MbenSausgabe Nr. 55� 44. Jahrgang - Ausgabe L Nr. 27 SciUlttbedinsunqeo und?n»«lkenvreik kad l» du Morgenausaab« angcaedtn nedattloa: SS. 88, CltU)eaffcaf|e 8 Stcu\pteättx> VSohoft 292- 292 Zel.-Utreffr.SojlaldcoietTal Bcctio � G Derlinev Volksvl�kk pksnnig) Mittwoch 2. ßebruar 1927 «erlag und 8n|e stalten, sind mißlungen, trotzdem wichtige oußenpolitpche Gründe dafür ins Feld geführt werden konnten, den bisherigen. In- Haber dieses Amtes, für den»vir«ingetreten sind, auch wann er unserer Pu-tei nicht angehörte, auf seinem Posten zu erhalten. Aus dieser beredten Klage über die fortgeschwommenen Ministersessel ist eines wichtig, nämlich die Feststellung, daß auf Befehl der Deutschnationalen und nach Billigung fjinden- burgs die von der Volkspartei besonders hochgeschätzten Fach- Dieser unser Verdacht wird uns nun von unbedingt zuverlässiger! minister den Ansprüchen der anderen Koalitionspärteien Seite dahin bestätigt, daß den Anstoß zu der ganzen Krisis in der Krisis tatsächlich der Reichsouhenminister Dr. S t r e s e> mann gegeben Hot. Er hat sogar sein Verlangen nach der Aus- schaltung der deutschnationalen Minlstertandidaten Hergt und Graes so weit getrieben, daß er— nach der gleichen Quelle— sein Amt zur Verfügung stellen wollte, wenn seinem Verlangen nicht Rechnung getragen würde. Es dürfte demnach kein Zweifel bestehen, daß das ganze feindselig« Borgehen gegen die Dertschnationalen auf Strefemann zurückzuführen ist. Selbstoer- siändlich wird die S«hr alles in schönster Ordnung gewesen sein. Es gibt Grenzen der Heuchelei, deren Ueberschreitung bestraft werden muß. Deshalb stellen wir fest, daß e« unler den bürgerlichen Politikern kaum einen Menschen gab, der so schlecht auf die Zustände in der Reichswehr und auf die Politik Dr. Geßlers zu sprechen war, wie Dr. Stresemann selbst. Nicht allein, daß Dr. Stresemann seinem Aerger über Geßler gegenüber deutschen Politikern seit Jahr und Tag bei jeder Gelegen- hell Lust machte— er ist es ja bekanntlich gewesen, der im Frühjahr 1925 einer Neichspräsidentschaftskandidatur Geßlers aus außen- politischen Gründen widersprach—. seine Gegnerschaft gegen den Reichswehrminister ging sogar viel weiter. Wir behaupten— und fürchten kein Dementi— daß Stresemann wenige Tage vor der Rede Scheidemanns einem Ausländer gegenüber sich sehr abfällig über die Zustände in der Reichswehr und sehr entschieden über die Rotwendigkeil ihrer Reform im Sinne der Forderungen der republikanischen Parteien geäußert hat. Wir fürchten kein Dementi, weil wir— das diene gleichzeitig als Warnung vor einer unüberlegten Abteugnung— dafür Zeugen zur Verfügung haben! Die Schlappe öer Volkspartei. Preisgabe der.Fachminister" für dcutschnationale Ansprüche. Außerordentlich charakteristisch für die Politik der Deutschen Volkspartei ist der Rechtfertigungsversuch, mit dem sie ihren Wählern ihre Haltung bei der Bildung des Rechtsblocks zu erklären sucht. Sie hat so ziemlich alle Wünsche nach einer Berücksichtigung ihrer Ansprüche im Kabinett preisgeben müssen. Von der erwarteten B e- l o h n u n g für die wackeren Dienste, die sie als Einpeitscher des Rechtskabinetts den Deutschnationalen geleistet hat» kann jetzt überhaupt nicht mehr die Rede sein. Um nun vor ihren Wählern nicht ganz mit leeren Händen dazu- stehen, hat sich der Vorsitzende der volksparteilichen Reichs- tagsfraktion von Hindenbura den im„Vorwärts" bereits ver- öffentlichten Brief schreiben lassen, der die Schlappe der Volks- partei als ein Opfer für die„nationale Sache" darzustellen sucht. In ihrem Kommentar bemerkt die„Nationalliberale Korrespondenz" zu dsr Regierungsbildung u. a.: Die Deutsche Voltspartei hat geglaubt, stch der dringenden Bitte des Reichspräsidenten nicht versagen zu sollen, obwohl man ihr zu- mutete, ein Ministerium aufzugeben, das von einem der Ihrigen verwaltet wurde, der als einer der besten Sachkenner Deutschlands in seinem Fache gilt, und der einem Manne weichen sollte, für den gerade d ie s e Voraussetzungen nicht gegeben sind bei aller Würdigung seiner sonstigen Kenntnisse und Fähig- »eilen. Nur die äußerste Ueberwindung konnte die Fraktion dahin bringen, in dieses Opfer zu willigen. Die Verantwortung für die unsachliche Besetzung de» verkehrsrulnisleriums sällt auf diejenigen, die entgegen ihrer früher oft ausgesprochenen Ucbcrzeugung die Be- seitigunz des Fachmannes durchgesetzt haben. Vertragswille öer Kontonregierung. Nach Zurückziehung der Anglotrüppen aus Schanghai. Rem Park. 2. Februar.(WIB.) wie..Associaied Preß" «ms hantau meldet, hat die Sanlonregierung amilich ihre Bereit- Willigkeit erklärt, einen neuen Bcrirag mii Großbrliannien zu unter- zeichneu, sobald die briiischcn Truppen au» Schanghai zurückgezogen worden sind. England rüstet weiter. Londou. 2. Februar.(MTB.) Das Flugzeugmutterschiff„Argus", das in Ehatham für 27S 000 Pfund umgebaut wurde, ging heut« von Portsmouth nach China mit Flugzeugen, Flugzeugteilen und Vorräten in See. Roch feinem Eintreffen in China werden die englischen Streitkräfte dort über 80 Flugzeuge verfügen.— Ein weiteres Kontingent britischer und indischer Truppen ist von Bombay noch China abgegangen. Tie Nationalbewcgung. London. 2. Februar.(MTB.) In einer Unterredung mit dem Sonderberichtelstatler des„Manchester Guardian" in Schanxhal be- tont« der frühere Außenminister der Kantonregierung, Wang, daß in China keine Mißstimmung gegen Deutschland, Oesterreich(gemeint sind natürlich die Nachfolgestaaten! Red. d. D.) und Rußland bestehe, deren besonder« Vorrechte aufgehoben seien und mit denen China neu« Verträge auf der Grundlage der Gleichberechtigung und Gegen- seitigkeit abschloß. Er wies darauf hin, daß alle Forderungen der chinesischen Nationalisten in dem Memorandum, das der Friedenskonferenz im Jahre 1313(zu Versailles! Red. d. V.) unterbreitet wurde und welches von Tschen abgefaßt war, also lange bevor die Nationalisten irgendwelche Fühlung mit Rußland nahmen, enthalten sind. die Kriegsgefahr in Amerika. Calles' Kampf gegen Kirche und Kapital. Ein tragischer Lebensweg hat in diesen Tagen sein Ende gefunden: Längst vergessen, seit sechzig Iahren unheilbar geisteskrank, starb am 19. Januar Prinzessin Charlotte, die Witwe des in Mexiko erschossenen österreichischen Prinzen und mexikanischen„Kaisers" Maximilian. Dieser Tod wäre in einem anderen Zeitpunkt fast unbemerkt geblieben; heute, im Augenblick heftigen Kirchenkampfes in Mexiko und schärfster politischer Spannung zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten ruft er die Erinnerung an das Vorspiel eines Dramas hervor, dessen Schlußakt unmittelbar bevor- zustehen scheint. Es war kein Zufall, daß der Verfolgung?- wahn der Prinzessin im vatikanischen Palast ausbrach, als sie einen verzweifelten vergeblichen Versuch unternahm, den Papst zur Nachgiebigkeit in der Frage des Konkordats mit Mexiko zu bewegen. Im Kreuzzuae gegen Mexiko— ein Kreuzzug der katholischen Kirche im Bündnis mit den Rittern des nach Kolonialbesitz strebenden«uropässchen Kapitals— spielte der Vatikan eine ausschlaggebende Rolle. Für Mexiko ging damals der Kampf um die Schicksalsfrage, ob das Land zu einer unabhängigen und fortschrittlichen Re- publik oder zu einer katholischen Monarchie werden sollte, beherrscht von einer Aristokratie von Groß- grundbesitzern spanischer Herkunft, mit der katholischen Kirche an der Spitze und verbündet mit dem europäischen Kapital. Die liberale Verfassung von 18S7 sollte den Staat von der Kirche befreien und durch die Enteignung des kirchlichen Grundbesitzes die materielle Grundlage der kirchlichen Macht beseitigen. Sie wurde daher zum Ausgangspunkt langer und blutiger Kämvfe, die sich besonders infolge der Hart- näckigkeit des Heiligen Stuhls bis aufs äußerste zuspitzten. Vieles hat sich seitdem geändert. Die katholische Kirche hat h:ute andere Verbündete— nicht mehr die europäisäien Gläubiger der mexikanischen Regierung und die europäischen katholischen Mächte, sondern die Besitzer verschiedener An- lagen und vor allem die amerikanischen Petroleumgesell- schaften. Andererseits hat sich die Zusammensetzung det inneren Kräfte des mexikanischen Unabhängigkeitskampfes durch die Agrarrevolution und vielleicht noch mehr durch das Hervortreten der organisierten Arbeiterschaft wesentlich ver- ändert. Als unerläßliche Voraussetzung seiner nationalen Unabhängigkeit und fortschrittlichen Entwicklung bleibt aber für den mexikanischen Staat weiter die Notwendigkeit be- stehen, sich gegen imperialistische Interventionen von außen sowie gegen die Wühlarbeit der katholischen Kirche im Innern zu schützen. Diese Zusammenhänge machen es begreiflich, daß die Regierung des Präsidenten Calles zugleich mit der wirtschaftspolit i s ch e n auch eine Kirchengesetz- gebung durchführt, wodurch sie ihre beiden mächtigsten Feinde gegen sich mobilisiert. Sie war gezwungen, zugleich den Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus und gegen die katholische Kirche aufzunehmen, weil diese beiden Mächte» wenn nicht formell, so doch faktisch verbündet, die Sicherung der nationalen Unabhängigkeit und die Verwirklichung fortschrittlicher Reformen, wie Lösung der Agrarfrage und Steigerung der Produktivität