�ibenSausgabe Nr.* 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 300 Cewqslieblnaunflen und tbucifltnwcih sind in dir SRdcatnoasqab« angeqebeK llcttatllon: 5 IB. 68, Clndeaflrafic 8 Fernsprecher: VSohoss 292- 292 XeL-Ubtcfsc: Sojlaltcnoftal Berlin Derltnev Volksblslkt (lO Pfenr-"g) Zreitag 24. Dezember 1 42b »erlag und»nietgenadtetlung: E«schilfi»i«tt gi«, dt» S Uhr Verleger: Borwar»». Verlag chmdh. Berlin»v». 68, eindeaslratze 8 Fernsprecher: VSnhols 292— 292 Zcntratorgan der Sozialdcmokratirchen Partei Deutfcblands Landau vor dem pariser Kabinett. Guillaumat für die Begnadigung. Varls, 24. Dezember.(Eigener Drahtbericht.) Der Kabinetts- rat, der heute vormittag zusammentritt, wird sich wahrscheinlich nicht mit seiner beabsichtigten Tagesordnung, sondern mtt der eventuellen Begnadigung der in Landau Derurteillen befassen. Der deutsch« Botschafter, cherr von Hoesch, hotte gestern abend ein« einstündig« Unterredung mtt dem Kriegsminister P a i n l e v 4, der den Besuch des deutschen Botschafters gegen 7 Uhr empfing. Der.Matin' be- l>auptet zu wissen, daß Painlevc im Lauf« des Vormittags den lZe- »erat Guillaumat empfangen hatte, der im Laufe des Nachmittags dann bereits eine weitere Besprechung mit Briond in Gegenwart von Palnleve gehabt Hot. Der General Guillaumat soll, dem Blatt zu- solge, Briand und Painleve vorgeschlagen haben, die Verurteilten zu begnadigen, da durch die Angelegenheit von Germershelm, wie das Blatt erklärt,„vor. den Augen der Welt der gute Ruf der Be- fatzungstruppen nicht kompromittiert werden dürfe" Es sei also wahrscheinlich, daß im Laufe des heutigen Kabinettsrotes ein Bor- schlag des Generals Guillaumat auf Begnadigung der Derur- teilten den Ministern unterbreitet werden wird. Der„Mattn" fügt zu seinem Bericht die Hoffnung, daß die De- gnadigungen der verurteilten Deutschen noch vor den Weihnachts- tagen erfolgen. Es ist in der Tat dringend zu wünschen, daß dar Kabinettsbeschluß ohne Zögern erfolgt. Dabei ist, wie im Falle des Generals von Nathusius Ende. November 1924, zu beachten. daß eine Begnadigung erst möglich ist, wenn das Urteil bereits rechtskräftig ist. Ebenso wie damals muß erst die Revision gegen das Urteil zurückgezogen werden, ehe die Begnadigung er- folgen kann. Diese juristische Schwierigkeit braucht aber nicht zu hindern, daß das Kabinett bereits heute den Kriegsminister Painleve beaustragt, die Begnadigung sofort zu. vollziehen, sobald das Revi- sionsverfohren eingestellt ist. Slutiger Terror in Georgien. Masscnhinrichtungcn. Genf, 24 Dezember.(Eigener Drahtbericht.) Der Genfer Der- treter der vertriebenen nationalen Regierung der Republik Georgien. Genosse Ehawicchwily, richtet an die schweizerisch« sozialdemo- rrotisch« Partei und an die Sozialistische International« einen Aufruf, in welchem die schreckliche Unterdrückung lurch die bol» schewistische Fremdherrschaft in Georgien dargestelltt wird. Die Verhaftungen und Verbannungen nach dem fernsten Nordrußland und Sibirien dauern danach ununterbrochen an: in letzter Zeit mehren sich auch die summarischen Hinrichtun- gen von politischen Gegnern wieder. Die offiziell bekanntgegebenen Hinrichtungen der letzten beiden Jahr« erreichten die Zahl von 590. Diese Zahl ist trotz ihrer Höhe noch sehr unvoll st ändig. Der Appell schließt wie folgti „Wir fordern die Einstellung der H i n r i ch t u n g von politischen Gefangenen. Wir fordern von den Sowjets die Einstellung der Verbannungen von georgischen polttischen Gefangenen außerhalb des Lande» in einer Art und Weise, wie die Sowjetregierung die eigenen politischen Gefangenen zu behandeln ausgehön hat. Wir »erlangen, daß die politischen Gefangenen in den Genuß der ele- mentarsten Menschenrechte gesetzt werden und die Bevöl- kerung diejenige materielle Unterstützuirg erhäll, deren sie bedarf. * Die bolschewistischen Zettungen berichten öfter über die Kämpf«, welche die kommunistischen Parteien in bürgerlich regierten euro- päischen Ländern für. oerhaftete Kommunisten sühren. Aber wir haben in diesen Berichten nie feststellen können, daß die in Frag« kommenden bürgerlichen Regierungen ihnen verhafteten polttischen Gegnern diesenigen Mindestrechte verweigern, die wir für unsere ein- gesperrten Genossen von einer Regierung verlangen müssen, welche sich eine sozialistisch« nennt." Kanton fordert Anerkennung. ES will nicht nur mit den Konsuln, sondern mit den Gesandten der Mächte verkehren. London, 24. Dezember.(MTB.). Manchester Guardian" berichte» aus Peking. Kanton versuche die Mächte zur An- crkenuung zu'winger». So verlaute. Ischen habe den Konsuln in Hankau mitgeteilt, daß er in Zukunft al» Minister desAeußeren anzureden sei, und daß amtliche Mitteilungen an ihn vom Gesandten in Peking oder aber In dessen Namen unter- zeichnet werden mühten. der Stefanoff-prozeß wieder vertagt. Vor dem Bukarester Kriegsgericht. Am Donnerstag kam aus Bukarest die Nachricht, daß dort der Prozeß gegen Boris Stefonoff begonnen habe. Heute wird gemeldet, daß dos Kriegsgericht die Verhandlung von neuem oer- tagt habe.>- Der Mitangeklagte Tiatschenko konnte vor Gericht nicht mehr erscheinen. Nach den landesüblichen unsäglichen Martern durch die kgl. rumänische Verbrecherbande der Siguranza(Sicherheitspolizei) harte man ihn schwer gescssell nach Kischinew übergeführt,„zur Vermeidung von Demonstrationen bei der Ankunft" ihn aber eine Station vorher aussteigen lassen, damit er— der nach den Falte- rungen kaum gehen konnte— die restlichen lS Kilometer zu Fuß zurücklege. Dabei wurde er—.auf der Flucht" erschossen. Stahlhelm und Grzbisthof. Ter„christliche" Geist des Bundes offenbart fich. Aus Köln wird uns geschrieben: Der Stahlhelm, der im Rheinlande trotz aller mit reichlichen Geldmitteln unterstützten Propaganda nicht recht gedeihen will, griff in den letzten Monate» zu den gewagtesten Mitteln, um in Zentrums- kreisen Anhänger zu finden. So berichteten jüngst niederrhelnische Blätter, daß ein Stahlhelmkreisführer, Baron v. L o e, in einer Persinninlung des Stahlhelms im Kreise Cleve erklärt habe, Kar- s dinal Erzbischof Schult« in Köln freu« sich des christ- lichen Geist es im Stahlhelm und seiner kirchlichen Betätigung. Nachdem diese Behauptung auch in anderen Stahlhelmversamm- lungen wiederHoll wurde, hat nunmehr das Erzbischöfliche General- vikariat in Köln auf eine Anfrage aus Zentrumskreisen zu dieser Stahlhelmbehauptung folgende Antwort erteill: „Wir teilen Ihnen mit. daß S. Eminenz uns beauftragt haben, die S. Eminenz zugeschobene Sympathie für den Stahl- Helm zudementieren. S. Eminenz fügen die Erklärung bei: Niemals habe ich mich über Stahlhelms christlichen Geist und kirchliche Betätigung gefreut und solche Freude geäußert. Schon deshalb nicht, weil ich niemals Gelegenheit hatte, über Geist und Stellung des Stahlhelms aus eigener Erfahrung oder auf Grund zuverlässiger Berichte mir ein Urteil noch der behaupteten Rich» tung zu machen. Es blieb dem Stahlhelm vorbehalten, einen Erzbischof in unwahrhafter Weise zum Mitgliedersang zu mißbrauchen. Er hat damit seinen wahren Geist enthüllt. papft und Zastbismus. Mussolini steht unter Gottes Schuh— aber warum schützt er nicht die Katholiken? Aus Anlaß der Beförderung des Erzbischofs von Warschau, L a u r i. zum Kardinal hiell der Pap st. vor dem geheimen Kon- sistorium eine bedeutsame politische Rede, in der er zunächst scharf gegen die Verfolgung der Katholiken in Mexiko Stellung nahm, sowie die sranzösischen Katholiken, die der aktiven royalistischen Bewegung angehören, ermahnte, stets die Religion der Polttit vor- anzustellen. Dann verbreitete er sich ausfuhrlich über den Faschismus, sprach seine Freude über die Errettung Mussolinis, die durch ,chas fast mtt den Augen erkennbare Eingreifen der göttlichen Vorsehung" bewirkt worden sei. Er hob dabei hervor, daß er zu den ersten gehört habe, die ihre Glück- wünsche und Danksagungen geäußert hätten. Um so schärfer wandte er sich aber dann gegen die im Anschluß an da» letzte Attentat verübten Gewalltaten: Er gab seinem Bedauern Ausdruck, daß man, während er, die Bischöfe, die Priester und die Gläubigen sich in Danksagungen vereinigt hätten, Gewalttätigkeiten und Verwüstun- gen gegen Personen, Sachen, Einrichtungen, Häuser begangen hat, ohne Hall zu machen vor den heiligen Gebäuden, ohne Halt zu machen vor der ehrwürdigen Autorität der Bischöse und dem heiligen Amte des Priesters. Die besten katholischen Glau- bigen hat man oerfolgl, führte er aus, g e r o d e sie, deren Glaub« und Religion die tätigsten und begeistertsten Verteidiger von Ruhe und sozialer Ordnung sind, denn ihre Organisation und ihr Werk dient dem allgemeinen religiösen, kulturellen, Wirtschaft- lichen und sozialen Nutzen. Ich versichere meinen treuesten Söhnen, daß ich threLeiden kenne, daß ich mit ihnen gelitten habe. Run ist der Sturm vorbei, aber der Schaden, die Trümmer bleiben. Blühende Werke sind zer. st ö r t oder ernstlich beschädigt worden. Wir wissen, daß strenge Befehle ergangen sind, um jeder Gewalltätigkeit zuvorzukommen. sie zu unterdrücken und sie zu bestrasen. Wir erfreuen uns dieser weisen Maßnahmen der Regierung: indessen sind damit die religiösen Interessen noch nicht vollständig gesichert, und gerade die religiösen Interessen sind in Wahrheit die höchsten Interessen eines