Menöausgabe Nr. 109 � 44. Jahrgang Ausgabe L Nr. 54 Bl:,ua»bedIn!Mns«n anb Anzelgenvreis, sind in der Morgenausaabe onfltneben Heboltion: SU). 68, cindenslrotze 3 Fernsprecher I vönhoss 232— 202 Tel.-Adress-: Sozlaldemorrnt verlio Devlinev Volksltl�kk (iN pksnn«!.') Sonnabenö 5. März 1927 «erlag and Anzeigenabteilung» E-lchafiszeii 8H bis 5 litt Verleger: VorwSrls-verlag Ginbch. Serlin Sw 68. eindenstrahe 3 Fernsprecher! VSahosf 232— 262 �entralorgan der Sozialdemokratlfchcn parte« Dcutfcblands Stellt üen /lchtftunöentag wieder her! Forderung der Gewerkschaften an Reichstag und Reichsregiernng. Jet dem Reichstag vorgelegte Regierungsentwurf zur Abänderung der geltenden Arbeitszeitverordnnng lähl die von den Gewerk- schaste««Tl l er Richtungen erhobene Forderung nach Wiederherstellung des Achtstundentages völlig unberücksichtigt. Er ändert nichts an der unerträglichen Rechtslage, dah die regelmäßige tägliche Arbeitszeit bis zu zehn Stunden und darüber hinaus, ausgedehnt werden kann, von ihm ist daher in keiner weise der Erfolg zu erwarten, den die Gewerkschaften mit ihrer Forderung insbesondere erreichen wollten: die Verminderung des Arbeitslosenheeres. Der Regierungsentwurf bringt weder Arbeitenden noch Arbeitslosen nennenswerte vorteile, er bringt sogar teilweise erhebliche Verschlechterungen. Die Gewerkschaften erklären daher einmütig, daß diese von der Regierung geplante Arbeitszeilregelung nicht im mindesten den berechtigten wünschen der Arbeiter und Angestellten entspricht und daß sie nichts von dem erfüllt, was alle Gewerkschafteu einschließlich der christllcheu gefordert haben. Sie gebe« ihrer Erwartung Ausdruck, daß die Fraktionen de» Reichslage» sich der Tatsache bewußt sein werden, daß hinler den Forderungen der Gewerkschaften auch heule noch der einmütige Wille der ge- samten Arbeiter und Angestellten steht, wenn auch aus politischen Gründen der christliche Deutsche Gewerkschaftsbund glaubt. 'diese Erklärung nicht unterzeichnen zu können. Der Vorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschastsbundes. Gewerkschaftsring deutscher Arbeiter-, Angestellten- und Veamlenverbände. Der Vorstand des Allgemeinen Freien Angestellteubundes. Der Kulturfonds im Innenministerium Gelder für seelische Pflege. In der Sonnabendsttzung des Ausschusses für den Reichs- Haushalt wurde die Beratung der„Allgemeinen Bewilligungen aus deip Reichsministerium des Innern" fortgesetzt. Zur Förderung kulturell gemeinnütziger Einrichtungen und Ber- einigungen sind 500 000 M. angefordert. Dazu lag ein Antrag der Deutschnationalen vor, diesen Fonds auf eine Million zu erhohen. In der Debatte glaubte der Kommunist Rosenbaum die Sozialdemokratie angreifen zu müssen, weil sie im vorigen Jahre diesem Fonds zugestimmt Hab«. Ihm antwortete Genosse Dr. L ö w e n st e i n: Rosenbaum ist offenbar schlecht unterrichtet. Wir haben seinerzeit aus zwei Gründen dem Kulturfonds zuge- stimmt: erstens machten die bürgerlichen Parteien die Bewilligung von 6 Millionen für die I u n g l« h re r von der gleichzeitigen Be- willigung des Ein-Millionen-Äulturfonds abhängig, zweitens war die Zwangsvorlage notwendig geworden, weil der Reichsrat dem Willen des Reichstages sich entgegensetzte. Wir hatten ein politisches Interesse daran, den Willen des Reichstages gegen den Willen des Reichsrats durchzusetzen, das war jedoch nur mit Zweidrittelmehrheit möglich. Nach wie vor find wir grundsätzlich Gegner der Bewilligung von öffentlichen Mitteln für die Pflege von religiösen oder weit- anschaulichen Gemeinschaften. Es gibt religiöse Sozialisten, wie es auch religiös« Kommunisten gibt. Doch die Sozialdemokratie ist eine politische Partei, weder eine Religionsgesellschast, noch eine Antireligionsgesellschaft. Die Pflege religiöser oder weit- anschaulicher Interessen muß Angelegenheit der für diesen Zweck be- stehenden Vereinigungen oder Gesellschaften sein. Auf diesem Stand- punkt stand früher auch das Zentrum, das sich jetzt unter dem Einfluß der Dcutfchnationalen gewandelt hat. Wir lehnen alfo aus grundsätzlichen Erwägung e.n den Kultur- sonds ab. Wenn er jedoch von der Mehrheit des Hauses dennoch angenommen wird, so oerlangen wir selbswerständlich, daß dieser Fonds nicht einseitig verwendet wird. Wir unterstreichen die authentisch« Erklärung der Regierung, daß die Mittel dieses Fonds nicht für kirchliche Zwecke als solche gegeben werden, sondern für Zwecke der seelischen Pflege, an deren Durchführung das Reich interessiert ist. Es kann also die Sub- vcntionierung nicht beschränkt bleiben aus R e l i g i o n s- g e s e l l s ch a s t« n, die Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind. Ich weise auf die Reichsorganisatwn der s r e i g e i st i g e n Ber- bände hin, die etwa«ine Million organisierter Mitglieder hat und die durch eine große Anzahl von Veranstaltungen, die der seelischen Pflege dienen sollen, ein Anrecht auf Unterstützung aus diesem Fonds hat. Ich weise ferner auf die proletarischen Feierstunden des Sozialistischen Kulturbundes hin, die eine be- dcu'.sam« Veranstaltung moderner Erbauung darstellen. Nach der Erklärung, die die Regierung über Absicht und Zweck dieses Fonds gegeben hat, können wir darauf verzichten, die Abänderungsanträge, die wir zu den Erläuterungen stellen wollten, noch in das Dispositiv hineinzuarbeiten. Für ei n m a l i g e Beihilfen für wirtschastlich oder kchturell besonders bedrängte Grenzgebiele verlangt die Regierung Z.Z M Uioncn Diese Berhilsen jind in dem sogenannten Ost-Ausschuß einer langen Beratung unterzogen worden. Der Ost-Ausschuß verlangt sie als einmalige Beihilfe für die wirtschastlich oder kulturell besonders bedrängten östlichen Grenzgebiete Preußens und wünscht, daß die anderen bedräng.en Gebiete aus einem besonderen n-ucn Titel unte' stützt werden sollen. Außerdem ersucht die Regie- rünq für einen von privater Seite zu demselben Zweck aufzunehmenden Kredit von 60 Millionen eine Ausfallbürgschast durch das Reich zu übernehmen Eine Beschlußfassung über diese Titel fand nicht stevt, da der Reichssinanzminister erklären ließ, er könne sich über d'C für dies« Zwecke verlangten Zuwendungen erst nach Ab- schluß der Etatsberalungen äußern. Zur Förderung der von der..R o t g e m e i nf ch a f t der deutschenWissenschaft" verfolgten Zwecke werden im ganzen 8 Millionen Mark angefordert und einstimmig bewilligt. Zur Förderung von Bestrebungen auf dem Gebiete des S ch» l-, Erziehunqs- und Volksbildungswelcns verlangt die Regierung zweimal 150 000 M. Hierzu haben die sozialdemokra- tischen Mitglieder eine Resolution beantragt, die vom Genossen Dr. L ö w e n st e i n ausführlich begründet wird. Sie lautet: Da» große Heer der arbeitslosen Jugendlichen stellt eine Gejährdung der Jugend und der zukünftigen Entwicklung überhaupt dar. Der Uebergang der Schulentlassenen aus der Ge- bundenhcit der Volksschule in die gesundheitlich und sittlich gefährdete trostlose Lage der Berufslosigkeit bedeutet gerade in dem Alter von 14 bis 16 Iahren eine verhängnisvolle Gefahr für die soziale und sitttlich« Weiterbildung. Die Dauer und der Um- sang der Erwerbslosigkeit geben die Möglichkeit, durch die Erweite- rung einer systematischen Ausbildung die Unterlagen für«ine beruf- liche und staatsbürgerliche Erziehung zu geben. Diese Erweikerung der Schulpslichl um 1 bis 2 Jahre müßte ihrem Umfange nach etwa die Stundenzahl der Volksschule umfassen, ihrer Tendenz nach aber eine erweiterte Berussschule sein. Das Reichsministerium des Innern wird ersucht, in Verbindung mit dem Arbeitsministerium und im einzelnen mit den Ländern 1. ein. bis zweijährige Berufs. s ch u l k u r s e für berufslose Schulentlassene als P f l i ch t k u r s e zu schaffen, die, wie die Volksschule, untentgeltlich sind und für die die Lernmittel aus öffentlichen Mitteln zu beschaffen sind: 2. füu aus- reichende wirtschaftliche Beihilfen für die berufslosen Jugend- lichen dieser Kurse zu sorgen. Deutschland- polen- Cnglanü. Erklärungen des Austenministers Zaleski. Der polnische Außenminister Z a l e s k i hat auf der Reise nach Genf in Wien Station gemacht und dem Vertreter eines Wiener Blattes etliche Auskünfte gegeben. Ueber die d e u t s ch- p o l- Nischen Wirtschaftsverhandlungen, deren Förderung er von einer Besprechung mit Stresemann in Genf erwartet, sagte der Minister: „Die polnische Regierung ist jeden Augenblick zur Erneuerung der Verhandlungen bereit unter Behandlung sämtlicher Fragen eines normalen Handelsvertrags als eines G e s a m t k o m. p l e x e s. Bei Aufrechterhaltung dieses ihres grundsätzlichen Stand- Punktes erweist die polnische Regierung ihren besten Willen zur Er- zielung einer Entspannung, indem sie aus dem Abbruch der Ver- Handlungen ihrerseits keine weiteren wirtschaftlichen oder poli- tischen Konsequenzen zieht." Damit hat Zaleski deutlich gesagt, daß Polen die Ausweisungs- und Niederlassungsfrage nicht gesondert vom übrigen Handels- vertrag verhandeln,«ine Einigrmg hierüber also nicht als Vorbe- dingung der eigentlichen Vertragsverhandlungen anerkennen will. Zaleskis weitere Erklärung, daß Polen den Berliner Abbruch nicht mit Vergeltungsmaßnahmen beantwortet hat, wird auch durch die Tatsache bestätigt, daß der polnische Finanzmini st er ange- ordnet hat, ungeachtet des Zollkriegs Warenproben aus Deutschland ungehindert und unverzollt einzulassen. Dann dementierte Zaleski die Meldungen, daß zwischen Polen und England Verhandlungen zur Bildung einer g e- meinsamen Front gegen Sowjetrußland im Zuge seien, nachdrücklich, indem er folgende Erklärung abgab: „Ich ermächtige Sie zu der Erklärung, daß all« solche Meldun- gen, von welcher Seite sie kommen, einfach absurd sind, und daß sie entweder auf Sensationslust oder auf eine Propaganda zu- rückgehen, die den Ostrand Europas nicht zur Ruhe