Mbeaöausgabe Nr. 185 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 41 ehjuasScbinsungen«rab«njdjnunrff» lind in btr aHotacncusflcb« angtstben Redaltion: SZD. 68, Ciabenflcabe 3 .Fernsprecher> VSohoff 202— 291 ZcL'ttbeeffc: Sojialdetnofra» Berlin Devliner Volksvl�kk (lO Pfennig) Mittwoch 20. �prü 1 427 «erlag anb«nzetgenabtellung, «efchäft-zetl 8 V> dt» 6 Übt Verleger: vorivörlo-v-rlag GmbH. Berlin Zw. 68. clnben strotz» 8 Zernsprecher l VSnhost 202— 291 �entralorgan cler Sozialdcmokratlfcbcn Partei Deutfcblands Der Lockspitzelprozeß in Rom. 30 Jahre Zuchthaus für Zaniboni, Capello und Angelo Ursalla beantragt. Rom. 20. April.(B5JB.) Im Prozeß Zaniboni beankragke der Generalstaaksanmalt am Schluß seiner Anklagerede folgende Strafen: gegen Zaniboni. Eapello und Angelo Ursalla. letzlerer in Abwesenheit, je 30 Iahet Zuchthaus: gegen Ducci 7 Zahre Gefängnis. Jerrudo Ricoloso und Luigi Ealligaro je 12 Zahre Ge- sängnis, Enzo Riva und Ezio Celotti je 7 Zahre Gefängnis. Aür Angelo Calligaro beantragte er Freisprechung von der Anklage der Beihilfe zum Aufstand und zum versuchten Mord, dagegen verur- teilung wegen Beleidigung der öffentlichen Gewalt zu 7 Monaten Zuchthaus. i- In seiner Schlußrede sagte der Ankläger, wenn man auch im einzelnen die Schuld des Großmeisters der Freimaurerloge juristisch nicht Hobe festlegen können, habe der Prozeß doch keinen Zweifel gelassen, daß die Loge durch General Capello Deoeimgungen und Bestrebungen finanziert habe, die aus- gesprochen feindlich der gegenwärtigen Regierung gegenüberständen. Durch das Attentat auf Mussolini habe man den Aufstand gegen die Regierung ermöglichen wollen. Darin liege die Mittäter- s ch a s t Capellos. Ein General a. D., noch dazu Präsident der Vereinigung ehemaliger Offiziere, habe sich nicht entblödet, regie- rungsfeindliche Vereinigungen auch nach ihrer Auflösung zu reor- ganisieren, und dies immer in der Hoffnung, daß ein äußerer Um- stand den Ausbruch dieser unistürzlerischen Bestrebung veranlassen könnte. Die italienische Loge habe unzweifelhaft diesem verbreche- tischen Treiben erhebliche finanzielle Hilfe zugesichert, weit über die Summen hinaus, die Zaniboni durch Capello, wie nachgewiesen sei, ausgezahlt worden seien. Am Mittwoch beginnen die Plädoyers der acht Berteidiger. Am Sonnabend wird das Urteil erwartet. Faschistenspitzel in Frankreich verhaftet. Paris, 20. April.(WTB.) Wie..Matin" aus Marseille be- richtet, ist der dort festgesetzte Italiener Alfredo Viola, der im Dien st e der italienischen Polizei als Agent Provo- cateur tätig gewesen sein soll, in reguläre polizeiliche Haft ge- nommcn worden. Er soll a u s g e l i e s e r t(!) werden. Nur Faschisten dürfen Lehrer sein. Rom, 20. Slpril.(WTB.) Das Amtsblatt veröffentlicht ein Gesetzesdskrct über die Amtsenthebung der Millelschullchrer(d. h. an den höheren Schulen). Danach können die Mittelschullehrer ab- gesetzt werden, wenn sie aus physischen, intellektuellen oder morali- schen Gründen keine nützliche Arbeit in der Schule mehr leisten können, ferner, wenn sie durch Kundgebungen in oder außerhalb der Schule sich mit den allgemeinen politischen Richtlinien der Regierung in Widerspruch setzen. Zollkrieg oöer Handelsvertrag? Die Reaktion in Deutschland und Polen macht scharf. Di« deutsch-polnischen Verhandlungen über den Abschluß eines Wirtschastsvertrages, der den Zollkrieg beendigen soll, gehen nun schon wieder seit einigen Wochen weiter, ohne daß positive Ergebnisse sichtbar wären. Die Reaktion auf beiden Seiten benutzt die Zeit, um recht energisch auszutrunipfen und Dorwändezu schaffen: man will ein Scheitern der Verhandlungen später vor dem Volke rechtfertigen können, das natürlich unter den Störungen des deutsch-polnischen Handelsverkehrs am meisten leidet. So herrscht in deutschen Kreisen Ostoberschlesiens große Er- bitterung über die während der letzten Wochen verfügten Eni- l a s s u n g e n von Arbeitern, die sich ausschließlich gegen deutsche Staatsangehörige oder deutschfreundliche Ober- s ch l e s i e r polnischer Nationalität wenden. Die letzten Kommunal. wählen mit ihren großen Erfolgen für das Deutschtum haben offen- bar die polnischen Mochthaber erschreckt. Die„B e s r e i u n g s- kundgebung". die von den polnischen Kampsverbänden am 21. März in Anwesenheit von Ofsizieren der früheren französischen Besatzung Oberschlesiens abgehallen wurde, gab den polnischen Spitzeln die Möglichkeit, die unerwünschten deutschen und deutsch- freundlichen Elemente— zumal die letzteren— festzustellen, da diese natürlich dieser Kundgebung fern blieben. Vorher waren bereits in den Betrieben Bekanntmachungen ausgehängt worden, die zur Teilnahme an der Kundgebung aufforderten, strenge Strafen für das Fernbleiben androhten und besonders fristlose Entlassung in Aussicht stellten. Bald darauf folgten denn auch die Entlassungen, von denen nicht weniger als 7600 deutsche Staatsongehörige und weitere 8000 deutschfreund- lich« Oberschlesier betroffen wurden. Der Einspruch der Organisationen und Betriebsvertretungen gegen diese Entlastungen konnte natürlich leicht abgewehrt werden init dem Hinweis darauf, daß in Ostoberschlesien eine große Wirt- s ch a f t s k r i s e herrscht, die, wie überall so auch hier, ein« starke Erwerbslosigkeit zur Folg« hat. Trotzdem ist diese Krise natürlich nur Vorwand, wenn man die neu zu entlassenden Arbeiter nicht nach den Erfordernissen des Betriebes, sondern nach ibrer Staatsangehörigkeit oder ihrer politischen Gesinnung aussucht. Jedenfalls wird uns von glaubwürdiger Seile versichert, daß in der fraglichen Zeit ausschließlich deutsche und deutschfreundlich« Arbeiter zur Entlassung kamen. Der deutschen Reaktion sind natürlich diese Vorkommnisse ein Grund mehr, ihre Waffen zu schärfen. Die deutschen Großagrarier hoben ein Intereste an der Abwehr der Einfuhr von polnischem Fleisch und polnischen Futtermitteln. Dieses Intereste bemänteln ste natürlich mit„nationalen� Forde- rungen. Sic verlangen Sicherungen für ein N i e d e r l a s s u n g s- recht Dcustcher in Polen, wie es keinem anderen Ausländer in Polen bisher gegeben worden ist. Die Fviderungen werden ganz bewußt überspitzt, um die öfientliche Aufmerksamkeit von dem Streitpunkt abzulenken, besten Behandlung den Patriotismus der Großagrarier in das rechte Licht rücken könnte. Scheitern nämlich die neuen Verhandlungen am Niederlassungsrecht, so bleibt den deutschen Agrarier die unangenehme Diskussion über den Schweine, und G eh: st e n z o l l erspart, dessen Hochhaltung ihnen die wichtigste„nationale' Aufgabe ist. Ebenso aufgeregt wie die deutschen Reaktionäre die Niederlastungsfrage behandeln, gebärden sich ihre polnischen Gesinnungsfreunde, die die Gefahr einer deutschen Invasion und Kolonisation zum Bouernschreck machen uvbekümmert darum, daß tatiächlich in Oberschlesicn«ine starke deutscht Mwderheit ist. die dt» Schützt» bedarf und aus ihn Aufbruch hat, und daß schließlich eine erträgliche Regelung der Niederlassungs- frage unerläßlich für eine gute Entwicklung des Handelsverkehrs ist. Die Reaktionäre auf beiden Seiten verschanzen sich also hinter Vorwänden, hinter denen sie ihre wirtschasts- und macht- politischen Gründe zu ver st ecken suchen. Bei der deutschen Reaktion spielt noch— das zeigt der Charakter der Meldungen in der Rechtspresse neuerdings ganz besonders deutlich— das Moment eine Rolle, daß man nicht ungern dem deutschen Ge- sandten in Warschau über diese Frage zu Fall bringen möchte, um seine Stelle für einen gesinnungstreuen Nationalisten freizumachen. Scheitern aber die deutsch-polnischen Verhandlungen, so bleiben die Störungen im Warenverkehr, die infolge des verringerten Absatzes zu erhöhter Arbeitslosigkeit auch in Deutschland führen. Die Sabo- tage einer Verständigung erschwert jedoch endlich die Lage der- jenigen deutschen und deutschfreundlichen Bauern und Siedler in den agrarischen Teilen Polens, die nach dem Versailler Diktat abgetreten werden mußten. Die reaktionäre Propaganda kehrt sich also gegen die eigenen Volksfreunde und Volksgenostsn im Ausland. Sie h a t jedenfalls mit dem deutschen Interesse nichts zu tun. Dieses geht vielmehr dahin, daß der Zollkrieg liquidiert wird und daß durch die Anbahnung einer wirtschaftlichen Verständigung die Voraussetzungen für ein erträglicheres politisches Verhältnis zwischen Deutschland und Polen geschaffen werden. Nußlanö und der Völkerbund. Nnnähernng wahrscheinlich. In Moskau tagt gegenwärtig der vierte allrussische Sowjetton- greß. Die außenpolitische Rede R y k o f f s war von äußerster Zurückhaltung, in der man alles andere, nur nichts von bolschewifti- schen Methoden verspürte. Insbesondere fiel die glimpfliche Be- Handlung des Völkerbundes auf. Es scheint, daß die Sowjetunion in der Tat eine Annäherung an den Völkerbund erstrebt. Sie lehnt zwar eine Teilnahme am Völkerbund nach wie vor ob. aber macht doch im gleichen Augenblick Anstalten, sich zum Völkerbund wesentlich anders zu stellen als bis- her. Vor allen, dürfte die Sowjetunion eine eigene Berichterstattung in Genf einrichten. Sie ist ferner bereit, unter der Voraussetzung einer Verschiebung der Eröffnung an der W« l t w i r t- schaftskonferenz teilzunehmen und sich auch auf der Ab- r ü st u n g s konferenz in Zukunft vertreten zu lasten und bietet für die Abrüstungsfragen Vorschläge durch Sachverständige an. Die Beilegung des Worowski-Konflikts zwischen Rußland und der Schweiz gibt der Moskauer Regierung auch die technisch« Mög- lichkeit zu solcher Annäherung. Oer unbeliebte Tschiangkaischek. Auch bei den Engländern. London. 20. April.(MTV.)