Volkes. Es scheint, als ob noch eine dunkle Gefahr für die Organijattonen und Werke der Katholiken be- steht, eine Gefahr auch für die christliche Erziehung der Jugend. Es scheint serner. als ob eine Auffassung vom Staat zum Ausdruck kommt, die nicht eine katholische Aus- s a s s u n g ist. Trotz der erlassenen Befehle hat es den Anschein. als ob auch jetzt noch Feinde der Gesellschaft und der Religion vorhanden sind. Wir geben der Hoffnung Ausdruck, daß man hin- fort keinen Grund haben wird, ähnliche Feststellungen zu machen. daß jeder Grund für Mißtrauen beseitigt ist und daß«ine voll- ständige und einträchtige Zusammenarbeit zum Wohl und Glück der Allgemeinheit sich entw'ckele. Diese deutliche Mahnung würde an Wert gewinnen, wenn sie nicht von den Faschisten so ausgelegt werden könnte, als verdamme der Papst lediglich die an gläubigen Katholiken verübten Gewalttaten. Eine generelle Verurteilung der Gewalt würde mehr im Sinne der Lehre dessenigen liegen, als dessen Stellvertreter auf Erden der Papst von der katholischen Welt an- gesehen wird. Vormärz im Nachnovember. Hochverratsprozeffe und Literaturknebeluug. Wiederholt ist im„Vorwärts" auf den Widersinn der Hochoerratsprozesse gewiesen worden, die immer noch— nach Jahren— gegen Arbeiter durchgeführt werden, die im Herbst 1923 gegen die Hitler-Banden sich zu bewaffnen suchten. Die Praxis des Staatsgerichtshofs und des entsprechenden Reichsgerichtssenats bedarf aber auch sonst noch der Beleuchtung. In der Denkschrift des Preußischen Innenministeriums über den„Bund Wiking" und den„Sportverein Olympia" ist die sehr umfangreiche Begründung für die Aufhebung des Per- bots durch den„Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik" enthalten. An dem Beschluß haben mitgewirkt der Senats- Präsident R i e d n e r, der Reichsgerichtsrat Ar n o l d und der Lastdgerichtsdirektor a. D. Reppchen. Diese drei Herren sind in ihren Entschlüssen vollkommen einstimmig gewesen und werden deshalb durchaus einverstanden fein, daß ihre Namen der Mitwelt erhalten bleiben. Denn ihre Beschluß- begründung stellt— im Gegensatz zu der Behandlung kom- munistischer Arbeiter— eine einzige Verteidigungsschrift für die Putschverbände dar. Alle b e- lastenden Schriffftücke, die man bei den Haussuchungen fand, werden liebevoll so lange gedreht und gewendet, bis die wahren Absichten der Putschbündler in reine„Verteidigunge- maßnahmen" umgebogen sind. Einige Sätze für viele: „Es ist aber auch für die Feststellung, was denn mit den bei Oberst a. D. von Luck beschlagnahmten„Grundsätzen" beabsichtigt gewesen ist, keineswegs unbeochtlich, daß dort gesogt ist, das etwaige Hinausziehen der Verbände aus Berlin müsse n Uebereinstimmung mit der Reichswehr erfoig« n diese Darlegung läßt... die Angab« der Beschwer d,i> führer nicht unglaubhaft erscheinen... Es wäre j a a u ch auffällig, daß..." »Der Umstand, daß an Bedingungen für diese Abwehr gedacht ist, kann den Wiking nicht belasten: denn selbst wenn diese Bedingungen zu mißbilligen»vären, ergäben sie nicht» von Anwendung von Gewalt gegen die Republik." Die eingehenden militärischen Sportübungen der „Olympia" können nach dem Staatsgerichtsdof„zwanglos unter den Begriff des Sportes" gerückt werden, die Annahme der Verwaltungsbehörde, daß die V o r b e r e i- t u n g e n der beiden Verbände nur für innerpolitische Zwecke bestimmt sein könnten,„kann nicht als zutref- fend erachtet werden". In dieser Weise geht es endlos weiter mit der Wider- legungdesVerdachtes, daß auch nur ernstlich an Vor- bereiwnq des Hochverrats oder ähnliches gedacht fein könnte. Zwar ist der„Wiking" dieunmittelbareFortfetzung der Putschbrigade Ehrhardt, von deren Tätigkeit doch auch einiges zu Ohren der Richter vom Reichsgericht qe- kommen sein sollte. Aber selbst, daß die Polizei bei Mit- gliedern Militärmunition beschlagnahmt hat, gibt dem Staatsgerichtshof nur zu der Bemerkung Anlaß: „Es kommt darauf nicht an, weil ganz vereinzelte iu einer Gruppe vorkommende Fälle, die von der Bundeslel- tung nicht verhindert werden können, nicht zum Verbot der Vereinigung sühren können." An anderer Stelle setzt der Riedner-Senat auseinander, was„Kampf" ist: „Jedenfalls kann Ziffer Vll des Arbeitsprogramms(Ehrhardts) wonach man sich mit der Republik und der vorhandenen Staats- form und Verfassung Insofern abgesunden hat, als zurzeit e I n Kampf gegen sie... sinnlos sei, und nur Krästezersplitterung bedeute, nicht ohne rveiteres al» Propagierung der Gewalt gedeu- tet werden... Das wäre nur möglich, wenn man unter Kampf regelmäßig die Anwendung der Faust versteht." Diese milde Auslegung gilt für Ehrhardt, der den Kapp-Putfch machte, dessen Bonden Erzberger und Rathenau „killten" und ihn selbst aus der Haft des Staatsgerichtshofs befreiten! Sie gilt für E h r h a r d t, den der Staatsgerichts- Hof vergeblich wegen Meineids und Anstiftung zum Meineid verfolgte. Sie gilt für alle, die mit„Hakenkreuz am Stahl- Helm" herumlaufen und. trotz der Sowjetqranaten, für ihre dunklen Pläne die FurchtooreinemKommunisten- putsch vortäuschen! Sie alle finden beim Staat?- gerichtshof liebevolles Verständnis. Ganz anders aber liegen die Dinge, wenn es sich um Arbeiter und um Kommunisten handelte. Außer der Denkschrift des Innenm'nisteriums liegt uns eine andere Denkschrift vor. Sie ist von der„Vereinigung links- gerichteter Verleger" herausgegeben und stellt das Walten der Justiz gegen revolutionäre Literatur oder was sich dafür hält, sehr eingehend und leider sehr beschämend für die Republik dar. Diese Denkschrift führt eine große Reihe von Verboten und von Strafverfolgungen gegen literarischen Revolutionarismus auf. so daß man sich bei ihrer Lektüre in dieif i n st e r st e n Zeiten des Vormärz zurückversetzt glaubt. Buchhändler und Dichter werden gleichermaßen verfolgt und verurteilt, wenn der Staatsgerichtshof in den literarischen Erzeugnissen„Vor- bereitung des Hochoerrats" oder des Bürgerkrieges vermutet. Er ist dabei durchaus nicht so weitherzig wie gegen Ehrhardt und seinesgleichen. Er stellt vielmehr als gerichtsnotorisch hin, daß die Kommunistische Partei den Bürgerkrieg wolle und deshalb schlußfolgert er, daß auch jede ihrerSchr'rt- t e n notwendig den Bürgerkrieg vorbereiten müsse! Ein Teil der verbotenen Schriften sind hauptsachlich polemische Streitschriften gegen die Sozial- d e m o k r a t i e. Die Sozialdemokratie bedarf aber der Hilfe durch den Staatsgerichtshof nicht. Sie wird der kommuni- stifchen Schaumschlägerei weit leichter Herr werben, wenn diese nicht mit dem Glorienschein des Märtyrertums umgeben wird. Eine Schrift gegen die Dawes-Gesetze ist nach der Denkschrift verboten worden unter besonderer Bezugnahme auf folgenden Absatz des Vorwortes: .Und ist dies der Pazifismus, das.neue Zeitalter des Dauerfriedens". dos uns der.Vorwärts" als Folge de» Dawes- plans verhieß?, fragen die anderen. In der Tot. Arbeiter, An- gestellte. Beamte. Ihr seid von der Sozialdemokratie belogen worden. Sie selbst hat der Regierung Luther in den Sattel geholfen und diese Regierung denkt nicht daran. Frieden zu halten. Ihr Außenminister bietet Deutschland der Tntente als Lands- knecht an gegen das russische Arbeiter- und Baucrnlond.* Das sind für jeden handgreifliche gegen die Sozialdemo- kratie gerichtete Unwahrheiten. Aber glaubt irgend jemand im Lande, irgendeinen Kommunisten in seiner Ueberzeugung wankend zu machen, wenn gegen solche polemischen Unwahr- heiten mit dem vormärzlichen Geschütz der Beschlagnahme und des Verbots vorgegangen wird? Das Buch eines Dr. Greiner über den..Großen Bauernkrieg von 1525 bis 1926" ist vom Landgericht II Berlin ganz im Stile des Staatsgerichtshofes wegen Gefahr der ..Lorbereitung zum Bürgerkrieg" verboten worden mit fol- gendem klassischen Satz in der Begründung: .£!« Gefahr kann angesichts der unverkennbaren zurzeit vielfach ungünstigen wirtschaftlichen Loge der Klasse der kleinen Bauern als eine in ferner Zukunft liegende nicht angesehen werden." Wie anders dringt dies Wort doch auf uns ein, als jene Cntschuldigungssätze des Staatsgerichtshofes für„Wiking" und„Olympia"! In Erinnerung ist noch die Derurteilung des Schauspielers Gärtner wegen Vorbereitung zum Hochverrat und wegen Verstoßes gegen das Republikschutzgesetz. Gärtner hatte bei einer kommunistischen Revolutionsfeier in Stuttgart revolutionäre Dichtungen von Herwegh, Mackay, Steinbach u. a. vorgetragen. Dafür wurde er zu einem Jahr drei Monaten Gefängnis verurteilt, denn nach Ansicht des Reichs- anwalts sei die Kommunistische Partei„eine g e- Heime und staatsfeindliche Verbindung Im Sinne des 8 VII, 4 des Gesetzes zum Schutze der Republik"! Als besonders hochverräterisch zitiert das Urteil die von Gärtner vorgetragene Strophe von Walter Steinbach: .Doch e i n ft Ihr Herren, einstens wird«» tagen. Dann bricht der Freiheit erstes Morgenrot Au» Zuchthauszcllen in das Heim der Rot; Dann löst sich Tat aus ungestümem Drang, lind unser Stöhnen wird Triumphgesang..." Der Ausdruck solcher Zukunftshoffnungen mag. wie der Staatsgerichtshof sagt, unter dem„Deckmantel der Kunst vorgenommene Propagierung der Parteiziel«" sein. Aber seit wann ist die deklamatorische..Propagierung der Parteiziele" oerboten und mit Freiheitsstrafe bedroht? Uebrigens gibt es in der deutschen Literatur Berse von ganz