flbenöausgabe Nr. 3 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 1 Sezugsbedinsung«» und Anzeigenpreis« sind in der Morgenausgabe angegeben Nedattioa: SW. SS, Lindenstrahe 3 Fernsprecher: VSnhofs 292— 292 �el..«dr«ffe: Sozialvemokros verNn Derltnev VolksblÄkt (10 Pfennig; Montag 3. Januar 1 �27 Z-erlag und Anzeigenadteilungz E eich iifiszei t 8 4 bis S Uhr Verleger: Vorwörls-Verlag Gmby. Berlin SW. SS. ciudcnflrahe 3 Fernsprecher: VSnhoss 292— 292 Zcntralorgan der Sozialdemokrat» feben parte» Deutfchlands Gemeinsame Irieöensarbeit! Ein Antwortschreiben der französischen Sozialiften ans das Protefttelegramm des deutschen Parteivorftandes. Dom Vorstand der Sozialistischen Partei Frank. r e i ch s ist an den deutschen Parteivorstand zu Händen de» Genossen Otto Wels folgendes Schreiben eingetrofsen: Werte Genossen! Sofort nach Empfang Ihres Telegramms betreffend das Urteil des Kriegsgerichts in Landau haben wir bei der französischen Regierung dringliche Schritte unternommen, um dieses a b s ch e u- liche Urteil praktisch wirkungslos zu machen. Namentlich war unser Genosse Leon Blum ganz besonders darum bemüht. Wir wollen natürlich nicht behaupten, daß die getroffenen Maßnahmen allein den sozialistischen Schritten zu danken sind, aber wir haben Grund anzunehmen, daß diese nicht ohne Einfluß auf die Entscheidung der Regierung gewesen sind. Es war jedenfalls eine Freude für uns, in dieser Angelegenheit wieder einmal an der Annäherung beider Länder mitzuwirken, wie wir es stets getan haben, und entschieden gegen alles Front zu machen, was die traurigen Erinnerungen an einen mörderischen Bruderkrieg lebendig erhalten könnte. Andererseits haben wir mit lebhafter Genugtuung von den mutigen Erklärungen eurer Führer im Reichstag gegen gewisse nationalistische und militaristische Bestrebungen Kenntnis genommen. So führen die beiden großen sozialdemokratischen Parteien den gleichen Kampf für den Frieden der Welt und für die notwendige Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland. So erfüllen wir gemeinsam unsere voll« Pflicht gegenüber den eigenen Völkern und gegenüber der Internationale. Mit brüderlichen Grüßen Der stellvertretende Generalsekretär: gez. Säverac. Srianü verteiüi'gt Locarno. Versailler Gewalt durch Rechtsbinduug ersetzt. Pari», 3. Januar.(WTB.) Das„Journal' veröffentlicht ein Interview des Außenministers Briand. Er erklärte, die Politik von Locarno sei das Znswerksehen des Vertrages von Versailles. Ihr Hauptverdienst sei, den Vertrag von Versailles, von dem man erklärt habe, daß er durch Gewalt erzwungen worden sei, durch eine diesmal freiwillig zugestandene Abmachung bestätigt zu haben. Müsse man denn wiederholen, daß durch den Pakt von Locarno Deutschland formell die Grenzen des Vertrages anerkenne und sich verpflichte, keine Gebietsänderung, jedenfalls nicht mit Ge- malt, zu versuchen? Sei das denn nichts? Die Tatsache, daß ein System der Gewalt durch ein juristisches erseht sei, dürfe nicht außer acht gelassen werden, wenn man sich für den Frieden interessiere. Seiner Ansicht nach biete ein derartiges System, was man auch sagen möge, solide Friedensgarantien. Zur An. Näherungspolitik erklärte Briand, eine Annäherung sei nichts Leichtes. Der geringste Zwischenfall löse eine Polemik aus. Dies gelte auch für den bedauerlichen Zwischenfall von Landau. Man habe ihn ausbeuten wollen. Aber sobald Frankreich die Be- gnadigung der Verurteilten vorgenommen, hätten die Polemiken aufgehört. Das sei darauf zurückzuführen, daß in Deutschland und in Frankreich doch manches anders geworden sei. Um dieses zu erkennen, brauche man nur darauf hinzuweisen. was sich bezüglich der vaterländischen Verbände und der Reichswehr im Reichstage abgespielt habe. Man brauche ferner nur auf die für beide Länder vorteilhaften wirtschaftlichen Abmachungen Hinzuweisen. Das sei eben eine neu« Politik, die Ge- stall annehme. Nach Wiederzusammentritt des Parlamentes müßte hierüber eine Debatte erfolgen, und zwar nicht eine theoretische Diskussion allgemeinen Charakters, sondern eine klare, präzise Aus- spräche, damit man in Frankreich wisse, was man wolle, damit man wähle. Die Stunde sei gekommen, vor dem Lande die V e r a n t- wortung zu übernehmen. Auf die angeblichen Meinungsverschiedenhellen eingebend, die sich zwischen ihm und seinen engeren Mitarbeitern im Ministerium des Aeußern, also dem zurückgetretenen Ministerialdirektor Sey- doux und dem Generalsekretär Philippe Bert Helot, ergeben haben sollten, erklärte Briand, alle diese Gerüchte hierüber seien reine Phantasie. Ebenso handele es sich um Phantasie bei den Behauptungen über Meinungsverschiedenheiten, die zwischen ihm und dem Ministerpräsidenten P o i n c a r 6 oder den übrigen Kabinetts- Mitgliedern anläßlich der letzten Völkerbundstagung aufgetreten fein sollten. Briand drückte im übrigen seine Ueberzeugung aus, daß in Europa eine Entspannung zu verzeichnen sei. Ein System der Schiedsgerichtsbarkeit ersetzt das System der Gewalt. Auf die Frage, ob Deutschland Frankreich den Krieg erklärt haben würde, wenn ein derartiges System im Jahre 1S14 bestanden hätte, antwortete Briand mit Nachdruck:„Niemals!" Um aber den Frieden zu bewahren, genüge es nicht, davon zu sprechen und bei jeder Gelegenheit zu proklamieren, daß man ihn wünsche. Man müsie energisch wollen und organisieren. Das hindere übrigens nicht, daß alle gewünschten Vorsichtsmaßregeln getroffen werden. Er laste keine außer acht. Ohne die Politik von Locarno wäre möglicherweise ein Krieg zu befürchten. Wenn zwei Völker wie Franzosen und Deutsche in Zukunft sich weiter gegeneinander gestellt hätten, was wäre dann geschehen? Es käme Verhängnis- oollerweife zu einem Konflikt. Eine Politik, die zu derartigen Ver- hältnisten führen würde, würde er nicht betreiben. Sie flöße ihm Abscheu ein. Im„Matin" veröffentlicht Jules Sauerwein ein Interview mtt Briand, der erklärte, das verflossene Jahr habe in Europa eine Friedensrüstung geschaffen, die zwar die Zwischenfälle, die das Leben der Völker von �«il zu Zeit in besorgniserregender Weife erschüttern, nicht ganz verhindere, die aber trotz allem ein beachtliches solides Werkzeug gegen die Gefahr eines Krieges bilde. vom deutfch.Ilalienischen verlrag denke er nicht schlecht, im Gegenteil. Ueber ihn seien seit Unter- Zeichnung der Locarnoverträge Verhandlungen geführt worden, und es fei logisch, daß Italien und Deutschland einen derartigen Vertrag unterzeichnen. Der Vertrag, der in Wendungen, an denen man nichts aussetzen könne, abgefaßt sei, füge sich in das allgemeine Friedenssystem ein, dessen qualifizierter Garant der Völkerbund sei. Auf die französisch-italienischen Zwischenfälle eingehend, erklärte Briand, er halte diese für vorübergehende Erscheinungen, und er glaube nicht, daß sie den Charakter tragischer Abenteuer an- nehmen könnten. Nachdem Briand dann noch die Haltung der französischen Politik gegenüber den Ereignissen in C h i n a in demselben Sinne definierte, wie es kürzlich bereits in einer amtlichen Auslassung geschehen war (abwarten und nicht eingreifen. Red. d.„V."), schloß er wie folgt: Was man auch tun mag, um die öffentliche Meinung in Frankreich in Erregung zu versetzen, das französische Volk ist über die Aufrecht- erhaltung des Friedens orientiert. Das soll jedoch nicht heißen, daß man dem blindlings vertraue und die Vorsichtsmaßnahmen außer acht laste, die ein großes Land zu keiner Zeit vernachlässigen kann. Aber das einzige Mittel, eine so große Aufgabe zu verwirklichen, ist, sich entschlossen ans Werk zu machen. Dies ist der Leitgedanke der Friedenspolitik, die ich mit allen meinen Kräften, solange ich die Verantwortung für die Beziehungen Frankreichs zu den anderen Nationen trage, verfolgen werde. Die neuen Zemeprozesse. Vor der Anklageerhebung in den �ememordaffären Tand und Wilms.— Das Auslieferungsverfahren Reim im �fall Segnet. Ueber den Stand der noch nicht erledigten Femeoerfahren, die das Berliner Landgericht III in diesem Jahre beschäftigen werden, und zwar die Fälle Sand, W i l m s und L e g n e r, erfährt die BS.-Korrespondenz, daß die Voruntersuchung gegen die der Ermordung des Leutnants Sand und des Feldwebels Wilms bziehungsweise der Beihilfe und Anstiftung dazu Beschuldigten nun- mehr endgültig abgeschlossen worden ist. nachdem sie auf Grund der Feststellungen in den Landsberger Prozessen noch einmal eröffnet worden war. Die Staatsanwaltschaft III ist zurzeit mit der Aus- arbcitung der Anklage beschäftigt, deren Entwurf voraussichtlich aber zuerst an das preußische Justizministerium zur Stellungnahme gehen wird. Im Falle Wilms gehören wieder Schulz und Klapproth zu den Hauptangeklagten, im Falle Sand dagegen nur Klapproth neben anderen Beschuldigten. Es besteht die Wahrscheinlichkeit, daß der Prozeß Wilms noch im Laufe des Januar das Schwurgericht III unter Vorsitz des Landgerichts- dircktors Bombe beschäftigen wird. Anders liegen die Dinge im Falle Legner, eines Wachtmeisters der Artillerie, dessen Ermordung zwar feststeht, dessen Leiche aber bisher nicht gesunden werden tonnt«. In dieser Sache schwebt ein Auslieferungsoerfahren gegen den der Beteiligung an dieser Tat ver- dächtigen angeblichen Leutnant Reim, der sich auch„v. Rheyn" nannte, und der vor einiger Zeit in Sizilien oerhastet wurde. Reim befindet sich immer noch im Gefängnis zu Messina bis zur Ent- fcheidung der italienischen Behörden über das von Deutschland ge- stellte Auslieferungsgesuch. Aus diesem Grunde läßt sich zurzeit noch nicht absehen, wann der Fall Legner seine gerichtliche Sühne finden wird. Der tschechische Luüenüorff. Gajda an der Spitze der tschechischen Faschisten. Prag. 3. Januar.