„Times' meldet aus Schanghai: Trotz der Versprechungen Tschiangkaischeks sind die Zustände in Nan- king nicht besser geworden. Kein Ausländer kann an Land gehen und die Plünderungen dauern an. Es würde ein großer Fehler sein, zu glauben, daß Tschiangkaischek den Ausländern größeres Entgegenkommen zeigen oder feine Versprechungen bester einhalten wird als die Kommunisten. Alle noch in Nanking befind- lichen ausländischen Zivilisten werden morgen die Stadt ver- l a s s e n. um sich nach Schanghai zu begeben. Der„Grientnep". Gemischtwirtschaft im Verkehr Sowjetrustlands mit der Türkei. Von Dr. A. A b e g h i a n. Etwa vier Fünftel der ruffischen Grenze stoßen an asiatische Länder mit rund 8t)<) Millionen Gesamtbevölke- rung. Trotzdem sind die Wirtschaftsbeziehungen Rußlands zu seinen asiatischen Nachbarvölkern ston jeher sehr schwach gewesen. Ihr Anteil an dem russi'chen Außenhandel betrug 1913 nur 329 Millionen Rubel von den 2699 des Gesamt- oußenhandels, also 12,3 Proz., während der Anteil Deutsch- lands 36 Proz., der Englands 18 Proz. betrug. Bon diesem geringen Anteil der orientalischen Länder an dem russischen Außenhandel entfielen auf die Türkei nur 1,7 Proz.; aber auch Rußland war an dem türkischen Außenhandel nur schwach beteiligt: mit nur 7,5 Proz. Im Verhältnis zum Gesamtaußenhandel aller orientalischen Länder zusammen- genommen entfielen auf Rußland kaum 4 Proz.— Chiron und Buchara mit eingerechnet 5 Proz. Die Grundursache hierfür war die schwache Entwicklung der russischen Industrie. In der Nachkriegszeit sind die Berhältniffe im wesentlichen die gleichen geblieben, haben sich vielfach sogar verschlechtert. Der russische Außenhandel mit den Ländern des Orients ist (wie mit denen des Westens) heute immer noch weit davon entfernt, den Stand der Vorkriegszeit zu erreichen. Jedoch ist die Sowjetregierung schon seit 1923 bemüht, ihre Wirtschasts- beziehungen zum Orient zu verbessern. Allmählich ist die orientalische Wirtschaftspolitik Sowjet- r u tz l a n d s umgestaltet worden. Sie unterscheidet sich viel- fach von derjenigen gegenüber den kapitalistischen Staaten, so daß man hier von einem„O r i e n t n e p", d. h. einer neuen orientalischen Wirtschaftspolitik der Sowjets reden kann. Ein bezeichnendes Beispiel dieser Politik ist auch der neue türkisch- russische Handelsvertrag, der das bisherige Provisorium ersetzt. Das ruffische Außenhandelsmonopol wird be- kanntlich als ein„Grundpfeiler" der Sowjetwirtschast, als „eine kommandierende Höhe" des gesamten Sowjetsystems be- trachtet. Der Außenhandel ist der Betätigung des Privat- Unternehmens entzogen. Gegenüber den Ländern des Orients aber hat das Sowjetmonopol eine grundsätzliche Aen- derung erfahren: es ist weitgehend eingeschränkt worden. Sowjetrußland gewährt schon seit 1923 orientalischem Privathandel und orientalischem Unternehmungsgeist eine ziemlich weitgehende Handelsfreiheit. Den orientalischen Kaufleuten ist es möglich, mit Rußland Export- und Importhandel zu treiben. Die nach Rußland expor- tierten Waren dürfen dabei nicht ausländischer, sondern müssen inländischer Herkunft sein: auch die aus Rußland importierten russischen Waren sind nur für den inneren Markt der betreffenden orientalischen Länder bestimmt. Allerdings ist der Handel nur für bestimmte Waren freigegeben. Immer- hin bleibt die Tatsache bestehen: Im Verhältnis zum Orient ist in dos russische Handelsmonopol eine tiefe Bresche gelegt. Die sowjetrussischen Vertretungen im Orient find nicht, wie sonst überall, die einzigen Handelsvermittler: neben ihnen und oft auch zusammen mit ihnen betätigen sich Kaufleute und Firmen Es existieren zum Beispiel in Persien eine Reihe von sogenannten„gemischten 5)andelsgesell- s ch a f t e n", an denen russisches Staatskapital und persisches Privatkapital beteiligt sind. Aktiengesellschaften dieser Art sind auch für die Türkei in Aussicht genommen. Sowjetrußland läßt sich bei seiner orientalischen Wirt- schaftspolitik von Handelsinteressen sowohl als auch von allgemein politischen Gesichtspunkten leiten. Die Bolschewiti glauben, hierdurch die Länder des Orients leicht für ihren Kampf gegen den euvopäifchen Einfluß zu gewinnen. Rein wirtschaftliche Beweggründe spielen dabei eine noch wichtigere Rolle. Als ausschließlich landwirtschait- liche Gebiete exportieren die Orientländer nach Rußland Waren, deren die russische Staatswirtschaft dringend bedarf: Wolle, Baumwolle und anderes. Dagegen importieren die Orientalen russische Fabrikate: Petroleum, Textilwaren, Zucker und anderes. Das Verhältnis zu den West mächten ist gerade umgekehrt. Unter diesem Gesichtswinkel lassen sich T s ch i t s ch e r i n s Worte, die er vor einiger Zeit in der Moskauer Handelskammer gesprochen hatte, verstehen: „Unsere wirtschaftlichen Beziehungen zu den Ländern des Orients müssen viel enger und viel intimer gestaltet werden, als diejenigen mit den Ländern des Westens. Sie bilden auch den Grund unserer allgemeinen Politik im Orient." Dennoch weigerte sich die Sowjetunion jahrelang, mit der Türkei und mit Persien dauernde Handelsverträge zu schließen. Noch mehr: die Sowjetregierung hatte im Februar 1926 die Importsperre türkischer und persischer Waren ange- ordnet(mit Ausnahme der Baumwolle). Diese Maßnahme. die sowjetrussischerseits als ein p o l i t i s ch e s D r u ck m i t t e l gedacht war. rief unter den persischen und türkischen Kauf- leuten und in der Presse eine tiefe Mißstimmung hervor. Erst jetzt, nach der Unterzeichnung des ruffisch-türkischen Handels- Vertrags, findet dieser Zollkrieg gegenüber der Türkei ein Ende. Persien jedoch, das wirtschaftlich und handelspolitisch noch viel mehr von Rußland abhängig ist, wartet bis heute vergeblich auf ein ähnliches Handelsabkommen. Auf Grund des Handelsvertrages wird die türkisch« Ausfuhr nach Rußland auf 45 Warcnsorten in bestimmten Kontingeuten beschränkt, deren Umsang nach der Leistungs- fähigkeit d'cs türkischen Marktes festgesetzt werden soll. Ferner ist die Möglichkeit einer jährlichen Nachprüfung und E r- Weiterung der Warenliste vorgesehen. Die Ausfuhr Sowjetrußlands nach der Türkei ist unbeschränkt; aber auch die türkische Ausfuhr kann später demgemäß vergrößert werden. Der russische und der türkische Export für das erste Vertragsjahr wird auf etwa je 7,5 Millionen türkische Lire geschätzt. Die sowjetrussische Handelsvertretung in der Türkei ist zum Teil exterritorial; sie ist jedoch in ihren Handelsge- schäften den türkischen Landesgesetzen unterworfen. Ferner ist auch die Türkei berechtigt, in Rußland eine Handelsver- tretung einzurichten. Dort gilt türkische Ware meistbegünstigt: ebenso ist die russische Ware in der Türkei den aus anderen Vertragsländern gleichgestellt. 5 2 türkische Firmen sind zur Ausfuhr nach Sowjetrußland zugelassen. Ein Neben- vertrag, der demnächst unterzeichnet werden soll, reguliert das Einreise- und Niederlassungsrecht in den beiden vertrag- schließenden Ländern. Zusammenfassend kann man sagen, daß der russisch- türkische Handelsvertrag die wirtschaftlichen Beziehungen dieser beiden Nachbarländer fördern wird. Tatsache ist jeden- falls, daß schon heute zum Beispiel das russisch« Petroleum den türkischen Markt beherrscht und den amerikanischen Kon- kurrenten von dort völlig verdrängt hat. Aber auch die sowjetrussisch-türkischen politischen Beziehungen werden sich hierdurch künftig enger gestalten. Die Gefahr, daß durch die— wenn auch nur teilweise— Exterritorialität russischer Handelsvertretung der kommunistischen Propa- ganda in der Türkei eine Tür offengelassen wird, wird von den türkischen Machthabern gering eingeschätzt. Stahlhelm-Polizei. Anmaßung der Seldte-Bcreinler. Den vom Selterwassersabrikonten Seldte nach Berlin komman. vierten und von reichen Ehrenmitgliedern besoldeten Stahl- h e l m e r n scheint der Kamm zu schwellen. Durch die Hugenberg. Press« wird nämlich mitgeteilt, was ohnehin schon bekannt war, daß zwischen d«r wantworilichen Berliner Stahlhelmleitung und den leitenden Polizeibeamten Besprechungen über den Stahl- h e l m t o g stattgefunden haben. Diese Besprechungen finden immer statt, wenn groß« Veranstaltungen bevorstehen, die einen vermehr- ten Ordnungsdienst erforderlich machen. Durch Hugenberg»„Lokal-Anzeiger" wird aber jetzt der Welt verkündet, daß für die Umzüge keine Störungen befürchtet würden,„weil die Stohlhelmleute in so großer Zahl anwesend sein werden, daß sieimBereinmitderPolizei rasch jede Aus- jchrcitung im Keim ersticken könnten". Das soll den Anschein erwecken, als ob sich die Polizei die Hilfe des Stahlhelms für polizeiliche Befugnisse erbeten habe oder sie doch nur dulden wolle. Der Polizeipräsident denkt aber gar nicht daran, dem Stahlhelm solche Polizeibefug nisse zu über- tragen oder auch nur anzunehmen. Die Anmaßung, di« in dieser Aeußerung aus Stahlhelmkreisen durch Hugenberg zum Vorschein kommt, wird wahrscheinlich den Polizeipräsidenten veranlassen, nun besonders genaue Anweisungen zu geben, um der faschistischen „Miliz" von vornherein das Eelüst zu nehmen, in der Millionen- stadk Berlin etwa„Hilfspolizei" zu spielen. Spät, aber öoch. PrcußischeTtaatsregierung gegen reaktionäre Treibereien Wir berichteten im September des vergangenen Jahres, daß an einem Sportfest des Iunglandbundes die Schulen von Horst, Golmitz und Güstow teilgenommen hatten. Die Weit- kämpfe wurden abwechselnd vom Junglandbund und den Schülern ausgefochten. Am Umzug nahmen unter den Klängen der Stahl- h e l m t a p e l l c nicht nur die Ortsgruppen des Iunglandbundes, sondern auch die Schüler teil. In den Kreisen des Landbundes hoffte Man, diese Verbindung von Landbund und Schule zur st ä n- digen Einrichtung machen zu können. Am 7. September 1326 wandte sich die republikanische Beschwerdestelle deswegen beschwerdeführend an das preußische Schulministerium. Nach langem Schweigen hat sie jetzt Mitteilung von dem folgenden Abteilungsbcschluß vom 21. März 1927, gezeichnet Dr. Moniin, erhalten. „Aus grundsätzlichen Erwägungen können wir die Abhaltung der Reichsjugendweükämpfe in Gemeinschaft mit anderen Jugend- lichen- und Erwachsenen-Organisationcn oder Vereinen nicht g c- statten. Es hat also in Zukunft eine gemeinsam« Abhaltung irgendwelcher Schulveranstaltungen mit dem Junglandbund zu unterbleiben." Spät, aber doch! Reichsbanner unü Lanüesverrat. Ein mißglückter Versuch. Magdeburg, 20. Aprll.