sich nicht getraut hätten zu über- nehmen. Der aufsteigende vierte Stand wurde vordem absichtlich von allem zurückgehalten. Das Dreiklassenwahlrecht in Staat und Ge> metnden vcnperrte ihm die ihm zukommenoe ausschlaggebende Macht in diesen Parlamenten. Die Verwaltungen. Aussührangsbehärden waren aber her- mctisch abgeschlossen für alle, die nur im leisesten Verdacht der nicht- konservativen Gesinnung standen. Man erinnere sich der wütenden Angriffe der Junter gegen die Minister, die einmal, sicher aus Versehen, einen Nationalliberalen als Landrat, einen Freisinnigen als Schulrektor passieren ließen. Und nun gar einen Proleten! War es doch noch der Reichskanzler Vülow, der erklärte:„Es ist Pflicht der Regierung, daraus zu achten, daß auch der letzte der Beamten die Politik der Staatsgewalt vertritt." So kam es, daß ein Sozialdemokrat im hohenzollernschen Orb- nungspaat nicht einmal Nachtwächter aus einem obskuren Junker- dorse werden konnte. Als man daher ISIS den„Proleten" den politischen Trümmer- Haufen, der von der ganzen Herrlichkeit übrig geblieben war, zum Ordnen überließ, während man wirtschafUick alles abgedreht hatte, standen wir vor einer Riesenaufgabe, wie sie die Geschichte noch keinem Volke gestellt hat. Mit gänzlich ungeschulten oder nur wenig geschulten Kräften. Und mancher, der ablehnte, einen Posten zu übernehmen, tat es wohl nicht zum kleinen Teil aus Furcht, der .Aufgabe nicht gewachsen zu sein, die viele dann hinter radikalen Phrasen verbargen, da ja Schimpfen und Kritisieren leichter war als mit zuzufassen, auch unter der Gefahr, einmal aus dem völlig neuen Gebiet einen Fchllritt oder Fehlgriff zu tun. Warum war es so? Kleine Ursachen, große Wirkungen! Nachdem es nach der Puttkamerschen Auflösung de» Berliner Stadtparlaments 1883 der Sozialdemokratie gelungen war, in den Karpfenteich rote Hechte hineinzusetzen, war es vom ersten Tage an unter Paul Singers Führung das Bestreben der sozialdemo- kratischen Fraktion, in die Bezirks-, Armen-, Waisen-, Schul- kommissionen usw. Genossen hineinzubringen. Aber nicht nur im Magistrat und in den Stadtverordnetenversammlunaen stieß man auf härtesten Widerstand, sondern besonders in den Bezirken selbst. Wir waren an Kamps und zähe Ausdauer gewöhnt. Und so hätte uns dieser Widerstand nur noch mehr angefeuert. Jedoch der größte Feind der Versuche war di° Tatsache, daß die sozialdemo- kratischen Stadtverordneten in den Genossenkreisen nicht die nötige UnterstlltzlMg fand««.-'---- Nicht aus bösem Willen oder Opposition, sondern weil es den „recherchierenden Stadtverordneten", die für Neubesetzung der Be- zirkskommissionen das Vorschlagsrecht hatten, äußerst schwer fiel, Genossen zu finden, die sich bereit erklärten,«in solches Amt zu übernehmen, weil—„sie davon kein« Ahnung hätten". Wie viele Besuche, Reden und Erklärungen waren notwendig, selbst bei intelligenten Genossen, ehe man ihnen begreiflich gemacht hatte, daß sie in das betrefsende Amt etwas mitbrächten, was die meisten bürgerlichen Mitglieder nicht besitzen können, nämlich die Kenntnis, wo dem arbeitenden Volk, den Notleidenden der Schuh drückt. Und die Interessen dieser leidenden Mitmenschen bester ge- wahrt werden, wenn ein Arbeiter zur Recherche zu ihnen