MenSausgobe Nr. 85 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe V Nr. 42 veüuri-bedininimmi und Bn»«ksenvr«ks, Und in der Morgrnaii»««!* angeaedeu neOafüon: STB. 63, Llodeostrohe i SevnlpteOjer, Dönhoff 292— 292 XcL-Mbteffc: Sojialtemotcal Berlin Derliner VolkslrlAkk (lO Pfennig� Sonnabenü 1 ßebruar 1<�27 «erlog und«nzetgeuadtetlung, «el-däftszetl gzd dl»» Udr Tierleger: Vorivörls. Verlag GmbH Berlin STD 63, Cinbcnftrahe 3 Jetnfpttdjer: Dönhoff 292— 292 Zcntralorgan der Sozialdcmokratifcbcn Partei Deutfchlands Die Republik und ihre Heamten. Konferenz der pren�ifchen Regierungspräsidenten.- Der Minister fordert: Die Beamten müssen sich zur Republik bekennen! Gestern fand im Preußischen Ministerium des Innern eine B e- sprechung statt, an der olle Ober- und Regierungs- Präsidenten Preußens— oder deren Vertreter— teilnahmen. Der gemeinsamen Besprechung der Ober- und Regierungspräsidenten, die unter der Leitung des Ministers G r z e s i n s k i stand und an der der preußische Finanzminister sowie Vertreter sämllicher preußischer Ressorts teilnahmen, ging, wie der Amtliche Preußische Pressedienst mittellt, am Vormittage des 18. Februar eine Konferenz der Oberprösidenten, gleichfalls unter der Leitung des prew ßischen Innenministers, voraus. In dieser Sitzung ergriff namens der Oberprösidenten der Ober- Präsident von Berlin-Brandenburg Mayer das Wort und erörterte nach einigen Begrüßungsworten an den Minister in längeren Aus- fuhrungen die Notwendigkeit, eine neue Abgrenzung und Fe st legung der Befugnis se der preußischen Oberpräsidentcn als der verantwortlichen politischen Vertreter der preußischen Staats- regierung den arideren mittleren Behörden gegenüber vorzunehmen. Minister GrzesinfN teilte in seiner Erwiderung mit, daß demnächst das Staatsministerium sich mit dieser Frage befassen würde. Zur Verwaltung?- r e f o r m bemerkte der Minister, daß ihm die erst kürzlich beendeten Verhandlungen im chauptausschuß des Preußischen Landtages bei der Beratung seines Etats klar gezeigt hätten, daß auch eine söge- nannte kleine Verwaltungsreform bei der augenblicklichen parlamentarischen Loge keine Aussicht auf Erfolg hätte. Unmittelbar auf die Besprechung mtt den Oberpräsidenten folgte dann eine gemeinsame Sitzung der Ober- und Re- gierungspräsidenten, die der Minister des Innern mit einer einleitenden Ansprache eröffnete. Zur politischen Lage führte er u. a. aus, daß die Republik heule absolut gefestigt dastehe und keine un- mittelbare Gefahr mehr für die Staatssorm bestände. Ein ge- waltsamer Umsturzversuch käme heute kaum mehr in Frage. Es fei Pflicht der politischen Beamten im Lande, den Staatsgcdanken zu vertreten und sich bei allen Veranstal- tungen und Feiern privater Vereinigungen, die um Teilnahme von Behördenocrtretern ersuchten, ooher zu vergewissern., daß nur die Reichs, und Landesfarben zur Ausschmückung verwandt würden, daß keine irgendwie die heutige Staatsform herabziehenden Reden gehalten würden. Weiter wies der Minister daraus hin, daß eine standige innige Fühlungnahme der Provinzbchörden mit der Bevölkerung notwendig sei. Richtschnur müsie sein, das, überall die Verwaltung Helsen, nicht hemmen dürfe. Dazu sei selbstverständlich ein Konnex mit den Vertretern der Wirtschaftsorgan!. sa ti o n e n notwendig. Nachdem der Minister einige Einzelfragen der Verwaltungs- praxi? behandell hatte, ging er auf Fragen der Polizei ein und wies auf das neue Polizeibeamtengesetz hin, da» jetzt den parlamentarischen Körperschaften zugehe. Bei der Erörterung von Polizeifragen bezog sich der Minister auf einen Erlaß, den er An- fang dieses Jahres aus besonderer Veranlassung an eine Polizei- behörde gerichtet hatte. In diesem Erlaß heißt es u. a.:„Ich teile die Auffassung, daß der Polizeioffizier als besonders hervorragender Träger der Staatsautorität mit seiner ganzen Persönlichkeit dem Staat Dienst leisten muß und seinen Dienst nicht lediglich als eine juristische Erfüllung seines der Republik geleisteten Diensteides auffassen darf. Ich erwarte auch, daß aus der gesamten dienstlichen Betätigung des Polizeioffiziers(z. B. beim Unterricht in den Sportvereinen, bei kameradschaftlichen Zusammenkünften usw.) diese lebendige staatsbejahende Einstellung zum Ausdruck kommt.... Ich wünsche Polizeiofiziere, die ihren Dienst aus innerer Einstellung zum Staal tun, aber nur dann, wenn sie zu dieser Einstellung aus bewußter Freiwilligkeit gelangen oder gelangt sind. Ich erwarte, daß auf der anderen Seite ein Polizeioffizier, der diese Einstellung nicht findet, von sich aus die nötigen Folge- rungen zieht." Weiter wies der Minister auf die Notwendigkeit hin, den Polizei- beamten eine weitgehende und möglichst früh einsetzende Für- s o r ge angedeihen zu lassen. Aus eine Anfrage, die R e p u b l i- konische Beschwerde st elle betreffend, antwortete der Minister, daß diese Stelle mit ihren Eingaben nicht anders, nicht schlechter und nicht besser als jeder andere Staatsbürger, behandelt werden müsse. An die Ausführungen des Ministers schloß sich ein kurzer Vor- trag des Ministerialdirektors Dr. Slausener über den Stand der radikalen Rechts- und Linksorganisationen. Er erläuterte dann das Polizeibeamtengesetz und das Polizeiko st engesetz. Hieran schloß sich ein Vortrag des Regierungsdirektore Mösle über die internationalen Vereinbarungen über die Vereinhelt- lichungder Verkehrszeichen und der Verkehrsrege- l u n g. Ministerialdirektor von Leyden ging dann auf den Entwurf des neuen preußischen Ausführungsgesetzcs zum Finanzous- g l eich sge setz ein und wies daraus hin, daß ein endgültiger Finanzausgleich nach den Ausführungen des Reichsfinanzministers auch zum 1. April 1928 kaum zu erwarten fei. An die Ausführungen des Ministers wie an die oben genannten Vorttäge schloß sich eine rege Aussprache, die sich bis in die Abendstunden hinzog. Am Schluß der Tagesordnung dankte der Oberpräsident Mayer dem Minister des Innern für die Verhäng lungsleitung und für die den Ober- und Regierungspräsidenten ge- währte Gastfreundschaft. Mit Worten des Dankes an die Teilnehmer schloß dann der Minister des Innern die Besprechung. Die Mussperrung in Sachsen. Am Montag neue Verhandlungen. E h e m n i h. 19. Februar.(MTB.) wie die Vereinigung der Sächsischen Metallinduslriellenverbönde mittellt, ist der gestern gefaßte Beschluß, die sächsischen Metallarbeiter auszusperren, heute mittag wirksam geworden. Die Aussperrung erstreckt sich auf etwa ISo aoo Arbeiter. Dresden. 19. Februar.(BJTB.) Das sächsische Arbeits- Ministerium hat die Arbeitgeber und Arbeitnehmer der Metall- i n d u st r i e erneut zu Verhandlungen über die Arbcitszeit- frage auf Montag, den 21. d. M., nach Dreeden eingeladen,, um aus diese weise schwere Erschütterungen des Wirlschaslslebens iu Sachsen zu vermeiden. Das Arbeiteministerium hat sich serner bemüht, aus die Arbeltgeber einzuwirken, daß die angedrohte Aussperrung einstweilen unterbleibt, bzw. rückgängig gemacht wird. Beide Parteien haben ihr Erscheinen zu den neuen Verhandlungen zugesagt. Inzwischen ist heute mittag 12 Uhr die Aussperrung von 150 000 bis löOeoo Metallarbeitern durch die Arbeitgeber der sächsischen Metallindustrie erfolgt. vor Unruhen in Schanghai. „Tie Lage ist äusterst ernst." London, 19. Februar. sWTB.)„Daily News" berichtet aus Schanghai vom Sonnabend früh: Der Sieg der Sanlonttvppen ha« eine rasche Rückwirkung in Schanghai gehabt. 4(0 chinesische Angestellte einer englischen Fabrik legten gestern vormittag die Arbeit nieder und weigerten sich, das Gebäude zu verlassen, bis die Polizei sie g?walllam entferule. Die Lage in Schanghai ist äußerst ernst. Der Generalarbeitcrrol hat milgeteill. daß die Arbeiter für heute vormittag einen General st reik verlangen, um ihre Forde- rung der Räumung Schanghais durch die britischen Truppen und durch das Heer Sunlschuausaugs mit Gewalt durchzusetzen. Die Straßenbahn in den westlichen Bezirken stell!« um Mitternacht die Arbeit ein. Eine amerikanische Firma hat ein Privatteiezramm erhallen, wonach ein britischer Dampfer aus dem oberen Zanglse requiriert wurde, worauf ein britisches Kavoaeubool iu Aktion lratt „Daily Telegraph" berichtet aus Schanghai: Wahrscheinlich wird Tschangljchuanglschang, der Zioilgouverneur der Provinz Schantung, einen Panzerzug mit weißrussischen Truppen au» Nanking entsenden, um den abnehmenden Widerstand der Truppen des Marschalls Suntschuanfang zu stärken. Infolge der Veränderung der Veränderung in der militärischen Lage in Tschekiaag haben zahlreiche Missionare, die es bisher abgelehnt hatten, die Provinz zu verlassen, jetzt in Eile ihre Posten ausgegeben. Sie treffen in Schanghai ein. Tie fremden Truppen iu Schanghai. Paris, 19. Februar.(WTB.) Aus Schanghai wird gemeldet, daß gegenwärtig in und vor Schanghai folgend« Kontingente aus- ländischer Truppen liegen: 5000 englische Soldaten, Matrosen und Marineinfanterie-, davon sind 4000 bereits gelandet-, 1100 amerikanische Matrosen und Marineinfanterie, verteilt längs der Küste bzw. auf den im Hafen von Schanghai siegenden amerikaai- scheu Schissen; 800 französische Matxosen und Marineinfanterie, teils gelandet, teils an Bord eines im Hafen siegenden französischen Kreuzers. Ueber die Anzahl der japanischen Truppen wird in der Meldung keine Angabe gemacht. England möchte mit Kanton weiterverhanüeln. London, 19. Februar.