(Eigener Drahlberichl.) Oberreichs- anwall Werner hol dem Zweilen Dundesvorsthenden des Reichsbanners, Karl Höltermann, mllgeleilt, daß er das Verfahren gegen ihn wegen Landesverrats eingestellt hat. Höfles Empfehlungsschreiben. Wie kamen die Barmatkredite zustande? In der heutigen Verhandlung des Barmat-Prozesses wurde die Erörterung über die Kreditverhandlungen Barmats im Oktober 1924 fortgesetzt. Auf die Frage des Vorsitzenden bestätigte Julius B a r m a t, daß er bei der Darmstädter und Nationalbank ebenso wie bei einer Reihe von deutschen Staats- und Kommunal- banken, wie der Staatshaupttasse Bremen, der Sparkasse der Stadt Berlin, der Württembergischcn Staatsbank und anderen mehr ver- sucht hotte, Kredite zu bekommen. Diese Bemühungen seien aber alle ohne Erfolg gewesen und hätten zu keinen Geschästsver- bindungcn geführt, lieber die Kreditoerhandlungen mit der Kur- märkischen Ritterschaftlichen Darlehenskasse und mit der Deutschen Girozentrale kann Lange-Hegermann sich auf Einzelheiten nicht mehr entsinnen. Hoste sei sehr erregt gewesen, daß man bei der Girozentrole, die auf Rückzahlung des Kredits drängte, Schmie- rigkeitcn inachte, und er habe damals geäußert, daß zwischen den Beamten des Rcichspostministeriums und der Girozentrale gegen ihn, den Minister, konspiriert wurde.„Ich habe den Ein- druck, als ob Dr. Hösle schon damals mit seinen Beamten nicht auf dem Fuße stand, wie es hätte sein müssen." Landgerichtsrat Rose- mann: �„Wußten Sie nichts davon, daß Dr. Höste an fast alle deutschen Staatsbanken Empfehlungsschreiben für Bannat geschickt hat, unter besonderen Hinweis auf die Merkurbank, wo Sie doch Vorsitzender des Aussichtsrnt waren?"— Lange- H eg e r in a n n:„Ich weiß nicht, wie diese Schreiben zustande- gekommen sind."— Landgerichtsrot R o s e m a n n:„In den Akten befindet sich eine Notiz des Inhalts, daß diese Empfehlungsschreiben Ihnen persönlich und Dr. Höste übergeben worden sind." — Lange-Hegermann:„Ich weiß das jetzt wirklich nicht mehr. Ick; kann im Moment nichts dazu jagen." Dann wurde der Direktor Max Thieme von der Merkurbank als Zeuge gehört, dessen Bruder, Oberregierungsrat Thieme, Leiter der Kurmärkischen Darlehnskasse war. Er bekundete, daß er aus Ber- anlassung von Henry Barniat bei der Kurmärkischen Darlehnskasse, mit der die Merkurbank schon in Geschäftsverbindung stand, einen Kredit beschaffen sollte, und zwar auf der Grundlage, daß die Preußische Staatsbank der Kurmärkischen Darlehnskasse ohne Deckung einen Kredit von 1 Million geben sollte, der an die Merkurbank Barmats wsitergeliehen werden sollte. Das Geld fei auch von der Staatsbank überwiesen worden, die jedoch dann entgegen der Verabredung mit Henry Barmat von der Kur. märkischen Darlehnskasse Sicherungen verlangt habe, so daß man dort auf sofortige Rückzahlung der gegebenen Million bei Barmat vorstellig wurde. Diese Rückzahlung hätte aber Schwierig. ketten gemacht, und Barmat hätte mehrmals' dem Ministerialdirektor Kautz zur Kurmärkischen Darlehnskasse geschickt, und schließlich sei auch Henry Barmat persönlich erschienen, um sich bei Oberregierungs- rat Thieme zu beschweren und seiner Entrüstung Ausdruck zu geben. Mein Bruder sagte ihm aber, daß die Verabredung nicht eingehalten worden sei, und daß deshalb das Geld zurück- gezahlt werden müsse. Henry Barmat sagte damals:„Ra, was wollen Sie niachen, wenn wir nicht zahlen?" Der Zeuge betonte weiter, daß er gewissermaßen Verbind«» gsoffizs»? zwsscheü der Merkurbank Barmats und der Kuripäckischen Darlehnskasse gewesen sei, und daß eine direkte Telephonleitung zwischen beiden Banken bestanden habe. Vors.: Wissen Sic, welche Rolle Dr. H o e f l e dabei gespielt hat? Z e u g e: Ja, es sollte der Kur- märkischen Darlehnskasse 1 Million aus Postmitteln überwiesen werden, wenn sie der Merkurbank weitergegeben würde. Bors. (zu Henry Barmat): Wie konnten Sie denn die Zusage geben, daß die Staatsbank von der Kurmärkischen Darlehnskasse keine Sicher- Helten verlangen würde? Henry Barmat: Die Schwierigkeiten sind von der Kurmärkischen Darlehnskasse gemacht worden. Es war alles in Ordnung, bis Oberregierungsrat Thieme auf Urlaub ging und ein Reichsbankrat seine Vertretung übernahm Parlamentsschluß in Bulgarien. Das elende Wahlsystem sichert den Regierungssieg. Au» Sofia schreibt man uns: Die letzten Sitzungstage des am vergangenen Freitag aufgelösten Parlaments, in denen die Reform des Wohlgesetzes„zur Verhandlung gestanden" hatte, waren eine einzige schmachvolle Komödie. Inszeniert und gespielt von der Regierung und ihren Faschisten mit der Opposition und dem Volke, das in seiner großen Mehrheit demokratisch ist und jetzt seit vier Iahren ein kollektives tyrannisches Regime ertragen muß, das sich auf die Waffen des Heeres und der Polizei, sowie auf den Terror der„unverantwortlichen Faktoren" stützt. Als der Ministerprästdent der Dauernregierung. S t a m b o- liiski, Anfang 1923 das Proportionalwahlsystem nach Kreisen in den Bezirksproporz umwandelte und sich dadurch bei den im April ausgeschriebenen Wahlen von 247 Mandaten 215 sicherte, war die Empörung über diese Fälschung des Bolkswillens allgemein. Die am 9. Juni 1323 folgende, durch den blutigen Militärputsch und die Schrecknisse des jahrelangen Bürgerkrieges berüchtigt gewordene Regierung der„demokratischen" Vereinigung, die unter den Kabi- netten Zantosf und Liaptscheff wiederholt«ine Aera der Demokratie ankündigte, verstand es. die Aenderung des Wahl- gesetzes immer wieder hinauszuschieben. Als vor vier Monaten die Bauernparteiler, Sozialdemokraten und Demokraten aus Initiativ« des sozialistischen Abgeordneten P a st u ch o s f einen entsprechenden Antrag einbrachten, wurde schnellste und wohlwollende Prüfung versprochen. Dabei blieb es. Während der Makedonier Liaptschesj alle Interpellationen der Opposition mit seinem Wahlspruch„mit Ruhe und mtt Gutem" be- antwortete, verschleppte der Regierungsblock die Frage bis auf die allerletzten Tage der Session. Welch schändliches Spiel treiben nur diese„Herolde der Demokratie"! Der Oppositionsantrag ward überhaupt nicht zur Berhandlung zuge- lassen. Alle Obstruktion der Oppositionsparteien war erfolglos. Zwei Projekte, von gemäßigteren Abgeordneten der Regierungs» Mehrheit vorgeschlagen, wurden niedergestimmt. In der Schluß- sttzung der Sobranje enthüllte der Minssterpräsident endlich auch sein wahres Gesicht: er erklärte unter stürmischem Protest und ohren- betäubendem Lärm aller Oppositionsrichtungen, daß es b e i m Proporz der Bezirke bleiben würde. Damit löste sich die 21. Sobranje auf. Der Ausfall der Neuwahl am 29. Mai kann heute schon mit ziemlicher Bestimmtheit vorausgesagt werden. Don 273 Mandaten wird die„demokratische" Vereinigung mehr als 200 für sich nehmen. obgleich ihr, an den letzten Kreiswahlen gemessen, kaum mehr als 50 Proz. aller Stimmen trotz schlimmsten Wahllerrors zufallen werden. Mit der neuen Sammer wird der Wunsch de? bulgarischen Faschisten nach unbeschränkter Macht erfüllt. Abgesehen von einer kleinen Anzahl Mandate der Bauern, di« vier Fünftel der Be- völkerung des Landes ausmachen, werden di« übrigen Oppostticms- Parteien, selbst bei Wahlbündnissen, schwerlich einige Sitz« erhalten. Am schwersten wird die bulgarische Arbeiterbewegung ge- troffen werden. Alle sozialen und demokratischen Errungenschaften, die Erfolge jahrzehntelanger Kämpfe, stehen auf dem Spiele. Die große Wirtschaftskrise erschüttert das Land seit zwei Jahren auf das tiefste. Im Augenblick, wo sich die Arbeiter- wie Bauernschaft— auch die letztere ist bei ihrem Zwergbesttztum Proletariat— nach Ruhe und Verdienst sehnt, streut der Faschismus neuen Samen des Hasses, der Hoffnungslosigkeit und des Bürgerkrieges au». Die Kirschen blühen... Bon C. P. H i e s g e n. Die Melodien der Amseln haben ein einziges, weißes Blüten- meer in die Landschaft gezaubert, und wer zur rechten Zeit den rechten Weg wählt, dem wird der erste, nächste Sonnentag das Wim- der sich öffnender Birnen, und Apfelblüten offenbaren. Ein Wun- der, das kein Paradies zu steigern vermag. Dann liegen die Täler und Hügel, die Dächer und Gärten, Dämme und Deiche, Hecken und Gräben unter dem Weiß der Blüten wie unter Lasten von Schnee begraben. Die Höhen und Schluchten entlang zieht keim- und knospenlösend der Frühling in weißer Schürze und grünen Pantoffeln. Mit Millionen Knospen warten Weih- und Rotdorn, Schlehen und Jasmin, um sich schweigend zu enthüllen. Pfirsich- blüten streuen ihr« rote Blütenfülle. Hochzeitssträuße umsäumen Tränke, Ouelle und Bach., und je weiter sich der Mensch aus dem Steinmeer der grauen Städte hinauswagt, um so �nehr vergrößert sich das Blütenfest. Wo Obstgärten Hügel krönen oder sich die Hänge entlang ziehen, steigen Blütenwogen zu Blütenbergen— stundenweit.