Menöausgabe Nr. 556 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 275 SNaugsBtMnsanflen uttb«tnjeiseBpttite füib in der Morgenausgabe angegeben KedakUon: SS). 68. Cladcnfirafe« 8 Fernsprecher: VSnhaff 282- 282 leL-Sfbreffc: SejlaUcmoftaf Berlin P> Derlinev VolkcsIrlÄkk (tO Pfennig) Donnerstag 25. November 1�2ö Verlag und Anzeigenabteilung: Geschäftszeit 8>z bis S Uhr Verleger: vorwSrls-verlag wmbh. Berlin sw. 68, Lindenstrahe 3 Fernsprecher; Dönhoff 292— 297 1 Zentralorgan der Sozialdemokrat i fchen Partei Deutfcblands Die Schreckensherrfthast in Italien. Zwangswohnsitz und Terrorgreuel. Aus Mailand wird uns berichtet: Das Innenministerium läßt jetzt massenhaft AntiMchisten verhaften, um sie in Zwangswohnsitze zu verschicken und dort unter Polizeiaufsicht zu halten. Als Orte dieser Verbannung sind die Lipavischen Inseln Tremiti, Ufiica und Pantelleria bestimmt, frühere Deportationsort« für Schweroerbrecher, wonach man sich ihr«„Annehmlichkeiten" schon vorstellen kann! In Mailand ist«in Teil der Verhafteten nach 8, 10 oder 15 Tagen Kerkerhaft freigelassen worden. Unter den zu- ietzi Festgenommenen ist der Genosse Fiorio, Organisator der italieni- fchen Metallarbeiter. Genosse Rechtsanwalt C l« r i c i, dem es ge- lungen ist, der Verhaftung zu entgehen, muß erleben, daß die Polizei seine Frau mit einem Säugling von sechs Monaten ins Gefängnis gesteckt hat, um sie zu zwingen, den Aufenthalt ihres Mannes an- zugeben. Die Mailänder Polizei hat eine Anzahl Verhafteter, um von ihnen Aufklärungen zu erpreffen, der Faschistentscheka„Sciesa" überwiesen. Dort werden den Unglücklichen die chände in Kopierpressen gequetscht, bis sie Geständnisse machen; einigen von ihnen sind dabei die Hände gebrochen worden. Ein amtlicher Bericht hat die in einer Universität vorgekom- menen Zwischenfälle zugegeben, ohne nähere Einzelheiten zu nennen. Es handelt sich um die Universität Neapel, wo die schwersten Ausschreitungen gegen Professoren vorgekommen sind, die man für Freimaurer oder Antifaschisten hiell. Die Ge- lehrten wurden von den Faschisten geohrseigt und mit Fußtritten die Treppen hinabgeschleudert. Aehn- liches ist in anderen Universitäten geschehen. Eine Handvoll faschistischer Studenten nimmt besonders die Professoren aufs Korn, die die beiden Manifeste für den Philosophen Professor Benedetto Croc« und den Historiker Professor Salve mini unterzeichnet haben; damit rächen sich jetzt die bei den Examen durchgefallenen Studenten! Allerdings haben 150 Pro- fessoren das Manifest für Croce unterfch: leben, man wird schwerlich sie alle aufs Pflaster werfen können. An der Handels- Hochschule Bocconi in Malland haben die faschistischen Studenten bereits den Ansang gemacht mit Professor Attllio Cabiati, einem Polkswirtschasller von internationalem Ruf, der während eines Examens von den Prüflingen mit beleidigenden Zurufen über- schüttet und aufgefordert wurde, die Universität für immer zu ver- lassen. Am Abend in das Hotel Manin zurückgekehrt, wo er ständig wohnt, erhiell er einen geheimnisvollen, wahrscheinlich faschistischen telephonischen Anruf, mit dem Rat. sich sofort zu entfernen, wenn ihm sein Leben lieb sei. Tatsächlich erschien kurze Zeit darauf eine Gruppe d u r ch g e- f a l l e n e r Studenten im Hotel, bei denen sich große Nieder- geschlagenheit über die Flucht ihres Lehrers einstellte. Der Rettor, Prof. S r a f s a. hat als Zeichen des Protestes sein Amt nieder- gelegt. Die Studenten haben die Ausschließung von 7 Pro- fessoren beschlossen, darunter des Nationalökonomen Einaudi, früheren Mitarbeiters des„Corriere della Sera". Der ausgezeich- ncte Romanist Professor P a c ch i o n i ist, angewidert von allen diesen Vorkommnissen, zurückgetreten. So sind an der hervor- ragendsten Handelshochschule Italiens heute sämtliche Lehr- stuhle frei, so daß man gezwungen war, Ferien zu erklären. Diese„neue revolutionäre Politik" hat in ganz Italien in den ösfent- lichen Verwallungen den Beginn zahlreicher Disziplinar- verfahren, von Bespitzelungen und Entlassungen sowie des Vollzugs persönlicher Rachsucht eingeleitet, besonders auch in den Verwaltungen der E i s e n b a h n, der P o st und der T e l e- g r a p h i e. Ehrentafel der Tapfere«. Die Senatoren Bergamini, Eompella, Ruffini. S t o p p a t o und Wollenberg hielten im Senat Reden gegen den Gesetzentwurf zum Schutzes des Staates und besonders gegen die Einführung der Todesstrafe. Die ürohenüe Mietfteigerung. „Tie Hauszinssteuer muff verewigt werde«." Einen interessanten Verlauf nahmen die Berawngen des Woh- nungsausfchusses des Preußischen Landtags, der sich gestern und heute mit dam Wohnungsbauprogramm für 1927 besaßte. Der Berichterstatter Abg. Lüdemann(Soz.) bedauert«, daß in diesem Jahr mit dem Wohnungsneubau so spät begonnen wurde. Nunmehr sei bi, zum 1. April 1928 die Hauszinssteuer bewilligt, es könne also berells im Frühjahr mit dem Bau angefangen werden. Die sozialdemokratische Fraktion verlang« die Er. richtung von mindestens 200000 Wohnungen. Der Wohlfahrtsminister Hirtsiefer erklärte, daß für 200000 Wohnungen etwa eine Milliarde Mark an zweiten Hypotheken«rsorderlich sei. Der Markt für erste Hypo- theien sei so, daß die Nachfrag« befriedigt werden könne. Er habe in seinem Aufrv.s zur Finanzierung des Wohnungsneubaues 30 Proz. Hauszinssteuer vorgeschlagen, damit aber nicht gesagt, daß dieje 30 Proz. vom 1. April ab erhoben werden sollten.� Am 1. Ja- n u a r müßten die Mieten mindestens um 8 Proz. erhöhl werden. Er schlage vor, am 1. April eine Erhöhung um 10 Proz. eintreten zu lassen und die Einnahmen dieser Erhöhung aus den ersten neun Monaten für Neubauzwecke zu verwenden. Das werde etwa 150 Millionen Mark mehr ergeben Daneben halte er auch die Aufbringung einer großen Wohnungsbauanleihe für notwendig. Der Finanzminister bezweiselte die Möglichkeit einer Anleihe. Man werde sich vielleicht aus 150 000 Wohnungen beschränken müssen. Wenn man 30 000 Wohnungen ohne 5)auezinssteuer baue, dann würden für die noch verbleibenden 120 000 bis zu 800 Millionen für Hauszinssteuerhypotheken erforderlich sein. Verpfände man die bereits bestehenden staatlichen Hauszins st euer- Hypotheken— bei entsprechender Bürgschaft könnten die Hypo- thekcnbanken, mit denen man bereits verhandelt habe, durch Obliga- tionen das Geld aufbringen— dann müsse eine Garantie für die Verzinsung und Tilgung da sein. Die Hauszins- st euer müsse also verewigt werden. Aus die Hauszins- steuermittel für den allgemeinen Finanzbedorf könnten weder Staat noch Gemeinden verzichien. Di- Verewigung der Hauszins- steuer müsse durch Reichsgesetz erfolgen; die Reichsregierung fei sich hierüber im klaren. Abg H a e s e- Wiesbaden(Soz.) erklärt«, ohne Hauszinssteuer könne nicht gebaut werden; der Vorschlag des Wohlfahrtsministers jedoch sei für die sozialdemokratische Fraktion nicht annehmbar. Ucbrigens müsse auch das Reich für den Wohnungsbau sorgen.— Staatssekretär Scheidt kündigte an, daß in der nächsten Woche eine Besprechung mit den Reichsressorts über die Bcschossung einer großen Anleihe aus dem inneren Markt stattfurden werde Bei 130 000 Wohnungen brauche man 650 Millionen Mark. Da man in diesem Jahre nur <00 Millionen aus Hauszinsste ermitteln gehabt habe, seien 250 Millionen mehr notwend ig. Um sie zu bekommen, müßten also die Mieten erhöht und Anleihen aufgenommen werden. Allein auf dem Anlelheweg seien die 250 Millionen nicht zu beschaffen: 150 davon müßten durch Steuern aufgebracht werden. In der heutigen Sitzung stellt« der Deutschnationale Kauf- hold die Klage» über die Wohnungsnot als übertrieben hin. Der Kommunist Kilian begründete einen längeren Antrag, der die gesamt« Hauszinssteuer für den Wohnungsbau reserviert wissen will, ohne jedoch sich um die Deckung des Defizits, das im Staats- haushall dann entstehen müßte, Sorge zu machen. Abg. D r ü g e- müller(Soz.) setzte sich in besonderem Maße für die I n t e r- essen Berlins ei», das zu dem Aufkommen der Hauszins- steuer viel beiträgt, ohne jedoch vom Ausgleichsfonds in hin- reichender Weise bedacht zu werden. Er verlangte eine bessere Berücksichtigung der Stadt Berlin bei der Verteilung der Mittel. völterbunüs-Telegramme. Sicherung des Drahtvprkehrs bei Kriegsgefahr. Gens. 25. November.(Eigener Drahtbericht.) Bei dem griechisch- bulgarischen Grenzzwischenfall hing es seinerzeit von knapp zwei Stunden ab, daß die Anordnungen des Völkerbundsrates das griechisch-mazedonische Armeekommando noch erreichten, bevor mit einem Angriff auf die Stadt Petrik begonnen wurde. Ein solcher Angriff hätte einen Krieg zwischen beiden Ländern vielleicht nicht mehr vermeiden lassen. Diese Erfahrung hat den Völkerbundsrat veranlaßt, den ständigen Verkehrsausschuß mit der Prüfung aller Möglichkeiten zu beauftragen, welche die N a ch r i ch t e n ü b e r- m i t t l u n g im Dienste des Völkerbundes im Falle einer Kriegs. g e f a h r zu sichern geeignet sind. Von Freitag bis Montag tagte zu diesem Zwecke in Genf ein Ausschuß von sechs höheren Beamten der deutschen, öfter- reichischen, italienischen und englischen Telegraphenoerwaltung so-, wie des Internationalen Telegraphenamtes in Bern. Die von ihm ausgearbeiteten Vorschläge gehen dahin: 1. In Fällen von Kriegs- gefahr sollen Meldungen an das Vöikerbundssekretariat und von diesem an die Regierungen mit einer besonderen Bezeich- n u n g versehen werden, die ihnen die schnellste Beförde- ru n g zusichert: 2. es soll ein L i ni e n v e rz e i ch n i s der rasche- sten Telegraphen-, Telephon- und drahtlosen Verbindungen aufge- stellt werden, damit die gleiche Meldung aus verschiedenen Wegen abgesandt werden kann, um dadurch ihre Ankunft möglichst zu sichern: 5. in besonderen Fällen sollen eigene direkte Derbindun- gen hergestellt werden. Die weltrevolutionsmüüe Sowjetunion. Tschitschcriu über die harmlose Konferenz in Odessa. Moskau. 