flbenSausgabe Nr. IbZ 4 44. Jahrgang Ausgabe B Nr.$1 aBHUftsbetinsimsen Bai«mriotaattif« fmb in btt Siotatnauänab« anflwim Heöafllon: SO. 68. Cinicnfftabe 3 Fernsprecher> VSuhoft 292- 202 r«l..»dresse: Sozialdemokrat Verls» Derliner VolKsvlskk Zentralorgan der Soziatdemokrattfcben Partei Deutfchlands (lO Pfennig) Mittwoch 6. �pril1927 Verlag and«aieigenadtetlBag, «»schSktozett bt«, Uhr Verleger: vorwar»». Verlag GmbH. Berlin SO. 68. LladenstraH» 8 Fernsprecher» VSohoss 292— 297 Wahnsinnstat in Peking! TschangtsolinS Einbruch in die Sowjetbotschaft.— Mit Zustimmung der Mächte? p e k l a g. v. April.(Reuter.) Etwa 100 Soldaten Tschangtsolius, die gemäh einer vom diplo- malischen Korps unterzeichneten Ermächti» gung handelten, drangen heute morgen, begleitet von bewaffneter Polizei, in die Botschaft der Sowjet- r e p u b l i k ein. Ein Schuß fiel; darauf wurde ein Russe aus dem Gebäude hinausgeworfen, gefesselt und in einem Automobil fortgebracht. Bis seht wurden etwa sechs Russen und zwanzig Ehinesen zur Polizeiwache gebracht. Ein Maschinengewehr, fünfzehn Gewehre und zahlreiche Munition wurden in der Botschaft beschlagnahmt. Der Geschäftsträger der Sowjets und andere Beamte der Bot- fchaft sollen in%ea Arbeitszimmern in Haft gehalten werden. Die Truppen hatten die ganze Botschaft beseht. Anmerkung von WTB.: An deutscher amtlicher Stelle war eine Bestätigung dieser Meldung nicht zu erhallen. » Wenn diese Meldung von der russischen Telegraphen- egentur stammte, dann müßte man instinktiv glauben, es handle sich um einen plumpen und verspäteten Aprilscherz. Aber es ist die englifch-offiziöse Reuter-Agentur, die diesen geradezu ungeheuerlichen Vorgang meldet. Und welches Interesse hat die R e u t e r- Agentur, eine er- fundene Meldung in die Welt hinauszusenden, durch die die eigene Regierung eines Verbrechens beschuldigt wird, das an Wahnsinn grenzt? In dem Telegramm heißt es ausdrücklich, daß das Pekinger diplomatische Korps seine„Ermächtigung" zu dieser unerhörten Aktion gegen die russische Botschaft er- teilt hat. Das diplomatische Korps hat überhaupt nicht das Recht eine solche Ermächtigung zu erteilen. Wohl wäre es möglich, daß der englische Gesandte und vielleicht auch dieser oder jener andere Diplomat den nord- chinesischen Oberbefehlshaber Tschangtsolin unter der Hand aufgemuntert hätte; es wäre denkbar, daß sich Tschang- tsolin eine Art Rückendeckung durch vorherige Anfrage bei der englischen Vertretung gesichert hätte. Damit würde die englische Regierung eine ungeheure Schuld auf sich geladen haben und sie wäre mindestens im gleichen Maße wie die antibolschewistische nordchinesische Militärkamarilla für die unabsehbaren Folgen dieses unerhörten Vorgehens verantwortlich. Daß aber das diplomatische Korps als sol- ch e s einen derartigen Beschluß gefaßt hat, ist um so u n- wahrscheinlicher, als insbesondere der deutsche Gesandte ihm angehört und sich unmöglich an einem solchen Irrsinn beteiligt hat. Was mit dieser ganzen Aktion praktisch bezweckt worden sein mag, ist unerfindlich. Das Vorhandensein einer Anzahl von Schußwaffen im russischen Botschaftsgebäude wäre in jeder europäischen Hauptstadt gewiß eine gravierende Tatsache, durch die wenigstens nachträglich, wenn auch nicht formalrechtlich so doch politisch die Aktion scheinbar gerechtfertigt erschiene. Aber in der chinesischen Haupt- stadt besitzen alle Mächte das Recht, ihre Gesandtschaften und Konsulate selbst zu beschützen und die westeuropäischen Aus- landsvertretungen verfügen zweifellos über viel stärkere Wachen und Waffenvorräte als die sowjetrussische Botschaft. Immer vorausgesetzt, daß diese geradezu phantastische Reuter-Meldung zutrifft, das einzige Ergebnis dieser Aktion ist eine akute Kriegsgefahr zwischen der Sowjet- Union und den Mächten, die diese Völkerrechts» widrige Provokation verschuldet haben dem Die Pekinger Schattenregierunä steht da offenkundig aus Spiele. Di« zivilen Minister Häven i nichts zu sagen, der ist der einzige wahre Träger der politischen Gewalt. Aber der intellektuelle Urheber dieser krieaerischen Provokation ist die britische Regierung, deren Vertreter— nach eigenem Geständnis— Tschangtsolin zu seinem Vorgehen„ermächtigt" hat. Um unabsehbares Unglück zu vermeiden, muß jetzt f ck) n e l l gehandelt werden. Ist der von Reuter ge- meldete Vorgang richtig, dann war noch nie seit dem Bestehen des Völkerbundes eine Kriegsgefahr fo akur— dann war aber auch noch nie ein sofortiges Eingreifen des Völkerbundsrates so dringend geboten. Stresemann ist derzeitiger Vorsitzender des Rates. Schon im Albanicnkonflikt hat er mit Rücksicht auf Italiens Empfind- lichkeitcn seine Pflicht versäumt. Jetzt darf er einfach nicht inehr zögern, auch dann nicht, wenn das noch viel mächtigere England eine solche Völkerbundsintervention ungern leben sollte, ja selbst dann nicht, wenn das völkerbundfeindlichen Sowsttrußland keinen Wert auf Völkerbundsschlichtung legt. Neben den Artikeln 10, 11, 1? und V> der Völkerbundssatzung, die bereits im Falle Albanien zur Anwendung hätten kommen sollen, um die Einberufung des Rates zu veranlasien, sieht der Ar t i k e l 17 ausdrücklich vor, daß der Rat auch dann eingreifen muß, wenn es sich um einen Konflikt zwischen Mitglied st aaten und Nichtmitglie- d e r n des Völkerbundes handelt. Die Internationale Exekutive hat soeben beschlosien, die Anrufung des Völkerbundes in der Albanienfrage zu fordern. Um so mchr würde sie eine solche Anrufung nach diesem schweren Pekinger Zwischenfall verlangen. 9er reaktionäre Kurs geht weiter! Bürgerblock gegen alle Verbesserungen des Arbeitszeitnotgesetzes im Ausschutz. Der sozialpolitische Ausschuß des Reichstags hat heute die De- ratungen über das Arbeitszeitnotgesetz aufgenommen. Reben der Regierungsvorlage stand das sozialdemokratische I n i t i o t i v g e f e tz mit zur Beratung, das wörtlich den Forde- rungen der Gewerkschaften nach allen Richtungen entspricht. Die Ausschußverhandlungen zeigten die arbeiterfeindliche Ein- stellung des Besitzbürgerblocks in aller Form. Die Re- gierungsparteien zogen es vor, sich zu den meisten Anträgen auszu- schweigen oder sie chicktcn Herrn Stegerwald vor, der dieses llnternehmerschutzge etz zu verteidigen wagte. Genosse Graßmann begründete zunächst einen Antrag, wonach die Anrechnung von Arbeitsbereitschast auf die Arbeitszeit nur tarifvertraglich geregelt werden kann. Der An- trag wurde durch eine Zufallsmehrheit angenommen, doch ist damit zu rechnen, daß der Unternehmerblock im Plenum die Regierungssassung wieder herstellt. Genosse G r o t e w o h l ver- langte die Aufhebung der heute zuläsiigen dreißig Aus- nahmetage, die.der Unternehmer bestimmt. Der Antrag unirde von den Regierungsparteien mit Unterstützung der Demokraten abgelehnt. Zum ollgemeinen Schutz der Arbeiter und Ange- stellten, insbesondere zum Schutz der Jugendlichen und der Frauen vertrat die Genossin Luise S ch r ö d e r zu§ 4 der Arbeitszeitverordnung die bekannten gewerkschaftlichen Forderungen, die Ausnahmen mir durch tarifvertragliche Vereinbarungen zulassen. Sie schilderte die große N o t dieser ausgebeuteten Arbeiterfchichten. Der Bürgerblock schwieg und stimmte auch diesen Antrag nieder. Ebenso wurde der Antrag zu§ 5 abgelehnt, der Zehn- und Zwölf- stundentag in Zwangstarifen beseitigen soll. In den Bestimmungen über die Vergütung der Ueber- stunden sind nach der Regierungsvorlage die Lehrlinoe allgemein, die übrigen Arbeitnehmer bei Ergänzungsörbeiien, bei Mehrarbeit in Notfällen und sonstigen Störungen ausgenommen. Darüoer hinaus kann der vorgesehene Satz von 2ö Proz. durch Vereinbarung und ohne Vereinbarung vermindert werden. Genosse A u f h ä u s e r begründete d-e sozialdemokratischen Verbesserungsanträge und appellierte insbesondere an die A n g c st c l l t e n v e r t r e t e r Lam- bach, Thiel, den Angestellten die Bezahlung der Ueber- stunden zu sichern. Auch hier blieben die Sozialdemokraten ohne jede Antwort. Alle Anträge, selbst der Vorschlag aus Ein- schattnng der Gewerkschaften wurden abgelehnt. .Genosse Becker begründete einen weiteren sozialdemokratischen Antrag, wonach im Bergbau und bei den übrigen mit L e b e n s- g e f a h r oder mit gesundheitlichen Gefahren verbundenen Arbeiten eine Ueberschreiwng der Achtstundenschicht unzulässig sein soll. Auch hier wußte Herr Stegerwald die Ablehnung zu rechtfertigen. indem er die Arbeiter auf das kommende Arbeiterschutzgcsetz vertröstete. Die Beratungen gehen morgen vormittag 9 Uhr weiter. Zwölf Stunöen oöer acht Stunöen? Der Arbeitszeitskandal im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau. Das Problem der Arbeitszeit für den mitteldeutschen Braunkohlenbergbau ist in ein entscheidendes Stadium ge- kommen. In den nächsten Wochen muß es sich entscheiden, ob in Zukunft die den Bergarbeitern im Jahre 1923 unter Ausnutzung ihrer Notlage aufgezwungene zwölf st ündige Arbeitszeit— vielleicht in etwas gemilderter Form— weiterbestehen bleiben soll, oder, ob endlich der tarifliche Zustand wiederhergestellt wird. Unter