Menöausgabe Nr. 594 4 45. Jahrgang Ausgabe L Nr. 294 Tcrus-bediummiwn und«njetgensteif« lind in der Morgcnausgabe angegeden RsSallloa: Sw. SS. ci»d-aslr»b« 3 Fernsprecher; vönhoss 292- 292 XeI.-Sdcef{e:So]laIöemo(tatBnUa Derlinev VolksblÄkk flO�OTer�is�) Ireitag 17. Dezember 192� Lcrlaz und il nze lgr n a d tetlung! LeschSftszeit»Vt d!» s Uhr' Verleger: vorwürls-verlag Sinbh. Serlin SW. KS. cinvenstrnsze Z Fernsprecher? VSnhoN 292— 292 Zentralorgan der Sozialdemokrat! fchen Partei Deutrchlands Sturz des Kabinetts Marx wahrscheinlich Genosse Hermann Müller spricht.— Die Deutschnationalen für das Mißtrauens- Votum?— Hochspannung im Reichstag. Der Tog der Entscheidung ist gekommen. Bewegtes Treiben herrscht in den Gängen des Reichstags, die Abgeordneten haben sich schon frühzeitig in großer Zahl im Haus««ingefunden. Die Deutschnationalen halten eine Fraktionssitzung ab, die sich lang« hinzieht. Heut« tagt nur ein Ausschuß, der 4. Unterausschuß des Untersuchungsausschusses zur Erforschung der Ursachen des Zusammenbruchs. Hier werden noch einmal einige Bilder aus der alten, der kaiserlichen Zeit aufgerollt. Aber heut« sind weit weniger Zuhörer gekommen als sonst. Die Gegenwart nimmt das Interesse der Abgeordneten viel mehr in Anspruch als die trüb« Ber- gangenheit. Und doch ist manches wichtig, was K ü h l m a n n heute aussagt. So, wenn er erklärt, daß die Reichsleitung während des Krieges die Notwendigkeit erkannt Hab«, den Elsaß- Lothringern in der Frage der Autonomie Zugeständnisie zu machen, um das Land fester an das Reich zu fesseln. Aber diese Absicht ist an dem Widerstand der Obersten Heeres- letiung gescheitert und Elsaß-Lothringen ist dem Reich ver- leren gegangen... Pünktlich um 12 Uhr eröffnet Präsident Genosse Löbe die Sitzung. Die Tribünen sind gut besetzt, die Reihen der Abgeordneten weisen noch groß« Lücken auf, denn man weiß, daß erst der Abg. Haas von den Demokraten sprechen und die Abstimmung über den sozialdemokratischen Mißtrauensantrag später stattfinden soll. Aus der Regierungsbank sitzt einsam Herr Külz, der jetzt noch derzeitig« Reichsinnenminister, sein Kollege von der Finanz,-Herr Dr. R c i n h o l d, unterhält sich am Rande der Estrade angelegentlich mit einem Abgeordneten. Der Reichskanzler ist noch nicht im Saale. inzwischen hcißl es. daß die Venffchnatlonalen beschlosten haben sollen, für den sozialdemokralischen Mißtrauensantrag zu stimmen. Damit wäre das Schicksal der Regierung Marx e..e?___ re K|tC0BSa Zuerst einige kleiner« Borlagen. Der Bericht des Geschäfts- Ordnungsausschusses über einige Anträge zur Strafverfolgung von Abgeordneten wird ohne Aussprache erledigt, die Genehmigung zur Strafverfolgung wie üblich versagt. Der Gesetzentwurf über Zusatz- Vereinbarungen mit Handels- und Schiffahrtsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Italien wird in allen drei Lesungen ohne Aus- spräche verabschiedet. Das gleiche geschieht mit dem Gesetzentwurf zur Regelung der Sozialversicherung und der Erwerbslosenfürsorge der bei Reparationsarbeiten im Ausland beschäftigten Arbeitnehmer. Run ruft der Präsident den Hauptgegenstand der Tagesordnung aus: Fortsetzung der dritten Beratung des zweiten Nachtrags zum Reichshaushaltsplan. Auf der Rednertafel stehen die Namen der Abz. Haas(Dem.) und M ü l l« r- Franken, der noch einmal für die Sozialdemokratische Partei das Wort ergreifen wird. * Abg. Dr. Haas(Dem.) bedeuert den sozialdemokratischen Fraktionsbeschluß, der ihn daran erinnere, wie in einem österreichi- schen Dorf ein Gemeinderat seinen 70. Geburtstag seierte: da er eine politisch stark umstritten« Persönlichkeit war, konnte man sich im Gemeinderat über«ine Ehrung nicht einigen. Schließlich kam man zu einem Kompromiß und sandte ihm folgendes Glückwunschschreiben: ..An Ihrem Ehrentag« gedenken wir des tapferen Patrioten und wünschen ihm viele weiter« Jahre des Wohlergehens. Gleichzeitig sprechen wir die bestimmte Erwartung aus, daß Sie endlich Ihre land-sverräterische Tätigkeit einstellen.�(Große Heiterkeit.) Dr. Haas bezeichnet die Fassung der Resolution der sozialdemokratischen Reich»- tagxfraktion als parteibureaukratisch: wenn die Sozialdemokraten gleichzeitig oder wenigsten» nachher gesagt hätten, wie sie sich die Zusammensetzung der nächsten Regierung denken, so hätte man druber verhandeln können. Man sollt« e» zum Prinzip machen,«in« Re> gierung erst dann zu stürzen, wenn man sich darüber klar ist, wie die nächste Regierung aussehen soll. Sonst wird die nächste Re- gierung nur noch schwächer sein als die vorhergegangene. Ich habe noch nie erlebt, daß aus einer Resolution etwas Gutes herauskommt. Aber ich habe erlebt, daß einem eine Resolution zehn Jahre lang um die Ohren geschlagen wird. Die Sozialdemo- kraien haben uns in eine peinliche Lage� gebracht, au» der ein Ausweg schwer ist. Manche» in der Rede vcheidemanns haben wir als schmerzlich empfunden. In den letzten Wochen war deutlich erkenn- bar geworden, dcß Sozialdemokraten, Zentrum und Demokraten gemeinsam manche Mängel in der Reichswehr abstellen wollten. lieber das sozialdemokratische Reichswehrpro- gram m, wie es in den Schlußworten Scheidemanns ausgesprochen ist. hätte man verhandeln und eine gemeinsame Basis vereinbaren können. Will man für die Zukunft Besserung in der Reichswehr schaffen, so bestand nicht der geringste Anlaß, aus Berhälnisse von 191S. 1920 und 1921 zurückzugreifen. (Zustimmung bei den Demotraten und dem Zentrum.) Wir sind nicht dazu da, geschichtliche Vorlesungen anzuhören, sondern um Gegenwart,- und Zukunftspolitit zu machen. Für diese vergangenen Dinge tragen Zentrum. Demotraten und Sozialdemokraten gemein- sam die Verantwortung, und wie Dr. Wirth zu seinen Taten und wir zu den Taten Rathenaus mit Stolz stehen, so sollten sich auch die Sozialdemokraten zu dem bekennen, was ihr Ebert getan hat. Jetzt werden auch die Nationalisten begreisen, welch schweres und bitteres Unrecht sie Rathenau angetan haben, gegen den sie die Jugend verhetzten, bis er als Op'er siel. Während die anderen lärmend demonstrierten, haben diese drei Männer im Stillen national gehandelt. De? Abg. Henning hat damals den Ravallovertrag als eine Abmachung de» Juden Rathenau mit russischen Juden für jüdische Weltherrschaftszwecke bezeichnet.(Murren rechts.) Lanöesverratshetze. Durch die deutschnationale Presse geht ein Wutschrei. Er gilt der Rede Scheidemanns, er gilt der soZialdemokra- tischen Reichstagsfraktion. Ein Zeichen, daß die Enthüllungen Scheidemanns über die Reichswehr die Deutschnationalen schwer getroffen haben. Mögen sie toben, wie sie wollen— es ist heute vor aller Augen sichtbar, wie sehr die Reichswehr reformbedürftig ist. Es ist sichtbar, daß die stärkste Partei in Deutschland, die Sozialdemokratie, nicht gewillt ist, staats- gefährliche Uebergriffe in der Reichswehr schweigend zu decken und zu dulden. Damit sind geheimste reaktionäre Hoffnungen gestört. Der Wutschrei der Deutschnationalen ist darum nicht gemacht— wohl aber jene erbärmlich moralisierende Hol- tung, die sie einzunehmen belieben. Sie versuchen, die So- zialdemokratie als landesverräterisch zu denunzieren. Das Wort„vaterlandslose Gesellen" lauert im Hintergrund. Es ist der Versuch, eine Trennungslinie zu ziehen zwischen der Sozialdemokratie und den bürgerlichen Parteien, die Sozial- demokratie politisch und moralisch zu isolieren. Es ist der bürgerliche Klassen- und Kastengeist in Rein- kultur, der in der Reaktion auf die Rede Scheidemanns das Haupt erhebt, der Geist des Besitzbürge rblocks, jener Geist, dem ein Schauder ankommt vor der Arbeiter- schaft und ihrer politischen Vertretung. Die deutschnationale haßerfüllte Demonstration gegen Scheidemann rechnet auf das Anklingen alter gefühlsmäßiger Einstellung gegen die Sozialdemokratie bei den Mittelpar- teien, und nicht ganz mit Unrecht. Die Erklärung des Reichs- kanzlers Marx nach der Rede Schetdemanns, die ge- wunden« Haltung der Presse der Mittelparteien zeigen, wie leicht die Mittelparteien auf solche Töne ansprechen, wie sie sich dem Terror einer militaristisch-reaktionären Bürgerblock- anschauung gegenüber schwach zeigen. Es ist der Geist des anetev rchrime, der in der Wut und dem Entsetzen über Scheidemanns Rede zum Ausdruck kommt. Die deutschnationale Presse schreit: Landesverrat! „Tag der Schmach— eine landesverräterische Rede Scheide- manns" heißt es im„Lokal-Anzeiger". In der„Deutschen Tageszeitung" liest man: „Deshalb ist kein Wort der Verurteilung scharf genug gegen- über einem führenden Parteimann, der auf solche Art, wie Herr Scheidemann es tat, in der Wirkung di« Grenzen des Lan- desverrats überschreitet, wenn er nämlich ernsthaft an das glaubt, was er von öffentlicher Tribüne herab zum Fenster hinausredet. Wäre Herrn Scheidemanns Material stichfest, wären seine Behauptungen richtig, so wäre der Hochverräter von gestern der Landesverräter von heute." Der Vorwurf des Landesverrats ist erbärmliche und niedrige Hetze gegen eine Partei, die in Wahrheit die festeste und treueste Stütze des States ist und zum Staate gestanden hat. als die Schreier von heute an seiner Zerstörung arbeiteten und ihm unterminierten. Dieser Vorwurf entspringt nicht der Treue zum Staat, er ist Ausfluß reaktionärer, putschistischer, gegen den Staat gerichteter Anschauungen. Es ist ein heuch- lerisches Spiel mit Worten, wenn die Deuffchnationalen sich eine staatsbürgerliche Partei nennen. Was sie wollen und wie sie denken, sagt die„K r eu z z e i tu n g". Sie polemi- Gerade um die Völkerverständigung vorzubereiten, haben Ebert, Wirth und Rathenau zum Schutze der deutschen Grenzen manches getan, was dem Buchstaben von Versailles nicht entsprach. Versailles schuf den Geist der Gewalt, Loearno schafft den Geist des Friedens. Jedes Volk will seine Grenzen verteidigen, sonst wäre es nicht wert, daß es besteht. Aber von einem gewissen Zeispunkl an ist die alle Reichswehr- Politik außenpolitisch unerträglich, innerpolitisch eine Gefahr und mililärisch eine sinnlose Kinderei. Auch wir verlangen, daß rücksichtslos alle Verbindungen der Reichs- wehr zu irgendwelchen politischen Verbänden abgeschnitten werden. (Zustimmung in der Mitte.) Der Redner weist dann Zurufe der Rechten zurück, die das R e ich?