Menöausgabe Nr. 533 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B Ur. 264 Sezuzzb«dinsung«n und Anzeigenpreise lind in der Morgenausgabe angegeben ReBcffien: SO. 68, Liadeastroh« 3 Aerofprecher: VSahosf 292— 292 Zel.-Udceffe: Sozlaldemol.ol Betltn ZZerlinev Volksblerkt Zentralorgan der öoztaldcmokratffcbcn parte» Deutfchlands (lO Pfennig) Donnerstag November 192H Verlag und Anzeigenabteilung: Geschästszeit 8\i bis 5 Uhr Verleger: Varwürts Verlag Gmblj. Berlin SO. 68, Lindenstrabe 3 Fernsprecher: vönhcss 292— 292 Rückgang öer Erwerbslosenziffer. Im Oktober um 6,1 Prozent. Der Rückgang in der Zahl der haupknnterstühungsempfänger in der Erwerbslosenfürsorge hat auch In der zweiten Oktobcrhälste angehalten. 3n der Zeit vom IS. Oktober bis 1. Ro- vember ist die Zahl der männlichen hauptunterstühungsempsänger von l 0SS 000 auf l 0K9 000 zurückgegangen, die der weiblichen von 254 000 aus 240 000. die Gesamtzahl von 1 ZZg 000 aus l ZOS 000. Der Gesamtrückgang beträgt also rund Z0 000 oder 2.Z Pro z. Die Zahl der Zuschlagsempfänger lunlerstühungs- berechtigte Aamilieuangehörige Vollerwerbsloser) hat sich Im gleichen Zeltraum von 1 Z60 000 aus 1 ZZZ 000 vermindert. Während des ganzen Monats Oktober ist die Zahl der hauptunterstühungsempsänger um rund 85 000, d. h. um 8,1 p r oz. zurückgegangen. Sesprechungea über üie Crwerbslosenhilfe. Entscheidung der Fraktionen vorbehalten. Der Zentrumsabgeordncte Esser, der Vorsitzende des Sozialpolitischen Ausschusses, hatte heute vor- mittag mit den Genossen Hoch, Brey und Luise Schröder eine Besprechung, deren Zweck es war, die Schwierigkeiten, die für den Fortgang der sozialpolitischen Arbeit im Reichstag entstanden sind, aus dem Wege zu räu- men. Es wurden Vereinbarungen getroffen, die noch der Bestätigung durch die beteiligten Fraktionen unterliegen. »Der Graf hat es befohlen!� Von allen Göttern verlassen!} „Germania" und„Nationalliberale Korrespondenz" be- stätigen die Darstellung der Vorgänge im Sozialpolitischen Ausschuß, wie wir sie heute morgen gegeben haben. Sie er- zählen außerdem, daß einer der deutschnationalen Abgeord- neten— der Abg. R i e s e b e r g— den von Lambach über- »nittelten Befehl nicht ausgeführt oder, wie die„Germania" es ausdrückt, sich„des Widerstandes vor versammelter Mann- schaft" schuldig gemacht habe. Im übrigen schreibt das Zentrumsblatt.- Der Graf hat Politik mit rollenden Augen befohlen. Er will die politische Lage„klären", d. h. seine Par» tei in die Regierung hineinquelschcn. Und so kommt die etwas unsaubere Sache zustande, daß eine soziale Angelegenheit von tiefgreifender Bedeutung wie die Fürsorge für die Erwerbs- losen taktisch oermanscht und verschandelt wird, um der Regierung Marx des berühmte Bein zu stellen. Wir glauben nicht, daß die deutschnationalen Wähler von Feingefühl dieser Tak- tik Geschmack abgewinnen können.» Und die„Nationalliberale Korrespondenz", bemerkt: Die Deutschnationale Volkspartei nimmt bekanntlich bei der Erörterung der Erwerbslosenfrage zurzeit einen Standpunkt ein, bei dem man sich mit Recht fragen kann, ob ihre Reichlsogsfraktlon nicht von allen Göletrn verlassen ist. Dagegen führt die„Kreuzzeitung" befehlsmäßig folgen- des aus: Die Mittelparteien hätten so„in den Winter hin- einschaukeln" und sich um klare Entscheidugen herumdrücken wollen. Das hätte sich„eine Partei, die altes st a a t s- politisches Verantwortungsgefühl(!!!) befaß", nicht gefallen lassen können: Außerdem aber mußte endlich einmal der trügerische Schein beseitigt werden, der der Oeffentlichkeit die Tatsache einer ruhigen Aufwärtsentwicklung vorspiegelte. Wir sind noch lange nicht so weit, daß olle Geschäftchen hinter den Kulissen abgemacht und die Dinge so geschoben werden können, wie es sich das Parteibonzentum, das allmählich jede Fühlung mit der Oeffentlichkeit verloren hat, und offenbar auch, außer in Wahl- gängen, keinen Wert mehr darauf legt, feinen Absolutismus hinten- herum stabilisiert und einfach negiert, was außerhalb der zur republikanischen Regierung patentierten Cliquen an Machtfaktoren existiert. Auch das Märchen hat jetzt ein Ende gefunden, daß die Deutschnationalen seit Wochen um ihren Eintritt in die Regierung betteln. Sie haben vielmehr ihre Ansprüche angemeldet und werden diese Ansprüche, komme, was da wolle, aufrechterhalten. Also die Deutschnationalen wollen»den trügerischen Schleier einer ruhigen Aufwärtsbewegung" zerstören. Drüber und drunter muß es gehen. Sic melden ihre„Ansprüche" an. Als ob andere Parteien nicht ebensogut„Ansprüche" stellen könnten. Sie beklagen sich über die Herrschaft von „zur republikanischen Regierung patentierten Cliquen", und beweisen ihren Beruf zur republikanischen Regierung, in- dem sie in öffentlicher Reichstagsverhandlung das Heer der Republik zur Feindschaft gegen die Republik aufputschen. So sieht diese Gesellschaft aus. Eine Regierung, die mit ihr nicht fertig werden könnte, müßte sich schämen. Einst- weilen aber wartet man auf Zeichen eines entschlossenen Regicrungswillens, diesem staatszerftörenden Treiben einen Riegel vorzuschieben. vorficht l In der demokratischen Press« steht nicht selten— besonders in bewegten Zeiten— mancherlei, worüber wir aus höheren Rück- sichten gern hinwcglesen. Schließlich aber hat auch das seine Gren- zen. So schreibt heute die„Berliner Dolkszeitung": Den Sozialdemokraten, die glaubten, sich den Sport einer billigen Agitation auf Kesten der Regierungs- Parteien leisten zu können, wird in den heutigen Besprechungen eine klare Entscheidung abgefordert werden. Es ist unmöglich, in so wenige Worte mehr Unsinn und mehr Ueberheblichkeit zusammenzupressen, als es hier geschieht. Die „Berliner Volkszeitung" kennt weder den Charakter unserer An- träge,»och hat sie eine Ahnung von der wirklichen politischen Situation. Außerdem sollte sie begreifen, daß der Feldwebel- ton. den sie anschlägt, geeignet ist, das Ziel, das sie anstrebt, zu gefährden. Wir mächen diese notgedrungene Bemerkung mit der Bitte schließen, daß die demokratische Presse Berlins überhaupt, wenn möglich, mit etwas mehr politischem Verstand redigiert werden möge. Wie notwendig diese Bitte ist, lehrt auch ein Blick auf die— ebenfalls demokratische—„B. Z. am Mittag". Um üas flrbeitszeitgesetz. Der Reichskanzler verhandelt mit den Gewerkschaften. Nachbem die Reichsregierung bereits mit den Unter- n e h m e r n über die Frage des Arbeitszeitgesetzes verhandelt hat, wird am morgigen Freitag eine Besprechung des Reichskanzlers und der zuständigen Reichsminister mit den Gewerkschaften über die gleiche Angelegenheit folgen. Die Stunde dieser Verhandlung steht noch nicht genau fest. Die sächsische Negierungsbilüung. Kommunistische Kriegserklärung. Den vorbereitenden kommunistischen Pressestimmen ist jetzt sehr bald ein Beschluß des Zentralkomitees ge- folgt, der eine offene Kampferklärung an die Adresie der sächsi- schen Sozialdemokratie darstellt. Den Beschluß der sächsischen Sozialdemokratie, den Versuch zur Bildung einer Regierung zu machen, beantwortet das Kommunistische Zentralkomitee mit folgender Erklärung: 1. Die KPD. erblickt in einer Regierung aus Sozialdemokraten und ASPS., oder in einer sozialdemokratischen Minderheits- r e g i e r u n g, die an die ASPS, gebunden ist, keine sozialdemo- kratische, sondern eine bürgerliche Koalitionsregie. r u n g, zu deren Sturz sie die Arbeitermasien mobilisieren und keine Gelegenheit im Parlament vorübergehen lassen wird, um diesen Sturz zu vollziehen. 2. Die KPD. macht die Duldung einer sozialdemokratischen Minderheitsregierung abhängig von der Durchführung von pro- letarischen Forderungen, wie sie im Wahlaufruf der Partei zum Ausdruck gekomen sind und von der Ablehnung jeder poli- tischen Bindung mit der ASPS. 3. Die KPD. wird auf Grund dieser Forderungen für einen sozialdemokratischen Ministerpräsideitten stimmen. Im Falle der Verletzung der proletarischen Forderungen durch die sozialdemokra- tische Regierung wird die Kommunistische Partei die Arbeitermasien gegen die Regierung mobilisieren und ihren Sturz herbei- sühren. 4. Die KPD. erklärt der Arbeiterschaft, daß in diesem Landtage die Durchführung der- proletart schen Forderungen unmöglich ist. Deshalb stellt sie schon jetzt vor der gesamten sächsischen Arbeiterschaft die Frage der Notwendig. keit des Kampfes für die Auflösung dieses Landtag». Die Erklärung behauptet dann weiter, die sächsischen Sozialdemokraten strebten, wie die Kommunistische Partei genau wisse, doch nur eine K o a l i t i o n s regierung in Sachsen an. Alles andere sei nur Manöver. Daruin sei auch die sehr aktuelle Parole:„A u f l ö s u n g d e s L a n d t a g s"! Es geht eben nichts über die geradlinige prinzipienfeste kein» munistische Politik._ Neue Kontrollbesprechungen. Die Frage des militärischen Oberbefehls erledigt. Durch eine offizielle Mitteilung der Botschafter- konferenz vor wenigen Tagen ist der Reichsregierung erklärt worden, daß die so lange diskutierte Frage des Oberbefehls über die deutsche Wehrmacht geregelt ist: Pariser Presie- meidungen über eine Reuaufrollung dieser Frage im Zu- sammenhang mit der Ernennung des Generals Heye können also wohl nicht stimmen. Eine neue Note der Botschafterkonferenz spricht von der zukünftigen Verwendung ehemaliger Militärgebäude, besonders auch von Kasernen, die nicht mehr militärisch verwendet werden können. Die Rote ersucht die Reichsregierung um Vorschläge, was mst diesen Gebäuden geschehen solle: es wird aber ihre Zer- stönmg nicht verlangt. Zensur auf fiintrrtreppen. Das„Schund- und