(MTB.) Der britische Botschaftsrat OMalley hätt sich noch in Hankau auf und ist vom Konsulat auf dos Kanonenboot„Bee" übergcsiedcsi. Nach der Kabinettssitzung vom Donnerstag abend sind ihm neue Weisungen übermittelt wor- den, die es ihm ermöglichen würden,«in Abkommen über die Hankau- und Kiukiang-Niederlossungen zu unterzeichnen. Es sei natürlich wichtig, daß die Südregierung ihrer Absicht, keinen Versuch zu machen, den Status der Konzessionen und der internationalen Niederlasjungen gewaltsam zu ändern, treu bleibe. Als Delegierte für die Wellwirtschaslskonferen, sind von der Regierung vorläufig in Aussicht genommen: Staatssekretär Trendelen- bürg, Reichstogsabgevrdneter Lammers, der Vorsitzende der Enquete- Kommission v. Siemens und vom ADGB. der siZewerkschaftssekretär Eggers. Als Vertreter der Landwirtschaft soll der frühere Reich»- sinanzminister Dr. Hermes der Delegation angehören. Sie Herrschsucht öer?nöustrielien Lambach gegen die Unternehmer- Syndizi. Der deutschnationale Reichstagsabgeordnete Lambach, Führer des Deutfchnotionalen Handlungsgehilfenvsrbandes, hat jüngst in der„Politischen Wochenschrift" einen Aufsatz ver- öffentlicht, der unseren Lesern wohlbekannt ist. Herr Lambach setzte dort auseinander, daß die große Mehrheit des deutschen Volkes aus Arbeitnehmern besteht, daß aber in den bürger- lichen Parteien nur 37 Arbeitnehmervertreter sitzen. Er be- Nagte sich über Versuche der Unternehmer, dieses Häuflein ganz an die Wand zu drücken und drohte mit einer Abwanderung der Wähler in das sozialistische Lager. Kein Wunder, daß dieser Aufsatz den Kapitalgewaltigen auf die Nerven gefallen ist, und daß einer ihrer Wortführer, Prof. Dunkmann i nder„Berliner Vörsenzeitung", Lam- dach beschuldigte, er erstrebe die„Sammlung der Arbeiter unter der einen Fahne des K l a s s e n i n t e r e s s e s". Wäre das so richtig, wie es leider falsch ist, so stünde es allerdings für die Unternehmer, die sich längst unter der Fahne ihres Klasseninteressts gesammelt haben, reckst bedenklich. Herr Lam- dach will aber natürlich als Bürgerblockttiann den schrecklichen Vorwurf, er wolle alle Arbeiter zusammenführen, nicht auf sich sitzen lassen. Er verteidigt sich im„Deutschen", dem Blatt der christlichen Gewerkschaften, lebhaft gegen ihn, macht aber dabei auch einige Bemerkungein, die ein wenig hinter die Kulissen blicken lassen. So schreibt er: Ich habe noch niemals.eine einzige große Arbeitnehmerschaft" ersehnt. Mein ganzes Wirken gehört der Zusammenfassung von Eestnnungsgemeinschaften in Stand und Volt, die zum.Vaterland-, Heimat- und Staatsgedanken" In geschlossener Einheit stehen. Im Rahmen einer solchen Gesinnungsgemeinschaft will ich allerdings den zu ihr gehörenden Angestellten und Arbeitern volle Gleichbe- rechtigung mit den übrigen Ständen—' selbst mit den Professoren— erringen. Wenn mir das durch ein unverständiges, kurz- stchllg-egoistlsches Verhallen irgendwelcher außerhalb des Parlaments agitierender Unternehmersyndizi unmöglich gemacht zu werden droht, dann schrecke ich allerdings auch nicht davor zurück, auf die G e f a h r e n, die in dieser Unvernunft liegen, öffentlich hinzuweisen. Zugleich einflußlos und verächtlich suchten uns Vertreter des international kartellierten Zndustriellentums in der Politik zu machen, die persönlich außerhalb des Parlaments sitzen, aber seine Mitglieder kommandieren möchten. Dieser Heuchelei hat mein von Dunkmann zitierter Aufsatz in der.Politischen Wochenschrift"„Störungen" die Maske abgerissen. Wenn es Herrn Lambach ernst darum ist, gegenüber der Herrschsucht des Großkapitals Arbeiterinteressen zur Geltung zu bringen, dann soll er, der deutschnationale Abge- ordnete, seinem Gott auf den Knien danken, daß es eine große, starke Sozialdemokratie gibtl Er soll die Bilder von Marx und L a s s a l l e in seine Stube hängen und bei der nächsten Wahl dafür sorgen, daß die Sozial- demokratie noch stärker wird. Herr Lambach aber ist deutschnationaler Abge- ordneterl Und so gibt es außer der Heuchelei der Duckmäuser wohl noch eine andere Heuchelei, der die Maske abgerissen werden muß. Das ist durch die Bitdung des Reichsbürgerblocks besorgt worden und wird von der Regierung des Besitzbürger- blocks mit jedem Tage mehr besorgt werden! Ter Fall Wilhelm Koch. Bis vor kurzem war es für die Deutschnationalen das schlimmste Zeickzen der Zeit, daß seit der Revolution nicht nur Akademiker und siebenmal gesiebte Bureaukraten, sondern auch Männer aus dem A r b e i t e r st a n d zu den höchsten Stellen im Staat emporsteigen können. Was wurde über E b e r t, den Sattler, S e v e r i n g, den Schlosser, Otto Braun und S ch e i d e m a n n, die Buchdrucker, in der rechtsgerichteten Presse gelästert. Mit wieviel Hohn wurden sie übergössen. Jetzt ist aber der ehemalige Schreiner Wilhelm Koch aus deutschnationalen Vorschlag unter Beseitigung des Fach- mannes und Akademikers Dr. K r o h n e zum Reichsverkehrs- minister befördert worden. Wie steht jetzt das Problem? Da sich die deutschnationale Presse in diesem Punkt sonst ziemlich schweigsam verhält, sind wir dem„Reichsboten" dankbar, daß er uns einige Aufklärungen darüber gibt. Da li�ft man jetzt also: F r e I e B a h n I Es soll hell in die Millionen des Arbeiter- volkes hineinklingen: nicht nur bei der Sozialdemo- krati«. nicht nur beim Zemrum kann der deutsche Ar- beiter etwas werden und bis zu den höchsten Würden auf- steigen! Auch wir haben gelernt.... Die Arbeitnehmerschasl um- saßt heute nicht weniger als zwei Drillet des gesamten Volkes. Wir müssen wünschen, daß Staatsgesinnung unsere Massen durchzieht. Dazu bedarf es, daß sie das Gefühl der Gleich berechti g u n g gewinnt. „Auch wir haben gelernt!"— Es hat freilich etwas lange gedauert. Fraglich nur, was die Herrschaften gelernt haben. Der ehemalige Arbeiter in leitender Staatsstellung bedeutet für die Arbeiterklasse doch nur dann etwas, wenn er innerlich mit ihr verbunden bleibt und ihre Interessen nach bestem Wissen wahrnimmt. Was die bürgerlichen Parteien aber dazu bewogen hat. Arbeiter zunächst für den Reichstag zu kandi- dieren und schließlich auch einmal zu Ministern zu machen, war doch nur die Angst vor der Sozialdemokratie. Um die Arbeiter von der Wahl von Sozialdemokratien abzu- halten, werden einige Arbeiter als Lockvögel auf die Stange gesetzt. Man macht aus der Not, über die man erst jahrelang geflucht hat. eine Tugend. Man schwärmt für die„Glerchbe- rechtigung der Arbeiter", nachdem man so'ange es ging und noch länger, an dem infamen Klassenwahlsystem und der schäm- losesten politischen Bevorrechtung der Besitzenden festgehalten hat. Und man schimpft weiter auf die S o z i a l d e m o- kr a t i e, durch die man zu diesen Zugeständnissen gezwungen worden ist!_ Die polnische Sackgosse. ZVaun werden die Verhandlungen wieder aufgenommen? Die erste außenpolitische Tat der Bürgerblockregierung war die Aussetzung der Verhandlungen über den Handelsver- trag mit Polen. Sie erfolgte unter Aufwand einer gewaltigen Pressekanonade und verschaffte so dem unpo!iiisch-„nationalen" Spießbürger zunächst die angenehme Vorstellung, daß nun in Deutschland Gott sei Dank wieder etwas forscher regiert würde. Diese Stimmung aber hat nicht lange angehalten, uyd man oerrät nach den Veröffentlichungen der„Germania" kein Ge- heimnis, wenn man sagt, daß sich vorgestern im Auswärtigen und gestern im Volkswirtschaftlichen Ausschuß des Reichstags schon Symptome eines gewissen Katzenjammers bemerkbar gemacht haben. Die polnische Ausweisungspraxis hat in Deutschland keine Verteidiger, und fcder würde es dankbar begrüßen, wenn es einer deutschen Initiative gelingen würde, sie zu ändern. Aber ist der Abbruch der üandelsvcrtragsoerhandlungen der Weg, der dahin führt— oder führt er nicht vielmehr weit von diesem Ziel ab? Der Handelskrieg bedeutet für die deutsche Wirtschaft beträchtliche Verluste und erhebliche Opfer— was wird durch ihn erreicht? Und vor allem, wie will man den deutschen und den polnischen Standpunkt bezüglich der Wieder- aufnähme der Verhandlungen in Uebereinstimmung mitein- ander bringen, nachdem man es glücklich fertiggebracht hat, einen ganz un'laren Standpunkt zu beziehen, den klaren aber freundlichst dem Gegner zu überlassen? Wenn Polen sagt, daß es bereit ist, sogleich mit dem Handelsvertrag auch über dc. Niedsrlafsungsrecht zu verhan- deln, ja das Kapitel des Niederlassungsrechts vorwegzu- nehmen, ohne es doch aus dem Zulammenhang zu reißen, so ist es wirklich fehl schwer, Argumente gegen einen solchen Bor- schlag zu finden. Auf der anderen Seite aber weiß bisher leider niemand, was die d e u t s ch e Regierung eigentlich vor- schlägt. Sie sagt, sie wolle die Ausweisungsfrage vorweg nehmen— aber die Ausweisungsfrage ist doch nur ein Teil der Niederlassungssrage und die Niederlassungssrage ist wieder nur ein Tell der allgcme'nen