Abendausgabe Nr. 79 � 44. Jahrgang Ausgabe k Nr. 4 e Vönhoff 292— 292 ItU-Bbtaffr. Spjlaltemofcat Bctlia Derlinev Volksblskk (10 Pfennis) Mittwoch 12. Januar 1 427 Serlag und 9n]cig(naM«tlnngi Seschäft«,ett 8� dt» S Uhr OctUgec: vorwar»». vorlag GmbH. Berlin Sv» 68, Gindcnffcafse 3 Zernlprrcher- VSuhofl 292- 297 Zentralorgan der 8ozialdemokratifchen partei Dcutfchlands Sie Gewerksthasten bei Curtius. Der Besitzbürgerblockkanzler will die Arbeiterverbände einsangen. heute mitlag Hot die schon angekündigte Besprechung des von hindenbnrg mit der Regierungsbildung betrauten Reichswirtschasls- Ministers eurlius mit den Vertretern sämtlicher gewerk- schaftlichen Spihenverbändc stattgefunden, von den freien Gewerkschaften nahmen an der Besprechung u. a. teil die Genossen S p l i e d t und E r d m a u n vom Allgemeinen Deut- schen GewerkschaslsbNod und S t e h r und S ch w e i h e r vom AsA- Bund. Eurtiuv. der den Auftrag und die Absicht hat. eine Besitz. bürgerblockregierung zu bilden, hielt es für notwendig. um den Schein zu wahren, die Vertreter der Arbeiter- und Ange- flelltenverbände zur Stellungnahme zu seinem Regierungsprogramm einzuladen und Ihnen zu versichern, daß er durchaus keine arbeitcr- feindliche Politik zu machen gedenke. Die Gewerkschaften brachten übereinstimmend zum Ausdruck, daß für sie der springende Punkt dieser gegenwärtigen Krise die Frage der Sozialpolitik und ganz besonder das Rolgefeh über die Arbeitszeit, d. h. die Sicherung des Achtstundentages sein würde. Herr Curlius nahm diese Erklärung zur Kenntnis. Doch er die wünsche der Gewerkschaften nicht zu erfüllen gedenkt, ist sowohl ihm wie den Gewerkschaften be- kannt und daraus dürste flch die weitere Stellungnahme der Arbeiter- und Angestelltenverbände von selbst ergeben. -» Ein parlamentarisches Nachrichtenbureau meldet über die Der. Handlungen: Relchswirtschaftsnrimster Dr. Curtius empfing die Führer dxr drei Gewerkschaftsrichtungen getrennt und zwar als erste die Vertreter der ch r i st l i ch« n Gewerkschaften Baltrusch, Brost und Ott«. Dabei wurde festgestellt, daß diese Besprechungen keinen politischen Charakter haben, da die politische Seit« der Regierungsbildung den parlamentarischen Instanzen zufällt. Die Vertreter der Gewerkschaften trugen die Forderungen vor. die sie an die künftige Reichsregierung stellen. Unter den sozial- politischen Forderungen wurde besonders die Notwendigkeit einer tragbaren Zwischenlösung der Arbeitszeit- frag« unterstrichen, da das Arbeitsschutzgesetz bis zu seiner Ver- wirklichung noch längere Zeit in Anspruch nehmen dürfte. Die bis- her bekanntgewordenen Absichten der Parteien über die Aenderung der Arbeitszeitverordnung gehen den Gewerkschaften nicht weit genug. Bor allem verlangen sie die d r e i g e t« i l t e Schicht in der Schwerindustrie und den Acht stunden- tag, namentlich für Betriebe, in denen mit giftigen Stoffen gearbeitet wird. Weiter wurde die Frage der Ueber stunden unsd der S o n n- t a g s ru h e behandelt. In der Arbertslosenoersichernng verlangen die Gewerkschaften eine stärkere Staffelung der Unterstützungssätze. Auf das Wiederanwachsen des Arbeitslosenheeres wurde mit besonderer Sorge hingewiesen, hierzu wurde eine be- schleunigte Arbeitsbeschaffung, namenllich in der Nähe der Großstädte durch Bereitstellung entsprechender Mittel und eine stärkere Ausnutzung des Russengeschäftes als dringend notwendig bezeichnet. Eine ausreichend« Vertretung der Arbeitnehmer in den Wirft chaftskammern sowie auf der im Mai stattfindenden Weltwirftchaftskonferenz wurde ebenfalls verlangt. Schließlich wurden auch noch die Fragen des Wohnungsbaues und der Zollpolitik behandelt. Dr. Curtius ging in seiner Erwiderung auf die einzelnen Punkt« ein. Dabei teilte er mit, daß das Wohnungsbauprogramm für 1327 bereits vorliege und daß Hoffnung besteh«, auch für die weiteren nächsten Jahre zu etner Verständigung zu gelangen. In den Fragen des Kartellwesens Hütt er es für wünschenswert, zunächst die Ergebnisie des Enqueteousschusies ab- zuwarten. Im Anschluß an die christlichen empfing Dr. Curtius die Ver- treter der Freien Gewerkschaften und eine Stunde später die Vertreter des Gewerkschaftsringes. Die Unternehmer bei Curtius. Dr. Curtius hat die Vertreter der Unternehmerverbände für morgen, eventuell übermorgen zu einer Besprechung eingeladen. Es könnte sein, daß diese Besprechung durch das Scheitern der Mission Curtius überholt wird. Die Verhandlungen unterbrochen. Die parlamentarischen Verhandlungen über die Regie- rungsbildung sind bis zur Entscheidung der Zentrumsfraktion verschoben worden. Der dem Zentrum nahestehende Reichsdienst der Deut- schen Presse hält es für höchstwahrscheinlich, daß die Zen- trumsfraktion sich dem Zwischenbeschluß des Fraktionsvor- standes anschließen werde. In diesem Falle würde der Versuch des Reichswirtschafts Ministers Curtius gescheitert sein. Washingtons Gewaltpolitik. Die„Neutralisierung" Niearagnas.- Scharfe Proteste in Washington selbst. Alaaagua. 12. Zanuar.(VJIB.) Amerikanische Marine- (nippen sind den Fluß Escondido K0 englische Meilen hinaufgezogen, um im Innern Nicaraguas eine neutrale Zone zu errichten. Eine andere neutrale Zone ist an der Mündung des Mawa vorbereitet worden. Im Gebiet des Mawa haben viele amerikanische Mahagonigesellschasten ihren Sitz. * Mit unübertrefflichem Zynismus setzt die Regierung Cooiidge ihre InterveMionstätigkei» in Nicaragua zugunsten de» geschlagenen Usurpators Diaz fort. Auch gegen Mexiko verstärkt sich der amerikarnfche Druck, und Washington geht sogar dazu über, die Vorbereitungen zu einer revolutionären Bewegung katholischer Fanatiker gegen die Regierung Calles aus eigenem Boden nicht nur zu dulden, sondern sogar zu sördern. Zur Ehre der amerikanischen Nation muß zwar festgestellt werden, daß eine starke Opposition sich gegen diese imperialistische Politik geltend macht und vor scharfen Angriffen aus Cooiidge und auf die ihn beratenden Erdölinteressenten nicht zurückschreckt. Aber es scheint, als ob diese Proteste auf die Washingtoner Regierung bisher ebensowenig Eindruck gemacht bätten, wie die Kundgebungen und Warnungen oller lateinamerika- nischen Staaten. Amerika glaubt, daß es sich diese Vergewaltigung kleinerer Nachbarstaaten erlauben könne, nachdem ihm in der Vergangenheir olle derartigen Unternehmungen geglückt seien. In der Tat ist die Geschichte der Ausdehnung des nordamerikanifchen Einflusses in Mittelamerika nichts anderes als eine lange Kette von bruta- len Vergewaltigungen, die mit verlogenen Vorwänden und moralisierenden Redensarten nur schlecht vertuscht werden konnten. So Hot es selten«inen so frevelhaft angezettelten Krieg gegeben wie den. den die Bereinigten Staaten zur Jahrhundertwende gegen Spanien unter einem ebenso nichtigen wie unwahren Vorwand vom Zaun gebrochen haben, um Portorico einstecken und ein reg«!- rechtes Protektorat über Kuba errichten zu können. Aehnlich ist Washington gegenüber San Domingo. Hallt. Columbien(zur Bil- dung einer„selbständigen" Republik Panama) vorgegangen und nun versucht es, dieses Spiel gegenüber Nicaragua und Mexiko fortzusetzen. Amerika glaubt um so mehr, sich diese Brutalitäten leisten zu können, als es damll rechnet, daß die europäischen Staaten e» nicht wagen werden Partei für den Schwachen gegen den Starten zu ergreifen. 2llle europäischen Länder schulden den Vereinigten Staaten Geld, alle benötigen die Hilfe des amerikanischen Finanz- tapitals zur Wiederherstellung gesunder Wirtschaftsverhällnisie, und kein Staat kann es sich daher leisten, Amerika zu oerschnupfen. So lautet wenigstens die Rechnung der amerikanischen Raffkes. Aber sie täuschen sich: Wenn auch die europäischen Regierungen eine Stellungnahme zu den mittelamerikanischen Ereignissen ver- meiden werden, so wird die demokratische öffentliche Mei- n u n g Europas unter Führung der sozialistischen Jnter- nationale es sich nicht nehmen lassen, die Dinge beim rechten Namen zu nennen und das Gewisien der Welt gegen die amerika- nische Gewissenlosigkeit mobil zu machen. Di« Haltung Amerikas gegen Mexiko und Nicaragua erklärt zu- gleich die Ablehnung, die die seit 1920 in Amerika am Ruder be- sindliche Partei sowohl gegen den Völkerbund wie auch gegen den Haager Schiedsgerichtshof an den Tag gelegt hat. Di« Amerikaner wollten vom Völkerbund nichts wisien, weil sie in ihm ein Hindernis für die Verwirklichung ihrer imperialistischen Pläne' in Zentralamerita erblickten. Noch deutlicher tritt dieser Bor- bedacht in die Erscheinung, wenn man bedenkt, daß die Vereinigten Staaten sich zwar bereiterklärten, dem Internationalen Schieds- gerichtshof beizutreten, aber nur unter dem Vorbehalt, daß dieser nicht in Angelegenheiten eingreifen dürfe, die die Vereinigten Staaten berühren. Und diese Regierung ist es, die bei jeder Gelegenheit so von oben herab an die Europäer Friedcnsmahnungen richtet und das amerikanische Beispiel ihnen als Muster vorhäll! Diese Regierung ist es, die immer wieder von Weltabrüstung spricht, zugleich aber, namenllich bei den Arbellcn des vorbereitenden Abrüstungskomitecs in Genf, die meisten Hindernisse aufgetürmt hat. Amerika gilt auf den meisten Gebieten als das Land der Weltrekorde: in der