Abendausgabe Nr. S1� � 4Z. Jahrgang Ausgabe g Nr. 2S7 G«zuzsbedingung«n und Anzeigenpreise sind in der Mnrgenausgad« angegeben Redaktion: SV». 68, Lindenstrahe i Aernsprecher: Dönhoff 292— 29t Tel.-Zidress«: Sozialdemokrat verlla Derlinev VolKsblstt Tentralorgan der Sozialdcmokrati Pchen parte» Dcutfchlands (10 Pfennig) Mittwoch 3. ttovember 1 �26 Serlag und Anzeigenabteilung: Seschäftzzeit bi, z Uhr Verleger: Vorwärts. Verlag«SmbH. verlin SV». SS. Vindenstraffe 3 Fernsprecher: Dönhoff 292— 297 Cooliöge's Wahlniederlage. Demokratische Wahlerfolge in den Vereinigten Staaten. ?»ew Jork. Z. November.(TU.) Nach den bisher vorliegenden Ergebnissen sind die republikanischen Stimmen überall zurück- gegangen. Bei den Senatswahlen verloren die Republikaner ihre Hochburg Massachusetts, wo CoÄidges Wahlmanager Butler den Senatssitz an den Demokraten Walsh abtreten mußte. Außerdem gewannen die Demokraten besonders viel Stimme» in Illinois, Kentucky, Maryland, Colorado, Arizona und Oregon. Nach den bisherigen Ergebnissen ist anzunehmen, daß die republikanische Mehrheit im Senat so schwach fein wird, daß die pro- gressioen Republikaner den Ausschlag geben werden. Im Repräsen- tantenhaus wird die republikanische Mehrheit wahrscheinlich nur 25 Stimmen betragen, wobei die progressiven Republikaner ringe- rechnet sind. Bei der New Jorker Gouverneurswahl errang Smüh «inen leichten Sieg. Bei der Prohibitionsabstimmung in New Dort siegten die Prohibitionsgegner im Verhältnis 3: 1. Wahrscheinlich hoben auch in den übrigen sieben Staaten, wo über die Prohibition abgestimmt wurde, die Prohibitionsgegner gewonnen. vemokratisthe Senatsmehrheit! Ne« Jork. 3. November.(WTB.) Obgleich die endgültigen Wohlergebnisse noch ausstehen, wird vielfach stark mit der Möglich- keit einer demokratischen Senatsmehrheit gerechnet. Die Demokraten haben nach der bisherigen Zählung vier Senatssitze gewonnen: sie benötigten zur Erlangung der Mehrheit fünf weitere Sitze. » Alle vier Jahre finden in den Vereinigten Staaten Präsidenten- und Parlamentswahlen zugleich statt. Dann pflegt die Partei, die den Präsidenten stellt, auch die Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses zu erhalten und die Zu- sammenarbeit des Präsidenten mit dem Parlament ist gewähr- leistet. Ernsthafte politische Schwierigkeiten pflegen aber dann zu entstehen, wenn während der Amtsperiode des Präsidenten die Neuwahlen die zwei Jahre nach seinem Amtsantritt stattfinden, der Gegenpartei die Mehrheit bringen. Solche Wahlen fanden jetzt statt: das entscheidende Drittel des Senates und das ganze Repräsentantenhaus war neu zu wählen. Das Ergebnis, so weit es bis jetzt vorliegt, weist darauf hin, daß zum mindesten die republikanische Mehrheit nur noch verschwindend gering sein wird, daß diese Mehrheit jedenfalls von der Disziplin der progressiven Republikaner abhängt, wenn nicht überhaupt die Mehrheit im Senat wenigstens an die Demokraten übergegangen ist. Zwar ist der Präsident in seiner Verwaltung vom Parlament unabhängig und ihm nicht verantwortlich, dennoch ist er in der auswärtigen Politik auf den Senat und bei der Gesetz- gebung auf beide Häuser des Kongresses angewiesen. So können sich die Unzuträglichkeiten, zwischen Parlament und Präsident» die die letzten Amtsjahre Wilsons ausgefüllt haben, auch bei Coolidge leicht wiederholen. Auch von guten Kennern der amerikanischen Wahlpsycho- logie war vorausgesagt worden, daß das wirtschaftliche Wohlergehen des Landes unter der Verwaltung von Coolidge die Republikanische Partei stützen werde. Das Wahlergeb- nis zeigt, daß die amerikanischen Wählermassen dem Gefühl Ausdruck geben, daß nach bald sechs Jahren republikanischer Herrschaft die Demokratische Partei wieder das Steuer des Staates übernehmen sollte. Die Wiederwahl des demokra- tischen Gouverneurs des Staates New Pork, Smith, hat unter diesen Umständen ihn zu einem aussichtsreichen demokratischen Präsidentschaftskandidaten für 1923 gemacht. Ein kommunistisches Angebot. Und eine deutliche Antwort. Man weiß nicht, worüber man sich mehr wundern'soll, über die Frechheit und Unverfrorenheit oder über die Dummheit, mit der die Kommunisten durch ihre„Rote Fahne" die Agitation gegen unsere Rathausfraktion betreiben lassen. Das edle Lügenblatt hat es nicht gewagt, auch nur andeutungsweise die Wahrheit über die Vorgänge in der letzten Stadtverordnetenversammlung seinen eigenen Lesern mitzuteilen. Ein kläglich stammelnder Artikel des bedauernswerten G ä b e l, der dazu verurteilt wurde, die seiner eigenen besseren Einsicht und seiner nicht gerade überwältigenden„Tapferkeit" durchaus widersprechende Taktik zu verteidigen zeugte von der inneren Unsicherheit der Radaubrüder Nachdem die Kommunisten mitten während der Verhandlungen über die Magistratswahl durch ihre wüsten, sich immer mehr häufenden Beschimpfungen es schließlich dahin gebracht haben, daß unsere Rathausfraktion einstimmig die Verhandlungen mit ihnen abbrach, haben sie offenbar geglaubt, es genüge ein einfacher W u t a n f a l l imd eine neue Lügensammlung, um unsere Genossen umzu- stimmen. Dieselben Brüder, die auf Befehl ihrer Partei- zentrale den sinnlosesten Radau inszenierten und dadurch den Stadtverordnetenvarsteher zwangen, den Sitzungssaal und die Tribüne räumen zu lasten, haben sich nicht geniert, zu behaupten, unser Genosse Haß habe diese Räumungsakt-on auf Anweisung des sozialdemokratischen Parteivorstandes durchgeführt. Jetzt hat die„Rote Fahne" sogar noch die Stirn, der Sozialdemokratischen Partei die Unterstützung bei der K ä m m e r e r w a h l anzubieten. Die„Rote Fahne" scheint anzunehmen, daß die sprichwörtliche T r e u l o s i g- keit der Kommunisten bei den Sozialdemokraten genau so entwickelt ist. Nur wer selber zu jeder Lumperei fähig ist, kann a nst ä n d i g e n Menschen zumuten/ so zu handeln, daß er erst die Hilfe anderer Parteien für seine eigenen Zwecke in Anspruch nimmt, um dann diesen Parteien einen Fußtritt zu geben und auch beim letzten Posten noch an sich selbst zu denken. Auf nichts anderes läuft das kam- munistische Angebot hinaus. Die lozialdemokratstche Rat- hausfraktion wü'-de sich dadurch um jedes Ansehen bringen, kein Mensch könnte sie mehr als ehrlichen Vertragsgegner ansehen. Die Kommunisten haben durch die„Rote Fahne" an unsere Funktionäre appelliert. Dabei sind sie an die r i ch t i g e Adresse gekommen. Die sozialdemokratischen kommunalen Funktionäre haben gestern einstimmig das Verhalten unserer Rachavsfraktion gebilligt. Diese Billigung ist erfolgt, trotzdem oder gerade weil ein Schreiben der Kommunisten an unsere Funksionäre jedem ein-elnen zugänglich gemacht worden war. Selbst der„Roten Fahne" sollte doch diese Einstimmigkeit aller So-ialdemokraten gegenüber dem kom- munistischen Treiben zu denken geben. Vielleicht gestehen sie sich im stillen Kämmerlein selber ein. daß diese Entwicklung nicht ganz ohne ihre Schuld möglich gewesen ist. Vielleicht beschäftigt sich die kommunisnsche Rathausfroküon auch ein- mal mit der Frage, ob' es zweckmäßig gewesen ist. daß sie den Kaschemmenbrüdern in ihren Reihen die Führung überließ und daß sie dem Defehle ihrer Parteizentrale so willig gefolgt ist. Dümmer und kurzsichtiger ist noch niemals eine Fraktion geführt worden wie die kommunistische Rathausfraktion in diesen Wochen. Sie hat es fertig gebracht, die. anfängliche Vereitwilligkeit unserer Rathausfraktion zu gemeinsamer Arbeit in eine einmütige und g e s ch l o s- sene Abwehr der widerlichen kommunistischen Methoden zu verwandeln. Das ist auch ein Erfolg, der sich sehen lassen kann._ Vr. Zechlin Neichspressechef. Ter Nachfolger von Tr. Kiep. Die Reichsregierung hat den bisherigen. Dirigenten der Presse- abteilung der Reichsregierung Dr. Z e ch l i n an Stelle des nach London versetzten Dr. Kiep zum Reichspressechef ernannt. Um die Erwerbslofenfürforge. Vertagung der Ausschustberatungen. Der Sozial« Ausschuß des Reichstags setzte heut« seine Beratung über die Erwerbslosenfürsorge fort. Der Borsitzende Abg. Esser(Z.) gedachte vor Eintritt in die Tagesordnung unseres verstorbenen Ge- nen Dißmaffn. Es entspann sich eine Kontrovers« zwischen den Regierungsparteien über die angeblich vorzeitige Veröffentlichung der Pläne der Reichsregierung: es wurde beschlossen, die Beratung a u f mor.gen zu oertagen und heut««ine Stellungnahm« der einzelnen Fraktionen zu den neuen Regierungsvorschlägen zu ermitteln. Paris wirü in Rom protestieren. Falls Frankreichs Ehre wirklich verletzt wurde. Paris, 3. November.(Eigener Drahtbericht.) Ohne dem durch eine systematische Kampagne gegen Frankreich vorbereiteten Zwischenfall von V e n t i in i g l i a eine ernstere Bedeutung bei- zumessen, als sie als Ausfluß eines übertriebenen Nationalismus verdient, scheint man an hiesiger zuständiger Stelle doch nicht ge- willt, auf die Dauer diese italienischen Herausforderungen hin- zunehmen. Am Quai d'Orsay wurde gestern abend den Jour- nolisten erklärt, daß das französische Außenministerium von dem französischen Konsul in Bentimiglio einen Bericht über den Zwischenfall angefordert habe: sobald der Bericht in Händen Briands sein werde, werden scharfe Instruktionen an den französischen Botschafter in Rom abgehen, damit er bei Musiolini eine Demarche unternehme. Die ilallenlsch« Regierung hat mit der Gesamtoppositionspresie auch alle deutschen Blätter in Süd-Tirol verboten mit alleiniger Ausnahme des in deutscher Sprache herausgegebenen Faschistenblattes. Friede durch Heirat. Die belgische und schwedische Monarchie haben einen Hochzeitsvertrag geschlossen. Kronprinz Leopold von Belgien hat Prinzessin Astrid von Schweden geheiratet.