Handelspolitik. Da schließlich einmal doch verhandelt werden muß und einstweilen nur e i n praktikabler Verhandlungsvorschlag, nämlich der polnische, besteht, ist zu befürchten, daß die deutsche Regierung nicht mit Ruhm bedeckt aus diesem diplomatischen Kampf hervorgehen wird. Noch m e h r ist frcilich zu befürchten, daß sie sich aus Prest-gegründen, um sich die Blamage des Klein- beigebcnmüssens zu ersparen, in eine Haltung verbeißen wird, die handelspolitisch und außenpolitisch Schaden bringt. Die Warschauer Gegenspieler sind, wie die gestrigen Aus- führungen des Außenministers Z a l e s k i zeigen, klug genug, die Schwäche der deutschen Stellung zu erkennen. Sie wollen sich auf das Abwarten oerlegen und alle Angrisfshandlungen unterlassen. Bleiben sie stark genug, diese Politik durchzu- führen, dann sitzt Berlin sozusagen auf dem Proppen. Sind sie aber dazu nicht stark genug und kommt es durch beider- feilige Provokationen zu einer Verschärfung des Handels- und Ausweisungskriegs, so werden zahlreiche Unschuldige und mit ihnen beide Völker darunter zu leiden haben So kann man der deutschen Regierung nur einen Rat geben: Sie möge danach trachten, unter Verzicht auf alle Schnee in öer Heiöe. von Hans Blunck-Oldemaren. I. Wie stehen die Erlen düster zwischen dem Himmel und meiner weißen Heide. Ihre Besen, um eine versiegte Quelle gedrängt, stehen kohlschwarz und drohen mit Strünken und Ruten wie aus unter- irdischen Kräften gegen die müde Einsamkeit. Denn aller Schnee ist blind, und die Weite ist grau und zufrieden. Auch der Wind ist schlafen gegangen, und die Wolken blieben seit langem milde stehen. Die Erlen rühren sich nicht, aber sie drohen ihren Wider- spruch gegen die reine, helle Well lautlos in die Runde. Noch nie sah ich ein Schwarz so aufsässig, so zerstörend, mitten in der ge- messenen, schwermütigen Einsamkeit der Heide, wie diesen Erlen- bruch. Ohne lastenden Schnee, den über Tag eine Stunde Sonne schmolz, ohne Uebergang, ausrecht, mit gesträubten Schöpfen und ge- ballten Fäusten haben sie in ihrer Mulde Platz genommen und lauern auf eine Stunde, die dieser Heide Frieden bricht. Vielleicht, daß sie dann zu Flammen aufbrennen wollen. Sie knistern, da man zu ihnen hinüberwandert. II. Wieviel friedlicher naht der weiße Kiefernrand. Sonne und Mlttagswind hatten ihn noch nicht berührt. Mit weißen Bärten und struppigen Greisenschöpfen reiht sich ein Vaum an den anderen. wer weiß ihre Zahl? Denn diese Einsamen, an deren Füßen schon die saure Erde täuft, die Riesen, die einst einem ruhmlosen Sterben vor den kleinen, wuchernden Büschen zufallen, scheinen so alt wie die Heide selbst. Ungeheuer, wie alte Eichen knorrig und zerspellt, halb vorgebeugt von der weißen Last, neigen sie sich gegen die Weite. als lauschten sie seil undenklichen Tagen auf einen König, der über die Heide käme, oder auf ein Wort, das aus dieser dürren Erde einen Garten zaubert. Ihnen gehören drüben in der Schwellung des Bodens die Wachholder, dunkle Freunde, die nicht von ihrer Wurzel weichen und doch ewig die Halbing ruhelosen Manderns haben, ihnen gehört die Weite dieses Winters. Ich sah viel Pinien und Cyprelsen jenseits der'Alpen. Seltsamer, urgewaltiger stehen diese Kiefern in der nordischen Landschaft mit ihren Kronen wie treibende Wolken, mit ihren roten Hochstämmen, die auch an grauen Tagen von Sonnenlicht etwas bewahrt zu haben scheinen. Eindringlicher. traumhafter sprechen die Wochholder zu mir, die zu meiner Seele gehören und unseres Lebens rätselvollen Abklang tragen. III. Was hat er doch für Not, was bullert der arme Waterkerl den gas.?cn erfrorenen Bach entlang! Mein Schlitten antwortet lustig klingend, der Schnee stäubt zu ihm hinüber. Er fährt mitten durch die weite Weiße, die vom schwarzen Hohlsaum unter den Wolken bis»um Kiefernrand drüben nach Norden reicht. Eine Reche kurz- Prestigerücksichten baldmöglichst wieder aus der Sackgasse herauszukommen! Rauscher bei Pilsudski. Freitag abend empfing Pilsudski den deutschen Ge- sandten Rauscher und hatte mit ihm eine längere Unterredung. Nach Mitteilunaen der heuligen halbamtlichen Prelle in Warschau ist dabei keine Uebereinstimmung erreicht worden. Ein Bericht lag an amtlicher Stelle in Berlin bis heute mittag noch nicht vor. In den politischen Kreisen besteht indessen der Eindruck, daß eine weitere Fühlungnahme folgen wird. Die Gerüchte über die Ernennung Straßburgers zum Leiter der polnischen Delegation für die Handelsvertragsoerhandlungen werden dementiert. Geßlers tzohn auf öen Reichstag. ZentrumSmifttrauen gegen den Wehrminister. Frankfurt a. 19. Februar.(Srk.) Das hiesige Zentrums- o r g a n, die„Rhein-Mainische Volkszeitung", nimmt Stellung zu dem vorliegenden Wchretat. In dem Artikel heißt es wörtlich: „Herr G e ß l e r hat in seiner E�atrede seine humoristische Be- g a b u n g wieder ausgiebig in den Dienst seiner Sache gestellt. Daß er dabei auch recht geschmacklos werden kann, beweist eine Aeußerung zur Retrutierungsfrage. Er hat entdeckt, warum in der Reichswehr so viele Kaiserhochs ausgebracht werden. Das ist die Schuld der Erwerbslosen, die sich in Massen zur Reichswehr drängen, nach ihrer Einstellung aber herausfinden, daß sie als Kanalarbeiter mehr verdienen können und deshalb von ihrem Milllördienstvcrtrag wieder loszukommen versuchen. Der beste Weg dazu in dieser republikanischsten aller Armeen ist natürlich die Be- kundvng einer angeblich monarchistischen Gesinnung. Daher die vielen Hochrufe auf Wilhelm II. So lrill ein Minister der beul- schen Republik im Jahre 1927 den Vertretern des souveränen Volkes mik offenem Hohn entgegen! In der Form wenigstens hat der Chef der Heeresleitung, G e n e r a l H e y e, ein Offizier des alten Heeres, sich von seinem vorgesetzten Minister sehr oocteilhast unter. schieden, als er auf seine Art, aus den Gedankengängen eines alten Soldaten, den Reichswehretat zur ungekürzten Annahme empfahl. Vielleicht wird er sich aber mit der Zeit von Ecßler belehren lassen, w i e man mit den Reichstagsabgeordneten zu verkehren hat."_ ZufammenlegungsplanefürReicbsbeboröen Nach dem Scheitern des Kaiserhosprojektes. Wie der Reichsdienst deutscher Presse hört, wird nunmehr nach dem Scheitern der Kaiserhofpläne und der Bildung der neuen Re- gierung wiederum erwogen, auf welche Weise eine Zusammenlegung der Amtsräume der Reichsbchörden und damit eine größere Er- fparnis möglich ist. Man denkt dabei an eine andere Verwendung des ehemaligen Kolonialamts, Wilhelmstr. 62a, in dem gegen- wärtig die Zollab�eilung des Reichsfinanzministeriums untergebracht ist. Auch das Reichsbehördenhaus(das ehemalige Kriegs- .Ministerium), das zurzeit außer dem Reichsverkehrsministerium den Sparkommissar und einige andere Kommissariale sowie Abteilungen des Reichswehrmiirifteriums, dem die Verwaltung des Gebäudes untersteht, beherbergt, soll, wenn möglich, anders ausgenutzt wer- den. Ob es indessen durchführbar ist, den großen Apparat des Reichsarbeitsministeriums, das feine Räume in dem sehr umfang- reichen Komplex der ehemaligen Kaiser-Wi'helm-Akcidemie hat, an einer Stelle im Reglerungsoiertel unterzubringen, muß mehr als zweifelhaft erscheinen. Bis jetzt scheint jedenfalls noch keine be- friedigende Lösung vorgeschlagen zu sein, so daß noch geraume Zeit vergehen dürfte, ehe die Vorbesprechungen ein greisbares Ergebnis zeitigem_ wieöer eine neue Partei. Rcichsausschutz der deutschen Mittelschicht. MTB. meldet aus Braunschweig: „Die maßgebenden Organisationen des gewerblichen, landwirt- schaftlichen und geistig schaffenden Milte! st andes sowie des Haps- und Gründbesitzes haben einen R e i ch s a u s- köpsiger Tüllweiden weist den Weg. Sie werden alljährlich geschoren und haben echte, arme Strubbelköpfe. Ohren und Kopf wachsen fast über den Schädel hinaus. Dazu wenig Kurzweil, selbst im Sommer, denn es ist selten, daß ein Mensch diesen Weg ins Moor ohne Ende fährt. Aber letzt haben sie ihren vertrackten Spaß, unterm Eis kullert und bullert und hämmert einer vor Atemnot. Der alte Waterkerl, der im Sommer nicht genug über ihre Fratzen lachen kann, objchon ihm selbst das Moos auf dem Rücken wächst, neidet in diesen Wochen den Tullwicheln die stille, frosttalte Lust wie das Leben. Und weil er bei ihnen kein Mitleid erfährt, schreit er neben meinem Schlitten her, hofft wohl, ich werde ihm eine Tür in die Eisdecke schlagen Aber immer, wenn ich halle, ist er just totenstill oder knackt weiter ab und ruft mich dorthin. Er hat Furcht, sich mir zu zeigen, ich weiß es Aber schließlich kann ich nicht hinter ihm drein laufen, er hat noch jeden Winter überstanden, ich könnte weit rennen, müßte ich allen Waterkerlen Luftlöcher hauen. Ich schaue lieber über die wippenden Schellenbüsche der Pferde hinaus, suche dahin, wo Heide und Wolken sich berühren. Einmal, sagt man mir als Kind, würde dort ein Schloß oder ein Rosenga'len aufsteigen, die für mich bereitstünden. Ich suchte ihnen Jahr um Jahr entgegen. aber noch fand ich nichts. Wer weiß auch, ob sie nicht längst Fremden gehören, die mir zuvorkamen, was suche ich noch? Ich bin ja doch dieser Weite