<£t ist, al« wollt« das Blühen kein Ende nehmen und man möchte wandern immerzu und seine Lungen bis zur Erschöpfung vollsaugen, voll der Reinheit des unaufhörlich, immerzu und überall der Erde entströmenden, düfteschwrren Blütenatems. Schwer be- packt mit goldenem Staube, hasten summende Bienen von Staub- gefäß zu Staubgefäß, senken honigsaugende Rüssel tief in jedes «lütenherz; ttrfer als der Mensch Hirn und Hand in einfach Tage- werk senkt, denn zwiefach ist der Biene Tagesmühen: Blüten b e» fruchten und sich selbst befrachten! An weißgrünen Kränzen und Schleifen hängt der Blütenschaum über ollen Straßen und Wegen. Birken leuchten mit grünseidenen Fahnen und silbernen Stämmen als Wegweiser dein Sommer ent- gegen. Flieder füllt seine blaugrün drängenden Dolden mit schwer- stem Dust, und Kastanien haben braune Herzen auf jede Zweigspitze gesetzt, daß die Sonne kommen möge, den Mai zu entzünden. Wen« di« würzige Süße blühender Gärten sich im Zwielicht der Gesttrne verdoppelt und der Frühling wie Rausch In unsere Glieder fährt, dann entspanne deine Dünkel, eitles Menschenkind und atme den Blütenstrom der Erde so tief in dich hinein, daß Trotz und Haß in dir ermatten. Laß mit den Blütenblättern der Bäume allen Eigendünkel leicht und unbeschwert von dir abfallen und öffne deine Sinne wie fruchtbringende Blüten, die lebenssicher steinern« Kerne mit köstlichen Säften und Kräften umschließen.— Unerschütterlich und ausnahmelos offenbaren Blütenträume, trotz Hagel. Blitz und Sturm— Naturgesetze, die einen Minschheits- frühling und ein Paradies verheißen, darin da» erste Gesetz lauten wird» Befruchten und sich selbst befrachten! Der Stein der Weisen noch nicht gesunden. Mit der Verwandlung chemischer Elemente scheint es doch nicht so leicht zu gehen, wie man noch den von Zeit zu Zeit auftauchenden Nochrichten glauben könnte. Bon der Berwandlung von Quecksilber in Gold, deren Dertündung seinerzeit so großes Aussehen erregte, ist es ganz still geworden, sie hat sich als Folge unreiner Versuch« er- wiesen, bei denen das Gold schon vorher in der Apparatur ent- halten war. Auch mit der Verwandlung von Wasser- st o f f in Helium, die vor einigen Monaten von zwei Berliner Chemikern, P a n« t h und Peters, angekündigt war, und an die große Erwartungen geknüpft wurden— mußten hierbei doch gewaltige Energiemengen frei werden, ganz abgesehen von der Be- deutung, die die Gewinnung großer Heliummengen für die Luft- schiffahrt haben würde— scheint eg ganz ähnlich zu gehen. Die Herren Paneth und Peters haben soeben eine Arbeil veröffentlicht, wonach die Schlüsse, di« sie aus ihren früheren Versuchen zogen, nicht aufrecht erhalten werden können. Wasserstoff, sollte sich bei An- Wesenheit von Palladium von selbst in Helium verwandeln. Ihre neuen Versuche zeigen aber, daß noch ein großes Fragezeichen hinler diesen Schluß zu machen ist. Sie arbeiteten zum Teil mit Palladium- asbestpräparaten, und da» Asbest envie» sich als heliumhaltta, so daß hier der Ursprung des am Ende des Vorgangs aufgefundenen Helium» zu suchen ist. In ihren anderen Versuchen, in denen Asbest nicht verwendet wurde, scheint das Helium aus der Lust zu stammen, aus der es das Glasröhrchen, in welchem das Palladiumpräparat enthalten war, ausgenommen und später wieder abgegeben hat. Vorläufig ist also die freiwillige Umwandlung von Wasserstoff In Helium, die nach den gegenwärtigen Anschauungen der Chemiker durchaus möglich wäre, in keiner Weise als wirklich vor sich gehend nachgewiesen. Das tut natürlich der Bedeutung der sehr exakt durchgeführten subtilen Arbeiten der genannten Chemiker keinen Eintrag, denn, wie der berühmte Physiker Max Planck betont,„auch eine Enttäuschung, wenn sie nur gründlich und endgültig ist, bedeutet einen Schritt vorwärts". Lt. Do» Rlontmarlre-Sabaretl hat sich nun im vornehmen Theater am Kurfürstendamm niedergelassen, in da» es ebensowenig hinpaßt wie in das luxuriöse Rcnaisiance-Theater. Die charmante Primitivität der kleinen Truppe wird von solchen auf- dringlichen Umrahmungen totgeschlagen. Diese kleinen anspruchs- losen Bühnenereignisse brauchen einen anspruchslosen Theaterraum, um ihre Atmosphäre entwickeln zu können, die viel zu wenig pene- tränt ist, um sich gegen das Parfüm eines aufdringlichen Lurus zu behaupten. Und doch ist gerade bei dieser kleinen französischen Truppe die Atmosphäre alles. Stars? Nehmt Lucien Boyer» die beglückende Gummilecle, die sich nach allen Seiten hin zusammen- biegt und dann zum Schluß immer wieder glatt, rundlich, lächelnd, nichts- und vielsagend vor uns steht, nehmt Lucien Bayer aus, und es gibt keinen Star, kein« Kanone des Ensembles. Es gibt Made- moiselle France Marlis, die belanglose Liedchen mit soviel natürlicher Selbstverständlichkeit stngt, als ginge uns das alles Gott I weiß was an, es gibt Mademoiselle Bertrande, ein« rundliche Verwandte von Margo Lion, die noch das Unaussprechliche mit Charme auszusprechen versteht, es gibt Paul Chaubet mit der Tournüre eines Backsisch-izeiligen, es gibt den Schnellmatcr George Gros— keiner von allen genug, einen Abend zu lohnen, alle zusammen gewiß. Schade, daß bei diesem Gastspiel immer dieses Letzte. Wesentlichste, fehlen muß, das sie zusammenhält. So blieb als einziger wirtlicher Gewinn der nächllichen Veranstaltung Lucien Boyer, der uns in diesen zwei Stunden nicht nur Lachen, sondern viel köstlicheres: beglückendes, unbeschwertes Lächeln schenkte. Te,. Der Kirchenchor der Gedöchlnlskirche. liturgisch und fachlich durch Ernst Voigt gut geschult, sang am Karfreitag andächtig, zart und stimmungsvoll Chöre von Palestrina, Thiel, Kiel. Frau Toni Proper-Neumann ist ein« sympathische, warmblütige Sopranistin, die den verschiedenen weihevollen Gellert-Liedern von Beethoven inbrünstig gerellst wird. Diese fromm« Inbrunst eilt nur ein wenig über die Höhepunkte hinweg, wahrscheinlich, weil die stimmliche Höhe noch nicht gesichert, der Registerausgleich noch nicht vollendet ist. Aber des Lernens ist ja kein Ende, und wir werden diesem innigen Stimmklang wieder mit Freude begegnen. K. S. Todesursachen der in Preußen gestorbenen Personen. Wie der Amtliche Preußische Presiodicnst einer Ueberstcht der Statistischen Korrespondenz über die Todesursachen der in Preußen im Jahre 1925 gestorbenen Personen entnimmt, starben Im Freissaat Preußen (ohne Saargebiet) im Jahre 1925(1924) Insgesamt 450 973 (459 946) Personen oder 118,5(121,8) auf 10 000 Lebende. Die Sterbeziffer erniedrigte sich also um 3,3 auf 10 000 Lebende gegen das Vorjahr. 23V vom Hundert aller gestorbenen Personen sind übertragbaren Krankheiten zum Opfer gefallen. Für die übrigen Todesursachen ergaben sich, aus 10 000 Lebende berechnet, folgend« Sterbezissern: Krankheiten der KreiÄausorgane 17,1(17,3), Al- t e r s s ch w ä ch e 12,1(13,3), Krebs und andere Neubildungen 10,8(10,4), Gehirnschlag und andere Krankheiten des Nervensystems 9.8(10,0), Krankheiten der Verdauungsorgone 9V (9.1), angeborene Lebensschwäche und Dildungsfehler 7V(7V) Krank- heilen der Atmungsorgane 4,4(5,4), Verunglückung wder andere gc- waltsame Einwirkung 4,0(3,9), Krankheiten der Harn- und Ge- schlechtsorgane 2.9(2.9), Selbstmord 2.4(2V). im Kindbett gestorben (außer Kindbettsieber 0,5(0,6), Mord und Totschlag 0,2(0,2). vi« Akademie der KOtiste eröffnet ihre dieSiib'.Igc �rühjadrSauissellung am'ji. Sie enthält Werte der Maleret und Plaitik. Mit Sonderlolleklionen sind Pi osessor LUo H. Engel iowie die Maler HanS Purrmann und Georg« Wro-z nerlrelen. Die Autstellung ist am 2l. von 2 Uhr an für da« Publikum zugänglich und wird a» den übrigen Tagen von 10— 5 Uhr (auch Sonntags) geöffnet lein. vi« Kunsthandlung Victor ssarkberg, Schöneberper Uker 41, zeigt vom 24. April bi» 18 Mat eine KolleltiaauSstellung»Die Maler der Iamili« Levsius-, welche Werke folgender Künstler umsaht: Gustav Graes lS2l- 1895, Reinhold Leolius 1857—1922, Sabine LepsiuS, geb. Graes, Wonica LepsiuZ, Berevberg, Sabine LepsiuZ Tochter. Ein neue» Museum In Wien. Da die«thnographilche Abteilung im Wiener Naturhlstorilchen Muleum ln. jüngster Zeit einen großen Aufschwung ge- nommen hat, und der zur Verfügung stehende Raum nicht mehr ausreicht, ist geplant, in der neuen Hosburg ew BoltSkundemnseum einzurichten. Die neuen weltlichen Schulen. Es geht vorwärts in Berlin! Die Werbearbeit für die weltlichen Schulen hat im letzten Jahr beachtenswerte Erfolge gebracht. In Köpenick konnte zwar wegen Raummangels die weltlich« Schule noch nicht, wie von der Bezirksschuldeputation beschlossen war, zum 1. April errichtet werden, und in Schöneberg muhte man in der Schul« Feurig- st r a ß e aus demselben Grunde sich auf erst vier Grundschulklassen beschränken. In den anderen Verwaltungsbezirken Kreuzbcrg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg dagegen ist das zunächst gesteckte Ziel erreicht. Im Bezirk K r e u z b e r g ist am 1. April die 2 0. G e m e i n d e» schule, Waldemar st r. 77, als weltliche Schule eröffnet worden. Es hat sich hier wieder die alte Erfahrung bestätigt, doh die.amtlichen" Zahlen, die in den Verhandlungen mit der Behörde eine so große Rolle spielten, weit übertroffen wurden. Die Schule ist überfüllt. Zwei Klassen müssen bis aus weiteres in die Schule Görlitzer Straße verlegt rrxrden, und einige werden noch folgen müssen, da die anderen Klassen eine sehr hohe Frequenz haben, die weit über dem Durchschnitt der übrigen Schulen liegt. Bei weiterenAn Meldungen, die immer noch entgegengenommen werden, wird es möglich sein, in der Görlitzer Straße einen ganzen Parallelzug von Klassen einzurichten. Die größten Schwierigkeiten sind der Errichtung der Schulen in Friedrichshain und Prenzlauer Berg bereitet