25. November.(Telegraphen- Agentur der Sowjet- Union.) Tschitfcherin, der zur Kur nach Deutschland reist, empfing vor seiner Abreise Pressevertreter, denen er über die Kon- fcren,; von Odessa erklärte: Mir haben keinerlei panasialifche oder andere IZüudnisse geschassen. Es wurden überhaupt keine gegen dritte Parteien gerichteten Vereinbarungen getroffen. Die USSR. und die Türkei sind mit friedlicher Arbeit innerhalb ihrer Grenzen beschäftigt. Weder die ein« noch die ander« hegt Ab- sichten, die irgendwen bedrohen könnten. Di« freundschaftlichen Be- Ziehungen zwischen unseren Staaten und die Verständigung hinsichtlich der politischen Linien tragen einen durchaus friedlichen Charakter. Der türkische Außenminister gab der Presse Erklärungen im ganz gleichen Sinne ab. Auch er wandte sich gegen alle phantastischen Andeutungen der Besprechung von Odessa. Ein Gutachterparlament. Das Gesetz über den endgültigen Reichswirtschaftsrat Von S. A u f h ä u s e r. Die Reichsregierung veröffentlicht heute den Entwurf eines Gesetzes über den Reichswirtschaftsrat und eines entsprechenden Ausführungsgesetzes. Damit ist ei« wichtiger Schritt zur Erfüllung des A r t i ke l s 165 der R e ichsverfassung getan. Der vorläufige Reichs- wirtschaftsrat, der durch eine Verordnung vom 4. Mai 1920 berufen worden war, hat sich in den zurückliegenden Iahren fast ununterbrochen mit den Vorarbeiten zur Schaffung des endgültigen Reichswirtschaftsrates und seines Unterbaues be- fchäftigt. Die Ende August 1925 vorgelegten Referenten- entwürfe der Regierung haben auch inzwischen wesentliche Aenderungen erfahren, die auf die Beratungen im Ver- fassungsausschuß des vorläufigen Reichswirtschaftsrates zu- rückgeführt werden können. Die so zustande gekommene neue Regierungsvorlage wird jetzt wiederum im Verfassungsaus- fchuß des vorläufigen Reichswirtschaftsrates und einem dort eingesetzten Unterausschuß unter dem Vorsitz des Genossen Theodor L e i p a r t mit möglichster Beschleunigung verab- schiedet werden, so daß Reichstag und Reichsrat in der Lage sein werden, in den ersten Monaten 1927 ihre letzten Ent- scheidungen über diese für die Arbeiter und Angestellten wich- tigen Gesetze zu treffen. Nach der Regierungsvorlage begutachtet der Reichs- wirtschaftsrat wirtschaftspolitische und sozial- politische Gesetzentwürfe, regt auf beiden Gebieten Maßnahmen an und nimmt Erhebungen vor. Die Reichs- regierung will nach ihrer eigenen Erklärung eine enge Zu- sammenarbeit von Reichstag, Reichswirtschaftsrat und Regie- rung herbeiführen. In chrer Vorlage ist jedoch die staats- rechtliche Stellung des Reichswirtschaftsrates zu eng um- grenzt; feine Selbständigkeit und Bewegungsfreiheit ent- sprechen noch nicht den Bedürfnissen einer Gutachterkörper- schaft, die berufen sein soll, auf das wirtschaftliche und soziale Werden in Deutschland Einfluß zu nehmen. Es fehlt ins- besondere das Recht des endgültigen Reichswirtschaftsrates, seine Gutachten durch Beauftragte vor dem Reichstag und seinen Ausschüssen mündlich erläutern zu können. Es wird vielmehr in das Belieben der gesetzgebenden Körperschaften gestellt, ob sie chrerseits von Fall zu Fall eine solche mündliche Erläuterung verlangen. Soweit die Initiative zu Ge- setzesvorlagen vom Reichswirtschaftsrat ausgeht, ist in diesen Fällen die Vertretung vor dem Reichstag vorgesehen. Die Bestimmung, wonach die Reichsregierung bei der Durchfüh- rung wirtschafts- oder sozialpolitischer Maßnahmen die Unter- stützung des Reichswirtschaftsrates in Anspruch nehmen kann, ist gleichfalls ungenügend. Es handelt sich hier um eine aus der Verfassung herzuleitende Aufgabe des Reichs- wirtfchaftsrates, die nicht zur Kann-Bestimmung abge- schwächt werden darf, sondern obligatorisch sein muß. Der vorläufige Reichswirtschaftsrat hatte sich auch in seinen Beratungen mit dem in der Verfassung vorgesehenen Unterbau, der Schaffung von Bezirkswirtschafts- räten befaßt, kam ober zu dem Ergebnis, daß endgültige Beschlüsse über den Aufbau der Bezirkswirtschaftsräte erst gefaßt werden können, wenn die Gestaltung der Unter- stufen, d. h. die Regelung der öffentlich-rechtlichen Berufs- Vertretungen für Handel, Industrie, Landwirtschaft und Handwerk feststehe. Die Gewerkschaften haben dabei nach- drücklichst die paritätische Ausgestaltung der Handels-, In- dustrie-, Landwirtschafts- und Handwerkskammern gefordert. Es war auch der Vorschlag gemacht worden» neben diesen be- stehenden Berufskammern Arbeitnehmerkammern zu schaffen und beide durch Gemeinschaftsorgane zu verbinden. Obwohl der vorläufige Reichswirtschaftsrat diese Frage schon vor vier Jahren gutachtlich gelöst hat, geht die Reichsregie- rung jetzt in ihrer Vorlage darüber mit der nichtssagenden Bemerkung hinweg, daß der endgültige Reichswirtschaftsrat bei einer reichsrechtlichen Regelung der öffentlich-rechtlichen Berufsoertretungen mitwirken solle. Die Gewerkschaftsver- treter haben bei der Beratung im Verfassungsausschuß keinen Zweifel gelassen, daß sie auf die b a l d i g e Ausgestaltung der Handelskammern usw. nicht verzichten werden: denn es ist unerträglich, daß diese Berufskammern heute noch ein ausgesprochenes Unternehmerprivileg bedeuten. Die hier bestehende Ausschaltung der Arbeiter und Ange- stellten ist verfassungswidrig. Die weiter bestehende Lücke, daß der in der Verfassung angekündigte Reichsarbeiterrat in der Regierungs- vorläge noch fehlt, könnte ausgefüllt werden, indem die A r- beitnehmerabteilung des Reichswirtschaftsrates den Reichsarbeiterrat bildet. Bei der neuen Zusammensetzung des Reichswirtschafts rates geht die Regierung davon aus. daß eine aktionsfähige Gutachterkörperschaft bereit sein muß, sich in der Zahl ihrer Mitglieder zu beschränken. Die Erfahrungen des vorläusigen Reichswirtschaftsrates, der ursprünglich 100 Mitglieder um- fassen sollte, dessen Zahl sich nach den Verhandlungen mit den Wirtschaftsverbänden auf 200, nach den Beschlüssen des Reichsrates auf 280 und nach dem Beschluß der Nationalver- sammlung schließlich auf 326 erhöht hatte, haben die Not- wendigkeit einer ganz erheblichen Einschränkung der Mit- liederzahl bewiesen. Der endgültige Reichswirt- a f t s r a t soll aus 123 ständigen Mitgliedern bestehen, von denen 41 auf die Arbeitnchmerabteilung entfallen wür- den. Daneben wird die nichtständige Mitgliedschaft einge- führt. Die Einberufung nichtständiger Mitglieder für ein- zelne Sitzungen oder Verhandlungsgegenstände bezieht sich einmal auf einzelne Personen, zum anderen auf die Vertreter bestimmter Verstände. Diese Verbände müssen bei der Kon- stituierung in einer beim Reichswirtschastsrat geführten Liste verzeichnet fein. Die ständigen Mitglieder werden für sechs Jahre einberufen, alle drei Jahre scheidet die Hälfte nach näheren Bestimmungen der Geschäftsordnung aus. Be- nennungskörpsr für die Arbeitnehmer sind die Spitzen der freien, christlichen und Hirsch-Dunckcrschen G e w e r k- s ch a f t c n der Arbeiter und Angestellten. Gegenüber dem Referentenentwurf ist zwar eine Ver- besserung eingetreten, da zuerst vier Abteilungen vorgesehen waren. Aber auch jetzt noch wird die P a r i t ä t zwischen der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmerabteilung zuungunsten der letzteren beeinträchtigt, indem die Abteilung III über- wiegend Unternehmervertretcr in sich schließt. Die Abtei- lung III umsaht freie Berufe, Städteoertreter, Genossen- schafts-, Pressevertreter usw., wie auch Persönlichkeiten, die teils vom Rcichsrat» teils von der Regierung ernannt werden. Unter den Benennungskörperschaften für die einzelnen Gruppen der Abteilung III sind zahlreiche Verbände, die als Arbeitgeberverbände angewrochen werden müsien. Es wird deshalb die Aufgabe des Verfassungsausschusses sein müssen. die Zusammensetzung der Abteilung III so zu ändern, daß ihre Neutralität möglichst gewährleistet wird. Als Hauptausschllsse sind vorgesehen: ein wirtschafts- politischer, ein sozialpolitischer und ein finanzpolitischer Aus- schuß. Die Hauptausschüsse bestehen aus 21 ständigen Mitgliedern» wobei die Zuziehung von höchstens 9 nichtständigen Mitgliedern beschlossen werden kann. Eine besonders wichtige Rolle wird im künftigen Reichswirtschaftsrat der E r m i t t- lungsausschuß spielen. Auch hier werden aber Hinsicht- lich der Zusammensetzung und der Befugnisse Aenderungen der Regierungsvorlage notwendig sein. Immerhin ist' es wesentlich, daß das Enqueterecht des Reichswirtschaftsrates nunmehr in der Gesetzgebung verankert wird. Von geringerer Bedeutung ist im endgültigen Reichswirtschastsrat die P l e n a r o e rs a m m l u n g, die aus den ständigen Mit- gliedern besteht, jedoch nur zusammentritt, wenn der Vor- stand ihre Einberufung mit Zweidrittelmehrheit beschließt, zwei Drittel der ständigen Mitglieder es beantragen oder die Rcichsregierung es verlangt. Es entspricht auch der Auf- sassung der Gewerkschaften, daß eine sachliche Gutachtertätig- keit nur im Rahmen der Ausschüsse möglich ist. ftus üem Gesetzentwurf. Tie Verteilung der Sitze im Reichswirtschaftsrat. Der endgültige Rcichswirtschaftsrat soll 123 ständig« Mitglieder umfassen, und zivar oerteilen sie sich folgendermaßen: Abteilung I.