versallen, dieser weißen Ebene, die mein sind und meines Wesens Teil. �ine ulkige öühnenfthnurre. Gestern, um 11 Uhr abends, begann in der„Komödie" eine der Nachtvorstellungen, die jetzt die emsigen Theaterdirettoren mit heißem Bemühen den Berlinern schmackhaft zu machen suchen. Gespielt wurde eine literarisch nicht mehr ganz frische amerikanisch: Burleske von Margret Moyo„R a s ch e i n K i n d"� Im Verlauf des ganzen letzten Aktes pfisf einer mit Ausdauer und nicht zu ver- kennender Llppenvirtuosität. Dieser mißvergnügte nächtliche Theater- gast fühlte sich künstlerisch geprellt. Er glaubte offenbar, Ansprüche auf hochprozentige Kunst zu haben. Nachts um 12,39 Uhr, am Kurfürstendamm. Das ist natürlich eine mißverständliche Auffassung der mitternächtlichen Theaterziele. Die Mehrzahl der Parkettlinge lachte sich aber über den Ulk schief und krumm, der ihnen da zu später Stunde vorgemacht wurde. Der Einfall, von dem das ulkig: Stück lebt, ist gewiß an den Haaren herbeigezogen. Aus nichtiger Ursache verläßt ein Ehemann seine junge Frau, und sie sinnt auf Mittel und Wege, ihn wieder zurückzuholen. Da er sich läiigst, aber vergeblich einen Stammhalter wünscht, entschließt man sich kurzerhand, einen aus dem Säuglingsheim zu verschasfen. Der in die Verbannung geslüchieie Gatte bekommt nach vor- geschriebener Zeit«in Telegramm von dem freudigen Familien- creignis und trifft, leider mit vierstündiger Verfrübung, ein, wo sich seine Frau schleunigst ins Wochenbett rettet. Mit dem Aus- geliehenen ereignen sich nun die abenteuerlichsten Zwischenfälle, aus dem einen werden zwei. Im dritten Akt erscheint dann noch ein drittes Kind auf der Bildfläche. In der Pause waren schon unter schuß der deutschen Mittelschicht gebildet. Unbeschadet der im einzelnen verschiedenartigen Lebensbedingungen und Lebens- irtteressen der verschiedenen Gruppen der deutschen Mittelschicht und deren selbständig iätigen, im Angrsielltenverhällnls wirkenden und geistig schaffenden Glieder, will der Ausschuß nach seinem Pro- gramm die gemeinsamen Belangs der deutschen Mittelschicht heraus- arbeiten und ein notwendiges Rctttmoswerk zum Wohle des ge- samten deutschen Volles durchführen. Zum ersten Mole tritt der Reichsau-schuß der deutschen Mittelschicht am Mittwoch, den 23. Fe- bruar, in einer Kundgebung des deutschen Mittelstandes, die in den Kammsrsa'en in Berlin s!a findet, an die Oesfentlichkeit. Die im Rcichsausschuß vereinigten Verbände werden Vertreter aus allen Gebieten entsenden." Auch diese Neugründung ist ein Zeichen dasür, wi«� stark die Unzufriedenheit wetter bürgerlicher Kreise mit den bürgerlichen Parteien ist. Der verarmte" und durch die Wirtschafispolitik der Bürgerblockparteien bedrängte Mittelstand fühlt sich durch die nackte Inter�sentenpclitik, wie sie von diesen Parteien beliebt wird, verraten und verkauft. Aber auch Reugründungen auf bürgerlicher Grund- läge haben bisher keine Veränderung der Lage gebracht. Sie sind unnütze Kraftvergeudung und führen zu immer größerer Zersplitterung. Die Taktik, die von den im AfA-Bund zusammen- geschlossenen Angcstelltenorganisaiionen verfolgt wird, zeigt dem- gegenüber den Weg, der aus dem Zwiespall einer veralleten bürgcr» lichen Ideologie herausführt. Die Tumulte im �anötag. Gin Kommunist ausgeschlossen. Die Eröffnung der Heuligen Sitzung des Preiißischen Landtags erfolgte eist eine Stunde nach dem festgesetzten Beginn um 12 Uhr, da inzwischen der Acllcstciirat über die gestrigen Tumulte beiict. Präsident B.: leb crössnete die Sitzung mit der Mitteilung, daß der kommunistische Abgeordnete Kellcrmann gestern, nachdem die Räumung d-cr Tribünen angeordnet war, die Tribünenbesucher aufgosvrdcrt habe, auf den Tribünen zu bleiben, und den Amts- gehilfen, die räumen wollten, hindernd in den Weg getreten sei. Der Aeltestenrnt hat ihn dafür aus 8 Tage von den Sitzun- gen ausgeschlossen und fügt hinzu, daß künftig in derartigen Fällen auch Strafanzeige erstattet werde. Der Präsident bedauert die gestrigen Ausschreitungen und erklärt, daß er im Wiederholungs- falle auch durch die Polizei werde Ordnung schaffen lassen. Abg. Varlels-Krefeld(Komm.) protestiert"cgen die Anwesenheit der Polizei in den Räumen des Landtags. Die Tribüne müsse die Meinung des Volkes frei zum Ausdruck bringen. Alles andere sei nur Ausdruck der persönlichen Feigheit der Abgeordneten.(Ord- ! nungsruf.) Abg. Dr. Wincklec(Dnat.) bedauert, daß der gestrige Arbeits- plan infolge des Tumults der Tribünenbesucher nicht durchgeführt sei. Das bringe verhängnisvolle Gefahren für alle dcut- scheu Parlamente mit sich, und seine Frallion spreche die Cr- Wartung aus, daß in Zukunft die Aerhandlungs freiheit des Parlaments unter allen Umständen gewähllcistct werde. Präsident Bartels erwidert, daß gestern in der siebenten Stunde im Haufe selbst die Unruhe und Rcrvosität so groß geworden sei. daß eine ordnungsmäßige Durchführung der?lbsiiminungcn nicht mehr zu erwarten war. Allein aus diesem Grunde habe er die Sitzung geschlossen. Damit schließt die Geschäfts ordn'.masdebattc. In der fort- gesetzten Abstimmung über die Verordnung des Wohlsah ts- Ministers vom 11. November 1926 betr. die Herausnahme der gewerblichen Räume aus dem Mieterschutz w.rdcn einige Rcjo- lutionen ohne praktische Bedeutung angenommen. So erlaubt das Haus einen wirlsamen strafrechtlichen Schutz wegen willkürlichen Mietwucher und befürwortet die Belassung der AtÄiers bildender Künstler, der Geschästsräume gemeinnütziger Gesellschaften und der von Kriegsbeschädigten gemieteten Geschäftsräume unter den Bestimmungen des Mieteifchutzes. Es folgt die Deratung des kommunistischen Mißtrauens- a n t r a g e s gegen den Kultusminister Dr. Becker wegen seiner angeblichen Verhandlungen mit der römischen Kur�c über den Ab- schluß eines Konkordats. Der Antrag wird von dem kommunistischen Abgeordneten Kerfs begründet. Die Begnadigung der lilanischen komm-inlslen ist, wie die litauische Gesandtschaft mitteilt, schon erjolgt, ehe Lobes Telegramm in Kowno eintraf. den Theatergöstsn Wetten abgeschlossen worden, wieviel Säuglinge zum Schluß auf der Bühne schreien würden. Das Srück überstürzt sich in tustigen Einfällen: es steht auf dem Niveau der amerikanischen Groteskfilme, die einen primllirsn Inhalt haben, aber die Lachmuskeln bis zur Erschlasjung anspannen. Im übrigen ist der künstlerische Gehalt des Schwank« in Paul Henckels Regie nicht zu bewerten. Ein solches Tempo ist schon lang« nicht dagewesen. Die Schauspieler ssnd von diesem prächtigen Regisseur zur Hotz angespontt. Der Zujchxiuer wird an das Eilzugtempo so gewöhnt, daß es Lachsalven gibt, wenn der Kamiker Otto Wallburg sich mal var Ermüdung einen Augenblick setzt, statt weiter zu hasten. Außerdem hat Henckels einen selw hübschen Einfall gehabt. Der Bühnenumbau geht aus offener Szene var sich. Jeder einzelne der Darsteller verdient unein- geschränktes Lob für das schmissige Tempo: Oscar Karl weis, Otto Wallburg und Vera Spidelikp erbeten Beifall auf offener Szene. Die netteste ist aber Grete Mosheim, die Schauspielerin mit den höchst natürlichen Manieren eines eigen- sinnigen Kindes, mit dem Figürchen und Schmollmund eines Back» fisches und der Frische eines süßen Frauchens. Dgr. Für Berkürznng der Schuhsrist. In dem SIreit um die 39 oder 59 Jahre urheberrechtlicher Schutzfrist schreibt jetzt Walter Mehring in der„Literarischen Well" temperainentoolle«-ätze vom Standpunkt eines jungen Satirikers:„Denkt man an Autoren wie Schubart, Reuter. Franz Mehring, Landauer, so erscheint es nur als sehr recht und sehr billig, daß sie wenigstens dreißig Jcchr« nach ihrem Tode frei wurden oder werden, zumal für die meisten der materielle Vorteil zu Lebzelten nur eine ganz kleine Ziffer war. Man sticht vergeblich solche, die sich gegen viel ältere, durch Säkula hindurch vererbte Vorteile empö-ten. Vorieile aus sehr materiellen Gütern, die es lachenden Erben ermöglichen, das Monopol auf Schöpfungen schon vor dem Tod des Schöpfers zu bekommen. Ob 30 oder 59 Jahre; welche Rolle spielt das für geistige Kämpfer, die nie eine Schutzfrist tanntenl Denn eine Schutzfrist gibt es, die wird über den Künstler verhängt. nicht um ihn vor Nutznießern, sondern um das Publikum vor ihm zu bewahren: eine l terarhistorische Schutzhaft, in der man ihn festhält, bis er klassisch anfault, um mit dieser Fäulnis jede neue Vitalität zu vergiften.„Räuber" und„Weber" hat man so lange eingeweckt, bis man sie als wohlbekömmlichen„Konserven"geist, als ks-,.Büchsenaufruhr" an hölxre S i ulfindor verfüt ern konnte.... Immer, ob es um christliche Nächstenliebe, um Eoelhefches Welt- bürgertum. um Darwinsche Zuchtwoll ging, wurden die sogens- reichen Wirkungen durch ein rechizeittges Voge'stdwerdcn zunichte gemacht... Nickt um 39, nicht Uni 59 Jahre handelt es sich: rechtzeitig ist dos Freiwerden, solange die Werke lebendig sind. Erstavffük.rongen der Iveche. Ittonwz Stöbt. Oper:.Der Blitz-. Dlenelog tttlsing-bi-ater:.Der Patriot". Fcettaz Z-ntral-TH-aler: „Der blonde Zigeuner*. Prof Bücher wirb in der Bortrazsreibe.Sioat und lkSIrtschatt" Montag 8 llhr im Auditorhirn maximum der Univcisilät einen Bortrag halten über:»Die organijierte Wirtschaft im Staat.