der Land- Wirtschaft, Bekämpfung des Analphabetentums, Ausbau des Arbeitsrechts usw. verhinderten. Die mexikanische Regierung ist sich der Bedeutung des fremden Kapitals für die wirt- schaftliche Entwicklung des Landes wohl bewußt; sie hat da- her auch keine Beschlüsse gefaßt, die die Tätigkeit dieses Kapi- tals unmöglich machen oder wesentlich erschweren würden— vorausgesetzt natürlich, daß dieses Kapital bereit wäre, in Mexiko nicht wie in einem Koloniallande, sondern wie in jedem anderen selbständigen Lande zu arbeiten. Wenn sie von den Petroleumgesellschaften und den ausländischen Grundbesitzern überhaupt verlangt, daß sie ihre Eigentums- rechte in Konzessionen umwandeln lassen und auf die A n° rufung ihrer Regierungen bei eventuellen Stret- tigkeiten verzichten sollen, so tut sie dies auf Grund ihrer früheren Erfahrungen, um das Land vor Interventionen zu sichern sowie um die Herrschaft des eigenen, demokratisch geschaffenen Rechts durchzusetzen. Diese Forderungen, deren Anerkennung für jedes europäische Land schon längst eine Selbstverständlichkeit bedeutet, muß Mexiko erst durch be- sondere Maßnahmen sicherstellen. Wenn die mexikanische Gesetzgebung keinen ausländischen Grundbesitz innerhalb der Grenzzone(ItX) Kilometer von der Landgrenze und 50 Kilo- meter von der Küste) zuläßt, so hat das vor allem den Zweck. zu verhindern, daß auf diesen Gütern Banden zum Kampf gegen die Regierung gebildet werden, die von jenseits der Grenze mit Waffen versorgt werden. Die Tatsache, daß vor ein paar Wochen in der amerikanischen Grenzstadt El Paso schon eine neue mexikanische Regierung proklamiert wurde und daß in der Grenzzone„revolutionäre" Kämpfe aus- gebrochen find, ist der beste Kommentar zu diesem Gesetz. Was die Kirchengesetzgebung anbelangt, so bedeutet sie keineswegs eine Verfolgung der Religion. Die religiöse l Regierung Calles wird nicht nur von ihr � seibu proklamiert, sondern auch von allen obiektiven Augen- � zeugen bestätigt, darunter von den Vertretern der evange- j nischen Kirche, die zwar keine Freunde des Katholizismus, aber sicherlich auch keine Feinde der Religion sind, und in ihrer Feindschaft gegen den Katholizismits nicht so weit gehen würden, die Verfolgung der christlichen Religion zu unterstützen. Die gesamte Gesetzgebung ist formell kein Aus- nahmerecht für die katholische Kirche, sondern bezieht sich auf alle Kirchen. Wenn praktisch nur die katholische Kirche durch die Maßnahmen der Calles-Rcgierung betroffen wird, so liegt das daran, daß die Mißstände, gegen welche diese Maß- nahmen sich wenden, nl;r von der katholischen Kirche ge- schaffen wurden. Die Machtstellung der katholischen Kirche in Mexiko und ihre ungeheuren Reichtümer sind die Folgen der spanischen Eroberung. Sie gehört mit zu den Ausbeutern des Kolonial- landes und war als solche immer daran interessiert» daß Mexiko ein Kolonialland bleibt, obwohl einige katholische Priester sogar führend an dem mexikanischen Unabhängig- keitskampf gegen die spanische Herrschaft teilnahmen. Die Kirche als solche kämpfte stets und kämpft auch heute gegen die Agrarreform, weil sie sich ihren gewal- tigen Grundbesig erhalten will. Während der ganzen Zeit, in der sie das Monopol für die Volksbildung besaß, hat die Kirche bewußt die Bildung der Bevölkerung v e r h i n- d e r t. In dem Aberglauben der analphabetischen indiani- schen Massen, die sie faktisch nicht einmal zu Christen ge- macht hat, fand sie die beste Stütze ihrer Herrschaft. Die mexikanische Verfassung von 1917 und die spätere Gesetz- gebung erkennt der Kirche die vollkommene Freiheit in der Ausübung ihrer religiösen Tätigkeit zu, beschränkt aber ihre Eigentumsrechte und untersagt sowohl den religiösen Organi- sationen wie auch den einzelnen Geistlichen jede politische Tätigkeit. Die letztere Bestimmung könnte als eine Be- schränkuna der- bürgerlichen Rechte gewiß bedenklich er- scheinen, sie wird aber durch frühere traurige Erfahrungen nur allzusehr verständlich und gerechtfertigt. Mexiko steht heute wieder vor einer großen geschicht- lichen Entscheidung, und dabei handelt es sich im Grunde um dieselbe Schicksalsfrage, wie vor siebzig Iahren. Entweder wird Mexiko als ein wirklich selbständiger Staat weiter- existieren, in dem bereits heute alle Ansätze der Entwicklung zur sozialen Demokratie vorhanden sind, oder aber nnrd es nur eine nominelle Selbständigkeit behalten und faktisch in den Zustand eines Kolonial gebiets zurück- sinken. Der erste Weg hat den Sieg der Calles-Regierung zur Voraussetzung: jede andere Regierung, die, von außen ans Ruder gebracht, im Innern von der katholischen Kirche vollkommen abhängig wäre, wird nur ein Organ der Herr- schüft des fremden, d. h. amerikanischen Kapitals sein. In ihrem Kampf muß sich die mexikanische Regierung nicht nur gegen Gegner von rechts, sondern auch von links wehren, �hre Politik wird von kommunistischer Seite am schärfsten bekämpft. Für die Kommunisten ist sie zu wenig radikal, zu demokratisch,„sozial-ver- räierisch* usw. Trotzdem muß die erstaunte Welt jetzt aus dem Munde der amerikanischen Regierung erfahren, daß die mexikanische Regierung nichts anderes sei, als ein Werkzeug der„bolschewistischen" Verschwörung! Der Bolschewismus will von Mexiko aus zuerst Mittel- und dann Nord- ämerik-i erobern, die Komintern befiehlt und Mexiko pariert! Deshalb die„tonfiskatorifche" Gesetzgebung, des- halb der Kamps gegen die Kirche, deshalb die nationale Be- weguog in Nikaragua! So lächerlich sie ist, so hat diese Pro- paganda doch eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Sie ist als psychologische Vorbereitung des Krieges ge�en Mexiko gedacht. Es kann nicht mehr bezwesfelt werden, daß es dem amerikanischen Imperilismus mit diesenr. Krieg völlig ernst ist. Bis. jetzt stößt er dabei auf den stärksten Widerstand der öffentlichen Meinung: das Schreck- aespenst des Bolschewismus soll dazu dienen, diesen Wider- stand zu überwinden, die öffentliche Meinung umzustimmen. Bisher ist es der Regierung, nach allen Meldungen aus Amerika, noch nicht gelungen, die amerikanische Bevölkerung zum Blutvergießen für ihre imperialistischen Pläne willig zu machen. Die KHngsgefahr bleibt aber weiter bestehen— trotz der E i n st i m m i g k e i t, mit welcher der Senat am 23. Januar die Resolution über die schiedsgerichtliche Rege- lung der Differenzen mit Mexiko angenommen hat. Diese Einstimmigkeit selbst ist schon verdächtig: sie beweist, daß auch die schlimmsten-Scharfmacher für diese Revolution ge- stimmt haben— sicherlich in der Hoffnung, daß man durch Aufstellung einiger, für Mexiko unannehmbarer Vor- bedingungen das Schiedsverfahren zum Scheitern bringen könnte. Der Krieg kann jeden Tag von Banden, die die Grenze überschreiten und in Mexiko eine„Revolution" machen, provoziert werden. Und in der kongreßlosen Zeit vom März bis Dezember werden die Möglichkeiten der öffentlichen Kontrolle der Regierungspolitik geringer und weniger wirtsam sein: Die Kriegsgefahr ist weiter vorhanden. Die demokratischen Kräfte in Amerika sind es. die den Kampf gegen den Krieg führen und sicherlich auch weiter führen werden, wobei sie vom gesamten Lateinischen Amerika unterstützt werden. Aber auch die europäische Demokratie hat ein Wort zur Kriegsgefahr in Amerika zu sagen. Man hat in den letzten Iahren mehr als einmal feststellen können, daß sowohl die öffentliche Meinung wie auch die Regierenden in Amerika nicht unempfindlich dafür sind, was in Europa über sie gesagt wird. Alle demokrati- schen, pazifistischen. � antiimperialistischen Kräfte, und vor allem die sozialistische Arbeiterschaft haben jetzt die Pflicht, sich mit dem mexikanischen Konflikt näher zu beschäftigen. „Nie wieder Krieg"— dieser Kampfruf des Friedens und der Freiheit gilt für die Neue Welt so gut, wie für die Alte. Aufmarsch ües Lanübunües. Politische Provokationen. Der Reichslandbund veranstaltet sein« diesjährige Tagung in der alten Zlutohalle am Kaiserdamm, die bei der Eröffnungs- feier am heutigen Morgen bis auf den letzten Platz gefüllt war. Obwohl der Wunsch des Landbundes nach einer Teilnahme an der republikanischen Regierung erfüllt worden ist— vielleicht gerade deshalb!