(Arbeitgeber): Dreizehn Vertreter der Land- Wirtschaft, zwei vom Reichslandbund,(obgleich dieser eine rein politische Organisation ist), vier Vertreter der Bauernorganisationen. Zehn Vertreter der I n d u st r i e, vier vom H a n d w e r t, fünf vom Handel, vier aus dem Bant- und Ver- sicherungswesen, fünf Vertreter des Verkehrs. Abteilung II.(Arbeitnehmer): Insgesamt 41, die von dem Allgemeinen Deutschen Oewerkslftastsbuird. der AsA, den christlichen Gewerkschaften, dem Gesamtverband Deutscher Angestelltengewerkschaften, dem Verband Deutscher Gewerk- mlreine und dem GDA. zu benennen sind. Unter den Arbeiter- Vertretern müssen sich mindestens acht Vertreter der Land- und Forstwirtschast und ein Vertreter der Heimarbeit be- finden. Abteilung III.(Verbraucher, freie Berufe usw.): Acht Ver- trcter der Städte, drei der öffentlich-rechtlichen Ver- s i ch c r u n g s- und Kreditanstalten, drei Vertreter der Konsumgenossenschaften, darunter nur einer vom Zentralverband Deutscher Konsumvereine, sechs Vertreter der landwirtschaftlichen und gewerblichen Genossenschaften, zwei Vertreter der Tagcspressc, zwei Vertreter der Be- Herbstausstellung öer Akademie. Es ist nicht angenehm, immer dasselbe sagen zu müssen. Aber die Akademieausstellungen zwingen dazu ebenso wie die Moabiter und die der Sezession. Ist es so schwer, 61)0 Kunstwerke zu organischer Uebersichtlichkeit zu bringen? Justi hat es mit seiner Eorinlh-Ausstcllung bewiesen, und Sandkuhl zeigt es in der Jury- freien, wie maus machen muh. Aber dieses verworrene, jeden Sinnes bare Durcheinander, das die zwölf Säle der Akademie wieder füllt, nötigt zuni Protest. Irgendein Prinzip muß der Hängung doch zugrunve'liegen. Aber es ist unmöglich, es herauszufinden, wenn das Zusammengehörige in allen Ecken zerstreut und sogar die zwei vdcr drei Bilder eines Malers in ebensoviel Säle placiert werden. Dekorative Rücksichten? Kirchner nimmt symmetrisch die Wände rechts und links vom Eingang ein, Licbermann die Mitte ocs Ehren- saales, beiderseits von ihm sieht man je einen halben Hllbner und Rohlfs sich nach Vereinigung sehnen. Das sind so die Ideen der Hängekommission. Am meisten leiden darunter die Künstler, die wirklich ihr Bestes tun, um Niveau in die Akademie zu bringen. Ganz bestimmt sind sehr viele gute und manche sehr gute Kunstwerke darunter, Skulpturen nicht minder wie Zeichnungen und Aquarelle. Aber sie werden um alle Wirkung gebracht durch den Mangel an System, niit dem sie gezeigt werden. Nimmt nian die beiden Sonder- t ollektionen aus, den Cingangssaal mit den meisterlichen Skulpturen und Zeichnungen von Edwin Schorfs— das Erlebnis dieser Schau— den etwas dunklen Saal, in dem Hans Poelzig seine farbigen Theater- und Filmentwürse von herrlich barocker Phantastik zeigt, so bleibt fast nichts aus dem Gemengsel haften. Denn zu dein Mangel an Organisation kommt noch der Mangel einer künstlerischen Idee: es ist alles da, und es sind alle da, mit vielen, meist mit ein paar Kosthäppchen, und einer tritt in dem Gedränge immer gleich allen anderen aus die Zehen. Man erfährt, was wir alles an tüchtigen und originellen Kerlen auf Lager haben. Aber man hat keine rechte Freude daran. Unter den vielen guten Landschastsaguarellen, die, wie fast inimer, dominieren, ragen hervor Ulrich H ü b n e r, der einen hohen Grad aquorellistscher Feinheit erreicht hat, und Seewold, der von seiner Manier wegstrcbt und immer stärker das erringt, was man Haltung oder Stil nennt. Von den Realisten erfreut wieder Charlotte Berend durch Aufrichtigkeit und eine gute Palette heller Farben: es wäre an der Zeit, dieser Künstlerin in einer Gesamtschau Gelegenheit zur Rechenschaft über ihr Können zu geben. Orlik, Käthe Kollwitz, Heinrich Schwarz sind auf ihrer Höhe; sie enttäuschen nie. Liebermann und S v o g t treten zurück. Die alte Garde der Ausdruckskunst hat in E. L. Kirchner ihr Haupt entsandt: er wirkt in Aquarell und Graphik weit über- zeugender als in der Gcmäldeschau bei Cassirer, die ihn auf einen Tiefpunkt angelangt zeigt. Alfred Kubin ist ganz vortresflich, W a s k e schwankend, P e ch s! e i n und R o h l s s s sind schwach ver- treten. Die großen Glasfensterkartons von Pechstein sind aus- .'unchmen: mit eminentem Können verbindet er Vorsicht und Gefülst für die Wirkungen des Materials. Bon den Veristen zeigt Otto D i x ältere gute Zeichnungen, amtenschaft und drei Vertreter der freien Berufe. Dazu kommen acht vom R e i chs r a t zu ernennende Persönlich- leiten aus der Wirtschaft, ein Vertreter des Auslands- d e u t j ch t u m s und acht von der Reichsregierung benannte Vertreter der Wirtschast. Die Reichsregierung sieht den Gesetzentwurf deshalb als dring- lich an, iveil die Schaffung des Unterbaues für den Reichswirtschafts- rat, wie er ursprünglich vorgesehen war, noch einige Zeit in An- spruch nehmen wird. Di« Handels-, Gewerbckammem usw. unterstehen nämlich heute der Landesgesetzgebung. Ihre Ab- änderung kann nur durch ein zusammenfassendes Reichsgesetz durch- geführt werden._ Der Schrecken öer Monarchisten. O Sber diese Hohenzvllern! Das Treiben der Zollernsprößlinge bereitet jetzt sogar den eingefleischten Monarchisten moralisches Leibweh. So ist in der gut monarchistischen„Politischen Wochenschrift" ein wahres Klagelied über das Betragen der Sprößlinge Wilhelms zu finden: „Möge die altpreußische Pflichterfüllung, die mit dem Rainen Potsdam unlöslich verknüpft ist, unser deutsches Volk immer mehr durchdringen..." Die E n k e l n ziehen es vor, lieber hübsch« W o r t e zu schreiben, als d u r ch i h r L e b e n die großen Traditionen einer Familie zu erholten. Es ist, als ob ein Dämon die lebenden Hohenzollern triebe, die Erinnerung an die unsterblichen Verdienste ihrer Ahnen in einem in Wahrheit so monarchistischen Volke wie dem deutschen zu verlöschen. Man wird für kavaliersmäßigen Leichtsinn jugendlicher Prinzen zu guten Zeiten des Vaterlandes Entschuldigung finden: aus dem Prinzen Heinz ist noch immer«in großer König izeinrich geworden— aber, und dies muß offen ausgesprochen werden, von den Söhnen des Kaisers ist keiner mehr in dem Alter, daß er auf leichtes Uebersehen seiner Leichtsinnigkeiten und Leichtfertigkeiten zu rechnen halte. Männer müssen für ihre Taten einstehen. Außerdem Ist das Land, das nicht ohne Verschulden ihres Baters in unerhörtes Unglück und nie stillbarc Trauer kam, nicht in der Stimmung und nicht in der Möglichkeit, die Lzandlungen von Angehörigen der ehemals regierenden Familie der Hohenzollern mit liebenswürdigem Lächeln zu quittieren.... Für Männer, denen das Glück ihres Lebens zer- brachen ist, kann nichts peinlicher sein, schmerzlicher und aufreizender. als zu leseu, wie der Kronprinz seine Rächte beim Sechstogerennen verbringt, wie er sich dort wie ein junger Husarenleutnant benimmt. der er nun schon einige zwanzig Dahre nicht mehr ist....— Der Kronprinz hat erklärt, er wolle als Privatmann in Deutschland leben. Aber, wenn er so leben will, wie er es zu wünschen scheint, und wie er in der Tat lebt, dann wäre es gut, den Namen Hohen- zollern vorher abzulegen....! Aber der Sechstagefreund aus Oels ist es nicht allein, der die Kopfschmerzen der Monarchisten hervorruft, auch der Zigaretten-Oskar und der abgehalfterte„Herren- meister" der Johanniter, Eitel Friedrich, machen ihnen schwere Sorgen. Wie soll man auch mit schweren Gesinnungsopfern eine so unmögliche Sache, wie die Monarchie, vertreten, wenn die Monarchensprößlinge— ohne den Schutz der Majestäts- beleidigungsparagraphen— sich selbst unmöglich machen? Der verwanüelte ßreptagh. Tie„Teutsche Zeitung" erkennt ih» nicht wieder. Die„Deutsche Zeitung" traut ihren Ohren nicht. Unmöglich zu fassen, daß ihr Freytagh-Loringhoven, ihr schwung- voller Leitartikler, eine so waschlappig« Rede geHallen haben soll, wie sie heilte morgen in allen Blättern steht und von der sie selber sagen muß, daß sie„alles andere als eine Fanfare" war. Aber schließlich gibt es auch für dieses Rätsel eine Lösung: Doch es war wohl kaum Frhr. v. Frextagh-Loringhooen, sondern„der deutschnationale Redne r". Oder viel- G. Groß einige der großen neueren Aquarelle mit verwaschener Farbe, Uebergangsprodukte. F r i t s ch ist anspruchsvoll, aber nicht zulänglich, Wilhelm Schmidt zumindest mit einer auherordent- lichen Blumenzcichnung gut, glänzend L a ch n i t vertreten: er steht schon jetzt in der ersten Reihe des-Nachwuchses, ein Könner von hohem Rang. Zu den schönsten Blättern in der Akademie gehören die sorgfältigen Federzeichnungen Hermann Hubers und d>c Porträts von R. Grohmann. Wie einfach groß und überzeugend wirken Großmanns Köpfe gegenüber den Kunstgcwerblichkeiten von G u l b r a n s s o n. Th. Th. Heine scheint ebenso auf der Höhe mit dem zugespitzten Apercus seiner Aquarelle wie sein Berliner Antipode H. Z i l l e. Der Münchcner aus Sachsen besitzt die beißeiidl Satire, der Berliner den versöhnenden Humor: jeder auf seinem Platz. Vortreffliche Skulpturen fallen in nicht geringer Zahl auf. Wir notieren anmutige Figuren von L. Keller, Thiele, Wenck, Heim-Wcntscher, Sintenis, Gruson, Vre- l i n g und vor allem B e r g c r aus guter Dresdner Schule. Starke Tierplastiken von Alexander Fischer, voll ungewöhnlicher Vitalität, an Chinesisches aus der Hanzeit erinnernd. Beim Ausgang nimmt man wieder den größten Eindruck der Ausstellung mit: die geschlossene und mächtige Persönlichkeit des Bildhauers E d w i n S ch a r s f. Dr. P a u l F. S ch m i d t. von öen Tanzbühnen. Helga Nor mann