(Eigener Drahtbericht.) Sonnabend und Sonntag fand in Brünn die Reichskonfcrcnz des tschechoslowa- tischen Faschistenrates statt, die die Streitigkeiten innerhalb des kleinen Faschistenhaufens bereinigen sollte und die den ersten Versuch darstellt, den Faschismus in der Tschechoslowakei als s e l b st- ständige politische Bewegung, unabhängig von anderen politischen Parteien zu etablieren, während man bisher die Faschisten als den rechten Flügel der Nationaldemokraten(Kramarfch-Partei) be- trachtete. Der politisch bedeutsame Beschluß dieser Faschistentagung ist aber der, daß an die Spitze des dort gewählten siebenglisdrigcn Direk- toriums der abgeurteilte und pensionierte Generalstabschef G a j d a gestellt wurde, der als tschechischer General Spionagegeschäfte für Rußland gegen Frankreich trieb und dennoch lebenslänglich im Ge- nuß der Hälfte seiner Bezüge bleibt, die er als Generalstabschef hatte. Der vom Staat ausgehaltene General tritt nun offiziell an die Spitze der sschechischen Schwarzhemden, die eine tschechische Nationaldiktatur anstreben. Vorderhand wird man wohl den Gajda mit seinen paar hundert Anhängern nicht ernst nehmen, aber die sozialistisch« Arbeiterschaft wird dos, was jetzt vielleicht noch kaum mehr als Kinderei ist, keinen Augenblick aus den Augen verlieren dürfen. Klassengegensätze in Indien. Soziale»: und nationale»: Kampf. Von Franz Josef Furtwängler. Bombay. Anfang Dezember. Arbeiter einen einzigen Vertreter, den klugen und sym- pathischen Parsen G i n w a l a. Stimmberechtigt ist bei den lokalen Wahlen nur, wer zehn Rupien monatliche Wohnungs- miete bezahlt. Der Arbeiter aber kann für Miete in den allerfeltenften Fällen mehr als fünf bis sieben Rupien aus- geben. Zum zentralen Parlament aber, der gefetz- gebenden Versammlung, kann nur der wählen» der über zwei- tausend Rupien Jahreseinkommen hat, das heißt, kein ein- ziger indischer Arbeiter! Es ist ein gar kärgliches Entgegen- kommen, daß seit der letzten Legislaturperiode die Regie- rung selbst einen Abgeordneten der Ar- beiter fürs Parlament ernennt. Dieses Amt versieht zurzeit unser Freund Joshi. Die politische Recht- losigkeit ist so in die Augen springend, daß es nicht wunder nehmen kann, wenn die Empörung der Arbeiter sich so sehr nach der politischen Seite wendet. Der proletarische Ve- freiungskampf ist hier ein eminent politischer Kampf. Diese Betrachtung führt mich zur Erwähnung einer an- deren Versammlung und ihres Publikums. Ich habe bei anderer Gelegenheit ein wenig von unserem später zu er- stattenden wirtschaftlich-sozialen Bericht vorweggenommen, in- dem ich von der feststehenden Tatsache der oft aller Beschrei- bung spottenden Unterkunftsverhältnisse der hiesigen In- dustriearbeiter und von der billigen Ausrede sprach, daß der indische Arbeiter es eben so gewöhnt sei und selber in diesen Verhältnissen bleiben wolle. Der Mann, der uns diese Ent- schuldigung hier zu Lande zum erstenmal vortrug, war ein indischer, eingeborener Unternehmer, was mich ganz besonders seltsam berührte. In den ersten Tagen unseres Aufenthaltes in Bombay fand nun eine Versammlung der indischen National- gart ei statt. Jeder von uns Delegierten wurde persönlich azu eingeladen, und wir erschienen— diesmal, da es sich um eine politische Sache handelte, in die wir uns hier grund- sätzlich nicht einmischen, als stumme Gäste. Es war ein anderes Bild als die bisherigen Versamm- langen. Keine ärmlich oder halbbekleideten Proletarier, dicht zusammengedrängt nach indischer Art auf teppichbelegtem Erdboden kauernd. Hier saßen, in der großen Festhalle der Stadt, Brahmanen im vollen Ornat, über der Hornbrille das rote oder gelbe Stirnmal des KrisHna- oder Bishnupriesters, das man zum Zeichen der Würde auch als Direktor der Baumwollspinnerei Soundso beibehält. Es war in dieser Versammlung gar viel von Indiens Freiheit oder von seiner Befreiung die Rede, allein der Ton, der bekannt- lich die Musik macht, war anderer Art, als in den Versamm- lungen der Arbeiter. Wie schrill klang aus dem Munde jener Armen jedesmal die Anklage gegen die Regierung, die dem Volke das Recht vorenthält, an den Stellen der Gesetzgebung ihr Leid zu klagen, ihre Wünsche zu äußern. Nicht gemildert wird die Schärfe des Tones durch die Tatsache, daß die un- mittelbaren Quäler dieser Menschen seltener Engländer als Jndier selbst sind: khakigekleidete indische Fabrikwächter, Untermeister, Dorfobleute usw. In dieser Großbürgerversammlung herrschte ein anderer Ton~ da klang aus dem in Worten ausgedrückten n a t i o- nalen Gegensatz ungewollt stets das mehr oder weniger gemeinsame Wirtschafts- und Profitinter- esse hindurch. Ein vornehm gekleideter Hindu trat auf uns zu und be- grüßte uns höflich. Wir erkannten ihn wieder. Es war der indische Unternehmer, aus dessen Munde wir unlängst die Erklärung vernahmen: wir möchten uns an den üblen Wohn- Verhältnissen der Industriearbeiter dieses Landes nicht allzu sehr stoßen, die„Eingeborenen" dieses Landes seien es eben einmal so gewöhnt. Dies Wiedersehen wirkte wie eine Blitz- Photographie, wie ein Bild für einen sozialökonomischen An- schauungsunterricht. Mittags mit dem fremden Eroberer am §rünen Tische des Aufsichtsrats weitgehende gemeinsame nteressen wahrnehmend, alle Praktiken des europäischen Kapitalismus verteidigend, ist man in der abendlichen Ver- sammlung national. Man versteht darunter das Recht des gebildeten Hindus, zu allen Rängen in der Armee des Landes aufzusteigen. Haben wir das Richtige getroffen, als wir einander, wie aus einem Livpenpaare kommend, das Wort zuflüsterten:„Nationalliberal?" Man ist unzufrieden, weil der Sohn des Zahlungsfähigen, wirtschaftlich Mächtigen nicht Leutnant im Garderegiment werden kann, aber man weiß gleichzeitig die„Ruhe und Ordnung" zu schätzen, womit der alle Vorrechte beanspruchende politisch Mächtige das Land und sein Wirtschaftssystem segnet. Zwischen hinein spielt in verschiedenen Industrien der Kampf um die Beteiligungen und„Interessensphären" zwischen einheimischemundbritischemKapital, wobei der politische Status hier und da ebenfalls zugunsten des letzteren ausschlägt. So ist der politische Freiheitskampf dieser indischen industriellen und kommerziellen Oberklasse ein Ringen um die Profitrate, oerschärft um die Stärkegrade der staatsbürgerlichen Benachteiligung des einen Partners. Denn die Wirtschaftspolitik wird letzten Endes von den Europäern entschieden, und deren Jnter- essen fallen, weil doppelseitig und vielverzweigt, nicht immer mit denen des jungen heimischen Industriekapitals zusammen. Gewiß ist nicht aller politisch-nationale Kampf des indi- schen Großbürgertums rein kapitalistisch bestimmt. Religion, Sentiment und Heimatliebe spielen hinein und sind sogar bei zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten das einzige treibende Motiv. Auch besteht die junge akademische Intelligenz des Landes nicht eben nur aus Syndizis und Firmenagenten. Sie bedeutet vielmehr in ihrer Mehr- zahl, wenn sie ihr Wollen und Streben den Volksmassen zu- wendet, für diese eine große Hoffnung. Erfreuliche Anzeichen lassen ein wirksames Zusammengehen von Hochschule und Arbeiterbewegung in der Zukunft erhoffen. Nachts wie üer Juüe! Wullc als Kapuzinerprcdiger.— Völkische Vergiftung der deutschen Seele. Es steht schlimm um die Völkischen. Ein neues Jahr, aber keine neuen Hoffnungen. Zunehmende Tage, aber ab- nehmende Partei: „Feinde, Verrat, Verblendung ringsum— das kleine Häuflein der Aufrechten, geschmäht von rechts und links: so treten wir Völkischen über die Schwelle des Jahres 1927... Entmutigt? Hoffnungslos?... Nein, und aber- mals nein!" Wirklich nein, Herr von Graefe? Auf derselben Seite des„Deutschen Tageblatts", auf der Herr von Graefe dem zusammengeschmolzenen Häuflein Mut zuspricht, sagt Herr W u l l e im Namen der Reichsleitung der Deutschvölkischen Freiheitspartei, wie es wirklich ist: „Hunderttausende haben ihre Stimme der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung gegeben. Wären diese Hundert- tausende fleißige Arbeiter gewesen, wir wären eine Macht, die unerschütterlich wäre. Gearbeitet aber haben wenige Tausende, die anderen haben zugesehen. Weswegen lönncn wir diese Behauptung aufstellen? Aus der ein- fachen Feststellung, daß diese Hunderttausende von völkischen Wählern es nicht einmal der Mühe für wert gehalten haben, die völkische Sache zu fördern, für sie zu werben." Herr W u l l e, der Herausgeber der völkischen Presse. weiß es: „Aber wir fragen: Lest ihr denn überhaupt das „Deutsche Tageblatt" oder die„Mecklenburger Warte"? Viele tausend Völkische lesen diese Blätter nicht, scheuen die Kosten, haben aber Geld für tausend Kinkerlitzchen." „Wo bleibt die Arbeit für den Presse-Kampfschatz? Wenn nur zehntausend Mitglieder unserer Bewegung f ü r j e drei Mark Schatzmarken verkauft hätten, so hätten wir heute ein ansehnliches Kapital. Es sind immer wieder dieselben, die fleißig arbeiten, die meisten anderen lesen die Auf- forderungen und vergessen sie." Nicht einmal 30 000 M. als Pressefond sind für die