ähnlicher Gefährlichkeit. Z. B. diese: Denn schneller als ein Botensegel fliegt, Soll euch die Botschaft unsres Siegs erreichen, lind seht Ihr leuchten die willkommnen Flammen, Denn auf die Feinde stürzt ein Wetterstrahl Und brecht den Bau der Tyrannen zusammen! Will der Staatsgerichtshof oder der ihm entsprechend« Reichsgerichtssenat auch diese Zeilen als hochverräterisch brandmarken, wenn sie vor einem größeren Publikum vor- getragen werden? Er könnte sich sehr viel Arbeit damit machen. Wir können ihm den Verfasser nennen: Es ist Friedrich v. Schiller, weiland Professor an der Uni- versität Jena! Die Stelle ist zu finden in einem nicht ganz unbekannten Drama, das sich /.Wilhelm Tell" benennt und bis in die vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts am Hof- theater in Berlin als„revolutionäres" Stück verpönt war. Nicht einmal die gleichnamige Oper Rossinis durfte dort das Rampenlicht erblick-n. ohne daß der Geßler in einen franzö' sifchen Marschall und der Tell in— Andreas Hofer um- gewandelt wurde.. Die deutsche Justiz zum Schutz der Republik hätte also erhabene Lorbilder, wenn sie dem„Tell" den Prozeß machen wollte. Freilich versteht sie auch so ihr Geschäft, acht Jahre nach dem 9. November die Zeiten des Vormärz wieder auf- leben zu lassen. Daß sie Bücher beschlagnahmt wegen„hochverräterischer" Zitate von Karl Marc und Friedrich Engels, ist nur ein weiterer Beleg für die UnHaltbarkeit ihres Wirkens. Wann endlich wird sie einsehen, daß durch die politischen Prozesse gegen Kommunisten der Republik nicht gedient, son- dern nur Haß und Erbitterung groß gezogen wird? Wir können den Vormärz in unseren nachnovemberlichen Zeiten nicht mehr brauchen. Die Kommun'ftsscbe Partei— ohne Ideal, ohne Richtung, ohne positives Wollen— ist, wie alle Ereignisse zeigen, in geistiger Auflösung begriffen. Die vor- märzliche Justiz gegen ihre Anhänger Ist aber geeignet, diese Auflösung aufzuhallen. Denn gegen sie empört sich das Rechtsgefühl der Massen, auch derer, die Innerlich mit dem kommunistischen Schaukelspiel längst fertig sind. tzetze als Prinzip. Politische Wrundsätze Nebensache. Die Hetze ist das Lebenselement der Deutschnationalen. Gestern hetzte der.L o k a l- A n z e i g e r" gegen das franzö- sische Volk, weil in Germersheim die schwarzrotgoldene Fahne mit Füßen getreten worden ist. Die Fahne ist das höchste, was die Nation kennt! Wer Schwarzrotgold beleidigt, be- leidigt das deutsche Volk! Die Nation darf nicht ruhen, bis diese Schmach gerochen ist! Heute hetzt die ,K r e u z- Z e i t u n g" gegen das Reichs- finanzministerium, weil es angeordnet hat, daß reichseigene Gebäude schwarzrotgold flaggen sollen. Höhnend schreibt die .Kreuz-Zei tung":„Schwarzrot g e l b als Mietver- tragsparagraph." Gestern war Schwarzrotgold die höchste Ehre der Nation, heute ist es eine verächtlich« Sache, die man ablehnen muß. Die Hetze aber bleibt, gestern und heute, und mit der Hetze die abgrundtiefe Berlogenhcit. Ein �lbschieüsgruß von Külz. Landespolizelberordnung bricht Ncichsrecht. Herr Külz, der acschäftsführende Reichsminister des Innern hat auf eine Anfrage der Kommunisten im Reichstag über das Verbot des Potemkin-Films in Bayern und Württemberg eine Antwort ertellt, die den Mann in seiner ganzen Glorie zeigt:' »Die bayerische Regierung hat mir mitgeteilt, daß sie ein allgemeine» Verbot der Vorführung de» Bildstreifens»Das Jahr lS0S(Panzerkreuzer Potemkin)" nicht erlassen habe. Nach Mitteilung der württembergischen Regierung»st auch keine Anweisung an die Polizeibehörden ergangen, den Bildstreifen zu verbieten. Der Bildstreifen wird vielmehr in Bictiz- heim öffentlich vorgeführt. Auch ich würde ein allgemeines Verbot des von der Film- oberprüfftelle zugelassenen Bildstreifens oder eine allgemeine An- Weisung des behaupteten Inhalts mit dem Reichslichtspiel- gesetz nicht für vereinbar halten. Die Berantwor- tung dafür, daß ein ortspolizeiliches Einschreiten in jedem der vorgekommenen Fälle zu? Aufrechterhaltimg der Sfftttb lichen Ruhe und Ordnung geboten war. mußichdenbeiden Landesregierungen überlassen. Sie werden die An- ordnungen der ihnen unterstellten Behörden daraufhin zu überprüfen haben, ob dies« bei Würdigung der örtlichen Verhältnisse in ihrer Besorgnis um die Ausrechterhaltung der Ruhe und Ordnung nicht zu weit gegangen sind. Die bayerische und die württembergische Regierung sind von mir ersucht worden, in eine solche Nachprüfung einzutreten und gegebenenfalls Abhilfe zu schasfen. gez. Külz." Diesem ehemaligen Reichsminister des Innern und demo- kratisch.'n Parteimitglied täte ein Kolleg über das Abc der deutschen Verfassung not. Er scheint nicht zu wissen, daß es eine Reichsverfassung, daß es Grundrechte der Reichs- Verfassung gibt, daß es sich um eine B e r f a f s ung s v e r- letzung handelt. Das wäre noch schöner wenn vielleicht nächstens eine bayerische Polizeibehörde zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe die Grundrechte der Verfassung außer Kraft setzen könnte. Deutstbnationale Stänkere: in Riga. Eine Berichtigung Dr. Kösters. Daß In Riga als Gesandter der deutschen Republik der Sozial- deinokrat Dr. K ö st e r und damit ein überzeugter Republikaner sitzt. das ist den reaktlonären Elementen der deutschen Kolonie in Riga schon längst ein Dorn im Auge. Eine muntere Hetze gegen den republikanischen Gesandten ist im Gange, die von der Berliner Rechtspresse eifrig unterstützt wird. Die.Lreuz-Zeiwng" ist insolge- dessen genötigt, eine Berichtigung Köster» abzudrucken, au« der u. a. folgendes hervorgeht. Der reichsdeutsche Unterstützungsoerein hatte aus Anlaß des Flaggenerlasses ein Iubeltelegramm an den Reichs- Präsidenten losgelassen, worauf Köster den Vorstand ersuchte, die Eintracht in diesem statutarisch unpositischen Verein nicht durch politische Kundgebungen zu stören. Daraufhin lehnte es der Derein ab, sich be! der B e r f a s s u n g s f e I e r in der Gesandtschast ver- treten zu lassen. Der Gesandt« trat nun— und damit hat er hundertmal recht gehabt— au» dem Verein aus. Entgegen den deutschnationalen Behauptungen wurden durch diese und ähnlich: Vorfälle die Unterstützungen, die die Gesandtschaft bedürftigen Reichsdeutschen auszahlt, nicht berührt. Die„Äreuz-Zeitung" hat die Dreiftlgkelt, in denunziatorifcher Absicht zu behaupten. Köster habe in der Affäre des Flaggenerlasses „Stellung gegen seinen höchsten Vorgesetzten, den Reichspräsidenten". genommen. Köster hat aber, wie au» seiner Darstellung hervorgeht. durch den Schritt, den er beim schwarzweißroten Unterstützungs- verein unternahm, überhaupt nicht„Stellung genommen", sondern sich nur dagegen gewendet, daß sich der unpolitische Verein in politische Angelegenheiten einmischt. Der Fall ist überaus lehrreich. Denn er zeigt, wie ein deutscher Auslandsvertreter aussehen muß, wenn er vor Intrigen der Deutsch- nationalen sicher sein will. Au» diesem Gesichtspunkt kann man nur bedauern, daß die Rechtspresse zu„Beschwerden" über die Bot- schafter und Gesandten der Republik so selten Gelegenheit hat! Deuischn all oval« und völkische.— Wie Herr v. Groefe im „Deutschen Tageblatt" mi' teilt, wollten die Völkischen im Reibxtag ein« Interpellation gegen den Hamburger Senat einbringen und er- baten von den Deutschnationalen die dazu nötigen Unterschrist:». Graf Westarp erklärt« jedoch, daß diese Unterfchriften nicht gegeben werden können, da die Völkischen die Deutschnationalen dauernd in agitatorischer Weis« angreifen. XCulle— Grütle-Lehder. Das völkische„Deu's.che Tageblatt" gibt «n« Mittellung des Untersuchungsrichters an W u l l e wieder, wo- nach die Vorunrersuchung gegen Ihn(wegen d:r Beschuldigungen Grütte-Lehders) am 22. Dezember geschloffen sei und daß die Akten an die Staatsanwaltschaft zurückgegeben wurde». Diese wird sich nun schlüssig zu»Nochen haben, ob sie d!« Eröffnung des Hauptverfahrens oder noch weiter« Beroeiserhebimg in der Voruntersuchung beantragen will. Heut abenö... Heut abend sind alle Mensihen gut. Zeder denkt, wie er andern ein Liebes tut. 3m milden Strahle der welhaachlskerzen Beginnen zu schmelzen vereiste Herzeit. Alaslre Gesichter, verbiklerl, verhärmt. hat der Schimmer auf einmal erhellt und erwärmt. Hände, verkrampft sonst in starrem Begehren. Oeffaen sich freudig und wollen sich leeren. Liebe blüht aus in der Lichterslul— heut abend sind alle Menschen gut. heul abend sind alle Menschen froh. Sindersubel steigt lichterloh. Sorgen, die alltags die herzen zerfreffen. Stnd für Stunden verscheucht und vergessen. heimlich hegen ein neues hoffen. Dt« der Blitzschlag de» Schicksal» getroffen. Anders, vom Glänze der Kerzen erhellt. Blickt das eiserne Antlitz der well. Voller Güte, nicht grausam und roh: heut abend sind alle Menschen froh. And morgen?