Schmutzgcsctz". Von Robert Breuer. Artikel 118 der Reichsverfassung, Absatz 2 bestimmt: „Eine Zensur findet nicht statt, doch können für Lichtspiele durch Gesetz abweichende Bestimmungen getroffen werden. Auch sind zur Bekämpfung der Schund- und Schmutzliteratur sowie zum Schutze der Jugend bei öffentlichen Schulaus- stellungen und Darbietungen gesetzliche Maßnahmen zuläsiig." Das dem Reichstag zur Entscheidung vorliegende Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriflcn ist bereits in seinem Titel und damit in seiner Grundtendenz gegenüber der Verfassung eine Willkür. Das Gesetz ver- koppelt miteinander zwei Bestimmungen der Verfassung, die nicht ohne weiteres zusammengehören. Die Verfassung will die Bekämpfung der Schund- und Schmutzliteratur ermög- lichen, sie macht gleichzeitig Maßnahmen zum Schutze der Jugend bei öffentlichen Schaustellungen zulässig. Das Gesetz mischt aus diesen Beiden Bestimmungen, indem es das trennende„sowie" überspringt: eine Bekämpfung der Schund- und Schmutzliteratur zum Schutze der Jugend. Das könnte als eine Einschränkung des beabsichtigten Kampfes gegen Schund und Schmutz gedacht sein; das i st in Wirklichkeit die Wurzel aller Mißverständnisse, die in diesem Gesetz enthalten sind. Nach der Verfassung, die ganz allgemein ohne besondere Berücksichtigung der Jugend die Bekämpfung der Schund- und Schmutzliteratur für zulässig erklärt, steht diese Ausnahmebestimmung unter der vorangehenden General- erklärung, daß eine Zensur nicht stattfindet. Die Verfassung gestattet also den Kampf gegen Schund und Schmutz nur im Zeichen solcher Regel. Das vorliegende Gesetz aber ermöglicht, daß von ihm jede Druckschrift, ausge.nom- men die politische Tagespressc, erfaßt wird. Es schafft ge- radczu den Instanzenweg und den technischen Apparat für eine Durchbrechung und Umgehung des feierlichen Vorder- latzes, der die Zensur grundsätzlich ablehnt. Man darf daruin sagen, daß das Gesetz die Zensur durch die Hintertür einer mißbräuchlichen Benujzung der Verfassung wieder einläßt. Das Gesetz, dos voraussichtlich in der koinmenden Woche den Reichstag beschäftigen wird, bestimmt, daß zum Schutze der heranwachsenden Jugend Druckschriften in eine Liste auf- genommen werden. Die auf solchen Index gesetzten Schriften dürfen weder feilgehalten noch angeboten oder auch nur an- gekündigt, sie dürfen weder im Schaufenster noch innerhalb der Verkaufsräume zur Schau gestellt werden. An Personen unter achtzehn Jahren dürfen sie innerhalb des gewerblichen Betriebes weder entgelllich noch unentgeltlich überlassen werden. Dem Erwaasienen, der sie verlangt, dürfen sie verkauft werden. Indessen, da die dem Index verfallenen Schriften in keiner Weise der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werden dürfen, so sind sie tatsächlich um ihre Existenz gebracht, zumal die Bestimmungen des Gesetzes auch dahin auslegbar sind, daß eine Jndexschrist weder inseriert noch besprochen werden darf. Steht eine Schrift� auf dem Index, so haben sämtliche Behörden Sorge zu tragen, daß in keiner ihrer Einrichtungen irgendeine dieser Schriften Jugendlichen zugänglich ist. Das macht wahrscheinlich, daß auch in Bibliotheken Jndexschriften nicht mehr eingestellt werden, denn welcher Bibliothekar möchte sich dem Risiko der Strafbestimmungen des G.setzes ausliefern, die auch Fahrlässigkeit mit Geldstrafe ahnden. Mit besonderer Härte packt das Gesetz nach den Seriodischen Druckschriften. Wenn eine Zeilschrift innerhalb ahresfrist zweimal auf den Index gesetzt wird, kann sie für ein ganzes Jahr den genannten Einschränkungen unter- worfen werden. Das Groteske dieser Bestimmungen ergibt sich aus der schon erwähnten Freiheit für politische Tages- zeitungen. Eine Tageszeitung, die normalerweise eine viel größere Zugänglichkeit auch für Jugendliche hat, bleibt un- behelligt: eine Wochenschrift kann getroffen werden. Bei der Einschaltung dieses Erweichungsparographen hätten die Damen und Herren, die das Gesetz gemacht haben, merken müsien, wie sehr sie gegen die Verfassung und die garantierte Zensurfreiheit verstoßen. Eine weitere angebliche Sicherung soll die Bestimmung bringen, daß keine Schrift wegen ihrer politischen, sozialen, religiösen, ethischen oder weltanschaulichen Tendenz„als solche" auf die Liste gesetzt werden darf. Wer die Praxis kennt, weiß, daß derartige Kautschukbestimnmngen nur Feigenblätter sind» den guten Ruf des Sittenrichters zu schützen. Wie kommt nun eine Schrift auf den Inder? Durch den Beschluß einer P r ü f u ng s st e l l e. Diese Prüfungs- stellen werden von den Ländern eingerichtet, dock) können hierzu mehrere Länder sich zusammenfinden. Es sollen zu- nächst, wie man hört, vier Prüfungsstcllen eingerichtet werden: keine Bestimmung des Gesetzes aber verhindert, daß jederzeit irgendein Land, und sei es das kleinste, eine eigene Prüfungsstelle einrichtet. Da nun der Spruch jeder Prüfungsstelle für das ganze Reich Gültigkeit hat, so können Verhältnisie von unbegrenzter Komik ein- treten. Zum mindesten dürften diese Bestimmungen' s Gesetzes seinen Urhebern Veranlassung geben, endlich einmal über das, was sie da vorschlagen, nachzudenken. Angenoni- men, daß die Prüfungsstelle eines rein protestantischen Landes an die populären Heiligenlegenden gerät oder an eines jener Traktate, in denen katholische Polemiker das Licbesleben Luthers schildern, so könnte Unbequemes vor sich gehen. Angenommen, daß irgendein Land eine radikale Linksregieruno aufroelst, und daß, was nahe liegt, auch die Prüfungsstelle entsprechend besetzt ist, könnten nicht nur sogenannte„vaterländische" Schriften, könnte auch die Bibel aus die Schmutzliste kommen. Für derartige Kuriositäten gibt es aus anderen Voraus- sctzungen bereits Beispiele. Das alles kann sich besonders peinlich auswirken, wenn zugleich der Partikularismus gereizt wird. Bisher gab es Länder, die gegen das Reich revoltierten, künftighin wird jedes Land dem anderen und wird das Reich sich jedem Lande fügen müssen, wenn der Bllcherindex spricht. Das rückständigste Land wird zum Maßstab für die literarische und künstlerische Freiheit des Reiches. Vor die Prüfungsstelle kommt das Verfahren gegen eine Denkschrift durch Antrag der Landeszentralbehörden oder der Landesjugendämter. Jede Prüfungsstelle setzt sich zusammen aus einem Vorsitzenden, den die Regierung be- stimmt, und je einem Vertreter der Kunst und Literatur, des Buch- und Kunsthandels, je zwei Vertretern der Jugend- Wohlfahrt und der Jugendorganisationen, der Lehrerschaft und der Volksbildungsoraanisationen. Die Landes- b e h ö r d e ernennt diese richterlicben Sachverständigen nach Vorschlägen der beteiligten Verbände. Die Landes- behörde hat also die Möglichkeit, sich die Jnderrichter aus- z u w ä h l e n; sie muß bei dieser Wahl die G e i st l i ch e n besonders berücksichtigen. Fünf der Richter reichen für eine Verurteilung aus. Die Einleitung solch eines Verfahrens braucht weder dem Autor noch dem Verleger bekanntgegeben zu werden. Jedenfalls steht hierüber nichts im Gesetz. Es fehlt darin sogar eine zwingende Be- stimmung, daß Autor und Verleger den Spruch des Feme- geeichtes mitgeteilt bekommen. Im Paragraph 2 heißt es: „Die Entscheidungen sind dem Vorsitzenden der Oberprüfstelle mitzuteilen. Dieser hat die Schriften, deren Aufnahme In die Listen ausgesprochen ist, binney drei Wochen öffentlich bekanntzumachen." Von einer Verpflichtung, die Betroffenen zu bcnachrich- tigen, wird nicht gesprochen. In einem späteren Paragraphen heißt es dann allerdings, daß Verfasser oder Verleger zwei Wochen nach Zustellung der Entscheidung der Landesprüfstelle bei der Oberprüfstelle Berufung einlegen können. Da die Oberprüfstelle aber nach dem Spruch der Landesprüfstelle die verurteilte Druckschrift binnen drei Wochen auf den Index setzen muß, so würde der Oberprüf- stelle, vorausgesetzt, daß sie dazu überhaupt verpflichtet ist, genau eine Woche bleiben, um Autor und Verleger von dem Spruch erster Instanz zu benachrichtigen. Für den üblichen bureaukratischen Betrieb eine respektable Leistung, deren stillschweigende Voraussetzung kennzeichnend ist für die v e r- b l ü f f e n d e Oberflächlichkeit, mit der dieses Gesetz zusaminenbuchstabiert worden ist. Was nun schließlich die Oberprüfftelle betrifft, so soll sie beim Reichsministerium des Innern eingerichtet werden: ihr Spruch hat Reichsgeltung. Sie wird' nach dem gleichen Prinzip wie die Länderstellen besetzt und entscheidet gleich- falls mit fünf Stimmen. Absichtlich ist hier noch einmal, kurz vor der parlamenta- rischen Entscheidung, das Gesetz, das seinem Titel nach die Jugend vor Schund und Schmutz bewahren will, in den Grundzügen textgetreu dargestellt worden. Wenn man sich vergegenwärtigt, was nach allgemeinem Svrachgebrauch und aus der Erfahrung heraus Schmutz- und Schundschriften, die der Jugend gefährlich werden können, sind, so muß man zu der Ueberzeugung kommen, daß das vorgeschlagene Gesetz in keinem Verhältnis zu der angeblichen Aufgabe steht. Jeder vernünftige Mensch wird Sorge tragen, Kinder und Halbwüchsige vor den Einflüssen elender Schreibereien zu schützen: jeder verständige Erzieher weiß, daß es Bücher gibt, die eine gewisse Reife des Lesers voraussetzen. Solche selbstverständlichen Absichten zu erreichen, gibt es inancherlei, teils negative teils positive Mittel. Hierüber müßte unter Volksbühne. (,.N achtasyl": Regie: Erwin P i s c a t o r.) Die Spitzfindigkeit schädigt den Menschen, den Künstler und be- sonders den Theaterregisseur. Wer seinen angeborenen