Menöausgabe w(lO Pfennig) tlr. 588 ♦ 43. JcfytßanQ J �" ��'TP-_#/ vienstag piusok. B Ht.«1 D» W II I-> I I I II I W) II Mz 1«. d-zember l»2ö BtjuesJrttnflmsgen sinb SnKtgenvMtf* W H �M> W»«rla««nd««i-is-nabt.ilun,-. sind i» der M°rg«»-u-»-b« V■ G-schslft-,«tt 81«, btd 5 Uhr Redamon: srn. es, cinöenfftob« 3 � � v«rl-ser: vorwärts- Verlag Smdh. MneoU 292-2BZ � � � �_ V»»-Na-w. 68. Cindenffrabr 3 XeL-Stbt«n*: So jiat&emofcal SetlUi �IJ/ Irl � f f A.rasprrchrri V-ahos, 292-292 Zentralorgan der Sozlaldemokratlfd�en Partei Deutfcblands Michaelis, öer Irieöensverhinöerer. Der kaiserliche Kanzler vor dem Untersnchungsansschuß des Reichstags. Ist es«in Gespenst oder ein lebendes Wesen, das heute von dem Untersuchungsausschuß des Reichstags erscheint? Es erscheint ein kleiner Mann mit oerrunzelten Gesichtszügen, er heißt Dr. Georg Michaelis und war der Nachfolger Bethmann chollwegs, der zweite Kanzler des Welt- kriegs, der drittletzte des Kaiserreichs. Er soll sich verant- worten, reinwaschen von der schweren Anklage, die Friedensaktion des Papstes im Sommer-Herost 1917 verhindert zu haben. Unausdenkbare Vorstellung! Dieser kleine Mann hätte vielleicht der Welt ein Jahr Krieg ersparen, Millionen Menschenleben retten, dem deutschen Volk einen Frieden des Ausgleichs und der Verständigung bescheren können. Er. hat es nicht getan. Er hat den Weg, der zu diesem Glücksziel hätte führen können, schon in seinem Anfang durchkreuzt. Mit dieser Anklage steht der Berichterstatter des Unter- fuchungsausschufses, Professor Dr. B r e d t, gegen ihn. Kein Revolutionär. Kein Mann der Linken. Kein Republikaner. Sondern während des Krieges freikonservativer Abgeordneter des Preußischen Landtags, jetzt Führer der Wirtschaftspartei im Reichstag. Ein Mann, der in seiner Weltanschauung dem kleinen Michaelis sicher näher steht als uns. Immerhin ein Mann, der das Aktenmaterial der Geschichte mit Wissenschaft- licher Gewissenhaftigkeit erforscht und dem dabei die Wahrheit über den Parteien steht. Am 1. August 1917 erließ der Papst ein« Note„An die chänpter der kriegführenden Völker", in der als Friedensziel Rüstungsbeschränkung, Schiedsgericht, Freiheit der Meere, gegenseitiger Verzicht auf Schadenersatz und Kriegskosten gefordert wurden. Deutschland solle Belgien und Frankreich räumen, Belgiens Unabhängigkeit müsse nach allen Seiten gesichert werden, anderseits seien Deutschland seine Kolonien zurückzugeben. Die englische Regierung gab daraufhin zu verstehen, daß erst verhandelt werden könne, wenn eine klare deutsche Erklärung über Belgien vorliege, was wiederum für die Kurie ein Grund war, noch eindringlicher, als dies in der Not« vom 1. August geschehen war, um eine solche Erklärung zu bitten. Der Papst war zu diesem Schritt durch Zeichen des Friedenswillens aus den verschiedensten Ländern ermutigt worden, nicht zuletzt durch die Friedensresolution des Deutschen Reichstags vom 19. Juli 1917, die von der Sozialdemokratie in Gemeinschaft mit dem Zentrum imd der bürgerlichen Linken durchgebracht worden war und' die Deutschlands Bereitwilligkeit zu einem Verständigung?- frieden aussprach. Das ist jene Resolution, die der Reichskanzler Michaelis durch seine geschichtlich denkwürdig gewordene Bemerkung: „Wie ich sie auffasse" vor den Augen der Welt entwertet hatte. Schon war das Mißtrauen in die diplomatische Kunst der kaiserlichen Regierung so stark, daß der Reichstag die Be- cntwortung der so wichtigen Papstnote ihr allein nichtüberlassen wollte. Die Regierung erklärte sich denn auch damit einver- standen, daß sich ein siebengliedriger Reichstagsausschuß um die Redigierung der Antwortnote bemühte. Von der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion gehörten E b e r t und Scheidemann diesem Ausschuß an. Sie forderten auf die klare Frage über Belgien eine klare Antwort, sie blieben allein. Man beschränkte sich darauf, «inen Passus zu formulieren, der eine Bezugnahme auf die Kundgebung des Reichstags vom 19. Juli enthielt. Aber dies« Kundgebung war eben auch nur in allgemeinen Ausdrücken gehalten und sagte über Belgien direkt nichts. Immerhin konnte gefolgert werden: wenn, die Regierung mit der Kund- gebung des Reichstags einverstanden sei, dann sei sie auch bereit,' jnbezugaufBelgiendie logischen Folgerungen zu ziehen. Die Note ging ab. Aber ohne daß der Siebenerausschusz davon ein Sterbenswort erfuhr, schrieb Michaelis an den päpstlichen Nuntius einen Brief, der in seinen entscheidenden Stellen besagte: Sind wir mithin im heutigen Stadium der Dinge noch nicht in der Lage, dem Wunsche Euer Exzellenz zu entsprechen und eine b e st i m m t e Erklärung über die Absichten der kaiserlichen Regierung im Hinblick auf Belgien und auf die von uns gewünschten Garantien zu geben, so liegt der Grund hierfür keineswegs darin, daß die kaiserlich« Regierung grundsätzlich der Abgabe einer solchen Erklärung abgeneigt wäre oder ihre entscheidende Wichtigkeit für die Frage des Friedens unterschätzte oder glaubte, ihre Absichten und die ihr unumgänglich nötig scheinenden Garantien könnten ein un- übersteigliches Hindernis iür die Sache des Friedens bilden, sondern lediglich darin, daß ihr gewisse Vorbedingungen, die eine unbedingte Voraussetzung für die Abgabe einer derartigen Erklärung bilden, noch nicht genügend geklärt zu sein scheinen. Hierüber Klarheit zu gewinnen, wird dos Bestreben der kaiser- lichen Regierung sein, und sie hofft r- falls die Zustände ihr Bor- haben begünstigen,— in nicht allzu ferner Zeit in der Lage zu sein, Euere Exzellenz über die Absichten und nötigen Forderungen der kaiserlichen Regierung, insbesondere in bezug aus Belgien, genauer unterrichten zu können. Damit war ausgesprochen, daß die kaiserliche Regierung die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Belgiens a b- lehnte, da sie ja Belgien gegenüber„Absichten und nötige Forderungen" anzumelden hatte. Damit war die päpstliche Friedensaktion zerschlagen. Zerschlagen hinter dem Rücken des Reichstags, der das Gegenteil gewollt hatte. Das ist die zermalmend schwere Anklage, gegen die sich heute der kleine Michaelis das Gespenst aus der Kaiserzeit, zu verantworten hat. ? Saal 31 des Reichstages. Ein langgestrecktes Rechteck, ein ziemlich nüchtern wirkender Raum. An der einen schmalen Seit« der Tisch mit den Mitgliedern des 4. Unterausschusses, des Aus- schusies zur Erforschung der Ursachen des Zusammenbruches. Links ein kleiner Tisch mit den Zeugen: Abg. Scheidemann, Gras Westarp, der früher« fortschrittliche Abg. Wremer. In der zweiten Reihe an der einen Seit« die Sachverständigen, an der anderen der Zeuge Dr. Michaelis, der aber viel mehr den Ein- druck des Angeklagten macht. Verlassen sitzt er da, nervös in seinen Papieren kramend. Graf Westarp geht vorbei und stattet ihm als einziger im Saale«inen kleinen Kondolenzbesuch ab. Dann folgen die Tisch« für die Presse, der größte Teil des Saales ist für die Abgeordneten reserviert. Di« Verhandlung ist heute öffentlich, der Andrang außerordentlich stark. Soll doch eines der wichtigsten Kapitel aus dem Weltkriege zur Erörterung gelangen, der Friedensschritt des Papste s. Der Vorsitzende, der deutschnational« Abgeordnete Philipp, eröffnet mit dem akademischen Viertel die Sitzung. Er teilt mit, daß der Unterausschuß beschlossen habe, im Anschluß an das Gutachten des Sachverständigen Dr. B r e d t den früheren Reichskanzler Dr. Michaelis über die Frage des Verhaltens der Reichsregierung gegenüber dem Reichstag« und dem Siebenerausschuß oder anderen Vertrauensmännern des Parlaments in Sachen der päpstlichen Friedensaktion als Zeugen zu vernehmen. An Dr. Michaelis sollen zwei Hauptfragen gestellt werden: 1. warum wurde der Reichstag bzw. der Slebenerausschaß oder einzelne verkrauensmänner der Parteien von den Elnwen- düngen der Kurie gegen die Fassung der Antwort auf die Friedens- nole des Papstes nicht in Kenntnis gefetzt? 2. warum wurde dem Siebenerausschuß des Reichstages die Antwort an den Runtius Pacclli vom 24. September 1917 nicht vorgelegt? Der Zeuge Dr. Michaelis soll dies« beiden Fragen in den Mittelpunkt seiner Aussagen stellen. Der Vorsitzende des Unter- ausfchusses teilt weiter mit, daß die in einem Aufsatz von Dr. Bredt im Nooemberhest der„Preußischen Jahrbücher":„Reichskanzler Michaelis und die päpstliche Friedenattion" aufgestellten Behauptun- gen von dem Borsitzenden des Ausschusses und dessen Generalsekretär Dr. E u g e n F i s ch« r im Beisein des Sachverständigen Dr. Bredt geprüft worden seien. Dies« drei Herren hätten idas Ergebnis ihrer Prüfung wie folgt zusammengefaßt: 1. Die Darstellung des Sachverständigen Prof. Dr. Bredt (Preußische Jahrbücher, llov. 1326. Seile 130 sf) über den Ein- druck, den der Entwurf der deutschen Rote auf den Kardinal- Staatssekretär Gaspari gemacht hat. findet In den Akten im wesentlichen ihre Bestätigung. 