maßlosem Terror haben die Grubenleiter 1923 die Bergarbeiter zur Mehrarbeit gezwungen: Arbeitgeber und Reichsarbeitsministerium haben damals die Bergarbeiter in den Glauben versetzt, daß es sich nur um eine vorüber- gehende Maßnahme zur Abwendung einer momentanen wirtschaftlichen Notlage der Werke handle. Was sich in den folgenden Iahren auf den Werken ab- gespielt hat. ist beispiellos in der Geschichte der Arbeiter- bewegung überhaupt. Ein Herrenmenschentum schlimmster Art hat sich gegen die Bergarbeiter ausgetobt. Entlassungen bei den geringsten Vergehen; Herauswurf aus den Bergmannssiedlungshäusern in unzähligen Fällen; Züchtung gelber Werkvereine und materielle Bevorzugung ihrer Mitglieder: Maßregelungen von Betriebsräten und solchen, die es werden wollten. In vielen Fällen wurde die Bildung von Betriebsräten von den Werks- direktionen kurzerhand verhindert. Auf den meisten Gruben herrscht eine Behandlung der Arbeiter, die jeder Beschreibung spottet. In der zwölfltündigen Arbeitszeit sollen zwei Stun- den Pausen enthalten sein. In Wirklichkeit gibt es Pausen fast durchweg überhaupt nicht. Infolge der langen Arbeitszeit stiegen die Krankenziffern ganz gewaltig, so daß der Wunsch der Belegschaften nach Verkürzung der Arbeitszeit nur zu begreiflich war. Der Bergarbeiterverband hatte daher im herbst vorigen Jahres das aufgezwungene Mehrarbeits- abkommen gekündigt. Trotzdem es in den Schlichtungsver- Handlungen im Dezember den Gewerkschaftsführern gelang, den Nachweis zu führen, daß die im Jahre 1923 von den Arbeitgebern behaupteten Voraussetzungen für die Verlänge» rung der Arbeitszeit längst nicht mehr bestünden; daß die Werke nach ihren eigenen Geschäftsberichten geradezu glänzende Gewinnergebnisse aufzuweisen hätten, Konflikt bei öer Reichsbahn. Die Verhandlungen gescheitert. Die wochenlang von der Deutschen Reichebahngesellschafk vor- schleppten Verhandlungen über die Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung sind heule von den vertragschließenden Organisationen abgebrochen und als gescheitert bezeichnet worden. Um zu einer Verständigung aus den verhondtungeweg zu kommen, haben die Organisallonrverl-eter sich bemüht, jede verhandlungsmöqlichkeil zu erschöpfen. Das heule von der Deutschen Reichebahugesellschaft gemachte Angebot von durchschnittlich 3 Pf. die Stunde mußte jedoch als eioe Verhöhnung bezeichnet werden. Eine Verkürzung der A r b e t t s z e i k sollte überhaupt nicht eintreten. Rur den werkktatt- und Bahnunlerhalkungsarbeitern wollte man für die ersten drei Aeberstunden einen Zuschlag von 10 Proz., sür die zweiten drei Aeberstunden von IS Proz. zahlen. Die Gewerkschaftsvertreter gaben darauf die Erklärung ab. daß die Verhandlungen als ge- scheiteri zu betrachten sind und sie weitere Schritte einleiten werdem verschloß sich das Reichsarbeitsmini st erium rück- sichtslos den berechtigten Forderungen der Bergarbeiter und erfüllte die Wünsche der Arbeitgeber. Mit Ausnahme einer unwesentlichen Arbeitszeitverkürzung in den Sonnabend- abendschichten blieb es beim Zwölf st undentag. Allerdings wurde in dem Schlichtungsvorschlag an die Parteien zum Ausdruck gebracht, daß„aus sozialpolitischen Erwägungen eine Verkürzung der gegenwärtigen Arbeitszeit, die Ende 1923 als vorübergehende Maßnahme" eingeführt wurde, erwünscht sei. Das Reichsarbeitsministerium tonnte aber— scheinbar auf Grund innenpolitischer Bindungen— die Konsequenz seiner eigenen Auffassung nicht ziehen und schuf einen Blitzableiter in Form einer unparteiischen Untersuchungskommission, be- stehend aus drei Akademikern. Wenn das Reichsarbeitsministerium nun etwa geglaubt haben sollte daß diele Beruhigungsmaßnahme auch wirklich beruhigend auf die Bergarbeiter gewirkt hat, so hat es sich mitsamt den Arbeitgebern gründlich getäuscht. In Hunderten, zum Teil überfüllten Bersammlungen haben die mitteldeut- schen Bergarbeiter in den letzten Tagen Ihrer Entrüstung über das Verhalten der Werksleiter und des Reichsarbeitsministe- riums Ausdruck gegeben. Sie verlangen die Beseitigung des Mehrarbeitsabkommens, weil die unmenschlich lange Arbeitszeh sür die schwere Bergarbeit einfach u n-. erträglich ist. Die Bergarbeiter haben gewußt, daß ihnen großes Heil durch die Untersuchungstommission mcht widerfahren würde. Aber sie konnten zumindest der Auffassung sein, daß die Kom- Mission durch ihre Grubenbefahrungen aus nächster Rahe die furchtbaren Wirkungen der Zwölfftundenfchicht erkennen und danach ibr Gutachten abgeben würde. Er herrscht daher eine ganz verständliche Erregung und alle beteiligten Kreise sahen dem Gutachten mit äußerster Spannung entgegen. Das Gutachten dieser Untersuchungskommission liegt nun vor. Wir übergeben dieses wissenschaftliche Produkt als ein beredtes Zeugnis sozialreaktionärer Rückständigkeit hiermit der Oefsentlichkeit zum beliebigen Gebrauch. Rein überflüssigerweise ist diesem Gut- achten eine acht.zigseitige Begründung beigefügt, mit besten Inhalt wir uns noch besonders befassen werden. Hier ist d", Gutachten: Entscheidung. In der Erwägung, daß eine Verringerung der Selbstkosten wenigstens in den Tagebauwcrken durch Rationalisierung und eine Erhöhung der Erlöse dem mitteldeutschen Braunkohlenbergbau in gewissem Umfange möglich sein wird, ist die Kommission der Ansicht, daß eine mäßige Schichlverkürzung in den Tage- bauwerken eintreten kann. Sie schlägt deshalb vor: In ollen Betrieben, In denen bisher die 12 st ündige An- wesenheitsschicht herrschte, die tlstiindine einzuführen, worin mindestens 1)4 Stunden Pause«ingeschlrsien sein müssen Für die Tief baue, in denen bisher die 8- bezw. 8?4 stündige Ardeys» Zeit gilt, kann die Kommission leider zurzeit eine Schichlverkürzung nicht als wlrtschoslllch tragbar bezeichnen. Um die stetige Entwicklung zu sichern und die Gefahr von Rück- schlägen möglichst zu beseitigen, und um einerseits der Arbeiterschaft eine gesunde Basis für die weitere Kürzung der Arbeitszeit zu schaffen, aniercrfetfs den Werden die Umstellung zum Ausgleich der Belastung durch Bctriebsverbesterungen zu ermöglichen, äußert die Kommission zu den Einzelheiten folgende Ansicht:' 1. Da die Untersuchungen der Kommission auf den zurzeit wirklich gezahlten Löhnen aufbauen, sind die Schluß- folgerungen nur berechtigt, wenn diese nicht geändert werden, und zwar weder zugunsten des Arbeitgebers nach des Arbeitnehmers. Es wären danach nicht nur die alten Schichtlöhne, sondern auch alle Zulagen in alter chöhe weiter zu zahlen, z. B. die sogen. Bereitschafts- Zulage, welche die Arbeiter dafür erhalten, daß sie in der Pause an ihrer Arbeitsstätte bleiben, um im Falle von Unfällen und Störungen eingreifen zu können: die Prämien wären der Zeitverkürzung ent- sprechend neu festzusetzen, so daß die Arbeiterschaft die Prämien in alter chöhe verdienen kann. 2. Zur Umstellung der Betriebe auf die verkürzte Schichtzeit, sowie zum Anlernen von Ersatzleuten für die 24stündig durchlaufenden Betriebe(Brikettfabriken usw.) wäre den werken eine Frist zu geben derart, daß die Neuregelung erst am 1. lluli 1927 in Kraft tritt. Auf solchen Werken, wo am 1. Juli 1927 noch Bauten und Neuein- richtungen im Gange sind, die zur Anpassung der Produktion an die verkürzte Schichtzeit erforderlich sind, müßte die Belegschaft in dem durch diesen Umbau gebotenen Maße durch Beibehaltung der allen Schichlzelt vorübergehend Ueberarbelt leisten, sofern diese«nt- sprechend bezahlt wird. Das gleiche gilt für Maschincnführer und ähnliche Arbeiterkategorien, wenn das Anlernen von Ersatzleuten, die als Springer eintreten können, bis 1. Juli d. I. nicht gelingt. Darüber hinaus mühke in Einzelfällen die örtliche Vereinbarung einer längeren Schichtdauer, namentlich bei kleinen Werken, zur Vermeidung besonders unrationeller vetriebsführung gestaltet sein. sofern die Ueberarbelt entsprechend bezahlt wird. 3. Um einerseits vor neuen Verhandlungen die Wirkung dieser Schichtverkürzung erkennen zu können und um andererseits den Werken genügend Zeit für Fortentwicklung der Rationalisierung zu geben, die auch künftig als Voraussetzung für weitere Schicht. Verkürzungen erscheint, müßte das neue Arbeltszeitabkommen frühestens zum 31. Dezember 1928 kündbar fein. Es erscheint empfehlenswert, nach dem 30. Juni 1928 durch eins neutrale Stelle(z. B. Reichswirlschaftsministerium) eine umfangreich« Prüfungjiber die wirtschaftliche Wirkung der Schichtverkürzung vor- zunehmen, als Grundlage für die weiteren Derhandlunzen. 