Hang zur Tüftelei nicht bändigt, tut leicht dem dramatischn Dichtwerk Unrecht. Der Regisseur verliert fein schwärmerisches Herz und vergiht, daß er dem dichterischen Talent zu dienen hat mit ästhetischem Unter- tanenverstand und treuer Ergebenheit. Der Regisseur verwechselt ein lyrisches Drama mit einem dynamischen Theaterstück. Es gibt nämlich ein lyrisches Drama, und Maxim G o r k i s„Nacht- a s y l" ist es darum, weil hier jedem Menschen die Möglichkeit gc- boten wird, schmelzend und hemmungslos seinen Seelenkamps er- klingen zu lasten. Man mag darüber streiten, ob diese Bercdtsam- keit, die sehr oft in moralische Redseligkeit ausartet, nicht irgendwie gekürzt und abgeschnitten werden mutz. Läßt man das Drama überhaupt gelten, will man es überhaupt ausführen, dann muh man sich davor hüten, seinen Schmelz und seine überschwengliche Herzens- spräche allzu schnell und allzu beflissen in eine gehämmerte Gewalt- spräche zu übersetzen. Erwin Ptscator übersetzt sofort. Er plakatiert groß:„Jstcr zu sehen das Nachtasyl!" Mit glühenden Buchstaben, wie si« gebraucht werden von den anreißerischen Kino- Häusern, überspritzt er den Vorhang. Alles ist Manifest und Lärm. Kommt heran und seht und bewundert! Doch Gorki dachte sich das ganz anders. Er lud ein:„Kommt heran und hört und denkt nach!" Wenn nun am Anfang des Stückes gezeigt wird, wie die Asylisten in das Nachtasyl einziehen, wenn dieser Aufzug wie ein lebendiges Kinobild in der Bühnentiefe ausmarschiert, dann wird viel mehr durch das folgende Drama versprochen, als der Regisseur eigentlich halten kann. Der Stil dieses Dramas ist nicht expressionistisch. Der Dichter will nicht recht bchalten: crll will nicht gewaltsam eine einzige Wahrheit hinaustrompeben: es fall nicht die tausendsach oerstärkte Menschenbrust nur einen überzeugenden und schmetternden T«n hergeben: man soll nur vernehmen die vielgestaltige, die hundertfach verwandelte Wahrheit. Jeder einzelne, der prophetische Vagabund, der entwurzelte Komödiant, die Sterbende aus ihrem Schwindsuchts- bett, der nach Arbeit schreiende Proletarier, der verkominene Aristo- krat, ja sogar der Ausbeuter, der sich von der Armut ssiner niedrig- sten Nebenmenschen mästet, soll iraendem Fllnklein Lebensweisheit festhalten. Kurz, der Dialog in diesem Drama mutz schillern und schweben. Dos Unterirdische und Rebenläufig« des Herzens, des Gehirns und des Gewissens hat zu erklingen. Alle Mitspieler suchen :ch mit Behutsamkeit die Worte aus. Sic erpressen nicht aus ihrem ngenen und sremdem Munde die Worte, die gesprochen werden. Piscator, der es so ernst meinte, täuschte sich also, als er irgend- eckten tobenden Aufruhr durch dieses sanfte Drama erwecken wollte. Gute Schauspieler, die er gewann, wurden von seiner Empörer- stimmung angesteckt. So hat zum Beispiel Agnes Straub, die in einem keifenden Weibmonstrum noch die zärtliche Begehrlichkeit zu zeigen hätte, sich ganz auf den strengen, hetzenden Ton sestgelegt und den psychologischen Reichtum ihrer Rolle damit geschmälert. Maria Leito verfiel einer massiven Eiiüünigkcit, da sie die sprühende und stets entnervte Begehrlichkeit darzustellen hatte. Heinrich George entzog sich allein den gefährlichen Ratschlägen verständigen und gutwilligen Mönschen schnell eine Ueber- einstimmung Zustandekommen können. Der vorliegende Gesetzentwurf aber, den die Sozialdemokratie im Ausschuß vergeblich bekämpft hat» greift so weit über die eigentliche Aufgabe hinaus,.daß man kaum annehmen kann, feine Urheber und Befürworter wüßten nicht, welch verhäng- nisvoller Mißbrauch mit dem allgemeingültigen Ziel der Jugenderziehung und des Jimcndfchutzes hier ge- trieben wird. Das Gesetz ist in dieser Fassung auch für den, der sich vollkommen frei weiß von spießbürgerlichem Liberalis- mus, eine Unmöglichkeit, da es eine Gefährdung, ja eine Vernichtung des geistigen Schaffens geradezu provozier!. Wink für üas Reichsgericht. Das Verfahren gegen die KPD.-Zentrale soll vertagt werden. Der Geschäftsordnungsausschuß des Reichs- tages führte heut« vormittag feine Beratung über den kom- munistischen Antrag, das Verfahren gegen die kommu- niftifchen Abgeordneten im Hochverratsprozeß gegen d i e KPD.-Zentrale einzustellen, zu Ende. Die gänz- liche Einstellung wubde mit 16 gegen 11 Stimmen abgelehnt. Dagegen wurde mit 16 gegen 11 Stimmen beschlossen, daß das Verfahren bis zum Eintritt der Sommer- fcrien des Reichstags im Jahre 1927 einzustellen fei. Dafür stimmten Sozialdemokraten, Kommunisten, Demo- kraten, Zentrum und Deutschvölkische. Die Arbeiten ües Enquete-Ausschusses. Tie Nolle der Wissenschaft. Vor Vertretern der Presse lietz der Ausschuß zur Unter- suchung der Produktions- und Abfatzbedingun- gen der deutschen Wirtschaft durch seinen Vorsitzenden L o rn m e r s Erklärungen über den Stand seiner Arbeiten abgeben. Die Tätigkeit des Ausschusses ist weiter fortgeschritten, die Material- sammlungen sind im Gange, ebenso sind auf wichtigen Gebieten bereits Sachverständigenvernehmungen und eigene Erhebungen teils im Fluß, teils eingeleitet. Das autzerordentlich umfassende Gebiet, das von dem Ausschutz zu behandeln ist, niacht es erforder- lich, an einzelnen Stellen auf allzu weitläufige Untersuchungen zu verzichten. Dies ist der Grund, weshalb man z. B. im Hand- werk keine vollständige Untersuchung anstellen, sondern die Regle- rung um eine Spezialenquete ersuchen will. Ueber die Existenz- berechtigung des Handwerks bestand entgegen anderen Meldungen niemals ein Zweifel. Auf dem Gebiet des Kartellrechts beabsichtigt der Enquete- ausschutz«in interessantes Experiment. Um zu erproben, ob eine amtliche Kartellkontrolle und in welcher Weife diese durchführbar ist, soll die Regierung eine Verordnung erlassen, wonach für die Kar- telle der Textilindustrie die Meldepflicht eingeführt wird. Auch sonst ist der fünfte Ausschuß, der sich mit Finanzfragcn beschäftigt, bemüht, in die Organisatton der Trusts und Kartelle ein- zudringe». Der Stand der ollgemeinen Arbeiten ist so, daß man hoffen kann, bis zum Frühjahr des nächsten Jahres zu konkreten Schluß. solgerungen zu kommen, um dann bis zum Herbst des nächsten Jahres auf Grund des umfassenden Materials den Bericht herstellen zu können. Einige Erregung hatte bei dem Ausschuß die öffentliche, auch im „Vorwärts" aufgenommene Kritik an der Zusammen- sctzung der Unterausschüsse hervorgerufen. Wie erinner- lich, wurde i» die Arbeitsgruppe Eisenindustrie ein auegesprochencr Interessent, Generaldireltor K ö n g e t e r, als Mitglied berufen, obwohl man einen unabhängigen technisch-wissenschaftlichen Sach- verständigen bereits geladen und dann auf ihn verzichtet hatte. Dr. Lammers begründete diese im Widerspruch zu der bisherigen Praxis der Kommission stehende Berufung damit, daß Vertreter der Wissenschast ausdrücklich die For. d e r u n g nach Einberufung von interessierten Sachverständigen gestellt hätten. Er verwies darauf, daß auch in anderen Aus- seines Regisseurs und umzirkelte nicht durck zu scharfe expressio- nistische Grenzen seine Rolle. Er spielt den Menschen, der die Ver- lumptheü als einen Kult pflegt und nicht mehr schuldig ist, wenn er andauernd die Gesetze des menschlichen Sittenanstandes vcrnach- lässigt. Und zum Schlüsse hat er, ohne anzuklagen, das Wort von der Vieldeutigkeit und Unfaßbatkeit des Schicksals zu sprechen, das dem Menschen jede SelbständigkeU und Willensfreiheit entzieht. Hier war die ungeschmälerte Menschlichkeit im Komödianten am Werk. Keine ileberlegung mehr, sondern nur noch der Instinkt. Die übrigen Schauspieler, Viktor Schwannecke, Leo Reuß, Erwin Kaiser, Leonhard Stecket, Alexander Granach wirkten nur mit als disziplinierte und gehorsame Mithelfer des allzu egoistischen Regisseurs. Sie verleugneten oft, weil sie so tüchtig Disziplin hielten, die schauspielerische Tüchtigkeit, mit der sie be- gabt sind._____ Max H o ch d o r f. „Formenbildung im Kunsihandwerk der Vergangenbeil uud Gegenwart" behandelte Prosessor Dr. Hermann Schmitz vom Schloßmujeum Berlin im Verein für deutsches Kunst- a e w e r b e E. D. Der interessante Vortrag, den zahlreiche ergänzende Lichtbilder begleiteten, sand tm Hörsaal des alten Kunst- gewerbemuseums statt. In einer aussührlichen Einleitung betrachtete Professor Schmitz das Verhältnis des Menschen zum Kunst- Handwerk in Vergangenheit und Gegenwart. Einst bedeutete Kunst- gewcrbe über dem Alltäglichen Stehendes, das nur den Vornehme», Fürsten und Patriziern diente und das auch hier seltener wirklichen Gebrauchsgegenständen als Prunkstücken Form und Gestali gab. Schmuck war nichts, organisch Gewachsenes, sondern ein anorga- nisches Beiwerk. Heute aber wollen wir im Kunstgewerbe keine schmückenden Zutaten zu den Gegenständen, sondern die künstlerische Gestalt soll aus de» naturgegebenen Linien, aus dem Zweck und aus dem Zusammenhang de» Gegenstandes mit seiner Umgebung erwachsen. Denn Kunstgewerbe ist oder soll wenigstens gegenwärtig kein Reservat mehr sein einer kleinen bevorzugten Menge, sondern der Allgemeinheit dienen. Professor Schmitz zeigte dann in sehr aufschlußreichen Lichtbildreihen die Formenbildung von kunstgewerb- liehen Erzeugnissen aller Zeiten. Nicht ganz verständlich waren die Schlußbemerkimgen des Vortragenden. Professor Schmitz glaubte dringend davor warnen zu müssen, zwei so verschiedene Gaüungcn der menschlichen Betätigung miteinander zu vermischen, wie es die Technik und das Kunsthandwerk ist. Wenn er jedoch mit Recht die ausgesprochen sachliche„technische" Form der AEG.