Meaöausgabe Nr. 47 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 25 veimaidedlilau«»» Mld Äatrisenvr«!?« Ilsd m 6tt StoiaenauMOb« angtütbtn ReAaltioa: Stt. 88, Cinbcnficafi* S Jernfpredicc, VSshoft 292- 292 XeL-Hbtcff«: Sojialbcmotcat Berlin Volktsvletkk Derltnev Zentralorgan der Sozialdemokratifchen parte! Deutfchlands (lO Pfennig) Zreitag 2S. Januar 1�27 Sttlag und«»»«tgruabittluuD, aelch«f»-,»it dl» 5 lldr tlctlcgcc: Borwar«». Verlag(DmbQ. Berlin Sw 99, Vladeaslrod» 9 Zerasprechen VSaho» 292-297 Der Kampf um Sie Kasse. Wer wird Finanzminister im Bürgerblock? Der Kampf um die Ministersessel tobt«oeiter. Seil 11% Uhr schachern die vom Reichspräsidenten ,ur Regierungsbildung zu. gelassenen Parteien über die endgültige Verteilung, sind aber noch nicht ,um«bschluß gekommen. Di« Deutsche Doltspartei will sich mst nur zwei Ministersesseln nicht begnügen und verlangt deshalb auch das Reichsoerkehrsministerium. das den Deutschnationalen schon zugesagt war. Sie würden es schließlich hergeben, wenn sie dafür das Reichsfinanzministerium bekämen, worauf aber da» Zentrum unter keinen Umständen ein. gehen will. So ist der Plan aufgetaucht, al» vierten Ministerposten den Deutschnationalen für das aufzugebende verkehrsministe. rium ein« vizekanzlerstelle einzuräumen. In der Tat ist ja ein anderer Weg nicht zu sehen, auf dem man sowohl der Deutschen Dolkspartei drei und den Deutschnationalen vier Stimmen im Kabi. nett geben könnte, wenn das Zentrum aus seinen drei Sitzen be. harrt und der unvermeidlich« Getzler nicht einem ostiziellen Deutsch- nationalen Platz machen soll. Vizekanzler soll aber durchaus nicht Herr Wallraf werden. denn er ist katholisch, und sowohl die Deutschnationalen wie die Deutsche Bolkspartei wollen das katholische Element in der Reich». regierung nicht noch weiter gestärkt sehen. So sehr die Deutsch» nationalen an sich klerikalen Tendenzen geneigt sind, so klingt den älteren unter ihnen doch noch da» schöne Wort de» biederen Jordan v. Kröcher über die„ollen infamichten Iefuwitter" mahnend in den Ohren. die Richtlinien biegen sich. Ter Ttreit um die Auslegung der Richtlinie» beginnt. Der Streit um die Richtlinien im Bürgerblock kommt schon in Gang. Die Hugenberg-Presse schwört die Richtlinien ab und legt sie obendrein noch echt hugenbergisch aus. Der ,.N a ch t» T a g" hatte behauptet, daß die Anerkennung der Locarnopolitik nur dem Dusland gegenüber gelte, aber nicht verfasiungsrcchtlich. Bekanntlich war der Bater dieser Formel einst Graf Westarv. Gegen diese Auslegung erklärt die„Tägliche Rund» s ch a n": „Wir haben bereits in unserer gestrigen Morgenausgabe darauf hingewiesen, daß die Anerkennung der Locarno-Ber- träge, wie sie in den Richtlinien ausgesprochen ist, durch eine protokollarisch festgelegte Interpretation er- gönzt wtrd. In dieser Interpretation Ist ausdrücklich unter Zustimmung der deutschnationalen Unter» Händler festgestellt worden, daß die Anerkennung der Lo- rarno-Derträge nicht nur staatsrechtliche Bedeutung dem Auslande gegenüber, sondern auch die v e r» fossungsrechtliche Anerkennung in sich schließen soll. Die Deutschnationalen erkennen damit nachträglich an. daß die An» nahine der Locarno-Verträge im Reichstag mit einer verfasiungs- rechtlich gültigen Mehrheit erfolgt ist. An dieser klaren Interpretation läßt sich nicht drehen und nicht deuteln. Diese Tatsache muß auch der Nachtausgabe des»Tag� bekannt fein. Man kann deshalb die gegenteilig« Behauptung nur als«in« grobe?rr«» s ü h r u n g bezeichnen." Es geht damit los, daß die Organe der Regkerungs- Parteien, die sich äm nächsten stehen, sich„grobe Irreführung vorwerfen. Das ist ein ehrlicher Handel! -gken eführ Die Ausdeutungskünste der deutschnationalen Presie werden verständlich, wenn man die Entrüstung aus dem Lager der unentwegten Bölkifchen über die Deutschnationalen liest. Im„Deutschen Tageblatt" tobt ein„Politicus": Der Berrat kommt ans Licht: „Zunächst wird noch einmal oerlangt, daß die Dqutschnationalen die einfache Mehrheit für Locarno.verfassungsrechtlich" anerkennen, und dann wird von ihnen die Preisgabe selbst dessen verlangt, was ihnen die Weimarer Verfassung gelassen hat. Sie dürfen nicht einmal auf streng Verfassung»- mäßigem Wege die Republik ändern wollen, sa, sie dürfen zu dem Zweck nicht einmal einen Antrag stehlen. Sie werden an Händen u n d F ü ß e n g e b u n d e n i n d l« S k l a v e r e i geworfen, aber sie feilschen sa auch noch, nicht etwa um die Preisgabe ihrer Grundsätze(die ist längst vollzogen), aber sie wollen, wie die Prostituierten ganz allgemein, möglichst gut bezahlt werden. Sie machen ihr« Preis- gäbe davon abhängig, daß fünf von ihren Leuten an die ministerielle Futterkrippe kommen. Drei sind ihnen für eine so gelungene politische Hurerei nicht genug, und darin mögen sie ruht haben." Ein letzter verzweifelter Appell des„Deutschen Tageblatts" gilt den Konservative»: „Wo bleiben die K o n s e r v a t i v« n? Wo bleibt der p r e u- ßisch« Junker? Will der preußische Junker diese v« r l« u g» nung seiner ganzen historischen Tat wirklich auf sich nehmen? Wo bleiben die deutschnationalen Frontsoldaten de» kaiser- sichen Heeres? Wollen sie wirklich den Reichsbannerrekruten das Feld lassen?" Da muß die deutschnationale Presie allerdings die Nicht- sinken hinweginterpretieren, um die Konkurrenz von ganz rechts zu entkräften. Es wird gelogen, daß sich die R i ch t- linken biegen! die Mehrheit ües Sürgerblocks. Die Regierung de« Bürgerblocks verfügt aus eigener Kraft nur über«ine ganz knapp« Mehrheit. Der Reichstag hat tSI Ab- geordnete. Davon entfallen auf: Deutschnational«.... 110 Zentrum....... 69 Volktpartei...... 61 Saht. Volkspartei..._. 19 249 Abgeordnet« Di« Mehrheit beträgt also nur zwei Stimmen, so daß der Bürgerblock auf die Dauer nur auf dem Rücken der Wirr- schaftsparter(21 Mandate) regieren kann. Di« Opposition setzt sich zusammen aus: Sozialdemokraten.... 131 Kommunisten 45 Demokralen...... 32 völlische......._ 15 2�3 Abgeordnete Die Wirtschafts Partei hat dem Bürgerblock wohlwollende Neu- trasität zugesichert. Marx hat damit eine Mehrheit für ein ver- trauensootum. Aber von wem? Die J£p. an£(&en. Volle Solidarität der Labonr Party für China. London. 28, Zanuar.(WTV.) Die Unabhängige Ar- beilerparlei hat dem kantoneflschen Außenminister Ischen eia Telegramm gesandt, la dem sie für die Z u r ü ck z i e h» n g der brINscheu Streltkräst« aus chinesischen Geblelen und Gewässern ein- tritt uad der rrsolglr« Erklärung der Arbeiterpartei voll zvstimmt. „Um eine vereinte Opposition gegen die imperialistische Politik der Regierung gegenüber Ehiaa herbeizuführen", hat dir Unabhängige Arbetkerpartei eine für den ft. Februar von ihr anberaumte Versammlung abgesagt und beschlosien, mit der Arbeilerpartri nnd dem Generalrat des Sewerkschaftstongreste, bei einer am selbe« Abend veranstalteten Versammlung mitzuwirken. » Der Außenminister der Santonregierung, Tschen. Ist ein Auslandchinese: er stammt von der Insel Trinidad in Mittelamerika und spricht englisch fast bester als chinesisch. Mit seinem vollen Namen heißt er Ju Schen Tschen. und aus den beiden Vorsilben haben die Engländer das ähnsich ausgesprochene ev'lischs„Eugen" gemacht, so daß sie den Minister kurzweg Eugen Tschen nennen. Tschen über KrosibrikannkenS Verantwortung. London, 28. Januar.