�benöausgabe Kr. 21* 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 10 vguniz«n und �nsclgcnpreif« find in der Morgenausgabe onficgcben »edoKlou: sw. 6». Cinttcnfltobe.i Sctafpteöj«: VSahoft 292- 29? »el..»drefle: Zozlaldemokralverli» Vevlinev Volksvleitk �entralorgan äer 8o2ialÄemokratifcken Partei Dcutfchlands � 10 Pfannig J Oonnerstzg 13. Januar 192? Settag und'Snjcigenablttluitg; Scfdiäftejct; ty, btt s Uhr v«rl«gcr: vorniSrt«. Verlagy. V«r»a SV). 68, cladenstrah» S Fernsprecher: VSnhoff 292— 297 Der Defihluß öes Zentrums. Streit über seine Bedeutung.— Ablehnung oder Verhandlungsbereitschaft? Der Beschluß der Zentrumsfraktion, der den Vorstand beauf- tiagt, den Herren Curtius und Strefemann die Bedenken der Partei gegen die geplante Kabinettsbildung darzulegen, wird nach der Meinung der„Germania" zwei Folgen haben: Es werde der Deutschen Bolkspartei und ihrem Führer, Herrn Dr. Strefemann, nicht erspart werden können, zu der neue n Lage, die sich aus dem Beschluß des Zentrums ergebe, Stellung zu nehmen. Das Zentrumsblatt oerweist in diesem Zusammenhang auf die bekannte Rede Silverbergs und auf eine Erklärung des„Sazialdem. Pressedienstes", daß die Sozialdemokratie jederzeit zu Verhandlungen bereit sei. Daraus ist zu schließen, daß das Zentrum die Bolkspartei noch einmal fragen will, wie sie sich zur Großen Koalition stellt. Als zweite Folge des Zentrumsbeschlusses erwartet die„Ger- mania", daß 5)err Curtius heute seinen Austrag dem Reichspräsidenten zurückgeben werden. Die demokratische Presse erblickt in dem Zentrumsbeschluß eine Absage nicht nur an Curtius sondern an den Gedanken einer Rechtskoalition überhaupt. Sie macht darauf aufmerksam, daß der Vorstand beauftragt wird, nicht mit dem F r a k t i o n s vor- sitzenden der Volkspartei Scholz zu sprechen, was in diesem Fall das Uebliche gewesen wäre, sondern mit dem Partei Vorsitzenden Strefemann. Sie sieht darin, wohl nicht mit Unrecht, eine be- absichtigte Demonstration gegen den berühmten Redner von Inster- bürg und Königsberg. Ganz anders wird jedoch der Beschluß in der Rechtspresse aufgefaßt. Diese vertritt nach einheitlicher Direktive die Auffassung, daß die Tür zu Verhandlungen nach rechts nicht zugeschlagen sei. Wenn das Zentvum außen- und innenpolitische Bedenken habe, so könne man ja über sie reden und sie vielleicht zerstreuen. Dieselbe Auffassung wird in der V o l k s p a r t e i vertreten. Daß der Beschluß, statt mit Scholz mit Stresemann zu sprechen, für den ersteren eine Brüskierung bedeutet, findet auch die„Deutsche Tageszeitung", sie meint aber, über Empfindlichkeiten müsse man in der gegenwärtigen schweren Gesamtlage hinwegkommen. Interessant ist, wie sich die Rechtspresse zu dem Empfang der Gewerkschaften verhält. Der Hugenbergsche„Tag" spricht mit krauser Stirn von„weitgehenden Wünschen", der „Lokal-Anzeiger" von„rein auf Demagogie abgestimmten sozial- politischen Forderungen" der speien Gewerkschaften. Auch die „Kreuzzeitung" kann einen kleinen Seufzer nicht unterdrücken: Und die Vertreter der wirtschaftsfriedlichen Arbeit- nehmeroerbändc? Es ist doch recht bedauerlich, daß Dr. Curtius bei der Behandlung von Fragen, die alle Arbeit- nehmerkreise angehen, Unterschiede macht und bestimmte Gruppen ausschaltet. Das hätte Herrn Curtius zu seiner„Popularität" in Arbeiter- lrcisen gerade noch gefehlt, daß er die Gelben empfangen hätte! # Das Zentrum wird heute nachmittag den Herren Curtius und Stresemann seinen Beschluß mitteilen. Seine Vertreter werden ihn jedenfalls(ommenticren, und von dem Komnientar wird es ab- hängen, ob Curtius weitere Verhandlungsversuche unternimmt oder ob er, wie die„Germania" erwartet, seinen Auftrag an den Reichs- Präsidenten zurückgibt. Was nach dem Scheitern der Mission des Herrn Curtius gc- schehen wird, ist noch durchaus ungewiß. Von rechts her versucht man den Reichspräsidenten dazu zu bewegen, daß er eine Rechts- regierung ernennen soll, die nach einem Mißtrauensvotum den Reichstag auflösen soll. Man spricht auch in diesem Zusammenhang von Plänen, mit dem Art. 48 zu regieren, gegen die sich die.Köln. Volkszeitung" mit großer Schärfe wendet. Wir haben schon gesagt, daß Schwierigkeiten der parlamentarischen Re- gierungsbildung nach der Verfassung keine Handhabe zur An- wendung jenes Artikels bieten, seine Anwendung würde in diesem Falle einem Staatsstreich gleichzusetzen sein. Es bliebe also nur die Auflösung des Reichstags, der die Sozialdemokratie mit voller Siegeszuversicht entgegensieht. Weil aber diese Siegeszuversicht sonst nirgends besteht, ist zu er- warten, daß man versuche» wird, auf anderen Wegen eine neue Regierung zu jchasfen. Kriegsgefahr in /lmerika. Abbruch der Beziehuttgen zu Mexiko?- Ter Bolschewismus als Popanz. Rem Zork. lZ. Zanuar.(XU.) Nach Meldungen aus Mexiko herrscht in dortigen diplomatischen Kreisen die Ansicht, daß noch in diesem Monat mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Mexiko und den vereinigten Staaten von Nordamerika zu rechnen sei. Diese Meinung sei der Nieder. schlag des Eindrucks, den die Beschwerden Eoolidges und Kellogs in Mexiko gemacht hätten. J« einer Erklärung an die„Associated preß" spricht der lieberale Präsident von Nicaragua. Sacasa, von Rücktrittsabsichlen. da dadurch vielleicht die Möglichkeit eines Krieges mit den übermächtigen ver- einigten Staaten verringert werde, wenn es auch jetzt schon Talsache sei. daß sich beide Länder in Kriegszustand befinden. wie jetzt bekannt wird, versuchte Staatssekretär Kellogg in seiner Erklärung vor dem Auswärligen Senatsausschuh den Eindruck zu erwecken, als ob ganz Miltelamertka unter bolschewistische Herrschast gebracht welden solle und daß Calles aus den Bolschewismus in Nicaragua hinarbeite. Da Amerika völlig antisozia- «stisch eingestellt istundkeinenUnterschiedzwischen So- zialismus und Bolschewismus macht, kann durch nichts besser die össenlliche Meinung beeinflußt werden als mit derartigen Schlagworten. Es läßt sich schon ein Nachlassen der Senatsopposi. tion erkennen. Die Zeitungen sind mit Greuelmcldungen aus Mexiko gcsüllt. Man sagt. Mexiko sei in völliger Unordnung. Zn der Nähe von Mexito-Eity hätten Amerikaner 142 angesehene Mexikaner von den Regierungstruppen aufgehängt gesunden. Aufruhr in Mexiko. Tie Calles-Truppen Herr der Lage. London. 13. Januar.(WTB.) Nach euer Reutermeldung aus Mexiko treffen trotz der gestrigen beruhigenden Erklärung des Gene- ralstabschefs der Regierung Calles. General Alvarez. daß die revo- luticmäre Erhebung bedeutungslos sei, in immer zunehmendem Um- fang- Berichte über Ausstände, Schießereien und Hin- richtungen in verschiedenen Teilen der Republik in der Haupt- stad: ein/ Gestern morgen erließ Prösidenl Calles eine neue Erklärung, in der er dem kaiholisthen Episkopat die Verantwortung für die Erhebungen unter dem Banner„Long lebe Christus der König" aufbürdet. In der Erklärung des Präsidenten Calles wird weiter behauptet, daß der katholische Episkopat in der Er- kenntnis, daß die mexikanischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten nach Neujahr sehr gespannt sein würden, die katholische Geistlichkeit angewiesen habe, eine möglichst große Anzahl von Leu- tcn zum Aufstande gegen die mexikanisch« Regierung zu verleiten Die Bundesregierung sei davon überzeugt, daß die Austtän- dischen auf Grund genauer Anweisungen seitens des Episkopats handeltem Auf die Propaganda der Priest», die blind fanatisch den Anweisungen de- Episkopats gefolgt seien, sei« die Aas- stände in sechs verschiedenen Staaten zurückzuführen, bei denen 24 Soldaten der Bundestruppen und 73 katholische Aufständische den Tod gefunden hätten. Bei der Einnahme der Städte Cocula, Arandas und Tototlan im Staate Jalisco durch die Bnn- destruppen feien 26 Aufständische getötet. Chinas Zollfreiheit. Peking erhöht selbständig die Zölle. Zollautonomie angekündigt. Tie Peking, 13. Zanuar.