„Die aus einer Neigung der Herzen zueinander entsprungene Verbindung wird die beiden Länder noch näher aneinander als bisher bringen," erklärte König Albert von Belgien bei den Bermählungsfeierlich- leiten. Die Hetze gegen Scheiöemann. Deutschnationale Methoden. Von Otto Landsberg. Vor kurzem ist das Gutachten des Reichstagsabgeordneten Professor Dr. B r e d t über das Thema„Der Deutsche Reichs- tag im Weltkrieg" erschienen, das der Verfasser dem parla- mentarischen Untersuchungsausschuß erstattet hat. Bredt, der ein streng konservativer Mann ist, hat sich zu der Ueber- zeugung durchgerungen, daß Deutschland den Krieg mit dem rettenden Verständigungsfrieden hätte beenden können, wenn der Obrigkeitsstaat rechtzeitig vor dem parlamentarischen System gewichen wäre. Er mißt der Mehrheit des Kriegs- reichstages die Schuld daran bei, daß der von der Not der Zeit erforderlich« freiheitliche Ausbau unserer Verfassung unterblieben ist. Aber von diesem Vorwurf nimmt er eine Partei aus: die Sozialdemokratie. Immer und immer wieder zitiert er Reden Scheidemanns in einer Weise, die deut- lich die Anerkennung seiner Verdien st e um das Vaterland wie auch das Bedauern darüber erkennen läßt, daß die von ihm vertretene Politik sich nicht zum Heile Deutsch- lands hat durchsetzen können. Gleichzeitig wurde von deutschnationaler Seite eine Hetze gegen Schcidemann in Szene gesetzt, von der man nur deshalb nicht sagen kann, daß sie ohnegleichen ist, weil unser Parteigenosse seit Jahren das Ziel der deutschnationolen Giftgeschosse ist. Fübrer in diesem Kampfe ist ein gewisser Steuer in Kassel, �den der Preußische Landtag zu seinen Mitgliedern zu zählen die zweifelhafte Auszeichnung genießt. In einer Broschüre, in Flugblättern, in Zeitungsartikeln, die durch die deutschnationale Presse verbreitet werden, sucht er Scheidemann die Ehre zu nehmen. Sein Beweggrund ist wahrscheinlich in dem Erfahrungssatz zu suchen, daß jeder sich das zu verschaffen sucht, was ihm fehlt. Jedes seiner Mach- werke unterzeichnet er stolz Lothar Steuer, M. d. L., als ob er daran erinnern wollte, daß er mit Immunität ausgestattet ist. Ein schamloserer Mißbrauch des Schutzes, den die Vcr- sassung den Abgeordneten gewährt, dürfte noch nicht vor- gekommen fein. Steuer hat seinen Derleumdungsfeldzug gegen Scheide- mann schon vor der Reichstagswahl vom Dezember 1924 auf- nehmen wollen. Er hat sich damals von seinem Vorhaben durch die Ankündigung eines Kasseler deutschnationalen Füh- rers in ehrenamllicher Stellung abbringen lassen, daß die seinen An standsbegriffen widersprechende Kampagne ihn zum Rücktritt veranlassen würde. Die in dieser Erklärung enthaltene Kritik hat auf Steuer, der in gewisser Beziehung unbelehrbar zu sein scheint, keinen Ein- druck gemacht. Was wirft er Scheidcmann in der Haupt- fache vor? Im Magdeburger Prozeß hat ein Zeuge bekundet, er habe im Jahre 1917 einer Versammlung in Danzig-Ohra beigewohnt, in der Scheidemann als Redner den B r e st e r Frieden verurteilt und die Anwesenden aufgefordert habe, zum Zweck der Beendigung des Krieges in einen Streik einzutreten. Scheidemann, der vor der Vernehmung des Zeu- gen entlassen worden war und ihr daher nicht beiwohnte, hatte vorher unter seinem Eide die ihm vorgehaltenen, in das Wissen jenes Zeugen gestellten Behauptungen in Abrede ge- stellt. Daraufhin erhob Steuer gegen ihn den Vorwurf des wissentlichen Meineides. Daß der Brester Friede erst 1918 geschlossen ist, müßte er eigentlich wissen. Weiter aber ist längst erwiesen, daß jene Versammlung in Ohra im Jahre 1916 stattgesunden hat. Endlich gehört nach der ganzen Kriegspolitik Scheidemanns ein ungewöhnliches Maß von Urteilslosigkeit zu dem Glauben, daß er die Wehrkraft Deutschlands durch einen Streik hat lahmlegen wollen. Will man Herrn Steuer nicht eine bodenlose Unwissenheit zutrauen oder einen gänzlichen Mangel an Kritik, so bleibt nur die Annahme übrig, daß er seinen infamen Vorwurf wider besseres Wissen erhoben hat. In der sogenannten Schloß möbelan gelegen- h e i t wirft Steuer Scheidemann unlautere Machenschaften vor. Das haben auch schon andere Verleumder getan. Gegen einen von ihnen hat Scheidemann vor Jahren Beleidigungs- klage bei dem Kasseler Gericht angestellt. Das Urteil der Strafkammer unter Leitung eines Richters, der der Vorsitzende des Kasseler deutschnationalen Vereins war und noch ist, lautete auf 1000 M. Geldstrafe bzw. 100 Tage Gefängnis. In der Urteilsbegründung wurde von dem Gericht ausdrück- lich festgestellt, daß dem Angeklagten der Wahrheitsbeweis dafür nicht gelungen sei, daß Scheidemann in rechtswidriger Weise Möbel erworben habe. Jin einzelnen handelt es sich bei der lächerlich aufgebauschten und in ihrem Kern sehr ein- kack en und unbedeutenden Möbelangelegenheit einfach darum, daß Scheidemann in einem vom Magistrat und Finanz- Ministerium abgeschlossenen Miet-, bzw. Kaufvertrag, auf dessen Abschluß er ohne jeden Einfluß war, ein- getreten ist. Der zwischen Finanzministerium und Kasseler Magistrat abgeschlossene Vertrag hatte, wie zahllose ähnliche Verträge mit rechts politisch eingestellten Beamten, zum Gegenstand die kauf- und mietweise Ueber- lassung von Einrichtungsgegenständen aus den Magazinen staatlicher Schlösser in Kassel. Dieses Mobiliar sollte Scheide- mann, da er beim Verlassen seines Berliner Wohnsitzes seine Einrichtungsgegenstände einer verheirateten Tochter zurück- lassen mußte, zur Einrichtung seiner Kasseler Wohnung und für Repräsentationsräume zur Verfügung gestellt werden. Die in Betracht kommenden Möbel und Gcbrauchsgegsn- stände waren von amtlichen Vertretern des sogenannten yof- marschallamtes ausgesucht resp. angeboten worden. Scheidemann hat nicht ein Stück davon gesehen, bevor die Sachen in seine Wohnung gebracht waren. Die Preise, die im Hinblick auf den Zustand eines Teiles der Kaufobjekte durchaus nicht niedrig waren, wurden von einem v e r- eidigten Sachverständigen, der von der R e- aierung in Kassel berufen wurde, festaesetzt. Alle diese Tatsachen sind Steuer bekannt. Die Konsequenzen, die sich aus dem gleichwohl von ihm erhobenen Vorwurf der Schiebung für seine Moral ergeben, liegen auf der Hand. Nach den Stadtverordnetenwahlen im Mai 1924 zog in den Kasseler Rachaussaal eine aus Deutschnationalen, Volts- parteilern. Völkischen und Zentrum sich zusammensetzende Rechtsmehrheit ein.' Ueber die Art, wie sie den Kampf gegen den Oberbürgermeister führte, braucht nichts weiter gesagt zu werden, als daß Steuer ihr Häuptling war. Es lann angenommen werden, daß angesichts des fanatischen Hasses der Gegner Scheidemanns, der sich in Kassel auch nach dem Blausäureattentat in fortgesetzten Beschimpfungen und Belästigungen aller Art Luft machte, ein gedeihliches Wirken Scheidemanne kaum noch möglich fein würde. Das Abbauverfahren gegen ihn war in Gang gebracht worden. Die Verwirklichung des Abbaubeschlusses erschien selbst seinen Gegnern bald als unmöglich. Scheide- mann, durch die jahrelange Hetze in seiner Gesundheit schwer geschädigt, war, wie seine näheren Freunde wußten, längst bereit, freiwillig vor Ablauf seiner Amtsperiode aus- zuscheiden. Gerade unter Hinweis auf seine Gesundheit und die Verpflichtung gegenüber seiner Familie wurde aus Scheidemann, nicht zuletzt von näheren Freunden, dahin ein- gewirkt, seinen Posten aufzugeben. Wäre der von seinen Gegnern beschlossene Abbau möglich gewesen, so hätte Scheidsmann sich finanziell unten allen Umständen besser gestanden, als wenn er freiwillig in den Ruhestand gegangen wäre. Auf diese Umstände ist gerade von„Abbauern", die unter-Inanspruchnahme von Mittelspersonen Verhandlungen eingeleitet hatten, hingewiesen und ausdrücklich erklärt worden, daß Scheidemann, falls er sich entschließe, sein Amt freiwillig aufzugeben, finanziell nicht schlechter gestellt sein dürfe als im Falle des Abbaues. In unverbindlichen Be- sprechungen von Kommunalpolitikern über Scheidemanns etwaigen Rücktritt, an denen er selbst nicht teilgenommen hat, ist immer wieder darauf hingewiesen worden, daß in dieser Frage nur eine Meinung bestehe. Obwohl Scheide- mann also finanzielle Vorteile hätte leicht erreichen können, find die von gegnerischer Seite eingeleiteten Verhandlungen an Scheidemanns Weigerung, auf eine Einigung sich ein- zulassen, gescheitert. Das war im Herbst 1924. Im Sommer 1925 hatte dann Scheidemann, gezwungen durch die allen seinen Bekannten deutlich erkennbare Verschlechterung seines Gesundheitszustandes, die spezial- und amtsärztlich festgestellt wurde, um seine gesetzliche Pensionierung nach- gesucht und empfängt statt der ihm angebotenen wesent- lich höheren Sätze nur das gesetzliche Ruhegehalt. Hätte er seinen Posten nicht aufgegeben— und nur die Rücksicht auf seine Gesundheit und seine Familie hat ihn dazu bestimmt, zu gehen— so hätte er noch sieben Jahre bleiben können und würde danach für den Rest seines Lebens 80 Proz. seines Gehaltes bezogen haben. Mag Steuer seinen Verleumdungsfeldzug fortsetzen. Ich habe meinem Freunde Scheidemann von der An» strengung einer Klage abgeraten. Würde sich Steuer durch einen Mandatsverzicht um die Erhöhung des moralischen Niveaus des Preußischen Landtages verdient machen, so daß er selbst vor den Richter