- bannet auf eine Stufe mit den sogenannten Wehrverbänden stellen wollen und betont nachdrücklichst, daß an dem schwersten Schaden, der der Reichswehr überhaupt zugefügt werden konnte. nämlich an der Meuterei des Führers der bayerischen Division, die Bayerische Volkspartei zum großen Teil schuld ist. Gegenüber einer Aeußerung des bayerischen Ministerpräsidenten Held stellt der Redner seft, daß Löbe. Haas und Wirth die Reichswehr keineswegs zu einem Instrument der Sozialdemokratischen Partei, sondern lediglich zu einem verläßlichen Werkzeug der deutschen Republik machen wollen. Die Reichswehr müsse zur republikanischen Staalssonn erzogen werden. Auf die Dauer könne keine Armee bestehen, die innerlich der Staatelorm fremd gegenübersteht, der sie dienen soll. Die Anhänger der Demokratie hätten im alten Staat niemals versucht, die Monarchie gewaltsam zu beseitigen. Wie damals die Monarchie kein Heer von Demokralen duldete. so dürfe setzt die Republik»ein Heer von Monarchisten dulden. siert ebenso heftig gegen Wirth wie gegen Scheide. mann. Dem Wirthschen Bekenntnis zum republikanischen Staat antwortet sie: „Die Reichswehrfrage benutzte er dazu, um über die Repu.' b l i k zu reden und schließlich alles auf den Renner des leiden- schaftlichen Bekenntnisses zu ihr zu bringen. Er geht also mit jedem Tag beinahe einen Schritt weiter. Die Deutsch- nationalen sollen nicht nur— das war der Sinn seiner Ausfüh- rungen— die Verfassung anerkennen, nicht mehr nur sie„inner- lich" bejahen, sie sollen sogar Hurra schreien, wenn ihr Banner geschwenkt wird. Rein, soweit sind wir noch nicht. Der Staat will er st werden, wenn er auch eine Repu- b l i k ist. Wir stehen zum Staat, dessen Form wir auf der gegebenen Grundlage, d. h. auf verfassungsmäßigem Wege schaffen helfen wollen."� Der Staat— darunter verstehen die Deutschnationalen sich selbst. Darunter oerstehen sie die unter reaktionärem Ein- fluß stehende Reichswehr und die in den Grenzgebieten der Reichswehr stehenden Rechtsverbände, den haßerfüllten Geist gegen die demokratische Republik. Ihre Staatsauffassung ist die der Militärs des alten Regimes: der Staat ist das Heer feiner Majestät. Das ist die Grundlage des Landesverratsgeschrei! Lan- desverrat ist nach ihrer Ansicht jede öffentliche Kritik an der Reichswehr in ihrer heutigen, überaus reformbedürftigen Gestalt, jeder Protest gegen ungesetzliche Betätigung der Reichswehr. Landesverrat ist nach ihrer Ansicht die öffentliche Feststellung der Tatsache, daß die Reichswehr sich der parla- mentarischen Kontrolle entzieht, daß sie zusammenarbeitet mit gegen die Verfassung konspirierenden Kräften. Für solche An- schauung ist die Verfassung, das Parlament, die Gesetzgebung nur ein Feigenblatt, daß das Eigenleben der Reichswehr ver- decken soll. Solche Anschauung, die der Reichswehr das Recht der Gesetzesverletzung zuspricht, ist im tiefften Grunde hoch- verräterisch gegen die Verfassung. Das Landesverratsgeschrei entspringt dem Geiste des Militarismus, der geheimen Rüstungen der Vorkriegszeit. Es ist unvereinbar mit dem Geiste der amtlichen deutschen Außenpolitik. Mögen die Parteien, die die durch Völkerbund, Ver- ständigungswillen und allgemeine Abrüstungsforderung be- zeichnete Politik vertreten, zusehen, daß sie die Außenpolitik nicht schädigen, wenn sie sich dem versuchten Terror dieses Landesverratsgeschreis gegenüber schwach zeigen! Sie wissen, daß die prinzipiellen Anklagen der Sozial. demokratie richtig find. Sie gestehen es selbst durch das Bekenntnis des Reformwillens und des Reinigungswillens der Reichswehr gegenüber. Sie mögen sich klar darüber werden, daß die Verbindung von Reichswehr und Volk, daß die Reform der Reichswehr nur durchgeführt werden kann, unter parlamentarischer Kon- trolle und unter öffentlicher Kontrolle. Die Heimlichkeit stört das Vertrauen des Volkes, sie leistet den reaktionären und verfassungswidrigen Kräften Vorschub. Der Weg zur Reform der Reichswehr geht durch absolute Ehrlich- k e i t und absolute Oeffentlichkeit. Die Sozial- demokratie hat von dem Rechte der öffentlichen Kontrolle und der öffentlichen Kritik Gebrauch gemacht— es ist der r i ch- t i g e Weg, und der Wuffchrei der Berfafsungsfeinde von rechts bestätigt es. Ergänzung, Ausbildung und Unterricht der Reichs- wehr müssen auf den republikanischen Geist eingestellt sein. Wir brauchen die Erziehung des Soldaten und de» Unteroffiziers zur Verfassungstreue. Dazu ist aber die Beseitigung der aristokratischen Führerauslese notwendig, denw- kratische Führerauslese muß sich durchsetzen. Zum Schluß seiner Rede erklärt Abg. Haas: Im Augen- blick wisse er noch nicht, wie sich das Schicksal der jetzigen Regierung ge st alten werde. Aber das «ine wolle er sagen, ein« Regierung zu stürzen, sei nicht schwer. Doch ein« Regierung zu stürzen, ohne zu wissen, was hinterher kommt. sei«in gefährliches Spiel.(Beifall in der Mitte.) Nunmehr betritt Abg. Müller-Franken die Rednertribüne, das Heus füllt sich raich und gerät bald in lebhaft« Bewegung. ?lkg. Muller-Iranken(€03.); Die gestrige Rede des Abg. Scheidemann hat auf verschiedenen Seiten des Hauses Kritik erfahren. Man hat sogar von Landes- verrat gesprochen. Am allerwenigsten hat aber die Rechte das Recht, von Landesoerrat zu reden. In den letzten Jahren hat dieses Wort von Landesoerrat an Wert verloren. Wenn Sie nicht» anderes auf di« Rede zu erwidern wissen, als den Vorwurf des Landesverrats zu erheben, dann dürfen Sie sich nicht darüber w-undern, daß man Ihren Behauptungen im Auslande keinen Glauben schenkt. Im übrigen sind wir gern bereis, uns mit Ihnen über diesen Vorwurf vor den deutschen Wählern auseinanderzusetzen, wenn Sie uns die Gelegenheit dazu geben, wir sind dazu bereit, uns in jedem Wahlkamps über diese Arage auseinanderzusetzen. Dsr Abg. Wirth hat gestern Bezug genommen auf die Jahre 1922 und 1SS3. Damals hat im Westen und Osten das Schicksal des Deutschen Reiches an einem Faden gehangen. Aber wenn damals nicht die Anhänger meiner Vartei aus der wacht gestanden hätten, dann würde heule das Deutsche Reich nicht mehr existieren.(Leb- haste Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Gegenüber den Hand- lungcn des von Ihnen so gefeierten Schlageter haben sich die Arbeiter ein ganz anderes Verdienst um das Reich erworben.(Auf der Rechten erhebt sich großer Lärm.) Der Redner erklärt: Diese aktivistische Agitation von der Art Schlagetcrs hat das Reich a n den Randdes Verderbens gebracht.(Lebhaste Zustimmung.) Wir haben durch den Abg. Seidemann unsere Beschwerden über die Zustände bei der Reichswehr vortragen lasten. � wir haben das getan, weil eine rasche Klärung über die Frage der Reichswehr herbeigeführt werden muß und weil wir berechtigte Zweifel haben, ob alle Regierungsparteien die ernste Absicht haben, sich in dieser Kernfrage mit uns zu einigen. Die„Nationalliberale Korrespondenz" hat den Bericht der„Königs- borgcr Allgemeinen Zeitung" über die Rede des Abg. Dr. Scholz i» Instcrburg wiedergegeben und dort wurde erklärt, daß eine Große Koalition mit der Sozialdemokratie infolge der Frage des Arbeitszeitgesetzes und der Reichswehr unmöglich sei.(Hört, hört links.) Die Angriffe auf die Reichswehr seien unerträglich. Der Redner verweist demgegenüber auf die Protokolle der Reichstags- Verhandlungen hin. aus denen sich ergeben würde, daß die Sozial- demokratic niemals zu Unrecht Angrisie auf Zustände in der Reichs- wehr erhoben habe. Wenn aber der Führer einer der wichtigsten Regierungspartei sich so äußert, so haben wir das ernst zu nehmen. Wir haben der Regierung nur einen Teil des Mate- r i a l s übermittelt, das wir in Händen haben und davon hat wiederum der Abg. Scheidemann nur den klein st en Teil vorgetragen. Der Reichskanzler hat gestern erklärt, daß eine vorläufige Nachprüfung des Materials ergeben habe, daß ein großer Teil falsch sei. Dafür haben wir noch den Nachweis zu erwarten. Bis dahin legen wir aber den Nachdruck aus das Wort „v o r l ä u f i g". Herr Koenen hat sich die Sache einfacher gemacht und alles als Schwindel bezeichnet. Haben Sie(zu den Kommunisten) aber vcr- i.esirn, was die Abg. Frau Zetkin am 27. November 1V2S im Reichstag gesagt hat: Wer de» Frieden will, der muß das Bündnis mit der Sowjetunion als der ersten Fricdcnsmacht der Welt suchen. Unlcr Umständen muß ein Zusammenarbeiten zwischen Reichswehr und Rotarmisten erfolgen.(Lebhaftes Hört, hört! bei den Sozial- dcmokraten. Lärm bei den Kommunisten.) Die Prüfung des von dem Abg.