(WTB.) Die Regierung hat drei ver. ordnungen erlassen, durch die ein allgemeiner Zuschlagszoll von 2)4 Proz. und für Luxusartikel ein weiterer Zuschlag von 5 Proz. eingeführt wird. Diese Zuschlagszölle sollen ab 1. Februar erhoben werden. Außerdem wird in den Verordnungen ausgesprochen. daß China vom 1. Zanuar 1929 an Z o l l a u l o n o m i e erlangt. Der Minister des Auswärtigen ist angewiesen worden, bei den Mächten aus eine baldige Wiedereröffnung der Zollkonserenz, offenbar zur Regelung der Frage dieser Zuschlagszölle, hinzuwirken. Zn einer weiteren Verordnung wird bestimmt, daß der Ertrag der erwähnten Zuschlagszölle erstens zur Ablösung der Binnenzölle, zweiten» für Zwecke der inneren und äußeren Anleihen und drittens zum Ausbau der Verwaltung verwendet werden soll. Die Vereinheitlichung der Tarife. Tie Bcrkehrsdeputation stimmt zu. vi« Verkehrsdepulation beschäftigte sich am 13. Zanuar morgens zum zweitenmal unter dem Vorsitz de» Oberbürgermeisters mit den bekannten Vorschlägen für die Vereinheitlichung der Tarife und der Organisation der Berliner städtischen verkehrsunlernehmungen. Sie stimmte den Vorschlägen der Direktor« und Sachverständigen mit der Maß- gäbe zu. daß die llmsteigeberechligung auch auf den Omnibus zum Preise von 20 Pf. ausgedehnt werden soll. Ebenso billigtc sie die Maßnahmen für die einheitliche Organisation und erteilte ihre Zustimmung zur Ausnahme einer Anleihe für Verkehrszwccke in höhe von 90 Millionen Mark. während der Beratungen wurden auch die Bedingungen de» amerikanischen Anleihevertroges der Hochbahn besprochen. Man sah in diesem kein Hindernis für den Abschluß der neuen Tarif. Vereinbarungen. Der Magistrat wird aus Grund der Vorschläge der vcrkehrsdeputation am 14. Zanuar vormittags in einer außerordentlichen Sitzung die vorlagen an die Stadtoerordnetenverjamm- lung verabschieden, so daß sie der nächsten Plenarsitzung am Donnerstag, den 20. Zanuar. bereits zur Entscheidung vorstegen werde». persien von heute. Die Anfänge der bürgerlichen Revolution. Von Dr. Artasches Abeghian. Wenn auch Persien als das einzige Land unter den Groß- mächten des Altertums seine Unabhängigkeit bis zur Gegen- wart bewahrt hat, so ist diese in Wirklichkeit doch nur eine scheinbare gewesen. Seit Jahrzehnten ist es ein Kampfplatz des imperialistischen Ringens von England und Rußland. In der Tat steht auch die Geschichte Persiens der Jetztzeit unter dem Zeichen russisch-englischen Gegensatzes. Die Revolution von 19si6 war ein Verzweiflungsakt persischer Patrioten, um ihr Land vor dem endgültigen Untergange zu bewahren und ihm seine Selbständigkeit zu erhalten. Run verständigten sich aber die alten Rivalen in der Frage der Unterdrückung der persischen Freiheit und unterzeichneten den Vertrag von 1907, kraft dessen Persien in zwei Einflußsphären geteilt wurde: Rordpersien war nunmehr russisches, Südpersien hin- gegen britisches Einflußgebiet. Nach dem Kriegsende begann der alte Wettkampf um Perfien von neuem. Das bolschewistische Rußland hatte zwar formell auf alle zaristischen Vorrechte und Kon- zessionen verzichtet, in Wirklichkeit aber ging es mit neuer Kraft und unter anderem Namen wieder daran, in Persien von neuem einzudringen. Auch England fuhr seinerseits fort. dort feine alten Positionen festzuhalten und sie noch mehr zu erweitern. Sowjetrußland sowohl als auch England schloffen nun 1921 mit Persien„Freundschaftsverträge". Die Perser bcmüten sich ihrerseits, die britisch-russischen Gegensätze auszunutzen, um die Selbständigkeit des eigenen Landes zu festigen. Die vorhergehende Teheraner Regierung hatte nämlich 1919 mit England einen Vertrag abgeschlossen, der das alte Perserreich zu einem Vasallenlande machte. Der tatkräftige R i s a Khan, ein ehemaliger Soldat, der an der Spitze der Truppen Ministerpräsident Persiens wurde, trug zur Besserung des persischen Schicksals entschieden bei. Die politische und wirtschaftliche Erneuerung des Landes wurde aber in der Hauptsache durch innere national-persische und wirtschaftlich-fortschrittliche Kräfte zustande gebracht. Neben den Fremdmächten halten die zahlreichen persi- schcn Feudalen(Khans) ungestört und ohne Kontrolle in den Provinzen unter den verschiedenartigen, größtenteils noch nomadischen Stämmen des Landes gewirtschaftet. Der asiatische Feudalismus herrschte in Persien in voller Kraft. Der Frondienst war dort— und ist es teilweise noch heute— das allgemein verbreitete Wirtschaftssystem. Jeder Khan regierte wie ein selbständiger kleiner König in„seinem" Lande: mit eigenen bewaffneten Kräften, eigenen Gesetzen und Gerichtsbarkeit, Steuersystem, ja oft auch mit eigener „Außenpolitik". Kurzum, Persien lobte noch in seinem tiefen Mittelaller. Alles dieses abgeschafft zu haben, ist kein ge- ringes Verdienst: und es kommt nicht zuletzt Risa Khan und seinen Anhängern zu. Schon 1924 hatte Risa Khan beabsichtigt, die alte K a d- s ch a r e n- D y n a st i e zu beseitigen und die r e p u b l i- k a n i s ch e Staatsform einzuführen. Dabei unterstützte ihn, außer den inneren fortschrittlichen Elementen, auch die britische Diplomatie. Dieser entgegen traten aber die russischen Bol- schewisten. In Gemeinschaft mit den persischen Reaktionären brachten sie die republikanischen Pläne Risa Khans zum Scheitern. Dieser schlug daher einen anderen Weg ein: am 31. Oktober 1925 vollzog er, durchaus im Einverständnis mit dem Medschlis(dem Parlament) den S t a a t s st r e i ch. Der seit Jahren im Ausland weilende und vom Volke tief ver- achtete Achmed Schah, der in Paris und an der Rioiera feinen Vergnügungen gelebt hatte, wurde einmütig abgesetzt, die ini Dezember einberufene Nationalversammlung wählte Risa Khan zum neuen Schah. Moskau fand sich mit den neuen Tatsachen ab. Seine und Londons Anerkennung des neuen Schahs erfolgte in Teheran gleichzeitig. Aber beide Mächte oerschmähen keine Mittel, um die persische Regiening unter ihren Einfluß zu zwingen. Daß Persien heute nicht weniger als 45 Proz. seiner Einnahmen für die neugeschaffene, wenn auch tiicht große Armee(35 000 Mann) aufwendet, daran tragen neben den persischen Militärkreisen und dem Schah selbst nicht zuletzt die russische und englische Diplomatie die Schuld. Das wirtschaftliche Ueberge wicht im heutigen Persien gehört doch England. Rußland hat vieles von seiner früheren Position eingebüßt. Während z. B. zur Vorkriegs- zeit 55 Proz. des persischen Außenhandels auf Rußland entfielen— in Nordpersien hotte es keinen Kon-, kurrentcn—, auf alle übrigen Länder aber zufammenge- nommen nur 45 Proz., darunter England mit 21 Proz., so ist' das jetzige Verhältnis etwa umgekehrt. England beherrscht heute fast den persischen Markt. Etwa 70 Proz. der persischen Einfuhr deckt England. Sowjetrußland gibt sich allerdings Mühe, den früheren Zustand in Persien allmählich wieder zu erreichen, jedoch ohne großen Erfolg. Der deutsch- persische Handel macht verhältnismäßig gute Fort- schritte: er hat den Vorkriegszustand beinahe wieder erreicht. Innerhalb des Landes versucht die Regierung die früheren Eisenbahnbaupläne, wenigstens teilweise, zu verwirklichen. Die Nord- und Südpersien vom Kaspischen Meere bis zum Persischen Golf verbindende Linie ist schon in Angriff ge- nommen. Sie soll durch das südpersische Oelgebiet gehen und auch die nordpersischen Oelquellen dem Weltmarkt erschließen. Dieses Projekt stammt von den Engländern und findet auch heute noch Londons Unterstützung. Damit würde England auch Nordpersien dem russischen Einfluß entziehen. Immerhin versuchen die Perser auch eigene Mittel auf- zubringen. Die Einnahmen aus d«m Zucker- und Teemonopol sind hierzu bestimmt worden. Auch die Kostbarkeiten des früheren Schahs und der abgesetzten Stammeshäupter ge- denkt man hier zu verwenden. Im ganzen müssen etwa 50 Millionen Tomans(1 Toman— etwa 1 Dollar) aufgebracht werden. v Nicht bedeutungslos sind die Reformbestrebungen Per- sienS auf wirtschaftlichem Gebiet. In den letzten Jahren sind in Teheran und Täbris einige— wenn auch nur kleinere— Fabriken gegründet worden, die Textilwaren, Leder, Seife, Streichhölzer u. a. herstellen. Auch deutsche Fachleute tragen zu dieser Entwicklung bei. Die Teppich- industrie, die von alters her in Persien entwickelt ist, wird weiter ausgebaut. Die Hauptsache ist und bleibt die Aus- beutung der Bodenschätze. Die Produktion der an Mesopo- tamien grenzenden südpersischen Oelquellen betrug 1924/25 5 Millionen Tonnen und wird alljährlich größer. Schon jetzt steht das s ü d p e r s i s ch e Oelgebiet an vierter Stelle der Weltproduktion. Das nordpersische Oelgebiet liegt in der Nachbarschaft der russischen Naphthastadt Baku, wird jedoch bis heute noch nicht ausgenutzt. Daran trägt die selbstsüchtige Politik englischer und amerikanischer Kapitalisten und nicht zuletzt die Moskauer Konkurrenz die Schuld. Immerhin ist der wirtschaftliche Aufschwung Persiens in der Zukunft im großen Maße von seinen Oelfeldern abhängig. Die anderen Bodenschätze des Landes: Kohlen, Kupfer, Eisen, Manganerz, Nickel u. a. sind noch immer so gut wie unberührt. Die Rück- ständigkeit des Landes prägt sich vor allem in den G ru n d- besitzverhSltnissen aus. Hier herrscht der Lati- fundienbesitz der Feudalzeit noch so gut wie unbeschränkt. Perfien erlebt eben den Uebergang vom Mittelalter in die Neuzeit. Das Land ist voll schroffer historischer Gegen- sätze. Die Bildung neuer sozialer Schichten hat eben erst be- oonnen. Das Handelskapital gewinnt an Einfluß. Das Bürgertum tritt als führende Klasse in den Vordergrund des wirtschaftlichen Lebens, seine Interessen fordern Beseitigung der mittelalterlichen Ordnung und die Beteiligung an Staats- angelegenheiten.