— So tragt den weihaachlsschei» Auch ln den grauen Alllag hinein! Seih gut! Seid froh! So wird aus Erden Da» Paradies schon Wahrheit werden! Paul Mochmann. Aktuelle Politik auf öer Sühne. Zlllc» Romain»'„Diktator". Dem Lessing-Theater hat der französische Dichter Jute» Romains ein schönes Weihnachtsgeschenk gemacht. Sein Schau» spiel«Der Diktator" führt mitten hinein in Tagessram:n der Politik. Es ist merkwürdig: Bor mehr als fünfzehn Jahren hat er da» Stück angelegt und greift doch zielsicher ein Thema der Gegemvart, das im Brennpunkt de, Interesses liegt. Das Wort �politisch Lied ein garstig Lied" trifft auch für das Drama nicht zu. Es Ist eine nachdenkliche, mit Spannung geladene Komödie, die lange im Zuschauer nachklingt. Der Sozialist Denis hat das Ministerium gestürzt. Die Massen jubeln ihm zu. Rur sein Freund Fereol, der Aktivist, der Mann der Tat, oertraut ihm nicht ganz. Nie ist das arbeitende Volk seinem Freiheitsziel so nahe gewesen wie setzt. Wird Denis das Signal zum Losschlagen geben? Den!» ist bedachtiger. Er wird zum König gerufen werden, wird da» Terrain sondieren und den Weg wählen, der ihm taktisch der richtigst« scheint. In der Audienz überfällt den Smlalisten etwa» Unerwartetes: der König bietet ihm die Minister- prajidenfscholt an.(Diese Szene de» französischen Autors hat«inen besonderen Reiz. Der König trägt ZIvUkleidung und redet auch durchaus vernünftig. Uns Deutschen fällt das als etwas Ungewohntes auf.) Hier beginnt der Konflikt. Soll der Sozialist die Macht aus- nutzen, die ihm setzt in den Schoß fällt, soll er seine Ziele in ruhiger Entwicklung allmählich zu verwirklichen suchen oder soll er die be- stehend« Ordnung zerschlagen, das Chaos benutzen und dem Prole- tariat sofort die Gewalt überantworten? Die alle Frag«: Evolution oder Revolution trennt die Freunde Denis und Fereol. Denis ent- scheidet sich für Evolution. Er nimmt die Ministerpräsidentschait an. Aber Fereol. der trotz feines Mißtrauens feinen alten Kampf- genossen liebt, will Ihn vor dem Abtrünnigwerden bewahren und unterstützt ihn auf seine Weise. Er entsacht überall Streiks: Meuterei bricht aus. Das Chaos ist da. Jetzt wird Denis, so hofft Fereol. die Diktatur des Proletariats errichten. Aber da packt den Ministerpräsidenten der Ernst der Verantwortung. Run muß er die Ordnung aufrecht erhallen, um jeden Preis, auch wenn er-n den Ruf eines Verräters an der Sache de« Volkes kommt. Er macht sich zum Diktator und läßt den einstigen Freund Fereol ver- haften. Das ist die stärkste Szene des Schauspiels: er will seinen Genossen verstehen lehren, was es heißt, Verantwortung tragen, Blutvergießen oerhindern, Ordnung schaffen. Und ol» er feine flammende Selbstverteidigung beendet hat, da erwidert ihm gebrochen Fereol:.Ich sehe, du bist ein verlorener Mann." Als völlig Der- elnfamter führt Denis feine schwere Aufgabe weiter durch. Ein nachdenkliche» Stück. Es Ist gleichgültig, ob Romains, der Dertünder des Unanimismus, der Massenseele, im.Diktator" seinen programmatischen Anschauungen treu bleibt. Es Ist gleichgültig, wem der Dichter recht gibt, dem Evolutionär oder dem radikalen Aktivisten. Im Gegenteil, es ist ein Reiz, daß beide mit gleicher Ueberzeugungskraft reden. Dos Stück ist bestimmt nicht für die Ewigkeit geschrieben. Wenn es auf die Zuschauer nachhaltend«, ja begeisternde Wirkung ausübt, so liegt es nicht zuletzt an der glänzenden Inszenierung durch Karl Heinz Martin. Albert B a s s e rm a n n gibt den Evolutionär Denis hinreißend. Es acht von ihm eine bezwingende Gewalt aus, so daß die geschossene Figur noch jahrelang haften bleibt. Den Akti- visten Fereol spielt Walter F r a n ck In der Maske eines Asketen, eindringlich, unheimlich, ober in etwas zu kleinem Format. Als König bewundern wir wieder die chcvalereske Art des eleganten Kurt G ö jr In«Inn Nebenrolle fäll» Szöke S z a k a l l durch originelle Eharokterlflerungekunst auf. Sibylle Binder, Fron- ziska K I n z und Werner H o l l m a n n konnten sich ebenfalls für den begeisterten Beifall bedanken, den das ergriffene Publikum dank- bar spendete. Ernst Degner. Berliner Thealer:»Rur du!" Walter Bramme, der mit seinen eigenen Operetten nicht viel Glück hat. tippte als Theater- dlreklvr auf den opollonischen Kollegen Waller Kollo und sagte: .Rur du!" Und hatte Glück. Die beiden Nummern.Nur du" und.Schatz, mach's Bett". Texte au» der hochpoetischen Aber Willi Kollo« und Bruno Hardt-Wardens. schlugen ein. Kollo schreibt nicht mehr als notwendig, an Stücken, an Einlagen, er ist auch fein und reif als Instrumentator geworden und geht, obgleich sämtliche Melodien Urväter haben, doch am Banalen und Veralteten vorbei. Uebrigens macht weder hier noch ionstwo die Musik den Erfolg einer Operette. Sondern der zweite Spielakt, und in diesem die eine zwerchfellerschütternde, ungeheuer koniische Szene, In der ein als Ungar verkleideter Siegfried Arno Klavier spielt. Wer hier noch japsen kann, sei beneidet. Das Stück dreht sich um eine.alte Tante", die aber jung und fesch ist. um ihren Neffen, der den Sekretär spielt, während die Tonte zu Besuch kommt, um Lieb- schasten, schöne Beine, Iunggesellendurcheinander. Den Vogel schießen diesmal die Männer ab, Oskar K o r l w e i», die Liebenswürdigkeit und ewige Iungenoerlegenheit in Person, der temperamenivollc Artur Hell und Karl N e i s s e r als Diener seiner Herren unb als Herr seiner Diener(Regisseur des Ganzen). Helene 2 a r n a y trägt Kostüme mit Grazie und spielt die elegante Frau fast zu elegant(im Hausbctrieb), Helene Krätz ist am tollsten in der Ungarnparodie. Hans Julius S a l t e r hielt dos gute Ensemble (so etwa» gibt e, nur in der Operette) fest zusammen. K. 6. Ein neue» Opereetkentheater. Da» Zentraltheater hat unter Robert Winterbergs Leitung nun wieder feine Pforten geöffnet. Mit der Operette„Der Trompeter vom Rhein" bat es wahrscheinlich ein Zugstück erwischt, wenigstens für so lange Zelt, wie E o r n e l i s B r o n s g e e st den zuckersüßen Trompeter so ausgezeichnet singt und fo nett spielt. Ueberhaupt ist die Besetzung des Stücke» überraschend gut. Else K n e p e l ist eine stimmlich und mimisch trefflich« Darstellerin der Maria. Iosephine Klein, Helmuth K r a u ß. Ellen Geyer, Leopold H a i n i s ch und die übrigen geben gleichsylle gute Leistungen. Der Ehor, sonst recht lebendig, wird noch lernen, das Fridolinlied nicht wie ein Gesangverein abzustngen. Auch sonst werden wahrscheinlich und hoffentlich noch einiae Korrekturen vorgenommen werden. Man wird auch vor allen Dingen einige böse„Witze" verschwinden lallen. Eornelis Bronsgeest und August Neidhardt sollten ihr Textbuch dormishin einmal gründlich revidieren. Oder ist etwa Victor von Scheffel, der im Programm an erster Stelle gc-t nannte Verfasser, dafür verantwortlich? Man liest dort mit Er- staunen, daß die Operette von Victor von Scheffel, von Eornelis Dronsgecst und August Neidhardt herrührt. Sollte dieser Sckiesfel mit dem Dichter identisch sein, der, wie man hört, zurzeit ein Lust- spiel„Ekkehard" unter der Feder hat? Die Musik lehnt sich sehr stark an Neßlers Oper„Trompeter von Söcking««" an. Robert Winterberg Hot sie annehmbar für dieses neue Textbuch zu- rechtgeschneidert, und von Karl S a l o w wurde sie geschickt instru- mentiert. Das Zentrallheater bietet sich nach dem Umbau in recht freund- ltcher Zlufmachung dar. Alle» ist auf Farbe eingestellt. Die Bühne hat neben anderen technischen Neuanlagen einen über 18 Meter hohen Rundhorizont erhalten. Tes. Ilravlo-deraalloiluagev. Täglich-.Di« Insel der verlorenen Menichen"— t7u. 0):.Der®o6n der Berge*.— 15 nB): .Nordlandsahrer".— Dienstag.(S):,Ipazi«rgänge durchs GlaShauS". Bant Brunn* Marionetten• lheatee Münchner Künstler, ftitrlftrftm- tmmm 232( Zezeslion», bat all Seibnachtlprogramm dnS Krippeniplel täglich 5 und bl/t Udr auf dem Tpielvtan.®rof PocciS.Zaubergei gewird in villig neuer Ausstattung vnrderellet. Die Niodowieck.Ausstelinng de« KupserNIchkabinett» wird geichlossen. An idre Stelle tritt«ine Ausstellung von venezianischen Zeichnungen des IL. Jahrhundert«. „von Stalin bl- Tie Geheimnisse der Sowjet-Politik t Die Presse der Kommunisten schreit sich heiser wegen der angeblichen Lügen des„Vorwärts" über die B e z i e h u n- gen der Sowjetunion zur deutschen Reichs- wehr, über die Lieferung russischer Munition für deutsche Schießeisen. Nun ist aber diesen Kommunisten kürzlich der Spiegel vorgehailcn worden von einem JW-inne,. er heu>e nock in ihrer Mitte sitzt, wohin ihn kommunistische Wähler vor zwei Jahren beordert hatten: von d?m kommunistischen Reichstagsabgeordneten Studienrat Schwarz. Wir lassen ihm das Wort, indem wir seine Reichstagsrede nach dem stenographischen Protokoll in ihren wesentlichsten Teilen nachtragen. Schwarz schrieb seinen Parteifreunden dies ins Stammbuch: Nun aber zu der ganz besonderen Nolle, die bei diesen Dingen die Kommunistische Partei spielt. Wenn man das liest, mas Pieck im Landtaa und was Treutzberg hier erzählt, dann möchte ich nur eins sag«»: habt doch den Mut. euch zu der inneren Logik eurer eigenen Politik zu bekennen. Wer das nicht fertig bekommt, der ist von vornherein der Schwächere gegenüber den Angriffen, die die Gegner auf ihn richten. Ich will hier nicht untersuchen, wie die Schiffe ge- heihen haben, die nach den Angaben des„Vorwärts" im Stettiner pafen einliefen. Ich will nicht in den Kontobüchern der verschiedenen Banken hüben und drüben schnüffeln, um zu sehen, wie viel die ein. zelnen Granaten oder Flugzeuge gekostet haben. Do» mögen die- lenigen ausgiebig tun. die sich für«inen solchen Schacher inter- essieren. Ich werde versuchen, zu beweisen, daß. in einem anderen Sinne allerdings, als das Graf Revemlow meinte, diese Wafsen- schiebungen eine ganz.korrekte" Sache sind. Ich kann begreisen. daß Graf Reoentlow, d«r doch in der„Roten Fahne" mitgearbeitet