�benöausgabe Nr. 615 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 364 (BuuftAeMnaur.ixn nni«rjetgtnmtf« finfi in tec 25otä«nou4flab« anaMtbcn Scftaflloa: SV. 68, Cinftcnficabc 3 Z»rnspr«ch»r> VSuhsft 2S2- 202 XcL'Mtticff«; SejIalDemofcal Berlin Derlinev Volksvl�kk Zcntralorgan der Sozialdemokrattfchen parte! Deutschlands (lO PfennisQ Donnerstag 30. Dezember 1 026 Serlog und«njeigenabtellunj: ®efd)äftsjtil 8 Mi bt» 5 Übe Verleger: Oormdcle-Oetlag® rabt>. Berlin STB. 68, Cln&enflrabe 3 Zernsprecher: OSnhoss 292-202 Lehrersthast gegen Schulstreik. Der Preutzische Lehrerverein gegen die Dortmunder Hetze. Der S ch u l st r e i k im Dortmunder Landkreise, vec- anstaltet von evangelisch-muckerischen Geistlichen gegen die verfassungsmäbige Gleichberechtigung aller Staatsbürger, ist in sich selbst zusammengebrochen, cherr K ü l � hat ihm inso- fern ein Fortleben nach seinem Tode gesichert, als er versprochen hat, den Staatsgerichtshof in Leipzig darüber entscheiden zu lassen, ob ein Dissident die Schulaufsicht in konfessionell ge- mischten Gegenden führen dürfe. Jetzt hat nun die in Görlitz tagende Bertreterversammlung des Preutzischen Lehreroereins zu� dem Schulstreit Stellung genommen. Noch eincr, mit stürmischen Beifall aufgenommenen Rede des Vorsitzenden des Westfälischen Lehrervereins, Schulrats Titel, wurde folgende Resolution beschlossen: Die 8. Dertreterversammlung des Preußischen Lehrerocrein? verurteilt den Dortmunder Schulstreit wie jeden Schulstreik a u s s schärfste. Es ist giöbste Derlehung der Erzieherpslichl. Derlehung an der Kindesseele. Unmündige als Mittel zur Austra- gung weltanschaulicher, Partei, und kirchenpolitischer Kämpfe zu de- nutzen. Die Vertreterversammlung verurteilt es noch ganz im besonderen und bedauert es aufs tiefste, daß e v a n g e> lische Pfarrer diesen Kampf in einer Weise geführt haben, die n>it dem Amt eines Geistlichen unvereinbar ist. Die Vertreterversammlung kann nicht anerkennen, daß G e> rn i l s e n s n o t Veranlassung zum Streik gegeben habe. In der Persönlichkeit und der Amtsführung des Schulrates Nischalkc war kein Grund gegeben, von ihm eine Verletzung religiöser Ueber- Zeugungen befürchten zu müssen. Die Lehrer würden dem auch mit Entschiedenheit zu begegnen gewußt haben. Der Skreik sollte viel. mehr, wie das von einigen seiner Organisaloren auch ganz offen zugegeben worden ist.«ine Vorbereitung für da» Relchrschnlgeseh. sollte eine Art Vorentscheidung werden, der Kirche bestimmenden Einfluß aus die Ernennung von Schulaussichtsbeamten und auf die Schule überhaupt zu sichern. Der Minister für Wissenschost, Kunst und Volksbildung. Ist diesem Ansinnen, dessen Erfüllung ein« offenbare Gesetzes» Verletzung gewesen wäre, entgegengetreten. Die Vertreter- Versammlung erwartet, daß der ZNlnister wie die preußische Regie- rung und der Preußische Landtag in ollen ähnlichen Fällen und vor ollem auch bei den Verhandlungen über das Reichzschulgeseh sich mit aller Entsch'edenheit dasür einsehen, daß die Staatshoheit über die Schule und die Freiheit der Lehrerpersönlichkeit unangetastet bleib"«. Die Dertreterversammlung spricht der Leitung des Westfälischen Lehrervereins Dank und Anerkennung dafür aus, daß ste in klarer Erkenntnis der wahren Ursachen und Ziele dtzp Schulstreiks aus echter Erzieher- und Staatsbürgerpficht heraus Lehrer- und Elternschaft gegen den Streik ausgerufen und damit wesentlich dazu beigetragen hat, ihn zum Scheitern zu bringen. Diele Entschließung des Preußischen Lehrervereins ist von erfreulicher Klarheit und eindeutiger Schärfe. Die kleinen Geister, die„religiöse Gcwissensnot" vorschützten, um den Ein- fluß der Dunkelmänner auf den Schulbetrieb w'eder einführen zu können, sehen sich der geschlossenen?sront der Lehrerschaft imd aller Republikaner gegenüber. Sie werden auch beim Re'chsschulgesetz ihre Forderungen erheblich herabschrauben müsten. Die Ziele üer Scbulreaktion. Wie jeder Beamte ist auch der Schulrat durch die Preußische Berfassung eidlich verpflichtet, das ihm übertragene Amt unparteiisch nach bestem Wissen und Können u verwalten und die Perfassung, die bekannllich die Derück- ichtigung der konfessionellen Eigenart in den Schulen emp- iehlt, gewissenhaft zu beobachten. Die Preußische Verfassung bietet also eine genügende Handhabe, gegen einen Schul- rat einzuschreiten, wenn er den Geist einer Schule in partei- ischer Weise beeiflußt. Solange diese Feststellung nicht ge- troffen wird, ist ein Vorgehen nicht nur ungerecht, sondern verstößt auch sowohl gegen die preußische wie die Reichsverfassung, die beide die Entfernung eines Beamten von einem Posten aus religiösen Gründen nicht kennen. Wie feindlich auch heute noch der größere Teil der evangelischen Kirchengemeinden selbst den Katholiken gegenübersteht, haben Aeußerungen evangelischer Geistlicher und Körperschaften mehr als einmal bewiesen. Wie die evangelischen Elternschaften in Dortmund einen dissidentischen Schulrat zu verdrängen suchen, so bemüht sich die protestan- tische Diaspora am fast ausschließlich katholischen Niederrhein, den katholischen Schulrat in Mörs II kaltzustellen und durch einen protestantischen zu ersetzen, obgleich der Posten in Mörs I schon durch einen Protestanten besetzt ist. Sie wußte die deutschnationale Land- togsfraktion für ihre Quertreibereien zu interessieren. und das Kultusministerium hatte alle Mühe, den bisherigen Stand der Dinge aufrechtzuerhalten. Den Hintermännern derartiger Machenschaften, die größtenteils im deutschnationalen Lager zu finden sind, ommt es dabei weniger auf die Interessen der christlichen Schule als auf politische Machtziele an. In ihren Mitteln sind' sie nicht wählerisch. Im Dortmunder S t r e i t s a l l, in dem die Entscheidung des Reichs- gerichts angerufen worden ist, unternimmt man sogar den Versuch. Gericht und Oeffentlichkeit im voraus zu beein- flussen. Man nimmt dabei eine Uebergangsbestim- m u n g der Reichsverfassung für sich in Anspruch, die an» aeblich einen Artikel aus der preußischen V e r- tassungsurku.nde von 18Sl1 zum geltenden Recht in der Schulirage erhebt. Abgesehen davon, daß dieser Artikel lediglich die B e r ü ck s i ch t i g u n g der konfessionellen Ver- Hältnisse bei der Einrichtung der konfessionellen Volts- schulen empfiehlt und mit der Besetzung der Schul- ratsposten nur gewaltsam in Verbindung gebracht wer- den kann, wird der Uebergangsbestimmung ein ganz falscher Sinn unterlegt. Die betreffende Bestimmung lautet: „Bis zum Erlaß des im Artikel 146 Abs. g vorgesehenen Reichsgesetzes(Reichsschulgesetz) bleibt es bei der bestehenden Rechts- läge. Da» Gesetz hol Gebiete de» Reiches, in denen eine nach Bekenntnissen nicht getrennte Schule gesetzlich besteht, besonder» zu bermksichllgen." Die Bestimmung stellt sich also nicht nur nicht schützend vor die Konfessionsschule, sondern verpflichtet die künftige Schulpolitik von vornherein auf eine Bevorzugung der überkonfessionellen Schule. Es hieße den Sinn der Verfassung umkehren, wenn man aus dieser Bestimmung das Recht auf ein Vorgehen gegen eine Persönlichkeit her- leiten wollte, die jenseits des Kampfes der Konfessionen steht. Aber das Ziel der Treiber im Dortmunder Schulstreit geht weiter. Ihr Plan ist es, durch Mißbrauch konfessioneller Probleme die Anhänger der Sozialdemokratischen Partei der Republik zu entfremden. Die Sozialdemokratische Partei ist stark genug, um eigene Wege zu gehen. Aber die anderen Parteien mögen sich vorsehen, daß sie dabei nicht zu schaden kommen! Der Schultampf in Polnistb-Schlesien. Deutsche Schulen für 7000 Kinder verlangt. Das nach der Teilung Oberschlesiens geschlossene deutsch- polnische Abkommen bestimmt, daß die Erklärung eines E r- ziehungsberechtigten genügt, damit sein Kind zu einer sprachlichen Minderheit gerechnet wird. In dieser Art waren in Kattowitz 8500 Kinder für deutsche Minderheits- schulen angemeldet worden. Gegenüber dem klaren Wort- laut des DerlraMs hatten die polnischen Behörden nun einen unzulässigen Druck aus die Eltern ausgeübt. Sie hatten sie poli-eilich vernommm, und zum Teil zum Widerruf veranlaßt. Die polnischen Behörden strichen nicht weniger als 6500 Kinder wieder von der Liste, um sie nicht in deutschen Minderheitsschulen unterbringen zu müssen: sie behaupteten dabei, daß es sich gar nicht um Kinder deutscher, sondern pol- nischer Eltcrn handle. Daraufhin hat sich der Deutsche Dolksbund, als die an- erkannte Vertretung der deutschen Minderheit, beim Präsi- denten der Gemischten Kommission, C a l o n de r, beschwert. Er hat daraufhin angeordnet, daß die Kinder unverzüg- l i ch Minderheitsschulen zu überweisen sind. Zugleich sollen die Strafmandate aufgehoben werdrn, die die polnische Polizei den Eltern deshalb aufgehalst hatte, weil sie die Kinder nicht in die polnischen Schulen hatten gehen lassen. Calonder stellte grundsätzlich fest, daß die Er- ziehungsderechtigten ohne Rücksicht auf Abstim- mung und Muttersprache zwischen Mehrheits- und Minder- heitschulen wählen können und daß der von der Mose- wodschaft eingenommene Standpunkt, wonach alle Kinder mit polnischer Muttersprache vom Besuch der deutschen Min- derheitsschule zurückzuweisen seien, rechtlich u n h a l t- bar sei. Für den Fall, daß die polnischen Behörden seine „Stellungnahme" nicht annehmen sollten, erklärt es der Präsident für dringend notwendig, den Völkerbunds- r a t zu bitten, den ganzen Rechtsstreit in seiner nächsten Session zu entscheiden._ Der Mainzer Zwischenfall. Die fravzöfischen Soldaten verhaftet. INaiaz. 