2. Die Kurie hielt nach den Mitteilungen des Runllus Pacelli die Friedensaktion für gescheitert, wenn die im Entwurf vorgelegte deutsche Aal wortnote unverändert bliebe. Ans den Akten ist bezeugt, daß Pacelli sein tiefes Bedanern darüber ausgesprochen hat. daß seine vielfachen Versuche, die deutsche Regierung zu einer Aenderung ihrer hallung zu bewegen, ergebnislos geblieben sind. Die hier erwähnten Akten sind dem Zeugen Dr. Michaelis im Auswärtigen Amt zur vertraulichen Einsichtnahme zur Verfügung gestellt worden. Mit Rücksicht aus die diplomatischen Gepflogenheiten soll ober in der öffentlichen Vernehmung auf diese Schriftstücke nur insoweit Bezug genommen werden, als ihr Inhalt durch die Ver- öffentlichungen von Dr. Bredt. Ritter von Lama, Abg. Scheidemann u. a. bereits an die Oeffentlichkeit gelangt sind. Von der Ladung des früheren Staatssekretärs von Kühlmann als Zeugen ist zunächst Abstand genommen worden, dagegen sind die Der preußisthe Etat für 7�27. Rede des Finanzministers Höpker-Aschoff im Landtag. Auf der Tagesordnung der heutigen Landtagssitzung stand als einziger Punkt die Begründung des Etats für 1927. Das Haus war stark besetzt. Der Finanzminister ergriff sofort das Wort. Jinanzminister Höpker-Aschoff Der Etat ist den parlamentarischen Körperschaften in diesem Jahre früher vorgelegt worden als je vor dem Kriege. Die Staats- regierung rechnet daher mit seiner Erledigung noch vor dem 1. April 1927. Der Etat für 1925 enthielt ein Defizit von 229 Millionen. Im Sommer dieses Jahres ist mitgeteilt, daß das Defizit nach Abschluß des Rechnungsjahres auf 194,8 Millionen berechnet worden ist. Da aber in den Ausgaben Anleiheausgaben enthalten waren, die im Vorgriff auf spätere Anleihegesetze gemacht und am Schluß des Jahres außerplanmäßig verrechnet worden waren, die aber nach Bewilligung der Anleihegesetze auf Anleihe überwiesen werden können, so vermindert sich das Defizit des Jahres 1925 weiter auf 131,1 Millionen. Am Anfang des Jahres 1926 war demnach noch ein Betriebsfonds von 68,9 Millionen vorhanden. Die Entwicklung von 1926 ist folgende: Di� Reichsfteuerüber- Weisungen werden ein Mehr von 65 Millionen, die Landessteuern ein Mehr von 19 Millionen bringen, die Betriebsverwaltungen da- gegen ein Weniger von 66 Millionen. Bei den Steuern verdient die Hauszins st euer beson- dere Hervorhebung. Der Grundgedanke dieser Steuer wird vielfach mißverstanden und daraus erwächst ein gewisser Groll. Sie ist einerseits Inflationssteuer, andererseits Werterhaltungssteuer. Der Hausbesitzer darf sich nicht aus kosten des Zu drei vierteln euteigneken hypolhekengläubigers bereichern. (Sehr gut! links.) Er muß sich vielmehr selbst gleich dem Hypo- thekengläubiger mit geringerer Verzinsung seines ursprünglichen Kapitals begnügen. Die endgüllige Gestallung der Hauszinssteuer liegt noch nicht sest: auch die Verhandlungen mit dem Rcichskabinett schweben noch. Aber die Hauszinssteuer kann jedenfalls nicht von heute auf morgen abgebaut werden, sondern erst, wenn die Erträge anderer Steuern wachsen und die Bauwirtschaft nicht mehr so groß« Zuschüsse erfordert. Der Zuschußbedarf der Hoheit so erwaltungen ohne die Erwerbslosenfürsorge vermindert sich voraussichtlich um 19,5 Millionen. Außerplanmäßige Ausgaben, darunter große Be- träge für Hochuxisserschäden und Volksschulbauten, werden 73,2 Mil- lionen erfordern. Die Erwerbslosenfürsorge wird 149 bis 159 Millionen verschlingen: werden die Ausgaben für die pro- duktive Erwerbslosenfürsorge aus Anleihe verwiesen, so kommen wir mit den für die Erwerbslosensürsorge in den Etat eingestellten Be- trägen aus. wahrscheinlich wird also das Rechnungsjahr 1927, einschließlich des im Etat vorgesehenen Fehlbetrags von 64 Millionen, mil einem Fehlbetrag von 103.7 Millionen abschließen. Die Entwicklung der A n l e i h e a u s g. a b e n ist folgende: Bis zum 1. Ottober 1926 waren auj bewilligte Anleihegesetze 189 Mil- lionen flüssig gemacht. Davon sind 80 Millionen 1925, 79 Millionen im ersten Halbjahr 1926 für Ausbau von Häfen, Bergwerken, Elck- trizitätswerten, Oedlandkultioierungen, Eindeichungen usw. ausgegeben worden. Der Rest wird in der zweiten Hälfte des Rechnungs- jahres 1926 verbraucht werden. Das neue Jahr bringt einen neuen Anleihebedarf für die Ausgaben der produktiven Errr-erbslosensür- sorge und für eine verstärkte Förderung der Neubautätigkeit. Es ist unmöglich, mit den großen Ausgaben, die im Interesse der Zu- kunst gemacht werden müssen, die notleidende Gegenwart zu be- lasten. Die Reichs st euerüberweisungen bringen im Jahre 1927 ein Mehr von 24,4 Millionen gegenüber dem letzten Etat. Die preußischen Steuern sind in den vorjährigen Beträgen ein- gesetzt. Die Betriebsverwaltungen werden 31 Millionen weniger erbringen, da die Forsteinnahmen 1929 überschätzt wurden. Für die Erhöhung des Wohnungsgeldzuschusses für den Fall einer Mieterhöhung wurden 19 Millionen, für die vorhandenen Staats- bauten 22 Millionen eingesetzt. Die Ausgaben für die Erwerbs- losenfürsorge übernimmt das Reich. Der Unterschied des Etats für 1927, von dem für 1926, läßt sich dahin zusammenfassen: Die Ausgaben der Erwerbslosenfürsorge von 165 Millionen fallen weg: diese Verminderung wird ausgehoben durch Mehrausgaben wie Wohnungsgeldzuschuß und Vauunkerhaliung und durch den wegsall der außergewöhnlichen Einnahmen des Vorjahres im vetrage von 36.2 Millionen. Die Berechnung der Reichssteuerüberweisungen beruht auf der Gestaltung des vorläufigen Finanzausgleichs. Preußen hat im Reichsrat oerlangt, daß den Ländern und Gemeinden die bisherigen Ueberweisungen aus dem Jahre 1927 zugeführt werden, daß also insbesondere die Umsatzsteuer nach einem garantierten Aus- kommen von 1599 Millionen verteilt wird. Alle Länder haben sich diesen Forderungen angeschlossen. Die Reichsregierung wird die Kosten der unterstützenden Erwerbslosenfürsorge den Ländern und Gemeinden abnehmen. Der Reichstag wird entscheiden müssen, ob die Gemeinden zu der Krisensürsorge der Ausgesteuerten ein Viertel oder ein Neuntel beizutragen haben. Ob es möglich sein wird, in den kommenden Jahren die Steuer- last zu ermäßigen, hängt von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Mit einer alsbaldigen Senkung der Steuern kann' aber nicht gerechnet werden, da die Länder und Gemeinden zum Aus- gleich der Folgen des Krieges außerordentlich hohe Ausgaben zu leisten haben. Die starke Anspannung des Etats für 1927 zeigt diese Belastung. Der Minister schloß mit der Versicherung, daß der Etat aber auch auf der anderen Seite beweise, daß die preußische» Finanzen gesund und widerstandsfähig sind.(Bravo links und in der Mitte.) Die Besprechung des Etats wird auf Mittwoch, den 15. Dezember, mittags 12 Uhr, vertagt. Zwei deutschnationale An- träge zur Geschäftsordnung, die Unterstützung der durch die Typhus- epidemie Geschädigten der Stadt Hannover und die' Adänderuiig der kommunalen Grenzen in Oberschlesien mit auf die Tagesordnung zu setzen, werden abgelehnt. noch lebenden Mitglieder des früheren Siebenerausschusses Graf ogn Westarp, Reichsminister Dr. Stresemann,- Herr von Payer und Aog. Scheide mann aufgefordert worden, an der Sitzung teilzunehmen und gegebenenfalls als Zeugen gehört zu werden. Herr von Payer hat mitgeteilt, daß er an der ersten Sitzung des Siebenerausschusses nicht teilgenommen hat, son- dern Herr Dr. W i e m e r. der an seiner Stelle heute als etwa zu vernehmender Zeuge erschienen ist. Michaelis hat öa« wort. Nun erhält Herr Dr. Michaelis das Wort. Er macht den Eindruck eines subalternen Beamten, der noch heute nicht recht weiß, wieso er eigentlich in die höchste Beamtcnstelle des Deutschen Reiches gelangen tonnte. lind im Saale fragt man sich allgemein, auf Grund welcher Verdienste dieser Mann noch heute eine Pension von 27 S00 Mark im Jahre beziehen darf. Der Zeuge Dr. Michaelis führt folgendes aus: Die Frage, warum dem Siebenerausschuß des Reichstags die Antwort an Nuntius Paeelli vom 24. September 7917 nicht vor- gelegt wurde, ist, wie nach dem Gutachten von Dr. Bredt ohne weiteres anzunehmen ist, darum an mich gestellt