gezogen werden könnte, so könnte der Gedanke an einen Strafprozeß, der die Gelegenheit gäbe, ihn) kis Gesicht zu sagen, was er ist, noch einen gewissen Reiz haben. Es lohnt sich aber nicht» gegen die Rothardts, die als verantwortliche Redakteure für Steuers Machwerke einzustehen haben würden, mit schwerem Geschütz vorzugehen. Ein Mann wie Schcidemann hat es nicht nötig, sich gegen Vorwürfe zu verteidigen, die in den Augen jedes ehrlichen Menschen sinnlos sind. An dem Urteil der Leute von Schlage Steuers aber braucht ihm nichts zu liegen. Späte Erkenntnis. Ter Krieg war nicht mehr zu gewinnen. Um einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen, hat der General der Kavallerie a. D. Friedrich von Bernhardt, jener Viel- schreiber im Ofifzicrsrock, der vor 1914 namentlich im Auslande als einer der hauptsächlichsten Exponenten der deutschen Kriegsund Militörpartei galt, die Msmoirenlitcratur um einen dick- leibigen Band„Denkwürdigkeiten aus meinem Leben" bereichert. Bernhardi kann heute schlechtweg als Mann von gestern angesprochen werden, und kaum läge Veranlassung vor, auf das Buch im Näheren einzugehen, wenn nicht dem„Berliner Lokal-Anzeiger" in seiner ausführlichen Besprechung ein merkwürdiges Geständnis entschlüpft wäre. Ueber Bcrnhardis Ansichten im Verlauf des Weltkrieges lesen wir: „Erst verhältnismäßig spät rang sich General von Bernhardi zu der Erkenntnis durch, daß wir den Krieg auch militärisch nicht mehr gewinnen könnten." Auch militärisch konnten wir den Krieg nicht mehr gewinnen? Ja, wie verträgt sich denn das mit den Anschauungen, die der „Lokal-Anzeiger" gemeinhin zu vertreten pflegt? War nicht der Endsieg„zum Greifen nahe", ist er der siegreich durchhaltenden Front nicht durch den Dolchstoß von hinten entrissen worden? Aber nicht doch! Beim Dolchstoß handelt es sich ja nur um die grobschlächtige Feld-, Wald- und Wiesenpropaganda für den Durchschnittsleser der Scherl-Presse und den Versammlungsgebrauch der Provinz. Bei einer ernsten Besprechung aber läßt man das Märchen fallen und gibt zu, daß wir den Krieg auch militärisch nicht mehr gewinnen konnten!" Die Verteidigung in Landsberg. Politische PlaidoyerS. lZ. S. Dandsberg. 3. November. Der heutige letzte Vsrhandlungstag im Prozeß Schiburr und Genossen brachte die Fortsetzung der Plaidoyers der Verteidigung. Als erster ergriff Justizrat Willi Kahn, der Verteidiger Klapproths, das Wort. Nur in Deutschland sei es möglich, daß Bestrebungen bestünden, die noch übriggebliebene kleine Wehrmacht zu zerschlagen, während ringsum alles in Waffen erstarre. Nur in Deutschland sei es möglich, solche Prozesse aus einem politischen Grunde zu führen. Der Verteidiger erinnerte daran, wie zum ersten Male die Begriffe Mörderzentrale und Mörder- organisation aufgetaucht seien, er verwies auf die Prozesse gegen die Rathenaumörder und gegen die O, C., erinnerte an den Parchimer Mord. Scheußlich seien alle diese Taten gewesen, aber sie seien nicht aus eine geheime Mord- organisation zurückzuführen, deren Existenz überhaupt nur durch die Hetze in den Blättern zustandcgckommen sei. Vor- nehmste Aufgabe des Gerichts müsse es fem, sich auch von diesen äußeren Einflüssen freizumachen. Die Männer der Arbeits- kommandos seien an die Ruhr gegangen, Hayn war der freund Schlageters, die O. C. habe in Pirmasens mit den eparatisten aufgeräumt und das Rathaus verbrannt, den Duisburger Hafen habe man unbrauchbar gemacht. Diese Taten seien von der Reichsregierung unter st ützt worden. Sie betrachteten sich als mobile Truppen und sie waren tatsächlich Soloaten, wie das außerordentliche Gericht in Kottbus auedrücklich festgestellt habe. So, wie jenes Gericht die Feldwebel und Mannschaften frei- gesprochen habe, die beim Küstriner Putsch die Gewehre auf Oberst G u d o v i u s angeschlagen hätten, weil sie a u f Befehl han- dclten, so müsse auch hier die Frag« geprüft werden, ob die Angeklagten sich aus Befehle berufen konnten. Iustizrat Hahn ging dann auf den Angeklagten Erich Klapp- r o t h naher«in. Man habe K l a p p r o t h und B ü s ch i n g als „Vertraute", als„z. b. V." von Schulz bezeichnet. Büsching, ein undisziplinierter Mensch, der aber auch mit der Seele bei der Sache war, sei Klavproihs Freund gewesen. Den Besch!, de« man einem gab, habe auch der andere mttausgesllhrt. Die i�rage, ob Ktapproth als Mittäter zu betrachten sei, müsse zu der Unter- suchung führen, ob er im Augenblick der Tat mit Ucberlegung gehandelt habe, ob er auch als Gehilfe gewußt habe, daß der Täter mit Ueberlegung handele. Dabei fei die ollgemeine Erregung in Küftrin zu berücksichtigen. Habe die Derraterpsychose nicht auf die Entschließungen oller Beteiligten an dieser Tat eingewirkt? Nach Ansicht der Verteidigung habe sich Klapproth nur der Beihilfe zum Totschlag schuldig gemacht. Der Indizienbeweis des Oberstaatsanwalts, so schloß Iustizrat Hahn, reiche nicht aus, um ein Todesurteil gegen Erich Klapproth zu stellen. Auf keinen Fall dürften den Angeklagten die bürge«. lichen Cbrenrechte aberkannt werden, denn was sie auch getan hätten, und wenn es das Schlimmste war. sie hätten es für das valerland gclau.(Bravorufe im Zuschauerraum.) Der rasenöe Zascbismus. Zerstörung des sozialistischen„Lavoro" in Genua. Mailand. 3. November.(EP.) Im Zentrum Genuas kam es Montag abend zu blutigen Zwischenfällen, über die der„Corriere della Sera" folgende Einzelhetten meldet: Die Demonstranten waren unter Umgehung der starken Militärwache in die Druckerei und die Redaktion des sozialistischen Blattes„Lavoro" ein- gedrungen und hatten alles verwüstet. Zwölf Setzmaschinen wurden zerstört und die wichtigsten Teile der Rotationsmoschinen mitgenommen. Die Wohnung eines Hausinfassen wurde verwüstet und die Möbel und das Papierlager mit Benzin übergössen und angezündet. Die Feuerwehr fand beim Erscheinen eine große Feuersbrunst vor, konnte aber erst nach Erscheinen von Militär an die Löscharbeiten gehen, die die Demonstranten bis dahin ver- hinderten. Die Demonstranten begaben sich darauf noch der Wohnung des früheren sozialistischen Abgeordneten R o s s i. Carabinieri, Milttär und Zolllruppen schrillen energisch ein und begannen nach Warnungen zu schießen. Eine halbe Stunde wurde auf beiden Seiten geschossen und das Feuer erst ein- gestellt, als der Faschistenführer von Genua erschien. Die Truppen lösten die Ansammlungen auf und drängten sie aus dem Stadt- zentrum ab. Ein Faschist und ein Carabinieri wurden getötet, etwa 29 verwundet.— Erst jetzt werden diese Borsälle bekannt, die sich am Montag abend während der Protestkundgebung gegen das Attentat im Zentrum von Genua ereigneten. « .Lavoro" sst die einzige Tageszeitung, die auf dem Boden der Sozialistischen Einheitspartei steht. Sie wird vom sozialistischen Genossen Canepa gelettet. Sie hat eine Auflag« von 129999— mehr als alle anderen Genueser Blätter zusammengenommen. Ihre Auflage hat sich in den letzten Jahren immer mehr vergrößert im Gegensatz zu der faschistischen bürgerlichen Presse. tvahlerfolg auch m Schottland. Im ganzen 1SÄ Sitze von der Labourpartei erobert. Loudon, 2. November.(Eigener Drahtbericht.) Auch die schottischen Gemeindewahlen, die am Dienstag stattfanden. waren für die Arbeiterpartei siegreich. Sie gewann allein in Schottland 28 Sitze, davon S in Glasgow und 8 in Edinbourgh. Nach den letzten Zählungen aus England und Wales werden vier wettere gewonnene Sitze gemeldet, so daß die Arbetterpartei im ganzen Land« einschließlich Scholllands 192 neue Gemeinde- ratssitz« gewonnen hat. öeileiü zu Robert Dißmanns Tod. Vom deutschösterreichischen Parteitag. Die Sozialdemokratische Reichstagsfraktion erhiett vom deutschösterreichischen Parteitag folgendes Beileids- telegramm: Wir beklagen mit Euch den schweren Verlust, den Ihr durch das plötzliche Hinscheiden Dißmanns erlitten habt und sprechen unser herzlichstes Beileid aus. Parteitag. Seitz. Muchitsch. Esperanto als zweite Sprache. Von A. S p r o e ck. Die vielen Sprachen, die von den Völkern der Welt gesprochen werden, sind natürlich ein Hindernis für die Verständigung unter- einander. Was nützt es, wenn ich sage:„Alle Menschen sind Brüder": und wenn dann ein Menschenbruder aus Frankreich oder Rußland uns gegenübersteht, dann müssen wir feststellen, daß wir nicht in der Lage sind, uns mit unserem Bruder zu unterhalten. Er oersteht uns nicht, und wir verstehen ihn nicht. Wir können dieses Hindernis überwinden, indem wir sagen: Wir wollen die Sprache unserer Brüder lernen. Aber, aber— unsere Brüder sprechen so viele verschiedene Sprachen. Und wir können doch nicht alle Sprachen lernen, wir müssen uns also auf ein« gemeinsame Sprache einigen. Diese gemeinsame Sprache muß so sein, daß kein einzelnes Volk bevorzugt wird, sie muß leicht zu erlernen sein, so leicht, daß besonder» jeder Arbeiter Imstande ist. sie zu erlernen. Da irgendeine nationale Sprache diese Vorzüge nicht hat, müssen wir eine neutrale Sprache wählen. Und es ist nicht notwendig, hier lange zu zögern, allein Esperanto von allen Sprachprojekten hat seine Lebenstüchttgkeit bewiesen. Ejperanto ist gebildet aus den wichtigsten Kultursprachen: man hat gewisserniaßen das Brauchbarste aus allen europäischen Sprachen gezogen, ein„HocheuropSijch" geschaffen. Heute, wo die Grenzen, die die Völker trennen, immer mehr zusammenrücken, wo man mittels Radio durch die Drehung eines Knopfes in Verbindung mit England tritt, durch ein« andere Drehung mit