Wirtschaft, im Sport, in der Balltechnik usw. Aber auf einem Gebiet schlägt Washington unbestritten alle Rekorde bei weitem: auf dem Gebiete der politischen Heuchelei. Auf die Washingtoner Regierung trifft das Wort zu, das der Spötter Heinrich Heine— — lange vor der Prohibitionsfarce— geprägt hat: „Ich weiß, sie trinken heimlich Wein und predigen öffentlich Wasser." Die wiener Bankskandale haben fetzt zur Verhaftung des früheren Direktors der Allgemeinen Industriebank, eines Budapester Rechtsanwalts Dr. S a s v a r y und des Berwallungsratsmitgliedes Kommerzialrat Dr. Oesbander geführt. Sie wurden nach Hinter- legung einer hohenKaution wieder auf freien Fuß gefetzt. Ein juristisches Oberhaus! Eine Erwiderung. Von Dr. G u st a v R a d b r u ch. Genoffe Kurt Rosenberg hat hier vor nicht langer Zeit(„Vorwärts" vom 18. November 1926, Morgenausgabe) den„Entwurf eines Gesetzes über die Prüfung der Verfassungsmäßigkeit von Vorschriften des R e i ch s r e ch t s" kritisch besprochen. Das geplante Ge- setz ist für unser gesamtes Verfassungsleben so wichtig, daß es jetzt, nach Erscheinen der Begründung des Entwurfes, nötig wird, noch einmal auf die aufgeworfenen Fragen zurückzu- kommen. Anlaß und wesentlichste Aufgabe des Entwurfes ist, den Gerichten die Möglichkeit zu nehmen, die Verfaffungs Mäßigkeit ordnungsmäßig ver- kündet er Reichsgesetze in Frage zu ziehen. Während sich im kaiserlichen Deutschland die Gerichte niemals das Recht angemaßt hatten, die Verfassungsmäßigkeit mit der kaiserlichen Unterschrift versehener Reichsgesetze anzuzweifeln, glaubt das Reichsgericht die Unterschrift des republikanischen Reichspräsidenten und der Gegenzeichnung republikanischer Minister nicht die gleiche, jeden Einwand gegen die Ver- fassungsmäßigkeit des verkündeten Gesetzes abschneidende Kraft zuerkennen zu sollen. Jedes Gericht soll fähig sein, die Verfassungsmäßigkeit von Reichsgesetzen nachzuprüfen! Dabei kann ein Gericht zu einem anderen Ergebnis kommen als ein anderes Gericht und so ein Tohuwabohu der Rechtsunsicher- heit hervorgerufen werden! Schlimmer: der Justiz wird er- möglicht, die Absichten des Parlaments planvoll zunichte zu machen, also zum Schaden der Staatsautorität einen erbitter- ten Kampf zwischen der rechtsprechenden und der gesetzgeben- den Gewalt zu entfesseln! Angesichts der vielberufenen„Ver- trauenskrise der Justiz" kann den Gerichten dieses neu ange- maßte Recht am allerwenigsten belassen werden. Ich weiß mich deshalb mit dem Genossen Rosenbcrg einig, wenn ich die Absicht des Entwurfes warm begrüße, dieser gefährlichen Rechtsanmaßung allerehestens ein Ende zu setzen. Der Entwurf will das Prüfungsrecht, das es den ein- zelnen Gerichten nimmt, im Stoatsgerichtshof kon- zentrieren. Genosse Rosenberg hat diesen Vorschlag des Eni- wurfes bekämpft: er hat ihn dahin gekennzeichnet, daß der Staatsgerichtshof wie ein„juristisches Oberhaus" über die gesetzgebenden Organe gestellt werde, fähig, deren Willensäußerung zu annullieren: er ist der Ansicht, das ord- nungsmäßig verkündete Gesetz dürfe überhaupt keiner Nach- Prüfung seiner Verfassungsmäßigkeit mehr unterzogen wer- den, nicht von den Gerichten und ebensowenig von einer an- deren Stelle. Hier weiche ich von ihm ab: bei Ausschluß jeder Nachprüfungsmöglichkeit würde die Reichstagsmehrheit und die mit ihr politisch gleichgerichtete Reichsregierung die Möglichkeit haben, sich ungehemmt über die grundrechtlichen Beschränkungen der Gesetzgebung hinwegzusetzen. Weil jede Partei einmal zu der durch eine solche Verfassungsverletzung benachteiligten Minderheit gehören kann, hat jede Partei das gleiche Interesse daran, daß gegen ordnungsmäßig verkündete, aber verfassungswidrig beschlossene Gesetze die Möglichkeit einer Nachprüfung eröffnet werde. Freilich, insoweit gehe ich mit dem Genossen Rosenberg einig: die Nachprüfung der Vcrfassungsmäßigkeit von Gesetzen darf nicht einer rein juristisch besetzten Instanz anvertraut werden. Der vom Entwurf dazu berufene Staatsgerichtshof fetzt sich ausschließlich aus sieben Richtern zusammen: aus dem Prä- sidenten des Reichsgerichts, drei Reichsgerichtsräten und drei Verwaltungsrichtern, die in Zukunft dem Reichsoerwaltungs- gericht, bis zu dessen Gründung aber hohen Landesverwal- tungsgerichten entnommen werden sollen. Gewiß: die Frage der Perfassungsmäßigkeit eines Gesetzes ist eine juristische Frage— aber sie ist eine juristische Frage, bei der in beson- derem Maße politische Interessen zwar nicht als Richtpunkte, wohl aber als Gegenstand der rechtlichen Würdigung zur Er- örterung stehen. Wir haben uns immer mehr gewöhnt, neben Richtern Vertretern der Parteiinteressen Sitz in den Gerichten zu gewähren, zwar nicht Vertretern des individuellen Partei- interefses. wohl aber des Gruppeninteresses, denen es sich eingliedert, und auf diese Weise den Richtern die große sozio- logische Kampflage zu veranschaulichen, deren Einzelfall der besondere Rechtsstreit ist. Dieser beim Arbeitsgericht bewährte Gedanke verlangt auch auf den Staatsgerichtshof Anwendung, soweit er über die Versassungsmäßigkeit von Reichsgesetzen zu entscheiden hat. Er muß neben Richtern aus Politikern zusammengesetzt sein, und das kann sehr einfach erreicht werden, wenn statt des Staaisgerichtshofs in der Zusammensetzung des 8 IL Nr. 1 des Gesetzes über den Staatsgerichtsbof der gemäß � 3 dieses Gesetzes zusammen- gesetzte Staatsgerichtshof berufen wird, zu dem neben den Richtern zehn Beisitzer gehören, die zur Hälfte von Reichstag und Reichsrat gewählt werden, aber Parlamentarier nicht sein dürfen. Noch manche andere gefährliche Vorschläge des Entwurfs bedürfen der Berichtigung. So halte ich dieunbefri stete Initiative des Gerichts für eine Entfchei- dung des S t a a t s g e r l ch t s h o f s über die Per- fassungsmäßigkeit von Reichsgesetzen für überflüssig und schädlich. Das Periahren vor dem Staatsgerichtshof sollte auf Verfassungsstreitigkeiten, d. h. Meinungsverschiedenheiten zwischen den an der Gesetzgebung beteiligten Organen, beschränkt bleiben. Sind Reichspräsident und Reichsregierung, Mehrheit und Minderheit von Reichs- tag und Reichsrat sämtlich einverstanden über die Derfaffungs- Mäßigkeit eines Gesetzes, so besteht bei dieser Einigkeit politisch so verschieden gearteten Stellen eine so starke Vermutung für die Verfassungsmäßigkeit, daß Zweifel irgendeines Amts- richters daran, auch wenn sie vom Oberlandesgericht geteilt werden, nicht �u dem in jedem Falle die Rechtssicherheit er- schütternden Versahren vor dem Staatsgerichtshof führen dürfen. Bedenken weckt ferner die Borschrift des Entwurfes, daß dem Staatsgerichtshof die Entscheidung auch darüber zustehen soll, ob ein Gesetz„rechtsgültig zustande gekommen ist". Das könnte dahin ausgelegt werden, daß etwa auch die im Ein- Verständnis mit dem Sitzungsoorstand getroffene Feststellung des Reichstagspräsidenten, bei einer Abstimmung habe die Mehrheit oder die qualifizierte Mehrheit der Abgeordneten gestanden, vom Staatsgerichtshof etwa durch Zeugenver- nehmung nachgeprüft werden könnte, rein innere Ver- h ä l t n i s s e des parlamentarischen Betriebes also unter die Kontrolle außerparlamen- tarischer Instanzen gestellt würden. S�iießlich ist es eine Lücke des Entwurfs, daß er wohl im Falle der Vcrkündung eines verfassungswidrigen Gesetzes, nicht aber im Falle der R i ch t v e r k ün d u n g eines vorgeblich verfassungswidrigen Ge- fetzes durch die Regierung das Versahren vor dem Staatsgerichtshos zuläßt. Man kann bei unseren Varteiverhältnissen nicht einwenden, einer Regierung, die ein von der Mehrheit des Reichstags angenommenes Gesetz nicht verkünde, werde das Vertrauen entzogen werden— es ist nicht sicher, daß sich die Mehrheit, die das Gesetz abgelehnt hat.�aiich zum Sturz der Regierung zusammenfindet. Deshalb muß die durch fi 7 eröffnete Möglichkeit, schon über die Ver- fassungsmäßigkeit noch nicht verkündeter Gesetze ein Gutachten de? Staategerichtshofs herbeizuführen, nicht nur dem Reichs- Präsidenten und der Reichsregierung, sondern auch der Minderheit des Reichstags und des Reichsrats gewährt werden. Mit Recht hat also Genosse Rostnberg auf die Gefähr- lichk'st de? Entwurfs hingewiesen. Sie dark aber bei der Un- erläßlichkeit gesetzlicher Regelung der einschlägigen Fragen nicht zu seiner Ablehnung führen, sondern nur zu seiner Um- gestaltung.____ Ein Heßler-dementi. Fabriziert von Herr« Wilhelm Pieck.— Er gibt tvranaten und tvistga«« zu. Herr Wilhelm Pieck, Mitglied der kommunistischen Zentrale, schickt uns folgende Bestätigung in Form eines Dementis: „Ich ersuch« Sie, in der nach Empfang dieses Briefes erscheinen- den nächsten Nummer des„Borwärts" folgende Erklärung auf- zunehmen: Die in der Abeudauegab« des„Vorwärts* vom 10. Januar in der Notiz„Die Sowjetgranaten* enthalten« Behauptung. daß„tn einer Sitzung de» Politbureous der kommunistischen Zentral« der Abg. Pieck f c st g« st« l l t Hot, daß die Angaben über die Granaten- und E i f t g a s fa b r i ka t i o n in Rußland und die Munitionstransport« noch Deutschland auf Tatsachen beruhen*, ist«in« L ü g e. Ich habe weder im Polit- bureau, nach an irgendeiner anderen Stell« ein« solch«„Feststellung* über Munitlonstronsporte genracht, noch konnte ich sie inachen, weil sie den Tatsachen nicht entsprechen.