hat und«In bihchen in die Redattionsgeheimnisse hineingeschaut Hot, lchört! hört!) von seinem Standpunkte aus solche Ding« korrekt nennt. Ich werde von einem anderen Standpunkt aus beweisen, dah«» sich um eine Sache handelt, die die logische Folge der Politik der Kommunistischen Partei ist, der Politik der Kommunistischen Inter- nationale und des kapitalistischen Wiederaufbaues in Sowjetrußland. Daß wir nicht schreiben wie die„Rote Fahne", daß wir eventuell zu schweigen verstehen. Ich werde das Schweigen brechen. Ich werde beweisen, daß Klara Zetkin vor einem Zahr von dieser Tribüne aus, auf der ich stehe, dem Reichspräsidenten hlndcnburg das Militärbündnis mit der Sowjetrepublik angeboten hat. und zwar unter den stürmisch«« Beifallsrufen der völkischen, der Deutschnationalea und Kommunisten. Ich gehe jetzt ein auf eine theoretische Rede Buchorin». in der er bereits im Jahre 1922 dos Fundament legte für die ganze ar- beiterverräterifch« Politik der Kommunistischen Partei wie der Kommunistischen Internationale. Bucharin sagte auf dem 4. Weltkongreß im Januar 1922 sol- gendes: Daß Sowjetrußland unter Umständen mit gewissen unter- drückten und halbunterdrückien bürgerlichen Staaten Bündnisie politischer und militärischer Art gegen die imperialistischen Groß- mächte abschließen könne. Halle er für richtig. Als Beispiel dafür diene das Bündnis Sowjetrußlands mit d«r Türkei zum gemein- samen Kampfe gegen den Imperialismus. Redner zitiert die Rede Bucharns auf dem 4. Weltkongreß und fährt domn sott: Ich gra- tuliere den kommunistischen Arbellern zu der Einheitsfront von Thälmann dir chindenburg, ich gratuliere den kommunistischen Ar. beitern zu dem neuen 4. August,'an dem Thälmann die Führung d«r vereinigten Reichswehr und Rotgardisten übernimmt. Aber es geht noch weiter! Selbst noch am 1. November dieses Jahres stand Bucharin aus der IS Parteikonferenz der Kommu- nistischen Partei der Sowjetunion zu seinem skandalösen Verrat am internationalen revolutionären Proletariat,«ntgegen der Lehre von Marx und Engels, die die Bucharin und Stalin längst abgeschworen haben. Bucharin sagte am 1. November 1926, laut„Jnprckorr", Nr. 139, vom 1. November 1926 folgendes: „Als Deutschland geschlagen und unterjocht wurde, als es in die Lage eines halbkolonialen Landes versetzt wurde und als es in dieser Ligenschast dem siegreichen Ententeimperioliomus einen gewissen Widerstand leistete, haben selbst die obersten Organe der Sowjetmacht in ihren Monisesten. Deklarationen usw. Ihre offene Sympathie— also mit der Cuno-Regierung— zum Ausdruck gebracht. Damals war die Fragestellung der Kommunistischen Partei derart, daß die Möglichkeit der Verteidigung de» deutschen Vaterlandes gegen den siegreichen Ententckapitalismus nicht aus- geschlossen war.(Bravo! bei den Völkischen.) Diese Tatsache, diese Linie, die den kapitalistischen Ausbau in Rußland mit jedem Bourgeois zusammen auch gegen das Proletariat der anderen Länder verteidigt, daß man einmal operiert mit dem Kongreß der Werktätigen, mit den demokratischen Rechtsanwälten, mit den Pfaffen der Ditus-Hcller-Partci, daß man das andercmal mit jzindenburg oder mit Geeckt operiert wie eine Dirne, dit mü zwei Liebhabern in» Bett steigt und den einen mit dem anderen ba- trügt,— dagegen ruf« ich die Masten der revolutionären Proletarier auf, die nichts anderes zu verlieren haben als ihre Ketten. Wie war die Politik praktisch, die die Kommunistisch« Partei in jener Zeit getrieben hat. wo der ZlDGB. und die SVD. im Arbeits- ininistcrium die Sprengungen machtikit zusammen mit völkischen Agen- ten? Wie hat damals die Kommunistische Partei reagiert? Al»«In Redakteur der„Roten Fahne", der heule längst wieder unter dt« Gluckenflügel de» Ckki gekrochen ist, versuchte, eine lleberschrist in � hmöenburg/ ach dem Zeugnis eines Eingeweihten. die„Roke Fahne" zu lancieren:„Bekämpft Euno und poincort an der Spree und an der Ruhr", da wurde dieser Redakteur gemäß- regelt, weil man in den nationalen Kampf der deutschen Enno- und Znslationsbourgcoisie nicht störend eingreifen wollte. Ich glaube, wenn das die kleinen Sparer und Aufwertungsgläubiger wüßten, um deren Gunst jetzt besonders Emil Höllein buhlt, sie würden sich betrogen fühlen Das war auch die praktische Politik, wie sie damals entgegen dem. was man nach außen vorschützte, die kommunistische Partei- zentrale getrieben hat. Diese war trotz des schweren Widerstandes der linken Opposition damals in einer stillen Koalition mit der Cuno- Regierung. Am 27. Mai 1923 schrieb die„Rote Fahne",» wovon sich jeder überzeugen kann: „Die Regierung weiß, daß die KPD. aus Rücksicht auf die Gefahr seitens des französischen Imperialismus über vieles geschwiegen hat. was diese Regierung, unmöglich machen würde für jede internationale Verhandlung. Solange die sozial- demokratischen Arbeiter nicht zusammen mit uns für die Arbeiter- regierung kämpfen, hat die Kommunistisch« Partei kein Jntereste daran, daß an die Stelle dieser kopflosen Regierung eine an d« r e bürgerlich« Regierung tritt. Entweder läßt die Regierung die INordhetz« gegenüber der KP 2. verstummen oder wir werdeu da» Schweigen brechen. Gleichzeitig rusen wir den Arbeitern im Ruhr- gebiet noch einmal zu: Geht nicht hinaus über den Rahmen des friedlichen Streiks!" Als kommunistische Arbeiter an die Zeutrale der KPD. heran- traten und sie baten, da» Schweigen über die unsinnigen Spren- gungen in der Ruhr zu brechen, weigerte sich die Zeat ale, da» zu tua. Vielleicht werden jetzt die kommunistischen Arbeiter, die bereit» im Oktober 1923 begrissen haben, wer sie verratm hat. nunmehr auch begreifen, wirum sie verraten wurden: daß sie da» Kanonen- futter einer Einhdicsronl waren, die in den europäischen Parteien die Begeli erscheinuna de» kolakischen ueonep-bürgerlichea wieder- aufbau» in Rußland ist. Aber nicht genug damit! Diese Linie wird von der kommunlsti- schen Internationale fortgeführt. Es ist erst«in Jahr her, daß Klara Zetkin hier als Abgesandte der kommumstischen Inter- nationale, als Abgesandte der Sowjetregieninq erschien, um von dieser Tribüne den Standpunkt der kommunistischen Internationale wie d«r Sowsetregierung gegenüber der chindenbure-Republik, wie gegenüber dem ganzen Komplex der Schwarzen und Weißen Reichs. wehr zu verkünden. Von dieser Tribüne sagte in der 127. Sitzung de» Reichstages am 27. November 192S Klara Zetkin in einer Rede, die 2Zmal vom Beifallsjubel der völkischen unterbrochen wutte. folgendes, was sich die Arbester metten mögen, wenn sie die Ausreden von Pieck und Creutzberg hören: i .Deutschland» Zukunft beruht aus einer engen Interessen. gemeln'chasl In wlrijchaf lichcr, polilischer und, wenn es sein muß. auch militärischer Oinsicht mit der Sowjetunion." Weiter sagt Klara Zetkin: „Ich glaube sogar, im Gegensatz zu dem l)errn Aboeordnetcn Wels, daß es nicht so aussichtslos ist, wie er sich das vorftelll, daß unter Umständen ein Zusamenwlrken zwischen der Reichswehr und den Rokarmislen erfolgt." Und dann stellt man sich her, wie der Rabbi und der Mönch, und streitet mit Talmud-Zitaten und Zitaten aus dem Neuen Testament über die Einzelheiten einer Poli.ik. die In ihrer logischen Konsequenz eines Tages bis zu Granaten- und Gaslieserungen andledeutscheReich.swehr führen muß. obgleich die deutsche Reichswehr die Reservearmes der imperialistischen Bourgeoisie zur Nicdcrknllttelung der Arbeiter ist. Urtd wenn ein Bucharin am vierten Weltkongreß als theoretischer Führer der Komintern offen die Parole des Blocks mit der Bourgeoisie ausgab, die Parole, daß die Arbeiter sich nicht rühren dürfen, wenn die russische Bourgeoisie einen Block geschlossen habe mit einer anderen Bour- geoisie, ist es dann nicht durchaus in den Bereich der Möglicbteit ge- rückt, daß die Kugeln, mit denen die Reichswehr in wachsen und Thüringen auf die revolulionären Arbeiter schoß, nicht aus deutscher Quelle stammten? Ich kann Einzelheiten nicht behaupten, aber in der Logik der Politik, wie sie Bucharin durch diese Jahre proklamiert: Block mit jedem, der mit uns zusammengehen will— in der Logik dieser Dinge liegen auch an sich durchaus unwesentliche Einzelheiten über das. nxis im einzelnen an diesem oder jenem Tage gelieserr wurde. Di« Ausgabe der revolutionäre nKommuni st en. die sich mit Schaudern kehren von einer kommuni- schen Partei, deren Klara Zetkin am 27. November hier einem .tyndenburg das Militärbündnis anbot, das er gar nicht mal an. nahm— ist, und wenn ihr mit tausend Knütteln auf uns schlagt, ihr Bürgerlichen von links und rechts, der Wahrheit auch in dieser Hin- ficht zum Siege zu verhelfen." Der Absieordnete Schwarz ist unter der Herrschaft Ruth Fischers zum Abgeordneten gewählt. Er gehörte zu der Musterfraktion, die ihren Inflationssieg Im Mai 1924 mit einem Kindertrompetenkonzert einleitete, und er benahm sich so musterhaft kommunistisch, daß er zu den schönsten Hoffnungen im Sinne Moskaus berechtigte. Er wurde wegen seines vortrefflichen antiparlamentarifchen Ber- Haltens sogar zweimal von der Sitzung ausgeschlossen. Er ist also ein durchaus sachverständiger und eingeweihter Zeuge über die Vorgänge jm kommunistischen Lager. Wgs wollen die hysterischen Ableunungsverfuche der„Roten Fahne" gegenüber dieser sachkundigen Darlegung des Abgeordneten Schwarz