30. Dezember.(MTB.) Von zuständiger Stelle erfahren wir. daß nach Mitteilung des französischen General» die beiden französischen Militärpersonen, die an dem Zwischenfall beteiligt gewesen sind, wegen Widersprüche in ihren Aussagen fe st genommen worden sind. Deutsche Kriegsgerichte hatten während der Besetzung Antwer- pens die Zahlung bedeutender Schadcnersatzsummen an die bei Kriegsausbruch durch den Pöbel geschädigten deutschen und öfter- reichischen Staatsangehörigen erzwungen. Das pemischie deutschbelgische Schiedsgericht bat jetzt auf Antrag der Stadt Antwerpen entschieden, daß dieser Betrag, und zwar eine Gesamtsumme von einer Million Fronten rurückpezahlt werden müsse Deutschland hat für diese Summe ö Pro-.. Zinien seit dem 1. Ottober ISIS zu bezahlen und außerdem die Kosten des Versahrens zu tragen. Saperns Ministerpräsiöent. Redereisend von Preising bis Regensburg. Von Alwin Saenger. Der Herr Ministerpräsident des Freistaates Bayern bc- innt in wilhelminischen Ausmaßen zu reden. Bald wird der atinsche Zeitgenosse des Herrn Dr. Held einundeinhalb Stück- wert der Rethorik für den Einzeltag errechnen können. Der satirische Zeitgenosse: denn uns dünkt der Heldsche Drang zur Rostra des Freistaates vornehmlich ein Beitrag zur Schöpfungsgeschichte jener Metamorphosen, die das Bayern von heute seiner inneren Werte berauben und in den Zirkus- kreis stellen. Lasten wir die Dezemberreoue des Herrn Präsidenten im bayerischen Ministerrat„Von Freising bis Regensburg" kurz die Kritik passieren. Wir beginnen mit Regensburg. Mit vollen Backen, Mar nicht staatsmännisch, wohl aber robust schmettert Herr Dr. Held in die Welt hinaus, mit der Sozialdemokratie sei keine Regierungskoa- lition möglich, bei der man mittun könne. Diejenigen, die grundsätzlich auf dem Boden der Gottesleugner und des Atheis- mus stünden, und diejenigen, welche die Grundsätze des posi- tiven Christentums vertreten, könnten niemals Politik mit- einander machen, weder wirtschaftlich noch sozialpolitisch. Die Blamage folgte dieser parteipolitischen Rede auf dem Fuße. Die Fraktionsfreunde Dr. Heids im Reichstag, sein Freund, der Reichspostminister im Reichskabinett, sprachen sich einstimmig für Verhandlungen mit der„atheistischen" Sozial- demokratie zwecks Schaffung einer Großen Koalition aus. Und dazu eine Erinnerung. Spätherbst 1919. Der„atheistische" Ministerpräsident Hoffmann will aus dem Kabinett aus- scheinen. In einer kollegialen, offenen Aussprache im Gebäude des Bayerischen Landtags erklärt— Herr Dr. Held, dazu bestünde gar kein Anlaß. Die Koalition mit den Sozialdemo- kraten habe sich doch durchaus gewährt. Also bleibt der Atheist. War Dr. Held damals unehrlich? Schloß er aufs neue poli- tische Gemeinschaft, um den anderen die Verantwortung zu- zuschanzen? Die Frage zu bejahen, hieße den Ministerpräsi- denten beleidigen. Das aber sei uns vollkommen ferne. Dieses Gerede über den sozialdemokratischen„Boden der Gottesleugner und Atheisten" ist im übrigen ein so allgemeines Feld-, Wald-, Wiesengerede, daß ein Ministerpräsident selbst als Parteipolititer solche Plattitüden meiden niüßte. Der Freiheit der katholischen Kirche ist der schwarzweißrote furor protestanticus der bayenschen, kaisertreuen Koalitions- freunde Dr. Heids etwas schädlicher als der sozialdemokratische Atheismus war und ist. Im Schatten des Regensburger Domes bringt Herr Held es über sich, von Versuchen zu sprechen,„von Wirth bis Loebc die Reichswehr in die Hand der Sozialdemo- k r a t i e zu spielen". Eine Beugung objektiver Wahrheit, wie sie hemungsloser überhaupt nicht gedacht werden kann. Der bayerische Ministerpräsident weiß, daß von Wirth bis Loebe lediglich verlangt wird, daß dem Skandal der Fern- Haltung überzeugter Anhänger der Republik und der Ver- fassung in der Reichswehr endlich ein Ende bereitet werden soll. Und der Mann, desien engste politischen Freunde die Meuterei des Generals Lossow, diese politische Vergiftung der bayerischen Reichswehr, veranlaßt und sanktioniert haben, wagt die-Behauptung,„in Bayern verlange man ein Militär, das mit der Politik nichts zu tun habe". In Freising erbringt derHerrMinisterpräsident einen neuer- lichen Beweis, daß er die Sprache wilhelminischer Randbemerkungen vollkommen beherrscht. Wir bedauern, daran erinnern zu müsten, daß die Uebung persönlicher Invektiven Herrn Dr. Held im Bayerischen Landtag schon einmal den gesellschaft- lichen Boykott einer angesehenen bürgerlichen Fraktion eintrug. Der damalige Redeexzeß blieb nicht vereinzelt. In Freising ließ die christliche Nächstenliebe den Ministerpräsidenten von seinen politschen Widersachern nun gar als„M ö r t e l- b u b e n" sprechen. Man sieht, daß die Münchener Staats- kunst die Sprache des Baugerüstes nicht verschmäht. Ge- rechterwcise füsstn wir hinzu, daß Herr Held seinen Gegnern jüngst im Landtag zurief, ob er wie„ein stummer Hund" bei Angriffen dastehen soll. Im Sprachgebrauch Preuße und Bayer je zur Hälfte. Originell, auch populär, aber wohl nicht sehr klug. Doch wir wollen nur registrieren: Herr Held wird wissen, wie er am vorteilhaftesten, die von ihm oft und feierlich propagierte„Stärkung der Staatsautorität" fördert. Das„Auftrumpfen" liegt offenbar den Zugewanderten noch bester als die Einheimischen. Der Kampf um den Finanzausgleich wird mit Pauken und Trompeten als ein .Kampf mit aller Energie und bis zu den äußersten Konsc- quenzen" verkündet. Die Beispiele dieser letzten vier Jahre ließen Aeußerstes erwarten. Die bayerischen Berge gebaren nicht einmal eine Maus. Am nächsten Tage schon entblätterte Bayerns Ministerpräsident selbst seine Redeblüten: er habe npr an den Austritt der Bayerischen Bolkspartei aus der Reichsregierung gedacht. Wie harmlos. Als Stachel blieb abermals e-n böses Herabsetzen des politischen Gegners: Der Ministerpräsident schalt das Eintreten des Nürnberger Ober- bürgermeisters Luppe für den Einheitsstaat, ein legales, der Verfassung entsprechendes Ziel als Felonie, als Handlung eines gemeinen Verräters. Oktober 1918. Im Bayerischen Landtag wollen die Demokraten in des Reiches schwerster Stunde ein gemein- schaftliches Treuebekenntnis aller Parteien zum Reichs- gedanken oeranlassen. Einer widerspricht mit der Begrün- dung, man wisse ja gar nicht', ob das Reich zusammenhalien werde. Es warijerr Dr.' Held.— Das Wort von der Felonie gegenüber einem treuen und zuverlässigen Bürger der Republik spricht sich leicht in einem Freistaat aus, der noch, vor kurzem in der Achtung vor dem Gesetz und Recht des Reiches so treulos war, wie das heute von Herrn Dr. Held regierte Land. Biel Reden ist keine Kunst. Schwerer ist, sachlich bleiben in Erinnerung an eigenes Handeln. Herr Dr. Held kann sich nicht über mangelnde Loyalität auf der Seite seiner politischen Gegner beklagen. Statt seine Gegner mit Schmähworten zu be- kämpfen, sollte Bayerns Ministerpräsident sorgfältiger die eben veröffentlichte Kritik seines Parteiorgans, der„Augsburgcr Postzeitung" beherzigen:..Die Hitler-Bewegung wurde nicht nur toleriert, sondern vielfach von Parteimitglie» dern gefördert, weil man glaubte, damit den nationalen Ge- danken stärken und die Sozialdemokratische Partei schwächen zu können. In beiden Fällen war der„Erfolg" für die inner- politische Politik katastrophal." Dieser politische Erfolg kommt zum guten Teil gerade auf dos Konto Herrn Dr. Heids. Die Bilanz jüngster, lebendiger Vergangenheit müßte ihn etwas bescheidener, etwas unparteiischer, etwas weniger wilhelminisch machen. Kommunisten unter sich. Nuth Mischers Bericht ans MoSkan. Gestern früh wurde hier das wesentliche aus einem Bericht wiedergegeben, den die