* Es ist also wahr, daß Granaten- und Giftgas- f a b r i t e n in Eefu-Betrieben in Rußland von Pieck zu- gegeben worden sind. Die Munitionstransporte leugnet er hartnäckig in der Oeffentlichkeit—- man darf nichtzuviclaufeinmal zugeben. Im übrigen hat die Berührung mit der Reichswehr Früchte getragen. Dieses Pieck-Dementi könnte aus dem Reichswehrministerium stammen. das Zentrum gegen Eurtlus. Für die Grohe Koalition. Die Reichstagsfraktion des Zentrums tritt, wie schon gemeldet, heute abend zusammen. Nach dem Verlauf der Sitzung, die der Fraktionsvorstand gestern abgehalten hat, ist anzunehmen, daß die Kandidatur C u r t i u s heute abend erledigt sein wird. Im Anschluß an das Communiquä über die gestrige Sitzung, wonach der Vorstand gegen Curtius „schwere außen- und innenpolitische Bedenken* hat, führt die „Germania" aus: Die Bedenken, auf die im obigen Communique des Fraktion?- vorstände« der Zentrumspartei Bezug genommen wird, sind dieselben, die wir an dieser Stell« schon des öfteren ausgeführt haben. Sie find sowohl außen, wie innenpolitischer Natur. In außenpolitischer Hinsicht beziehen sie sich auf das absolute Fehlen jeder Ge- währ für die Fortführung der Außenpolitik in dem Geiste, der sie seit Iahren erfolgreich beherrscht hat und der nach der festen Ueberzeugung des Zentrums auch weiterhin maß, gebend sein muß, wenn die Zukunft die Frücht« zeitigen soll, die man von ihr erhofft. Und was die Innenpolitik angeht, so brauchen wir nur an die sozial- und wtrtschaftspolitischen Materien zu«rinnern, die den Reichstag in der nächsten Zeit beschäftigen werden. Daß es möglich Ist, dies« Frag« mit dem von Dr. Curtius beabsichtigten Kabinett zu lösen, glaubt das Zentrum nicht. Di« innen- und außenpolitischen Bedenken, die der Fraktionsoorstand der Zentrumspartei hier noch einmal in den Vordergrund gestellt hat, erscheinen angesichts des Verhallens der Deutschnationalen Volkspartei in den letzten Monaten geradezu unüberwindbar: andererseits aber will es uns scheinen, als ob bei allseitiger vernünftiger Behandlung auch noch ander« Möglichkeiten der Lösung der Krise gegeben wären. Die Auffassung des Zentrum? geht nach wie vor dahin, daß die Lösung der Schwierig- leiten, in denen wir uns jetzt befinden, am besten durch«in Zu- sa m m« na r b« iten der Parteien von der Deutschen Bolkspartei bis zu den Sozialdemokraten erreicht würde. Die außerordentlichen Schwierigkeiten, die dem Zu- sammenarbeiten der Sozialdemokratie und der Volkspartei entgegenstehen, wird man auch im Zentrum nicht verkennen. Ebenso weiß man Hort, daß die Volkspartei zurzeit fester denn je entschlossen ist, das Zustandekommen einer Großen Koalition zu verhindern. Der Beschluß, den das Zentrum heute abend fassen wird, wird daher kaum mehr als negative Bedeutung haben, indem er die Kandidatur Curtius aus- schalten wird. Dann erst wird der harte Kampf um die positive Lösung beginnen._ Lobe und Zaleski. Ter ReichstagSpräsident in Tanzig. D a n z i g, 12. Januar.(TU.) ReichstagSpräsident Lobe sprach gestern abend iu Danzig über den öfter reichisch deutschen Anschlußgedanken. Dem Vortrag wohnten u. a. der Präsident de» Senates. Dr. S o h m, und der deutsche Generalkonsul p. T h e e r m a n n bei. Cbbe streifte auch die letzte Rede de» polnischen Außenministers Z a l e f k i und erklärte: Wir in Deutschland ebenso wie auch sicher Sie hier in Danzig sind sehr verwundert über den unzemein drohenden Ton dieser Rede: ich glaube, daß Deutschland dazu nicht den geringsten Anlaß gegeben hat. Ich kann nur sagen, daß solche drohenden Reden dem Gedanken de» Arledens kaum dienen. Lei uns denkt kein Mensch an feindselige Hand- lungen gegen Polen, sondern wir sind überzeugt, daß In beiderseitigem Interesse die etwa vorhandenen strittigen Fragen aus friedlichem Wege ausgeglichen werden können. « Am 16. d. M. spricht Genosse Löb« in der westpolnischen Industriestadt Lodz anläßlich de? Jubiläums der Deutschen Sozialisti- schen Arbeltspartei Polens: der ReichstagSpräsident wird dabei die Frage der dauernden Friedenssicherung in Osteuropa behandetn. Wie . wir hören, wird auch Mg. Genosie Stiedziarkowfti. Mes- redakteur des polnisch-sozialistischen Zentralorgans„Robotnik", Warschau, an dieser Feier teilnehmen, ebenso Abg. Genosse Otto Bauer- Wien für unser« deutschösterreichische Bruderpartei. warschauer öefürchtungen. Warschau. 11. Januar.(OE.) Wie verlautet, ist die polnische Regierung eifrig bemüht, durch den französischen Botschafter in Paris die Ansicht zu verbreiten, daß von den deutschen Ost- f e st u n g e n Kriegsgefahr drohe, weil„die deutschen Wils- taristcn* bei cinein„Ueberfall aus Polen* sich auf diese Befestigungen stützen könnten. Auch von angeblich dort angesammeltem Kriegs- Material für die Russen ist die Rede und im Zusammenhang damit läßt man wieder einmal die Sowjetarmee als drohendes Gespenst auftauchen. Die von der Sowjctregierung bereits deinen- tierten Nachrichten über Zusammenziehung von Gruppen an der Westgrenze der Sowjetunion tischen die polnischen Pilsudski-Blätter auch jetzt noch auf. Auch in der soeben abgeschlossenen Tagung des Parteirates der christlich-demokratischen Partei klagten die Redner über die gcfähr- liche Isolierung Polens und seine Bedrohung von Osten und von Westen. Dazu komme noch die kühle Zurückhaltung der baltischen Staaten. Korfanty äußerte sich ebenso pessimistisch über die wirtschaftliche Lag« Polens. Korfanty fordert sofortige wirtschaftliche Verständigung mit den großen Nachbarländern. Polen sei in Gefahr, in wirtschaftlicher Hinsicht„in eine katastrophale Lage zu geroten*, was besonders in den Grenzgebieten wie Oberschlesien„unberechenbare Folgen nach sich ziehen müßte*. Wird Wilna Festung? wilna. 11. Januar.(OE.) Aus Wilna eingetroffene Litauer berichten, daß die Polen eifrig an der Befestigung Wilnas arbeiten. Wilna soll angeblich in eine Festung oerwandelt werden mit 4 Forts, 2 auf jedem Ufer der Wilja._ Ermordung eines Zafchiftenführers. Signal für neue Schandtaten? Rom. 11. Januar.(WTB.) In einem Orte in der Provinz P i a c e n z a wurde der faschistische Sekretär E o ch o t t o nach einem Streit mit zwei S o z i o l i st e n auf seinem Heimwege durch zwei Gewehrschüsse getötet. Die Täter sind entflohen. Faschistischer Gröstenwahn. Rom, 11. Januar.(WTB.) Der Generalsekretär der faschistischen Partei gibt bekannt, daß die faschistische Partei nur die faschistischen Studentengruppen anerkenne, die allein autorisiert seien, die italienischen Studenten aus inter- nationalen Veranstaltungen und in ihren Beziehungen zu anderen Studentenverbänden zu vertreten. Ueber Italien hinaus haben die Oberbanditen Mussolinis noch nicht zu befehlen: solche Organisationen, die sie als alleinberechtigt erklären, sind bei den zivilisierten Menschen schon von vornherein abgemeldet._ Sicherung des flrbeitsfriedens. Borschlag Arthur Hendersous. Oondon, 12. Januar.(EP.) Der Arbeiterführer Arthur Henderson sprach in Falklrt u. a. über die Notwendigkeit des industriellen Friedens. Er machte den Vorschlag, daß der Premier- minister den Sprecher de» Unterhauses beauftragen möge, eine Konferenz zwischen Vertretern der Gewerkschaften und der Unternehmer einzuberufen. Er erachtet die Frage für reif, eine ständig« nationale Behörde einzusetzen, die Borschläge zur praktischen Regelung der Beziehungen zwischen Unternehmern und Arbeltern machen soll. Dieser Vorschlag Izendersons beruht auf den Arbelten eines Komitees vom Jahre ISIS, das vom Premierminister Lloyd George eingesetzt worden war, dessen Empfehlungen aber unter den Tisch fielen. Musik. von Kurl Offenburg. Wenn du zum Tod« verurteilt im Gefängnis oder Krankenhaus d!» Minuten zähltest, die dich von der schrecklichen Leere des Nichts iwch trennen, und d» dächtest an den Klang einer Drehorgel— von einem schmierigen Bettler gedreht, quiekend« Wiederholung ver- flossener, abgeleierter Ueberschtvenglichkeiten— ergriff« dich nicht rasende Sehnsucht nach dem Glück des atmenden Rhythmus„Ver- weil« doch...* * Aus dem Gemurmel des Gebetes am großen Festtag« der Juden tönt ein« stammend« Stimm«: die fanatisch« Ekstatik des von Hunger und Gebet«ntkorperten Aorsängers, der dos Bekenntnis der Sünde und die Schwüre des Glaubens zu seinem Gott aufschreit, daß die gleichgültig« und müde Gemeinde in Angst vor dem Vergelter er. zittert... * In trostlosem Verlangen dehnt sich das Burlakenlied, das die Wolgamänner singen, wenn st« die schwer beladen«« Kähne den Fluß hinaufschleppen,— bis endlich«in« Einzelstimm« den Rhythmus cmporwölbt und aus der Oed« der Schmermut in den unendlichen Himmel hinausschwingt... In einer kleinen Wirtschaft— matt und schwer verhängt vom Nebel aus Alkohol, Tabak und billigem Essen— hocken satte, rund- bäuchige Bürger und sinnlich dösende Liebespärchen beisammen. Es ist llberftüssia, daß das Musikanten noar zur Tür hereinkommt. Mit blinzelnde» Blicken sieht das abgeblüht« Weib im dürftigen Putz des neckischen Dirndlkleides zu dem versoffenen Kerl auf, der die Zieh- Harmonika trägt. Sie singen Duette von grausiger Verblichenheit. und immer, wenn der Mann den Versuch macht, die Begleitung in der Terz zu nehmen, dann wackelt des Weibes schriller Sopran, daß der Boß sich schleunigst zum Unisono wendet. Mud und zerschlagen singen sie ihre öd-n Locklieder.