flbenöausgabe Nr. 7HH � 44. Jahrgang Ausgabe g Nr.§4 «tjUS-vedingu»«» und tntilttnwntt» Nnd in der Morgi»au»sabe nnfitaett« Heöaflion: SS. 68, cindenstroh- 3 ?-r»sprech«r> VS-hoss 202- 282 ZeL.lttccff«: S*|lalt*mo(rai verll» Derlinev VolksblÄkk (lO Pfennig) Sonvabenö y. BprU 1927 Scrlog und LnzetgenodteNun«, Selch Sftszett S\h bis 5 Uti tleclegcc: OomSrls.BccIag GinblZ. SerN» STD 66. Cin&enftcofjr 8 Fernspreche», VSnhoN 282— 282 Zcntralorgan der Sozialdcmokratifcbeii Partei Deutfchlands Der kaiserliche Marineinquifltor. Der Kriegsgerichtsrat als Angeklagter.- Gegenüberstellung mit seinen Opfern. Ein Drama, wie es die Phantasie eines Dichters noch nie ersonnen hat, spielt sich heute im Reichstagsgebäude ab. Vor dem Untersuchungsausschuß begegneten sich als Zeugen drei ehemalige Matrosen, die zum Tode verurteilt worden sind, und der Richte r. derdieTodesurteile gegen sie erwirkt hatte. Der jetzige Landgerichtsrat Dr. Dobring hat vor zehn Iahren als Marinekriegsgerichtsrat die Untersuchung gegen Reichpiessch, Köbis, Sachse, Beckers und Weber geführt und das Anklagegebäude gegen sie gezimmert. Reich- pietfch und Köbis liegen erschossen unter der Erde, Sachse, Becker und Weber sitzen heute neben Dobring vor dem Richtertisch. Die drei Matrosen sind aus früheren Vernehmungen schon bekannt: alle Blicke richten sich auf Dobring, der neben Beckers Platz genommen hat. Er ist jetzt ein achtundvierzigjähriger Mann, untersetzt, blaß, semmelblond, großköpfig. Je länger man ihn sieht und hört, desto mehr befestigt sich der Eindruck: Das ist kein großer Blutrichter, sondern ein kleiner Beamter, der auf Beförderung dient. Damals war er 38 Jahre alt, hatte die vorschriftsmäßige Normal» gesinnuna und die übliche Laufbahn. Bis der Matrosen» prozeß als großes Ereignis in sein Leben trat:„Ich hatte." sagt er wörtlich,„bis dahin keine Gelegenheit gehabt, mich hervorzutun." Dieser eine Satz gibt den Schlüssel zum Verständnis seines ganzen Verhaltens. Jetzt hatte er Gelegenheit, sich hervorzutun, und das nutzte er nach seiner Art aus. Em Mann von großer Zunaengeläufigkeit, von seiner eigenen Tüchtigkeit vollkommen üoerzeugt, er mußte nur von den Vorgesetzten ins rechte Licht gestellt werden, dann konnte es an nichts fehlen. An formeller Bildung war er seinen Opfern zweifellos überlegen, an angeborener Intelligenz reicht er nicht an sie heran. Sie haben auf den Ausschuß einen ausgezeichneten Eindruck gemacht, wenigstens zwei von ihnen: Weber und Beckers. Anders steht es mit dem dritten, Sachse, der ein Renommist und ein zweifelhafter Charakter ist, hat er doch die anderen, seine Kameraden, durch die Aus- sagen, die er vor Dobring abgab, regelrecht hineingelegt, oder, wie Dobring selbst sich ausdrückt, verpfiffen. Um so mehr Verwunderung erregt es, wie Dobring mit Emphase erklärt, dieser Sachse sei der einzige Kopf der Bewegung gewesen, die anderen hätten überhaupt keinen Verstand gehabt. Dabei liefert er den Beweis dafür, daß er die An- geklagten schon damals auch persönlich nicht zu werten verstand. Der pathetische Schwadroneur Sachse erschien ihm als eine überragende Intelligenz. Daß Weber und Beckers viel klüger waren als Sachse und als er, Dobring, selber, das bemerkt er nicht. Auf die Aussagen des Schwadroneurs, die ihm die b e- q u e m st e n waren, hat er dann fein ganzes Anklagegebäude aufgebaut. Weil er ihm alles glaubt, behandelt er die anderen mit moralischer Entrüstung und verlangt von ihnen durch Einschüchterung die Aussagen, die er verlangte und brauchte. So entstand das S ch r e ck b i l d von der großen hochverräterischen Morineverschwörung, so entstand das märchenhafte USP-Programm, das den Krieg durch organisierte Gewaltanwendung zu Ende bringen wollte, dieses Programm, das sich im Laufe der Verhandlungen in nichts auflöste. Diensteifrig, beschränkt, selbstgefällig. menschlichen Regungen unzugänglich, steht er da. Man hat nicht den Ein- druck, daß ihm die Frage Beschwerden macht, ob die bei den Erschossenen zu Recht oder zu Unrecht hingerichtet worden sind. Um sich selber ist er aber sehr besorgt. Auf der Rückreise von seinem Sonrmeraufenthalt in Borkum hat er in Bremen seinen ehemaligen Protokollführer auf- gesucht, der für die Aufklärung der Tatbestände wichtig werden konnte und hat sich für dessen Beförderung liebevoll interessiert. Früher einmal hat er durch einen Vermittler, wo es sich um einen Ministerialratsposten im Ministerium des Innern bei Serering handelte, beworben und dem Vermittler gfeichfalls Beförderung versprochen. Für diesen Mann ist das große erschütternde Drama, das sich vor zehn Iahren ab- gespielt hat, nur ein einst erwünschter, jetzt peinlich g e- wordener Zwischenfall in seiner Laufbahn. Aber R« i ch p i e t s ch und Köbis sind tot! Die für heute zu mittag angesetzte Gegenüberstellung der drei früheren Matrosen Weber, Becker und Sachse mit dem ehemaligen Krregsgerichtsrat und jetzigen Landgerichtsrat Dr. Do- bring findet außerordentlich starkes Interesse. Obwohl der Reichstag gestern schon in die Ferien gegangen ist, hat sich eine große Anzahl von Abgeordneten, viele Vertreter der Presse sowie sonstige Zuhörer eingefunden. Bei Eröffnung der Sitzung erklärt der Vorsitzende Abg. Philipp tDnat.), daß es sich bei diesen Verhandlungen nicht um die Wieder- oufrollung des Gerichtsverfahrens vom Jahre 1917 handle, auch nicht um die Nachprüfung der Frage, ob das damalige Urteil juristisch berechtigt war oder nicht. Dem Ausschuß komme es nur darauf an, die politischen Zusammenhänge bloßzulegen und festzustellen, ob die Unruhen aus der Marine selbst her- vorgegangen, oder ob sie v o n außen hereingetragen worden sind. Der Ausschuß habe bisher auch noch keine Feststellungen ge- troffen, es könne sich bisher lediglich um subjektive Feststellungen einzelner Ausschußmitglieder handeln. Darauf werden die Zeugen vereidigt mit Ausnahme des früheren Heizers Sachse, gegen den ein politisches Verfahren schwebt. vobrings Vernehmung. Berichterstatter Abg. Zoo» erinnert Dobring zunächst an seine Beantwortung der schriftlichen Anfrage des Abg. Ivos vom 9. No- vember vorigen Jahres. Hierin hat Dobring angegeben— und be- stätigt es heute—, daß Sachse ihm vollkommen freiwillig und ohne daß Dobring irgend etwas aus der Numerierung der irorde- rungen hinzugefügt hätte, ihm als Untersuchungsrichter geftan- den habe, die Tivoli-Versammlung habe ein P r o g r a m m von vier Forderungen ausgestellt und die Errichtung einer Or- nisation für ihre Durchsetzung beschlossen. Diese vier Punkte eien von Dittmann für die USPD. g e b i l l i g t worden. Abg. Zoo» hall Herrn Dobring vor, Sachs« habe ranz ent- schieden bestritten, daß ein bestimmtes Programm für die Un- ruhen bestanden habe. Weder die Matrosen, noch die Uc-PD., noch eine andere Partei haben ein solches Programm aufgestellt. Dobring beruft sich auf das Protokoll der Haupt- Verhandlung, auf das er keinen Einfluß genommen habe. Dr«i der angeklagten Matrosen hätten zugegeben, daß ein solches Programm bestanden habe. Sachse erklärt, daß' er zu den Aussagen stehe, die«r vor dem Ausschuß gemacht habe, daß es also ein derartiges Programm nicht gegeben habe. Dobrina erklärt auf die.Frage, waruni das Programm das- jenige der USPD. war. von Dittmann gebilligt worden fei, daß er dazu das ganze Verfahren darstellen müsf«. Er erzähl! also: Ich wurde eines Tages vom Lande auf das Bureaufchiff.Kaiser Wilhelm II." gerufen, wo mir der Obertriegsgerichtsrat und der Konteradmiral sagten, daß auf einigen Schiffen Unruhen aus- gebrochen seien, die ich nun im Zusammenhang untersuche» sollte. Abg. Zoos: Warum wurden gerade S i e damit beauftragt? Dobring: Vermutlich weil ein anderer diese Arbeit nicht machen wollte. Abg. Zoos: Etwa weil Sie als besonders scharf galten? Dobring: Mich als besonders scharf zu erweisen, hatte ich vorher gar kein« Gelegenheit gehabt.— Man hatte auf dem Schiff „Pillau" im Spind des Oberheizers Fischer eine Mitglieder- liste der Hauptorganisation gesunden, die auf„Friedrich der Große" saß. Fischer war nach Freiburg beurlaubt, als sein Spind durchsucht wurde. Abg. Zoos: Warum nennen Sie das Organisation, konnte das nicht auch zum Beispiel eine Liste von Zeitungsbeziehern fein? Dobring: Rückschauend erscheint uns dos so, es war doch eine Zentrale da. Nicht ich habe ein Geständnis aus dem Beschuldigten herausgepreßt, sondern Sachse hat schon vor meiner Tätigkeit dem anderen Kriegsgcrichtsrat eingestanden, daß eine Organisation bestanden habe. Das gleiche tot der Oberheizer Fischer. Sachse war bei seiner ersten Vernehnmng keineswegs erschüttert,. wie man es bei der schweren Anklage wohl hätte erwarten können. Er sagte, er sehe ein. daß Leugnen keinen Zweck habe. Ich war damals bestürzt, als Sacbse alles so offen zugab, und wörtlich das sagte, was in den Akten steht. Abg. Zoo»: Haben Sie sich nicht überlegt, ob das auch richtig war, was Sachse sagte. Dobring: Als er so offenherzig alles zugab, schickte ich ihn zurück, ohne etwas zu protokollieren, damit er sich alles nochmals überlege. Aber am nachmittag hat er das Geständnis wiederholt. Sachse war ja der e i n z i g c wirkliche Kopf, die einzige Intelligenz dieser ganzen Gesellschaft.