Völkischen zusammenzubekommen l Man kann ermessen, wie groß die Hoffnungen sind, auf die Herr von Graefe schwört. Nur einen Ausweg sieht Herr Wulle noch: „Seht euch den Anzeigenteil des„Deutschen Tage- b l a t t e s" oder der„M e ck l e n b u r g e r Warte" an! Wo sind hg die Familienanzeigen, die ein Band um die Lesergemeinde und um die Zeitung schlingen? Geht auf die Bahnhöfe, wo finden wir da die völkischen Blätter? Das gleiche gilt von den Z o i t un g s st ä n d e n. Macht's wie der Jude, der verlangt überall seine Presse, und deswegen bekommt er sie." Macht's wie der Jude! Die letzte Rettung der Völkischen: der Jude als Vorbild. Da versteht man die Furcht» die Herrn von Graefe trotz seines deutschen Nein beschlichen hat: „Was jener Well der Internationale in eiserner Wehr und offener Feldschlacht nicht gelang, das trachtet sie jetzt im gleiß- nerischen Wams des glitzernden Goldes listig zu er- schleichen: die Vergiftung des deutschen Blutes mit» samt der deutschen Seele!" So Herr von Graefe. Herr Wulle aber empfiehlt: macht's wie der Jude! Um des glitzernden Goldes willen. Vergiftung der deutschen Seele! Sckloßbesitzer Wels. Die Entdeckung eines Kreisblatts. Der„Bote an der Weser", der sich in seinem Untertitel als „Mindener Landtrcisblatt, Amtliches Veröffentlichungsblatt" be- zeichnet, erregt sich über die Weihnachtsausgabe von„Volk und Zeit", in der die krassen sozialen Gegensätze unserer Zeit bildlich dargestellt waren. Besonders hat es ihm ein Bild angetan, auf dem eine in allen Tafelgenüssen schwelgende Gesellschaft dargestellt ist. Zu ihm bemerkt er: Könnte das obere Bild mit der Kinderschar an dem speisen- überladenen Tisch, nach den prunkvollen Räumen zu schließen, nicht im Schlosse des Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Wels aufgenommen sein, der bekanntlich(I) in einem von ihm angekauften hohenzollern-Schlosie in Berlins Umgebung wie ein Fürst residiert? Das Haus in Friedrichshagen, in dem Genosse Wels„wie ein Fürst residiert", hat früher einem Telegraphenassi st enten und noch früher einem Schuhmacher gehört— welcher von diesen beiden Vorbesitzern ein Hohenzoller war, wiflen wir nicht. Die Methode aber, die das„amtliche Veröffentlichungsblatt" in Minden in seinem schmutzigen Kampf gegen die Sozialdemokratie anwendet, kennen wir um so besser. Wir kennen sie noch von den„Schlössern" in Küßnacht und Soiensaß her, in denen Bebel und V o l l m o r wie„die Fürsten residierten", und wir wissen auch, daß noch keine Schmutzfinken-Phantasie königlicher oder„republikanischer" Kreis- blätter imstande war, den Aufstieg der Sozialdemokratie aufzuhalten. Cooliüge gegen Rußland. Neue ablehnende Erklärung. Washington, 3. Januar.(EP.) Das Staatsdepartement ver- öffentlicht eine Note, wonach Nordamerika nach wie vor entschlossen sei, Unterhandlungen mit Sowjetrußland nicht zu eröffnen, solange dieses Land das beschlagnahmte amerikanische Eigen- tum nicht freigegeben hat und solange es nicht auf bolschewistische Propaganda in Amerika verzichten will. Ententeschutz für tzorthp-Ungarn. Liquidierung der Z?runkenfälscherbestrafung. Nach Windischgrätz ist nun auch Nädossy vom„Zuchthaus" ins Sanatorium übergesiedelt und der Wille, dies« Staatsstützen und Fron- kenfälscherhäuptlinge dem Strafvollzug zu entziehen, wird schon auch den Weg dazu finden, und zwar einen anderen als den der Amnestie, die schließlich auch den massenhaft eingekerkerten Oppositionellen zu- gut« kommen müßt«. Sehr bezeichnend für die Zustimmung der f ra n- zö fischen Regierung zu dieser„Abwicklung" der Franken- fälscherei ist der letzte Pariser Diplomatenschub. Dabei hat man den französischen Gesandten Clinchaut, der auftragsgemäß sehr ent- schieden wegen der Frankenfälscherei vorgegangen war, nach Buka- rest versetzt und den Handelsattache Raoul Chelard gleichfalls aus Budapest abberufen: er hatte seinerzeit in Genf sich anläßlich der Justhschen Ohrfeige für Bethlen in einem Interview ebenso deut- lich über dieses Ungarn geäußert wie— B r ia n d selbst, der in der Kammer der Horthy— Bethlen-Regierung„unglaublichen Brigantis- mus" nachgesagt hat. Dieser neue Liebesdienst Frankreichs für Horthy-Ungarn ist aber nichts Usberraschendes. Ohne die Duldung und damit auch Förderung der Ententeregierungen hätte man nicht jene„körperlich« Ausbildung" der ländlichen und kleinstädtischen Jugend Ungarns durch das Le- v e n t e- Gesetz verpflichtend einführen können, bei der schon SOlX) Offiziere als.�Instrukteure" angestellt sind. Zusammen mit der un- geheuer starken Gendarmerie und der famosen„F«u«rwehr"-Truppe ergänzt die Levente das in Trianon seinerzeit zugelassene Heer in einer Weise, die sich nicht mehr wesentlich, sondern nur noch quantl- tatw von allgemeiner Wehrpflicht unterscheidet. Hieraus schöpfen die „siegreichen" Nachbarstaaten Tschechoslowakei, Rumänien und Süd- flawien die„Notwendigkeit" immer neuer Rüstungen, damit sie ihre ehemals ungarischen Gebiete auch verteidigen können. An diesen Ge- wehr-, Geschütz-, Giftgas- und Flugzeugbeschaffungen oerdienen aber die Schneider-Creuzot, Armstrong und weiteren Rüstungsindustrien in den Ententeländern, und das ist vielleicht der Hauptgrund für diese praktisch längst vollzogen« Revision der Friedens- bestimmungen von Trianon zugunsten Horthy-Ungarns. Ter neuuundsiebzigjährige Politische im Zuchthaus. Der neunundsiebzigjährige Journalist Geza Bart» f a y muß am Neujahrstage seine vor drei Monaten unterbrochene schwere Kerkerstrafe, vierzehn Jahre, von denen er sechs Jahre abgebüßt hat, wieder antreten. Bartfay ist ein alter. klerikal angehauchter Provinzjournalist aus der Stadt Gran, wo der ungarische Fürstprimas seinen Sitz hat. Das Verbrechen des alten Mannes aber besteht in folgendem: Im Juni 1919, während der Kämpfe zwischen Räteungarn und der Tschechoslowakei, traf die tschechische Armee Vorbereitungen, über die Donaubrücke bei Parkany-Nana oberhalb Gran über die Donau zu fahren und Gran zu besetzen. Zwei konterrevolutionäre Patrioten, Aladar Berniczay und Desider V a r g h a, ver- handelten mit den Tschechen und wurden von einer Truppe der ungarischen roten Armee überrascht, als sie die tschechischen Dorposten über die Brücke führen wollten. Sie wurden verhaftet, die Donaumonitore wurden alarmiert und so die Besetzung Grans verhindert. Der rote Kommandant ließ durch das Revolutionstribunal die beiden Hochverräter zum Tode ver- urteilen. Das Urteil sollte öffentlich auf dem Platze der heiligen Dreifaltigkeit vollstreckt werden. Da beginnt nun die Rolle des Bartfay. Die„Notabilitäten" der klerikalen Stadt, etwa zwanzig an der Zahl, suchten ihn auf und legten ihm nahe, er möge bei dem Klageanwalt intervenieren, daß die Hinrichtung nicht auf einem Platze stattfinde, wo sie d i e r e l i- giösen Gefühle der Bewohner verletzen müßte. Bartfay kam dieser Aufforderung nach und erwirkte, daß die Hin- richtung auf emem anderen Platze stattfand. Nach dem Sturze der Diktatur wurde Bartfay wegen Mit- ilfe an einem vorsätzlichen Mord— das war in den ugen des patriotischen Gerichtes die Bestrafung von Hochver- rätern, die eine ungarische Stadt der feindlichen Armee ausliefern wollten— zu vierzehn Jahren schweren Kerker ver- urteilt. In dem Prozeh sagte selbst der Direktor des Priester- s e m i n a r s und der Polizeihauptmann aus, daß in Gran jeder anständige Mensch die beiden Konterrevoultionäre als Hoch- Verräter betrachtet habe. Die Zeugen, die aussagen wollten, daß Bartfay bei der Hinrichtung gar nicht anwesend war und sich seine Rolle nur auf die ihm ausgetragene Intervention beschränkt habe, wurden vom Gericht nicht zugelassen. Die Tatsache, daß er mit dem Klageanwalt des Revolutionstribunals im Interesse der Schonung der religiösen Gefühle der klerikalen Bevölkerung sprach, genügte: das ist Beihilfe zum Mord, die mit vierzehn Jahren Kerkerstrafe gesühnt werden muß! Eine(phrfeige für primo. DaS höchste Gericht Spaniens verwirft eine gewissenlose Anklage. Wie wir erfahren— aber die spanische Presse nicht veröffent- lichen darf— hat der Oberste Gerichtshof in Madrid gewisie Be- schuldigungen geprüft, die bald nach Errichtung der Generalsdiktatur gegen den Führer der spanischen Demotraten, Santiago Alba. ehemaligen Außenminister, erhoben worden waren. Das höchste Gericht hat alle diese Beschuldigungen, die die Regierung er- hoben hatte, zurückgewiesen und ausdrücklich festgestellt, daß gegen Alba nicht das geringste vorliegt, was eine Strafe oder Disziplinar- Verfolgung auch nur ermöglichen könnte. Dies mitzuteilen erscheint um so notwendiger, als die spanische Diktatur sich nicht gescheut hat, in ausländischen Zeitungen Alba so hinstellen zu lasten, als ob auf ihn ein schlechtes Licht falle. Das höchste spanische Gericht hat, indem es diese elende Kampagne durch- kreuzte, diejenigen verurteilt, die zu solch gemeinen Mitteln gegriffen haben. Die Rundfrage. Bon Hans Bauer. So habe ich mich lange nicht amüsiert! Das war ja ein gar heiteres Spiel, dem ich mich in den vergangenen Feiertagen hin- gegeben habe, als ich die Neujahrsrundfrage einer magdeburgischen Zeitung studierte, die sich an dreißig, wie ich zugeben muß, größten- teils sehr sympathische, sehr geachtete Vertreter des Schrifttums mit der Bitte gewandt hatte, über Art und Wesen der„Jungen Generation" etwas zu sagen. Diese dreißig Antworten muß man gelesen, die muß man