4. Der örtlichen Vereinbarung müßte die Anordnung der Sdjichlzeiten vorbehalten bleiben, wobei das Ziel wäre, Springsrschichten nach Möglichkeit zu vermeiden. Die Belegschaften müßten gehalten sein, verschobene Schichten(z. B. Wechsel von 19- und 12stündiger Schicht zu verfahren. Berlin, den 25. März 1927. gez. S u s a t, gez. Brauer, gez. S p a ck e l e r. Die mitteldeutschen Bergarbeiter werden von diesem „Gutachten" mit einem einzigen Ruf der Ent- r ü st u n g Kenntnis nehmen. Sie werden dieses Gutachten, das ihnen so gut wie nichts und eine Bindung an dieses Nichts bis Ende 1928 bringt, einfach verlachen. Es ist wirk- lich ein starkes Stück, daß es die Kommission gewagt hat, dieses Pamphlet den Arbeitern und dem Reichsarbeits- Ministerium als die Richtlinien zur Arbeitszeitregelung auf Jahre hinaus anzubieten. Das unter dem Vorsitz des Ministerialrats des Reichswirtschaftsministeriums, Dr. Susat, einstimmig zustande gekommene Skandalprodukt kann niemals die Grundlage ernster Berhandlunaen über die Arbeitszeit-. frage bilden. Höchst merkwürdig ist, daß das Gutachten die Zustimmung eines den christlichen Gewerkschaftlern nahe- stehenden Mitgliedes der Kommission gefunden hat. Mit einem Worte, dieses kulturhistorische Dokument hat verteufelte Aehnlichkeit init jenen nur eigens für Ministerien bestimmten „Denk"schriften, die aus den Bureaus der Arbeit- geberverbände stammen. ES ist daher einem Nichts gleichzuachten. Soweit es bis zur Stunde in Bergarbeiterkreisen bekannt wurde, hat es helle Empörung ausgelöst. Wie die Bergarbeiter über das Gutachten und die Be- hauptungeiz der Arbeitgeber, daß die Forderung der Ver- kürzung der Arbeitszeit nur eine solche der Gewerkschafts- führer fei, denken, wird sich bald zeigen. In den nächsten Tagen findet eine Urabstimmung unter den mitteldeutschen Braunkohlenbergarbeitcrn statt über die Frage Zwölf- oder Achtstundenschicht. Ministerium, Kommission und Arbeitgeber werden ihr blaues Wunder erleben! Strefemann unü öas Konkoröat. Drei kleine Stimmungsbilder zu einen« große« Umfall. 1. Die väterliche Verzeihung: „Dos Zentrum wird sich mit diesem Ausgang der Sache Z u- friede»geben können und hat zu weiteren Schritten im gegenwärtigen Augenblick keine Ursache. Der Zwischenfall bietet uns zcdoch den Anlaß zu einer eindringlichen Be- merkung an die Adresse der Deutschen Volks- parte! und der Demokraten. Wir leben heute nicht mehr in der Zeit von vor 80 Jahren. Fehler, die damals allenfalls noch halbwegs verständlich sein mochten, deren Fehlerhaftigkeit aber in- zwischen längst erkannt und durch Wort und Tat anerkannt ist, sollten nicht heute wiederholt werden, nachdem wir doch, durch schmerzhafte Ersahrungen belehrt, klüger geworden sein sollten. Ist nicht Dr. Stresemann in mancher seiner in den letzten.Iahren ge- haltencn Reden selbst von derKulturkampspolitik abgerückt? Daß heute die Zeit nicht mehr geeignet ist für eine Neuauflage des unseligen Kulturkampfes, daß unser Volk von solchen Dingen nichts mehr wissen will, kann es ein Volk geben, so weltfremd, daß diese Erkenntnis ihn, versagt geblieben sein sollte? Wenn der Zwischenfall dieser kulturpolitischen Gambrinusrede des Führers der Deutschen Dolkspartei d i e Folge hat, daß diese Erkenntnis auch bei den Liberalen Gemeingut wird, so können wir dieses Zwischenspiel als in befriedigender Weife abge- schlössen betrachten." 2. Die Zensur des Schullehrers: „Wir müssen Herrn Dr. Stresemann attestieren, daß zwischen seinen Ausführungen am Sonntag und seiner gestrigen Rcichstagserklärung ein ausgesprochener Gegensatz besteht, der es nötig macht, daß in der heutigen Rrichslagssitzung bei Behandlung der demokratischen Entschließung zur Konkordatssrage, die wir in unserer gestrigen Morgenausgabe veröffentlicht haben. die Parteien der Regierungskoalition in einer gemeinsamen Erklärung ihre Stellungnahme zur Konkordatsfrage kundtun. Die Deutsche Volkspartei versucht zwar in einer recht gewundenen Erklärung die Ausführungen des Reichsaußenministcrs als die selbstverständlichste Sache von der Welt hinzustellen und auch die eigene Stellungnahme zu rechtfertigen. Aber Ministerreden, die der nachträg- lichen Interpretation bedürfen, sind nichts wert, und Dr. Stresemanns politische Extratour hat ihm selbst, seiner Partei und der Sache geschadet. Daran ändern auch alle Auslegungsvcr- suche nichts." 3. Die Ausrede des Schulbuben: Dabei geht man von der irrigen Darstellung aus, daß die un- bedingt« Betonung des liberalen Standpunktes der Deutschen Volks- parte! in allen Kulturfragen, den Stresemann am Sonnabend scharf unterstrichen hat, sich auf die grundsätzliche Einstellung zum Abschluß eines Konkordats beziehe und nicht auf dessen zu erwartenden Inhalt. Wenn er deshalb gestern in seiner Antwort auf die Anfragen der Opposition betonte, fein« Einstellung zu der Frage des Konkordats werde letztxnEndesvon dessen Inhalt abhängig sein, so war das zwar eine Selbstverständlich- keit. Es ist aber bedauerlich, daß dies« Selbstverständlichkeit nicht begriffen wurde. Gewiß ist die Stellung innerhalb der Deutschen Volkspartei n i ch t e i n h e l t l i ch. In ihr finden sichvielegrundfätzliche Gegner des Kon korb atsabschknffe?, namentkkch st» den kulturpolitischen Schichten, die ihr angehören. Man wird sich aber doch fragen müssen, ob es nicht richtiger ist, uns in den Verhandlungen mit der Kurie vor weitgehenden Eingriffen in unsere Bildungsfreiheit zu schützen, anstatt den Schwerpunkt des Streites grundsätzlich auf den Abschluß eines Konkordats zu legen, eine Frage, die doch nur praktischer Natur ist. Im übrigen wäre es wünschenswert, daß die kulturellen Fragen jetzt bald van dem Reichs- tabinetk vorwärts gebracht würden, damit man Klarheit hat, wohin derWeg geht. Stresemann ist zwar mit dem Reichskanzler einver- standen, aber er möchte doch wissen, wohin der Weg geht, damit er weiß, welchen Standpunkt er morgen haben muß. Die Mbanien-Kommiflion. Teutschland zur Teilnahme eingeladen. Die französische und die e n g l i s che Regierung haben. wie man weiß, eine Vermittlerrolle in demitalienisch. südslawischen Konflikt wegen Albaniens übernommen, und haben die Einsetzung einer ständigen Drei-RIächic-Kommisilon angeregt. die bei Grenzstreiligkeileu und sonstigen bedrohlichen Zwischenfällen an der südslawisch-albanischen Grenze untersuchen und eingreifen soll. Außer Frankreich und England soll auch Deutschland in dieser Kommission verlrelen, und die Reichsregierung ist oon diesen beiden Wächten bereits zur Tellnahnte eingeladen worden. Die Reichsregierung Hai grundsätzlich zugestimmt. jedoch nnker der Voraussetzung, daß die Befugnisse dieser Kommission genau umschrieben«Verden und daß die drei Länder Italien, Albanien und Südslawien sowohl mit der Einsetzung der Kommission al» auch mit ihrer Zusammensetzung einverstanden sind. Die Kommission wird, wenn sie zustande kommt,«vahrscheinlich aus den Rlililäratlachäs Frankreichs und Englands in Belgrad und au» einem„millkärsachverständigen" Mitglied der deutschen Gesandt- schasl in Belgrad bestehen. Der umstrittene Finanzausgleich. Schlußdebatte im Preuhischeu Landtag. Zu Beginn der heutigen Londtogssitzung gab Frau Abg.(Christmann(Saz.) eine Erklärung außerhalb der Tagesordnung ab. in der sie die wiederholten Behauptungen des Abg. Schön(Wirtsch. Agg.) gegen einen sozialdemokratischen Elberfelder Beigeordneten aus freier Erfindung beruhend bezeichnete. Sämtliche bürger- lichen Fraktionsvorsitzenden in Elberfeld hätten die Darstellung des Abg. Schön als unwahr bezeichnet. Nach Erledigung einiger kleinerer Borlagen erfolgt die dritte Lesung des preußischen Finanzausgleichsgesetzes, in der Abg. Hecken(Dnat.) sich gegen den Borwurf wendet, daß feine Freunde beim Finanzausgleich die Agrargemeindcn gegenüber den Arbeiterwohngemeinden bevorzugen wollten. Die Erklärung des Berliner Oberbürgermeisters über die angebliche Benachteiligung Berlins feien der Auftakt zum Kampf um den endgültigen Finanzausgleich. Durch feine schroffen Erklärungen habe er dem gesamten übrigen Preußen den fliampf angesagt. Sein Standpunkt, daß das örtliche Steueraufkommen an die Gemeinde zurück- fallen müsse, sei unhaltbar. Im übrigen seien die Realsten e r n Berlins im Verhältnis zu denen der westlichen Industriestädte viel zu niedrig. Abs. Reu mann-Frohnau(D. Dp.): Durch den Finanzausgleich sind unsere Wünsche auf Senkung der Real steuern durch erhöhte Ueberweisungen an die Gemeinden nicht ekfüllt worden. Oberbürgermeister Baß vertritt vc-rständlicherwcise die Berliner Interesien, aber hat den Führern der Wirtfchaftsverbänds und dem „Berliner Tageblatt" nachweislich falsche Darstellungen gegeben, wie bei der Automobil- und Hauszinssteuer. Sozialdemokratisckier Llntrag z« de» Forderungen BerlinZ Die sozialdemokratische Fraktion hat zu der Abstimmung über den Finanzausgleich, die noch heute stattfindet, wiederum den in zweiter Lefung abgelehnten Antxag eingebracht, den Anteil Berlins am Finanzausgleich dadurch zu erhöhen, daß die relative Garantie van 22 auf 23 Pf.