__ Lanübunü und Rechtsblock. Ein volksparteilicher Kommentar zur Curtiuskandidatnr. Vor dem Schleswig-Holsteinischen Landbund sprach gestern, Mittwoch, der Landbundpräsident H e p p über das Programm des Relchslandbundes. Seine Rede, die sich auch mit den politischen Tagesfragen beschäftigte, gewinnt dadurch ein allgemeines Interesse, daß Hepp als Reichstagsabge- ordneter der Deutschen Volkspartei ein Fraktionskollege des Kanzlerkandidaten C u r t i u s ist. Nach der TU. führte Hepp u. a. aus: Die deutsch« Landwirtschaft habe sich Immer als starker Träger des Staatsgedankens xesühlt. Di« von verschiedenen Seiten unter. nommenen Versuche, einen Trennungsstrich zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerschast in der Landwirtschaft zu ziehen, weist er mit Entschiedenheit zurück. Die Landwirtschaft s e i gern bereit, über die Arbeitslosenoersiche- r u n g zu verhandeln, die besonderen Verhältnisse in der Land- Wirtschaft müßten aber bei der Neuregelung berücksichtigt werden. Wenn die Landwirtschaft auch in den letzten Jahren eine starke Stei. gering der'Produktion und des Absatzes hätte herbeiführcu können, so könne sie doch nicht des staatlichen Schutzes ent- b c h r e n. Der Abschluß von Handelsverträgen und die Erhebung von Steuern und Zöllen sei Aufgabe des Staates. Die Wirt» s ch a s t s p o l i t i t. die den Wirts chaftskörper auscinanderrciße und einen Berufsstand auf Kosten des anderen zu fördern suche, sei falsch. Ein besonders wichtiges Kapitel sei die Frag« der Ab- Wanderung vom Lande nach den Städten und damit verbunden die Frage der Siedlungspolitik. Diese habe in den Grenzgebieten ganz besondere Bedeutung, da uns durch eine gesunde S i e d l u n g s- p o l i ti t unsere Grenzen erholten bleiben. Die Dichterakaöemie. Wilhelm v. Scholz über ihre Aufgaben und Ziele. Ein Vortragsabend, den„Der Bund, Vereinigung freiheit- licher Akademiker E. V.", einberufen hott«, beschäftigt« sich mit der neugegründeten Dichterokademi«, deren Borsitzender, Dr. Wilhelm von Scholz, als erster Redner das Wort ergriff. Unter dem Titel„Die Bedeutung einer Akademie" bemüht« er sich, Aufgaben und Ziele der neugegründeten Dichterakademi« klar zu um- reißen. Di« erst« Aktion dieser Akademie, die auch in weiteren Kreisen mit lebhafter Anteilnahme verfolgt wurde, war ihr Protest gegen das Schmutz- und Schundgefetz, das Wilhelm von Scholz mit Recht«ine wohlgeknüpft« Schling« gegen die Geistesfreiheit nannte. Der Proteste der leider bei den maßgebenden Stellen ungehört ver- hollte, zeichnet aber bereits«inen Aufaabenkreis der Akademie, die dl« Pflicht haben wird, sich mit allen Fragen der freien Geistesent- Wicklung zu befassen. Doch warnte der Redner mit Recht davor, nun die Dichterakademi« so aufzufassen, als fei sie ein« Institution, die sich der Reihe der Zweckverbände bei-, vielleicht überordne, die aber doch denselben Wirkungskreis habe wie dies«. Der Staat kann mit der Schaffung der Akademie nicht die Absicht gehabt haben, die schon vorhandenen Vertretungen der Künstlerschaft nur um«In« weitere zu vermehren. Vielmehr muß die Akademie etwas grundsätzlich anderes sein als diese. Das ließ sich bereits erkennen aus ihrer Stellungnahme zum Schmutz- und Schundgesetz. Nicht die Person des einzelnen Schaffenden wollt« sie schützen, sondern die Geistes- freiheit. Und dos wird auch in Zukunft ihre Aufgabe sein: nicht die Schreibenden zu oertreten, sondern das Schrifttum. Einen Teil der Bedeutung der Akademie sieht ihr Vorsitzender bereits in ihrem bloßen Vorhandensein, in der Taffach« der staatlichen Ehrung der Dichtkunst, der damit gewissermaßen das Lebensrecht nach außen hin dokumentiert wurde. Bielleicht zu optimistisch glaubt Wilhelm von Scholz, daß neues Interesse der Gesamtheit sich ihr nun zuwenden werde. Als die vielleicht höchst« Aufgab« der Akademie sieht er die Lebendig- und Reinerhaltung von Sprache, Form und Stil an. Doch hat die Akademie nur die Pflicht, zu schützen, nicht aber das Recht, zu unterdrücken. Besonders soll sie durch' ihre Be- kundungen das Lebenswerk eines Dichters vor dem Ueberranntwerden bewahren. Wilhelm von Scholz hofft, daß die Akademie gerade der Werk« der Reif« sich annimmt, ihnen vor den„Augenblicks- werken" zur Anerkennung verhilft. Vielleicht und hoffentlich waren diese Ausführungen des Redners nicht ganz fo streng gemeint, wie sie sich anhörten. Denn könnt« nicht gerade eine der vornehmsten Aufgaben der Akademie darin bestehen, das Werdende liebevoll zu überwachen, und, wenn es nötig und möglich ist. zu unterstützen? Sehr zu wünschen ist, mit Wilhelm von Scholz, daß die Dichter- akademie Einfluß findet auf Theater und Presse, vor allem aber auf die Bedeutung des gesamten deutschen Schrifttums auch im Ausland«. Hierzu bieten sich mancherlei Wege. Di« Hauptsache ist ober, daß durch ihre Sonderstellung«ine verhältnismäßig« Gewißheit gegeben ist dafür, daß man die Akademie auch hört. Mit der Versicherung. daß da- Nichtbcachreiwerden der Dichtkunst im früheren Staate jetzt doppelte Freude und doppelte Arbeitslust bei den Akademiemitgliedern Die Landwirtschaft könne auf die Dauer die ungeheuren Steuerlasten nicht tragen. Die Besitzsteuer dürfe nicht so weit ausgedehnt werden, daß der Besitz selbst angegriffen werde und so seine Aufgaben nicht mehr erfüllen könne. Daraus ergebe sich die Notwendigkeit, in den Verwaltungen der Länder und Gemeinden sich größter Sparsamkeit zu befleißigen. In den bis jetzt ab- geschlossenen Handelsverträgen sei die Landwirtschaft gar nicht berücksichtigt worden. Zur Regierungskrise bemerkte der Redner, daß deren Lösung eine klare Mehrheit bringen müsse. Es sei notwendig, daß eine bürgerliche Mehrheit gebildet werde, die klare Forderungen erhebe und sich auf eine Mehrheit des Parlaments stützen könne. Eine Aenderung der Verfassung müsse besonders in einer Stärkung der Stellung des Reichs- Präsidenten sowie in einem Ausbau des Reichswirtschastsrats herbeigeführt werden. Hepp spricht also ganz unverblümt aus, daß die bis- herige Wirtschafts- und Handelspolitik des jetzigen Kanzler- kandidaten Curtius rückwärts revidiert werden müsse; er verlangt die Entlastung der Landwirtschaft bei Besitzsteuern und Arbeitslosenversicherung und eine„R e- form" der Berfassung im Sinne der Anhänger einer Diktatur. Das sind in der Tat d i e Tendenzen, die sich in allen Rechtskreisen bei der gegenwärtigen Regierungskrise gellend machen und die nur aufs neue zeigen, welche Leistungen von einer Regierung Curtius zu erwarten wären. Mehr Sowjetgranaten. Militärische Rüstungen in Rußland.— Vorbereitung der„Auguststiuimuug". Die 15. Moskauer Parteikonferenz der Bolschewik! nahm nach einem Referat Bucharins folgende Resolution an: Die Parteikonferenz meint, daß in der gegenwärtigen inter- nationalen Lage der Sowjetunion große Gefahren drohen. Das widerspruchsvolle Verhalten der kapitalistischen Länder gegenüber der Sowjetunion(einerseits Drang zu nor- malen ökonomischen Beziehungen mit der Sowjet- union auf Grund des verschärften Kampfes um die Märkte, andererseits Furcht vor dem sozialistischen Wachstum und Feind- seligkell gegenüber der Sowjetunion als dem Herd der proletarischen Revolution) verursacht die Labilität und Doppelzüngigkeit der gesamten Politik der imperialistischen Diplomatie. Die Konferenz stellt fest, daß derzeit in der Politik der internationalen Bourgeoisie gegenüber der Sowjetunion die aktiv-feindlichen Ten- denzen die Oberhand gewonnen haben. Eine Reihe von Staaten, unter Führung der konservativen britischen Regierung, offenbart merklich die wachsende Neigung, die friedlichen Verhält- nisse zu zerreißen(siehe Polen, Rumänien, Lettland). Die offene und geheime Vorbereitung des Krieges und der Intervention gegen die Sowjetunion, die eifrigen diplomatischen Attacken, die Kriegs- rüstungcn der Grenzstaaten, die schamlose Verleumdung s- kampagne der Sozialdemokraten, die ganze Kette faschistischer Umstürze und Komplotte usw. rufen in den breiten Schichten der proletarischen und Bauernmasscn unseres Landes, die alle ihre Kräfte dem friedlichen Staatsaufbau widmen, gerecht- fertigte Beunruhigung hervor. Di« Konferenz ruft die Arbeiter und Bauern der Sowjetunion und das gesamte Weltproletariat auf, jeden feindlichen Schritt des Imperialismus unablässig mit der größten Wachsamkeit zu ver- folgen. Die Arbeiterklasse der Sowjetunion wird auch weiterhin eine Politik des Friedens führen, sie läßt aber gleichzeitig keine Minute die Notwendigkeit jeder nur möglichen Verstärkung der Verteidigungsfähigkeit der Sowjetunion außer acht. Indem sie die seitens der imperialistischen Länder drohende Kriegsgefahr erkennt, stellt die Konferenz die Aufgabe der Verstärkung der Roten Armee in den Vordergrund und schlägt vor, die Aufmerksamkeit der arbeitenden Massen auf die Frage der Der- teidigung der Sowjetunion hinzulenken und zu konzentrieren. Es ist die bekannte Methode der Militaristen aller Länder, Gefahren, die nicht bestehen, an die Wand zu malen, um neue auslösen würde, schloß Wilhelm von Scholz sein« mit lebhaftem Bei- fall aufgenommenen Ausführungen. Der Sekretär der Akademie, Prof. Dr. Amersdorffer, sprach im Anschluß daran über den„Akademiegedanken" in der Ent- wicklung der preußischen Akademie der Künste. Er zeigt«, wie die Akademie in ihrem Ursprung eine höfische Angelegenheit sein muhte, weil das Volk damals noch kaum«inen Anteil an der Kunst hatte. Nach anfänglichem Glänze verfiel die Akademie unter Friedrich Wilhelm I., der Zufchristen an die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften nicht anders als an„Sämtliche Narren" adressierte und der Akademie der Künste all« Mittel entzog. Friedrich II., mit seiner Borliebe für französische Kunst, ließ sie noch weiter verfallen, und erst als das Kunstinteresse im Bürgertum lebendig wurde, konnte Daniel Chodowiecki als Direktor der Akademie daran gehen, sie neu aufzubauen. Der Bortragend« verfolgte den Akadennegodanken bis in die Gegenwart und behandelt« zuletzt die vielumstrittenen Statuten der Akademie, deren Erneuerung unbedingt nötig sei. Aber sie sollen aus der Arbelt erwachsen, aus der praktischen Erfahrung und nicht aus der Theorie formuliert werden. In der Diskussion umriß Dr. Hans Martin Elster noch einmal scharf die Aufgaben der Dichterakademie in der Gegenwart. Geheimrat W a« tz o l d t vom Kultusministerium zitiert« im Anschluß daran gleich einig« Aufgäben, die der neuen Akademie gestellt sind: Bildung einer Kommission und Formulierung der Statuten der neu- belebten Schiller-Stiftung und Verleihung der staatlichen Ehrensold«. T« s. «- Ueber die Dichterakademi« hat auch der Präsident der Akademie der Künste, Max Liebermann, einige interessante Aeußernn- gen in einem Gespräch getan, das Julius Levin in der„Literari- jchen Welt" mitteilt. Er wehrte sich zunächst dagegen, daß man ihm die Vaterschaft des Gedankens der Angliederung dieser Sektion zu- schreibe. Seine Dargänger in der Präsidentschaft hätten die An- glicdcrung wiederholt beantragt.