im Blüthner-Saal. Vor drei Jahren: Uebles Debüt. Vor einem Jahr: Der junge Phönix cnt- schwebt dem Kitsche. Jetzt: Eine reife, etivas baumfleckige Edel- srucht. Brillante Technik, der alles gelingt. Ehrliches, vornehmes Ikunstwollen. Starke, echt tänzerische Begabung. Die letzten Spuren natiiralistischer Pantomimik ausgetilgt. Und doch: tiefste Wirkung bleibt noch aus.'Aktion der Hände und Arme, Stöße der Schultern und des Beckens überhitzt. Den Kompositionen mangelt Stufung und Steigerung. Ein ununterbrochenes Fortissimo, das auf die Dauer abstumpft. Das nicht packt, weil es mehr gewollt energisch als naturwüchsig temperamentvoll erscheint. Das oft etwas Demon- strierendes, Lehrhaftes hat. Man merkt die Absicht. Man spürt den zielklaren Kunstvefttand und vermißt die naiv schassende Seele. Aber— wir wollen nicht mäkeln und nörgeln. Dieweil wir nicht viele Tänzerinnen dieses künstlerischen Formats und dieser Nobtess« besitzen. Der Weg geht aufwärts, darum: Heil und Sieg! Im Neuen Theater am Zoo ein Gastspiel der Kammer- Tanzbühne Laban. Die Tan,zballade„N a r r e n s p i e g e l". Musik von L i s z t, Choreoqrapbie von Rudolf Laban ging in Szene. Bier kurze Aufzüge. Kein Gipfclweik des großen Tanz- dichters. Eine Füll« wundervoller Einzelheiten, namentlich im dritten Akt. Glänzende tänzerische Leistungen der Ru t h L ö ß« r und des Hermann Robst. Aber kein starker Gesamteindruck. Woran liegt es? Ich glaube, zunächst an der stilistischen Unsicher. heil, die de» pantomimischen und ballettmäßigen Faktoren eine zu breite Enisaltung gestattet. Dann aber, und das scheint mir die Hauptsache, am mangelnden Sinn für die Elcmcntarrtedingungen äußerer Bühnenwirkung. Laban weiß mit seinen Schätzen szenisch nicht hauszuhalten. Ein großer kostbarer Aufwand wird nutzlos leicht noch richtiger: der Redner, der nach seinem Fraktionskolltgei, Hoctzsch zu sprechen hatte. Eine Fraktion kann sich nicht noch vier- undzwanzig Stunden desavouieren, und so mag es begreiflich sein in gewissem Sinne, daß man Herrn v. Freytogh(wie dies offen- sichtlich der Fall war) eine gebundene Marschroute gab: aber mußte es so kommen, daß der Weg in dieser Richtung fest- gelegt wurde?— Zweifellos nicht: und ebenso zweifellos ist es, daß sich dies nicht noch einmal wiederholen darf. Indes die„Deutsche Zeitung" diesen Warnruf ausstößt, droht nach ihrem eigenen Bericht noch Schlimmeres. Die Deutschnationalen wollen sich nämlich bei der Abstimmung über den völkischen Miß- iranensantrag gegen Stresemann der Simme enthalten! Mahraun gegen Geßler. Eine neue Erklärung deS Jungdeutschen Ordens. Die Leitung des Iungdcutfchen Ordens veröffentlicht heute folgend« Erklärung gegen Gehler: „Die gestrige Erklärung des Reichswehrministers Dr. Geßler ist in vielen Punkten irreführend. Am 23. November 1926 behauptete er, die Denkschrift spräche sich über Strettigkeiten zwischen vaterländischen Verbänden aus. G e st e r n gibt er im wesentlichen die Richtigkeit der Angaben des Hochmeisters zu, versucht aber, den Kern der Frage zu verschieben. Er sagt:„Wehren muß ich mich dagegen, daß Mahraun es so darstellt, als ob er mich über die Vorgänge von 1921 jetzt im Jahre 1926 noch informieren muh." Er bezieht sich dann auf die Angelegenheit des Generals v. W a t t e r. Hierzu ist festzustellen, daß erstens die Denkschrift die Tätigkeit des Generals v. Waller nur mit wenigen Zeilen erwähnt, lediglich, uni darzutun, daß den in der Denkschrift geschilderten Plänen größte Beachtung zu schenken fei, daß zweitens nicht die Tätigkeit des Generals v. W a t t e r im Jahre 192l, sondern im Jahre 1923 geschildert worden ist. Die Denkschrift behandelt lediglich und ausschließlich B«- strebungen. die im Iahre192S und 1926 vorhanden waren, teilweise auch noch vorhanden sind, und die aus ein aktives Vorgehen gegen Frankreich im Bunde mit Sowjet- rußland zielen. Die Richtigkeit der Bel�ruptung des Ministers, er habe die Denkschrift nicht angefordert, müssen wir bestreiten. Wir verstehen, daß nach Bekanntgabe der Denkschrift dcreil Erörterung dem Mini st er unbequem ist. Wir verstehen aber nicht, warum er das Bekanntwerden nicht ver- hindert hat. An der Erörterung der Denkschrift in der Oeffent- lichkeit haben wir kein Interesie. Wir müssen jedoch dagegen Ler- Währung einlegen, daß über den Inhalt unrichtige An- gaben gemacht werden." Tie Denkschrift und daS Innenministerium. Wie uns von maßgebender Stelle auf das bestimmtest« erklärt wird, ist die Behauptung u n r i ch t i g, der General Hast« hob« seiner- zeit im Auftrage Geßlers dem preußischen Innenminister S« v« r i n g den Inholtder Mahraunschen Denkschrift zur Kenntnis gebracht. Tatsächlich ist diese Denkschrift dem preußischen Ministerium des Innern, dem die Ueberwochung illegaler Organisationen und ge- setzwidriger Organisationstätigkeit in Preußen obliegi, weder schriftlich noch mündlich in amtlicher Weis« zur Kenntnis gebracht worden. Ein neuer Zoll potemkin. Wieder einmal Bayern gegen die Reichsfilmstelle. In Berlin wird seit einiger Zeit der von der Treumann-Lorsem Gesellschaft vertriebene russische Film„Der schwarze Sonn- t a g" aufgeführt, nachdem er der Filmprüfstelle vorgelegen hat. Diese hat die Aufführung ohne jede Kürzung freigegeben. Als nun gestern in München die Uraufführung dieses Films erfolgen sollte, oeibot die Polizeidirektion den Film, obgleich sie dafür gar nicht zuständig ist, solange keine Gesährdnung der ösfent- lichen Sicherheit nachgewiesen werden kann. vertan. Effekt« verpuffen, weil sie teils nicht bühnengerecht vor- bereitet, teils nicht ausgenutzt werden. In dem, was Not tut, im künstlerisch Lebensnotwendigen überragt Laban alle Mitstrebenden. Felsblöckc schleudert er beiseite und macht den Weg frei zur höchsten Höhe. Dann stolpert er über ein paar winzige Unebenheiten, die er in großzügiger Achtlosigkeit übersah, und bringt sich und sein Wert um den Erfolg. Jeder Schmicrenregisseur könnte diesen Großen lehren. Eine Tragödie des schaffenden Genies. _ John S ch i t o w s k i. Eine neue Tal der Jungen Generation. In den drei Iahren ihres Bestehens hat die Gemeinschaft für neue Theaterkultur, die .�jungc Generation", meistens Stücke aufgeführt, deren Lcbensunsähigkeit sich sogleich herausstellte. Sic hat kritiklos in den vorhandenen Wust der Dramenliterotur gegriffen und damit den Beweis erbracht, daß der Bereinigung ein Kopf fehlt. Jetzt hat die Junge Generation sogar eine eigene Bühne im Theater in der Lützowstraße gegründet. Ein zweckloses Bemühen. Wir wußten auch so. daß die Gemeinschaft keine Daseinsberechtigung hat. Für die gestrige Eröffnungsvorstellung hatte man„T l a o i g o" ausgesucht, Goethes mattes Trauerspiel aus seiner Jugend, von dem sein Zeitgenosse Johann Heinrich Merck schon damals sagte: „Solch einen Quark mußt du künftig nicht mehr schreiben, das können die anderen auch." Unter der Regie von Karl Marin Horbach wurde die Tragödie mit rollendem Pathos im Stil vor- märzlicher Bühnenkunst gespielt. Franz Berisch versuchte ver- zweifett als Clavigo schmachtend einen zweiten Moissi hinzulegen.« Fritz Ritter saßt« den Carlos komisch auf. Er machte den Eindruck eines pathetischen Jockeis. Abgesehen von Per Schwenzen und Gusta Karma war die Aufführung einfach undiskutabel. In den ersten beiden Akten sah der„Clavigo" aus wie eine Posse, und es drohte die Vorstellung im Gelächter der Zu- schauer unterzugehen. Was„Clavigo" mit Bersuchsbühn« und Junger Generation zu tun hat, bleibt das Rätsel der anonymen Hintermänner dieser Gemeinschaft. dgr. Die Orska. Wir haben Frau Marie Orska lange nicht mehr gesehen. Run tritt sie wieder in den K a m m e r s p i e l e n auf. Sie spielt die Dame Charlotte in der entzückenden Lustspielnichtigkeit „Karussell" von V e r n e u i l. Sie hat den zahlenden Lieb- haber und den nur genießenden Anbeter am Arm und an der Ras« herumzuführen. Sie hat zu lügen, ja, sich aus einem ganzen Laby- rinth der Lüge herauszuwinden und die Vernunft vollkommen auf den Kopf zu stellen. Wir bewundern dies« Komödiantin, die gar keine anderen Mittel besitzt als ihre eigene Natur, die sich kaum verwandeln kann, und die trotzdem das Parkett festhält, sobald sie auf die Bühne kommt. Frau Orska hat kaum noch die Gesetze der deutschen«vprache gelernt. Nichtsdestoweniger wird ihr harter Akzent und das Geplauder und Geplätschcr, das minutenlang nicht einmal verständlich ist, zum ftunststil. Man muß ihr dieses sehr große Kompliment machen. Dann wiederum ihr Lochen, Ihr Zwitschern und einige Pieps- und Ouietschangewobnheiten, die darum unnach- ahmlich sind, weil Frau Orska sie zur höchsten Virtuosität entwickelt hat. Die Orska kitzelt die Damen und Herren im Parkett aus jeder Schläfrigkeit auf. Sie ist ein prächtiges Wiederbelebungsmittel für Menschen, die den Appetit aus die Freude schon etwas verlöre, t>lt beörohte Geistesfreihekt. Ei« Gwtachte« der Dichtersettio« der Akademie. Die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste fühlt sich verpflichtet, zu dem„Entwurf eines Gesetzes zur Bc Währung der Jugend vor Schund, und Schmutzschriften' folgendes Gutachten abzugeben: Die Sektion für Dichtkunst würde nichts freudiger begrüßen als die A u s t i l g u n g alles Schundes und Schmutzes im Schrift tum, sie kann aber in dem vorliegenden Gesetzentwurf unmöglich ein geeignetes Instrument zur Erreichung dieses Zieles erblicken. So scheint der Sektion schon die zweckdienliche Zusammen setzung der vorgesehenen Prüfst ellen mit zu großen Schwierig keiten verbunden, als daß es möglich wäre, zum Urteil berufene und befähigte Instanzen zu schaffen. Außerdem würde das vorgesehene Abstimmungsverhälinis die dringende Gefahr in sich schließen, daß die Aertreter der llterarifch-künsllerischen Interessen jedesmal überstimint werden könnten: serner ist in der großen Anzahl der Länder- p r ü f st e l l e n— für deren einheitliche Auffassung und Beurtei- lung nicht die geringste Gewähr besteht, trotzdem ihr Urteil für das ganze Reich gleich bindend sein soll!