«»höht wird. »die Schule von Uznach." Erstaufführung im Theater in der koniggrätzer Straße. Karl Sternheim appliziert eine wOhlluende Dusche. Wir merken sofort, daß er selber sich nicht betölpeln läßt. Niemand macht ihm ein I für ein U vor. Oder„Neue Sachlichkeit" steht als Untertitel des Stückes. Gestehen wir nur, Sternheim wischt aus unseren Köpfen alles fort, was man die Suggestion mit Hilfe des aufgeplusterten Wortes nennen könnte. Da mm einige andere in der letzten Zeit versucht haben, diese Kaltschnäuzigkeit und Reserve ihm nachzumachen, sehen wir im Original erst, wie vorzüglich der Mann ist. Er ist ein Snob ohne Leidenschaft. Er ist ein Bourgeois mit ganz klarem. Gefühl. Was er sarkastisch anfrißt, das hat wenig mit dem zu tun. was uns Leuten aus dem Volke am Herzen liegt. Trotzdem interessiert uns die Sorge, die sich Sternheim über feine lieben Mitbürger macht. Eigentlich ist die Weltanschauung miserabel, aber sie wird uns so überlegen, mit einer so starken, so schneidenden Logik eingetrichtert, daß wir uns immer freuen, wie helle dieser Lust. spielschreiber ist. In der„Schule oon U z n a ch" rennt der Sarkasmus gegen die jungen Damen mit Rentengenuß, hohen Monatspensionen, so- gar mit Milliardärserbschaften und ähnlichen Gerruhmitteln. Diese Fräuleins werden in der modernen Tanzkunst erzogen, weil das Tanzen gleichbedeutend fein fall mit moralischem Training. Di» jungen Damen erstaunen, daß Fräulein Mathilde aus Deutschland die Iungsrauenschaft noch nicht erledigt hat. Kurz, es mißt sich die Uebergeschnapptheit schließlich mit dem gesunden Menschenoerstand. Es kommen die Liebespaar« zusammen, indem jeder enlleckt, daß die neue Liebessachllchkeit nur der alte romantische Schwindel ist. Und man tritt zum Menuett an, als wenn man noch tief in der Krinoline drinsteckte. Nun ist auch dieser Schluß des Sternheimschcn Lustspiels gar nicht van familiär wirkender Banalität. Der Sati- riker bleibt immer überlegen. Di« Literatur, die er pflegt, ist mehr als gepflegt. Der Kopf von Eis ist ei» tüchtiges Köpfchen. Darum müsien wir ihn loben. Zu loben ist auch die Aufführung, die Gustav Härtung in- fzeniert. Das kleine Volk der Weiberchen tonst und wiegt und schwätzt und schnäbelt über die Bühne, und es find junge Damen ausgewählt, die in Anmut strahlen. Das schauspielerisch« Talent kommt erst in zweiter Ordnung, und man vergißt gelegentlich sogar, daß diese und jene Künstlerin lispelt. Doch es fallen auf Karin Evans und Pamela Wedekind. In diesem Stück der Kalt- blütigkeit redet Karin Evans einmal im schmelzenden Tone der Julia, und man vermutet, daß sie dieses Tones noch weiter Herrin werden wird. Die schauspielerische Physiognomie der Tochter Frank Wedekinds ist noch nicht geklärt. Das Gedicht des jungen Mädchens möchte man mondän nennen. Es ist eigenllich nichts Mädchenhaftes in diesem Gesicht zu sehen. Man glaubt, die junge Künstlerin hat einige Theatcrschulklafsen und Iahrestlasien übersprungen. Reben dieser angeborenen Routine spielt ober auch eine angeborene Ge- sälligkeit. Anne Kersten und Hans Hermann Schaufuß er- ringen ihren Sondererfolg, indem Schaufuß durch Honswurst- fchüchterrcheit und Fräulein Kersten durch ein« robuste Altjungfern. erweckung das hohe Lied der Verliebtheit vortrogen. Steniheirn arbeitet da mit altem Theatermittel, ober auch dieses Werkzeug führt er famos und zielsicher. Er ist ein Künstler im Veredeln dieses scheinbar abgebrauchten Tricks und die beiden Künstler parodieren höchst ergötzlich. Auch Karl Ludwig A ch a z spielt so vorzüglich, daß man sein« Gewohnheit vergißt, noch allzu pathetisch dem alten Ex- pressionismus der Deklamation zu huldigen. Der Schauspieler ist freier geworden. Er will nicht mehr heroisch chorokterisieren, er detailliert.' Max Hochdorf. ,der wilSjchütz� im Staatlichen Schauspielhaus. L o r tz i n g s„W i l d f ch ü tz" bedeutet für die Opernbühne der Gegenwart ein Problem. Da» Werk enthält zwar die best« Musik, die Lortzing geschrieben hat— und das ist mehr, als man nach dem Durchschnitt setner Werke annehmen sollte: aber es hat ein Textbuch, dem selbst der gutgläubigst« Opernbesucher nicht mehr zum Opser fällt. In dieser jchrecklichen Lerwicklungskomodi« hält man drei Akte hindurch einen Esel iür«inen Rehbock,«seil sonst eben dl« ganz« Komödie nicht möglich gewesen wäre. Und man hält Frauen für Männer, kennt Schwestern und Briider nicht, kurz, die Unglinib- Würdigkeiten sind aus eine Art gehäuft, daß e» selbst dem geduldigsten Zuschauer den Rest oibt. Ehe hier das Textbuch nicht gründlich um» gedichtet ist, wird sich der„Wildschütz" schwerlich auf der Bühne halten können. Daß der musikalische Gehalt die Arbeit lohnen würde, steht außer Frage. Solange aber muß die Oper an ihrem Textbuch scheitern, und es bleibt ein oergebliches Bemühen, rettungs- los Verrottetes auszustoiiben und ans Tageslicht zu ziehen. Die fehlende Staubschicht macht die Schäden nur um fo offerrsichtlicher. So erlebte man an der Ausführung imStaatlichenSchau- i e l h a u s eine recht geteilte Freude. Kleiber, der das ert leitete, gab ihm Schwung und Witz. Cr deutete zwar durchaus nicht alles im Lortzingschen Geist aus, aber er ließ sich dabei von dem richtigen Gedanken leiten, daß nur stärkstes Hervorheben der porodistischen Elemente das Werk im jetzigen Zustand genießbar macht. Eins aber wurde vergessen: ausgiebigstes Kürzen. Zwei- ccnehalbe Stunde wäre für die Ausführung reichlich Zeit gewesen. Statt dessen dauerte sie drei. Da rettete kein humorvoll pointierte, Musizieren, keine noch so anmutige Aufmachung vor einer unbesieg- baren Müdigkeit. Die Darsteller setzten sich für das Werk mit allen Kräften ein. Lso Schügendorf in der Rolle des Titelhelden lang und spielte ja wilsig, daß man wirklich auf Augenblicke alle die Unwahrscheinlichkeiten vergaß. violetta Strozzi, Genta Grszalewicz, Tilly de Gorma, M a r ga- rete Arndt-Ober, Arthur Fleischer, Carl Iöken, Ewald Wenck bildeten mit ihm stimmlich wie schauspielerisch ein gut abgestimmtes Ensemble, das sich humorvoll in die netten Bühirenbllder Emil P i r cha v s einfügte. Das Publikum zeigte sich denn auch durch lebhaste Hervorrufe dankbar. Ties, Sörperrhythmit und Raumgllederung. Elaire Bauroff und Ellinor Tordis tanzten in einer Matinee des Neuen Theater» am Zoo. Beide Hochtänzerinnen. Beide starke,«cht tänzerisch« Temperamente. Beide technisch vollkommen durchgebildete Körper. Beider Kunst aus dekorative Wirkungen gerichtet. Und doch zwei grundverschiedene künstlerische Individualitäten. Die tänzerische Ausdruckskraft der Dauraff sammelt sich in der Rhythmik der oft pantomimischen Körperbewegung. Die der Tordis wirkt darüber hin- aus raumgestattend und raumglicdernd. In den Tänzen der Bauroff lebt und schwingt«ine wohlgebildete rhythmisch beweg!« Gestalt. In den Tänzen der Tordis lebt und schwingt der fühlbar gewordene Raum. Sie gibt das letzte des modernen Tanzes: bewegte Archi- tektur. Freilich nicht in der reinen abstrakten Siiloallendung der Wigman oder der Palucca« sondern mit ausgesprochen ornamentalem Charakter. Der Raum erscheint oft orabeskenhast-symmetrisch geteilt: rechts das Bild, links das Spiegelbild. Diel schmückende Schnörkel- die einen Tanz wohl begleiten und rahmen dürfen, aber nicht das Gerüst des kompositorischen Aufbaues bilden sollten. Die Bauroff gibt ihr Bestes in„Spiel der Glieder"(diesmal nicht so glücklich produziert wie neulich im Blüthner-Saal). Die Kunst der Tordis, der Musik eng verhaftet, giosett in Tänzen wie„Präludes" und „Aus der Jugendzeit", bei aller Weichheit künstlerisch strengen For- mungen. Die Bauroff macht Konzessionen, die oft bedenklich die Grenz« d« Variete streifen. Die Tordis bleibt stets im Rahmen des vornehmen Kunsttanzes. I. S. Europas erster weiblicher Generalmusikdirekler. Der einzige und erste weibliche Generolmufikdirektsr in Europa ist die Leitern, de» Philharmonischen Orchesters von Paris— Madame Lola Lossan. Sie hat vor einigen Tagen Kopenhagen besucht, wo sie als Gast ein Orchesterkonzert dirigierte. Sie gab bei dieser Gelegenheit den« Vertreter einer dänischen Zeitung ein Interview..Ich arbeite aus diesem Gebiet erst einig« Jahre," erzählte sie.„und trotzdem ist mein Philharmonisches Orchester als der Mittelpunkt für internationale Musik in Paris anerkannt. Man nennt mich daher die Botschasterin der Musik, während meine Tätigkeit den Spitznamen„das musi» kolische Locarno" bekommen l-at. Meine Idee ist nämlich, die Musiker der ganzen Wett einander näherzubringen." Die Dirigentin zeigte dem Interviewer einen Brief, den sie von Jean Chantavoine, dem Generalsekretär des Pariser Musikkanservatoriums,«rhaltsn hat.„Sehen Sie," sagt« sie dabei,„es gibt nicht weniger als hundert- undfünfzig Konzert- und Orchestervereine in Paris. Ich aber bin die einzige, die die Aufsvrdernng erhalten hat,«inen bedeutenden deutschen Solisten zu einem Konzert einzuladen." Z» der rrltän« wirb am 9., II1/, U6r. zu Gunsten 6er DoblsabriSkasse ber Genossenschaft Drutschcr Vühncnanaehoriaen eine einmalige Nacht- Vorstellung von„Spiel im Schloß- veranstaltet. Lnbetvunle neue Sirahlen? Zwei Gelehrte, die sich ewcn Monat lang auf dem Rücken des„Mönch- m der Schwei, aufhielten, haben im Barlaus Ihrer abronamischen Teobachlungen neue«igenarlige Slrahlen entdeck», d e an Störte die Nöntgenstrablcn übertrcsfen und von einer gewissen Gruppe von Sternen kommen sollen. Ehapil» und der roififche kivokrvst. Charlie Chaplin hat das Angebot des ruififche» Staatskinotrust», nach Moskau zu kommen und sich dort dauernd niederznlassen. abgelehnt. Chaplin ist aber bereit, für einige Niffische Filme zu arbeiten, er will Ende de» Jahre» nach NoSkau kommen. Die Mm- und wchnungsMeber. Das Ergebnis der Untersuchnugen. Zu d>?u Wohnungsschiebungen, derentwegzu der Stadtsekretär Alwin Haus verhaftet worden ist, wird folgendes niitgeteilt: Die Anschuldigungen, die Haus gegen einen höheren Beamten, seinen Vorgesetzten und gegen einen mittleren Beamten erhoben hat, sind völlig unbegründet. 