„Selbstverständlich betrieb ich den Gedanken eifrig weiter," fuhr Liebermann fort,„da ich immer be- dauert habe, bei den einzelnen Künsten und ihren Vertretern«ine gewisse— wie mir scheint— schädliche Abgeschlossenheit bemerken zu müssen, die naturgemäß zur Einseitigkeit führt." Von der Be- kanntschaft, die die Vertreter der verschiedenen Künste untercin- ander eingehen, erwartet Liebermann viel.„Das Beriechen ist nicht nur bei Hunden gut," sagte er schmunzelnd,„es ist beinahe eine menschliche Kulturforderung. Man lernt dadurch immer so'n bißchen, mit wem man es zu tun hat. Aber es ist bedauerlich, wenn das Beriechen keine Sympathie zur Folge hat. Ich finde, die Sympathie zwischen den Künstlern ist eins der schönsten Anregungsmittel für die Erzielung der Killtureinheit. Aus dieser Kullureinheit beruht aber das Beste, und dieses Beste zu fördern, ja sogar, wenn es noch nicht angebahnt ist, anzubahnen, ist nicht nur ein« der vornehmsten, sondern sogar die eigentliche Aufgabe der Akademie." Ein solcher Zusammenschluß sei für den Künstler besonders wichtig.„Es liegt in der Natur des Künstlers, daß er mit der Außenwelt leichter in Konflikt gerät als ein Beamter oder«in Koufmann, der täglich mit anderen zu tun hat, und daher gewisse Kanten und Härten ab- schleift. Der Künstler ist ein Eigenbrötler, und gerade dem soll Abhilfe geschaffen werden durch gegenseitige persönliche Bekannt- schast unter den Künstlern." Heeresverstärkungen zu begründen. Die Kapitalisten aller Ländern wollen mit Rußland ins Geschäft kommen, aber nicht in den Krieg. Und so wenig freundschaftlich auch die Gefühle der englischen Regierung für Rußland sind, so denkt sie doch gewiß nicht daran, zu allen inneren und äußeren Schwierigkeiten, die sie schon hat, sich noch einen großen Krieg aus den Hals zu laden. Was nun gar die Arbeiter be- trifft, so sind sie außerhalb Rußlands zumeist antimUitaristtsch und rußlandfreundlich gesinnt. Eine auf den Krieg gegen Rußland hinzielende Politik würde dabei auch bei der Sozialdemokratie den entschlossensten Widerstand finden. Der Beschluß der Moskauer verfolgt aber offenbar noch einen anderen Zweck als den, sinnlosen militaristischen Ge- lüften zu fröhnen. Durch das Geschrei über den angeblich drohenden Krieg soll die Aufmerksamkeit der Arbeiterschaft von jenen peinlichen Enthüllungen abgelenkt werden, die die kommunistische Internationale in chrem Be- stand bedrohen, nämlich von der Versorgung der deutschen Reichswehr mit Waffen, die in Rußland fabriziert worden find. Der Beschluß ist ungeschickt genug, diese Absicht zu verraten, indem er von einem angeblichen„schamlosen Verleumdungsfeldzug der Sozialdemokraten" spricht. Die Bolschewiki sind gezwungen, das Blaue vom Himmel herunterzulügen, um ihre Anhänger glauben zu lassen, die aktenmäßigen Feststellungen über die Versorgung der deutschen Reichswehr mit russischem Material seien nichts als Erfindungen bösartiger Intriganten und Friedensstörer. Aber die Wahrheit ist auf dem Marsche! Auch eine ver- stärkte Rote Armee wird sie nicht aufhalten! politische Kampfmethoöen. Kommunistenlärm im Hamburger Parlament. Hamburg. 13. Januar.(Eigener Drahtbericht.) Am Mittwoch kam es in der Hamburger Bürgerfchastssitzung zu k o m m u n i st i- scheu Tumultszenen. Die Sitzung mußte unter- brachen werden. Da die kommunistischen Abgeordneten L e o y und G u n d e l a ch trotz mehrfacher Ordnungsrufe die Beschimpfun- gen der anderen Fraktionen nicht einstellten, wurden sie aus dem Saal verwiesen. Di« Kommunisten randalierten, weil die Besprechung einer kommunistischen Anfrage wegen der B e g n a d i- gung rechtsradikaler Spengstoffattentäter abge- lehnt worden war. Die Attentäter hatten im Jahre 1923 wiedcrho't versucht, kommunistische Denkmäler in die Luft zu sprengen. Sie wurden im Vorjahre zu Juchthausstrafen von mehreren Iahren ver- urteilt. Der eigenmächtige Oberbürgermeister. Mißtrauensvotum gegen das Leipziger Stadtoberhaupt. Leipzig, 13. Januar.(Eigener Drahtbericht.) In der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten wurde von der sozialdemokra- tischen Fraktion eine Erklärung abgegeben, die sich mit der Neujahrsrede des Oberbürgermeisters Dr. Rothe befaßt. Ober- bürgermeister Dr. Rolhe hatte Ausführungen über die Volks- schule gemacht, die in vielen Kressen und besonders bei den Lehrern größte Beunruhiguno. und Protest hervorgerufen haben. Seine Ausführungen widersprachen den landesgesetzlichen und örtlichen Bestimmungen. Die Urteile, die er über die Volks- schule abgab, beruhten auf keinerlei amtlichem Material und stehen im Gegensatz zu den Feststellungen des staatlichen Schulaufsichtsbeamten. Ein gegen den Oberbürgermeister eingebrachtes Mißtrauensvotum wurde mit 40 gegen 27 Stimmen angenommen. Die estländisch-lettländische Zollunion. Nach einer Mitteilung des lettländijchen Außenministers steht die lettländisch-cstländische ollunion vor dem Abschluß. Mitte Januar sollen die beiderseitigen bordnungen in Riga zusammentreten, und man hofft, hierbei das Abkommen endgültig formulieren zu können. Märchen des Orients. Prof. Dr. G. Kampffmeyer, der Vor- fitzend« der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde, ist mit seftein Willen und gutem Erfolge am Werk, Brücken zu schlagen zwischen Morgen- und Abendland. Die Deranstallungen der genannten Ge- sellschaft bieten ernsthaft Interessierten immer neue und reiche An- rcgungen und auch die orientalischen Märchen, die Frau Else Mar» quardsen-Kamphövener im Seminar für orien- talische Sprachen erzählte, paßten vorzüglich in den Rohmen. Durch alle orientalischen Märchen, die oft tiefe Weisheiten em- halten, quirlt das kunterbunte Leben des Orients. Der Morgen- länder ist durchaus nicht so passiv eingestellt, wie der Europäer für gewöhnlich glaubt, nein, selbst im Märchen, in der Volkserzählung, findet man die Aufforderung zur Tat. Ferner wird nicht immer der Sieg des Guten verkündet, im Gegenteil, man bleibt im Morgen- land, trotz blühender Phantasie, der Wirklichkeit oft hübsch nahe und läßt die Gerissenheit triumphieren. In manchen Märchen spielt natürlich der Padischah eine große Rolle, aber er wird so ganz menschlich behandelt, wie dos ja auch gar nicht anders sein kann in Erzählungen, die in den durch und durch demokratischen Völkern des Islams ihren Ursprung haben. e. d. Maria, wie hast du dich verändert! Di« Telegrophen-Union, die in Verwechslungen geübt ist und die Republik, in der wir leben, noch immer gern und häufig für Wilhelm von Doorns Kaiserreich hält, bewährt ihr Talent gelegentlich auch auf unpolitischem Gebiete. Sie verbreitet«inen ziemlich ausführlichen Bericht über einen Festabend, den die Montessori-Gesellschaft in den Rämnen des Hotels Kaiferhof gab. Wer bisher glaubt«, daß Dr. Maria Montessori Begründerin und Derbreiterin der nach ihr genannten Erziehungsmethode fei, wird eines Besseren belehrt. Der gewissenhafte Berichterstatter der Telegraphcn-Union spricht von einem„italienischen Pädagogen", der dem Fest«in« besondere Bedeutung verlieh,„dadurch, daß Dr. Man- tessori daran teilnahm, der augenblicklich hier in Berlin einen Lehr- gang zur Ausbildung deutscher Lehrkräfte in der Methode leitet". Sollte sich Maria Moniessori, der neusten Mode folgend, in«inen Mann verwandelt haben? Dle Stadt der schlechtesten Lust. Auf dem Internationalen Kongreß für Forstwirtschaft in Rom war«in« Kommission«ingesetzt worden, um die Schädigung des menschlichen, tierffchsn und pflanzlichen Lebens durch die von Industrieanlagen, Bergwerken und Haus- feuerungen herbeigeführte Verunreinigung der Luft zu untersuchen und Maßregeln dagegen vorzuschlagen. Wie der Anreger dieses Kampfes und Vorsitzends der Kommission, Prof. I. Stoklasa van der Pioger Land- und Forstwirtschaftlichen Hochschule festgestellt hah besitzt Prag die schlechteste Luft unter allen Großstädten: sie ent- hält durchschnittlich 0,0006 bis 0,0008 Proz. Schwefeloryd. Dies Er- gebnis Stolafas sst durch die neueren Untersuchungen der Kommsssion bestätigt worden._ Der.Suvst-Verlelh" wird feine zweite Ausstellung von Werken der Plastik und Malerei, von Graphiken und orchileltonifchen Entwstifen am IS. im Neuen Schöneberger RatbauS. Rudolf-Wilde-Platz, eröffuen. Die Ausstellungshalle Ist Wochentag» von tv dl» S Uhr geöffnet, der Eintritt ist s r e i. ver Lall de» lschechoflowatische« hilftverein» findet nicht— wie in der gestrigen Abendnummer angegeben war— am»S., sondern schon 30 Tage früher, nämlich am IS. Januar, im Kaiserhos statt. Oarmat unö ök Staatsbank. Der Sachverständige als befangen abgelehnt.