worden, weil man in dem Gutachten des Dr. Bredt die Auffassung vertreten sieht, daß die Antwort, die dem Nuntius Paeelli gegeben worden ist. der offiziellen Antwort, die mit Zustimmung des Siebener- ausschusses dem Papst gegeben wurde, widerspricht. Dr. Bredt hat gesagt, in dieser Antwort läge eine ausdrückliche Ablehnung der Erklärung über Belgien, ein glattes Nein. 2ch erkläre unter Eid. daß es uns fern gelegen hat. in diesem Schreiben ein glattes Nein auszusprechen oder ausdrück- lich eine Erklärung über Belgien abzulehnen. Ich habe in Ilebereinstimmung mit Herrn v. Kühlmann den Aersuch gemacht, einen unbedingt sachverständigen Mann über die Aus- legung gerade dieser Note an Paeelli zu hören. Professor Mein ecke hat fiel, uns zur Verfügung gestellt. Mich hat nun Professor M c i n c ck e ermächtigt, über diesen Punkt zu erklären— ich darf auch das verlesen— ...... das Schreiben an Nuntius Paeelli ist falsch gedeutet. Nicht ein glattes Nein, sondern ein bedingtes Ja wäre aus ihm herauszuhören." warum w�rSe öer fluuschuß nicht unterrichtet! Wenn es sich um ein glattes Nein nicht handelt, dann ist die Behauptung schau halb widerlegt, daß die Antwort clwas anderes enthielte als die offizielle Antwort der Papstnole. Die Papstnote ist vom Siebenerausschuß eingehend in zwei Sitzungen beraten worden. Es wurden in diesen Sitzungen scharf zwei Gegensätze betont. Die einen radulen, daß unbedingt glatt schon heute gesagt wurde: W i r verzichten aus Belgien. Aus der anderen Seite kain im Anschluß an die Ausführungs« der Regierung die Anffafsung zum Ausdruck: Wir halte» fest daran, daß wir Belgien nicht annektieren wollen: aber es zu sagen, bevor die Situation nach irgendeiner Richtuno hin geklärt ist. ob ein derartiges Aufgeben eines wichtigen Faktors in unserer ganzen Politik für die Sriedenssache nützlich sein würde, wurde abgelehnt. Es wurde mit fünf gegen zwei Stimmen beschlossen, die Frag« der Friedens- regelung dadurch nur anzuschneiden, daß man sich allgemein auf die Friedensresolutian des Juli 7917 bezog, in der' bekanntlich stand, daß mir Anneklionen nicht machen wollen, daß man aber im übrigen darauf verzichten wollte, über Belgien zu s p r e ch e n._ Wenn(eftsteht, daß in dem Brief an Nuntius Paeelli nicht«ine andere Linie gezogen wurde, wie sie in der Antwort an den Papst gezogen und innegehalten worden ist, dann lag nach unserer Meinung kein Grund vor. diesen Brief an den Nunitnz Paeelli dem Siebenerausschnß vorzulegen. Der Brief des Nuntius war ein vertraulicher Brief an den Reichs» kqnzler. Er ging neben der offiziellen Aktion des Papste» einher. Er wollt- eine spezielle Erklärung über Belgien extrahieren. Er hatte ein Material, das, wie sich nachher herausgestellt hat, von itztn überschätzt worden ist als ein wichtiges Moment für die Friedensdcretljchast, und darum wollte er mit diesem Material uns veranlafien, eine Erklärung über Belgien abzugeben, die hinaus- lausen sollte auf eine glatte Uebcrgabe. Auch hier war es wieder aus denselben Gründen uns versagt, eine andere Antwort zu geben, als sie ihm gegeben worden ist. Es schwebten damals auf Grund dieser Mitteilimg Pacellis vertrauliche Verhandlungen, ob wirklich in England eine Friedensgeneiathett vorhanden sei oder nicht. Er zeigte sich, daß die Iricdensfühler, die ausgestreckt waren, nicht nerfolgbar waren und darum war e» unbedingt erforderlich, Jeßnsr. Don Max Hochdors. Die Mucker rotten sich zusammen, um Leopold Jeßner, dem Intendanten des Staatstheaters, an den Leib zu rücken. Man will das Parlament aufwiegeln, damit einem ernsten Staatsbürger, einem pflichtbewußten Theaterleiter und einem Künstler von inten- sivster Begabung die Lust an der Arbeit verekelt wird. Run, Jeßner ist Manns genug, um sich selber zu wehren. Aber in diesem Augen- blick, da wieder einmal das wahre Verdienst durch hinterlistige Parteienklüngel ausgestrichen werden soll, ist e« Zeit, sich neben den Angegriffenen, neben den Angepöbelten zu stellen. Als das Königliche Hoftheater in Berlin zum Slaatstheater wurde, und der gräfliche Generalintendant Hülsen ganz manierlich in die Versenkung hineinstieg, kam Leopold Jeßner(nach einem Intermezzo) in dos Hau» am Gendarmenmarkt. Die Männer, die damals seine Berufung empfahlen und durchsetzten, wußten ganz genau, daß Jeßner kein Höfling und kein Bewunderer de» Sonnen. königs Wilhelm war. Jeßner hatte den Kampf gegen die Inten- dantenwirlschast an ollen deutschen Hostlzeatern>m ersten Gliede mitgekämpft. Er hatte noch im Ohr. was Wilhelm II. bei seinem zehniährigcn Regierungsiubiläum ausposaunte, daß das.königliche Theater ein Werkzeug des Monarchen sein sollte". Jeßner» Ideal war allerdings das Staatstheater als Theater des ganzen deutschen Voltes. Und da sich bei ihm Gesinnung mit Begabung deckte, so war er der richtige Mann am richtigen Platz. Er kam als Republikaner, da» ist unbestritten. Aber er kam als Künstler, das ist ebenso unbestritten. Er hatte als Republikaner da» Recht zum freien Bekennen seiner Weltanschauung. Er hatte als künstlerischer Leiter des Staatstheater» die absolute Pflicht, einen Kunststil und eiue Literaturrichtung zu begraben, die Deutschlands beste Köpfe schon als vergreist und verknöchert, ja sogar als lächcr- lich cntlacvt hatten. Es war sein» Pflicht, den faulen, der Kunst besonders gefährlichen Burgfrieden zu brechen, mit dem die ver- schlagen»» und vor den Kopf geschlagenen Kunststrategen ganz Deutschland seit den glorreichen Tagen von 1974 beglückt hatten. Er muhte da» Königliche Schauspielhaus, in dem die Kammer- berren und die Kamarilla regiert hatten, lüften, damit es würdig werde, ein Staalstheater zu heißen. Hätte er diese Hoffnung, die man in ihn gefetzt hatte, enttäuscht, es wäre Pflicht gewesen, ihn sofort wegzujagen. Die Arbeit wurde ihm schwer genug. Zunächst einige Stücke, die aufzubrauchen waren, weil noch Aussührimgsverträg« aus der kaiserlichen Epoche vorlagen. Dann aber durste er aufatmen. Und nur ein Narr wird behaupten, daß er kein ruhiger Reformator, sondern nur«in leichtfertiger Revolutionär gewesen ist. Es sprach aus der ganzen künstlerischen Arbeit Jeßner» stets die Methode, aber auch die Kühnheit, Jeßner zeigte, daß er kein lauwarmer Idealist daß wir die Karte in der Hand behielten. Wir wollten Belgien nicht annektieren, aber wir wollten für die Verhandlungen dieses Faustpfand nicht au» der Hand geben. Der Herr Abg. Dr. Bredt behauptet, ich hätte sogar die Politik des Kaisers konterkariert. Der Kaiser als Oberster Heerführer und im Hinblick auf sein Heer und seine Marine war sehr schwer zu bewegen, auf das zu verzichten, woruin, wie er sich ausdrückte, bei Skagerrak gekämpft worden ist. Daß das geschehen ist, schreibe ich mir zu.. Sin Srief Wilhelms aus voor». Auch hier habe ich ein Beweismittel, das wohl schlagend ist. Der Kaiser hat selbst zu dieser Sache das Wort ergriffen und mir«inen Brief am 17 vorigen Monats geschrieben, der folgenden Wortlaut hat: „In der Presse habe ich zu meiner Verwunderung gelesen, daß die Vorgänge bei den Bersuchen der päpstlichen Friedens- vermittelung während Ihrer Reichskanzlerzeit im Jahr« 1917 erneut die öffentliche Meinung erregen und daß die Erörterungen zu lebhaften Angriffen gegen die Politik der damaligen Reichs- regierung geführt haben. Die Angriffe werden damit begründet, daß Sie damals im Widerspruch mit meinen In- tentionen gehandelt hätten, daß Sie insbesondere hiiz« sichtlich ihrer Erklärung über Belgien durch den Brief an Nuntius Paeelli vom 24. September 1917 meinen Absichten«nt- gegengehandelt hätten, ein Brief, von dem ich nichts gewußt hätte. Nachdem ich mich über dies« Angelegenheit genau unterrichtet und mir auch alle darauf bezüglichen Dokumente habe vorlegen lassen, sehe ich mich veranlaßt, zur Feststellung der geschichtlichen Wahrheit folgendes Ihnen mitzuteilen: Ich erinner« mich unserer Unterredung über den Brief des Nuntius Paeelli vom 39. August, die am 1. September abends oder morgens vor dem Kronrat stattgefunden hat. genau. Ich habe meine schweren Bedenken nicht verhehlt, die ich vor meinem Belke trug, wen« ich nach den unvergänglichen Leistungen von Heer und Marin« den ehrenvollen Besitz Belgiens aufzugeben mich entschloß, falls wir bis End« 1917 zum Frieden kämen. Ich konnte mich jedoch ihren Gründen nicht versagen und stimmt« im Kronrat der Aufgabe Bclgienszu. Aber ich mußke selbstverständlich an den völligen und endgültigen Verzicht ans Belgien Bedingungen knüpfen, die ich im Znleresie