miteinander verglichen haben. Jede einzelne allein: sehr nett, sehr klug, sehr gefällig, sehr einleuchtend, sehr tief. Alle zusammen: der hoffnungsloseste Scherbenhaufen, vor dem ich je gestanden, der bestpielloseste Wirrwarr, der sich je vor mir aufgetan hat. Ein paar Beispiele vorerst... ein paar bloß, statt einiger Schocks, die man mühelos herausdestillieren könnte. A. Paquet: „Die Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen erscheint als begabt, aber haltlos." Dahingegen offenbart sie sich für L. Matthias „nicht im Werk, sondern im Tun", und trotz ihres„intellektuellen Tiefstandes" hat er den Glauben an sie nicht verloren. I. Bab sieht ein Abirren der geistigen Stellungnahme„in eine wütende Parteinahme einseitig politischer Art", wohingegen A. Neumann im Wirken der jungen Generation gerade im Gegenteil„Polemik statt Politik" findet. Jahn„kann heute deutlich die Schaffenden um dreißig und die um zwanzig trennen", was nun wieder der Inhaber des S. Fifcher-Derlags gar nicht zu tun vermag, für den es„eine junge Generation zwischen zwanzig und dreißig als geistig verwandte Gemeinschaft nicht gibt". W. Schmidtbonn findet, daß„der Drang der jüngsten Generation nach dem Technischen gehe", E. Faktor dahingegen, daß sie„nach dem Ueberbewußtsein taste". H. Kafka hatte Gelegenheit, Tausende von Einsendungen zu einem Wett- bcwerb durchzusehen. Er fand„Leidenschaft und wortbildende Stärke bei allen", wohingegen O. Loerke auffällt, daß die jüngste Dichtergeneration„zart, sanft, müde" ist. R. Kayser hat sie als „sachlich" und als„entschlosten unromantisch" erkannt, aber E. Reindl scheint„das entscheidende Erlebnis der Zwanzig- bis Dreißigjährigen das Abenteuer m jeder Form, das romantische so gut wie das brutale Landsknechtsabenteuer" zu sein. Für H. E. Jacob ist .Bildungsfeindschaft" der charakteristische Mangel der Jungen, wiederum weiß ihr A. Neumann„Misten statt Gewisten, Hirn statt Seele" zuzubilligen, während R. Leonhard ihren„Lebensverstand" bewundert, fällt W. Hausenstein auf, daß sie„soviel Phantomatik und so schrecklich wenig fühlbare Gegenwart„aufweist". Uff.... Sie haben gesprochen, die Herren von der Literatur, dreißig kluge Köpfe haben ihren reichen Verstand an das Thema der geistigen Aufgabe gewendet, die die junge Generation zu lösen » hat, und sich dahin entschieden, daß besagte Generation zwischen »wanzig und dreißig gar nicht existiere und mithin deutlich«or- handen sei, kein Talent und viel Charakter bei geistiger Beweglich- keit und moralischer Haltlosigkeit habe, Sinn fürs Leben und stürmischen Impuls in Verbindung mit Weltfremdheit und Blasiert- heit aufweise, in ihrer Vorlieb« für die Romantik nur für die Technik schwärme und in ihrer politisch einseitigen Losgelöstheit von aller Tradition sich darin erschöpfe, in völlig unpolitischer Weise Vergangenes nachzuäffen. Zunächst einmal beweist dieses irrsinnige Tohuwabohu der Meinungen, daß literarische Aeußerungen immer dann, wenn es nicht auf Erbauung und Form, sondern auf Urteil und Resultat an- kommt, eine höchst unzuverlässige Geschichte sind, und dann: Nun wüßten wirs ja aufs Haar genau, was es auf sich hat mit den Jungen: Gar nichts. Natürlich gibt es junge und alte Schriftsteller, wie es junge und alte Tischler gibt, und natürlich ist es tausendfache Pflicht der Alten, der Arrivierten, das junge Talent zu fördern, ihm Chancen zu geben. Aber wie wir heute lange den vertrottelten Standpunkt überwunden haben, daß die Jugend das Maul zu halten habe, wenn das Alter spricht, so meine ich, der ich den Jahren nach durchaus zur Jugend zähle, daß wir endlich auch einmal von der sinnlosen und bornierten Vorstellung loskommen müssen, daß die„junge Generation" einen Eigenwert besitz« und mit Offenbarungen vollgepfropft sei. Es gibt keine„junge Literatur", sondern eine gute und eine schlechte, und will man sie doch nach Altersgraden unterscheiden, so sei man nicht oberflächlich genug, den Kalender zu fragen, sondern prüfe sie auf ihre Stellungnahme hin, die sie zu der jugendfrischsten Idee unseres Jahrhunderts einnimmt: zu der des Norsturms der Arbeiterklasse in das Land feiner Der- heißung, m das Reich des Klasten niederreißenden, völkerversöhnenden Sozialismus. Das neue russische Chegesetz. Vor einem Jahre ist in Sowjetrußland wieder ein neuer Eni- wurf für ein Ehegesetz vorgelgt worden, der besonders auf den Widerstand der Frauen aus dem Lande gestoßen ist. Gegenwärtig wird eine Ehe einfach durch Eintragung in das Register geschlossen. Geschieden wird sie nicht auf Grund einer Schuld, sondern durch Uebereinkommen oder lediglich auf Verlangen des«inen Ehegatten. Die Zahl der Ehescheidungen ist denn auch prozentual sehr hoch. Eheliche und unehelich« Kinder werden nicht voneinander unter- schieden. Außer diesen registrierten gibt es auch noch formlose Ehen, für die es genügt, daß Mann und Frau zusammenleben, gemeinsam erwerben, gemeinsam die Kinder erziehen und den Freunden als Ehepaar gelten. Die Zahl solcher unregistrierten Ehen wird auf ungefähr 70 000 geschätzt. Die Absicht des neuen Gesetzentwurfes ist nun, den KIndem aus diesen formlosen Ehen besseren Schutz zu gewähren, ebenso dem schwächeren Teil in der Ehe. also der Frau, für den Fall, daß die Ebe ausgelöst wird. Diese Absicht wird in der Einleitung zu dem Gesetzentwurs ausgesprochen. Weiter wird gesagt, daß die Tatsache der Eheschließung bei der Registrierung ja doch leichter zu bewerfen ist als ohne diese. Sodann werden für das neue Gesetz gesundheitliche Vorsichtsmaßregeln bei der Eheschließung verlangt. Die beiden Ehepartner sollen sich gegenseitig vom guten Gesundheils- zustande des anderen Teiles überzeugt haben, besonders im Hinblick auf geistige, geschlechtliche und tuberkulöse Erkrankungen. Aehnlich wird ja zuni Teil auch in nordischen Ländern die Vorlegung eines Gesundheitsattestes bei der Eheschließung gefordert. Bei diesen Vor- schriften ist freilich zu erwägen, ob sie nicht in vielen Fällen lediglich dazu führen werden, daß eben nur ein formloses Zusammenleben erfolgt. Das neue russische Gesetz will auch eine Heraussetzung des Heiratsalters für Frauen von gegenwärtig 16 auf 18 Jahre bringen, dem auch für Männer vorgeschriebenen Mindestalter. Endlich soll die auch im deutschen bürgerlichen Recht vorhandene Bestimmung be- seitigt werden, nach der die Frau den Wohnsitz des Mannes teilen muß. Der Frauenüberschuß ist in Rußland sehr erheblich. Am höchsten ist er in der Altersstufe von 20 bis 29 Iahren, wo immer auf einen Mann zwei Frauen kommen. Bei den früheren und späteren Lebensaltern ist der Unterschied nicht so groß. Man erklärt diese Tatsache aus den Kriegs- und Nachkrtegsereignisfen. Bluluntersuchung zur Ermittlung der vakerschasl. Vor dem Polizeigericht in Carnarvon in der englischen Grafschaft Wales wurde kürzlich ein Prozeß wegen Alimentenzahlung gegen einen jungen Mann verhandelt, der seine Vaterschaft ableugnete und den Antrag stellte, durch eine Blutuntersuchung darüber Klarheit zu schaffen. Der Antrag gelangte nicht erst zur Verhandlung, sondern wurde mit der Begründung abgelehnt, daß die Vaterschaft im Vorverfahren bereits gerichtsnotorisch anerkannt worden sei. In Amerika ist aber in einem ähnlichen Falle der Antrag auf Blutuntersuchung zur Ermittlung der Vaterschaft zugelassen worden. Dieser Prozeß war kürzlich zu Omaha im amerikanischen Staat Nebraska anhängig. Es handelt« sich dabei um ein Ehepaar und ein 18 Monate altes Kind, das, wie der Vater behauptete, nicht von ihm stammen sollte. Durch die Blutnntersuchung wurde indessen die Vaterschaft erwiesen, da die Analnse ergab, daß das Blut von Mutter, Vater und Kind keinen Zweifel an der gemeinsamen Zusammensetzung lasse. Der Mann gab sich daraufhin auch zufrieden und bekannte sich als Vater de» Kindes. Lübrevchrevlk. Erwin Plscator wurde einem«mische Heinrich Mann'S entlprechend, die Urciusfüdrung leiner Komödie.Da? gastliche HauS" ,u inszenieren, für das Schauspielhaus München beurlaubt. Da»«enaiflancelliealer wird Sonnabend,>/,« Uhr. mit.Hau« H e r,- u S t» d"»on Bernard Shaw wieder eröffnet. „Die lesbilche Fliege", der SUvesterfcher, de« Th-aterS in der Kloster- stratze, wird Millwoch, Donnerstag und Freitag wiederholt. Lröffautig de» Telephonverkehr» London— 7t ew Jsorf. Vie verlaulet, wird der T-Icpbondienlt zwischen London und New Uorl am 7. Januar eröffnet werden. Dem Telephonoertehr zwilchen London und New Dort wird ein Dienst zwischen London und Australien, sowie zwischen London und Süd- asrita bezw. Kanada folgen. Altenbeseitigungsskandal in Potsdam. Ein Justizobersekretär verhaftet. Ein Fall, der große Aehnlichkeit mit dem Moabiter Aftensandal hat, ist in diesen Tagen durch die Verhaftung des Potsdamer Justizobersekretärs Erich Rießner an die Deffentlichkeit gekommen. R. war seit Jahren bei der Strafabteilung des Potsdamer Amtsgerichts in der Lindenstraße tätig und hat Strafmarken in großen Mengen unterschlagen und die diesbezüglichen Aften der Angeklagten beseitigt. Es tam zu Pfändungen bei verschiedenen Angeklagten, und dabei konnten die Gerichtsvollzieher feststellen, daß die Angeklagten bereits ihre Strafen bezahlt hatten. Der Verhaftete hatte über Weihnachten einen Urlaub angetreten, wurde telegraphisch zurückbeordert und verhaftet. Die beseitigten Aften wurden in der Sommerlaube des Sekretärs auf der Freundschaftsinsel in Potsdam