(Die sozialdemokratischen Ausschußmitglieder verbitten sich«ine derartige Ausdrucksiveise.) Ich wollte sagen, Sachse war der einzige, der wußte, was er tat und der sofort die Konsequenzen aus seiner Lage zog. Abg. Dr. Moses(Soz.): Haben Sie niemals einen scharfen Ton gegen ihn angeschlagen? Dobring: Nur ein einziges Mal und das war viel später, als nämlich Sachse in einem Schmuggelbrief an seine Braut geschrieben hatte, er müsse mir und den anderen Richtern um den Mund gehen. Ich habe darauf einen Monient ganz surchtbarcr Seelennot erlebt, ob er mir nicht etwas Unwahres gestanden habe. Und da habe ich ihn scharf gefragt, aber er hat geantwortet, daß er mir stets die Wahrhell gesogt habe. Ich war so vorsichtig, zu den Vernehmungen immer einen Kriminalkommissar meinem Protokollschreiber zuzu- ziehen. Einen Druck auszuüben hatte ich ja g a r nicht nötig. Denn Sachse beschuldigte nicht nur sich selbst, sondern gab auch die anderen an, Reichpietsch usw, so daß diesen schließlich auch nichts anderes übrigblieb, als alles zuzugeben, nachdem sie erkannt hatten, daß einer„gepfisfcn" hatte. Durch diese Tätigkeit Sachses ist das die leichteste Untersuchung geworden, die ich in meinen 22 Dienstjnhren gehabt Hobe. Abg. Zoos fragt nun, welche anderen Mairosen dem Sachse gegenübergestellt worden seien, worauf Dobring zunächsi den Reichpietsch nennt.— Abg. Zoos: Den können wir ja nun n i ch i mehr fragen. Dobring: Wohl auch noch andere, ich weiß.nchi mehr genau welche. Auf Aufforderung des Berichterstatters erklärt Zeuge Becker», daß er dem Sachse gegenübergestellt worden ist, und gibt an: Dobring fragte mich, ob wir die Absicht gehabt hätten, Gewalt anzuwenden, was i ch verneinte. Ganz kurz darauf wurde ich zu meinem Erstaunen wieder zu Dobring gerufen. Schon als ich noch die TürNinke in der Hand hatte, empfing mich Dobring mit Schimpfworten und rief:.» Sie schamloser Geselle. Sie sind derjenige, der Gewalt an- wenden wollte. Rechnen Sie nicht aus Goade. Sie werden hingerichtet! Abg. Zoos: Sie sagen unter Ihrem Eid aus! Zeuge Beckers: Jawohl. Gleich daraus hielt mir Dobring als Beweis einen Zettel vor, den ich an einen anderen geschrieben hatte und der etwa lautete:„Noch drei Tage, dann los!" Ich gab zu, diesen Zettel geschrieben zu haben, der übrigens nur den Empfänger daran erinnern sollte, daß, wenn binnen drei Tagen die uns gemachten Versprechungen nicht erfüllt würden, w i r sie wiederholen wollten. Dobring wollte aber aus mir herausbekonimen, daß nach diesen drei Tagen der große Schlug folgen sollte. Sachse erzählte einmal Reichpietsch und mir, was er ausgesagt Halle., Zch kam mir vor wie ein verlassenes Kind und log. was ich tonnte. Natürlich aber bestätigte ich das, was Sachse und Reichpietsch bereits angegeben hatten, schon um dem Vernehmungsrichter eine Freude zu machen.(Beckers will offenbar sagen, daß er damit den Richter sich g ü n st> g e r stimmen wollte. Anmerkung des Bericht- erstatiers.) Auch der Zeuge Obermatrose Scheidemann ist Sachse gegen- übergestellt worden und gibt an: Ich war seit 1912 auf dem Schiff. Sachse kani erst im Frühjahr 1914 dazu und spielt« zunächst gar keine Rolle. Auch gab es niemals eine politische oder sonstige Organisation, das alles kam erst 1917, als wir diese schlecht« Verpflegung bekamen und die Bewegung aus den kleinsten Anfängen entstand. Als Obcrheizer hätte ich es wissen müssen, wenn Sachse schon vorher irgendeine Rolle gespielt hätte. � Sachse bleibt noch einmal ausdrücklich bei dem, was er in seiner ersten Vernehmung vor dem Untersuchungsausschuß. ausgesagt Hai. In dem Kassiber, aus den sich Dobring beruft, lfabe er die Haltung Dobrings charakterisiert und seine E l t e r n vor ihm warnen wollen. Abg. Zoos erinnert den Zeugen Sachse an die Stelle in der Dittmann-Broschüre, worin mitgeteilt wird, Sachse habe bekundet, daß Dobring bei seiner Vernehnmng einen Galgen aufge- malt und einen Revolver nebe» sich liegen gehabt habe. Sachse bestätigt das. versuchte Zeugenbeelnflussung. Es kommt nunniehr zu einer erregten Szene. Der Zeuge Dobring ersucht, den früheren Matrosen S t c i n m e i c r zu ver- nehmen, der bei dieser Vernehmung zugegen gewesen sei. Abg. Zoos fragt Herrn Dobring, ob es richtig sei, daß er mit Steinmcier bereits eine Zusammenkunft gehabt und ihn zu beeinflussen versnchl habe. Nach einer dem Berichterstatter zuaegangene» Mitteilung habe Dobring an Steinmeier im August 19Ai«inen Brief geschvieben, worin er diesen an seine alte Bekannt- s ch a f t erinnert und ihn sra�t, ob er noch als einfacher Ange- ftellter bei der Staatsanwalischaft funktioniere. Er würde ihn viel- leicht als Zeugen in Anspruch nehmen, er würde sich eventuell für Steinmeier verwenden.(Bewegung bei den Zuhörer»: ei» Ab- geordneter ruft„Pfui!") Abg. Ivos fährt fort, daß nach dies«,» Briefe Bedenken beständen, Steinmeier als Zeugen zu vcr- nehmen. Dobring bestätigt die Richtigkeit dieses Briefes: er fei auch im September vorigen Jahres, als er von einer Erholungsreise von Borkum zurückkam, mit Steinmeier in Hannover zusammengetroffen. Das fei aber zu einer Zeit geschehe», wo der Untersuchunosausschuß«rklürt Hobe, weder Dobring noch die anderen Zeugen sollten vernommen werden. Die Abg. Zoos und Dittmann stellen fest, daß der Ausschuß n i e m n l s einen solchen Beschluß oesaßt habe. Der Bor- sitzeude Abg. Philipp meint dazu, daß der Ausschuß sich im vorigen Jahre mit der Frage beschäftigt habe, ob mau Dobring als Zeugen vcrnehnien solle, man habe damals aber nur vorläufig schrlstliche Aussagen von ibm eingefordert. Dobrina erklärt dann weiter, daß es ihm nur darauf au- gekommen sei, Steinmcier und einen anderen Herrn, der damals als Protokollführer tätig gewesen sei. zu fragen, ob sie sich auf die früheren Ereignisse»och besinnen und ob sie als Zeugen austreten könnten. Als alter Kamerad habe er es als s e l b st v e r st ä n d l i ch empfunden, daß er für Steinmeier etwas tu» wolle. Er fei doch in schwerster Weise anaegrifsen worden, als Einzelner habe er einer ganzen Reihe von Zeugen gegeiiübergesland«», was je: ihm also übrig geblieben, als sich objektive Zeugen zu� sichern? Dobring gibt dem Abg. Ivos zu, daß man fein Vorgehen als Beeinflussung auslegen könne, cr habe dann doch aöer nichts anderes getan, als was der Abg. Dittmann vor ihm getan habe. Dobrings Mechoöen. Abg. Ditimann stellt demgegenüber fest, daß das in keiner Weife zutrifft. Er habe keinem der Zeugen auch nur die leiseste Aus- ficht gemacht, daß er sich für sie einsetzen werde. Er habe stets die notwendige Distanz zu den Zeugen gehalten und darauf Wert gelegt, daß er sich in keiner Weif« mit ihnen identifiziere. Der Brief, den Dobring an Steinmeier geschrieben hat, charakterisiert seine ganze Methode. Ditlmann verliest einen anderen Brief von Dobring, der am 11. November 1921 an den zuständigen Referenten im preußischen Innenministerium gerichtet war. Darin schreibt Dobring, es liege ihm daran, schleunigst zum Ministerialrat ernannt zu werden und eine Abteilung zur Bekämpfung des Wucher- wefens zu erhalten. Am Schlüsse des Briefes sagt Dobring: Ich hoffe dabei, wenn Ihre Vermittlung Erfolg hat, daß Sie sich nicht weigern, mir in einer Beamten st«>lung dabei Beistand zu leisten. Der Referent war nämlich, wie Dittmann dazu sagt, Angestellter, Dobring hat ihm aljo versprochen, wenn er s e l b st die Stellung als Ministertalrat bekäme, ihn in eine Bcamtenposi- ffon zu bringen. Der Minister, an den sich der Referent wenden sollte, war Severing. Auf die Vorhaltung des Vorsitzenden, daß dieser Brief nicht un- initteldar mit der heutigen Sache zusammenhängt, erklärt Di tt» in a n n, daß es ihm nur darauf angekommen fei, die G e- j i n n u n g des Herrn Dobring darzustellen. Dobring sagt dann weiter, daß er seine Behauptung, es habe eine feste Organisation bei der Flotte bestanden, unter anderm auf die Aussagen von Beckers gestützt habe. Dieser habe gesagt, der II SP. würde es angenehm fein, wenn die Flotte sich an einem Ge- neralstreik beteiligte. Die Abgeordneten hätten auch den Leuten gc- sagt, sie sollten vorsichtig sein. Abg. Zoos meint dazu, es sei doch etwas anderes, ob man sich über eine Sache freue, oder ob man sie billige und fördere. Dobring sagt weiter, noch vor dem Reichsgericht wäre es doch für die Zeugen Zeit gewesen, die Protokolle als gefälscht zu be- zeichnen; das hätten sie aber nicht getan. Die Vernehmung wendet sich nunmehr den Vorgängen in Celle zu. Der Zeuge Weber hat am 23. Mälz vor dem Untersuchungs- ausschuß ausgesagt, auf seine Frage an Dobring, ob es nicht sein Gewissen belaste, daß er die beiden Matrosen habe er- schieben lassen, habe Dobring kaltblütig erklärt: 3ch wäre imstande, diese Leute noch einmal zu erschießen, besonders Reichpietsch. Dobring habe diese Aeußerung bei der ersten Vernehmung getan, bevor noch ein Protokoll aufgenommen worden war.— Dobring erklärt dazu, er könne sich heute nach zehn Jahren nicht mehr darauf entfirmen, ob er dies« Aeußerung getan habe. Er mag wohl gesagt haben, Verräter, die ihrem Vaterland in den Rücken fallen, hätten zehnmal den Tod verdient. Roch heute würde er nichts anderes sagen können. Weber schildert dann den damaligen Vorgang. Er gibt zu, daß er bei der Begegnung mit Dobring tief erschüttert war und geweint habe. Das sei aber zu verstehen, wenn gesagt werde, daß der Kops nicht mehr sicher sei. Der Zeug« hebt eine Photo- graphje gegen Dobring hoch und ruft ihm zu: Das sind die Gräber der beiden Erschossenen. Sie können sie ja jetzt noch einmal ausgraben und erschießen lassen.