gestürzten Führer der KPD. üvcr ihre Reise nach Moskau erstattet haben. Der Bericht ist gedruckt und trägt den Vermerk„N u r für Partei- Mitglieder." Eines der Exemplare ist in unsere Hände gelangt und wir haben geglaubt, seinen interessanten Cuihalt J)er Oeffentlichleit nicht vorenthalten zu dürfen. Die (.Rote Fahne" zieht daraus den durch nichts gerecht- fertigten Schluß, die gestürzten Führer seien„beim „Vorwärts" gelandet" und benützten diesen als ihr„Zentral- organ". � In ihrem Bericht betonen die gestürzten Führer ihre Treue zu in Kommunismus und zur kommunistischen Internationale. Sie bringen klar zum Ausdruck, daß sie die gegenwärtig im Kommunismus herrschende Richtung be- kämpfen, weil sie ihnen nickt revolutionär genug ist. Die „Rote Fahne" schreibt:„Ruth Fischer-Maslow offerieren sich der deutschen.Bourgeoisie als die neue antibolschewistische Liga." Die gestürzten Führer begründen das Fernbleiben M a s l o w s von Moskau mit der Gefahr, daß Maslow, der russischer Staatsbürger ist, in Moskau gewaltsam hätte zu- rückgehalten werden können. Sie begriinden das mit Er- fahrungen, die Ruth Fischer dort gemacht habe. Dazu be- merkt die„Rote Fahne": Uuzähligemale erkläne Ruth Fischer vor der Partei, daß sie Moekai nur verlassen habe, weil ihr föesundheitezustaiid dies kate- forisch' verlangte. Nun plötzlich hat man sie gewaltsam zurück- gehalten. Hier liegt offenbar ein Widerspruch vor, der sich jedoch leicht erklären läßt. Solange Ruth Fischer der Partei an- gehörte, durfte sie über ihren Zwangsauteiuhalt in Moskau »icht die Wahrheit sagen.„Die moralische Qualifikation der Frau Ruth Fischer ist der deutschen Partei bekannt," schreibt die„Rote Fahne". War ihr diese moralische Qualifikation noch nicht bekannt, als Frau Ruth Fischer die erste Geige in ihr spielte? Maslow aber, der einst gefeierte Führer, dein ein kom- munistifcher Parteitag ein Huldigungstelegramm sandte, wird jetzt so behandelt: Ruth Fischer und Maslow erklären, daß sie zur Sowjet- regierung, die doch, da Maslow russischer Staatsangehöriger ist, allein maßgebend für d>e Erteilung von Visen �und Pässen ist, nicht das geringste Vertrauen haben. Sie haben viel niehr Vertrauen Der goldene öerg. Von Erich Funke. Seit Peter Langhammer Im Krankenhaus lag und viel Zeit hatte zum Grübeln, mar es ihm so recht klar geworden, daß es ihm immer herzlich schlecht gegangen war. Nie noch hatte er es so deutlich gefühlt wie gerade jetzt, da sein« Kraft erlahmt war und er dem Ende entgegenging. Er wußte es auch selbst genau: Lang« würde es nun nicht mehr dauern! Sein ganzes Dasein ließ er im Geist« noch einmal langsam an sich vorüberziehen: Sein« Eltern hatten sich ihr Leben lang gemüht, zu etwas zu kommen, um ihr« letzten Jahre sorglos oerbringen zu können. Aber arme Leute— Arbeitsleute— sind nie auf Rosen gebettet gewesen. Und so ist es auch ihnen nie gelungen, dieses einzige Ziel zu erreiche». Nun schliefen sie längst schon unter dem Rasen und er, Peter Langhammer, war selbst schon ein alter Mann geworden, erschlafft, verbraucht, dem Tode oerfallen. Er konnte sich noch genau entsinnen, wie er das erstemal auf Arbeit ging— in die Spinnerei. Später trat er als Arbeiter in die chemische Fabrik«in, die er nun schon seit geraumer Zeit wieder verlassen hatte. Der Husten und das Fieber hatten ihn niedergeworfen. Fast erschien es ihm selber unverständlich, wie er sein Leben, sein langes Dasein so schnell überfliegen konnte. Er fand ober auch wirtlich nur drei Punkte, die sein Leben bestimmt hatten: Sein Eintritt ln die Fabrik— Arheit— sein Ausscheiden durch die Krankheit! Alles, was dazwischen lag, bestand aus dmi ewig gleichen, aus Sorg«, Rot und Elend. Wenn er jetzt noch einmal und immer wieder darüber nach- dachte, was bisher für ihn Leben war. so kam er zu der traurigen Einsicht, daß es unmöglich war. zu enträtseln, warum er überhaupt die lang« Zeit aus der Erde wandelte. Sein Leben war nicht«inen -Heller wert gewesen, sein« Arbeit— ja, seine Arbeit mag wohl etwas wert gewesen sein, für ander«! Peter Langhammer war stumpf und teilnahmslos geworden in den Jahren vorher, aber jetzt, da er so einsam und hilflos dalag, jetzt glomm es auf in ihm, etwas, lvas er bisher nicht gekannt hatte. Es regt« sich ein weiches Gefühl,«in Bedauern seiner selbst. Ein kindliches Schluchzen löst« sich aus seiner Brk£!. Seine Augen fielen langsam zu und unter den Lidern herv'r quollen bittere Tränen... Dann führt« ihn ein wohltuender Schlaf h-'mveg, weit hinweg... • In einer langen, langen Allee, von Palmen umsäumt, fand Peter sich wieder. Ganz hinten, in endloser Ferne, so schien es, glitzerte und funkelte es wie im Mörchenreich. Golden brach die Sonne durch lv-s Morgenrot. Eine feierliche Still« lag über dein Ganzen und er— Peter Langhammer— stand allein in oll dieser Prach:! L.�urn w-Tgte er einen Schritt zu tun. Ihm war so wohl und lcich«, zum.«, daß er hätte laut aufjubeln mögen. Aber das hätte wrhf entheiligend gewirkt. So schritt er schweigend aus und wanderte zur politischen Polizei der preußischen Regie- rung, die Maslow trotz seiner erfolgten Ausweisung nun schon niehrere Monate sorgsam behütet. Wir hoffen, daß die oppositio- nellen Arbeiter dieses offene Geständnis zur Kenntnis nehmen und entsprechend würdigen werden. Aber noch etwns anderes. M a s- low ist russischer Staatsangehöriger. Trotzdem meidet er Sowjetrußlond wie die Hölle. Es gibt zwei Sorten von Russen, denen die Sowjetunion ein Ort des Schreckens bedeutet. Das sind die weißen Emigranten monarchistischer und menschewlstischer Couleur, und jene Russen, die im Dienste aus- ländlscher Regierungen ihre Spionagearbeit gegen die Sowjetunion betreiben. Wir überlassen es der neuen Antibolschewistischen Liga, in welche Kategorie sie Maslow einreihen will. Das kostbare Geständnis, daß Rußland für die mensche- wistischen, d. h. die sozialdemokratischen, Emigran- ten einen„O r t d e s S ch r e ck e n s" bedeutet, fei nur neben- bei festgehalten. Der„Roten Fahne" genügt es nicht, den Revolutionär Maslow bei den„menfchewisiifchen Emigranten" einzureihen. Sie verdächtigt ihn, im Dienst einer fremden Regierung als Spion gegen fein eigenes Vaterland zu arbeiten. Sie betreibt nach dem Muster der deutschen Nationalisten gegen einen Politiker, der ihr unbequem ist, Landesverratshetze. Die Fäulnis der Kommunistischen Partei stinkt zum Himmel. Es wäre wahrhaft Zeit, diesen Kadaver aus Gesundheitsgründen zu verscharren. Das Lüttwitz-Urteil. Wo bleiben die Gegenforderungen des Reichswehr- Ministeriums? Bon juristischer Seite wird uns zu dem Lüttwitz- Urteil geschrieben: Lassen wir einmal ganz dahingestellt, ob der Anspruch der Herren L ü t t w i tz und B i s ch o f f aus ihr gesperrtes Geholt formalrechtlich begründet ist,»ehnien wir einmal an, es sei so: auch dann noch wäre die Verurteilung des Reichswehrministeriums zu vermeiden gewesen, vorausgesetzt freilich, daß das Reichswehrmini- sterium den Prozeß richtig geführt hat. Es konnte ja gegen die Gehaltsforderung der Herren aufrechnen mit der Er- sagforderung für den ungeheuren Schaden, der dem Reich durch Lüttwitz und Bischoff entstanden ist. Wir vermögen diesen Schaden nicht zu spezifizieren, den Auswand für die Putsch- truppen wie für die Putschabwehr: dem Reichswehrministerium wird wird es unschwer möglich sein. Hat das Reichswchrministerium die Aufrechnung geltend gemacht? Wird es wenigstens in der Be- rufungsinstanz(trotz Z 529 Abs. 5 der Zivilprozeßordnung) den Ver- such machen, die Aufrechnung noch zur Gellung zu bringen? Daz�r ist zu bemerken, daß auch noch andere Leute an Lüttwitz und Genossen Ersatzforderungen stellen könnten, die die Pensionen dieser Heren glatt auffressen würden. Aber würden diese anderen vor deutschen Gerichten ihr Recht finden?