kommen lassen will. Ich erkläre ausdrücklich und entschieden, daß niemals irgendwelche englische Seite, am allerwenigsten die englische R e- g i e r u n g an die polnische Regierung mit dem Vorschlag oder auch nur mit der leisesten Suggestion herangetreten ist, die Lage in Eu- ropn zu verschärfen durch Bildung einer gemeinsamen Front gegen Rußland. Bei seiner auf Frieden gerichteten Politik legt Polen besonderen Wert auf die Erhaltung und Pflege fried- licher, gut nachbarlicher Beziehungen zu Sowjetrußland." In der Tat wird die Neubesetzung des polnischen Gesandten- Postens In Moskau mit Dr. P a t e k, sowie die Besetzung der Lei- tung des Ostreferats im polnischen Außenminisierium mit dem s o> z i a l i st i s ch c n Abg. H o l u f t a als friedensfördernd betrachtet. Sommerzeil in Frankreich. Der Minister für öffentliche Ar- besten hat angeordnet, daß in der Nacht zum 10. April um 11 Uhr die Uhren um 60 Minuten vorgerückt werden. die Genfer verhanölungen. Offizielle Tagesordnung und„private" Gespräche. V. Seh. Genf, 5. März. Die vierteljährliche Tagung des Völkerbundsrates, die am Montag in E e n f beginnt, sollte ursprünglich in Berlin stattfinden. Wie erinnerlich, mar im Herbst vorigen Jahres allgemein davon die Rede, daß die Mächte darin überein gekommen wären, um die Tatsache und die Bedeutung des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund zu unterstreichen, eine der nächsten Sessionen des Rates in der Hauptstadt des Deutschen Reiches abzuhalten. Es lag um so näher, diese Idee auszuführen, als ja der V o r s i tz im Rat turmis- mäßig bereits im Dezember Deutschland zufallen sollte und als Dr. Stresemann nicht gut ein neues Mal seinen Verzicht mit einer ungenügenden Praxis der Völkerbunds- geschäfte begründen konnte. Der deutsche Außenminister wird auch tatsächlich auf der neuen Tagung den Vorsitz führen, was für ihn und vor allem für Deutschland ein ehrenvolles Amt ist. Wir hoffen, daß es ihm dank seiner parlamentarischen Routine und seiner son- stigen geistigen Elastizität gelingen wird, seine fremdsprachigen Hemmungen so zu überwinden, daß seine Geschäftsführung auch nicht äußerlich darunter leidet. Die Absicht, die Ratstagung in Verlin abzuhalten, die noch vor drei Monaten in der ganzen Weltpresse geäußert wurde, ist hingegen längst und stillschweigend auf- gegeben worden. Dieses hängt offenkundig mit der Ver- steifung der Beziehungen zwischen Deutschland und den übrigen Locarnomächten zusammen, die seit der Bildung der Bürgerblockregierung im Reiche eingetreten ist. Daß der deutsche Vertreter zum ersten Male einer Tagung des Völkerbundsrates präsidiert, bildet eigentlich d i e Sen- satton jener Genfer Zusammenkunft, die sonst keine allzu auf- regende Tagesordnung hat. Die Hauptpunkt« des Verhand- lungsprogramms berühren zwar deutsche Interessen und sie sind vor allem für b e st i m m t e Teile des deutschen Volks- tums von großer Wichtigkeit, aber es läßt sich beim besten Willen von ihnen nicht behaupten, daß sie im Mittelpunkt der europäischen Politik stehen. So werden, wie üblich, Dan- ziger Fragen den Rat beschäfttgen. Die in Aussicht gestellte Völkerbundsanleihe zur Sanierung dieses künstlichen Gebildes stößt auf große Schwierigkeiten, deren Ursachen letzten Endes in den Bestrebungen Polens liegen, die wirsschaftliche und politische Selbständigkeit der Freien Stadt Danzig einzuschränken. In der gleichen Linie liegen die o b e r s ch l e s i s ch e n Probleme, Iber die der Rat zu entscheiden haben wird. Auch hier handelt es sich um polnische Versuche einer Zurück- drängung des Einflusses der deutschsprachigen Bevölkerung. Der Deutsche Volksbund in Polnifch-Oberschlesien hat eine eingehende Klage über die vertragswidrige Beeinträchtigung der deutschen Minderheitsschulen durch die polnische Verwaltung an die vom Völkerbund eingesetzte gemischte Kommission gerichtet, deren Präsident, der Schweizer C a- l o n d e r, die deutschen Beschwerden fast auf der ganzen Linie für berechtigt erklärt hat. Auch hier wird der Rat als letzte Instanz entscheiden müssen. Relattv am interessantesten, weil am heikelsten, wird die Beratung der Saarfragen sein Es handelt sich um die feit nahezu zwei Iahren immer wieder angeschnittene und bisher stets vertagte Frage der Zurückziehung der f r a n z ö- fischen Besatzung aus dem Saargebiet und ihrer Er- setzung durch die im Versailler Verttag vorgesehene lokale Gendarmerie. Von französischer Seite wird nun immer wieder darauf hingewiesen, daß, solange ein Teil des Rhein- landes und die Pfalz besetzt bleiben, das Saargebiet, das i m Rücken der zweiten und der dritten Zone liegt, schon wegen der Sicherung des Eisenbahnverkehrs nicht völlig militärifä) geräumt werden könne. Ein rechtlich unhaltbarer Standpunkt, der sich allerdings, wie objektiv zugegeben werden muß, auf beachtenswerte technische Argumente stützen läßt. Die vernünftigste und beste Lösung dieser Schwierigkeit würde zweifellos darin liegen, daß Frankreich die zweite und die dritte Zone unverzüglich räumte rmd daß gleichzeitig oder sehr bald danach die Saarfrage dadurch endgültig aus der Welt geschafft würde, daß das ganze Gebiet ohne die gänzlich überflüssig gewordene Abstimmung Deutschland zurück- gegeben würde. Wäre eine solche ideale und gerechte Lösung in absehbarer Zeit zu erreichen, dann würde man auf die Erörterung jenes Teilproblems der Saarbesatzung ohne' weiteres verzichten können. Daran hatte man in den Tagen von Thoiry offenbar gedacht. Leider ist inzwischen jener Rückschlag eingetreten, der eine baldige Räumung des besetzten deutschen Gebietes ein st weilen nicht erhoffen läßt, und es ist nur zu begreiflich, daß die Saarbevölkerung in Erkenntnis dieser Tatsache auf eine Entscheidung in ihrer eigenen Besatzungsrage drängt, zumal der Wortlaut des Ver- sailler Vertrages für die Erfüllung ihrer Forderungen spricht. Es ist nun ein Komxromißvorschlag ausge- arbeitet worden, der darin gipfelt, die Besatzung bis auf 800 Mann zurückzuziehen, die als„i n t e r n a t i o n a l e" Vcrkehrsfchutztruppe mit besonderer Uniform im Saargebiet verbleiben sollen. Em gewiß unbefriedigendes Verlegenheitskompromiß. Aber diescr-�Vorfchlag ließe sich zur Not akzeptieren, wenn man die Gewißheit gewinnen würde, daß der Geist der Regierungskommission ein anderer werde, als er bisher war. Die Garantie dafür kann nur durch einen Personenwechsel innerhalb der Kommission gestefert wenn es Strefemann gelingen wurde, durch seine neue Aus« spräche die gleichen günstigen psychologischen Vor- aussetzungen zu schassen, die in den Septembertagen von Genf und Thoiry vorhanden waren, und das Mißtrauen zu Zerstreuen, das durch den Eintritt der bisherigen Gegner der Verständigungspolitik in die Reichsregierung bei unseren Verhandlungspartnern entstanden ist. „der Höhepunkt/ Komuiuniste», die sich als Zlozialdemokrateu kostümiere«. „Den Höhepunkt des Nachmittags bildet die Verlesung des Briefes der 32 sozialdemokratischen Genossen an den ADGB. und den Parteitag durch den Vorsitzenden P i e ck.' So liest man im heutigen Stimmungsbild der„Roten Fahne" über die gestrige Sitzung des Essener kommumstischen Parteitags. Sozialdemokraten müssen doch etwas ganz Feines sein. Wenn der große Teddy Thälmann redet, ist es nichts. Aber wenn Sozial- demokraten kommen, gleich hat der Parteitag einen„Höhepunkt". Komische Sozialdemokraten allerdings, die auf den kommunisti- schen Parteitag gehen, um diesem— laut Bericht der„Noten Fahne" — zu erzählen, daß„ihre" Partei„das Proletariat in die Arme des Bürgerblocks getrieben hat". Komische Sozialdemokraten allerdings, die— wieder nach dem Bericht der„Fahne"— schon längst einen solchen Schritt planten. ihn aber immer wieder unterließen, weil sie Furcht hatten, aus unserer Organisation herausgeworfen zu werden. Warum waren diese guten Leute nicht so tapser, sich der KPD. anzuschließen, noch ehe sie aus ihrer Partei hinausgeworfen werden? Aber wären sie Kommunisten, so wären sie ja nicht so schrecklich interesiant. Also müssen sie„Sozialdemokraten" sein, die in sämt- lichen Gelenken schlottern aus Furcht, sie könnten hinausgeworfen werden. Ordentlich gruselig wird einem dabei! Schreckliche Leute sind diese Sozialdemokraten. Sie werfen sogar Mitglieder hinaus, die sich der Regie einer sremden, sie be- kämpfenden Partei dazu hergebe», um auf ihren Parteitagen als Gratulanten aufzutreten. Dagegen sind die Kommunisten ein Musterbeispiel von Toleranz. Siehe Teddy Thälmann, der die Parteitagsdelegierten mit dem Hinauswurs aus der KPD. bedroht, wenn sie bei Kam- m u n i st e n einer anderen Gruppe, aus der Konserenz der Ruth Fischer-Maslow. einen Besuch machen. Aber nicht die Bedrohung von Parteitagsdelegierten mit dem Hinauswurs war der Höhepunkt. Der Höhepunkt war das Auftreten der als„Sozialdemokraten" kostümierten kommunistischen Parteitag»- gratulanten. Massenflucht aus der„Granatcnpartei". Hunderttausende vor- mals kommunistischer Arbeiter finden den Weg zur Sozialdemo- kratie zurück. Der kommunistische Parteitag aber findet seinen Höhe- punkt in einer M a s k c n o e r a n st a l t u n g. bei der sich einige der noch übrig gebliebenen KommiMisten als„Sozialdemokraten" kostümieren! Kinder! Kinder! Wer ist Wenzki? Essen, ö. März.