2lls Haus voin Dienst enthoben wurde, beschul- digte er in einem langen Schreiben diese beiden Beamten, Ilnberech- tigten ebenfalls Wohnungen zugewiesen zu haben. Das war jedoch, wie die Ermittlungen ergaben, nur eine E n t l a st u n g s o f f e n- s i v e zu seinen G u n st e n. 2ln der Hand eines Durchschlages des eingegangenen Schreibens pruste Bürgermeister Leid person- lich olle diese Beschuldigungen im einzelnen eingehend nach. Das Ergebnis war, daß alle Zuweisungen, die unberechtigt stattgefunden haben sollten, ordnungsmäßig erfolgt waren. Haus selbst sind da- gegen bisher in 9 Fällen Verfehlungen nachge- wiesen worden. Er hat u. a. Prllferbcrichte aus anderen Akten herausgenommen und in die Akten der Leute hineingelegt, denen er Wohnungen zuwrisen wollte. Dementsprechend fälschte er in den Akten auch die Namen. Eine Wohnung, die er selbst früher hatte, diente immer als Grundlage zu einem Wohnungetausch. Auch dabei wurden Akten gefälscht. In einem Falle hob Haus eine Entscheidung feines Vorgesetzten, eines Stadtrates, die ihm nicht zusagte, eigenmächtig und unberechtigt auf und fälschte sie in seinem Sinne um. Alle Sachen, die der Verhastete bearbeitet hat, werden jetzt gründlich nachgeprüft. Festgestellt ist bereits, daß feine Verfehlungen mindestens l'A Jahre zurückreichen. Haus war aber schon länger in dieser Stellung, und deshalb werden auch die älteren Sachen in allen Einzelheiten noch untersucht. Diese Nachprüfungen sind noch nicht abgeschlosien. Die Akkenschiebungen beim Amksgerichk Charlottenburg. Zu den Aktenschiebungen, die der Kanzleiangestcllte Georg Müller bei der Strafabteilung des Amtsgerichts Elwrlottenbu'g in einem Falle versuchte, hatten wir mitgeteilt, daß die Untersuchung auf Anzeige eines Kaufmannes aus der Goethestraße in Gang ge- kommen sei. Von anderer Seite wurde gesagt, daß dieser Kauf- mann von dem Zlufsicht führenden Richter der Strafabteilung vorher abgewiesen worden sei. Das trifft nicht zu. Die Sache wurde.üel- nichr, bevor noch der Kaufmann bei der Kriminalpolizei erschien, bereits von dem Slufsichtsrichtcr aufgerollt. Dieser setzte die Krimi- nalpolizei selbst in Kenntnis, ließ ober Müller zunächst nichts merken. Der Verhaftete wurde nun gestern nachmittag nach dem Polizei- Präsidium gebracht und verhört. Dabei legte er das Geständnis ab, in einem anderen Falle eine Aktenvernichtung nicht bloß versucht, sondern auch durchgeführt zu haben. Ein 36 Jahre alter Kaufmann Leopold Doering, der in der oberen Friedrichftadt wohnt, Hab wegen eines Wohnungseinbruches 1 Jahr 3 Monate Gefängnis zu verbüßen. Bei der Einreichung eines Gnadengesuches lernte er Müller kennen. Im Lauf« der Untcrhultung kam er auf den Plan, die Strafakten zu beseitigen. Doering war bereit, dafür Geld zu zahlen, eine feste Sumnie wurde aber zunächst nicht vereinbart. Als nun die Strafakten wieder in Müllers Abteilung kamen, nahm dieser sie an sich und behielt sie. Doering schlug vor, sie in seiner Wohnung zu verbrennen, weil es ihm anderswo zu unsicher erschien. Aus Grund dieses Geständnisses wurde Doering von der Kriminal- Polizei sofort gesucht, im Laufe der Nacht in seiner Wohnung verhaftet und ebenfalls nach dem Polizeipräsidium gebracht. Hier wurde dann weiter festgestellt, daß die Strafakten tatsächlich vernichtet worden sind. Im Oktober vorigen Jahres- er- schien Müller mit ihnen in Doering? Wohnung. Dessen Ehefrau schickte man unter der Vorspiegelung weg, daß man eine vertrauliche geschäftliche Besprechung zu erledigen habe. Dann verbrannten die beiden die Akten gemeinsam im Ofen. Müller hat von Doering nach und nach ä 0 l) M. und den Pfandschein über«inen v e r- setzten Smoking erhalten. Er verlangte aber noch mehr Geld und mahnte ihn erst wieder am vergangenen Sonntag. Wie die weiteren Ermittlungen ergaben, besteht der Verdacht, daß Müller mit dem Aktenschieber Eglofsstein-Oertel, der noch immer vergeblich gesucht wird, in Verbindung stand. ver tzanöel mit Korruptionsmaterkal. Anschuldigungen gegen Ttresemann.— Tie Rotte der deutschnationalen Geschäftsstelle. Entgegen unseren Feststellungen sucht der Hauptgeschäftsführer der Deutfchnationalen Volkspartei, Herr Dr. Weiß, weiter zu bestreiten, daß das von ihm für ZOkXI Mark- aufgekaufte Akten- material der Deutschen Werke— Verkäufer war der Zeuge Kranz— gegen Stresemanu gerichtet gewesen sei. Das Jnhallsver- zeichnis der dreißig Mappen, deren 26. Stresemanus B e z i e h u n- gen zu Litwin und der Eoaporator A.-G. enthält, will er nicht kennen. Sein Leugnen ist vergeblich. Das betreffende Verzeichnis wurde bereits im Juli 1925— unmittelbar nach den Enthüllungen des„Vorwärts"'über Kußmann und Knoll— einem Mitarbeiter des„Vorwärts" von einem Beteiligten der Spitzel- zentralen übergeben, und zwar zum Beweise, daß die dcukschnaiionale Hetze in der Barmat-Sache nur das Vorspiel zu einer weiteren Hetze gegen andere Politiker. insbesondere gegen Stresemann sei.— Es widerspricht auch jeder Wahrscheinlichkeit, daß die deutschnationale Hauptgeschäftsstelle für ein— wie Dr. Weiß behauptet— völlig ungesichtetes Material von 1— 2 Zentner Gewicht ohne weiteres 5000 Mark auf den Tisch des Hauses gelegt hätte. Für die Aufdeckung einer ganz unpolitischen Schieberafsäre hätten die Deutschnationalen nie und nimmer eine derartig horrende Summe gezahlt, die der Rechts- anwalt Kurz mit Recht als ein„kleines Vermögen" bezeichnete. Dabei hat der gleichfalls in Plauen vernommene Zeuge G o e b e l, ehemaliger Staatsanwalt und abgebauter Ober- regierungsrat im Reichsverwertungsamt, der gleichfalls auf deutsch- nalionaler Seite an dem Erwerb des Aktenmaterials hervorragend beteiligt war, noch einen wichtigen Umstand ver- schwiegen. Goebel, der sich gegenüber Kranz und anderen als „Verbindungsmann zwischen der deutschnalionalen Geschäftsstelle und der Slaalsanwaltschafl" bezeichnete, hat für das Material nicht 5000 sondern 10 000 Mark geboten, und zwar 5000 Mark in bar, weitere 5000 Mark nach Bearbeitung. Wegen dieser restlichen 5000 Mark ist es dann später zwischen Kranz und dem zur Bearbeitung mit hinzu- gezogenen Korvettenkapitän Kautter(Mitglied der OE.) einer- seits und Herrn Dr. Weiß andererseits, der dos Geld nicht zahlen wollte, zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Bei diesen Auseinandersetzungen hat auffölligerweise der Staats- anwaltsasiessor Kußmann den Dermittler zu spielen gesucht. Es kam schließlich so weit, daß Kautter von Weiß mit Straf- anzeige bedroht wurde, worauf Kautter mit der Gegendrohung antwortet«, er werde stch alsdann— den Rechtsanwalt Wcrthauer als Verteidiger nehmen I Breithaupt und Goebel. Der Zeug« Goebel verdient überhaupt noch eine etwas genauere Betrachtung. Er hat in Plauen ausgesagt, mit Kranz nur rein„zufällig" in Berührung gekommen zu sein. Herrn Gvebels Dasein ist offenbar mit Zufällen reich gesegnet. Dann ebenso„zufällig" wie Kranz ist durch Goebel auch der berüchtigt« Spion W o l f g a n g B r e i t h a u p t der Spitzel- und Verleumderzentrale Knalls zugeführt worden. Breichaupt wurde am 16. Januar 1925 durch den Archivar Schmidt der Deutschnotionalen Voltspartei mit Goebel bekannt gemacht. Goebel ließ sich von Breithaupt sofort«in längeres S t e n o g r am m. ge be n über den Aufenthalt Breit- Haupts während des Krieges in Holland(Breithaupt war Deserteur) und die Berührung, in die Breithaupt damals mit Barmat gekommen war; dies« bestand tatsächlich darin, daß Breithoupt sich in eine pazifistische Organisation eingeschlichen und unter dieser Maske Barmat angepumpt hatte. Breithaupt wurde für-den nächsten Tag wieder auf die deutsch- nationale Geschäftsstelle bestellt und hier mit Goebel bekannt gemacht, der ihn seinerseits mit Kußmann bekannt macht«. Alles rein zufällig! Für den 19. Januar wurde dann Breithaupt durch Goebel— natürlich zufällig— in das auch im Plauener Prozeß mehrfach erwähnt« Restaurant Weinpfuhl(Königgrätzer Straß«) bestellt, wo die Bekanntschaft mit Knoll-Klug«. Kautter sowie Bacmcister vor sich ging, worauf denn die Enkhüllergesellschaft komplett und beielnauder war. Herr Goebel, der 1924 als Oberregierungsrat im Reichs- schatzministerium abgebaut wurde, ist nach Mitieilung des„B. T." jetzt wieder im R e i ch s d i e n st. und zwar als Beisitzer im Reichs- vcrforgungsgericht tätig. Mit Recht wird die Frage aufgeworfen. ob dieser Herr Goebel als Beamter in Betracht kommen kann, er, der offensichtlich gestohlenes Material für 5000 Mark auf» gekauft hat, um es gegen seine Regierung auszu- schlachten. Aber dies« Frage genügt nicht. Unseres Erachtens müßte darüber hinaus geprüft werden, wie weit Herr Goebel in Plauen der Eidesverpflichtung nachgekommen ist, die dem Zeugen auferlegt, nichts zu verschweigen. Zaschistenjubel in Litauen. Angebliche Umsturzpropaganda in der Armee. Sown». 