— leistete man sich sofort eine Reihe von Provoka. t i o n e n. Der Tagungsraum, in dem mehrere Vertreter der neuen Regierung und zahlreiche Angehörige der deutschnationalen und der volksparteilichen Fraktionen neben vielen Behördenvertrctern an- wefend waren, ist mit schwor zweißroten Fahnen und mit den Farben der Länder, der Mark Brandenburg und Berlins ge. schmückt. Militärmärsche leiteten die Eröffnungsfeier ein. Die Zeitungsverkäufer zweier großer demokratischer Blätter wurden demonstrativ aus dem Saale verwiesen. Die Eröffnungsrede des Landbundprösidenten Graf von Kalck- reuth war ein bewegtes Klagelied über die Notlage der Landwirtschaft, obwohl die Roggenpreise gegen das Vorjahr gewaltig gestiegen sind. Er verlangte die Ausrechterhaltung des er. höhten Zollschuges, wie er in dem deulsch-schwedischen Handels- vertrag vorgesehen ist. Die Zölle auf Fleisch, und Vieh- Produkte sollen sogar heraufgesetzt werden. Natürlich fehlte auch die Klage über die angeblich so hohen Löhne und über die sozialen Lasten nicht. Man laufe Gefahr, daß die produktive Wirtschaft durch ein Staatsrentnertum e r st i ck t w- r d e. Er schloß seine Rede mit folgenden Worten: Das kommende Jahr wird viel. leicht schon die Entscheidnng.bringen. welchen Weg Deutschland end- gültig einschlagen wird: Den Weg zur Freiheit oder den Weg zur internationalen W i r t sch a f t s k o l o n i e. Wenn es uns gelingt, den Willen des Landvolkes trotz aller Jer- splitterungsversuche zusammenzufassen in der Richtung aus dos eine große Ziel, dann wird und muh der Sieg unser sein: Nachdem sich so Kalckreuth zum Sprecher der nationalistischen und sozialpolitischen Reaktion gemacht hatte, versuchte der zweite Landbundpräsideut Hepp einiges wieder einzurenken, indem er den vom Landbund bewußt genährten Gegenfqtz zwischen Stadt und Land. Produzent und Konsument, a»s der Weil leugnen wollte. Be- sonders hat es ihm das Agrarprogramm der Sozialdemokratie an- getan. Hierzu führte er aus: Das Agrarprogramm der Sozialdemokratischen Partei sehe die Zerschlagung des größeren Besitzes vor, um Bauernschaft zu gewinnen, aber nicht etwa mit dem Ziel«, den Bauern oder den Landarbeiter mit«wem ganz einwandfreien Eigentumsrecht an seiner Scholl« auszustatten, vielmehr soll bei der Verwertung d«, als „reichseigen" bezeichneten Bodens die Rechtsform der E r b p ach t. des Rentengutes oder des Erbbaurechtes Anwendung finden. Gegen einen derartigen Staatssozialismus müsse man sich wenden, da er geneigt ist, die privat« Wirtschast zum Staatsinstrument zu machen. Di« Eingriffe, die der Staat in das fein« Uhrwerk privat- wirtschaftlicher Betätigung zu seinem eigenen Schaden gemacht habe, sei als kalte S o z ia l i s i e r u n g zu kennzeichnen, die auf die öffentliche Verstaatlichung hinauslaufe und zur Aufblähung des öffentlichen Apparates führe. S e l b stb e s ch r ä n k u ng desPar- la m e n t s und durch die Stärkung der Stellung des Reichsfinanzministers, damit die Bewilligungsfreudigkeit der Parlamente eingeschränkt werde. Damit entstehe der Ge- danke einer Erweiterung der Rechte des Reichsprirsidenten und des Ausbaues der Kompetenzen des Reichswirtschastsrates. Eine verdiente Strafe. 500 M. Geldstrafe für den monarchistischen Hetzer der „Börsenzeitung". Seit einigen Jahren erfreut sich die»Berliner Börsenzeitung", die einer Reihe von Industrieverbänden nahesteht, und lediglich den hochbezahlten Inseraten der Industrie und Hochfinanz chr« Existenz verdankt, eines monarchistischen Chefredakteurs, dessen ganzem Auftreten man den Aerger darüber anmerkt, daß er so wenig Beachtung in der Oeffentlichkeit findet. Eine der traurigsten Gestalten des deutschen Zeitungswefens verdankt dieser Dr. Paul. O est reich— nicht etwa zu verwechseln mit dem gleichnamigen entschiedenen Schulreformer— natürlich der Hilgenberg. Presse. Bis 1920 hat sich dieser Mann in Chile ausgehalten und den Krieg siegreich überstanden. Als er zurückkehrte, fühlte er sich natürlich als geborener Richter des deutschen Volkes und erging sich unausgesetzt in niedrigen Schmähungen gegen die Politik der repu- blikanischen Parteien und ihrer Führer. Sein politischer Charakter gestattete ihm dabei auch, hier und da recht deutlich a n t i s« m i- tisch zu werden, obwohl er sich gern aus jüdisch« Kronzeugen, we den Denunzianten Tannenbaum, berief: wenn ihm aber dies« onst- semitische Einstellung vorgehalten wurde, war er mutig genug, sich hinter Ausflüchten zu verstecken. Jetzt hat diesen Ehrenmann endlich einmal eine verdiente Strafe erreicht und ihm die ersehnt« Beach- tung in der Oeffentlichkeit verschafft. Zur Berfassungsfeier hatte Oestreich in seinem Blatt einen Leitartikel mit der Ueber- schrift»Parteipolitische P r o v o k a t i o n s s e i e r" ver- ösfentlicht, darin die Regierungsform abgelehnt»mit allen ihren moralischen Gebrechen und den durch D o l ch st o ß und Revolution ermöglichten Sklaoenketten. Sie ist auf Grund des Verbrechens der Revolution mit Gewalt geschaffen wor- den— so heißt es wester— und sie macht mit ihrem hemmungs- losen Parlamentarismus die niedrigsten Instinkte der Per- sönlichkeit und des Voltes zum ausschlaggebenden Fat- t o r im Gemeinschaftsleben." Es sei ein Glück, daß Hindenburg an der Spitze des Staates stehe, aber jede Wahl korrum- piere weiter, und mit jeder neuen Präsidentenwahl werde auch dieses höchste Amt die Wege der parteipoliiischen Morallosig- keit und der.Interessenwirtschaft genau so gehen, wie das in ande. ren Republiken der Welt auch so ist. ..Setreu. feiner Sampsesmeise versuchte Oesterreich auch vor der Anklage wieder, zu kneifen. Er erklärte, er habe mit diesem' Artikel keine Verachtung ausgedrückt,, noch ausdrücken wollen! Der Vertreter der Staatsanwastschast aar anderer Meinung: der Artikel setze die Republik herab:. eine Gesundung des Volkes werde durch eine derartig, vergiftende und verhetzende Politik hintangeholten. Der Verteidiger Oestreichs schlug in dieselbe Kerbe wie der An- geklagte und wollt« von einer Beschimpfung der Republik in dem Artikel nichts finden. Das Gericht verhängte trotzdem die eingangs erwähnte Strafe, mit der Begründung, die ganze Tendenz des Artikels sei beschimpfend und geeignet, die Republik verächi- l i ch zu machen. Die Revue aus Abbau. Die Revue, die eine Zeitlang ein Stück Theater zu verdrängen drohte, ist in der Dekadenz. Man kann die bereits gebotene Augenweide, das Schwelgen in Farben, das Aus- trumpfen von Nacktheiten nicht noch weiter überbieten. Und der Witz war schon lange dünn geworden. In dieser Krisis der Revue ersteht aufs neue— ein Stehaufmännchen der Pleite— Ianxs Klein in der wieder von ihm übernommenen„Komischen Oper" und versucht, mit einer neuen Revue: 22 Bilder aus dem Leben einer schönen Frau, die— ein Preisrätsel— im Haupstitel„D i e Sünden der Welt" heißt. Deutlich merkt man. daß die Revue im Abbau begriffen. Der Glanz und der Schimmer von ehemals sind bis auf einige schöne Reste verschwunden, man beginnt zu sparen, auch in Enthüllungen. Dafür gehen die Dichter Klein und Brestschneider mehr auf volkstümliche, sentimentale Wirkung aus und geraten mit ihren Texten bis ans Triviale. Die Geschichte des B:r. liner Manneguins. die, zur Modekönigin erkoren, von Schiebern und Filmleuten nach Hollywood oerschleppt wird und schließlich, gan- unlädiert, in die Arme ihres treuen Chauffeurs zurückkehrt, ist natürlich nur Sorwand für dekorative und Tanzeffekte. Der Charte. ston und Black Bottom beherrschen die Musik, die fast nur noch Rhythmus ist. Franz Baumann hat zum Ersatz das deutsche Lied, das heißt die Sentimentalität, zu kultivieren, wofür sein? Stimme olle Oualitäten besitzt. Sonst gibt es Oberhof mit Wüster- spart(hier blüht auch die Farbe in den Kostümen auf), eine ne:t? Aktualität: Domela, der falsche Prinz, Szenen aus Hollywood m� einer erschrecklich erotisch-sadistischen Begebenheit, die rechtzeitig e:- lischt, eine kesse Homburgerei zwischen Edich S ch o l l w e r und Mar M e n d s e n usw. � In der Pause tritt Karl Bretsschneider an die Rampe hält-'r- lange Pauke auf leinen Direktor(ganz ohne Austrag natürlich) und erklärt ihn für einen vollendeten Ehrenmann, dem die persönlich«"' Feinde zusetzen, und bittet, die Künstler nicht darunter leiden zu lassen. Natürlich nicht. Herr Lrettjchneider. Kunst muß leider nach Brot gehen: wie es scheint, selbst wenn der Unternehmer a»f der schwarzen Liste der eigenen Gewerkschaft steht, die dieselben Künstler früher angerufen haben. Konstasteren wir also, daß Han� A l b e r s ein fabelhafter Draufgänger und Vicky Wcrckmeister(als Mode- königin) ein erstklassiger Reouestar ist, und daß von den Solisten wie den Chören sauber und hingebend gearbeit wird.-�r. Das größte Schleusentor der well. Montag wurde das erste der drei riesigen Schleusentore für den Nordseckanal, der Amsterdam mit der Nordsee verbindet, von Rotterdom nach s-nnem Beftimmungs. ort bei Ijmuiden übergeführt. Das Tor ist S3.3 Meter lang. 8,4 Meter breit und 20 Meter hoch und ist dos größte der Welt. Das Gewicht des Schleusentores beträgt ungefähr 1 200 000 Ki'c». gramm. Es mußte in Holz verpackt und flach auf dem Waller liegend transvortiert werden. Der Nordseekanal wird, um den modernen Anforderungen zu genügen, beträchtlich ausgebaut, und zu diesem Zweck war eine erhebliche Vergrößerung der Schleusen- anlagen dieses Kanals notwendig. veussche BfUftienoerfrefeT In Tiarl«. Di« Prässbenlen der deutliben Sübnepgenosseulchalt Riitett und Wallauer, die tiuneit in Pari» weilen, werden heute naclimittaa im Internationalen Institut titr geistige Zusammet». arbest durch die stanzifisch« Ällgemewe Theater-Geselsschast«npjange». Cin überalterter Shaw. Wenn das Theater„Die Tribüne" die Absicht haben sollte, eine Serie Shawscher Komödien herauszubringen, so ist das durch- crus zu begrüßen. Shaw hat uns immer etwas zu sagen, auch in scinxn schwächeren Stücken.»Der Liebhaber", den die Tribüne gestern aufführte, gehört nicht zu seinen Spitzenleistungen. Gerade jetzt beginnt sich eine leise Opposition gegen dgn irischen Dichter zu rege». Ob dieser Widerspruch sich von der äußerlichen Tatsache her- leitet, daß Shaw zum meistgespielten Dramatiker geworden' ist, oder