— Die Vernehmung des Hanpiangeklagtcu. Am heutigen zweiten Vcrhandlungstag des Barmat-Prozesses war der Andrang des Publikums weit geringer als zum Prozeß- beginn. Die Verhandlung begann mit mehr als cinstündiger Verspätung erst nach ZHll Uhr, da das Gericht außerordentlich lange über den Ablehn ii ngsantraa der Verteidigung gegen den Sachvcr- ständigen Regierungsrat S e l ck m a n n beriet. Noch Eröffnung der Verhandlung stellte der Vorsitzende zu- nächst fest, daß nur die Angeklagten Julius und Henry Barmat, Klonske, Dr. Hellwig und Hahlo zur Stelle waren. Landgerichts- direktor Neumann verkündete dann den Gerichtsbeschluß, daß auf Antrag des Rechtsanwalts Juliusbergcr die Ablehnung des Re- gierungsrates Sclckmann wegen Besorgnis der Befangenheit für begründet erachtet werde. Selckmann soll jedoch über die von ihm festgestellten Tat- fachen als sachverständiger Zeuge gehört werden. Ucbcr die Frage der Hinzuziehung weiterer Sachverständiger, die von der Verteidigung verlangt waren, verhandelt das Gericht zurzeit noch mit der Handelskammer, ohne daß bisher ein Beschluß darüber erfolgt ist. Der für heute geladene Sachverständige Ober- sinanzrat Soldat von der Staatsbank wurde vorläufig wieder entlasten. Das Gericht trat dann in die Vernehmung des Angeklagten Julius Barmat ein. R.-A. Hoepssner bat zunächst, daß sich Julius Barmat in Ergänzung seiner bisherigen Darlegungen noch einmal über seine Vermögensverhältnisse äußern dürfe. Er wolle beweisen, daß er nicht als kleiner Mann nach Deutschland gekommen sei, um sich hier zu bereichern, sondern daß er schon in Holland ein ganz großer Kaufmann gewesen und als solcher großes An- sehen genossen habe. Zulius Barmal: Als ich in der vorigen Sitzung meine Ver- mögensverhältnisse darlegte, und von meinen Belegen sprach, sah ich ein Lächeln des Oberstaatsanwalts. Bors,(ihn unterbrechend): Ich möchte doch bitten, das Lächeln des Oberstaatsanwalts aus dem Spiel zu lassen und daraus nicht zu folgern. Julius Barmat(fort- fahrend): Ich werde aber beweisen, daß ich nicht als armer Schnorrer nach hier gekommen bin. Vors. Herr Barmat, ich bitte Sie, ruhig zu bleiben und sich nur sachlich über Ihre Vcrmögensverhältnisse zu äußern, wie Sie es wünschten. Julius Barmat verlas dann ein Schreiben der Asio- ciationbank in Chikago, aus dem hervorgeht, daß Julius Barmat für seinen Schwager ein Akkreditiv über zwei Millionen Dollar eröffnet hat. Des weiteren legte er Schreiben der Bank- Häuser Speyer und Mendelssohn vor, in denen er als angeschener Kaufmann geschildert wird. Bors.: Sie haben in der vorigen Ver- Handlung Ihr Vermögen im Jahre 1923 auf 3 Millionen Gulden angegeben. Nach diesen Schreiben, die aus dem Jahre 1929 stammen, müssen Sie doch damals mehr besessen und inzwischen etwas verloren haben. Angekl.: Das stimmt auch, ich Habs auch Geld verloren. Vors.:'ie sind diese Verluste entstanden? Julius Barmat: Wir hatten Maschinen aus Oesterreich importiert, die wir mit Verlusten verkaufen mußten. Bors.: Es bleibt doch aber eine Differenz von etwa 2 Millionen Mark, dann müssen Sie doch so viel verloren haben? Julius Barmat: Ich habe viel verloren, zahlen- mäßig kann ich das aber nicht angeben. Barmal verlaß dann ein weiteres Schreiben einer Amsterdamer Bank an das Bankgeschäft Speyer, aus dem hervorgeht, daß Barmat seine Ge- schäfte, die den größten Umfang hätten, aus eigenen Mitteln finanziert Hab«. Barmat gab weiter an, daß er im Jahre 1929 Filialen in Deutschland und Oesterreich gehabt und außerdem große Holzlieferungen nach Belgien ausgeführt habe, da in- zwischen die schwarze Liste keine Bedeutung mehr gehabt habe. Auf Befragen des Vorsitzenden gab er sein vermögen im Jahre 1929 aus ungefähr 9 Millionen an, ohne sich dabei zahlenmäßig festlegen zr wollen. Der Vorsitzende verlangte dann von ihm, daß er im Lause der weiteren Verhandlung die Belege für seine Behauptungen zu erbringen habe. Es entstand dann eine längere Erörterung über die Frage, wieviel Geld Barmat besessen habe, als er mit der Staatsbank am 12. Mai 1923 in Verbindung getreten sei. Barmat vermochte hieraus keine präzis: Antwort zu geben, sondern betonte nur. daß er 399 999 bis 599 999 Gulden zum Ankauf der Dcmag aus Holland genommen habe. Ferner verlas er ein Schreiben der I n t a s s o b a n k. in dem sie auf Anfrage bestätigt, daß Julius Barmat bei ihr keine Kredite nachgesucht habe, während die Anklage behauptet, daß er Kredite zum Ankauf der Dcmag in Anspruch genommen habe. Welter legte der Angeklagte eine notariell beglaubigte Bilanz der Amexima-Amsterdom vor, die im Jahre 1923 mit zirka 4 Millionen Mark abschloß. Dazu sei dann noch die Amexima-Hambnrg mit einem Vermögen von 59 999 bis 69 999 Goldmark und die Amexima-Berlin mit ihren Werten(Chromo, Eisenburger Sparbank usw.) gekommen. Vors.: Hatten Sie irgendwelche Schulden. Barmat: Nein, weder die Amcxima-Amsterdam noch die Amexima-Berlin hatte Schulden, oder jedenfalls keine nennenswerten. Vors.: Können Sic uns nun Belege über Ihr nachweisbare, Vermögen im Frühjahr 1923 und über Ihre Verluste beibringen? Barmal: Jawohl, ich habe ja schon gesagt, daß ich auch nicht aufs Gradewohl nach Deutschland ge- kommen bin. Man hat mich telegraphisch noch Rotterdam gerufen. Ich habe das Telegramm hier. In Holland hat mich die kaiserliüi Deutsche Gesandtschaft wiederholt um Bat gefragt, als es sich 1918 bei den Friedensverhandlungen mit Sowjetrußland darum handelte, die Stimmung in Holland sestzustellen.(Verliest einen entsprechenden Brief des damaligen deutschen Gesandten im Haag, Freiherrn v. Maltzahn, vom 4. April 1918. Ich bin auch nicht nach Deutschland gekommen, um hier erst mein Glück zu suchen, man Hot mich darum gebeten. Brosessor Drinkmann von der Deutschen Vressestelle. der auch an den Friedensoerhandlungen in Brest-Litowsk teilgenommen hatte, hat mir damals wiederholt geschrieben und hat mich auch gebeten, russische Zeitungsartikel zu übersetzen und in Holland unter- zubringen. Er hat mir dann noch 1919 mitgeteilt, ich braucht« keine Bedenken haben, nach Deutschland zu reisen, um so mehr, als ich genügend Empfehlungen hätte. Vors." Wir können wohl unter- stellen, daß Ihnen aul Wunsch verschiedener, auch amtlicher Stellen nahegelegt worden ist, nach Deutschland zu kommen. Deshalb brauchen wir diese Erörterungen nicht. Barmat(erregt): Ich mu'; das aber sagen, denn ich will nicht, daß die Sache Barmat weiter zu politischen Zwecken aus meinem Rücken ausgesochten wird. Vors.: Das interessiert uns nicht.— Barmat: Ich habe hier weiter die Belege über Angebote der Kruppschen Wohnungsver- waltung und des österreichischen Bundcsministeriums auf Lebens- m i t t e l l i e f e ru n g e n. Ich will damit beweisen, daß ich in Holland eine sehr angesehene Firma war. Vors.: Es ist ja auch nicht behauptet worden, daß Sie damals nicht angeschen waren. Barmat (immer noch erregt): Das steht aber in der Anklage. Vors.: Uns inter- essiert das aber nicht. Barmat- 1929, als infolge des Transport- arbeiterftreiks in Holland viele Millionen Lebensmittel für Deutsch- land in Holland lagerten, da habe ich 199 999 Gulden zur Verfügung gestellt, damit sie nach Deutschland weiterbesördcrt werden konnten, obgleich gar keine Lebensmittel von mir dabei waren.(In neuer Erregung.) Damals hoben auch die Herrschaften, die heute aus mich schimpfen, wie die„Rote Fahne" und die Rechte, mich gebeten, doch für den Abtransport zu sorgen. Ich habe auch dem Reichswirtschasls- Ministerium 1919 Kredite für die deutsche Rohstossindustne in Höhe von 19 Millionen Gulden beschafft. Hier ist auch die Grenzbescheini» gung, daß ich bei meiner Einreise nach Deutschland 39 999 Dollar, 19 999 Pfund und 39 999 Gulden mitgebracht hebe.