— Dann aber, wie er wärmer wird und seine erst noch heisere, versoffen« Stimm« sich lösen fühlt, muß das Weib schweigen. Sein Boß ist noch schön in der Mittellage: sein« breiten Nüstern blähen sich auf, wenn er«inen dunklen und voll vibrierenden Ton ausspinnt: die zerbrochenen Stellen deckt er nicht ohne Geschicklichkeit.— Schmalzige Sentimentalität reizt zum Lxchen.„A-ach Gott... man trä-ägt, wa-as man nicht ändern ka-an..* Aber je mehr er ins Singen kommt, um so echter wird seine Musikalität, und sieh«!— sein Publikum, diese in faules Be- Hagen verkrochen« Gesellschaft, beginnt aufzutauen. Und wie es klatscht, die Frau mll dem Teller umhergeht, der Künstler einen Schnaps spendiert bekommt, fällt all« Hemmung und Niedrigkeit von ihm ob. Er wandelt sich: Cnergi« und Vehemenz spannen das trüb« ui.d schlaffe Gxsicht, und er singt einen einfältigen und sentimentalen Schlager mit einer Steigerungskroft, die sich erschüttert. * Und w«?d«r siehst du diesen Mann. Vielleicht ist er jung und von matter Dlondheit: aber du erkennst den Typus im Stehgeiger des eleganten Tanzetablissements, dessen„beliebte' Kapelle die Leute anlockt. Auch auf diesem Gesicht sieht man im gedämpften Licht der Alabasterschalen die dämmernd« Berwüstung. Die müde, aschgrau« Leere der Züge aber erglüht, wenn er spielt: ivenn er die Musiker und durch sie den Saal der Tänzer mit seinem rasenden Willen zur Lull aufpeitscht.— Auch hier ist das Musikstück das mindeste. Vielleicht hat er nie ander« Kunst erlebt, als dies« Iimmies und Foxtrotts, die er auf seiner Geige anführt. Aber er erfüllt sie mit der Intensität seines Sein», und er verschwendet im Taumel alle Reserven seiner Nerven. Er oerzehrt zur Berauschung der parfümier- ten und stockenden Luft und der Seelen dieser Hungrigen und Ueber- satten sein Ich, so daß nichts mehr übrig bleibt für dos Leben seiner Tage, als ein« gefühllos« und leere Kreoiur. * Äle du versunken am Tisch« sitzest und vom Tanz dieser Musik in wirbelnd« Aerlorenheit gewiegt wirst, schwindet der Saal m\d die Pracht der falschen Perser und gleißenden Damast«... Und du bist jöhliiuj« in einer reinen, weißeu Hall«. Welche Gehörshalluzination erweat in dir die Trunkenheit und selig« Feierlichkeit des Schlusses der Neunten Symphonie?„Brüder überm Sternenzelt.. Und die Melancholie des Burlakenliedes, die Ekstatik des Vorbeters In der Synagoge, d!« Wollust des Geigerz im Tanzvalast, der rhythmische Schwung des Sängers in der Kneipe, und Weisheit und Bändigung: sie sind in der Leistung des Mannes, der das gewaltige Orchester mit dem leichten Druck, dem kaum merkbarem Wink seines Stabe» und mit der Gewalt seines sonnenden Willens zum Leben zwingt. Musik ist alles: Erhebung über Nöte des Daseins in ein« Sphäre der reinen Erlösung, und Musik ist die Lust der Sinn«, daß sie ausbrausen und überschäumen und sich selbst im Rausch zer- stören. Aber unbegreifliches Phänomen: so weit entfernt dieses ewig Jenseitige und das rohest« Diesseits von«inander sind,—, es geschieht, daß das Blut zu Geist und Geist zu berauschendem Blut wird Ein dämonischer Augenblick— und die Erhöhung des Gelärms einer Jazzband« reißt dein« Seele In» Unermeßliche, und der:anz«nd« Stehgeiger tobt ln der Besessenheit des Gottes. Nur weil der Auf- lchwuna so kurz ist, die rauschhaste Minute verfliegt und tobende Schlaffheit allzubald die rasch erblüht« Seligkeit entleert, glauben wir nicht an die Wirklichkeit der Erfüllung. Und doch wirkt dieselbe Triebkraft In den Fontänen von Seligkeit, die sich im Tanzsaal über uns ergießen, wie in der„helligen Kunst: in der Leistung de? Künstlers, der all« Hemmungen der Technik überwunden hat, um dos Wesentliche in Freiheit sagen zu können. Alelleicht ist es nur«in kleiner anatomischer Unterschied im Gehirn,«ine Frage der Beharrlichkeit. i«r Arbeitszähigkeit, die den Meister von dem kleinen Bruder Musiker unterscheidet, der nur niinutenlang(und vielleicht nur, weil seine arme Seele von Alkohol und Lieb« gespannt ist) dos Ewlg-Eü« erfühlt und aus sich tönen läßt. Entdeckung unserer götterlosen Gegenwart: daß die Grenze, die oergongen« Generationen haarscharf und streng zwischen dem heiligen Land der Kunst und dem Lustgarten des Bergnugens gezogen haben, fließend ist: daß in dem Schnelligkeitstaumel der Motoren, in der letzten Kraftleistuug der Muskel und in jeder Steigerung deines Seins der gleich« bebend« Rhythmus schwingt wie in oer Erhöhung der Kunst. Rainer Maria Rilke zum Gedächtnis. Dem kürzlich verstorbenen Dichter widmet« in der Luch- und Kunsthandlung Reuß und Pol lack Mary Schneider-Braillard ein« Stunde des Gedenkens. Paul Balerys und Artur Silbergleits Verse an den Toten, Rilkes„Selbstbildnis*, sein« Dichtung„Tod des Dichters* begonnen den Abend als feierliches Requiem. Dann gestaltet« Mary Schneider das Werk Rilkes, an wenigen, doch mit großer Liebe und gtcßem Verstehen ausgewählten Versen. Die Frauen, die toten und doch so lebendigen Ding«, die Musik, den großen Dreiklang im Leben dieses Dichters, das so sehr wie kaum je«in anderes auf die Harmonie der Schönheit abgestimmt war, ließ sie einer andächtige» Hörerschar ertönen. Mit einer Eindringlichkeit, die man Besessenheit nennen könnte, wenn dieses Wort einem Rilke-Abend nicht gar so fremd bleiben würde, formt« sie die Vers« nach, ihren klingenden Melodien ganz hingegeben und doch so, daß man über der Musik der Wort« nie ihren Inhalt vergaß. Auch von den letzten, in französischer Sprache geschriebenen Dichtungen Rilkes hörte man einige. Sie waren voll Schönheit wie alle fein« Verse,«in wenig müder, älter nur. Wohl auch nicht ganz so intensiv ihn selber wiederklingend wie sein« deutschen, doch sicher wert, gehört und geliebt zu werden. Tee. Reichsvolkskunslausstellung. Bekanntlich plant der Reichskunst- wart«ine Reichsoolkskunftausstellung, die im ganzen Reiche gezeigt werden soll. Die Vorbereitungen für die Ausstellung, die von dein Reichskunstwart Dr. Redslob getroffen werden, find soweit gediehen, daß die notwendigen Unterlagen, nanientlich über die Höhe der er- forderlichen Mittel usw. In den nächsten Wochkn dem Reichstag zu- gehen können. Drahtlose Filmübertrogung.„Times" meldet aus New Bork, daß die Uebenragung von tmematographychen Filmen auf draht- losem Weg« ein« vollendete Tatsache sei. Dies sei von einem Mit- glied de» Institut» für Radiotechnik in New Bork Dr. Alexanderson dargetan worden. Mit einem einfachen Apparat Hab« er auf droht- losem Wege einen Film auf dl« Leinwand projiziert, der ihn selbst im Gespräch mit Freunden darstellt. „Aloderve Kunst und üunslbclrachtung- ist da» T&ema zweier Lichi- bildervorlrSae. die Pros. H e r m. S a n d k u b I aus Tinladuna der 83 o l k s- b ü b n e bält. Di« erste Veranstaltung findet am Sonnabend, den tb; abend« 8 Ubr. im Hirsaal de« NunstgewerbemuIeumS, Punz- Awrechtstrajj« 7», statt. Zm Salser-Irledetch-TNufrum beginnt Dr. B. Daum, Dezerneut filr flunli im VolizeiprSsidium, am lk., norm.'/,10— U«/, Ubr, em« Vortrag«- folge von jüns Doppelstunden über die Meisterwerke der Malerei und Plastik. Eine Ausstellung von Schülerarbeitea de» Saat-Realgymnoflum» in Karlshorft und de« Jahn- ist ealgtimnasiumS in Lichtenberg, der Klassen de« Maler« und Aeichenlehrer» Hugo Händel ist vom 17. ab in der Kunstausstellung.Ter Sturm". Potsdamer Str. 13t a. zu scheu. Ferner neue Aquarelle und Zeichnungen von Hugo Schciber-Budapest. vre voll de» Tschechoslowakischen fi Iis, verein» findet Sonnabcod, den 45. d. M., im H o t c l K a i j e r h o s statt. Hilfe bei öer Ein Segen fiir die Kind> Die vom Landesberufsamt Berlin veranstaltete Bortragsreihe über Berufswahl wurde am Dienstag mit Borträgen über grundlegende Fordeningen der Berufsberatung eröffnet. Den großen �örfaal der staatlichen Kunstbibliothcl(Prinz- Albrechtstraße 7a) füllte eine dichtgedrängte Zuhörerschaft, die aus Eltern. Bormündern, Lehrern, Wohlfahrtspflegern, Jugendpflegern und auch vielen Jugendlichen sich zusammensetzte. Einleitend sprach Direktor Dr. Liebenberg(vom Landes- berufsamt Berlin) über die vom Berufsberater zu leistende Hilfe bei der Berufswahl. Die wirtschaftliche und tech- nische Entwicklung mehrt andauernd die Berussartcn(es gibt schon über 15 000 verschiedene Berussbezeichnungen) und erschwert immer mehr die Uebersicht über die Berufsmöglichkciten. Dazu kommt, daß die meisten Berufe„überfüllt" sind. In jährlich etwa 4l)l)0v Fällen wird die Hilfe der Berliner Berufsberatung in Anspruch ge- nommen. Eltern fragen gewöhnlich nur, welche Berufe die aussichtsreichsten find. Berufsberater müsien auch danach sehen, auf welchen Beruf Eignung und Nei- g u n g ein Kind hinweisen. Die Eltern sollten das schon beachten, wenn sie ein Kind von der Grundschule zur höheren Schule bringen wollen. Ein Junge, der mit abgeschlossener Bolkeschul- bildung in eine Handwerkslehre geht, findet ein besseres Fortkommen als andere, die in unteren Klasien höherer Schulen hängen bleiben und dann von Handwerksmeistern ungern noch genommen werden. Die Wahl der richtigen Schule und danach die Wahl des richtigen Berufes bewahren die