(Lebhafte Bewegung im Saal.) Der Vorsitzende erklärt, wegen dieser„Ungebühr" werde sich der Ausschuß noch befassen. Abg. Dittmann stellt fest, daß auch Herr Dobring sich ungebührlich benommen l>abe. Es entspinnt sich nun» mehr«ine längere Erörterung darüber, ob die damaligen Be- schuldigten von sich au» eine Organisation unter den Matrosen zugegeben hätten, oder ob das erst geschehen sei, nachdem die Untersuchungsführer, insbesondere Dobring, immer von Organisation geredet hätten, worauf dann eben auch die Be- schuldigten dieses Wort gebrauchten. Dobring behauptet, daß n i ch t e r den Ausdruck Organisation hineingebracht hätte. Aber die damaligen Angeschuldigten und jetzigen Zeugen halten ziemlich entschieden daran fest. Abg. Dittmann: Der Zeuge Weber hat vorhin bekundet, daß ihm Protokolle vorgehalten worden sind, worin das Wort Organisation gebraucht war, und daß auch der Untersuchungs- führer dieses Wort gebraucht habe, ohne direkt von Dobring zu sprechen. Zeuge Weber: Dobring hat großen Wert auf die Organi» sation und die USPD. gelegt. Abg. Zoos: Es ist klar, daß der Untersuchungsführer, wenn politische Zusammenhänge vermutet werden, auch daraus ausgeht, solche Zusammenhänge zu finden. Mit der Untersuchungsführung selbst haben wir es hier nicht zu tun. Zeuge Becker: Ich kann Dobring nicht den Vorwurf machen, daß er mir etwas e r p r e ß t hat. Bei der Uebersührung in das Terichtsgefäugnis empfing er mich allerdings mit den Worten: Aha, da kommt einer von den Todeskandidaten. Er hat auch weiter gesagt, das Gericht würde sich seinem Antrag beugen müssen. Ich habe mir das alles drei Tage nach der Ver- Haftung aufgeschrieben. Bei den Vernehmungen hat Dobring von Galgen, Hängen und H i n r i ch t u n g gesprochen. Im Zucht- haus Celle hat Dobring mir auf meine Frage, ob Koebifch und Reichpietsch wirklich erschossen seien, geaMwortet:„Ja, gewiß, und wenn ich die Macht besäße, würde ich die beiden ausgraben und noch einmal erschießen lasse n." Mir war die Niederschrift eines Manifestes zur Last gelegt. Als ich schon ver- urteilt war, fragte mich Dobring, wann ich meine da» makige Braut eigentlich heiraten wölke, ob vielleicht, wenn ich die fünfzehn Jahre abgesessen haben würde. Bei meinem Schwiegervater kehrte die Polizei das Unterste zu oberst. Im Februar 1918 wurden Sachse und ich wieder als Zeugen nach Wilhelmshaven transportiert. Dobring fragte uns, wie es uns gehe, und als wir über Hunger klagten, brachte er uns belegte Brote und sagte uns, wir sollten uns in der bevorstehenden Hauptverhand- lung kurz fassen und sagen, was wir wissen. Kauend erwiderten wir, daß wir schon zu seiner Zufriedenheil aussagen würden. Als ich dann aber in der Verhandlung leugnete, das Manifest geschrieben zu haben, wurde ich angeschrien und Dobring machte ungefähr ein Gesicht, als ob er sagen wollt«:„Da hat er Brät- chen bekommen und jetzt leugnet der Kerl noch. (Große Heiterkeit.) Gegenüber einer Behauptung Dobrings stellt Sachse fest, daß er am 7. August 1917 verhaftet worden ist. also das Wort„Oraani- sation" in dem Vernehmungsprotokoll vom 3. August nicht auf ihn zurückzuführen sein könne. Zeuge Scheidemann: Als ich in der Hauptverhandlung gegen die Ziethen-Matrosen auf die Frage, ob der Matrose Zimmermann das Schiff in die Luft sprengen wollte, lachen mußte, warf Dobring wütend den Bleistift hin und rief: Auf diesen Zeugen "��Iltofcs'(Soz.); Im Münchener Dolchstoßprozeß hat Dobring ausgesagt, er könne beweisen, daß oller Verrat, Sa- botage und Meuterei zurückzuführen seien auf Leute, die sich al» Anhänger der USPD. bekannten und kein Hehl daraus machten, daß sie da» Programm der USPD. erfüllt hätten. Nun haben uns sämtliche Zeugen erklärt, daß sie sich niemals als Anhänger der USPD. bekannt und niemal» erklärt haben. daß sie das Programm der USPD. durchgeführt hätten. Das ist doch ein W i d e r f p r u ch. Dobring: Ich weiß nicht, ob ich in dem Münchener Prozeß gesagt habe, ich könnte das beweisen. Abg. Dr. Moses: Das steht in beiden Ausgaben des gedruckten stenographischen Berichts über den Dolchstoßprozeß. Dobring scheint zunächst die Richtigkeit dieser Berichte bezweifeln zu wollen und sagt dann: Da jener Prozeß ein Prioatklageoer- fahren gegen einen sozialdemokratischen Redakteur war, lag mir daran, zu unterscheiden zwischen der alten Sozialdemokratischen Partei und der USPD. Ich habe ausdrücklich gesagt, daß mir nicht ein einziger Anhänger der alten Sozialdemokratischen Partei be- kanntgeworden sei, der an diesen Machenschaften beteiligt wäre, während die Angeschuldigten sich zur USPD. bekannt hätten. Wenn die Leute es heute bestreiten, so ist das ihre Sache. Aber hat nicht Becker in seinem Manifest aufgefordert, der USPD. beizritreten? Becker: Allerdings, aber nur damit die Vertreter dieser Partei auf der Stockholmer Konser«z sagen könnten, hinter ihnen ständen Taufende deutscher�Matrosen. Es ging mir nur darum, unsere Stimmen zu zählen, d. h. die Mannschaften, die mit uns baldigen Frieden wollten. Dobring: Warum er den Beitrstt zur USPD. verlangte, ist seine Sache, aber verlangt hat er ihn. Abg. Dillmann(Soz.): Laut den Akten hat Weber vor dem Oberkriegsgerichtsrat De Barry am 3. August 1917 ausgesagt, er selbst lese den„Vorwärts" und neige zu den darin vertretenen An- schauungen, strebe allerdings danach, sich über beide Richtungen zu informieren. Weber war also damals Mehrheitssozial- d e m o k r a t, und die Behauptung Dobrings in München ist somit unrichtig. Dobring hält Dittmann vor, daß die Zentrale der USP. den Matrosen Reichpietsch an ihren Parteisekretär Senz empfohlen hätte. Abg. Dittmann: Senz war nicht Parteisekretär, sondern Ver- trauensmann. Niemals hat die Zentrale der IISVD. in der Marine Unterschriften für Stockholm sammeln lasten. Denn was hätte das für einen Zweck gehabt, man hätte die Leute nur ans Messer geliefert. Die eine vorgefundene Lifte mit zwölf Unterschriften ist vollkommen handschriftlich, von einer Hand hergestellt. Auf wen sollten derartige Listen Eindruck machen? Es sind uns aus der Marine einzelne Beitrittsscheine zugegangen, so waren 15 Beitrittserklärungen von Matrosen des Schiffes„Ziethen" an die„Leipziger Volks- z e i t u n g" geschickt worden, die dann im Briestasten mitteilte, sie seien an Dittmann weiter gegangen. Wir haben die Scheine an unseren Bezirkssekretär in Bremen geschickt und ihm überlassen, ob die Leute aufgenommen werden sollen. Von Stockholm war dabei überhaupt kein« Rede. Dobring: Es kommt nicht darauf an, was Sie als erfahrene« Politiker mit den Listen angefangen hätten. Für mich als Unter» juchungsführer kam es nur darauf an, welchen Zweck die N»- schuldigten mit den Listen verbanden. Abg. Dittmann: Die Mitgltedjchaft bei der USPD. war doch vollkommen legal und ebensowenig ein Verbrechen wie die Zu- geHörigkeit zum Zentrum oder zur Nationalliberalen Partei. Dobring: Als Verbrechen habe ich es auch nicht ausgelegt. Aber ich lasse mich nicht davon abbringen, daß die Leute der USPD. bei- treten wollten. Dittmann stellt fest, daß Dobring das sogenannt« Programm des Sachse in der Anklageschrist anders als im Dernehmungsprowkoll dargestellt Hai. Während der vierte Programmpunkt im Vernehmungsprotokoll vom 9. August lautet:„Erzwingung eines alsbaldigen onnexionslosen und entschädigungslosen Friedens und gewaltsame Durchführung des Programms der USPD." lautet er in der Anklageschrift vom 21. August:„Er- zwingung eines alsbaldigen annexionslosen, entschädigungslosen Friedens durch Waffenniederlegung» Generalstreik und Verweigerung des Gehorsams gegen Befehle der Vorgesetzten für Unterdrückung der Streikbewegung." Dobring will nicht zugeben, daß hierin ein wesentlicher Unter- schied liege, während vttkmann aus dieser Konstruktion den Schluß zieht, daß auch schon das Programm im Vernehmungsprotokoll k o n- st. u i« r t sein dürft«.___ Thüringens Regierungskrise üauert fort. Mr keine der beiden Ministerlisten eine Mehrheit. Weimar. 0. April.(Eigener Drahtbericht.) Im Thüringischen Landtag wurde am Sonnabend vormittag die sozialdemokra» tische Mi nisterliste mit 39 gegen 25 Stimmen, die Minister. liste der Demokraten mit 52 gegen 3 Stimmen abgelehnt. Für die sozialdemokratische Liste stimmten Sozialdemokraten und Kommunisten, für die demokratische lediglich die Demokraten und der eine Sparer. Nach Verkündigung der Abstimmungsergebnisse stellten die Kommunisten den Antrag auf Auflösung des Land- tages. Die Abstimmung über diesen Antrag wird erst in einiger Zeit stattfinden. Der Lämmerhirt von Greene. Ein schimpfender Richter und die deutsche Justiz. Vraunschweig, 8. April.(Eigener Drahtbericht.) Der Amts- gerichtsrat Lömmerhirt in Greene hatte in einem A b- treibungsprozeh in seiner mündlichen und schriftlichen Urteilsbegründung darauf hingewiesen, daß den Angeklagten mildernde Umstände zugutekommen müßten, weil sich„selbst in unserem engeren Vaterlande gewissenlose Parlamen- tarier fänden, die für die Straffreiheit der Abtreibung eintreten." Drei Abgeordnete der sozialdemokratischen Landtagsfraktion stellten daraufhin Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft. Die Staatsanwaltschaft weigerte sich. Lämmerhirt zu belangen. Eine Beschwerde bei der Strafkammer wurde abgelehnt und erst das Oberlandesgericht Braunschweig verfügte die Eröffnung des Berfa hrens, da Lämmerhirt hinreichend verdächtig fei, die Parlamentarier beleidigt zu haben. Nun wurde die Sache dem Amtsgericht Gandersheim in Braunschweig überwiesen, da Lämmerhirt in Greene als einziger Richter tätig war. Nachdem sich verschiedene Staatsanwälte geweigert hatten, dieAngeklagezuvertreten. wurde ein Einspruch Lämmer- hirts anerkannt, der die Angelegenheit dem Amtsgericht Greene überwiesen wissen wollte. Infolgedessen mußte erst wieder die Strafkammer, da Green« nicht in Frage kommen konnte, Gon- dersheim als Ersatzgericht ausdrücklich feststellen. Nach- dem die Angelegenheit nun�schan fünfmal die verschiedenen Instanzen beschäftigt hatte, glaubte man jetzt endlich in Gandersheim den Prozeß durchführen zu können. Nun aber entschied das Amtsgericht Gandersheim für die Einstellung des Ver- fahrens, da Lämmerhirt— im Gegensatz zu der Meinung des Oberlandesgerichts— nicht verdächtig sei, eine Beleidigung begangen zu haben! Es war also nicht möglich, den braunschweigischen Richter für die Be�himpsungen in der Urteilsbegründung zur Rechenschaft zu ziehen. Das Städtische Sailett. Zur Erstaufführung von„Don Juan" und„Prometheus". Wie man ein altes Ballett in ein modernes Tanzdrama umge- stalten kann, hat Laban vor einigen Monaten in einer Matinee der Volksbühne gezeigt.