(Ueberreicht diese Belege dem Gericht.) vorfo Herr Barmat. ich habe Sie aus- reden lassen. Sie müssen aber jetzt olles Ueberslüsfige ausscheiden, wir werden hier ganz nücktern nur an Hand der Tatsockcn ver- bandeln, sonst wird dieser Prozeß endlos. Barmat: Ich hätte diese Belege schon früher überreicht, aber man hat mich ja nicht danach gefragt. Die Staatsanwaltschaft hat ja die Anklageschrift ferlssjgesiellt, ohne mich ein einziges Mal zu fragen. Im weiteren Verlauf der Vernehmung äußert(ich Barmar über den Ankauf der Altenburger Sparbank und der Papierfabrik Chromo und andere Industrieunternchmungen. Die Verhandlung geht weiter. Eine Klettertour am Kriminal� erlebt. Stellungslose Artisten machen sich Arbeit. Einen sonderbaren Weg in den Gcrichtssaal hatte heute früh ein Angeklagter gewählt. Er wollte nämlich nicht durch die Ein- gangstür vor Gericht erscheinen, sondern suchte an der Fassade des neuen Kriminalgericht« bis zum 3. Stockwerk hoch- zuklettern und durch das Fenster einzusteigen. Do« Schauspiel, für das der Fassadenkletterer sich gleich zwei Photographen mitgebracht hatte, lockte natürlich im Nu eine hundertköpsige Menschenmenge an. Der Kletterkünstler hatte aber das Pech, sich im Gebäude zu irren, denn sein Termin stand im alten Kriminalgebäudc in Alt-Moabit an. Doppeltes Pech hatte er insofern, als er in de n Sitzungssaal 571 der Großen Straskammer des Landgerichts III geriet, in dem heute keine Sitzung statt- fand, so daß die Tür verschlossen war. Er muhte infolgedessen wieder den Weg zur Fassade herunter wählen und wurde, unten angelangt, von den Justizwachtmeistern in Empfang genommen und der Polizei übergeben. Ein Schupobeamter führte ihn dann dem Amtegericht Mitte vor. Dieser Kletterkünstler war der Jockei Herbert Michaelis, der sich zusammen mit dem Schauspieler Adols N a st, der sich Klettermaxe nennt, dort wegen groben Unfugs zu v:r> antworten hatte. Den Anlaß zu dieser Anklage boten wieder zwei Kletter- tourcn, die diese beiden Angeklagten an anderer Stelle verül hatten. Das eine Mal waren sie an der Fassade des Haust Behren st raßc 59, Ecke Friedrichstraße, bis zur Dachkupp hochgeklettert und mußten mit der mechanischen Leiter hcrun.ci geholt werden, in dem anderen Falle waren sie an dem Gebäut des Mercedcspalastes, Unter den Linden, hochgekletter Peide Male hatten die Klettertourcn Ausläufe von Tausenden vo Menschen verursacht, so daß der Verkehr völlig gehemmt worde war. Sie halten auch damals Photographen zur Aufnahme ihr« Kletterleistungen bestellt. In der Perhandluna ergab sich, daß beit Angeklagte schon vorbestraft sind. Der Verteidiger machte zur En schuldigung der Angeklagten geltend, daß sie als stellungrlol Artisten nur die Oesfentlichkeit auf ihre turnerischen Fähigkeile hätten aufmerksam machen wollen, um auf diesem Wege eine A> stellung bei einer großen Filmgesellschaft zu erlangen. Das Amü gericht betrachtet« auch den Fall von diesem Gesichtpunkt aus un erkannte nur auf 2 W o ch e n H a f t für jeden der beiden Ar geklagten Michaelis wird nun noch eine neue Anklage weg: seines heutigen Gastspiels zu gewärtigen haben. Außerdem schwet gegen beide Angeklagte noch ein weiteres Strasverfahren wcge groben Unfugs, weil sie auch an der Fassade des Waren Hauses T i c tz in der Leipziger Straße bis zu der Kugel a> dem Dach hochgcklcttert sind und dabei wiederum einen verkehr-: hemmenden Auslaus verursacht hatten. Der Derliner Wortschatz. Im Hörsaal III der Universität sprach Dr. S. Mauermann über das Thema:„Berliner Wortschatz im Wandel der Z e i t e n." Der interessante Vortrag, der mancherlei Parallelen aufzeigte, war weniger eine registrierende Auswahl aus dem Ber- lincr Dialektlcxikon, als vor allem der Versuch einer Klar- stellung der Herkunft verschiedenster populär ge- wordener Berliner Schlag worte, die zum Teil bestimmten politischen Strömungen, zum Teil origineller Umbildung von Fremd- Wörtern ihre Entstehung verdanken. Im„humanistischen Berlin", wie Dr. Mauermann definierte, sprach man die deutsche Sprache sehr stark mit lateinischen Brocken vermischt. Bestimmte Schlagworte tauchen auf, halten sich Jahrzehnte in breiten Schichten und ver- schwinden, um zeitgemäßeren Sprachformulierungcn Platz zu machen. Um 1799 war der französische Einfluß auf das Berlinische ganz unverkennbar und hervorstechend. Recht nett sind die tauto- logischen Bildungen, die 1819— 1999 im täglichen Berliner Sprach- gebrauch waren, so:„nich in de la main"(das dem Sinn des heutigen . bei mir Nordpol, nicht heranzukommen", entsprach. Um 1999 bildete man„Kledasche, halbieren, Balkon"(französischer Ur- sprung), die„Stinkadores" beweist spanischen Einfluß.„Jux, schick und Lumpacivagabundus" sind auf Wien zurückzuführen. ..Dalli" kommt aus dem S l a w i f ch e n. dem Hebräischen entlehnte der Berliner Worte wie Pinke, Mischpoke, Schickse!(will- türliche Endungl und anderes. Auch das Rotwelsch fpiclt im Berliner Jargon eine nicht unerhebliche Rolle, so:„Polente". Als im Jahre 1875 die Soda- und Selterswasserbuden aufkamen, sprach man von„S o d a l i s k e n". Ein Beweis für den Witz und die Wortmalerei des Berliner Dialekts. Recht interessant ist das Charakterisierungsbestreben: schmale Häufer werden„Hand- t u ch" genannt. In den 48er Sturmjahren kam„der große Kladde- radatsch" auf, gleichsam eine Ankündigung bedeutsamer politlsckzer Ereignisse. Lautmalerei und Streckform sind für den Wortschah symptomatisch. Der„Kalauer" war ursprünglich kein schlechter'Witz, sondern ein Stiesel aus Kalau. Der Berliner hat gut pointierenden Witz:„Marmarameer" für die Siegesallee, „Hülsenfrüchte"(am Schillerdenkmal die Früchte, im Hause die Hülsen) aus wilhelminischer 5zofintendantenzeit,„st o t t e r w e i s e zahlen" für Abzahlungsgeschäste,„man gabelt sich so durch", wenn man einen Offenbarungseid nach dem anderen leistet, und vieles andere. Daß ein Grammophon„Konssrvenmusit" von sich gibt, daß von einer miauenden Katze gesaat wird,„die Mieze propellert", daß ein Baby ein„neuzugelegter Lautsprecher" ist, nur nebenbei. Sehr starken Einfluß auf die Berliner Schlagwort« hat die rapide t e ch- »lsche Entwicklung, worauf Dr. Mauermann zum Schluß hinwies. Früher half man einem Droschkengaul„u s f d e B e e n e", heute„kurble ick mir an". Die niederdeutsche Herkunft des Berliner Jargon ist unverkennbar. Mode und Theater. Im Reichswirtschastsrot hielt Prof. Dr. F i s ch l vom Reich-- verband der deutschen Modeindustrie einen Lichtbildvortrag zum Thema„Mode und Theater". Der Gedanke von der Untrennbar- keit dieser beiden Begriffe ist an sich nichts Neues; denn die theatra- lisch« Wirkung, der Konnex mit dem Publikum, kurz das Geheim- vis des Erfolges liegt ja natürlich mitbegründet in der Eindrucks- fähigkeit des rein äußerlichen Bühnenbildes. Der Vortragende bot eine revueartige Ueberficht kostümlicher Theaterkunst, ausgehend vom Theater der Rokokozeit mit seiner starren Pracht, der bildhost- unfreien Bewegung, bis zur heutigen, etwas ins Uferlose geratenen Entfaltung kostümbefreiter Bühnenwirkungsmöglichkeiten � der Revue. Interessant war eigentlich bloß die Beobachtung der künst- lersschen Entwicklung der Kostümlieferanten, sowohl des Zeichneis wie des Schneiders, ihr völliges Eingehen auf die Person des Dar- stellers, auf seine ihm innerhalb der betreffenden Rolle vor- geschriebene Bewegung in musikalischer und allgemeiner Beziehung. So sst aus dieser rein handwerklichen Tätigkeit im Lauf der Zeiten cin an erster Stelle rangierender Faktor des Kapitels Theater- kunst geworden. Das Lichtbildmaterial unterstützte den Vor- trag nicht in günstigem Sinne. Es bestand— mit wenigen Aus- nahmen— aus einer Fülle wertloser Photographien einzelner Büchnensterne, die man in den Alben und Aushängekästen der bc- trefsenen Photographen tagtäglich sehen kann. Mit Rücksicht auf Thema und Publikum— letzteres bestand größtenteils aus Fach- presse und Kunstschulen— wäre eine Bilderfolge qualitativerer Art angebracht gewesen. Eine Unterstützungsschwindlerin. Eine Unterstützungsschwindlerin treibt wieder ihr Unwesen. Sie macht sich eine Zeitungsnotiz zunutze, nach der gewisse Unterstützun- gen um eine Kleinigkeit erhöht werden sollen. Auf der Straße und besonders vor Schaufenstern spricht sie alte Frauen an, zieht sie in ein Gespärch über dies« Erhöhung und erbietet sich ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, weil sie mit diesen Dingen gut Bescheid wisse. Das Ouittungsbuch, das sie sich erbittet, um den Frauen den richtigen Weg zeigen zu können, haben diese meistens nicht bei sich. So nehmen sie denn die Hilfsbereite in ihre Wohnung mit, um es ihr dort zu zeigen. Die Schwindlerin findet dann leicht .eine Gelegenheit, die vertrauensseligen alten Frauen zu bestehlen. So stahl sie gestern einer Greisin in der Sophienstraße in einem unbewachten Augenblick 49 M., die sie in der Bibel aufbewahrte. Ucber„Wohlfahrt und Wirtschaft" veranstaltet der Hauptous- schuß tür Arbeiterwohlfahrt e. V. im Rahmen d-s Nachlchulungslehr- ganges für männlich- Wohlfahrtspsleger eine öffentliche Vortrags- reihe. I.Vortrag: Freitag, den 14. Januar,„Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege", Referent: Direktor Dr. N ö l t i n g. Berlin. 2. Vortrag: Freitag, den 28. Januar.„Ist Wohlfahrtspflege produktionsfördernd?". Referent: Dr. P r e l l e r, Berlin. 3. Vor- trog: Freitag, den 11. Februar,„Reform der Wohlfahrtsver- waltung", Referent: Dr. Ern st Hamburger, Breslau. 