«cheidemann vorgeiragcnen Materials möge doch im Auswärtigen Ausschuß vorge- udmmen werden; dessen Vorsitzender der Abg. Hergt kann sich ja deswegen mit dem Rcichsaußcnministcr in Verbindung setzen. Im Ausschuß können die Einzelheiten durchgesprochen werden und die Regierung kann dann Auskunft darüber geben, was daran wahr ist und was nicht. Das eine ist aber seht schon klar: Zn Rußland gibt es über. houpt keine Geheimnisse. Wenn deutsche Ossiziere sich mit - Rußland in Verbindung sehen, dann weiß man das nicht nur bald in Berlin, sondern auch in London und Paris. Vielleicht kann Herr Stresemann auch darüber einige Auskünste geben. Im Inland aber ebenso wie im Ausland hat man den Ein- druck, daß endlich Schluß gemacht wird mit Methoden, die sich mit L o c a r n o und mit de>n Völkerbund nicht mehr ver- tragen.(Lebhafte Zustimmung links.) Vas Mißtrauensvotum. Nach weiteren Ausführungen über die Reichswehr tani Genosse Müller, den die Zuhörerschaft von mehreren Hundert Abgeord- ueten und Rcgicruugsvcrtrctern in gespanntester Aufmerksamkeit - Umsicht, zur Begründung des von unserer Fraktion eingebrachten Mißtrauensantrag. Er erklärte, daß sowohl in unserer Fraktion wie beim Zentrum und bei den Demokraten gerade in den letzten Tagen mehr Anhänger der Großen Koalition vorhanden gewesen seien als jemals vorher. Wenn trotzdem das Mißtrauensvotum eingebracht wurde, so des- halb, weil die sozialdemokratische Fraktion das allergrößte Mißtrauen gegen die Haltung der Deutschen V o l k s p a r t e i hat.' Ais der Reichskanzler vor mehreren Wochen in Uebereinstim- mung mit den Regierungsparteien jene Verhandlungen einleitete, die schließlich die Große Koalition herbeiführen und durch die Bildung einer sicheren Mehrhest den jetzigen unleidlichen Zustand beseitigen sollte, desavouierte Herr Scholz den Reichs- k a n z l e r, indem er erklärte, die Regierungsparteien hätten den Reichskanzler zu solchen Verhandlungen nicht ermächtigt, auch nicht dazu, über alle Verhandlungsgegenstände zuerst mit den Sozial- demokraten zu verhandeln. Dazu kam dann die Jnsterburger Rede und manches andere, so daß der Sozialdemokratischen Frat- tion eine vollständige Umbildung der Reichs- regieruug sowohl in sachlicher wie auch in persönlicher Hinsicht unerläßlich erschien. Um die Klarheit herbeizuführen, habe die sozialdemokratische Fraktion ein Vorgehen eingeschlagen, dessen Beweggründe sie hier- mit dargelegt habe. Sie werden die Motive nicht in Frage stellen oder in Zweifel ziehen lassen. Damit schloß unter dem lebhafte st en Beifall der sozial- demokratischen Fraktion, aber auch verschiedener Mitglieder der anderen republikanischen Parteien, die Rede Hermann Mül- l e r s. Bei Schluß des Blatte- spricht der Kommunist Roedel. Marx unü Westarp bei Hinöenburg. Reichspräsident v. Hindenburg empfing heute vormittag den Reichskanzler Dr. Marx zum Bericht über die innerpolitische Lage sowie ferner den Vorsitzenden der Fraktion der Deutsch- nationalen Volkspartei Grafen Westarp. hugenbergsthe Morühetze. Im„L o k a l a n z e i g c r" schreibt Herr Johannes W. H a r- u i s ch gegen Schcidcmann: Man denke: Herr Scheidemann fabelte da von der Mord- organisation der OC.: säbelte davon In einer Rede, die ihm, wenn es eine solche ZNordorganisation gäbe, mit tödlicher Sicherheit das Schicksal eingetragen hätte,„abgekillt" zu werden. Ein Held also? Ach nein, Herr Echcideniann ist alles andere als ein Held. Wenn er rzur im entferntesten argwöhnte, es möchte so etwas wie eine rächende Feme geben, er hätte sich wohlweislich gehütet, zu sagen, was er gestern gesagt hat. Wie er sich ebenso wohl gehütet hätte, seinen Landes- verrat außerhalb des Schutzes der Abgeordnetenim- m u n i t ä t zu begehen. Diese Sätze sind so erbärmlich wie verbrecherisch. Sie enthalten eine unverhohlene Ausforderung zum Mord. Genosse Scheide mann weiß aus eigener Erfahrung, daß es eine Mordorganisation OC. gibt. Nur ein glücklicher Zufall hat ihn von dem Tode durch Mörderhand bewahrt. Trotzdem hat er das Anklagematerial gegen die Reichswehr im Reichstage vorgetragen! Herr Johannes W. Harnisch, der Prestechef der Kapp-Regie- rung, war eine der kläglichsten Gestalten des Kapp-Pustches. Es steht ihm gut an, den Genossen Scheidemann des Landcsvcr- rats zu zeihen. Das Urteil dieses Hochverräters zeigt, welchem Geiste der gegen Scheidemanns Rede emporlodernde Haß entspringt. Der gesetzwidrige Stahlhelm. Auflösung einer KreiSgruppc wegen militärischer Betätigung. Der preußische Innenminister hat auf Grund des Z 1 des Gesetzes vom 22. März 1921 die Kreisgruppe Grottkau, Regie- rungsbezirk Oppeln, des„S t a h l h e l m" und des„3 u n g- S t a h l- Helm" einschließlich sämtlicher Ortsgruppen dieser Vereine im Kreise Grottkau mit Zustimmung der Reichsregierung aus- gelöst. Alle Militärwasfen der Bereinigung sowie alle Gegen- stände der Vereinigung oder ihrer Mitglieder, die den unzulässigen Zwecken unmittelbar gedient haben, werden zugunsten des Reiches beschlagnahmt und eingezogen. Die Durchsührung dieser Maßnahme ist Aufgab« der örtlichen Polizeiverwattungen. Aus der Be- g r ll n d u ng teilt der Amtliche Preußische Pressedienst folgendes mit: Der Führer des„Stahlhelm" und des„Jung-Stahlhelm" im Kreise Grottkau hat die Mitglieder dieser Vereine wiederholt im Gebrauch von Kriegswaffen praktisch ausgebildet und mit ihnen milit arische Uebungen abgehalten. Dies wird durch das eigene Geständnis von Mitgliedern der Dereine in Vcr- bindung mit den aufgefundenen Militärwaffen bewiesen. Die lustigen Weiber von Winösor. (Städtische Oper.) Sie hieß Maria I o o g ü n. Das kcckeste Weibchen der durch Shakespeare und eine leckere Suppe berühmt gewordenen Stadt. Sic schnnnkt sich nicht in ein Gesichtchen von blendender Unschuld hinein, sie tut nicht so, als schmolle sie, als kokettiere sie, als führe sie einen Dickwanst an der Rase herum, als spiele sie mit ihrem eifersüchtig ausbegehrenden Mann. Rein, all das macht sie nicht, sondern sie findet die Töne von Liebe, Eifersucht, spielt Koketterie, Lustigkeit, Schelmerei aus ihrem echtesten, wahrsten Temperament heraus. Ihr Thcatertum wächst aus ihrer Natur heraus. Diese Jvogün ist einzig aus der deutschen Opernbühne. Ihr Gesang, lieblich und süß und glockentönend, ist Beigabe, selbstverständliche, köstlichste Zugabe eines lebenswarinen, wahrhaftigen Spiels; ihr Singen leidet nicht an der reizendsten Beweglichkeit ihres Körpers, ihre Gesten werden nicht steif und subaltern unter dem Hauch der glänzendsten Koloratur. Zerbinetta, Norma, Frau Fluth— diese Dreieinigkeit von Liebenswürdigkeit, Schalkheit, Stimmenglanz sei gepriesen. Sie geht nicht, sie schwebt. Sie lacht nicht, sondern es lacht aus ihr. Sic macht nicht Szenen, sondern die Szene lebt von ihr.?lm köstlichsten im Monolog, da sie die Begegnung mit Falstaff vvrwegspielt. Hier vergißt sie nicht die kleinste Pointe der Gebärde, des Ausdrucks, so stark suggestiv, daß wir schon den Koloß des Falstaff üben ihr auf dem Sessel erblicken. Und noch einmal wird die Jvogün groß humorvoll, in der Eifersuchtsszene. Selbst ihre körper- liche Kleinheit nutzt sie froh und keck zu einem Witz aus, sie springt im lustigsten und doch sauber gesungenen Iuchzcr dem drohenden, schwörenden Gatten an die Finger. Zum Schluß wie zu Anfang ist sie das Zentrum einer komischen Oper, die so reich ist an Schön- heiten der Musik, daß sie sich sogar einen Ausflug in das Gefilde der Ehemoralität gestatten darf. lt)ie Jvogün droht mit dem Finger- chen. Und alle gehörnten, geprügelten, betrogenen, Hintergangenen Männer des Parketts möchten dieses Fingerchen küsien, selbst wenn sie tausendmal wüßten, daß es ihnen nur eine Nase dreht. Diese Frau Fluth-Ivogün ist vielleicht ein Geschöpf Walters. Aber man merkt es nicht mehr. Die beiden haben denselben Atem, dasselbe Tempo, den gleichen Geist für leichtlustige Motive, sie geben einander und nehmen von einander dieselben Kräfte des musikantisch besten Ausdrucks. Die Liebe, mit der Walter zartgeschmcidige, wie polterndhumorvolle Dinge aus dem Orchester heraushebt, ist be- glückend. Er scheidet genau Romantik und Groteske, Dersteckternstes und Offenlustigcs von einander. Die Welt'Falstaffs ist orchestral und regiemäßig eine andere als die des Bürgerhauses Fluth. Und ganz zum Schluß meldet sich der Weberton. der Walter für Oberon, Euryanthe, Freischütz begeistert macht. Er vermittelt eine Partitur. die an Einfüllen so reich ist wie(außer Weber) keine seit Mozart, die an Ebenheit. Zartheit, Lichtheit, Glanz der Arien und Ensembles auch heute noch(und immer wieder) ihresgleichen sucht. Falstaff: Anton Bau mann, feist und sinnlich, breit und! lachend. Seines Basses Tiefe fehlt der Kellerton: Fluth: Wilhelm G u t t m a n n, mit Elektrizität geladen, beherrscht und doch lodernd: Jungfer Anna: Jülich de Vogt, allzu blaß und kleinmädchenhaft, mit der Stimme nicht recht vorwärtskommend(in ihrer großen Szene- aber tapfer durchhauend): Frau Reich: Emma Baßth, geschickt sekundierend den Schwänken der Nachbarin. Und die anderen alle, die dem lustigsten Weib von Windsor etwas von Laune und Humor ablauschten. Kurt Singer. vie Möglichkeit, über öen Gzean zu sehen. D«r Chefingenieur der„Gencralelektric und Radio-Korporation" Dr. Alexanderson hielt in dem American-Institut of Elektric al En- geneers einen Dortrag über ein« neue Erfindung, durch die es möglich sti, tastächlich üb«r den Ozean zu