6. April.(OE.) Die Zensur verhindert die Oppositlons» presse, zu den schroffen Kampfmaßnahmen der Regierung ausreichend Stellung»u nehmen. Dagegen äußert sich der Faschist, früherer Oberst, G l o« a z k t» in seinem Organ„Toutos Balias" sehr zu- srieden, ja geradezu begeistert über die Feldgerlchte: die Regie- rung solle stch um die Jeremiaden der Linksparteien nicht kümmern, nachdem sie sich endlich dazu aufgerafft hätte, schneidig vorzugehen. Glowazki, erinnert an Mussolini, dem ansang» ein ähnlicher Widerstand begegnet sei, wie ihn jetzt die litauische Regierung finde. Doch Mussolini habe oerstanden, alle Gegner niederzu. schmettern und auch erklärt, daß er gegebenenfalls vor der E r- schießung von Parlamentsabgeordneten nicht zurückschrecken würde(soll heißen, vor der„legalen", denn ermorden l a s s e n hat er ja z. B. den Abg. Genossen M a t t e o t t i. Red. des„Vorwärts"). Bor einigen Tagen wurde auf. dem Stabsgebäude des 1. Litauischen Infanterieregiments in Wilkomir eine rote Fahne gehißt. Slls der Schuldige wurde der Bursche des Regi. mentskommandeurs ermittelt und verhaftet. Die Sache wird noch untersucht. In den Kasernen des 5. Ulanenregiments und des 2. Infanterieregiments wurden revolutionäre Flug- s ch r i f t en gefunden, die die Soldaten auffordern,„aus den dumpsen Kasernen auf dl« Straße zu gehen" und zur Errichtung einer R e» gierung von Arbeite rn und Bauern behilflich zu sein. Pqpst und Pilsudski. Der Papst hat der Gattin und den beiden jugendlichen Töchtern Pilsudskis drei kcstbare Rosenkränze aus Gold und Edelstein geschenkt. Begleitet war diese Gabe vom apostolischen Segen für die Familie des Marschalls, Schweres Flugzeugunglück in Staaken. Aus i»00 Meter Höhe abgestürzt. Ein folgenschwerer Flugzeugabsturz ereignete sich heute früh kurz vor 7 Uhr auf dem Flugplatz in Staaten. Der Flugschüler Friedrich Mack von der Deutschen Derkehrssliegerschule stürzte aus 500 Meter Höhe in die Tiefe. Der Apparat wurde völlig zertrümmert, M. mit lebensgefährlichen Verletzungen in das Spandauer Städtische Krankenhaus ein- geliefert. Zu dem Unglück wird folgendes bekannt. Mack, der zurzeit in der Verkehrsflieg�rschule zu Staaken' wohnt, startete kurz vor 7 Uhr mit dem Doppeldecker V 1052 zu einem Uebungsflug, der zunächst glatt vonstatten ging: in etwa 500 Meter Höhe, bei der Ausführung eines Linksrolling riß plötzlich die linke obere Drahtfläche der Schräglagensteuerung ab. Eine Betätigung des Steuers war dadurch unmöglich geworden, so daß es dem Piloten nicht mehr gelang in die normale Fluglage zu kommen. Im Linksspiralflug ging die Maschine zunächst sloch, und von 100 Meter ab in ungeheurer Geschwindigkeit steil zur Erde nieder. 400 Meier westlich des Flugplatzes prallte der Apparat mit ungeheurer Wucht auf den Erdboden aus und wurde vollständig zertrümmert. Von hinzueilenden Fliegern und Flugplatzangestellten mußte M. mit s ch w e r e n V e r- l e tz u n g e n aus den Trümmern geborgen werden. Der Ver- unglückte wurde in das Städtische Krankenhaus zu Spandau ge- schafft, wo er hoffnungslos daniederliegt. von öer?lutohalle zum SätigHngsheim. Im Norden Berlins, in der Ofener Ecke Edinburger Straße hat das Bezirksamt Wedding eine neue Säuglings- fürsorge stelle eröffnet.' Es ist eine frühere AutoHalle, die mit viel Geschick ihrem jetzigen notwendigen und segensreichen Zwecke entsprechend umgewandelt wurde. Die Fürsorgestelle ist nach allen Regeln moderner Hygiene eingerichtet. An Stelle der üblichen langen Tische im Warteraum hat man kleine Boren mit je einem darunter befindlichen Fach für die Kleidung gezimmert, die durch Wände voneinander getrennt sind, so daß die Kinder gar nicht in direkte Berührung miteinander kommen. Der Warteraum bietet Platz für 38 Personen. Drei Aerztezimmer dienen zur Untersuchung, ein spezieller Raum für Höhensonnebcstrahlung: außerdem ist ein von den anderen Räumlichkeiten streng gesondertes Aufnahme- und Untersuchungszimmer für Kinder mit infektiösen Krankheitserscheinungen vorgesehen. Aus Raummangel werden die Kinderwogen mit einem Pendelaufzug in höhere Regionen befördert und durch Nummernausgabe abgenommen und wieder ausgefolgt. In allen Zimmern ist fließendes warmes und kaltes Wasser: die Einrichtung ist ganz in weiß gehalten und bietet mit dem Schiller- park als Hintergrund«in überaus freundliches Bild. Bei der gestrigen Einweihung hielt Stadtrat Gen. Frank die Begrüßungs- rede. Stadtverordneter Hausberg brach für den arg verteum- beten Wedding eine Lauze, der durch diese Leistung viele eines besseren belehren müsse. Bürgermeister Gen. Leid vom Bezirks- amt Wedding äußerte sich vor allem über das rasche, totkräftige Wirten der neuen Fürsorgestell«, die mit möglichster Umgehung des langwierigen Instanzenweges arbeiten wolle. Es sprachen noch die Stadträte Fabiunke, Vahle und Rleck, im Namen ver jüdischen Gemeinde Rabbiner Dr. Alexander u. � in. Stadtrat Genosse Dr. Drucker übernahm die Führung durch die Räume, die bereits morgen ihrer Bestimmung übergeben werden. Prüfungsarbeiten der Gewerbeschülerinnen. Die Staatliche Handels- und Gewerbeschule für Mädchen In Potsdam enthält außer einer Handels- und elner Haushaltungsschule auch ein Seminar für Mädchen und Frauen, die sich als technische oder Gewerbelehrerin ausbilden wollen. Im Rahmen einer Ausstellung wurden nun die Prüfungsarbeiten der abgehenden Schülerinnen gezeigt. Man sah allerhand Schönes auf dem Gebiete weiblicher Nadelkunst. Hübsche Wäschearbeiten in einfacher und feiner Ausführung, Kleider, Hüte und allerhand klein« Putzgeoenstände. Die Arbeiten zeigen teilweise sehr nette Begabung, viel Phantasie und große Sorgfalt der Aus- kührung. Der Gedanke, Eltern und Angehörige von den Fori- schritten ihrer Sprößlinge durch öffentliche Ausstellungen zu über- zeugen, ist ein ganz vernünstiger und es ist jetzt vielfach üblich, der- artige Schulend-Ausstellungen zu veronftallen. Hier tat man aller- Vings des Guten etwas zu viel, indem man die fleißigen Mädchen zu flc.tten Mannequins unzumodeln versuchte, die ihre eigenen Erzeugnisse mtt Misikbegleitung vorführen mußten. Die verlegenen jungen Dinger marschierten wie dressierte Bären auf, hatten natur» gemäß jedes zwei Arme und zwei Beine zuviel, mit denen sie aber wenig anzufangen wußten. Außer diesem fünfjährigen Ausblldungs- kursus für Lehrerinnen gibt es noch einen dreijährigen Kursus für solche Schülorlnnen, die sich der praktischen Schneiderei widmen wollen. VI« Slodkverordnekcnversammlung hat ihr« nächste Sitzung am Donnerstag um?LS Uhr. Auf der Tagesordnung steht. wieder eine lange Reihe von Vorlagen Anträgen und Anfragen. Der kommunistische Antrag auf Anerkennung der Erwerbslosen- a u s s ch ü s s e kommt aus dem Ausschuß zurück zur zweiten Be- ratung und Beschlußfassung. Vertagung ües Neineiüsprozeffes Lepk. Meineidsanklage gegen Ära» Holtz? Die Verhandlung gegen den Detektiv Leyk, der sich gegen- wärtig vor dem Schwurgericht l unter der Anschuldigung in dem Totschlagsprozeß gegen Frau Hauptmann Ellen Holtz als Zeuge «inen Meineid geleistet und damit deren Freisprechung bewirkt zu haben, nahm am heutigen Verhandlungstage ein« überraschende Wendung und führte zum vorzeitigen Abbruch zwecks weiterer Ermitttungen der Staatsanwallschaft und zwecks Erhebung einer Nachtragsantlage gegen Frau Holtz wegen An- stiftung zum Meineide. Nach Eröffnung der Sitzung durch Landgerichtsdirektor Dr. T o l k beantragte der Anklagevertreter, Staatsanwaltschaftsrat Jacoby I wettere Zeugenladungen, darunter die Vernehmung von M i a Michel, der damaligen Hausangestellten von Frau Holtz, die be- künden soll, daß Frau Holtz den Angeklagtei�dauernd bearbeitet habe, eine falsche Aussage zu machen. Rechtsanwalt Dr. P i n d a r beantragte seinerseits dieLabungvonFrauEllen Holtz, mehrere Richter und eines Rechtsanwalts, durch deren Vernehmung sich ergeben soll, daß die gestern vernommene B« l a st u n g s z« u.g i n Frau Roth eine nervös« und unglaubwürdig« Frau sei. Nachdem das Gericht bereits über diese Anträge beraten hatte, stellte Staatsanwaltsthastsrat Jacoby I, ehe der Beschluß verkündet worden war, neue Anträge:„Nach der gestrigen Aussag« der Zeugin Roth besteht nicht nur der dringende Derdocht, daß Leykeinen Mein- « i d geleistet hat, fondern daß auch Frau Holtz ihn dazu an- g e st i f t« t h a t. Es wird nötig sein, einen Bankdirektor zu laden. (Der Name wurde nicht genannt). Ein Zeug« weiß zu bekunden, daß er ein Gespräch zwischen dem Bankdirektor und Frau Holtz gehört hat, in dessen Verlauf Frau Holtz dem Bankdirektor sagt«:„Auf Dein Verlangen habe ich meinen Mann erschossen, und nunwill st Du michnicht heiraten." Der Bankdirektor soll erwidert hoben: daß das vorläufig nicht geh«, daß er aber für alles aufkommen werde. Als der Zeuge ins Zimmer trat, hatte der Bank- direktor Geld in der Hand, und er wurde sehr verlegen. Diese Um- stände führen dazu, das Meineidsverfahren aus Frau Holtz auszu- dehnen. Die dadurch notwendigen Ermittlungen bedingen auch eine Dertogung des Prozesses gegen Leyk, damit nachgeprüft werden kann. in wie vielen Punkten dessen Zeugenaussagen wissentlich falsch waren. Rechtsanwalt Dr Pindor will dem Antrage des Staats- anwolts auf Vertagung nicht widersprechen. Nach kurzer Beratung ver- kündet« Landgerichisdirettor Dr. Tolk, daß das Schwurgericht be- schlössen habe, die Verhandlung gegen Leyk zu pertagen und die Akten der Staatsanwaltschaft zu weiteren Ermittlungen zurückzu- geben.