eingebuddelt wiedergefunden. R. ist geständig. Er wurde schon vor anderthalb Jahren von einem anderen Sekretär von der gleichen Abteilung schwer belastet. Barrikaden im Keller. Ein nächtliches Feuergefecht in Berlin NO. Ein Feuergefecht in dem Keller eines Wohnhauses verursachte in der vergangenen Nacht große Aufregung in den Häusern Iost y= straße 1/2 zwischen Königstraße und Prenzlauer Tor in der Nähe des Friedrichshains. Bewohner des Hauses Jostystraße 1/2 nahmen abends gegen 11 Uhr wahr, daß sich Einbrecher in dem Wollwarengeschäft von Gülden befanden und benachrichtigten das 71. Revier, das sofort zwei Beamte entfandte. Sie suchten die Räume ab, fanden aber zunächst niemanden. Nach dem Befund war anzunehmen, daß die Verbrecher, die von dem Grundstück noch nicht entwichen sein tonnten, sich in den Kellerräumen, die beiden Häusern gemeinsam find, der stedt hielten. Der eine Beamte ging nun von dem Grundstück Nr. 2 her vor, während der andere mit einem Pförtner von Nr. 1 aus vordrang. Ein Gang, der die Kellerräume verbindet, war aber mit Risten und Brettern verstellt und verbarritadiert. Als der Beamte seine Blendlaterne aufleuchten ließ, riefen ihm plöhlich zwei Mann entgegen: Bahn frei! oder wir schießen!" In diesem Augenblick fausten auch schon die Kugeln den Gang entlang. Der Beamte nahm Deckung. Seine Aufforderung, die Waffen niederzulegen, blieb jedoch ohne Erfolg. Er erwiderte jezt das Feuer, und so fielen von beiden Seiten zahlreiche Schüsse. Bevor der Beamte das Hindernis aus dem Gang wegräumen und der zweite von der anderen Seite her mit dem Portier herankommen fonnte, hatten die Einbrecher wohl ihre Magazine leergeschossen und ver= schwanden. Es ergab sich, daß sie einen zweiten Ausgang benutzt und über den Hof nach dem Boden des Nachbarhauses entschlüpft waren. Sofort fette man ihnen nach, und der eine wurde auf dem Boden auch noch angetroffen und festgenommen. Der zweite war durch die Lute und über das Dach hinweg bereits entkommen. Der Ertappte, ein Harry Lindenhof, hatte auf der Flucht seine Pistole weggeworfen. Er drang zunächst auf den Beamten ein, und stieß ihn zur Seite, um seiner Festnahme zu entgehen. Der Beamte pacte aber fest zu und hielt ihn. Auf der Wache erklärte Lindenhof, daß er starke Rückenschmerzen habe. Man brachte ihn deshalb vorsichtshalber in das Staatsfrankenhaus. Hier fand aber der Aufnahmearzt auch keinerlei Verlegung und verweigerte deshalb die Aufnahme. Lindenhof wurde daher nach dem Polizeigefängnis gebracht. Er bestreitet, geschossen und überhaupt eine Waffe besessen zu haben. Lindenhof will auch überhaupt mit dem Einbruch nichts zu tun gehabt haben, kann aber nicht sagen, was er auf dem fremden Boden zu suchen hatte. In dem Wollwarengeschäft waren bereits eine Menge Sachen zu Paketen zurechtgemacht worden. Der enttommene Einbrecher ist noch nicht ermittelt und auch noch nicht bekannt. Die Kraftdroschke auf dem Bürgersteig. Eine Person getötet, eine verlegt. Ein folgenschwerer Straßenunfall, der durch das leicht: sinnige Fahren eines Kraftdroschkenführers hervorgerufen wurde, ereignete sich Sonntag nacht gegen 12 Uhr vor dem Zeughaus Unter den Linden. Vom Schloß her nahte in ziemlich schneller Fahrt eine Kraftdroschke, die unmittelbar vor dem Zeughaus ins Schleudern tam und auf den Bürgersteig raste. Der Vorgang spielte fich so überraschend schnell ab, daß zwei Vorübergehende, die gerade die Unfallstelle passierten, sich nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen fonnten und von dem Kraftmagen erfaßt und überfahren wurden. Der 52jährige Arbeiter Alfred Becker aus der Eisenacher Str. 22 zu Charlottenburg erlitt einen schweren Schädelbruch und innere Ber legungen. Die 22 Jahre alte Verkäuferin Hilde Köhlert, die in der Jungstraße 32 zu Lichtenberg wohnt, zog sich einen schweren Nervenfchod und hautabschürfungen zu. Beide wurden in das Hedwigstrantenhaus geschafft. Becker wurde fofort einer Operation unterzogen, doch starb er turze Zeit darauf. Fräulein R. tonnte nach der Behandlung im Krankenhaus in ihre Wohnung gebracht werden. Die Schuld soll den Führer der Kraftdroschte treffen, dessen Personalien polizeilich festgestellt wurden. Der Winterfeldzug gegen die Mücken. Dem alljährlichen Kampf im November gegen die Ratten soll nun auch ein von der Stadt Berlin organisierter Winterfeldzug gegen die Müden folgen. Die Idee ist zweifellos entstanden aus der ungewöhnlich starken Mückenplage des vorigen Sommers. Man geht dabei von der bekannten Erscheinung aus, daß mit Beginn der kälteren Jahreszeit unzählbare Schwärme der von anderem Getier und Witterungseinflüssen verschont gebliebenen Mücken mit Vorliebe in Baulichkeiten aller Art, besonders in Kellern, Schutz suchen, um hier zu überwintern. Bisher haben nur wenige Hauswirte sich veranlaßt gesehen, zur Entmüdung von Kellerräumen, Ställen, Remisen usw. etwas zu tun. Beim einzelnen Hause ist Durchgafung zu fostspielig oder nicht gut durchführbar, während das von ungeübter Hand besorgte Ausschwefeln leicht gefahr. bringend sein kann. Insofern ist die systematische Bernichtung überwinternder Mücken innerhalb aller Baulichkeiten des Stadtbereiches durch städtische Desinfektioren als ein interessanter Versuch zu betrachten. Die Durchführung des Versuches ist den Bezirksämtern anvertraut, die den Hausbesitzer über Tag und Stunde der Entmüdung einige Tage vorher benachrichtigen. Die Mückenwehr folonnen sind mit Ausweis versehen und ziehen nach Erledigung ihrer Aufgabe eine geringe Gebühr ein. Hausbefizer, die nachweisen, daß fie felbft bereits eine fachgemäße Entmüdung haben vornehmen laffen, bleiben von den städtischen Maßnahmen befreit. Für den Feldzug find die Monate Januar unb Februar, die aber taum ausreichen werden, in Aussicht genommen. Bielen wird diese Verfuchsabwehr gegen die Müdenplage ziemlich problematisch erscheinen. Die Mücken überwintern keineswegs nur in Rellern und Wirtschaftsgebäuden. Sie überdauern mit ihrer zähen Lebensfähigkeit den Winter auch auf den Hausböden, unter Baumwurzeln und Moos, in Baumhöhlen und Erdlöchern, sowie an zahlreichen anderen freieren Stellen. Man braucht da nur an den Spreewald zu denken, wo die Mückenplage in jedem Sommer groß ist und im Vorjahre so unerträglich auftrat, daß Zehntausende auf den Ausflug nach dem Spreewald verzichteten. Die wenigen Baulichkeiten des Spreewaldgebietes tönnen diese Invasion der fleinen Plagegeister gar nicht in fich aufnehmen. Wollten hier die Bewohner ihre Baulichkeiten im Winter ausräuchern, so würde im tommenben Sommer die Müdenplage, bie ja am stärtsten pon all Falsche Mordanschuldigungen. Strafantrag gegen Otto Fernbach. Ein sehr interessanter Fall, der voraussichtlich die Gerichte noch eingehend beschäftigen wird und der zeigt, mit welchen Methoden in der Gegenwart gegen im öffentlichen Leben stehende Persönlichkeiten gearbeitet wird, beschäftigt augenblicklich noch die Untersuchungsbehörden. Wie wir erfahren, sind in der lehten Zeit zwei Personen verhaftet worden, die gegen Zahlung einer größeren Summe fich bereitgefunden hatten, eine falsche eidesstattliche Bersicherung dahin abzugeben, daß eine führende Persönlichkeit der deutschen Holzinduftrie einen Prozeßgegner zu beseitigen versucht habe. In der Deffentlichkeit ist wiederholt der Rechtsstreit zwischen dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Gebr. Himmelsbach A.-G. Dr. h. c. Simmelsbach, Mitglied des Reichsverbandes der Deutschen Industrie und Ehrenvorsitzenden des Verbandes Südwestdeutscher Industrieller und dem Verleger des Holzmarkt" Otto Fernbach, verhandelt worden, der mit der unlängst erfolgten Berurteilung des Berliner Verlegers endete und in dem die Unrichtigkeit aller seiner Behauptungen vom Gericht endgültig festgestellt wurde. Aus diesem nun zwei Jahre dauernden Prozeß ist der gegenwärtig schwebende Kriminalfall hervor. gegangen. Im Frühjahr 1925 tauchte in Berlin ein gewisser Marin Breslauer auf, der bereits eine recht bewegte Vergangen heit hinter sich hat, und der durch geschickte Manipulationen versuchte, der einen Partei angebliches Material über die andere in die Hände zu spielen. Es konnte bei der Firma Himmelsbach sehr bald festder es darauf anlegte, für seine Mitteilungen, die den Stempel der gestellt werden, daß dieser Breslauer ein Schwindler war, unwahrscheinlichkeit auf der Stirn trugen, Geld herauszuschlagen. Als Breslauer daraufhin von der Firma Himmelsbach herausgesetzt worden war, ging er zur Gegenseite. Er erklärte dem Berleger Fernbach, daß er vom Großindustriellen Dr. Himmelsbach angestiftet worden sei, Fernbach zu ermorden und berief sich bei diesen Behauptungen auf die angebliche Mitwisserschaft eines gemissen Schneider. Er nannte ferner noch andere Personen, die angeblich um die Dinge wußten. Merkwürdigerweise nahm nun der Berleger Fernbach diese an und für sich sehr unwahrscheinlichen Behauptungen gemeinen Witterungseinflüssen und von natürlichen Vorbedingungen für schnelle Fortpflanzung abhängig ist, faum geringer sein. Innerhalb der Stadt wird ja die Mückenplage meist auch gar nicht so sehr empfunden. Man spürt die Plagegeister nachdrücklichst erst in unbebauten Gegenden, in Wäldern und an Gewässern. Ob also durch den Mückenfeldzug der erstrebte Zweck in größerem Maße erreicht und die umfangreiche Arbeit gelohnt wird, ist sehr fraglich. Ein Achtzigjähriger. Genosse Karl Krumholz, von Beruf Tischler, jetzt Invalidenrentner, begeht heute seinen 80. Geburtstag. Bereits vor 45 Jahren fand Genosse Krumholz den Weg zur Partei, der er treu in vielen Aemtern diente. Besonders im früheren vierten Wahlkreis, später dann im fünften, fehlte er bei keiner Parteiarbeit, und noch heute besucht er jede Versammlung. Für die Beleihung von Wohnungsneubauten aus dem Hauszinssteueraufkommen des Jahres 1927 liegen bereits Anträge für etwa 38000 Wohnungen vor. Weitere 2000 Wohnungen fonnten aus dem Aufkommen des Jahres 1926 nicht berücksichtigt werden, weil die Mittel hierfür nicht mehr ausreichten und müssen nun an erster Stelle aus den Eingängen des Jahres 1927 beliehen werden. Da der zur Förderung des Neubaues bestimmte Anteil aus dem gesamten Hauszinssteueraufkommen nur zur Be leihung eines Teiles. der beantragten Wohnungen ansreicht, ist es toe d los, noch mehr Anträge einzureichen. Die Wohnungsfür forgegesellschait Berlin m. b. H. wird daher vom 10. Januar 1927 ab die Annahme der Beleibungsanträge bis auf weiteres unterbrechen, da nach dem Vorerwähnten für neu eingehende Anträge feine Aussicht auf Berücksichtigung besteht. Der falsche Kronprinzensohn auch in Köln. Köln, 3. Januar.