sehen. Er nennt die Er- findung den Teleoisor(Fernseher). Es ist bekannt, daß in letzter Zeit besonders in Deutschland die Kunst des Fernsehens sehr weit ver- vollkommnet worden ist, ohne daß allerdings dieses Fernsehen bereits praktisch derart durchgeführt worden ist. daß es möglich ist, jeden Vorgong auf viele Meilen weit zu sehen. Es ist Aleranderjon nach seinen Worten gelungen, mit seiner Maschine 16 Bilder in der Sekunde vorzuführen, so daß der Eindruck eines lebenden Bildes entsteht, wie er uns auf dem Film übermittelt wird. Sein Apparat stellt nicht«ine Neuerung dar, sondern er ist offenbar völlig auf den Grundsätzen der deutschen Erfindung aufgebaut. Es war von vorn- herein anzunehmen, daß mit Hilf« der Technik Mittel und Weg« gefunden werden, das Fernsehen so weit zu verwirklichen, daß es überall und jederzeit ermöglicht wird, nachdem einmal dos Prinzip des Fernsehens durch Carolus gefunden worden war. Wir haben bei allen bedeutsamen technischen Erfindungen der neueren Zeit die Erfahrung gemocht, daß der erste Schritt zur Verwirklichung der Erfindung sehr schwer ist, daß es aber nur eine Frage der Zeit fei, die Mängel der ersten Erfindung soweit zu verbessern, daß nicht nur brauchbare, sondern auch für den Massenbetrieb geeignete Maschinen hergestellt werden. Aehnlich ist auch die Entwicklung des Fernsehens zu erwarten. Die Forderung ging dahin, eine Moschine zu bauen, die jederzeit und überall in Tätigkeit gesetzt werden kann und die Möglichkeit einer regelmäßigen und gleichzeitigen Uebermittelung entfernter Bilder gibt. Die Entfernung selbst spielt dann keine Rolle und xs ist dem Erfinder durchaus zu glauben, daß er mit seinem Apparat über den O.zean und auf Entfernungen von 10 000 Kilometern und mehr zu sehen imstande ist. Ist einmal erst dieser Fortschritt tatsächlich er- zielt, dann ist nicht daran zu zweifeln, daß wir in Deutsbland in der Lage sein werden, von hier aus Theatervorstellungen in Amerika bei- zuwohnen. Heute hört sich diese Nachricht noch etwas phantastisch an. Man darf aber nicht vergcsien. daß es mindestens ebenso phantastisch war. als vsr wenigen Jahrzehnten ein Witzblatt«in Bild brachte, auf dem dargestellt wurde, wie man aus den verfchiedinsten Leitungen, die nach Art d-r Wasierleitungen dargestellt waren. Musik aus fernen Städten und Ländern bezieht. Diese Faschingsnachricht ist inzwischen vollendete Wirklichkeit geworden. Etwa» ähnliches bereitet sich ossenbar �lus �absburgs Tagen. Tie k. und k. Gewalthaber und die Kriegsschuldfrage. Eine sehr geschäftige und betriebsame Propaganda, die die Machthaber des wilhelminischen Deutschland und auch die der Donaumonarchie von jeder Verantwortung am Ausbruch des Welt» kriegs reinwaschen möchte, hat, um mit dem Ei zu beginnen, sich irr diesem Jahre eifrig mit dem Attentat von Sarajewo besaßt und ver» sucht, der serbischen Regierung die Mitschuld an der Ermordung Franz Ferdinands aufzubürden. Da diese Unschuldspropa» ganda mittelbar auch republiksemdliche Ziele verfolgt, ist es ange» bracht, von Zeit zu Zeit ihre Karten auszuoecken. Ausschlugreich sind in diesem Zusammenhang etliche Urkunden, die Prof. S ch u r m i ir in den Aramer„Rovostt" veröffentlicht. Die erst« ist ein streng vertraulicher Prioatbrief des ungarischen Ministerpräsidenten Grafen T i sz a an den Banus von Kroatien S k e r l e c z vom 10. Juli 191 t, m dem er um konkrete Angaben über„jene Machinationen bittet. „die von Serbien aus gegen uns gerichtet sind und die Handlungen oder Versäumnisse der serbischen amtlichen Kreise gegen uns bo- weisen": vor allem ersucht er um Angaben, die„Tatsachen schwererer Natur" entholten. Vom gleichen Tag, dem 10. Juli 1914, stammt ein ebenfas privat gehaltenes Telegramm des österreichisch- ungarischen Außenministers Grafen B e r ch t o l d an Skcrlccz: Geheim! Ersuche ich mir tunlichster Beschleunigung verlaß- liche kontrollierte Tatsachen aus den letzten Jahren mitzuteilen, aus denen eine von«erbten nach der Monarchie getragene g r o iz- serbische Propaganda erwiesen werden kann. Leider waren die Angaben, die der Bonus zwei Tage später an Tisza wie an Berchtold schickte, mehr als dürstig: sie bezogen sich auf einen in Bosnien 1908 verbreiteten Wandkalender, auf dem das Wappen Serbiens von den kroatischen, slawonischen, syrmischen und bosnischen Emblemen umgeben war, aus einen 1912 in Karlowitz gehaltenen Bortrag des Direktors der serbischen Staatsdruckerei, der. formal unanfechtbar, in seiner Tendenz den Stempel der�Propi- ganda trage, aus die geographische Karte eines Belgrader Frauen- Vereins, die Kroatien und Slawonien, Bosnien und Herzegowina. Batschka und Banal als serbische Länder zeigte und auf ähnliches mehr. Das ganze Material hielten selbst die k. und k. Gehalthaber für so kläglich, daß sie es mit Ausnahme eines Hinweises auf den Karlowitzer Vortrag nicht in das doch hinreichend lückenhafte Memorandum ausnahmen, mit dem sie das Ultimatum an Serbien vor Europa rcchtsertigen wollten, Aber das Interessanteste ist d a s D a t u m der an den kroatischen Bonus gerichteten Bitten. Sofort bei der Nachricht vom Attentat, ehe er von den Tätern das Geringste weiß, ist der Generalstabschef. Konrad von Hötzendorf zum Schlag gegen Serbien ent. schlössen, am 30. Juni äußerst Berchtold zum erstenmal die gleiche Absicht und am 7. Juli legt sich die gemeinsame Ministerrats- sitzung auf den Krieg fest. Und dann er st, am 10. Juli, fängt man gemächlich an, sich nach Material umzusehen, mit dem man den öcreits feststehenden Krieg vielleicht auch begründen könnte! Militäröiktatur in Litauen. Zturz der volkssozialistischen Regierung. Memel. 17. Dezember.(WTB.) Heute nachk 3 Uhr wurde die bisherige Regierung in Kowno gestürzt und festgenommen. S u e- tona soll die Zügel der neuen Regierung fest iki der Hand haben. Das Militär steht auf selten der neuen Regierung. Uebcr Lrtauen ist der Kriegszustand verhängt worden. Suetona, von Beruf Lehrer, ist Führer des linken Flügels der faschistischen Christlich-Demotraten. Königsberg. 17. Dezember.(WTB) Der.Telephonver- kehr mi« Kowno ist g e s p e r r t. Es werden von litauischer Seite nur Staats gespräche zugelassen. Da» Rlörderzeichen als Staatswappen. Das Mussolinische De- kret, wonach dos faschistische Rutenbündel mit der Axt Staatszeichen wird, ist in Kraft getreten. Die Beseitigung, Zerstörimg oder Der- unstaltung dieses Abzeichens wird mit Gefängnis von 3 Monaten bis 1% Jahren bedroht. auch auf dem Gebiet« des Fernsehens vor, und vielleicht ist die Er- findung Alexandersons tatsächlich«in Schritt ans dem Weg« zur Er» zielung des Fernsehens über den Ozean. Reue Znslitule der Gesellschasl zur Förderung der Wissenschaft. Der neuest« Tätigkeitsbericht der Gesellschaft zur Förderung de? Wissenschast über die Zeit vom Oktober 1925 bis Oktober 1926, der in den„Naturwissenschaften" veröffenilicht wird, macht nähere Mit- teilungen über ein« Reihe neuer Institut«, die teils bereits geschaffen, teils im Entstehen begrisjen sind So wurde zur besseren Erforschung der glastechnischen und keramischen Arbeiten ein Institut für S i l i t a t f o r s ch u n g ins Leben gerufen. Dem Institut für Biochemie wurde«in« Abteilung für Tabakforschung angeiiedert, die hauptsächlich Untersuchungen über die Biochemie des Tabaks aus- führen soll. Das Institut für Biologie wurde durch eine Gast- abteilung für ausländische Gelehrte erweitert. Als erster wurde der dänische Krebsforscher Dr. A. Fischer berufen, um Arbeiten über die normale und pathologische Physiologie der Gewebszellen durchzuführen. Darüber hinaus ist ein Institut zur Aufnahm« ausländischer Gäste in Aussicht genommen. Durch den bisherigen Raummangel war die Gesellschaft gehindert, ausländische Gelehrte in größerer Zahl als Gäste zu begrüßen, während die Gelehrten der Gesellschost im Auslände großzügig auf- genommen wurden. Auf dem Gebiete der Eeisteswissenschasten wird ein Institut für internationales und ausländisches Prioatrecht geschossen, und in München ist die Eesellschast an dem dort gegrür.d:ten Institut für Wasserbau und Wasserkraft maß- gebend beieiligt. Außerdem soll«in Institut für Anthropologie, menschliche Erblichkeitslehr« und Eugenik er- richtet werden. Alle Zohrc wieder erscheint, von den Lesern bereits sehnsüchtig erwartet, der sozialdemokratische Abreißkalender, den die Lorwärts-Buchdruckerei nun schon seit Jahren herausgibt. (Preis 2 M.) Trotz der großen Fülle der vorhandenen Abreiß- kalender ist keiner vorhanden, der diesem auch nur entfernt an die Seite zu stellen wäre. Der„Vorwärts"-Kalcnder bietet a: ßer den Kalendcrangaben täglich ein Bild in Kupfertiesdruck, das irgendein dem moderne» Menschen wichtiges Ereignis oder oertraute Gestalten wiedergibt. Aus der Rückseite findet man täglich ein gutgewähltes Gedicht oder eine kleine Sammlung von Zitaten oder eine wichtige Statistik aus der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, Tabellen aus der Volkswirtschaft u. a. Viele unserer Leser haben es sich angewöhnt, diese Schätze nicht fortzuwerfen, sondern nach ver- schicdenen Gesichtspunkten zu gruppleren und aufzubewahren. Sie lun gut daran und werden auch in diesem Jahr viel Verwertbares finden._ Ein rbealerikandal In Prag. Ein Tbcaterttandälikien gab es Donners- tag im iteucn Teulschrn Theater in Piag beim eisten Austreten Jan KicpuraS. giepura balle als To>ca leine tiialiin