� Er beschränkt« die pantomimischen Element« auf ein Minimum» übersetzte äußeres Geschehen in inneres Erleben und konzentrierte die Gesühlsinhalle mehr in den Massen als in den Einzelpersonen. Eine verschwenderisch« Ueberfülle neuer tänze- rischer Motive, eine unvergleichlich« Kunst raumgliedernder Gruppen- ballung und-auflösung schufen ein Originalwerk, das vom alten Vorbilde nur wenige Züge entlehnte. Wenn die Balletimeisterin unserer Städtischen Oper es wagt, jetzt mit dem gleichen Vorbilde— dem panlomimischen Ballett D a n I u a n" von A n g i o l i n i und Gluck— Labans Experiment zu wiederholen, so ist dos in jedem Fall«in tollkühnes Unterjanaen. Der Vergleich mit der Leistung des Meisters drängt sich aus. Wir lehnen ihn ab. Wir wollen unbefangen das prüfen, was sie selber zuwege brachte. Und wir wollen ihr die mildernden Umstände alle bewilligen, die jedem zustehen, der verdammt ist, nach Theatermusik moderne Tänze zu komponieren. Der nicht eigene Vision, nicht eigenes seelisches Erlsben in bewegte Archsiektur umsetzen darf, son- dern zu den Klängen von Rumbumbah, Tutehorn und G«igen un- glückliche Tänzerkorps Schwünge und Sprünge ausüben lassen muß. Denn was Fräulein M a u d r i k geschossen hat, erwuchs nicht wie Labans„Don Juan" auf dem Boden einer freien Tanzbühne, son» dern die Choreographie war genötigt, sich in den Rahmen einer Opernbühne zu fügen. Bei der die Musik tonangebeno in jedem Sinne des Worte» ist. Bei der nicht der Ton, sondern der Tanz da» begleitende dienende Element ist. Was erlebten wir gestern? Di« rein pantomimischen Teile über- wogen oder hielten dem eigeMllchen Tanz mindestens die Wage. Die Personen agierten im Rhythmus der Musik. Selbst die Todes'zuckun. gen des Konturs schmiegten sich korrekt dem Takte der begleitenden Melodien an. Das zweite Bild gab Gelegenheit zu choreographischem Schaffen. Es galt, Tänze zu vorhandener alter Ballettmustk zu koni- panieren. Die Opernmusiker behaupten, dein Stil dieser Musik paßten sich tänzerisch nur regelrechte Ballertkompositionen an. Laban hat in seinem„Don Juan" bewiesen, daß dos ein Irrtum ist. Er gab zur alten Musik moderne Tgnzformungen und erzielt« Wirkun- gen, die bei einem modernen Publikum alte Ballettänze zu erzielen nicht fähig sind. Auch ohne Spitzentanz, Pirouetten und Entrechats gestaltete er Soli und Gruppentänze, die sich nicht nur dem Ganzen stilgerecht einfügten, sondern den Gesamteindruck belebten und ver- tieften. Fräulein Maudrik hielt am alten Stil fest, war ober nicht imstande, auch nur die üblichen Ballettwirkungen zu erzielen. Weder die Technik ihres Korps reichte dazu hin, noch ihr eigenes komposi- torisches Können. Was sie zeigte, w-ar phantasielos, temperamentlos, ungegliedert, von bleierner Monotonie. In der Friedhofsszen« des dritten Bildes machte sie einmal den Versuch, einen musiklosen Tanz modernen Stils zu schaffen. Er fiel aus dem Rahmen und tonnte auf verdunkelter Bühne kaum gewürdigt werden. Dos Schlußbild versank dann in ein Chaos von wirrem Durcheinander und reich» lichen Wasserdänipsen.— Neben dem„Don Juan' gab es ein Ballett von Beethoven:„Die Geschöpfe des Prometheus". Choreographisch ein sader, süßlicher Kitsch. Ohne eine einzige tänze. rische Idee. Nicht diskutabel. Die Einzelleistungen in diesen beiden Balletts zu beurteilen, wage ich nicht. Es bot sich leine Gelegenheit zur Entfaltung tänze- rischen Könnens. So hatte z. B. im letzten Bilde des„Prometheus" die offenbar begabte und technisch vorzügliche Alice Uhlen ein Solo, das anfangs Gutes zu verheißen schien. Aber die erfreulichen Ansätze verpufften und verflachten in der Trostlosigkeit einer un- organischen, in eintönigen Wiederholungen endlos hinplätschernden Komposition. Ein schlimmer Abend. Wenn man hört und sieht, was die Tanzgruppen in Hannooer oder in Münster an modernen choreo- graphischen Schöpfungen zuwege bringe», dann drängt sich die Fratze aus: weshalb ist solches in Berlin nicht möglich? Weshalb muß die Reichshaupiftadt gegen die„Provinz" so schmählich zurückstehen? Aber wenn ich für die Tanzgruppe der Staotsoper die Forderung stellte: Erlöst dieses unvergleichliche Ensemble aus den Klammern der Oper, gebt es frei, daß es unbehindert durch musitalische Taktstöcke zu selbständigen Leistungen sich ausschwinge— so könnte ich die gleiche Forderung für die Tanzgruppe der Städtischen Oper mit gutem Gewissen nicht stellen. Denn nach allem, was wir bisher von dieser Gruppe und ihrer Leiterin tzesehen haben, zweifle ich, daß hier selbst unter den günstigsten Bedingungen semals etwas Großes, Starkes, Kühnes, Achtunggebietendes zu erhoffen Ist. Der Tanzbe- trieb der Berliner Städtischen Oper in seinem gegenwärtigen Zu- stand ist ein hosfnuntzsloser Fall. Nur radikale Umgestaltung an Haupt und Gliedern kann Besserung bringen. Wird sie kommen? Oder wird auch fernerhin fortgewurstelt und ein großer Auswand nutzlos vertan werden? John Schikowski. Seethoven-Ieier im Grpheum. Mit seinem Aerztechor und den Philharmonikern rief Dr. Kurt Singer zu einer Beethovenfeier im„O r p h e u m" in der Hasenheide. Die Orchesterdirigenten haben dazu eine unend- lich viel reichere Auswahl als die Chordirigenten. So mühte sich der hochstrebende, erfolgreiche Führer der Aerzte mit der Schauspiel- musik zu Kotzebues„Ruinen von Athen" ab, ohne daß der Immensen Anstrengung die dankbore äußere Wirkung entsprochen hätte. Der erste Teil pendelt zu sehr zwischen starren allegorischen Tiefsinnig- leiten und fast Mendelesohnschen Niedlichleiten hin und her. Und erst vom„Türkischen Marsch" an wird das Ganze energischer, plastischer und hinreißender, um im Schlußchor schließlich schon die herrliche Mystik der„Neunten" zum Teil vorwegzunehmen. Dazu kommen� die verschiedenen Attacken Beethovens gegen die mensch- lichen Stimmen, die hier weit zahlreicher sind als in dem zweiten Chorwerk des Abends, der<�-Dur-Messe. Daß diese problematischen „Ruinen von Athen" wenigstens sicher, exakt und am Schlüsse imponierend zu Gehör gebracht wurden, wollte schon sehr viel heißen. Wären die Männerstimnien noch mehr zu lockerer Deutlichkeit ausge- rüttelt, die jugendlichen Sopranstimmen in der Höhe zu ebenerer Tongebung angehalten worden, so war es wenigstens beim Kenner ein Erfolg im höchsten Sinne. Um so unantastbarer war die Wieder- gäbe der schönen, poesievollen und bei einschmeichelndster Melodik grandios gestalteten Dorläuseriss der„Missa Solemnis", ihrer uner- bittlichen Rivalin. Wie Singer hier die verboroensten Schönheiten auszugraben wußte, wie er Orchester, Chor uno Soloquartett zu- sammenhiett und auss innigste zusammenschweißte, war wunderbar, eine Leistung allerersten Ranges. Vom Quartett wäre außer der untadelhaften Altistin Maria Peschken an den Einzelstimmen manches zu bemängeln, so die widerspenstige Höhe der Sopranistin BerthevonVigier.di« etwas trockene Tongebuntz des Tenors Carlos Sengstaak, dem auch die hinreißende Höhe fehlt, die wenig fundamentale Tiefe des Bassisten Kurt Arndt. Aber das Ensemble und die feinsten künstlerischen Abstufungen des Quartetts waren unvergleichlich. Der Klaviersolist des Abends war Erwin B o d t y. So hoch ich ihn als Pianisten auch schätze, zum G-Dur- Konzert reicht seine Kraft noch nicht aus. Die lyrisch so herrlich durchtränkten Figuren des ersten und letzten Satzes wurden wenig liebevoll angefaßt, die rhythmische Größe durch nervöse Hast schwer geschädigt, die Oktavengänge in den oberen Lagen mit wenig An- schlagskultur erledigt. Die von ihm gespielten(von wem verfaßten?) Kadenzen sind in ihrer teils«tüdenhaften Langweiligkeit, teils grotesken Sprunghaftigkeit ein Hohn auf den Geist Beethovens. Nur der zweite Satz entsprach allen Ansprüchen. Die Philharmoniker spornte Dr. Singer als ein echter Orchesterdirigent zu höchsten Taten an._ Heinrich Maurer. Osssip Dymoivs„Zrühssngswahn" im Thealer i. d. Slofterstrahe. Der Abend wäre ganz gewiß in keinem Theater«in sonderlicher Er- folg gewesen. In diesem unglückseligen Stall in der Klosterstraße aber, der jede Stimmung mordet, mußte das anspruchslose Stück eine ausaesprochene Niete werden. Die Auffichruna war nicht schtecht. Erika Mein gast zeigt« sich sogar als Schauspielerin von recht beachtenswertem Formal. Ihr glaubte man die Holdheit des Back- ftschs so gut wie da« beinahe zynische Wissen der Frau, und selbst ihren naiven, kitschigen Tod starb sie noch als Mensch. Franz San- d i n e« r und die übrigen Darsteller boten mindestens annehmbares Durchschnittstheater. Was diese ganze klein«, tapfere Schar zusam- menhält, ist eine ungeheure Liebe zur Sache, zum Theater im all- gemeinen, zu Ossip Dymows Werk im besonderen. Dabei ist das Werk durchaus keine Offenbarung, nur ein resigniertes Bekenntnis, daß das Leben nichts Großes, nichts Wunderbar«» ist, daß es keine jauchzenden Höhen, kein« gewaltigen Probleme für den Einzelnen hat, und daß die Menschen, wenn sie schon gut sind, es meist anein. ander vorbei sind. Das all«» ist ein wenig russssch-zersliehend und nicht sehr bühnenwirksam dramatisiert. Immerhin könnte das Stück, wenn auch nicht lebhafte Anteilnahme, so doch einiges Intelresse wecken— sofern man es auf ein« andere Bühne als die in der Klosterstraße gestellt hält«. T e s. Werkkunst in den Berliner Slaaksschulen. In der Ausstellung Werkkunst 1927 in den Vereinigten Staatsschulen für freie und ange- wandte Kunst fand dieser Tage eine Führung für Mitglieder des Preußischen Landtages statt. Prof. Bruno Paul wies an Hand des reichen und zum Teil sehr kostbaren Materials auf den hohen Wert dies«r künstlerischen Vorarbeit für diele Zweig« der Industrie hin.