_ �Grunüsätze" öer Neicbsjusiiz. Warum die Amncsticrung Rau'S versagt wird. Vor einigen Tagen hat im.Vorwärts" Genosie Lands- b erig die Ungeheuerlichkeit der Verurteilung des kommuni- stischen Redakteurs Rau durch den Staalsgerichtshof be- handelt und die Notwendigkeit ausgesprochen, durch eine A m n e st i e derartige sonst nicht auszulöschende Fehlurteile zu beseitigen. Dazu läßt jetzt das Reichsjustizministerium erklären, daß die Ablehnung der Begnadigung mit seinem Einverständnis erfolgt fei. Als Grund für die Ablehnung gibt es an, daß Rau sich der Strafvollstreckung durch die Flucht entzogen habe. In solchen Fällen komme grundsätzlich eine Begnadigung nicht in Frage. Es ist merkwürdig, daß sich solche„Grundsätze" immer die still« Straße fürbaß. Cr merkt« kaum, wie schnell er sich be- wegt«, so leicht war sein Schritt. Plötzlich sah er die Pracht eines golden leuchtenden Berges ganz nahe vor sich. Da ruhte er«inen Augenblick und stieß«inen Jauchzer aus, so hell und freudig, wie«r es nach nie getan und auch noch niemals gehört hatte. Und wie er so stand und jauchzte, fiel sein' Blick an den Wegesrand, wo sich an einer Stelle drei große, schwarz« Kreuze erhoben. Er konnte es nicht verstehen, daß In diesem Glanz solche Zeichen der Trauer seinem Blicke begegnen konnten. Langsam trat er näher. Aber wie er- staunte er, als ihm die Inschriften sichtbar wurden:„Rot"— „Sorge"—„Elend". Da erhellten sich seine Züge wieder. Also hier, am Wegeeende, lagen sie endlich begraben, die Gefährten der Armut, die garstigen Gesellen! Frei atmete er auf und stürmt« vor- wärts. Rur«in Drang hatte Raum in ihm: Weiler— weiter! Beinah« hätte er ganz übersehen, daß er vor einer großen, weiten Pforte stand. In glühend ro:er Flammenschrift umzog ein Wort die riesenhafte Ueberwölbcmg des mächtigen Tores: Menschheit»- Verbrüderung. Unwiderstehlich trieb es ihn vorwärts in die maßlos hell«, lichte Unendlichkeit, aus der sich groß und herrlich der goldene Berg aufreckte in die Morgensonn«. t Nebliggrau pochte der Morgen an die Fensterscheiben des Krankenhauses. Der Wind pfiff leise durch die Baumwipfel und die bunten Blätter fielen... eins nach dem andern.„Wie im Krankenhaus," dacht« die Pflegerin und trat in den Saal mit den vielen Betten. An jedom Schmerzenslager blieb st« einen Augenblick stehen, um die Wünsche der Kranken zu hören. So kam sie auch zu'Peters Bett.:. Aber Peter Langhammer hatte keine» Wunsch mehr. Poms„Zaubcrgcige". In der Sezession am Kur- f ü r st e n da in in gastiert augenblicklich Paul Braun mit seinem Riarionettentheater Münchener Künstler. Nach dem Krippenspicl gibt er jetzt Poccis„Zaubergeigc", ein Stück also, das direkt für die Marionettenbühne geschrieben worden ist. Braun sollte aber nicht in dies harmlos hübsche Märchcnspiel zeitgemäße Glossen einstreuen, das schadet dem Stil des Ganzen. Manches geht auch in Darstellung und Dekoration über das Marioncttenhost» hin- aus. Braun schwank! zwischen Realismus und Groteske. Mehr Groteske und mehr Witz würden aber der Auiführung imr Nutzen brincjen. Manchmal werden die Bewegungen der Puppen etwas fahrig, der König der Kupfergeister etwa rudert zu.viel mit den Händen in der Luft herum. Daneben steht Ausgezeichnetes. Glan- zend ist der Hofstaat des Grafen Richard, hier besteh« vollkommene Einheit zwischen den Bewegungen und dem Ausdruck der Puppen. Ueberhanpt sind diese Puppen ausgezeichnet ausgeführt und kostü- miert. Die farbliche Abstimmung der Puppen aus die Dekorationen zeigt feinen, malerischen Sinn. Doch die Einsalt des alten Märcher- stils ist auch hier bei Braun verlorengegangen und er bringt auch nichts Neues wie die Italiener' trotzdem unterhält man sich gut und lächelt vergnügt über diese hübschen Dinge.— t. dann einstellen, wenn es sich um l i n i s g« r i ch l e! e Per- sonen handelt. Die Lüttwitz, Bischoff und ihre Trabanten hatten sich jahrelang der Verfolgung„durch die Flucht ent- zogen". Sie sind trotzdem amnestiert und haben die Genug- tuung, daß ihnen ein deutsches Gericht nachträglich noch Gehalt und Pension zuspricht.. Ueberhaupt handelt es sich nicht um eine„Begnadigung" im landläufigen Sinne, sondern um die Notwendigkeit, di: blöden Kommunistenprozesse durch eine Reichsckmncstie auszulöschen. Da das Reichsjustizministerium sich so schwer- hörig stellt, machen wir auf diesen Unterschied ausdrücklich aufmerksam. Die„Liga für Menschenrechte" hat sich, wie sie mitteilt, neuerdings direkt an den Reichspräsidenten gewandt, um ihm die Notwendigkeit einer Amnestie im inner- und außenpolitischen Interesse dringend nahezulegen. Wir hoffen. daß das Reichsjustizmimsterium dem Reichspräsidenten ebenso dringend empfiehlt, durch die Tendenzurteile einen dicken Strich zu machen, die für wirkliche oder vermeintliche, aus dei» Krisenjahr 1S23 stammende Straftaten ergangen sind. Seschimpfung üer Republik— kostet llUN Reichsmark! Regensburg, 29. Dezember.(WTB.) Wegen Vergehens gegen das Republikschutzgesetz hatten sich der Redakteur Sandel vom„Abensberger Wochenblatt" und der Vorstand des Rentner- verein» Abensberg, Streng, vor dem Schwurgericht Regensburg zu verantworten. Streng hatte im Juli dieses Jahres einen Auf- ruf an die Kleinrentner und Sparer verfaßt, der bezweckte. An- Hänger für de» Gedanken der Beseitigung der gegenwärtigen Aus- wertungsgeletzgebung zu gewinnen. In diesem Aufruf, den.er in das„Abensberger Wochenblatt" einrücken ließ, bezeichnete er das Reich als eine„deutsche Juden- und Schieberrepubli k". Redakteur Sandel rechtsertigtc sich damit, daß er an jenem Tage, an dem der Ausruf veröffentlicht wurde, von Abensberg abwesend war. Sandel wurde daher freigesprochen, dagegen oerurteilte das Gericht Streng wegen Beschimpfung der versassungs. mäßigen republikanischen S t a a t s f o rm zu IVV M. Geldstrafe. Der schimpfenöe Rektor. Wegen Beleidigung des Reichspräsidenten diszipliniert Bielefeld. 30. Dezember.(Eigener.Drahtbericht.) Wegen B e- l e i d i g u n g des Reichspräsidenten Ebert war der Rektor Bohnekamp aus Minden von der Strafkammer des Landgerichts zu 500 M. Geldstrafe verurteilt worden, nachdem vor- her das Schöffengericht Minden den Angeklagten besrcmdlicherweise freigesprochen hatte. Bohnekamp, der wegen seiner reaktionären Ge- sinnung bekannt ist, hatte beim Unterricht in der F o r t b i l d u n g s- schule bei der Erörterung über die Verfassung über den Reichspräsidenten Ebert und seine Gattin belei- digende Witze gemacht und behauptet, daß der Reichsptäsideiü gelegentlich einer Fahrt im Speisewagen nicht mit Messer und Gabel umzugehen verstanden, und daß seine Gattin„mir" und„mich" oerwechselt habe. Dies könne man aber einem früheren Sattler nickt übelnehmen. Das Disziplinarverfahren in dieser Angelegenheit lies weiter und fand jetzt vor einem von der Regie- rung in Minden eingesetzten Disziplinargericht seine Erledigung. Der Angeklagte wurde zwar schuldig befunden, aber zu- nur 100 M. Geldstrafe oerurteilt. Als stelloerkretender Regierungspräsident in Köln ist, wie der Vertreter des„Soz. Presiediensi" erfährt, der frühere Lanvrat von Harnack in Aussicht genommen. Harnack ist ein Sohn des bekannten Theologen der Berliner Universität und gehört seit einer Reihe von Jahren der Sozialdemokratischen Partei an. Harnack war Mitarbeiter von Konrad Haenisch im Kullusministenum, spater Landrat in Hersseld und ist gegenwärtig als Regierungsoizepräsident bei der Regierung in Hannover tätig. Entdeckungen an der Berliner Klosterkirche. Am schönsten mittelalterlichen Bau Berlins, an der frühgotischen Kirche der Fran- ziskaner in der Klosterstraße sind Jnstandsetzungsarbeiten im Gange, da das Gebäude stark zu versallen drohte. Die Ausschachtungen bei dem tief in der Erde steckenden Chor— der Boden hat sich hier sehr gehoben— ergaben wichtige Funde. Man entdeckte außer der Klostcrmauer e.n ganzes Stück von der Berliner Stadtmauer des Mittelalters, einem seldsteinemen Bauwert. Es handelt sich osfen- bar um die Ringmauer, die die askanischen Markgrasen Johannes und Oito 1247 errichteten. Man sieht aus dem Grabungscrgcbnis, daß ein Stück Mauer abgetragen werden mußte, als 1290 der Bau der Kirche begann. Daneben fand sich aber noch ein anderes Mauer- stück aus Feldsteinen, von dem man vorläufig nicht weiß, wozu es gehörte, lind schließlich wurde ein gotischer Anbau nördlich am Ehor der Klosterkirche freigelegt. Auch h'er ist noch nicht klar, was es für eine Bewandtnis mit diesem Gebäudeteil hat. Er scheint 17dli cinei» Umbau au der Klosterkirche zum Opfer gefallen zu sein. Die Ergebnisse der Grabungen, in deren Beginn man erst steht, sind für die Berliner Baugeschichle jedenfalls sehr wichtig, und es wurde daher die Anordnung getroffen, daß bei de» weiteren Ausschachtungs- arbeiten ständig photographische und zeichnerische Aufnahmen gemacht werden. Verteilung de« Bremer Schauspielpresses. Der vom Goethe- Bund, Bremen, in Verbindung mit dem Bremer Schauspielhaus im April d. I. ausgeichriebenc Schäuspielpreis ist am 29. Dezember verteilt worden. Eingereicht waren 1080 Bühnenwerke. Das Preis- gericht kam zu der Ueberzeugung, daß keinem der eingereichten Stücke der volle Preis zuerkannt werden könnte. Slait dessen sind von der verfügbaren Summe zwei Preis« von je 1000 M. verteilt worden, und zwar für die beide» Einakter„S a u l und A l k e st i s" von Alexander Lernet-Holenia, Klagenfurth, und für „Dornenweg, dramatische