-Bogenlampe nach dem Entwurf von Peter Behrens für ein Erzeugnis des Kunst- Handmerks hält, so ist nicht recht einzusehen, weshalb er es für un- möglich hält, daß ein Auto etwa gleichfalls zu einem kunstgewerblichen Produkt werden kann. Tss. Agnes Miegel las im Plenarsaal des früheren Herrenhauses aus ihren Werken. Die»Gemeinnützig« Vereinigung zur Pflege deutscher Kunst" in Gemeinschaft mit einigen ostdeutschen Verbänden hatte dazu eingeladen. Der große Saal war gefüllt fast bis zum letzten Platz. Man erlebte nichts Aufrüttelndes, Aufwühlendes, in tiefsten Tiefen Packendes, also nichts.Leitgemäßes". Und doch Offenbarungen. Blicke in«ine«cht« und liebenswerte Künstlerseele, der alles Schauen und Fühlen zu rhythmischer Gestaltung sich formt. Die die Poesie nicht sucht, sondern in ihr lebt. Der alles Geschehen als dichterische schössen, teilweise von Gewerkschaftsführern das gleiche Verlangen hervorgetreten sei. Auf die bestimmte Frage, welche Professoren eigentlich der deutschen Wissenschaft die Fähigkeit abgesprochen hätten, ohne Zusammenarbeit mit interessierten Pral- tikcrn über Wirtschaftsfragen zu urteilen, nannte Dr. Lammers keine Namen,„um nicht einzelne Persönlichkeiten einer derartig vernichtenden Kritik auszusetzen", die sie im Grunde genommen selbst gefällt haben. Im Falle des Eisen- ausschusses war es unseres Wissen Professor Dr. Franz Eulen- bürg. Dr. Lammers erklärte aber weiter, daß er in eifter Reihe von vertraulichen Meinungsäußerungen verschiedene Wisse»- schaftcr darauf bestanden hätten, interessierte Persönlichkeiten in den Ausschuß aufzunehmen und nicht nur als Sachverständige zu ver- hören. Es scheint demnach, als ob die Wissenschaft in Industrie- fragen neuerdings auf die eigene Initiative und For- schertätigkeit weitgehend verzichtet. Denn es bc- deutet immerhin eine starke Preisgabe der Selbständigkeit, wenn die Wissenschafter freiwillig Interessenten zur Mitwirkung an Bc- schlußfassungen heranzuziehen suchen, die das Ergebnis o b- jektiver Erkenntnis fein sollen. In anderen Fragen, zum Beispiel in Fragen der Sozialpolitik hat die deutsche Wissenschaft nicht immer die gleiche Zurückhaltung und den gleichen Willen zur Zusammenarbeit mit den Persönlichkeiten aus der betroffene:! Arbeiterschaft gezeigt. Daher mutet diese Stellungnahme de? Wissenschafter im Enqueteausschuß sehr eigentümlich an. Sie kanr» die Befürchtung, daß die Ergebnisse der Enquete nicht frei von Beeinflussungen durch Interessenten sein wird, eher verstärken als mindern._ Aue Krage üer Kürftenvermögen. Tie Vorgänge vom Jahre 1018. Zu der Auseinandersetzung Heine-Rosenfeld schreibt uns Genosse Paul Hirsch, der zur fraglichen Zeit preußischer Ministerpräsident war, daß die Behauptung des Genossen Rosen- feld, er habe im Jahre 19lS als Minister die Enteignung der Fürsten beantragt, unrichtig sei. Einen solchen Antrag habe er erst später als Ab geordneter gestellt und begründet. Die Mehrheitssozialdemokratie habe diesen Antrag nicht bekämpft. In seinen Reden als Abgeordneter habe Rosenfeld auch von den Vor- gängen von 1913, wie er sie jetzt darstelle, nichts erwähnt. Offen- bar verwechsele er jetzt die Vorgänge vom März 1919 mit Vor- gängen, die sich angeblich im November 1918 abgespielt haben sollen._ Streicher in tzast. München. 11. November.(Eigener Drahtbericht.) Der wegen fortgesetzter Beleidigung des Nürnberger Oberbüreermeisters Dr. Luppe zu einer Gesamtgefängnisstrafe von 3'/- Monaten ocr- urteilte nationalsozialistische Landtagsabgeordnete Streicher hatte dem Justizministerium ein Gnadengesuch unterbreitet, das aber abgelehnt worden war. Dem Landtag lag nun- mehr ein Antrag seiner politischen Freunde vor, der auf die Dauer der Landtagstagung die Haft Streichers ausgehoben wissen wollte. Der Antrag, wurde am Donnerstag vormittag mit den Stimmen der Bayerischen Voltspartei und des Bauernbundes abgelehnt. Streicher, der seine Strafe seit dem 23. August im Nürnberger Gefängnis verbüßt, bleibt also weiterhin in Haft. Das Städlebaugeseh. Auf der Tagesordnung des Preußischen Landtages steht heute zunächst die erste Beratung des Entwurfs eines Städtebaugesetzes. Diese Vorlage will durch ihre Vorschriften dem Durcheinanderwirken von Bergbau, Industrie, Ver- kehr und den Vehausungssammelpunkten, wie es jetzt in vielen Landesteilen beobachtet wird, durch eine auf sorgfältigem Studium aufgebaute einheitliche Planung, insbesondere des Verkehrs, steuern. Besondere Bestimmungen enthält die Vorlage über Nutzgrünslächen und Kleingartenflächen sowie über Spiel- und Sportplätze. Ein bc- sondere- Kapitel beschäftigt sich mit der Frage der Enteignungen, soweit im Interesse der städtebaulichen Entwicklung der Gemeinden und der Wohnungsfürsorge für die minderbemittelte Bevölkerung vom Enteignungsgesetz von 1874 abweichende Bestimmungen not- wendig sind. Vision erscheint. Zwanglos, ungekünstelt, lebensnotwendig. Di« nicht auf Flügelrossen sich über das Irdische erhebt, sondern still sinnend durch das Lebe» wandelt mit Augen, die olles sehen, das Groß« und das Klein«, das Aeußere und das Innere und es widerspiegeln in einer wunderbar klaren, reinen Seele. Einer Seele, über der schmerzliche Wehmut lagert, nicht lastend, nicht drückend, ober alles in«inen leisen Schleier hüllend. In diesen Poesien ist nicht«in Vers, der nicht im Tiefsten schmerzlich erlebt und im Tiefften wahrhaft gestaltet wäre. So entstehen naturgewachsene Rhythmen von eigenartigem Zaub«''. neuartiae Bilder, naiv, ungesucht, überzeugend, bannend. In schlichtestem Gewand«ine groß« Kunst. Und diesem Charakter der Dichtungen entsprach der Vortrag der Dichterin. Ohne Pathos, ohne Sentimentalilät, im Ton finnend-nachdenklicher Selbstgespräche. Di« Sopranistin Meto Glaß-Villaret sang dazwischen Lieder und Balladen, die Georg Vollerthun komponiert hatte. Ihre rein musikalischen Wert« kann ich nicht beurteilen. Meine Stimmung erhöhten si« nicht. Ein« Lyrik, in der soviel innere Musik lebt, sollt« man allein durch sich für sich sprechen lassen. I. S. Lautätigkeil und Lauerlaubuissc. Die jetzt vorliegend: Vau- statistit der Großstädte für den Monat August zeigt Insofern ein bedenkliches Bild, als«in« erhebliche Abnahm« des Zugakw» an Ee- bäudsn und Wohnungen festzustellen Ist. Es wurden im August an 'Gebäuden überhaupt und an Wohngebäuden fast«in Viertel, an Wohnungen etwa«in Fünftel weniger fertiggestellt als im Juli. Da- gegen ist die Zahl der Bauvollendungen in den Mittelstädten besser als in allen bisherigen Monaten, ausgenommen im Januar. Aehnlich ist das Bild der erteilten Bauerlaubnisse: hier ist in den Großstädten bei Wohngebäuden ein Rückgang um 6 Proz., umgerechnet auf Wohnungen sogar um 15 Proz. zu verzeichnen. In den Mittelstädten ist die Zahl der Bauerlautmisse für Wohngebäude um 47 Proz., die Zahl der genehmigten Wohnungen um 18 Proz. gestiegen. Insgesamt zeigt sich also«ine Verschiebung von der Mietskaserne und dem Mehrfamilienhaus zum Einfamilienhaus. Die größten Zahlen für vollendet« Wohnungen zeigen Berlin, Leipzig, Hamburg, Hallen. d.E., Magdeburg und München: an Wohnungsgenehmigungen außer Berlin noch Hamburg, Stuttgart, Magdeburg, Dresden, Dortmund. Ein Wettbewerb für Astrologen. Die amerikanische Zeitschrift „Science and Invention" will den Astrologen und Wahrsagern ein- mal auf den Zahn fühlen und si« dazu zwingen, zu zeigen, was sie kömren. Sie hat daher zwei Preise ausgesetzt, und zwar ver- spricht sie, 5999 Dollar demjenigen Astrologen auszuzahlen, der drei wichtige Ersignisse, von deren Eintteifen er vorher keinerlei Kennt- nis haben kann voraussagt: jedes Ereignis soll im einzelnen genau beschrieben werden. Tausend Dollar werden sür denjenigen Astro- logen ausgesetzt, der drei eingehende und genaaue Horoskope stellt, die frei von Widersprüchen sind und sich auf drei Personen beziehen, deren Anfangsbuchstaben aus Wunsch gegeben und deren genaue Geburtsdaten durch die Redaktion der Zeitschrift übermittelt werde». ver Zlleluel'lch« INöoverchor Serlw l?00. Mitglied de» DAS.-BundeS, Chormeister Musitdirettor P. Ä. Joleph, veraaitaltel am Ii, nachm. 8'/. Ubr, im Konzertjaal der Staatlichen Hochschule sür Muili, Hardenberg- Ecke Fasanensir., ein Konzert unter Mitwirkunz von Li min Liebermann(Eello) und P. A. Joseph(Klavier). Eintrittskarten ,u 1 Marli an der Sasse. Der JustiAmmifter greift ein. Sein Vertreter verhandelt mit dem Oberstaatsanwalt.— Dieser nimmt die Anträge des Nebenklägers ans! Im Landsberger Femeprozeß gab es heute vormittag zu Dcginn der Verhandlung ein« Ueberraschung. Gestern abend war bereits Oberjustizrat W i r t h vom preußischen Justizministerium eingetroffen, der den Oberstaatsanwalt zu sprechen wünschte. Die beiden Herren konferierten heute früh eine Dreiviertelstunde und es hieß zunächst, daß Oberstaatsanwalt Rohrlack entschlossen sei, den Antrag auf Wiedereröffnung der Beweisaufnahme zu stellen. Er hielt dann aber doch erst seine Anklagerede und stellte zum Schluß die Eventualanträge, in denen er, wie er ausdrücklich betonte, die von Rechtsanwalt Dr. Löwenthal ge> stellten, vom Gericht aber abgelehnten Anträge aufgriff, und zu den seinen machte. Diese Tatsache erregte im Gerichtssaal g e- radezu Sensation, da sich gestern nachmittag der Ober- staatsanwalt bezüglich des Beweisantrages des Nebenklägers völlig passiv verhalten hatte. Man war allgemein der An- ficht, daß die veränderte Haltung des Staatsanwalts das Resultat der Unterhaltung vor Beginn der Verhandlung war. * BS. Landsberg. 