(WTB.) Der Berich'erstatter de»„Dolly Telegraph" in Schanghai meldet: Der kantonesische Außenminister Tschen erklärte, Großbritannien beabsichtige, durch Truppenzu- sammenziehung in Schanghai eine Atmosphäre zu schaffen, die zu einer Kriegserklärung Großbritanniens an die re» rolutionären Heere führen könne. Großbritannien müst« daher die Verantwortung für irgendwelche bedauerliche Zwischenfälle in der Zukunft übernehmen. Der Berichterstotter bemerkt, die Meldungen über Frtedensbedingungen der Kantonesen würden in der Mehrzahl ol» Propaganda aufgefaßt, die den Zweck verfolge, die Loyalität gegenüber Marschall Suntschuangfang zu schwächen. Außerdem meldet der Berichterstatter, daß die Haltung der Japaner sowie die Darle- gung der Politik der vereinigten Staaten Großbritannien in den Augen der Chinesen als den Hauptangreifer China« darstelle. Oppositionsanträge im Unterhans. London. 28. Januar.(WTB.) Wie verlautet, beadsichttgt die Arbeiterpartei, bei der Unterhausdebatte über die Antwort auf die Thronrede als wichtigsten Abänderungsantrag einen Antrag einzubringen, der sich mit den militärischen Borberei- tungen Englands in Schanghai befaßt. Die Entwaffnungsverhanülungen. Zwiesprache Ffoch-Pawels. Paris, 28 Januar.(Eigener Drahtbericht.) Das Interalliierte Militärkomite« hat gestern wiederum eine Sitzung abgehalten, in der zum erstenmal der den Vorsitz führende Marschall Foch mit in die Diskussion«ingitsf und mit dem deutschen General v. Pawels längere Aussprachen hatte. Die Diskussion wird heute fortgesetzt werden. Man glaubt, daß die deutsche Delegation von Berlin telegraphisch neue Jnstrukttonen anfordern wird. In der Frag« des Rüstung«- Materials stt ein Kompromiß zustande gekommen, das die Botschasterkonferenz nur noch zu ratifizieren haben wird. Hingegen sind in der Frage der Ostfestungen noch zahl- reiche Detailfragen zu regeln, insbesondere die Frage der Garantien, die Deutschland übernehmen soll, da auch samt- liche Känigsberger Befestigungswerke als un- erlaubt anzusehen seien. Italien Lehrmeister!? Antwort emeS italienische« Sozialiste» an de« ehemals liberalen Wi«sto» Churchill. Aus Kreisen des italienischen Sozialismus erhalten wir folgenden Brief: Den Worten Winston Churchills zufolge Hai Italien für ganz Europa ein wertvolles Beispiel geliefert durch die faschistische Mechod« des Kampfes gegen den Umsturz. Daß der Umsturz in Italien — will sagen: die kommunistische Bewegung nach russischem Vorbilde— schon zusammengebrochen war, ehe der Faschismus zu Macht und Einfluß gekommen, daß die neue, auf Gewaltattion gestützte Bewegung sich vorwiegend aus enttäuschten Ueberläufern des Kommunismus rekrutierte, die aus dem Dienst der proletarischen Diktatur in den einträglicheren der plutokratischen übertraten, ist wohl tatsächlich und geschichtlich wichtig, aber für den Gedanken- gang des englischen Ministers belanglos. Das Hauptgewicht liegt hier in dem Gedanken, daß Italien durch sein Experiment der ganzen Welt einen Dienst erwiesen habe. Und darüber könnte man sich mit Churchill verständigen, wenn auch in anderem Sinne, als er es gemeint hat. In der Schmach und in dem Jammer des italienischen Lebens könnte es tatsächlick) ein Trost sein, zu denken, daß all das Schwere und Unwürdige, das über das italienische Volk gekommen ist, wenigstens den andern Völkern eine Lehre wird, daß das furchtbare Experiment wenigstens andern zum Nutzen gereicht. Das heutige Italien kann wirklich den Völkern Europas ein Lehrmeister sein, denn seine Tagesgeschichte ruft diesen Völkern zu: verteidigt eure Freiheit, hütet eure Rechte, wacht eifersüchtig selbst über den Buchstaben der Prozedur. Der Faschismus ist im Grunde ein bis zu einem gewissen Grade großartiges Experiment des Paternalismus, des väterlichen Diktators, der züchtigt und belohnt, des Staates als Schullehrer, als Kinderfrau. Sobald das Gewaltwerk getan war, ermöglicht durch die taktische Unfähigkeit und die theoretische Verbohrtheit des Proletariats, durch die Prinzipienlosigkeit uird den Klassen- egoismus der intellektuellen Schichten des Bürgertums und durch die ängstliche Selbstaufgabe der Monarchie, hat man die innere Politik auf das Motto abgestimmt: ihr braucht keine Freiheit; ihr braucht nur eine Regie- r u n g, die gut für euch sorgt. Und dann hat man die Freiheit abgebaut, sehr systematisch, durch schrittweises Abschnüren, so daß die Habsburgische und die bourbonische Wirtschaft im Vergleich zu dem Ergebnis wahre Tummelplätze der Volks- Willkür waren. Daß es keine Preßfreiheit, kein Versammlungsrecht, kein Koalitionsrecht, kein« kommunale Selbstverwaltung mehr gibt, sind nur die augenfälligsten„Neuerungen" des Regimes. Man kann jeden Beamten, neuerdings auch jeden Richter, seines Amtes entheben, wegen politischer .Inkompatibilität" und die Maßregelung kann auch auf die Angehörigen des Verfemten ausgedehnt werden. Selbst das Personal der italienischen Handelsflotte wird auf feine politische Stnbenreinheit hin einer Revision unterworfen. Der italienilche Bürger kann seinen Kindern nicht den Namen geben, der ihm paßt: der Staatsanwalt hat das Recht, jeden Vornamen zu beanstanden und amtlich zu oertauschen, wenn «r ein« revolutionäre Anspielung enthält. Der vom M'niste- rium des Innern nicht autorisierte Besitz faschistischer Partei- abzeichen wird mit Gefängnis bestraft, so daß man heute dem Gegner nicht, wie früher, Waffen oder Sprengstoffe ins Haus schmuggelt, sondern denselben Zweck durch eine Handvoll faschistischer Parteiabzeichen(vom Volke wegen ihrer Form .Wanzen genannt) erreicht Es können dabei bis fünf Jahr« Zuchthaus und 10 000 Lire Buße herauskommen. Ohne Polizeierlaubnis darf man nicht mehr für einen Bedürf- tigen Geld sammeln. Rückständige Bußen können in Hast verwandelt werden, was offenbar darauf abzielt, die Leute Ins Gefängnis m bringen, die mittellos sind und sich weigern, die durch den Steuererheber einzutreibenden Beiträge zu den faschistischen Korporationen zu bezahlen. Am grellsten tritt aber die Rechtlosigkeit de� Bürgers zu Tage bei der Anwendung der Polizeimaßregeln gegen die..Umstürzler". Die Liste der aus politischen Gründen Verschickten ist streng geheim. Man hat eine konventionelle Zahl von S22 angegeben, die aber gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Dabei gefällt sich die Presie noch in einer Zartfühlenden Verauickung der voWch Verschickten mit den verschickten Zuhältern, Kokain- Verkäufern, Besitzern öffentlicher Häuser, Vagabunden usw., welche Verauickung ihren praktischen Ausdruck bei dem gemein- samen Transport mit gememsamen Handschellen gest'nden hat. Run man glücklich soweit ist, daß die Freiheit offiziell zu den Toten gerechnet w'rd und nur noch umgeht wie ein Gespenst, beginnt man mit der Volks- � beglück"ng. Das aste, dem Konstnius Zugeschriebene Wort .alles f L r das Volk, nlch's durch'las Volk" soll Anwendung finden und die Fremden finden dag--ührend— von Winston Churchill angefangen— und finden vor ollem, daß es für die Iiastener st) vorumlich paßt. Denn für den richtigen Touristen ist eben der E'nwohner nur«in dekorativer Zusatz zur Landschaft: er findet, die Italiener sind wie Kinder: zer- lumvt, malerisch, sorglos, und das gute Herz des Touristen frohlockt-darüber, daß iemand von oben für diese Kinder sorgt, streng und liebevoll. In seiner eigenen Heimat— Hand aufs Herz, Minister Chi'echill!