worden. Die Kirche hatte gegen sie mobil gemacht, weil die in Aussicht ge- nommenen Gebäude zwei evangelischen Kirchen benach- b a r t sind. Das müsse, behaupten die.christlichen" cherrschasten, .naturgemäß zu schweren Aergernissen führen". Ein lächerlicher Einwand! Von feiten der weltlichen Schule werden die .besorgten Christen" keine Belästigung zu befürchten hoben, da in den neuen Schulen nicht, wie in der Kirche, die Intoleranz eine cheimstätte hat, sondern Toleranz auch gegen Anders- denkende geübt wird. Wo weltliche Schulen in Berlin neben der Kirche liegen(es gibt deren einige), ist in all den Iahren nicht das geringste.Aergernis" entstanden. Das Provinzialschulkollegium Hot der Errichtung. der weltlichen Schulen in der D i e st e l m e y e r st r a ß«(59. und 181. Gemeindcschule) und in der Senefelder st ratze(228. und 289. Gemeindeschule) seine Zustimmung erteilt, so daß am Donnerstag, dem 21. April, auch diese schulen eröffnet werden. Alle Vcrwaltungsmaßnahmen dazu sind getroffen. In letzter Stunde möchte jedoch die Gegenseite noch durch Druck des Ministeriums für die Schule in der Senefelder st raße eine Verlegung nach der Danzizer Straße erreichen, was all« bisher getroste- nen Maßnahmen über den Haufen werfen und neue Schwierigkeiten heraufbeschwören würde. Gleichzeitig versucht die Rechispresse, die Angelegenheit zu einer Hetze gegen den Genossen Bürgermeister Ostrowski zu benutzen, der als Schuldeputationsmitglied sich der Förderung der weltlichen Schulen energisch angenommen hat. Am lächerlichsten macht sich dabei ein deutschvölkisches Blättchen, die„Deutsche Zeitung", n>it einem Artikel„Ungesetzlicher Kampf um die weltliche Schule". Das Urteil des Verfassers ist von Sachkenntnis nicht getrübt, weiß er doch weder etwas von den Befugnissen eines Be> zirksbürgermestters noch von der Schulgesetzgebung. Er stützt seine Angaben auf ein.noch in Kraft befindliches Reichsoolksschulgesetz von 1906", das weder existiert noch existiert hat. Er meint wahr- scheinlich dos preußische Dolksschulunterhaltungsgesetz. Alle reaktionären Anstrengungen sind aber vergeblich. Am Donnerstag, dem 21. April, werden wir die neuen weit- lichen Schulen und damit nunmehr 49 weltliche Schulen in Berlin haben. Alle Eltern des Bezirks Prenzlauer Berg, die ihre Kinder in die weltliche Schule umschulen wollen, holen sich am Donnerstag in der Zeit von 8 bis 19 Uhr die Umschulungspapiere au» der alten Schule, die die Kinder bisher besuchten, und finden sich mit den Kindern pünktlich um 19 Uhr in der neuen Schule Senefelder st r. 6 ein. Wiener Sürgerblockmethoöen. Verleumdung als„Autimarxismus". Die österreichischen Christlichsozialen sind durch Wahlkampf- Methoden groß geworden, die bis dahin unbekannt waren: Der- sammlungsterror, Anpöbelung, Boykott und vor allem persönliche Verleumdung der gegnerischen Führer und Kandidaten. Diese Methoden, einigermaßen wirksam im versinkenden und verzweifeln- den Kleinbürgertum der frühen S9er Jahre, verloren ihre Kraft, als das gleiche Wahlrecht die breiten Arbcitermassen auf die politische Bühne führte. Aber jetzt haben die ehemaligen Wiener Machthaber in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle angesichts der glänzenden Bewährung sozialistischer Gemeindeverwaltung wieder auf jene alten Künste der Schmutzartilleri« und des Lügenwerfere zurückgegriffen, und da die Freisinnigen wie die Deutschnationalen sich mit den Christlichsozialen unter dem weiten Hut des Kardinal-Fürsterz- bischofs Piffl und seines getreuen Seipel zusammengefunden haben, sind diese„aufgeklärten" Bürgerparteien mit verantwortlich für diese Wahlkampfmethoden. Sie können, vereint und geeinigt mit ihren Todfeinden von vorgestern, Heinrich Heine zitieren: .Selten habt ihr mich verstanden, selten auch oerstand ich euch, doch wenn wir im Kot uns fanden, dann verstanden wir uns gleich." Die Wohnungen werden überschwemmt mit den Verleumder- wischen und darunter besonders mit solchen, die die neue Schule zum Gegenstand haben, jenes Werk unseres Genossen Otto Glöckel und seiner Mitarbeiter, das eben erst im„Vorwärts" von heute früh ein führender Berliner Schulmann so voller Anerkennung be- sprachen hat. Freilich, an dem Fachunterricht und der Oganisation dieser Schul« können die Christlichen nichts aussetzen, so haben sie sich den modernen Turnunterricht ausgesucht. Der wird freilich viel mehr als früher gepflegt, wie denn die oielgelästerte sozialdemo- kratische Gemeindeverwallung die Zahl der öffentlichen Spielplätze von 4 bisher auf 23 erhöht hat, wobei ihre Ausstattung noch gar nicht besonders hervorgehoben ist. Die Verleumder behaupten selbst in Wien, wo die Lüge sofort erkannt wird, noch mehr aber in der Provinz, daß im Wiener Schulturnunterricht die Lehrer und Lehrerinnen splitternackt mit den gleichfalls plitternackten Kindern turnten, wodurch nicht nur, nein— damit der Geschlechtstrieb frühzeitig wachgerufen und ständig gereizt werdel Di« Folge sei denn auch ein« ungeheure sittliche und sogar gesundheitlich« Iugendverderbnis, grausige» Anwachsen der Zahl jugendlicher Geschlechtskranker und Prostituierter usw.! Nicht» von alledem ist natürlich wahr: wäre es so, warum haben dann die Lntisozialisten im Gemeinderat von Wien und im National- rot nie derartige Klagen vorgebracht, fondern sich sie für— Flug- blätter im Wahlkampfe vorbehalten?! Der Wiener Stadtschulrat geht selbstverständlich auf diese erbärmlichen Verleumdungen gar nicht erst ein, zumal all« Eltern schulpflichtiger Kinder die einwandfreie Wahrheit kennen. Die Lehrerorganisation Wien» hat dies« Anwürfe mit Der- achtung zurückgewiesen. Sitzen bleiben sie nur auf ihren 2er- breitern. den antimarxistischen Rittern der Seipelschen Einheitsliste! Der französische Parteitag. DaS Ringe» um die Taktik. Pari». 29. April.(Eigener Drahtbericht.) Auf dem sozialifti- schen Parteitag versuchte Grumbach nachzuweisen, daß in Europa die sozialistischen Parteien zu Koalitionen mit den bürger- lichen demokratischen Parteien oft genötigt seien, z. B. in Deutschland, Schweden und Belgien. Der Redner warnte den Kongreß vor übertriebenem Skeptizismus diesen demokratischen bürgerlichen Parteien gegenüber.„Fragt die italienischen Genossen," rief er aus,„erst wenn man die demokratische Plattform verloren hat, erkennt man, wieviel man verloren hat. aber dann ist es zu spät!" L o n g u e t hält es für unrichtig, Einstimmigkeit aus eine Eni- schließung herbeiführen zu wollen. Er gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die aus dem Kongreß zutagegetretene Tendenz der Eini- g u n g auf einen gemeinsamen Text zwischen dem Zentrum und links sich durchsetze. Vincent Auriol meinte, es wäre wohl möglich, Einstimmigkeit über eine Entschließung herbeizuführen. Heute handele es sich nicht mehr darum, die französische Republik zu verteidigen, selbst der Papst habe sie anerkannt(Heiterkeit), aber heute müsse der Sozialismus auf wirtschaftlichem Gebiet seine Kräfte«Mfallten. lieberall lastet die lnternasioaole Finanz auf den Regierungen und versucht, die Demokratie unter ihr Joch zu drücke«. Für diesen Kampf müsse eine Umgruppierung der Parteien vor- genommen werden. Aus diesem Grunde seien die lebhaften An» grisf« auf dem Kongreß gegen die Raditalsozialen und die sonstigen bürgerlichen Parteien völlig unangebracht. Die Stund« sei nicht dazu da, des längeren zu untersuchen, ob Kartelle oder Koalitionen mit anderen Parteien nicht möglich seien. Man müsse im Gegenteil dar- auf ausgehen, die Zusammenhänge zwischen der sozialistischen Partei und den ihr nahestehenden bürgerlichen Parteien auf Wirtschaft- lichem Gebiet herzustellen.(Lebhafter Beifall.) R e n a u d e l verzichtete nunmehr auf seine Entschließung, da Vincent Auriol genau ihre Tendenz vertreten habe. Er(Renaudel) wolle nur darauf hinweisen, daß die Herstellung einer Einheitsfront mit den Kommunisten Sophismus sei, da diese die sozialistische Einigkeit zu zerstören bestreben. LSoa Blum erklärke. daß er eine Einhettsfronk, deren Tätigtest den Interesse» der arbettinSen Klassen diene, begrüß», aber in Zlebereinstimmnng mit Renaudel stell« er fest, daß eine Einheit-- iront mit dem Bolschewismus den Interessen der Arbeiterklasse zu- widerlaufe und unmöglich sei. Aber auch den republikani- schen Linksparteien gegenüber sei es der sozialistischen Partei un- möglich,«ine«ndgüllia« und ständige Hallung zu sixieren. Man müsse allen Möglichkeiten in dieser Beziehung die Tür offen l a s s en, ohne sich auf die eine oder die ander« Haltung festzulegen. Es wäre möglich, die Einigkeit auf ein« einzige Eni- schließung herbeizuführen, wenn der Kongreß sich der von Vincent Auriol vertretenen Aussassung anschließen würde. Ohne Zweifel feien die Klässengegeniätze gegenwärtig im Steigen begriffen, aber gerade deshalb fei ein Bruch mit den bürgerlichen Parteien nicht ünbedingt notwendig.