11. November. Der Beginn der heutigen Verhandlungen verzögerte sich, da Oberstaatsanwalt R o h r l a ck vorher eine halbstündige Konferenz mit einem gestern abend in Landsberg eingetroffenen Vertreter des Justizministeriums hatte. Justizrat Hahn stellte eingangs einen Antrag, aus den Lands- beraer Beiakten festzustellen, daß Frau G S d i ck e am 21. Juni ISLZ bereits einen Haftentlassungsantrag für ihren Mann gestellt, daß sie also gewußt habe, wo ihr Mann sich aufhielt. Hierauf erteilte der Vorsitzende dem Oberstaatsanwalt Rohr» lack das Wort zu seinem Plädoyer: Die Empörung über die Munitionsschiebung in Küstrin erfaßte damals Offiziere ebenso wie Mannschaften, denn ein Offizier und «in Feldwebel hatten es versucht, die Munition cm die Todfeinde der Arbeitskommandos, die Kommunisten, zu verschieben. Erwiesen ist, daß Schulz mit Oberst G u d o v i u s über die Munitionsschiebung und die Verhaftung der Täter gesprochen hat. Wenige Stun- den später wurde der Leutnant Dabkowski mit Feldwebel G ä- dicke nach Fort Tschernow gerufen, und gleichzeitig spricht Schulz mit dem Leutnant Hayn in einer Konditorei über die Angelegen- hsit und schickt Hayn nach Tschernow, Klapproth wird ihn be- gleiten und alles ander« ausführen. Bei seinen späteren Vernehmungen hat Hayn den Inhalt des Gesprächs immer mehr abgeschwächt. Während er zuerst sagte, er sei überzeugt gewesen, daß Gädlcke be- seitigt werden sollte, erklärte er zuletzt, er habe Schulz so verstau» den, daß Gädicke nur eine Abreibung bekommen sollt«. Die An- llag« steht und fällt mit der Tatsache, ob Hayn bei seiner ersten Vernehmung die Wahrheit gesagt hat. Ich halte die Anklage gegen Hayn aufrecht und stütze mich auf die Vorgeschichte dieser Aussagen. Hayn hat seine erste Aussage mit den Worten em- geleitet:«Zch will die volle Wahrheit sagen." Er hat mcht unter dem Druck eines drohenden Haftbefehls seine ausführlichen Mitt- teilungen gemacht. Der Staatsanwalt schilderte dann den Ueberfall auf Gä. dicke durch K l a p p r o t h und betonte, daß selbst der Angeklagte Hayn erklärt habe, er sei der Ucberzeugung, daß Klapproth mehr wollte, als Gädicke bloß verprügeln. Klapproth habe die feste Absicht gehabt, den Feldwebel Gädicke um die Ecke zu bringen. Alle Umstände sprechen dafür, daß man einen Mord planvoll überlegt hat. Dafür spricht auch die Tatsache, daß Gädicke in das m e n» schon leere Fort gelockt worden war. Man wollte ihn dort ohne Aufsehen töten, um einen Uebersall vortäuschen zu können. fttapprolh ist des versuchten Mordes schuldig. Hayns Beihilfe ist nur sehr gering, aber sie ist doch nicht wegzuleugnen.Er hat die Tat gefördert. Dabei ist es gleich- gültig, ob er innerlich widerstrebte oder nicht. Wenn er zuerst be- hauptete, er sei freiwillig von der Tat zurückgetreten, so ist das nur insoweit richtig, als der Rücktritt nicht freiwillig erfolgt ist, sondern durch Leutnant Dabkowski notwendig bewirkt wurde. Der Angeklagte Schulz bestreitet seine Tat und behauptet, er habe sich für Gädicke und Janke eingesetzt und will Hayn nie den Auftrag gegeben haben, Gädicke zu beseitigen oder ihm eine„Ab- rcibung" zu geben. Schulz wollte mit den ordentlichen Gerichten nichts zu tun haben, wenn irgend etwas in der Truppe vorgefallen war. Wenn er Oberst G u d o o i u s den Vorschlag machte, die Leute zu verhaften, so wollte er offenbar nur das Gesicht wahren, während er innerlich ganz anders dachte. Daß Schulz ein Mann ist, dem man solch eine Tat zutrauen kann, ergibt sich ans den Bekun- düngen des Zeugen Becker. Aus dieser Aussoge geht hervor, daß Schulz im Fall G r ö s ch k e mit dem Gedanken gespielt hat, den Mann um die Ecke zu bringen. Bei Hayn wußte Schulz, daß dieser ein Freund Schlageters, ein Mann aus dem Ruhrkampf war, auf den er sich verlassen konnte. Ich bin daher der Ansicht, daß Schulz genau so schuldig ist wie die beiden anderen. Rechllich wird er der Anstiftung und Beihilfe zum Morde beschuldigt. Hat Schulz den Hayn angestiftet, so ist es sicher, daß er auch den Klapproth angestiftet hat. Es kommt also Anstiftung zum Versuch des Mordes bei ihm in Frage. Dabei fragt es sich, ob Klapproth nicht selbst den Willen gehabt hat zum Töten und ob er nicht zu Schulz kam und sagte:„Ich will den Gädicke um die Ecke bringen". Dann würde Mittäterschaft bei Schulz in Frage kommen. Gleichgültig für das Strafmaß ist es aber, ob An- ftiftung zum Versuch oder Mittäterschaft bei Schulz festgestellt wird. Nun zum Strafmaß. Bei Klapproth kommt zweifelsohne versuchter Mord in Frage. Die Mindeststrafe in solchem Fall beträgt 3 Jahre Zuchthaus. Sie ist bei einem Manne wie Klapproth zu gering, so beantrage ich gegen ihn 5 Jahre Zuchthaus. Der Angeklagte Hayn hat seine Schuld zu verdunkeln gesucht. Das nehme ich ihm nicht übel, dagegen verdenke ich ihm, daß er auch die Straftaten der beiden anderen zu bemänteln versucht hat. Ich beantrage gegen ihn eine Strafe von 1% Jahren Zuchthaus. Der Angeklagte Schulz muß h ä r te r bestraft werden als der Angeklagte Klapproch, da er sich bei der ganzen Sache im Hintergrund gehalten und die Fäden Im Dunkeln gezogen hat. Ich beantrage gegen Ihn eine Zuchthausstrafe von 7 Jahren. Falls das Gericht nicht die volle Ueberzeugung von der Schuld der Angeklagten erlangt hat, habe ich eine Reihe weiterer V e we i s a n t rä g e. Ich beantrage zu laden den Oberleutnant v. Grolmann, Major Buchrucker, Feldwebel B oldt, Hauptmann G u t k n e ch t, Leutnant V o ß, sowie die zum Tode verurteilten Stein und Aschenkamp, ferner Rechtsanwalt T e ß n e r aus Liegnitz zum Beweise für die Tatsachen, die in den Beweisanlrägeo des Herrn Rechtsanwalt Dr. Löwenlhal näher angegeben sind. Ferner beantrage ich, den Untersuchungsrichter Dr. Grast« erneut zu laden, da die Ablehnung seiner Vernehmung mit der Strafprozeßordnung nicht in Ucbercin klang zu bringen ist. Er soll über das Ermittlungsergebnis in den Fällen Sand und W i l m s Aussagen machen. Ich behaupte, daß ich daraus belastendes Material gegen die Angeklagten erbringen werde. Falls das Gericht diesen Antrag ablehnen sollte, stelle ich den Cventual- antrog, die Verhandlung auszusehen und sie mit der in Berlin schwebenden Sache Wilms zu verbinden. Bors.: Herr Oberstaatsanwalt, der Konflikt mit Rechtsanwalt Dr. Löwenthal ist dadurch entstanden, daß er Beschlüsse des Gerichts nicht respektiert hat. Sie beantragen erneut, den Unter- suchungörichter Dr. G r a s k e zu laden, nachdem das Gericht be- schloßen hat, ihn nicht zu vernehmen. Oberstaalsanwalt: Ich bin mir nicht bewußt, daß ich einen Gerichtsbeschluß angesachten habe. Ich habe lediglich bezüglich des Untersuchungsrichters Grasks»eine Feststellung gemacht und einen neuen Antrag gestellt. Bors.: Ich weise den Angeklagten Klapproth darauf hin, daß er bezüglich des Nebenklägers Gädicke auch wegen Körperverletzung mittels hinterlistigen Ueberfalls und einer das Leben gefährdenden Behandlung verurteiU werden kann. N.-A. Dr. Sack: Mit dem Standpunkt des Herrn Oberstaatsanwaltes bezüglich feines Antrages, Rechtsanwalt Teßner zu laden, werde ich mich im Plaidoyer grundsätzlich auseinandersetzen. pomcarö gegen eine politische Aussprache. Vertagung aller 5K Interpellationen auf das nächsteJahr Paris. 11. November.(Eigener Drahibexicht.) Vorläufig sind anläßlich des am Freitag stattfindenden Zusammentritts der Kammer nicht weniger als 56 Interpellationen eingereicht. Poincarä wird aber ihre Vertagung auf� nächstes Jahr verlangen, da er die Zeit bis zum 1. Januar ausschließlich mit der Diskussion des Budgets ausfüllen will. Die sozialistische Kammergruppe wird ihren Unmut über dieses selbstherrliche Treiben Poincarts durch allgemeine Stimmenthaltung kundgeben. Bisher war es Brauch, daß die erste Sitzung nach den Parlamentsferien durch eine längere Aussprache über die Probleme der äußeren und inneren Politik ausgesüllt wukde. Das wäre diesmal um so mehr angebracht ge- wesen, als gerade in der auswärtigen Politik In den letzten Mona- ten entscheidende Dinge geschahen, die für die Zukunft der franzö- fischen Politik von größter Bedeutung sind. Aber auch diese Debatte dürft« ausfallen. Sogar der Diskussion der In den letzten Tagen eingebrachten Interpellation über die jüngsten französisch. italienischen Zwischenfälle wird sich Poinrart widersetzen. Eine Aussprache darüber Im Par- lc-ment dürfte deshalb kaum vor Ende Januar oder gar Februar zu erwarten sein, da im Januar eine Reihe anderer, früher ringe» brachter Interpellationen über die von Poincarö aus dem Weg der Vellmachtsdekrete vorgenommenen einschneidenden Veränderungen in der Verwaltung der Diskussion harren. Was die Diskussion der Schuldenabkommen mit Washington und London anbelangt, so werden sie aller Voraussicht nach an letzter Stelle im Parlament zur Sprache kommen. Da in der Regierung selbst Meinungsverschiedenheiten über die Oppor- tunität der Ratifikation bestehen, so hat es Poincarä in keiner Weise mit einer Parlamentsdebatte darüber eilig. Goribalüi wirü abgeschoben. Paris, 11. November.(Eigener Drahcbericht.) Die Unter. suchung gegen Garibaldi sowohl wie gegen die spanischen Separa» tjsten scheint ihrem Ende entgegenzugehen. Es verlautet, daß beide Assären End« der Woche gleichzeitig ihren Abschluß finden werden. Gegen Garibaldi wird ein Ausweisungsbefehl erlassen, und er wohl noch vor Ende dieser Woche über die französische Grenze aboeschoben werden. Der Direktor der Pariser Sicherheitspolizei hatte am Mittwoch abend ein« Besprechung mit dem Iustizminister Dcrthout Unter den Dokumenten, die in der Wohnung Garibaldis beschlagnahmt wurden, sollen sich, wi« versichert wird, solche von .sensationellem Inhalt" befinden. Bluktae Wahlzwischensalle In Mexiko sollen zehn Menschen» .leben gefordert hoben. 