— möchte er ja diese Zustände nicht. nicht Kinder statt Männern, nicht den Schulmeister mit der Rute statt des im Austrage der Mehrheit handelnden Ministers: aber für Italien ist es gerade das Richtig«. Wie vollzieht sich nun aber die Beglückung eines recht- lose» Nolles? Hier haben wir das ewig« Problem der Diktatur und des absoluten Königtums. Geht es dem arbeitenden Volke heute besser, wo es nicht mehr den RückHall seiner Organisation hat? Darüber äußerst Churchill nur sehr leisetretende Vermutungen. Bis jetzt sind wir noch keinen Schritt über die Versprechungen hinaus. Auf der gctnzen Linie beabsichtigen die Unternehmer Lohnver- Minderungen. Man sagt, die staallich- anerkannten Korporationen werden sie verhindern. Sie können aber nicht verhindern, daß die Unternehmer ihren Betrieb einschränken und die vom Gesetz verbotene Aussperrung einfach in der ffarm von Entlassungen oder Halbzeitarbeit. oder Einstellung an zwei oder drei Tagen pro Woche verwirk- lichen. Das Wortgebilde von der Organisation der Produktion auf der Grundlage der nationalen Solidarität der Klasten hat noch nicht die geringste greifbare Verwirklichung gefunden. Der Faschismus hat die Arbeiter durch Aufhebung des Koali- tionsrechtes entwaffnet und hat die Unternehmer nicht entwaffnet. Nun soll er einmal Europa und der ganzen Welt das stunststück zeigen, wie der Staat bei dieser künstlichen Verteilung der Macht eine Hebung der arbeitenden Klasten erreichen will. Bis jetzt hat er es nicht gezeigt, denn die Lage der Arbeiter in Italien ist heute schlechter als im Oktober 1922. Aber etwas anderes hat er gezeigt: daß der Fortfall der demokratischen Kontrolle eine Gefahr für den Staat ist. Es war ein hübscher Gedanke, die Verwaltung Roms in die Hände eines einzelnen zu legen, der so ungehemmt durch Kontrollapparate das Beste vollbringen konnte. Mussolini mag erstaunt gewesen sein, als er dann die Geschichte von Million«» an Schmiergeldern, von vielgestltiger Aussaugung der städtischen Finanzen, von Unterschlnfen, Ungerechtigkeiten in der Besteuerung usw. vernahm, welche Geschichte ihn zwang, die Seite der Verwaltung C r e m o n e s i schnell umzuschlagen. Der„gute Diktator" macht heute die Erfahrung mit den„bösen Menschen". Er konnte sie sich und Italien ersparen, wenn er sich etwas mehr in die Geschichte vertieft hätte. Und die Rechtlosigkeit des italienischen Volkes, von der Churchill nur die Kehrseite der äußeren Ordnung gesehen zu haben scheint, hat noch ein« ander« Folge: nämlich� die Würdelosigkeit. Roch nie war ein politisches Leben so würdelos, so rückgratlos, so im wahren Sinne pöbelhaft, wie heute das llalienische. Jeden Menschen mit normaler Feinfühligkeit würde der Ekel würgen bei der allgemeinen Speichelleckerei. Im Laufe einer Woche haben wir erfahren, datz Herkulanmn wieder erstehen wird„durch den Willen des Duce, daß die Vulkanologie entscheidende Errungenschaften machen wird, dank derselben Kraftquelle, und schließlich, daß die Malaria durch eine Entdeckung desselben Duce endgültig ihren Schrecken verloren hat. Wird diese schamlose amerika- nische Reklame nur erlaubt, um die, die darüber lachen, wegen Mussolini-Beleidigung ins Gefängnis zu bringen? W i« würde man in E'ngland über eine derartige Prostitution der Wissenschaft denken? Ueber diesen Wettlauf der Schweifwedler und Speichellecker? Es lockt die Italiener nicht, hierin die Meisterschaft der Welt zu erlangen. Europa lerne von Italien— ach, möchte die Lehre anschlagen!— wie man es n i ch t machen soll. Es lerne, daß es keine nationale Würde gibt für ein rechtloses Volk.... Wiener Gemeinderat machten die Christlich-Sozialen wieder Radau, sie drohten sogar mit Tätlichkeiten. Dem Bürgermeister, Ge- nassen Seitz, gelang es jedoch, die Ruhe wieder herzustellen.(Nach österreichischem Gemeinderecht ist der zum Bürgermeister auf Mandatsdauer gewählte Stadtverordnete zugleich Vorsitzender des Gemoindeparlaments und Chef des Magistrats, d. h. der Gemeinde- Verwaltung.) Sucharias Offerte an öle Reichswehr. Man dräugelt sich, Sowjetgranate« für die Reichswehr zu fabrizieren. Die Deutschnationalen legen die Richtlinien des Bürgerblocks aus, und die Kommunisten die Reden B u ch a r i n s über die Sowjet- granaten. Die„Rote Fahne" behauptet dreist und gottes- fürchtiK Bucharin habe nur von der Aufrüstung der Roten Armee gesprochen. Hier ist noch einmal die entscheidende Stelle aus/ Buchanns Rede: .Wir können ganz offen erklären, daß wir nicht daraus ver, zichten werden, irgendeinen kapitalistischen Staat zu oerwerten, falls er uns Instruktoren sendet und gegen eine entsprechende Bezahlung an uns auf unserem Gebiete Flugzeuge baut und andere, für die Landesverteidigung notwendig« Waffen anfertigt." Welcher kapitalistisch« Staat wirb auf russischem Gebiet f ü r di e Rote Armee Flugzeug« und Waffen fabrizieren, und dafür noch Bezahlung an die russische Regierung leisten? Wir möchten den kapstalistischen Staat sehen, der Rußland Waffen schenkt und noch Geld obendrein! Das ist zu dumm gelogen von der .Roten Fahne". Die Worte Bucharins find eindeutig: die Reichswehr darf für s i ch Flugzeuge, Granaten und Giftgas in Rußland fabrizieren, wenn sie für die Konzession bezahlt und Rußland beteiligt, so daß aus derselben Fabrik Reichswehr und Rote Armee beliefert werden können. Bucharin hat also der Reichswehr eine neue offene Offerte gemacht._ Kommunistischer Parteitag im März. Sie habeuS gewagt. Die koemmmistisch« Zentral« hat den kommunistischen Parteitag für die Zeit vom 2. bis 7. März nach Essen einberufen. Seit einem halben Jahr ist dieser Parteitag von Monat zu Monat verschoben worden, weil die Zentrale stürmisch« Auseinandersetzungen mit der Opposition fürchtet«. Jetzt Hot sie es gewagt. Di« Mehrheit scheint sicher besorgt zu sein, und die Opposition hinreichend hinausgedrängt, so daß ein Parteitag zustande kommen wird, mit dem die Zentrale der Sowjetgranatenpartei exerzierm kann nach Belieben. Die Affäre Lukaschek. Spionageprozeß in Kattowitz. kattowiß. 27. Januar.(MTB.) Bor der ersten Strafkammer -n Kation» tz begann heute der Spionageprozeß gegen den aus Gleiwitz gebürtigen Kurzydyn der dem Mitglied der Gemischter. Kommission für Oberschlesien Landrat a. D. Lukaschek seinerzeit Akten über die Aufstände in Oberschlesien zum Kauf angeboten haben soll. Ferner wird ihm zur Last gelegt, Spionage zu- gunsten Deutschlands getrieben und im besonderen den Versuch gemacht zu haben, Dokumente, die im Interesse des polni- schen Staates geheim zu halten paren, in seinen Besitz zu bringen. Auf Antrag des Staatsanwalts wird die Oeffentlichkeit während der Vernehmung des Angeklagten und der mllitärischen Sachverständigen ausgeschlossen, wahrend Verteidigung und An- geklagte Ausschluß für die Gesamt dauer der Verhandlung bean> tragt hatten. Nach zweistündiger Vernehmung des Angeklagten schilderte der Hauptzeug« Zichen, Leiter der militärischen Nachrichtenstelle Kattowitz, die Borgäuge in der Lukaschek-Angelegenheit. Er gibt an, daß der Angeklagte bereits im Gleiwitzer Gerichtsgefängnis mit Dr. Lukaschek in Verbindung getreten sei und mit ihm verschiedene Konferenzen dort gehabt habe. Lukaschek habe ihm für die Beschaf- surig der Papiere SOODO Dollar geboten und auf die Frage, ob hinter ihm die Regierung stehe, geantwortet, er handele lediglich als Privatmann. Der Zeuge meint aber, daß über die ganze Ange- legenheit der Reichskanzler Dr. Marx unterrichtet ge- wesen sei. Den Konferenzen sollen auch die jetzt als Zeugen ge- ladenen. damals aus dem Gleiwitzer Gerichtsgefängnis a u s g e- brochenen Thomas und Stawinoga beigewohnt haben. Der An- geklagte sei später, nachdem die militärische Nachrichtenstelle in Aktion getreten sei, durchs Thomas und Stawivoga nach Kattowitz gelockt worden, wo ihm im Monopolhotel wichtige Dokumente, die ober g efälf cht waren, ausgehändigt worden feien, damit er sie an Lukaschek verkaufe. Kurz nach der Empfangnahme eines Scheck- über 2000 Mark auf die Deutsch« Bank in Kattowitz sei er da im oerhastet worden._ Di« Beweisaufnahme ergab, daß Thomas nur des- halb im Gleiwitzer Gerichtsgefängnis verweilte, um m, Austrage seiner Hintermänner den Auftakt zu der wobworbereitete» Affäre zu geben.(Mit dem Ausenthast in einem deutschen Gesangrns muß doch wohl die zuständige Gerichtsbehörde einver. standen sein?! Red. d..D."