4. V o r- trag: Freitag, den 25. Februar,„Ausbildung der Fürsorgekräfte für die rationalisierte Wohlfahrtsverwaltung", Referent: Ministerial- rat Dr. Hans M a i e r, Dresden. Die Vorträge finden im Saal des Hauptgesundheitsamtes, Berlin, Fischer st raße 39— 42, 1. Stockwerk, jeweils abends um 8 Uhr statt. Zur Deckung der Unkosten wird ein E i n t r i tt s g e l d von 59 Pf. pro Vortrags- abend erhoben. Wärchcnvorslellung Im Rose-Theater. War das«in fideler Nachmittag beim„Tapferen Schneiderlein!" Erst ver- Lppelt er zum Gaudium der kleinen Zuschauer die gut«, alte, dick« Höckerfrau nach Strich und Faden, domi erlegt er mit wahrem Heldenmut sieben Rieseichrummer, verleiht sich für dies« heroische Tat eigenhändig einen Ehrengurt und zieht mit diesem, einer Klampfe und einer Musstull« zu neuen Siegen in die Welt hinaus. Sein kecker Sinn und froher Mut bringen ihm allerlei lustig« Abenteuer, bis er schließlich sogar des Königs Töchterlein samt dem dazu gehörigen Königreich erobert. Der lustig« Meck-Meck hatte sich im Nu oll die kleinen Herzen erobert. Alles freute sich diebisch, wie er die zwei Waldriesen verbläut« und die alt« garstig« Hexe in den Backofen buasien«. Und als ihm. knapp vor der Hochzeit mit der Königstochter. der böse Rivale seine Deut« stahl, da erhob sich im Zuschauerraum «in donnerartiges Veto, und wie das Schnciderlein beim Erwackzen das Fehlen der Siegestrophäen bemerkte, da verriet ihm«instimmig und begeistert alles den Missetäter. In den Zwischenpausen wurden Kinderlieder gefpiell und allerseits kräftigst mitgesungen. Die kleine Gesellschaft hatte sich großartig unterhalten. Notlandung eines deutschen Flugzeuges. Bestem nachmittag um 4 Ii Uhr mußte wegen Nebels das große dreimotorige deutsche Ganz- Metallflugzeug v 949 zwischen Edenbridge und Lingfield an der Grenze von Kent und Surrey niedergehen. Der Flugzeug- tührsr und die beiden Mstrcisenden erlitten keine Verletzungen. Auch das Flugzeug blieb unbeschädigt. Ueberall Grippe. Die Grippeepidemie greift in der ganzen Welt um sich. Nach den vorliegenden Meldungen nimmt die Zahl der Erkrankungen und auch die der Todesjälle täglich zu. Der Statistik des englischen Wohlfahrtsministeriums zufolge sind in der vergangenen Woche m England genau doppelt so viele Menschen an der Grippe gestorben wie in der Woche vorher. Die Sterblichkeitsziffern deuten darauf hin, daß die Krankheit sich weit ausbreitet. Während der am 8. Januar zu Ende pe- gangencn Woche find in London und in den großen Städten von England und Wales 172 Menschen an der Grippe gestorben, davon 72 in London allein und 25 im Umkreis von London. In der Woche vorher betrug die Sterblichteitsziffer 86, davon nur 17 in London. Von der Gripp« werden im Gegenfatz zu der von 1918 hauptfächlich ältere und sehr junge Leute betroffen, während Personen im Alter von 25—45 Jahren verhältnismäßig verschont zu werden scheinen. Die Zahl der Grippeerkrankungen in Prag betrögt etwa 5999. Hier sind jedoch Todesfälle bisher noch nicht gemeldet worden. Aus Tokio wird gemeldet, daß in den letzten 19 Tagen nicht weniger als 6 99 Personen, vor allem Kinder, an der Grippe gestorben sind. Aus Deutschland wird aus vielen Orten ein bedrohliches An- wachsen der gefährlichen Krankheit cemeldet. In Schwetzingen beträgt der Kronkheitszustand bis 25 Proz. Bei der A l l g e- meinen Ortskrankentasse waren am 1. Januar 476 und am 8. Januar 671 Kasienmitglieder.arbeilsunsähig gemeldet. Unter den am 8. Januar gezählten Kranken sind mehr als 199 Grippefälle. In Zell in Baden Hai die Grippe«inen derartigen Umfang angc- nommen, daß die Schulen vorläufig auf die Dauer einer Woche geschlossen werden mußten. In den Schulen beträgt die Kranken- Ziffer 39 Proz..In den Betrieben fehlen bis zu 15 Proz. der Lc- legschaft._ Hitzewelle In Australien. Nach Meldungen aus Sidney herrscht augenblicklich in verschiedenen Teilen Australien» starke Ä i tz e. In Südaustralien sind viele Todesfälle zu verzeichnen, so i:, einem Altersheim in Zl d e l o i d« allein sieben. Als Folge der Hitze- welle werden zahlreiche Brände in verschiedenen Landesteilcn berichtet, Einzelne Bezirke leiden empfindlich unter Wassermangel. Oetriebsratswahl bei öer Straßenbahn. Am Sonabend haben die Berliner Straßenbahner wie zu An- fang eines jeden Jahres ihre Betriebsvertretung neu zu wählen. Bei der organisatorischen Zersplitterung der Straßenbahner stehen auch diesmal wieder Kandidaten drei v e r- schiedener Richtungen zur Wahl: Freigewertschastliche, 6>ristliche und Werksgemeinschaftler(Gelbe). Der Hort der Gelben, genannt Reichsverband Deutscher Klein- und Straßenbahner, hat sich noch nie anders wichtig zu machen ver- sucht als durch eine ganz üble und verlogene Hetze gegen die freien Gewerkschaften und die frei- gewerkschaftlichen Betriebsräte. Daß sich diese Frank- tireurkampfweise angesichts der bevorstehenden Betriebsratswahlen zu einem wahren Lügen- und Bcrleumdungs- f e l d z u g entwickeln würde, war vorauszusehen. Das Organ dieser Bauchrutscher„Der Deutsche Straßenbahner", das nebenbei bemerkt auf jeden leidlichen Kenner deutschen Stils wie ein Brechmittel wirkt, ist besonders in seiner Ncujahrsnummer angefüllt mit Lügen, die sich geradezu überstürzen. Auf diese Lügen und persönlichen An- rempclungen hier auch nur mit einem Wort einzugehen, würde be- deuten, jemandem Ehre zu erweisen, der sie nicht verdient. Jeder denkende Straßenbahner weiß selbst, was er von diesen Leuten zu halten hat. Ihre Tätigkeit bestand doch bisher in weiter nichts anderem als im M a u l a u f r e i ß e n, von praktischer und erfolg- reicher Tätigkeit im Interesse der gesamten Straßenbahner wissen sie jedoch nichts zu berichten. Mit ihren 370 Mitgliedern sind sie ja auch zur Bedeu- tungslosigkeit verurteilt. Sie haben nur insofern Bedeutung, als sie immer wieder die Brandfackel des Bruderftreites in die Reihen der Straßenbahner werfen und es somit den großen freien Gewerk- schaften erschweren, die Lohn- und Arbeitsverhältnisie der Straßenbahner im rascheren Tempo zu verbessern. Dies ist der einzige zweifelhafte Erfolg, den diese Werksgemeinschaftler für sich buchen können, andere, im Interesse der Gesamtbelegschaft liegende Erfolge können sie nicht aufweisen. Jede Lohnerhöhung, jede Verbesserung der Fahrpläne und was sonst noch erreicht wurde, sind nur E r- folge der freien Gewerkschaften und der freigewerk- sckastlichen Betriebsräte. Wenn nicht immer volle Erfolge erzielt werden konnten, so lag es eben daran, daß infolge der Ohren- bläscreien dieser gelben„Führer" die organisatorischen Vor- aussetzungen für die Crzielung durchschlagender Erfolge fehlten. Bei der Berliner Straßenbahn ist noch vieles verbesserungsbedürftig, sei es in der Entlohnung. der Regelung des Dien st Verhältnisses, der Ar- beitszeit oder sonstwo. Solange aber nicht die gesamte S t r a ß e n b a h n b e l e g s ch a f t von der Liebäugele! mit den gelben Aposteln abrückt, werden die freien Gewerkschaften und ihre Betriebsräte die bestehenden Mängel nie abstellen können. Un- begreiflich erscheint nur. und das muß in diesem Ausammenhang er- wähnt werden, die Stellung der Betriebsleitung der Straßenbahn zu den Gelben. Unter den Straßenbahnern gehen Gerüchte um und werden in Bahnhofsversammlungen lebhaft bis- kutiert,� daß die Betriebsleitung mit Vertretern des„Reichsver- bandes wahrend der letzten Lohnbewegung über Lohnerhöhungen und Weihnachtsbeihilfen verhandell hat, obwohl der„Reichs- verband" nicht T a r i f k o n t r o h e n t ist. Die„Reichsver- bandlcr brüsten sich damit, die Betriebsleitung bestreitet es Hat die Betriebsleitung den Gelben 3M M. gegeben für die Anschaffuna eines Vereinsbanners? Wir möchten nicht annehmen, daß ein so inniger Zusammen- hang zwischen der Betriebsleitung und den Werkvereinlern besteht. sondern derartige Gerüchte nur aus der Renommisterei dieser Leute lieruhen. Die Straßenbahner werden gut daran tun. wie bei der letzten Lohnbewegung, den freien Gewerkschaften zu folgen. Sie werden ihre Stimmen nicht den Gelben geben, ""b auch der Wahl nicht fernbleiben, sondern am Sonnabend geschlossen zur Wahlurne gehen uttd die Kaiididaten der freigewerk- schaftlichen Liste l wählen! Forderungen der Kraftdroschtenfahrcr. Die in den Großbetrieben des Berliner Krastdroschkcngewerbcs beichäftigten Fahrer hatten an, Dienstag im Gewerkschaftshaus eine Versammlung, die sich mit der Forderung auf E ch a f s u n g e> n e s « l- und L o h n t a r i f e s auch für die in diesen Betrieben Vcichaitigten befaßte. Nachdem ein französischer Droschken- chausfeur die Grüße der Pariser Bruderorganisation übermittelt und in kurzen Worten die Lohn- und Arbeitsverhällnisse der Pariser Kraftdroschkcnführer geschildert hatte, begründete Genosse H e n l vom Vcrkehrsbund die Notwendigkeit eines Garantie- lohnes. Was den Fahrern der Kleinbetriebe möglich qe- wesen ist, muß auch von den in den Großbetrieben Be- schaftigten erreicht werden. Da die Großbetriebe weit leistungsfähiger sind als die Kleinbetriebe, können sie auch besser zahlen. Die Versammlung beauftragte die Organisation, den Groß- betrieben eine Forderung einzureichen, in der vier Mark Gorantielohn zuzuglich 20 P r o z. der Bruttoein- nähme verlangt werden, sowie der Abschluß eines Manteltarifes wie in den Innungsbetrieben. Gegen Ueberstunden der Lehrlinge. Die Beschwerden über die Ausbeutung der Lehrlinge nehmen von Tag. zu Tag zu: sie bilden bereits eine ständige Rubrik ,n der Gewerkschastspresse. In der letzten Zeit haben nun auch die Beschwerden aus Eltern kreisen über die Vermehrung der Ueberstundenarbeit der männlichen und weiblichen Lehrlinge in den kleinen und Mittelbetrieben des Handwerks, unter der theoretische Ausbildung, Gesundheitszustand und GesaiMleistungsfähigkeit der jugendlichen Arbeitskräste leiden, einen oufsallenden Umfang an- genommen. Der preußische Minister für Handel und Gewerbe teilt nun aus eine Anfrage jozialdemokratischerLandtags- abgeordneter mit, daß die ihm nachgeordneten Behörden wiederholt, zuletzt durch Rundcrlaß vom 11 Dezember 1926, angewiesen wurden, für genaue Durchführung der Arbeitszeitoorschristen und Vermeidung Entbehrlicher Ueberarbeit in allen gewerblichen Be- trieben, also auch in den kleinen und Mittelbetrieben des Handwerks, Sorge zu tragen. „AuSschluh auS de« Böttcherverband." Bezeichnend für die Berichterstattung der„Roten Fahne" ist ihre Darstellung des Ausschlusses eines Mitgliedes aus dem Böttcher- verband.