kommt und ihre Wünsche in der Kommission zu vertreten In der Lag« ist. Die meisten von denen, die sich dann„breitschlagen" ließen, ein solches Amt zu übernehinen, waren sehr bald infolge ihrer nalür- lichen Begabung und Sachkenntnis in der Lage, grundlegende Aende- rungen in das bisherige System zu bringen Doch selbst, wenn wir endlich einen solchen Genossen erwischt hatten, so hatte er das Amt noch nickt. Da war noch ein Ausschuh der Stadtverordnetenversammlung für„unbesoldete Gemeindebeamte". Und da in den Stadtbezirken der Sozialdemokraten fast überall noch ein bürgerlicher Stadtver- ordneter„Mitr«cherchierender" war, mußten in diesem Ausschuh recht oft schwere Kämpfe ausgefockten werden, um den gefürchteten Roten in die betreffende Kommission hineinzubekommen. Das zu verhindern hatten die Bürgerlichen alle Ursache. Die Fortschritts- wie die spätere Freisinnige Partei besaßen in Berlin nur Rudimente von Organisationen und dominierten doch in allen Stadtverordnetenwahlbezirken, weil die Bezirkskommlssionen ihre Wahlbureaus waren. Und deshalb wollten sie keinen Andersgesinnten dazwischen haben. In helle Ausregung aber gerieten dies« Karpfenteich«, als es im neuen Jahrhundert endlich gelungen war, durchzusetzen, daß in den A r m e n k o m m i s s i o n e n Frauen zugelassen werden sollten. Leider war es— nach dem Vorhergesagten erklärlich— damals noch schwieriger, Frauen für ein derartiges Amt zu gewinnen. Ich hatte damals zwei Recherchenbczirte. Den einen in der Blumenstroße, den anderen vor dem Königstor. In letzterem wurde in der Armenkommission eine Stelle frei. Nachdem ich lange ver- gebens nach einer Genossin gesucht hatte, ohne sie zu finden, machte mich ein Genosse des Bezirks darauf aufmerksam, daß die Frau eines Maglftratssekretärs, der im Bezirk wohnte, bereit wäre, das Amt anzunehmen. Nach Rückfvrache mit derselben schlug ich sie vor, aber— die Armenkommission crplodierte in des Wortes ver» wegenster Bedeutung, obwohl die Frau keine Sozialdemokratin war. Samtliche Kommistionsmitglieder erhoben einen geharnischten Pro- test mit der Erklärung, daß sie ohne Ausnahme ihre Aemter nieder- legen würden,„wenn man ihnen ein Weib aufzwänge". Der Ausschuß für Unbesoldete wollte vermitteln, holte sich aber von beiden Seiten eine Abfuhr. Zur nächsten Sitzung der Bezirksarmenkommillion fuhr ich mit Stadtrat Dr. Münsterbera. dem damaligen Hächftgewalligen der Armendirektion, in das Tagungslokal„Zum Landvogt'. Bis in die sinkende Nacht ging der Kampf. Die Kommistion blieb dabei, die Aemter niederzulegen, wenn Hofnnann den Vorschlag nickt zurücknähme. Sogar ein Genosse, der einzige in der Kom- Mission, hatte sich von der Entrüstung mitreißen lassen. Was wurden für Argumente gegen die Frau angeführt? Es kämen Dinge zur Sprache und es wären Recherchen vor- zunehmen, die man einer Frau nicht zumuten könne. Ich wies auf einen Fall gerade in diesem Bezirk bin, in welchem ich als recherchierender Stadtverordneter eine Rachrecherche bei einer schwer unterleibsleidenden Frau vornehmen mußt«, die über diese zweite Reckerche so erregt wurde, daß sie da» Deckbett von ihrem Körper warf und ihr entsetzliche« Leiden vor meinen Augen bloßlegte. Ich fraote die Kommistion, ob da nicht