- Besonders fanden die Silberarbeiten, die keramische Kollektion und die Handwebereien Anerkennung. Das Ministerium hat die Erlaubnis ertellt, die Ausstellung um acht Tage zu verlängern. Da» Eintrittsgeld beträgt von jetzt ab an ollen Tagen 59 Pf. Amerika fenöet keine Note- an Peking. Und verhandelt mit Kanton. New gorl. S. April.(DJIB.) Zu der pariser Meldung. daß eine gemeinsame prolestnole der Mächle nach Peking abgehen würde, erfährt die„Aflociaked Preß" aus Washington, das Staatsdepartement lehne eine Bestätigung der pariser Meldung ab. Es weise darauf hin. daß iedensolls kein Protest an die Pekinger Regierung beabsichtigt fei. Die diplomatischen Vcr- tretuvgen der Mächte würden zwar noch in Peking beibehalten. ober hauptsächlich deshalb, weil Peking von altersher als Hauptstadt Chinas gelte. Seit jedoch die Suominlang-Parlei einen großen Teil Chinas beherrscht, sei Peking lediglich t) a u p l st a d l der Rord- Partei. Eine für ganz China zuständige Zenlralregierung existiere seht nicht. Die Regierung der Bereinigten Sloalen versuche ebenso wie die übrigen Mächte mit den Autoritäten der Suomintang.partei, die die tatsächliche Gewalt inne hätten, zu verhandeln. Gegenstand dieser Berhandlungen sei lediglich die Sicherheit der amerikanischen Bürger. Tschangtsolins Ministerpräfideut bleibt. Peking. S. April.(Reuter.) Infolge der Durchsuchung der zur Sowjetbotschast gehörenden Gebäude hat der zurückgetretene Ministerpräsident Wellington K o o beschlossen, für den Augenblick die Amtsgeschäft« wieder zu übernehmen. Er hatte Freitag«ine Besprechung mit Tschangtsolin, dem er empfahl, die bei dK Durch- suchung festgenommenen Personen durch ordentliche Gerichte aburteilen zu lassen. Tschangtsolin lehnte dies ober ab. Er soll die Absicht haben, die Gefangenen vor die Kriegsgerichte zu bringen._ Endlich Rechnungsprüfung. Die verletzten Rechte des Reichstags! Nahezu genau ein Jahr, nachdem dem Reichstag die Haushallsrechnung für 1324 zugegangen ist, wurde vor einigen Tagen im Ausschuß für die Rechnungsprüfung ernsthaft mit der Arbeit begonnen, die für die Kontrolle der Finanzgebarung der Regierung von größter Wichtigkeit ist. Abg. S i m o n. Schwaben(Soz.) zeigte als Berichterstatter für die Haushaltsrechnungen, daß ebenso wie der Etat von 1324 so auch der inzwischen zur Mitprüfung eingegangene für 1323 in ganz erheblichem Umfange zur rechnerischen Kritik herausfordere. Er r�ies dos an der Hand seiner eingehenden Nachprüfungen auch materiell nach. Genosse H e i n i g erörterte die Frage der Rechnung?- Prüfung des Haushaltes an der Hand der Reichshau-haltsordnung. Er verlangt« eine gutachtliche Aeußerung des Rechnungshofes darüber, inwieweit bei den Haushalts. rechnungen von 1324 und 1323 durch die Ministerien die Rechte des Reichstages oerleßt oder nicht beachtet worden sind. per Ausschuß nahm den sozialdemokratischen Antrag an, der den Rechnungshof ersucht, sich gutachtlich in der nächsten Sitzung des Rechnungsousfchusses darüber zu äußern, in- wieweit die Reichshaushaltsordnung durch die Reichshaushalts- rechnungen 1324 und 1323 oerletzt oder nicht beachtet worden ist! Weiter nahm der Ausschuß«inen sozialdemokratischen Antrag an, der verlangt«, daß der Bericht und die B e- merkungen des Rechnungshofes zu den Haushaltsrechnungen 1324 und 1323 dem Reichstag bis zum 15. Juni dieses Jahres vorzulegen sind. Ein anderer sozialdemokratischer Antrag, der vom Reichsfinanzmisisterium verlangt, daß die Haushaltsrechnung für 1326 spätestens bis zum 1. Oktober 1327 vorzulegen i st, wurde ebenfalls angenommen. Zum Schluß wurde noch die Ent- fchließung des Berichterstatters, des Genossen Simon-Schwaben, an- genommen, die oerlangt, daß außerplanmäßige und über- planmäßig« Ausgaben überhaupt vermieden werden. Berboke der Rationalsozialistischen Arbeiterpartei. Außer dem bereits gemeldeten Verbote der Ortsgruppe Köln der National- sozialistischen Arbeiterpartei sind noch aus Anlaß der Verkommnisse in Nastetten die Ortsgruppen Koblenz, Niesdorf, Arendorf und Neuwied oerboten. versicherte Körperteile. Der Marek-Prozeß lenkt die allgemein« Aufmerksamkeit auf die Versicherung von Körperteilen, die allerdings meist von Künstlern ein- gegangen wird und nur in seltenen Fällen von Privatpersonen, wie im Falle Marek. Bei den Künstlern handelt es sich darum, diejenigen Körperteile zu versichern, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen. So hatte bereits vor vielen Iahren der Violinvirtuose Kubelik seine rechte Hand in Höhe von 233 333 Mark versichert, sollte diese auf irgendeine Weise gebrauchsunfähig werden. Eine Verletzung seiner Hand, die ihn. wäre es auch nur für einen einzigen Abend, am Auf- treten verhinderte, würde die Gesellschaft zu einer Zahlung von 4 333 Mark verpflichten. Er mußte dafür aber auch eine außer- ordentlich hohe jäWiche Prämie zahlen. In New Jork hatte die Tänzerin Labronta ihre angeblich schönsten Beine der Welt mit 333333 Mark und die Inhaberin des schönsten Rückens die Rückseite ihrer Persönlichkeit mit 233333 Mark versichert, da diese beiden Künstlerinnen vielfach als Modell für Photographen und Maler be- nutzt werden und daraus ein großes Einkommen beziehen. Heut sind andere Summen an der Tagesordnung als in früheren Zeiten. Adelina Patti, vielleicht die größte Sängerin aller Zeiten, hatte auch ihren Kehlkops versichert, allerdings nur mit der verhältnismäßig geringen Summ« von 23 333 Mark. Da aber dies« Summ« für jeden Abend berechnet war, an dem sie nicht auftreten konnte, so ist auch diese Versicherung recht hoch zu nennen. Ihr wurde übrigens diese Summe nur zweimal in Ihrem Leben ausgezahlt. Drei Aerzte wachten nämlich beständig über ihren Gesundheitszustand, insbesondere über die Gesundheit ihres Kehlkopfes. Caruso hatte die gleich« Versicherung abgeschlossen wie Adelina Patti. Auch er ließ sich feinen Kehlkops oer- sichern, da dieser seine einzig« Einnahmequelle war, und sollte für den Fall, daß seine Stimme versagte, die schöne Summe von 533 333 Mark ausgezahlt erhalten. Kurz vor seinem Tode wurde die Summe fällig. Auch von berühmten Artisten, Seiltänzern, Jongleuren, Radfahrern wissen wir, daß sie sich ihre Gliedmaßen, die sie zu ihrem Beruf brauchen, mit hohen Summen versichern lassen. Da aber all diese Künstler ihre Glieder notwendig brauchen, so ist es nicht anzunehmen, daß sie sich derselben mutwillig berauben werden, denn sie können durch die Versicherungssumme niemals so viel verdienen, wie sie durch ihre Beschäftigung einnehmen._ Erfiovftührinioea der Bloche. Sonnt.(12 Uhr Wittags) Neues Tbeater am Zoo:.Sviegelges-cht'.— Dienst. Kammerspiele: .Lockvögel'.— Sovaab. Deutsches Künstler- Tb.:»Skandal in Amerika'. Th. am Kursürstendamm:.Die Kleine auf Besuch'. W a l l n e r t b.:»Auf der Sonnenseite'. IlranIa-BortrSgr. Moni.(5, 7), DienZt., Mittw., DonnerSt.(5, 9) Somiab., Sonnt.. Moni.(7, 6):.Da» Rätsel der Schöpsung'.— frei».(7):.Goethes C h r i st e n t u m'.— Freit.(9):.Goethes itirb und Werde'.— Sonnab, Sonnt., Mont.(S):.Die Perle d e S O st e n s'.— Moni., Dienet(7, 9'i. Mittw., DonnerSt., Sonnab.(7), Sonnt.(9):»Das rot«:»Tanada, seine Bodenschätze und landwirtschastlicheu Möglichkeiten'. kumboldt-koch'chul«. Nm 14., abends S Ubr, Torotkcenstiahe 12. findet folgeade Veranstaltung statt:»Parflfal. ein Bühnen weihse st- spiel von R. Wagner.' Dichtung und Mufik erläutert. Gesang»« Vorträge von Dr. B. Ulrich. Karten O.To und 1.— M. hier sollen 14000 Wohnungen Das Südgelände von Schöneberg, durch das ameri. konische Bauproiekt in den Vordergrund des öffentlichen Interesses gerückt, dehnt sich zwischen den Linien der Wannseebahn im Westen und der Anhalter Bahn im Osten vom Sachsendamm bis nach Süd» ende. Ein« einzige gepflasterte Straße durchschneidet das aus- gedehnte Gelände von Norden nach Süden: dex Priestcrweg. Schöne alt« Kastanien begrenzen ihn aus beiden Seiten, seit kurzem sst auch elektrisch« Straßenbeleuchtung eingeführt, die mit Rücksicht auf den zunchnsenden Autoverkehr notwendig wurde. Zwischen dem lang- gestreckten Zwölf-Apostel-Friedhos und dem Priesterwcg liegt die weite Fläche des Dominicus-Sportplatzes, der vor wenigen Jahren vom Schöncberger Magistrat angelegt wurde. Modern gebaute Unterkunftsräume für die Sportbeslisienen, Zu- schauerterrassen, an denen noch gearbeitet wird, und Schankstätten schließen dm prächtigen Platz gegen den Priesterweg ab. Gegenüber, hinter hohen, stacheldrahtbewehrten Plankcnzäunen überrascht ein buntes Gewirr von ländlich-dürstigen Wirtschaftsgebäuden inmitten kleiner, vollgepfropfter Höfe: Fuhrgeschäste, Vichstall'.mgen, Molke- reien, Lagerplätze. Kohlenhandlungen, Baugeschäste, Speditionen. Scheveineställe, Kneipen und embryonale„industrielle Unterneh- nmitaen, deren Besitzer dem neuen Bauplan durchaus feindlich gegen- überstehen und in ihm nur die Vernichtung zahlreicher kleiner Existenzen sehen. Es folgen Laubenviertel, deren Namen schöngemalte Tafeln verkünden: Auf die„Schöneberger Alpen"(drei Meter über dem Sachsen dämm) folgen die K o l o n i e n „Bergfrieden".