ob man gegen den angeblichen Mangel an Innerlichkeit, Gefühlstiefe und Herzenswärme Front nrachcn will, den mancher in Shaws scharfem Intellekt zu spüren glaubt, in jedem Fall war die von der Tribüne getroffene Wahl des.Liebhabers" nicht sehr glücklich. Der Dichter hat die Komödie zusammen mit»Frau Warrens Gewerbe' und den„Häusern des Herrn Sartorius" unter dem Gesamttitel»Un- erquickliche Stücke" schon vor 35 Iahren veröffentlicht. Sein Kamps gegen scheinbar genormte Anschoustngen und alteingesessene Moral- begriffe hat auch heute noch den Reiz der Aktualität. Bloh nicht mehr im„Liebhaber", wo Shaw gegen die Jbsensche intellektuelle Ethik zu Felde zieht.' Sie ist heutzutage kein Tummelplatz mehr sür streitbare Geister, womit nicht gesagt ist. daß etwa der„Liebhaber" eine langweilige oder uninteressante Komödie wäre. In bewunderns- wert feiner Weise macht sich Shaw über weiblich« und unweibliche Weiber, kurz über hochgespannte Ibsen-Verehrung, lustig. Nicht die Frau ist das mit Nachsicht und Ueberlegenhcit behandelte Spielzeug des Mannes, sondern der Mann ein Spielball in den Händen der Frau. Das ist Shaws Meinung. An lustigen Situationen, geist- sprühenden Bonmots und innerem Gehalt bietet natürlich die Ko- mödie immer noch weit mehr als sonstige marktfähige Lustspiele. Aber bei Shaw sind wjr gewohnt, einen anspruchsvolleren Maßstab anzulegen., Der Regisseur John Gotiowt weicht in feiner Inszenierung von den genauen Bühnenvorschriften Bernhard Shaws erheblich ab. Das Recht dazu soll ihm nicht bestritten werden. Shaw selbst wäre der letzte, der dagegen etwas einzuwenden hätte. Aber Gottowt hat dabei keine glückliche Hand geführt. Die Titelrolle ist mit Lothar Müthel, wenn auch nicht falsch besetzt, so doch falsch ausgefaßt. Bei Müihel ist der oerwähnte, nicht ernst genommene Don Juan ein salopper Lebcjüngling. Er zeigt die liebenswürdige Frechheit eines unerzogenen Jungen, die man ihm eben wegen seiner Jugend und seiner offenkundigen geistigen Ueberlegenheit nicht übelnimmt. Durch diese Ausfassung geht ein guter Teil des Reizes der Komödie. ja zum Teil das Verständnis für die Shawschen Thesen verloren. Nach der Regieanweisung de? Dichters soll der Liebhaber ein älterer überragender, schon äußerlich originell wirkender genialisch angehauchter Intellektueller und nicht ein blasierter Klubmensch sein. Käthe H a a ck dagegen spielte den Gegenpart ganz köstlich. Es war ritte erstaunliche Leistung, da sie gestern einen ganz anderen Typ verkörperte, als wir ihn sonst an ihr gewohnt sind. Mit sabelhaster Vitalität gab sie ein forsches, bis über die Ohren verliebtes keckes und dabei schmiegsam weibliches Frauchen, das sich bedenkenlos über �gesellschaftliche Schranken hinwegsetzt und doch die Dame von Welt bleibt. Ein neuer Name: Franz S ch a f h e i t l i n tauchte unter den Darstellern auf: Schafheitlin hat zwar noch manche Ecken und Kanten, aber einige Momente zeigen doch erhebliches Talent zur Komik.. Ernst Degner. Sine neue Eüifon-öiographie. Zum 80. Geburtstag des„Zauberers von Menlo Park", der in diesen Tagen von der ganzen Well gefeiert wird, erscheint die erste große englische Edison-Biographie von George S. Bryan, die sein geniales Schaffen unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten behandelt. Da Edison hauptsächlich Erfindungen gemacht hat, die ins praktische Leben griffen und wirtschaftlich von größtem Wert waren, so hat sich die Oeffentlichkeit mit ihm sehr viel mehr beschäftigt als mit anderen großen Erfindern, und ein« Unmenge von Geschichten und Anekdoten von ihm erzählt, während in den wissenschaftlichen Werken seine Bedeutung meistens nur kurz gewürdigt wird. Bryan sucht zunächst die Haupteigenschaften festzustellen, die das Genie Cdisons ausmachen, und er findet bei ihm eine außerordentliche Energie und Zähigkeit, beträchtliche Kombinationsgabe und einen ausgesprochenen praktischen Sinn. Edison hat selbst einmal eine „erfolgreiche Erfindung" als eine solche bezeichnet,„die ein polnischer Jude kaufen würde". Mit diesem praktischen Sinn ist em Geschäfts- instinkt aufs engste verknüpft. Die Zähigkeit Edisons läßt sich aus der Geschichte jeder seiner Erfindungen nachweisen. Bei seiner Arbeit an der Glühlampe hat er, um einen befriedigenden Kohlen- saden zu finden, buchstäblich Taufende von verschiedenen Stossen verkohlt und Zehntausend« von Dollars ausgegeben. Seine Mit- orbeitcr durchreisten einen großen Teil der Welt, zum Teil unter großen Mühen, und das Ergebnis oll dieser Anstrengungen war die nicht sehr befriedigende Bambusfadenlampe. Seine Volkstümlichkeit beruht zu einem nicht geringen Teil auf die Erfindung des Phonographen. Auch dieser war zunächst ein sehr primitiver Apparat, und die Vervollkommnung durch Edison selbst wurde gehindert durch seine Taubheit, die ihn die Töne des Phonographen in einer Emfernung von 3 Fuß nickt mehr hören ließ. Aber auch hierbei leitete ihn mehr sein Instinkt als sein Wissen. Wie die meisten Männer von großer Energie und geringer Allgemeinbildung— Edisons Schulbesuch dauene nur drei Monde — hat er sehr merkwürdige Urteile abgegeben, ist z. B. ein großer Verächter der Mathematik. Was ihn bei allen seinen Erfindungen leitete, war sein„Riecher" für Mechanik. Von den wissenschastlichen Theorien scheint er nichts zu wissen und kümmert sich jedenfalls nicht um st?- Er schwört aus deix Versuch und hat z. B., wenn er eine chemische Mischung mit bestimmten Eigenschaften erholten will, die verschiedenartigsten Chemikalien gemischt, bis er erhielt, was er wollte. Diese erstaunliche Energie aber, verbunden, mit seinem Instinkt, verleiht ihm unter den Erfindern des 19. Jahrhunderts einen ganz einzigartigen Rang. „Schwan, Wie mau eine» Unschuldig Es ist zuweilen schwierig, festzustellen, wer in ewem Prozeß I der eigentlich Schuldige ist. Namentlich bei anfechtbaren Geld- geschäste» besteht oft eine Wechselwirkung zwischen dem An- geklagten und seinen Opsern. Man wird da an das Märchen von dem wunderbaren Schwan erinnert, der wie ein Magnet olles an sich zieht und nicht wieder losläßt. Da ist kürzlich in Moabit ein chochstaplerprozeß zu Ende gegangen, der auffallend große Ausmaße hatte. Es waren 25 Zeugen geladen, und sieben Tage lang dauerten die Derhand- lungen. Der Schwan, an dem sie alle kleben blieben, war der Träger eines alten, ruhmbedeckten Namens, Sprößling einer altadligen Offi- »iersfamilie. Der Name und die Verwandtschast mit einem Holländer, der in Batavia ein riesiges Vermögen besitzt, schafften dem Herrn o. K. unbegrenzten Kredit. Man weiß, wie das ,n den In- flationsjahren zuging. Wenn da einer auftrat und sagte:„Ich bin der und der und habe holländische Gulden zu verkaufen'— gleich klebte alles an diesem Schwan. Man staunte, was für alte, gewiegte Geschäftsleute sich hatten hereinlegen lassen. Und dazu von einem Menschen, der durchaus nicht gerissen oder raffiniert aussieht. Aber vielleicht hatte er sich gerade durch sein biederes Auftreten Vertrauen zu erwerben gewußt. Vor dem Krieg hatte er studieren wollen, er hatte aber nicht das Zeug dazu. Auch während des Krieges hatte er sich mcht ausgezeichnet— auch die militärischen Talente gingen ihm ab. Die Inflation zehrte das elterliche Vermögen so gut wie ganz auf. Was sollte also mit dem Sohn geschehen? Man wußte nur noch eine Auskunft: man schickte ihn nach Amerika— er sollte drüben Kaufmann werden. Er kam jedoch nicht als Krösus zurück, sondern im Gegenteil mit leeren Händen. Was nun? Er brauchte sich gor nicht sehr anzustrengen. Zwar hatte er, gleich zu Beginn seiner„kaufmännischen' Laufbahn,«ine schwere Urkunden- fälsch»ng begongen— vielleicht mehr aus Tapsigkest als aus Berechnung— und war ein Jahr eingesperrt worden. Aber das ließ ihn niemand fühlen. Er brauchte bloß dem Direktor einer jener zweifelhaften Bankinstitute, die in den Inflationsjahren wie Pilze aus dem nassen Waldboden sprossen, um ebenso schnell wieder ab- zufoulen, etwas anzudeuten von dem schwerreichen holländischen kleb' an/ m zum Hochstapler macht. Vetter, von MNionenerbschast in Gulden— mit der man sich damals ganz Berlin hätte kaufen können— oder von Geschäfisbetsiligung, und schon drängte sich alles an ihn heran und wollte mit-. hmGeschäftemachen. Der Dankdirektor, der sich seiner- seits enger Beziehungen zu einem der größten rheinischen Indu- striellen mst starten Interessen im Auslande, zu Mannesmao n, rühmte, schlug die Gründung einer G. m. b. H. vor, die in der Schweiz eine Bank aufmachen sostte. Das war nun buchstäblich«in„Eehsk- mit-biste-hin'-Unternehmen. Herr v K., der sich vertraglich ver- pflichtet hatte, 250 000 Schweizer Franken einzulegen, focht den Vertrag an und zahlte nicht eine deutsche Papiermark ein, geschweige denn Schweizer Franken. Merdings hatte er sich auf das zu grün- dend« Geschäft hin nicht weniger als 8500 Mark an Krediten aus- zahlen lassen. Das war zu Beginn des Jahres 1024 geschehen. Aber trotzdem er für die 8500 Mark nicht einen Pfennig Deckung aufbrachte und niemand etwas von den versprochenen holländischen Gulden oder Schweizer Franken zu sehen bekam, konnte er seine Finanz- manöverungestörtnochzweiIahrelanasortsetzen. Er schloß iinmer wieder Verträge