Frankreich, wo einem alle Sprachen der Welt ins Ohr tönen, da wird die Notwendigkeit einer gemeinsamen Sprache so recht offenbar. Es ist nicht möglich. diese neueste Errungenschaft der Technik voll auszunutzen, wenn nicht eine gemeinsame Sprache als Radiosprach« gewählt wird. Viele Nadiogesellschoften haben sich schon für Esperanto ausgesprochen. Wenn wir die Programme z. B. der deutschen Sender durchsehen. so finden wir, daß sie alle regelmäßig Esperanto-Kurse oder Esperanto-Vorträge senden. Der Völkerbund har sich bereits mehr- fach für Esperanto ausgesprochen. Die Internationale der Tran-port- arbcijer in Amsterdam empfiehlt seinen angeschlossenen Organt- sationen die Korrespondenz in Esperanto. Der zweite internationale Iugendkongreß, der im Juni d. I. in Amsterdam stattfand, beschäftigte sich auch mit einem Antrag, Esperanto für die internationalen Beziehungen einzuführen. Dieser Antrag fand insoweit Annahme, daß den angeschlossenen Organi- sationen der Gebrauch des Esperanto freigestellt wurde. Das Internationale Arbeitsamt hat sich neuerdings auch mit der Frage der internationalen Sprache befaßt und die Einführung des Esperanto gewünscht. Selbstverständlich ist uns nicht geholfen mit bloßen Empfehlungen. Notwendig ist, daß der Gedanke in die Tat umgesetzt wird, daß wirklich das Proletariat sich der kleinen Mühe unterzieht und sich dem Studium des Esperanto widmet. Wir müssen danach streben, daß Esperanto gelehrt wird. Aber wir können nicht warten auf die Einführung des Esperanto von oben herab, wir müssen selbst alles tun. um schon jetzt die Vorzüge einer gemeinsamen Sprache auszunutzen. Der Arbeiter-Esperanto-Bund für das deutsch« Sprachgebiet hat in vielen Städten Ortsgruppen, die Esperaiüo- Unterricht erteilen. Und die internationale Organisation„Lennacicco .Asocia Tutmonda* ist ins Leben gerufen für die praktische An- Wendung des Esperanto. Wedelnd mit Jazzband. Wie Karl Heinz M a r t i n das modern« Mysterimn„Franziska" inszeniert, so hat sich de� Dichter Frank Wedekind sein von Erotik befessenes„Faust"-Drama sicher nicht vor- gestellt. Womtt aber nicht gesagt ist, daß er gegen Vergewaltigung seines heiligen Wollens getobt hätte. Einen Bühnenstil, der den verschlungenen Wegen im Irrgarten seiner elementorischen Kunst zu folgen vermag, hat er nie erlebt und selbst nur erahnt. Was den Wienern im„Deutschen Volkstheater", was uns im vorigen Jahre im „Theater in der Königgrätzer Straße" und was uns gestern im „Theater am Nollendorfplatz" der Regisseur Karl Heinz Vtartin als„Franziska" vorgesetzt hat, atmet die Atmosphäre des Rummelplatzes, den Lärm und die Spannung der Zirkusarena. Und der Rhythmus des Wedekindschen Lobensgefühls kommt vielleicht in nichts treffender zum Ausdruck als in den rasenden Klängen der Jazzmusik. Es ist daher erstaunlich, daß der Beifall der Zuschauer- schar in der gestrigen Aufführung matt ertönte und jedenfalls dem unerhörten Aufwand der Regie nicht entsprach. Wir sehen die Szenerie aus dem Vorjahr«, den wackligen Gerüstbau mit einer Ober- und einer Unterbühne, einer lustigen Wendeltreppe links und einer breiten schludrigen Freitrepp« rechts, wir sehen freigiebig ausgezogene Revuegirls und gespenstisch markierte Darsteller und bedenkenlos bingesetzte tot« Puppen. Wir Höven vertraute Volkswessen, mit hinreißender Frechheit(von W. R. Heymann) in Jazzmusik umkomponiert, wir werden von einem Taumel des Schauens gepackt. Wedekinds schroffe Uebergänge von ernster Tragik zum parodierenden Bierulk werdsn durch Martins Rhyihmuss« überbrückt, daß die schreienden Gegensätze rnts nicht mehr zum Bewußtsein kommen. Also eine dem Wedekindschen Geist tongeniale Revue. Und doch wenig Zustimmung. Vielleicht sind wir von Tairoff und den anderen Regietunststücken bereits übersättigt. Die Darftellerschast rekrutierte sich teilweise aus denen, die schon aus dem vorigen Jahr bekannt sind. Tilla D u r t e u x' Franziska ist schon damals als ein« virtuos« Leistung gerühmt worden. Veit Kunz fand einen in seiner Grotesk« unvergleichlichen Darsteller in Heinz Salfner, der auch in hochtragischen Szenen dem Parkett ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Der Journalist Walter von V a r n d a l entzückt« wieder durch«in« unwahrscheinliche Beweglichtelt. Dgr. Die internationale kirebskonscrenz. In Lake Mohonk, im Staate New Bork, hat kürzlich eine aus der ganzen Well beschickte Krebs- konferenz getagt. Deutschland war durch de» Direktor des Berliner Krebsforfchungsinstitutes, Ferdinand Blumcnthal, und durch Dr. Robert Pierich, den Direktor des Hamburger Forfchungs» institutes für Krebs und Tuberkulose, dort vertreten. Der Bericht der amerikanischen Gesellschaft für Krebskontrolle besagt, daß sehr verschiedene wissenschaftliche Ansichten über den Krebs auf der Tagung geäußert worden sind Die Versammlung war aber durch. aus einer Meinung, wo es sich um die großen Richtlinien für die Bekämpfung der Krankheit handelt. Zwei Entschließungen wurden gefaßt. Es soll eine internationale Bereinigung gegründet werden, die ähnliche Konferenzen veranstaltet und in mindestens drei Sprachen ein Verzeichnis aller auf Erde erscheinenden Verösfeitt- lichungen über Krebs nebst Referaten herausgibt. Eine zweite Ent. lchließung legt in fünfzehn Punkten die Ansichten der Versammlung fest, fowett dos bei der jetzigen Sachlage möglich ist. Der Krebs wird darin nicht für infekttös und nicht für vererbbar erklärt. Für wesenllich bezeichnet die Konferenz die Aufklärung des Publikums und die forgsällige Ausbildung der Aerzte und Zahnärzte im Hinblick auf die bösarttgen Erkrankungen. „Der heilige See." Immer wieder erfreut man sich an dem ousgepräglen rhythmischen Gefühl und der Tanzlust der Neger, immer wieder gerät man in den Bann ihrer starken Vitalität. Der neue Film der Urania, der Variationen über bereit» bekannte Themen bietet, führt— als eine Expedition des französischen For- scher» Chaumel— von Brazzaville am Kongo im Innern- Afrikas an den für heilig gehaltenen T f ch a d f e e. Wir haben das alles bereits gefehen: die Lastenträger, die Negerpiad«, die Sultans- empfange, die Tänze. Neu waren uns die Siywimmhölzer, deren man sich zum Durchqueren von Flüssen bedient. Der Wels, ein guter alter Bekannter aus Deutschland, ist der Hauptsijch dieser Seen. Groteske Lippenhölzer, die die Lippen der Frauen verunfkallen, sind in diesen Gegenden heimisch. Ein Abstecher macht uns mit den früher äußerst kriegerischen Fuldes bekannt. Der Notionallanz ihrer Frauen zeigt die ganze Anmut der Raffe: die Reiterspiele in Rüstun- gen erinnern an unsere mtttelalterlichen Tourniere. Episoden vom Hechtfang und Bilder vom Meere beleben das Beiprogramm._ d. Ucagfifibreug»er.Dorothea Angermann» im Zosefsiädtrr Theater. tSeihart Hauptmann hat sich mit Max Reinhardt versländiat, dah die Ur« nusiührung leine« Schauspiel«.Doioldea Slnpermann' in Dien am Loief- städtcr Tbeater staüsindrt. In Berlin wird„Dorothea Angermann- w der Regie»an Max Reinhardt erst nach„Neidhardt von Gnetsenau- ausgeführt. Zm ventfche» Süntllei»Theater beginnt am Donnerstag, den 4. Na». Fritzi Massarn ihr Gastspiel al«„Königin- in der gleichnamigen Operette von OSIar Strautz. Tristan Leraard hält am Freitag um 4Y, Uhr nachmittag« In der Komödie einen Borlrag in franzinichcr Sprache:„T.e eoraiau» an thaAtre et dana U) folklore-'. Dem Vortrag, dem nur geladene Säfte beiwohnen werden, folgt ein Empfang. ver Berliner Uthmann-Ehor veranstallct am Sonntag, den 7. November, nachmittag« 5 Uhr, in den Prachtiölen am Märchrnbiunnen am striedr ch», bat», ein Konzert betitelt.Kampfkunst-. Mufilalllcke Leitung: Edormeister Siegstied Günther. Mitwirtende- Schubert-Ouartelt(DtlcichquarletI). Zu der Revue ,Cf lebe die Republik-, die als eine der ersten Premlere» nach beendigtem Umbau im Renatllance-Thealer herauslammt, wmd» Rudolf Nelson für die Musik gewonnen. Die berliner Staütratswahlen. Stellungnahme der kommunalen Konferenz. In der vom Bezirksverband Berlin der SPD. und von unserem Kommunalen Sekretariat einberufenen Konferenz der zur Parte« gehörenden Stadt- und Bezirksverordneten, Magistrats- und Bc- zirksamtsmitglicdcr, sowie des Bezirksvorstandes und der Abtellungs- lsiter sprach Stadtverordneter Genosse K r i l l e über.Unser« kommunale Politik in Berlin". Er schildert« die letzten Borgänge im Rathause und den Streit um die Wahlen zum M a g i st r a t und begründete die Haltung unserer Stadtverordneten- fraktian, gegen die dos Organ der Kommunisten tobt. Die Fraktion hatte, so führte er aus.«vegcn der Wieder- befetzung der freigewordenen vier Stadtratspostsn zunächst mit den Kommunisten durch Dorsiandsmitglieder verhandelt. Bon vornherein wurde den Kommunisten gesagt, datz die Stelle des..politischen" Stadt» rot?, die durch Genossen Schünings Abgang frei geworden war, kein Gegenstand der Verhandlungen sein könne, sondern wieder mit einem Sozialdemokraten besetzt werde» müsse. VcrhandcU werden konnte nur über den Kämmerer, den Schulra« und den Bau- rat. Die Kommunisten erklärten, dag sie auf den Kämmerer- po st e n keinen Wert legten und es sogar gern sähen, wenn er mit einem Sozialdemokraten besetzt würde. Wir dachten:„Nachtigall, ich hör dir laufen!"