de» Friedens in der Zukunft für unbedingt erforderlich hielt, lln diesem Sinne war Zhr Brief an Paeelli vom Z4. September versaßt. Er entsprach in seiner Zielsetzung durchaus meiner Auffassung, die in ihm enthaltene Wendung„so liegt der Grund keineswegs darin..." mußte bei redlichen: Willen zur Verständigung so ge- deutet werden, daß eine endgültige Freigabe Belgiens durch den Brief nicht ausgeschlossen sein sollte. Sie sollte nur nicht bedingungslos erfolgen. Der Brief widersprach somit nicht der offiziellen Antwort auf die Papstnote. Auch heute noch bin ich der Meinung, daß es unverantwortlich gewesen wäre, im voraus«inen glatten Verzicht nuf Belgien, an desten endgültige Freigabe ich mich durch meine Erklärung im Kronrat gebunden halten wollt«, auszusprechen, ohne bei den erhofften Friedensverhandlungen Sicherungen zu erhalten, die ich zum Wohle meines Volkes für unbedingt erforderlich hielt.. Ich hoffe, durch diese Darlegung nicht nur zur Klärung dieser Streifroge beizutragen, sondern auch zu beweisen, daß ich nur das Wohl meines Volkes im Auge hatte. Ich ermächtige Sie. von diesem meinen Brief den Gebrauch zu machen, den Sie im Jnter- esse der Sache für gut und notwendig halten." Auch der zweite Punkt, die Behauptung, ich hätte gegen die Politik des Kaisers gehandelt, dürfte damii widerlegt fein. Nun der dritte Punkt. Es ist behauptet worden, ich hätte dadurch, daß ich den Brief an den Nuntius Paeelli schrieb, der Politik des Kaisers entgegengehandelt, weil ich abhängig gewesen wäre von der Obersten Heererleitung. Wenn ich den Wünschen der Obersten Heeresleitung, die gegen einen völligen Verzicht auf Belgien gelichtet waren, nicht folgte, dann würde die Folge gewesen sein, daß ich auch meinen Kanzlerposten verlassen mußte. Und aus dieser Erwägung heraus soll ich den Papstsrieden vereitelt haben. tmmmmmmtmmimmamifammmmmnm'mmmrmmBmmmKammmmmmmmmi ,»>»»,....... war, er bewährte sich durchaus als überlegter und mutiger Praktiker. Er ersetzte die Theaterspielerei durch da» Theaterspiel. Mit dem, was er zeigte, mußte man sich oft kritisch auseinandersetzen. Oft war der Angriff aus künstlerischen Motiven notwendig. Ueberblickt man jedoch die Gesamtarbeit, die in sieben Iahren geleistet wurde, dann ist nur etwas Imponierendes festzustellen. Jeßner kam zu einer Zeit des literarischen und theatralischen Wirrwarrs, der wiederum nur eine Spiegelung des politischen und sozialen Wirr- warrs gewesen ist. Es gelang ihm trotzdem, den Geist der Theater- kunst, der nicht minder als die Geldwährung der Inflation verfallen war, wiederum zu stabilisieren. Selbst die oielumstrittcnen Klassiker- Inszenierungen Jeßner»— sie leben nn Gedächtnis oller, die sie sahen, al» etwas Großartiges fort. Alles das war Mut, Talent, aufopfernder Fanatismus für das lebendige Theater— im Gelungenen und auch im Verfehlten. Es kommen die Unken und quaken, wie herrlich es z. B. war, als Matkowsky noch auf der Bühne des Königlichen Hoftheaters stand. Und ste vergessen, oder vielmehr sie wollen verschleiern, daß dieses und jenes Genie zu jenen Zeiten einsam und verlvii-n zwischen den greulichsten Kulisten stand. In einer Zeit, da Otto Brahm und Max Reinhardt da» subtilste Ensemblcspiel ausgebildet hatten, standen auf der Bühne de» Königlichen Schauspielhauses nur wenige Ausnahmeerscheinuugen. Das meiste war Durchschnitt, von Durch. schnittsregisseuren noch längst abgenutzten Rezepten gegängelt. In einer Zeit aber< da In Berlin dos Ensemblespiel versallen und ver- ludert war, hat Jeßner als erster wieder das neue Ensemble zu- sammengeführt. Ja, er Hot alte Schauspieler, die innerhalb des alten Hoftheater» verkümmern mußten, mit neuer Jugend be- schenkt, kraft seiner künstlerischen Intelligenz. Man wirft Jeßner vor. daß er experimentiert und mit dem Geldc der Steuerzahler experimentiert. Täte er es nicht, kröche oder roste er nur auf der seit Jahrzehnten gefurchten Wegstrecke weiter, man würde ihm vorwerfen, daß er ein Reaktionär des Theaters Ist. AU dieser Streit ist lächerlich, er ist nur Parteien- und Klüngelstreit. Man schimpft Jeßner und mnnt ganz etwas anderes. Man tut so, als wenn man Jeßner fortekeln wolle und man will in Wirklichkeit dem deutschen Steuerzahler, der ein Recht auf die Kunst, besonders auf die Freiheit der Kunst hat, die Freude an seinen legitimen Rechten verekeln. Das darf nicht gelingen! Wir werden mit Jeßner wahrscheinlich noch oft streiten. Aber heute müssen wir für ihn streiten. „Aleiseken." Im Theater in der Klosterstraße spielten sich die vier Akte der K i h n schen Komödie wieder einmal zur herzlichen Freude der Zuschauer ab. Marie Borchardt verstand in dem famosen Zusammenspiel des Ensembles ihre Bombenrolle als Gastwirtin Selma Karchaw In dem branden- burgischen Dorfe Mückenwalde saftig hinzulegen. Ihr Selbst- vertrauen und ihr« Gerissenheit waren ebenso glaubwürdig wie die Naivität, mit der sie für das seit vier Jahren begrabene Groß- Kann man einen Menschen, kann man einen Mann, kann man einen verantwortlichen Leiter des Schicksals seines Volkes mehr kränken, als wenn man sagt: Er hat Sorge um sein Amt, das ihm die Oberste Heeresleitung unter Umständen nimmt, und hat deshalb mit Erfolg den Frieden sabotiert?(Abg, Dr. Bredt: Das steht nicht darin.) Hiergegen verwahre ich mich vor dieser hohen Versammlung, vor der ganzen Welt! Die zweite Frage lautet, warum die Einwendungen, diS die Kurie gegen den Entwurf der Papstnote vorgebracht hat, nicht zur Kenntnis des Siebenerausschusses gekommen sind. Heute ist richtig durch den Vorsitzenden als Feststellung des Ausschusses kon- statiert worden, daß hiergegen schwerwiegende Bedenken erhoben worden sind, und der Nuntius die Meinung zum Ausdruck gebracht hat, daß dadurch die Friedensattion des Papstes illusorisch werde. Cr fragt sich, warum diese Einwände nicht zur Kennt- nis des Sieben« rausschusfes gekommen sind und nicht «in« erneute Sitzung dieses Ausschusses stattgefunden hat. Hierzu möchte ich generell folgendes sagen: Ich erkläre: wir wußten, daß die Antworknole, wie sie enl- worsen war. den Widerspruch des Papstes bzw. des Nuntius Paeelli hervorrufen würde. Sie widersprach seiner Anregung. Wir wußten das, erwarteten es und waren davon nicht überrascht. Im Hinblick auf die unendlichen Schwierigkeiten, die es bot, die Note überhaupt zustande zu bringen, haben wir es nicht für nötig gehalten, sie dem Siebenerausschuß noch einmal zu geben. Wenn Sie meinen, daß das ein Fehler war, so ist es Sache des Ausschusses, das zu rügen. Wir haben nach bestem Wissen und nach unseren Pflichten gehandelt. fragen an Michaelis. Nach kurzer Gefchäftsordnungsdebatt« erhielt Genosse Scheide- mann das Wort. Er richtet an Michaelis folgende Fragen: Ist es dem Zeugen bekannt, daß der Borschlag, einen Friedens- schritt des Papstes anzuregen, vom Kaiser ausgegangen ist und zwar nach einer Unterredung mit dem Nuntius Paeelli, und daß der Kaiser gesagt hat, man dürfe es nicht allein der Sozial- demokratie überlassen, für den Frieden zu arbeiten? Wenn das feststeht, wie ist es zu erklären, daß der Kaiser, nachdem die Friedensnote des Papstes gekommen und auch von Amerika und England beantwortet worden ist, der damalige Kanzler Michaelis gesagt hat, er behandele diese Dinge dilatorisch, e» komm« jetzt darauf an, die Schuld an dem Nichtzustande- kommen des Friede ns auf die Gegner abzuwälzen und sie ins Unrecht zu setzen. Michaelis antwortet ausweichend. die Rolle Westarps. Die F r a g« st e l l u n g an Herrn Dr. Michaelis zog sich bis zum Schluß der heutigen Sitzung hin. Es ergaben sich noch weitere sehr bemerkenswerte Einzelheiten. So hörte man, daß Herr Dr. Michaelis den Grasen Westarp zu der damaligen Zeit zur Obersten Heeresleitung entsandt hat. Genosse Ditimann stellte schließlich noch fest, daß Graf Westarp, der damalige Führer der Konservativen, und der heutige Führer der Deutschnationalen, eines der Hindernisse auf dem Wege zum Frieden gewesen ist. Graf Westarp glaubte diese Feststellung mit der Bemerkung abtun zu können, die össentliche Bernehmung des Herrn Dr. Michaelis sei nur agitatorischen Zwecken erfolgt, um sie gegen ihn ausnützen zu können. Gegen H2 Uhr vertagte sich der Ausschuß auf Mittwoch vor- mittag 19 Uhr mit der Tagesordnung: Vernehmung des früheren Staatssekretärs v. Kühtmann. Der gewesene deutschSstsrrelchijche Finauzminister Dr. Ahrer. erscheint in der Postspartassensache belastet und sollte vom parlamen- tarijchen Untersuckzungsausschuß vernommen werden. Man tele. graphiert« ihm die Borladung nach Slmerika. Er hat jetzt geont- wartet, daß er dort eine neue Existenz führe und nicht kommen könne, aber bereit sei, sormuliert« Fragen dem Konsul zu beantworten. Wechsel im Traasserausschuß. An die Stelle des bisherigen bcl- (tischen Mitgliedes des Transserausschusses beim Rcparattonsagcnten, Rene Tilm'ont, ist der frühere belgische Finanzministcr Janssen getreten, der dem Transferausschuß früher schon einmal angehört hat. Väterchen die Rente des Berliner Fabrikantensohnes Dostelmann (Mar Bing) weiter beziehen möchte Der war fast«in wenig zu gentmäßig angetan— oder war es die Selma, die an Voll- blütigteit des Besten violleicht zu viel tat?