(Eigener Drahtbericht.) In der Berichterstattung über den kommunistischen Parteitag in Esten wird u. a. auch in reklamehaster Aufmachung von dem Auftreten eine».sozial- demokratischen Arbeiter" Wenzki gesprochen, der„mit lebendigen Worten die Grüße der sozialdemokratischen Klasscngcnoisen über- mittelt«". Es lohnt wirklich nicht, diesen groß aufgemachten Wcnzkischwind e l ernster zu nehmen alz den jungen noch nicht 22jährig«n Volkstribun selbst, der schon seit einiger Zeit im Ruhr- gebiet herumreist und sich als radikalen Helden in allen möglichen Veranstaltungen feiern läßt. Zur Kennzeichnung der kommunistischen Reklame ist es jedoch wichtig, mitzuteilen, daß dieser Sozialdemokrat Wenzki im Parteileben der SPD. nirgendwo in Er- s ch e i n u n g getreten ist. Nicht einmal das Amt eines Funktionärs wurde dem jungen Mann während zweijähriger Mitgliedschaft ange- tragen. Er erregte mit seinen Redensarten in partcigenössischen Kreisen nur mitleidiges Lächeln. Charakteristisch ist die Tatsache, daß dieser«enzki, einmal von der Partei gestellt, Fe« stritt, die in der kommunistischen Press« veröffentlichten Aeußerungen gegen die„verräterische Sozialdemokratie" getan zu haben. Rur dem Versprechen, von der kommunistischen Preste eine Berichtigung zu fordern, verdankt Wenzki noch seine Mitgliedschaft, «r wäre sonst schon vor einigen Wochen ausgeschlossen worden. Daß er nach seinem letzten Austreten als„sozialdemokratischer Arbeiter" auf dem kommunistischen Parteitag seiner Mitgliedschaft in der Partei verlustig wurde, versteht sich von selbst. Die Kommunistische Partei gibt sich mit seiner Hilfe nur der Lächerlichkeit preis. Zriüericus Holtz. Ein Bekämpfcr republikanischer Korruption. Berlin ist groß. In einer großen Stadt erscheinen auch allerlei Presseerzeugnisse zweifelhafter oder auch unzweifelhafter Natur. Ihnen gegenüber gibt es für anständige Leute nur einen Grund- satz: ihnen keine Beachtung zu schenken. Nun sind wir aber wiederholt gefragt worden, warum wir uns um den frei erfundenen Schmutz, mit dem der sogenannt«„F r i d« r i c u s" allwöchentlich republikanische Führer überschüttet, nicht im geringsten kümmern. Täten wir es, so hieße das, dem Fridericus Karl H o l tz, der das Blatt macht ui-d zeichnet, zu viel Ehre antun. Dieser Herr hat seinen Beruf zum monarchistischen.Schriftsteller" erst entdeck� noch« dem er sich als Beamter durch grenzenlosen Leichtsinn amifäy unmöglich gemacht hotte. Er ist vielmals v o r b e st r a f t, keines- wegs nur wegen Prestevergehen, sondern auch von anderem ab- gesehen, wegen Untreue, Unterschlagung und Be t r u g. Der Gesinnungsfreund dieses Fridericus Holg, Herr W. B a c- m e ist e r, schrieb jüngst in der.Bergisch- Märkischen Zeitung", „daß er die braven Leute vom„Fridericus" beglückwünsche" — warum auch nicht, kämpfen die Herrschaften doch oereint gegen die.republikanische Korruption". Wir denken an ein bekanntes Wort des alten Fritzen und verzichten auf das Zweifel- hafte Vergnügen, uns mit solchen Leuten herumzuschlagen. Abschluß öer Hraff-Märe. Kaws und Sngler zu k« Jahren Gefängnis begnadigt. Stettin, ö. März.(Eigener Drahtbericht.) Die Grafs- Affäre, die seinerzeit erhebliches Aufsehen erregte, hat nunmehr ihren Abschluß gefunden. Die beiden ini Juli l92ä vom Schwur- gericht Stettin zum Tod« verurteilten ehemaligen Polizei- Wachtmeister Kaws und Enyeler sind vom preußischen Staatsmini- sterium zu tOIahren Gefängnis begnadigt worden. Die im besetzten Gebiet von einem belgischen Gericht wegen der Ermor- dung des Leutnants Grafs zu Unrecht Verurteilten sind, wie erinncr- (ich, schon vor einiger Zeit entlassen worden. die ermäßigten LebensmittelzöAe. Bis Ende Juli verlängert. Da» Reichskabinett hat beschlossen, die bestehend« Ermäßigung der Lcbensmittelzölle— sie sind auch so wahrlich hoch genug!— bis zum 31. Juli d. I. zu verlängern. Nach§ i des Zollgefetzes ist die Reichsregierung berechtigt, diese Verlängerung durch D e r o r d- n u n g, also ohne Befragung des Reichstagsplenums, vorzunehmen. und so wird auch verfahren.__ Marx bei LSb«. Der Reichskanzler Dr. Marx stattete heute mittag 12 Uhr in Begleitung des Reichsia�sabgeordneten Dr. Moses dem Reichstagsprsidenten Genossen L ö b e einen Besuch in der Klinik ab. Der Reichskanzler gab feiner Freude über den bisherigen guten Der- lauf der Operation Ausdruck und fügte die Hoffnung hinzu, den Prästdenten bald wieder in altenfrische und bei gutem Humor seines Amtes walten zu sehen. Löbe war über den Besuch des Reichs- kanzlers sichtlich erfreut. Sachsen» neuer Innenminister. Der sächsische Ministerpräsident hat den Professor des öffentlichen Rechts an der Universität Leipzig, Dr. jur. Willibald A p e l t, der der Demokratischen Partei ange- hört, zum Minister des Innern ernannt. werden, wobei nicht nur auf die Ernennung eines wirklich neutralen Präsidenten an Stelle der zurückge- trctenen Kanadiers Stephens, sondern auch auf die Ersetzung des hyperfranzösischen Belgiers Lambert durch eine ob- jektivere Persönlichkeit Wert gelegt werden muß. Deutschlands Position gegenüber all diesen Fragen, die es teils unmittelbar, tells aus begreiflicher Stammessolidarität berühren, ist f e tz t zum Teil stärker, zum Teil auch schwieriger geworden. Jetzt wirkt es an den Lösungen des Völkerbunds- rates mit. Gegenden Widerspruch desdeutschen Vertreters kann keine Entscheidung gc- troffen werden. Das erleichtert zweifellos in un- geheurem Maß«— im Vergleich zur Vergangenheit— die Verteidigung der deutschen Interessen. Zugleich aber bedeutet dieser Umstand einen ZwangzumgutwilligenKom- p r o m i ß. In der internationalen Diplomatie und ganz besonders in der Genfer Völkerbundsatmosphäre läßt sich ein nationaler Standpunkt niemals hundertprozentig durchsetzen. Aber je größer der Prozentsatz der Nachgiebigkeit ist, den man im Interesse der Gesamtstellung seines Landes in der Welt- Politik aufbringen muß, desto größer ist auch die Gefahr, von der n a t i o n a l i st i s ch e n Demagogie im eigenen Lande angegriffen und verleumdet zu werden. Vielleicht ist diese Gefahr für Herrn Strefemann zurzeit geringer, nachdem die Deutschnationalen in die Reichsregierung aingstreten sind. Menschenkenner behaupten sogar, daß das einer der Haupt» gründe war, weshalb gerade er sich während der Krise für das Zustandekommen des Bjirgerblocks«ingesetzt hat. Soviel über den offiziellen Teil der Genfer Rats- tagung. Aber wie schon im Dezember 1926, als die eigentliche Tagesordnung des Völkerbundrates nur nebensächliche Be- demung hatte im Vergleich zu den sonstigen B c- sprechungen der Staatemänner über die Aushebung der Militärtontrolle, so wird sicherlich airch diesmal das politische Schwergewicht auf jene Veratungen gelegt werden, die hinter den Kulissen des Völkerbundrates abgehalten werden. So dürsten die Äußenminift erDeutschlands und Polens in den nächsten Tagen die Gelegenheit ihres Zusammenireffens in Genf wahrnehmen, um zu versuchen, den unerguicklichen deutschpolnischen Konflikt soweit zu be- heben, daß die unterbrochenen Handelsvertragsverhandlungen demnächst wieder aufgenommen werden können. Ein weiterer wichtiger Gegenstand der„privaten" Gmfcr Unterhaltungen dürft« die Lage im F e r n e n O st e n sein. Dabei ist immer mit der Möglichkeit zu rechnen— besonders wenn in den nächsten Tagen kritische Ereigniffe eintreten sollten—, daß der chinesische Vertreter im Rat, T s ch u, einen Borstoß gegen England im Völkerbundrat untennimmt. Im Zusammenhang mit China wird natürlich auch der englisch-russische Konflikt im Vordergrund der Genfer Gespräche stehen. In allen diesen Fragen wird sich Deutschland davor hüten müssen» Partei zu ergreifen. Es hat tcin Interesse daran, sich in einen Gegensatz zu Graßbritannien treiben zu lassen, aber es muß mit oer gleichen Entschieden- heit jeden Versuch zurückweisen, sich in eine Front gegen das russische oder chinesische Volk drängen zu lassen. Deutschland kann wohl in diesen Dingen eine bedeutungsvolle Rolle spielen, aber nur eine Vermittlerrolle, am besten im Einvernehmen mit Frankreich. ... Natürlich wird die deutsch- französische Frage, d. h. in erster Linie die Räumungsfrage, zwischen Briand und Strefemann, wiederum erörtert werden. Die Erklärungen des französischen Außenministers vor den deutschen Presse- Vertretern in Paris am Donnerstag zeigen, daß er sich, da er nun einmal nach Genf fährt und mit Stressmann zusammen- trifft, einer Aussprache über jenes Problem nicht aus- weichen will, das er selbst als das Kernstück der europäischen Friedenspolitik nach wie vor ansieht. Ob aber die Erörterung uns dem erstrebenswerten Ziel der baldigen Rheinland- räumung näherbringen wird, muß leider bezweifelt werden. Es wäre schon, so wie die Dinge seit dem Rechtsumschwung in Deutschland nun einmal liegen, ein beachtlicher Erfolg, Schanghai. Bon einem Golegenheits-Kohlcntriniincr. „Look— see master: look— see, Mosterl Allright? Allright?" So tönt et uns in reinstem Pidgin-Englisch von ollen Seiten ent- gegen, als wir. mein.