Eltern und das Kind vor Sorge und Leid. Die Forderungen des Arztes bei der Berufswahl erörterte Berufswahl. r— und für die Eltern! Dr. Pryll, Chefarzt der Allgemeinen Ortskrankenkasse Berlin. Er zeigte, wie verhängnisvoll eine Berufswahl werden kann, wenn dabei nicht auf die gesundheitliche Eignung gesehen wird. Dr. Pryll, der früher Gewerbearzt war, hat vor längerer Zeit durch sorgfältige Beobachtung von Lehrlingen festgestellt, das; unter den nicht von einem Arzt vor der Berusswahl untersuchten Lehrlingen 27 Proz. im ersten Jahr ihrer Lehrzeit erkrankten. Der deutschen Berufsberatung sei nachzurühmen, daß sie von Anfang an den Arzt als Mitbarater hinzugezogen habe. Der Arzt muß den Gesundheitszustand des Jugendlichen prüsen, etwaige Krankheitsanlagen ermitteln und die Einwirkungen des zu wählenden Berufes beurteilen. Er muß die Berufe und ihre Eigenart kennen und zu diesem Zweck in dauernder Verbindung mit Gewerbe und Industrie bleiben. Der Vortragende nannte einige Beispiele von Berufen, die f ä l s ch l i ch als„l e i ch t" g e l t e n, den Gärtncr- beruf, den Buchbinderberuf, den Buchdruckerberuf, deren Anforde- rungen manchem Schwächlichen nur zu bald fühlbar werden. Dr. Pryll wünscht, daß die Erkenntnis der Notwendigkeit ärztlichen Rates bei der Berufswahl in weitesten Kreisen des Voltes sich ver- breiten möge Lehrer Bogen, Leiter der Cignungsprüfungsstelle beim Landesberufsamt Berlin, gab einen Einblick in die Arbeit der psych otechnifchen Eignungsprüfung. Viele Eltern achten kaum darauf, welche Fähigkeiten ein Kind schon im Spiel verrät. Die Mißgriffe in der Schulwahl könnten sich verringern, wenn Eltern ihre Kinder richtiger zu beurteilen wüßten. Wer sür die eine Sache dumm ist oder scheint, kann für eine andere sehr klug sein— und umgekehrt. Zur Eignungsprüfung bei der Berufswahl hat die Prüfungsstelle besondere Methoden und Instrumente, die zuoerlässiaere Feststellungen ermöglichen. Die lehrreichen Vorträge wurden durch Vorführung von Licht- btldern ergänzt. Der Terror in üer Sowjetunion. Gewaltanwendung gegen politische Gefangene. In dem Werchne-Uralsker Gefängnis, dem sog. poli- tischen Isolator befinden sich zurzeit 2W> politische Gefangene, darunter SO Frauen. Der sozialdemokratischen Partei gehören 80 und der ziomstisch-sozialistischen Partei 38 Personen an. In diesem Gefängnis spielten sich vor kurzem haarsträubende Vorgänge ab. In einer der Zellen saß zusammen mit vier georgi- ichen Sozialdemokraten ein parteiloser Arbeiter der„Dynamowerke" Beljankin. Da sich die Georgier, die die russische Sprache schlecht beherrschten, miteinander in der georgischen Sprache unterhielten, fühlte sich Beljankin vollkommen isoliert und bat um die lieber- führung in eine Einzelzelle. Diese Bitte wurde abgelehnt. Er er- klärte deshalb am 13. Oktober den Hungerstreik. In den letzten Oktobertagen verbreitete sich das Gerücht, daß man bei ihm künstliche Ernährung anwenden werde. Als die politischen Gefangenen am 30. Oktober(am 17. Tage des Hunger- strelks!) in Erfahrung brachten, daß man Beljankin unbekannt wo- hin forttzeschafft habe, unternahmen sie als Protest eine Obstruktion. indem sie mit den Tischen und Bänken gegen die verschlossenen Türen schlugen. Die Gefängniskorridore wurden sofort mit Soldaten der politischen Staatspolizei(der Tschcka), die sich sonst in der städtischen Kaserne befanden, besetzt. Die Tschekisten drangen in die Gefängniszellen ein(viele von ihnen waren betrunken) und er- klärten, daß über das gesamte Gefängnis für drei Tage Karzerzu- stand verhängt sei. Daraufhin warfen sie Tische, Bänke, Betten und die Sachen der Gefangenen in den.Korridor hinaus. Als sie da- mit fertig waren, fielen sie in Gruppen von 20 bis 25 Personen über die Gefangenen her und zogen ihnen mit Gewalt die Stiefel von den Füßen, wobei sie Ihnen zwischen- durch Außlritle und Faustschläge versetzten. Noch empörender war das Verhalten der Tschekisten in der Frauen abteilung. Nachdem sie sämtliche Sachen aus den Zellen hinausgeworfen hatten, begannen sie den Frauen die Schuhe und Strümpfe von den Füßen zu reißen. Es war ein entsetzlicher An- blick. Die einen packten die Frauen und hoben sie in die Höhe, die anderen zogen ihnen die Schuhe und Strümpfe aus, wobei sie ihre Opfer auf die gemeinste Art beschimpften. Die Sozial- reoolutionärin Kscheschnewska, die gegen diese Behandlung pro- testierte, wurde zu Boden geworfen und blutig geschlagen. Auch Holzmann und viele andere Frauen, deren Namen noch nicht festgestellt worden sind, wurden auf diese Weis« mißhandelt. Auch die Genossen Dalinski und Dichter wurden für den Versuch, ihre Frauen zu schützen, verprügelt. Dasselbe Schicksal ereilt« auch die kranken Genossen, die in einer besonderen Zelle untergebracht waren. Hier wurde u. a. auch der kranke und ganz alle Skrukow verprügelt. Diese Mißhandlungen wurden am 1„ 2. und 3. November, so- wie an den folgenden Togen, nachdem der Karzerzustand aufge- hoben war, fortgesetzt. Besonders schlimm wurden die Petersburger Studenten, darunter Lewitzki, Tarasow u. a. zugerichtet, die im Jahre 1325 unter der Anklage der Zugehörigkeit zur sozialdemo- kratischen Partei oerhaftet wurden. Als Protest gegen diese Gewalttätigkeiten erklärten die Ge- sangenen einen dreitägigen Hungerstreik. Zurzeit herrschen in dem Gefängnis schlimme Zustände. Die Verwaltung ist bestrebt, durch kleinliche Schikanen die Er- regung der Gefangenen auf die Spitz« zu treiben. Bei dem kleinsten Protest werden die Gefangenen verprügelt. Da? Gefängnis steht vor dem Ausbruch eines allgemeinen Hungerstreik». Diese Mitteilungen gingen dem Berliner russischen„Soziali- siischcn Boten" von einem Mitglied der zionistisch-sozialistischen Partei zu, der eben aus der Haft nach Palästina abgescho- b e n wurde.______ der beüeutungslofe dreck. Kommunistenausschluft und Krach in Oesterreich. Die deutsche Kommunistische Partei ist der Affe der russischen. die österreichische der Affe der deutschen. Es wird Fraktionskrach gemacht: in Rußland, in Deutschland, in Oesterreich. Es wird aus- geschlossen, verdammt, verfemt. Je kleiner die Maßstäbe werden, um so lächerlicher wird die Geschichte. Die deutsch- Kommunistische Partei hat 1300 Funktionäre ausgeschlossen. Die österreichische Kommunistische Partei hat nicht genug Mitglieder, daß sie so viele ausschließen könnte. Aber den Krach hat sie. Die Rolle von Ruth Fischer spielt ein Dr. Fr« y. Cr sagt der KPOe. nach, sie habe „... auf die werktättgen breiten Massen nicht nur keinen Einfluß, sondern sie hat mit ihnen nicht einmal V e r b in- d u n g, sie hat nicht einmal das Ohr der großen Masse, ja wird von der großen Masse nicht einmal angehört, sie sei pauschal ein bedeutungsloser Dreck". Frey kämpft nichtsdestoweniger um die„Macht" in diesem bedeutungslosen Dreck, mit Frakticmssitzungen, geheimen Zusammen. künften, eigenen Beiträgen. Dafür ist er ausgeschlossen worden, und die Wiener„Rote Fahne" widmet 30(dreißig) Artikel seiner Hinrichtung. Sckiad« um das Papier. Schade um dag Geld, da» Moskau zahlt. Eine Harlekinade abseits von der Arbeiterbewegung. Indessen, diese Harlekinade zeigt wie ein Hohlspiegel in ver- kleinerten. aber verschärften Zügen den deutschen Kommunisten, welchen Unfug sie eigentlich betreiben. Norwegen unö üer filkoho!� Llbban des«Verbots. Oslo. 12. Januar.(WTB.) Dem Staatsrat wurde ein Bor- schlag betreffend Aufhebung des Branntweinverbots unterbreitet. Einfuhr und Engrosumsatz von Branntwein werden unter das Weinmonopol verlegt und der Detailhandel unter dessen Der- kauf. Das Recht zum Verkauf von Branntwein ist abhängig von der Erlaubnis der kommunalen Behörden und diese Erlaubnis soll vorläufig nur In den Städten erteilt werden, in denen die Bolksabstimmung im vergangenen Herbst eine Mehrheit für die Aufhebung des Branntweinverbots ergab. Räch dem Jahrs 1932 soll die Frage betreffend Verkauf und Ausschank von Branntwein in einer Gemeinde zum Gegenstand einer kommunalen Volksabstimmung gemacht werden können. Der Gesetzentwurf enthält keinerlei Bestimmungen über Rationierung, fondern baut sich auf einer sehr einfachen Kontrolle auf. Diejenigen. die Branntwein kaufen, sollen mit einer Karte versehen sein, die angibt, daß der Karteninhaber nicht zu jener Klasse von Personen gehört, die ein Recht zum Kauf nicht haben, zum Beispiel Per- sonen, die wegen Uebertretung des Alkoholgesetzes bestraft worden find. Weiter enthält das Gesetz Bestimmungen, die ein T o u r i st e n. Hotel, dem die Gemeinde das Recht zum Ausschank von Wein und Bier verweigert hat, berechtigen, diese Verweigerung dem König zur endgültigen Entscheidung ,u unterbreiten. Der Leiter der ZNinderheilzableilung des Völkerbundes. Colban, besucht Oberschlcsien. Er will sich beim neutralen Präsidenten Ca- Zonder über di« Minderheitssragen persönlich informieren. Die Schule üem Staate. Im Rahmen einer Werbeversammlung referierte Genosse Ober- siudiendirektor Dr. K a r s e n in der Aula Friedenstr. 