(Heiterkeit.) Und wir sagten ihnen auch, warum sie sich gerade für diesen Posten einen Sozialdemokraten wünschten. Sie forderten von den vier freien Posten zwei, den des Schulrats und trotz unseres Anspruches auch den des„politischen" Stadtrats, aber wir blieben hier bei unserer Ablehnung Bald sahen wir, datz in der Partei keine Strömung vorhanden war, den Schul- ratsposten den Kommunisten zu überlassen. Wir durften nicht «inen Posten, dessen sozialdemokratischer Inhaber von den Bürger- lichen mit Hilfe der Kommunisten abgebaut worden war, jetzt den Kommunisten ausliefern. Die Fraktion beschloß in Ueberein- slimmung mit dem Bezirksvorstand, auch die Schulratsstelle f ü r u n s zu beanspruchen, und wir sagten das den Kommunisten. Sie wollten sich schließlich mit einem Stadtratsposten begnügen, forderten aber, daß dafür in einigen Verwaltungsbezirken, besonders Neukölln und Lichtenberg, die offenen Bezirksstadtratsposten mit Kommunisten be- setzt würden. Nochmals betonten sie ihren vermeintlichen Anspruch auf die Stelle des.politischen" Stadtrats. Käme ein Pakt mit ihnen zustande, so wollten sie für jeden von uns norgeschlage- n e n Kandidaten stimmen(sogar für Nicht-Parteimitglieoer, tagte der Kommunist Schwenk), da ja die SPD. für ihre Dorschläge die Verantwortung selber trage. Das steht in gänzlichem Wider- spruch zu dem, was wir in den letzten Tagen im Rathaus mit den Kommunisten erlebt haben, zu ihrer Obstruktion gegen die Wahl von Sozialdemokraten. Die Kommunisten brachten auch noch, weil sie Sicherheit für unsere künstige Politik haben müßten, acht Forderungen, die man aber nicht so kurz vor der Wahl ohne Ucberlegung einfach mit Ja oder Nein beantworten konnte. Einige davon verstanden sich von selbst, einig« waren für uns ganz undiskutabel. Neben diesen Verhandlungen liefen her die schon damals vorgekommenen widerwärtigen Auftritte in der Stadtverordnetenversammlung. bei denen unsere Genossen von den Kommunisten aufs schmählichste angepöbelt wurden. Wir erklärten ihnen, daß die Ehre der Partei forderte, das nicht länger zu dulden.(Zu- stimmung.) Dann ereignete sich die Attacke des K o m m u- nisten Holzfäller auf unseren Genossen Urich, und das war für unsere Fraktion das Signal, sich noch einmal den Kontrahenten anzusehen, mit dem wir einen Pakt schließen sollten. Sa kam es zu dem Beschluß der Fraktion, über die Besetzung der Stadtratsposten nunmehr mit den M i t t e l p a r t e i« n zu verhandeln. Bis dahin hatten wir mit diesen in keiner Weise verhandelt, wenn auch die.Rote Fahne" das täglich behauptet. Die jetzt mit den Mittelparteien geführten Verhandlungen ergaben das Zuge- st ä n d n i s, zu dem sie sich nur schwer herbeiließen, daß drei Sitze mit Sozialdemokraten und nur einer mit einem Bürgerlichen besetzt werden sollte. Besonders den Schulratsposten wollten die Bürgerlichen uns nicht überlassen, aber auch hier letzten wir unsere Forderung durch. Unseren Vorschlägen, Genosse Wagner als Baurat, Genosse Nydahl als Schulrot, Genosse Reuter als Stadtrat, wurde Unterstützung zugesagt. Für den Kämmererposten kam Hauptsteuerdirektor Lange in Frage, ein Demokrat. Am letzten Donnerstag forderten die Kommunisten nochmals, wir sollten ihnen den Posten des „politischen" Stadtrats überlassen, dann würden sie drei Sozial- demokraten wählen. Dieses Verfahren in einem Augenblick, wo die Fraktion nicht mehr Stellung nehmen konnte, entsprach nicht der Ehrlichkeit— und wir gingen auf nichts mehr ein. In der Stadtoerordnetensitzung mußten wir noch kurz vor Vollzug der Stadtratswahlen uns wieder eine Stunde lang von den Kommunisten in der Debatte über ihren Antrag zum Hohenzollernvergleich be- schimpfen lassen. Das wäre auch geschehen, wenn wir einen Pott mit ihnen geschlossen hätten. Nach einer Mitteilung der„Roten Fahne" sollen die Kommunisten an unsere Fraktion jetzt nochmals einen Brief gerichtet haben, den sie bereits veröffentlicht, obwohl er bei uns noch nicht eingegangen ist. Sie verlangen von uns, im jetzigen Stadium auch für den lkämmererposten noch einen Sozialdemokraten auszustellen, womit wir die eingegangenen Abmachungen brächen. Ein solches Verfahren Ist u n m ö g l i ch, weil es unehrlich wäre.(Lebhafte Zu- stimmung.) Ich hatte gehofft, daß wir mit den Kommunisten ein Stück Weges würden gehen können. Jetzt aber, vor allem nach den Austritten im Rathaus, muh ich sagen: dasMaßistvoll! Wir werden, unbekümmert um das Geschimpfe der Kommunisten, unsere Arbeit tun. Für unsere Politik tragen wir die Verantwortung, aber nicht vor den Kommunisten, sondern vor unseren Parteigenossen (Lebbafter Beifall.) Zur Debatte über das Referat meldete sich, trotz Aufforderung des Vorsitzenden Genossen Litke, niemand. Genosse Litte schloß mit der Feststellung, daß die an der Kommunalen Konfc- renz beteiligten Genossen und Genossinnen hiermit ihr Einverständnis mit der Taktik unserer sozial- demokratischen Stadtverordnetenfraktion be- kündet haben... Das Verbrechen von Leiferöe. Beginn des Prozesses in Hildesheim. K. Hildesheim. 3. November.(Eigener Drahtbericht.) Das hübsch« alt« Städichen Hildesheim hat seine Sensation. Die Anteilnahme weitester Schichten der Bevölkerung am Prozeh ist mehr al» rege. Schon seit Wochen bildete der mögliche Ausgang des Prozesses der Attentäter von Leiferde allgemeines Gesprächs- thema. Dos bemerkenswerteste dabei war, daß man an die Möglich- keit eines Todesurteils nicht glauben wollte und geneigt war, zu- gunsien der Angeklagten anzunehmen, daß sie sich der Tragweite ihrer Handlungen nicht voll bewußt waren. Ob die psychischen Voraussetzungen der Täter derartige sind, daß sie die Fol- gen Ihrer Handlungen voll abzuwägen nicht imstande waren, dar- über wird der vom Lützow-Prozeß her bekannte Psychiater und Psychologe Dr. Mönkenmöller zu urtellen haben. In der Entlldeidung aber, ob der Tatbestand des Mordes gegeben ist oder nt<«n, werden voraussichtlich die sechs Schöffen in diesem Falle neben den drei Berussrichtern aftiv mitwirken. Es sind dies der Rektor einer Volksschule, zwei Landwirte, ein Klempner, ein Konsumlager- Halter und ein Kaufmann. Don 80 Pressevertretern, die um Zu- lassung im Gerichtssaol nachgesucht haben, erhielten nur 4 3 Zu- tritt zu der Gerichtsverhandlung. Die Berichterstatter und die 83 ZuHöver füllen den kleinen Saal mehr als genug. Auch eine Anzahl häherer Gerichts- und Eisenbahnbeamten sind anwesend und außerdem die Mutter des Angeklagten Schlesinger und der Onkel des Angeklagten Weber. Der als Sachverständiger anwesend« Eisen? bahnoberbaurat wird über die Zustände bei der Eisenbahn auszusagen haben und auch darüber Bescheid geben müssen, w.e es möglich war, daß die Angeklagten stundenlang an dem Gleis herum- arbetten konnten, ohne bemerkt zu werden. « Der Sachverhalt sei kurz noch einmal wiedergegeben: Die K a t a st r o p h e geschah in der Nacht vom 18. a u s d« n 19. August. Als der O-Zug Berlin— Köln gegen 2 Uhr nachts mit einer Geschwindigkeit von 80 bis 82 Kilometer Leiferde passiert hatte, venia hmen die Passagiere ein entsetzlichen Krachen und Klirren. Dir Wagen gerieten ins Schwanken, das Licht erlosch, der Zug stand still. Den aus den Wagen geeilten Passagieren bot sich ein schreckliches Bild. Die Lokomotive und die beiden hinter ihr laufenden Wagen lagen neben dem Bahndamm. Der dritte und der vierte Wagen bildeten zusammen ein furcht. bares Gewirr von Trümmern. Zwanzig Tot«, dar- unter unser Genosse Mehlich, waren die Todesemte. Die ersten Nachforschungen ließen ohne wettere? die Ursache des Unglücks er. kennen: ein Stück des Schienengleises war losgelöst, Bolzen und Schrauben lagen neben dem Elsenbahndamm. Es schien unzweifelhaft: nicht ein Zufall, verbrecherische Hände hatten hier gearbeitet. Dann aber wurde man irre. Man war versucht, der Eiscnbahnoer- waltung selbst einen Teil der Schuld zuzuschreiben. Bis endlich. nach fast drei Wochen, die Täter in dem Zljährigen Musiklehrer Otto Schlesinger und dem Z2jährigen Techniker Will« Weber entdeckt werden tonnten. Webers Beichte einem Freunde gegenüber am Grab« des Vaters hatte der Polizei zur Entdc«kung de- Verbrechens verholfen. Als Mitwisser wurde auch der Bruder des WM Weber, Walter Weber, verhostet. Schlesinger war bis zum Frühjahr dieses Jahres als M u I i k l e h r e r in Obersdorf im Allgäu beschäftigt. Er hatte sein« Stellung verlassen müssen und begab sich aus die Wanderschaft, in der Hoffnung, nach Spanien zu gelangen. Unter«vegs lernte er den Willi Weber kennen. Sie «vanderten zeitweise zusammen, trennten sich dann, um sich am 20. Juni in Karlsruhe wiederzufinden. Ohne einen Pfennig Geld, waren sie stark heruntergekommen. Sie begannen sich mtt dem Gedanken eines Verbrechens zu tragen. Zuerst dachten sie an die Beraubung von Autos, die sie mit HUie von über die Chaussee ge- spannten Drahtseile sich in die Hände zu spiele« beabsichtigten. Dann setzte sich in ihnen der Gedanke fest, einen Postzug zu berauben. Zu diesem Zwecke sollte«ine Entgleisung herbeigeführt werden. Einen Steckschlüssel fanden sie, emen zweiten stahlen sie. Bereits am 17. August«varen sie an die Arbeit gegangen: wurden aber ge. stört. Am nächsten Abend mißglückte der erste Versuch, den Amster. damer Zug zum Entgleisen zu bringen: der zweite Versuch führte zur unbeschreiblichen Katastrophe. Als sie sahen, was sie angerichtet hatten, dachten sie nicht mehr an den Raub, sondern liefen davon. Sie wurden im Asyl für Obdachlose in Berlin vor- haftet. verhanSlongsbegknn. B. S. Hildesheim, 3. November 1926. Unter großem Andrang von Publikum und Press« begann heute morgen um 9 Uhr der Prozeß gegen die Eifenbahnattentäter von Leiferde.. Das Landgerichtsgebäuo«, das