* Herlitz öle Staöt öer Mbeit. Das Statistische Reichsamt hat die Ergebnisse der Zählung des Jahres 1325 veröffentlicht, die über die Zusammen- setzung der Bevölkerung Berlins eingehende und ge- naue Auskunft geben. Im Sichre diejer Daten erscheint Berlin, was es in Wirklichkeit ist, eine riesige Ansammlung schassender Massen, eine wirtliche Proletarier st ad t. Die Zählung hat in Berlin 4 024165 Einwohner ermittelt, d. h. um etwa 50000 mehr, als die gesamte Bevölkerung der Schweiz, um 600 000 bis 700 000 mehr, als die Bevölkerung von Dänemark oder Finnland, und um fast 11j Millionen mehr, als die Bevölkerung von Nor- wegen. Der größte Teil der Berliner Bevölkerung entfällt nicht auf die reichen.bürgerlichen" Bezirke wie Wilmersdorf, Zehlen- dorf, Schöneberg, Mitte, sondern auf die Arbeiterstadtteil« Wedding (351738 Einw.), Prenzlauer Berg(326 311), Friedrichshain (336 338), Kreuzberg(377 253). Wie in allen Großstädten, ist in Berlin ein Ueberoewicht der Frauen zu verzeichnen! die Zählung hat unter der Bevölkerung Berlins 2175 306 Frauen und 1848 853 Männer ermittelt. Der Prozenssah der Erwerbstätigen ist in Berlin sehr hoch, höher, als in den anderen Städten Deutschlands und des Auslandes. Es sind er- werbstätig auf je 100 Personen der in Berlin. , Hamburg » München . Nürnberg , London. Seiamt- devSIkerung . 54,3 . 51.0 . 52 6 . 53.5 . 49,0 männlichen Bevölkerung 74.6 74.1 71,7 73.2 63,5 weibliche« Bevölkerung 37.0 29,3 35,8 35,7 24 0 Diese Besonderheit der Zusimmensetzung der Berliner Bevölkerung zeugt von den harten Bedingungen des Daseinskampfes, die in der deutschen Hauptstadt herrschen. Ueber die soziale Gliederung der Berliner Bevölkerung geben folgende Zahlen Ausschluß: Selbständige...... Anaestellie und Beamte.. Arbeiter........ Miibel'ende Familienangehör. Hausangestellte..... Berufelose Selbständige.. 836 297 Personen(16.6 Proz.) 665 143,(27.8,) 1002 850.(41,3.) 47 f-52.(12.) 181 689.( 8,5 278 745.( 9,6 :! Von den erwähnten sechs Gruppen gehören drei Zum Prole- tariat: Arbeiter, Angestellt« und Beamte, Hausangestellte. Zum großen Teil aber auch die sogenannten„Selbständigen"(freie Be- rufe, Kausleute, Handwerter) und die verarmten Rentner. Auf die drei Gruppen entfallen rund 1 800 000(72,6 Proz. der erwerbs- tätigen Bevölkerung). Vom ganzen deutschen Proletariat Deu.sch- lands wohnen etwa 7,5 Proz. in Groß-Berlin. Die Eigentum- l i ch k e i t der Zosammeiiseßung der Berliner Bevölkerung besteht aber nicht nur im Uebergewicht der Arbeiterschaft, sondern auch i n ihrer Verteilung aus die einzelnen Wirtschafts- zweige. Das zeigt am besten ein Vergleich mit der größten, Stadt Europas, mit London. Mit den Vororten zählt London 7,5 Millionen Einwohner, ohne Vororte, nach der Zählung des Jahres 1321, 4 484 523 Ein- wohnsr. Die Zahl der Erwerbstätigen ist in den beiden Städten beinahe dieselbe: 2 183 831 in Berlin, 2 207 651 in Lonlon. Der Grad der Proletarisieruna der Bevölkerung scheint in London noch höher als in Berlin. In Großbritannien werden nur „Arbeitgeber",„Arbeitnehmer" und«Einzelproduzenten" gezählt. Es wurden in London gezählt: Arbeitgeber.......... 59 661( 2,7 Proz.) Einzelproduzenten...... 125 451( 5.7.) Arbeitnehmer......... 1 981 100(89,7.) Beruftlose usw......... 41489( 1,9.) Die Zahl d?r Proletarier in London nähert sich also 2 000 000 und macht fast drei Zehntel der gesamten erwerbstätigen Beoölke- rung der Stadt oder etwa 12,5 Proz. der ganzen eng- tischen Arbeiterschaft aus. Während aber London in der Hauptfachs Handels Zentrum ist, ist Berlin vorwiegend Industrie Zentrum. Von seiner erwerbstätigen Bevölkerung entfällt auf: Landwirtschast.... Zadustrie...... Handel und Verkehr.. Verwaltung usw.... Freie Berufe uiw... Häusliche Dienste... Beruftloie Selbständige Dieses Uebergewicht der Industrie, und namentlich der Großindustrie, bildet gerade die Eigenart Berlins und unterscheidet es von den meisten anderen Großstädten, auch von London, wo die Industrie hinter Handel und Verkehr an zweiter Stelle steht. Hier kamen im Jahre 1321 aus Industrie, Handwerk und Land- Wirtschaft nur 732 382 Personen, aus Handel und Verkehr aber 783 221 Personen. Die Zahl der-Angehörigen der freien Berufe und der Verwattuna ist in den beiden Wsllstädten etwa die gleich e. Die Zahl der im H a u s d i e n st Beschäftigten ist in London mehr als zweimal so groß als in Berlin. Teilweise kann dieser Unterschied von der Verschiedenheit der Statistik abhängen: hauotsächlich läßt er sich aber aus der Eigenart der beiden Städte erklären: London, das Zentrum etnes ungeheuren Weltreiches, hat eine noch größere Zahl reicher Leute, tue einen ganzen Stab von Dienstboten haben als Verlin. Die Industriellen Arbeiter stellen in London eine Minderheit der Lohnempfänger dar. Rur in einigen Bezirken sind sie zahlreich genug, um alle proletarischen Elemente um sich zu sammeln und dem öffentlichen Leben ihr Gepräge aufzudrücken. Im großen und ganzen-st deshalb der proletarische G«!st in der britischen Hauptstadt nicht in dem Maße fühlbar, wie ln Berlin. Zn Ve Un dageg-n bilden die Arbeiter der arohen industriellen Vekriebe die Mehrheit des Brolskariats. das seinerseits die überwiegend' Mehrheit der gesamten Vevölkenma darstellt. Datiir- lichcrwelse werden sie auch zum poli.ischen Mittelvunkt für ihre Klaffcngenossen, die in anderen Wirtschaftszweigen tätig sind. Kein Pfennig in öer Kasse. Reichsfinanzminister Köhler sieht schwarz in die Zukunft. Bei Beginn der heutigen Reichstagssiizung, die vom Präsidenten Lobe um 12 Uhr eröffnet wird, geht erst ohne Aussprache ein vom Abg. Best eingebrachter Slntrag zur Abänderung des Alsswertungs- gcsetzes an den Rechtsausschuß. Bei der Beratung der Vorlage zur Verlängerung des deutsch-sranzösischen Handels- Provisoriums und des S a a r a b k o m m e n s bis zum 31. Mai d. I weist Abg. Dr. Schnee(D. Vp.) darauf hin, daß Deutschland nach seinem Eintritt in den Völkerbund verlangen könne, daß die Deutschen in den französischen Kolonien ün!) Mandatsgebieten gleichberechtigt mit allen anderen Nationen be- handelt werden. Die Vorlage wird dann in zweiter und dritter Beratung ver- abschiedet, ebenso der deutsch-niederländische und deutsch-dänijche Schiedsgerichts- und Vergleichs. vertrag. Die Etatöebatte. Das Haus seht daraus die erste Beratung des Reichshaushasts für 1927 fort. Abg. Dr. Fifcher-Köln(Dem.) rechtfertigt die Finanzpolitik des früheren Reichsf.nanzminifters Dr. Reinhold gegen die Angriffe der Deutschnationalen und des Zentrums. Wenn wir jetzt über- Haupt über eine Senkung der Verbrauchssteuern reden können, so sei das doch den geschickten Verhandlungen R e i n h o l d s mit dem Reporationsagenten zu verdanken. Die Steigerung der Realsteuern in den Ländern und Gemeinden stehe in gar keiner Verbindung mit der von Reinhold vorgenomme- nen Steuersenkung. Zwischen den Verlautbarungen der Finanz- Verwaltung und den Erklärungen des jetzigen Ministers bestehe in- sofern eine erhebliche Differenz, als früher gesagt wurde, die 5 00- Millionen-Anleihe brauche für 1926 keine Verwendung zu finden, während wir jetzt hören, daß durch diese Anleihe nur ein Teil des außerordentlichen Haushalts für 1926 ge- deckt sei. Darüber müsse sich der Reichsfinanzminister noch er- klären. Der Minister müsse auch nähere Aufschlüsse über den Kassenbestand des Reiches machen, über die Rückzahlungen und Kredite, die das Reich an die Wirtschaft geleistet hat. Das Reich habe bei der Reichsbank einen Hundert-Millionen- Kredit stehen, ferner besitze es 740 bis 780 Millionen Vorzugsaktien der Reichsbahn. Es müsse die Möglich. keit bestehen, im Interesse ter steuerlichen Erleichterungen für die Wirtschast aus diese Reserve zurückzugreifen. Die Rechtskoalition des Jahres 1925, ebenso wie die gegenwärtige Koalition, seien von der Schuld, durch pessimistische Fehlschätzungen die Grundlrge für die ausgeblähte Finanzwirtschast in Reich. Ländern und Gemeinden geschassen zu haben, nicht freizu- sprechen. Die Demokratische Fraktion sei un'er keine« Umständen damit elaverstandea, daß der endgültige Finanzausgleich um weitere zwei Jahre verschoben werde. Der Redner kündigt dann eine große Anzahl von Anträgen seiner Frat.ion zum Finanzausgleich und zur Steuergesetzgebung an. Er fordert insbesondere die durchgreifend« Ermäßigung des Ein- kommentmiss, Streichung des ß 35 des Finanzausgleichsgesetzes und Eintommenbcsteuerung nach dem mehrjährigen Durchschnitt. Für die Landwirtschaft müsse eine Einhertssteuer ein. geführt werden. Reichsfinanzminlster Dr. Köhler: Man hat mir vorgeworfen, daß ich den Etat mit Kühle und ohne Optimismus vertreten Hab«. Uns Badens ern sagt man ge- wöhnlich hier im Norden nach, wir seien ziemlich leichtfinnig ver- anlagt.(Heiterkeit.) Eine Senkung der Reichseinnahmen zu ver- sprechen, wäre sehr populär, aber waren kann man nur mit ganz nüchternem Geschäftesinn. Beim Sparen muß man im Kleinen ansangen— Aufwendungen kann man auch im Großen machen. (Heiterkeit.) Im vorigen Jahre war die Situation ganz anders. Der Etat, den ich zu vertreten habe, ist mir in letzter Stunde in die Hand gedrückt worden und mein verehrter Amts- Vorgänger hat mir in einem Zeitungsartikel Richilinien als sein Vermächtnis auf den Weg gegeben.