mitgetiraltit. eine Dome au» der Wiener Gelellllbaft.»ine blutige D'lletlantin, d c von Ge- längs- und 5cboli piellunsl feine Abnuiig bat. 7 as Pu�itum weblt: sich mi! Recht eneroiich ge.ien lolches Zlieat.'ispul. sodaiz die Vorjlclluiig unter Zischen und Pjelscn mit einem Skandal endete. Der Chauffeurnwrö aufgeklärt. Die drei Mörder verhaftet. Ueberraschend schnell ist das furchtbare Verbrechen auf der Thoussce von Seehausen durch das schnelle Eingreisen der Orispolizeibehördcn aufgeklärt worden. Die im Auto geflüchteten drei Verb recher konnten verfolgt und ergriffen werden. Es sind ein 20 Zahre alter Arbeiter Surt M a r s ch e w s k i, ein gebürtiger Berliner, ein 22 Jahre alter Zahntechniker Erich Ober, der ebenfalls aus Berlin stammt und ein Zt Jahre alter aus Saar- brücken gebürtiger Ernst p l a l h e, der wie Ober die Zahntechnik erlernt Hot. Die drei Burschen hatten große Dinge vor. Sie beabsichtigten. in Seehausen ein Kaufhaus auszuplündern und ihre Beute mit einem Auto wegzuschaffen. Sie wollten sich nach Berlin wenden und hier einen„großen Schlag"— einen Bankraub— verüben. Gestern nachmittag erschienen alle drei bei dem Autobesitzer Günther, um einen seiner Wagen zu mieten. Der Sohn des Fuhrhalters, der 20 Jahre alte Chaufseur Karl Günther, sollte sie fahren. Zunächst ging es durch die Ortschaften Falkenberg und Lichterfelde. Unterwegs kehrten die drei Burschen in mehreren Gastwirtschaften ein und tranken. Sie versuchten auch, den jungen Günther zum Trinken zu veranlassen. Bon Lichterselde aus sollte die Fahrt weiter nach Werben gehen. Der Sahn des Amtsvorstehers, der sich am Abend zufällig im Garten befand, sah einen Kraftwagen vorüberfahren und hörte gleich darauf einen Schuß fallen. Er lief erschreckt an den Zaun, sah das Auto halten und einen Mann die Maschine von neuem an- kurbeln. Ein zweiter taumelte aus dem Wagen her- aus. Der junge Mann eilte hinzu, um seine chilse anzubieten. Jetzt raste der Wagen davon und ließ den Taumelnden zurück. Mit dem Ausruf:„Sie haben mich erschossen! Ich bin Karl Günther!" brach der im Stich Gelassene im Ehaussecgraben zusammen. Der Son des Amtsvorstehers brachte den Erschossenen in das väterliche Haus. Jede Hilfe kam aber zu spät. Die Mörder waren mzwiichen mit dem Wagen nach Werben weitergefahren und bis Raebel gekommen. Hier führt gewöhnlich eine Wagenfahre über die Elbe, die aber im Augenblick ihrer Ankunft nicht zur Stelle war. So ent- stand ein Aufenthalt, der für die Flüchtigen verhängnisvoll wurde. Im Orte war eine Gerichtskommission mit einem Auto anwesend. Als nun die telephonische Meldung von dem Morde «inlief, nahm auch die Kommission sofort die Vcrsolgung auf. Die Mörder, die den weiteren Fluchtweg versperrt sahen, wagten nicht, länger zu warten und fuhren auf einen Seitenweg, wo sie sich ver- irrten. So verpaßte das Auto der Gerichtskommission sie. In Klein-Hindenburg bei Osterburg wurden die Mordbuben dann von einem Landjäger angehalten und festgenommen. Nur dem Eingreisen der Beamten haben sie es zu verdanken, daß sie von den herbeigeeilten Bauern, die von dem Morde gehört hatten, nicht gelyncht wurden. Der Abtransport der Verbrecher in das Gerichtsgefängnis in Stendal erfolgte in dem Auto der Gcrichtskommiffion. Die wahren Dolchstößler. Kühlmann stellt die Oberste Heeresleitung und die Dynastien blast. Der 4. Unterausschuß des Untersuchungsausschusses des Reichs- tags für die Friedensmöglichkeiten von 1917 fetzte am Freitag vor- mittag die Vernehmung des Staatssekretärs m D. v. Kü h l m an n über sein Verhältnis zum Siebenerausschuß und anderen Parlamen- tariern in jener Zeit fort Auch Reichskanzler a. D. Michaelis ist wieder als Zeuge erschienen. Der Vorsitzende Abg Dr. Philipp(Dnat.) fragt zunächst, ob bei den Verhandlungen über die Friedensaktion des Papstes der kaiser- liehen Regierung der Inhalt des Londoner Vertrages vom 26. Mai 1915 bekannt gewesen sei, der dem Eintritt Italiens in den Krieg vorausging. Staatssekretär v. kühlmonn erwidert darauf: Nein, dieser Ver- trag ist er st durch die russischen Veröffentlichungen publica juris geworden. Ferner möchte Dr. Philipp näheres wissen über die Beziehungen zwischen dem Auswärtigen Amt bzw. dem Reichskanzler und dem Abgeordneten Erzberger. Reichskanzler a. D. Dr. Michaelis erklärt darauf: Als ich das Reichskanzleramt übernommen hatte, kam Erzberger zu mir ?md fragte mich, ob feine Stellung im Auswärtigen Amt dieselbe bleiben würde wie unter meinen Vorgängern. Mir war das Maß seiner Mitwirkung nicht bekannt. Ich mußte mich erst erkundigen, und es wurde mir gesagt, Erzberger hätte«ine Vertrauensstellung, die nicht ohne weiteres zurückgezogen werden könnte, wenn auch hier und da Bedenken geäußert wurden. Ich habe in dieser und jener Beziehung Acnderungen eintreten lassen. So habe ich die allgemeine Erlaubnis für Erzberger. Reisen ins Ausland zu unternehmen, in eine spezielle umgewandelt, so daß für jede einzelne Reife die Zustimmung des Reichskanzlers erforderlich war. Daß Erzbergers Beziehungen zum Vatikan besonders eng waren, bewies folgender Vorgang: Ehe ich den Brief des Nuntius Pacelli vom 30. August amtlich vorgelegt erhielt, kam Erzberger aus dem Auswärtigen Amt zu mir und fragte mich, ob ich diesen Brief des Nuntius bekommen hätte. Er sei außerordent- lich wichtig. Kurz daraus wurde mir der Brief dann amtlich vor- gelegt. Hieraus habe ich zweifellos mit Recht entnommen, daß Erz- bcrgcr von der Abfendung dieses Briefes des Runlius pacelli an das Auswärtige Amt Kenntnis halle, die meiner persönlichen Kennt- nis vorauslies. Im übrigen kann ich über das Maß der Befugnisse, die Erzberger eingeräumt waren, und über die Art und Weise, wie er sie ausgeübt hat, aus eigener Kenntnis nichts Näheres sagen. Dr. Philipp: Auch der Referent des Auswärtigen Amts hat den Brief nicht rechtzeitig bekommen und hat sich erst auf Nachfrage Erzbergers auf die Suche begeben. Das läßt Rück- schlllffe auf ein gewisses kompliziertes verfahren zwischen dem Aus- wärligen Amt und der Reichskanzlei ziehen, die für unsere Beur- tcilung der Verhältnisie nicht ohne Interesse sind. Staatssekretär v. kühlmann: In der Zeit, die unsere Unter- suchung umsaßt, hat Erzberger eine weitgehende Vertrauensstellung besessen, welche schon aus dem Regime Bethmann-Hollweg über- nommen war. Erzberger hatte umfangreiche Bureaus in der Budapester Straße, welche aus Reichsmitteln, soweit ich damals unterrichtet worden bin, unterhalten wurden, und er hat im Informations- und Propagandadienst eine große Rolle gespielt. Wie im einzelnen die Fäden gelausen sind, entzieht sich"meiner Kenntnis. Ich selbst habe nur von Fall zu Fall mit den Herren des Parlaments persönliche Fühlung genommen, die Parlamentarier standen aber mehr oder weniger in fortlausendem Gedankenaustausch mit den Referenten des Auswärtigen Amts.» Inwieweit Rachrichten und Verbindungen zwischen Erzberger und der Kurie getauscht worden sind, entzieht sich selbstverständ- lich unserer Kenntnis, zumal Erzberger diese Dinge streng ver- traulich behandelte und auch wohl behandeln mußte. Vorsitzender Abg. Dr. Philipp: Warum ist die amtliche Nabe auf die päpstliche Aktion nicht veröffent- licht worden? Zeuge Staatssekretär v. Kühlmann: Die Dcröffentlichungsfragc war schwierig. Einesteils lag der Wunsch der Kurie vor, zunächst nicht zu veröffentlichen. Anderenteils sprachen natürlich für uns innenpolitische Momente von entscheidendem Gewicht für die Veröffentlichung. Damals hatte sich ein heftiger Kampf ent- spönnen: Hie Friedensresolution, hie Anti- Friedensresolution! Die Männer der Friedensresolution wurden von der Gegenseste aufs schärfste angegriffen und wehrten sich mit großer Energie ihrer Haut. Das gab eine Spannung im öffentlichen Leben, die dahin führte, daß jede Erwähnung der Friedensresolution sofort im Hause eine sehr g c st e i- oerte Temperatur zur Folge hatte. Kurz vorher hatte eine scharfe Debatte stattgefunden zwischen dem Reichskanzler Michaelis und der Mehrheit, insonderheit mit dem Abgeordneten E b e r t. Für uns war es eine Kriegsnotwcndigkeit, mii der Ma- jorität des Reichstages, insbesondere mit der Linken dauernd zu- samemnzuarbeiten. Märe damals in irgendeinem Stadium die Sozialdemokratie abgesprengt worden, so wäre der Krieg viel rascher und viel unglücklicher beendet worden als heute. Rur so war e» möglich, die Arbeiterschaft, die breiten Massen soweit zusammenzuhalten. daß eine Meitersührung der Arbeiten überhaupt möglich war. Deshalb habe ich auch trotz großer politischer Bedenken mich ent- schlössen, in vorsichtiger diplomatischer Weise Mitteilungen dem Abgeordneten Scheidemann zu machen, die ich einer anderen«eite nicht gemacht habe. Deshalb konnten wir dem Drängen der Mchrheitsparteien, das Bekenntnis der Regierung zur Friedensresolution zu veröffentlichen, nicht widerstreben. (Die Sitzung geht weiter.) tzochscbulstuüium für Voltsschullehrer. Ein Lehrerbildungsgesctz in Hamburg. Hamburg, 16. Dezember.