ab. die er natürlich niemals haste einhalten können. Mitunter wurden solche Vertragsabschlüsse mit Geburtstagsfeiern bekannter Finanzleute zusammengelegt und reich- lich mit©eft begossen. Alles in allem kamen in der dreijährigen Finanztätiateit des Herrn v. K. sieben Fälle erfolgten und ein Fall versuchten Betruges zustande. Die Summe, die bei den Geschäftchen heraussprang, dürste mit 50 000 M. nicht zu hoch angegeben sein. Dagegen macht der Verteidiger gellend, daß sein Klient in diesen dre, Iahren nicht weniger als 12000 Mark an Anwasts- und Ge- richtskosten ausgegeben habe, daß er selber ein Opfer seiner hem- mungskosen Phantasie sei und vielleicht mehr der Betrogene als der Betrüger. Und der Angeklagte hebt in seinem Schlußwort hervor, wie man sich an ihn Heranaemacht habe: er habe den Leuten nicht nachzulaufen brauchen, sie seien zu ihm gekommen. Das Urteil lautete auf ein Jahr Gefängnis, von dem lieben Monate bereits in der Untersuchungshaft verbüßt sind, und 9000 Mark Geld- strafe. Die Kosten des Verfahrens werden ebenfalls sehr beträcht- lich sein. SowsetruAlanüs politische Gefangene. Ihr Lebe« in de» Towjetgefäugnissen. Bon Boris Sapir*). .Die Menschewisten und Sozial reoolustonär« müssen wir in den Gefängnissen behutsam hallen'— so erklärt« Lenin bei der Ver- kündung der.neuen Wirtschaftspolstik'. Dieses Gebot wiederHoll« vor kurzem in einer Rede der gegenwärstge Diktator Stalin. Das Maß der Bchutfamkest hoben die polstischen Gefangenen sehr bald erfahren. Noch waren Lenins Worte nicht verklungen, die den Rückzug verkündeten, als im April 1021 300 politische Gefangene im Moskauer Butyrski-Gefängnis schweren Mißhandlun- gen ausgesetzt wurden. Dies geschah nicht in der Provinz und nicht auf Befehl der lokalen Machthaber. Diese unerhörte Exekution fand in Moskau, in der allernächsten Nähe der.Arbeiter- und Bauern'- Regierung, unter Leitung und Kontrolle der höheren Beamten der Tfcheka stall. Es unterlag bald keinem Zweifel mehr, daß man es, auf die physisch« Vernichtung der politischen Gesangenen abgesehen habe. Aber, ihrer Gewohnheit treu, war die Sowjetregie- rung öngfllich bemüht, die Spuren ihrer Taten vor dem europäischen Proletariat zu verwischen. .Wir verhaften die Sozialisten nicht, wir isolieren sie bloß'— so behaupteten die Kommunisten. Gleichzeitig aber bereitete die Tscheka die.Isolierung' auf den Solowetzkiinseln vor. .Auf den Solowetzkiinseln ist kein Gefängnis, sondern ein Sanatorium'. so wurde den ausländischen Kommunisten mitgeteilt. Gleichzeitig ober organisierte man das Blutbad vom 10. Dezember 1023... Als Folge dieser.Fürsorge' auf den Solowetzkiinseln ist der Tod von zehn Personen zu verzeichnen(sechs hat die Ge- fängnisverwaltung getötet, zwei haben Selbstmord verübt, zwei erkrankten dort und starben). Vier Gefangene sind g« ist es« krank geworden. Wer kann die Zahl derer nennen, die an Skorbut, Malaria und Tuberkulose erkrankten? Im Jahre 1025 wurden die politischen Gefangenen nach dem Kontinent übergeführt. Man oerkündete die Auflösung des Solo- wetzkigefängnisses, ober einig« lausend Weißgardisten. Bauern- rebellen, Spekulanten und Kriminaloerbrechcr sind noch weiter aus ter Insel verblieben. Dorthin wurden auch die georgischen Sozialdemokraten verbannt. Heute noch werden nach den Solowetzkiinseln Sozialisten unter der heuchlerischen und falschen Anklage von Kriminalverbrcchcn verbannt, um dort der gleichen Behandlung ausgesetzt zu werden wie die gemeinen Verbrecher. In Werchne-Urälsk. Susdol. Iaroflaw, T o b o l s k und T s ch e l s a b i n s k ist ein äußerst brutales Regime für die.isolierten' und.behutsam' in den Gefängnissen gehaltenen Sozialisten und Anarchisten eingeführt worden. Wie schwer und unerträglich das Leben in den Gefängnissen ist. ist schon daraus allein zu ersehen, daß Hungerstreik, fast überall an der Tagesordnung sind, sie dauern meist zwei bis drei Wochen. Di« Nachrichten aus Rußland weisen darauf hin. daß die politischen Gesangenen genötigt sind, zu diesem äußersten Kampfmittel zu greifen, um ihre elementaren Rechte und ihre menschliche und revolutionäre Würde zu wahren. In dem Werchne-Uralski- Gefängnis wurde im Herbst 1026 für drei Tage der Belagerungszustand erklärt. Die Ge- fangenen wurden schwer mißhandelt. Man schlug sie für jedes laute Wort, für den Versuch, zu singen oder sich mit den Insassen der Rächbürzellen zu unterhallen: Für«inen„schuldigen' wurden samt- liche Zelleninsassen geschlagen. Aehnliche Nachrichten kommen auch aus änderen Gefängnissen und Verbannungsorten. In den politischen Isolationen wendet man absichtlich p r o o o- katarisch« Mittel an, um«in, Blutbad hervorzurufen. Dann können die bis an die Zähne bewaffneten Tschekistcn das ersehnte Blutbad beginnen. So behandelt die«sozialistische' Sowjetregierung ihre politischen Gegner— Sozialisten, Anarchisten und parteilose Arbeiter. Ver- hängung von Strafen ohne gerichttiches Urteil, frisstos« Gefängnishaft, Verbannung nach den entlegensten, hinter dem Polarkreis liegenden Winkeln, Verhöhnung, Provokation und Gewallanwendung— das sind die Heldentaten derer, die in den Ländern Europas internationale Komitees der Arbeiterhilf« organisieren und an die west- europäische Demotrat!« und Arbeiterklasse appellieren! Der Hungerstreit in Tsbolft. Der Bersiner russisch«„Sozialistische Bote' teilt mit: End« September v. I. unternahm die Berwallung des politischen Gefängnisses in Tobolst wieder einmal den Versuch, das Gefängnis- regime noch mehr zu verschärfen. Infolg« der Bestrafung der Anarchssten, die sich den neuen Maßnahmen widersetzten, erklärten 26 Anarchisten den Hungerstreik. Nach neuntögigem Hunger- streik wurden die Forderungen der Streikenden— Wiederherstellung drs alten Gefängnisregimes, Nichtverfolgung der Gefangenen, die Widerstand geleistet haben— erfüllt. Einig« Tage später jedcch wurden die Anarchisten Gurewitsch und Axelrod noch Moskau über- geführt, zu Kriminalverbrechern erklärt und noch den Solowetzki-Inseln verbannt. Ein ähnlicher Vorfall spielte sich im Iaroslower politischen Gefängnis ab, wo der«ozinl- revolutionär S or o k i n gleichfalls zu einem Kriminalverbrecher gestempelt und nach den Solowctzi-Inseln verbannt wurde! Die �nziebungstrast öer Labour partp. Nach Kenworthy Wcdgewood Ben». London. Z. Februar.(XU.) Der liberal« Abg. wedge- wood Renn wird, wie nunmehr endgültig seslslehl. zur Arbeiler- parlci übertreten. Dieser Ucberlrilt wird im liberalen Lager al» ein vußerordentlicher Verlust empfunden, da Venn einer der aktivsten Parlamentarier der iiberaien Fraktion gewesen sei. Sein Ucberlrilt crsolgl hauptsächlich wegen persönlicher Visse- tenzen mit Lloyd George. Ulie heule verlautet, beschäftigen sich noch einige weitere Liberale sehr ernsthast mit der Frage, ebenfalls zur Arbeiterpartei überzutreten. perßinaloeränderungen im poiizeiwesen. Nach dem.Lokal- anzcieer" ist b-adfichtiat, an Stelle des Berliner Polizeivizepräsiden- ten 3r. F r i e d c n s o u r g. der nach Kassel als Regierungspräsident sehen soll, den Regierungsdirektor Dr. W e i jz mit diesem Pefien zu betrauen: als Nachfolger in dem Amte des Ehefs der Berliner Kriminalpolizei ist Oberr-�ierungsrat H a a e m o n n vor- aeieden Wie wir dazu hören, eilt diese Meldung insofern den Tat- fachen voraus, als ein Beschluß des preußischen Kabin-tls noch nichtoorliegt. *) Der Verfasier dieses Artikels wurde im Jahr« 1022 wegen der Zugvhörigkeii zum sozialdemokratischen Iugendverband verhaftet, befand sich drei Jahr« in verschiedenen Gefängnissen, darunter zwei Jahr« auf den Solowetzkiinseln. fluchtete noch der Ucbersührung nach dem KouUnem und«mkam nach dem Auslände. Schreckensurteil in Lichtenberg. Die Existenz zweier Jugendlichen vernichtet. Das Schöffengericht Berlin-Lichtenberg unter Vorsitz des Amtsgerichtsrats Dr. Augustin fällte in seiner letzten Sitzung ein derartig hartes und grausames Urteil, daß es sich lohnt, den Prozeß näher zu beleuchten. Am S t ö r i tz s e«, in unmittelbarer Nähe von Fangschleuse, hatte ein Trupp jugendlicher Wanderer seine Zelte auf- geschlagen. Einer der jungen Menschen, ein 10 Jahre alter Arbeiter Wilhelm Sch., hatte aus einem Zelt eine Mandoline.geklaut', die ihm nachher von einem Landjäger abgenommen wurde. Nur wider- strebend hatte er sie herausgegeben. Er stieß auch allerlei Drohungen aus und äußerte sich zu seinen Freunden, sie möchten ihre Pistolen herausnehmen. Es kam natürlich dazu nicht, vernrutlich weil sie keine hatten. Einer der Wanderer benahm sich einem der Landjäger gegenüber besonders renitent. Er zückte ein Dolchmesser und nahm auch eine drohende Hallung an. machte aber von der Waffe keinen Gebrauch. Das Betragen beider trug ihnen nun eine Anklage wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt ein, wegen der sie sich vor dem Lichtenberger Schöffengericht zu verantworten hatten. Der Staatsanwalt beantragte gegen den Arbeiter Gerhard D. 6 Monate Gesangins und gegen den Angeklagten Sch. 2 Wochen Gefängnis. Das Gericht glaubte jedoch über diesen Antrag weit hinausgehen zu müssen und verurteilt« den 19 Jahre alten D.. der in fester Arbeit steht und n o ch n hch t v o r b- st r a f t war. zu 1 IahrGcfängnisbet sofort igerBerhaftung. Sch. erhielt 2 Monate Gefängnis. Es handelt« sich hier um eine sehr weitgehende Rüpelei Zweifel. los ganz unbesonnener und unüberlegt handelnder Jugendlicher, die man, wenn schon mi: einer geringen Gefängnisstrafe, so doch mit Bewähnmgsfnst hätte ahnden können.