Szenen aus der russi- s ch e n Revolution" an M. Lewadin, Berlin. Ferner sind drei Preise zu je 500 M. verteilt worden, für die Komödie„O u i n- t e ß" an Peter Baum, für das Drama„T o n i" a» G: n a K a u s und für dos Kammerspiel„Das Land im Rücken" anHerbertScheffler., Die Bananen-Kirche. Die Krypta der Londoner Dreifaltigkeits- kirche ist an einen Obstgroßhändler vermietet worden, der dort ein Banonenlager eingerichkel hat. Mit einem zu diesem Zweck erbau- ten Hei.zui>g?systcni werden hier die Bananen, die au» Ueberseec grün eintreffen, künstlich zum Reifen gebracht. Die Verwaltung der Kirck-e erklärt, sie verfüge für die Erhaltung des Gebäudes und kür die Armen des Kirchensprengels nur über sehr geringe Einkünfte und sei daher auf die Einnahme aus der Vermietung angewiesen. Da» Berliner Sinfonie-Orr rft er iieinnltallct unter Ceifiing von Emil Bobtifc om 1. und'2. Janunr, abend» 8 Ubr. im Slüthner-Iaal, Konzeiiv. Sotiit de« erfiett Abend« iit N. Siamdinon(Violine), Sollst de« zweiten Abend« Ernst Knobel(ttlarinette). Im Iteuen Ihen>er am Zoo beginnt die Zilvesfervorstellunz„Ninon am Scheideweg' um 8 Ubr. Aa der Akademie der Msfenfchalten In Leningrad wird jetzt ei» ftzorichimgSinMNlt für Buddbidmu« euichiei. Es soll au» vier Abteilungen bejahen, einer japanischen, chinesischen, indischen und uiongolijchen. Lanöesverteiükgung und Abrüstung. CoolidgeS redet vom frieden. Ende Dezember 177S überfiel Washington, der Führer der amerikanischen Aufftändischen, die zwischen New Bork und Philo- delphia liegend« Stadt T r e n t o n am Delawarefluß und nahm die l300 Mann englischer Kolonialtruppen— es waren meist von ihren deutschen Landesherren verkaufte Hessen— gefangen. Di« 150. Wiederkehr dieses siegreichen Kampfes wurde gestern begangen. Der Präsident der Bereinigten Staaten Coolidg« oersammelt« die Gouver- neure der dreizehn Staaten, die ein halbes Jahr vor der Schlacht die Unabhänglgkeitserklörung gegen England und 13 Jahre später die Gründung der Bereinigten Staaten beschlossen hatten, zu einein Festmahl um sich, um den endgültigen Berlust der Kolonie für England und den Anfang ihrer Selbständigkest gebührend zu jeiern. Coolidge erklärte in seinem Rückblick:„Amerika ist heut« ebenso wie damals fest entschlossen, Herr seines eigenen Schicksals und Richter seines eigenen Handelns zu sein.' Nach dieser historischen Begründung für ihren Selbständigkeitswillen wandte sich Coolidg« zur zukünftigen Politik der Vereinigten Staaten: „Washington und die Patrioten seiner Tage wollten den Frieden, und wir wollen den Frieden audi Sie mußten große Opfer bringen und auch wir können entsprechenden Opfern nicht entgehen, sei es zur Beschaffung einer ausreichenden Landesverteidigung, sei es durch internationale Verträge zurBe- schränkung der Stärke unserer Militärmacht. Ich glaube nicht, daß wir die Friedenspolitik durch eine Rückkehr zum Wettrüsten fordern können. Obgleich ich für ein st a r t e s Heer und für eine starke Marine eintrete, bin ich doch gegen jeden Versuch, die ameri- tonische Nation zu militarisieren. Wo immer diese Methode bis in ihre letzten Konsequenzen durchgeführt worden ist, hat sie sich stets als völliger Fehlschlag erwiesen. Wir können der Menschheit keinen besseren Dienst erweisen, als unseren ganzen Einfluß dahin aufzubieten, die Welt von einem Rückfall in dieses verheerende System abzuhalten. Die gegenseitigen internationalen Be« Ziehungen sind viel zu sehr auf Furcht begründet. Die Na- tionen freuen sich der Tatsache, daß sie ihren Mut durch gegenseitiges Bekämpfen beweisen können. Wann wird die Zeit kominen, wo sie den Mut haben, einander zu vertrauen? Die Welt hat sich bemüht. Fortschritte in dieser Richtung zu machen, die alte Theorie des ausschließlichen-Berlasiens auf die Gewalt aufzugeben und sich mehr von der Vernunft leiten zu lassen. Wir sind in Gefahr, zu de.' alten Formel zurückzukehren. Wir können dem neuen Prinzip nicht Geltung verschaffen, wenn wir nicht zu opfern bereit sind und den Mut, zu unserer Ueberzeugung zu stehen, haben. Ich glaube, die Vereinigten Staaten sind stark und tapfer genug, um uns durch unser eigenes unabhängiges Vorgehen einer abernialigen BeHerr- jchung der Welt durch den militärischen Geist zu widersetzen." Erfüllt von dem Geiste der Ahnen und ihren erhabenen Inspi- rationen scheint Coolidge die Landung seiner Truppen in Nicaragua vor wenigen Tagen ganz vergessen zu haben. Ganz Süd- und Mittelamerika wird spöttisch die Taten und die Phrasen der Vereinigten Staaten miteinander vergleichen. Coolidge beklagt, daß die internationalen Beziehungen noch zu sehr aus gegenseitiger Furcht beruhen. Die amerikanischen Gewehre, Kanonen und Truppen in Nicaragua haben mehr Furcht und Miß- trauen oerbreitet, als noch so schöne Redewendungen ihres Ober- befehlshaber wieder zerstreuen können. * Die konservativen Truppen, zu deren Schutz die amerikanischen Truppen in Nicaragua gelandet wurden, sind vollständig geschlagen worden. Die Liberalen nahmen viertausend von ihnen gefangen. Die neue liberale Regierung protestierte in Washington gegen die Intervention._ Englands Ehknapolitik und die Mächte. London hofft auf ein Zusammengehen.— Tie Kanton- regierung lehnt ab.— Tschangtsolin Herr von Peking. London, 30. Dezember. sEP.) Im Mittelpunkt des politischen Interesses steht immer noch die Wirkung des englischen Memo- r a n d u m s an China aus die übrigen Signatarmächte des Washing- toner Abkommens. Das Hauptinteresse aller Besprechungen konzen- triert sich auf ein Zusammengehen zwischen Amerika und Eng- land auf der Basis des Memorandums, das der Kernpunkt siir die weitere Entwicklung der Angelegenheit und der Haltung der übrigen Mächte sein müsse. Man erwartet in London eine offizielle Er- klärung aus Washington und hofft, daß dies« aus Japan und als Folge hiervon auch auf Frankreich einen gewissen Einfluß aus- üben werde. Von Italien und Holland steht die Antwort noch aus. Im übrigen bemüht sich die englische Presse eifrig, den britischen Standpunkt gegenüber der französischen und anderweitigen Auf- sassungen zu erläutern. Aus Hankau wird berichtet, daß die Kantonregierung es voraus- sichtlich ablehnen wird, irgendwie Berhandlungen auf der Basis des englischen Memorandums auszunehmen. Sie verlangt vielmehr vollständige Zollautonomie sowie die Abschaffung einseitiger Verträge als Mindestforderung. Tokio meldet, daß nach dort vorliegenden Nachrichten Tschangtsolin nach seiner Ankunft in Peking Ausenthalt in dem alten kaiserlichen lssalast genommen hat und als Diktator auftritt. In Tokio habe niemand das geringste Zutrauen zu Tschangtsolin. und die Blätter geben der Regierung den Rat, Vereinbarungen mit Wupeifu zu treffen._ Das Militärregiment in Litauen. Tie vier Kommunisten doch hingerichtet. Nach dem Todesurteil des.Kriegegerichts gegen vier Kommu- nisten hatte der Ministerpräsident Woldemares erklärt, er habe die Verurteilten begnadigt. Jetzt wird amtlich zugegeben, daß die Todes- urteile vollstreckt wurden. Entweder hat sich die Militärjustiz um den Gnadenakt des Ministerpräsidenten nicht gekümmert, oder dieser hat durch den Ein- spruch der Militärs den Gnadenerlaß zurückgezogen, wenn er über- Haupt gewagt hat, ihn zu unterzeichnen. Schon die absolute Un- sicherheit, mit der Woldemares über die Ausweisung der deut- scheu Redakteure in Memel sich äußerte, zeigte, wie sehr er sich in der Hand der Militärs fühlt. Dieser Borfall zeigt von neuem, daß in Litauen sich die Militärdiktatur nur parla- mentarisch verkleidet. * Zum Chef des Generalstabes der litauischen Armee hat sich der Vorsitzende des Zentralausschusses der Schaula Sajunga, des Schutzenverbandes, Oberst D u k a n t a s. ernennen lasten. Di« italienische Regierung beabsichtigt, laut einer Mitteilung ihre» Gesandten in den baltischen Staaten, in Kowno«ine eigene Gesandtschaft einzurichten.(!)