„Kollsx" und ich. das Fallreep unseres lieben, alten Kastens himinterkletterten, der uns als Trimmer von Hamburg über die Weite des Indischen Ozeans bis nach Schanghai gebrocht hatte, um sich ein paar Tage zu erholen. Eisen und Maschinen aus seinem Schlund zu speien und den unersättlichen Bauch mit allerhand Chinawaren vollpfropfen zu lasten. Kaum sind wir unten und haben wieder festen Boden unter den Füßen, als wir von einem reichlichen Dutzend wild schreiender. tobender, fuchtelnder Kulis umringt werden, deren Geheul sich bei näherem Zuhören als»ine ebenso herzhafte, wie vergebliche Be- mühung um. die Reiz« der englischen Sprache ausnimmt. Wenn die Zunge versagt, müssen Arme, Beine, ja der ganze Körper mithelfen, um uns twrzumachen, daß wir ein« Ritsha mielen sollen. Es sind Rikjha-Kulis. Sie bieten uns ihr Gefährt an, jenen eigentümlichen zweirädrigen Karren, besten Lenker und Zugtier der Kuli ist. Wir schließen uns dem ersten besten an. besteigen seinen Wogen und— heidi, so geht es in scharfem Tempo der inneren Stadt zu. In langen federnden, fast springenden Sögen laust der Chinese vor uns her, kaum langsamer als der Pony des Ponywagens. Ka- leidostopartig, in silmhaster Roschheit gleiten Straßenbilder und Pastanten an uns vorbei, auf die wir in lächelnder Ueberlegenheit hrrabblicken. Sanft nach hinten gelehnt, vergesten wir— die Kulis des Ozeandampfers— in der leicht über den Asphalt wippenden Ritsha den Chinesen vor uns, der sich für uns anstrengt. Uns trennt � eine Wand von Gedanken, die man leichthin„Zivilisation" nennt. Hafenviertel und„Broadway-East" liegen hinter uns. Auf einer breiten Drück« überqueren wir den Soochowfluh und befinden uns bald im Fremdenoiertel, in der englischen Konzession. Fast könnt« man vergesten, in China zu sein und sich itt Amerika glauben. Welt- städtischer Verkehr, eine Unzahl von Trams und Autos umtost uns. Weit erstreckt sich vor unseren Augen der„Bund", die Hafenstraße. Rechts türmen sich in langer Reih« die stolzen und protzenden Wolkenkratzer der englischen Banken und Schiffohrtsgesellschaftcn. Gebäude von einem Ausmaß, einem Prunk und Luxus, wie wir ihn in Deutschland höchstens in Hamburg kennen oder aber auf den Bildern des hochkapitalistischen New Pork gesehen haben. Hier sind die Paläste derer, die tatsächlich Schanghai und sein Hinterland be- herrschen und all den Stolz und die Brutalität einer Herrscherkaste in jeder Aeußerung ihres Lebens, in jedem Blick zur Schau tragen. Wir verlasten die Hauptstrahe und biegen mit unserer Riksha in irgendein« Querstraße ein. Jin Nu, in wenigen Sekunden, ist die «nglisch-amerikanische Hochburg den Blicken entschwunden. Enger «erden die Gasten, schlechter das Pflaster. Bon europäischer Bau- art der Häuser ist nichts mehr zu sehen! Die überragenden schönen Gestalten der indischen Polizisten sind bald verschwunden! Das Ge- wühl der Straßenbahnen und Autos ist wie durch einen Zauber hinweggefegt. Weit und breit zeigt sich kaum«in europäisches Ge- ficht, überall nur„Chinamcn". Die Ritshaleutc müssen sich mit ihren stereotypen.,Heho".Rufen mühsam einen Weg bahnen. Rur als einen Typus empfinden wir den Cbinescn. Da brüllen Straßen- Händler, dort preisen Verkäufer in schrillen Tönen ihre Ware an, hier neben uns streckt wimmernd ein alte» Mütterchen, Mitleid und Entsetzen einflöhend, ihre nackten Armstümpse in die Luft, immer dieselben für uns unverständlichen Worte vor sich hinweinend. Keiner kümmert sich um sie! Es mutet wie eine„notwendige" Begleit- crscheinung europäischer Zivilisation an. Sein charakteristisches Gepräge aber erhält das Stroßenbild durch die vielen bunten Fahnen, die in unabsehbarer Reche unseren Weg umsäumen. Eine fast betäubende Buntheit und schreiende Farbcnsinsonie flattert im Winde und überfällt unser Auge. Nir- gcnds ein Ruhepunktl Immer neue Schriftzeichen und Drachen- sratzen umfluten uns. Es ist Abend. Eine verwirrende Fülle von Lampions und Laternen, die jeder Ladenbesitzer heraushängt, umströmt uns. Von allen Seiten Licht, rot, blau, grün und weiß, auch dadurch«ine Atmosphäre von Wörme. Lebendigkeit und Bewegtheit erzeugend. Man vergißt sehr bald und gern die riesigen blendenden Bogen- lampcn Europas, die im Vergleich mit den hiesigen doch nur kalt und tot, allzu zweckmäßig erscheinen. Es duftet aus den Gasten und den Schmutzwinkeln. es duften am meisten die Menschen selbst! Schwer zu beschreiben ist ihr Ge° ruch, ein« Mischung vielleicht von Moschus und Knoblauch. Beim einzelnen wohl nur schwach wahrnehmbar!— Die Mäste strahlt ihn unwiderstehlich aus.— Alles durchdringt er. Nirgends kann man sich ihm entziehen. Alle diese Düfte vermischen sich zu einem Brodem, durchsetzen die ganze Luft. Man muß ihn einmal in der Nase ge- habt haben, um ihn nie wieder zu vergessen. Schon von weitem kündet er dem Eingeweihten die Nähe der„Söhne des Himmels". So tritt uns dies seltsame Land auch in den Aeußerungen de» alltäglichen Lebens als etwas völlig Fremdes, Unbekanntes, ja Un- verständliches, von einem anderen Lebensrhythmus Getragenes«nt- gegen. Und doch fühlen wir eines unbedingt: Dahinter steckt ein Leben voll starker Bewegtheit, getrieben von Impulsen, die von un- verfälschter Eigenart auegelöst sind. Die üeutsche Theaterausstellung Magdeburg. Di« Leitung der„Deutschen Theaierausstellung Magdeburg 1027' hatte am Freitag zu einer Kundgebung im Sitzungssaal des Herren- Hauses eingeladen, Oberbürgermeister Beims- Magdeburg begrüßte die Erschienenen. Die Stadt Magdeburg, so führte er aus, hone die Deutsche Theaterausslellung vorbereitet, weil es wichtig erschien, in dieser Zeit des Ringens um die Wiedererlangung der Weltgeltung auch für die deutsche Theaterkunst und damit für die deutsche Kultur etwas zu tnn. Weit über die deutschen Grenzen hinan? hat der Ruf der Stadt ein lebhaftes Echo ausgelöst: die 'Schweiz, Oesterreich, Lettland und andere mitteleuropäische Länder und fast alle Theater im Auslande beteiligen sich an der Ausstellung. Aber auch in westlichen und südlichen Ländern Hot die schon geleistete Arbeit Aussehen erregt. Was bisher geleistet wurde, hat Magdeburg au» eigenen Mitteln geleistet. Die pekuniäre Hilfe ist bislang von Reich und Staat oersagt geblieben. Das Wert kann aber bei feiner Eigenart nur dann«inen vollen Erfolg haben, wenn alle Interessierten opferwillig daran mitarbeiten. Dr. R a p p, Leiter des Theatermuseums in München, ver- breitete sich dann über Sinn und Ziel der Aiisstelluiig. Den Kern der Ausstellung bildet das deutsche Theater der Gegenwart. Die deutsche Tdeatertnltur von heute ist das Grundthema, dos in aller Ausführlichkeit und Breite, in ursächlichen Zusammenhängen und bildhaster Aeußerung gezeigt werden wird. Aber auch die Der- flechtung des Theaters mit der Wirtschaft und den sozialen Be- strebungen unserer Zeit wird augenfällig werden. Dr. Rapp ge- dachte hierbei der Arbeit der großen Organisationen. Darauf sprach der preußische Kultusminister Dr. Becker. Er betonte, daß er gern das Protektorat über die Ausstellung über- nommen habe. Sowest es an ihm liege, soll der Ausstellung alle staatliche Förderung zuteil werden. Wenn der preußische Staat sich für die Magdeburger Ausstellung einsetze, so geschehe es, weil für den Staat das Theater besondere, für«inen Kulturstaat unentbehrliche Werte allen geistig Ausgeschlosienen eines Belkes vermittle. Die hohe ethische Wirkung des Theaters sei es, auf die das vielbelächelte Dichterwort von der„moralischen Anstalt" zielte: an ihr ist der Staat durch seine inneren Pflichten interessiert. Hier lebt ihm ein dauerndes, weithin vernehmliches Parlanient. Der Staat hat Mittel zu bieten, die Bestrebungen zu fördern, die dieser geistigen Freistatt zugute kommen. Wem es ernst ist mit dem Geistigen, dem ist es ernst mit dem Theater. Als letzter Redner sprach der Vorsitzendes des Aufsichtsrates C. Miller- Magdeburg. Er betonte besonders die geplante und sicherlich auch zu erreichende Wirkung der Ausstellung auf die große Menge. Die Besucher sollen dabei nicht nur vor, sondern auch hinter der Bühne sitzen: die große Volksbühne wird von hinten her dem Beschauer ein imposantes Bild vermitteln von dem, was hier an Arbeit zu leisten ist._ Lrllaufstihrvngkn der Woche. Vieri»« Thealer be« Selten«:..C a m ä d i e s r« n o a i 1 1*.— irnttn. Städtische Over: a l li a l st. Areit. Tv. i. it. Litzonmrabe:„Die Frau ohne Man Settaed. Schauspitihimd .v c g u n g» t e ch ni k". läzlich: Rutzlandstlm:.Da« rote G e b e i m u i»- mit ZZortrag von Dr. sibmid. vi«a»t vona. Zerit. Sounod.- Ka ri t o t n r e n» e i ch n e r Richards».: V>en»t.>3):.Feuerbestattung". IMItiv.(7): Prol. S. Licpmann- .Seltanschauung und Gesundbeit-. Donnerst.: ,G e n» g» mittel". Sonaab.(S): Cbrift. L-drn:.U« b- r KiwatinS Eis. leide r'-(S>:„Von der Kopleronftalt bis zur Kina leinewand". VI« Haas Ib««»�ira»h>t-Uu»slellung in den Räumen der Akademie der Künste. Pariser Platz 4. wiid am Sonntag, den«. März, nachmittags ä Ubr, geschlossen. Ter Eintrittspreis ist für die letzten Tage aus 0,50 NM. ermäßigt worden. Die gewandelte Kaserne. Die ciroße alle Kaserne in der FricdnchGrabe hat mtht nur ein neues, freundliches Aussehen erhalten, sie ist auch einer neuen, Büros des L a n d e s f i n a n z a in t e s und«inigen Wohnungen birgt sie jetzt säst die gesamten Betriebe und Abtei» lungen des<5 tu dentenwerks, das den nördlichen Flügel einnimmt. Durch geringen Umbau ist hier ein« Gelegenheit ge- schaffen, alle bisher verstreut liegenden Abteilungen zusammen- zufassen, sodatz die so dringend nötige Einheitlichheit erreicht ist. Ein großes freundliches Tor nimmt den Besucher ans. Im Erdgeschoß liegen wie bisher der„SludenIendnHf, die Druckerei des Studentenwerks, und die mens» ocsckmica, die studentische Volksküche, in der täglich über IZlXZ Studenten zu einem Abonne- mentspreis von 40 Pf. für die Mahlzeit gespeist werden. In den oberen Räumen sind die Büros und Betriebe untergebracht. Das „Studentenwerk E. A." ist im November 1923 aus der Zusammenlegung verschiedener Unterstützungs- und Selbsthilfsorganisationen entstanden. Der aus 1Z studentischen und lö nichtstndentischen Mitgliedern bestehende Verein hat neben besonderen Ausgaben zentraler Werbung und Bertretung gegenüber Behörden und Privaten das Ziel, alle Arbeiten zur Hebung der wirtschaftlichen Lage der Bcr- liner Studierenden zu fördern und ihre körperliche und geistig« Leistungsfähigkeit zu stärken. Aus dieser Zielrichtung sind die einzelnen Zweige der Arbeit entstanden. Die Fürsorge umfaßt die Einzel- und Krankenfürsorge, die Vergünstigungen, Sachspenden, das Dorlehnswesen und die Arbeit für den Bezirk Brandenburg der„Studienstiftung des Deutschen Bolkes". Die Krankenfürsorge verschafft bedürstfgen Studenten Heilstättenaufenthalte im Gebirge und an der See. Die Darlehnskasie gewährt hauptsächlich Examens- kandidatcn für die Zeit ihrer Examenvorbereitung langfristige billige Darlehn, während die in die Studienstiftung Aufgenommenen ein freies Studium und vollständige Unterstützung er- halten. Die vielseitigen Betriebe des Etudentenwerks tragen wesentlich zur Berbilligung des studentischen Lebens