— eine Quelle dauernder U n zuträglich keiten zu erblicken. Eine für das Volkswohl er- fprießliche Wirksamkeit dieser Unzahl von Prüfstellen verschiedener und dauernd wechselnder Struktur scheint völlig ausgeschlossen. Nur nebenher sei erwähnt, daß der Entwurf des Gesetzes auch nicht den leisesten Versuch macht, den Begriff„Schund und Schmutz" zu umreißen, so daß das deutsche Schrifttum der willkürlichen Auslegung jeder einzelnen Prüfstelle ausgeliefert ist. Die Sektion kann also in dem Gesetzentwurf kein wirk- sames Instrument zur Bekämpfung des Schundes und Schmutzes im Schrifttum erkennen, sie muß aber um so nachdrücklicher ihre Stimme erheben, weil der Enttpurf ihres Er achtens geradezu unübersehbare Geslchrmomente für die Geistes freiheit in der deutschen Republik in sich birgt. Trotz der Versicherung, daß Schriften„wegen ihrer politischen, sozialen, ethischen oder weltanschaulichen Tendenzen als solche nicht auf die Liste gesetzt werden", muß befürchtet werden, daß diese gar nicht oder nur vage gezogene Grenzlinie häufig überschritten wird und infolgedessen wirkliche K u l t u r w e r k e auf den Index kommen. Die in dem Gesetzentwurf vorgesehen« Möglichkeit einer Berufung an die Reichsoberprüfstelle kann, auch wenn sie zum Er- folge führt, nach den vorgesehenen Bestimmungen den ungeheuren Schaden nicht, wieder gut machen, der inzwischen dem Autor moralisch und wirtschaftlich zugefügt worden ist. Das Gesetz ist obendrein auch überflüssig, denn die bestehende Gesetzgebung reicht bei richtiger Anwendung vollkommen a u s, um den wirklichen Schund und Schmutz zu treffen. Die Sektion für Dichtkunst weist zum Schluß darauf hin, daß im Falle der Annahme des Gesetzes beträchtlich« Summen für u n- produktive Zweck« aufgewendet und dadurch förderlicher Kulturarbeit entzogen werden. Die Sektion empfiehlt, mit diesen Summen gute Volksbücher und Volksbüchereien schaffen zu helfen und so Schund und Schmutz durch schöpfe- rische Leistungen zu verdrängen. Seleiüigung tzinüenburgs. Tieben Monate Gefängnis! Vor dem Schöffengericht hatte sich der Redakteur Stahl der„Soziallstischen Republik", des Kölner kommunistischen Organ», wegen Beleidigung des Reichspräsidenten zu verant- warten. Die Beleidigung erblickte da« Gericht in dem Abdruck de» Gedichtes„Achtung, Hunde!". Noch längerer Beratung verurteilte das Gericht den Angeklagten zu der hohen Gefängnisstrafe von sieben Monaten. Die„Rote Fahne" in Berlin hat be- kanntlich neun Monate für das gleiche Gedicht erhalten. Zum Tode Srassins. Die Todesursache war Anämie(Blut- ormut), an der er seit längerer Zeit litt. Mehrere Blutübertra- gungen waren ohne dauernden Erfolg vorgenommen worden. haben. Sie wirkt so gut wie jene Ausbausalze, die sich heute zwei Drittel oller Deutschen allmorgendlich einlöffeln. Sie wirkt also sehr körperlich, um nicht zu sagen animalisch, und trotzdem vergißt man bald, daß der von ihr ausgehende Reiz nur die Sinne streichelt. Man meint schließlich doch, daß hier eine große geistige und schau- spielerische Intelligenz am Werke ist. Uebrigens wirkt jede starke Kunst mit solchen Mitteln. M. H. Kindernachmittag im Theaker am Schifsbauerdamm. Auch die Volksbühne bringt alljährlich zur Winterszeit den Kindern ihre Märchenaufführung. Diesmal heißt sie u m st i- B u m st i",«in Zaubermärchen mit Gesang und Tanz in sechs Bildern. T i l l a B u n z l und Erhard Siedel haben mit Ausschmückungen und Zusätzen das alte Märchen von Rumpelstilzchen bühnengerecht um- gearbeitet. Sehr hübsch gelungen wirkt gleich das erste Bild, das von der Wahrheit zum Märchen überleitet Vor der allen Mühle werden die Gestalten des Märchenbuchs lebendig, das dem Müller- burschen Peter das ferne Wunderland verheißt. Der trottelhafte Mörchenkönig Fridolin und sein ganzer Hofstaat, darunter der böse Zauberer Humsii-Bumsti als Minister, ziehen unter dem Jubel der kleinen Zuschauer auf, um ihnen dann ihre Geschichte vorzuspielen, die recht lustig, aber auch ein wenig verworren und ein wenig gruselig ist, wie sich's für ein richtiges Märchen gehört. Nur im Zouberwald dürste es etwas weniger gespenstisch zugehen: die Aller- kleinsten kriegten es mit der Angst, als sich zu dem schwarzen Zau- derer und der bösen Spinn-Hexe auch noch ein Chor von Toten- gebeinen im Hintergründe einfand. Man täte also gut, künftig aus diese schauerliche Schar zu verzichten. Nützlich wäre es auch, wenn nian die Musik vor den einzelnen Bildern etwas kürzen würde, da hier trotz aller geräuschvollen Erziehungsversuche Erwachsener die Geduld der Kleinen nicht immer standhalten kann. Damit wäre auch eine wünschenswerte Kürzung des Stücke» erreicht, das von drei bis sechs Uhr zu lange dauert«. Für die sehr nette Ausführung zeich-. nete Viktor Schwannecke verantwortlich, der auch den wampigen, schlampigen, lustigen König Fridolin darstellte. Auch sonst wirkten gute Kräfte mit: Armin Schweizer. Gustav Roos, Grete Bäck, um nur einige zu nennen. Mit den Rollen der beiden Müllerskinder fanden sich Erika Helmke und Karl Balhaus. zwei sehr jugendliche Darsteller, recht zu- friedcnstcllend ab. Die meiste Freude ober bereitete den Kindern der Zauberer Hokus-Pokus, ArthurWright. Tes. rle Kflnsllertoerkbils« veranstaltet vom 10.— 23. Dezember im B e r I i n e r R a t b a u S eine Rupr-dbtschau-. Zur ÜluS'levung aelan»e» KunN- werke bi» zu einem VerkanfZVreiS von 300 M. sür jede» Verl. ZlZbere SZebinaunacrt zu-riahrcn in der Künstlcrwerkhilsc, Schöncbcrg. NcueS Ralbau», Zimmer 327. -Summen der Völker in cl-derv" Unter diesem Titel findet am 27. abeud' 8 Ubr. imHerrenbau«-In Laul- und Llldtbild-Dortrag von Wilbelm Doegen zum Besten der Sonntagikonzerte sür die StrSsge- sangenen statt. Ttntritt 3 Mk. Swrm.Au»stellnaa. Di- ersten känstlerifchen Beziehungen nack dem Kriege mit Jugollatoieu werden durch die Dezember-Aujstellunq de» Sturm ..Zunosiawiiche Kunst, Slowenischer Klub der Jungen", ausgenommen. Di- l-röstnllng findet am 30. November, nachmittags S Uhr, in Anwesenheit he« jugoslawische« Gesandten statt. Gattenmorö aus Eifersucht. Die Ehefrau in der Wohnung des Nebenbuhlers erschossen. Große Ausregung verursachte heule in den frühen Morgen- stunden ein Schwerverbrechea in der Mulackstraße. in der Nähe des alten Scheunenvierlels im Zentrum der Stadt, hier wohnt in dem Hause Nr. 35 Im dritten Stock sür sich allein ein Händler Otto lZerndk, ein den Behörden nicht unbekannter Mann, der mit Goldwaren. Brillanten und allem möglichen Ge- schäfte macht und In der Kriegszeil auch mit Brotkarten handelte. Er besitzt ein geräumiges Borderzimmer, das er gut und nett eingerichtet hat. hier pflegte er nicht selten Liebschaften zu empfangen. Zu seinen Freundinnen gehörte auch die ZS Zahre alte Ehesrau Frieda Borchert, geb. Rennemann, deren Mann ihm ebenfalls gut bekannt ist. Als Berndt gestern abend wieder Frau Borchert bei sich empfing, drang der Ehemann der Borchert in die Wohnung ein und erschoß, nach einem kurzem Wortwechsel mit Berndt. seine-Frau. während sich Berndt noch rechtzeitig in Sicher- heit bringen konnte. Gestern abend war Frau Borchert von einem Gastwirt in der Karlstraße zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Nach einer Zecherei rief sie von dort aus Berndt. von dem sie wußte, daß er sich in einem Verein aushiell, durch den Fernsprecher an und bat ihn, sie abzuholen. Berndt tat das auch, brachte sie aber nicht nach der Ackerstraße, sondern nahm sie in seine Wohnuno in der Mulackstraße mit. Hier kam das Paar gegen 3 Uhr früh an. Borchert, der feine Frau zu Haufe vergeblich erwartet hatte, erfuhr nun, daß sie mit Berndt nach der Mulackstraße gegangen war und inacht« sich auf, um sie heimzuholen. Als es gegen i'A Uhr an Berndts Wohnung klopfte, wußten dieser und seine Begleiterin gleich, wer draußen war. Frau Borchert, die nur mit dem Hemd und einem geblümien Kimono bekleidet mar, kroch eiligst unter das Bett. Ihre anderen Sachen stopfte Berndt in seinen Schrank. Dann öffnete er und tat, als ob er von der Frau nichts wisse. Borchert ließ sich aber nicht täuschen. Er begann das Zimmer zu durchsuchen, und als er in dem Schrank die Kleider seiner Frau entdeckte, stürzte er sich auf Berndt, verprügelte ihn, zog seinen Re- volver und drohte, alle zu erschießen. Berndt sah bald, daß er seinem großen, kräftigen Gegner nicht gewachsen war, zog sich rasch einen Mantel über das Hemd, eilte hinaus und wartete auf dem Hofe das weiter« ab. Borchert suchte nun weiter, fand seine Frau unter dem Bett, zog sie hervor, warf sie über das Bett und gab drei Schüsse aus sie ab. Die Nachbor trauten sich nicht ein- zugreifen, weil sie wußten, daß der gewalttätige Borchert den Lärm verursachte. Er oerließ, nachdem er die Schüsse abgefeuert hatte, laut schreiend die Wohnung und verschwand. »Ich habe sie erschossen, ich habe meine Friedet erschossen!" schrie er auf. Die Nachbarn glaubten, daß er nicht nur sein« Frau, sondern auch Berndt getötet habe. Erst jetzt traute man sich hervor und benachrichtigte das 7. Revier. Dieses gab die