—, aber schließlich glaubte man ihm sein Schwerenötcrtechtelmechtel gern. Der Preis der Auf- führung gebührt wohl Friedrich Wilhelm Kaiser als Gast- wirt Körchow mit der bescheidenen Ausgabe, die gutmütige, von seiner wenn nicht besseren, so doch robusteren Ehehälfte leicht herum- geschwenkte Schlafmütze darzustellen. T r a» t s ch o l d als Meiseken einte da« kindisch Grotesk« und charakteristisch Rührende des hin- fälligen Greises. Keift er und Käte Schlägel fährten als Ackerbürger und Tochter ihren Erpressungsversuch an dem Gast- wirtspaor mit gefälliger Derbheit durch. Gill« als Halunke, Rechtsfanatiker und Referendar und G a l l w i tz als verbummelter, versöhnender und philosophischer Assessor entfesselten gar bei offener Szene Beifall. Der Abend war auch für die Zuschauer ein herz- haster Genuß, die sich über den bürgerlichen Charakter der Komödie klar sind, sich aber ihre Thcatersrcudi vom Milieubewußtscin nicht trüben lassen. Ein Münchener Muscumsneubau. Vor einiger Zeit hat die Stadt München die Lenbach-Villa und Galerie käuflich erworben. Da diese Gebäude möglichst im ursprünglichen Zustande erhalten bleiben sollen, so ist gcvlont, die städtischen Bestände an Gemälden und sonstigen Kunstwerken in einer besondere» Galerie unterzu- bringen, die neben dem Lenbach-Hause im gleichen Florentiner Villenstil erbaut werden soll. Der Bau erhält eine Länge von 73 Meter. Aufnahme finden werden darin nur Werke von Münchencr Künstlern oder solche, die in Münrben wirken oder gewirkt haben. Auch eine graphische Sammlung ist vorgesehen. Die Baukosten belaufen sich«Nif über 699999 M. pattl Brauns JltctioneNen-Iljeater MSnchcner fiünfKer triffi ncäi tre Weihnachlkn zu einem Gaftttlel in Berlin ein. Die Berliner Veianüal- tungen finden in der Berliner Tczeifion am Kuriuritendamm 932 stall. Mittwoch gib: es eine Tchülcrvorstcllung nm 3 und 5 llhr im.Theairr an der Lühotvstrahe." Cin Opserlag zogouslcll noileldrude: BühaenkZustler wird am zweiten WclhnachlSlciertag veranstaltet. In allen Tbealern Berlin» und de» Ne-ckeS wird zu jedem Billel kür die Abendvorstellung ein Zuschlag von 20 Pi. erbeben. Die eingehenden Beträge werden nnier die Vo: bände:„Genossen- ichast Deutscher Bührnm-Augebörigen',„Denlscher Chorsänger- und Ballell- Vcrtand"»nd.Deutscher Bllhnen-Verein' verteilt. Sin lSrtlfcher Shylock. In einer Adrianobelcr Bibliolhel, wurde eine Handlchrijt gesunden, die eine Geschichte, betitelt.Der Richter von HoinS" enthält, In der da! Thhlockmotiv bereits behandelt wird. Der Finder. Pro'. Jgnaz Kuno» ist der Anficht, daß dies« Schrift aus dem Ansang deZ 14. Jahrhundert« stammt. tfio Jot|chnng»tnf:l(u( für Alustit ist dem Physikalischen Institut der Sondoner Untvxrsilät angegliedert worden. DaZ Institut soll u. c. bei Neubauten von.gonzertbäuierm usw. entscheidende Richtlinie» ausarbeiten und bauvolizeiliche Gutachten abgeben. Eventuell sollen auch später berei!« bestehende ofjcnllichc VeriamrnlungSrSmne und Konzertsäle nach Pur- Ichlägen de» Instituts, soweit daS witnschentweU erscheint, ausgebaut werden. das Enüe ekner Herrlichkeit. Merkwürdige Vorgänge bei den Völkischen. Man schreibt uns: Seit einiger Zeit scheinen im völkischen„Deutschen Tageblatt* sich besonders merkwürdige Dinge abzuspielen. Dies Blatt, das mit der ganzen Großspurigkeit neudeutscher Antisemiten die„völkischen Belange* gegen„jüdische Korruption" wahrte, hat ganz plötz. l i ch seinen Redaktions st ab gewechselt. Zunächst wurden die verantwortlichen Redakteure Dr. Lippert, Blank und Fräu- lein Wiedemann fristlos entlassen. Angeblich, weil sie Beschuldigungen gegen den„Herausgeber" Hans Stelier erhoben hatten. Dieser Stelter gehörte in der Maienblüte völkischer Träume auf kurze Zeit dem Reichstag an und galt als ein besonders prominenter Vertreter der judenreinen deutschen Ehrlichkeit uird Treue. Run ist aber in den letzten Tagen auch die Marke„Herausgeber Hans Stel- ter* plötzlich und ohne Aushebens vom„Deutschen Tageblatt* ver- schwunden. Denn auch Hans Stelter ist von dem Verlag fristlos entlassen worden. Unter den Angestellten des Blattes kursieren allerhand Gerüchte über den Streit, der zwischen Stelter auf der einen und der Lippert-Gruppc auf der anderen Seite ausgebrochen ist. Man erzählt sich von den hakenkreuzlerischen Angriffen aus große Unternehmungen und spricht in diesem Zusammenhange von Zuwendungen, die die völkischen Kassen von diesen Werken erhalten hätten. Auf jeden Fall ist es ein höchst seltsames Ding, wenn erst der „Herausgeber*«ine Reihe seiner Mitarbeiter auf die Straße setzt, weil sw ihn angeblich fälschlicherweise beschuldigt haben, und daß er selbst dann von seinem Verlag hinterherbefördert wird. Doch wahrscheinlich, weil die Beschuldigungen nicht ganz falsch waren? Sollte der„Korruptionssjjmps" sogar schon bis in die Kammern teu- tonischer Äeinhejt gestiegen sein? öaöifthe Regierungserklärung. Treue zum Reich und zum republikanischen Staatsgedanken Karlsruhe, 14. Dezember.(Eigener Drahtbericht.) Die neue durch Zutritt der Demokraten zur Weimarer Koalition erweiterte badische' Regierung trat heute mit einer vom Staatspräsidenten Dr. Köhler verlesenen Regierungserklärung vor den Landtag, die sich vor allem durch eine starke Betonung der Treue zum Reich und zum republikanischen Staatsgedanken aus- zeichnet. Die Erklärung stellte fest, daß die badische Regierung in unentwegter Treue zum Reich alles unterstützen werde, was Kraft und Ansehen des Reiches fördert und stützt. Sie wird aber ebenso entschlossen darauf bestehen, daß das staatliche Eigenleben und die Eigenort der Länder in dem Rahmen sich vollziehen können, den die Rcichsoerfassung von Weimar hierfür geschaffen hat. Die Regierung werde deshalb auch bei der Lösung des Problems des Finanz- a u s g l e i ch s alles tun und unterstützen, was geeignet ist, diese Grundlage unseres politischen und kulturellen Lebens zu efjalten. Sie wird alles ablehnen, was diese Lebensmöglichteit einzuschränken geeignet ist. Die Regierung werde ihre ganze Kraft einsetzen, daß der republikanische Gedanke im Lande und auch im Reiche weiterhin Festigung und Stärkung erfahre. Die Regierung kündigt«in neues Landtagswahlgesetz und ein badische» Kirchenoermögensgesetz an. Zum Kapitel Schule betont die Erklärung, daß es Aufgabe der Lehrer und Schüler aller Schulen und Lehranstalten sein muß, die Achtung vor der republikanischen Verfassung zu pflegen. Besondere«Jorge werde, die Regierung den Maßnahmen zuwenden, die geeignet sind, zur Beseitigung der wirtschaftlichen Krise und der Notlage der von ihr besonders betroffenen Schichten de» Volkes beizutragen. Die für dos Rechnungsjahr 1926 zur Ver- fügung stehenden Mittel für die Landessürsorge werden um über zwei Millionen Mark erhöht werden. Die Erklärung betont, daß der Schutz der sozial Schwachen die besondere Aufgabe der Regierung sei, denn die deutsche wie die badische Republik muffen sozial sein, sonst verlieren sie für uns Sinn und Zweck. Im Wohnungswesen kündigt die Erklärung eine Denkschrift an. Die Erklärung der Regierung, in deren Besprechung am Mittwoch eingetreten wird, wurde von der übergroßen Mehrheit des Hauses mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Hrianü kehrt als Sieger heim. Glückwünsche des Kabinetts. pari», l-1 Dezember.(Eigener Drahtbericht.) Außenminister Briand ist gestern abend in Begleitung von Paul Boncour um ll Uhr in Paris eingetroffen. Er wurde am Bahnhof von einer Delegation des Kabinett», und zwar dem Kolonialminister und dem Handelsminister begrüßt, die ihm im Namen Poin- caiäs und sämtlicher Ministerkollegcn die Glückwünsche der Regie- runxi für die in Genf erreichten Resultate zum Ausdruck brachten. Außerdem fanden sich zum Empfang Briands am Bahnhof der Polizeipräfett und der deutsche Botschafter Herr v. Hoesch sowie zahlreiche andere polinsche Persönlichkeiten ein. Als Briand den Bahnhof verließ, überreichte ihm ein Eisenbahner der Paris— Lyon— Marseille- Gesellschaft einen großen Blunicnstrauß mit der Inschrift:„Den: großen Friedensunterhändlcr! Die dankbaren französischen Eisenbahner.