bedeuten? vorber... Weihnachtsstimmung? Man ist nur zu geneigt, von vornherein mißgestimmt zu verneinen. Es klingt sehr nach sentimentalen Tomen mit zu wenig Beschäftigung, die ihre soziale Ader gern in die Gassen des Elends spazieren tragen. Man will und kann nicht, pslegt man dos zu nxnnen. Auch ob man will, scheint noch nicht ganz geklärt. Es ist jedoch hier etwas anderes, das mit ver> logenem Humanitätsfliller. mit bronzierten Goldengelchen und mit der selbstgefälligen Grammophonplalle„Friede aus Erden" sehr wenig zu tun hat. Kurzum: Es gibt doch so etwas wie Weihnachts- ftimmung. Trotz sozialer Rot, trotz der grausam ernüchternden lln- brll der Arbeitskrise, trotz des so unromantischen Alltags, der den kleinen Mann stündlich zu zerreiben droht: festtägliches Fühlen nicht nur bei den Reichen, für die sich mühelos der Gabentisch mit ff. Lichtcrglanz, nebst allem Komfort, und eventuell sogar elektro- technisch schmückt. Auch bei denen, für die ein Schwarzbrot einen Stundenlohn bedeutet. Wenn si« dos Glück haben, in Arbeit zu stehen und nicht als Almosengänger des„großzügigen" Staates an Leib und Seele langsam zugrunde gehen... Gefühle sind in dieser hatten Wirklichkeit nicht so zahlreich wie bei lyrischen Fünsuhrtees in Berlin W. Aber sie sind nicht getötet. Und das ist gut so. Wie eine gute alt« Sitte hat die» bunte Gewühl der Weih- nachtozauberhändler schon Tradition. Im Osten, Norden. Süden regt sich der Budenbetrieb, dieser kleinstädtische, ein wenig primi- tio« Handel von Mann zu Mann, der in der modernen Weltstadt einen eigenattigen Kontrost zum System der„vollkommenen Tech- nik" bietet. An den Straßenecken etablieren sich die ganz Kleinen, die keine Zeltbahn über dem Kops und nur eine Pappschacht«! als Warenstand haben... Gewiß, hinter all dieser„Kleinstadtroman- tik" lauert die bitterste Not. Man vergißt das zu leicht. Und doch... Auf den Baummärkten ist Hochbetrieb. Nicht die„Aristo- kratentannen", die Gardemaßbäume der wohlsundicrten Protzen gehen am besten, sondern di« kleinen, unscheinbaren Bäumchen für das Proletarierheim. Sie werden nicht allzu strahlend aussehen, diese armseligen Sträucher. Bier, fünf Talgterzen mögen da Weih- nachten feiern und ein schummrines Leuchten verbreiten: Frieds auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen---?! Ab«r die Freude der Kinder! In keiner Luxuskinderstube des Kurfütttendomms kann die Ho-ffnung stärker, das Genießen lebe». diger fein als in den Hinterhäusern im Osten und Westen. Dort rcihenweis gerasfte Spielzeuggarnituren, sehr teuer, sehr kompli- ziert, und oft sehr unnütz. Hier eine Hand voll Aepfel, ein wenig billiges Zuckerzeug und vielleicht ein paar Strümvfe oder ein Hemd Laßt ihnen an diesem Wenigen die unverbältnismäßlg stark« Freud« und vergällt sie durch eure vernunftvollen, och so richtigen Bergleiche nicht! Sehr schnell wird ihnen der Gegensatz zwischen dem elektrischen Lichtpanoroma der anderen und deinen Licht- stummeln am.Feste der Liebe" aufgehen. Aufklärung eines Juwelenüiebftahls. Anita und der Rudinring. Auf eine«Igen« Att wurde jetzt«In Iuwelendiebstahl aufgeklart, der schon mehr als ein Jahr zurückliegt. Ende November z92ö hatte die Aerläufettn des Iuwelengefchäftes von Qua de m der Hauptstraß« zu Schöneberg in der Mittagspause in ihrem Raum hinter dem Laden Kakao aufaeletzt. Als sie das Wasser aufzischen hötte. eilt« sie hin. um da» Gesäß vom Feuer zu nehmen. dann kehrte si« sofort in den Laden zurück. Zu ihrer Verwunderung iah si« fetzt. daßdieTürousstand. jedoch kein Kunde anwesend war. Das Klingelzeichen an der Tür war nicht ettönt. Die Verkäuferin sah hinaus, nahm ober nichts Ausfälliges wahr. Erst später wurde sestgcstellt, daß aus der Auslage mehrere wert- volle Ringe, darunter einer mit einem von kleinen Brillanten umgebenen Rubin und einer mit einem größeren Brillanten ver- jchwunden waren. Ein Dieb hatte die wenigen Augenblicke der Abwesenheit der Derkäusenn benutzt, die Tür so vorsichtig zu öffnen, daß es nicht klingelte, und die Juwelen zu stehlen. Er wurde nicht ermittelt, und seine Beute blieb bis setzt verschwunden. Bor einigen Tagen nun siel Kriminalbeamten, die einen ihnen bekannten Laden- und Taschendieb, einen 32 Jahre alten Willi Krämer, beobachteten, aus. daß dessen Geliebte, eine 27iährige Anita Raupach aus der Elsholzstraße, einen schönen Rubinring trug. Nach weiteren Beobachtungen durchsuchten sie gestern einmal die Wohnung diese» Mädchens. Der Rubinring war nicht mehr da, wohl ober fanden die Beamten den Brillantnng, den der bestohlene Juwelier iofort als fein Eigentum wiedererkannte. Den Rubinring hotte Anita wahrscheinlich verletzt, um für die Weihnochtsfeiertage ihr« Kaste auszujüllen. Außer dem gestohlenen Brillantring entdeckten die Beamten in dem Quartier, das Krämer mit seiner Geliebten teilte. noch ander« Sachen, die ohne Zweifel aus Ladendiebstählen her- rühren. Krämer will alles von einem Artisten Romanii gekauft haben, den aber niemand kennt. Starker Weihnachtsreiseverkehr. Die Reichsbahn hatte gestern einen sehr starken Reise- verkehr noch ollen Richtungen zu bewältigen, der sich, wie wir erfahren, überall reibungslos ohne Schwierigkeiten und Störungen abwickelte. Außer den fahrplanmäßigen Zügen verkehtten eine große Anzahl von Sonderzügen, die zum größten Teil als Vorzüge ein- oesetzt wurden. Am stärksten waren die Sportsonderzüge nach München. Basel. Ost Preußen und dem Riesen- gcbirge besetzt. Allein vom Schlesischen Bahnhof gingen zehn, vom Anhalter Bahnhof sieben, von Charlottenburg nach dem Westen und vom Görlitzer Bahnhof je vier Sonderzüg« ab. Es folgen der Stettiner und Potsdamer Bahnhof mit ie drei und d« Lehrter Bahnhof mit zwei Sonderzügen. Die Besetzung der Züge war durchweg 89 bis 199 Pro.z. Lediglich der v-Zug 2. der vom Anhalter Bahnhof nach Bafel fahren sollte, fiel wegen mangelhafter Be- setzung aus.— Der Reiseverkehr am heutigen Bormittag blieb er- roartiingsgemaß hinter dem Vortage zurück, zumal auch bedeutend weniger Sonderzüge in den Berkehr gestellt wurden. Trotzdem war dl« Besetzung gut, man rechnet sogar ebenfalls mit 89 bis 199 Proz. — Der Erpreßgutverkehr ist sehr lebhast, aber auch hier geht der Betrieb glatt vonstatten.___ Gin rechter Esel. Dreimal In seinem Leben— er sagt es setzt selbst seinem Richter — ist der junge Elektrotechniker B. ein rechter Esel ge- wcsen. Das erste Mal war es dieser große, schmucke Bursche, als er eine brooe Bürgcrstochter, mit der er verlobt war. lausen ließ, weil ihm«in Mädchen, das am Baycttschen Platz nicht ganz unbe- rtinnt ist und den Spitznamen„U n i v e r s a l t o n i" führte, über den Weg lief. Seine Liebe entbrannte, wie es nicht nur in Ro- manen häufig vorkommt, lichterloh. Aber„Universaltoni" schwur nicÄ auf Treue, sie betrog den biederen Burschen immer wieder und machte schließlich das zweite Mal einen rechte» Esel aus ihm, als sie ihn. der gar nichts Kriminelles hatte, zu einer Urkunden- fälschung anstifteie. Sie brachte dem Elektrotechniker drei Monate in Tegel ein Fast sechs Jahre gingen dann Ins Land. Der«nt- thronte Liebhaber oersuchte seiner Liebe Leid in ehrlicher Arbeit zu vergessen. Do trat die„Spinne" wieder zufällig in seinen Weg, sie hatte abermals ein Opfer zu schröpfen, und der gute dumme Max B. mußte helfen. Eine kleine Scheckfälschung, von der eigentlich nur die Toni vom Bayerischen Platz etwa» hatte, i Dabei konnte aus einem formellen Grunde nicht einmal gegen sie vorgegangen werden, wohl aber gegen ihren allzu gutmütigen Helfer, s Er stand nun wegen der dritten Eselei all«tue rechte Jammer- S estalt voller Reue vor Gettcht. Fast mitleidsvoll fragte ihn der lorfitzende: „Wie konnten Sie denn bloß auf eine solche Geschichte wieder hereinfallen?" Max. der Träumer, erwiderte treuherzig:„Do» frage ich mich selbst. Herr Rat. Ich muß wohl ein rechter Esel sein, daß ich dreimal aus dieses Teufelsweib reingefallen bin. Aber ich bin kuriert. Ein viertes Mal schafft sie's nicht!" Dos kam so männlich und so fest heraus, daß das Gericht zwar dr c i Monate Gefängnis verhängt«, aber dem Äurietten(Esel) Be- Währungsfrist zubilligte. Max B. strahlte, und die„Universal. tont", die als Zeugin da war, blickte züchtlg zu Boden. Es war der bekonnte veilchenblaue Blick... Trotz Fangvorrichtung tödlich vcrunglüekt. In der Nacht zum Freitag eretgnet« sich in der Ruhlebencr Straße zu Spandau ein folgenschwerer Straßenunjoll. Der Sbjährige Arbeiter Gottfried Tobias, besten Wohnung noch unbekannt ist, geriet vor dem Haufe Ruhlebcner Straß« ö unter einen Triebwagen der Linie 154. T. wurde zwischen der Fang- Vorrichtung und dem Schutzrahmen eingeklemmt, so daß erst die Feuerwehr herbeigerufen werden mußte, die den Verunglückten aus leiner qualvollen Lage befreite. Mit schweren Becken- und Unterleibs- Verletzungen wurde T. in dos städtisch« Spandauer Krankenhaus übergeführt, wo er bald nach der Einlieferung starb. Die Schuld soll den Verunglückten selbst treffen. vorzug»karten für hagenbeck. Der Ortsausschuß Berlin de» ADGB. teilt mit, daß Karten für den Zi r k u» H a g e n b« ck(im Zirkusgebäude Büsch) auch für den dritten Feiertag und Silvester zu halben Preisen im Gewerkfchoftshausrestaurant zu haben sind. Hockt aufgefunden wurde in der vergangenen Nacht ein neu- geborenes Mädchen auf der Straße an der Ecke der Beustel- und Huttenstrahe. Der Wächter eines Konfektionsgeschäftes hörte gegen 5 Uhr ein Wimmern, sah sich genauer um und>and das Kindchen ohne jede Hülle daliegen. Der Wächter nahm sich seiner an und bcnachrichtigl« das 196. Revier, da» den Findling nach dem Aupuste-Bikloria-Krankenhaiise brachte. Es ist ein Wunder, daß das Kleine bei der Kälte am Leben geblieben ist. Es muß erst kurz vor dem Aufsinden geboren worden sein. Dampscrvcrkchr zu Weihnachten. Die Reederei N o b i l i n g läßt an de« Weihnachteseiettagen ihre geschlossenen und gut geheizten Salondampfer der Winter mörchenklafse auf der Obcrspree nach dem Müggelsee verkehren. Abfahtt 19 Uhr vor- mittags und 1, IVj und 2 Uhr nnchmltlags von der Iannowitzbrücke. Genosse Pfarrer vleier hält am Heiligen Abend(heute) um 5 Uhr. in der Trinitatiskirche zu Chorlottenburg, Karl-Auguft-Platz. ctne Christoefper ab. Prolelorilche Zeterstunde. Die Ordner fiir die Prolelarilche Fcier'iund« tretfen sich am zweiten Feiertag vormlltagS 9 Uhr im Gsogeu Schau- lpielhau«, Eingang Lchitfbaucrdamm. Schwerer Unfall eines Schutzpolizeiantos. Wesel, 24. Dezember.