( TU.) Der Kölner Kriminalpolizei wurde von einem Gewährsmann vertraulich mitgeteilt, daß der Hochstapler, der in den verschiedenen Städten Deutschlands als Brinz Wilhelm von Preußen Gastrollen gegeben hatte, fich in Köln aufhalte. Die Kölner Kriminalpolizei leitete sofort umfaffende Maßnahmen zur Ergreifung des Pseudoprinzen ein. Der Hochstapler zog es aber vor, nachdem er durch die Zeitungsmitteilungen gewarnt worden war, zu verschwinden. Größere betrügerische Handlungen konnten den Pseudoprinzen in Köln bisher nicht nachgewiesen werden. Er hat auch nicht, soweit bisher festgestellt werden konnte, versucht, an hochgestellte Persönlichkeiten heranzutreten. Die Ermittlungen werden durch die Kriminalpolizei im Benehmen mit den anderen Polizeiverwaltungen fortgesetzt. Das Lawinenunglück bei Vorarlberg. Nach weiteren Nachrichten über das Lawinenunglück bei Vorarlberg ist Oberregierungsrat Lehr von der Berliner hamburgischen Gesandtschaft, der zuerst als gerettet gemeldet worden war, doch tödlich verunglückt. Dagegen ist sein Bruder, der Kunsthistoriker Dr. Lehr aus Marburg, mit dem Leben davongekommen. Eine Eifersuchtstragödie in der Silvesternacht. Hamburg, 3. Januar.( WTB.) In der Silvesternacht erschlug der 44jährige Cremaschinist Balentin v. Skotnici, wahrscheinlich im Verlauf eines Streites, seine Frau mit einem Briefbeschwerer. Er leitete dann von der Küche her einen Schlauch von der Gasvorrichtung nach dem Schlafzimmer seiner beiden Kinder und ließ das Gas ausströmen. Als er seine Familie tot wußte, schrieb er noch Briefe und traf lettwillige Verfügungen. Dann jagte er sich eine Kugel in den Kopf. Das Motiv der furchtbaren Taten war Eifersucht. Das Spiel mit dem Revolver. Augsburg, 3. Januar.( TU.) In der Neujahrsnacht hat sich in Blaibach im Allgäu ein erschütternder Vorfall abgespielt. Der Händler Schönberger spielte mit einem Revolver und legte dabei auf sich und seine Braut an. Plöglich entlud sich die Waffe und die Braut brach schwer verletzt zusammen. Sie verstarb nach wenigen Minuten. Schönberger wurde ins Gefängnis eingeliefert. Kabel Oesterreich- Deutschland. | des Breslauer für bare Münze, obwohl ihm die Bergangenheit des Schwindlers bekannt war und obwohl Fernbach in seiner Zeitschrift Der Holzmarkt" vor Breslauer als vor einer sehr fragwürdigen Persönlichkeit öffentlich gewarnt hatte. Im Bureau Fernbach gab ft attliche Erklärung ab, die nach Aussage des Breslauer und nun Breslauer, ebenso wie sein Komplize Schneider, eine eidesSchneider von dem Verleger selbst redigiert wurde. In dieser eidesstattlichen Erklärung behaupteten sie erneut, daß sie zur Ermordung Fernbachs von Dr. Himmelsbach angeftiftet worden seien. Dieser habe ihnen zugesichert, daß sie nach Ausführung der Tat von ihm so gestellt würden, daß sie ihr Lebelang nicht mehr zu arbeiten brauchten. In allen Einzelheiten wurde der sogenannte jedoch von den beiden Gaunern nicht etwa zur Klärung des TatMordplan dann geschildert. Diese eidesstattliche Erklärung wurde bestandes" abgegeben, sondern Fernbach honorierte dieses Schrift stück mit einer namhaften Summe in die Breslauer und Schneider fich teilten. Fernbach erstattete nun auf Grund des ihm von den Anzeige gegen Dr. Himmelsbach wegen Anstiftung zum Morde, Schwindlern gegebenen Dokuments bei der Staatsanwaltschaft Berlin ohne sich jedoch vorher davon überzeugt zu haben, ob die Angaben des ihm als übelbeleumdeten Menschen bekannten Breslauer irgendwelche Wahrscheinlichkeit besaß. Die Staatsanwaltschaft mußte natürlich auf Grund der Anzeige das Vorverfahren einleiten, das jedoch nach kurzer Untersuchung eingestellt wurde, weil die Harmlosigkeit der Anschuldigungen ganz offenbar war. Es wurde dann daraufhin auf Anzeige des Dr. Himmelsbach gegen Breslauer und Schneider die Untersuchung eröffnet. Breslauer wurde verhaftet. Beide legten ein umfassendes Geständnis ab und erklärten, daß ihre ganzen eidesstattlichen Erklärungen bewußt falsch gewesen sind und daß fie fie lediglich abgegeben hätten, um von Fernbach Geld zu erhalten. Dr. Himmelsbach hat nun, wie wir erfahren, einen Straf antrag gegen Fernbach, Breslauer und Schneider megen wissentlich falscher Beschuldigung, Anstiftung und Beihilfe zum Betrug und Erpressungsversuch gestellt. Großfener in einem Tanzlokal. Amsterdam, 3. Januar.( WTB.) In einem Hause auf dem Heiligenweg, in dem sich ein Café sowie ein Lanzinstitut eines Weihnachtsbaum es im obersten Stockwerk ein Brand, befinden, entstand gestern nachmittag gegen 4 Uhr durch Umfallen der sich schnell auf die darunterliegenden Stockwerke ausdehnte. Zahlreiche Personen, die sich in dem Café und in dem Tanzinstitut aufhielten, wurden das Feuer erst gewahr, als die Flammen bereits in den Tanzsaal hineinschlugen. Infolge der entstandenen Panit und der starken Rauchentwicklung wurden verschiedene Personen ohnmächtig, fonnten jedoch von Feuerwehrleuten gerettet werden. Etwa zehn Personen erlitten Verlegungen, darunter zwei schwere Brandwunden. Der Sachschaden ist erheblich. Schloßbrand bei Memmingen. Das in der Nähe von Mem mingen in Bayern gelegene, aus dem 16. Jahrhundert stammende Schloß Eisenburg wurde von einem Großfeuer heimgesucht. Das obere Stockwerk des Schlosses ist völlig ausgebrannt, während die unteren Stockwerke start beschädigt wurden. Reiche Kunstschätze wurden vernichtet oder stark beschädigt. Opfer des Stisportes. Der in den bayerischen Bergen betriebene Stisport, der während der beiden Feiertage von Tausenden ausgeübt wurde, hat verschiedene Opfer gefordert. Wie die„ Bergwacht mitteilt, hat sie in 25 meist schweren Fällen ein greifen müssen. Das staatliche Elektrizitätswerk in Kissingen eingeäschert. Gestern abend entstand in dem staatlichen Elektrizitätswert in Bad Kissingen ein Feuer, das sich sehr schnell ausdehnte. Als die Feuerwehr den Brand löschen wollte, versagte längere 3eit die motor. sprize, so daß nicht sofort energisch eingegriffen werden konnte. Fast sämtliche maschinellen Einrichtungen, auch der große Gasmotor, find ein Raub der Flammen geworden. Der Schaden ist außerordentlich hoch. Giftiger Schnaps. Nach einer von den Blättern veröffent lichten Statistit find im Laufe des letzten Jahres in den Ber einigten Staaten von Amerika infolge Genusses gefälschter Spirituosen 1500 Personen gestorben, wovon allein auf New York 745 entfallen. Grippeepidemie in Basel. Die Grippeepidemie in Basel hat einen deiartigen Umfang angenommen, daß das eingerichtete Hilfskrankenhaus nicht ausreicht und eine Schule zur Aufnahme von Kranken eingerichtet werden mußte. Sport. Die 4 Stunden am Kaiserdamm. Choury- Faudet Sieger! Bei ihrer gestrigen Rennveranstaltung fonnte die Kaiser. dammarena ein nahezu ausverkauftes Haus aufweisen. Das Programm sah ein international besetztes Bierstundenstärkste Mannschaft herausfinden: Choury- Faudet, Frankreich. Nach rennen vor, das um 7 Uhr begann. Schon bald konnte man die Beendigung der ersten Wertungen hatten sie die meisten Punkte auf sich vereinigt. Nach einem ungefährlichen Sturz Chourys gab später Stupinski das Rennen auf. Der bestens befannte Touani, der gestern mit Behrendt fuhr, zog im Verlauf der dritten Stunde mächtig los, allerdings ohne einen Erfolg buchen zu können. Behrendt löste nicht gut ab, und so fiel diese Mannschaft neben weiteren sechs Paaren um eine Runde zurück. Jenssen stürzte bei dieser Haz und mußte die Bahn verlassen. Bauer und Krollmann bildeten eine neue Mannschaft. Die Kombination Tietz- Walthour jr. erwies sich als menig glücklich. Walthour ist kein Partner für Tietz. Die letzte Stunde, die alle 10 Minuten eine Doppelwertung brachte, brachte einen abermaligen Sturz Chourys, der nicht so glimpflich ablief. Kam noch dazu eine Strafrunde für die französische Mannschaft: Faudet war über die Zeit der Bahn fern geblieben. Bald konnte jedoch Choury die Fahrt fortsetzen, und mit vereinten Kräften wurde die Strafrunde wieder wettgemacht. In der Punktzahl führend, gingen Choury Faudet mit 141 Punkten als Sieger durchs Ziel. Den zweiten Platz belegten Kroll- Noerenberg ( 85 Buntte) vor Buschenhagen- Frankenstein( 46 Buntte) und KochFricke( 22 Punkte). Eine Runde zurück folgten Bauer- Krollmann und Sawall- Manthey. M Geschäftliche Mitteilungen. Wie alljährlich, bietet auch diesmal wieder der große Inventur. Ausverkauf, den das bekannte Warenhaus H. Joseph u. Co.. Neukölln, Berliner Straße 51.55, ab Montag, den 3. Januar. veranstaltet, unerhört große Vorteile. Um plas au schaffen für die neuen Frühjahrs- Eingänge werden die belannten Qualitätswaren in 40 verichiedenen Abteilungen des täglichen Bedarfs und der Bekleidung gang gewaltig unter Preis verkauft. Ueber die verblüffend niedrigen Breife berichtet bie heutige Anzeige( bez. B.ilage) der Firma H. Joseph n. Co., Neukölln. Das gemeinsam von der Deutschen Reichspost und der Dester. reichischen Post- und Telegraphenverwaltung ausgeführte Telegraphentabel Nürnberg- Bassau- Wien ist in den letzten Tagen fertiggestellt und wird am 4. Januar dem Berkehr übergeben werden. Aus diesem Anlaß findet in der Hofburg in Wien ein Festatt statt, an dem der Reichspoftminister Dr. Stingl und andere Herren der Deutschen Reichspoft teilnehmen werden. Der Festakt wird eingeleitet durch einen Gesprächswechsel zwischen dem Bundespräsidenten Hainisch und dem Reichspräsidenten von Hindenburg, sowie zwischen dem Bundeskanzler Seipel und dem Reichskanzler Dr. Mary. Das Kabel hat eine Länge von rund 500 Kilo. metern, besteht aus 98 Doppeladern und dient dazu, den Fernhauses& Jofeph, Bln.