bei und ver- schaffen vielen Studenten Erwcrbsmöglichkeiten. Zu der schon ge- nannten mensa»caäemics treten vier weitere Küchen, sodaß ins- gesamt täglich ZZOO Studenten, davon 800 unentgeltlich, gespeist werden. Schuhmacherei, Schneiderei. Wäscherei, olle so arbeitend, daß der Ueberschuß dem Unternehmen wieder restlos zugeführt wird, ermöglichen dem Studenten eine billige Erhaltung und Neuan- fchaffung seiner Kleidung, sodaß sein Lebensunterhalt um ein Drittel der Normalhöhe herabgesetzt wird. Aber es gibt viele Studenten, die sich auch die nötigen Zwei- drittel verdienen müssen Sie finden Arbeit und Verdienst durch die arbeitschasfenden Betriebe. Das akadeimsche Erwerbever- mittlungramt vermittelt Studenten an Behörden und an Private. Zumeist werden Nachhilfestunden, Saisonarbeit und Aushilfe ver- mittclt. Viele Studenten sind in Betrieben beschäftigt, die eigens für diese» Zweck geschassen sind. Das akademische Uebersetzungs- und Dolmetscherbüro„Aküdo" Berlin hat mit großem Erfolg schon seit Iahren gearbeitet. Weitere Berdinstmöglichkeiten bieten das Akademische Iniormationsbüro„Z s i t b l i 6", ein sehr leistungs- sahiges Büro für Zeitungsaussckmiti«, und als neuestes Unter- nehmen der„Akademische Bilderdienst�, der die Bilderbeilagen der Presse mit Photographien und entsprechenden Artikeln. insbesondere solche studentisch-akademischen Charakters, versorgt. Außer diesen Büros und Betrieben sind hier einige Räume als Versammlungs- und Ausenthaltsräum« eingerichtet und noäi im Entstehen begriffen, die auch den Studenten und ihren Verein!- gungen zur Verfügung stehen merden. Auch ist die Zusammen- legung dieser Räum« mit den Abeiteräumen des Studentenwerks zu begrüßen, da eine engere Verbindung der Studenten mit Ihrer Zentrale zu erhoffen ist. Man darf annchmen, daß durch diese Zu- sammenfassung der ganzen Abteilungen die Leistungsfähigkeit des Studentenwerts sich erheblich steigern wird. Kreöitwünsche der Provinz Brandenburg. Zur Förderung der brandenburgischeu Grenzmark. Der Brandenburgische Provinziallandtag nahm am Freitag einstimmig eine Vorlage an, die den brandeuburgischcn Grenzkreisen im Osten, insbesondere den dortigen Kleinbauern und Kleingewerbetreibenden, einen Kredit von zwei Millionen Reichsmark auf drei Jahre zu den Selbstkosten, höchstens aber zu sieben Prozent Zinsen zur Verfügung stellen will. Diese Kredite sollen in den einzelnen Kreisen durch die jeweiligen Sparkassen verteilt werden. In der Begründung wies der Berichterstatter auf die schweren Schädigungen hin, die dem Osten der Provinz Brandenburg durch den Verlust der östlichen Absatzgebiete infolge des Versailler Dik- tats entstanden sind. In Frankfurt a. d. O. sind 50 bis 50 Proz. der Ge- samtarbeiterfchaft erwerbslos, die Textilindustrie in den frag- lichsy Kreisen liegt fast völlig danieder, chinzu käme, daß Tausende von Flüchtlingen in diese Ostgrenzmarken der Provinz Brandenburg geströmt sind. Hierdurch fei auch die Wohnungsnot ganz er- heblich verschärft. Verlangt wurde uifter anderem die Kultivierung des Netze-, Warthe- und Oderbruchs sowie die Ausführung van Flußregu- lierungsarbeiten mit Reichs- und Staatshllf«. Ebenso wurde di« Förderung der Bauernsiedlung nachdrücklich gefordert. In der Debatte erklärte ein Vertreter der Girozentrale die Be- reitschaft seiner Organisation, zwei Millionen Mark an Krediten zur Verfügung zu stellen. Die Linksparteien verlangten, daß der Zins- fuß für die geforderten Kredite niedriger als 7 Proz. gehalten werden soll. die Waffen im Arsenal. .Altmaterial'— nicht Schutzbundrnstung. Die Wiener Christlichsozialen— und in Uebereinstimmung mit ihnen auch reichsdeutsche Reaktionsblätter— verbreiten geflisientlich die Behauptung, im ehemaligen Wiener Arsenal habe man funkel- nagelneue Waffen in großen Mengen— jetzt sind es schon 10 00«) Gewehre— beschlagnahmt, und der Republikanische Schutzbund, die Abwehrorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterschaft, sei der wahre Eigentümer und Ausstaplcr dieser Wafsenvorräte. Sogar die christlichsoziole Bundesregierung des so fanatischen Antisozialistcn Dr. S e i p e l und selbst ihr aggressivstes Mitglied, der Wehrministcr B a n g o i n, hoben bisher diese Behauptung nicht aufzustellen ge- wagt— wahrscheinlich darum, weil sie sofort genötigt würden, sie zu beweisen: aber hintenrum läßt man diese Mär kreisen und ver- rät dadurch nur um so deutlicher, daß die ganze Aktion ein Wahl- t r i ck ist, unternommen, um durch einen„Bolschewisten"schreck oll die Sünden der Christlichsozialen vergessen zu machen— von ihrer turmhohen Korruption und der Verschleuderung von Staatsgeldcrit zur Sanierung von(überdies noch jüdischen) Spekulanten bis zu ihrem neuesten Wucherzollprojekt und bis zur Verzettelung und aufreizenden Verschlechterung der Sozialoersicherung. Demgegenüber ist festzustellen, daß das ehemalige Arsenal nach dem Zusammenbruch dank der Energie unserer Genosien nicht ein- fach und dauernd stillgelegt, sondern in die gemeinwirtschaftlichen ..Oesterreichischen Werke" umgewandelt worden ist. Da wurden, wie wir selbst einmal zu sehen Gelegenheit hatten, landwirtschast- liche Maschinen aller Art mit leichten und billigen Hilfsmotoren, solche auch für Fahrräder und Boot«, sowie Jagd- und Kleinwofsen von ausgezeichneter Qualität bis zur Luxusausstattung hergestellt und zwar durchaus mit Genehmigung der scharf aufpassenden Jnteralli- irrten Abrüstungskontrolltommission. Di« jetzt durch einen voll- kommen rechtswidrigen Einbruch unter gesetzwidri- gem Militäraufgebot, und zwar unter Heranziehung nur solcher Kompagnien, di« größerenteils aus christlichsozialen , Wehrbündlern" bestehen, aus dem Arsenal weggeholten Gewehre und Gewchrbestandteile sind alte Restbestände noch von der Demobilisierung her. Zu ihrer Verwertung ist eine eigene Ver- wcrtungs stelle errichtet worden, die ins In- und Ausland verkaufte und zu ihren Käufern gehört« auch— das Van- goinfche Bundesministerium für Hcereswefen! Jetzt freilich war es des Kaufens und Zahlenz müde und holte sich die Bestände einfach so— mit brutaler Gewalt, durch Einbruch in eine Zioilsabrik, deren Houpteigentümer übrigens der Staatsschatz — aber nicht das Wehrministcrium— ist. Es ist doch bezeichnend genug, daß die Regierung die Aus- führungcn des Genosien Dr. Bauer im Nationolrat, auf die sich vorstehende Angaben stützen, mit keinem Wort bc st ritten, geschweige denn widerlegt hat! » Der ganze Schutzbundschrecken wird aber den Christlichsozialen nichts nützen: schon aus dem einfachen Grund, weil jeder Mensch in Deutschösterreich nur zu gut weiß, daß die H e i m a t w e h r e u der Gutsbesitzer und Großbauern ebenso wie die „Frontkämpfer" der städtischen Reaktionär« schwer b e- waffnet sind! Sie zeigen es offen bei jeder Gelegenheit. Wir selbst erinnern uns sehr gut, beim großen Volkstrachtenfest in Münck)«» am Pfingstsonntag 1921 starke Trupps Tiroler Heimat- wehr mitdemStutzenüberderSchulter unter dem Jubel der kahrbayerischen Patrioten vorüberziehen gesehen zu haben. Und im Laufe der Jahre sind zwar in Deutschösterreich schon eine ganze Reihe sozialdemokratischer Arbeiter und Schutzbündler von Front- iämpsern und Hitlerianern erschossen worden— niemals aber haben unsere Genosien von Feuerwaffen Gebrauch gemacht, selbst in der Abwehr feindlicher Schüsse nicht—, weil sie eben keine Waffe» führten! Noch zuletzt, nach dem feigen Mord in Schattendorf, hat es zwar Steinwürfe gegen das Mörderheim der Frontkämpfer ge- geben, aber nicht einen Schuß gegen sie. Dafür hat man jetzt auch drei Schutzbündler in Schattendorf verhaftet— eine jener Provo- kationen, auf di« es die Reaktion in Deutschösterreich systematisch anlegt. Schwer bedroht ist di« deutschösterreichische Arbeiterschaft von den hohcnorts protektierten Faschisten im eigenen Lande wie von den lauernden Banden Horthy- Ungarns und von seiner starten G-Heimarmee. die die Entente durch stille Duldung und offen« Förderung aufzustellen geholfen hat. Da, wissen nicht nur die Arbeiter und Angestellten, auch die Kleinbauern und Landorbeiter sind desien innc. Und darum würde es den Werbeaussichten der Sozialdemokratie, deren positive Arbeit im Wiederaufbau eines ge- sünderen Wien ihr stärkstes Werbekapital ist, gar nicht schaden können, wenn der Schutzbund, dem Beispiel der Heimatwehren. Front- kämpser und Hitlerioner folgend, sich sogar bewaffnete. Er tut es aber gar nicht, weil die Sozialdemokratie des ausschlaggebenden Gewichts der ungespaltenen, straff organisierten, geschulten und opferbereiten Arbeiterklasse zu sicher ist. als daß sie zu den Mord- Mitteln ihrer Gegner griffe. Die aber werden mit der neuen Hetze ebenso wenig erreichen wie mit thren Ueberfällen. Im Gegenteil: die Namen der heimtückisch ermordeten Genossen werden in der Wahlschlacht befeuernd leuchten, wie die Erinnerung an di« Mär- tyrer di« Glaubensstreiter des früheren Christentums über alle Der- fclgungen siegen ließ! polizeibeatnte als Zeugen. Weitere Vernehmunge« im Jürgensprozeß. Zu Beginn der heutigen Verhandlung teilte der Vor- sitzende zunächst mit, daß das Gericht die von der Staatsanwalt- schaft und der Verteidigung vorgeschlagenen Sachverständigen- gutachten über die Frage, ob der Einbruch bei Jürgens von Kam- muniften verübt fein kann, für diesen Fall überhaupt für unerheblich hält. Aus formalen Gründen mußte jedoch der von der Staats- anwaltschaft bereits geladene Sachverständige Polizeirat Mittasch gehört werden. Diese Vernehmung wurde sofort durchgeführt, und zwar wurde Polizcirat Mittasch darüber gehört, ob nach den Ersah- rungen der Berliner Politischen Polizei onzuneh- wen sei, daß Kommunisten, wenn sie Aktenstücke oder Geldbeträge rauben, oder ein Attentat gegen ihnen mißliebige Personen begehen wollen, so vorgehen, wie dies im Falle Jürgens in Stargard ge- schehen sein soll. Der Sachverständige betonte zunächst, daß er sich nur aus die Erfahrungen der Berliner Polizei stützen könne, die keine Zentral-, sondern eine Ortsbehörd« sei. Aus diesen Ersah- rungen heraus lasse sich nicht sagen, daß es eine bestimmte Art und weise oder eine typische Form dafür gäbe, wie Kommunisten straf- bare Handlungen dieser Art oder Straftaten überhaupt begehen. Es sei auch nicht möglich, wie es der Kriminalist bei der Bearbeitung der gewerbsmäßigen Verbrechen könne, nach der äußeren Form der Tat auf den Kreis der Täter zu schließen. Es gäbe wohl kaum eine Stelle in Deutschland, die bei diesen Straftaten derartige Fest- stellungen machen könne. Dann wurde der Polizeiassi st ent Gerber aus Star- g a r d vernommen, der über die ersten Nachforschungen nach dem Einbruchsdiebstahl berichtete. Er behauptete, daß der Hund des Landdirektors Jürgens nur mit dem Schwanz gewedelt und seinen Herrn angesehen habe. Auch der herbeigeholte Polizeihund habe keine Kpur gesunden, weil anscheinend keine vorhanden gewesen sei, sondern habe immer die Nase hochgetragen. Aus die Frage des Borsitzendcn, warum denn der Takort selbst nicht gleich gesichert und Fingerabdrücke entnommen worden seien, entschuldigte sich der Polizeibeamtc damit, daß er überall im Hause habe herumlausen müssen, und daß er das seinen Kollegen überlasten habe.