_ Seine australische Gesandtschast in Amerika. Der von der Reichskonserenz über Amerika nach Australien zurückreisende Minitlcrprasident Bruce erklärte, daß Australien keine eigene Ge- iandrschaft m Washington brauche, da es durch die britische Gesandt- jchaft ausgezeichnet vertreten sei. I Neujahrsgesthenk für Serlm. Einheitsfahrscheine für Straßenbahn, Hochbahn und Omnibus. Die schon seit längerer Zeit geforderte und auch geplante Ver- einheitlichung der Tanfe der Berliner Vertehrsunternchmen wird nunmehr, wie wir in Bestätigung der von anderer Seite veröffentlichten Mitteilungen erfahren, zum neuen Jahre der Verwirklichung entgegengesührt werden. Die Forderung, für alle Berliner Verkehrs- mittel, vorläufig mit Ausnahme der Stadt-, Ring- und Vorortbahn, einen einheitlichen Umsteigefahrschein zu schaffen und auf diese Weise die Zersplitterung des Berliner Verkehrs zu bc- seitigsn, ist nunmehr vom Berliner Magistrat aufgegrissen worden, und der neue Verkehrsdezernent der Stadt Berlin, Stadtrat Ke- nosse Reuter, hat eine Denkschrift ausgearbeitet, in der Vor- schlüge für die Organisation einer Verkehrsvcreinheitlichung der Reichshauptstadt unterbreitet werden Diese Denkschrift ist vor einigen Tagen den übrigen Mitgliedern des Magistrats zur vertrau- liehen Begutachtung übermittelt worden. Falls sich das Magistrats- kollegium mit den Richtlinien einverstanden erklären wird, was kaum zu bezweifeln ist, soll der Plan bereits in der nächsten Woche in der Verkehrsdeputation eingehend erörtert werden. Die Vorarbeiten sollen nach Möglichkeil so gefördert werden, daß der Magistrat der Stadtverordnetenversammlung bereits zu ihrer ersten Sitzung im neuen Jahre, am 13. Januar, eine entsprechende Vorlage unter- breiten wird. Gleichzeitig mit der Schaffung eines Einheitsfahr- scheine» für die Berliner Vertehrsanstalten ist geplant, die nunmehr im Besitz der Stadt befindliche Straßenbahn, Hochbahn und Omnibus- gesellschäst auch organisatorisch unter eine einheitliche Zentralleitung zusammenzufassen. Wir werden über diese Veränderungen im Berliner Verkehrswesen noch ausführlich berichten. * Von zuständiger Stelle wird zu diesen Nachrichten folgendes verbreitet:„Die von nichtamtlicher Stelle verbreiteten Meldungen über die.zukünftige Tarifgestaltung der Verkehrsunternehmung«» sind verfrüht und unrichtig. Sie sind derzeit Gegenstand ein- gehender Beratungen der verschiedenen zuständigen stödti- schen Stellen. Das Ergebnis hierüber wird zur gegebenen Zekt mit- geteilt werden." Einschränkung der Neujahrsgelüer k Ein« Sitte, die in unsere Zeit nicht mehr gut hinein paßt, ist die Einforderung von Neujahrsgeld. Sie war jahrzehntelang zu einer umfangreichen Bettelei und deshalb zu einer argen Belästigung oller Personen, denen man mit sanftem Druck Geld abnehmen wollte, ausgeartet. Gewiss« Kreise fanden sich sogar schon mehrere Tage vor Neujahr ein, um Geld für ein« oergnügliche Siloesterfeier einzu- heimsen, und auch Schwindler machten sich das zunutzie. Von der' heruntergeleierten Neujahrsgratulation wußte dos.Herz natürlich gar nichts. Dem Gratulanten war es ja so gleichgültig, wie es dem Angratulierten im neuen Jahr« ergehe. Wenn nur klingende Münze, dabei abfiel! Man gab nicht gern, aber man gab, um sich nicht in der Nachbarschaft bereden zu lassen. Bis die Geber sich endlich doch zugeknöpfter zeigten und die Einstellung oder wenigstens Ein- schränkung der Unsitte forderten. Jetzt sind auch die Müllfahrer aus den Kreisen der Neujahrsgratulanten gezogen worden. Die Berliner Müllabfuhr-Aktiengesellschaft hat ihrer Belegschaft da» Ein- fordern von Neujahrsgeld untersagt. Viele Hausportiers verzichten schon freiwillig auf das Ansprechen von Tür zu Tür, weil sie das Entwürdigende solcher Bettelei fühlen. Sie wissen ja auch, daß viel« Äseinmieter, besonders die Erwerbslosen, nicht einmal tji« Miete bezahlen können und daher gewiß keine Ursache haben, Geld zu ver- schenken. Wer seinem Hausveiniger«ine Erkenntlichkeit bezeigen will, kann es auch ohne die papierene Gratulation Etwas anders ist, wenigstens heutzutags noch, das G r a t u- lieren der Zeitungsfrauen zu beurteilen. Sie sind in Wind und Weiter schon aus den Beinen, wenn die Großstadt noch in tiefem Schlafe liegt. Welch« lieb« Not haben st« oft. um in dos verschlossene Haus hineinzugelangen und kein« Zeit zu verlieren! Wie oft müssen sie vergebens anllopsen, um das Bezugsgeld zu er- halten! Und wie oft werden sie angeschnauzt, wenn Die Zeitung nicht ganz pünktlich durch den Briefs palt gesteckt wird! Da kann mdn schon gern ein übriges tun und ein paar Groschen springen lassen. Hvfsentlich konrmt bald«ine Zeit, in der es möglich ist, auch den Zeitungsträgern diesen Gang zu ersparen. Kein Eisenbahnattentat! Falsche Gerüchte über einen V.Zug.UnfaN. Ein kleiner Unfall, der gestern abend den D-Zug Köln— Berlin betraf, war Anlaß zu Gerüchten über ein Eisenbahn- attentat in der Nähe von Zehlendorf. Nach Ermittlungen der Polizei handelt es sich um folgendes: An der Seehosbrücke zwischen Zehlendors-Mitte und Zehlendorf-Ost in der Nähe des Bahnhoses Zehlendorf-Weft b e- gegneten sich der Kölner v-Zng 31 und d er Berliner Vorortzug 456, der nach Werder sährt. Ein« Tür dieses Vor- ortzuges war ausgegangen, st reiste den D-Zug und wurde abgerissen. An beiden Zügen wurden m« hrere Fenster- schetben zertrümmert. Einige Fahrgäste erlitten durch Glassplitter leichte Verletzungen. Es entstand das Gerücht, daß in verbrecherischer Absicht eine Schienenkarre auf die Gleise gestellt worden sei. Kriminalbeanite der Polizeiämter Zehlen- dors und Lichterfelde konnten sich erst heule morgen an Ort und Stelle begeben, weil die Kriminalpolizei gestern nicht benachrichtigt worden war. Die U n t e r s u ch u n g e n. die sie an Ort und Stelle mit Beamten der Eisenbahnüberwachungsabteilung vornahmen, er- gaben bereits, daß die schienentarre uichl zu einem Anschlag aus die Gleise gebracht, sondern von Eisenbahnarbeltern stehen gelassen worden war. Sie war bereits rechtzeitig von kontrollierenden Eisen- bahnbeamten beiseite gebracht worden, so daß sie bei dem Vorfall gar nicht in Betracht kommt. Die Lichterfelder Kriminalpolizei geht noch dem Gerücht nach, daß bereits vor einigen Tagen auf Lichterfelder Gebiet eine Karremuf den Schienen gelegen habe. Nach allem, was bisher festgestellt werden konnte, ist von einem Attentat keine Rede. Dachstuhlbrand in Schöueberg. Mehrere Löschzüge der Feuerwehr wurden heute vormittag gegen ?«11 Uhr nach der Schwäbischen Str. 30 zu Schöneberg gerufen, wo ein Teil des Dachstuhles tn Flammen stand. Das Feuer war aus noiy unbekannter Ursache in der Waschküche zum Ausbruch gekommen, in der allerlei Gerümpel lagerte. Als der erste Löschzug eintraf, hatte das Feuer bereits auf den Dachstuhl übergegriffen. Ueber die völlig verqualmten Treppenhäuser konnten die Mannschaften nur mit Rauch schntzmasken versehen nach oben vordringen. Es mußte aus mehreren Schlauchleitungen Wasser gegeben werden. Es gelang, das Feuer einzukreisen und ein Ueber- greisen aus die übrigen Teile de» großen Eckhausdachstuhles zu ver- hindern. Die Aufräumungsarbeiten dauerten bis gegen Z42 Uhr nach- niittags. Das schüchterne Schneiderlein. Meuse R. kam aus Rumänien nach Berlin, um sich hier in der Kunst der Zuschneiderei zu vervollkommnen. In seinem Paß stand zu lesen: Ausenthallserlaubni- für 40 Tage von der Grenzüber- schreitung an gerechnet, jedoch nicht länger als bis zum 20. Oktoocr. Meuse überschritt die Grenze am 27. August. Am 19. Oktober begab er sich auss Revier und bat um Ausenthaltsverlängerung, da er mit seinem Zuschneiderkursu, noch nicht ferttg war. Er dachte bei sich: Wenn der Ausenthalt nicht länger als bis zum 20. Oktober währen darf, so genügt es, am 19. zur Polizei zu gehen und die Verlängerung zu erhalten. Der Polizeibeamte verstand aber bester Deutsch zu lesen als der kleine Meuse. Er rechnete nach und sand. daß die 40 Tage, vom 27. August gerechnet, bereits am 6. Oktober abgelausen waren. So behielt er den Paß gleich da; Meuse erhielt aber ciiien Strasbefehl von 200 M.— 200 M. Bezahle» konnte er nicht, weil er da» Geld dazu nicht hatte; nach Hause sahren kannte er nicht, weil er kein Ausreisevisum erhielt. Hier bleiben konnte er auch nicht, weil er kein Geld zum Unterhalt besaß. Er reichte deshalb eine Beschwerde dem Richter, ein. Dieser war ein einsichtiger Mann. Er schickte Paß und Akten an das Fremdenamt, damit es di« Angelegenheit überprüfe, den Strafbefehl aushebe und Meuse das Ausreisevisum erteile, und erhielt beides ohne Bescheid zurück. Und so stand Meuse vor«inigen Tagen van dem Amtsgericht Charlottenburg. Als Dolmetscher wqr der Zahnarzt Iankcl B. er- schiene», deutscher Staatsangehöriger und Kenner der rumänischer! Sprache. Zwar mußte er de» Eid leisten, daß er getreulich alles übersetzen würde, was Meuse ihm auf Rumänisch sagen und der Richter den Angeklagten frage» würde. In Wirklichkeit verteidigte er aber seinen Klienten mit so großer Redegewandtheit, daß weder der Richter noch Meuse überhaupt zu Warte kommen konnten (Mo» kann wohl sogen: wenn dieser Zahnarzt ebenso gut seine Zahnkranke» behandelt, wie er in diesem Falle den Verteidiger spielte, sa dürften sein« Patienten mit ihm wähl zufrieden �scifl.) Mit einem Wort, er machte sein« Sache so gzst, daß die Strafe aus 10 M. herabgemindert wurde.