(Heiterkeit.) Darin hat Dr. Reinhold zugegeben, daß das Finanzjahr 1927 außerordentlich schwer sein wird. Er schreibt selbst, daß er nur den ersten Teil der Gesamtaufgabe zu erfüllen hatte, näm- lich die Senkung der Reichseinnohmen. Das war sicher die dankens- wertere Aufgab«.(Heitere Zustimmung rechts.) Die entsprechende Herabsetzung der Staatsausgaben hat er mir über- lassen. In seinem Vermächtnis teilt er auch mit. daß wesentliche Re- serven in diesem Etat nicht mehr liegen. Ich werde an die Ber- einfachung der Verwaltung gehen. Als die Steuersenkungen im Februar 1926 herausgegeben worden sind, wurde die Der- waltungsreform als ganz integrierender Bestand- teil der Gesamtreform bezeichnet, aber geschehen ist cuf diesem Gebiet noch nichts, denn den Abbau einiger Ministerialräte kann man doch nickt als Beginn der Verwaltunasreform bezeichnen.(Zu- rufe links: Deutschnationalcr Widerstand!) Lassen Sie doch die Deutschnationalen an der Verwaltungsresorm mitarbeiten, wir wollen erst sehen, was dabei herauskommt. Es ist die Rede davon ge- wesen, daß am Etat 150 Millionen gespart werden könnten, aber entsprechende Anträae aus diesem Hause liegen noch nicht vor. Im Gegenteil sind verschiedene Ausgabenerhöhungen verlangt worden. Der Minister erklärte dann, daß kein Psenniq vorhanden sei. wenn die unlerstühend« Erwerbslosenoersicherung am 1. April in Kraft treten solle. Cr habe als badischer Finanzminister bereit» fessstellen müssen, daß auf den Finanzämtern seiner Heimat ein« groß« Unord- n u n g herrsche, ähnliche Fessstellungen habe er auch setzt machen müssen. Diesen Dingen wolle er zu Leibe gehen und für Ordnung sorgen. M» nächster Rvdner ergreift Abg. Kell(Eoz.) da» Wort. Stephens' überraschenöer Rücktritt. Auch politische Gründe. Genf, 19. Februar.(Eigener Drahtbericht.) Neben den persön- sichen Gründen, welch« für den sehr überraschenden Rück- tritt des kanadischen Präsidenten der Saarregierung Stephens kurz vor ihren Erneuerungswahlen genannt werden, bestehen, wie schon vermutet wurde und uns von gut erngeweihter Seite be- stätigt wird, auch welche politischer Natur. Einerseits ist es die Frage des gänzlichen Rückzuges der französischen Truppen und auch die Ueberzeugung. daß die Märztagung des Völkerbundes kein« dt« Saarbevölkerung befriedigend« Lösung finden werde, andererseits soll Stephens immer mehr empfunden haben, daß die deutsche und die französische Re- gierung bei Verhandlungen über die Saarfrage manchmal in einer Art und Weise über den Kopf der Regierungskom- Mission hinweggegangen sind, die für den Präsidenten als stark verletzend empfunden werden mußte. Di« Schuld trifft, nachdem Deusschland Mitglied des Völkerbundes geworden ist, ebenso sehr die Reichsregierung, wie auch die französtsche Regierung. Japan stimmt Coostdge zu.' Reuter zufolge soll die Antwort Japans auf den Abrüstungsvorschlag des Präsidenten Coolidg« kurz und in zustimmendem Sinne gehalten sein, l Rekchswehrparaüe im potsüamer Luftgarten „Treu biS in die Knochen in alter preustischer Art." Der Potsdamer Lustgarten sah heute vormittag zum ersten- mal selt dem Jahre 1914 wieder ein« Truppenparade: die Garnison Potsdam wurde vom Chef der�Heeresleitung, G e- neral Heye, besichtigt. Das militärische Schauspiel hatte eine große Zahl von Zuschauern angelockt, die in langen Reihen den Marstall umsäumten. Unter ihnen sah man den Prinzen Oskar oonPreußen, der inZivil erschienen war, und viele ehemalige Offiziere des alten Heeres in den Friedensuniformen. Als offizieller Gast war in Begleitung von Offizieren des Reichswehrministeriums der amerikanische Gesandte S h u r m a n mit dem amerikanischen Militärattache S«kommen. Nachdem General Heye die Front der Formation abge- hritten war, schwenkten die Truppen zu einem offenen Viereck ein, in dessen Mitte General Heye Aufstellung nahm und eine Ansprache an die Garnison richtete. Er betonte, daß er zum erstenmal als Chef der Heeresleitung die Freude habe, die Potsdamer Truppen begrüßen zu können. Er wisse, daß sein hochverdienter Vorgänger, Generaloberst o. Seeckt, in diese Truppe Gehorsam, Manneszucht und Kameradschaft hineingelegt habe, und daß man sich aus die Truppen der Preußischen 3. Division unbedingt verlassen könne. „So soll es auch unter meiner Fuhrung bleiben. In treuer Ka- meradschaft und in treuester Hingebung an unser deutsches Vater- land wollen wir zusammenstehen. Wir wirken, wir kämpfen, wenn es sein muh, und wir sterben, wo und wann man es befiehlt, für Deutschlands Ehre und Deutschlands Gut. Wir erneuern unseren Schwur: Treu bis in die Knochen in alter preußischer A r t." Die Anspracke schloß mit drei Hurras auf das Vaterland und mit dem Deutschlandlied. Dann formierten sich die Truppen zum Parademarsch in Zugkolonne. In der 11. Bonnittagsstunde war die Besichtigung beendet und General Heye kehrte nach Berlin zurück. Wenn eine solche Truppenschau wirklich notwendig war, so wird doch niemand verstehen, warum dar Oberbefehlshaber der deutschen Reichswehr die preußische Art gar so sehr betonte und noch dazu die alte preußische Art. Logischerweise hätte man nach dem Appell an das altpreußische Herz„Ich bin ein Preuße" singen müssen. Aber man sang das Deutschlandlied. presse und kriminalität. Die Vortragsreihe„Berichterstattung der Presse", veranstaltet vom Lezirtsoerband Berlin des Reich so« rbandcs der Deutschen Presse, vereinigt« kürzlich im Reichewinschaftsrat wieder«in» zahlreiche Zuhörerschaft. Dr. Albert Moll und der Ehefredakteur Wilhelm Ackermann sprachen über„Presse und Kriminalität der Psychopathen". So lehrreich und anregend die Ausführungen der beiden Referenten waren, so fragwürdig er- schienen in manchen Punkten ihre Behauptungen: besonders gilt dies für Herrn Ackermann, der selbst an der Presseberlchterstattung in den Fällen Domela» Leiferde, Kolomak-Machan Anstoß nahm. Man wird sich hMen müssen, den Bogen zu überspannen. Im übrigen schreibt der Journalist für Gesunde und nicht für Psychopathen. Besonder» aufschlußreich waren die Darlegungen Dr. Moll s. Durch eine große Anzahl von Beispielen versuchte"« den Nachweis zu führen, wie Psychopathen und besonders Jugendlich« durch Zeitungsnotizen über Derbrechen oder Gerichtsverhandlungen zur Nechteverletzling angeregt werden. Auch bei Gesunden kann dies der Eall sein: es gibt Zeiten, insbesondere in Verbindung mit Een- tionsprozessen, in der die meisten Menschen einer Art Psychose anheimfallen. Auch haben Zeitungsberichte schon Epidemien von Verbrechen verursacht: Man denke an die Vitriolailentote, an Dach- stuhlbrände, an Automobilfallen, Erpressungen von Jugendlichen usw. Gerade die labile Psyche der Jugend fällt leicht romantischen Schilde- rungen von Verbrechen zum Opfer. Man soll sich ab« hüten, die Veranlassung von Verbrechen mit den Verbrechensursachen zu ver- wechseln: es müssen eine Reihe Bedingungen vorhanden sein, damit «in Verbrechen geschehe. Ein Kapitel für sich bildet die Beeinflussung der ösfenttichen Meinung durch die Presse. Eine zu intensive Ve- schäftigung der Presse mit Kriminalfällen->or der Hcmptverhandlung kann die Beeinflussung von Richtern und Zeugen zur Folge haben: die selbständige Aufklärung von Verbrechen durch Zeitungen wird unter Umständen zu einer Fälschung der Zeugenaussagen führen. Den Schäden der Berichterstattung kann am betten durch eine Dresse stelle entgegengetreten werden, in der sich Vertreter der Presse, der Justiz und der Polizei zusammenfinden. Ehesredakteur Ackermann wandte sich gegen die Ausmalung von Details in den Berichten über Verbrechen i» Gerichtsverhand- lunaen— von diesem Vorwurf seien auch Polizeibebördcn und selbst Richter nicht ganz freizusprechen.(Der Fall der G'-äsin Bothmer.) Einen großen Teil der Schuld an der' schlechten Berichterstattung trügen die Gedankenlosigkeit und die berusliche Abstuinpsung der Journalisten. Ganz besonders sündige ober in dieser Hinsicht die Sensationspresse. Eine Ablsslse sei seinerseits non einer E r- Ziehung zur j o u r n a l i st i s che n Selbstdisziplin zu er- dosten und andererseits in der Ziisammenarbeit der Press« mit der Polizei und Justiz und durch«ine bessere Zluswahl der Bericht- erstatter anzustreben.