-) Während der Angeklagte, der einen stark pathologischen Eindruck macht, zunächst de- hauptete, er habe schrifilich die Vermittlung des Reichskanzlers Dr. Marx angerufen, und Landrat Dr. Lukaschek habe ihm sur die Beschaffung der Akten auch eine Belohnung von 50 000 M. ver- sprachen, erklärte er im weiteren Verlaus seiner Aussührungen. es sei ihm tatsächlich nur darum zu tun gewesen, die Deutschen als solche, die deutsche Regierung und nicht zuletzt den Land. rat Lukaschek zu schädigen, weil ihm. wie er angab, die Deutschen großes Unrecht zugefügt hätten. Aus der Bewersauf- nähme ergab sich noch, daß das Protokoll, das der Angeklagt« be. der Polizei zu unterschreiben hatte, im wesentlichen n l ch t elg e n e Aussagen enthielt, sondern ganz nach den Wünschen der ver- nehmenden Polizeibeamten abgciaßi war. Allgemeine Bewegung rief es hervor, als der Angeklagt« in feinem Schlußwort erklärte. wenn er auf der Anklagebank sitze, so gehöre eigentlich d,e gesamte Polizei mit auf seinen Platz, denn er habe doch nur das getan, was der Zeuge Thomas als Beauftragter der Polize, ausgeführt habe. Die Polizei glänze heute vor Gericht mit dem. wofür e r die Pionierarbeiten geleistet habe, nämlich Lukaschek blohzustellen. TaS Urteil. Da» Urteil lautete gegen Kurzydqn wegen diplo. matischer Spionage zu IX Iahren Festung uwer Zu- Erkennung mildernder Umstände. Der Staotanrvalt hatte s Jahre Zuchthaus beantragt. In der Urteilsbegründung hob der Vorsitzende hervor, daß dem Angeklagten mildernde Umstände im weitesten Umfang« zuzubilligen waren, da« dem polnischen Staate einen großen Dienst geleistet Hab«._____ Sarmat-Prozeß. Tie Kredite nnd ihre Tecknng. In der heutigen Verhandlung erfolgte die Feststellung, in welchem Berhältnis die bewilligten Kredite und die dafür gegeben« Deckung an 13 Stichtagen gestanden haben. Für diese Aufstellung legte man«ine Berechnung zugrunde, die von der Staatsbank zusammengestellt ist und einen Teil der Anklage bildet. Namens der Derteidigung erklärte Rechtsanwast Schwer» s« n s hierzu, daß man diese Aufstellung bezüglich der festgestellten Kursdeckung für unwesentlich Halle, well es sich um anormale Kredite gehandell habe, und well der Kurs der notierten Werte im Verhältnis zu dem der notierten, der übrigens sehr variabel gewesen sei, jetzt nicht mehr feststellbar sei. Aus diesem Grund« könne dw Verteidigung die Aufstellung der Anklage bezüglich der Gesamtbeantwortung der Deckungen nicht anerkennen. Vom Vorsitzenden wurde sodann die Tabelle der Kredite und ihrer Deckung zur Verlesung gebracht. Die Aufstellung beginnt mit dem 31. Dezember 1923 mit einem Kredit von 1,5 Millionen, dem 1,599 Millionen als Essektendeckung gegenüberstanden. Am 29. Januar 1924 hallen die Kredite 6 Millionen erreicht, denen 905 000 M. Effektendeckung gegenüberstanden. Zlm 31. Juli 1924 betrug der Krebst 10,5 Millionen, während die Efsettendeckung 2 Millionen betrug. Von diesem Datum an nehmen die Kredite dann etwas ab. und am 31- Dezember 1924 hatte die Amexima nur noch 9,5 Millionen geliehen. Außer diesen Essektendeckungen, die zahlenmäßig festgestellt würden, befanden sich aber in den Depots als Zusatzdeckung die Majorität der Aktien der Bernsdorfer Kuilltseidenspinnerei, der Allenburger Sparbank, der Küstentransport A.-G., der Chromo-G. m. b. H. usw., die sämtlich dem Barmal. Konzern angehörten, sowie Blankoakzept« der Barmat-Firmen und ein Blankoakzept der Amexima. das von der Amsterdamer Zentrale giriert worden war. Die Anklage steht auf dem Standpunkt, daß dies« D« ck u n- gen nicht ausreichten, während von der Verteidigung Varmats behauptet wird, daß die Deckungen damals sicher gewesen seien. Im Anschluß daran wurden die beiden Beamten der Staatsbank als Zeugen vernommen, von denen diese Ausstellung des Deckungsverhältnisses ausgearbeitet worden ist. Literarischer Mikro-Humor. (Mit der Lupe eben noch zu erkennen.) Julius Berstl behauptet, daß sein Stück Dover- Calais" ein Lustspiel ist. Mst Lustspielen ist das so«ine Sache. Do gibt es erstens die sogenannten klassischen Lustspiele, di« die Literaturgeschichte für lustig ausgibt, vor denen es aber den Theater- direktoren bangt, weil sie fürchten, daß die heutigen Zeitgenossen mit dem klassischen Humor nicht mitkommen, zweitens Stücke, die von einem originellen Einfall, etwa spleenigen Testamenten, leben, was dann nach allerhand Seiten ausgemünzt wird, drittens die bewährten lsterarisch anspruchslosen Verwechslungskomödien, in denen gewöhn- lich infolge einer Notlüge alles drüber und drunter geht, viertens Zeitsatiren, die augenblickliche Zustände unter die Lupe nehmen und uns beweisen, wo» für Trottel wir im Grunde sind, und fünftens achtunggebietende literarische Lustspiele. Julius Berstls„Dooer- Calais" ist ein typisches Beispiel für die letzte Kategorie. Die Komödie spielt vom ersten bis zum letzten Austritt an Bord eines Dampfers. Der Beginn der Vorstellung wird daher— im Komödienhaus— nicht durch Gongschläge angezeigt, sondern durch dos groß- mächtige Tuten einer Sirene. Dies ist ein Symbol für die Qualität des gebotenen Humors. Man appelliert an den Verstand des Zu- fchauers; er wird sozusagen an seiner Ehre gepackt: Achtung, hier hast du zu lachen!" Um nunmehr endlich das Handlungsgerüst anzudeuten: es handell sich um einen spleenigen Engländer, der sich aus gekränkter Lieb« auf eine pikfeine Dampfjacht zurückzieht, die um keinen Preis eine Weibsperson betreten darf. Natürlich kommt doch eine an Bord, ein quicklebendige und höchst moderne Journalistin, ein weiblicher Allerweltskerl. Sie ist eine smarte Person, schmeißt sämtliche männ. lichen Prinzipien über den Haufen und macht sogar aus dem eng- tischen Frauenoerächter einen verliebten, girrenden allen Hahn. Der Verfasser sucht uns einzureden, daß die moderne Frau den Sieg über die Männer davontragen und daß die nächste Revolution von den Weibern ausgehen wird. Die Idee ist alt und daher schon gut bewährt. Der Humor wird mühsam aus. angestrengtem Gehirn gepumpt. Man hört überoll das Papier de? esprithungrigen Literaten rascheln. Die Schauspieler schleudern unentwegt geistvolle Apercus ins Publikum, und es ist rührend zu Teobachien, wie sie sich wundern, daß der Witz wieder mal nicht eingeschlagen hat. Was den dramatischen Aufbau anbelangt, so ist es Herrn Berstl gelungen, immer eine Person gerade in dem Augenbllck abtreten zu lassen, wo er eine neue Szene konstruieren will. Es ist höchst amüsant, gewissermaßen in die Werkstatt des dramatischen Dichters auf diese Weise Einblick zu nehmen. Man sieht, zum Unterschied gegen die übrigen Arten von Lust- spielen hat Berstls literarisches Stück von jeder Sorte etwgs aufzu- weisen, bloß geistreicher, anspruchsvoller, verfeinerter, und zwar so verfeinert, daß einem vor lauter Geist entgeht/ wie lustig die Stelle iii Der weniger gebildeic und literarisch unbefangene Zuschauer hat schließlich den Eindruck, daß die ganze Sache eigentlich lang- «Kilig ist, Ralph Arthur Robert» hat die Liebenswürdigkeit, die Komödie im Komödlenhaus so aufzuzäumen, daß man wenig- stens ab und zu lachen kann. Hilfreiche Hand hat ihm dabei die Hamburg-Amerika-Linie geleistet, die die fchiffsgerechte Bühnenaus- stattung bereitwilligst zur Verfügung gestellt hat. Er selbst, sowie Hans Brousewetter und die fabelhaft forsche, stürmische, knackfrische Erika v. Thellmann erreichten, daß man wenig- stens ab und zu lachen konnte. Ernst Degner. «.Die Entartung See Pspchoana.'pse." In einer Zell wie der gegenwärtigen, in der weite Schichten der Zug noch Mystizismus erfaßt bat, findet Seelenheilkunde und jede Heilkunde, die sich in erster Linie an die Seele wendet, willige Aufnahme, sobald sie mst schlagwortartigen Begriffen arbeitet, die zur Popularisierung geeignet sind. Alles das ist bei der Freudschen Psychoanalyse gegeben, und sie ist denn auch in einer Form populär geworden, die von ihrer