Meldung an die Mordkommission weiter, und alsbald erschienen der Chef der Krimi- nalpolizei, Regierungsdirektor Dr. Weiß, der Leiter der Mord- inspektion Kriniinalrat Gennat und die Kommissare der Mordkom- Mission Werneburg und Erdmann mit dem Gerichtsarzt Professor Slrauch und ihren Beamten. Berndt hatte sich nach der Flucht seines Gegners ebenfalls in seine Wohnung hinaufbegeben und sich angezogen. In dem sonst so ordentlichen Zimmer sah es jetzt wüst aus. In dem Kampf zwischen Berndt und Borchert waren Tische und Stühle umgefallen, Geschirr zertrümmert und in Scherben umher- geworfen. Frau Borchert lag kol aus dem Bell. Wie Professor Dr. Strauch mitteilte, hatte alle drei Nah- schösse sie tödlich getroffen. Eine Kugel war eine Hand- breit hinter dem linken Ohr in den Kopf eingedrungen, eine zweite hatte den Kopf unter dein Ohr getroffen und durchbohrt, die dritte war auf der anderen Seite eingedrungen. Nach Ausnahme und photographischer Festlegung des Befundes wurde die beschlagnahmte Leiche nach dem Schauhguse gebracht. Berndt und andere Zeugen wurden alsbald im Polizeipräsidium vernommen. Borchert ist flüchtig und noch nicht ermittest. Die Sitte um Zeuer. Ueberfallen und auf das Eisenbahngleis geworfen. Ein Ucberfall von ungewöhnlicher Roheit wurde in der oer- gangenen Nacht um Zlü Uhr auf der D u n ck e r b r ü ck e im Nord- osten der Stadt verübt. Als der 3l Jahre alte Arbeiter Harry K. aus der Kopenhagener Straße vom Nachtdienst nach Haus« ging, traten auf der Dunckerbrücke drei junge Burschen an ihn heran und boten ihn um Feuer. K. war vorsichtig und miß- trauisch: die Gestalten erschienen ihm verdächtig. Er entsprach ihrer verfänglichen Bitte nicht und wollte rasch weitergehen. Da fielen alle drei über ihn her. Wahrscheinlich hasten sie es zunächst auf einen Raub abgesehen gehabt. Jetzt aber packten sie K.. hoben ihn hoch und warfen ihn über das Geländer der Brücke auf die Geleise der Ringbahn hinab, wo er hilflos und schwer verletzt liegen blieb. Zum Glück fanden ihn Streckenarbeiter aus, bevor noch ein Zug kam. und brachten ihn nach dem Krankenhaus am Friedrichshain. Der Ueberfallen« liegt so schwer darmeder, daß er nur ganz kurz verhört werden tonnte. Die Wegelagerer sind ihm ganz unbekannt, beschreiben kann er sie nichc. Mitteilungen zur Aufklärung nimmt das Raubdezernat im Zimmer 80 des Poli- zeipräsidiums entgegen. Skaüemiker unö Republik. Eine Kundgebung der freiheitliche« Profefforeu. Das Deutsche Friedenskartell hatte In das ehemalige Herrenhaus«ine stark besucht« Kundgebung einberufen, in der zu dem Thema„Die Kulturaufgaben des deutschen Akademikers" Stel- lung genommen wurde. Die Quintessenz der Beranstastung war eine entschiedene Absage an das Studententum nationa- listischer Couleur und ein starkes Bekenntnis für eine soziale, pazi- sistisch und republikanisch eingestellt« Studentenbewegung. Die erste Rednerin, Gräfin zu Dohna, schilderte ihre Eindrücke anläßlich der Genfer Völkerbundstagnng und versicherte, daß sie der festen Ueberzeugung sei, die Welt stände am Grab« der deutsch-französischen Feindschaft. Professor H o b o h m entgegnete auf die verlogene nationalistische Phrase, den Pazifisten fehle es an patriotischer Ge- sinnung. Kann man vergessen, daß hunderttausende Sozialdemo- traten im Kriege fielen? Der Kampf aber um die Seele der ata- demischcn Jugend muß das interessierte Bürgertum in der Haupt- fache allein aussechten. Denn es muß leider festgestellt werden, daß im vorigen Semester von 31 000 Studenten nur 425 aus A r- beitersamilten kamen. Gras Arco beleuchtete die pazi- fistische Idee vom Standpunkt der Technik und führte des näheren aus. wie sehr die ins Raffinierte gesteigerte Entwicklung der Gift- gastechnik zur Konsolidierung der Friedensidee beitrage. Professor Quidde führte aus, daß die Jugend, insbesondere die akademische Jugend, die Avantgarde der Friedensidee sein müsse. Immerhin sollten wir versuchen, die Psyche der in Opposition zum neuen Staat stehenden Majorität der akademischen Jugend zu verstehen. Wir sind jetzt in den Völkerbund aufgenommen. Köln ist geräumt, die Frühräumung der Rheinlande steht immerhin in Aussicht. Der Ab- bau des Hasses also, der aus der ganzen Linie erfolgt, ist die t ö d- l i ch st e Waffe gegen die Argumente der 5i«tzer, die die Herzen der Jugend mit Revancheideen vergiften. Als Professor W e st p h a l davon sprach, daß man auch verstehen müsse, mit Kindern sür Hel- den des Totschlags zu schwärmen, und al» geeignetes pazifistisches Lehrmittel für Leonidas von den Termopylen plädierte, regte sich heftiger Widerspruch eines Teiles der Versammlung. Professor Veit Valentin ging auf die Entwicklung des Akademikertums und seiner Einstellung zum Staate ein. Er erinnerte daran, welchen Verfolgungen freiheitliche Professoren früher ausgesetzt waren. Der letzte Redner, Genosse O e st r e i ch, betonte, daß er der Entwicklung des akademischen Nachwuchses mit größtem Pessimismus gegenüber- stände. Die Realisierung des Kommersbuches war friiher die eigene Lebensaufgabe der Sausstudenten. Sie ist es leider zum großen Teil auch heute noch. Lassen wir den Leuten die Liebe zur Ver- gangenheit, aber erziehen wir sie vor allen Dingen zu einer weit innigeren Liebe zur Zukunft. Prof. Oeftreich schloß unter starkem Beifall mit der Aufforderung, nicht nur mit schönen Worten, son- dern durch die Tat sür die Heranbildung einer ideenbewuß- ten Jugend Sorge zu tragen. Weitere Erfolge der Reichsbannerwerbewoche. Eine gut besuchte Werbeversammlung des Reichs- banners fand am Mittwoch in Friedrichshagen statt. Voran ging ein Umzug durch die Straßen Friedrichshagens. Di« Ansprache >>ielt Kamerad Rave von der Demokratischen Partei. Er führte aus: Wir werben sür das Reichsbanner, um die Säumigen aus- zurütteln und alle Republikaner und Friedenssreunde zusammen- zufassen. Die Farben Schwarzweißrot sind durch die Rathenau- und Fememörder beschmutzt und werden nie wieder die deutschen Farben werden. In der Versammlung wurden 35 Neuaufnahmen abgegeben.— Der Kreisverein Wilmersdorf veranstaltete gestern abend eine Kundgebung in den Iohann-Georg- lZ ä l e n. in der Kamerad Polizeioberst a. D. G. Krüger zu den versammelten sprach. Die Dersammlunq war gut besucht, vor ollem waren die Aichönger der republikanischen Parteien sehr zahl- reich erschienen. Kamerad B i e r m a n n sprach über die Arbeiten des Reichsbanners und forderte die Versammellen auf, diese Front der republikanischen Schutztruppe durch ihren Bestritt noch zu stärken. Es wurde eine stattliche Anzahl neuer Mitglieder in der Bersamm- lung gewonnen._ voppelfelbstmord eines Ehepaares. In ihrer Wohnung in der Buchholzer Straße 6 wurden der 57jährige Produktenhändler W i l- Helm H o f f m a n n und dessen 54jährige Ehesrau Anna in ihrem mit Gas angefüllten Schlafzimmer leblos aufgesunti«n. Ein hinzu- geruscner Arzt konnte nur noch den bereits vor mehreren Stunde» eingetretenen Tod feststellen. Aus hinterlassen«!' Briefen geht un- zweiselhast hervor, daß die Eheleute gemeinsam in den Tod gegangen sind. Der Grund zu dem Berzweislungsschritt ist aber unbekannt. (Ein Baldnr-winlerfest veranstaltet die GrüneHcimat(E.V.). Gesellschaft für Erholungs- und Heimstätten, am Sonntag, dem 28. November, im Bankettsnal nebst anschließendem Blauen Saal des Lehrervereinshauses(Alexandcrplatz). Ansang Pnntt 6 Uhr. Der wanüernüe Derg. Ein Torf unter Stein- und Schlamm-Masseu begraben. Bereits in der INorgennummer hallen wir mitgeleitt. daß nach einer Meldung aus Nizza das Dorf Rocqucbllliere, das 15 Kilometer von Nizza entfernt liegt, infolge eines Erdrussches, der durch wolkenbrucharligen Regen der letzten Tage verursacht wurde. verschüttet worden ist. Die Wehten Nachrichten lassen leider keinen Zweifel darüber, daß es sich um eine außerordentlich schwere Katastrophe handelt, denn es sind bis jetzt bereits 2 5 Tot« zu verzeichnen. Das Unglück entstand dadurch, daß zunächst infolge der hefli- gen Regensälle der letzten Tage sich ein großer Riß von clwa einem Kilometer Länge oberhalb des Dorfe» in der Erde zeigte, wodurch eine Geröllhalde zum Rutschen gebracht wurde. Eine riesige Stein- und Schlammasse drang in das Dorf ein und zermalmte die Gebäude wie Karlenhäuser. Mehrere worden sogar in den benachbarten Fluß gedrängt. Die Ret.ungsarbeiken gestalten sich außerordentlich schwierig, da bei Graboersuchen sofort Wasser und Schlamm zum Vorschein kommen. Das benachbarte Dorf Belvcdere wurde ebenfalls geräumt. Zm Dorfe S i j i t haben mehrere Häuser Risse erhalten, von der Garnison Nizza sind hilsstruppen abgesandt worden. Die vcpartemcntsbehörden haben sich ebenfalls an die Unglücksfielle begeben. Der Prozest gegen die Teltower Posträuber. Leipzig. 25. November.(TU.) Vor dem vierten Strafsenat des Reichsgerichts haben sich heute Paul Göriß aus Braun- schweig, der mit 12 Iahren Zuchthaus vorbestrafte Klempner Paul E i ck aus Spandau und der Schmied Paul Franke aus Braunschweig, der insgesamt 14 Vorstrafen hat, wegen Vor« bereitung zum Hochverrat und Raub zu verantworten. Die Angeklagten haben am 15. Februar 1923 das Postamt in Teltow ausgeraubt. Den anwesenden Beamten hatten sie erklärt, ihnen passiere nichts, sie beschlagnahmten nur im Namen des Volkes und der Revolution. Die Verbrecher erklären, daß sie die Tat zwecks Beschaffung der Mittel zu einem Ausstand gegen die d—- zeitige Gesellschaftsordnung begangen hätten. Ein Bolkshotel in Hamburg. Das mit Hilfe des hamburgischen Staates von den Hamburger freien Gewerkschaften am Nagelsweg 10—14 in Hamburg erbaute Voltshotel, das sich H e i m ft ä t t e s iir reifende Arbeiter, Angestellte und Beamte nennt, ist fertiggestellt und wurde am 24. November 1920 in Betrieb genommen. Es soll insbesondere zuziehenden auswärtigen Arbeitskräften die Mögliä?