„Da, soweit etwa dringender Tatverdacht gegen Leyk vorliegen sollte,«ine Verdunkelungsgefahr nicht mehr besteht, hat das Gericht beschlossen, den Angeklagten Leyk aus der Unterfuchungshait zu entlassen und den Hastbesehl gegen ihn aufzuheben."— Damit wurde der Meineidsprozeß aus unbestimmt« Zeit vertagt. _ f Schluß mit See vertehrssteuer. In der Berliner Stadtverordnetenversammlung hatdiesozialdemokratischeFraktion folgenden Dring- lichkeitsantrag eingebracht: „Als einzige Kriegssteuer ist bisher bei den kommunalen Dertehrsunternehmungen die Belastung durch die im Kriege eingeführte Verkehrs st euer geblieben. Sie stellt bei der bisherigen Entwicklung des Steuersystems eine Zlusnahmebesteueruug, der fast ausschließlich in kommunalem Bereich befindlichen Straßen- bahnen und sämtlicher Verkehrsmittel dar. Mit Rücksicht darauf, daß auch die Verkehrsunternehmungen der Smdt Berlin wie die' anderer Städte durch diese veraltete Steuer in außer- ordentlichem Maß« belastet werden, ersucht die Stadtoer- oidnetenversammlung den Magistrat, bei der Reichsregierung und dem Reichstag dahin zu wirken, daß dies« verkehrehindernde Steuer auf den Satz der allgemeinen Umsatzsteuer herabgesetzt wird." Der erdichtete Raobtiberfall. Der Slrmenvorsteher Schell er wollte, wie wir mitteilten, im Flur seine» Hauses überfallen und um 2000 M. Unterstützungs- gelber beraubt worden sein. Das Raubdezernat der Kri- minalpolizei deckte mm eigentümliche Umstände aus, die den Verdacht haben auftauchen lassen, daß Schcller, der in der Anklamer Straße eine kleine Schneiderwerkstatt betreibt, den Ueberfoll erdichtet hat. Er bekleidet das Amt des Armenoorstcheis seit IX Jahr. Früher war er Fahrstuhlführer in einer Papierfabrik in der Karlstraße, wurde-abrr seiner Stellung enthoben, wecl er Papier, Radiemummi und andere Waren mit nach Hause genommen hatte. Diese Sachen wurden jetzt noch in seiner Wohnung gefunden und beschlagnahmt. Weiter ergab sich, daß Scheller persönliche Schulden in Höhe von 1000 M. hatte, ober nicht die Möglichkeit besaß, sie zu decken. Seinen Vertrauensposten als Armenvorstcher hat er gröblich mißbraucht. Zur völligen Klärung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe wäre es erwünscht, wenn sich Personen, nie mtt Scheller in seiner Eigenschaft als Armenvorstehcr zu tun gehabt den, beim Raubdezernat der Kriminalvolizei, Lciminolkommissar erneburg, im Zimmer 80 de» Polizeipräsidium« meldeten. f Ulbert Thomas fn Hamburg. Ein Appell an Teutschland. hamb»g. 6. April.(Eigener Drahtbericht.) Der Direktor des Internationalen Arbeitsamtes, Albert Thomas, weilte am Montag und Dienstag in Hamburg. Am Montagmittag wurde er im Hamburger Rathaus in Anwesenheit des Vorstandes der Bürger» schaft und von Vertretern der Unternehmer und Arbeiterorgani- sationen vom Senat empfangen. Bürgermeister Dr. Schramm be» grüßte ihn in einer Anjprache, in der er betonte, daß in Hamburg für die Bedeutung der Aufgaben und der Arbeit des Internationale» Arbeitsamtes ein besonderes Verständnis herrsche. Der Krieg habe die Richtigkeit und Rotwendigkeit des alten Satzes neu erleben lassen, daß der Mensch, der lebendige Mensch das Maß aller Dinge ist. Die wirtschaftliche Verpflichtung der Völker bedinge die ge- meinsame Regelung der großen sozialpolitischen Fragen. Mit d«m Wunsch auf ein segensreiches Wirken des Internationalen Arbeits- amtes und seines Direktors schloß der Bürgermeister seine Rede, aus die Albert Thomas mit Dankesworten erwidert«. Im Laufe des Montags und des Dienstags stattete Albert Thomas dann den verschiedenen Zentralbureaus der Gewerkschaften einen Besuch ab und sprach sich außerordentlich anerkennend über die guten Organisotionsverhültnisie aus. Am Dienstag abend sprach er in einer außerordentlich stark besuchten Versammlung der Freien Gewerkschaften über»International« Arbeiterorganisation und der Friede". Tbomas gedachte des verstorbenen Genossen Legien, den er«inen Meister der Sozialpolitik nannte, rühmte die Energie, Disziplin und Initiative der deutschen Arbeiterklasse und warb dann um tatkräftige Mithilfe aller Arbeiterorganisationen an den Auf» gaben des Internationalen Arbeitsamtes. Um den Frieden zu ver» wirklichen, sei es nötig, daß die Nationen untereinander nicht nur nach wirtschaftlicher Gleichberechtigung streben, sondern den Frieden in allen Fällen des staatlichen und sozialen Lebens wollen. Thomas richtete besonders an Deutschland den Appell, die Ratifikation der internationalen Uebereinkünfte in den Fragen der Arbeitszeit und der Sozialpolitik durchzuführen: stehe doch Deutschland in dieser Beziehung unter den Nationen zurzeit erst an 22. Stelle. SerufsglieÜerimg öee Arbeitslosen. Seit Beginn des Jahres 1S27 wird in der Arbeitsnachweis- Statistik die berufliche Gliederung der in der Erwerbslosenfürsorge und Krisensürsorge hauptunterstlltzten Erwerbslosen durchgeführt. Die Ergebnisse der neuen Berufsgliederung bringen eine Reihe interessanter und beachtenswerter Ziffern. Die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger in der Erwcrbsloscnsürsorge einschließlich der Krisenunter stütz- t e n gliedert sich Ende Februar nach Berufsgruppen wie folgt: Landwirtschaft 50 351(2,75 Proz.), Bergbau 29 382(1,60 Proz.), Industrie der Steine und Erden 74 775(2,44 Proz.), M e t a l l v e r- arbeitung 297 625(1 6,23 Pro z.), chemische Industrie 6297(0,45 Proz.), Spinnstossgewerbe 31964(1,74 Proz.), Zellstoff- und Papierherstellung 12 398(0,67 Proz.), Lederindustrie 18 953 (1,03 Proz.), Holz- und Schnitzstoffgewerbe 81 809(4,46 Proz.), Nah- rungs- und Genußmittelgewerbe 47 914(2,61 Proz.), Bekleidungsgewerbe 79 716(4,35 Proz.), Gesundheits- und Körperpflege-Reini- gungsgcwerbe 4496(0,25 Proz.), Baugewerbe 208389 (1 1 ,36 P r o z.), Vervielfältiaungsgewerbe 6756(0.37 Proz.), kunst- gewerbliche Berufe 1407(0,08 Proz.), Theater. Musik usw. 4253 (0,23 Proz.), Gast- und Schankwirtichaft 20199(1,10 Proz.), Der- kehrsgewerbe 80 341(4,41 Proz.), Häusliche Dienste 29 504(1,61 Prozent). LohnarbeiswechselnderArt 630788(3 4, 39 Prozent), Heizer und Mrilchinisien 11342(0,61 Proz.), kaufmännische Angestellt« 95 146(5,19 Proz.), Bureauangestellte 21 022 (1,15 Proz.), Techniker 14 663(0,80 Proz.), Freie Berufe 2154(0,12 Prozent), ohne Perufsangab« 57. Verfügbar« Arbeitsuchende gab es Ende Februar 1 927 nach der Monatsstatistik der Arbeitsnachweise: Landwirtschaft 73 797(3,03 Proz.) der Gesamtzahl der Arbeitsuchenden, Bergbau 36 545(1,50 Proz.), Industrie der Steine und Erden 52 103(2,14 Prozent), Metallverarbeitung 363 864(14,95 Pro z.), chemische Industrie 10 354(0,45 Proz.), Spinnstossgewerbe 38 335 (1,57 Proz.), Zellstoff- und Papierherstellung 16 331(0,67 Proz.), Lederindustrie 23 497(0,97 Proz.), Holz- und Schnitzstoffgewerbe 98120(4,03 Proz.), Nahrungs- und Genußmittelgewerbe 62 599(2,57 Prozent). Bekleidungsgewerbe 100 940(4,15 Proz.), Gesundheits- und Körperpslege-Reinigungsgewerbe 7590(0,31 Proz.), Bau- gcwerbe 243 195(9,99 Pro z.), Veroielfältigungsgewerbe 9082(0,37 Proz.), Kunstgewerbliche Berufe 1983(0,08 Proz.), Theater, Musik usw. 13 407(0,55 Proz.), Gast- und Schonkwirtschaft 41 181(l,69 Proz.), Verkehrsgewcrbe 103 181(4,24 Proz.), Häusliche Dienste 80 211(3,30 Proz.), Lohnarbeit wechselnder Art 786 303(32,29 Proz.), Heizer und Maschinisten 16 022 (0,66 Proz), kaufmännische Angestellte 185 320(7,61 Proz.), Bu- reauangestellte 33 333(1,37 Proz.), Techniker 30 301(1,24 Proz.), Freie Berufe 6460(0,27 Proz.), ohne Angabe 57; sämtliche Berufs- gruppen 2 434 611(— 100). Der Stand von Ende Januar und Ende Februar 1927 zeigt, daß in beiden Monaten gleichmäßig etwa nur?*alleramMo- n a t s e n d e verfügbaren Arbeitsuchenden auch Hauptunterstützungsempfänger in der Erwerbslosen- fürsorge bzw. Krisensürsorge waren. Dabei ist zu beachten, daß in der Zahl der Arbeitsuchenden auch Arbeitnehmer entHallen sind, die bei Stellung des Arbeitsgesuche nicht ar- b e i t s l o s waren. Eine Schätzung dieser Zahl bildet die unver- kürzte Arbeitsmarkt-Statistik sür das Jahr 1923, aus der sich ergibt, daß im Durchschnitt von 12 Monaten von 100 Arbeitsuchen- den 5,1 Proz. nicht arbeitslos waren. Sehr beachtenswert ist in der artitlichen Statistik die Lohngruppe .Lohnarbeit wechselnder Art". Nach der Erhebung vom 2. Juli 1926 waren 26,9 Proz. aller Hauptunter st ützungs- empfänger solche, die in Lohnarbeit wechselnder Art gestanden hallen, während Ende Februar sogar 3 4,4 Proz. aller Haupt- Unterstützungsempfänger zu dieser Gruppe gehörten. Wenn der Saisonunterschied in"der Landrr-irtschaft und im Baugewerbe zwi- schen dem 2. Juli 1926 und Ende Februar 1927 nicht so stark in Er- scheinung tritt, so liegt das nicht zuletzt daran, daß bei der Land- Wirtschaft die Saisonarbeiter und beim Baugewerbe die ungelernten Bauorbeiter bei der„Lohnarbeit wechselnder Art" mitgezählt werden. Interessant ist im Vergleich mll der Erhebung vom 2. Juli 1926 die Entwicklung in einigen wichtigen Industrie- gruppen. So betrug die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger am 2. Juli 1926 im Bergbau 60913, am 28. Februar 1927 (mit Einschluß der Krisenunterstützten) 29 382, also eine A b- nähme von 31531 oder 51,8 Prozent. Bei der M e t a l l v e r. arbeitung lauten die entsprechenden Ziffern: 323 457, 297 625, Abnahm? 