— A n- geklagter Jürgens: Wo hat denn der Zeuge überhaupt meinen Hund arbeiten sehen? Zeuge: Ich habe ihn einmal vom Hausftur aus gesehen.(Heiterkeit.) Vors.(schors): Aus Ihrer Aussage hatte ich aber den Eindruck, daß Sie den Hund von Anfang an beobachtet hallen.— Aus weitere Vorhaltungen erklärte der Zeug«, daß man Haussuchungen zuerst nicht vorgenommen habe, weil man keinen bestimmten Verdacht hatte. Angeklagter Iür- g e n s: Ich möchte den Zeugen noch einmal kragen, was er mir am Sonntag danach im Beisein des Polizcisekretärs König gesagt hatte? Zeuge(achselzuckend): Ich kann mich nicht entsinnen. Ange- klagter Jürgens: Sie haben gesagte„Herr Direktor, es hat ja keinen Zweck. Wir wollen warten, bis heute nachmittag die Landespolizei aus Stettin da ist."(Heiterkeit.)— Als der Zeug« diese Behauptung bestritt, bat der Angeklagte, di« Antwort des Zeugen zu protokollieren. Während der nunmehr folgenden Vernehmung des Polizei- asiistenten Kohn erlitt Frau Jürgens, die wieder auf der Kranken- bahre lag, einen Ohnmachtsanfall, der ein Eingreisen des Gefängnis- arztes Dr. Hirsch notwendig machte. Da die Ohnmacht ziemlich lange anhielt, unterbrach der Vorsitzende zunächst die Verhandlung auf einige Zeit.___ Großkrastdroschke I.A.$616 geraubt. Ter Führer überfallen und niedergeschlagen. Ein schwerer Roubüberfall wurde gestern nacht gegen �i2 Uhr in der Kameruner Straße im Norden Berlins aus den Kraft- droschkenführer Oskar Hoffmann aus der FrSaufstraß« S zu Friedenau, der vier männliche Fahrgäste von Zehlendorf nach Ver- lin N. fuhr, verübt. H.. der mit seiner Kraftdroschke in der Nähe des Bahnhofs Zehlendorf hielt, wurde gestern nacht von vier Männern zu einer Fahrt nach der Kameruner Straße in Berlin gemietet. Die Fahrgäste ließen sich bis ziemlich zum End« der Straße, die dort noch teilweise unbebaut ist, fahren. Als der Chauffeur den Aussteigenden den Fahrpreis ansagte und gerade die Uhr herunterdrückte, fielen die Männer plötzlich über ihn her, zogen ihn vom Führersitz heraus und schlugen ihn zn Boden. Bewußtlos sank H. auf den Bürgersteig. Der Borfall blieb trotz Hilfervf« des Ueberfellenen in der sehr ruhigen Straß« völlig unbemerkt. Gegen �,2 Uhr kam Hossmann wieder Zu sich. Sein Wagen,«ine Großdroschke, mit der N u m M« r I A. 8515 war verschwunden. Ohne Zweifel hatten«s die Täter auf den Wagen abgesehen, den sie nach einer noch unbekannten Stelle entführten. Auch die Geldtasche und sonstigen Wertgegen stände wurden H. geraubt. Der Uebersallene erstattete den nächstliegenden Polizeirevier von dem Vorfall Anzeia«, die sofort die Ermittlungen nach den unerkannt entkommenen Tätern anfnahm. Der lieber- sallene, dem mehrere Zähne ausgeschlagen wurden und der im Gesicht und gm Körper erhebliche Wunden erlitten hatte, bekam aus dem Revier«inen Schwächeansall, so daß er in das naheliegend« Virchow-Krankenhaus geschafsl werden mußte. Von großem Interesie für die Polizei ist es, ob und in w«rch«r Richtung Straßcirpasianten gestern nacht einen Wagen mit der Nummer I A 8616 haben davonfahren sehen, b«zw. wo der Kraft- wogen mit der genannten Nummer auftaucht. UeberfaUe auf Jugendliche. Zunehmende Unsicherheit im abendlichen Berlin? Gestern abend gegen 10 Uhr wurde der 18 Jahre alt« Kons- Mannslehrling Erich Schrattke aus der Finawstr. 7, als er von der Musikstunde heimkehrte, dos Opfer eines Ueberfalls. Vor dem Hause Gitschiner Str. 50 fielen drei Burschen über ihn her, ver. setzten ihm mit einem Totschläger mehrere Hiebe übe? den Kopf, raubten ihm seine Geige und entflohen damit. Es gelang, einen der Räuber,«inen 21 Jahre alten Otto Berg aus der Wiener Straß? festzunehmen. Die Kriminalpolizei des 105. Reviers fand auch die Geige wieder, die der Räuber am Kott. busier Tor in ein Gebüsch gelegt hätte. Schrottke mutzte sich im Krankenhaus am Urban mehrere blutende Kopfwunden verbinden lasten.— Vor dem Hause Herwarth st r. 15 wurde um 91� Jlhr ein Schüler Erich Albrecdt aus der Thüringer Allee von mehreren unbekannten Burschen überfallen und schwer miß- handelt. Man fand den Verletzten hilflos daliegen und brachte ihn nach dem Krankenhaus Westend, wo außer Kopfverletzungen «in Unterkieferbruch festgestellt wurde. Di« Ermitttungen nach den Uebeltätern, di« das Uebsrfallkommando und das 132. Re- vier aufnahmen, hatten bisher keinen Ersolo. Die Veran- lafsung zu dem brutalen Ueberfoll ist rätselhaft. Vielleicht ist.. der junge Albrecht das Opfer einer Verwechselung geworden.--»i INcsierhelden. Aus dem Nachhausewege wurde in der vergange- neu Nacht der 35iährige Bäcker Stanislaus Idera aus der Wadzeck- strahe 15 am Kottbussor Damm von mehreren Männern überfallen und durch Messerstiche verletzt. Man brachte ihn In das Urban-Krankenhaus, von Ivo er nach Anlegung von Notverbänden fti seine Wohnung enttassen werden tonnte. Die Täter entzogen sich ihrer Feststellung durch die Flucht. Iverbevcrsammlungen des Arbeiler-Radio-Klubs. Um den Rund- funk in den Dienst der kulturellen Belirebunge» der Arbeiterschaft zu stellen und das Verständnis der Radiotechnik zu fördern, per- anstaltet die Berliner Bezirksgruppe anläßlich der Reichskonferenz am 5. und 6. Mörz im Gswerkschaftshaus, Engeluser, eine Bostel- ausstellung. Eine Abendseier findet im Oberlichtsool der Phil- Harmonie am 6. März unter Mitwirkung von Ernst Toller, Gertrud Eysoldt, Alfred Beierle, Bruno Echan- lank.Paul Zech, des Sprechchors der Volksbühne u. o. statt. Der Reichsoorsitzende Hoffmann, Dr. Brattskower, Dipl.- Ing. Mendelsohn und die technischen Leiter Voigt und Fischer, Ernst Friedrich werden in nachstehenden Dersamm- lungen über kulturelle und techinsche Fragen sprechen. Die Ver- sammlungen finden statt: im Bezirk Mitte. Schulaula Weinmeister- straße, am 7. März: Bezirk Moabit, Triftstr. 63, am 8. Mörz: Bezirk Kreuzberg, im Bezirksamt Norckstr. 11, am 10. März, und Bezirk Pankow in der Schulaula Grunowstr. 17. am 11. März. Ein neuer wachenmarkt ist jetzt in der Müllerstraße eröffnet worden. Auf dem in bygienifcher Beziehung vorbildlich eingerichteten Markt waren am Eröffnungstage, dem 3. März, etwa 170 Stände besetzt, die in der nächsten Zeit auf über 300 erweitert werden. Markttage: Montag und Donnerstag vormittags von 8 bis 1 Uhr. Sonnabend von 3 bis 7 Uhr. Die ttunftxemelvb« be» vezlrt» EharkeNenbor« veranNaNet am S-nniag. dem 6. März, vormtttanS 11 Uhr, im Lichllpieltheater P i c c a d t l l h in Charlottenburg, am Unterarundbahnbos BlSmarckstrohe,«in Gastspiel der Berliner Epieloper. Spieisolge: 1..Der Ehemann vor der Tür', Operett« von Osiciibalb: 2.„Witwe Kiapin", Komische Oper von gloto«; 3..Der Mufikfeind", Komiichc Operette in t Akt, Text und Musik von Richard Kenee. Eintritltkarten einschl. Zettel für Mitglieder 50 Pf, jflr Nichtmilglieder 60 Pf. Sport. Der Großkampftag im Sporkpolast. Den letzten Kamos des xes.rigen Großkampftages um die deutsch« LeichtgewichlMeisterschast brachten den Kölner Fritz E n s e l(122 Pfd.) als Herausforderer und Richard Naujoks(122 Pfd.) als Derteidi- ger(Titelhalter seit 8 Jahren) in den Kampsring. Zum dritten Mole stand Ensel seinem großsn Gegner, der ihn bereits zweimal geschlagen nach Hause schicken konnte, gegenüber. Dieser dritte Kampf kostete Naujoks aber Titel und Meisterschaft. Ensel von gestern war ein Borer, ein Fighter. s.'hnig, wendig und prächtig im Angriff. Schon nach den elften vier Runden erkannte man die haushohe Ueberlegen. heit Ensels. der seinen Gegner im Ring umhertrieb und ihn traf, wo er wollte. Sein« Rechte bearbeitete unaufhörlich Ohr und Kinn des Gegners. Nausoks dagegen konnte wenig landen und auch sein« ae- fürchteten Rechten nicht anbringen. In der sechsten Runde wird Nnutoks, der sehr zermürbt erscheint, schwer erschüttert. In der«lsten Runde, bis zu der sich Nausoks mit Mühe gehalten hat, werfen seine Sekundanken nach mehrmaligem Niedergehen aus die Bretter dos weiß? Tuch. Ensel ist der neue d aü t s ch c Meister. Genau wie der ungeheure Ansturm auf den Sportpalast, der schon kurz nach 7 Uhr einsetzte und die Potsdamer Straß« schwarz bevölkerte, verlief der Abmorsch der 7000, die den Sportpalast füllten, dank der muster- gültigen Verkehrsregelung eines starken Schupoaufgebots, ohne Zwischenfälle in allergrößter Ordnung. Erziehung zur Wirtsthastsfrieölichteit. Auch in Berlin ein„Dint�? „D!