- keit einer einwanhjreicn Untertunst im hamburgischen Wirtschaft?- gebiet geben. Der Hamburger Senat hat in Verbindung mit der hamburgischen Bürgerschaft zur Bestreitung der erforderlichen Bau- kosten, die zusammen über 2 Millionen Mark betragen, ein Dar- lehen von rund 1500 000 M. gewährt. Das 10 Stockwerke(ein- schließlich Keller) hohe Gebäude enthält über 13 0 Zimmer mit einem und zwei Betten. Außerdem befinden sich in den oberen Geschossen für mehr als 5 0 Jugendlich« Unterkunftsmöglich- ketten in Zimmern mit zwei Betten, die dem Jugendamt zur Der- fügnng gestellt wurden. Jedes Zimmer hat fließendes kaltes und warmes Wasser, Zentralheizung und eingebaute Schränke. Tagesaufenthollsräume, Schreibzimmer, Arbeitszimmer, ein Lesesaal. Einzel- und Gemeinschaftsbäder sind mit«ingebaut. Für den Sommer ist auch ein Dachgarten vorgesehen. Dem Einkommen der reisenden Arbeller, Angestellten und Be- amten entsprechend sind die Preise niedrig gehalten. Di« Heim- statte bietet von 1 M. aufwärts eine gute Unterkunstsmöglichkeit. Sie „Mitropa" will reformieren. Auf Kosten der Angestellten und der Gäste. Di« Mitropa-Direktion hat den Lohntarif gekündigt. .. er nicht etwa, um die unzulänglichen Löhne der Angestellten zu er- höhen, sondern um an Stelle der seit Jahren für das Speisewogen- personal bestehenden festen Lohne nebst kleinen Umfatzprozenten in Höhe von bis 2 Proz., das B« d ie n u n g s g e l d«inzu- führen. Di« in der Presse, besonders recht häufig in der letzten Zeit, zum Ausdruck gebrachte Unzufriedenheit der Gäste m i t den Preisen und der Beschaffenheit der im Speise- wagen gebotenen Speisen, Kaffee usw. hat die Direktion scheinbar nervös gemacht und zum Nachdenken vercmlaht, wie sie die rielen Klagen zum Verstummen bringen kann. Sie will, wie st« auch den Gewertschastsoertretern gegenüber bei einer Zusammenkunft sagte, die Preiseabbau« n. Dabei ist sie aus den„schlauen Gedanken" gekommen, den Preisabbau aufKosten derAngestellten vor- zunehmen. Um diesen Zweck zu erreichen und gleichzeitig noch ein nettes Geschäft obendrein zu machen, sollen die festen Löhne beseitigt und dafür das Vedienuugsgeld eingeführt, das heißt die Entlohnung auf die Gäste abgewälzt werden. Di« Verwirklichung dieser Absicht würde einmal«in« Schädigung der Angestellten und zum anderen ein« Irreführung der Gäste bedeuten. Ein« Schädigung der An- gestellten insofern, als man ihnen ihr« festen Bezüge nehmen und ihnen dafür als„Ersatz"«ine unsichere Entlohnung in Gestalt des Bedienungsgeldes aufoktroyieren will� eins Irreführung der Gäste in- sofern, als man auf der«inen Seite die Preis« um vielleicht Ist Proz. abbaut, diesen Abbau auf der anderen Seite aber wieder i l l u- s o r i s ch macht durch die Einführimg eines Bedienungsgeldaustchlanez von 10 Proz. auf die von den Gästen konsumierten Speisen und Ge- tränk«. Der Endeffekt wäre also, die Gäste hätten von diesem „Preisabbau" keinen Nutzen, die Ange st«Ilten aber wären die Geprellten, und die„M i t r o p a" würde die bis- her igen Löhne in Höhe von schätzungsweise mindestens i'A Millionen pro Jahr in die Tasche stecken. Die Angestellten haben bereits in«inigen Orten, und zwar in Berlin, Hamburg und M ll n ch« n, zur Tarifkündigung in stark besuchten Versammlungen Stellung genommen und nach den Berichten der Organisationsverteter und lebhafter Aussprache die Einführung des Bedienungsgeldes abgelehnt. In Berlin wurde einstimmig folgend« Resolution angenommen: „Die stark besuchten Versammlungen der„Mitropa"-AngesteUten am 18. und 19. November in Berlin, nehmen von der Kündigung des Lohntarifes durch die Direktion der„Mitropa" Kenntnis. Di« Ver- sammelten sind übereinstimmend der Ueberzeugung, daß die von der Direktion der„Mitropa" beabsichtigte Einführung des Bedienungs- xddes an Stelle der bisherigen festen Wockzenlöhne mit kleinen ein- kalkulierten Umfatzprozenten, für die Angestellten nicht von Vor- teil ist. Sie weisen deshalb«in« anderes, wie das bisherig«, seit Jahren bestehende Lohnsystem mft aller Entschiedenheit zurück und fordern, in Anbetracht der fortschreitenden Teuerung, ein« C r- höhung der jetzt gültigen Löhne um 20 Proz." Eine weitere Maßnahm« der„Mitropa", wodurch sie die unzu- friedenen Gäste zu beschwichtigen gedenkt, ist die Einführung der Fochschulkurs« für Kellner und Köche. In diesen Kursen soll den Kellnern anscheinend beigebracht werden, wie man durch tadelloses Benehmen gegenüber den Gästen die mangelnd« Preiswürdigkeit und Güte der Speisen usw. ersetzen kann. Den Köchen soll wahrscheinlich das„Geheimnis" beigebracht werden, wie man mit 4 0 P r o z. bester und schmackhafter kochen kann, wie bisher. Die„Mitropa" hat nämlich für die Köche eine ganz „besondere K a l k u l a t i o n s m« t h o de". Di« Abteilungsleiter haben mit Argusaugen darüber zu wachen, daß kein Koch mit einem höheren Prozentsatz arbeitet, wie mit 40 Proz., das heißt: für ge- liefert« Rohmaterialien im Werte von 40 M. muß der Koch eine Einnahme von 100 M. herauswirtschaften. Um dem ckon vornherein vorzubeugen, falls die„Mitropa" etwa einmal versuchen sollte, den Köchen in der Oeffentlichkeit die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, wenn die Gäste mit der B e- schaffenheit der Speisen nicht zufrieden stnd, stellen wir fest, daß es nicht an den Köchen, sondern an der geschilderten Kolkulationsmethod« der„Mitropa" liegt, wenn die Gäste sich über die verabfolgten Speisen, Kaffee usw. beklagen Bezeichnend ist folgender Vorgang in der Fachschule: Als«in Koch während des Kursus einmal mit 6 8 Proz. gekocht hatte, sagt« der Lehrer, das sei gut gekocht. Der Koch erwiderte:„Wenn Sie mit einem solch hohen Prozentsatz, der den bei der„Mitropa" üblichen Satz von 40 Prozent um 28 Proz. übersteigt, in der Praxis kochen würden, dann hätten Sie mit ihrer Entlassung zu rechnen"— und der Lehrer schwieg betreten. In den Berliner Versammlungen, die sich mit dieser Angelegenheit befaßten, fand nachstehende Entschließung einstimmig Annahme: „Die Versammelten protestieren gegen die von der „Mitropa"-Dir«ktion ohne Einverständnis mit den Angestellten«inge- führten eigenen Fachschulkurse für Kellner und Köche, und zwar in der Hauptsache deshalb, weil von einer Freiwilligkeit des Schulbesuches kein« Rede sein kann, den betreffenden Ange- stellten durch den Besuch der Schule ein Teil ihres Ber- dien st es verloren geht, der Schulbesuch nicht als Ar- beitszeit angerechnet wird und der dadurch entstanden« Ausfall der Arbeitszeit durch spätere Nacharbeit wieder einge- bracht werden soll. Di« von der„Mitropa"-Dir«ktion beliebt« Durchführung ihrer neuesten Einrichtungen bedeutet also eine Verletzung des bestehenden Tarifvertrages. Das so ohne weiteres hinzunehmen, sind die Angestellten nicht gewillt. Sie beauftragen ihre gewerkschaftliche Interessenvertretung, den Zentraloerband der Hotel-, Restaurant- und Cafä-Angestellten,«nt- sprechende Maßnahmen in die Weg« zu leften, um die„Mitropa" zur Einhaltung des Tarisoertrages zu zwingen." die gesetzliche Arbeitszeit vogelfrei. Der Justizapparal versagi fjicr. Das Gswerbsaussichtsamt Mitte hatte den Küchenmeister F ii ch»— irüher Mercedes-Palast—, fett Januar dieses Jahres bei Hillcr, zur Anzeige gebracht wegen Ueber- stchreitung der Arbeitszeit der Lehrlinge. Fuchs lvitte gegen einen Strasbsschl von 300 Mark Einspruch erhoben. Bor dem S ch ö s f e n g e«r i ch t wurde der skandalöse Zustand offen- bar, daß weder der Staatsanwalt, noch Polizei und Gewerbeaufsichtsamt es für notwendig befunden Hutten, Beweis- Material gegen die offensichtlichen Vergehen des Angeklagten beizubringen. Als Zeugen hatte man den B o r s i tz e n d e n des Berliner Zweigvercins des Zenlralverbandes der Hotel-, Restaurant- und Eafeangestellten gelade», der natuigemäß positive Angaben aus eigener Anschauung nicht maiyen konnte. Er war nur in der Lage, auszusagen, dag aus Grund wiederholter Be- s ch w c r d e n sein Verband Anzeige erstattet hat. Unter diese» Um- ständen wurde der Angeklagte obendrein noch aus Kosten der Steuer- zahler freigesprochen. Der Iustizminister hat alle Ursache, der Anregung des Reichs- arbeitsministers nachzugehen, die Staatsanwastschaften zu veron- lassen, daß die Freibriefe zur Mißachtung der Arbeitszeit- bestimmungen endlich aulgeboben werden. Die Lehrlinge ins- besondere müssen vor Willkür Schutz finden. Unzulässige Eilfertigkeit. Bei der Entlassung eines Betriebsratsmikgliedes. Die Finna M ix u. G« n« st hat wegen Arbeitsmangel«ine Zahl Arbeiter, unter ihnen auch ein Betriebsratsmitglied, entlassen. Nachträglich hat sich dann die Firma daran er- innert, daß sie zur Entlassung eines Betriebsratsmitgliedes der Zu- stimmung des Betriebsrats bedarf. Nun oersuchte die Firma mit größter Eile das Bersäumt« nachzuholen. Am Freitag, den 29. Oktober, morgens 9 Uhr, erhielt der Vorsitzende des Betriebsrats«in Schreiben, worin die Firma die Zustimmung zur Entlassung beantragte und hinzufügt«, wenn sie nicht bis 2 Uhr nachmittags Antwort habe, dann nehme sie an, daß die Zustim- niung oersagt sei. In diesem Eiltempo konnte die Angelegenheit beim besten Willen nicht erledigt werden. Das Betriebsrätegesetz schreibt vor, daß«in gültiger Beschluß des Betriebsrats