— Die Geschichte wäre sehr lustig, wenn sie nicht auch einen bedenklichen Hintergrund aufwiese: War es wirklich sozial empfindend, ein arme» Schneiderlein mit einem Strafmandat vaiz 200 M. zu belasten; hätte es dem Fremdenamt nicht ohne weiteres einleuchten müssen, daß dieser in der deuischen Sprache und im Graßstadtleben gleich schlecht bewanderte jung« Mensch einfach feinen Paß falsch gelesen hatte? vas Ende der ewigen Suddelei. Einheitliche Ausführung von Stratzenbauarbeitcn. Zur Versorgung Berlins liegen Hunderttausende von Kilometern a» Rohrleitungen und Kabeln in den Straßen. Die Länge der Straßenbahngleise entspricht der StreckevonKönigsbergbisKöln.dieder Sirahen selbst nahezu der dreifachen Streck«. Diese wenigen Zlngaben zeigen, welche Bedeutung gerade die Bauarbeiten in Straßen und aus Plätzen haben, jene berüchtigte„Buddelei", die seit Jahren die Kritik der An- wohner und Passanten herausgefordert und zu v eleu Glossic- rungen in der Presse gesührt hat. In der Nachkriegszeit häuften sich diese Arbeiten sowohl örtlich wie zeitlich in besonderem Maße, was seinen Grund darin Halle, daß in den Kriegsjahren alle Unter- haltungs-, Erneuerung-., und Erweiterungearbcitcn auf das äußerste eingeschränkt waren. Die finanziellen Schwierigkelten der Inflations- zeft machten hierbei jedes planmäßige Arbeiten unmöglich. Nachdem die in der Kriegszeit unrerlasscnen Arbeiten jetzt zum größten Teil nochgeholt sind, sollen die Arbeiten aus und in der Straße wieder planmäßig zusammengesaßt werden. Jod« unnütze Buddelei soll aufhören. Es soll in Zukunft nicht mehr der� Fall eintreten, daß, wenn z. B. die Gasoerwoltung die Straße hat;' ausreißen und wieder in Ordnung bringen lassen, acht Tage spater etwa die Reichspost kommt, die soeben in Ordnung gebrachte abermals aufreißt und tagelang in Unordnung beläßi. Um derartige Bor» kommniste unmöglich zu machen, sind von der Straßenbau- polizei„Grunosätzc für die zeftüch einheitliche Aursührm-g von Bauarbeiten aus Straßenland" erlassen worden. Danach müsten alle städtischen und außerstödtischen Verwaltungen bis zum 15. Röoember jeden Jahres ihre iin solgeuden Rechnungsjahre vargesehene» Arbeiten bei ihr anmelden. Die Bezirksstraßenbaupolizeiverwallungen stellen diese Arbeiten zu einheitlichen Iahresbauplänen zusammen, die ihrerseits von der zentralen Straßeubaupolizei an den Beztrksgrenzen und mit Rücksicht auf den Verkehr in den Durch- gangsstraßen in Uebereinstimmung gebrockt werden. All« Ver- waliungen, wie Stadtentwässerung, Gas- und Wasser-, Elektrizitäts- werke, Reichspost, Feuerwehr, Notruf-A.-G. usw.) sind verpjlichtct, nach diesem Gesamtplan ihre Avbeiten vorzunehmen. Von dieser Maßnahme Ist nicht nur eine schnellere und reibungslosere, londern auch cine wirtschaftlichere Durchführung der Ttraßcickauarbe'ten zu erwarte». Warten wir ab, wie sich dies« ausgezeichneten Grundsätze in der Praxis auswirken und bewähren werden. Der Hamburger Raubmörder in Berliu. Vor einiger Zeit wurde in Hamburg ein Kaufmann H o m e ch c r ermordet und beraubt. Zwei der Täter sitzen schon länger hinter Sckloß und Riegel, der dritte belrog die beiden um die Beute, indem er in Hannover mit dein Koffer, der die ge- raubten Sachen enthielt, verschwand»iid nach Berlin fuhr' Dieser dritte Mann verkaufte in zwei Geschäften i» der Friedrichstraße zwei der geraubten Ringe, bevor das Verbicchen hier noch bekannt war. Die sortgesetzten Ermittlungen der hiesigen Kriminalpolizei ergaben jetzt, daß er auch den dritten Ring, aus dem er die Steine heraus- gebrochen hatte, in Berlin zu Geld gemvcht hat, und zwar in einem kleinen Goldwarengeschäft in der Brunnenstraße, auch schon am 30. November. Auch hier wies er sich mit Papieren auf de» Namen des Ermordeten, auf denen er das Geburtsdatum gefälscht hatte, aus. Trotz aller Bemühungen ist es noch nicht gelungen, de» Namen des Vielgejuchten festzustellen. In Hamburg hat er sich meistens„Peter", aber auch„Eugen" genannt. Unter diese» Nomen ist er in homosexuellen Kreisen in Berlin aufgetreten. Seinen Fa- iniliennamen kennt aber auch hier niemand. Willeilunge» zur Entlarvung und Ergreifung des Verbrechers nimmt nach wie vor die Mardinspetllon A im Zimmer 104 des Polizeipräsidiums entgegen. Wasser statt Sprit. Vor einiger Zeit erschienen in Tages- und Fachzeitungen Ehifsr«- inseral«. In denen neutraler Branntwein zum Preise van 3.60 Mark pro Liter angeboten wurde. Bei den Nachforschungen nach d«m Ursprung dieser Anzeigen stellt« die Zallfahndungsstell« beim Zoll- grenzkommissariat Berlin fest, daß der Ausgeber als ein gewisser Emil Eichler, Königswusterhoufen, sinniert« und angeblich Wem« und Spirituosen e» er™ lieferte. Der Name de* InHabe'» der Firma ist unbekannt. Di« Firmenbogen enthielten Bankverbindungen. Post- schecknummer und Ausweis Nr. 19 des Zollamtes Königswusterhausen. Di« Offerten, welch« di« Firma abgab, waren kaufmännisch einwand- frei, doch hatte sie. wie von der Zollsohndungsstell« sestgestellt wurde. die Absicht, nicht Sprit, sondern Wasser zu liefern. Der Firmen- inhaber bestellte bei einer Faßfobrit ein« größere Anzahl Fässer, »velche etwa 1 Meter lang Blechröhren In der Stärk« des Faßspundes von GM Zentimeter enthielten. Dam Faßfabrikanten erklärte er, es handele sick um ein patentiertes Versahren zur Vernichtung von Un- geziefer. Als der Firmeninhaber merkte, daß di« Faljndungsstelle Wind von seinen Belrugsabsichlen habe, suchte er das Weite, und die Beamten fanden da» Ziest leer. Der Lohntampf in See Textilinöustrie. SchiedKspriuh für Mittel- vud Westsachse» verbindlich. Gestern fanden dl« Einigung svcrhandlungen über den Schied». fprnch in Mittel- und westfachsea stoit. Diese verhandlun. S«» waren infolge de» ilnlrag» der Gewerkschasten aus verbindlich. tell»ertlArung notwendig geworden. Die Verhandlungen waren nur «ioa kurzer Dauer, da die Unternehmer grundsätzlich ein« Zosttm. •nung zu dem Schiedsspruch ablehnten, wohl in der voraussehung. datz der Reichsarbeltsmlnister de» Schiedsspruch sür verbindlich er- klären würde. Diese verbtndlichkeitserklärung ist heute erfolgt. Andererseits hat der Retchsarbeitsminister den Antrag aus ver- dindlichkeitserklöruna de» Schiedsspruches für die L a u s l h e r tuchweberei. ao gelehnt. E» mästen also neue Verhandlungen stattfinhen. Der Konflikt im Münsterlanö. 30 000 Arbeiter in der Bewegung. „ Münster. 30. Dezember.(Eigener Drahtbericht.) Der ArbeU- geberoerbond der munstelländischen Textilindustrie hat die Forderung der Gewerkschaften abgelehnt und zum 31. Dezember bereits Lohm türzungen angekündigt. In einigen Betrieben wurde der Belegschaft sogar gekündigt. Die Gewerkschaften beharren auf ihrer Forderung einer Lohnerhöhung von 1ö Proz.. so da& ernste Konflikte zu befürchten sind. Am kommenden Dienstag finden Berhandlungen vor dem Schlichter statt. Das Tarifoertragsgebiet umfaßt 30 000 Tertil- arbeitier. Die Schubfabrikarbelter kampfentschlossen. Segen Ueberstunden— für das Notgcseh. Eine guibesuchte Funktionärversommlung des Zentraloerbandes der vchuhmacher am Dienstag, den 28 Dezember, in den Andreas- Malen nahm Stellung zu der von den Unternehmern der Schuh- Industrie angedrehten Generalaussperrung. Auf Grund, einer Rundfrage ist festgestellt worden, daß in der Mehrzahl der Berliner Betriebe die Kündigungen zum 8. Januar 1027 erfolgt sind. Die Funktionäre brachten in der aus- pichig�n Diskussion die Stimmung ihrer Belegschaften dahin zum Ausdruck, daß die Kollegenschast der angedrohten Aussperrung m i t Ruhe und e n t s ch l o s s e n e m Kampsesmut entgegensieht und w!ti> ten cht aufgezujungencn Komps mit Energie zu führen wissen. Die Arbeiterschaft der Schuhindustrie erwartet von den Arbeitern der übrigen Industriezweigen die notwendige Unter- stußung. Die Bersammluna stellt an den Beirat das Verlangen, jeden neuen Schiedsspruch, der ungünstiger ist als der am IS. Dezember gefällte, abzulehnen und den Kampf im ganzen Reiche aufzunehmen. Im zweitqn Tagesordnungspunkt wendet sich die Versammlung Uebersiundenu n wesen und tritt ein für den vom ADGD. hem Reichstag eingereichten Arbeitszeitnotgeseßentwurf als sofort �u bewilligende Forderung in der Arbeitszeitsrage. Die Versammlung verlangt vom ADGB., als nächstes Kampfziel die O'Otderun� der 42-Dtunden-Woche auszustellen. vie„hohen' �öhne der Schuharbeiter. Ausbeulungsman ieren der Schuhfabrik S. Carsch. Die Schuhfabrik S. Carsch, Berlin. Rungestr. 