- Schöneberg, Hauptstr. 1, Ede Grunewaldite, welcher am fprechverkehr zwischen Deutschland und Dester= reich mit den modernsten Mitteln der Technik auf einen vollkommenen Stand zu bringen. Es wird gleichzeitig ein wichtiges Glied des alleuropäischen Fernsprechneges bilden. Eine Sensation ist der diesjährige Inventur- Ausverkauf des befannten Spezial3. Januar 1927 beginnt. Während diefer geit gelangen große Boften in Wintermänteln, Baletots, Sport- und Gehpelzen aus nur guten Qualitäten der neuesten Mode entsprechend, im Preis bedeutend herabgefeht zum Verkauf. Gleichzeitig bietet sich eine besonders aünstige Einkaufsmöglichkeit in Straßen-, Sport- und Gesellschaftsanzügen, sowie Gummi- und Bodenmänteln. Die fauren Trauben. Krupp verzichtet auf Subvention. Die Hauptversammlung der Friedrich Krupp 2.-G. findet am 15. Januar 1927 statt. In dieser Versammlung ist auch eine Stellungnahme zu dem 20- Millionen- Kreditgesuch zu erwarten, das die Firma Krupp an die Reichsregierung gerichtet hat und das vom Haushaltsausschuß des Reichstags vorläufig abgelehnt worden ist. Es wird nun gemeldet, daß das an die Reichsregierung ge= richtete Kreditgeſuch als erledigt betrachtet werden könne. Der Krupp- Konzern hoffe, durch die Besserung der Konjunktur die durch die Kriegswirtschaft hervorgerufenen Schwierigkeiten beseitigen zu können. Es steht dahin, ob dies die Meinung der Kruppperwaltung selber ist. Wenn dies aber der Fall wäre, so würde dieser schnelle Meinungswechsel ein Bemeis dafür sein, wie leicht sich die Schwerindustrie die Erlangung von Reichsfrebiten vorstellt und wie selbst verständlich es ihr erscheint, die Hilfe der öffentlichen Hand in Anspruch zu nehmen, die sie in ihren Kundgebungen nicht scharf genug bekämpfen fann. Eine Denkschrift über den Reichswirtschaftsrat. Ueber den vorläufigen Reichswirtschaftsrat wird eine Denf schrift von Dr. Hauschild vom Reichswirtschaftsrat peröffent licht, die in einem Bande mit 687 Seiten die Tätigkeit des Seidenstoffe Waschseide karieride): 95 PL. 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Nicht ohne Interesse ist die Die Fuchs- A.- G. ist somit auch an den Aufträgen beteiligt, die die Budgetseite des Reichswirtschaftsrates; der vorläufige Reichs Reichsbahngesellschaft der Wagenbauvereinigung gegeben hat. wirtschaftsrat erforderte im Rechnungsjahr 1925 die geringsten die Reichsbahn troy thres Druces zur Rationalisierung der Waggonmittel aller Haushalte der Reichsverwaltung, industrie sich nicht selbst die Waggonpreise verdorben hat, indem sie nämlich 649 280 m., davon entfallen auf persönliche Ausgaben die Gründung einer Liefergemeinschaft der Aus136 512 M., fachliche Ausgaben 65 000 m., Fahrgelder 383 000 m. wirkung des natürlichen Ausleseprozesses vorzog, steht allerdings auf und Diäten 95 000 m. Jm Rechnungsjahr 1926 sind die Gesamt einem anderen Blatt. fosten auf 771 611 m. veranschlagt. Wir kommen auf die Denkschrift noch zurück. Sanierung der Fuchs- Waggonfabrik. Von den großen Waggon: fabriken muß eine nach der anderen zu Sanierungsmaßnahmen greifen. Das Anwachsen der Produktionsfähigkeit bei gleichzeitiger Berminderung der Aufträge hat den meisten Firmen große Berlufte eingetragen, die zunächst nur durch eine Reduzierung des Aktienfapitals wettgemacht werden können. Auch die H. Fuchs Auch die H. Fuchs: sammenlegung ihres Attienfapitals von 3,75 auf Waggonfabrit: n Heidelberg hat zu einer 3u 1,25 Millionen Mart schreiten müssen, um den Verlust von 1,9 millionen aus dem vergangenen Jahre zu decken und noch einen meiteren Betrag zu außerordentlichen Abschreibungen zur Verfügung zu haben. Wie der Geschäftsbericht meldet, standen die ersten fünf Monate des laufenden Geschäftsjahres immer noch unter dem Zeichen starken Arbeitsmangels, aber es hat sich insofern eine Besse rung ergeben, als die Preisschleudereien aufgehört haben und Polnische Zollerleichterungen für ausländische Maschinen. Für die Zeit vom 1. Januar 1927 bis zum 30. Juni 1927 wird eine 20prozentige 3ollermäßigung für die Einfuhr ausländischer Maschiren und Apparate nach Polen in Geltung fommen. Es handelt sich stellt werden, und für neue Installationen oder komplette Einum solche Maschinen und Apparate, die nicht im Lande selbst hergerichtungen von Fabriken Berwendung finden, wodurch diese in der Leistungsfähigkeit der Fabrik heraufzusehen. Der polnische Finanz Lage find, die Produktionskosten zu verbilligen oder sonstwie die stellen, welche Maschinen und Apparate für die Zollermäßigung in minister wird im Einvernehmen mit dem Handelsmirister noch festFrage kommen. Berantwortlich für Politik: Dr. Curt Geyer; Wirtschaft: G. Klingelhöfer; Gewerkschaftsbewegung: Fr. Estorn; Feuilleton: Dr. John Schikowski; Lokales und Sonstiges: Frig Rarfädt; Anzeigen: Th. Glode; sämtlich in Berlin. und Berlagsanstalt Baul Ginger u. Co.. Berlin SW 68, Lindenstroke 3. Berlag: Vorwärts- Berlag G. m. b. S., Berlin. 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Nun können sie sich leicht darauf hinausreden, daß sie rn Deutschland nicht viel zu bedeuten haben, in den Gewerkschaften völlig an die Wand gedrückt sind und politisch von niemand ernst genominen- werden. Wie aber sieht es da aus, wo die Kommunisten Herr- scheu? Die„Rote Fahne" hat es bisher ängstlich vermieden, zu dem berüchtigten Rundschreiben des Zentralrats der Gc- werkschaften Sowjetrußlands, das sich mit der G e- werkschaftsaktion in den Privatbetrieben beschäf- tigt, Stellung zu nehmen. Nach diesem Rundschreiben sollen die Gewerkschaften„die besonderen Bedingungen" ihrer Arbeit in den Privatbetrieben„streng berücksichtigen", und den Charakter von „offiziellen und streng geschäftlichen Beziehungen" zu den Unter- nehmern„strikte wahren", um den Unternehmern keine Gelegenheit zu geben, Gefälligkeiten an die Gewerkschaftsorgane und Funktionäre zu erweisen. Dann heißt es wörtlich weiter: „Bei der Ausstellung von Forderungen an die Kon- zessiöniäre müssen die Gewerkschaften bedenken, daß die Arbeiter- klasse und der Sowjetstaat darin interessiert sind, da» Auslaad«- kapital(in gewissen Grenzen und unter staatlicher Regelung) ins Land horanzuziehen zum Zwecke der Entwicklung jener Wirtschafts- zweige, die heute mit den Mitteln des Staates nicht entwickelt wer- den können— sowie darin, daß in den Konzessionsbetrieben die vollkommensten organisatorischen und technischen Methoden ange- wandt werden. Die Gewerkschaften dürfen daher keine Forderungen stellen, die zu einer Liquidation des Unternehmens führen können. und sie dürfen unter keinen Umständen die Konzessionäre hindern, vollkommenere Arbeitsmethoden anzuwenden, selbst wenn deren Einführung mit einer V e r m i n d e- ru n g der Arbeiterzahl verbunden ist." Kurz, die Gewerkschaften müssen die Interessen der Entwicklung der Konzessionsunternehmungen weitestgehend berückfichti- gen. Um die Durchführung dieser Politik zu sichern, wird durch das- selbe Rundschreiben den Ortsverwaltungen der Gewerkschaften das Rechtbe st ritten, irgendwelche Forderungen an die Konzessionär« selbständig zu stellen. Di« gesamte gewerkschaftliche Arbeit in den Konzessionsbetrieben wird streng zentralisiert, die Füh- rung der wirtschaftlichen Kämpf« und der Abschluß von Kollektiv- Verträgen ausschließlich den Zentraloorständen der Gewerkschaften zugewiesen. Die„Rote Fahne", die sonst nicht laut genug von den Tewerk- schaften des kapitalistischen Deutschland fordert, daß sie ohne alle Rücksichtnahme gegen das Unternehmertum vorgehen müssen, und zwar auch ohne alle Rücksichtnahme aus die Kmnpfesmöglichkeiten der Arbeiterschaft, soll uns einmal erklären, wie es kommt, daß man i n S o w j e t r u ß la n d«ine besondere Rücksichtnahme auf das P r i va t ka p i ta l empfiehlt. Wie es kommt, daß in Srw'strußland die hohe„Gewertschaftsbureaukratie" den unteren Instanzen überhaupt verbietet, irgendwelche Forderungen an die Privatunternehmer zu stellen. Zu diesem Doppelspiel müsien die Kommunisten endlich einmal Farve