(Eigener Drahtbericht.) Die Ham». burger Bürgerschaft hat das neue Lehrerbildungsgesetz in namentlicher Abstimmung mit 199 gegen 23 Stimmen in erster und zweiter Lesung angenommen. Die Annahme des Gesetzes, gegen das nur die Deutschnationalen stimmten, bedeutet einen starken Erfolg der fortschrittlichen hamburgischen Schulpolitik, die von dem sozialdemokratischen Schulsenator Krause seit dem Jahre 1919 konsequent betrieben wird. Neben den Demokraten und Sozialdemokraten, die als Befürworter der neuen Lehrer- bildung in Frage kommen, stimmten auch die Kommunisten, die Völkischen und die anfänglich sich sehr sträubenden Volksparteiler dem Gesetz zu. Das Gesetz sieht für all e Volksschullehrer in Zukunft ein mindestens sechssemestriges Universitätsstudium vor. Durch Angliederung eines pädagogischen Institutes an die Universität soll den Lehrerstudenten die besondere fachliche Au?- bildung ermöglicht werden. Ferner sollen die Lehrerstudenten durch Hospitantenkurse an den Schulen praktischen Anschauung?- Unterricht erhalten. Um auch Minderbemittelten das Studium zu ermögliche» sollen die bisherigen weitreichenden Stipendien für die Besucher höherer Schulen erweitert und auch an Lehrerstudenten gewähn werden. Das Gesetz tritt am 1. April 1927 in Kraft. Der Luftpostverkehr ruht an beiden Weihnachtsfeiertagen, am Neujahrstag und am 2. Januar(Somüag), weil an diesen Tagen keine Flüge verkehren. 1 Nochmals Juwelenräuber Spruch. Die Berufung verworfen. Die Berufungsoerhandlung in Sachen des„Märchenprinzen" Spruch ist geradezu mit einer märchenhaften Geschwindigkeit anbe- räumt worden. Erst vor drei Wochen hat der erste Prozeß statt- gefunden. Sonst ist aber am heutigen Prozeß gar nichts mehr sensationell. Auf den Angeklagten Spruch scheint das Zuchthausurteil wie ein Keulenschlag gewirkt zu haben. Es wird ihm wohl zum erstenmal zum Bewußtsein gekommen sein, daß das Leben etwas mehr als ein« Bühne für seine Eitelkeit ist. So sitzt er heute während der Verlesung des Urteils, den Kopf tief hinter die Barriere gebeugt: er fühlt sich nicht mehr als Held und hält nicht mehr siegesbewußt unter„seinem" Publikum Umschau. Es ist das übliche reuige Sündergcsicht. Seine Stimmung wird verständlich, als sofort nach Verlesen des Urteils Rechtsanwalt Fuchs die Erklärung abgibt, daß er auf ausdrücklichen Wunsch des Angeklagten die Berufung zurückzieht, soweit sie sich auf Raub und Nötigung erstreckt. Somit gibt sich Spruch mit der Strafe von fünf Jahren Zuchthaus zufrieden. Er hält aber die Berufung aufrecht, sosern er wegen unbefugten Waffenbesitzes mit der Absicht der Gewaltanwendung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden ist. Es ist klar, daß der Umstand, daß der Staatsanwalt auch Berufung eingelegt hat, zu dieser Einschränkung der Berufung Spruchs geführt hat. Es lag Gefahr vor, daß die Strafkammer die Strafe noch erhöhen würde. Nun, da der Angeklagte sich mit der Zuchthausstrafe zufrieden gegeben hat, zog auch der Staatsanwalt in gleichem Maße feine Berufung zurück. Als dann die Angeklagte Ringhausen, ihr galantes Abenteuer mtt Spruch erzählt, wie er im Hotel ganz uneigennützig, ohne irgend- einen Gegendienst von ihr empfangen zu haben, sie mit der Perlen- kette und mit der brillantenbesctzten Armbanduhr beschenkte, taut Spruch ein wenig auf und sitzt belustigt und schmunzelnd da. Die kleine Filmstatistin aber spielt ihre Rolle der Naiven im Gerichts- faal sehr gut: Perlenketten tragen ja heutzutage olle Damen: weshalb sollte sie sich da nicht von einem reichen Kaufmann beschenken lassen? Und schließlich brauchten ja die Perlen und die Brillanten nicht echt gewesen zu sein. Daß sie nicht echt seien, habe auch ihr„Bräutigam" geglaubt, der heute übrigens auch als Zeuge erschienen ist. Seine Aussage entbehrt nicht eines gewissen Humors. Er hatte sich am Abend vorher mit seiner„Braut" gezankt, sie war auf und davon gegangen und ist erst am anderen Morgen früh zurückgekehrt. Zuerst sagte er ihr nichts, dann gab er ihr eine Ohrfeige und prüfte die Sachen, die sie mitgebracht hatte. Er fand, daß sie„Tinnefs" seien. Das Gericht ließ sich jedoch weder von den Ausführungen des Angeklagten Spruch noch in der Beweisaufnahme im Falle der Ringhausen eines Besseren belehren. Im Einklang mit dem Plä- doyer des Staatsanwalts verwarf es beide Berufungen. Es fand, daß die Gewaltanwendung mittels des Spruch gehörigen Revolvers in dessen Absicht lag, daß er ja außerdem auch dem Schmiedepaul zur Anschaffung eines zweiten Revolvers das Geld gegeben habe. Die Strafe, auf die das erste Urteil erkannt habe, entspreche auch völlig der verbrecherischen Anlage des Spruch. Die Angeklagte Ringhausen, die ja unter Strafaussetzung zu nur drei Monaten verurteilt worden war, hat die Strafe verdient. Sie habe sich sagen müssen, daß die Schmuckstücke, die sie unter diesen Um- ständen erhielt, nicht aus reellen Quellen stammen konnten. Also blieb es bei dem alten Urteil. Serlin soll Marx tmd Lajsalle ehren. Der Magistrat hat vor einigen Tagen beschlossen, Gedenk- tafeln für den Philosophen Fichte, den Komponisten M e n- d e l s s o h n und den Musiker Joachim an Berliner Häusern anbringen zu lassen, in denen diese Großen gewohnt haben. In- zwischen hat die Stadtverordnetenversammlung, wie bereits gemeldet wurde, den Antrag der sozialdemokratischen Stadtverordnetenfraktion angenommen, der den Magistrat an die Pflicht einer gleichen Ehrung für K a r l M a r x und Ferdinand Lassalle erinnert. Der Magistrat wird hoffentlich nicht zögern, diesem Beschluß bal- digst zuzustimmen und ihn auszuführen. Er wird, wenn er Marx und Lasalle ehrt, sich selber ehren. Pferd und Hund... Auf recht sonderbare Art verunglückten heute vormittag zwei Feuerwehrleute. Auf dem Hof des Grundstückes W r a n g e l- straße 136 hate eine Speditionsfirma ihre Stallungen. Em Pferd, das vor einen Wagen geschirrt werden sollte, scheute, stürzte in die Dunggrube und drohte zu versinken. Die Feuerwehr wurde sofort benachrichtigt, die einen Gerätewagen an die Unfall- stelle entsandte. Mit Winden und Gurten wurde versucht, das Tier aus seiner gefahrvollen Lage zu befreien. Mitten bei der Arbeit fiel plötzlich ein größerer Hofhund über den Feuerwehrmann König von der Luisenstadtwache her und brachte ihm einen tiefen Biß in die Wade bei. K. wurde an Ort und Stelle verbunden. Unmittelbar darauf kam der Oberfeuerwehrmann B a l l n e r von derselben Feuerwache schwer zu Schaden. Beim Bergen de? Vferdes schlug das geängstigte Tier mit den Beinen um sich und Ballner wurde von einem Huf am Knie getroffen. Mit einer schweren Knie- gelenkverstauchuna mußte er in das B.'thanten-Krankenhaus geschafft werden. Das Pferd ober— wurde wohlbehalten ans I Tageslicht befördert. Die verfchwunüenen Hkten. Weitere Feststellungen. Das Ermittlungsverfahren gegen Beamte der Staatsanwalt- schast wegen Beseitigung von Akten zieht immer weitere Kreise. Die Ermittlungen werden an drei verschiedenen Stellen gleichzeitig geführt, beim Polizeipräsidium, beim Amtsgericht Mitte und bei der Staatsanwaltschaft!. Die Leitung des Gefamtoerfahrens liegt in den Händen des Elften Staatsanwalts beim Landgericht I, des Oberstaatsanwalts Binder. Heut« wurde wiederum eine ganze Anzahl von Justizbeamten aus den verschiedensten Dezernaten und Sekretariaten zur Ver- uehmung vorgeladen. Der frühere Assessor bei der Staatsanwalt- ichaft Dr. Schott, der bereits vor etwa zwei Jahren wegen Be- truges und Untreue zu Gefängnisstrafe verurteilt wurde, ist auch in diese dunkle Affäre mitverwickelt. Er wurde heute dem Amts- gericht Mitte vorgeführt und nach längerer Vernehmung in Hast genommen. Es war bekannt, daß man in Verbrecherkreisen davon gesprochen hat, man könne durch einen StaatsanwaU etwas machen. Dr. Schott hatte, während er Beamter der Staatsanwaltschaft war. eine Art Doppclleben geführt. In Moabit vertrat er als Mitglied der Staatsanwaltschaft die Anklagen und bereitete die Strasver- fahren bis zur Anklage vor. In seinem Privatleben lebte er jedoch auf sehr großem Fuße und hatte gute gesellschaftliche Beziehungen. Daneben aber hatte er auch Verbindung mit gewissen Verbrecher- und Zuhälterklubs, und es scheint nunmehr, als ob er diesen Kreisen besonders gefällig gewesen ist. In erster Reche werden die Klubs „Libelle" und„Roland" genannt, dieselben, zu denen auch dem gestern verhasteten Rechtsanwalt Dr. Ludwig Meyer Bezie- Hungen nachgesagt werden. Die gegen Dr. Schott erhobenen Be- schuldigungen hinsichtlich seiner Beziehung zu den beiden Klubs sind aber älteren Datums, als die von Rechtsanwalt Dr. Meyer. Das Schicksal des Dr. Meyer wird in Moabiter Richter- und An- waltskreisen allgemein bedauert. Er gill als ein anständiger, fleißi- ger Mann, der aber sehr gutmütig und charakterschwach ist und gewissermaßen in die Sache„h i n e i n g e s ch l i d de rt" ist. * Herr Dr. Löwenthal, der angeblich seine Praris an Dr. Meyer abgegeben hatte, hat diese nicht aus Krankheitsrücksichten aufgegeben. Er ist vielmehr zur Industrie- und Handelsbank A.-G. übergegan- gen. Außerdem ist der verhaftete Iustizobersekretär Rossel drei Jahr« bei Herrn Dr. Löwcnthal ohne Genehmigung des Land- gcrichtspräsidenten tätig gewesen. öesserung im SefinSen öes Genossen Zubeil. Gen. Zubeil hat eine gute Nacht verbracht. Er ist bei Bewußt» sein. Eine leichte Besserung ist, wie uns aus dem Urban- krankenhaus mitgeteilt wird, unverkennbar. Das Urteil im holzmannprozeß. In dem Prozeß gegen Michael Holzmann wurde heute früh vom Landgerichtsdirektor Dr. S ch u l tz e das Urteil des Schöffengerichts verkündet. Michael Holzmann wurde ver- urteilt wegen Bestechung des Rcgierungsrats Bartels und des Kriminalbeamten Rothe unter Einbeziehung der gegen ihn in der Strafsachs Kutisker und Genossen erkannten Strafe von 1 Jahr 6 Monaten zu einer Gesamtstrafe von 2 Iahren Ge- f ä n g n i s, 15 Monate 2 Wochen wurden durch die Untersuchungs- Haft als verbüßt erklärt. Von der Anklage der Erpressung an Iwan Kutisker wurde Holzmann freigesprochen. Das Verfahren wegen versuchten Betruges bei dem Osranigeschäft und wcegn vollendeten Betruges im Falle des Hanauer Lagers wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft vorläufig eingestellt. Die Haftbefehle wurden aufgehoben, jedoch bleibt Holzmann weiter im Gefängnis, da er sich bereits in Strafhaft befindet._ „Volk und Zeil", unsere illustrierte Wochenschrist, liegt der heutigen Postauslage bei. karten zur Trauerseier für Genossen Albert kohn sind bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse, C 2, Klosterstr. 