22,21. versteht es in ausgezeichneter Weife, ihre Arbeiter auszubeuten. Schon ein- mal, im Mai 1925, wurde die Oeffentlichkeit auf die elenden Lohn- verhältniste anläßlich'des damaligen fiebenwöchigen Streiks auf- merkfam gemacht. Die Berlufte, die die Firma in diesem langen Kanrpfe Erlitten halte, muhten nun wieder wettgemacht werden. Dazu waren alle Mittel recht. Wiederholt meldete �ie Firma im Laufe des Jahres 1920 teil- Weife'Slnlegüng des Betriebes an, und beantragte Entlassungen größeren Umfanges vor Ablauf der vierwöchigen Sperrfrist vor- nehmen zu dürfen, was von der Demobilmachungsbehörde jeweils in weitem Maße genehmigt wurde, obwohl für jeden, der sehen wollt«, ktar sein mußte, daß die Entlassungen nur vorgenommen wurden, um den R/euciNzustellenden die Löhne zu drücken. Da» hat die Firma reichlich avsgenSßt und hat es ferti daß ganze Abteilungen im Akkord statt der tariflich festgesetzten 7S?L Pfg. nur durchichnllllich 5b pfg. pro Stunde m einem Zeitabschnitt der letzten 13 Wochen verdienen konnten. Wie ein Arbeiter mit seiner Familie damit leben soll, das kümmert die Firma nicht im mindesten. Dieser Verdienst von SS Pfg. pro Stunde war der Firma aber einbar noch zu hoch, denn am 28. Dezember verlangte sie von den rei Arbeitern einer Sparte Akkordarbeiten zu Akkordsätzen, die entgegen den vertraglichen Bestimmungen einseitig von der Firma diktiert waren. Da die Arbeiter auf Grund dieser Akkordsätze höchstens 40 Pfg. die Stunde verdient hätten, lehnten sie diese Arbeit im Akkord ab und oerlangten den tariflichen Mindeststundenlohn von 70 Pfg. Darauf wurden alle drei wegen Arbeitsverweige- rung entlassen l; Den Arbeitern und Arbeiterinnen der Firma Carsch rufen wir aber zu: Verlaßt euch nur auf eure eigene Stärke. Schließt euch zusammen in eurer Gewerkschaft, damit ihr in der Lage seid, eure Rechte selbst wahrzunehmen uno dielen Frechheiten eines Carsch entgegentreten zu können. Ihr seid es nicht nur euch und euren Angehörigen, sondern auch der gesamten Kollegenschaft schuldig, daß ihr euch zusammenschließt, um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erkämpfen._ Sät die erwerbslose Jugenü. Was i» Berlin geschieht. Genosse Peters, Stadtrat im Bezirk Treptow, schreibt uns mit Bezugnahme auf unseren Artikel in der Morgenausgab« vom Dienstag, den 28. Dezember: Tatsächlich wird in sämtlichen Bezirken der Stadt Berlin'.n derselben Art und Weise wie in Düsseldorf an der erwerbslosen Jugend gearbeitet. Noch bevor die Stadtverordnetenversammlung die hierfür erforderlichen Mittel bereitstellte, hat der Bezirk Treptow durch sein Jugendamt Maßnahmen für die erwerbslose Jugend er- griffen. In dem Heft vom Januar 192S der„Kunstgemeinde"' des Bezirks Treptow wird in einem Artikel„Kulturpflicht gegenüber der erwerbslosen Jugend" u. a. gesagt: „In den grauen Tag der erwerbslosen Jugendlichen ein wenig Sonne, wirtliche Freude, Anregung zu geistigem Weiterschafsen, Weckung des edleren Selbst hineinzutragen, ist für die Jugend- ämter das Gebot der Stunde. Arbeitslosen Jugendlichen sollen hin- 'ort in langen Vormittagsstunden schöne, warme Iugendheimräunie offengehalten werden. Vorträge, Rezitalionsveranstaliungen heiteren und satirische» Inhalts, Lichtbildvorführungen, ein Schachlehrganz und Nähereikursus, Führungen, Kultursilmdarbietungen, eine Iugendbücherei und anderes mehr sollen Erkenntnis, Anregung und Freude vermitteln. Die Jugend selbst ist aufgerufen, am weiteren Ausbau der Veranstaltungen und Zusammenkünste zu ihrem Teil mitzuwirken. In so tätigem Miteinanderschafsen zwischen Jugendlichen und Jugendamt wird auch letztes Mißtrauen und Scheu ver- chwinden." Dos Jugendamt hat dann auch sofort sämtliche Jugendheime geöffnet und die Sportplätze den erwerbslosen Jugendlichen zur Ver- ügung gestellt, sie auch durch besonders hergerichtetes Esten gespeist. Seit dem Oktober 1926 werden die erwerbslosen Jugendlichen in Kursen vereinigt, und zwar bestehen Tischler-. Schuhmacher-, Schneider-, Deutsch- und Stenographierurse. Die Einrichtung von kaufmännischen Kursen empfiehlt sich nicht, und zwar mit Rücksicht aus die Ueberfüllung des kaufmännischen Berufs und der infolge der Rationalisierung im Bureauwesen innner geringer werdenden notwendigen Zahl der kaufmännischen Angestellten. Die Beteiligung an den Kursen beruht allerdings aus Freiwilligkeit, die Jugendliche» leisten aber mit großem Interesse die Arbeit. Auch ander« Bezirke Groß-Berlins sind in ähnlicher Weise vorge- gangen. Eine Zusammenfassung der Arbeit her verschiedenen Be- zirksjugendämter existiert noch nicht. Soweit die Zuschrift. Daß man auch in Berlin sich redlich Mühe gibt, die erwerbslose Jugend zu betreuen und daß einzelne Bezirke in diesem Punkte sich besonders auszeichnen, ist uns be- kannt. Genoste Peter» weist aber selbst darauf hin, daß weder ein« Zusammenfassung der Arbeit der Bezirtsjugendämter, noch eine Pflichtanteilnahme der Jugendlichen besteht. Und auf diese wesentlichen Loraussetzungen einer erfolgreichen Betreuung der gefährdeten erwerbslosen Jugend haben wir hingewiesen. Einheitskomitee— Einheitskomöüie. wann in der„Roten Zahne" die Wahrheit steht. Es kommt nämlich vor, daß auch in der„Roten Fahne" über Dinge, die die Arbeiterbewegung betreffen, die Wahrheit zu finden ist. Dann ist es allerdings gewiß ein Irrtum. Oder ein Druck fehler. Einen solchen hübschen Druckfehler leistete sich die.Rote Fahne" in der heutigen Morgenausgabe. Er ist am Schluß eines Artikels zu finden, der die Ueberschrift trägt:„Für die Wahrheit über Sowjet- rußland! Für die internationale Gewerkschaftseinheit!' Es werde» da allerlei Klagelieder angestimmt über die Schwierigkeiten, die der Berichterstattung der sogenannten Rußlanddelegation entgegengestellt werden. Dann heißt es zum Schluß: „Die Referentenvermittlung erfolgt durch die Einheitskomödie der Bezirke....". Wie man sieht, ist also auch in der„Roten Fahne" manchmal die Wahrheit zu finden. Allerdings ist sie dann eine unfreiwillige. Lohnbewegung der Töpfer. In einer überfüllten Versammlung der Töpfer am Mittwoch in den Residenzfestsälen berichtete Genosse Kemnitz vom Lau- gewerksbund über den Stand der Lohn- und Akkordtarifverhand- lungen. Der Baugewerksbund hatte bekanntlich der Groß-Berliner Töpferinnung zum 31. Dezember beide Tarife gekündigt und eine Erhöhung des Akkordberechnungssatzes sowie die Verbesserung einer Anzahl von Bestimmungen des Tarifvertrages gefordert. Die Unternehmer kündigten ebenfalls die Tarife. Sie verlangten eine Herabsetzung des Lohnes um 15 Pf. pro Stunde, der Akkord- preise um 15 Proz. sowie die Verschlechterung einer Anzahl Be- stimmungen des Akkordtarifes. In den Verhandlungen erklärte die Verhandlungskommission der Töpfer gleich vorweg, über die Abänderungsanträge der Unter» nehmer zum Akkordtarif nicht eher zu oerhandeln, bis die Unter- nehmer ihre Forderung auf Lohnabbau zurückziehen. Die Unter- nehmer wollten dem nur nachkommen, wenn auch die Verhandlung»- kommiffion der Arbeiter ihre Forderung auf Erhöhung der Akkord- preise zurückziehen würde, was jedoch entschieden abgelehnt wurde. Nach längerem Verhandeln gaben die Unternehmer schließlich die bindende Erklärung ab, daß sie sich mit einer o o r l ä u f i- gen Verlängerung des Lohn- und des Akkordtarif» bis zum 31. Januar 1927 einverstanden erklären und daß bis zu diesem Termin die Verhandlungen über den Neuabschluß der Tarif« er- ledigt sein müsien. Es wurde weiter vereinbart, daß bis zum 31. Januar keiner» l e I Abzüge vorgenommen werden dürfen und daß auch bei den Verhandlungen über«inen Lohnabzug nicht gesprochen werden darf. Die Versammlung billigt« fast einstimmig die von der Der- Handlungskommission getroffene Vereinbarung und gab ihr un- bedingte Vollmacht zu den weiteren Verhandlungen.' Berantwortlich fllr Politik Gewcrkschafiobcwciiuna: JB _ und Conftiflts: Zsiii, ftarftött:«nzcigen Sormorts-ScTlos. m. b. Berlin. _,_. Wirtschaft:•. Z. Steiner: iTnnDeton:#. H. chiicher; Dr.«»et»«»«!>„,_. .,.1----'lleton: St. f. Dilche«: Lokale» Tb.«locke: sämtlich in Berll». Berlaa: Porwärts-Berlali m. b. 6., Berlin. Druck: Barwilrin-Buckdruckerei und Vcrlaesanstalt Paul Einger n. To., Berlin EL W, LindellstoaKe Z. mit Kantnchnkpfatte 1 u. 2 Hark, ohne AeAalBnE Uaamen. Brücken von 5 Hark.— Teilzahlung gestattet 3 Jahre weitgehende Garantie. Zahnziehen bei Bettellang gretie ■■— a.____ S Danzlcer Straße 1— Zlmmerwtraße 86 naivani Lotwonntr. 27/ Charlbg;., Sehlflteratr. 73 Vf/�/G&e srje.20/22 Landeshuter Leinen-u.Gebildweberei Grössfes Sonderhaus für Leinen umsehe Wegen Jnyen+ur-Auf nähme Frei+ag geschlossen! er es 7-3%%%?/ » ü H ll H IS! Braustübl •«»••Alllanca.Plati«a Inh. Richard Sprang Cxro�e Sllvc$