2« Personen sollen verletzt worden sein. L 1 Tödliches Spielzeug. Fn Krölpa in Thüringe», stolperte ein achtjähriger Knabe über leinen Holzsäbel.!Her Säbel durchbohrte ihm die Brust und tötete ihn aus der Stell«. Was mögen sie wohl gespielt haben?— War er der Generalissi- mus„unseres" Heeres, war er, durch Auszählen bestimmt, im „feindlichen" Heer?— Oder mußte er der Gendarm sein, der die kühnen Räuber in des Waldes düsteren Gründen jagte?— Vielleicht hat Vater ihm den Säbel schön geschnitzt, vielleicht hat die Mutter ihm noch ein rotes Band als Degsngehenk geschenkt.— Und dann lag er auf der Erde, von seinem Spielzeuge getötet, die Mutter kam von der Arbeit gelaufen und warf sich jammernd über den kleinen Körper, den sie am Morgen noch in ihren Armen geherzt hatte.— Acht Jahre erst war der Bub alt, vielleicht war er ei» „Friedenskind". Aber bald hatten die Eltern alle Schrecken der Kriegsjahre vergessen, und im Kinderspiel lebte das grausigste aller Erleben wieder auf: es wurde wieder Krieg gespielt. Und die Eltern schenkten wieder das Spielzeug, das tödliche, dem in den vergangenen Jahren hekatombenweise die Menschen zum Opfer gefallen waren: Kanonen und Gewehr und Säbel--- bis eines Tage» dieser kindliche, kindische Holzsäbel sich in dle Brust des Kindes grub. Ob sie dann wohl an alle die vielen gedacht haben mögen, die auch gefallen sind, gefallen, weil sie gleich nach dem Wiegenlied der Mutter auf des Vaters Knien ritten zu dem schönen Lied: „Wer will unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr"?— Fertigstellung der Autorufanlage. In diesem Monat soll nun endlich die Berliner Autorufanlage in Betrieb genommen werden. Das Polizeipräsidium und der Magistrat haben mit der Autoruf-A.-G. einen Konzessionsoertrag ab- geschlossen. Roch diesem Vertrag ist die Autoruf-Gesellschast berechtigt, in Groß-Derlin nach und nach insgesamt 200 Autorufsäulen auf, zu- stellen. Die ersten dieser Säulen— ungefähr 50— kommen in den westlichen Bezirken Eharlottenburg, Wilmersdorf und Schöneberg zur Aufstellung. Die Arbeiten an dieser Anlage haben schon angefangen. Der größte Teil der notwendigen Licht-, Kraft» und Telephonkabeln sind schon gelegt, und an einigen Stellen sind bereits die Fundamente oer Säulen fertiggestellt worden. Es ist beabsichtigt, die Autoruf- anlog«, die sich in Potsdam schon seit mehreren Monaten recht gut bewährt hat, am 22. November der Oeffentlichkeit zur Benutzung zu übergeben. Auch die Zentrale in der Markgrafenstroße 22 wird bis zu diesem Zeitpunkt vollständig fertig sein. Mit dieser Zentrale ver- binden die Fernsprechämter den Teilnehmer auf das Verlangen: „Autoruf" und von der Markgrafenstroße aus wird dann die in der nächsten Nähe des Anrufers gelegene AutoHaltestelle benachrichtigt, die sodann einen Kraftwogen entsendet. Di« restlichen 150 Säulen, die auf die anderen Bezirke Groß-Rerlinz verteilt werden, sollen von Monat zu Monat fertiggestellt werden, so daß bereits im April 1927 die Anlage in allen Bezirken in Betrieb ist. RaubüberfaU in öer Wohnung. Ter Täter als angeblicher Schurnger entkommen. Am Mittwoch abend gegen 7 Uhr wurde die 27 Jahre alte Frau Charlotte Wroges, die mir ihrem Mann in der Melanchthonstraßc 7 im vierten Stock des Seitenflügels wohnt, von einem Einbrecher überfallen. Als sie in Abwesenheit ihres Mannes bei Näh- arbeiten in der Stube saß, hörte sie ein Geräusch am Schloß der Korridortür. Sie ging nach dem Flur hinaus und sah sich einem fremden Manne gegenüber, der mit einem Nach- schlüssel bereits eingedrungen war. Der Einbrecher stürzte sich sofort auf die Frau, würgt« sie am Halse und versetzte ihr mehrere Boxhiebe aus die Brust und den Magen. Schwer getroffen taumelte sie, raffte sich aber wieder auf und lief hilferusend hinaus. Als die Flurnachbarin« öffnete, um nachzusehen, was es gäbe, stürzte die Ueberfollene in deren Wohnung hinein und fiel der Nachbarin halb bewußtlos in die Arme. Der Nachbar und andere Haus- genossen stellten den fremden Mann, der aus der Wohnung wieder heraus kam und wollten ihn festnehmen. Da erklärte er, es handle sich um eine Familienangelegenheit und zeigte auch eine Invaliden- karte vor, die auf den Namen eines Mechanikers Paul Meyer aus der Frankfurter Allee lautete. So glaubten ihm die Leute und ließen ihn gehen. Erst als Frau Broges wieder zu sich kam, klärte sich der Irrtum auf. Sie erklärte nämlich, daß sie einen Schwager namens Meyer gar nicht habe. Jetzt eilten die Hausgenossen nach dem 28. Revier und machten Anzeige. Der Einbrecher war ober schon längst spurlos verschwunden. Die Ermittlungen ergaben, daß die Jnvalidenkarte gefälscht oder gestohlen sein mußte. Die Ueber- fallene ist bettlägerig krank und in ärztlicher Behandlung. Tödlicher Unfall. An der Ecke der Berliner Straße und Kaiserallee in Wil- m e r s d o r f fuhr ein Lastkraftwagen gegen eine dort haltende Kraftdroschke. Ein an der genannten Ecke sich befindender Feuermelder wurde dabei umgerissen. Unglücklicherweise geriet die dort stehende ZSjährige Ehefrau Thea Modern zwischen Feuermelder und Kraftdroschke und erlitt so schwere Quetschungen, daß sie nach dem Krankenhaus in der Achenbachstraße gebracht werden mußte, wo sie bald darauf starb. Die Leiche wurde beschlagnahmt. Staffelung der Rundfunkgebühren. Sicherlich ist der Einheitspreis von 2 M. als Gebühr für den Rundfunk die einfachste Lösung der Gebührenfrage, damit»st aber nicht gesagt, daß sie auch die gerechteste ist. Immer mehr zeigt es, sich, daß viele Hörer heute kaum noch In der Lage sind, diese ver- hältnismäßig kloine Summe zu zahlen. Geldknappheit wie auch Un- Zufriedenheit mit dem Programm sind die Faktoren, die eine Ver« Minderung der Hörerschaft herbeizuführen. Eine Staffelung der Ge- bühren wäre ratsam. Die Frage ist allerdings, nach welchem Prinzip soll diese Staffelung eingeführt werden. Der Vorschlag, den vor einige,» Tagen eine Berliner Zeitung machte, nämlich die Staffelung nach der Größe des Apparats vorzunehmen, hat trotz seiner Klarheit Mängel.- Es»pird gesagt, daß man beispielsweise mit einem Vierröhren- � opparat mehr Stationen hören kann als mit einem kleinen Detektor, dem Berlin bereits Schwierigkeiten macht. Di« Staffelung würde sich dann nach dem Prinzip, je größer die Leistung, desto höher die Entschädigung, vollziehen. Uirberücksichtigt bliebe jedoch dabei f»l- gendes: Die Größe des Apparates ist noch lange kein Maßstab für die finanzielle Leistungsfähigkeit feines Besitzers. Auch ein Arbeits- loser kann einen Vier- oder Fünfröhrenapparat besitzen, den er sich' selbst mühsam in besseren Zeiten zusammengcbastelt hat. Er wäre trotzdem nicht in der Lage, die Gebühren zu zahlen. Andererseits hat auch die Schematisierung nach Berufen, die Rußland anwendet, ihre Nachteile, denn in den verschiedenen Berufen gibt es ebenfalls große Unterschiede im Einkommen. Eine Staffelung nach der Steuer- crklärung wäre vielleicht am gerechtesten, würbe aber einen zir großen Verwaltungsaufwcmd erfordern. Da aber die Gesamthörer- zahl in Deutschland noch immer außerordentlich groß ist und die Post demnach über die Einnahmen aus dem Rundfunk durchaus nicht zu klagen hat, so wäre eine allgemeine Ermäßigung der Gebühren vorzuschlagen. Auch bei einer Verminderung auf die Hälfte könnte die Post bei der heutigen Zahl der Hörer mit dem Reingewinn wahrscheinlich zufrieden fein. � Der indische INesfias. Die religiös« Gesellschaft der Freunde(Quäker), die Weltjugendliga, der Bund der Kriegsdienst- gegner und der deutsche pazifistische Studentenbund hotten in die Hohenzollernschule eingeladen, wo Herr Tarin ha Sinha aus Kalkutta in dem typischen Englisch des Orientalen, dos oft am Ohr des Deutschen vorbeigeht, über Mahatma Gandhi sprach. Der Jünger Gandhis redst«.von der Wahrheit, der Demut und der Friedfertigkeit, diesen drei Waffen, die schier Unglaubliches erzwungen haben auf religiösem, politischem und sozialem Gebiet. Mit der Freude an einer gewissenhaften Ausführlichkeit entwarf der Redner«in Lebensbild Gandhis, des indischen Reichen, dessen Herz den Armen gehört, die er nicht nur theoretisch, sondern auch praktssch liebt,— denn er teilte alle seine Güter aus— und dessen Arbeit an seinem eigenen Volk vielfach als Weltmission gedeutet wird. Maffenverhastung von Kohlenfthiebeen. Duisburg. 11. November.(WTD.) Die hiesig« Kriminalpoliz-k ist einer großen Sckieberaktion auf die Spur gekommen, die mit Aus- fuhrbewilligungen des Reichskohlenkommissars betrieben worden ist. Eure größere Anzahl solcher Ausfuhrbewilligungen wurde beim Kohlensyndikat in Essen und Duisburg auswärttgen Firmen verkaust. Daraufhin fanden dann so zahlreiche Kohlenver- schiffungen nach dem Auslande statt, daß es der Polizei auffiel. Di« Feststellungen ergaben, daß sich an der Grenze in Emmerich stets ein Mann einfand, der die vom Kohlenfyndikar ausgestellten Mus- ftihrbewilligungen vorzeigt«, worauf die Schiffe ungehindert die Grenz« passierten. Die Scheine gingen dann wieder an das Kohlen- fyndikat zurück, ohne daß man den Betrug gemerkt hätte. Es wurden von der Polizei mehr als,-50 Personen, Firmeninhaber und Angestellte ermittelt und zum Teil festgenommen, nach ihrer Vernehmung aber wieder aus freien Fuß gesetzt. Auch Ange- stellte von Firmen, die dem Kohlensyndikat angehören, sind in diese Angelegenheit, die täglich weitere Kreise zieht, verwickelt. Ein« größere Anzahl beladener Kohleirkähne wurde von der Polizei beschlagnahmt. Eisenbahnnnfälle in der Tschechoslowakei. Prag, 11. November.