„Wegen Teilnahme am Werktätigenkongreh", heißt es in der Unterzeile der Ueberfchrift. Dabei konnte der Betreffende, Hermann Martens, schon deshalb nicht aus diesem Grunde ausge- schloffen werden, weil er zu feige war, die von ihn selbst in einer Versammlung vorgeschlagene und mit allen Mitteln der Demagogie vertretene Kandidatur, gleich seinen anderen Freunden, anzunehmen und dafür sorgte, daß ein„Unpolitischer" gewählt wurde. Der Ausschluß des M. erfolgte in erster Linie wegen fort- gesetzt gewerkschaftschädigender Tätigkeit durch Fraktion sbtldung, zumal nach dem Statut des Verbandes M. als A r b e i t g e b e r gar nicht mehr Mitglied sein kann. Außer- dem aber, weil M. als A r b e i t g e b e r seine Produkte in einer Weise und zu Preisen an den Mann zu bringen suchte, zu denen sich die anderen Arbeitgeber nur unter Kürzung der Löhne imstande er- klärten und diese infolge der schlechten Wirtschaftslage auch durch- führten, seine Kollegen schädigte. Die Lohnkürzung, zu der er seinen Verbandstollegen verhalf, beträgt wöchentlichbiszu 11 Mark. Daß unter solchen Um- ständen der Hauptvorstand dem Treiben in Berlin nicht länger zusehen konnte, wird jedem einleuchten, für den die Gewerk- schaften noch etwas anders sind als ein Tummelplatz kommunistischer Eorenakolonnen. Wenn die„Rote Fahne" glaubt, der Hauptvorstand lasse sich durch Drohungen, man werde die Rückgängig- machung erzwingen, von seinen Beschluß wieder abbringen, fo täuscht sie sich, denn nur zu lange hat er dem Treiben einer kleinen Zahl von Moskaudienern zugesehen. vorstanössitzung ües 366. Amsterdam, 12. Januar.(WTB.) Di« heutige Sitzung des Generalrates des Internationalen Gewerkschaftsbundes wurde zum großen Teil mit der Verlesung des Jahresberichtes über die Tätigkeit des Vorstandes ausgefüllt. Im Anschluß daran erfolgt« eine ausgedehnte Debatte über das Verhältnis des Internationalen Gewerkschaftsbundes zum Genfer InternationalenArbeits- amt, sowie über die kürzlich erfolgt« Reis« einiger europäischer Gewerkschaftsvertreter nach Mexiko. Bestimmte Beschlüsse wurden jedoch nicht gefaßt. Di« deutsche Gewerkschaftsbewegung war bei den obigen Besprechungen außer durch die beiden Vorstands- Mitglieder Leipart und Sasssnbach noch durch Graßmann oertreten. (Der letzte Satz ist insofern falsch, als der Genosse Sassen dach nicht Vorstandsmitglied, sondern Sekretär des JGB. ist. Leipart ist Vizevorsitzender des JOB. und Graßmann der Vertreter des ADGB. im Ausschuh des Internationalen Gewerkschastsbundes. fius üer Moskauüebatte In England. Schwache Entschuldigung der russischen Schimpsapojtcl. Der scharf« Ton, den dieser Tage der Generalsekretär der brili- schen Gewerkschaften Walter C i t r i n e in einer Abwehr der Moskauer Beschimpfungen und Verdächtigungen gegenüber Herrn Losowski anschlug, hat auf dem linken Flügel des britischen Gewerks haftslagers verstimmt. Man war überrascht, weil man eine solche Sprache gegenüber Moskau aus dem Munde des Nachfolaers von Bramley nicht erwartete. Anscheineiüt zur Beruhigung der Gemüter erklärt jetzt der Prä- sident der britischen Gewerkschaftsbewegung George H i ck s in einem Interview mit dem„Daily Herald", dl« Gefühle Cirrines seien an- gesichts der auf ein« schlechte Orientierung zurückzuführenden Kritik und der Hysterie Losowskis leicht verständlich. Er zweifle jedoch, daß aus solchen Meinungsäußerungen etwas Gutes erwachsen könne. Er persönlich habe sich daran gewöhnt und darüber beruhigt, t a g- ein tagaus Verräter genannt zu werden. Die„Bitter- keit" in der russischen Polemik(gegen die„reformistischen" Klassen- genossen!) stamme aus den bitteren Erfahrungen der Gefängnisse und Exile, durch die die russischen Führer hindurchgegangen seien. Trotz der spitzen Geschosse der Russen dürfe aber nichts getan werden, was dos richtige Funktionieren der anglo-russischen Gewerkschasts- kommission verhindern könnte. Hicks steht auf dem äußersten linken Flügel der britischen Ge- werkschastsbewegung und ist aktives Mitglied der sogenannten „Minderheitsbcwegung". Seine Meinungsäußerung kann daher nicht als die Auffassung der gesamten britischen Bewegung, sondern lediglich als P r i v a t m e i n u n g beurteilt werden, die allerdings von einer großen, aber im Abnehmen begriffenen Anzahl organi- sierter britischer Arbeiter eeteilt wird. In Deutschland wird man sich der Art, wie Hicks das ewige russische Verrätergeschrei psychologisch erklärt, kaum anschließen können. In der Beschimpfung der Gewerkschaftsführer durch Mos- kau liegt Methode: sie kann nicht psychologisch, sondern nur p o l i- tisch erklärt werden.(Im vorliegenden Falle ist ein« Entschuldi- gung für Moskau höchstens darin zu sehen, daß L o s o w s k y außer- gewöhnlich stark abgebrüht ist. D. Red.) Auch die britische Arbeiterschaft wird um die entscheidende Beantwortung der Frage: Moskau oder Amsterdam, die in Deutschland be- reits im Sinne der demokratifch-sozialistifchen Methode entschieden worden ist, nicht hemmkommen. Mit Geduld gegen Moskau ist diese Entscheidung nicht zu vermeiden. Gemaftregelte Bergarbeiter in England. London, 13. Januar.(EP.) Die Gewerkschaftsleitung der Bergarbeiter trat gestern in London zu einer Sitzung zusammen, um über«ine große Zahl von Klagen zu beraten, wonach die Grubenbesitzer eine Reihe von Bergarbeitern mit Strafmaß- namen belegt hätten und sie nicht wieder zur Arbeit ein- st e l l e n wollten. Die Lage sei besonders in Kent und Lei- cestershire sehr ernst._ Deutscher Werkmetster Berbaud, Bezirk X..u je 400 M 1096 3134 6046 12806 1S761 1S923 20649 2916« 35795 39701 46053 49792 70002 72032 73910 37705 90444 93564 103757 I0426I 112337 117466 120435 127057 '------------- 145076 146575 152629 156944 211953 216626 218220 226643 253533 270070 271623 278543 324900 325272 335039 341319 3918 6886 13702 16504 18870 128603 141450 143754 143619 167282 178171 191904 208654 235625 235706 244415 246127 291832 297690 314354 323370 242 Gewinne zu je 300 M. 1154—..--------- 26097 28797 31006 31295 33825 40469 43204 45491 46100 47777 48637 49509 54283 65193 65009 65567 69948 70453 71528 72688 72920 75065 77874 86765 87505 88277 90343 92928 95555 97605 99010 124136 147482 173128 206210 223232 262063 280350 304837 319846 335605 106459 126138 148628 180273 205571 225142 262144 281636 306180 322271 338256 106609 132264 149696 181000 212082 230657 262856 282398 306705 324489 339854 109600 132668 149727 183304 214699 235061 263062 286649 310739 325306 347001 115851 135654 149844 190725 217689 239087 270093 286906 311055 327093 347537 122550 137153 167575 193177 218488 240641 276883 287763 313915 330554 122733 123203 147242 147300 160987 172058 201970 203980 222353 223068 253039 267090 278845 279789 288454 289002 317619 319664 331174 334892 Die Ziehung der 5.»lalle sindei vom 9. Fedruar b>» 11. Maij 1S27 IIa«. Allgemeine Mroiltettee für den Stadtbezirk CSpenick. Hiermit laden wir die Mitglieder des Ausschusses zu dar am Freitag, den 21. Zannar d. Z., abend»?>, Uhr, im„Uatoteller-, Köpenick. Schlobstraße. fiaUflndenden außerordentlichen Ausschuß-Sitzung ein Tagesordnung: 1 Satzungsänderung Z(Selchä't'iichc». Die Ausichu Mitglieder erhalte» noch besondere Tinladunzen. Berlin-Töpen ck, den 12. Januar 1227.- Der Borstaod. Otto 2t t ck»> Dorlitzender Oe.keu.IicN«>'a. rra�nnelNe Mtfatirt und Wirtschaft 1. Vortrag: Jodaleoiitik Dad WoiiMsptlege" Keferent: Direktor Dr. Nölting, Berlin. Freitag, de< U.Januar, abends 8 Ihr, Im Saal des isaup gesundheltsamies Berlin, Fischerstraße 39-421. Hauptausschuß« Arbeiterwohlfahrt e.V. Näheres im redaktionellen Teil der heutigen Ausgabe. Raiten und Mäuse werden total ausgerottet, wenn Sie unser anerkanntes und totsicher wirkendes Nagcrfötungsmittel„ROTSALZ verwenden. Vieie Anerkennungen, Nachbestellungen und Weiterempfehlungen größter Firmen und Behörden beweisen verblOifende Wirkung. So schreibt u. a. die skttiWi Seidenweberei l.-O.. Krefeld; IWir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, daß die bisherigen Versuche in zwei unserer Fabriken gunstig ausgefallen sind und nachhaltige Wirkung gezeitigt haben. Wir bitten un-'. zu senden: lotsaiz yegen Batten und Mäuse ßrunsalz gegen schädl. Insekten sind absolut sicher wirkende Tötungsmittel, unbegrenr*. haltbar, von den Schädlingen gern genommen. Rot- und QrQnsalz kostet; '.-Ptd-Päckchen 2,10 M., 1 Pfd. 3,60 M., 2 Pili. 6,60 M, 6 Pfd. 18,60 M., 10 Pfd. 30,60 M. Ausführliche Prospekte kostenlos.— Versand gegen Nachnahme oder Voreinsendung auf Postscheckkonto Berlin 24633, bei Voreinsendung portofreie Lieferung OliemiSGii-teciinlsciia Gesellschaft von MalotHd ch Co. Berlin NW 40, Relchstagsufer 1 Möbel ohne Anzahlung| liefert allrenommlertes Mibeihaas kompielle Zimmer, sowie ElnzelmSbel, KOchen in allen Halben, Ankleldesclirlnke, lle-der- sehrinke. So(ts. BOehers'hrinke. Betistellen in, 1 Holz und Metall, Teppiche und vieles andere bei denkbar bequemsten Ratenzahlungen! Beste Qualitäten! Sllligste preise! I Gell. Anfragen unter B. 19 an die Hauptexped. d�s Vorwärts, Berlin SW. 68 Photoapparaie, feldsfedier kaufen->e gut und preiswert im Photo-Spezialhaus Haller, Kottbnser Damm 98