£ie Rationalisierung und Supertonzentrierung, die ganzen ditlatorifchen Anstrengungen de» Kapilolismus und fein Druck auf die Parteien, auch auf die bürgerlich« Link«, zeigen, daß die Bedingungen des Klassenkampfes sich geändert haben. Auch im Linksiartell feien die bürgerlichen Parteien unfähig gewesen, gegen die Diktatur des Kapitalismus auszutreten. Sie seien zu schwach dazu gewesen, ober das sei kein Grund, das Zusammengehen mit ihnen zu verurteilen. Damit war die politische Diskussion geschlossen. Di« Resolu- tionskommission trat sofort zusammen, um zu versuchen, eine«in- heitiiche Resolution zusammenzustellen. Die deussch-polnische Derständigungskonferenz der vuäker in Berlin tagt bereits am 21. bis 23. April» nicht Mai, wie wir irr- tümLch st, dn Ueberfchrift mitgeteilt hotten: im Text hat es richtig gepandem. öunöestag üer firbeiter-Samariter. Die 8. Bundestagung des Arbeiter-Samariter- Bundes ging in den Ostertagen im Volkshaus zu W e i m a r vor sich. Anwesend waren über 129 Delegierte und Gäste aus allen Teilen des Reiches. Vertreten waren neben den deutschen Arbeiter- spart- und Wohlfahrtsorganisationen auch der österreichische Schutz- bund, der über eine eigene Samariterorganisation verfügt. Di« Tagung nahm einen ruhigen und sachlichen Verlauf: die Opposition der Kommunisten war verschwindend gering. Die Maßnahmen des Bundesvorstandes und seine Tätigkeit während der letzten zwei Jahre wurden vom Bundestag gebilligt. Der Vorsitzende Kretzschmar- Chemnitz konnte darauf hinweisen, daß der Bund seit der Bundes- tagung in Berlin wesentliche Erfolge zu verzeichnen hat. Er hat nicht nur an Mitgliedern gewonnen, sondern es hat auch eine Der- fchiebung der Ziele des Bunde» stattgefunden. Mit nahezu 49999Mitgliedern nimmt der Bund in der Arbeiterbewegung eine beachtliche Stellung ein. Während der ersten zwei Tage nahm der Bundestag die Berichte des Borstandes über Organisation und Kasse sowie über das Tech- nische und die Tätigkeit des Bundesausschufles entgegen. Ende 1926 zählte der Bund 39 838 Mitglieder in 999 Kolonnen. Aeltere Kolonnen besitzen eigene Rettungswachen und Kolonnenhäuser, neun verfügen über ein Krankenautomobil. Immer wieder versucht« die Bundesleitung, bei der Reichsregierung die amtlich« Anerkennung und Gleichberechtigung des Bundes zu erreichen, was jedoch bis jetzt nicht möglich war. Auch die Aerztcfrag« gestaltete sich dadurch schwierig, daß man im bürgerlichen Lager den Bund zu einer parte!- politischen Organisation zu stempeln versucht, um ihm dadurch die Aerzie abtreiben zu können. Eine für den gesamten Bund und seine Schlagkraft wichtige Veranstaltung war die erste Arbeiter- Olympiode in Frankfurt n. M., wo die Arbeiter-Samariter den Sanitätsdienst glänzend bewältigt haben. Auch beim West- deutschen Arbeiter-Turn- und Sportfest in Köln und beim österreichischen Arbeiterturnfest in Wien be- tätigt« sich der Bund hervorragend. Die Kolonnen des Bundes waren ebenfalls jederzeit auf dem Posten bei großen Unglücksfällen (Grubenunglücken) oder bei Seuchenbekämpfungen(Typhusepidemic in Hannooer). Viele Kolonnen haben gut eingerichtete Kranken- Pflegeabteilungen und ausgebildet« Pflegerinnen zur Verfügung. Die Zahl der ausgeführten Pflegen betrug im Jahre 1926 7259 mit 116 695 Pflegestunden. Insgesamt wurden im Jahre 1926 129 817 Dienstleistungen bewältigt, davon 44 526 Transporte. Ferner griffen die Kolonnen de» Bundes bei 263115 öfsenllichen und 283 599 Betriebsunfällen, also insgesamt bei 548 624 Unfällen ein. In der A u s s p r a che wurde besonders die Forderung um staatliche Anerkennung des Bundes erhoben und eine ent- sprechende Resolution angenommen, in der verlangt wird, daß der Bund von den Regierungen mindestens mit anderen Samariter- organisationen gleichgewertet wird und ihm deshalb die volle Gleich- berechttgung und staatlich« Anerkennung zu gewähren ist. Ange- nomme» wurde ferner eine Entschließung, in der bemängelt wird, daß der ADGB. im Zentroloorstand des Roten Kreuzes vertreten ist, ohne eine Vertretung im Slrbeiier-Samariter-Bund zu haben. Eine weitere Entschließung wendet sich gegen das Rote Kreuz, von dem zahlreiche Dereine das Versprechen der Leitung, jede Be- kämpsung des Arbeiter-Samariter-Bundes zu unterlassen, nicht ein- hallen, sondern den Bund nach wie vor oft mit unsauberen Mitteln bekämpfen. Ein Referat über die Hau»- und Hauskrankenpflege wird für die Mitglieder und zur Werdung neuer Anhänger als Drolchur« herausgegeben. Der Bundestag sprach sich dahin aus, daß die Jugend noch mehr wie bisher vom Ardei!er-Samarlt»r-Bund erfaßt und ausgebildet werden soll. Dann faßte der Bundestag einstimmig den Beschluß auf Errichtung eines eigenen Bundeshauses mit einer Schule zur Ausbildung feiner Funktionäre. Die Aufbringung der Mittel erfolgt zum größten Teil durch Erhebung eines Sonderbeitrages bei den Mitgliedern. Ferner beschloß der Bundestag ein« bedeutende Erhöhung der Leistungen der Unierstützungskosse. Den Statuten des Bundes wurde eine neue, erweitert« Fassung gegeben. Die alle Bundesleitung wurde wieder- gewählt: 1. Vorsitzender: Th. Kretzschmar: Kassierer: Eugen Richter: technischer Leiter: Erich Dunkel. Der nächste Bundestag findet aus Anlaß des Zöjährigen Bestehens der Kölner Kolonne in K ö l n statt. LIchtbildervorkrag der„Voltsfürsorge". Die„Volks für- sorge" veranstaltet am 21. April, 8 Uhr, im Saal des Lokals „V u s ch k r u g", Britz. Rudower Straße, einen öffentlichen Licht- bildervortrag, um neue Anhänger für dies« freigewert- schaitliche Versicherungseinrichtung zu werben. Zwei Vorträge:„Die schütze ich mich zweckmäßig gegen die Gefahren des täglichen Lebens" und„Die Grundlagen der modernen Berufs- beratung" umrahmen die Lichtbildervorführung. Referenten Karl Schulz und Friedrich S a ch t l e b e n. Der brennende Fahrstuhl. Heut« früh ereignet« sich im Haufe R I t t e r st r a st« 35 ein merkwürdiger Dorfall. Als der Fahrstuhl von der vierten Etage herunterfuhr, gerieten plötzlich die Fahr- stuhltabeln in Brand. Durch die starte Rauchentwicklung wäre der Fahrstithlsührer Emil M. beinahe ums Leben gekommen, wenn nicht«in paar Hausbewohner, durch den Qualm aufmerksam gemacht, die Fahrstuhltür erbrochen hätten. So konnte M. noch in letzter Minute gerettet werden. Der Brand wurde von der herbeigerufenen Feuerwehr in kurzer Zeit gelöscht. §ünf Pferde verbrannt. 3fettec auf dem Schöneberger Südgelande. Mehrere Löschzüge der Feuerwehr waren heute früh auf dem Südgelände, Priesterweg 18, zu Schöneberg, mch- rere Stunden lang mit der Bekämpfung eines sehr gefährlichen Feuers beschäftigt. Ein etwa 35 Meter langes massives Stallgebäude brannte bis auf die Grundmauern nieder. Fünf Pferde gingen in den Flammen elend zugrunde. Auf dem Grundstück Priesterwcg 18 hat der Fuhrunternehmer E n g e l m a n n ein 35 Meter langes massives Stallgebäude, in dem zurzeit 8 Pferde untergebracht waren. Heute früh kurz vor>s4 Uhr wurden Kolonisten des nebenliegenden Grundstücks durch verdächtige Geräusche aus dem Schlaf geweckt. Als man der Ursache nachging, stellte sich heraus, daß ein großer Teil des nebenliegenden Stall- gebäudcs lichterloh brannte. Das Feuer war inzwischen so weit vorgeschritten, daß wegen der großen Hitze niemand an den Brandherd heran konnte, um den Pferden, die ängstlich wieherten, Hilfe zu bringen. Zum Glück erschien schon noch kurzer Zeit die alarmierte Feuerwehr: den Beamten gelang es, drei Pferde in völlig crsch öpftem Zustande zu retten; den übrigen fünf konm« keine Hilfe mehr gebracht werden. Zwei hatten bereits den Flammentod gefunden, die übrigen drei lagen er- stickt am Boden. Das Feuer hatte inzwischen das Stallgebäuds in seiner gesamten Ausdehnung ergriffen. Bei den Lösch- arbeiten stellten sich den Feuerwehrbeamten große Schwierig- k e i t e n in den Weg. Da der Priesterweg noch ohne Wasser- l e! t u n g ist, mußten ziemlich 1599 Meter Schläuche, da» ist der Bestand zweier Löschzüge, angelegt werden, um von dem nächsten Hydranten am Sachsendamm Wasser zu erholten. Hier- durch ging viel kostbare Zeit verloren. Da von dem brennenden Gebäude nichts mehr zu retten war, mußte sich die Feuerwehr darauf beschränken, die in der Nähe liegenden Gebäude zu schützen. Von dem Stallgebäude sind nur noch die Umfassungsmauern vorhanden.' Die Entstehungsurfache tonnte noch nicht ermittelt werden. Weltstadt Serlin. Gleichsam als Gegenstück zur Wochenend-Ausstellung, die uns als Anleitung gut genutzter Feierstunden die Schönheit der nächsten und«eiteren Umgebung Berlins vor Augen führt, lief in der Urania»in von der Wirtschafts-Film G. m. b. H. gedrehtes Wert „Vorwärts im neuen Berlin". Der Film zeigt im ersten Teil die Stadt mit all ihren Sehenswürdigkeiten oller und moderner Bauten, mit den oft mitten im Getriebe eingestreuten Wasserflächen, präch- tigen Parkanlagen, ihrem'riefenhaften Lerkehrsftrom und ihren Bcr- gnügungsstätten. Also das Berlin vom Fremden-Rundfahrtauto aus gesehen, mit Augen, die in Sekunden Kilometer durcheilen, die, verwöhnt, blasiert und kühl die Welt durchrasen und nur Gewaltiges mit größter Prachtentfolwng gelten lasten. Und nun im zweiten Teil das Berlin, wie es in Wirklichkeit ist, wie es lebt, wie es arbeitet und wie das immer größer werdende Emporblühen aus der emsigen, rastlosen Kopf- und Handarbeit vieler taufender Menschen zustande kommt. Das Tagewerk dieses Riesenkörpers, angefangen vom frühen, grauen Morgen, da Berlin Morgentoilette macht mit Spritzen und Sprengwagen, wo die Riesenbäckereien das Frühstücks- brat bereiten und die Bolle-Iungens die Milch(159 999 Liter pro Tag) austragen. Aus den Magazinen rollen die ersten Straßen- bahnen, die Uniergrundbahn setzt sich in Positur und der Riesen- ström der Werttätigen eilt zur Arbeitsstätte. Rastloses Tempo zwischen dampfenden Kesseln, hämmernden Mafchinen, surrenden Turbinen, endlich die langersehnt, Mittagspause und weiter geht der Trott bis in den späten Nachmittag. Zum Schluß da« Berlin nach getaner Arbeit. Das Htnauseilen von jung und all zu Spiel. Sport oder stillem Ausruhen. Die Cinrichlimgen der Jugend- und Sportverbände, die vielen schönen Grünflächen inmlllen des stelner- nen Häusermeeres, oft aus einem öden Nichts hervorgezaubert wie der Volkspart in Rehberge, unzählige Schwimm- und Badeanstalten für die Jungen, Plansch- und Spielbecken für die ganz Kleinen und ruhig«, stille Plätzchen für die müden Alten. Der Film zeigte durch- weg gute, klare Aufnahmen und fand starken Beifall. die wirbelsturmkatoftrophe in /»merika. Noch den letzten Meldungen ist nicht nur Illionis von einem Wirbelsturm überrascht worden, sondern auch Nebraska, Missouri, Oklahoma und Texas melden schwere Sturm- schäden. Glücklicherweise sucht« dos Unwetter weniger dicht be- völkerte Gegenden heim. Di« Zahl der Toten beträgt etwa 69, man rechnet jedoch damit, daß noch mehr Menschen umgekommen sind. Tausend« sind obdachlos. Ganze Ortschaften sind vernichtet worden. Einzelne Häuser wurden vom Sturm«ine halbe Meile fortgeweht. Die Lage im Unwettergebiet, das schon durch die ragelang anhallend« Hochflut schwer gelitten hat, ist sehr ernst._ Verhaftung deS VauderolenfchieberS. Aachen, 20. April.