nur gefaßt werden kann, wenn all« feine Mitglieder unter Mitteilung der Beratungsgegenstände ge- luden sind. Am 29. Oktober befanden sich aber zwei Betriehsratsmit- glieder gar nicht im Betrieb«, sie waren an demselben Tag« nicht zu erreichen und mußten brieflich in ihrer Wvhnug benachrichtigt werden. DieSitzungdesBetriebsrats wurde deshalb o u s M o n to g den L November angesetzt. Sie hat die Zustimmung zur Entlassung oerweigert. Die Firma aber hat diesen Beschlußnichterst abgewartet, sondern schon am 2 9. Oktober ihren Antrag auf Ersetzung der Zustimmung an das Gewerbegericht gesandt. Dieser Antrag wurde am 24. November vor der Kammer 8 ver- handelt. Der den Betriebsrat vertretende Sekretär des M« ta l lo r b« i t« r ve r b a n d« s beantrag-t« Abweisung äps folgenden Gründen: Nach dem Betriebsräiegesctz kann die Firma das Gewerbegericht erst dann anrufen, nachdem der Betriebsrat seine Zustiirunung versagt hat. Der Antrag an das Ge- w«rl>eg«richt ist aber gestellt worden, als der Betriebsrat noch gar nicht die Möglichkeit bot-«, zu der Entlassung seines Mitgliedes Stellung zu nahmen, also ist der Antrag unzulässig. Der Vertreter der Firma meint« dagegen, der Antrag sei zulässig. denn jetzt, am Tage des Termins, lieg« ja der ablehnende Beschluß des Belriebsrats vor Uebrlgens hätte sich der Betriebsrat noch am 2g. Oktober mit der Angelegenheit beschäftigen rönnen, er hätte doch die abwesenden Mitglieder nötigenfalls per Auto hs�iholen können. Der Betriebsrat habe also die Angelegen» heil absichtlich verschleppt. Der Vertrete« des Beklagten erwiderte daraus: Daß die Firma Mix u. Genest Autofahrten zur Abhaltung von Betriebsratssitzungen bewilligen und bezahlen werde, das konnte man nach den bisherigen Erfahrungen nicht erwarten. Das Gericht erkannte auf Abweisung des Antrages der Firma, weil die Boraussetzung desselben, nämlich die Verweigerung der Entlassung durch den Betriebsrat, zur Zeit der Einreichung des Antrages beim Gericht nicht erfiillt war und von einer Ver- schleppung der Angelegenheit durch den Betriebsrat kein« Rede fein kann._ Die kurzarbeiterfürforge verlängert. Bis zum ZI. März 1927. Die Geltungsdauer der Kurzärbeiierfürsorge, die Ende November abläuft, wsrd, wie wir erfahren, bis zum 31. März 1927 verlängert. Aenderungen an den Für- sorgebestimmungen werben nicht vorgenommen. Neichskonferenz der Straßenwärter. Eine Konferenz der Straßcnwärter, bei der über 300 Ver. treter aus allen Teilen Deutschlands erschienen waren, tagte am letzten Sonnabend und Sonntag in Braunschweig. Der fach- lichen Weiterbildung dienten zwei Referat« von Baurat Schütte über„Die Erfahrungen mit neuzeitlichen Fohrbahnbefestigungen (unter Berücksichtigung der Automobilversuchsstraße des Deutschen Straßenbauoerbandes Braunschweig)" und des Gartenbauinspektors Z i e g l e r über„Die Pflege der Obstbäume an den Landstraßen". lieber„Betriebsräte- und Unfalloersichcrungsfragen" sprach Weck und über den„Verband der Gemeinde- und Staatsorbeiter als Einheitsorganisation aller Arbeitnehmer der öffentlich-rechtlichen Ver- waltungen D i t t m a r- Berlin. Wie M e i ß n er- Hannover in seinem Referat über„Lohn- und Tarispolitik und Ruhelohn" hervorhob, bestehen völlig unberechtigte unterschiedliche Löhne. Die höchsten Löhne hat Kiel, wo 68 Hf. pro Stunde gezahlt werden, sonst überall sind die Löhne der Land- straßcnwärter in ganz Deutschland ungenügend. Wo Ruhelohn gewährt wird, sind die Sätze sehr bescheiden. Nimmt man die Invalidenrente hinzu, so kommt man auf ungefähr 60 Proz. des Lohnes; diese Sätze werden aber vielfach nicht erreicht. Bon de» SO 000 StraßemvSrtern sind setzt 9000 km Gemeinde» und Staatsarbeiterverband organisiert. Die Konferenz forderte in einer Reihe von Entschließungen vor allem ausreichenden Tariflohn, Bezahlung der Wochenseiertage, Durchführung des Achtstunden- tages, Zahlung des Lohnes bei Erkrankung, ausreichenden Er- holungsurlaub und Schaffung einer ausreichenden Ruhelohn- und HiMerbliebsnenversorgung._ Der Streik der Gold- und Silberarbeiter. In der Bersammlung der streikenden Gold- und Silberorbeiter am Mittwoch im Dresdener Garten berichtete Genosse H e n s ch c l über die S t r c i k l a g e. Nachdem zwei der größten gir- m e n aus der anfangs einheitlichen Unternehmersront ausgebrochen waren und mit dein Deutschen Metallarbetterverbond H a u s t a r i s e abgeschlossen hallen, folgten in den nächsten Tagen zwei weitere größere Firmen. Die mit diesen Firmen abge- schlossenen Haustarife sind in einigen Positionen, besonders in der Urlaubsfrage, noch günstiger als die beiden zuerst abge- schlossenen. Ob es mft den anderen Firmen in den nächsten Tagen ebenfalls zu einer Einigung kommen wird, hängt ganz von der wei- teren Einstellung der Unternehmer selbst ab. Die Streikleitung sowohl als die Streikenden sind fest eni« schlössen, den Kampf nicht eher abzubrechen, bis die noch bestreikten Firmen zum mindesten ebensoviel Entgegenkommen zeigen wie die Firmen, bei denen durch den Tarisabschluß die Arbeit wieder aus- genommen wurde. Während der Versammlung wurde telephonftch mftgeteilt, daß die noch bestreikten Firmen zu zentralen Ver- !»andlungcn bereit seien, die heute nachmillag stattsindcn ollen. Genosie H e n s ch e l richtete an die in Arbeit Siehenden den dringenden Appell, die finanzielle Unterstützungsaktion verstärkt weiterzuführen, da noch nicht vorausgesagt werden könne, ob die Verhandlungen zur Beendigung des Streiks sichren werden. Sollte es aber dazu kommen, dann werden die aufgebrachten Gelder den arbeitslosen Branchenangehörigen zu Weihnachten ausgezahlt werden, die trotz longer Entbehrungen den Streikenden nicht in den Rücken gefallen sind. Zu dem Ergebnis der heuiigen Verhandlungen werden die Streikenden morgen vormittag 11 Uhr im Berbandshaus der Metallarbeiter Stellung nehmen. Eine gewerkschaftliche Heimstätte. In Hamburg ist am Millwoch die neue Heimstätte der Freien Gewerkschaften durch einen Festakt feierlich eröffnet worden, nachdem am Dienstag die Schlußsteinlegung erfolgt war. Die Hamburger Gewerkschaftsbewegung hat mit der Erössnung der neuen Heimstätte ein Wert vollendet, das weit über Hamburgs Grenzen hinaus Bedeutung verdienll Die Heimstätte ist ein Gasthaus für zugereiste Arbeitnehmer, die m Hamburg Stellung gesunden haben, aber leider bisher nur unter großen tschwierigkeiten in geeigneten Räumlichkeiten unter- gebracht werden konnten. Die Heimstätte wahrt zwischen den in wenig gutem Ruf stehenden Herbergen zur Heimat und den teuren Hotels die mittlere Linie. Sie soll der aus Berufsgründen reisenden Arbellnehmerschast ein Heim bieten, in dem sich jeder Gast nach seinen Kulturbedürfnisscn wohl fühlen kann. Die Heimstätte ist ein stattlicher Bau in moderner architektonischer Linienführung. Sie umsaßt 10 Stockwerke und bietet mtt 240 Betten in 130 Zimmern für zureisende Handwerker, Arbetter und Angestellte angemessene Unterkunftsmöglichkeiten, die durchaus modern einge- richtet sind. Dazu kommen alle für einen modernen Gasthausbetricb erforderlichen Nebenräume und Einrichtungen: Küche, Waschküche. Bad, Schreib-, Lese- und Unterbaltungszimmer usw. Die Preise sind so gehatten, daß sie von allen Arbeftnchmerschichten getragen werden können. Der Bau des Hauses und seine Einrichtung erforderten einen Ko st en aufwand von 214 Millionen Mark, von denen ein wesentlicher Teil durch den Hamburger Senat der Heimstätte als Darlehen zur Verfügung gestellt wurde. Die Heimstättengesell- schaft ist ein gemeinnütziges Unternehmen, das von ollen Arbeitnehmerschichten in Anspruch genommen werden kann. ver niederländische vergarbcikerverband beschloß auf seiner soeben in Heerlen stattgefundenen außerordentlichen Tagung einstimmig, ein neues Lohnabkommen auf die Dauer eines Jahres mit einer zeitgemäßen Lohnerhöhung auf der Grundlage von Mindestlöhnen zu fordern. Die Sparkasse der Bank der Arbeiker, Angestellten»nd Beamten A..S.. Berlin, Wallstr. KS. ist täglich mft Ausnahm« von Sonnadentz von 9—3 Uhr und S— 7 Uhr, Sonnabends von 9—1 llhr geöffnet. Mus öer Partei. Gustav Lehmann gestorben. In Karlsruhe ist im Alter von 71 Iahren Genosse Gustav Lehmann gestorben, der lange Jahre badischer Landtogsabgeord» neter und von 1907 bis 1912 auch Mitglied des Reichstags war. Lehmann war ursprünglich Möbeltischler. 1890 trat er in die Redak- tion unseres Dortmunder Parteiblattes ein. Seit 1899 wirkte er als Akquisiteur an der Mannheimer„Volksstimme". Im Reichstag vertrat er den Wahlkreis Wiesbaden. Seit 1923 hatte er sich zur Ruhe setzen muffen. Berantwarllickl für Polilik: Dr. avrt»«yrr!«rf,r Satrr»»,! Sewcrksckaftsbrwraunq: Rrirbt. Ckbtn: RcutQcton:*. 8. Difchu: Lokale» und Sonltigcs: Arift»arNadt: Änzeioen: Ct.»lock«: sämtlich in Berlin. Verlag: Lorwärts-Verlag G.m.b.H.. Berlin. Druck: Borwirts-Buchdruckerel und DcrlaasanstaU Paul Singer u. Co. Berlin S3B68. LindenNrasie(. Teltuttllnilü! Bcnwäschc. Decken, Ciirdlnen, Tecpictie kleiw Retffl. keine Rir.lcrer, iendi«che Knie. Mitzner, flbinjirStr.47 Frische, lange Fett Gänse(l:iS allererste Qualität. Wcpier, Berlin dO MariannenstraDe34. J. H. W. Dietz Nachff., G.m.b.H. ündenstraße 2 I Adolf Hoffmona Episoden und Zwischenrufe au» der varlomeut»- und Minifterzeit. Preis I Marl Porto 5 Pfennig. vorrätig in allen Vorwärts- Ausgabestellen. Der vorteiHiafite FREITAG bei An jedem Freitag besonders günstige Angebote, dazu meine preiswerten Reste und Einzelpaare Am 26. Nov. Reimvoll. 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