Wissenschaftlichkeit wenig übrig läßt. Wenn dadurch aber anerkannte und erfahrene Wissenschaftler dazu ver- führt werden, die Psychoanalyse grundsätzlich zu verwerfen, so heiß« das doch wohl, das Kind mit dem Bade ausschütten. Gewiß ist die Psychoanalyse nicht das Heilmittel der Medizin, wie die modernsten Freudianer es sehen, aber sie ist ein Heilmittel, das mindestens in her Psychiatrie sich als werwoll erwiesen hat. In einem Vortrage im Institut für praktische Psychologie sprach Dr. A. Herzberg ausführlich über„D i t Entartung der Psychoanalyse". Er betonte, daß im letzten Jahrzehnt di« Psychoanalyse sich in Regionen oerirrt habe. in denen sich wohl phantasieren, aber nicht wissenschaftlich arbeiten loste. Freud-Schüler wollen die Anwendung der Psychoanalyse auch auf körperllche Erkrankungen, die sie analog den seelischen als auf- lösbare Komplexe ansehen. Groddek, der von Freud geschätzt und von Timmel sogar zu den Großen apf dem Gebiet der Psycho- analys« gerechnet wird, definiert tatsächlich Kropf, Tuberkulose, Krebs und all« anderen Krankhellen als seelische Komplexe, die er mit Hilf« der Psychoanalyse heilen will. Welches Unheil daraus entstehen könnte, kann man sich mismalen. Diese Verfallsmomeute der Psychoanalyse finden sich bereits bei Freud. Schon die Freudsche Angsttheoric etwa, die er von der Empfindung des Kindes beim Geburtsakt herlellet, steht auf rein spekulativer Basis, und es ist eine immerhin logische Folgerung, wenn«ine englische Hebamme in der Fachzeitschrift„Der Psychoanalytiker" die fürcherlichen Qualen des Kindes bei normaler Geburt ausmalt, und ein englischer Arzt zu dem humoristisch anmutenden Schluß kommt, man solle daher alle Kinder durch den Kaiserschnitt dos Licht der Welt erblicken lasten. Alle diese Trugschlüsse und Irrwege dürfen aber nicht verkennen lasten, daß Freud als erster die Erkenntnis des Unbewußten und Unterbewußten als Heilfaktor systematisch in Anwendung gebracht hat. Dabei kommt es nicht darauf an, daß er nicht der Entdecker des Unbewußten ist; wesentlich ist schließlich nur, daß. er sein Wissen davon als erster in praktische Anwendung bracht«. Kam er dabei zu einer Ueberschätzung der sexuellen Momente, die im Unterbewußt- sein eine Rolle spielen, und die die Anwendung der Psychoanalyse auf Kinder und Jugendliche mindesten» als recht gewogt erscheine» ließen, so ist dieser Fehler schon von Adler korrigiert worden. Leider zeigte die an dem Vortrag Dr. Herzbergs anschließende Diskussion, daß die Psychoanalyse heut noch weit weniger kritische Befürworter als begeisterte Anhänger oder ebenso begeisterte Gegner besitzt. Ts! .Die junge Szene", die sich die Aufgib« gestellt hat, talentvolle junge Schauspieler in die Oesfentlichkest zu führen und dabei mo- derne Dichtung zu pflegen, veranstaltete im Grotrian-Stein- weg. Saal einen Rezitationsabend zugunsten des not- leidenden Dichters Jakob H a r i n g e r. Es liegt im Wesen solcher Abende, die einen Einblick in die Kämpfe und das Ringen der Jugend geben wollen, daß sie sich nicht auf einheitlicher Höhe be- wegen können und daß sie einen anderen kritischen Maßstab als den allgemein üblichen ersordern. Drei talentvolle junge Schau- spieler halten sich in di« Rezitation geteilt di« Dichtungen von Haringer. Zuckmeier. Klabund, Werfet, Hasenclever u. a. brachte. Viel Sehnsucht und Weichheit, viel Schmerz und Resignation klang aus den von Lotte Loeb'Nger mit sympathischer warmer Stimme gesprochenen kleinen Gedichten. Höhepunkte des Abends waren „An meine alle Zimmerfrau" und„Deutschland" von Jakob Hann- ger(gesprochen von Richard Weimar) sowie„Salome" von Georg Drilling, die Max Kononski sprach. Nicht vergessen seien die ein- leitenden Wort« von Kurt Möhring, der das Wesen de» mit dem Gerhart- Hauptmann- Preis ausgezeichneten Dichters Haringer charakterisierte. Dr. L. M. Verichligung. Der Reichskommissar für Ueber» wachung der öffentlichen Ordnung schreibt uns: „Unter Bezugnahm« auf unsere gestrige Besprechung teile ich Ihnen mit bezug auf den Artikel d«s„Vorwärts" vom 23. Januar 1927 „Von einem der auszog, das Spitzeln zu lernen" mit, daß nach der von mir getroffenen Feststellung, Herr Oberregierungsrat Mühleisen niemals mit falschem Bart oder falschem Paß nach Boyern gefahren ist und niemals mll Herrn Regierungsrat Bernreuther bei der Polizei- direktion in München oder irgend einer anderen Persönlichkeit die im Artikel geschilderte Begegnung gehabt hat. Daraus ergibt sich, daß auch alle Behauptungen über die Tätigkeit des Herrn Regicrungs- rat» von Lengriester uruvahr sind." „ssolllit«ad Tdeoker.» Der 4. Vortrag, den Julius Vab aul Einladung der Volksbühne am 30., abends 8 Ubr. im Bürgerlaal des RathanjeS über dieses Thema bält. wird mit einer Aussprache verbunden sei». Einlaßkarten zu« Preise von SS Ps. am Saaleingang. Zw kalser-Zrledrich-INa'eom hält Dr. B. Daun. Dezernent für Kunst im Pvlizeipräfidium. am 30. vorm. 10— II'/, Uhr, Vortrag über die Bildhauerwerte der ilaitenischen Frührenaissance. ver Zageadprel» veulscher Er.ähler, der dem Verbände Dentscher Erzähler von der Deullchen Buch-Gemeinschast-Berlin als jährlich wieder. kehrender Preis von 10 000 2fi gestlitet worden ist. wird für da» Jabr 19!7 neu ausgeschrieben. Die näheren Bedingungen sind zu criabren beim Bureau deS Verbandes Deutscher Erzähler, Berlin D. 50, Nürnberger Str. S/10. Mchard-Serauh-Feflsplele in Jrankfnrf o AI. In Berbindung mit der Internationalen AuSsiellung„Musik im Leben der Böller'«Juni. August 1927) veranstaltet daS Franksurter Opernhaus in der Zeit vom LS. bis 23. August Ruhmd-StrlUtß-Fesijpiei«. Richard Strauß hat sitae Zusammenstöße in öer letzten Nacht. Hakenkreuzler und Kommunisten. Einen lleberfall verübte gestern nacht gegen X 12 Uhr ein größerer Trupp Hakenkreuzler auf Mitglieder der Konnnuni. süschen Partei in der Warschauer Straße im Osten Berlins, bei dem all« möglichen Waffen ein« Roll« spielten. Ein größerer Trupp Hakenkreuzler, der von einer„Toren*. Geburtstagsfeier heimkehrte und dabei sogenannte„vaterländische* Lieder sang, geriet an der Ecke Gubener Straße mit einigen Kommunisten im scharfen Wortwechsel. Di« gut bewaffneten Na tionalisten gingen plötzlich zum Anreifs über, es kam zu einer blutigen Schlägerei. Mit Messern. Revol- vern, Totschlägern ufm gingen die Hakenkreuzler gegen ihr« Gegner vor. Mehrere Schüsse fielen, die zum größten Teil ihr Ziel verfehlten. Fünf der Ueberfallenen lagen bereits bewußtlos am Boden, die von den Rohlingen noch mit Stiefelabsätzen be- arbeitet wurden. Inzwischen war das Ueberfallkom- mando alarmiert worden, das in wenigen Minuten mit einem starken Aufgebot zur Stelle war. Der 26jährige Arbeiter Kurt S. aus der Fruchtstraße 69 hatte«inen tiefen Messerstich in die Herzgegend erhalten. Er mußte in schwer verletztem.Zustande durch«inen Wagen des Städtischen Rettungsamtes in das Urban- Krankenhaus gebracht werden. Weiterhin wurden verletzt: Der 21 jährige Arbeiter Walter P. aus der Memeler Straße 61 ff ü n f Kopfverletzungen, einen Messerstich im Rücken), der 2Sjähr»ge Laborant Erhard L. aus der Warschauer Straß« 27 (Streifschuß am Bauch) und der 23 Jahre alt« Bäcker Willy Ä. au« der Königsberger Straß« ZS(mehrere Kopfwunden.) Di« Letztgenannten erhielten auf der nächsten Rettungs- stell« die erste Hilf«. Nach Anlegung von Notverbänden konnten die Verletzten, die alle zu den Angegriffenen gehören, in ihr« Wohnungen geleitet werden. Den Polizeibeamten gelang e» 13 Bölkische zu oerhaften, darunter den Anführer, der wie sinnlos mit einem Messer um sich gestochen hatte. Die Verhafteten wurden der Abtei. lung I A im Polizeipräsidium zugeführt, wo sie im Laufe des heutigen vormittags einem eingehenden Verhör unterzogen wurden. Dieser Vorfall