(WTB.) Die Aachener Kriminalpolizei ver- baftete den Hauptschuldigen in der Banderolenschieberongelegenheit. Wilhelm Katzky, auf deutschem Gebiet m der Nähe der Grenze. Katzk! wurde dem Amtsgericht zugeführt. Seine Ueberführung nach Berlin wird in«inigen Tagen erfolgen. Die Lehrzeit beginnt! Wiederum tritt ein Jahrgang der Schulentlassenen ins beruflich« Leben ein, sei es als Lehrlinge oder als Auszulernende. Den Eltern bereitet heute noch— trotz aller Berufsberatungsstellen— die Unterbringung ihres Jungen oder Mädchens in eine Lehrstelle viel Kopf- zerbrechen. Dos Angebot an Lehrlingen ist st ä r k e r als die Nachfrage. Es wäre zweifellos besser, die Schulzeit um ein Jahr zu verlängern, zur Vorbereitung auf dos Berufsleben, als die Vierzehnjährigen in irgendeine Lehrstell« unterzubringen, nur damit sie einstweilen„untergebracht" sind oder ober sie zu Hause zu be. halten, bis sich eine passende Lehrstelle findet. Das eine ist so oer- kehrt wie das ander«. Bei der Zuführung eines Lehrlings zu einem bestimmten Berus muß einige Klarheit darüber bestehen, ob der Beruf nicht nur Lehrlinge beschäftigt, sondern auch Gesellen oder Gehilfen in ent- sprechender Zahl, d. h. ob nicht mit ziemlicher Sicherheit damit zu rechnen ist, daß der Lehrling gleich oder bald nach beendeter Lehrzeit entlassen wird und eine Stelle als Ausgelernter für ihn nicht zu finden ist. Wieviele„A u s g e l« r t e" liegen heute noch in Berlin arbeitslos auf der Straße? Die Handwerkslehrlinge find insofern besser daran, als sie immerhin einen Teil ihrer erworbenen Fertigkeiten ver- werten können, oder doch Aussicht darauf haben. Wie steht es aber mit den ousgelernten Drogisten, Lederhändlern— um nur einige derartiger„kaufmännischer" Berufe anzudeuten—, auf deren Ergreifung die Eltern meist noch stolzer sind als ihre Söhne. Die Enttäuschung nach beendeter Lehrzeit ist dann um so größer. Es gibt keine Stelle in Deutschland, die sich um diese Dinge kümmert und von vornherein verhütet, daß Berufen, die für eine Beschäftigung von gelernten Arbeitskräften nicht mehr in Frage kommen, jahraus, jahrein immer wieder neue Lehrlinge zugeführt werden, als billige, willige Arbeits- kräfts. Niemand kümmert sich darum, wo solche„Ausge- lernte" bleiben, für die ihr„Beruf" keine Verwendung hat. Alle verantwortlichen Stellen müßten hier zusammenwirken, vm eine gründliche Aenderung zu schaffen. Wäre es nach den Plänen unseres Genossen S a s s« n b a ch und seiner Mitar- beiter in der ersten Nachkriegszeit gegangen, dann stände es heute ficheUich bester auf diesem Gebiete. Doch von Jahr zu Jahr wurde die Reform des Lehrlingswesens verschleppt, bis man sie endlich dahin gebracht hat. daß sie den Nutznießern billiger Arbeitshände n-cht mehr schaden kann. Werden die nächsten vier Jahre eines verminderten Angebots an Lehrlingen gehörig genützt, dann wird es möglich sein, das bisher Versäumte nachzu- holen. In den ersten Wochen der Probezeit muß man sich um das Lehr- Verhältnis kümmern. Und bevor man seine Unterschrift unter den Lehrverirag setzt, sollte man sich noch genau erkundigen sowohl über den betreffenden Beruf, über die Lehrstelle selbst wie auch über den Inhalt des Vertrags und dabei aber auch daraus achten, ob der Junge oder das Mädchen den Anforderungen gewachsen ist. In keinem Falle aber sollte man zugeben, daß die Arbeitszeit über Ge- bühr ausgedehnt wird und ungenügende Essenspausen eingeräumt werden. Mann kann zwar trotz aller Vorsicht noch gehörig ent- lauscht werden, doch um so weniger dürften es die Eltern an der notwendigen und möglichen Norsicht fehlen lasten. Die Gewerkschaften können zwar an den gegenwärtigen Mißständen im allgemeinen nichts ändern. In jedem Einzelfalle aber können sie die Eltern beraten, können den Lehrling gegen Uebergritfe schützen und dafür sorgen, daß er nicht auch geistig«in Opfer seiner Lehre wird. Aber auch nur dann, wenn die Eltern ihre Kinder von vornherein der zuständigen frei- gewerkschaftlichen Organisation zuführen. Die vemonstcation See Kcastöcojchkenführer. Der Aufforderung des Derkehrsbundes an die Berliner Kraft- �.�.schkenfohrer heute vormittag, als Protest gegen die Ablehnung der beiden letzten Schiedssprüche durch die Unternehmer in allen Betrieben die Arbeit ruhen zu lasten und zur Demonstration im Ge- werkschaftshau.s zu erscheinen, waren die Fahrer so zahlreich gefolgt, daß die gesamten Räume des Gcwerkschaftshauses nicht ausreichten, die Erschienenen zu fasten Da schon lange vor Beginn der Kund- gebung alle verfügbaren Säle überfüllt waren, mußte ein großer Teil auf dem Hofe und auf der Straße warten. Nach dem unver- ständlichen Borgehcn der Unternehmer, durch dos die Erregung der Fahrer auf den Höhepunkt getrieben worden war, mußte eine solche Beteiligung an der Kundgebung auch erwartet werden. In den Versammlungen wurde zunächst bekanntgegeben, daß das Reichsarbeits Ministerium die Parteien zu heute vor- mittag HlO Uhr zu Verhandlungen geladen habe, um noch in letzter Stunde zu versuchen, den offenen Konflikt im Ber- liner Kraftdroschkengewerbe zu vermeiden. Daran anschließend wurde von den Organisationsvertretern ein Ueberblick gegeben über die Entwicklung und die derzeitigen Verhältnisse nicht nur im Ber- liner Kraftdroschkengewerbe, sondern auch im gesamten Reichsgebiet. Die Redner zeigten an zahlreichen Beispielen, wie aufreibend und gefahrvoll der Beruf des Kraftdroschkenführers stt und wie trotz der Schwer« des Berufes gerade in Berlin die Kraftdrofchkcnführer ein wahres Hungerdasein führen müssen. Nicht zu Unrecht wurde betont, daß auch in Berlin schon längst andere Zustand« in der Ent- lohnung herrschen würden, wenn das Organlfationsver- hältnis der Kraftdroschke nführer ein besseres wäre. Die Redner wiesen weiter an Beispielen aus anderen Stödten nach, daß überall dort, wo die Kraftdroschkenführer restlos oder wenig» ftens gut organisiert sind, ihr Beruf nicht zu den schlechtbezahltesten gehört. Die starke Beteiligung an der Protestkundgebung läßt erhoffen, daß«ndlich auch die Berliner Kraftdroschkenfahrer sich aus ihre Organisation»pfllcht besinnen und den ernsten Willen haben, durch den Anschluß an den Verkehrsbund, die m«nschenun- würdigen Verhältnisse in ihrem Gewerbe zu beseitigen. In allen Versammlungen wurden die Erschienenen aufgefordert, weiterhin in j«der Berufsfrage so einmütig zusammenzustehen, und dadurch auch die Berliner Unternehmer zu einer anderen Einstellung zu bringen. Die Versammlungen wurden gegen Z�12 Uhr vertagt, um das Erscheinen der Verhandlungskommission abzuwarten und dann nach deren Bericht die weiteren Beschlüsse zu fasten. Bei Re- daktionsschluß war das Ergebnis der Verhandlungen im Reichs- arbeitsministerium noch nicht bekannt. Gehaltsbewegung der Werftangestellten. In der ersten Nachkriegszeit war es auch den Angestellten der deutschen Seeschiffswerften gelungen, einen Tarifvertrag obzu- schließen. Zwei Jahr« später jedoch gelang es den Unternehmer- oerbänden, den Gehaltstarif zu zerschlagen. Die Angestellten von Blohm u. Voß hatten sich dazu verleiten lasten, während der beim Reichsarb«itsministerium schwebenden Verhandlungen telegrophisch zu erklären, daß sie auf eine weiter« tarifliche Regelung ihrer Ge- hälter verzichteten. Die Gehaltsrcgelung oerschwand mit dem Tarifvertrag. Seitdem haben sich in den Be- trieben recht merkwürdige Gehaltsverhältnisse herausgebildet, denen die Ang«stellten ohnmächtig gegenüberstehen. Dem Organisa- tionsgedanken aber wurden die Angestellten allmählich z u- g ä n g l i ch e r. Jetzt, nachdem sich die Konjunktur auf den Werften plötzlich erheblich gebessert Hot, haben die Verbände Anträge aus bessere Re- gelung der Werftangestelltengehälter gestellt. Die Vertreter der ftei- gewerkschaftlich organisierten Werftangestellten oller Werftorte kamen in Bremen zusammen, um zu der veränderten Situation Stellung zu nehmen. Auch die übrigen Angestelltenorganisationen müssen nun vorgehen. Die Unternehmer suchen die Bewegung abzubiegen und beschlosten, eine Zulage in Höh« von 8 bis 12 Proz. des Monatsgehalts zu machen, womit sie oll« Unterlassungssünden der letzten fünf Jahre ungeschehen zu machen gedenken. Die Werft- angestellten aber müßten darauf, bestehen, daß wieder ein G e h a l t s- t a r i f geschaffen wird, der sie vor Rückschlägen schützt. Voraus- setzung ist auch hier die Stärkung der freigewert- schaftlichen Organisation. � Schiedsspruch in der bayerischen Metallindustrie. Für die unter den H a u p t t a r i f des Nllrnberg-Fürther Arbeitgeberkartells(NFAK.) fallenden kaufmännischen An- gestellten, Techniker und Werkmeister fällte das Schiedsgericht eine» Spruch, wonach sich die M i n d e st g e h a l t s- s ä tz e der Angestelltengruppen I bis V, der Meister und die Lehrlingsoergütungen ab 1. April um je 