* Briand zeigte sich von dieser Ehrung sehr gerührt und dankte den Eisenbahnern in ergreifenden Worten. Beim Verlaffen des Bahnhofs veranstalteten etwa 250 R o y a- listen eine feindselige Kundgebung, indem sie laute Psisse und die Rufe ausstießen:«Nieder mit Briand!* Die Polizei griff soforl ein und zerstreute die Manifestanten. Es wurden etwa 20 Verhaftungen vorgenommen: zu Zwischenfällen ist es nicht gekommen. Das„Echo de Paris* hebt hervor, daß die Regierung mit be- tantcr Absicht zwei ihrer Minister zum Empfange Briands an den Bahnhof geschickt habe, um noch einmal vor aller Oesfentlichkeit kundzutun, daß zwischen Briand und dem Ministerrat nicht die gering st en Meinungsverschiedenheiten bestehen oder bestanden haben. poincare für Schulöenabkommen. Pari», 14. Dezember.(Eigener Drahtbericht.) Im„Echo de Poris" wird darauf hingewiesen, daß PoincorS gemeinsam mit der Mehrzahl seiner Minister in letzter Zeit zu der Ansicht gekommen sei, daß die Stabilisierung des französischen Franken nicht länger hinausgezogen werden dürfe. Es könne damit gerechnet»verde», daß der Ministerpräsident wahrscheinlich bereits End« Januar oder spätestens Anfang Februar das Londoner und das Washingtoner Sch u l d e n a b k ö m m e n vor der Kammer einbringen werde. Er werde diese aber mit gewissen Klauseln versehen, die es dem französischen Parlament gestatten werden, die Ratifikation vorzu- nehmen._ Gegen die Bodenspekulation, die aus der Inangriffnahme von Kanalbauten und ähnlichen Arbeiten der öffentlichen Hand Nutzen zu ziehen sucht, wendet sich ein U r a n t r o g der sozialdemo- kratischen Landtagsfraktion, der von der Preußenrcgierimg Gesetzentwürfe entsprechend dem Reichsgesctz vom 3. August 1920 zur Verhinderung derartiger Vewüme verlangt, Unteriröifthe Diebesverstecke. Die seltsame Höhle am Wupahsee.— Das Warenlager unter dem Hühnerstall. Ein eigenartiges Diebesversteck wurde durch einen glücklichen Zufall von der Polizei in Erkner ausgehoben. Erkner und Um- gebung war feit längerem durch die Diebstähle beunruhigt worden, die nicht aufgeklärt werden konnten. Die Diebe nahmen durchaus nicht alles, was sie bei ihren Einbrüchen erreichen tonnten. Oft ließen sie bares Geld liegen und nahmen K l e in i g t e i t e n mit. deren Wert minimal war. Run beobachteten Arbeiter an der Löcknitz, wie auf einer sumpfigen Insel in der Nähe des Wupatzsees ein Mann auftauchte und plötzlich spurlos ver- schwand. Sie benachrichtigten die Polizei in Erkner. Ein Ober- landjäger und der Rcviersörster nahmen gemeinsam die Nach- sorschungen auf, die zunächst ergebnislos schienen, bis sie nach genauerem Zusehen eine Stelle im Rasen fanden, die sich nun als Eingang zu einer seltsamen Höhle entpuppte. Als der Oberlandjäher in das unterirdische Reich hinabgestiegen war, entdeckte er einen etwa zwei Meter langen und drei Meter breiten Raum, der mit allem Komfort ausgestattet war. Möbel, Teppiche, Kiffen, Toilettengegenstände waren zu finden, in einem weichen Federbett schlief ein Mann den Schlaf des Gerechten. Als man ihn unsanft aus seinen Träumen weckte, tat er zunächst ganz erstaunt und behauptete, zufällig in dieses unterirdische Haus ge- kommen zu fein. Er hätte sich von seiner Wanderung einmal aus- schlafen wollen. Die näheren Feststellungen der Polizei aber er- gaben, daß man in ihm den gcfürchteten Einbrecher, der seit langem Erkner beunruhigte, gefunden hatte. Nicht nur, daß er einen gestohlenen Anzug trug, kennzeichnete ihn als den Täter, sondern auch die Gipsabgüffe seiner Fußspuren verrieten ihn. Er wurde endlich als ein gewisser Paul B o r ch aus Oberschöneweide festgestellt, der schon seit langem von der Kriminalpolizei gesucht wurde. Die EisenbahngLkerdlebe. Seit% Iahren trieb auf den kurvenreichen Strecken im Westen Berlins eine Bande von Cisenbvhngüterdieben ihr Unwesen, die zu den schlimmsten ihrer Art gehörte. Di« Spezialisten benutzten diese Strecken besonders deshalb mit Vorliebe, weil es ihnen hier leicht war, in den Kurven, in denen die Güterzüge langsam fahren, während der Fahrt aufzuspringen. Säcke mit Kaffee, große Kisten mit Dauerwurst und Eiern, Stoff« usw. wurden aus den erbrochenen Wagen auf das Gleis hinausgeworfen und später abgeholt. Beamte der Ueberwachungsabteilung der Eisenbahirdirektion und Kriminalbeamte waren Nacht für Nacht unterwegs, konnten aber lange nicht an die Diebe herankommen. Nebel und Regen machten die Streck« um diese Jahreszeit bei Nacht oft so unsichtig, daß nichts zu erkennen war. Erst ein besonderer Umstand führte auf ein« erfolgreiche Spur. Die Dieb« mußten wiederholt ihr« Beute, die bereits aus den Wagen herausgeschafft worden war, im Stich lassen. So konnte man einem Spürhund Witterung geben. Der Hund führte regelmäßig nach einem großen Laubengelände in der Nähe der Jungfernheids. Auf diesem Gelände selbst aber ging jede Spur verloren. Di« Beamten beobachteten nun die Lauben- koloni« und ihr« Bewohner und ermittelten, daß zu diesen auch«in Mann gehörte, der sich hier„Willy Klemens" nannte, in dem sie aber«inen 40 Jahre alten Steinsetzer Paul Grell wieder- erkannten. Bei der Beobachtung seines Umganges stießen sie weiter auf einen 44 Jahre alten„Arbeiter" Karl Brand er und einen 30 Jahre alten ehemaligen Gutsinspektor. Brander ist ein gesürch- teter Wilderer, der in der Kriegs- und auch in der Nachkriegszeit noch besonders die Wälder im Westen Berlins, namentlich auch den Grunewald, unsicher machte. Er schoß ohne weiteres, sobald er sich von einem Forstbeamten entdeckt sah. Im Gruneroald erhielt er selbst von einem Förster, der gleich wiederschob, ein« Kugel in den. Schenkel und durch die linke Hand. Trotz dieser schweren Verletzungen schwamm er über die Havel und entkam. Im Jahr« 1920 wurde er endlich zu einer längeren Zuchthausstrafe verurteilt. Seit deni Juli d. I war er wieder aus freiem Fuß. Auf Grund ihrer Beobachtungen durchsuchten die Eisenbahn-»m'o Kriminalbeamten der Dienststelle C. 8 die Laube des angeblichen.Llemens" und«nl- deckten in einem Keller unter dem Hühner st all soviel Matvial, daß sie der Bande bereits acht große Diebstähle nachweisen konnten. Dieser Keller diente als Lager der Beut«, die die Diebe nicht bei einem Hehler absetzten, sondern selbst unmittelbar an Abnehmer verkauften. In dem Keller lag auch eine Pistole mit Anschlagkolben, die ohne Zweifel zu Wilddiebereien benutzt worden war und«ine Menge Munition. Autospuren führten bis an das Laubengelände heran. Es ist aber noch nicht ermittelt, Ivos für einen Wagen die Verhafteten, die dem Untersuchungsrichter vor- geführt wurden, zum Abtransport der Beute benutzt hätten. internationale verbrecherjagü. Verhaftung eines Berliner Tefraudanteu bei Oslo. Ein 32 Jahre alter Bankangestellter Kurt Kahnt aus der Spree- straße 12 zu Chailottenburg hotte für 70 000 M. Effekten unter- schlagen. Dann halte er die Flucht ergriffen. Kahnt war früher bei einer großen Bank angestellt, wurde dort vor einige Jahren abge- baut und erhielt eine neue Stellung bei einer kleinen Bank in der Belirenstraße. Er führte sich so gut, daß er bald den B e r t r a u e n s- posten eines Maklers bekleidete. Mit einem Monatsein- kommen von 600 bis 700 Mark konnte er sehr gut leben. Vom September d. I. an spekulierte er jedoch. Anfangs hatte er auch Erfolg, dann aber nur»och Fehlschlage. Jetzt vergriff er sich an den Effekten. Als er sah, daß ihm eine Deckung der Ber- untreuungen nicht mehr gelingen würde, machte er zum Schluß noch einen größeren Posten zu Geld, so daß er nach den Ermittlungen über 50000 Mark verfügen mußte. Es wurde ermittelt, daß er mit einem Auto nach dem Tempelhoser Feld gefahren und dort das dänische Postflugzcug bestiegen hatte. Die Kriminalpolizei in Kopcn- Hagen und Oslo wurden sofort benachrichtigt. Der norwegischen Polizei gelang es, den Gesuchten in Aoker, einer kleinen Ortschaft in der Nähe der Hauptstadt festzunehmen. Er besah noch 230 dänische Kronen, 27 000 Mark deutsches Geld und eine ganze Reihe von unterschlagenen Geldpfandbriefen. Die Bank kommt also infolge des raschen Hand-in-Hand-Arbeitens der verschiedenen Kriminalbehörden ohne Schaden davon. �_ ver Ankauf von