eine Frau bester am .Platze gewesen wäre. Alles ohne Erfolg. Schließlich erklärte der Armenvprsteher der Kommission:„Ja, nach den Sitzungen bleiben wir immer noch gemütlich beisammen. Und da wird mancher Witz erzählt, der für ein Weib nicht paßt." „Ach so," entgegnete ich,„Sle haben nachher noch einen Schwein- igelklub. Dann sage ich Ihnen: Bleibt die Frau nach den Sitzungen noch da und hört sich die Witze mit an, dann paßt sie in Ihren Streifen. Sonst geht sie nach Schluß der Sitzung nach Hause." Selbst dem Vorsitzenden der Armendirektion war es zu starker Tabak. Dr. Münsterberg entschied:„Es bleibt dabei. Die Frau ist Mitglied. Tun Sie, meine Herren, was Sie nicht lasten können." Alle legten ihre Aemter nieder, bis auf den Sozialdemokraten, der seinen Anspruch zurücknahm. Die Aemter wurden sämtlich mit Sozialdemokraten neubesetzt. Einen zweiten Fall möchte ich aus meinem anderen zu recherchie- renden Bezirk berichten, der von weittragender Bedeutung war. Auch in dem Bezirk in der Blumenstroße hatte ich eine Reihe Ge- nassen, die sich bereit erklärten, das Amt anzunehmen, in die Armenkommistion hineingebracht. Auch hier legte ein großer Teil der bürgerlichen Mitglieder ihre Aemter nieder. Ich ersetzte sie alle durch Genossinnen und Genoilen, und so bekamen wir durch den Streik der Bürgerlichen die Mehrheit. Und bei der Neuwahl des Armenvorstehers wählte die Kommission die erste Frau zur Armen. Vorsteherin. Da» war die er sie Armenvorstcherin in Deutschland. Natürlich schlug diese Tatsache wie der Blitz ein. Aber alles hals nichts. Die Frau ward bestätigt und machte ihre Sache so vorzüglich, daß bei der nächsten Neuwahl ihr bürgerlicher Vorgänger, der in- zwischen zurückgekehrt war, sie selbst zur Wiederwahl mit den an- erkenncndsten Worten vorschlug,„daß er keinen Anstand nehme, zu erklären, er hätte nie geglaubt, daß ein Mann das leisten könnte, was diese Frau in ihrem Amte vollbracht hat". Diese Frau war die Genossin Ottilie Gerndt, die am 14. Oktober ihr SO. Lebensjahr vollendete und noch heute mit gleicher Kraft in der Wohlfahrtspflege, die dank der Sozialdemo- krati« au» der Armenpflege geworden ist, tätig ist und auch al» Bezirksverordnete in Berlin-Mitte noch„ihren Mann" steht. Mägen die Genossinnen und Genosten an dieser Tatsache sich ein Beispiel nehmen und zugleich bedenken, je mehr sich zu solchen Aemtern zur Verfügung stellen, desto mehr bekommen wir Einblick in das Getriebe der Verwaltung, und desto leichter wird es gegebenen- falls, die bürgerliche Gesellschaft abzulösen. Das ist nickt durch Nurkritik möglich, sondern hier heißt es, praktisch auch die Tat walten zu lasten. Wa» jetzt doch schon etwa, leichter ist als einst._ berliner Ortsnamen. Was bedeutet eigentlich Berlin? Diese Frage baben sich schon viel« vorgelegt, und die Wissenschaft hat über diesen sowie über andere merkwürdige Berliner Namen viel gestritten. Antwort auf alle diese Fragen gibt nun ein kleines Buch„Alte Ortsnamen im Westen Groß-Berlins" von Hermann Patzig, erschienen in dem Ber- liner Verlage von Karl Curtius. Die wahrscheinlichst« Deutung de» Namens Berlin sowie der zehn, übrigen Orte, die so heißen, ist eine slawische Ableitung von einem Wort, das„dos Wehr" bedeutet. Dieses Wehr