an dem stillen verträumten Domplatz liegt und ein Jahrhundert altes ehemaliges Bischofpalais itt. hatte starken polizeilichen Schutz erhalten, der ein« scharfe Kartenkontroll« ausübte. Bor dem Gebäude hatten sich Neugierige eingefunden, die auf die Ankunft der Angeklagten warteten, die in einem Gefängniswagen von dem Uitterfuchungsgefängnis St. Gode- Hardt, einem ehemaligen Kloster, ins Gerichtsgebäude transportiert wurden. Gegen%9 Uhr wurden die drei Angeklagten in den Saal geführt. Schlesinger ist«in nicht uninlelligent aussehender Lllähriger Mensch mit schwarzem, etwas gelocktem Haar. Willi Weber, der eine braun« Windjacke trägt, macht einen etwas scheuen Eindruck und sitzt mit gesenktem Kopf da, während sich Schlesinger und Watter Weber, der irttelligenter als sein Bruder Willi scheint, interessiert im Saal umsehen. Punkt 9 Uhr betrat dann das Gericht unter Vorsitz des Landgerichtsdireltors Kaemmerer den Saal. Es besteht aus zwei Beisitzern, den Landgerichtsräten Bödiker und Grave und sechs Geschworenen, unter denen sich«in Rektor,«In Klempner, ein Kaufmann,«in Rittergutsbesitzer,«in Landwirt und ein Konsum- venvaller beslnden. Es erfolgt dann der Aufruf der Zeugen, die der Borsitzende zur strikten Jnnehattung ihrer Pflichten erinahnt. Es sind 19 Zeugen, u. o. Etfenbahninfpektor Brandt und Kriminal- kommissor Rätz, denen die Aufklärung des Derbrechens zu verdanken ist. und einig« Eisenbohnbemnte. so der Weichenwärter Klußmann, der den ankommenden Zug anhielt und so ein größeres Unglück ver- hindert«. Als Zeugen treten ferner der Monteur Gustav Windmann und der Handlungsgehilfe Robert Schröder ach, die die Anzeig« ge- macht, die zur Verhaftung der Täter führt«. Als Sachverstandig« fungierten Reichsbahnoberrat Klövekorn, Bahnarzt Dr. Johannes Poulsen und Sanitätsmt Dr. Mönkemöllcr, Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Hildesheim. Die Angeklagten werden von Rechts- anmalt Bleidorn, Rechtsantvalt Hoffmann und Dr. Brunotte ver- teidigt. Es wurde dann der Eröffnungsbefchluh verlesen. nach dem Otto Schlesinger und Willi Weber wegen oersuchten Mordes in Tateinheit mit verfuchter Essenbohn- tronsportaefährdung und vollendeter Eifenbahrttransportgefährdung in Tateinheit mit Mord und gegen Walter Weber wegen Beihilfe zu diesen Delikten und Unterlassung einer Anzeig«. Der Angeklagte Otto Schlesinger wurde sodann zur Person ver- nommen. Aus seinen Zeugnissen urrd Kritiken ging hervor, daß dem Angeklagten ein starkes künstlerisches Können und Begabung zugesprochen werden kann, vorfihender zum Angeklagten: Sie haben sich dann auch mit philosophischen Pro- blemen beschäftigt und viel gegrübelt. Was haben Sie denn bevor- zugt? Angekl.: Allgemeine Probleme. Dorf.: Das haben Sie besonders gelesen. Angekl.: Nietzsche und Schopenhauer. Der Ange- klagte, der sich sehr gewandt ausdrückt und sicher austritt, bekundet« dann auf wettere? Befragen des Borsitzenden, daß er ein starker Raucher sei und täglich 40 bis 20 Zigaretten konsumiert habe...* v■> u...-je Ich bin Melancholiker von meinem Großvater her. Ich habe einen Drang nach Einsamkeit und bin als sisbenlöhrigcs Kind schon allein spazierengegangen. Dorf.: Der Großvater hatte doch einen bekannten Namen, er hieß doch.Luhecker", nicht wahr. Angekl.: Jawohl, er war erst Musiker, und zwar Kapellmeister bei dem blinden König von Hannover. Er hat sich aber dann der Natur. willenschaft zugewandt und sich einen guten Namen erworben. Er wurde Direktor am Museum in Londoi«. Ferner schilderte der An- gellagte, daß er oft starke Kopfschmerzen gehabt habe, sonst aber nicht erblich belastet sei. Willi Weber, der am 22. Januar 1904 als Sohn eines Gastwirts in Schötmar geboren ist, sagte zu seiner Person aus, daß er Volks- schuibildung habe. Seine Mutter mußt« die eigene Gastwirtschajt nach dem Tode des Baters aufgeben und der Angeklagte niochie eine schwere Zeit durch. Er mußte im Stroh schlafen und o f t hungern. Er ist mehrfach vorbestraft, und zwar wegen Diebstahls und Einbruchsdicbstahls in die Stationskosse von Schot-- mar Er betonte dami weiter, daß er als Gelegenheitsarbeiter tätig war, so auch in der Eisenbahnwerkstätte in Rummelsburg,»vo er Einblick in den Eisenbahnbetrieb bekam. Bon besonderer Bedeutung für dke Entwicklung des Angeklagten war es, wie der Vorsitzende betonte, daß in dem Betrieb eine Arbeitslokomotive umstürzte und einen Arbeiter verletzt«. Man gehe wohl nicht fehl, daß dieser Un- glucksfall bei dem Angeklagten im Gemüt haften geblieben ist und ihn zur Ausführung des schrecklichen Derbrechens bestimmte. Waller Weber, der um ein Jahr jüngere Bruder, ergänzte diese Aussagen. In feiner nicht unsympathischer gewandter Welse schilderte er ebenfalls die häusliche Rot noch Aufgabe der elterlichen Wiri- schaft, die ein Onkel übernommen habe. Schlesinger bekundete, daß er im Asyl In Friedrichs- Hafen mit Walter Weber und den Zeugen Windmann zusammen- getroffen sei, was überfüllt war- In einem Raum, wo 20 Bellen aufgestellt waren, hausten etwa 20 Menschen, die Luft war zun, schneiden und wir beschlossen, wieder zu wandern und unterwegs zu stehlen. Vors.: Wann ist Ihnen denn der Gedanke gekommen, ein Verbrechen zu begehen. Haben Sie eine Schilderung von einem ähnlichen Attentat gelesen oder eine amerikanisch? Wildwestszene im Kino gesehen? Angekl: Das kommt nicht in Frage. Daß wir ein Vergehen begehen wollten, um aus unser« Lage herauszukommen, war schon früher, als wir in Andernach zusammen waren, aufge- taucht. Der Plan ging aber nicht von mir, sondern von Waller Weber und Windmann aus. Wir hatten bei Andernach im Rhein gebadet und als«vir im Grase lagen, sagte Windmann zu Walter Weber, man müßte Autoreifen stehlen oder In die Post in Schötmar einbrechen. Da sagte ich energisch: Dann könnt Ihr ja gleich einen Eifenbohnzug in die Luft sprengen. Vors.: Waller Weber aber hat ausgesagt, daß er Ihre Aeußerung durchaus ernst genommen habe. Angekl.: Das kann nicht fein. Wir wanderten dann weiter und in Dortmund trennte sich Windmann von uns. Hinter Münster trafen wir dann mit einem anderen Handwerksburschen zusammen, der brachte die Sprache auf ein Derbrechen. Er sah auch wie ein Der- brecher aus. Er sprach davon, daß Geldlronsporte durch Flugzeuge vorgenommen würden und erzählte von großen Goldtransporten auf der Eisenbahn, die man berauben könne. Mit WalterWeber wurde es immer schlimmer, seelisch und körperlich. Er nahm keine Nahrung mehr auf und weinte immer vor sich hin. Der Angeklagte schilderte dann die weitere Wanderschaft, die schließlich nach Paderborn führte, wo gerade Jahrmarkt war. Auf dem Wohl- fahrtsamt, wo wir eine Essenkarte haben wollten, wurden wir schroff abgewiesen. Der Italiener Pacelli war da gerade in Padcr- dorn. Die Stadl gab Taufende von Mark dafür«ras und für uns hatte man nichts übrig. Bei den Wirten kamen wir nicht an, sie hatten sich schon alle mit Musikern eingedeckt._ Konsum-Generalversammlung. Sine kommunistische Niederlage. In der am Montag, den 1. November 1926, im Lehne rvereinshaus abgehaltenen Generalversammlung der Konsumgenossenschaft Berlln und Umgegend erstattete der Geschäftsführer Genosse M i r u s einen ausführlichen Bericht über das 27. Geschäftsjahr der Berliner Der- braucherorgonisation. Während ringsum in der Handels- und Geschäftswett die Wirt- schaftskrise unzählige Opfer gefordert habe, die Zahl der Konkurs« und Gcschäftsaufsichien ein« bisher nie gekannt« Höh« erreicht«, sei, so führte der Redner aus, die Berliner Genossenschaft gefestigt aus der allgemeinen WirtschastÄiedrängnis hervorgegangen. Sie habe im verflossenen Geschäftsjahr die Neuköllner Großhandels- gesellschaft mit 40 Abgab« st ellen sich angegliedert, das der Lichtenberger Zentrole benachbarte Lubzcinfkysch« Gelände mit Fabrikgebäuden neu erworben, in Tempel hos«inen Neubau auf eigenem Gelände vollendet, den Autopark wesentlich vermehrt u. a. m. Zurzeit führe sie«inen weiteren Neubau im Werte von mehr als 800000 Mark auf, der die eigenen Betriebswerk- statten aufnehmen soll. Dies« Erweiterungen des genossenschaftlichen Wirkungskreises konnten aus eigener Kraft durchgeführt werden, gestützt auf die Mitarbett und das stark« Vertrauen der Mit- glieder, dos sich u. a. darin bekundet, daß die Sparkasse der Ge- nossenschaft ihren Einlagebestand von 6 Millionen auf über 10 Mit- lionen Mark zu steigern vermocht«. In der Bittmzbesprechung wies der Redner daraus hin, daß das gut« Gcschäftsergebnis auch in der gegen die letzten Jahr« erhöhten Rückvergütung auf den Umsatz(3 Proz.) zum Ausdruck komme. Di« Bilanz schließt niit einer Erübrigung von 179 403 Mark, von der 60 000 Mark wr Unterstützung erwerbsloser Mitglieder Verwendiinl, finden sollen, während der Rest den Reserven, zugeführt wird. Nach Erstattung des Auffichtsratsberichts dusch Genossen Michaelis truGen in der Aussprache«w« Reih« kommunistischer Redner ihr« aus früheren Versammlungen sattsam bekannten Auffassungen vor, die von den Genossen Echukar, Pilz und im Schlußwort vom Genossen M i r u s«ine deutliche Zurückweisung erfuhren. Gegen die Stimme einer Anzahl tonnnunistischer Vertreter(ein Teil von ihnen enchielt sich der Stimme) wurden sodann die Bilanz und der Verteilungsplan genehmigt und dem Vorstand Enttastimg erteilt. Di« darauf folgenden Wahlen zum Aufsichtsrat enthüllten das Sinken des kommunistischen Einflusses in klarster Weis«. Nur 107 Stimmen vermochte die KPD. ans ihr« Vorschlagliste zu vereinigen, während der Liste Geuossenschastsaiisbau 390 Stimmen zufielen, so daß von den zu wählenden sieben Abssichtsratsmttgliedern in Liste Genossenschastsaufbau 6 Sitze erhiett, die Kommu- nisten nur einen einzigen. Damit ist die Zahl der kommu- nistischen Vertreter im Aufsichtsrat von bisher drei auf zwei zurück- gegangen, gegenüber 19 Vertretern der List« GenossenfchastsouOa». Gewählt wurden: Paul Lang«, Carmen Holz. Otto Eick«, Robert Lenzner. Franz Walther. Hermann Grashold von der Liste Genossenschaftsaufbau und Richard König von der kommunistischen Liste. Ein von kommunistischer Seit« gestelller An- trag, den streikenden englischen Bergarbeitern finanzielle Unterstützung durch die Genossenschaft zuteil werden zu lassen, wurde durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt, nachdem Genosse Mirus darauf hingewiesen halle, daß die Annahm« eines derartigen Antrages ge i, o ffe nsch aft s re ch tl i ch un- zulässig sei._ «adlohSrer Charlottenborg, Di« Ortsgruppe Tbarlottendurg drt Rr- better-Radio-KlubS veianstaltkt heute abend Tl, Uhr In der tlula Nehring- ssrah« tv.