30832 oder 9,4 Proz. Bei der I n d u st r i e der Steine und Erden: 25 333, 44 775, also Zunahme von 1 9442 oder 76,8 Proz.: Gast- und Schankwirtschaft 9115, 20199, also Zunahme von 11 084 oder 121,6 Proz.: Bekleidungsgewerbe 104 013, 79 716, also Abnahme 24 297 oder 23,4 Proz. Eine peinliche Situation für Herrn Schiele. Das Elend der Landarbeiter von Behrends festgestellt. Der christliche Zeniralverband der Landarbeiter hat dem neuen Reichsernährungsminister«ine durchaus zutoefsende Denkschrift über die Notlage der landwirtschaftlichen Arbeiter unterbreitet. In der Denkschrift wird beispielsweise gesagt: »Die Löhn« sind völlig unzureichend. Die Landarbeiterfamillen sind vielfach nicht in der Lage, aus ihrem Lohneinkommen die notwendigen Ausgaben für den Haushalt zu bestreiten und sind häufig dem Aibeitgeber oder Kausleuten und Gewerbetreibenden gegenüber verschuldet. Notwendige Anschaf- sungen an Kleidung, Wäsche und Einrichtungsgegenständen müssen unterbleiben. Die Folgen dieses Zustandcs sind, daß die Arbeits- freudigkeit gelähmt und die Leistungsfähigkeit vermindert wird. Diese Tatsache ist sowohl in tulturellSr als auch in sozialer Be- Ziehung sehr bedenklich. Die ungenügende Entlohnung der land- wirtschaftlichen Arbeiter ist außerdem wirtschaftsschädigend. Eine zahlenmäßig starke Gruppe scheidet als Verbraucher auf dem Znnenmarkt fast vollständig aus." Die Schlußzeilen der Denkschrift entHallen goldene Worte: »Das landwirtschaftliche Problem besteht nicht allein darin, die Landwirtschaft in die Lage zu versetzen, daß sie Steuern und Zinsen bezahlen. Maschinen und Kunstdünger kaufen kann. Weit wichtiger ist die kulturelle, soziale und wirt. schaftliche Hebung der Landarbeiterschast!" Soweit die immerhin deutliche Stellungnahme des christlichen Zentralverbandes der Landarbeiter, dessen Vorsitzender bekanntlich Franz Behrens ist. Franz Behrens ist deutschnationaler Reichs- tagsabgeordneter und damit Fraktions. und Parteigenosse des Reichs- ernährungsministers Schiele. Wie wird sich Herr Schiel« ein- stellen, ohne auf der einen Seite seinem Landbündlerprogramm untreu zu werden und ohne auf der anderen Seite seinen Fraktions- kollegen zu desavouieren? Eine peinliche Situation. vor Sem Kampf in See Lanüfchastsgärtnerei. Ein letzter Einigungsversuch. Wie wir erfahren, haben die Unternehmer die Forderung der Landschaftsgärtner, eine Erhöhung der Löhne um 10 Proz. zu bewilligen, widrigenfalls die Arbeit am Donnerstag früh nieder- gelegt wird, in einer Versammlung am Dienstag abend a b- gelehnt. Damit würde der Streik in der Landschaftsgärtnerei unvermeidlich sein. Um den Streik wenn möglich in letzter Stunde zu verhindern, bemüht man sich, im Laufe des heutigen Nachmittages nochmals Einigungsoerhandlungen anzubahnen. Ob dieser Ver- such zu einem Ergebnis führen wird, erscheint uns noch zweifelhaft. Die Landschaftsgärtner werden heute abend in ihrer Versammlung die letzten Entscheidungen tresfen. Das brktksthe Kntkgewerksihaftsgesetf. Es gehl selbst Konservativen zu weit. London, 5. April.(MTB.) Die Gesetzesvorlage über das Ge- werkschaftswefen, deren Wortlaut gestern abend veröffentlicht wurde, steht heute im Mitielpunkt des össentlichen Interesses. In den Wandelgängen des Parlaments herrschte gestern abend, wie ver- lautet, unter den Mitgliedern der Arbeiterpartei große Erregung, die ihren Ausdruck in dem heutigen Leitartikel des„Daily Herald" findet. Das Arbeiterblatt schreibt: Diese erstaunliche Vorlage wird ohne Ermächtigung der Wählerschaft eingebracht. Die Regierung wagt es nicht, die Entscheidung einer allgemeinen Wahl zu unter- breiten. Die Vorlage bildet nicht einmal das Ergebnis der Erwägung einer amtlichen Untersuchungskommission, sondern ist eine ganz will- kürliche Maßnahme, die vom Kabinett ausgeheckt wurde, während das Regierungsoberhaupt öffentlich heuchlerische Reden über das Wohlwollen und die Freundschaft in der Industrie hielt. Die Arbeiter werden also als geistig minderwertig behandell und es wird ibncn eine Strafe angedroht, die schwerer Verbrecher würdig ist. Dieses Gesetz wird die ganze Gewerkschafts, und Arbeiterbewegung zum entschlossenen Widerstand vereinigen, die gleichgülligen Kreise der Arbeiterbewegung in Bewegung bringen und zu einer solchen Wiederbelebung der Arbeiterbewegung führen, daß Baldwin und seine Gefährten Anlaß haben werden, ihre Dummheit zu bereuen. Die politische Korrespondent der„Daily Mail" meldet: Die Mehrheit der Anhänger der Regierung war über- ras cht, daß die Vorlage derartig weit geht. Die sozialistischen Einpeitscher erklärten, sie bedeute 100 neue Sitze für die Arbeiterpartei. Der Korrespondent fügt hinzu, daß die Vorlage viel dazu beitragen werde, die miteinander veruneinigten Teile der sozialistischen Partei wieder zusammen zu- b r i n g e n: es seien, wie verlaute, bereits Pläne für einen großen Feldzug gegen die Regierung in Borbereitung. Der parlamentarische Mitarbeiter der„Times" erklärt, die Vor- läge sei schärfer gesaßt, als in den Kreisen der konservativen und der Arbeiterpartei erwartet worden war. Der Arbeiterführer Henderson sprach in einem Presieinter- view seine Ansicht aus, daß die Regierung kaum wagen werde, ein derartiges Gesetz durchzubringen, ohne erst den Versuch zu machen, ein Mandat dazu von der Wählerschaft zu erhalten. Die KPD. spaltet die Stauereigenossenschaft. Im Kampf zwischen der Linken und der ultralinken Richtung in der Kommuni st ischen Partei Hamburgs um die kommunistische Stauereigenossenschast ist jetzt die Parteileitung zur Gründung einer Staucrei-G. m.b.H., d. h. eines Konkurrenzunternehmens übergegangen. Der Führer des neuen Unternehmens ist das kommunistische Bürgerschastsmitglied Walter, der vor dem Kriege Führer einer gelben Organisation und nach dem Kriege Leiter des hyperradikalen deutschen Schisfahrtsbundes war. Entgegen allen gewerkschaftlichen Grundsätzen wurde sür dieses Unternehmen ein eigener Arbeitsnachweis eingerichtet, wodurch dem Streben der organisierten Arbeiterschaft nach Vereinheitlichung der Arbeitsvermittlung im Hafen direkt entgegengearbeitet wird. Die Stauerei-G.m.b.H. kümmert sich weder um gewerkschailliche Grund- sätz« in der Arbeitsvermittlung noch um die von den Gewerkschaften angestrebte Herabsetzung der Arbeitszeit. Sie läßt auf den russischen Schiffen zwei und drei Schichten hintereinander arbeiten, ohne Rück- ficht darauf, daß Hunderte von Erwerbslosen in den Nachweisen aus Beschäftigung warten. Dies rücksichtslose Vorgehen hat bei den Hamburger Schauerleuten und anderen Hafenarbeitergruppen von neuem maßlose Verbitterung ausgelöst, weil sich hier einmal ganz deullich zeigt, wie wenig der Kommunistischen Partei an der Ver- tretung der Arbeiterinteressen liegt. Sobald ihr aus parteipolitischen Gründen etwas nicht in den Kram paßt, scheut sie, wie jeder Privat- Unternehmer, auch vor wirtschaftlichen Terrormaßnahmen nicht zurück. Streik öer Hafenarbeiter am Nhein. Mannheim. 6. April.(MTB.) In einer stark besuchten Ver- sammlung der Hafenarbeiter Mannheiins und Ludwigshasens wurde der Schiedsspruch des Schlichtungsausschusses vom 4. April, der eine Lohnerhöhung von 3 Pf. ab 1. April und weitere 3 Pf. ab 1. Oktober vorsieht, mit 93 Proz. der abgegebenen Stimmen abgelehnt. Der Streik scheint unvermeidlich. Verantwortlich für Politik: Victor Schiff; Wirtschaft: G. Klingelhöfer; Gewcrkschaftsbeweauna: Kriedr. Etzkora: Feuilleton: K. K. DLscher; Lokales und Sonstiges: Fritz Karstadt; Anzeigen: Th. Glocke; sämtliä) in Berlin Verlag: Vorwärts.Vcrlag G. m. b. H., Berlin. Druck: Vorwärts.Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Einger u Co., Berlin EW 68, Lindenstraße S. c*. Sole Kapitön- Kauiabalt'■•szzsr C. RUcker, Berlin' Lichtenberger Straße 22, KgsL 3861 ofrUiht Ihm ölkÄMM Hif-Kethf ist er in ihrer' wohl ebenso sorgfältig tvie in feiner Slrbeit.(Ef bevorzugt öie Föftlirii- aivmatifche Oberst 04 womiter M selbst ein Zeugnis feines guten Gefckmacts ausstellt Zvalöoi'f-Ast'oria Zigaretten/adrit AG-Stuttgart Wer Meisten werden will, mich aurh Oie Zeit nnrh feierabmö nutzeki.Sa- her ist OerArbeitstag des Handwerksgesellen mit dem Sloctenfekwgnock nicht zu Gnde.JUue� Spannkraft noch ermüdendem Tagewerk aber WORSTCHEN»BOCKWURST M I Etwas qanz Besonderes!