§ 113 des Strafgesetzbuches, der mit dem§ 114 meist in Betracht kommt, spncht von einer Gefängnisstrafe von 14 Tagen bis zu 2 Iahren, während der schärfere§ 114 des Strafgesetzbuches ausdrücklich eine untere Grenz« von 3 Monaten Gefängnis anerkennt. Hier aber find Schreckens- urteile gefällt worden, die. ohne die Psyche der Jugendlichen zu berücksichtigen, die bürgerlich« E x i st e n z der beiden jungen Menschen glatt vernichtet. Das Urteil ist unhaltbar. Wie war es möglich, daß es unter dem Vorsitz des Herrn Augustin gefällt werden konnte? Fetter in einer Farbenhandlung. Mit der Bekämpfung eines sehr gefährlichen Feuers hallen gestern nacht mehrer« Löschzüge der Feuerwehr in der S k a l l tz e r Straße 47 nahezu drei Stunden lang zu tun. Straßen- Passanten nahmen kurz vor 11 Uhr nachts in dem Farben- und Drogengeschäst der Firma K e r st e n einen Feuerschein wahr. Die Feuerwehr wurde alarmiert, die mit drei Lölchzügen unter Leitung des Bauratcs Roack herbeieilte. Vier große Fenster- scheiden wurden durch die Hitzcentwicklung plötzlich auf die Straße geschleudert. Beim Eintrefien der Wehren brannte der ganze Laden in einer Länge von 15 Metern lichterloh. Das Feuer fand an großen Farben-, Linoleum- und Tcpetenoorräten reiche Nahrung. Wegen der Explosionsgefahr und stickiger Gas- schwaden mußte sehr vorsichtig gearbeitet werden. Die Flammen griffen auf den Lagerkeller über, dock) gelang es, das Feuer hier abzuriegeln. Nach zweistündiger Tätigkeit— es wurde aus drei Schlauchleitungen Wasser gegeben— war die Gefahr beseitigt. Der Laden ist ausgebrannt, der Schaden sehr erheblich. Das Feuer ist vermullich durch Herausfallen von glimmenden Kohlestückchen aus einem eisernen Ofen, der hinter einem Holzverschlag steht, entstanden. Tie Potsdamer Prandstiftunqen. Zu den Brandstiftungen, die in Potsdam im Landgericht in der Kaifer-Wilhelm-Straße und im Amtsgericht in der Lindenstraße verübt wurden, erfahren wir, daß auf Ersuchen der Obcrftoatsonwaltschaft Potsdam von der Berliner Kriminal- Polizei die Kommissare Braschwitz und Zapfe dorthin entsandt worden sind. Die Brandstiftungen selbst bearbeitet die Potsdamer Kriminalpolizei. Die Berliner Kommissare untersuchen die Akten- dieb stähle, die in Potsdam und Werder vorgekommen sind, und einen etwaigen Zusammenhang zwischen ihnen und den Brandstiftungen. Bisher ist ein Anhalt für einen derartigen Zu- fammenhong nicht gefunden worden. Die Ermittlungen sind aber noch keineswegs abgeschlossen und werden unter der Oberleitung des Staatsanwallfchaftsrotcs wtargard fortgesetzt. Eine Schule für Laudkraftführer. Unter dem Namen„Deutsche Landkraftführerschulen Deula- kraft G. m. b. H.', Sitz Zeesen bei Königswusterhaufen. ist, wie das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft mitteilt, eine Schul« zur londwirtschastlichen Ausbildung von Schlepper- und Motorpflugführern ins Leben gerufen worden. Lehrgebäude und Leh-gelände liegen im Bereich des ehemaligen Schütte-Lanz-Werkes Zeesen bei Königiwnste: Hansen. Die Schüler können nach Wunsch mll voller oder halber Pension aufgenommen werden und neben der Ausbildung an landwirtschaftlichen Kraftmaschinen auch die Führerscheine für Personen- und Lastkraftwagen erwerben. Es sind ferner Speziolturfe für landwirtschaftliche Betriebsleiter und Besitzer sowie Sonderkurs« in Werkstattausbildung, an Rohöl- und Dieselmotoren und an wichtigen landwirtschaftlichen Moschinen vor- gesehen._ Der Raubmord in Sommerfeld. Weitere Ermittlungen, aber noch keine Aufklärung. Unter dem Berdacht, an dem Raubmord in Sommerfeld be- teiligt zu sein, wurden in Krossen zwei Land st reicher fest- genommen: sie mußten aber wieder entlassen werden, weil sie ihr Alibi nachweisen tonnten. Zur Unterstützung der Ortspolizet in Sommerfeld und der Landjägerei ist ein Berliner Kriminalbeamter zurückgeblieben. Ueber Entweichungen aus Strafanstallen sind noch keine Milleilungen eingegangen. Eine wichtige Rolle in der Untersuchung des Sommerfelder Kapitalverbrechens spielen die geraubten und die gesunde- neu K l e i d u n g s st ü ck e. Die am Bahndamm in einem Paket gefundenen Anstaltskleider sind drei Jacken, darunter eine Strafanstaltsjacke mit dem Zeichen Str. G. B. 1020 und zwei Hofen. In einer Hofentafchs fand man 42 Mark Silbergeld-, darunter ein altes'.---Mork-Stück. Dieses Stück kam keineswegs als Arbeitsverdienstüberschuß in einer Strafanstalt jetzt gezahlt worden fein. Dagegen sind gleiche Stücke in dem Bestände der ermordeten Tschenkeschen Eheleute gesunden worden. Hiernach stammen die 42 Mark wahrscheinlich aus dem Raube. Das Paket wurde etwa 800 Meter unterhalb der Neiffebrücke am Bahndamm angeschwemmt. Wahrscheinlich ist es also bei dem Ueberfahren der Drücke aus dem Zuge hinaus ins Wasser geworfen worden. Wichtig ist auch zu erfahren, woher die zur Fesselung der Ermordeten benutzten Schnüre stammen. Die Frau ist mit einer Schnur gefesselt worden, wie sie in der Landwirtfchaft zum Garbenbinden und dergleichen benutzt wird. Der Mann ist mit stärkeren Schnüren, wie sie ebenfalls auf dem Lande verwendet werden, gefesselt worden. Zum Teil sind außerdem noch alt«, mehrfach zusammengeschlungene Schnüre benutzt worden. Aus dem �jchäst der Ermordeten stammen die Schnüre nicht. Wie schon mitgeteilt wurde, muß ssch einer der Berbrecher, als er mit roher Gewalt die Doppelscheiben des Fensters durchstieß, an der Hand erheblich verletzt haben. Man sieht, daß an dem Rest der Scheiben Blut heruntergelaufen ist. Wo also ein Mann mit einer Handverletzuung und etwa einem der geraubten Kleidungsstück« auftaucht, sind Mitteilungen an die Landiägerei und die Ortspolizei von Sommerfeld zu machen. Zur Prüfung der Frage, ob die Berbrecher vielleicht von Berlin gekommen sind, hat man alle Spuren zur Untersuchung durch den Erkennungsdienst nach Berlin gebracht. Auch in Berlin sind die Ermittlungen in vollem Gange. Mitteilungen zur Aufklärung an die Kriminalinspektion\ im Polizeipräsidium. Die Kommissare Johannes Müller und Dr. Braschwitz haben sich noch einmal nach Sommerfeld begeben._ Ueberfall am Schiffbauerdamm. In der vergangenen Nacht war«in 35 Jahre alter Kaufmann Friedrich B vom Schissbauerdamm 26 abend» mit Bekannten zu- sammen in einer Gastwirtschaft in der Liiisenstraß« gewesen. All« brachen zu gleicher Zeit auf und trennten sich dann, so daß B. allein nach Hause ging. Um 2V4 Uhr fanden ihn Mitbewohner des Hauses mit blutenden Kopfverletzungen hilflos unten auf dem lur liegen. Sie benachrichtigten das 2. Revier und brachten mit ilf« von Beamten den Mann nach der nahegelegenen Charit«. Hier stellten die Aerzte außer den Verletzungen am Gesicht auch«inen BruchdeslinkenBeinesfest. B. mußt« deshalb im Kranken- hause verbleiben. Nach den Feststellungen der Kriminalpolizei waren ihm zwei unbekannt« Männer gefolgt. Als er aufschloß, drängten sie sich durch die Tür ihm nach und fielen aus dem Flur über ihn her. B. setzte sich zur Wehr, unterlag aber der Uebermacht und blieb mit gebrochenem Bein liegen. Seine Gegner raubten ihm die Brieftasche mit 7 2 0' M., die Uhr, alle Schmucksachen und dazu auch noch den Hausschlüssel. Um den Ueber- fallenen an der Verfolgung und am Hilferufen nach der Straße hinaus zu verhindern, schloffen sie mit feinem Schlüssel die Haustür' hinter sich ab. Der Beraubte konnte sich des Beinbruches wegen nickt aufraffen und blieb langer« Zeit liegen, bis Hausgenossen ihn auf- fanden und sich semer annahmen. Die Vestallung unseres Genossen Stadlrai e. D. Max Seckessoh« fand am Dienstag vormittag in Weihenfee unter großer Geteiligung Zahlreiche Kranzspenden, bejanders von der Filmindustrie, schmückten die Holle. � Der Magistrat hatte einen großen Lorbeer- kränz mit den Stadtfarben geschickt und ließ sich durch die Stadl- rätin Genossin Wey! vertreten Die Gedächtnisred« hielt Ober- pabbiner Dr. Friedings, der ten Idealismus und die große Hilfs« bereitsehasl des Verstorbenen zeichnete. Ergreifend war es, als der Geistliche Säg« aue einem vor Jahren niedergeschriebenen letzten Willen vorlas, die ein starkes Bekenntnis zum Sozialis- mus und zum Weltfrieden waren. Chorgesang hatte die Feier eröffnet und schloß sie auch. Schkeösspruch für öle ttretallknöuftrie. Erhöhung der Berliner Angestelltengehälter. Vor dem Schlichlungoausschuß Groß-Berlin fanden am gesirt. xrn Dienstag die Gehaltsverhandlungen für die Angestellten der Berliner Metallindustrie statt. Der Schlichtungsausfchuß fällte schließlich einen Schiedsspruch, der die Februargehälter unverändert läßt, dagegen ab i. März für die Angestellten in den Gruppen III und IV und in den Meister- gr Uppen ein« Gehaltserhöhung von 6 P r o z.. für sämtliche anderen Angestellten eine solche von 8 Pia z. vorsieht. Diese Gehaltsregelung soll bis z u m 30.