7� Proz. erhöhen. Bestehende Gehaltsvorsprünge bleiben ziffernmäßig erhallen und dürfen auf Grund dieser Gehaltsregelung nicht gekürzt werden. Die Sozialzulagen bleiben unverändert. Pfennigbeträge von 25 Pf. aufwärts werden auf SV Pf., von 75 Pf. aufwärts aus l Mk. ausgerundet. Die neue Eehaltsregelung kann jeweils mit Monatsfrist für den Schluß eines Monats, erstmals jedoch zum LS. Februar 1928, gekündigt werden. Erklärungsfrist, Freitag, den 22. April. Der Zuschlag kommt nur für die tariflichen Mindest- gehaltssätze in Frage. Alle Gehaltsbeträge, die über die Mindestsätze hinausgehen, werden als Geholtsvorfprünge angesehen und deshalb nicht erhöht._ Mctallarbciterkampf in Rotterdam. Ein großer Metallarbeiterstreit droht in Rotterdam auszu- brechen. Bei den großen Rotterdamer Werften von Wilson und P i« t<5 m i t junior mit mehreren Tausend Mann Beleg- schaft ist die Arbeitszeit nicht entsprechend der Anweisung des Generaldirektors der Arbeit von 51 auf SV Stunden pro Woche herabgesetzt worden. Die Metallorbeiterverbände haben nochmals den Versuch unternommen, auf gütlichem Wege mit den Werftdirektionen zu einem Einvernehmen zu gelangen. Scheitert dieser letzte Versuch, dann ist mst dem Ausbruch eines Streiks bestimmt zu rechnen. Antisemitische Lehrlingsmisthandlung in Sowjetrustlaud. Eines der größten Industriezentren Rußlands, Iwanowa- W o f n e fe n s k, in der Geschichte der russischen Revolution rühmlich bekannt. Der jüdisch« Lehrling B e i r a ch und dessen Bruder arbeiten da in einer Fabrik. Die Gesellen hatten es auf den Lehrling Beiroch abgesehen. Der bescheidene Junge trank nicht, sang kein« anstößigen Lieder, hielt sich abseits von den Grobschlächtigen— deshalb war man ihm gram. Er sollte diese freihalten, sich nicht von ihnen ab- schließen. Zuerst triezte man ihn, dann wurde man tätlich, wo nur irgend möglich erhielt er«inen Stoß, einen Schlag: es wurde von Tag zu Tag ärger, man gönnte ihm keinen Augenblick Ruhe, fein Körper wies keine heile Stell« mehr auf. Man brannte ilm mit glühenden Eisen, man kleidet ihn nackt aus und begoß ihn im Winter mit kaltem Wasser. Der Knabe wagte niemandem fein Martyrium zu klagen— sein Bruder bittet ihn:„schweige, dulde, denn sonst fliege ich hinaus." Und er schweigt und duldet und die ganze Fabrik weiß von den Mißhandlungen: der Betriebsrat weiß es, die kommunistische Zelle weiß es— mehr noch: gerode als die Kommimisten Smirnow und Melnikow in der Fabrik erscheinen, wird ez mit den Folterungen des Knaben Beirach.Ler auch selbst Mitglied der Kam- muniftischen Jugend ist, besonders schlimm: ja, das Mitglied der Kommunistischen Jugend, der Sohn des roten Direktors, nimmt an den Peinigungen teil. Ein Jahr lang währte das grausame Spiel, bis endlich ein § öliger Zufall dem Jungen zu Hilfe kam. Und nun mußten die iolterknechte vor das Gericht. Hier ergab es sich, daß auch die anderen Lehrlinge Mißhandlungen ausgesetzt waren: körperlich« Züchtigungen, Rowdytum, Bestechung unter dem Mantel des Freihalte»? waren hier eine alltägliche Erscheinung. Und niemand anderer in der Gerichtsverhandlung als der„Judenjunge" Beirach selbst war es, der die Richter bat, Milde walten zu lasten. Seine Peiniger wurden zu geringen Gefängnisftraßen verurteilt. Dieser Fall steht nicht vereinzelt da. Die„Rote Zeitung" be- richtet« über zwei ähnliche Fälle antisemitischer Ausschreitungen in der Leningrader Textilfabrik„Die Gleichheit". Der Lnkisemiiiirmt» hebt drohend fein Haupt innerhalb der Arbeiterschaft und hat auch innerhalb der Kommiin stischen Partei und der Kommunistischen Jugend festen Fuß gefaßt; es ist eine Erscheinung der Konter- revoluticn, klagt die„Jswestija". Und der Feuilletonist der„Prawda", Sosnowjki, erinnert in Verbindung mit dem Fall des Knaben Beirach an Ereignisse aus dem Jahre 1911— also aus einer Zeit, da der Zarismus jede Selbsttätigkeit der Arbeiterschaft schwer unterdrückte und den Antisemitismus als Sicherheitsventil für die Unzuftiedenheit der Volksmaffen künstlich züchtete. Amerikanische Rechtsprechung. In Boston ist vor kurzem die Milchfahrer- und Molkerei- gewerkschaft zu der Zahlung von 81 971 Dollars verurteilt worden, weil sie im Sommer des letzten Jahres den Versuch gemacht hatte, drei große Milchgefellschaften zu zwingen, nur Gewerkschaftsmitglieder anzustellen. Die genannte Summe wurde den drei Gesellschaften als Entschädigung zugesprochen. Die Arbeitslosigkeit in Frankreich nimmt ständig ob, doch gilt die Wirtschaftskrise noch nicht als überwunden. WietftHafi Türkische Wirtschaft. Die neuen Eisenbahnprojekte. Die heutige Türkei hat etwa 85V vvv Quadratkilometer Flächeninhalt, ist also fast doppelt so groß wie Deutschland, hat aber im ganzen nur 4510 Kilometer Eisenbahnlinien. Diese sind fast ganz ausländische Konzessionsbauten, darunter auch die von Deutschen ge- baute Dagdadbahn, die nur gegenwärtig meist außerhalb der türkischen Grenze liegt. Nach türkischen Meldungen sind neue Eisen- bahnbauten geplant. Auch diese werden von ausländischen Gruppen finanziert, sie sollen jedoch auf Grund der getroffenen Abmachungen Staatseigentum sein. Die neuen Linien sollen«in 8VV0 Kilometer umfassendes Bahnnetz darstellen; allerdings ein« in heutig«» türkischen Verhältnissen noch nicht durchführbare Aufgabe. Die Regierung Jsmet Paschas Hot jedoch mit einigen aus- ländifchen Kopitalistengruppen Vereinbarungen getroffen, die die Verwirklichung wenig st eng eines T e i l« s der erwähnten Projekte erstreben. So mit einer schwedischen Gruppe über 1080 Kilometer Bahnbauten(Bauzeit fünf Jahre) und die Hajen- anlagen Eregli am Schwarzen Meer. Die türtische Regierung über- nimmt ihrerseits die Verpflichtung, jährlich die Hälfte der Baukosten bar zu bezahlen, die andere Hälfte aber mittels Bons der Landwirt- schaftlichen Bank zu entrichten: diese sind in bestimmten Fristen tilgbar, die sämtlich in zehn Jahren einzulösen sind. Als Garantt« hat die Türkei die Einkünfte des Staotsmonopvls für Tabak, Alkohol und Zündhölzer der Landwirtschaftlichen Bank zur Der- fügung gestellt. Eine belgischeGruppehatim ganz«» Ivv Kilometer Bahn- bauten(Bauzeit drei Jahre) übernommen, ferner die Hasenbauten von Sansum. Die belgischen Zahlungsbedingungen sind denen der Schweden gleich, allein mit dem Unterschied, daß an den Hafenbauten von Sansum sich zusammen mit den Belgiern auch die türkische Bank „Ithibari Mili* beteiligt. Die Türkei soll die Baukosten in sechs Jahren tilgen. Die von der schwedischen Gruppe veranschlagten Kosten betragen 70 Millionen türkische Lire, die der Belgier aber 58 Millionen. Den beiden Gesellschaften sind in gleichem Maße 7 Proz. Verzinsung zugesichert worden. Die auszugebenden Bons betragen im ganzen 200 Millionen Lire. Davon sind also 108 Mil- lionen(704 36) den Schweden und den Belgiern zu übereignen, die übrigen 91 Millionen aber sind für andere Bahnbauten, Hafenanlogen und Straßen, sowie für Herstellung der Konstcmtinopeler Freizone und verschiedene Fabrikanlagen bestimmt. Auch eine deutsche G r u p p e soll an die türkische Regierung herangetreten sein. Bekanntlich sind schon vor zwei Jahren deuffche Beteiligungen zustandegekommen. Einmal für die Verwertung der Kupferminen von Arghana Maden, sodann für die Bahnbauten von dort bis Arode an der Bagdodbahn. Auch eine amerikanische Gesellschaft, die schon vor drei Jahren d«r türtischen Regierung das Projekt eines Umbaues der Stadt Angara unterbreitet hatte, Hot ihr vor kurzem neue Dorschläge aus einer breiteren Basis vorgelegt, die außerdem noch Eisenbahnbauten vorsehen. Zu diesem Zweck ist die genannte Gesellschaft bereit, der Türkei ein« 2v-Millionen- Dollor-Anleihe zu geben. Die Stadl Düsseldorf hat, wie gemeldet wird, di« Beteiligung an den rheinischen Kohlenjelderkäufen endgültig abgelehnt. Der Druck der Zechen scheint also groß genug gewesen zu sein. Stoalsausträge in der Bauindustrie. In den letzten Jahren ist das durch Ausblecken industrieller Bauaufträge schlechter beschäftigie Baugewerbe im wesenttichen durch staatliche und kommu- nale Austräge gestützt worden. Auch die Beton- und Monier-Bau-A.-G.- Berlin erklärt in ihrem Geschäftsbericht. daß sie durch die starke Drosselung der industriellen Bauaufträge gezwungen war, das Schwergewicht ihrer Tätigkeit auf Bauten von Behörden zu oerlegen und sogar reine Erdarbetten beim Bau des Mittellandkanals zur Ausführung übernommen habe. Nach der Bilanz zu urteilen, hat das Unternehmen bei diesen öffenttichen Austtägen recht gut verdient. Di« Betriebs- gewinne sind gegenüber dem Vorjahr um5VProz.auf 0.85 Millionen gestiegen und der Reingewinn Hot sich gegenüber 1925 mit 0,20 Millionen Mark versünffacht. Hiervon werden auf das 2,1 Mill. Mark betragende Aktienkapital 9 Proz. Dioi- d e n d e gezahlt, nachdem das Jahr vorher ohne Dividende blieb. Das Unternehmen oerspricht sich viel von den in Aussicht genon,- menen B e t o n st r a ß e n b a u t e n für den Automobilvertehr und hat bereits mit den technischen Vorarbeiten hierzu in seinen Bureaus begonnen. verantwortlich fltr Politik:«irta»«chiss;«irtschaft:«7«ltagrlhH«! aewrrtschaftsbeweauna:«««»: lt-uiveton: R.«.»«ch«,: Lata!«» und e-nst>g-»: ffri»»orftoM; anjeimn; Ttz. Slacke; sämtlich in Berlin Berlaa: Vorwarts-Verlag®. rn. b. H.. Berlin. Bruck- Borwijrt».Buchdruck-r-« und Berl-g-anstalt Paul Einger u Co., Berlin SW S», Lindenstraß« 3. Rudolf Flnk�Ä.""!1 vis-ä-vis Kriminalgericht Alt-MottäU 83 und CtlUBOftrofte 16(1. Auscigen. Spciiai-Rosterci stets frischgerösleter Kaifee: l'fund 2.«.V— 3,30 4,20 4,60 Rm. von bekannter Güte, Aroma und Ergiebigkeit. 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