71/72, zu haben. AussteUvng von Schtiierorbcilcn. Die 3.7. Bollschuie Berim-Lichtenbcrg, Marxilr. 12, Leiter Genosse Rektor P r i e b e, veranstaltet am Sonnabend. den 18. Dezember, S— S Uhr und Sonntag, den 19. Dezember, von 11 bis 7 Uhr. eine Ausstellung von Schstlerarbeiten. Zum Besuch sind alle Eitern und Freunde der welllichen Schule herzlich eingeladen. Genosse Kurt Kahal, Hagelberger Str. iO, bittet u»S mitzuteilen, daß er mtt dem im Abendblatt vom 14. Dezember 1926 genannten Kassen- dcsraudantcn gleichen Namens und Alters niibt identisch ist. Führungen durch Alt-Serlla. Die Idee, die Hcimatlicbe durch Be- fichtigung des ältesten Berlins zu stärken, bat erfreulicherweise einen so gionen Anklang gesunden, wie er kaum zu erwarten war. Bor Weih- nachwn findet die letzte Führung durch die ältesten und i S n g st ver- geisenen Winkel Berlins am Sonntag, den 19. Dezember. Natt und zwar wie bisher unter der bewährten Leitung des SchristilellerS Georg Bambergcr. Tresspunkl:'/..II Uhr aus dem Sviiiclmarkt, Ausgang Uniergrundbahn. Teilnahme 60 Ps. V e r k a u s s st c i i c n: Buchhandlung Dobbcrlin. Haupistr. 140; Nikolailchc Buchhandlung, Rheinstraße 65; Postkarten- und Photoveriag, Berlin 0.2, Pofistr. 12. Areirevgiöle Gemeinde. Sonntag, vormittags 11 Uhr. Pappelallee 15, Dortrag des Herrn A. Domdcy: Der Wahrheitsgehalt religiöser Formen. Harmonium: Wcihnachtslieder. Geschäftliche Mitteilungen. Im DoUefilmhau», NeukSllu. Bergstr. 147 gelangt der chrotzfilm au« der Inflation. Die ireudioie ffiaife am Freuag, Sonnabend und Sonntag zur Auiiührung Stehe heulige Anzeige. Lerantmortlith kllr Politik: Dr Curt Seger: Zvlrtschaft: Artnr Saternu»! Sewerlschaktobcweaun«: I. St-iuer: Keuilletoa 1k. 9. TSIchcr: Lokale« uuo Seuutge». �ri>i Aarstiidt: Anzeire»: Th. Slocke: samiltih in Berlin. Verlag Sjorrolirts-Berleg S. m. b. ö.. Bcrli». Druck: Vorwä. ts-Buckidruckerel und L:rlag-anstalt Paul Singer u. Co. Berlin SW W. Lindenstrahe Z. Hierzu 1 Beilag«. 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Der ZZelrak des Zenkralverbandes der Schuhmacher hat noch gestern zu dem im Rcichsarbeitsministerium gefällten Schiedsspruch, durch den die Mindesisiundenlöhne von 70 aus 7S Pf. erhöht, die übrigen Löhne und Aktordpreife nach den Amrechnungsfähen des Rcichsiarifvertrages im gleichen prozentualen Verhältnis erhöht werden sollen, Stellung genommen. Er beschloh nach eingehender Beratung, diesem Schiedsspruch zuzustimmen. Ob die Unternehmer diesen Schiedsspruch annehmen werden, ist nach ihrem bisherigen Verhallen sehr fraglich. * Heute fand die Generalversammlung der Schuhfabrik F. C. Bohnert, Erfurt, statt. Die Generalversammlung dieser an sich kleineu Schuhfabrik(sie arbeitet nur mit einem Aktien- kapital von 750 kW M.) war dadurch interessant, well der Direktor der Gesellschaft, Herr Richard Kiesewetter sen., Erfurt, sich cnt- schuldigen ließ. Er ist der Justitiar des Arbeitgeberver- ba»des der Schuhwarenindustrie, der morgen in Frankfurt a. M. eine Besprechung abhält, um in der Frage der Aussperrung der gesamten Schuharbeiter Deutschlands zu einer Entschließung zu kommen. Nach der Annahme der sicherlich recht gut informierten Verwaltung der Gcseschaft durfte die Aussperrung morgen beschlosten werden. Neichsregienmg gegen Saararbeiter. Tie Lage ist ernst. Saarbrücken, 17. Dezember.(Eigener Drahtbericht.) Infolge der Frankeneutwertung hat die Reichsreaierung den Beamten zuge- sichert, die Schädigung, die infolge der Inflation von den Beamten erlitten wird, auszugleichen. Die Regierung hat jedoch abgelehiit, cm gleiches auch gegenüber den Reichsarbettern zu tun, deren Lage an sich schon schlechter ist als die der Beamten und die durch die Frankenentwertung besonders hart betroffen sind. Auher etwa WOO Eisenbahnern kommen noch einige Hundert Reichsarbeiter in Betracht. Diese unverständige Haltung der Reichsregierung, die auch politisch bedentlich ist, hat die größte Erbitterung unter den Eisen- bohnern und Reichsarbeitern hervorgerufen. Die Lage ist aufs äußerste gespannt; man muß mit einer A r b e i t sniederlegung rechnen. Am Sonntag findet eine Bevollmächtigtenkonferenz des Einheitsverbandes der Eisenbahner statt, die voraussichtlich schwer- wiegende Entschlüsse fassen wird. Es ist höchste Zeit, daß die Reichs- legierung sich eines besseren besinnt. �ns öer öerliner Metallindustrie. Die Angestellten zur Gehallssrage. Die Funktionäre des Zentralverlxmdes der Angestellten, Fachgruppe Metallindustrie, nahmen am Mittwoch abend in Haverlands Festfälen Stellung zu der vom AfA-Metallkartell beschlossenen K ü n- dcgung des Gehaltsabtommens für die Angestellten der Berliner Metallindustrie zum 31. Januar 1927. Genosse Lange vom ZdA. begründete die Notwendigkeit dieser Kündigung. Die Metällindustriellen werden bei den kommenden Verhandlungen besttrnmt wieder mit dem Lebenshaltungsindex aufwarien, d�r gegenüber dem Oktober des vorigen Jahres, also bei der Fest- seßung der jetzigen Gehälter, fast unverändert geblieben ist. Man braucht jedoch wirklich nicht erst eine Steigung der Indexziffer abzu- ivarlen, um die notwendige Erhöhung der Gehälier der Angestellten in der Berliner Metallindustrie zu begründen. Die überaus niedrigen Gehälter begründen ihre notwendige Erhöhung von selbst. In der Berliner Metallindustrie beträgt das Höchstgehalt für einen kaufmännischen Angestellten 28S Mark. In fast allen größeren deutschen Städten sind die Spitzengehälter in der Metallindustrie höher und zwar teilweise ganz beträchtlich höher. So b.llrägi z. B. das Höchstgehalt in Breslau 315 Mark, München 313 Mark, Dresden 352 Mark, Chemnitz 387 Mark und in Frankfurt a. M. 100 Mark. In der Berliner Gesund- heitsinduftrie erlMten die höchstbezahlten kaufmännischen An- gestellten 4 2 0 Mark monatlich. Daß die Berliner Metallindustrie schon seit Jahren solche niedrige Gchältcr zahlt, ist vor allem auf die Lauheit der Ange- stell teil und ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Organisation zurückzusühren. Wenn die Angestelltenschaft der Berliner Metall- industri« noch die organisatorische Stärke wie im Jahre 1919 hätte, wäre ein solches Hinabgleiten der Gehälter einmal erst gar nicht möglich gewesen, zum anderen wäre es aber bedeutend leichter als heute, Gehaltsverbesserungen durchzusetzen. Das mangelhafte Solidaritätsgefühl der Ange st eilten zeigt sich zur- „-it am deutlichsten in der grenzenlosen Ueber stunden» schieberei. So werden z. B. bei Ford von fast allen Ange- stellten nicht nur wochentags Ueber stunden bis 11 Uhr abends gemacht, sondern sogar des Sonntags bis zu 10 Stunden gearbeitet. Diese Ueberorbeit bei Ford wird entgegen allen gesetzlichen Besttmmungen ohne Genehmigung de r Gewerbeaufsichtsbehörde oerrichtet. Dies« bewußte Nichtachtung der gesetzlichen Bestimmungen ist jedoch nicht nur ein Monopol der bei den deutschen Unternehmern so oerhaßten aus- ländischen Firma, sondern steht auch bei den„gutdeutschen" Firmen in vollster Blüte, In einer Abteilung des S ie m« n s- K o n z e r n s. die sich schon seit dem Sommer 1925 mit der Reorganisation des Betriebes befaßt, werden schon lange Zeit täglich 12 bis 11 Stunden gearbeitet. Es haben sich sogar Angestellte gefunden die vom Sonnabend s r ü h b i s M o n t a g s r ü h d u r cha r de i te te n, Als der Angestelltenrat dagegen Einspruch erhob, wurden diese Ange- stellten mitstunl ihren Arbeilen aus ein Lastauto geladen und nach der Wohnung eines Angestellten gefahren, wo dann vom Sonnabend abend bis Montag früh durchgearbeitet wurde. Die Firma Bergmann läßt in einem Werk ihre Angestellten schon seit dem 9. September täglich Ueber st un den machen, ohne ihnen auch nur einen Pfennig dafür zu bezahlen. Bei der Firma Dr Max Levy wurde schon monatelang von den Ange- stellten verkürzt gearbeitet. Nachdem der Schlichtungsausschuß zur Regelung der Arbeits, zeitsrage angerufen wurde, ließ die Firma plötzlich wieder voll arbeiten. Nach weiteren acht Tagen mußten die Angestellten des Lohnbureaus Ueber- stunden machen, weil seit neun Monaten die Abrechnung mit der Steuerbehörde nicht auf dem laufenden war. Trotzdem baute man aber nach der Wiedereinführung der vollen Arbeitszeit einen Ange- stellten des Lohnbureaus ab. Das schönste jedoch war, daß man den- selben Angestellten für die Ueber st unde nur 45 Pf. zahlen wollte, denen man vorher für jede infolge der verkürzten Arbeitszeit ousgesallen« Arbeitsstunde 90 Pf. abgezogen hatte. Diese Beispiele zeigen, wie leider viele Angestellte durch ihre lammfromme Duldsamkeit die Unternehmer geradezu anreizen, die gesetzlichen Bestmi-mungen zu mißachten und nicht nur jede Erhöhung der unzureichenden Gehälter abzulehnen, sondern die tariflich ver- einbarten zu unterbieten._ öezirkstag üer Werkmeister. Trotz Krise Mkgliederzunahme. Der Bezirk X(Berlin) des Deutschen Werkmeisterverbandes hielt in diesem Jahr seinen Bezirkstag in den Borufsia-Festsälen, Weißensee, ab. Erschienen waren 116 Delegierte und mehrere Ehrenmitglieder. Nach einigen gut vorgetragenen Begrüßungs- liedern des Sängerchors des Ortsvereins Weißensee gab der Ge- schäftsstellenleiter Rothe den Geschäftsbericht. Hervorzuheben war besonders, daß die Zahl der Mitglieder wesentlich g e st i e g e n ist, trotz der Rationalisierung(Abbau) der Werkmeister durch die In- dustrie. Dr. C r o n e r, Leiter der sozialpolttischen Abteilung des DWB., erörterte in ausführlichen Worten die Bestrebungen des DWB. in der Sozialpolitik, Er streifte das vor der letzten Lesung im Reichstag stehende Arbeitsgerichtsgesetz.