„Alte Fischerhütte",„Sonnenbad",„Frohsinn". „Spreewold", endlich die Koninchensarm Schöneberg und der Pslanzerverein„Einigkeit", anscheinend die Elite unter den Kolonien, denn seine Gärten sind von vorbildlicher Sauberkeit. Ueberall grünen die Stachelbeerbüsche, Primeln, Narzissen und Hyazinthen blühen, sauber gekalkte Obstbäumchen, über und über mit Knospen bedeckt. tragen zierlich« Starkästen, in denen Finken und Sperlinge ihr Un- wesen treiben. Kleine Windmühlen, die da und dort bester ausgebaut sind und dann auch Wasser schöpfen müssen, knarren im Winde. Längs der Laubengassen sind in kleinen Mständen Pumpen aufgestellt, die gleichzeitig vom hohen Laubenporstand zum Asfichieren seiner Erlässe und Verordnungen benutzt werden. Inmitten dieses Laubenfriedens liegt der neue St. M a t t h ä i- K i r ch h o f mit seinen epheuübersponnenen Gräbern, ringsherum in naturnotwen- digem Zusammenhang Grabmonumentenhandlung, Kneipe und Gärtnerei. Die Luft ist erfüllt vom Krähen der Hähne. Ziegen meckern und Katzen schleichen über den Weg. Dort hackt ein alter Kolonist Holz und hier künden eifrige Hammerschläg« von der guten Absicht des Laabenbesitzers, leine„Villa" aufs schönste für die Sommersaison herzurichten. In diese ländliche Idylle mischt sich das Kreischen der zahlreichen Fern- und Vorortzüge, die Tag für Tag die Peripherie des Südgeländcs beleben. Drohend umklammeni gewaltige Gasbehälter, rauchende Kühler, Türme und industrielle Hochbauten aller Art dieses Restchen Erde, dessen Bebauung schon so eifrig diskutiert wird. * Der Magistrat Berlin hat sich heute in eingehender Beratung mit dem Angebot der Firma S h o p m a n u. Co., New V o r k, auf Erbauung von rund 14 433 W o h n u n g e beschäftigt und den Beschluß gefaßt, diesen wie anderen Angeboten, die der Stadt tn- zwischen von dritter Seite zugeleitet worden sind, grundsätzlich näherzutreten, vorausgesetzt, daß über den M i e t st r ei t über die Ausstattung der Wohnungen und über den Bebauungsplan eine Einigung zwischen der Stadt Berlin und den Verhandlungs- gegnern möglich ist. Es wurde auch sehr eingehend über die Frage gesprochen, ob das Risiko, das die Stadt durch die Abpachtung der Wohnungen trägt, nicht auf anderer Grundlage, zum Beispiel durch Einschaltung einer Berwaltungsgesell- s ch a f t, abgenommen werden könne. In Vertretung von Stadtrot W u tz k y wurde Stadtbaurat Dr. Wagner mit der Fühning der weiteren Verhandlungen beauftragt und außerdem ein Ausschuß eingesetzt, bestehend aus: Stadtbaurat Dr.-Jng. Wagner, Stadtrot Wutzky, Stadtkämmerer Dr. Lange, Stadtrot Katz und Stadtrat Dr. Richter, der die Beschlußfassung des Magistrats vorz»- bereiten hat. Explosionsunglück in Oer Dirkfenftraße. Zwei Arbeiter lebensgefährlich verletzt. Eine folgenschwere Explosion, bei der zwei Arbeiter lebens- gefährliche Verletzungen davontrugen, ereignete sich heute vormittag gegen%9 Uhr in den Kühlanlagen der Pommerschen Meiereien in der Dirksenstr. 26/27. Mehrere Räume wurden durch die Gewalt des Luftdruckes völlig zerstört. In der Dirksenstr. 26/27 sind die Lager- und Kühlräume der Pommerschen Meiereien, die zuni Teil in den hierzu aus- gebauten Kellereien liegen. Gegen%9 Uhr erfolgte in der Kühl- anlöge plötzlich eine heftige Explosion. Durch den Luftdruck stürzten unter starkem Gelöse die starken Mauern und die Decke ein, die gesamt« Maschinenanlage unter sich begrabend. Der Druck pslanzte sich aus den Nebenraum fort und brachte auch hier die Mauern zum Einsturz. Zwei hier beschäftigte Arbeiter, Franz B ö s e aus der Kopernikusstraße und Hermann Schulz aus der Dirksenstraße. konnten sich nicht mehr in Sicherheit bringen und wurden unter den Mauer- und Maschinentrümmern begraben. Die Feuerwehr rückte alsbald mit mehreren Löschzügen unter Leitung des Berliner Ob-rbrandirektors Gempp an. Mit größter Vorsicht begaben sich die Feuerwehrbeamten an den Explosionsherd, da wegen des starken Gasgeruches eine Wiederholung einer Explosion befürchtet werden mußte. Die beiden Arbeiter, die schwere Brandwunden und innere Verletzungen erlitten hatten, wurden durch die Feuerwehr in bewußtlosem Zustande in das Krankenhaus am Friedrichshain ge° schafft. Die Feuerwehr nahm die Aufröumungsarbeiten vor und suchte genaue Feststellungen über die Ursache der Explosion mit ihren außerordentlich schweren Folgen zu ermitteln. Nach den bisherigen Feststellunaen scheint es sich um eine Gasexplosion zu handeln. In der Dirksenstraße werden gegenwärtig Schachtarbeiten für die im Bau befindliche Untergrundbahn ausgeführt. Vermutlich ist durch eine Unvorsichtigkeit ein Gasrohr beschädigt worden, so daß der Leitung große Mengen Gas entströmten, die sich in der Kühlanlage der Moltereifirma ansammelten. Wie die Gase zur Ent- zllndnng kommen konnten, bedarf noch der Aufklärung. Von anderer Seite wird aus dos Vorhandensein von gefüllten Preßluft- f l o s ch e ck hingewiesen, die möglicherweise die Explosion verursacht haben. Dagegen spricht allerdings der Umfang des Unglücks, so daß die Annahme einer Gasexplosion den Tatsachen mehr entspricht. Während der Aufräumungsarbeiten erschien der Berliner Polizei- Präsident Kenosie Z ö r g ie b e l persönlich an der Unfallstelle. Da die Haussundamente schwer beschädigt sind, werden Absteifungen vorgenommen werden müssen, um einen eventuellen Hauseinfturz zu verhüten. e- In der Arbeitsgeineinschaft Ulap in der Invalidenstraße erclgneie sich heute vormittag ein schwerer Unfall. Der 3öjähr>ge Schacht- meister Reinhold T. wurde von einem umstürzenden mehrere Zentner schweren Eisenträger im Rücken so schwer verletzt, daß er bewußtlos zusammenbrach. Man schaffte den Verunglückten in das Moabiter Krankenhau?, wo eine schwere Rückgrat Verletzung festgestellt wurde. Sein Befinden gibt zu Besorgnissen Anlaß.__ Eine blutige Eifersuchlslragödie spielt« sich heut« morgen um 6 Uhr in dem Hause Naunynstraße 66 ab. Hier wohnt seit lenger Zeit der 43jährige Kutscher Robert Schuck im Keller des Seitenslügels zusammen mit einer 33 Jahre alten Luise Meier und einer Tochter. Zwischen dem Paare kam es öfter zu Eifersuchis- auftritten, weil Frau Meier oft allein ausging- Als sie heut« morgen um 6 Uhr von einem solchen Ausgang heimkehrte, kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung. In großer Erregung griff Schuck schließlich zum Messer und stieß es seiner Geliebten in den Unterleib, so daß sie zusammenbrach. Als er sah, was er an- gerichtet hatte, lief er auf die Straße hinaus und schrie„ich habe meine Frau erstochen!" Ein Zeitungströger, der dos hörte, benachrichtigte das 137. Revier und Schuck selbst setzt« das Ueberfast- kommando in Kenntnis und ging dann wieder in sein« Wohnung. Die Beamten sanden die Frau schwer verletzt daliegen, brachten sie nach dem Krankenhaus am Urban und nahmen den Mann fest. Einsturz eines Funkturmes. Beim Bau der Rundfunkstation Zeesen. Beim Bau der neuen Rundfunkstation Zeesen bei Königswusterhausen, die die größte Europas werden soll, hat sich, wie erst jetzt bekannt wird, in der Nacht zum Donnerstag ein U n- fall ereignet. Nachdem einer der beiden Sendetürme bereits ser- liggestellt war, wurde vor etwa acht Tagen mit dem Bau des zwei- ten Mastes, der 213 Meter hoch werden soll, begonnen. Die Konstruktion war in den letzten Tagen bis zu etwa 43 Meter Höhe gediehen, und durch provisorische Vorspannungen gesichert. Aus nicht aufgeklärter Ursache hat sich«ine dieser Abspannungen herausgezogen, so daß der Mast bei dem in der Nacht vom Mitt- woch zum Donnerstag herrschenden starken Wind nachgab und schließlich einstürzte, ohne daß dabei Menschen zu Schaden ge- kommen sind. Die Fertigstellung des Turmes verzögert sich dadurch um etwa drei Wochen, doch soll trotzdem die neue Sendeanlage noch zur vorgesehenen Zeit dem Verkehr übergeben werden. Die Hochbahn als stäütifther Sesitz. In Ergänzung unseres heutigen Berichts über die Genera l. Versammlung der Hochbahn teilen wir noch mit: Die Beschlüsse dieser Generalversammlung bilden nur die p r a k- tische Auswirkung der von den städtiichen Körperschaften be- schlossenen und bereits durchgeführten Vereinheitlichung des Berliner Verkehrs. Die Stadl besitzt die Mehrheit des insgesamt 173 Millionen betragenden Aktienkapitals. Die über- wiegende Mehrzahl der übrigen Aktien ist gegen verzinsliche Zertifikate der Stadt Berlin eingetauscht worden, oh»« daß dadurch diesen Aktionären ihr Recht als Aktionäre genommen worden wäre. NureinkleinerTrit der Aktien(8—9 Millionen) ist nicht ein- getauscht worden, und diese Aktionäre sehen nun nachträglich«in. daß sie sich bei ihrer Weigerung verspekuliert haben. Daher die Opposition. Di« Vertreter des städtischen Aktienbesitzes haben, gestützt auf ihre Mehrheit und unterstützt von den Zertisikotsinhabern, in der Generalversammlung dem Aufsichtsrat eine neue Gestalt gegeben, indem sie sämtliche st ä d t i s ch e n Mitglieder des Autsichts- rats der Straßenbahn(4 Magistratsmitglieder, 8 Stadtver- ordnete) in den Aufsichtsrat der Hochbahn hinzuwählte». Damit ist der erste Schritt auf dem Wege zur B e r e i n h e i t- l i ch n n g auch der Aufsichtsrät« getan. Die Aboag wird solgen. Vorderhand bleiben allerdings die bisherigen Mitglieder des Aussichtsrats der Hochbahn auä«, noch in ihrem Amt und scheiden dann turnusgemöß aus. Zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats wurde unser Genosse Stadtrat Reuter gewählt, zum Stellvertreter der bisherige Vorsitzende Geheimrat S t e i n t h a l. Wenn also die Hochbahn heute aucb formell noch nicht als rein kommunales Unternehmen angesprochen werden kann, so gliedert sie sich doch tatsächlich bereits in das große Netz oller einheitlich zu verwaltenden städtischen VerkehrsuMernehmunge» ein. Als äußeres Zeichen dieser Einheitlichkeit besteht der sog. Gemein- schastsausschuß, der sich im wesentlichen den städti- schen Vertretern aller drei V e r k e ss r s u n t e r n e h- m u n o e n zusammensetzt und olle zentralen Fragen des Ber. liner Verkehrs berat._ „Volt und Zeil", unsere illustrierte Wochenschrift, liegt der heutigen Postauslogs bei. Zum Schiedsspruch bei der Reichsbahn. In unserer Morgenausgabe konnten wir bereits mitteilen, daß