31 über das Thema:„Warum müssen wir unsere Kinder in die weltliche Schule schicken?" Cr führte aus, die Hoffnung auf eine einheitliche Schule in Deutschland hat sich z e r s ch l a g e n. Schon der Weimarer Kom- promiß hat gezeigt, daß man außer den Gemeinschaftsschulen noch andere Schulen schaffen müsse. Und die spätere Entwicklung ergab, daß der Gedanke einer Einheitsschule immer mehr zurück- gedrängt wurde. Zunächst war die einheitliche religionslose Schule die Regel. Die Konfessionsschule sollte nur auf Antrag der Erziehungsberechtigten errichtet werden. Doch drehte sich das Ver- höltnis bald um. In dem letzten Schulaefetzentwurf sind die Kon- sessionsschulen die Regel. Wohin schließlich dieser Weg führt, zeigt das Konkordat in Bayern, der Vertrag zwischen Kirche und Staat, der die Schule ganz unter die Macht der Kirche stellt. Parallel mit dieser Entwicklung geht natürlich die Lehrer- bildung, und die Akademien in Preußen sind ja bereits konfessionell Für die Lehrer ist die Borherrschaft der Kirche über die Schule unerträglich, denn jeder ihrjiicht genehme Lehrer kann durch die Kirche sein Amt verlieren. So hat die Gesamtheit des Volkes das größte Interesse, die Schule dem Staate zu erhalten. Der Redner zeigte entwicklungsgeschichtlich, wie die Lebens- Notwendigkeiten der heutigen Menschen entstanden. Ein Bedürfnis aus Furcht vor unbekannten Naturkräften, Schutz bei einem höheren Wesen zu suchen, hört aus. Auch in seelischen Nöten ist die Leben»- gemeinschaft, der Kamerao, der Genosse die Hilfe. Das Proletariat hat erkannt, daß die Gemeinsamkeit seiner Arbeit seine Macht und sein« Stütze ist. Die Schule, die Menschen erziehen soll, die sich dieser Gemeinschaft einordnen, muß aus dieser Gesinnung«nt- springen. Das kann nicht mehr Sache der Kirch« sein. Die Lebens- gemeinschaftsschule gehört dem Staat, der Gesamtheit des Volkes. An Beispielen aus dem Unterricht zeigt« sodann der Redner, wie die Erziehungsarbeit einer solchen Schule diesem Ziel zuführt. Er wies den Vorwurf, der oft erhoben wird, die weltliche Schule er- ziehe die Kinder nicht zu moralischen Menschen, zurück. Er zeigt gerade, daß erst die Lebensgemeinschaftsschulen, dadurch, daß sie aus der Gemeinschaft heraus erzieht, die Kinder zu moralischen Menschen macht. Die Aussprache unterstrich nur, nachdem auch ein Gegner zu Worte kam, die Ausführungen des Redners. Mit der Aufforderung an die Versammelten, alle Kräfte zur Errichtung von weltlichen Schulen einzusetzen, schloß die Versammlung. Aushebung einer Zälscherwerkstätte. Eine Fälscherwertstatt, die in großem Umfang« seit Oktober 1925 Marken sür die Invaliden- und Angestelltenver- s i ch e r u n g herstellte, wurde in Spandau von der dortigen Kriminalpolizei ausgehoben. Der Fälscher, die Bertreiber wurden hinter Schloß und Riegel gesetzt. Für die hungernden Schulkinder. In der Berliner Stadtverordnetenversammlung hatdiesozialdemokratischeFraktion folgenden Dring- lichkeitsantrag eingereicht: „Die Mittel für die Schulkinderspsisung sind tn verschiedenen Bezirken so weit erschöpft, daß zum Teil eine Verminderung der Speisen auf ein Drittel des bisherigen Umfanges erfolgen mußt». Die Stadtverordnetenversammlung beschließt die Fortsetzung der Speisung und ersticht den Magistrat um eine dahingehend« Vorloge." Ueber den Antrag wird die Stadtverordnetenversammlung om morgigen Donnerstag zu entscheiden haben. Die neuen Düngemittel. Der Verein Deutscher D ü n g e r f a b r i k a n t e n lud zu einem Vortrag über die„physiologische Reaktion der Düngemittel" ein. Der Zweck der Veranstaltung war, einer größeren Allgemein- heit di« überaus günstige Wirkung des Superphosphntes als Dünge- mittel erneut vor Augen zu führen, das. im Vergleich zu allen anderen Dungstoffen, keinerlei säuernde Veränderung des Bodens im Gefolge hat. Die Fabrikation des Superphosphates ist auf das Jahr 1840 zurückzuführen, wo Liebig durch seine Arveiten die Grundlage für eine Industrie gab, welche die Aufgabe hatte, die in der Natur vorkommenden unlöslichen und daher das Pflanzen- Wachstum nur in sehr bescheidenem Umfange fördernden Phosphate in«Inen leicht löslichen Dünger umzuwandeln. In letzter Zeit glaubte der Betriebswissenschastler Profesior Aereboe ein starkes Sparen mit Superphosphat empfehlen zu können, um die erhöhten landwirtschaftlichen Betriebskosten— nach dem Kriege setzte ein« erhebliche Berteueruna dieses Dungstosfes ein— zu reduzieren. Man ist jedoch in dieser Beziehung sowohl in der Wissenschaft wie in der Praxis weit über das Ziel gegangen. Die Superphosphat- Industrie kommt den Landwirten dadurch entgegen, daß sie durch ein« scharfe Rationalisierung in der Lag« gewesen ist. die erheblich gestiegenen Phosphatpreise wieder fast aus das Borkriegsnioeau zu senken. Nach den Ausführungen von Zlommerzienrnt Klamroth, Halberstadt und Pros. Kappe», Bonn, folgte die Vorführung«ine» Filmes, der die Bedeutung der Superphosphates und seine Erfolge in der Landwirtschast zum Ausdruck brachte. Gberst hepmannsberg vor öem Reichsbanner. Das Reichsbanner hatte zu gestern abend eine Funktionäroer- sammlung einberufen. In der P o l i z e i o b e r st H e y m a n n s- b e r g über die„Polizei der Großstadt" sprach. Die Polizei im heutigen Staate, so führte der Redner aus, unterscheidet sich im wesentlichen von der Polizei der Vorkriegszeit. Früher war die Polizei ein Machtinstrument einzelner Herrscher und Fürsten und darum verhaßt bei der Bevölkerung, während im Volksstaat die Polizei im Dienste der Allgemeinheit tätig ist. Dieser Dienst in der Allgemeinheit legt dem Polizeibeamten die Pflicht auf, nach allen Seiten hin auch im politischen Kampf als der neutrale Mittelpunkt zu erscheinen. Die Bevölkerung, die teilweise noch in Erinnerung an die Polizei der Vorkriegszeit bei irgendwelchen Anlässen oder Zusammenstößen sich gegen die Polizei stellt, vergißt, daß der Polizeibeamte im Dienste des Staates tätig ist. Die Polizei- beamlen haben, als 1918 das Staatsgcwölbc zu krachen begann, ihren Dienst nach wie vor weiteroersehen: ohne Rücksicht was kommen werde, haben sie sich den neuen Machthaber» zur Ver- fügung gestellt, um Ordnung und Ruhe soweit wie möglich aufrecht- zuerhaltcn. Wir wissen, daß jeder Beamte, vom Unterwachtmeister bis zum Kommandeur nicht des Gehalt» wegen, sondern aus Ueber- zeugung für den republikanischen Staat einrritt. Minister Severins hat mit seinen Worten„Bitte treten Sie nähe r", sagen wollen, doß Polizei und Bevölkerung zusammc>- arbeiten müssen. Diese Zusammenarbeit legt auch der Bevölkerung die Verpflichtung auf, am Ausbau des heutigen Staates mitzu- wirken. Daß die Polizei treu zur Bcrsassung steht, hat sie oft bewiesen. Im Anschluß ein die Ausführungen des Polizei- obersten Heymannsberg sprach Gauvorsitzender Koch, d«r aus- führte, daß die Polizei in ihrer Arbeit auf die weiteste Unterstützung der Bevölkerung rechnen müsse. Daß die Polizei ihre vielfältigen Aufgaben nur dann richtig lösen könne, wenn die Zusammenarbeit von Polizei und Bevölkerung hergestellt sei. Genossin Lüdke, geb. Zubeil, sendet uns folgende Zeilen: Au- läßlich des Todes meines lieben Baters, Fritz Zubeil, sind uns so viele Beweise der Wertschätzung und Liebe zugegangen, daß es uns nicht möglich ist, allen periönlich zu danken. Ich bitte darum, den herzlichsten Dank an dieser Stelle aussprechen zu dürfen. Genosse Karl Pick bittet uns mitzuteilen, daß er mit dem in Luckenwald« verhafteten Falschspieler gleichen Namens nicht iden- tisch ist. „Berlin in Work. Bild und Lied." Di« vom Bezirksamt Mitte veranstaltet«, acht Abende umfassende Vortragsreihe beginnt am Mittwoch, dem 12. Januar, 8 Uhr abends, im Bürgersaal des B?l- liner Rathauses mit einem Vortrag von Dr. Franz Lcdcrcr: „Sang und Klang aus der Zeit der Romantik". Die Gesänge werden von Charlotte Freyer und Alexander Flehs- bürg vom Berliner Rundfunk ausgeführt. Am Flügel: E in! l Schwartzkopf.___ Die§lüffe steigen! Bautzen, 12. Januar.(MTB.) Erneutes Hochwasser sucht infolge der Schneeschmelze in den L a u s i tz e r Bergen und des anhaltenden Regens das Spreetal und die Umgegend von Bautzen heim. Weite Gebiete sind überschwemmt. Wiesen und Felder stehen unter Wasser. In einer großen Anzahl von Ort- ichasten sind Straßen und Weg« überflutet. Teilweise steht das Wasser bereits in den Hausgärten und bedroht die Häuser. Schwer heimgesucht ist vor allem das Oberland, wo das Wasser starte» Gefälle hat. Die Uebcrschwemmung reicht beinahe an den Stano des großen 5)ochwaljers vom vorigen Sommer. Die Straße ooa Rodewitz nach Nederwitz ist überschwemmt. Das Wiesental bei Groß- Postwitz bildet einen langgestreckten See. Das Tal bei Oehnc ist völlig unter Wasser gcjetzl und unpassierbar. Görlitz, 12. Januar.(WTB.) Im Laufe der Nacht ist die Neiße um weitere 40 Zentimeter gestiegen. Heule morgen um 4 Uhr betrug der Pegelstand 3.10 Meter. Um 0 Uhr war er unverändert, so daß mit einem Stillstand bzw. Zurückgehe» des Hochwassers für die nächsten Stunden gelechnet wird. Die Fluten haben während der Nacht auch die Bleichen v o l l st ä n d i g unter Wasser gesetzt. Prag. 12. Januar.(WTB.) Iin Lause des gestrigen Tag.'s wurde von allen Flüssen Nordostböhmens ein ständiges St ei- gen des Wasserstandes gemeldet. Di« Adler ist 3 Meter über normal aestiegen und hat In großer Breite die Ufer überschwemmt. Infolge des andauernden Regenwetters im Gebirge und der eingc- tretenen Schneeschmelz« ist mit weiterem Steigen der Flüsse zu rechnen. Den letzten Nachrichten zufolge ist im Riesengebirge leichter Frost eingetreten. In ganz Mähren ist ebenfalls ein Steigen der Flüsse zu verzeichnen. Paris. 