© e p. t e m be r in Kraft bleiben. Die Organisationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer werden in den nächsten Tagen wegen chrer Stellungnahme zu diesem Schiedsspruch beraten. Die Erklärunes» frist lauft bis zum 12. Februar. Oer Schieüsspruch für Sie Herrenkonfektion« Die Berliner Schneider nehmen ihn an. ,?',e � Berliner cherrentl nsektion beschäftigten Schneider. .Zuschneider und Arbeiterinnen nahmen am Dienstag abend in den Residenzfestsälen Stellung zu dem von uns bereits mitgeteilten Schiedsspruch, den das vereinbarte Schiedsgericht am 27. Ja- nuar im Reichsarbeitsmiuisterium für die Herrenkonfektion im ge- samten Reichsgebiet gefällt hat. Genosse K u tz e b a ch vom Beklei- dungsarbeiterverband gab noch einmal einen eingehenden Bericht von der Entwicklung der Lohnbewegung und dem Gang der Ber- Handlungen, die sich fünf Tage lang hinzogen. Er zer- pflückte besonders eingehend das von den Unternehmern nicht nur in den Verhandlungen, sondern auch der Kundschaft gegenüber vor- gebrachte Argument, daß die Löhne der Schneider seit der Vorkriegs- zeit um mehr als 100 Proz. gestiegen seien, was die hohen Verkauss- preise verursache. Kutzebach führte an, daß noch dem am 16. Oktober -011 abgeschlossenen Tarif ein Anzug in der Ortsgruppe II durchschnittlich 3,29 M. an Arbeitslohn kostete, während heute derselbe Anzug in der gleichen Ortsgruppe, wenn er nur von Schnei» dem hergestellt wird. 5,30 M.. das sind 61 Proz. mehr als in der Vorkriegszeit, kostet. Der Arbeitslohn ist jedoch»och geringer, da an der Herstellung auch Frauen mit niedrigeren Löh neu beteiligt sind. Wenn man weiter bedenkt, daß die Arbeit heute in Heineren Posten herausgegeben wird als damals, daß heute eine viel Miere Qualitätsarbeit geliefert werden muß, und daß vor allern dies« Löhne im Jahre 1911, also vor über 15 Jahren, fest- gelegt wurden, muß man ieststelle», daß dieLöhne heute bc- deutend niedriger sind als in der Vorkriegszeit Aus diesem Grunds ist auch die vom Schiedsgericht ausgesprochene Lohn- e r h ö h u n g v o n 5 P r o z. bis April und von da ab bis 30. Sep- tcmber u ni 8 Proz. nicht befriedigend. Trotzdem sind Verhandlungsrommission und Berliner Funttio- närc zu dem Entschluß gekommen, die Annahme des Schiedsspruches zu empfehlen, da er besonders in der Eingruppierung der an Spezial- Maschinen beschäftigten Frauen und der Abwehr der zahlreichen Per- schlcchterungsanträge der Unternehmer immerhin ein gewisser Erfolg für die Organisation sei. In der längeren Diskussion sprachen die meisten Redner für die Annahme des Schiedsspruches, gaben ober auch ihrer Ueberzeugung Ausdruck, daß der Schiedsspruch bestimmt besser ausgefallen wäre, wenn es anstatt der organisatorisch zersplitterten Arbeiterschaft des Bekleidungsgewerbes eine geschlossene Front gäbe. Die geheime A b st i m m u n g ertzab mit großer Mehrheit d«e An- nähme des Schiedsspruches. Das Abstimmungsergebnis aus dem gesainten Reich muß bis zum 7. Februar dem Vorsitzenden des Schiedsgerichts sowie den Unternehmern übermittelt werden. Tarife zur Auswahl? Die in den Fleischwerken der Stadtgüter in H o b r e ch t s s e l d e beschäftigten Fleischer bekommen seit Iahren die in die Woche fallenden Feiertage bezahlt. Dos sollte jetzt anders werden. So wollte es der Geschäftsführer. Der Neujahrs tag wurde nicht bezahlt. Die so benachteiligten Fleischer klagten beim Gewerbegericht. Der Geschöitssührer der Fleischwerke suchte sein Verhalten zu rechtfertigen, indem er sagte, für seinen Betrieb iei bisher der Toris des Gemeindcarbeiteroer- b a n d e s maßgebend gewesen, demgemäß erhielten die Fleischer Wochenlohn und Bezahlung der Feiertag«. Da ober die Arbeiter der Fleischwerke mit den sozialen Vergünstigungen des Gemeindearbeiicrtarlfs Mißbrrnich getrieben hätten, werde jetzt der -raris des Fleischerverbandes angewandt, der mit Stundenlöhnen rechne und keine Bezahlung der Feiertage kenne. Der den Klägern zur Seite stehende Vertreter des Fleischer- verbände? widersprach der Behauptung, daß die Arbeiter Mißbrauch mit den Tarisbestimrnungen trieben und zeigte dem Geschäftssührer. daß dieser sich auf keinen der beiden Tarife stützen könne, denn der Gemeindearbeitertarif gelte nichk für die Fleischer, und der F l e i s ch« r t o r i s gelt« nicht für Hobrechtsfelde, denn er fei nur für Berlin verbindlich. Maßgebend fei, daß die Bezahlung der Feiertage durch stillschweigendes Uebcr- e i n k o m m e n ein Teil des Arbeitsvertrages geworden fei, der nicht einseitig durch den Arbeitgeber geändert werden dürfe. Dieser Auffassung schloß sich auch das Gericht an und v e r- urteilte die Flcifchwerke der Stadtgüter zur Bezahlung des Neujahrstages. Der langjährige Hauptkassierer des Deutschen Nahrungs- und Gcnußmittelarbciterverbandes, Genosse Otto F r e y t a g, ist infolge eines Schlaganfalls am 1. Februar im Alter von 59 Iahren ver- schieden. Der Tod dieses allzeit pflichtbewußten und gewissenhaften Vertrauensmannes bedeutet für seinen Verband einen herben Ver- tust. Freytag war am 30. Oktober 1867 ln Naumburg a. d. Saale geboren. Sein Vater blieb 1870/71 auf dem Schlachtstüde. So war ihm schon das elterliche Glück versagt. Als er die«chulzest hinter sich hatte, mußte er als Böckerlebrllng bei ständiger llslündiger Nacht- und Sonnlagsarbeit sotnrn Unterhalt suchen. Diele unerhörte Ausbeulung wirkte nicht lähmend auf den jungen Menschen, sondern anspornend zur Segenwehr. Otto Freytag hals erfolgreich mit, die Leipziger Bäckereiorbeiter aufzurütteln und sie für die gewerkschaft- liche Organisation zu gewinnen. Mehrere Jahre war er als Back- meister in der Großbäckerei des Konsumvereins Leipzig tätig und wirkte hier ehrenamtlich als Gauleiter für Sachsen und Thü- ringen. Reben seiner(jewerkschostlichen Tätigkeit zählte er zu den aktiv tätigen Genossen in der Sozialdemokratischen Partei. 1910 wählt« ihn der Derbandstag zum Hauptkassiercr. Diesem großen verantwortungsvollen Vertrauensposten stand er mit kaum zu übertreffender Korrektheit und denkbar größtem Pflichteifer be- vor. Ihm galt die Person nichts, das Interesse seiner Organisation war für ihn richtunggebend. Wie in Leipzig, so betätigte er sich auch in Hamburg in der sozialistischen Parteibewegung. Die ge- werkschastliche und politische Arbeiterbewegung verliert in dem i» den Sielen Verstorbenen einen treuen und unerschrockenen Sach- walter,«inen lieben Freund mit lauterem Charakter, dem ss««in dauerndes, ehrendes Andenken bewahren wird. Zum Lohnkonflikt im nieöerfchleflsthen Sergbau. Nachdem die Lohnoerhandlungen ergebnislos verlaufen sind, haben die Funktionäre der Gewerkschaften, wie bereits in Nr. 16 des»Vorwärts" berichtet, beschlossen, am 5. Februar für alle Berg- arbeiter des niederschlesischen Steinkohlenbergbaues das Arbeitsverhältnis zu kündigen. Da an kuesem Beschlüsse auch die Verbände der christlichen und Hirsch-Dunckerschen Bergarbeiter beteiligt sind und mit einer zeitweiligen Lahmlegung der'Förderung zu rechnen ist, sind die Bergbaugewaltigen in einiger Berlegcnheit. Es fällt ihnen natürlich keineswegs ein. durch eine Lohnzulage aus dieser Situation herauszukommen, die Bergarbeiter zur Zurücknahme der Kündigungen zu veranlassen. Druckerschwärze ist billiger. Und so singt denn der Verein für die bergbaulichen Interessen Nieder- schlesiens, das heißt der Derein für die Unternehmerinteressen, das altbekannte Lied, daß eine Lohnerhöhung für di« mederschlesischen Gruben gegenwärtig untragbar sei. Eine Lohnerhöhung ist für die Unternehmer stets„untragbar", und da es sich im konkreten Falle um gegenwärtige Erhöhungen handelt, immer„gegenwärtig" untragbar. Die großen Haldenbeitände seien zwar durch den enalischen Bergorbeiterstrelt geräumt worden, aber eine sinan- zielle Besserung des Bergbaues sei dadurch niclü eingetreten, da die Haldenbestände durch das lange Lagern minderwertig geworden waren und deshalb unter dein Selbstkostenpreis zum Derkauf ge- kommen seien. Die armen Unternehmer? Sie sind— wenn man sie hört— stets„nicht in der Lage" und können sich deshalb mcht darum kümmern, ob ihre elenden Löhne für die Arbeiter länger„tragbar" sind. Da dies längst nicht mehr der Fall ist, deshalb der Beschluß der niederschlesischen Bergarbeiter, in dem sie sich durch die Klaneri der unter dem Selbstkostenpreis verkaufenden Unternehmer nicht beirren lassen. Der regelrechte Austritt der Bet garbeiter aus dem Arbeitsverhältnis am 19. Februar wird die Unternebiner davor bewahren, ihre Koblen etwa weiterhin unter dem Selbstkostenpreis zu verkaufen. Die Herren werden niit sich reden lassen müssen.