es in dem Eisenbahner-Lohn- und-Arbeitszeitstreit gestern abend in später Stunde zu einem Schiedsspruch gekommen ist. Heber die Arbeitszeit frage war es zwischen den Parteien und unter der Mitwirkung des Reichsarbeitsministeriums bereits am Vortags zu einer Vereinbarung gekominen. Diese Vereinbarung besagt sinngemäß, daß die regelmäßige Arbeitszeit acht Stunden am Tage und ä8 Stunden in der Woche ausschließlich der Pausen beträgt. Von den Arbeitern der Ausbesserungswerke, Haupt- und Neben- Werkstätten, der Telegraphenwerkstätten, der Holztränkanstalten, srwie der Bahngas- und Kraftwerke sind wöchentlich drei II e b e r st u n d e n zu leisten. Nach Verhandlungen mit der Bs- tricbsvertretung kann die Anordnung getroffen werden, daß drei weitere lieber stunden wöchentlich geleistet werden. Im Falle der Anordnung hat die Vetriebsvertretung das Recht, das Be- rufungeverfahren nach der Betriebsräteverordnung einzuleiten. Be- züglich der unter die DDV. fallenden Arbeiter sollen im Mai neu« Verhandlungen geführt werden. Wenn bezüglich der Arbeitszeit unter den Parteien ein« Eini- gung möglich war, so kann dies in bezug auf die Lohnregelung nicht gesagt werden. Trotz aller Bemühungen des Schlichters, Herrn Dr. M e o e s, war es nicht möglich, zu einer Verständigung in dieser Beziehung zu kommen, so daß die Kammer einen Schiedsspruch fällen mußte. Das materielle Ergebnis haben wir bereits in der Morgenausgabe gebracht. Es wäre noch hinzuzufügen, daß d i e Schichtlohn Zulage von 15 auf 27 Pf. erhöht worden ist. Die Erklnrungsfrift ist auf Mittwoch, den 14. April, mittags 12 Uhr, festgesetzt. Die Lohnbestimmungen sind nach dem Schieds- spruch b i s zum 31. März 1328 unkündbar. Ohne zu dem Ergebnis Stellung zu nehmen, muß gesagt werden, daß das Reichsarbeitsministerium in diesen, Falle mit einer anerkennenswerten Schnelligkeit gearbeitet hat. Aus der an- deren Seite steht fest, daß ohne eme stark« Organisation auch dieses an und für sich nicht überschwmgliche Ergebnis nickt erreicht worden märe. An den Eisenbahnern liegt es, ihre Organisation, den Einheit's verband, noch stärker zu machen, olle Unorganisierten heranzuziehen! Sch'eSsspruch für ü!e Gas- unö Wasserwerke. Unter Vorsitz des Gewerberal» Körner wurde heute vor- mittag vom Schlichlungvansschuß für die Arbeiter der Berliner Städtischen Gas- und Wasserwerke folgender Schiedsspruch gefällt: Die bisherigen tariflichen Stundenlöhne der männlichen Arbeits- kräfle werden in den Lohnklasfen 1 bis 4 mit Wirkung von der ersten Lohnwoch« des Monats April um S Pf. und mit Wirkung vcn der ersten Lohnwoche des Monats Oktober um weitere 3 Pf. e r h ö h l. Die Löhne der übrigen Gruppen sind für die gleichen'Zeiträume entsprechend zu erhöhen. Die Vorarbeiterzulage wird für die gesamte Vertrags- douer um 2 Pf. für die Stunde erhöht. 3m übrigen bleibt es bei den bisherigen Vereinbarungen. Dieses Abkommen gilt bis zum 31. März 132S. Es verlängert sich jeweils um einen Monat, wenn es nicht 14 Tage vor Ablauf gekündigt wird. Erklärungsfrist: Dienstag, mittags 12 Uhr. Engherz'ge Auffassung eines Wirtsihaftsführers. Aus der Gencralverfammlung der Danatbank. Der Generaldirektor Golds chmidi von der Darmstädter und Nationalbank sah sich in deren Generalversammlung genötigt, seine soziolpolirische Einstellung zu verteidigen. Ein Aktionär, der zugleich Mitglied des Deutschnationalen Handlungs- gehilfcnverbandes ist, wandte sich gegen den sozialpoli- tischen Abschnitt im Geschäftsbetrieb der Bank, der eine Revision der sozialpolitischen Gesetzgebung fordert— nach rückwärts natürlich— und nur die individuelle Arbeitsleistung gelten lassen will, deren Anerkennung abhängig ist von der indi- viducllen Verfassung des Unternehmers oder seines Vertreters. Dr. G o l d j ch m i d t erwiderte auf die Kritik dieses Teiles seines Geschäftsberichtes, die Bankleitung hätte zwar Verständnis dajür, daß die Arbeitnehmer ihre materiellen Interessen in direktem Groaiikenauslaufch mit der Direktion verträten, kein Verständnis aber dafür, wenn von irgendwelchen, dem Unternehmertum fern- stehenden Verbandszentralcn aus schematische Regelungen von Lohn und Arbeitszeit vorgenommen würden. Diese Art berücksichtige nicht die individuellen Leistungen und leiste der Produktivität des ein- zelnen Abbruch. Daß dieser bald bei dem rückständigsten zünftlerischen Hand- werksmcister überholte Herr-im-Hause-Standpunkt sich in solcher Reinkultur in der Leitung einer modernen Großbank er- halten würde, das hätte unglaublich geklungen, wenn der Herr Generaldirektor es nicht ausdrücklich betont hätte. Der Versuch, die rücksichtslose Lehrlingswirtschaft der Banken während der Inslations- zeit und dem folgenden, nicht minder rücksichtslosen Personalabbau samt der sich darauf stützenden Kehaltepolitik der Banken theoretisch zu bemänteln, ist doch von vornherein verfehlt. Inwiefern die kollektive tarifliche Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen die individuellen Leistungen beeinträchtigen soll, ist unerfindlich. Der Tarifvertrag stellt es den Unternehmern durchaus frei, bessere indi- viduclle Leistungen besser zu bezahlen, wie umgekehrt, gegen„un- produktive" Leistungen mit Kündigung vorzugehen. Der einseitige Profitstandpunkt läßt sich mit guten Gründen nun einmal nicht verfechten. Daß aber ein Generaldirektor zu solchen Auereden seine Zuflucht nehmen muß, kann als Beweis dafür gelten. auf wie schwachen Füßen die Verteidigung dieses Indioidual- prinzips steht. Und wenn schon dem Vertreter einer deutschnationalen Organisation der sozialpolitische Teil des Gcschäftsbeirat» auf die Nerven fällt, dann Ist da» sicher ein weiterer Beweis dafür, baß die darin vertretene Auffassung unhaltbar ist. Wären die Bankangestellten nicht organisiert, dann hätten sie ihr blaues Wunder erleben können über die„individuelle" Ein- schätzung ihrer Leistungen durch ihre Direktoren. Die Angestellten werden die richtige Antwort auf die sozialfeindlichen Ausführungen des Herrn Direktors Goldschmidt geben müsien, indem sie sich noch enger an ihre Organisation'anschließen und den letzten Unorgani- sierten dazu heranziehen._ Gehaltsfragen See Werkmeister. In der vom Bezirk 13 des Deutschen Werkmeisteroerbandes zu Donnerstag abend nach dem„Klubhaus", Ohmstraße, einberufenen Versammlung der Funtkionärc der in der Berliner Metallindustrie beschäftigten"Werkmeister sprach der Geschäftsführer Genosse Rothe über die Auswirkung des letzten Schiedsspruches. Dieser a l l g e- meinverbindlich erklärte Schiedsspruch sah für die Werk- meister eine Gehaltserhöhung von 6 Prozent vor. Der Schiedsspruch hat sich in der Praxis jedoch so ausgewirkt, daß nur wenige Firmen das Grundgehalt plus Leistungszulage um 6 Prozent erhöht haben. Einige Firmen haben nur das Grund- gehakt erhöht und doneben die bisher gezahlte L e i st u n g s- zutage bestehen lassen. Die meisten Firmen haben das Grund- geholt zwar erhöht, die Leistungszulagen ober um diesen Betrag gekürzt, so daß die Werkmeister praktisch überhaupt keine Gehaltserhöhung bekomnien haben. Ob- wohl die Firmen nach dem 8 4 Abs. 3 des Tarifvertrages berech- tigt sind, die sogenannten Leistungszulagen auf etwaige Tariferhö- Hungen anzurechnen, besteht doch kein Zweifel, daß der Schiedsspruch allen Werkmeistern eine Gehaltserhöhung bringen sollte. Es wiederholt sich hier die nicht zum ersten Mal« vom VBMJ. geübte Praxis, irgendwelche gegen seinen Willen ausgesprochene Gehaltserhöhungen illusorisch zu machen. In der Aussprache über diesen Punkt zeigte sich dann auch, wie es die einzelnen Firmen verstanden haben, die Werkmeister um die ihnen zugesprochene Gehaltserhöhung zu prellen. Weiler zeigte sich ober auch, daß in den Firmen, wo die Werkmeister ge- schlössen gegen dieses Vorgehen p r o t e st i e r t e n, in vielen Fällen unter dem Druck dieser Geschlossenheit die Gehaltser- höhung durchgesetzt werden konnte. Nicht mit Unrecht wurde von einigen Rednern bctont, daß auch die Werkmeister wieder mehr Selbstbewußtsein zeigen müßten, da die Abbau- Periode nunmehr vorbei sei. Die jetzt noch in den rationalisierten Beirieben vorhandenen Werkmeister sind ein unentbehrlicher Be- standteil der Betriebe, die auch das Recht geltend machen können, entsprechend ihrer verantwortlichen und für die neuzeitliche Produk- tionsmethod« wichtigen Stellung eine angemessene Bezah- l u n q zu verlangen. Die Derhandlungskoinmifsion wurde beaustragt, nochmals mit dem VBMJ. zu verhandeln und dahin zu wirken, daß allen Werkmeistern die Zulage von K Prozent auf ihr Grundgehalt gezahlt wird und daneben die bisherige Leistungszulage bestehen bleibt. Genosse Ro he ging dann näher auf die Gründe ein, die das AfA-Metallkartell bewogen haben, den Mantel- tarif zum 3 3. Juni zu k ündigen. Im Vordergrund der Verhandlungen wird die Frage der Wiedereinführung des! Achtstundentages und die Bezahlung der Ucber- arbeit stehen. Die jetzige Regelung, daß bei einer Ueberarbeit bis zu 54 Stunden, die vom Unternehmer angeordnet werden kann, eine in das freie Ermessen des Unternehmers gestellte Pauschale gezahlt werden soll, wirkt sich meist dahin aus, daß die Angestellten für ihnen aufgezwungene Ueberarbeit gar keine Entschädigung be- kommen. Eine nicht minder wichtige Frag« ist die Form der Bezahlung der Angestellten. Gerade die Auslegung des letzten Schiedsspruches durch die Berliner Metallindustriellen muß die Funktionäre veran- lassen, sich darüber zu äußern, ob sie den Leistungstarif oder den Staffeltarif bevorzugen. In der Aussprache über diesen Punkt lehnten alle Redner die Beibehaltung des L e i ft u n g s t a r i f e s ab. Die Funktionäre beauftragten ihre Organisation, durch eine Umfrage in den Betrieben