12. Januar.(TU.) Infolge der Regensälle der letzten Tage und der Schneeschmelze sind in verschiedenen Gegenden Frank- reichs di« Flüsse im Steigen begriffen. Dies trifft besonders bei der Maas zu. Die Saone steigt stündlich um 3 Zenti- meter, so daß man damit rechnen muß, doß sie demnächst über die Ufer treten dürfte. Die Anwohner haben bereits die nötigen Vorsichtemaßnahinen getroffen. Erdstöße in Zlalten.-In Ricosia wurden kurz hintereinander drei starke Erdstöße oerspürt. Menschenleben sind nicht zu beklagen. Mehrere Häuser wurden beschädigt. Der proteftrefolutions»,K!affeakampf*. Reklamierte ResolutionS-Bestellungen. Der Tchiedsspruch über die Arbeitszeit im mitteldeutschen Berg- .au kann die Arbeiter gewiß nicht befriedigen. Während die Berg- arbeiter sich zunächst damit abfinden und sich darauf vorbereiten müssen, mit dem Mehrarbeitszeitabkommen im Frühjahr gründlich aufzuräumen, sucht die KPD. sortgesetzt die jetzt mehr denn je not- wendige Geschlossenheit der organisierten Bergarbeiter Mitteldeutsch- lands zu stören, die Bergarbeiter gegen ihren Verband aufzuputschen, der„die Kumpels verraten" habe. Ilm den Beweis für diesen„Ver- rat" zu erbringen, veröffentlicht die KPD.-Presse angeblich aus Bergarbeiterkreisen kommende Zuschriften und Resolutionen, die die höchste Entrüstung dokumentieren sollen. Da nun längst auch in Arbeiterkrcisen nicht mehr ganz unbekannt ist, wie die Entrüstung gemacht wird, verfehlt das Geschrei seine Wirkung. Das wird um so mehr der Fall sein, wenn wir an einem etlanten Beispiel die Mache aufzeigen. Die organisierten Bergarbeiter stehen i n ni u st e r g ü l t i g e r Disziplin zu den Beschlüssen ihres Verbandes und der maßgebenden Konferenzen. Das gefällt dem„Klassenkampf" in Halle ganz und gar nicht. Er will feinen „revolutionären" Befähigungsnachweis erbringen und wird sicherlich auch„von oben" gedrängt, ,.M a t e r i a l" zu bringen. Er gibt sich auch die redlichste Mühe, reißt Tag für Tag die Gewerkschaftsführer herunter und glossiert die„reformistische" Gewerkschaftstaktik: allein die Bergarbeiter haben mit den ganzen kommunistischen Theaterdonner nichts zu tun. In den Bergarbeiterkreisen Mitteldeutschlands kümmert sich kein Mensch um die Meinung der KPD. in Gewerkschastssragen. Um so weniger, als die Bergarbeiter es noch nicht vergessen haben, daß die zeitweilige Sckwöchung und Cinflußlosigkeit der Ge- werkschaften hauptsächlich die schädliche Folge der kommu- nistischen Wühlarbeit war. Trotzdem muß die KPD.-Presse so tun, als ob— alle Bergarbeiter hinter ihr ständen. In ihrer Verlegenheit schickte die Redaktion des„Klassenkampf" in Halle ihren Berichterstattern unter dem 5. Januar folgende Mahnung: werter Genosse! Wo bleiben Berichte über Protestresolutionen Deiner Beleg. schasl und Bilv.-Zahlslelle gegen die Haltung des LAB. und der Resolution der höllischen Konserenz? Der«Klassenkampf" muß überschüttet werden mit solchen Rachrichlen. Macht Ihr von der dortigen Partei aus etwa keine Kampagne? Dringende Antwort unbedingt erforderlich. Mit komm. Gruß Redaktion des.Klassenkampf", halle a. d. S. Für die KPD.-Presse dreht es sich also keineswegs darum, Material gegen das Unternehmertum im mitteldeutschen Bergbau zu bekommen, gegen das reaktionäre Scharfmochertum, gegen die lange Arbeitszeit, sondern um eine Parteikam- pagne gegen die Organisation der Bergarbeite? gegen den Bergarbeiteroerband und gegen die Beschlüsse der Konferenzen der Bergarbeiterver- t r e t e r. Was sollen die armen Berichterstatter des„Klassenkampf" denn tun, um ihre Redaktion zufriedenzustellen? Sie können sich doch die bestellten„Protestresolutione n", mit denen sie das Kommunistenblatt überschütten sollen, nicht aus den Aermeln schütteln? Eine Hetzkampagne gegen den Bergarbeiter- verband sollen sie inszenieren, um ihr Parteiorgan zu bedienen! Die Bergarbeiter aber sind nicht so dumm und gewissen- los, die KPD.-Presse mit Protestresolutionen gegen ihre eigene Organisation zu übelschüttcn: ihre Flüche über eine derart ver- brecherische Art„Klassenkampf" reichen völlig aus, die KPD.-Presse zu überschütten. Ein zweitesmal lassen die Bergarbeiter sich ihre Organisation nicht mehr zertrümmern, weil die Kommunisten nicht schlimmer gegen den Bergarbeiterverband wüten kannten, wenn sie von den Grubenkapitalisten dafür bezahlt würden. Die hier aufgezeigte Protest mache muß auch dem einfältigsten Arbeiter die Augen öffnen über das„revolutionäre" Treiben der KPD. die Not üer Lanüarbeiter. Wie groß die Notlage der Landarbeiter ist, wird neben vielem anderen Material jetzt auch mit Zahlen belegt, die die Magdeburger Eculeitung des Deutschen Landorbeiter-Verbandes bekanntgibt. Die Zahlen zeigen die in verschiedenen Orten Mitteldeutschlands fest- gestellt« Verschuldung der Landarbeiterfamilien auf. Danach sind beispielsweise in B a r b y, Kreis Kalb«, rund 10 0 Landarbeiter bei den Kaufleuten und Fleischern, bei Bäckern >!nd Schneidern mit insgesamt 2800 M. oerschuldet. Für die Beschaffung der allernotwendigsten Gegenständ« ist ein Auf- wand von mindestens 10000 M. erforderlich. In Schönebeck. Kalbe, Staßfurt, Löderburg, Mhensleben, Fövderstedt und Groß-Rosenberg tonnt« festgestellt werden, daß b«i220Land- arbeiterfamilien«ine Schuldenlast von 17 200 M. in Frage kommt. Die von den Familien dringend benötigten Gegen- stände belaufen sich auf eine Summe von 22000 M. Für die Art, in der sich die geschilderten Zustände im einzelnen auswirken, wird folgendes Beispiel angeführt: In M, Kreis W. unseres Bezirks, befindet sich der 2S Jahre alte Landarbeiter S., ver- heiratet und Vater von vier Kindern. S. und seine Frau sind als äußerst strebsam, sauber und fleißig Im Orte bekannt. Trotzdem beide Eheleute die größte Sparsamkeit walten lassen, kann sich die Familie bei ihrem wöchentlichen Einkommen von 10,80 M. nicht die geringst« Anschaffung leisten. Im Gegenteil, die Familie ist derart verschuldet, daß dl« Frau gezwungen ist, am Wochenschluß den er- bärinlichen„Lohn" ihre« Mannes zu nehmen, damit zu den Geschäfts- leuien zu gehen und die in der vergangenen Woche gemachten Schulden zu begleichen, damit sie in der nächsten Woche wieder etwas an. Lebensmitteln lind Gebrauchsgegenständen geborgt bekommt. Kurz vor Weihnachten war nun der Zestpunkt gekommen, wo der Familie nichts mehr geborgt wurde, weil die alten Schulden nicht voll bezahlt werden konnten In zerrissener Kleidung und stark defekten Schuhen mußte der Mann zur Arbeit gehen. Irgend etwas für die Kinder zu Weihnachten zu beschaffen, war der Familie unmöglich. Mit Hilfe eines sozialdemokratischen Kreistogsabgeordneten und des Gemeindevorstehers gelang es dann, beim Kreiswohlfahrtsamt eine Notfallunterstützung von 2 0 M. zu erwirken. Damit wurden dann die schadhaften Arbeits- schuhe wieder hergerichtet, das Notwendigste an Arbeitskleidung ge- kauft und einige winzige Kleinigkeiten für die Kinder als Weihnachts- gefchenke beschafft. Solche Feststellungen kann die Oeffentlichkeit unmöglich weller ruhig hinnehmen, soll die Langmut der Landarbeiter nicht mißbraucht und soll ihr Glaub« an die Gerechtigkeit nicht ganz zerstört werden. Was entstehen muß, ist ein scharfer und anhaltender Druck auf die landwirtschaftlichen Unternehmer, der ihnen zum Bewußtfein bringt, daß sie nicht nur ein Anrecht aus Verdienst, sondeyl auch die Pflicht haben, für«in menschenwürdiges Dasein der Arbeiter zu sorgen, die ihnen den Verdienst schaffen helfen. AwangsinnungS'�pflichten". Di« „Handwerks-Zeitung" der Berliner Handwerkskammer berichtet über ein« recht merkwürdige Entscheidung des Bezirksausschusses z u Potsdam. Die Frifeurzwangsinnung in Branden- bürg hält ihre Versammlungen Montags n a ch m i t t a g s ab. Ein Mitglied dieser Innung blieb der Quortalsverfammlung mit der tristigen Entschuldigung fern, er könne nicht sein G«- schäftschließen.umzur Versammlung zu kommen. Trotz dieser Entschuldigung wurde das Zwangsmllgliä» von dem Vorstand der Zwangsinnung in«ine Ordnungsstrafe genommen und da die Zahlung verweigert ward, die Aufsichtsbehörde in Bewegung gesetzt, um diese„Ordnungsstrafe" für die Zwangsinnung«inzuziehen. Ä« Auffichtsbehärde hob die Geldstrafe auf, und zwar mit Rück- ficht auf die wirlschastliche Lage des betreffenden Geschäftsinhabers, der wahrscheinlich ein Weinmeister ist. Die Zwangsinnung beruhigte sich jedoch nicht mit dieser Entscheidung, rief vielmehr den Bezirksausschuß zu Pots- d a m an. Allein der Bezirksausschuß enttäuschte insofern die auf ihn fiesetzten Hoffnungen des Zwangsinnungsvorstandes, als er den Be- chluß der Aufsichtsbehörde(der Magistrat zu Brandenburg) beitrat, («doch erklärte, daß„der Beklagte" aus dieser Entscheidung nicht das Recht herleiten könne, auch in Zukunft unter gleichen Verhält- nissen der Innungsoersammlung fernzubleiben. „Unter den gleichen Verhältnissen" mußt« der Friseurtleinmeister bei der nächsten Versammlung wiederum fehlen. Er wurde„natürlich" und nun erst recht in„Ordnungsstrafe" genommen. Die Aussichts- behörde erklärte wiederum, daß die von dem„Beklagten" erneut vor- gebrachten Gründe geschäftlicher Natur zur Entschuldigung aus- reichten. K Der Vorstand der Zwangsinnung, der zu'derartigen Geschäften gegen sein« Mitglieder viel Zeit zu haben scheint, wandt« sich wiederum an den ihm offenbar geneigteren Potsdamer Bezirksaus- schuh, der„unier Aushebung des Beschlusses des Magistrats in Brandenburg" die Beschwerde„des Beklagten" über die Ordnung?