— In der Frage der Angestellten- Versicherung müsse von den gesetzgebenden Körperschaften verlangt werden, daß der«ine halbe Milliarde Goldmark betragende Ueber- schuß im Interesse der Versicherten verwendet werden müsse, indem man das Alter der Rentenbezugsberechtigten vom 65. auf das 60. Lebensjahr herabsetzt. Gleichsalls müsse der Rechtsanspruch aus Heilverfahren im Angestelltenversicherungsgesetz verankert wer- den. Es könne nicht mehr so weiter gehen, daß der größte Teil der Anträge auf Heilverfahren abgelehnt wird. Di« Versammelten folgten mit Interesse den Ausführungen der Vortragenden und kamen zu dem einmütigen Beschluß, sich für die Forderungen der Gewerkschaften in den Fragen Arbeitszeitnotgesetz. Arbettszeitgesetz, Erwerbslosenoersicherungs- gesetz, Ausbau des Angestelllenversicherungsgesetzes mit allen zu Gebote stehenden Mitteln einzusetzen. R ü h l, Mitglied des Hauptvorstandes, ging auf die einzelnen Verbandseinrichtungen ein und teilte mit, daß der Verband vom 1. Januar bis 30. November 1926 2 563 000 M. für Unterstützungs- zwecke ausgegeben hat. Zum Schluß wurde Konrad zum i. Vor- sitzenden des Bezirks X gewählt. Generalversammlung öer öuchürucker. Am Donnerstag fand im Gewerkschaftshaus eine gutbesuchte Generalversammlung der Berliner Buchdrucker statt. Der Gauvor- sitzende Braun beglückwünschte zunächst den 2. Vorsitzenden A l b r e ch t, der in seinem Amt nunmehr seit 20 Jahren ersolg- reich sür die Organisation tätig ist. Einen breiten Raum nahm sodann die Beratung der Satzungen ein. Die Satzungen sind in diesem Jahre den seit der letzten Neubearbeitung eingetretenen veränderten Berhältnissen angepaßt worden. Bon den Kommunisten waren zu den Satzungen einige Anträge eingebracht worden. Nach erläuternden Aussührun- gen von P i e t s ch sür den Gauvorstand und nach einer längeren Diskussion wurde jedoch die Vorstandsvorlage in unver- änderter Form gegen wenige Stimmen angenommen. Bei der darauf vorgenommenen Wahl wurde der Gauvor- stand gegen etwa 12 kommunistische Stimmen wiedergewählt, damit zugleich auch der Kassierer und die Sekretäre. die in diesem Jahre erstmalig zur Wahl standen. Ebenfalls wieder- gewählt wurden die einzelnen Kommissionen. Die Versammlung nahm dann die Bestätigung der Bezirksleiter, der Spartenvertreter und der Vereinsangestelltcn vor Lediglich dem Kommunisten Engel meyer, dem jetzigen Vorsitzenden der Maschinensetzer, wurde die Bestätigung als Vertreter im Gauvor- stand versagt. Engelmeyer hat sich wiederholt Handlungen zu- schulden kommen lassen, die den Interessen des Verbandes zuwider- laufen. Seine Wahl zum Vorsitzenden der Maschinensetzer wurde nur dadurch möglich, daß er sich dem alten Vorstand in dem Bf. streben, den Beschlüssen des Verbandstages gemäß die Sonder- Unterstützungen abzubauen, entgegenstellte. Braun ging noch einmal näher auf die Verhältnisse bei den Maschinensetzern ein, worauf E n g c l m c y e r zu seiner Verteidi- oung das Wort erhielt. Seine Ausführungen fanden bei der Ver» sammlung stelleuweiss den lebhastesten Widerspruch. Für die Be- slätigung Eugelmeycrs als Sparienvertreter im Gauvorstond sprachen sich 164 und dagegen 196 Kollegen aus. Braun gab dann noch bekannt, daß auch die Prinzipale den Lohn- und Manteltarif gekündigt haben. Die Remunerationen für die Schristsührer und für den Vor- sitzenden des Schiedsgerichts wurden bewilligt. Auf einstimmigen Beschluß der Versammlung wird den Arbeitslosen 10 M. und den Invalide nö M. Weihnachtsbeihilfe gezahlt. Zum Schluß erfolgte die nachträgliche Genehmigung zu einer an die englischen Bergarbeiter überwiesenen Ilnterstünuiig von 10 000 M. �» Die öau- und Gelüschranksth'-ste?. Gegen das Uebersiundenunwe)««. Eine gut besuchte Versammlung der Bau- und Geldschrank- schlvsser am Dienstag im Berbandshause der Metallarbeiter beschäs- tigte sich mit dem Ueber st undenunwescn und der unter- tariflichen Bezahlung in der Branche. Wie der Branchenleiter mit- teilte, versucht ein großer Teil der Schlossereien, die dem Schutzoer- band angeschlossen sind, mit allen möglichen Mitteln, die t a r i f- lich vereinbarten Löhne zu umgehen. In den gut organisierten Betrieben wird es zwar meist gar nicht oder ohne Er- folg oersucht, desto mehr aber in schlechter organisierten Betrieben oder in solchen, in denen die Arbeiter zwar nicht schlecht organisiert sind, sich jedoch um die Organisation und ihre Abmachungen wenig kümmern. In manchen Betrieben wird nicht einmal mehr Fahr- und Louszeitentschädigung gezahlt. Das größte Uebel ist jedoch die grenzenlose Ueberstundenschieberei in den Betrieben sowohl wie auf den Bauten. Es werden nicht nur wochenlang täglich bis zu 4 Ueber st unde n geleistet, sondern sogar Sonntags und nachts gearbeitet. Die Bauschlossereicn werden zum Teil durch die Bau» l e i t u n g e n und Architekten zur Ueberftundenarbeit geradezu ge- zwungen. Der Branchenleiter führte einige krasse Beispiele an, wo die Aufträge schon seit Neonaten vergeben waren, die Zeichnungen jedoch er st kurz vor dem Liefer- t e r m i n eintrasen. Wenn sich dann die Firmen außerstande er- klären, den Austrag in so kurzer Zeit ausführen zu können, droht man mit der Annullierung des Auftrags, was zur Folge hat, daß die Firmen von ihren Arbeitern Ueberstunden verlangen, um die Aufträge zu behalten. Aber auch die Betriebsräte sind nicht ganz schuldsrei zu sprechen. Sie bewilligen oft unbedenklich sür längere Zeit Ueber- stunden, ohne sich mit ihrer Branchenleitung in Verbindung zu setzen. Auch die Gewerbeinspektoren zeigen den Unter- nehmern das größte Entgegenkommen, sie bewilligen oft noch nachträglich die an Wochen- und Sonntagen geleisteten Ueber. stunden. Die Branchenkommission hatte sich eigehend mit diesem Unwesen beschäftigt und beschlossen, der Versammlung einen B e- s ch l u ß zur Annahme zu empfehlen, wonach in Zukunft einzelne Ueberstunden abgebummelt werden sollen, während in allen Fällen, in denen Ueberstunden für längere Zeit verlangt werden, von den Betrieberäten die im Tariivertrag vorgesehene paritätische Kommission angerufen werden soll. Außerdem sollen prozentuale Zuschläge sür Ueberstunden nicht mehr gefordert werden. Dieser Dorschlag der Branchenkommission wurde e i n st i m m i g angenommen. Bei dem starken kommunistischen Einschlag der Branche war es eine Selbstverständlichkeit, daß die von den Kom- munisten eingebrachte und begründete übliche Entschließung auf Ein- führung der 42-Stunden-Woche angenommen wurde. Schieösspruch im sächsischen Transportgewerbe. Dresden, 17. Dezember.(Eigener Drahtbericht.) Die Unter- nehmer im sächsischen Transportgewerbe hatten zum 31. Dezember sowohl den Lohn- wie auch den Manteltarif für die sächsischen Trans- portarbeiter gekündigt. Sie forderten einen zehnprozentigen Lohnabbau sowie erhebliche Verschlechterungen des bis- herigen M a n t e l t a r i f e s. Da in den freien Verhandlungen am 8. Dezember, in denen die Verhandlungskommission der Trans- portarbeiter eine Erhöhung der Löhne und Verbesserun- gen des Manteltarifes forderte, eine Einigung nur in wenigen Punkten erzielt werden konnte, vereinbarten die Parteien, vor einem Schiedsgericht weiter zu verhandeln. Diese Verhandlungen wurden vorgestern und gestern im sächsi- scheu Arbeitsministerium geführt. Es wurde schließlich ein Schiedsspruch gefällt, der den alten Manteloertrag, soweit er nicht durch Vereinbarungen der beiden Parteien abgeändert worden ist, bis zum 31. Dezember 1928 bestehen läßt. Den Lohnabbau- wünschen der Unternehmer kommt dieser Schiedsspruch ebenfalls nicht entgegen: er sieht vielmehr ab 1. April 1927 eine wöchent- liche Zulage vor, in der Ortsklasse A von 1,50 M., in der Orts- klaise B von 1 M. und in der Ortsklasse C von 50 Pf. Das Lohnabkommen soll bis zum 31. Dezember 1927 gelten. Die Erklärungs- frist zu diesem Schiedsspruch läuft bis zum 23. Dezember. BRDlIll Frankfurter Allee 89 am Ringbahnhof Frankfurter Allee NEU- Gegründet 1885"MU UM" Gegründet 1885"ME Damen> Konfektion Damen-Hantel mit Pelzbesatz...... 9.85. 12,75 1630 »amen-VelOar-HOSaÜJ In dunklen Parken...... 2.95 Reinwollene Blusen-Seboner»»<- Farben..... 3.05 EleRanles Crep-tlr.itiine-Tani-IHeHl mit Bordare.. 9.85 frlKol' Seiden. linier Kleider aus künstlicher Seide � � alle Farben. Kinder-Kleifier-„ 6.50 4.50 und J KflilCLS für Damen In molligen Stoffen........ 3-50 GROSSER WEIHNACHTS- VERKAUF Spielwaren- Ausstellung I. 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