«Ine Protestveriammlung gegen die willkürliche Festsetzung de» RundsuntprogrammS. Referent: Wilhelm Hoffmann, Aorfitzender des KlubS. Außerdem noch Vortrag über FernempfangSversuche. Grog-Gerlitter Parteinachrichten. n.«t. Donner-to«. den i. Zlonemter. adends 7>/, Uhr det»owiti-l. Kraut- straße 36, wichtig« FunNiouSrffjpmg. Ostelbischer Braunkohlenbergbau. Zwölfftundentag.- Sonntagsarbeit.- Hungerlöhne. Riesenprofite. Aus Senftenberg wird uns geschrieben: Berlin und feine Umgebung wird hauptsächlich durch den Braunfehlenbergbau östlich der Elbe versorgt. Der oftelbische Braunkohlenbergbau wird vornehmlich von fünf Gesellschaften beherrscht. Es sind dies: die Anhaltischen Kohlenwerke, die Braunfohlen. und Brikett Industrie A.-G., die Eintracht Braunfohlenmerte, die Ilse" die Ilfe" Bergbau- Aktiengesellschaft und die Niederlaufiber" Rohlenwerfe. Alle anderen Betriebe abgesehen von den fächsischen Staatswerken in Hirschfelbe und dem Betriebe der märkischen Elektrizitätswerte in Finfenheerd, find nur noch fleinere Betriebe, die sich aber wiederum vielfach noch in den Händen dieser großen Gesellschaften befinden. Bis vor die Tore Berlins, an dem polnischen Korridor, nach Schlesien hinein haben diese Gesellschaften ihre Fühler ausgeftredt und fich in Betriebe investiert und Rohlenfelder gesichert. Unter dem Decmantel der Rationalisierung der Wirtschaft" merden fleinere Betriebe zur Stillegung gezwungen und den betreffenden Werfen Entschädigungen bis zum 31. März 1928 gezahlt. Die Arbeiter der Betriebe werden brotlos; sie entschädigt man nicht. Man flagt über schlechten Absatz und legt Betriebe still, macht dafür aber neue Großbetriebe auf Die Produktion ist von Jahr zu Jahr gestiegen, auch die Arbeitsleistung der Arbeiter. Troß des Umstandes, daß im ostelbischen Braunkohlenbergbau fast fämtliche Randgebiete liegen, haben sich Förderung und Arbeitsleistung ständig gesteigert. Es wurden einschließlich der Randgebiete gefördert: Jahresförderung Jahr Durchschnittsleistung auf I Arbeiter und Schicht. d. Jahr zu 300 Arbeitstg. 5,2 Tonnen 1913 25 843 000 1920. 27 120 000 2,0 1921 31 178 000 2,1 1922 36 696 000 2,6 1923 34 512 000 24 1924 36 468 000 1925 39 876 000 4,1 6,4 In den Monaten Januar bis August 1926 find 25 683 868 Zonnen gefördert worden. Die Wintermonate bringen im Braunkohlenberg bau stets eine Steigerung der Produftion, fo daß das Jahresergebnis für 1926 nicht hinter 1925 zurückstehen wird. Die Börse ist ein sehr feinfühliger Grabmesser über die Lage einer Industrie. Die Industriepapiere des ostelbischen Brauntohlenbergbaues bewegen fich starf aufwärts. Es notierten Aktiengesellschaft Eintracht Braunkohlenwerfe am 2./1 1926 11./10. 26 29./10. 26 Anhalt. Kohlenwerke. Braunfoslen- u. Brifett- Industrie Jlie" Bergbau A. G. Niederl. Kohlenwerte. 421/8 105 1844 8234 156 189 88 162 192 73 801/2 166 165 158 183 Die oftelbischen Braunfchienunternehmer verdienen nicht bloß an ber Produktion, sondern sie sind auch sehr start am Bertauf beteiligt, verdienen also doppelt. Diefer glänzenden Entwicklung stehen Arbeiterverhältnisse gegen. liber, die auch schon im Vorwärts" verschiedentlich gegeißelt wurden. Für das Gebiet besteht der Mittelbeutsche Braunfohlentarif Die in bem Tarifvertrage vorgesehene achtstündige Arbeitszeit wurde durch verschiedene Schiedssprüche des Reichsarbeitsministeriums aufzehn Stunden verlängert. Die Unternehmer find aber mit der Berlängerung auf zehn Stunden noch nicht zufrieden. Wider Gefeß und Tarifvertrag wird ein sehr großer Teil der Arbeiter gezwungen, elf und zwölf Stunden zu arbeiten. Ja, ſelbſt bes Sonntags wird der Arbeiter an den Betrieb gebunden obwohl nach den Angaben des Herrn Dr. Büren im ostelbischen Braunkohlen bergbau noch 520 000 Tonnen Brifetts auf Stapel liegen sollen. Die Bergbehörden haben dazu gefchwiegen. Eine Feststellung ergab, daß außer der elften und zwölften Arbeitsstunde auf 59 Werfen des ostelbischen Braunkohlenbergbaues Im September 13 391 Ueberffunden und 11 491 Sonntagsschichten verfahren worden sind. Für ihre schwere Arbeit erhalten die Arbeiter Löhne, die angesichts der wirtschaftlichen Verhältnisse jeder Beschreibung spotten. Die Tarifftundenlöhne betragen für den erwachsenen Arbeiter über 20 Jahre 33 bis 53,4 Pf., für Arbeiterinnen 11 bis 29,5 Pf. Nur durch die viele lleberarbeit und durch die Sonntagsschichten ist der Arbeiter in der Lage, feine Eristenz notdürftig zu frijten. Bei diesen Zuständen wagen es noch die Sprecher der Unternehmer, bei den Berhandlungen die Erklärung abzugeben: ,, ir fönnen feinen Pfennig zulegen." Unter diesen Umständen scheiterten die Lohnverhandlungen. Der Schlichter des Arbeitsministeriums wird an den Tatfachen, daß es den Braunfchlenunternehmern nicht so schlecht geht, wie diefe behaupten, nicht vorübergehen fönnen. Er wird sich ernstlich mit der Frage bes faffen müffen, daß auch die Brauntohlen- Arbeiterschaft ein Recht zum Leben hat. Kläglicher Rückzug. Der kommunistischen Streifabwärger. Auf unsere Feststellung, daß der fommunistische Arbeiterratsvorsitzende Deter, der als Beifizer im Stadtverordnetenpräsidium kürzlich das erbärmliche Theater von den Zuschauertribünen auf geführt hat, daß dieser Deter, vor die Verantwortung gestellt, a b blies und somit„ ben Streit abwürgte", darauf weiß die Rote Fahne" nur fläglich zu stammein. Sie erzählt ihren Lesern, denen sie offenbar alles zumuten zu können glaubt, daß Orth. mann bereits unterschrieben hatte, der brave revolutionäre Deter also nichts mehr machen konnte. Gestern aber erzählte das selbe Blatt, baß derselbe Orthmann nur durch die fürchterlichsten Drohungen und die Ankündigung, daß der Streit mit allen Mitteln niedergeschlagen würde, es erreicht hätte, daß feine Urabstimmung vorgenommen wurde. Berliner Elektriker Genossenschall angeschl.dem Verb. soz. Baubetriebe Berlin N. 24, Elsässer Str. 86-88 Fernsprecher: Norden 6525, 6526 Filiale Westen, Wilmersdorf Landhausstr. 4. 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Dieses Brotokoll wird non den Parteivertretern unter. den Parteivertretern unter. schrieben, in diesem Falle von Knobel für den Verkehrsbund. schrieben, in diesem Falle von Knobel für den Verkehrsbund. Die Belegschaft der Hochbahn hatte es aber in der Hand, in einer Urabstimmung das Verhandlungsergebnis abzulehnen und daraus die Konsequenzen zu ziehen, d. h. die Arbeit nieder zulegen. Orthmann selbst hat darauf hingewiesen und erklärt, wenn die Funktionäre den Schiedsspruch ablehnten, dann müßte der Belegschaft selbst Gelegenheit gegeben werden, in einer Ur= abstimmung Stellung zu nehmen. Wer hat das aber verhindert, obwohl die Funktionäre das Berhandlungsergebnis abgelehnt hatten? Wer hat sich gegen eine Urabstimmung ausgesprochen? Das mar der Glockenschwinger Defer, kommunistischer Arbeiterratsvorsitzender und unentwegter Lakai Mostaus, wer auch dort die Knute schwingen mag. Ueber den Blödsinn, Orthmann habe mit der Verbindlichkeitsals ob Drthmann einen Schiedsspruch ver erklärung gedroht, bindlich erklären könnte! werden die Hochbahner nur mitleidig bie Achsel zucken. Auch die Ausgrabung eines Vorschlages von Knobel, der vor der Verhandlung von dem Schlichter gemacht Ab wurde und den die„ Rote Fahne" entstellt wiedergibt lehnung des Schiedsspruches und Einleitung einer neuen auch das ändert Lohnbewegung im nächsten Monat nichts an der Tatsache: Deter hat gegen die Veranstaltung einer Urabstimmung gesprochen. Die Kommunisten haben also Theater gemacht, aber den Streif abgewürgt, als es zum Klappen tam. Die sozialdemokratischen Gewerkschaftsführer haben gearbeitet, teine großen Bersprechungen gemachi, aber um fo mehr gehalten. Teilerfolg in Hennigsdorf. Die Arbeiter ziehen die Konsequenzen. nur Der Streif im Hennigsdorfer Walzwerk ist seit Montag zu gunsten der Streifenden beigelegt. Er war befannt lich deshalb ausgebrechen, weil die Direktion durch Dittat einfach verfügte, daß an einem Balzwerksgerüst nicht mehr neun, sondern nur noch acht Arbeiter beschäftigt werden sollten, was von den Ar. Die Zahl der an einem Gerüst beitern abgelehnt worden war. Arbeitenden war schon von ursprünglich 11 auf 9 herabgesezt worden, ohne daß sich die Gesamtbelegschaft dagegen gewehrt hatte. Es ist nunmehr eine Verständigung dahin erzielt worden, daß an einem Gerüst fortab fozusagen 8% Arbeiter