- strafe seines Innungsoorftondes zurückwies. In der Begründung dieser Entscheidung heißt es: „Als Mitglied einer Zwangsinnung muß er.. u n t« r a l l« n Umständen sein« In n u ng S ps l i ch te n erfüllen. Sein Hinweis wiederum auf die wirtschaftlich« Lage kann nicht mehr berücksichtigt werden... Solange die Jnnungsversammlung nicht einen anderen Zeitpunkt für ihr Zu- sammentreten festsetzt, muß der Kläger Sorge tragen, seine Privat- interessen mit seinen Jnnungsvflichten zu vereinen, kann die Teilnahme an der seslgeseßten Versammlung nur durch Schwß des Geschäfts ermöglicht werden, so muß auch dies im Znnungsinteresse geschehen. Ein Verstoß gegen den Z 100 g NGO,(der den Zwangs- Innungen verbietet, ihre Mitglieder in der Festsetzung ihrer Presse und in derAnnahme ihrerKunden zubeschränten!), liegt nicht vor." Wir sind der Meinung, daß die zu Mitgliedern einer Zwangs- i n n u ng gezwungenen Meister, die mit der Zünftelei nicht sympathi- sierenden Mitglieder, in erster Linie die Versammlung der Zwangs- innung besuchen müßten, um dort auch ihre Auffassungen zur Geltung zu bringen. Bei sachlichem Vorgehen können sie in diesem oder jenem Falle auch mit ihrer Meinung durchdringen. Schlimm genug, wenn eine Innungsleitung, die es nicht versteht, die Versammlungen für hie Zwangsmitglieder einladend zu gestalten, von einer schlecht besuchten Jnnungsversammlung eine Strafbestimmung in ihren Sitzungen beschließen läßt für den FM des Fernbleibens von der Versammlung, und die Aufsichtsbehörde eine derartige Satzungsbeftimmung genehmigt. Daß dann eine Innung oben- drein diese Bestimmung derart mißbraucht, den Versamm- lunastermin in die Ladengeschäftszeit zu legen, ohne Rücksicht auf die ohne Gehilfen arbeitenden Alleinmeister, ist«in Uebergriff, den die Aufsichtsbehörde gegebenenfalls zurückweisen muß, wie es der Brandenburger Magistrat auch getan hat. Die Entscheidung des Potsdamer Bezirksausschusses aber, der einfach dekretiert, das Zwangsinnungsmitglied muß sein Geschäft schließen, seine Erwerbsmteressen den konstruierten Innungspflichten, dem ZwangzumVerfammlungsbefuch, hintansetzen, ist einfach skandalös. Aus den Kreisen der Z ü n f t l e r ertönt von Zeit zu Zeit immer wieder großes Geschrei über angeblichen„Terrorismus der Gewerkschaften". Der Zwangs innungs-Terroris- mus aber soll wohl auf solchem Weg« legalisiert werden? Rochmals: Ruhelohn der Elektrizitätsarbeiter. Vom Berbande der Gemeinde- und Stoatsarbeiter wird uns geschrieben: Die in der gestrigen Abendausgabe des„Vorwärts" veröffentlichte Mitteilung über die Einführung von Ruhegehalt für die in den Elektrizitätswerken beschäftigten Arbeiter bedarf einer Ergänzung. Entsprechend den Pachtverträgen mit der Stadt Berlin unterstanden bisher schon alle vor dem 1. Januar 1924 in den Elektrizitätswerken beschästiaten Arbeiter den R u h e l o h n- b e st i m m u n g e n für die städtischen Arbeiter. Entgegen den Be- stimmungen, wie sie in den Gas- und Wasserwerk-Aktiengesell- schaften getroffen waren, nach denen auch die nach dem 1. Ja- nuar 1924 eingetretenen Arbeiter unter die Ruhe- gehaltedestimmungen fielen, lehnte bisher die DireMon der Elektrk- zitätswerke Aktiengesellschaft die Unterstellung dieser Arbeiter unter die Ruhelohnbestimmungen ab. Die längeren Verhandlungen, die der Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter und der Verband der Maschinisten und Heizer in der letzten Zell führten, veranlaßten die Direktion, eine tarifliche Vereinbarung zu treffen, die nunmehr alle Arbeiter der Elektrizitätswerke in bezug auf Ruhelohn g l e i ch st e l l t. Die neuen Verträge sind demnächst auch in der Ortsverwaltung Berlin der Gemeinde- und Staatsarbeiter zu haben. Moskau oder Amsterdam. Amsterdam, 12. Januar.(TU.) Heute beginnt in Amsterdam die Jahresversammlung der Internationalen Gewerkichoftsver- einigung, zu der Vertreter aus England, Frankreich, Italien, Deutschland, der Tschechoslowakei, Spanien, Dänemark, Ungarn, Polen und Holland eingetroffen sind. Im Mittelpunkt der Verhandlungen steht die russische Frage._ Gewerkschaften in der Tschechoslowakei. Prag, 12. Januar.(TU.) In der Tschechoslowakei gab es, wie eine jetzt veröffentliche Statistik besagt, am 31. Dezember 1925 zu- sammen 13 Gewerkschastszentralen, davon 8 tschechische und slowakische, 4 deutsche und eine kommunistische. In diesen Zentralen waren 319 Gewerkschaften zusammengefaßt, von denen 238 sschechisch-slowakisch, 66 deutsch und IS kommunistisch sind. Ferner gab es 113 tschechische und 46 deutsche Gewerkschaften, die keiner Zentrale angehörten. Von den darin organisierten 1 708 000 Arbellern entfielen auf die tschechischen und slowakischen Gewerk- schoftszentralen 989 000 oder S8 Proz., auf die deutschen Gewerk- schaften 306 000 oder 18 Proz. und auf die kommunistischen Zen- tralen 201 000 oder 12 Proz. Außerdem waren in den Zentralen nicht angeschlossene Gewerkschaften organisiert: 169 000 tschechische und 42000 deutsche Arbeiter. Bezeichnend ist, daß die Zahl der Mitglieder der Gewerkschaften überhaupt von 1921 bis 1924 von 1 979 000 auf 1 669 00 gefallen ist und erst jetzt wieder in einem kleinen Aufstieg begriffen ist._ DU Sparkasse der Lank der Arbeiter, Angestellten und Leamlen A.-G« Verli«, wallstr. SS. ist täglich mit Ausnahme von Sonnabend von V— Z Uhr und 5— 7 Uhr, Sonnabend» von 9—1 Uhr geöffnet. Wirtfichast Verlustabschlust des deutschen Zündholztrusts. Die Deutsche Zündholzfabriken A.-G., Hamburg (bisher in Kassel), die von dem schwedisch. amerikanischen Zündholz- trust bccherrscht wird, ist, wie schon früher gemeldet, die Trägerin der großen Fusion in der deutschen Zündholzindustrie. In ihr sind Mitte des letzten Jahres die vom Schwedentrust beherrschten Gesellschaften aufgegangen, nämlich die Stahl-Nilka Ä.-G., Kassel, die Mitteldeutsche Zündholzfabriten A.-G., Hamburg, die Friedrich Speitel A.-G., Neustadt-Thürmgen, die Königsberger Zündhelzfabrit A.-G., die Niederhessische Zündwarenfabrit Albrand u. Holtnorth G. m. b. H. und ferner das Werk Hennickendorf der Allgemeinen Zündholz�xport- Zentrale(Sitz Hamburg). In der auf den 30. Juni 1926 gezogenen Bilanz der Dachgesellschaft beträgt das Aktienkapital der Deutsche Zünd- Holzfabriken A.-G. nunmehr 11V gegen bisher 4,24 Millionen Mark. Die Anlagewerte, die in der Vorjahrsbilanz mll 3,67 Millionen Mark bewertet waren, haben durch die Fusion Zugänge von insgesamt 4,21 Millionen Mark erfahren. Weitere Zugänge, aus dem normalen Ausbau, in Höhe von S09 818 M. wetten durch die Abschreibungen tm Betrag von 245 340 M.(im Vorjahr 196 691 M.) nur zu einem Teile abgeglichen. Bemerkenswert ist, daß im abgelaufenen Geschäftsjahr die Beteiligungen von 58 626 M. um 620 000 M. gewachsen sind(während die fusionierten Gesellschaften nur 11 356 M. an Beteiligungswerten eingebracht haben): die Expansion der Gesellschaft ist also, auch abgesehen von der Verschmelzung, weiter gegangen. Die Guthaben sind sehr st a r k, von 0,5 aus 4,4 Millionen Mark, und die Verpflichtungen von 1,4 auf 4,5 Millionen Mark gestiegen. In der Gewinn- r e ch n u n g kommen die Ergebnisse der Fusion noch nicht zum Ausdruck. Hier ist ein V e r l u st von 386 727 M.(i V. Reinge- winn 75 048 M.) ausgewiesen. Der Bericht begründet das schlechte Ergebnis mll dem Hinweis auf den im letzten Jahre auherordent- lich oerschärften Konkurrenzkampf, der inzwischen durch das vermittelnde Eingreifen der Reichsregierung(Zwangs- syndizierung, Sperrgesetz) sein Ende gefunden hat. Die erste Folge war eine starke Preiserhöhung. Außerhalb der neuen Produktionskontingentierung stehen bekanntlich nur die Zündholzfabriken der GEG.-Hamburg als Konturrenz und Preisregulator. Daß die Schweden- trustgruppe in ihrer Expansion fortfährt, zeigt die kürzlich eingegangene Meldung von dem Ankauf der beiden württem- bergischeii Fabriken Fischer A.-G., Kleebronn, und Weißenbach in Geradstetten._ Verschlechterung der amerikanischen Handelsbilanz. Das ameri- konische Handelsamt gibt die Warenausfuhr für 1926 mit 3409 Millionen Dollar gegenüber 3503 Millionen im Jahre 1925 und 1733 Millionen im Jahre 1913. Die Waren e i n f u h r, die im Jahre 1913 rund 1327 Millionen Dollar betrug, steigerte sich im Jahre 1925 auf 3079 und im Jahre 1926 auf 3322 Millionen Dollar. Der amerikanische Außenhandel zeigt im Jahre 1913 einen Ueberschuß(Aktivsaldo) in Höhe von 406 Millionen Dollar. Im Jahre 1924 machte er 454 Millionen und im Jahre 1925 rund 424 Millionen aus. Er fiel im Jahre 1926 auf 87 Millionen Dollar.— Damit nähert sich Amerika der Passivität seiner Handelsbilanz: ein für ein Kopttal a u s f u h r l a n d eigentlich nor- maler Zustand. BerantworNich für Politik: Dr. Polstermöbel in allen Preislagen, ab FabrOc, bei Teil- zabiung kein Aufschlag. Sommer, smöneöerp, Hanplsir.l 51 äoUZStr. 44 Vorzeiger dieses erhält —»Prozent Rabatt,»« I