zeigt wieder einmal, wie die„Erneuerung Deutschlands* unter Hakenkreuzler Führung aussehen würde, wenn diese Helden dazu die Möglichkeit erhielten. die Sowjetgravaten. Gester» abend fand in den Sophiensälen ein« Versammlung statt, die von der KAPD. einberufen worden war, um mit den Kommunisten über die Angelegenheit der Sowjetgranoten zu- diskutieren. Der Referent der KAPD. stellt« fest, daß die Der- osfentlichung über die Lieferung von Sowjetgranoten an die Reichswehr den Tatsachen entsprächen. Er geißelte die doppelzüngige Politik der Kommunisten. Zu dieser Versammlung war die Kommunistische Zentrale«ingeladen, die sich aber nicht vertreten ließ. Statt besten sprach ein kommunistischer Funktionär. Er unter. stellte al» wahr, daß die Gefusobriken in Rußland existierten und bestritt nur die Granatenlieferungen an die Reichswehr. Schon während seiner Rede kam es zu heftigen Zusammen» st ö ß e n. Als dann aber der kinkskommuniftifche Reichstagsabge ordnete Schwor z das Wort erhiell und die P o l i t i k d e r K o m munistischen Zentrale auf das schärfste angxiff� kam es zu Schlägereien zwischen den Versammlungsbesuchern und uniformierten Mitgliedern des Roten Jungsturm. Im Vorlaufe dieser Auseinandersetzung flogen die Roten Iungsturmleuto hinaus. Die hinausgeworfenen Roten Iuugsturmleut holten nun die Schutzpolizei. Als sie eintraf, beschloß die Versammlung, sich zu vertagen, da sie nicht unter polizeilichem Schutz verhandeln wolle. O 3» einer Schießerei kam es gestern nacht gegen 2 Uhr in einem Lokal in der G o l l n o w st ro ß« 31. Der Reisende Viktor Eichel- bäum aus der Ebertystraße, der mehrere Gäste belästigte und sich ungebührlich benahm, wurde aus dem Lokal gewiesen. Draußen zog er plötzlich eine Mehrladepistole hervor und gab kurz hinter- einander vier Schüsse durch die Schaufensterscheibe ab. Drei Kugeln verfehlten ihr Ziel, die vierte traf den 24jährigen Kutscher A. D i t t m a n n aus der Landwehrstrahe 43 in den Unterleib. Schwerverletzt bracb D. in einer Blutlache zusammen. Er fand im Krankenhaus am Friedrichshain Ausnahme, wo er bedenklich da- nieder liegt. Der Täter versuchte zu flüchten, konnte aber eingeholt und der Polizei übergeben werden. Eine Ohrfeige und ihre Jolgen. Hugo Z. hatte schweren Aerger gehabt; er hatte am Vormittag einen Prozeß verloren und hatte den ganzen Tag über versucht. seinen Aerger in Alkohol zu ertränten. Spät abends will er sich nur noch Aufschnitt aus einer Kneipe holen; aber er trifft«inen„guten* Bekannten, Schulz, der wärmt allen allen Aerger wieder auf. Und Hugo Z. Holl aus und haut seinem Gegner eine„Maulschelle*, daß der unter das Billard trudelt. Dann kriegt er ihn nochmals vor und stößt ihn gegen die Wand. Nun greift der Gastwirt ein; denn der Schulz ist bewußtlos, und der Wirt wundermild hat Angst vor Komplikationen und trägt den Bewußtlosen auf die Straße, ihn feinem Schicksal überlastend. Z. bleibt bei ihm, hilft sogar den Be- wußtlosen zur Unfallstation bringen, acht auch gutwillig zur Polizei- wache mit— und erfährt am Mor|tn, daß sein Gegner tot ist. Da bricht er zusammen; denn: Huge Z. ist zwar Ringkämpfer von Beruf, und zwischen seiner Arbeit als Heizer arbellet er auch au dem„Rummel* als„starker Mann*. Aber dem robusten Körper entspricht sein Nervenzustand schlecht. Er ist Neurascheniker, durch den Krieg hat er an hysterischen Krämpfen zu leiden, und alle Be- kannten geben ihm das beste Leumundszeugnis. Jetzt haust er allein mit seinem zwölfjährigen Jungen, und stopft und kocht und sorgt für den, wie es die verstorbene Mutter nicht bester konnte... Doch das Gericht hat nur über Schuld und„Sühne* zu entscheiden. Und trotz Zubilligung mildernder Umstände wird Hugo Z. zu einem Jahr Gefängnis verurteill; denn er war bei der Tat ja nicht sinnlos betrunken: und sein Gegner, dem der starte Mann nur eine Maulschelle zugedacht hatte, war ja an deren Folgen, einem Schädelbruch, gestorben. Die Elektrisierung üer Staüt-unü Ringbahn Beschleunigung der Arbeite». Die Arbeft en für die Elektrisierung der Stadt- und Ringbahn werden von der Reichsbahn mit größtem Nachdruck betrieben, um— auch in Hinsicht auf die Konzentration der übrigen Derkehrsunter- nehmungen— den Erfordernisten des Berliner Schnellverkehr» mög- lichst bald voll und ganz gerecht zu werden. Ueber den derzeitigen Stand der Eleltrisierungsarbeiten erfahren wir folgende Einzelheiten. In den nächsten Togen werden die im September vorigen Jahres im Auftrag gegebenen zwei Probehalbzüge für den elektrischen Verkehr zur Ablieferung gelangen, die dann zunächst im Dampfbetrieb im Verkehr erprobt werden. Nach den hierbei gesammelten Erfahrungen sollen die vorläufig benötigten �8 4S Trieb- und 324 Beiwagen gebaut werden, deren elektrische Ausrüstung bereits vergeben ist. Ebenso hat die Reichs- bahn schon die Aufträge für Lieferung von Strom- schienen. Hochspannungskabeln, für die Einrich- tung der Umformerwerke und vor allen Dingen für die Einrichtung des selb st tätigen Blocksystems an die Industrie erteilt. Mit der Schaffung dieses Systems, das durch elek- trifche Auslösung ein Selbstblockieren der Stadtbahnzüge ermöglicht, wir�j ein H ö ch st m a ß von Sicherheit für diesen Schnellver- ftehr erzielt. Was die Bauten für den neuen Umsteigebahnhof in Charlottenburg betrifft, so ist die Untertunnelung der Avus sertiggeftellt, ebenso stehen berells einige Pfeiler der zu bauenden ilebeisührung. Auch die behelfsmäßigen Bahnsteiganlagen am Bahnhof Eichkamp sowie die Zugänge hierzu und das Stell- werk find vollendet. An den in Tempelhof und Erkner zu schaffenden Abstellgleisen sind die Bauarbetten in vollem Gange, ebenso an dem Ausbestcrungswerk in Niederschöneweide, besten Verwaltungsgebäude schon im Rohbau steht, während die Er- richtung der. Eisenkonstruktion für die großen Wogenhallen setzt in Angriff genommen wird._____ Die Tochter der Freundin. Eine Tracht Prügel für 10 Mark. Als eine vielfestige Gaunerin entpuppte sich eine gewisse Auguste Kluwen aus der Wllhelmshavener Straße, die jetzt wegen Taschendiebstahls festgenommen wurde. Sie trieb sich aus den Postämtern umher, wenn alle Frauen ihre Renten abHollen. Sie sprach sie an, und wenn diese sich wunderten, so kam sie ihrem Gedächtnis mtt der Bemerkung nach:„Ich bin doch die Erna, die Tochter Ihrer Freundin Soundso!* Meist glaubten die Frauen dem Mädchen mehr als ihrem eigenen fchwachen Gedächtnis.„Erna* nahm schließlich die„Freun- bin ihrer Mutter* unter den Arm, führte sie sorgsam über die ge- fährliche Straße hinweg und wohl auch die Treppe hinaus bis in ihre Wohnung, wenn sie nicht schon vorher Gelegenheit gehabt hattz, den harmlosen Alten die Rente zu stehlen. Auf viele Anzeiaen hin beobachteten die Beamten der Taschendiebstahlsstreife die Postämter, und so gelang es. die Diebin unschädlich zu machen. Jetzt-rgab sich, daß die Verhaftete noch andere Spezialitäten betrieb. Von ihrer Zweizimmerwohnung hatte sie ein Zimmer oermietet. Ohne nun dem Mieter zu kündigen, hängte sie jede Woche zwei- bis dreimal den bekannten Zettel.Limmer zu vermieten* hinaus. Der neue Mieter hatte, wenn es zum Abschluß kam, zehn Mark an- zuzahlen. Wenn er aber zum verabredeten Termin einziehen wollte, so gab es immer großen.Krach*. Der alte Mieter dachte gar nicht daran, zu ziehen, weil ihm nicht gekündigt worden war. und der neue verlangt« vergeblich sein Geld zurück. Die Vermieterin erhiell mehr als einmal eine Tracht Prügel, nahm die aber für zehn Mark gern in den Kauf. Roch bessere Geschäfte macht: die Viel- festige mst dem B u t t e r s ch w i n d e l, der im allgemeinen ja schon außer Kurs gekommen ist. Aus der Straße sprach sie Passanten, die ihr geeignet erschienen, als Mädchen vom Lande an, das aus dem ellerlichen