beschäftigt werden, d. h. der neunte Arbeiter arbeitet abwechselnd 4 Stunden an zwei Gerüsten. Der Erfolg wäre wohl noch größer gewesen, wenn das Organisationsverhältnis der Streifenden ein besseres gewesen wäre. Die Streifenden haben aber aus diesem Kampf wenigstens die Lehre gezogen, daß man gegen ein geschlossenes Unternehme.tun nur mit einer ebense geschlossenen Organisation und deren finanzieller Unter, ügung antämpfen fann. Sie find restlos dem Deutschen Metallarbeiterverband beigetreten, der diesen Kampf geführt und unterstützt hat. Bersprechungen werden bei Kämpfen oft gegeben, ist aber der Kampf vorbei, fehrt man der Organisation nur zu oft wieder den Rücken. Ein inpisches Beispiel dafür bot der letzte Streit auf dem Rummelsburger Kraftwert. Es ist zu hoffen, aß die Hennigsdorfer Walzwerksarbeiter diesen Irrweg nicht beschreiten. Es ist in diesem Wer? noch vieles, man fann wohl sagen: fast alles verbesserungsbedürftig. hauptsächlich aber die hygienischen Ein richtungen. Zur Beseitigung dieser Mißstände läßt sich vieles durch das Einwirken der Organisation um fo eher ermöglichen, wenn die Belegschaft geschlossen hinter ihr steht. Für die Hennigsdorfer Arbeiter heißt es darum: bei der Stange bleiben. Längere Arbeitszeit vermindert Betriebsunfälle. Die Logit bei der Reichsbahn. Je stärker der Drud der Eisenbahner auf Verfürzung der übermenschlich langen Dienstzeit wird, desto mehr Stimmen werden laut aus den Kreisen derjenigen Reichsbahnbeamten, die anscheinend auf einem verfehrten Plage fizen. Zu diesen gehört offenbar auch der Reichsbahnamimann Schmitt, München- Lahn. In der Reichsbahn", bem amtlichen Nachrichtenblatt der Deutschen Reichsbahngesellschaft beschäftigt sich dieser Herr mit der Unfallneigung und der Psychotechnik im Eisenbahndienst und stützt fich dabei auf das fogenannte Wiederholungsgefeb. Für den Amtmann Schmitt, der wie viele andere feiner Berufsgenossen jede Luchfühlung mit den Arbeitern und unteren Beamten verloren hat, ist das Wiederholungsgesetz ein Gottesgeschent. Durch Gegenüberstellung von Arbeitsmenge und Betriebsunfälle an den einzelnen Wochentagen tommt er zu der Feststellung, daß Arbeitsmenge und Betriebsunfälle in feiner Beziehung zueinander stehen. Beweis: Am Montag ereignen sich bie meisten Betriebsunfälle wegen der langen Ruhepause( von Sonntag 5 Uhr bis Montag 4 Uhr). In dieser Zeit wird nach Feststellung Schmitts bei dem Rangier- und Weichenstellerperfonal nicht gearbeitet. Der zweithöchste Unfalltag ist der Dienstag infolge der fehr langen Ruhepause von 74 Stunden.(?) Der Mittwoch ist aber als niedrigster Unfalltag zu bewerten, tro höchsten Arbeitsanfalles; denn entgegengesett weist der Sonnabend wieder höhere Unfallziffern auf, weil am Freitag jeber Woche 3ahltag ist. 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Die heute wenig oder gar nicht bestehenden Ruhezeiten sind zu beseitigen und die bisherigen Dienstfreien Sonntage sind auf die Hälfte zu bemeffen. Mit einem Echlage werden so auch die mit größter Gewissenhaftigkeit aufgestellten Beobachtungen an Arbeiter der verschiedenen Industrien mit der verschiedenartigsten Beschäftigung auf den Kopf gestellt. geftellt. Wir wünschen der Reichsbahngesellschaft mehrere dieser Kopfe. Dann ist der Zeitpunkt nicht mehr fern, an dem das jetzt in den Reichsbahnbetrieben bestehende Durcheinanderwirtschaften zum volligen Zusammenbruch führt und der Weg zur achtstündigen Arbeitszeit wäre frei. Zur Lohnbewegung der Wein- und Likörarbeiter. Bom Berbande der Lebensmittel und Getränkearbeiter wird uns berichtet. Für die beteiligten Mitglieder unseres Verbandes fand am Dienstag abend eine gut besuchte Versammlung im Lokal ven Büttner statt. Den Bericht über die Lohnverhandlung und den Schiedsspruch gab Sch mig. In der Diskussion wurde allgemein bedauert, daß der Verkehrsbund als Tariftontrahent es ablehne, eine gemeinsame Bersammlung mit den im Verband der Lebensmittel und Getränkearbeiter Organijierten abzuhalten. Die Schlagkraft der Arbeiter gegen das Unternehmertum würde dadurch nicht gefördert. Die im Vorwärts" am Dienstag veröffentlichte Mitteilung des Verkehrsbundes über die Lohnbewegung gebe zu benken. Da alle schriftlichen und mündlichen Vorstellungen des Verbandes zu einem gemeinsamen Borgehen mit dem Verkehrsbund nichts fruchteten, müsse dessen Verhalten festgestellt werden. Die Versammelten vertraten bezüglich der Lohnerhöhung die Auffassung, daß die Zulage nach den heutigen Verhältnissen entschieden zu gering sei. Ortsverwaltung und Lohnfommission wurden daher beauftragt, mit dem Arbeitgeberverband über eine bessere Regelung nochmals zu verhandeln. Der Wurstmacherstreit in Netschkau. Die Firma Dietsch A.-G. ist mit ihrem gegen die tariflichen und sozialen Pflichten verstoßenden Verhalten nicht durchgedrungen. Die Geschlossenheit der Streifenden, wie auch die Solidarität der Konsumenten verfehlten ihre Wirkung nicht. Das Ergebnis der Verhandlungen ist:„ Der Streif gilt nicht als Unterbrechung des Die Arbeitsverhältniffes, Maßregelungen finden nicht statt. Streifbrecher werden sofort entlassen. Der tariflich festgesezte Urlaub wird gewährt. Der mit der Fleischwarenindustr.e bestehende Tarifvertrag wird anerkannt." Die Arbeit wurde darauf wieder aufgenommen. Drohender Streit der Saarbergleute. Saarbrüden, 2. November.( Mtb.) Die Lohnverhandlungen am 30. Oktober mit der Verwaltung der Saargruben haben zu feinem Ergebnis geführt. Die Generaldirektion war nur zu einer durchschnittlich 4,4prozentigen Lohnerhöhung ermächtigt, die zudem erst am 1. November eintreten sollte, während von den Gewerkschaften eine meit stärkere Anpassung der Löhne an die fationen lehnten im Hinblick auf die große Not der ArbeiterTeuerung, und zwar ab 1. Oftober, gefordert war. Die Organi schaft( 78 000 Bergleute) das Angebot als völlig unzu. reichend ab und machten nach dem Scheitern der Verhandlungen die Regierungskommission in einem besonderen Schreiben auf den Ernst der age aufmertfam. Die Regierungsfommission hat daraufhin die Organisationsvertreier zu einer Besprechung eingeladen, die unter dem Vorfiz des stellvertretenden Präsidenten der Regierungskommission Roßmann( Stephans war abwesend) und unter Beistand des französischen Mitgliedes Morize sowie des tschechischen Mitgliedes Dr. Bonszensfy bereits am Allerheiligentage stattfand. Die Regierungsfommission erflärte sich bereit, auf die Saargrubenverwaltung einzuwirken. Bemühungen jedoch erfolglos sein, dann sind die Gewerkschaften entschloffen, den Streit zu proflamieren. Festhalten am Achtstundentag! Sollten ihre Brüffel, 3. November.( Eigener Drahtbericht.) Die belgische Gewerkschaftskommission behandelte am Dienstag den Vorschlag der Bergbauunternehmer, zur Behebung des Kohlenmangels in den Kohlengruben eine halbstündige Ueberschicht zu verfahren. Sämt liche Delegierten der Bergarbeiter erflärten sich energisch gegen Ueberstunden, einerseits aus grundfäßlichen Erwägungen gegen eine Abschwächung des Achtstundentages, andererseits aus Solidarität für die englischen Bergarbeiter. Am Mittwoch tagt der Vorstand des Bergarbeiterverbandes, dessen Entscheidung über den Vorschlag der Unternehmer zweifellos ebenso ausfallen wird. Ein gemeinfames Manifest der Gewerkschaftskommission und des Bergarbeiterverbandes wird die Deffentlichkeit über die nationale und internationale Lage des Kohlenmarktes aufklären. Wie die rumänischen Staatsarbeiter bezahlt werden. Bukarest, 2. Nevember.( Eigener Drahtbericht.) Hier weilt seit einigen Tagen eine Vertretung der Arbeiter aus den staatlichen Betrieben, um die Rechtslohnsummen seit 1923 zu verlangen. Die staatlichen Arbeiter find nämlich den Beamten gleichgestellt, wurden aber bei der allgemeinen Erhöhung der Beamtengehälter übersehen, so daß der Staat ihnen feit 1923 bis heute über 40 Millionen Lei schuldet. Auch diesmal ist die Delegation nur mit vagen Versprechungen abgespeist worden, während zur selben Zeit das Kriegsministerium neue Missionen nach Italien schickt, um dort Kriegsschiffe zu bestellen. Berantwortlich für Bolitit: Dr. Curt Geyer: Pirtschaft: Artur Saternus; Gemertschaftsbewegung: Friedr. Cktorn: Feuilleton:.. Döscher: Lokales und Sonstiges: Frik Karstädt; Anariaen: Th. Glode; fämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts.Berlag 6. m. b. S.. Berlin. Drud: Borwärts- Buchbruderet und Berlagsanstalt Baul Singer u. Co. FEN O and Bein, wen 8-10, Schleißbaune 3.50-5, Oberbett la Auto- Reparatur- Werkstati rzfl. festgestellt. bidt Inlett 8 Bfb. 12. 18, Riffen 3 Bfb. 350 Fernspr. Norden 1276 u. Alexander 437 15 Tagen sine 550 antim. gegen Nachn. Mufter Breist frei, Lothringer Str. 107, Ecke LinienSchwere Fille beseitig worden. Unantastbare Heilerfolge fein Riftto. Nichtpassend zurüd Böhm. straße 14, am Prenz'auer Tor estätigung and Referenem, ärztl. empfohlen. Bettfedernspezialhaus Sachsel& Stadler, validenstraße 106. 941. 1-4 Sonatag 18-12. Jacobyl Berlin C12, Landsberger Str. 43. Segen 12 Monatsraten Raddatz Berlin, Leipziger Str. 122-123 Nagelpflege- Garnituren Kopp Joseph BERLIN W in vornehmer Ausstattung. Potsdamer Str. 122. Rontor bedarf JUERGENS Berlin GW 68. Lindenstrake 3. Winter- Stiefel zuverlässig, unverwüstlich nur bei H. Bähr Berlin, Spittelmarkt 7, vor der Frücke liefert seit 25 Jahren Holzhäuser Dickmann A.-G., W 57 lexanderplat Wochenendhäuser- Prospekte gratis! Wald- u. 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