___ Mexikanischer Knnstabend. Die Internationale Kommission des Deutschen Lyzeum-Klubs, die es sich zur Aufgabe gemacht hat. i n t e r n a t i o- nal« Interessen auf dem Gebiet der Kunst zu för- d e r n und zu pflegen, veranstaltete im Deutschen Lyzeum-Klub einen m e x i k a n i s ch e n Zl b e n d. An Hand von Lichtbildern hielt Dr. Schaitslius einen einführenden Vortrag über die kulturgesckicht- liche Bedeutung Mexiko?. Der Verfall dieser nltmexikanischen Kultur geht aus das 16. Jahrhundert zurück und beschränkt sich auf Aufzeichnungen von Gesängen des Pater Saragun in altaztekischer Sprache, der Dilderschrist. Das vorhandene geschichtliche Material stammt von Gehcimrat Secker, der bisse Hymnen wortwörlluh übersetzt und erklärt hat. An diele sehr intercssanlen Slusfübrungen ichloß sich der Dortraff religiöser Dichtungen aus Altmeriko, ge- sprachen von Frau Agnes Schwalbe im Gewand ihrer Enlstehungs- art und die Vorführung inexikanisävr Volkstänze, ausgeführt von Mitgliedern der mexikanischen Gesellschaft. Das zahlreich crschie- iisne Publikum, worunter sich Mitglieder der mexitani- schen Gesandtschaft befanden, folgte den Vorführungen mit großem Interesse. Die Stadtverordnetenversammlung hat in der nächsten Woche keine Sitzung. kommnnlstischer Unfug. Gestern abend tagte im Saalbau Frtedrichshain«ine von den Nationalsozialisten ein- berufene Versammlung, an deren Schluß sich ein etwa 200 Mann starker Zug bildete, der von der Frieden- Itraße nach der Iannowitzb rücke marschieren sollte. Um Zusammen- Itöße zu verhüten, begleitete ein Lastkrastwagen der Schutzpolizei die Nationalsozialisten. Unterwegs wurden die Beamten von mit- ziehenden Kommunisten und Roten Frontkämpfern beschimpft und in den dunklen Straßen mit Steinen beworfen. Das Bombarde- ment wurde schließlich so heftig, daß die Beamten sich genötigt sahen, Schreckschüsse abzugeben, durch die jedoch niemand ver- letzt wurde. Schließlim gelang es, fünf der Hauptschreier zu ver- haften, die der Abteilung I A des Polizeipräsidiums vorgeführt wurden. Zu dem ZNädchenmord in Pankow wird mitgeteilt, daß von dem Täter immer noch keine greifbare Spur gesunden ist. Man weiß auch noch nicht, wo sich die Ermordete bis zu ihrem Tode aufgehalten hat. nachdem sie sich hatte photographieren lassen. Dl» äl'eren©mossot beteiligen sich an der jungsozialistischen Veranstaltung beute Eounabeud. ig. Februar. 7'/, Ubr, in der Sfuta de» i-riedrich-Realgbmnasiiim». Miiteninalder Str. 84— Z7.(Fabrserblndung: Unier grundbabubos Gneistnaunraße). Genosse Engelbert Graf ltuicht über da« Thema:„Kriegsgesahr rund um den Stillen Ozean.' Karlen zum Preise von SO Ps. sind zu haden im Iugendsekretariat.— fieufe abend finden falgende Brrans'altnngen der Sozialtllischen lllrbeiteriugend lialt. Kottbusser Tor: Jugendheim Neichenberger Etrasse 66. voitrag:„Dir und Foid'. Werbedezirk Prenzlauer Berg: Die vildnngDlnrse fallen beule umliändebalber aus. Werbebezirk Osten, Jugendheim Rigaer Strasse 163: MSdeldelegiertenversammlung. Werbe- bezirt Neutölln: tZugenddeim Kanner Strasse i nicht Bergstrasse). Werbe- bezirtSsunttianärfitzung. Da wir zur Generalversammlung Stellung nehmen i>t da« Erscheinen aller FunltionSre erforderlich. Werbcdezirt Reinickendorf: Beim Genossen Jank«: WerbebezirksvorstandSsitzung. llnterrlchi In der Svogliagapflege. Im Kinderhau». Blumenllrasse 37, findet wöchentlich einmal wieder Unterricht in der Gäugltngspflege statt. Meldungen schrrsilich oder mündllch von 2—6 Uhr im Bureau de» Kinder Hause«. Dle länülkche Sozsalpolitik. KönigSberger Rede des Ministers Schiele. Man schreibt uns: Bekanntlich hat der neu« Reichsernährungs- minister Schiele vor einigen Tagen auf der dcutschnationalen Schulungswoche in Ostpreußen zwei schwungvolle Reden gehalten. In einer seiner Reden ist er auch auf die Sozialpolitik zu sprechen gekommen, worüber er sagt«: ,F)ie Sozialpolitik müsse ein lebendiges Glied der Wirt- f ch a f t s p o l i t i k sein. Sie dürfe nicht hemmend, sondern müsse fördernd und schöpferisch wirken. Sie müsse weiterhin in dem arbeitenden Menschen seelisch Neues erwecken. Das Sozial- und Agrarprogramm müsse deshalb ein« Sozialpolitik des Eigentums und der Familie sein. Das Wurzelwerk des deutschen Lebens- und Volksbaumes müsse wieder erneuert werden. Darum sei innere Kolonisation das Gebot des nach st en Menschenalters, die Bauernkolonisation besonders Im Osten und Arbeitersiedlungen mit gesunden Aufstiegsmöglichkeiten. Ein deranig großes soziales Agrarprogramm sei nur m i t der Land- Wirtschaft und nicht gegen sie zu verwirklichen. Mit diesem Feldzuge der Arbeit gäben wir unserem Volke endlich wieder ein großes nationales Ziel, das unserer Zeit so bitter nottue. Dieses Ziel laute nicht, wie mache ich das Volk wieder wohlhabend, sondern wie mache ich es gesund und froh. Rur straffe Zusammenfassung oller Kräfte, straffe S t a a t s f ü h r u n g könne zum Ziele führen. Die große Aufgabe unserer Zukunft werde gelöst werden in dem Glauben an den sozialen G e i st d e r L i e b e und der Der- antwortung für unsere Volksgenossen und im unerschütter- lichen Glauben an Deutschlands Zukunft. Der Minister schloß mit den Worten Yorss,.die er am 8. Januar 1813 an General v. Bülow richtete:„E r.k ä.m p f e n, erwerben wollen wir unsere national« Freiheit und Selb- st ä n d i g k e i t." Bevor der Reichsernährungsminister über Sozialpolitik redete, hätte er gut daran getan, sich zunächst das Material über die länd- liche Sozialpolitik anzusehen, das die berufenen Kenner der sozialen Verhältnisse in der Landwirtschaft, die Vertreter der Land- a r b e i t e r seinem Ministerium zur Verfügung gestellt haben. Wäre der Minister Schiele so verfahren, dann hätten aus seiner Rede noch ganz andere Gedanken herausklingen müssen. Er hätte dann sagen müssen, daß die gegenwäktigen sozialen Verhält- Visse in der deutschen Landwirtschaft trotz aller Be- schönigungsversuche der Arbeitgeber unerträglich und geradezu katastrophal sind. Dann hätte er feststellen müssen, daß sich«in vollwertiger, verheirateter Landarbeiter mit einem Gesamt st undenoerdien st von durchschnitt- lich 35 bis 4 0 P f. abfinden muß, daß die ländlichen Wohnungs- und Schulverhältnisse zum Teil trost- los und menschenunwürdig sind, daß es zahlreiche land- wirtschaftliche Unternehmer gibt, die Landarbeiter miß-, f a n d e l n und prügeln, daß man verheiratete Landarbeiter- rauen zur Mitarbeit zwingt und daß die Landarbeiter von einem Unrecht in das andere gestoßen werden. Nach diesen Feststellungen hätt� er als erstes Gebot der Sozialpolitik in der Landwirtschaft aussprechen müssen: Gebt dem Landarbeiter, was des Landarbeiters ist, laßt ihn unter geordneten Umständen wohnen, behandelt ihn als Mensch, arbeitet mit an der Gesundung und Ent- wicklung seines Familienlebens. An all das hat der Reichsernährungsminister bei seiner Königs- berger Rede offenbar nicht gedacht. Seine„Sozialpolitik des Eigentums" geht davon aus, daß in erster Linie die Jnteresfeu der Eigentümer zu berücksichtigen sind und die gebotene?, Rücksichten auf die Landarbeiter und ihre Familien nur eben so weit gehen dürfen, daß sie um chimmelswillen ja nicht etwa da» Eigen- tum belasten oder dessen Mehrung erschweren. Bei Verfolgung einer derartigen„Sozialpolitik" wird es dem Reichsernährungsminister Schiel« nicht besser ergehen als seinen Vorgängern: Di« schaffend« Landbevölkerung wird auch in ihn nur den Mann sehen, dessen cherz nicht für sie schlägt, sondern fiir das Eigentum, für ihre Klassengegner. Die öritte Neichskonferenz öes ZSfl. Die Vertreter der kaufmännischen Lehrlinge und jugenMichen Angestellten oereinigen sich am 2». Februar zur 3. Reichsjugend. tonferenz in Dresden. Der Z:ntralverbond der Angestellten, die sreigewerkschaftliche Organisation der Handlungsgehilfen und Bu- reauangestellten, widmet sich in bemerkenswerter Weife der heran- wachsenden Jugend, die im kaufmännischen Erwerbsleben tätig ist. Das geschieht aus zwingender Notwendigkeit heraus. Der jugend- liche und heranreifende Mensch braucht einen starken Schutz und eine kräftige Stütze, die ihn vor Ausbeutung und Mißhandlung be- wahren. Auch die Kaufmannsjugend ist den Gefahren der heutigen kapitalistischen Wirtschaft ausgesetzt. Ja, hier sind die Gefahren weitaus größer, weil starke Hindernisse einer frühzeitigen und gründlichen Aufklärung häufig im Wege stehen. Es gibt sogar 5lreise, die immer wieder ihre Agitation unter der Jugend im An- gestelltenberuf mit dem Appell an das Standesgefühl bzw. Standes- bewußtsein begründen. Durch diese Kreise wird ein Verhängnis- voller Irrtum, ein den jungen Menschen immer wieder betörender Standesdünkel absichtlich großgezogen und genährt. Eine richtige Erkenntnis der wirklichen Lage ist dann häusig mit bitteren Ent- täuschungen und herben Verlusten verknüpft. Das Beispiel der ungeheuren Erwerbslosigkeit unter den Angestellten ist wohl in mancher Hinsicht der beste Beweis gegen den falschen Standesdünkel unter den Angestellten, der dem Organisation»- gedanken gerade unter diesen Verujsangehörigen oft noch so hinder- lich im Wege steht. Und dos ist der besondere Wert der Jugendarbeit des ZdA., daß auf diese Weise junge Menschen schon frühzeitig ausgerüstet werden mit einer guten Kennt- nis über die Notwendigkeit und Bedeutung einer starken und leistungsfähigen Organisation. Wer sich die Mühe macht, um sich mit dem lebendigen Treiben der ZdA.-Juaendgruppen vertraut zu machen, wird zugeben müssen, daß aus diesem Kreise sicherlich Mit- arbeite?' und Kämpfer für die Organisation der Angestellten mit klarem Willen und entschiedener Haltung entwachsen werden. Und um das Selbstbewußtsein der jungen Mitglieder zu sörder??. hat d e r ZdA. seinen Jugendmitgliedern ein Parlament, die Reichssugendkonferenz, elngerschtek.