Betriebe billig Butter liefer» könne. Das Angebot war immer so verlockend, daß die meisten Leute darauf eingingen und je nach der Größe der Bestellung 19 bis 13 Mark anzahlten. Hatte die Schwindlerin es zufällig mit Angestellten großer Betriebe zu tun, so erklärte sie sich gern borest, auch die Kollegen und Kalle- ginnen de» ersten Kunden mtt zu beNefer«. Sie ließ sich dann Liste» der Bewerber aufstellen, von denen jeder nur zwei Mark anzuzahlen ! brauchte. Diese Listen kamen aber wohl bis auf 199 Personen und brachten so trotz der geringen Anzahlung doch 299 Mark ein. 35 Mark Miete für eine Waschküche! Uebergroße Geschästigtest brachte der Hausbesitzerin Frau Bach ein« Anklage wegen M i e t w u ch e r s ein. Frau Bach hatte nicht nur ihre Wohnungen vermietet, es ließ sie keine Ruhe, daß noch ein sehr schöner Kellerroum und die Waschküche leer stehen sollten. Ohne die Waschküche zu verändern, vermietete sie diese an eine Familie. Der Mietpreis für diesen einen Raum wurde mit 3S M. ver- einbart und auch gezahll. Der Mieter mußte den ganzen Fuß- boden mit Stroh auslegen, da die Kälte sonst nicht zu er- tragen gewesen wäre. Frau B. erwies sich als sehr hochherzig, sie erließ, als der Mieter ihr Vorwürfe machte, daß er zuviel heizen mühe, S M. von der Miete. Der Kellerraum, der auch nicht ver« ändert wurde—.wohnlich gemacht*, wie der Vorsitzende jagte— wurde auch mit 35 M. vermietet. Auch hier ließ sich die Wirtin herab, die Miete um 5 M. zu ermäßigen. Der gerichtliche Sachver- ständige gab an, daß allerhochstcns 24 M. Miete hätte verlangt werden dürfen. Im Falle Fabian— dem Mieter des Kellers— warf die Anklage Frau B. vor. di« Märzmiete des vorigen Jahres vom Wohlfahrtsamt erhalten zu haben und trotzdem noch vom Mieter eingezogen zu haben. Das Gericht sah in beiden Fällen Mietwucher für erwiesen und verurteille di« An- geklagte sehr milde zu ganzen 199 M. Geldstraf«. Der Staatsanwalt haste 499 M. beantragt. ver Tod beim Eisbeiuesten. Auf eigenarttge Weise kam gestern abend gegen �11 Uhr der Kaufmann Joses Iablonski aus der Berliner Allee 137 zu Weißenfee ums Leben. Mehrere Ge- fchäftsleute hatten sich in einen, Restaurant an der Ecke Weißen burger- und Berliner Alle« zu einem Eisbeinessen ver- abredet. Man war gerade beim Essen, als einer der Teilnehmer, der Kaufmann I.. einen Hustenanfall bekam. Ihm war«in kleiner Knochen in di« Luftröhre geraten, und eh« di« Versammelten noch etwas für den nach Luft Ringend«» tun konnten, sank ertotzu Boden. Die Leiche wurde beschlagnahmt und in das Schauhaus gebracht. Feuer im Landgericht ll. Mehrere Löschzüge der Feuerwehr wurden heute nachmittag gegen 1 Uhr nach der Möckernstr. 28/30 gerufen. In einem Aktenkeller des Landgerichts II war aus noch unbekannter Ursache Feuer ausgebrochen. Die Feuerwehr beseitigte die Gefahr nach einstündiger Tätigkeit. «vi» well der Arbeit In der ichSnen Clletatar* ist da» Tbema, über da» am Sonnabend, dem LS. Januar tS27, abend» 8 Ubr, Frau Prof. Anna Eiemien-Jena in der Schulaula, Koppenftr. 7ß, auf Ver- anlassung de» VolkdbildungSamtes Friedrich»harn spricht. Der Eintrittspreis ist aus nur 30 Ps. sestgeletzt. Karten find u. a. erhältlich im DollsbildungSamt, Markusftr. 4g, bei Bote& Bock, Leipziger Str. 36, und bei Wertheim, Leipziger Str. � Hefchästliche Mitteilungen. „Weih« Wochen" leuchten die Schilder von den Fronten de» Kaufhauses Wilhelm Joseph, Schöneberg. Sauptstr. 163. Weihe Waren gut-r Gebrauch«. quatllöten in unendlicher fflllle. für jeden Geschmack passend, find das Wahrzeichen diese» Bertaules, der Jahr iür Jahr die Februarieniatwn Schönebera» war und sein wüd. Steigender Umsatz. Beraroberung der Röum« und wachsender Kunden- kreis sind Beweis preiswerter Angebote. smmm HMeiM Gros SM Sonnabend, den 2g. Zaouar, abends 7% Uhr. in der Aula des„Zriedrich-Realgymnasium*. Milkenwalder Straße 34-37 fPunktionär-Verfatnttiluiig Sarl heia h-wien, Vorsitzender der Sozialistischen Zugendinlernakionale. spricht über das Thema: ..WMWe zugevi» ll. SoziaWsche WeiterilllervskiMle" Ohne Mitgliedsbuch kein Zulritll'ML Stillegung- Entladungen- Uebersiundett. Her mit dem«chtst»«deutag! Unter diesem Titel bringt der„Proletarier* Rr. 6/1927 einen Lagebericht der Verwaltungsstelle Köln des Verbandes der Fabrik- arbeiter Deutschlands, in dem an Hand von Beweismaterial gezeigt wird, wie fürchterlich die kapitalistische Rationalisierung auf dem Arbeitsmarkt gewirkt hat. Auf der einen Seite M äffen be- triebsstillegungen und Arbeiterentlassungen, auf der anderen Seit« Ueber stunden und Verdrängung der Mänuerarbeit durch Frauenarbeit. Bei der I. G. Farbenindustrie in Leverkusen wurden im Monat November bei einer Velegschaftsstärke von an- nähernd 6999 folgende Ueberstunden verfahren: Sonntagsstunden........ 11 999 Stunden allgemeine Ueberstunden..... 17 930„ Als Ueberstunden werden indjt die über die achtstündige, sonderu die über die tarifliche Arbeitszeit hinaus geleistete Arbeits- zest gerechnet. Die tarifliche Arbestszett beträgt für den größten Test der Belegschaft neun Stunden. Ganz richtig bemerkt hierzu der Bericht im„Proletarier*...„daß bei Wegfall der täglich geleisteten Mehrstunden und bei Einführung des Achtstundentages teilweise sämtliche Arbeitslose in den Betrieben Be� schäftigung finden könnten.* Ueber die Ersetzung der Männerarbett durch die billigere Frauenarbeft als Folge der Rationalisierung stellt der Bericht fest: In einig«» Industriezweig«» wird systematisch die männ- KAt Arbeitskraft durch die weibliche ersetzt. Die billige werbliche Arbettskrast ist hier der Ansporn dazu, Umschich- stmgen vorzunehmen. Im Sieg kr eise ist festgestellt worden. daß eine besonders große Zahl von Männern arbeitslos ist, während die Frauen Arbeit in demselben Betriebe gesunden haben, wo ihre Männer jahrelang be- schäftiat waren. Das sind, um mst Geheimrat Hagen zu reden,„die wohltätigen Einflüsse, di« di« Rationalisierung zurück- gelassen hat!* Im Gebiet der Verwaltungsstelle Köln de- Verbandes d-r Fabrikarbeiter Deutschland» betrug di« Zahl der Arbeitslose» am 81. Dezember 192? 759, an Kurzarbeitern waren 1260 vorhanden. Am 31. Dezember 1926 war die Zahl der Arbeitslosen auf 1199 gestiegen, die Zahl der Kurzarbeiter auf 419 gesunken. Am 31. Dezember 1926 waren dort 22 Betrieb« mit insgesamt 2278 Beschäftigte» stillgelegt. Für diese 2278 Beschäftigten bedeutete diese Art de» wirtschafllichen Fortschrittes den Verlust der Existenz. Gegen die unsozialen Folgen der kapitalistischen Rationalisierung wird, wie der Bericht mitteilt, von den Gewerkschaften Rheinland- Westfalen» in den nächsten Tagen eine umfangreiche Propa. g a n d o alt i o n vorbereitet. In Essen sollen am SO. Januar und in K ö t? einen Sonntag später großegewerkschaftliche Kundgebungen gegen das Ueberfchichtenunwefen und für die Bertürzung der Arbeitszeit stattfinden. Der flusbao der Unfollversicherong. DaS Pflegepersonal«och immer nicht verflchert. von der Sieichssektton für Gesundheitswesen des Verbandes der Gemeinde- und Staatsarbeiter wird uns folgende Entschließung übermittelt: Im Juni 192? hat der Bevölkerungspolittsche Ausschuß de» Reichstages eine Resolution angenommen, in der die Reichsregi«. rung ersucht wird. sobald als möglich einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den die Versicherungspflicht auf zurzett noch nicht versicherungspflichtige Betriebe und Tätigkeiten ausgedehnt wird, die mst einer befon- deren Unfallgefahr verbunden find. Am 26. Juni 1925 gab der Ministerialdtrektor Grieser im Aus- trage des Reichsarbestsminssterium» im Reichstage eine Erklärung ab, nach der für den Herbst de« Jahres 1925«ine umfassende Vor- lag« über die Erweiterung des Kreises der Unfallversicherten gemacht werden sollte. Auch in