« große Masse unserer Arbeiter, und, ich muß hinzufügen, auch unserer Angestellten steht dem Werk und dem Prozeß im Werke fremd, sogar feindlich gegenüber." So kennzeichnete vor annähernd eineinhalb Jahren der bekannt« Generaldirektor Vogler zutreffend den Stand der Arbeitspolitik der deutschen Unternehmer. Auf jener Tagung, die er mit dieser Rede einleitete, wurde die Gründung des „veutschen Instituts für technische Arbeltsschulung" beschlossen. Dieses Institut, mit der unschönen Abkürzung„D i n t a', arbeitet nunmehr länger als ein Jahr. Es soll der Heranbildung eines fachlich hochwertigen, gut disziplinierten und vor allem w i r t- schaftsfriedlichen Arbeiterstammes dienen. Unleugbar geht es dabei mit sehr großem pädagogischen Geschick und noch größerer Betriebsamkeit zu Werk«. Der Leiter dieses Instituts, Oberingenieur Arnold, Gelsen- kirchen, hielt am Mittwoch vor d«m Dezirksverein Berlin des Der- eins Deutscher Ingenieure einen Vortag:„Der Betriebsingenieur als Menschenführer", in dem er seine weitgespannten Pläne für die neue betriebliche„Erziehungsarbeit" am Arbeitnehmer darlegt«. Arnold gibt sich als der völlig unpolitische Betriebsmann, der seine menschenökonomischen Plön« lediglich unker betrlebswirlschosklichen Gesichlspunkteu betreib«. Immer wieder erklärt er, der umfangre:ch« Apparat seiner Kinderheime, Lehrwerkstätten, Werksschulen, Wertszeitungen, Hausfrauenschulen und I n v a- liden- und Alters-Werkstätten, habe keincu anderen Zweck, als einen hochwertigen Facharbeiter stamm für die deutsche Wirtschaft heranzu„züchten". Cr verbinde damit kein« politischen Nebenabsichten, sagt aber im gleichen Atemzuge, er könne selbstverständlich nicht dafür, wenn die.Kraftlinien", die sich aus dieser„betrieblichen" Tätigkeit ergeben, in das Gebiet der Politik, der Religion oder ander« gesellschaftliche Lebensgebiet« hinüber- stfllazen. Ihn kümmere dies alles nicht, er wolle nur nach modernen pädagogischen Methoden der Arbeiterschaft alle diejenigen technisch- wir. schaftlichen Kenntnisse und chorakterellen Fähigkeiten vermitteln, die st« erst zu einem erstklassigen Arbeiter machen. Arnold ist außerordentlich begeistert von feiner Aufgabe und»ersieht es, selbst eine kritisch« Zuhörerschaft zu fesseln. Wag er im einzelnen schafst, ist n i ch t n« u. Er faßt nur die verschiedenen sozialpolitischen Betriebseinrichtungen, die zum Teil schon seit Jahrzehnten bestehen, zu«tnem geschlossenen pädagogischen System zusammen. Dabei ergibt sich, daß er auf seine Weise einer Reihe von alten Forderungen der Arbeiter entgegenkommt. Sein mit der Haushaltungsschule verbundenes Säuglings- und Klein- tinderheim umschließt zum Beispiel die Erfüllung der alten Forderung nach F a b r i k- S t i l l st u b e n, die in der Textil- industrie schon seit Jahrzehnten verlangt wurden. Sein« Lehr- lingswerkstätten und Werk st üben kommen zweifellos dem Bedürfnis nach einer guten Facharbeiterausbildung entgegen. Sie sind geeignet, alle Mängel, die die Meisterlehre heute mit sich bringt, zu beseitigen und wirklich einen erstklassigen Fach- arbeiler aus dem Lehrling zu machen. Di« Invaliden- und Alters-Werkstätten können zweifellos eine immerhin noch bessere Versorgung des verbrauchten Arbeiters darstellen als der Genuß einer Invaliden- und Altersrente. Es ist daher auch zu begreifen, wenn Arnold, wie er mit großem Stolz berichtet, in allen seinen Betrieben gewisse Anfangserfolge erreicht und einzelne Teile der Arbeiterschaft für sich gewinnen konnte. Er richtet sich eben nach dem alten Spruch: Kllit Speck fängt man Mäuse". Man kann aber über das von Arnold durch das„Dinia" auf- gestellte große Erziehungsprogramm nicht urteilen, ohne seine Hintergründe zu kennen. Nach allen Verösfenllichungen, zum Teil des Instituts selbst und ihm nahestehender Organ«, nach den vielen Aufsätzen und Reden besonders Professor Dunkelmanns, aber auch einer Reihe industrieller Führer ergibt sich ganz klar, daß die Unternehmer mit diesem System der Arbeitspolitik keines- wegs nur betriebswirtschaftlich« Ziele verfolgen, sondern damit . sehr viel weitergehende politische Absichten verbinden. Der Gipfelpunkt der Bestrebungen des Dinta ist eine Arbeiterschaft, die völlig auf den Betrieb eingestellt ist, sich in ihrem äußeren, aber auch ihrem ganzen inneren Sein mit dem Betrieb unlöslich verbunden fühlt. Sie soll kein anderes Ideal kennen, als das der Arbeit im Betriebe und sich dem In- penieur als Führer widerspruchslos unterordnen. So versteht man in der Industrie den Begriff„Betriebsgemeinschaft". Hier kreuzen sich schon die„Kraftlinien" des Herrn Arnold mit denen der Gewerkschaftsbewegung(die bisher ohne Unterschied der Richtungen diese Bestrebungen abgelehnt hat), und an dieser Stell« wird der Kampf zwischen den Arbeitnehmerorganisationen und den Arbeit- aebern über diese Arbeitspolitik ousgefochten werden. Ein« betriebsgemeinschaftlich gesinnte Arbeiterschaft soll so erzogen sein, daß sie„freiwillig auf Lohntarife und alle anderen überbetrieblichen Vereinbarungen verzichtet. Sie wird in irgend einer Weis« mit ihrem Unternehmer, ohne Rücksicht auf die Gesamtsituation im Gewerbe, betriebliche Vereinbarungen schaffen, sie wird ihrer wirtschaftsfriedlichcn Einstellung gemäß niemals oer- suchen, ihre Forderungen mit Nachdruck und unter Hinweis auf gewerkschaftliche Machtmittel zu vertreten. Sie wird gewerks Hastsfeindlich eingestellt. überhaupt„unpolitisch" sein wollen. Dafür hoben die Berliner DDZ.-Zngenleure anscheinend besonders großes Verständnis. Als ein Diskussionsredner davon sprach, daß Herr Arnold„die Leuk« so mit Beschlag belegt, daß sie für Politik keine Zeit mehr hätten", erntet« er bei einem übergroßen Teil der Der- s a m m l u n g fast begeisterte Zustimmung. Arnold lehnt es ab, gelbe Wertvereine zu gründen, weil er glaubt, auf seinem Wege schneller und besser zum Ziele zu kommen, als die Werkverein« es je vernwgen. Er hat es leicht, sich als der unpolitische, sozialdenkende, moderne Betrieb- führec zu geben, weil ihm die Politik, die er braucht, von seinen Unternehmerverbänden besorgt wird. Aus seinem Vortrag gewann man den Eindruck, als ob er nun, nachdem die Dinw-Bewegung in Westdeutschland festen Fuß gefaßt und in Mitteldeutschland an- zefangen Hot Beden zu gewinnen, auch Berlin in seine Be- trebungen einbeziehen will. Die Berliner Gewerkschaften werden gut tun, diese Entwicklung sorgfältig zu beobachten und rechtzeitig ihre Gegenaktion einzuleiten. Schrankenlose Lehrlingszüchterei. Bei grpfier Arbeitslosigkeit. Rur wenige Berufe haben ein« solch hohe Zahl von Lehrlingen aufzuweisen wie das Läckergewerbe. Nach einer Erhebung des Inmingsverbandes der Bäckermeister, der «5 777 Mitglieder zählt und etwa SV Proz. aller Bäckerineister im Reiche umsaßt, sind in den Innungsbetricben neben 62 938 Bäcker- ««Hilfen 732 Lehrlinge beschäftigt. Bon l92S bis 1326 erhöhte sich die Zahl der Lehrling« um 7353. Auf je 133 b e s ch ä s t i g t e Bäckergehilfen entfall«» 66,2 Lehrlinge. In fünf Iahren werden so viele Lehrlinge ausgebildet sein, daß die Gehilfen- schaft vollständig erneuert werden kann. Die Folge dieser Lehrlingszüchterei ist eine große Arbeits- l o s i g k e i t. Räch den amtlichen Berichten über die Frequenz auf den Arbeitsnachweisen betrug 1926 im Monatsdurchschnitt die Zahl der arbeitslosen Läckergehilfen 22 78S. Weit übin: dem Reichsdurchschnitt steht Ostpreußen' mit 94,9, Württemberg mit 92,1, Pommern mit 89,8. Saarland mit 87,5, Pfalz mit 85,1 und West- falen mit 89,6 Lehrlingen bei je 133 beschäftigten Gehilfen. 13 752 Bäckermeister beschöstigen nur Lehrlinge! Die Unternehmer sind mit diesem Zustand noch nicht zufrieden. Sie fordern die Aushebung der in den Freistaaten bestehenden Ver- Ordnung über die Lehrlingshaltung, wonach höchstens zwei Lehr- ling« in einem Betrieb beschäftigt werden dürfen. Für manche zu Ostern aus der Lehre enllassenen jungen Ge- Hilfen besteht wenig Aussicht auf Arbeit. Die Folge ist: Abwände- rung als ungelernter Arbeiter in andere Industrien. Die Eltern täten daher klug, wenn sie sich vor dem Abschluß eines Lehrvertrags mit den Bäckermeistern über die wirtschaftliche Lage d«s Bäckerberufs erkundigten. Diele Enttäuschungen blieben ihnen erspart. ««»eralversannnluna der Buchbinder. Di« Berlmer Ortsverwaltung des Berbandes der Buchbinder und Pavierverarbeiter hatte am Donnerstag im Gcwerkschaftshaus ihre Iayresgeneralvorsammlung. Der erste Bevollmächtigte, Genosse Imhof, betonte in seinem Geschästsbericht, daß das Vorjahr für den Buchbmkxrverband wie für alle Gewerkschaften ein Iahrder Verteidigung gewesen sei. Auch im Buchbindergewerb« sind ziemlich erheblich? technische Umstellungen vorgenommen worden. Viele nicht kapitalkräftige Unternehmen wurden aufgesogen durch Großbetriebe, und diese selbst, besonders aber die Großbuch- bindereien und Großdruckereien, durch Einführung arbeit- sparender Maschinen ausgestaltet. In der Karts nnagenindu st rie wird und ist zum Teil sogar schon die Fließbandarbeit eingeführt. Durch diese Rationalisierung ist ein großer Teil der Arbeiter aus dem Pro- duktionsprozeß ausgeschaltet und aufs Straßenpflaster geworfen worden. Während End« 1925 auf dem Arbeitsnachweis 1677 Arbeitslose«ingetragen waren, stieg diese Zahl bis zum Ende des Jahres 1926 a u f 3 2 4 9, wovon 1525 Lerbandsmitglieder waren. Die Organisation war bemüht, durch einen energischen Kamps gegen das Ueber st undcnun wesen die Arbeits- losigkeit einzudämmen, hatte aber leider erst in der letzten Zeit ginigen Erfolg. Imyof ging dann näher auf die Entwicklung in den einzelnen Bronchen ein und wandt: sich der Vetriebsrätebewc- g u n g zu. Durch eine statistische Erhebung wurde festgestellt, daß von den 453 Betrieben, die erfaßt wurden, 2 4 5 ohne jede Betriebsvertretung waren. Auf diesem Gebiet gibt es also noch sehr viel zu tun. In der Mitgliederbewegung ist jedoch ein erfreu- licher Aufstieg zu