(TU.) In einem Vorortbahnhof von Prag kamen heute nacht 16 Waggons ins Rollen und fuhren in der nächsten Station auf einen Nachtzug. Durch den Anprall entgleisten fünf Waggons, vier wurden schwer beschädigt. Der Signal- bremser des Lastzuges- wurde verletzt.— In der Nähe von Saaz löste sich auf offener Streck« die Kuppelung eines Lastzuges. Der erste Teil d-s Zuges mit der Lokomotive fuhr in gleichem Tempo iveiter, die abgerissenen Wagen blieben etwas zurück. Als dann die Strecke stärker abschüssig wurde, fuhren sie mit voller Wucht in den Stamm- zug. Mehrere Waggons wurden beschädigt und aus den Geleisen ge- warfen. Dabei wurde ein Mann des Zugpersonals schwer verletzt. Der Personenverkehr konnte bis heute vormittag nur durch Umsteigen aufrechterhalten rverden. Der Schaden ist sehr groß. Deutschlands Reiseverkehr in der Luft. In den Monaten April bis August 1926 benutzten rund 38 000 Personen die Flugzeuge der Deutschen Lufthansa zum Reisen. Auf den einzelnen Flugtag ent- fallen somit rund 250 Passagiere. Das mitgefllhrte Gepäck hatte ein Gewicht von 250 000 Kilogramm. Die Briefmarkensammlung Nikolaus II. Die sehr wertvolle Briefmarkensammlung des letzten Zaren, die auf irgendeine Weife dem Zugriff der Bolfchewistsn entgangen war, ist jetzt in den Ver» einigten Staaten aufgetaucht, wo sie zum Verkauf angeboten. werden soll.,-J Rechtsanwalts« und Notariatsgebühren. Man schreib? uns: Es iväre wirklich an der Zeit, den Reichs- toq zu veranlassen, auch endlich einmal die Rechtsanwalts- und Notariatsgebührcn einer gründlichen Revision zu unterziehen, denn die wirtschastliche Not in Deutschland ist derartig, daß Honorar- losten, die in gar keinem Verhältnis zur Leistung stehen, heute nicht mehr aufrecht erhalten werden können. Wenn heute ein Rechtsanwalt für eine Zahlungsaufforderung, nur um einen kleinen Brief zu schreiben, bei einem Objekt von ZODOM. 400®. per- dient, und ein Notar bei einer Ilntcrschristsbeglaubi- gung SS M. in Ansaß bringt, so steht das in gar keinem Ver- hcltnis zu seiner Leistung zum heutigen allgemeinen Verdienst und zur Wirtschaftslage. Dazu lassen sich die Rechtsanwälte und Notare auch noch das Geld im Voraus aeben ivährend jeder Geschäfts- nionn und Fabrikant lange auf sein Geld warten muß. Es muß daher dringend eine Abänderung der Gebührenordnung gefordert werden. Die.?unkstunde hat in der zweiten Innihälfte dieses Jahres auf der Alpenschau im Funkhaus mehrere Sommerfeste veranstaltet und zugesagt, daß die ihr zufließenden Beträge aus den Einnahmen dazu verwendet werden, erholungsbedürftigen� Ver- l i n e r Kindern einen mehrwöchigen Ferienaufenthalt im österreichischen und bayerischen Alvenland zu ermöglichen. Es kann heute mitgeteilt werden, daß die Erträgnisse es ermöglicht haben, 43 Knaben in das Erholungsheim Gaming und 31 Mädchen in das Erholungsheim Schallboden bei Purgstall zu einem dreißig- tägigen Erholungsaufenthalt zu entsenden. Berlins Aerlcnzugverkehr. Im vergangenen Sommer haben 83 0 00 Berliner ihre Urlaubsreife in Feriensonderzügen zu- rückgelegt, von denen 124 Berlin verlassen haben, 50 allein bei Ferienbeginn in den Ta�en vom 2. bis 5. Juli. 1925 wurden 70 000 Reifende in 107 Ferieuzilgen befördert, so daß das Jahr 1920 eine Steigerung um 17 Sond erzöge und 9000 Reisende aufweist. Von diesen Berliner Ferienrcisenden fuhren 27 OOOnach Oberbayern. 19009 an die Ostsee, 10000 nach Ostpreußen, 7000 in das Riesengebirge und 7500 nach Baden und Württemberg. Jeder Sonderzug war durchschnittlich mit 080 Reisenden besetzt. Zlmleilnng der Skra'zenb.ihnNnIe 41. Vom Mittwoch, den 10. November d. 0., ob verkehrt die Linie 44 in Moabit zwischen Kriminalgericht und Gotzkowskysir. statt über Rathenower Straße, Durmstroße, Vcusselstraße in beiden Richtungen durch die Straße A l t- M o a b i t. vealfch« Sarlenbau-Keiellschall. Einen filr alle Slinnen- und Enrlen- freunde wie auch Fachleute liileiessaiiteu Vortrag hält Herr Pieselior Motda» von der Eicologi'chen LandcSanstalt Berlin ain Donnerstag, den ll. No- vembcr. abends 7 Ulir. im lila kirnen der MonatSverfammlung der Deniichcn Ofartenda»- Melellkchast in der Landwlrllchnstlichen Hochkchule, Berlin N, Onvalidenflr. 42. über.Die Beziebung nilserer Zierbäume und Ztränchcr zur Olara der Braunkoblenzeit". Alle diejenigen, die über die Abliamniung ihrer Pfleglinge im(Snilen und der Bäume und Ttröncher in Wald und Flur unterrichtet sein wollen, sind zu diesem Bortrag bei srciem Eintritt cinzcladen. So;!ald-m»kra>ischer INSnnerchor Ariedrlchshaia, IN. d VASS. Am Fieilag, den 12. November, vcramlaltct der Ebor im Saalbau FriedrickS- hiiin»inen Heileren Abend unter MUwirtung erstklassiger Künstler. Ein- trUls.'allcn zum Preise von 50 Psg. einschl. Tanz sind bei den llliilgliedern sowie in den durch Plakate Icnnllich gemachten Lokalen zu haben. volksbildongsamt Secvzberg Die nächsten BildungSabende finden am DonnerSlog, den ll. November, und am Freilaa, den 12. November, abcndS 8 Uhr, im BczirkSamIsgebäude, Hortfjlr. 11, üalt. Es werden sprechen: gm 11. November: Dr. Kurt Wormann über.Heinrich Heine"; v.:n 12. November: Dr. Frih Schwsi über„Dic soziale tAcsctz- pc 5 u ii g und ihre geicllschastlichen Grundlagen". Der Eintrittspreis beträgt 50 Pf, für Mitglieder der Kunstgemeindc und Iugendtiche SO Pf. Im Anlchluft an die Borlräge werden bei genügender Belcitigung arbeilSgemeinschafUiche Kurse eingerichtet. Vi« Ordner der Prolet aris.l'ca Jelerslunden treffen sich am Tonntag, den>4. November, srüh 0 Uhr, im Grogcn Tchauspielhani zur Revolutions- feier der SAA. Unsere arbeitslose Jugenö. Die Lage der Schulentlassenen und der Ausgelernten. Gülc neue Berszbahn. In N o r d t i r o l plant man eine neue Seilschwebebahn. Sie soll ihren Ausgangspunkt ebenfalls ans der Gegend von Ehr- w a l d nehmen und zu dem rund 1700 Meter hoch gelegenen S c b e n s e e führen, der etwa 4 Kilometer in der Luftlinie südlich von Ehrwald liegt gegenüber der Zugsptize, die sich nördlich davon jenseits des Hochtales erhebt. Die Vewilligung zur Ausführung der technischen Vorarbeiten ist bereits erteilt. Wie bei der Zugspitzen- Vahn soll die Talstation auch hier durch eine Autostraße mit Ehr- wald verbunden werden. Wenn der Bahnba» zur Ausführung gelangt, soll am Sebensee auch«in Hotel gebaut werden. Freigabe ciaes Flugplatzes durch die Franzosen. Das französische M i l i t ä r hat von dem an der Kaserne in Düren gc.'sgenen 450 Morgen großen Flugplatz 370 Morgen freigegeben. Das wertvolle Ackerland war seit sechs Iahren für militärische Zwecke beschlagnahmt. Ein reicher tandwirl als Dieb. Das schöne Städtchen Hoch- stadt a. d. Ifer hat eine Seirsatiou. Der reiche Landwirt Franz P a rf> o l i k der Gemeinde Ruppersdorf im Jsergebirge wurde als gemeiner und infamer Dieb erioppi. Schon lapge besiahl er seine Nachbarn, doch wagten diese keine Schritte gegen den angesehenen Mann. Zuletzt stahl Pacholik, was ihm unter die Hände kam. Sogar in die Stallungen drang er ein. Als nun endlich die Gen- dermerie eine Hausdurchsuchung vornahm, wurde Diebesgut in einem solchen Ilmsang gesunden, daß sechs Wagen gefüllt werden konnten. Die Mehrzahl der Bevölkerung wollte den reichen Dieb lynchen, so daß ihn die Gendarmerie sofort in Schutzhaft setzen «nutzte. Der verHSnernisvolle Bubikopf. In Wien stürzte sich die -lösichrige Frau Mantic aus ihrer im dritten Stockwerk gelegenen Wohnung hinab und wurde in schwerverletztem Zustand in das Krankenhaus eingeliefert. Frau Mantic trug der Mode entsprechend einen Bubikopf und glaubte, daß dieser ihr bei einer Aussöhnung mit ihrem Mann, von dem sie sechs Jahre getrennt lebte, im Wege siehe. Ihre 73iährige Mutter versuchte aus Verzweiflung über den Schritt ihrer Tochter sich das Leben zu nehmen und mußte in die psychiatrische Klinik«ingeliefert werden. Die freigewerkschastlich organisierten Mitglieder der Gesellen- ausschüsse der Innungen und der Handelskammern kmnen jüngst zu einer wichtigen Tagung zusammen, die von der Iugendzentralc des Ortsausschusses Berlin des ADGB. einberufen war. Die Arbeitslosigkeit der Jugendlichen und die Lage der Schul entlassenen und der Iungausgelernten bildete den Hauptpunkt der Tagung. Der Referent, Genosse H e ß l e r. schildert« die Ursachen und die besonderen Gefahren der Erwerbslosigkeit der Jugendlichen. Er beklagte zunächst den Mangel einer genauen Statistik. In Berlin werden zwar die 14- bis 18jShrig«n Erwerbslosen be- sonders gezählt, doch melden sich erfahrungsgemäß nicht alle in den Arbeitsnachweisen. So ist leider ein genaues Zahlenbild nicht ge- geben, zinnal auch die Alters st ufen von 18 bis 21 Jahren nicht gesondert gezählt werden. Durchschnittlich war die Zahl der erwerbslosen Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Iahren seit Oktober 1925 7000. Man geht jedoch nicht fehl, als Gesamtziffer der Erwerbslosen von 14 bis 21 Iahren etwa das Vier- oder Fünffache anzunehnren. Die mangelnd« Statistik der Arbeitsnachweise hat der kreigewerkschastlichen Iugendzentrale Veranlassung gegeben, über die Zahl der erwerbslosen Jugendlichen eine Erhebung bei den Berufsschulen zu veranlassen. Nach dem neuen Orisgesetz für die Berufssckzulen besteht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für all« Jugendlichen(auch wenn sie keine Lehr- oder Arbeitsstelle haben) die Berufsschulpflicht. Somit dürfte für die Feststellungen eine breiter« Grundlage gegeben sein.