©I« kst eine Tribüne, auf der all dle Lebensfragen, die eine gesunde und aufwärtsstrebende Jugend bewegen, zum Ausdruck gebracht werden und im Meinungsaustausch auch die Wege gefunden»erden, die für die Vertiefung und Entwicklung der Jugendarbeit des Der- bandes von Bedeutung sind. All und jung schassen im ZdA. an gemeinsamem Werk. Die Ergebnisse der Reichsjugendkonferenz werden aufmerksame Beurteiler in den Reihen der gesamten Or- ganisation und darüber hinaus in der gesamten Arbeitnehmer- bewegung, finden, dient doch diese gewerkschaftliche Jugendarbeit gleichfalls dem ollgemeinen Ziel der Arbeiterbewegung, durch den Zusammenschluß sämtlicher Arbeitnehmer die höchste Kräfteentfal- tung zu erreichen, um dem Kullunoillen des roerktätigen Volkes den Weg zu ebnen._ Nahrungs- unü Genußmittelarbeiterl Morgen früh um 9 Uhr beginnt die Verbands- oeneralversammlung im großen Saal des Gewerkschafts. Hauses. Am Einganz zur Versammlung, und zwar in der Zeit von 9s4 bis 1 Uhr mittags, sind die Stimmzettel für die Neu- wählen abzugeben. Da die Kommunisten alle Anstrengungen machen, um die Leitung in die Hände zu bekommen, fordert die Fraktion Amsterdam des Deutschen Nahrungs- und Genußmillelarbeiterverbandes alle auf dem Boden der Amsterdamer Gewerkschafts- richtung stehenden Verbandsmitglieder auf, die Versammlung zu besuchen(wobei das Mitgliedsbuch nicht ver- gessen werden darf) und für die Wahlvorschläge der Berbandsfunktionäre zu stimmen. Wer an der Teilnahme der Versammlung verhindert sst, muß wenigstens ins Gewerkschaftshaus kommen und am Saaleingang seinen Stimmzettel abgebenl Die Aussperrung der Motaxfahrer beendet. Wie wir schon mitteillen, waren Ende voriger Woche die Motor- radfahrer der Motax-Gesellschast in Halens« ausgesperrt worden, weil sie sich weigerten, einen von der Betriebslellung diktierten Lohnabbau von 20 Proz. hinzunehmen. Der Vorsitzende des Ber- liner Schlichtungsausschusses hafte, nachdern die Aus- sperrung bereits eine Woche dauerte und keine Aussicht auf eine baldige Verständigung bestand, die Parteien zum Freitag zu einer unverbindlichen Aussprache geladen. Die Vertreter der Motax-Ge- sellschaft zeigten sich zunächst zu keiner Verständigung bereit und bestanden auf den 2l>prozentigen Abbau der Verdienste, da sie ohne diesen Abbau ihren Betrieb nicht inehr aufrechterhallen können. Der Vorsitzende, Gewerberat Körner, betonte, daß mau das Lohnniveau der Motaxfahrer, die einen äußerst gefahrvollen urid gesundheitsschädlichen Beruf ausüben, nicht unter das der übrigen Kraftdroschkenführer drücken könne. Daraufhin gingen die Vertreter der Motax-Gesellschast mll ihren Forderungen auf ein so geringes Maß herunter, so daß die Ver- treter der Belegschaft schließlich sich damit einverstanden erklärte??. Die Arbell ist daraufhin heutefrühwiederaufgenommen worderr. Es ist höchst bedauerlich, daß in einer Zeit, roo die übrige Arbeiterschaft dazu übergeht, ihre Löhne wieder aufzubessern, noch in einer Berufsgruppc ein Lohnabbau, wenn zwar auch ein geringer, hingenommen werden muß. Diese den Motarfahrern aufge'wungene Lohnbewegung wäre bestimmt anders verlaufen, wenn die Fohrer in allen drei Berliner Betrieben gehörig organisiert wäre??. So hat nur ein Betrieb dem Diktat der Unternehmer Widerstand ge- leistet, während es in den beiden anderen Betrieben kampflos hin- genommen wurde. Bei einem festen organisatorischen Zusammen- schluß der Berliner Motaxfahrer, von denen es ungefähr 159 gibt, wäre es zu der Bewegung erst gar nicht gekomme??. Hoffe?ftlich ziehen sie jetzt aus dem Kampf die Lehre und holen das Versäumte in ihrem eigenen Interesse nach. 5rifiersa!on ,§igaro�. Er liegt am Kurfüiskendamm u??d ist nach den?, was man in einer Verhandlung vor dem Gerverbegericht hörte, ein hochfeines, wellftädtifches Geschäft. Die Preise, welche man dort für die Be- dienung zahlt, sind vier- bis fünfmal so hoch wie in den Frissur- geschäften der Arbeiterviertel. Der Lohn der Gehissen ist aber nur um ein Viertel höher als bei denen, die ihr« Kunst mit derselben Gewissenhafftgkeit an den Angehörigen der minderbemittelten Be- völkerung ausüben. Im„Figaro" arbeiten 26 Friseurgehilfen und -Gehilfinnen, daneben sind fast ebensoviel Angestellte in der Kontrolle, der Kasse und der Buchführung beschäftigt. An der Spitze des Ge- fchäfts stehen zwei Direktoren mll Monatsgehällern von 1000 bis 1500 M. Wenn«in Geschäft, das so mit Spesen belastet ist. etwa» abwerfen soll, muß tüchtig gearbeitet werden. Also wird von jedem Gehilfen ein entsprechender Umsatz erwartet, das heißt, die auf sein« persönliche Arbeit entfallende Einnahme soll eine gewisse Höhe er- reichen. Zwei Gehilfen wurden entlassen, roeil ihr Umsatz hinter den Erwartungen zurückblieb. Man fragt sich, wie denn«in Friseurgehilfe Einfluß auf den Umsatz haben kann. Er kann doch nicht mehr tun. als die Kunden bedienen, die ins Geschäft kommen. Aber im„Figaro" scheint tat- sächlich unter den Gehllsen und Gehilfinnen ein Weftlauf um die Bedienung der Kundschaft üblich zu sein Eine Maniküre, die sich unwillig darüber äußerte, daß sich eine Kollegin bei der Kunden- bedienung vorgedrängt Hobe, wurde entlassen, weil sie ihrem Unmut in einem für den Salon des„Figaro" unpassenden Ton Ausdruck gegeben haben soll. Ein Spezialist für Haarfärbung wurde enllassen, weil seine Kunst an einigen Bubiköpfen nicht geraten war. Er sagt, die Damen müßten zur Zeit der Färbung unwohl gewesen sein. In solchem Falle nehme das Haar die Farbe erfahrungsgemäß sehr schlecht an. Er kön??« doch einer Dame nicht ansehen, ob sie unwohl sei und sie danach fragen, das gehe doch nicht an.— Der Direktor aber be- hauptet, jede Dame wisse, dos zu gewissen Zeiten die Färbung nicht gelingt, kein« Dame komm« in solcher Zeit zum färben, also sei ein Mißerfolg in der Färbung immer aus ein Verschulden des Färbers zurückzuführen. Dies« sonderbare Logik lieh das Gericht natürlich nicht gelten. Es kam zu der Ueberzeugung, daß die Entlassung des Färbers und der Maniküre ei??« unbillig« Härte ist. Beide Kläger«rhiekten im Vergleichswege die ihnen nach dem Betriebsrätegesetz zustehende Entschädigung. Der drifte Kläger soll nachweisen, daß an seiner Stelle ein anderer Gehilfe beschäftigt wird. Die Entlassung des vierten Klägers hielt das Gericht durch die Krankheit desselben für begründet._ Die Sparkasse der Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten A..G„ Berlin, wallstr. 65. ist täglich mit Ausnahme von Sonnabend von 9— 3 Uhr und 5— 7 Uhr, Sonnabends von 9— 1 Uhr geöffnet. Sport. Ringerwelkstreit im Apollo-Theater. Im A p o l l o- T h e a t e r, das in der Blütezeit des Ringsports oft die Stäfte großer Ereignisse war, begann gestern abend der Ringerwettstreit der Mittelgewichte. Um das Interesse für diesen schönen Sport neu zu beleben, sah man von der Teilnahme der schweren Klasse ab. Dreizehn Ringer, u. a. Schach- schneider, Kley sowie Renter, verbürgen schon für den interessanten Verlaus des Wettstreits. Als erstes Paar traten auf die Matte Schachschneider- Berlin und R e n t« r- Estland. Der Berliner, als der stärkere, konnte den sehr flinken Esllänber schon nach neun Miniften unter sich bringen. Dem Ostpreußen N a b e r gelang es, in dem schönsten Kampf des Abends, den Sachsen W e i n e r t durch einen gut angebrachten finnischen Ausreißer noch 16 Minuten auf dem Boden festzuhalten. Brückner- Breslau erlag dem Rumänen A n g e l e s k u nach 14 Minuten durch Ueberwurf. Der junge Kley, dessen Ringweise der des Weltmeisters Huhtmann wohl gleichkommt, wenn nicht gar in einigem übertrifft, entledigte sich B i e r h o l z nach acht Minuten durch Ueberwurf. Der gezeigt« Sport war gut. Ein buntes Barietöprogramm leitete den Abend ein. „vikloria"-Monkreal— Tschechoslowakei 8: 0. Im wefteren Verlauf des Internationalen Eishockeytourniers im Sportpalast lieferte die Mannschaft des„Victoria"- Eis- Hockeyklub Montreal gegen die tschechische National- Mannschaft ihren ersten Kampf in Deutschland. Die kanadischen Gäste, die vor einigen Tagen von erfolgreichen Spielen aus Schroeden kamen, legten gestern auch hier Proben ihr» großen Könnens ob. Wenn auch ein Sieg der Kanadier von vorrcherein feststand, ist doch das Endresultat für die Tschechen, die man doch wiederHoll in besserer Versassune, gesehen hat, etwas deprimierend. Von Beginn bis zum Ende des Spiels ließen die Kanadier in ihrem großartigen Tempo nicht nach� Die Läuferreihe zeigte eine famose Kombination. Bis zur Pause prallte die Scheibe fünfmal in die Maschen des tschechischen Tores. Die Tschechen legten alles auf die Verteidigung. Zwei Läufer, größtenteils sogar rmr ein Mann, stürnften vor, um vielleicht bis höchstens zur Milte zu kommen, wo ihnen von den vorftoßerrden Kanadiern mll Elan die Scheibe genommen wurde. Im zweiten Teil des Spiels er- höhten die Montrealer ihren Dorsprung auf sechs und im dritten Teil auf acht Tore. Die Tschechen konnten das gegnerische Tor auch nicht einmal ernstlich in Gefahr bringen. Der sehr gure tschechisch« Torfteher verhütete eine noch größere Niederlage seiner Mannschaft. Alles in allem ein ziemlich einseitiges