(WTB.) Auf der Chaustre Wesel— Rees ereignete sich ein schwere» Autounglück. Jnsolpe der großen Glätte geriet«in Auto der Essner Schutzpolizei ins Schleudern und schlug um. Bon den vier Insasten war ein O b e r l e u t- nant aus der Stelle tot, wäihrend der Chausfeur, ein Ober- Wachtmeister sowie ein Landjäger des Kreises Rees schwer ver- letzt wurden. Der vierte Insasse kam mit dem Schrecken davon. der fcelcttigtc StaStrat. Eine Ehrenerklärung. .-rr Stadtrat Fenten, über dessen Steuerhinterziehung des öfteren ausführlich berichtet wurde, hat nunmehr um -ine Penslonieruna zum 1. Dezember 1926 nachgesucht. Bekanntlich haben die Linksparteien nach dem Bekanntwerden seiner Verfehlung ssinen Rücktritt gefordert. Die Bürgerlichen stellten sich iedoch aus seine Seite. Durch seinen Antrag hat Herr Fenten nunmehr selbst die Haltlosigkeit seiner Stellung erkannt. Bei der Behandlung dieser Angelegenheit in der Pankower Bczirksversammlung kam Gen. Ä u b i g auch auf den Abbau der Vertreter der Linken zu sprechen. Unseren Genossen wird immer wieder der Vorwurf gemacht, daß sie das Wartegeld einstreichen, ohne etwas dasür zu tun. Diese Heuchelei unserer Gegner fordert natürlich zur Kritik heraus. Sic wurde denn auch von unserem Redner besonders ge geißelt. Stadtrat F a u lt fühlte sich durch diese Feststellungen be. leidigt und stellte Strafantrag. Die Staatsanwaltschaft nahm diesen Antrag im öffentlichen Interesse aus. Die der Anklage zu- gründe liegenden Ausführungen des Genossen Kubig hatten folgen- den Wartlaut:„Der frühere Kaiser hat ja ein Gesetz erlassen, nach tdelchem solche Personen, die andere an der Arbeit hindern, zu bestrafen seien mit Zuchthaus bis zu einem Jahr. Herr Faust, ich glaube, Sie gehören zu den Herren dieser Konseai/enz. Nach diesen Worten Ihres Heros, Ihres Nationalheiligen müßten Sie jetzt im Zuchthaus sitzen.* Die Anklage beruht auf völlig falschen Voraussetzungen. Wil- Helm II. hatte in der bekannten Bielefelder Rede ein Gesetz an- ockündigt, das die fchwerl'e Straie für den, der sich»nterfiehe. seinen Nebenmenschen, der arbeiten wolle, an freiwilliger Arbeit zu hindern, treffen solle, lind in einem Irinkspruch zu Oennhausen hieß es, daß ein jeder, er möge sein wer er wolle, und heißen wie er wolle, der einen deutschen Arbeiter, der willig wäre, seine Arbeit zu voll- fübren. daran zu hindern versucht, mit Zuchthaus bestrast werden solle. Diese Ankündigung ist niemals Gesetz geworden. Diese elucht- hausvorlaoe wurde vom Reichstage am 2». November 1899 ab- gelehnt. Genosse K u b i g hatte nun den Stadtrat Faust daran erinnert, daß er die abgebauten Stadträte daran hindere, ihre Arbeit zu verrichten. Und schließlich erklärte er:„Wenn das ange- kündigte Gesetz h»ule noch zu Recht bestehen würde, donn, Herr Kollege, könnten Sie jetzt im ZueHhaiis sitzen.* Noch der Feststellung dieler Sachlage erklärte Genosie Kubig In dem anoeseßten Termin:„Es ist nicht unlere Aufgabe, den politischen Gegner zu beleidigen, wir be- kämpfen ihn, wo wir die Möglichkeit dazu haben. D:e Personen de? Herrn Fenten als n"ch des Herrn Fa"st stnd uns ganz gleichgültig. Ich habe nicht beleidigt, wollte es auch nicht. Da Herr Faust ein besonders pehäsliqer politischer Gegner ist, ist er von uns bekämpst worden." Hierauf regte Amtsgerichtsrat R e i n s ch einen Vergleich aus dieser Grundlage an. Stadtrat Faust yerlanate eine besondere Ehrenerklärung und die Fest- stellung, daß er nicht ein Zuchthäusler sei. Der Verteidiger Genosse RosenGld sormulierte die Erklärung nach den obigen Fest- stcllunnen: diese soll in der Benrksvcrsammlunq verlesen werden. Hieraus zog Herr Faust als Nebenkloaer die Klaae zurück. Db er nun viel Freude an dieser Gerichtsoerhandlung erlebt hat? Hassent- lich gewöhnt man sich in Pankow nun daran, nicht ständig zum Kadi zu laufen. Z?abfiki<"„er in der frankfurter Allee. Ein gefährlich«» Fabrikfcuer kam heute nacht gegen 7*2 Uhr tn dem Hause Frankfurter Allee 319 zum Ausbruch. Auf dem vierten Hof im dritten Stockwerk des Seiteniliigels ist die Möbelfabrik von Müllers v. Bechert. Der Wächter, der die Runde machte, nahm kurz vor Uhr einen Feuerschein wahr und benachrichtigte sofort die Feuerwehr, die nach kurzer Zeit unter Leitung des Oberbrandmeistcrs G r a p c erschien. Der Hos und die Treppen waren dera� verqualmt, daß die Mannschaften nur mit Rauchschutzgeräten versehen, vordringen konnten. Vom Hof aus Iber eine mechanische Leiter und über die Treppen wurde längere Zeit Wasser gegeben. Durch eine Oeffnung sprang das Feuer auf die darüberlieaende vierte Etage über. Die Gefahr des Weiter- greifens konnte hier aber bald beseitigt weiden. Die Enstehungs- Ursache ist noch unbekannt. Der älteste Dompteur. Der 63jährige Fritz Schilling, der älteste unter den zurzeit arbeitenden Dompteuren, tritt gegenwärtig im Zirkus Karl Hagcndeck mit einer gemischten Raubtier- grupve auf. Diese besteht aus vier Bcrberlöwen, vier Eisbären, zwei Kaukasusbären, einem tibetanischen Kragenbären, einem grauen sibirischen Bären und zwei deutschen Tigerdoggen. Die Gruppe wurde in.der Stellinger Dressurhalle fertig gemacht, wo der tier- erfahrene Schilling, nach dem er die Sechzig überschritten hat, also tn knavp drei Iahren, bis heute gerade 99 Raubtiere dressierte. Das erste Austreten der gemischten Gruppe verlies sehr interessant. Bisher kannien die Tiere nur den Brstterboden, nun kamen sie auf einmal auf Sand, in Stellingen sind die Postamente farblos, hier jedoch sind sie grell farbig und zu Killedem spielte auch noch die Musik Da mußte der Lehrer ein paarmal vorwurfsvoll„Aber nein* und„Pfui* sagen und dann klappte alles vorzüglich und die Urbewohner der Wüste und des Eismeeres vertrugen sich miteinander. Die Gebrüder Desprez, zwei Franzosen, führen eine Sensationsnummer mit einem Automobil aus. Der eine Bruder ist der Erbauer und der andere der Fohrer des Autos, das nach Absturz aus 13 Meter Höhe einen Doppelsalto dreht. Der verband der Ladenflestcher macht das kaufende Publikum darauf aufmerksam, daß in Groß-Berlin am ersten Weih. nachtsfeiertag sämtliche Fleischereigeschäste ge- schlössen sind. Am zweiten Feiertag sind sie wie Sonntag ge- öffnet. Klnöerarbekt. Ausbeutung durch gewissenlose Unternehmer. Die Jahresberichte der Gewerbeaufsichts- d e a m t e n, in denen gewiß nicht jede verbotene'Kinderarbeit aufgeführt ist, gewähren einen tiefen Einblick in das große Unrecht, das den Kindern zugefügt wird. Sie lassen erkennen, daß die Kinder- arbest auch in d e n Erwerbszweigen sehr verbreitet ist. die unter das Verbot fallen. Das ist gewiß bei der großen Arbeitslosigkeit und den schlechten Arbeitsverhältnissen ein Symptom, das Beachtung verdient. Nach den Feststellunzen der Gewerbeaussichtsbeamten in Sachsen waren im Jahre 1923 von 3190 Schulkindern des Freistaates rund 94 000 oder 18,43 proz. erwerbstätig. Davon ent- fällt natürlich der größere Prozentsatz aus die Heimindustrie und aus Arbeiten, die gesetzlich nicht oerboten sind. Bei verbotener Arbeit wurden Kinder in einer Knochenmühle, in einem Säge- wert und in einer Kartonnagenfabrit angetroffen, in Schmieden und anderen Werkstätten wurden Kinder beim Löten und Feilen, beim Drahtschneiden und an Maschinen beschäftigt. In den Blechwarenfabriken des Erzgebirges sind oieleKinder beschäftigt, darunter wurden mehrere Betriebe ermittelt, in denen täglich bl» 11 Stunden gearbeitet wird. Die Unter- nehmer, die in Strafe genommen wurden, zähsten 50 bis 150 HL. was für ein solches Verbrechen sich wie ein« Belohnung ausnimmt. Auf den an die Schulen verschickten Fragebogen ist von den Lehrern vermerkt worden:„Die Kinder sind immer in dem Zustand, daß sie vor Uebermüdung einschlafen*: Die.Linder sitzen wie tot in den Bänken*. Die Berichte der preußischen Gewerbeaufsichtsbeamten ent- hallen ebenfalls zahlreiche Fälle von Beschäftigung der Kinder bei verbotenen Arbeiten. Es sind sogar Kinder bei der Nachtarbelt an- getroffen worden. In Betrieben mit mehr als 10 Arbeitern wurden 694 Kinder bei verbotenen Arbeiten angetroffen, im Bergbau wurden 13 Knaben unter 14 Jahren ermistell. Eine große Anzahl von Zuwiderhandlungen gegen das Verbot wird aus den Provinzen gemeldet: so meldet Haniiooer 112 Perstöße, Breslau 69 und Stade 23 Verstöße. B e st r a f t wurden in Frankfurt a. O. 34 Unternehmer wegen Vergehen gegen das Kinderschutzgesetz, in Erfurt 53, in Hannover 66 und in Münster 9 Unternehmer. In Berlin ist ver- botene Kinderarbeit in Motorwert st ätten, Konsektions- betrieben und Kinobetrieben festgestellt worden. Da die Arbeiten an den Maschinen mit Gefahren an Leben und Gesundhest verbunden sind, sind häusige Unglücksfälle zu verzeichnen. In Breslau wurde einem Knaben von der Maschine der rechteArmausgerissen. Bezeichnend für die Verhällnisie, die die Kinder zur Arbest nötigen, ist eine Bemerkung, die ein württembergischer Gewerbeaufsichtsbeamter in seinem Bericht macht:„Auf eine aus- geschriebene Stelle meldeten sich Dutzende von Kindern, die flehent- lich unter Schilderung der häuslichen Notlag« um Einstellung baten.