oerband das rechte zu Barnim gehörende Spreeufer mit dem linken in Teltow gelegenen und stellte so von Anfang an eine Gemeinschaft zwischen den beiden Orten her, ans denen Berlin entstanden ist. Berlin joveohl wie Kölln hatten für die Instand- Haltung der Sperre zu so-gen. Daß hier unsprünglich eine slawisch« Niederlast ng war, zeigen auch andere slawische Namen. Alte deutsche Benenmmgen aber sind der„Krank", d. h. Ring an der Nikolaikirche und der„Krögel" an der Sorec. Krögel heißt mittel. hochdeutsch soviel wie Aacke: es ist eine Gabel mit hackenförmigen Spitzen, die als eine Art Rechen, zu dem Wehr gehörig, in die Spree hlneinreickte und dem zu ihr führenden Zugang den Nomen gab. Die urfvrünglicke Echwesterstadt von Berlin. Kölln, hat mit Köln am Rhein nichts zu tun. So wie bei den vielen anderen „Köln" genannten Orlen ist das Wort au» dem lateinischen colom» herzuleiten: es bszeichnete den Wohnort der„coloni", der halb- oder ganz sreien Siedler, die vom Landesfürften oder der Boglei ab-- yängig tvaren. C h ar l o t t en b u rg hieß, bevor Frleäktch 1. den Ort' nach der Kurfürsttn Sophie ltharlotte benannte. Llltzetv bürg: dieser Name ist nicht von dem deutschen„Lüget"-= klein ab- zulel.en, sondern von dem slawischen lucina= Wiese. Der Grunewald hatte bis in» 16. Jahrhundert als Teil der Teltawschen Heide (eine besondere Bezeichnung. Eist als Joachim II. 1542 dort ein Jagdhaus erbaute, nannte er es„Zum grünen Wald". Hunde- kehle heiß» Hundehütte. In dieser Bedeutung erscheiM da, Wort schon Im 14. Jahrhundert. Friedrich Wilhelm I. verband mit dem Hundehaus, das sich wohl schon im 17. Jahrhundert am Hundekehlen- See befand, eine Försterei. Halen see ist nach einem See genannt, der der„hohle" oder hol« See hieß. Diesen Namen hatte der See erhalten, weil er in einer Talsenkung liegt. Schlachtensee, das zuerst in einer lateinischen Urkunde von 1242 über den Vertauf Zehlendorss an Lehnin erscheint, wild hier„Siotdorp" genannt. Die slawischen Fischer, die hier wohn.en, bezeichneten ihre Niederlassung als Moor- oder Schilsdorf, denn diese Bedeutung hat da» slawische slatina. Slatdorp wurde dann In Schlachtendors und der dabeiliegende Slat- see in Schlachtensee verdeulscht. Schmargendorf findet sich zuerst 1370 unter dem Namen„Marggreuendorp": dann erscheint es 1440 als Smargenendorp und später als Schmargendorf, wobei wohl das deuische Wort„Mark" als Grundform anzunehmen ist. Wilmersdorf verdankt seinen Namen einem Bcrnhardus de Wllmarsiorp, der 1355 in einer Urkunde Albrechts des Bären als Zeuge a' stritt. Der Name Wilmar wurde dann auch in den geläufigeren Namen Wilmersdorf übertragen, so daß der Ort al» „WIllemetorp" erscheint. Die ältere Bezeichnung setzt« sich aber dann durch. Zehlendors bedeutet eigentlich Bienendorf, denn der Name ist mit dem slawischen voela und dem althochdeutschen Zidal= Waldbiene in Berbindung zu bringen. Hier wohnten ur- sprünglich eifrig« Bienenzüchter, und nach ihnen ist auch der W a n n s e e benannt, bis zu dem die mit B'enenstöcken besetzte G-meindeheide Zehlendoifs reichte. Wannsee geht aus da« polnische Wort„wa?a" zurück, was soviel wie Wacksgewebe, der Vorstoß am Bienenstock, bedeutet. Das daraus gebildete„Wanie" ist das Wasier bei den