die Frage gründlich zu klären und dann die dem Ergebnis der Um- frage entsprechenden Abänderungsanträge zu formulieren. Zum Schluß machte Genosse Rothe noch auf die kommende Wochen- endausstellung aufmerksam, aus der auch der Werk- meisterverband vertreten sein wird und empfahl deren Besuch._ Tarifunfähigkeit üer Gelben. Ein Urteil des Sösliner Landgerichts. Der Bund der gelben La n d a r b e i t e r, der Reichsland- arbeiterbund, will als wirtschaftliche Vereinigung von Arbeitnehmern im Sinne der gesetzlichen Bestimmungen anerkannt werden, als tarif- fähige Organisation. Nach seiner Meinung liege doch nichts vor, was eine weitere Nichtanerkennung rechtfertigen könnte. Der Deutsche Landarbeiterverband hat dieser Anerkennung mit aller Entschiedenheit widersprochen, unter anderem auch mit der Motivierung, daß von einer Unabhängigkeit des Reichs- landarbeiterbundes— besonders seiner stärksten und bedeutsamsten Untergruppe, der Arbeitnehmeraruppe des Pommerschen Land- bundes— von den landwirtschaftlichen Unternehmern nicht g e- sprachen werden könne. Dieser Stellungnahme des Deutschen Landarbefterverbandes entspricht auch e i n U r t e i l. das die zweite Zivilkammer des Land- gerichts in K ö s l i n, also die Zivilkammer eines pommerschen Land- gcrichts, in diesen Tagen gefällt hat. Rittergutsbesitzer S ch m e l i n g- Gudenhagen hatte gegen den von ihm beschäftigten Arbeiter Z i e r k e wegen Räumung g e- klagt und war in der ersten Instanz mit seiner Klage a b g e- w i e s en worden. Er legte gegen dieses Urteil Berufung ein, und die zweite Zivilkammer de» Landgerichts in Köslin gab ihm recht. Z. wurde oerurteilt, die von ihm bewohnte Werkwohnung mit Stallung zu räumen. In der Begründung heißt es u. a.: „Nach Z 2 der vorläufigen Landarbeitsordnung vom 24. Januar 1313 müssen Dien st vertrüge mit mehr als halbjähriger Dauer schriftlich abgeschlossen werden, sosern es sich um Verträge in Betrieben der Land- und Forstwirtschaft handelt, für welche ein Tarifvertrag nicht besteht und in denen Beträge nicht barer Art zugesichert sind. Unstreitig war der Beklagt« auf ein Jahr in dem landwirtschaftlichen Betriebe des Klägers als Arbeitnehmer an- genommen worden. Ihm war neben Barlohn auch Wohnung und Deputat, mithin Bezüge nicht barer Art zugesichert worden. E i n Tarifvertrag bestand aber nicht. Unter einem Tarifvertrag ist nur ein solcher Vertrag zu verstehen, der auf Grund der Tarifoertragsordnung von einer tariffähigen Vereinigung abgeschlossen worden ist. Die Parteien haben zwar ihren Vertrag unter Bezugnahme auf den zwischen der Arbeitgeber- und Arbeitnehmergruppe des Pommerschen Landbundes vereinbarten Richtlinien- oertrag abgeschlossen. Dieser Richtlinienvertrag ist jedoch nicht als ein Tarisvertrag anzusprechen, denn die Arbeitnehmer- gruppe des Pommerschen Landbunde» ist nicht t a r i f s ä h i g. Es ergibt sich aus dem Wesen des Tarifvertrages die Begren- zung, daß"nur solche wirtschaftliche Vereinigungen auf der Arbeit- nehmerseite tariffähig sein können, die reine Arbeitnehmer- Vereinigungen darstellen, von den Arbeitgebern un- abhängig sind und von ihnen finanziell nicht unterstützt werden. Diesen Anforderungen entspricht die Arbeit- nehmeraruppe des Pommerschen Landbundes nicht. Sie ist keine selbständige und von den Arbeitgebern unab- hängige Arbeiterorganisation. Noch Z3 der Satzung des Pommerschen Landbundes bilden die Arbeitnehmergruppen lediglich ein Glied der Gesamtorganisation. Die Arbeit- nehmergruppen des Landbundes sind auch von den übrigen Gliedern nicht unabhängig.§ 3 Abf. 5 der Satzung bestimmt vielmehr, daß sich alle Glieder stets dem Gesamtinteresse des Landbundes einzu- fügen und unterzuordnen haben. Die Arbeitnehmergruppe steht a uch finanziell nicht selbständig da. Zwar zieht sie ihre Beiträge selbständig ein und verwaltet sie auch selbständig. Die Organisation als solche wird aber nicht von ihr allein, sondern von dem Gesamtlandbunde als solchen unterhalten." Aus dieser Auffassung der Sachlage erkannte das Gericht den strittigen Arbeitsvertrag als nichtig.„Der Beklagte hat daher keine Rechte aus dem Dien st vertrag, insbesondere auch nicht auf die strittige Wohnung. Er muß sie daher an den Kläger herausgeben, da er die Wohnung ohne Grnd besitzt." Nach diesem Urteil des Kösliner Landgerichts dürften sich lang- atmige Erörterungen über die Eingaben und Wünsche des Reichs- landarbeiterbundes erübrigen. Er ist gerichtet als eine gelb« Gruppe, die mit einer gewerkschaftlichen Organisation nichts gc- mein hat._ Die Aussperrung In den Prachtsälen„Märchenbrnnaen", am Friedrichshain. Inhaber P a e sch k e, wird durch folgend« Mit- teilung illustriert, die uns vom Zentralverband der Hotel-, Restaurant- und Cafeangestellten zugeht: Das Etablissement„Märchenbrunnen" ist, für den 8. und3. Maifürl 533 F a s ch i st e n bestellt, die dort bewirtet werden sollen. Die Wiedereinstellung der Ausgesperrten und die B«- Zahlung der Rest löhne, sowie die Erfüllung des Tarifvertrages lehnt der Inhaber jedoch entschieden ab. Der Betrieb bleibt daher für Organisiert« gesperrt. Achtung, Buchdrucker! Die Mitglieder der Berliner Handfeger- Vereinigung werden nochmals ersucht, vollzählig in der morgen. vormittags g 7, Uhr,>n den Mnsilerfest>ä.en, Zlaiser-Wiiheim-Siratze ZI, stau- findenden Versammlung zu erscheinen, da wichiige Beschillffe zu fassen find. Theater üer Nocke. vom 14). Zlpril bis 18. April 1927. BoN-bShne- 10., U., 18., 17., 18. Traumspiel. 12., 14. Faust. 18.««Bittet über vottiand. 13. geschlossen. Tlaaisoper: Iii. Vampnr. 11. Walkllr«. 12. La Traoiata. 13. Zionat Paiace, Don Pedros Puppcnsv.cl. 14. Tarmcn. 13. Kar» freitags-Konzert. 18. Dosca. 17. Mecstcriingcr. 18. gigeunerbaron. Schauipiel- Hans: 10., 13., 17., 18. Sin besserer Herr. 11., 14. Faust. 12. Wlidschiitz. 13. Ke. schlössen. 18. Der Barbier von Sevilla. Schiller-Dheater: Iii., 12. Ziazz'a. Ii. Kilian oder die gelb» Pole. 13., 17., 18. Prinz Friedrich von Homburg. 14. Stuart. 15. Geschlossen. 16. Peer Gynt. Theater am Schissb-uerdamw: Tragödie der Liebe. Karsreitag geschiossen. Thalia-Theatcr: Ter mutige See. fahrcr. ssarsreitag geschlossen. Deursae» Theater: Der Arzt am Scheideweg. Karfreitag geschlossen, ssammerspielc: Bis 11. Toni. Ab 12. Lockvögel. Kar. freirag gcschlosscn. Di« Komödie: Mannequins. Karfreitag geschlossen. Tiiglich 11 Uhr Nachtvorstellung: Was Sie wollen. Theater am Rolleudorsplah! Drei arme kleine Mädels. Karfreitag geschlossen. Theater in der Köaiggräger Straße: Die Scksule von Uznach. Karfreitag geschlossen. Komödicuhau«: Das zweite Leben. Karfreitag geschlossen. Grohe» Schanspielbaua: ZNe«inst im Mai. Theater des Wcftcos: Wissen Ei« schon... Städt. Oper Tharlottcaburg: lll. Der arm« Heinrich. 11. Falstosf. 12. Don Juan, Zwölf deutsche Tänze, Di« Geschöpfe de» Prometheus. 13. Carmen. 14., 13. Parzival. 18. Hosfmann» Erzählungen. 17. Die Zaubcrflöte. 18. Turandot. Komische Oper: Sünden der Welt. Deutsche» Küustlrr-Theatcr: Vi» 14. Der Zarewitsch. 13. Geschlossen. Ab 18. Skandal i» Amerika. Lustspielha»»: Hurra— ein Junge. Karfreitag gc. schlössen. Lesfing.Zheate«: Der Patriot. Karfreitag geschlossen. Theater am Knrsiirstcudamm: Vi»"""" Besuch. Triauov.i" scheine. Zentral-!lW»WW> Theater iu der Kominandauteustrafie: Berlin wie e» weint und lacht. Kar» freiwg geschlossen, Metropol-Theater: Di« girku»prinzessin. Karfreitag ge. schlössen. Berliner Theater: Der Hampelmann. Rene« Theater am Zoo: Esklmo- Mädel. Di« Tribüne: Spiel im Schloss. Kleiue, Theatcr: Die goldene Galeere. Wallner-Thraier: Küsse in der Nacht. Renaissaaee-Theater: Der dreizehnte Stuhl. Tägl. 10,13 Uhr abend» Nachtvorstellung: Tu vcrras Montmartre. Walhalla-Theater: Die von der Liebe leben. Role-Theater: Die beiden Nachti. gallen. Karfreitag geschlossen. Theater in der Klostcrstrah«: 10., 11., 12. Früh. iing»wahn. 13. Psarrhauskomödic. 14., 18., 17. Liebe. 13. Veronika. 18. Pen» fion Schöllet. Theater in der Lühawstrafie: Die Frau ohne Mann. Theater im Adiniralopalast: Bive la femme. Karfreitag geschlossen. Wintergarten: Inter. nationales Variete. Seal«: Internationales Variete. SIeich,halle».ZHeater: Stettiner Sänger. Nachmittagsvorstellungen. Volksbühne: 10. Volpone. 18. Traumspiel. Sckaujpieltan»: 10.» 17., 18. Pavolcon. Theater am Schifsbaner. dämm: 10., 17., 18. Da» Grabmal des unbekannten Soldaten. Tbalia.Zheater: 10., 18. Der V'berpelz. Große» Schauspielhaus: 10., 17., 18. Wie einst im Mai. Theater de» Westen»: 10., 17., 18 Wissen Sie schon... Komische Oper: 10., 17., 18. Sünden der Welt. T-i-w>».THeater: 10., 17., 18. Klvbleute. Theater iu de» Kommandantenstrahe: 10. Hinkemann. 17.. 18. Die bedrohie Unsckmlö. Berliner Theater: 10. Der Hampesmann Neue» Theater am Foo: 10. mittags 12 lldr: Epiegclgcfccht. Wallaer-Theater: 10., 17. Der Herr Senatar. Walhalla-Theater: 10., 17. Die von der Liebe leben. Nase-Theater: 10., 17., 18. Voblnson. Theater iu der Klosterstrahe: 10. Iphigenie. 17. Psarrhau»- komödie. 18. Nora. Theater im Admiralapalast: 10., 17., 18. Bio« la femme. Seala: 10., 18., 17. Intcrnalionale» Variete. Rcich-hallea-Theater: 10., 17. Steitiner Sänger. Vi» 14. Pit Pit. 15. Geschlossen. Ab 16. Die Kleine auf Theater: Müller». Nesidenj-Theater: Die Frau aus Anteil. l-Theuter: Der blonde Zigeuner. 13. Karfreitags. Konzerl. Verantwortlich sür Politik: Bictor Schistt Wirtschaft:«. Kliugelhöscr: und Berlagsanstalt Paul Singer u Co.. Berlin SW 83, Lindenstrahe 3. S&criinerElcltliltecr LS taosseiis&ail angeschi-äcra Ycrb.soz. Haubetriebe Berlin N.24, Elsasser Str. 86-88 Fernsprecher: Norden 632S, 65�6 Filiale Westen, Wilmersdorf Landliausstr. 4. 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