(Es soll darauf hingewirkt werden, laufende Zählungen noch der jew«ilig-n Einschulung vorzunehmen: eine neue Erhebung ist bereits im Gange.) Di« Erhebungen bei den Berufsschulen ergaben nach dem Stande am 30. Juni 1920 die Zahl von 13 774— und zwar 6184 männliche und 7590 weibliche— erwerbslosen Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Ja h re n. Also eine um fast das Doppelte größere Ziffer als die der Arbeitsnachweise. Bei Betrachtung d.-r einzelnen Altersstufen söllt besonders auf, daß von der Gesamtzahl nicht weniger als 7812, also 50,7 Proz. i m Alter von 14 bis 15 Iahren standen(bei den männlichen 55,1 Proz., bei den weiblichen 58 Proz.). Das besagt, daß jungen Menschentinbern, die die Schule verlassen mußten, sich keinerlei Möglichkeit bietet, in den Gesellschafts- und Arbeiisprozeß, der ihnen«inen neuen Lebenskreis, Wertgefühl und Verantwortung erschließen soll, eingereiht zu iverden. Allen Gefahren der Straße ausgesetzt, liegen diese Jugendlichen bei der großen Not- löge auch noch den Eltern zur Last. In Tausenden von Fällen sind die Ellern froh, die Kinder„untergebracht" zu haben und geben sie unbedenklich dem ersten besten Ausnützer in die Hände, ohne sich vertraglich gewisse Sicherheiten für«in« geordnet« Ausbildung geben zu lassen. Und wie steht es mit den Zlnsgelernten? Sie baben als billige Arbeitskräfte den Zweck ihrer Ausnützung erfüllt. Da sie nach Beendigung der Lehrzeit aus Lohn Anspruch machen, sind sie zu teuer und müssen neuen Lehrlingen Platz machen. Bon den beiden letzten Auslerneterminen(April und Oktober 1920) liegen erschreckende Zahlen vor, auf die der Referent näher einging. Besonders die Kleinmeister setzen die Ausgelernten rücksichtslos auf die Straße, denn sie kennen nur Lehrlinge als Arbeitskräste. Die langsam ansteigende Konjunktur erschwert obendrein die Einstellung Jugendlicher, denn sie benötigt zunächst den sicheren und gereifteren Fachmann. So liegen auch die Ausgelernten den Eltern, die vier Jahre lang die Ausbildunaskosten getragen haben, zur Last. Da keine Aussicht auf eine Besserung der Lage der Jugend- Nchen in nächster Zeit besteht, schlug Heßler-ine Verlängerung der Schulzeit um ein Jahr vor und begründete diesen Vorschlag in eingehender Weise. Außer- dem sei das Borgehen in Oesterreich in Erwägung zu ziehen, wo der Lehrherr oerpflichtet ist, jeden Lehrling nach der Auslehrc mindestens zwei Monate lang als Gesellen zu beschäftigen. Die Diskussion brachte eine Fülle von Einzelheiten über die Not der Iungausgclernten. Im Sinne der Ausführungen des Referenten wird folgende Entschließung einstimmig an- genommen: ..Die... Bersammelten nehmen Kenntnis von den auf Ver- anlassung des Ortsausschusses Berlin des ADGB.(Iugendzeiltroie) von den städtischen Behörden durchgcsührien Maßnahmen für die erwerbslose Jugend. Sie begrüßen insbesondere die Einflußnahme aus das Landes- arbeitsamt Berlin(Landesberufsamt), um die Verbindung von Landesberufsamt, Iugendaint und Berufsschule herbeizuführen und den Maßnahmen im arbeitsmarktpolitischen und technischgewerblichen Sinne Richtung zu geben. Nur bei solchen Mahnahmen erhalten die Jugendlichen ohne Lehr- und Arbeitsstelle manuelle Fertigkeiten und Iungausgelernte die Möglichkeit der Nach- reife beruflichen Könnens. Für die vierzehn- bis sechzehnjährigen Erwerbslosen ist die Bereitstellung besonderer Mittel durch das Reich für Einrichtung von Werkkursen und zur gewerblichen Schulung erforderlich. Bei der großen Zahl der erwerbslosen Schulentlassenen, bei der Einengung des Lehrstellenmarktes und bei der besonderen Not der Iungausgelernten ist für die erfteren die Berlöngerung der Schul- zeit um ein Jahr, für die Iungausgelernten eine dreimonatige Bc- haltspflicht nach dem Auslernen als Mittel zur Behebung der Arbeitslosigkeit in Erwägung zu ziehen. Bei einer verlängerten Schulzeit ist eine Umstellung des Unterrichts in arbeitskundlicher und arbeitsschulischer Richtung notwendig, und für die so später in die Lehre Tretenden sind dementsprechend angemessene Entschädi- gungen zu zahlen. Bei der Beschäftigung während der Behaltspflicht sind die für den Beruf geltenden tariflichen Bedingungen zu erfüllen." Den Bericht- über die Tätigkeit des Gesellenaus- schusses der Handwerkskammer gab Genosse Holz- g r e f e. Die Diskussion über den Bericht war außerordentlich fruchtbar und brachte eine Fülle von Material über L e h r l i n g s- z ü ch t e r e i und Miß st än de bei der Lehrlingsausbil- d u n g zutage. Immer wieder wurde die Notwendigkeit einer zeitgemäßen Berussausbildung gefordert. Die Aersammlung nahm ein- stimmig hierzu folgende Resolution an: .Die... freigewerkschastlich organisierten Mitglieder der Ge- sellenausschüsse aller Innungen und der Handwerkskammer Berlins fordern die schleunige Vorlage und Lerabschiedung eines neuzeitlichen, einheitlichen Gesetzentwurfs betr. Berufsausbildung. Die für das Ausbildungsverhältnis jetzt geltenden Bestimmungen der Gewerbeordnung sind veraltet und unzulänglich. Gerade durch die praktische Mitarbeit der Gesellen» ausschüsse, die fast rechllos und einflußlos den gesetzlichen Bcsug- nissen der Innungen und der Handwerkskammer gegenüberstehen. wird kraß die Notwendigkeit einer zeitgemäßen Regelung offenbar. Das Berufsausbildungsgesetz muß daher in aller Eindeutigkeit das Vorrecht der Innungen und der Handwerkskammern beseikigen: da» vlilbeslHnmungsrccht der Gewerkschaften als Vertretung der Gefamkarbeikerschast und die larisliche Regelung des Lehrlingswesens gewährleisten. Im Interesse eines qualitativen Facharbeiter- Nachwuchses, der den Anforderungen der modernen Technik genügt, ist auf die Geeignetheit der Betriebe als Lehrbetriebe Gewicht zu legen." Die Verhandlungen im englischen öergarbeitersireik. Gegenvorschläge der Regierung. London, 11. November.(EP.) Man erklärt, daß die jüngsten Gegenvorschläge der englischen Regierung für die Lösung des Kohlen- kcnfliktes folgenden Inhalt haben: Die Löhne der Arbeiter werden nach dem Ertrag jedes einzlenen Distrikts bestimmt. Die Festsetzung der Löhne hat durch vereidigte Sachverständig« zu erfolgen, die von den Arbeitgebern und Arbeitern in freiem Einverständnis ernannt würden. Vom Erlös der Kchlenverkäuse wären 86 bis 87 Proz. für die Löhne und Betriebskosten zu reservieren. Der Gewinn der Grubenbesitzer soll nicht mehr als 13 Proz. bis IS Proz. betragen. Die Regierling schlägt die Bewilligung eines nationalen Schieds- geeichtes vor, das alle in Zukunft auftretende Meinungsverschieden- Helten zu schlichten hätte._ Forderungen der tschechoslowakischen Bergarbeiter. Die koalierten Tschechoslowakischen Bergarbeiterverbände traten am Mittwoch in Prag zu einer Sitzung zusammen, um zur Lohn- frage Stellung zu nehmen. Auf Grund der Entschließungen zur Lohnbewegung, die aus den Revierkonferenzen gesaßt worden sind, beschloß man, dem Verband der Grubenbesitzer die Forderung nach einer Teuerungszulage für alle Reviere in Höhe von 2 0 Proz. der Löhne und Zulagen zu überreichen. Von den Unter- nehmern wird eine Antwort binnen 10 Tagen gefordert. Berfichcrungsanstalt der Gewerkschaften Amerikas. Staatlick?« Einrichtungen zur Arbeiterversicherung gegen Krank- heit, Unfall, Alter und Invalidität bestehen in den Vereinigten Staaten nicht. Die Gewerkschaften sind daher bezüglich der Kranken- Versicherung längst zur Selbsthilfe übergegangen. Ihre Unter- srützungseinrichtungen bilden deshalb für die Mitglieder«inen sesteren Kitt als bei uns. Wie RD. meldet, haben die Gewerkschasten nunmehr m,t Zu- stimmung des Gewcrkschastsbundes, der American Federation of Labour, eine gemeinsame Bersicherungsgessllschaft unter dem Namen Union Life Insurance Comp, ms Leben gerufen. der«n Jnbetrieb- nähme am 1. Januar nächsten Jahres erfolgt. Die Direktoren und die Angestellten der Gesellschaft werden sowohl amsrikanische wie internationale Gewerkschaften vertreten. Bekanntlich entfalten die amerikanischen Gewerkschaften seit langem«ine energische Tätigkeit ans dem Gebiete des kapitalistischen Unternehmertums. So zum Beispiel besitzen einzelne Gewerkschaften zahlreiche Handelshäuser, lapitalkräftige Banken, sowie ausgedehnte Kohlengruben. „Einigung in der AEG.-Turbine". In unserem Bericht im letzten Morgenblatt hat sich ein Fehler eingeschlichen. Die Forderung der Direktion, einer Kürzung dcr ANordpreise um drei Prozent zuzustimmen, ist nichtmitgroßer Mehrheit angenommen worden, sondern ge g« n eine große Minderheit._ Zm Streik um den Vau des Aachen-Rhein-Sanals haben jetzt auch die Gewerkschaften und Betriebsratsoertreter des Aachener Bezirks Stellung genommen. Sie stellten sich geschloffen hinter die vorn Bezirksausschuß der Gewerkschaften bereits erhobenen Forderungeu. wonach Reichs, und Landesregierung für b e s ch l e u n i g te 3 n■ a n g r i f f n a h m e des Kanalbaues sorgen sollen. .'ich fllr Politik: Dr.«»«««>>»»: fflirlWafl:«tlar Saternu»: ®»itcr!fä3ftsDeTr»c.ii"0: Stieb».«Iitorn: ffaiinelon:». s. Dilch«: Cotalta in" Scn Iii n c 9: Vi*«otflübt; An,»io-n: z».»lorft; sämtlich in Berlin. Bctlap- Borw-rls-Pcrlap S. m. b. S.. Berlin. Druck: Porwäei».Buchdruck»r»l unb gtrl«a»aiittall Paul Sinntr u. Co. Berlin 633 63. ginbenfirnft» 3, nicht vergessen: Haarwäschen mit „Sehwarzkopf• Schaumpon" und am Sonntag sieht Ihr Haar noch einmal so reizend aus! Also besorgen Sie sich morgen früh ein Päckmen Schaumpon mit dorn schwarzen Kopf 1 ur JpGPT und JOflCl qedqnghsghr Dr-um komm!- hepbef nelimT frauural förxkr Und büfefeuibci MfefW'' vor oea bftOcKE Wasserdicht macht Bihr» LcdcrOl Ihre Stiefel Friache lange Fett- Gänse{ allererste Qualität. 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