__ Tienftzcit der Block» und TöKrankenwärter. Aus Ostpreußen erhalten wir folgenden Notschrei der mit „Arbeitsbeveitschasl" geplagten niederen Reichsbahnangestellten: Unter dem Richen des Achtstundentags hat die Reichsbahn für die Block, und Schrankenwärter bei einzelnen Bahnmeistereien in Ost- preußen,«inen mindestens 16stündig«n bis 18stündigen Dienst ein- gerichtet: von morgens bis mitternachts, ohne zu wechseln. Di« Ruhetage müssen vom Vertreter durchgehend mit 18 Stunden, bei Verspätungen noch länger, gemacht werden. Man kommt um Mitternacht heim und muß morgens um 5 Uhr wieder zum Dienst erscheinen, bei Zugvenspütungen lohnt es sich nicht, zu Bett zu gehen. Bei solchem Dienst hat man«inen von Schmerzen geplagten Kopf, ist nicht fähig, klar zu sehen oder zu denken. Sollt« man darüber verwundert sein, wenn in solchen Fällen die Nerven versagen? Der Blockwärter kann bei der Petroleumlampe meistens di« Morsezeichen nicht lesen und vcrnwg dann nicht genau festzustellen, ob die Rückmeldung vom vorhergehenden Zuge einge- troffen ist oder nicht. W«nn er aber übermüdet und schlaftrunken sich geirrt hat und den nächsten Zug draufsahren läßt, ist schon das Unglück da. Ebenso wenn der Schrankenwörter di« Schranke nicht rechtzeitig schließt und Fuhrwerke und Vienschen überfahren werden. Der wirklich Schuldig«, die Reichsbahn, stürzt sich dann entrüstet auf den schuldigen Bediensteten, den sie durch lange nervenausreibende Dienstschichien ins Unglück gestürzt hat. Ruhetage gibt es erst nach 12 Tagen. Welche Freude, daß man dann auch einmal schlafen kann! Was kümmert die Reichsbahn di« vielgerühmte Lolkshygieire! Die Leistungszulage, das sogenannte Judasgeld, ist wichtiger. Di« Reichsbahn schädigt uns in unserer Gesundheit und raubt uns den Schlaf. Hat solch«in Bc- diensteter noch etwas vom Leben? Dauernd D i« n st, wenig Schlaf, kein« frei« Zeit,«in geringer Lohn, da verzweifelt man am Leben und fühlt stch nur als Sklave. Nun sind wir durchweg Invaliden, nieistens Schwerkriegsbeschädigte, haben di« Heimat vor dem Feinde geschützt, gelitten und gedarbt, damit diejenigen, die uns jetzt schinden körnen, ihre Glieder im warmen Bette behaglich strecken können. Im Krieg« hieß es, des Vaterlandes Dank ist euch gewiß: jetzt heißt es, der Mohr hat sein« Schuldigkeit g« t a n, er tonn gehen. Da Hilst das schön« Reden von der Wohlfahrt der Kriegsbeschädigten nichts, wenn man mit uns Aermsten der Armen Schind- luder treibt. Unter den Kriegsfolgen haben wir am meisten zu leiden. Die Höhergestellten erhalten hohe Gehälter und große Leistungszulagen, um uns zu drücken. Anstatt die Arbeitslosigkeit zu mildern, wild das Gegenteil getan. Immer noch sind zuviel Beamte, zuviel« Arbeiter, also werden den Allergeringsten lang« Dienst. schichten ausgebürdet. Don zwei Posten wird einer ob- gebaut und einer macht für zwei Dienst. Das Beleuchten der kilometerweit entfernten Signole undUeberweg« muß meistens von Frauen undKlndern besorgt werden, da man wegen des regen Zugverkehrs nicht vom Dienstort« abkommen kann. Biel« Frauen und Kinder müssen ihr« Männer und Bäter nachts wacherhaiten, damit sie des langen Dienstes wegen nicht verschlafen und kein Eisenbahnunfall entsteht. So leidet die ganz« Familie darunter. Am schlimmsten sind diejenigen dran. deren Wohnung weit vom Dienstorl entfernt ist. Dl- Kinder kennen ihren Vater kaum. „Rot-Frontkämpfer" und Gewerkschaft. Die„Rot-Fronttämpfer" bezeichnen sich mit besonderer Be- tonung als die Garde des klassenbewußten Proletariats. Der äußeren Aufmachung nach— Stimmenauswand beim Singen revolutionärer Lieder. Mitführen von Inschriften, die zum Kampf gegen die Aus- beuter auffordern— trifft dqs uneingeschränkt zu. In dieser Be- Ziehung stehen die„Rot-Frontkämpser" konkurrenzlos da. � Nachdem wir aber ein« ganz« Anzahl„Rot-Frontkämpfer" per- sönlich kennengelernt haben, müssen wir berechtigte Zweifel an dem Klassenbewußtsein vieler unter den Sowjetfahnen Marschierender hegen. Es muß jeden Arbeiter, und wenn er noch so„resormistssch verseucht ist, eigenartig berühren, auf dem Lande in„RoO Front"-G«genden festzustellen, daß diese., Rot-Frontkämpfer noch nicht einmal das Mitgliedsbuch des D e u t s ch e n Landarbeiter- Verbandes in der Tasche haben. Der„Gewerkschaftsbonze muß dem wackeren ,Mot-Frontkämpser" erst begreislich machen, daß ihm seine Gewerkschast den Lohn«rkömpsen muß, ben_ er braucht, um auch anderen Organisationen als Mitglied angehören zu können. Diese Feststellung ist nicht einmal, wnden» mehrere Male aanz in derRähe Berlins gemacht worden. Aus begreiflichen Gründen unterbleibt nähere Ortsangabe. Die„Verbandsbureaukraten" hoi� die unorganisierten„Rot-Frontkämpser" inzwischen mit Mitglied-- büchern ihrer Gewerkschast versehen. Der.Mot-Frontkämpferbund" wird gut daran wn. wr,.» für die ihm angehörenden Landarbeiter die Parole ausgibt:„Hin- ein in den deutschen Landarbeiter-Verband!" Der Arbeitslohn in Rußlanü. In der dritten Plenarsitzung des Zentralrats der Gewerkschaften nahm der Präsidem des Obersten Wirtschaftsrates Stellung zu den augenblicklichen Lohnoerhältnissen in Sowjetrußland. Es sei un- möglich, so führte er aus, die Löhne zu erhöhen, trotzdem anderer- seüs die Lebenshaltungskosten gestiegen seien. Aus die Rentabilität der Betriebe übe die Lohnhöhe bereits einen erheblichen Einfluß aus, und nur dann, wenn ecue Steigerung der Arbeitsleistung des einzelnen Arbeiters und eine Besserung oer wirtschaftlichen Lage eingetreten sei, könne auch über eine Lohnerhöhung verhandelt werden. Der Z e n t r a l r a t der Gewerkschaften stimmte diesen Ausführungen zu, betonte jedoch, daß eine Aus- nähme bei den Arbeitern zulässig sei. deren Lohn unterdemDurchschnittliege. Die Lohnentwicklung in Sowjetrußland zeigt seit Beginn des Jahres 1925 das folgende Bild: Dnrchschmulicbe Lohnhöhe der Industriearbeiter in Sowjetrußland�) Monat u. Jahr Fonuar l9Lö Februar» März, April, Mai Junt Juli August. Scpibr Monats«! Tages Lohn i Ttiherwcnez-Rubeln'i 40.07 39.77 41.74 41.53 43 33 45.«4 50.26 47 79 51.14 1.75 1.81 186 1.87 1.93 1.96 2.11 2.17 2.18 Monat u. Iabr Ollober 1925 Rovemb., Dezemb., Januar 1920 Febiuar, März. April. Mai Juni Monais« j Tages- Lohn i. Ticherwonez-Rubeln') (i Bgt Information» soziales v Z/Jan 27,® 17. II Tsch«rwon.-Ztbl— 2,16 N-R Dergleicht man den höchsten(56,81 Tscherw.-Rbl. im April 1926) und niedrigsten(39.77 Tscherw.-Rbl. im Februar 1925) Monatslohn. so ergibt sich eine Differenz von rund 43 Proz. Andererseits zeigt eine Gegenüberstellung der Lebenshaltungskosten sowie des durch- fchnilllichen Monatslohnes in der Zeit vom September 1925 bis Mai 1926 eine Steigerung um nmö 28 bzw. 2 Proz. Allerdings ist seit Juli 1926 eine Senkung der Lebenshaltungskosten bis auf 222 im September(1913 100) eingetreten, jedoch ergibt sich für den Oktober bereits wieder«ine Erhöhung. Der Präsident des Zentralgewerkschaftsrates gab gelegentlich einer Sitzung seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die am 18. August 1926 von der Regierung eingesetzte Spezialkommission für Lohnuntersuchungen die besondere Ausgabe habe, für eine Aufbesserung der außerordentlich niedrigen Löhne in der Metall- und Kohleinndustric sowie im Eisenbahn-, Post-, Telegraphen- und Tele- phouwcsm zu sorgen. Natürlich rief die Erklärung bei de n nichtgenannten Gewerbegruppen große Entrüstung hervor: die geistigen Arbe ter im Staats- und Kommunaldienst Sow>et-- rußlands wiesen daraus hin, daß ihr Lohn nicht nur niedriger als vor dem Kriege sei, sondern daß er— er schwankt durchschnittlich zwischen 30 bis 40 Tscherw.-Rbl. monatlich— 30 bis 40 Proz. unter dem der Industriearbeiter liege. Schließlich billigte die Regierung den Beschluß der Kommission, demzusolge in der Zeit vom 1. Oktober 1926 bis 30. September 192? 200 Milli onen Rubel für Lohnerhöhungen zur Der- fügung gestellt werden sollen. Natürlich kann dieser Betrag nur für die schlechtest bezahlten Arbeitergruppcn in Frage kommm. Die Differenz zwischen dem Lohn des gelernten und un- gelernten Arbeiters ist zurzeit recht erheblich. Während der Gewerkschaftszentralrat ein Verhältnis von 1: 4.S vor- schreibt, beläust es süb tatsächlich auf 1: 6— 10. Besonders hoch ist natürlich der Lohn in den Gewerben, in denen Stückarbeit vorherrscht: da, wo solche nicht möglich ist. erhält der Arbeiter den Tariflohn, der zwar unzureichend ist. ober im allgemeinen durch den Zusatz von 2l r b c i t s p r ä in l e n verbessert wird. Dr. S. Streik der Wiener Postchauffeure. Wien. 2. Februar.(WTB.) Infolge eines persönlichen Konflikts zwischen einem Postchausjeur und dem Borstand eines Wiener Post- omtes haben die Wiener Postchausfeure gestern abend die Arbeit niedergelegt, wodurch zunächst der Verkehr zwischen den Postämtern in Wien lahmgelegt wird, während der Telegraphen- und Telephon- verkehr sowie der Brief- und Patetposiverkehr von den Bahnhöfen in die übrigen Teile Oesterreichs und in das Ausland dadurch nicht berührt wird. V-rantwortli» w? Vrl!!!!'®ikO>r«»ig:■ffiltiftfrf!■©. UllnlnIHS'«: 3>ha Bäiirsmafi: Lotales «; tili.....- und 0- lCon5uns-X>CTlUfl m. o. v. um JicrlaasoniloU Paul Sinnet u. Co.. ©In Deuck: Berlin£ iJc'a'Htd) in Berlin. Botwärls-Bucktitucketei ~ Ltndrnltraki 2. LcbensifiiigUciie KsrsMc leiste ich als Selbsthorsteller auf die bei mir gekauften Trauringe I ffing 500 gist. füuiateagolil) 7 gr. säwtr B. 20.50 1„ 505. 5.„. 14,0| 1. 333. 1... 7,00 Stixnli« ca. 3000 Stück nni Lager Gravieren gratif, zum Mitnehmea (L 24. artibertesir so 12 Oes. geschützt-------_ Bermann Wiese, Bcriin»"u'iSs. Alben springare Groggarage und Tankstelle Tsg und Nacht ccötfnei Auto. Reparatur- Werkstatt Pernspr. Norden U76 n. Alexander 437 Lothringer Str. 107, Ecke Linien« strag« 14, am Prens leuer Tor. Melaübeilen tO5* SciilafGiiaisalOiLueoZ-L- Fabrikpreise Ratenzahlung i�ühr Berlin, PappeJallee 12 kIuIU Pankow, Schmldtstr.l frei jeder Jfahustatiou. 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