* Dies« Not der Aermsten wird von den Unternehmern brutal aus- genutzt. Wie üie Aitatfälsther operieren. Die„Rote Fahne* sucht ihre Zitatfälschung zur Hetze gegen den . Vorwärts* zu verschleiern, indem sie aus der Morgenausgabe des „Vorwärts* vom 4. Oktober 1923 ein paar Sätze aus dem Zu- sammenhang reißt, die als Beweis dafür dienen sollen, daß der „Vorwärts* für die Beseitigung des Achtstundentages eingetreten sei. Die Zitatfälscher spekulieren darauf, daß heute sich kaum noch jemand der damaligen Situation erinnert. Die Inflation haste ihren Höhepunkt erreicht, die Regierung war zurückgetreten, weil d i e Sozial demokratische Partei es abgelehnt hatte, die soziale Gesetzgebung in den Ermächtigungsantrag der Reichsregie- rung beim Reichstag einzubeziehen. Die Sozialdemokratische Partei erklärte sich bereit, auf einen Vcrmitstungsvorschlag von demokra- stscher Seite einzugehen, das Arbcitszeitgesetz aus dem regulären Wege der Gesetzgebung zur Verabschiedung zu bringen, es also der D e r o r d n u n g s g e w a l t. die die Regierung durch das Ermächtigungsgesetz erhalten sollte, zu entziehen. Infolge von Kohlenmangel mußten Betriebe stillgelegt werden. In dieser Situation wurde in unserem Artikel„Der Kampf um die Arbeitszeit* gesagt: „Gewiß muß die deutsche Produktion gesteigert werden, aber das ist zu allerletzt eine Frage der Arbeitszeit. Viel wichtiger sind stabile Währungsverhältnisie. politische Ruhe, aus- kömmliche Entlohnung und technische Verbesserung der Betriebe. Die jetzige Wirtschaftskrise hindert uns ja sogar an der Ausnutzung der vorhandenen Arbeitskraft.* Um nachzuweisen, daß der„schematisch« Achtstundentag* Spiel- räum für unbedingt notwendige Mehrarbest läßt, war weiter gesagt: „Die Bergarbeiter sind deshalb bereit, die Kohlenförderung mst allen Kräften zu steigern. Das haben sie bereits bewiesen. Viele Monate hindurch wurden in allen Bezirken Ueberstunden und Ueberschichten geleistet. Als die Glasindustrie im Herbst 1922 wegen Kohlenmangel stillgelegt werden sollte, da haben die Berg- .arbetter des Senftenberger Geblef, wochenlang Hebe?« stunden und Sonntagsarbeit geleistet und die ange- botene Mehrbezahlung der Unterstützungskasie überwiesen. Auch in vielen anderen Industrien sind Ueberstunden, die not- wendig waren, stets geleistet worden. Die deutsche Arbester- schaft weiß, daß die Wirtschastsverhältnisse in Deutschland sich nur bestem können, daß die Prcisdiktatur der Kartelle und Syndikate nur gebrochen werden kann, wenn das Warenangebot wesentlich vergrößert wird und die deutsche Handelsbilanz dauernd aktiv- ist. Sie will diesen Zustand mit allen Mitteln erreichen und wird dabei auch vor der Leistung von Ueberstunden nicht zurückschrecken. Die Gewerkschaften sind bereit, ihren ganzen Einfluß aufzubieten, da- mit notwendige Ueberstundcnarbeit im Bergbau und in anderen Industriezweigen geleistet wird.* In diesem Zusammenhang und in Anbetracht der ganzen da- moligen Situation wird auch der weitere Satz verständlich, mit dem die„Rote Fahne* heute krebsen geht: „Die sozialdemokratische Fraktion hat während der zweitägigen Auseinandersetzungen über die Arbeitszeit keinen Zweifel dar�er gelösten, daß sie ihre ganze moralische Autorität einsetzen weide, um überall dort zur Mehrleistung, zur Mehrerzeugung zu kommen, wo sie im Interesse der deutschen Wirtschaft erforderlich ist...ur dieser Weg gibt die Gewißheit, daß die von Arbeitern und Ange- stellten und Beamten geforderten Anstrengungen auch wirklich er- folgen.* Es gehört schon die Absicht der Fälschung dazu, um aus diesen Sätzen die Behauptung zu konstruieren, der„Vor- wärts* und die Sozialdemokratische Partei seien im Oktober 1923 gegen den Achtstundentag ausgetreten. GehaltSerhöhun!, bei der Nordwestlichen«ruppe. Esten. 24. Dezember.(MTB.) Heute wurde in der Arbeits- gemeinschaft der Nordwestlichen Gruppe der Eisen- und Etahlindu- strie für die Angestellten ein« Vereinbarung getroffen, wonach die Mindestsätze der zurzeit bestehenden Einkommensregelung mit Wirkung vom 1. Dezember 1926 ab um 6 Proz. erhöht und nach oben auf volle Mark abgerundet werden. Die Ange- stelltenorganisationcn ziehen die bis zum 31. Dezember 1926 ausgesprochene K ü n d i g u ng der Einkommensregelung z u> rück. Die Vereinbarung ist frühestens zum 30. April 1927 kündbar. Anschluß der frenMschen Seamtenschast an dieeST. Pari». 24. Dezember.(UJIB.) 3n seiner heule abgehalle- neu Schlußsitzung hat der Kongreß der gewerkschaftlich organisierten Beamten beschlossen, spätesten» bis zum 1. Mal den Anschluß an den Allgemeinen Arbeilerverband(EGT.) zu vollziehen. Die Opposition hatte gefordert, daß ein Zusammengehen mit den Sewerkschastea Moskauer Richtung durchgeführt werde. Die französische Beamtenschoft Hot sich damit für den wleder- anschluß an die Amsterdamer Gewerkschaftslnter. nationale erklärt._ Gesperrte Gastwirtsbetriebe Wie uns der Zentraloerband der Hotel-, Restaurant, und Cafä-Angestellten mitteill, werden bei folgenden Gastwirten organisierte Gehilsen„grundsätzlich* nicht be- schästigt, weil sie den Tariflohn nicht zahlen und die städtische Arbeitsvermittlung nicht benutzen wollen. Diese Betrieb« sind deshalb für organisierte Gehilfen gesperrt: Pilsator am Lottbuster Tor, Kottbusser Straße 23, Inhaber W i e s n« r: „Zum Heidereiter*. Hosenheide. Inhaber Pfund: Restaurant Ratskeller, Neukölln. Berliner Straße 44: Potsdamer Bierhallen, königgrätzer Straße 71. Inhaber Friedrich: Destillation Krüger. Wiener Straß« 23. Inhaber Döring. Der heuervertrag der Seeleute betitell sich die vom Jnternatlo- nalen Arbeitsamt herausgegebene„Sammlung von Gesetze» und Vorschriften über den Abschluß und die Auslösung des Heuer- Vertrages, die Rückbeförderung und die Disziplin der Seeleute*, die auf Ansuchen des gemischten Marineausschustes vorgenommen wurde. Die Internationale Arbeitskonserenz in Genua im Jahre l920 beschloß die Ausarbeitung einer internationalen Seemannsordnung und ersuchte die Regierungen in beson- deren Landesseemannsordnungen alle Vorschriften über die Ar- beitsbedingungen der Seeleute zusammenzufassen. Um die ersorder- lichen Unterlagen zu gewinnen, wurde dem Internationalen Arbeits- amt der Borschlag gemacht, eine vollständige Sammlung der Gesetze und Verordnungen über die Arbeit zur See zu veröffentlichen. Der erste Teil dieser Sammlung, der sich auf den Heuervertrag bezieht. liegt nunmehr vor. Aus 30 Staaten ist das Material beigebrocht und in dem 1040 Seiten zählenden Werte wiedergegeben. Hoffentlich zeitigt die wertvolle Arbeit, die hier vom Internationalen Arbeitsamt geleistet wurde und weitergeführt wird, praktische Erfolge im Sinne der Verbesserung und Vereinheitlichung der vielfach veralteten Ar- beitsbedingungen der Seeleute. Die Schrift ist im Kommissions- vertage von Dr. Hans Preiß. Berlin NW. 7. Dorotheenftraße 4, zum Preise von 16 M. zu beziehen. Dl« Sparkasse der Bank der Arbeiter,«agestellten»nd Beamten A..S„ Berlin, wollstr. 65. ist täglich mit Ausnahme von Sonnabend von 9— 3 Uhr und 3—7 Uhr. Eonnabend» von 9— l Uhr geöffnet. SlftentmoTlIütl füt Politik: Dr.«vrt»ch«. Wirtslb-kt:»■ (Stwerlschofisbcweauno: J. etriacc; ffruillrton:*. S$»[««:«ralts und eonfliflts: tz Iii Narftädt: Anzcioon: Tl>.»lock«: sämiluli in Berlin. ct>„.r � m h v f.n. 07 nt T/i rt t'F tn T* ä rm orl ulfi Lurfcrer Berlaa �Bo-wLr� Verlag' S. m.'b. fcj Berlin. Druck:'Porwäris-Buckdruckerei und BerlQgsanstalt Paul Cinger u. Co., Berlin SW 68, Liudenstrafa 3. Berliner- EicKlriher• GcnossensdiaU Berlin N 24, Elsässer Str. 86-88 I Filiale Westen, Wilmersdorf erosprecher Norden 65 Za u. 6S 26 I Lendhaussiraßc 4. Tel.: Plalzbnr- 9831 aautennnssrsnnie nun Laser Slexanderftr. 39-40(Alexander-PasMOe) TeL: KOnlSfiadi 940. Elektrische Anlagen jeder Art n. jeden Umfanges zu kulanten Zahlungsbedingungen Beleuchtungskörper und. Osram-Lampen zu Fabrikpreisen- fOr 60 Pfennig die große Portion ist der bei uns gebadeene Serfisch Erhältfich METZNER Bergmsnnstr. 109 £dcc biilc-AUiascc- Strafe in und außer dem hause in unseren Verkaufsstellen: Brückenstraae 1a Ecke Kapen Icker Strafe MhtUstvaQe 64/65 Kaiser-A lee 98 Ecke Charloticnahre�e Ecke Ehe' astrale Erste Beniner Hsdibacksluben Ges. m. d. b. P ii p p e n w Kinderwagen Korbm Obel Kindermdbel Vndicaatir. rSAniieaapi. tltunnenslr 93 Bru-sel-tr 67 Leipr fier 3ti. 54 35 NeukOiln, Beigslrake 133. Spandau, Charlotl nstr 24a. 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