düppel'vreilinöen. Der Haushallsausschuß der Stadtverordnetenversammlung hat sich heute vormittag zum zweiten Male mit dem Ankauf von Düppel-Dreilinden beschäftigte Die Meinungen gehen eigentlich innerhalb aller Fraktionen auseinander. Infolge- dessen kam es auch zu keiner endgültigen Beschluß- f a s s u n g. Die ganze Frage soll den heute nachmittag tagenden Fraktionssitzungen unterbreitet werden. Am Donnerstag wird dann der Haushaltsausschuh am Bormittog und das Plenum am Abend über das Schicksal dieser Vorlage entscheiden. Im allgemeines scheint aber die Ansicht vorherrschend zu sein, daß auf Grund der vorangegangenen Beleihungen Düppel eigentlich schon so gut wie g e k a u s t ist und die Stadt schon aus diesem Grunde das Geschäft endgültig abschließen muß. Man nimmt deswegen im all- gemeinen an, daß der Kauf doch noch zustande kommt. Manqclude Stromzufuh? im Wcftcu. Bereits im vorigen Jahre um die Weihnachtszeit wurde öfters von Wilmersdorser Kaufleutcn Klage darüber geführt, daß gerade in der entscheidenden Geschäftszeit in den Nachmittagsstunden plötzlich die L i ch t z u f u h r versagte. Auch in diesem Jahre beginnen wieder die Klagen über mangelnd« Slromzufuhr. So setzte vor ein paar Tagen die Beleuchtung um 4'� Uhr nachmittags aus. Es ist möglich, daß durch die ständige Zunahme der Lichtreklame tm Westen das Elektrizitätswerk Südwest überlastet ist und daß die Masäiinen den gesteigerten Ansprüchen nicht mehr genügen. Das Elektrizitätswerk jedoch gab ini vorigen Jahr einigen Wilmers- dorfsrn die Zusicherung,' Reservemaschinen anzuschaffen, die automatisch bei Slörungen den Betrieb ousrechterhalten sollten. Schein- bar ist es hier nur bei den Bersprechungen geblieben. Hinzu kommt noch eins, das Werk Südwest kann unmöglich unren- tabler arbeiten als das Berliner, da die Strompreise hier höher sind. Es ist dringend notwendig, daß hier Wandel geschaffen wird. Zum mindesten ober zeigen diese Klagen, daß das private Elektrizitäts- werk in bezug auf seine Leistungen den städtischen Werken nicht gewachsen ist. Oipfer des Verkekirs. Gestern abend geriet in der Wilmersdorker Straß« eine Kraftdroschke ins Schleudern und fuhr in eine mit Stroßcnorbeiten be- fchäftigts Aröeiierkolonn« hinein. Während sich der größte Teil der Arbeiter rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, wurde der 48jährige Arbeiter Bleß aus der Güntzslstr. 38 von der Droschke erfaßt und überfahren. Mit einer schweren Kopf- und inneren Verletzungen wurde er in das Westender Krankenhaus gebracht. — Ein weiterer schwerer Unfall ereignete sich gestern in der Brücken- allee. Der 29jährig« Dachdecker Richter aus der Vandelstr. 8 ge- riet mit seinem Fahrrad unter einen Straßenbahn- wagen der Linie 119. Mit einem Schädelbruch wurde er In bewußtlosem Zustande in dos Moabiter Kronkenhaus geschafft.— Auf der Berliner Brücke zu Spandau wurde in den Abendstunden der 29jährig« Arbeiter Hermann T e u d t aus der Gotzkowskystr. 2 von einem Geschäftsauto überfahren Schweroerletzt wurde er in . das Städtische Krankenhaus in Spandau eingeliefert. Der Chauffeur enttarn unerkannt.— Von einem Perf oneukraftwagen wurde gestern abend gegen 8 Uhr die 41iährig« Hausangestellte August« B o r o w s k i erfaßt und überfahren. Sie erlitt einen Wirbel- säulenbruch und mußt« in die Klinik in der Achenbachstraße geschafft werden. Ihr Zustand ist hoffnungslos.— Schließlich wurde noch vor dein 5)aus« Reinickendorfer Straß« 1 der 69jährig« Rentner August Thid aus der Amsterdamer Str. 2 von einem zweifpännigen Pferdefuhrwerk überfahren. T. zog sich einen Ober- schenkelbruch und innere Verletzungen zu. Er fand im Virchowkrankenhaus Aufnahme. Das neue Arbeitsgerichtsgesetz. In einer Kreismitgliederversammlung der Kc- noffen des 11. Kreises Schöneberg-Fri edenau in der II. Gc- meindefchule in der Feurigstroße sprach Genosse Joachim, Rc- gierungsrat im Reichsarbeitsministerium, über das zurzeit dem Reichstag vorliegende neue Arbeitsgerichtsgesetz. Die An- nähme des Gesetzentwurfs erscheint allerdings fraglich, da die Stel», lung mehrerer Parteien zu ihm äußerst wankelmütig ist, auch wirkt die neueste Regierungskrisc komplizierend auf die Verabschiedung� des Gesetzes ein. Genosse Joachim behandelte die wesentlichsten Punkte, die den neuen Entwurf von der jetzt bestehenden Arbeits- gcrichtsbarkeit unterscheiden, so die Zusammenarbeit von Justiz- und Arbeitsminiftcrium bei der Ernennung des Vorsitzenden und die Anwaltssrage, deren Behandlung im Entwurf in den Jnter- essentenkreisen eine gewisse Erregung ausgelöst hat. Rechtsanwalt Genosse B e n d i x tru� Bedenken gegen den Entwurf und detaillierte sie, ohne allerdings damit durchzudringen. Der ausgefallene Vortrag des Genossen Paul Levi über„Fememordjustiz und Reichswehrfragen" soll in nächster Zeit stattfinden. lypographla. Mittwoch, den 14. Dezember, abend?'1,8 Ubr, UebungS- üundc des 8. Bezirks des AsB. im Kcwcrlschastsliaus. Erlcheinen aller Sänger unbedingt eisorderlich.— Die DonnerstagvormiltagZ-Uebungs- slundcn lallen bis zum 6. Januar 1927 aus. Schiffsunfälle. Mehrere heftige Explosionen auf dem auf der Höhe von Brooklyn von Anker liegenden Oeltankdampfer„A g w i s u n" er- schütterten heute nacht das Hafenviertel. Zahlreiche Fensterscheiben gingen in Trümmer. Hunderte von am Waffer wohnenden Fa- Milien flohen aus den Häusern. Die Mannschaft des Schiffes rettete sich bei der ersten Explosion. Das Schiff ist gesunken.— Der von Tientsin kommende indo-chinesische Dampfer„L i c n s h i n g" ist 64 Meilen von Schanghai aus einen Felsen aufgelaufen und gc- funken. Ein in der Nähe weilendes Lotsenboot rettete die fremden Offiziere und Passagiere und fast alle Chinesen außer drei, von denen man weiß, daß sie umgekommen sind.— Im Kanal von Ptambino bei Livorno brach auf einem Küstendampser Feuer aus. Nach vergeblichen Löschversuchen stürzte sich die Mann- schast ins Meer, um schwimmend die Küste zu erreichen. Der bren» nende Dampser sank daraus in kurzer Zeit. ver Erdrutsch in Südsrankreich. Wie aus Nizza gemeldet wird, belausen sich die Kosten für die Arbeiten zur Beseitigung der Schä- den, die durch den Erdrutsch im Besubiatal dem Dorfe Roque» billiire zugefügt wurden, zuzüglich der Schäden, die die Stürme überhaupt in Südostsrankreich angerichtet haben, auf rund 17,5 Millionen Franken, von denen der Departementsrat bis jetzt 2 300 000 bewilligt hat, Eine Turbinenexplosion. Bon der Pressestelle der Akticngesell- schast Sächsische Werke(ASW.) wird mitgeteilt: An einer von einer deutschen Elektrogroßsirma neu aufgestellten Dampfturbine von 26 000 Kilowatt sollte im Krostwcrk Böhlen von den Ingenieuren der Firma �cin Probelauf oargenonimeii und Insbesondere die Wirkung des Schnellschlußventils iestgestcllt werden. Fai't gleichzeitig mit dem Auslösen dieser Sichcrlieitsvorrichtung bei der hierfür vorgesehenen Drehzahl ich lug der Läuser des Gene- rators auseinander. Dadurch wurde der Generator voll- ständig zertrümmert. Durch herumfliegende Eisenstücke wurde der Masch» ist der ASW„ Braunkohlen- und Großkraftwerk Böhlen, Gruner, so schwer verletzt, daß er bald darauf verstarb. Drei weitere Maschinisten, darunter ein Angehöriger der Liefersinna, wurden nur leicht verletzt. Da die nciie Dampfturbine von d c Lieferfirma noch nicht fest dem regelmäßigen Betriebe bei der ASW. übergeben war, tritt für die Landcsstromversorgung keinerlei Stö- rung ein. Schwerer Schneesturm in Sanada. Westkanäda wird gegenwärtig von einem äußerst schweren Schnee stürm heimgesucht. Sechs Pei-sonen sind der Kälte zum Opfer gefallen, doch fürchtet man, daß dieZohlderTotcn noch größer ist. In der Umgebung von Edmonton sind ja einem ilmkreis von vielen Meilen die telegraphi- schen und telephouischcn Verbindungen unterbrochen. Der Zugver- kehr ist erheblich behindert. In Nord-Saskatchewan sind die Wege unpassierbar und man befürchtet, daß viele Ansiedler in Rot geraten werden. Einigung im Hamburger Hafen. Tie Lohnbewegung erfolgreich beendet. Hamburg, lt. Dezember. lWTB.) Zur Beilegung der ».ohnstreitsache im Hamburg- Zlltonaer hasengebiek haben gestern Verhandlungen vor dem Hamburger Schlichler Dr. S l e n z e l stattgesunden. Auf Grund eines Vorschlages einer vom Schlichter berufenen Vertrauenskommission vereinbarten die Parteien, und zwar für die Unternehmer der hafenbelriebs- verein in Hamburg e. V. und für die Arbeiter der Deutsche Ver- kehrsbund verlin und der Zentralverband der Maschinisten und Heizer sowie verwandten