der Begründung zum Entwurf eines zweiten Gesetzes über Aenderungen in der Unfallversicherung vom 13. März 1925 wurde vom Reichsarbestsminssterium di« Ausdehnung der Unfallversicherung unter anderem auch auf das Krankenpflege- personal in Aussicht gestellt. Dem Beschluß des Bevölkerungspolstifchen Ausschusses sowie den vorstehend zitierten Aeußerungen der Reichsregierung ist bis heute(Ende Januar 1927) wider Erwarten nicht entsprochen worden. Unter Mißachtung des Beschlusses des Bevölkerungspolitischen Aus- schusses und im Widerspruch zu der 1925 abgegebenen Erklärung hat per Ministerialdirektor Grieser neuerdings(259. Sitzung des Reichstages— 14. Dezember 1926) ausgeführt, daß bei der Beratung der Genfer Abkommen zur Unsallversicherungs» frage Gelegenhest gegeben sei, darüber sich auszusprechen: ob und inwieweit die Ausdehnung der Unfallversicherung auf bisher noch versicherungsfreie Personen, Betriebe und Beschäftigungen erfor- derlich und möglich sei. Dem noch immer gegen Unfall reichsgesetzlich nicht versicherten Personal der Krankenhäuser, Kliniken, ärztlichen Institute. Heil- und Pflegeon st alten und Labors. t o r i« n widerfährt durch dieses widerspruchsvolle Verhalten des Reichsarbeitsministeriums ein großes Unrecht. Es protestiert des- halb durch den geschäftsführenden Ausschuß seiner Reichsfach. kommission gegen da» säumige Verhalten des Reichsarbeitsministe- riums mst aller Schärfe. Vom deutschen Reichstag aber erwanet es Maßnahmen und Beschlüsse, di« dem langjährigen Unrecht der Ausschließung des gesamten Pflege- und Hauspersonals der Kranken- anstalten usw. aus der Reichsunsallversicherung endlich ein Ende be- retten._ Seamte als Serufsmufikor. Behördliche Förderung der Slrbeikslosigkeit. Vom Deusschen Musikerverband wird uns geschrieben: In Hanau a. Main spielen im St-ckttheaterorchester mehrer« Reichs- und Staatsbeamte mit, di« für 16 Vorstellungen und di« dazu gehörigen Proben im Monat 159 M. erhatten. Wieviel arbeits- lose Verufsmustker wären froh, wenn sie im Monat 159 M. ver- dienen könnten! Auf die Beschwerde des Deusschen Musikeroerbandes über einige Finanzbeamte aus Frankfurt a. M., die ebenfalls im Hanauer Stadttheater gewerblich musizieren und dadurch neben ihrem Beamtengehatt monatlich noch 159 M. verdienen, gibt der Präsident des Landesfinanzamtes in Kassel am 22. Januar 1927 nachstehende Antwort: „Der Herr Minister der Finanzen hat mich beauftragt, Sie auf Ihre Eingaben vom 16. Oktober und 24. Dezember 1926 zu bescheiden, daß nach eingehender Prüfung des Sachoerhatts«m\ Anlaß zu einem Einschreiten gegen die in Ihren Eingaben be- zeichneten Beamten wegen gewerbsmäßiger Musikausübung nicht gegeben ist. Auch liegt eine Schädigung von erwerbslosen Berufs- musikern nicht vor. gez. I. 23.; Finger." Aehnlich lautet die Antwort vom Oberlandesgerichtspräsidenten in Kassel, in der es am Schluß heißt: „Nach der gesamten Lage der Verhältnisse kann zurzeit die Einstellung der Tätigkeit her beiden Beamten von mein«r Seit« nicht oeranlaßt werden.* Also die schon einmal versorgten Reichs- und Staatsbeamten dürfen weiter gewerblich musizieren und durch ihr« Nebenbeschäftigung 159 W. im Monat verdienen, während die arbeitslosen Berussmusiker Sr»«rb«(o((ntinicr|lflktina btjltfttn bzw. hun, ........-"«W" . WI ifletn. wenn st« infolge gesetzlicher Dorfchristen keine Unterstützung erhalten. ?n Berlin gibt es allem zundt über 1000 freistehend« und erwerbslose Berufsmusiker, von denen u.igefähr S00 stempeln gehen und Erwerbs- losenunterstützung beziehen. Trotzdem schreibt das Landessinanzamt in Kassel:„Eine Schädigung von erwerbslosen Bcrufsmustkern liegt nicht vor."— Soll es erst so weit kommen, daß die arbeitslosen Berussmusiker sich die von Beamten besetzten Arbeitsstellen mit G e- wa lt freimachen, weil die Behörden versagen? Tagung des verwattungsrates öes Genf, 27. Januar.(WTB.) Der Berwaltungsrat des Inter- nationalen Arbeitsamts wird vom 28. bis 30. Januar unter dem Vorsitz des sronzösischen Regierungsdelegierten Archur Fontaine eine Tagung abholten. Die wichtigsten Punkte der Tagesordnung find: Prüfung des Berichts der Gemischten Kommission für See- schisfahrt und des Berichts der Kommission für den a ch t st ü n d i- gen Arbeitstag, eventuelle Einberufung einer außerordent- lichcn Arbeitskonferenz im Jahre 1928 zur Ausarbeitung einer inier- nationalen Regelung der Arbeitszeit an Bord der Schiffe, endgültige Festsetzung der Tagesordnung der ordentlickzen Zlrbeitskonferenz des Jahres 1928, fik welche der Berwaltungsrat vorläufig folgende drei .Hauptpunkte in Aussicht genommen hat: Versicherung gegen Arbeits- losigkeit, vnsaf! Verhütung bei Arbeiten der Eingeborenen, Prüfung von zwei Vorschlägen von de Michelis, betreffend Schaffung einer Ständigen Kommission für geistige Arbeit und betreffend die Rolle des Arbeitsamts auf dem Gebiet des erzieherischen Films. Lohnstreit der rheinisch-westfälifcheu Strastenbahner. Dortmund, 28. Januar.(TU.) Die Arbeitnehmergewerkschoften haben den für die Straßenbahner Westfalens und des Rheinlandes bestehenden Tarifvertrag zum 31 Januar gekündigt. Wiedereinfüh- rung der achtstündigen Arbeitszeit und eine ISprozentige Lohn- erhöhung wurden gefordert. Die Arbeitgeber haben die Forderungen abgelehnt. Die Arbeitnehmer haben daraufhin den Schlichter an- gerufen.__ Gewer kfchastsaklas. Zusammenstellung der gewerkschaftlichen Spitzenverbände und Organisationen nach dem neuesten Stand«, von Joseph Popper. Berlin 1S2S. Verlag der Berkehrswissenschaft- lichen Lehrmittelaesellschafi m. b. ch. bei der Deutschen Reichsbahn. 110 Seiter und 9 Tafeln. Preis 2,50 M. Der Atlas bietet zunächst ein alphabetisch geordnetes Adressen. Verzeichnis sämtlicher Gewerkschaften und Bcomtenoereinigun- gen, das bei einer Gliederung in Arbeiter-, AngesteMen- und Be- omtenverbände gewonnen hätte. Auf neun Tafeln, sorgfältiger bearbeitet ak« der Text, wird»in» Heberst cht über die Zusammen, setzung der Spitzenverbände geboten urd der ihnen angeschlossenen Organisationen wie auch über die außer halb der Spitzenverbände stehenden Standesvereinigungen der höheren und weniger hohen Beamten. Insgesamt sind es rund 1400 Adressen von Berussoer- emigungen. Für die Behörden, insbesondere die, die mit den Gewerk- schasten und den Beamtenvereinigungen zu tun haben, ist dieses Nachschlagebuch recht wertvoll. Bon einigen Druckfehlern abgesehen. müßte bei einer Neuauflage ein kundiger Gewerkschaster zu Rate ezogen werden, damit nicht z. B. die sreigewerkschaflliche Organi- ätion der Bäcker und der Konditoren, der Brauer und der Kellner fehlen, weil diese Verbände als Jndustrieorganisationen ihre Namen geändert haben, so daß darin die einzelnen Berufsbezeichnungen fehlen Die srelgewerkschaslUchea Volksschullehrer in Mexiko hielten in den Tagen vom 30. Dezember 1926 bis 4. Januar 1927 in Mexiko (Stadt) ihren ersten Landeskongreß ab, der auf Beschluß des vor- letzten Gewerkschaftskongresses vom Zentralkomitee des mexikanischen Gewerkschastsbundes einberufen worden war. Berantwortlich kür Politik: Biet« Äififf: Birtlch-'ft S. BtinatUBfet; Deweiirchailsbeweauna: St. ffzfotn: Feuilleton: St. Zot» S»Ikow«ki: Lokales und Eonftiaes: ttatitädt: Anzeigen: Th. Stocke: sämtlich in Berlin. Berlaa Bo:wSrts-BetIaq S. nt. b. K. Berlin. Druck: Borwärts-Buckdruckerei und Verlaasanstalt Paul Singer u. Co.. Berlin SB KS. Lindenstraste s. HessllLclmßMMmy! "gi in unsjGxcn. jsiQenjsn in. (BjG�oq auf übßfiycrn,«Slegang and. CJaiie Sjelb�i.jden.'u�t?«» mdHniesißn QrTSjozzzlahj&n. CULlßjQJCSj. HEIM AUOSCHlAft KEINE ABOABEN AI ■ KKINB ZINSSN I CREDIT JMSTITUTB" INVENTUR-AUSVERKAUF bringt Auaergewöhnlicltes. die Preise sind bis zur 1. 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