Waben, woraus sich Wannsee entwickelte. Auch Steglitz führt in seiner zweiten Silbe eine slawische Erinnerung. denn die Slawen gaben den deutschen Gründunpen, deren zweiter Bestandteil„dorp" war. häufia die Endung„itz". Der erste Teil des Wortes aber ist gut deutsch und geht w f ein Wort„stlgila" zurück, eine BvTich'nng zum U ebersteigen einer Hecke oder eines Zaunes auch einer Treppe. In Dahlem verbirgt sich der Orts- name Dalheim, der sonst vielfach in deutschen Landen anzu- treffen ist._ Zn welchen Städten Ist d'e wahnunaenok am arößlen? In ver- sckfekenen Städten wurden Erhebungen über die Wohnungsnot an- gestellt, wobei sich ergeben hat. daß in Nürnberg auf 1000 Ein- wohner 40 8 fehlende Wohnunoen kommen: also scheint in Nürn- berg die Wohnunasnot am größten zu sein. Dann folgt H a n- nover, wo auf 1000 Einwobner 30 8 Wohnungen fehlen. Kassel mit der entsnrechenden Zahl 35,1. K o b l e n z mit 30. Werse- bürg mit 20,6, L I e g n i tz mit 28.7 und E l b i n a mit 26 2. So- weit sich aus den Erhebunoen ergibt, ist die Wohnungsnot am ckeniosten praß in den Städten Bochum, Düsseldorf, Rheydt, Speyer und W ü r z b u r g, wo aus 1000 Einwohner nur 18 bis?0 Wohnungen fehlen: am gerinosten Ist der A. ihnungs. Mangel in Regens bürg, wo auf 1000 Einwohner nur 13,7 Wohnungen fehlen. Meffi-ng der Marstemve'-alnr. Im Laufe dies?» Winters wird der nmerikonifche Astronom W. W. Eoblentz Im Lowell-Observotorium neue Untersuchungen über die Temperatur des Mars durchführen. Er hat sich für diese Arbelten mit verbesserten Thermoschmelzappa- raten ausgerüstet und beabsichtigt, feine vor zwei Jahren durchge- führten Untersuchungen soweit zu korrigieren, daß mit einer gewisien Siche�beit festoestellt werden kann, ob die Temperoturbedingungen de» Mar» die Existenz organischer Lebewesen überhaupt zulassen. Einmaliges leichtes Aufreiben mit Sun/ichf Seife gibt mehr prächtigen, mildreinigenden Schaum als dreimaliges Aufreiben mit gewöhnlicher Seife!„Sun/ichf" schont die Wäsche. Der große Würfe! 40 Pfg. Das Doppelstück 45 Pfg- S12 emzmr Unfercm®enof[eit Otto Butanemann (1/ nebst Frau x» zur Silberhechze» dir herz» x>> Itchstrn GtückwSa�ch«. (Zrnppe S. /tbiellunx Z4, Sl'll. Am SrnnabenS, den IK Otloder, ofrftach otötzlich und unerwartet unier treuer Mitarbeiter und Mitglied de« Betriebsrais, der Hilfsarbeiter Paul �lüser im Z0 Lebensjabrr Ein ehrende« Andenken wird ihm alle eit bewahren Das technische Personal der tlurt Hamelsche» Druckerei. Berlin RW., Hall erste. 1/2 Die Einäscherung erfolgt am Montag, den 25. Oktober, nachm«>/, Uhr, im Krematorium ISerichtitraße. Msdier MelalliMn-Maiiil Montag, den 25. Oktober, noch« «> Branchenversammlung der Lau- und Geldschronkschlosser. l. Bericht der Tagesordnung Branchenkommission. 2. �llmvorsllhrungrn Ohne Mitgliedsbuch kein gutrttt Pflicht aller Kollegen ist es, an dieser Versammlung teilzunehmen vi« Ortsnermalinng. �zt'vn-l>e6,r-Än5-tal'b Abteilung« tfcolaus Achten Sie aul die gebotenen Wir liefern weiter auf Vorteile TeilzalM 1000 HeÄ. 10 M. Anzahlung 1000 1000 1000 100 Herren-Mäntel und Ulster 10 M. Anzahlung Gummimäntel IBr Danen a. Herrn 8 mit M. Anzahlung Damen-Mäntel und Kostüme 8 mit M. 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