verzeichnen. Während Ende 1925 in Berlin 7315 Mitglieder waren, zählte die Organisation End« 1926 889 2 Mitglieder. Das ist eine Mitgliederzunahme von 26,7 Proz. Diese Mitgliederzunahm« ist nicht nur auf die W i e d e r v e r e r n'- gung mit dem„Oppositionsverband" zurückzuführen, sondern auch auf die rege Agitation der Funktionäre und Mitglieder. Es ist der Organisation jedenfalls im Vorjahre ge- lnngen, das von ihr Erreichte zu halten und alle Angriffe der Unter- nehmer auf lohn- und tarifpolitischem Gebiet abzuschlagen. Der Redner sprach zum Schluß die Erwartung aus, daß es der Or�am- sation in diesem Jahre gelingen möge, wieder zum Angriff über- zugehen und die bevor st«he»den Lohnbewegungen zu einem für chre Mitglieder günstigen End« zu führen. Anschließend erläuterte Genosse B i t o m s k i den in den letzten Mitteilungsblättern veröffentlichten Kassenbericht für das vierte Quartal und das gesamte Jahr 1926, in dem die st a r k e B c- l a st u n g der Verbandskassen durch die ungeheure Arbeits- losigkeit zum Ausdruck kam. Von der Zentralkasse wurden allein an Arbeitslosenunterstützung 61321 Mark aus- «gezahlt gegen 23 384 Mark im Jahre 1925. An Krankenunrer- tützung zahlte die Zentralkasse 34 812 Mark gegen 13 314 Mark 1925. "us der Lokalkasse wurden an die arbeitslosen Mitglieder 32 387 Mark gezahlt, wovon 13 227 Mark durch freiwillige Beiträge auf- gebracht wurden. Trotz der gewaltigen Steigerung der Ausgaben stieg der Bestand der Lokalkosse um 6593 Mark auf 26 313 Mark, wozu noch«ine Hypothekenoufwertung von 6253 Mark komint, s, daß das Lotaltasfenverm ögen jetzt 3 2 5 6 3 Mark bc- trögt. In der kurzen und sachlichen Diskussion wurde an dem Geschäftsbericht keine Kritik geübt. Die Versammlung beschäf- tigte sich dann weiter mit der vom Hauptvorstand geplanten V e i- tragserhöhunp zum Zwecke des Ausbaues der Unter» st ü tz u n g e n, besonders der Arbeitslosenunterstützung. Alle Redner wandten sich gegen eine Beitragserhöhung, da sie die Agitation sehr erschwere und im übrigen die Unterstützung der Erwerbslosen Sache des Staates sei. Die in den einzelnen Branchenversammlunaen gewählten Branchcnkom- Missionen sowie die zur Wahl stehenden Vorstandsmit- g l i e d e r Minna S ch r e i h a r t(2. Vorsitzende) und Robert Becker(2. Kassierer) wurden ohne Diskussion einstimmig be- st ä t t g t. Es folgte dann noch die Wahl einiger anderer Kommissio- nen. Neben einem Antrag, der gegen die von den Faschisten am 8. Mai in Berlin geplante Demonstration protestiert, wurde ein anderer Antrag einstimmig angenommen, daß aus der Lokalkasse 1533 Mark zum Ausbau der Bibliothek bereitgestellt werden sollen._ Zum Tarifstreit im Sonkgewerbe. Wie der Allgemeine Verband der Deutschen Banrängestellten mitteilt, hat das Reichsarbeitsministerium die Tarifparteien zu Mon- tag, den 14. M ä r z, zu einer Aussprache über den ab 23. Februar ergangenen Schiedsspruch, der von der vorgenannten Organisation abgelehnt worden ist, eingeladen. Lohnabkommen in der mittelrheinischen Bimsindustrie. Koblenz, 5. März.(WTB.) Die Lohnstreitigkeitcn in der Bims- Industrie sind durch eine im Beisein des amtlichen Schlichters abgc- schloisene Vereinbarung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. die eine Erhöhung der Lohn- und Akkordsätze um 4 Proz. vorsieht, beigelegt worden. Das neue Abkommen gilt vom 3. März 1927 bis 29. Februar 1928._ „Tie schwere Not der Landwirtschaft." In der in Labes erscheinenden Kreiszeitung für den Kreis Regcnwalde war am 1. März zu lesen: Dramburg, 28. Februar. Der Gutsbesitzer M. aus dem Kreise Dramburg hat im Jahre 1926 einen ausländischen Arbeiter, ohne seine Legitimationskarte erneuern zu lassen, be- schäftigt und ist dafür durch Strasbefehl mit 33 M. best rast worden. Aus den von ihm erhobenen Einspruch hin hat das Amtsgericht Dramburg mit Rücksicht auf die schwere Rot der Landwirtschaft nur aus eine Geldstrafe von Z R1. erkannt. Gegen dieses Urteil hatte die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt und 23 M. beantragt, auf die auch in Stargard erkannt wurde. Das Gericht konnte die von dem Angeklagten geltend gemachte Ent- schuldigung nicht als genügend anerkennen. Außerdem müsse auch streng auf die gesetzlichen Bestimmungen gehalten werden, weil mit den Ausländern trübe Erfahrungen genug gemacht seien. Es sind schlimme Zeiten! Wenn schon die Gutsbesitzer so schwere Not leiden, wie groß muß dann erst die Not der Land- arbeiter sein und wie ungeheuerlich die Not der Arbeitslosen! Da ist es denn hochersreulich, wenn sich noch Gerichte sinden.die für die Not ein so tiefgehendes Verständnis bekunden. Wird die Schwerenot der Gutsbesitzer so weitgehend berücksichtigt, wie groß muß erst die Rücksicht auf die schwere und schwerere Not armer Teufel sein. die wir sonst so häufig bei den Gerichten vermissen, hofsenllich aber beim Amtsgericht Dramburg auch in solchen Fällen zu finden ist._ Die Sparkasse der Bank der Arbeiter. Angestellten und Beamten A.-G.. Berlin, wallslr. 65. ist täglich mit Ausnahme von Sonnabend von 9— 3 Uhr und 5— 7 Uhr, Sonnabends von 9— 1 Uhr geössnet. Theater öer Woche. vom«. März bis 14. März 1927. «-n-bS»»«! 8., 7., 8., 9., 12., 14. Traumspiel. lOi, 11., 13. V-lp-n«.— Oper am Plaz der Ziepublil: 6. Cavalleria Austicana, Bajazzi. 7. Der ferne «lang. 8. Martha. 9. Lalame. 10. Die Meistersinger. 11., 12 Uhr Sinfonie. lonzcct, abends: 9. Sinfonie. 12. Royal Palace und Meister Petrus Puppe». spiel. 13. Wallilre. 14. Wozzeck.— Staatliche, Schauspielhaus: 6., 14. Andackit zum Kreuz. 7. Flachsmann als Erzieher. 8. Figaros Hochzeit. 9. Peer Gynt. 10. Amphitr-on. 11. Hamlet. 12., 13. unbestimmt.— Schiller-Theater: 8. Peer Sqnt. 7., 8„ 1?.. 13. Razzia. 9., 10. Wallensteins Tod. 11., 14. Die Journalisten.— Deutsche» Theatee: 6., 8., 9., 11., 12., 13. Vonaparte. 7., 10., 14. Rridhardt von©neifenou.— Kammerspiele: Die Gefangene.— Die Komüdie: Die Perle. 11., 1?., 18. Nachtoorstellung: Rasch ein Kind.— Lessiag-Theater: Der Patriot.— Theatee in der Königgräher Straße: Die treue Nymphe.— Städtische vpee,»haelatteniueg: 6. Don Pasauale. 7. Jugend im Mo!. Renaissanee-Theater: Aber Mama! 12., 13. 11 Uhr. Nachtoorstellung: Hetären. aelpeiiche.— Die Tribüne: Der Wettlaus mit dem Schatten.— Deutsche, Künstler-Theatee: Der garewitsch.— Komödienh««»: Darer— Calais.— Berliner Theatee: Bis 7. Rur du! Ab 8. Der Hampelmann.— Reue» Theatee am legte Warnung.— Theater am Schisfbanerdamm: Bis 13. Das©rabmal des unbekannten Soldaten. 14. Tragödie der Liebe.— Komische vper: Sünden der Welt.— Lustspielhau«: Hurra— ein Junge!— Metropol iheatee: Die Zirkus. Prinzessin.— Thalia-Vheatee: Der mutige Seefahrer.— Theater a» Rollen. dorsplatz: Mililers.— Theater am Kursürstendamm: Pit Pit.— Kleine, Theater: Die goldene Galeere.— wallnee-Theater: Das blande Wundee.— Theatee la»er Klostersteaße: 8. Die Ehre. 7., 8., 19., 12. Nebeneinander. S. Die Pfarrhauskomödie. 11. Gespenster. 13. Penston Schöller. 14. Meiseken. — Walhalla-Theater: Vi, 9. Es war einmal in Heidelberg. Ab 19. Ben Hur. Relchshallen-Theater: Stettiner Sänger. Rachmittag»,»est elluagen.«olk»bLhne: 8., 13. Balpone.— Staatliche» Schaulpielhau,: 8. Napoleon.— Großes Schauspielhaus: 12. Wie einst im Mai.— Beeliuee Theater: 6. Nur du!— Reue, Theater am Zoo: 8., vormittag» 11 lä Uhr, Po>da.— Theater iu der Kommandantenstraße: 6., 13. Die Kleine vom Variete.— Theater am Schifsbauerdamm: S., 13. Der Geizige.— Komische 0»er: 6., 13, Sünden der Welt.— Zhalia-Theaker: 6. Der Biberpelz.— Walluer-Theatee: S, 13. Raub der Sabinerinnen.— Theater in der Klrslerstraße: 8. Kabale und Liebe. 13. Mar:» Stuart.— Walhalla- Theater: 8., 13., 3 Uhr: Struwelpeter: 414 Uhr: Es war einmal in Heidelberg. — Rofe-Theater: 12.. 13. Rotkäppchen und Sans im Glück.— Theater im Admiralspalalt: 8., 13. An und aus.— Seala: 8., 12., 13. Internationale» Bariet«.— Reichshalen. Theater: 6., 13. Stettiner Sänger. Verantwortlich kür Politik: Bietor Schill! Wirtschaft: S. KlingeIHSfer: Gewerkschaftsbewegung: Fr. Eßkorul Feuilleton: Dr. Zohn Schikowski: Lokales: und Sonstiges: Fritz Karstadt: Anzeigen: Th. Glocke: sämtlich in Berlin Verlag: Borwärto-Verlag G. m. b. H.. Berlin. Druck: Barwärts-Buchdruckerei und Berlagoanstalt Paul Singer u Ca., Berlin SW 88, Ltndenstrahe 3. MssUMMssW üichlvnp! Achtuugl Werkzeugmacher! Am Montag, den 7. März 1927, abend» Vi, Uhr, in unserer Kul'urabteilung. Linienstraße 197, Filmvorführung. Gintrtttsknrten stnd bei den Bertrauen»- leuten zu haben Am Sountag, den 8. März 1927, vor- mittag» 10 Uhr. im Lokal van Setferth, TilDer Sit 77, Ecke storndorfer Siratze Konferenz der Zauaaufskieller. Di» Tagesordnung wir» i» der K ankeren, dekauntgegede». Dl« Ortsvarevaliung v°. SM« llSpNSN Kanlastah'i'aÄ" C. Bttefeer, Berlin Lichtenberger Straße 22. Kgst. 3861 Soeben erschien: Äpathecbstblüten nnitiiimifiinmninMiinniiniitiiinniiiiiiiiimmin vom Aüolph ksoffmann gereimte u. ungereimte Lebensbilder enthält; Nerellen. In höheren Re- gioaen. Lunirama. Tortaren, Eine moderne Justlaragödle. Gereimte Lebensbilder, Enste and heitere Oeitehte aus dem Leben lllastrlen ton Willi Steinerl f> Vollbilder and das Porträt des Vet rassers mit Faksimile t Jubllä- amsbild). 94 Seiten, eleg. carcon. Preis M, 1,50(Porto 10 Pf.) Zu beliehen durch den Verfasser: Berlin OIT, Koppenstr. 6 11, und durch alte Vorwärts- Ausgabestellen BcrllRcr- Elektriker• Genossensdiaft Berlin M �4, EIsässerStr.86-88 I Filiale Westen, Wilmersdorf erntprecher Norden 6320 o. 63 26 I LandbausiiraBe 4. TeL: PfaliBur" 9631 aasitemmtn-annie and Lader Aiexumemr. 39-44)(Alexander- Passade) TeL- Hamdftadi S40. Elektrische Anlasen jeder Art n. jeden VJmfangos zu kulanten Zahlungsbedingungen Beleuchtungskörper and Osram-Lampen zu Fabrikpreisen. 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