bekennen. die besseren Führer. Nachdem Fritz checkert in der„Roten Fahne" in einem Artikel, der fast noch länger ist als eine Moskauer Resolution, so nebenbei „Legten und Ebert, die Mörder der Revolution" erwähnt hat, behauptet er, die englischen Bergarbeiter seien dank des reformistischen Verrats niedergeworfen. Als ob mit dieser kom- munistischen Behauptung die Tatsache aus der Welt geschafft werden könnie, daß gerade die kommunistische Führung dieses Riesenkampfes der deutlichste Beweis dafür istXdatz die Kommunisten zur Führung gewerkschaftlicher Kämpfe durchaus ungeeignet sind. In Moskau bat man längst einsehen müssen, daß die privatkapitalistische Wirt- schaftsordnung nicht durch einen Handstreich aus den Angeln ge- hoben werden kann, trotzdem man heute noch versucht, diese peinliche Erkenntnis durch Reden und Resolutionen zu verschleiern. Es ist nicht nur der stark überstiegene Ehrgeiz, der der Anerkennung dieser Tatsache im Wege steht, es ist die Furcht vor der politischen Bänke- rotterklärung. Di« Vertreter der Moskauer Filialen im Auslande werden deshalb trotzdem dazu angehalten, die Fiktion aufrechtzu- erhalten, als habe die Arbeiterschaft nur mit dem Kops die Mauern zubrennen, um die kapitalistische Wirtschaftsordnung zu beseitigen. Zeigt sich dann, daß die Mauern noch immer stärker sind als die dann schimpfen diese mehr temperamentvollen als einsichtigen Strategen über die reformistischm Gewerkschaften und ihre Führer, daß diese nicht noch der Methode kämpfen, die jene ihnen trotz all ihrer Mißerfolge vorschreiben wollen. So fordert denn Herr Heckert seine Getreuen auf, sich im All- meinen Deutschen Gewerkschaftsbund eine wirkliche„zentrale Kampfleitung auf revolutionärer Grundlage" zu schaffen. Unbeschadet der Tatsache, daß der„Reformismus" die Ge- werkschaftsbewegung geschaffen hat, bevor an einen Leninismus, Thälmannismus und Hcckertismus zu denken war, spricht Heckert den Satz gelassen aus: der Reformismus hat die Gewerkschaftsbewegung zugrunde gerichtet. Die Kommunisten, die sie zerschlagen hatten, müßten sie wieder groß und mächtig machen. „Unsere Partei wird dann die Führerin des Proletariats wer- den, wenn wir... den Arbeitern beweisen, daß wir die besse- ren Führer sind." Ueber diä Führer der KPD. ein Wort zu verlieren, dürfte sich nach all den Führerdebatten, die sie unter sich pflegen, erübrigen. Was an Selbsttäuschung bei Heckert und seinen Freunden über ihre Führereigenschaften noch bleibt, wird durch den Gang der Dinge aufs rechte Maß zurückgeführt. Doch wenn ein Heckert noch so laut nach Eroberung der Gewerkschaft schreit, so verpflichtet das die Gewerkschaften keineswegs, sich der Führung dieser„besse- ren Führer" zu unterwerfen. Im Gegenteil, die Führer der Gewerkschaften müssen erprobt sein. Heckert hat zwar ein- mal die Führung gehabt bei dem Ueberfall auf den Leipziger Ver- bandstag der Bauarbeiter, doch reichen solche strategischen Opera- tionen nicht aus, um daraus den Anspruch als Führer oder gar als besserer Führer herzuleiten. „Hermann, der Cherusker." Der„Grundstein", das Blatt des Deutschen Baugewerksbundes verbindet mit der Mitteilung, daß Hermann Eichhorn in den wohlverdienten Ruhestand getreten ist, eine Ehrung des ösjährigen Genossen, der seiner Statur und seines Bartes wegen den Freundschaftsnamen„Hermann der Cherusker" bekommen hatte. Eichhorn war einer der„kleinen" Gewerkschaftsführer, die von der Pieke auf gedient, die Organisation, die sie leiteten, zuvor erst mit- geschaffen und mit hochgebracht hatten. Im Jahre 1895 trat Eichhorn seinem Verbände der G l a s e r g e s e l l e n in Karlsruhe bei. Nach längerer ehrenamtlicher Tätigkeit wurde er 1999 zum Vorsitzenden seines Verbandes und damit auch zum Redakteur seines Verbands- organs gewählt. Durch die spätere Verlegung des Verbandssitzes nach Leipzig wurde Eichhorn aus seinem alten Karlsruher Wirkungskreise, wozu auch seine Tätigkeit als Stadtverord- neter und Vorstandsmitglied der Partei gehörte, herausgerissen, um nach wenigen Iahren durch den endlich erfolgten Anschluß des Glaserverbandes an den Baugewerksbund abermals verpflanzt zu werden, und zwar nach Hamburg. Seine Fachgruppe blieb er- halten, und Eichhorn fungierte als ihr Obmann im Bundesvorstand des Baugewerksbundes. Möge sich Freund Eichhorn noch viele Jahre der wohlverdienten Ruhe erfreuen! Oer norwegische Gewerkschastsbitnö. (IGB.) Der norwegische Gewerkschastsbund hat dieser Tage seinen Tätigkeitsbericht über das Jahr 1925 veröffentlicht, aus dem hervorgeht, daß die Landeszentrale am 31. Dezember 1924 29 Landesverbände und einen einzelstehenden Verein mit insgesamt 92 767 Mitgliedern(verteilt auf 1191 Verwaltungsstellen) umfaßte, gegen 23 Landesverbände und einen einzelstehenden Verein mit insgesamt 95 931 Mitgliedern und 1237 Verwaltungsstellen am 31. Dezember 1925. Der Mitgliederzuwachs beziffert sich demnach auf 3164. Bei diesen Zahlen muß berücksichtigt werden, daß der Lokomotivsühreroerband am 1. Dezember 1925 aus der Landes- zentrale austrat. 8119 oder 8,46 Proz. der Mitglieder find Frauen. In 39 Orten mit 82 298 Mitgliedern gab es im Berichtsjahre Ge- werkschaftskartelle. Die Landeszentrale hat im Jahre 1925 eine statistische Abteilung, errichtet, die am 1. Januar 1925 ihre Tätigkeit aufnahm. Diese Abteilung veröffentlicht jeden Monat eine besondere Wirtschaftsübersicht sowie statistisch« Berichte. Im Jahre 1925 wurden 392 Tarifverträge für 192 835 Arbeiter, davon 83 529 organisierte, neu abgeschlossen. 41 der Tarifverträg« für 24 297 Arbeiter, wovon 21 496 organisierte, wurden fast un- verändert erneuert. Für 72 349 Arbeiter wurde eine Lohnerhöhung von 299,67 Kronen pro Arbeiter und Jahr erreicht. Die Arbeitszeit verblieb in allen Verträgen unverändert 48 Stunden wöchernlich. Für 191 669 Arbeiter, davon 82 501 organisierte, enthalten die Ver- träge Bestimmungen über einen jährlichen Urlaub mit vollem Lohn. Die Dauer des Urlaubes beträgt 4 bis 21 Tage. 48 187 Arbeiter er- hielten 8 Urlaubstage, 50 522 19 bis 12 Tage(Arbeitstage). An Arbeitskämpfen waren im Jahre 1925 nur 115 mit 13 780 beteiligten Arbeitern zu verzeichnen, die fast alle mit einem vollen Erfolg für die Arbeiter beendet wurden. An Streikunterstützung wurden insgesamt 1 139 261 Kronen bezahlt. /luf Sem Wege nach �msteröam. (IGB.) Die auf Initiative des IGB. veranstaltete s k a n d i- navisch- baltische Gewerkschaftskonferenz in Stock- Holm, die den Zweck hatte, zwischen den Gewerkschaften der be- teiligten Länder eine engere Zusammenarbeit herbeizuführen und den Wiederanschluß der Landeszentralen in Norwegen und Finn- land an die Amsterdamer Internationale in die Wege zu leiten, hat bereits einen positiven Erfolg gezeitigt. Der Ausschuß der norwegischen Landcszentrale hat nämlich in feiner am 16. und 17. Dezember abgehaltenen Sitzung nach eingehender Debatte fol- genden vom Vorstand gestellten Antrag angenommen: „Da eine organisatorische skandinavische Zusammenarbeit für die Gewerkschaften von der größten Bedeutung ist, beauftragt der Ausschuß, im Hinblick auf den von der Konferenz in Stockholm gefaßten Beschluß, den Vorstand, die Frage in Verbindung mit den internationalen Organisationsoerhältnissen näher zu prüfen und dem Ausschuß sobald wie möglich einen diesbezüglichen Bericht zu unter- breiten. Sobald dieser Bericht vorliegt, wird der Ausschuß zu dieser Angelegenheit erneut Stellung nehmen und die Frage den Mit- gliedern zur Entscheidung unterbreiten. Der Ausschuß erachtet es auf die Dauer als unhaltbar, daß die Landeszentrale ohne internationale Verbindungen ist, da dadurch eine engere Zusammenarbeil zwischen den skandinavischen Landes- zentralen unmöglich wird." Dieser Beschluß wurde mit 89 gegen 18 Stimmen und 6 Enthaltungen angenommen. Die Minderheit stimmte für einen Antrag, der besagt, daß in dieser Frage keine neuen Beschlüsse gefaßt werden sollen. In Berücksichtigung der großen Mehrheit dürfte der Anschluß Norwegens an den IGB. nur noch eine Frage der Zeit fein. Die Sparkasse der Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten A.-G., Berlin, wallstr. 65, ist täglich mit Ausnahme von Sonnabend von 9— 3 Uhr und 5— 7 Uhr, Sonnabend» von 9—1 Uhr geöffnet. Frohe Feste- Saure Wochen? A lies in der Welt läßt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen? Kuchen und Zuckerwerk, diese lichtvollen Begleiter des Weihnachtsfestes, werfen nachträglich dunkle Schatten auf den frischen Weg des neuen Jahres. Was stellt das Gleichgewicht im Haushalt unseres Magens wieder her? Bittere Medizin etwa, Hungerkur und Diät? Nein— es ist bequemer, natürlicher und wirksamer, sich der frischen Frucht zu bedienen. undJhrbleibtgesund! Täglicher Genuß frischer Früchte ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Frische Früchte gibt es zu jeder Jahreszeit. Das Fruchtkochbuch ist zum Preise von 25 Pfg. in allen Buchhandlungen zu haben. ä » [¥ Flfi Grünb NVENTURUSVERKAUF bedeutend herabgesetzten Preisen Damen- Konfektion, Kleiderstoffe, Wollwaren Wäsche. Baumwollwaren haben wir im Preise zum Teil bis 50% herabgesetzt Es bietet sich dadurch eine ganz besonders günstige Kaufgelegenheit Modewarenhaus M.Grünberg Nachfg. Schöneberg Hauptstr.17 Bleyle's Strickkleidung für Herbst und Winter. Westen für Herren, Damen, Kinder. Knaben- Anzüge. Schul- u. Anknöpfhosen. 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