Berussgeoossen Deutschlands. Ge- schäftsstelle Hamburg, daß der w e r k t a g s l o h n für die erste S ch i ch t in den zwischen den Parteien durch Vertrag vom Ib. Oktober lSZS abgeschlossenen Lohnlarisen ab l. Januar 1927 aus 7,60 M. festgesetzt wird. Die übrigen Zeitlöhne und Akkordlöhne werden entsprechend erhöht. Dieser Lohnlaris kann erstmalig am ZO. September 1927 mit einmonatiger jrist gekündigt werden. Mangels Kündigung läuft das Abkomme» immer um ein Vierteljahr mit der gleichen Kündigungsfrist aus den Schluh des Salendervierteljahrs weiter. * Die Lohnerhöhung beträgt demnach nicht ganz sechs Pro- zent oder 2,40 M. pro Woche in der ersten und 3 M. in der zweiten und dritten Schicht. Mit dieser Vereinbarung ist die Lohnbewegung der Hasenarbeiter erfolgreich beendet. Die Scharte vom Oktober, wo durch die Verbindlichkeits- erklärung der Kampf um höhere Löhne unterbunden wurde, ist also wieder ausgewetzt. Der Konflikt in öer Textilinüuflm. Freitag Verhandlungen in Dresden. Wie uns aus Dresden gedrahtet wird, ist in dein Konflikt in der Textilindustrie ein« Wendung eingetreten. Der Schlichter von Sachsen hat den gesamten Konflikt in der sächsischen Textilindustrie an sich gezogen und die Parteien offiziell zu Verhandlungen geladen. Diese Verhandlungen sollen bereits am Freitag in Dresden stattfinden. Ob es allerdings gelingen wird, den drohenden Riesen- kämpf in Sachsen zu oermeiden, hängt nicht nur von der Entscheidung des Schlichters, vor allem aber von der weiteren Haltung der sächsischen Textilindustriellen ab, deren bisherig« Einstellung einen Kampf unvermeidlich macht. Die Organisation üer Arbeitsämter. Um die Selbstverwaltung. In einer Versammlung der Angestellten der Arbeitsämter, die vom Zentralocrband der Angestellten zu Montag abend nach den Armiiihallen einberufen war, sprach Genosss Franz Spliedt vom ADGB. über„die Aufgaben und Organisation der Arbeitsämter'. Er gab zunächst einen kurzen Ueberblick über den Stand der Beratungen über das Arbeitslosenoersicherungsgesetz, das noch der Ansicht der Rcichsrcgisrung bis zum 1. April 1927 vom Reichstag verabschiedet werden soll, was jedoch nach seiner Auffassung kaum möglich sein dürfte, da noch eine Anzahl sehr wichtiger Punkte stark umyrittm sind. Der heftigste Streit wird um die Verwaltung der Arbeitslosenversicherung entbrennen. Die freien Gewerkschaften wollen die reine Selb st Verwaltung, wie sie etwa bei der Krankenoersicherung durchgeführt ist. Sie wollen die Arbeitslosenversicherung frei machen von dem burcaukratischen Ein- fluß der Behörden, damit sie, eng verbunden mit der Arbeits- Vermittlung, ein Instrument der Wirtschaft werde. Arbeits- lofenverficherung und Arbeitsnachweis müssen in Zukunft in einer Hand vereinigt werden, wenn wir zu einer systematischen Arbeits- Vermittlung kommen wollen. Bis jetzt ist die gesamte Arbeitsvermittelung wenig nach arbeits- marktpolitischen Gesichtspunkten betrieben worden, sehr zum Schaden der Arbeitslosen selbst wie auch der gesamten Wirtschaft. Die Zu- sammenschrumpsung einzelner Industrien, das Erstehen ganz neuer Industrien im Zusammenhang mit der Landarbeltersrage erfordern für die Zukunft einen systematischen Austausch der Arbeitskräste. Um diese Ausgaben zu erfüllen, müssen die Arbeitsämter beweg- l icher werden, müssen sie befreit werden von dem burcaukratischen Formelzwang, der sie in ihrem schnellen und zweckmäßigen handeln hemmt. Gegen diese Auffassung sind sowohl das Reich, die Lander und Gemeinden wie auch die Unternehmer und selbst viele Genossen, die in den Gemeindeverwaltungen sitzen. Trotz dieser gegenteiligen Aus- fassungen gilt es in den nächsten Wochen und Monaten, eine Lösung dieses oielumsirittcnen Problems zu finden. Es muß leider klar ausgesprochen werden, daß sich der starke Einfluß der Behörden auf die Arbeitsämter nicht als segensreich erwiesen und mit dazu beigetragen hat, daß die Verhältnisse in manchen Bezirken so im argen liegen. Es wird vielleicht eine Lösung derart gefunden werden können, daß man den Behörden eine Vertretung in den' künftigen Vorwaltungsau sschüssen zubilligt, trotzdem aber die Arbeitslosenversicherung und die Arbeits- ä m t e r dem behördlichen Einfluß, vor allem aber der behördlichen Verwaltung entzieht. An der Forderung der Selbstverwaltung müssen die freien Gewerkschaften im Interesse der Arbeitslosen wie der Wirtschaft überhaupt festhalten. In einer längeren Dis- kussion fanden die Ausführungen des Genossen Spliedt die vollste Zu- stimmung._ kein Tariflohn ohne Organisation. Entscheidung des Gcwerbegerichts. Einer derjenigen wenig empfehlenswerten Unternehmer, die „grundsätzlich" nur gewerkschaftlich unorganisiertes Per- f o n a l beschäftigen, weil sie keinen Tariflohn zahlen wollen, ist der Konditoreibcsitzer Gepplcr, Oranienstr. 13 (am Heinrichsplatz). Dieser Herr Gepplcr zahlte der Verkäuferin D. monatlich 20 33t g r E Geholt Die Verkäuferin hatte wohl etwas von dem weit höheren Tariflohn gehört, zu ihrem«chadcn aber überhört, daß auf die Zahlung des Tariflohns nur Anspruch hat, wer seiner gewerkschaftlichen Organisation angehört. In Unkenntnis oder Mißachtung dieses Umstandes klagte sie gegen Geppler vor dem Gewerbegericht aus Zahlung des tarifmäßigen Lohnes. In dem Ver- Handlungstermin am 10. November erhob der Herr Geppler den Einwand, die Klägerin sei nicht Mitglied des Ver- b a n d e s, also nicht Tariskontrahent und habe daher keinen Anspruch auf tarifmäßigen Lohn. Das Gewcrbegericht ließ diesen Einwand gelten und wies die Klägerin kosten- p s l i ch t i g ab. Die zuständige Organisation, der Nahrungs- und Gnußmittel- o.rbeiteroerband, Sektion der Konditoren, hat für ihre Mitglieder den Betrieb von Geppler gesperrt, damit der Herr auch weiterhin Unorganisierte mit monatlich 20 Mark beschäftigen kann. '?m Zettalter üer«kignungsprüfun?. Die den Unternehmern sich heute bietenden ungeahnten Möglich-- leiten der Auslese unter den Bewerbern um ihre Arbeitsplätze bleiben nicht ganz ungenützt. Die Methoden sind recht vielgestaltig und nicht allesamt von findige» Syndicis ausgeklügelt. Der kleine Herr im Hause läßt seinem Individualismus freie Bahn und macht sich seine Methode selber. Wir wollen dies am Beispiel des folgenden Fragebogens zeigen, den ein Bewerber von einer Firma für Bureaubedarf, Dessauer Straße 9, bekam: Fragebogen: Name:................ Geboren:...... zu:,,....... Bewirbt sich als:.............. Eintritt kann erfolgen:............ Gehaltsansprüche werden gestellt:........ Vater;................ Des Vaters Beruf:.......... Wohnung des Bewerbers zur Zeit der Bewerbung:.. Zurzeit tätig in Firma:.......... Dortiges Gehalt:.............. Warum wollen Sie sich verändern:....... Vermögensver hält nisse:..,.... Nebeneinkommen:........... Größe:..... Gewicht:...... Verheiratet seit:.............. Kinder:................. Welcher k a u s m. Orgonisakion angehörig:.. Welcher geselligen, sportlichen Vereint- g u n g................. Welchen sonstigen Verbänden:..... Vorbildung: 1. Schule:............... 2. Bisherige Tätigkeit: a) Wie lange:........... b) Warum aufgegeben:.......... c) In welcher Weise haben Sie sich außergeschäft- lich beruflich weitergebildet:....... 3. Welche Warenkenntnisie besitzen Sie: a) Im allgemeinen:........... b) Im speziellen:............ 4. haben Sie besondere Fertigkeiten: a) Maschinenschreiben:.......... b) Kurzschrist:............. c) Plakatschrist:............. S. Warum bewerben Siesichbei mir:.. 6. Was ist Verkaufskunst:.......... Wir oermissen hier noch eine ganze Reihe von Fragen, wie z. 35. die der Halsweite, der Haarfarbe, der Anzahl der guterhaltenen und der etwa schadhaften Zähne, ob Muttermal oder Leberfleck an irgendeinem Körperteil und welchem, ob der Appetit gut und auch die Verdauung, ob mit Erfolg geimpft und dergleichen wichtige Fragen mehr.— Rationalisierung! Die Sparkasse der Bank der Arbeiter, Angestellken und Leamkeu A.�v„ Berlin. Wallsir. öS, ist täglich mit Ausnahme von Sonnabend von V— 3 Uhr und 5— 7 Uhr, Sonnabend» von S— 1 Uhr geöffnet. Lcranlw-irtlick wr Palitik: Dr. tut*»«,«: Wirtschaft: ürtar Sater»»,: Seiverrschaft-bcweaunn: Z. Striaer: ffcuiücton:*, S. Dötcher: Lolalr, uns Soiiiiigcs; ikriz, Narslädt:•ämciccn: H. Stach«: sämtlich in Berlin. Bcrlofl: La rwärtz. Verla» E. m. b. H.. Berlin. Druck: Borwärta-Buchdruckerei und BerlaaaanstaU Paul Singer u. So.. Berlin SW KS. Lindenfira»« 3. r-iCaufhaus A. 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