flbenöausgabe Nr. 205> 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 100 Snuasbedlniwiia«» tmi«niriwnwrih fm» m vir Morgenousaad»«natflebtn RcAalllon: SO. 6«. Cinbcoftrab« 3 A-rnsprecher> VSahoft 192- 292 XcL-UbtefTe: Sojlalkemotcat Berti« Derlinev Volksdlctkk (lO Pfennig) Sonnabenü 3H.�prilly27 Berta, and tnjetgtHabtednajj «eldiäftsjttt 8W dt» t Uhr Verleger: Botnatls-Bctlag Gmdy. Berlin SO. 68, Clnbcnfltofi« 9 Aemlprecher: VSnhoN 292- 207 Zentralofgan der Sozialdemokrat i fdi en parte» Deutfchlands Das Urteil von Leipzig. „Wiking" bleibt verboten.„Olympia" freigegeben! V.8. Leipzig. 30. April. Nach beinahe zehnstündiger Dauer fand die Beralnngj des Staatsgerichlshofes über die Entscheidung des Prozesses �Wikiag"-„vlympla- gegen 1 llhr nachts ihr Ende. Um 11 Uhr vormittags erschien das Gericht im Saal und Senatspräsident Dr. Niedner verkündete folgendes Urteil: „1. Unter Aufhebung des Beschlusses des Staats. gerichtshofes zum Schuhe der Republik vom 13. Oktober 1SZS wird die Verfügung des preuhifchea Ministers des Innern vom 12. Mai 1S2S, durch die das Verbot des Bundes ..Wiking" ausgesprochen worden ist, bestätigt. Die den Bund„Wiking" betreffenden Kosten werden dem Bunde aus- erlegt. 2. Der veschlnh des Skaat�erichtshofes vom 13. Oktober 1S26. durch den das Verbot des Vereins„Olympia" vom 12. Mai 1926 aufgehoben wird, wird aufrechterhalten. Die Kosten des Verfahrens werden dem preuhifchen Staats- fizkus auferlegt." G Der Vollsenat des Staatsgerichtshofs hat die von der Äieinen Kammer gefällte Entscheidung nur zum Teil korri- giert. An sich war jede Abänderung des Spruches, den die Vorinstanz gefällt hatte, schon dadurch erschwert, daß beide Gerichtshöfe zum Teil miteinander identisch waren. Es handelte sich nicht um ein unteres und ein übergeordnetes Gericht, sondern um einen„Kleinen Senat", bestehend aus Vorsitzenden und zwei gelehrten Beisitzern, der seine eigene Entscheidung als„Großer Senat"— d. h. unter Hinzu- zichung von sechs Laienbeisitzern— noch einmal nachzuprü- fcn hatte. Die beiden Hauptpersonen des Gerichts, der Vor- sitzende N i e d n e r und der Berichterstatter Arnold. wirkten m gleicher Eigenschaft in beiden Verfahren mit. Was bereits menschlich vorausmsehen war. daß diese bei- den der Korrektur ihres ersten Spruches Widerstand ent- qegenfetzen würden, das hat die Art der Verhandlung?- f ü h r u n g durch den Vorsitzenden Niedner ebenso klar ge- zeigt, wie die Fragestellung des Berichterstatters Arnold. Herr Arnold verfügte förmlich über zwei verschic» dene Stimmen: über eine leise, unverständliche, mit der er das Material der preußischen Regierung, über eine laute, ausdrucksvolle, mit der er das Entlastungsmatcrial der Ver- bände vortrug. Freilich hat sich ihr Bestreben gegen die neu hinzuge- zogenenen Laienbeisitzer nur zum Teil durchgesetzt. Die Urteilsbegründung baut den Reichsgerichtsräten vom Kleinen Senat eins goldene Brücke des Rückzuges, indem sie hervor- hebt, daß bei der ersten Entscheidung nicht gleich viel und gleich erschöpfendes Material gegen die Bünde vorgelegen Habs wie in der jetzigen Verhandlung. Gewürdigt worden ist die neue Situation jedoch nur im Falle Wiking, dessen Verbot aufrechterhalten bleibt, während die Beschwerde der preußischen Regierung im Falle Olympia zurückgewiesen wurde. Diese Entscheidung sieht aus wie ein bllprozentiges Kom- promiß. Sachlich liegt sie für die preußische Regierung in- sofern günstig, als zweifellos von den Organisationen Wiking und Olympia der Wiking die größere, aktivere und gefähr- lichere ist, die sich über das ganze Reich erstreckt, während Olympia ein lokal begrenzter Berliner Verein war. Sonderliche Befriedigung wird indes das Urteil auf keiner Seite auslösen. Die Rechtspresse hat bereits zu Be- ginn des Prozesses ihre Parole für den Fall einer Aufrecht- erhaltung des Verbots ausgegeben, indem sie den Staats- gerichtshof als ein„Parteigericht" bezeichnete. Wie wenig er das ist, beweist die Entscheidung in Sachen Olympia. Für die Linke liegt dagegen die Befürchtung vor, daß der verbotene Wiking nunmehr die nicht verbotene Olympia als Unterschlupf und Asyl für seine Mitglieder benutzen wird. Wenn Herr Ehrhardt freilich die Parole auszugeben gedenkt, daß alle Wikinger jetzt der Olympia beitreten sollten, so besteht hier vorläufig noch ein gewichtiges Hindernis. Wie wir bereits früher ausführten, bleibt ungeachtet der Entschci- dung des Staatsgerichtshofes dos zweite Verbot der Olympia — auf Grund des Gesetzes zur Ausführung des Versailler Friedensvertrages— voll in Kraft. Aber natürlich werden jetzt Oberst v. L'.'ck und seine Freunde bei der Reichsregierung Sturm laufen, daß sie irre im vorigen JSabr einstimmig zu diesem Verbot gegebene Zustimmung zurückziehen möge. Und da inzwischen die damalige Regierung der Mitte von der Re- gierung des Rcchtsblocks abgelöst ist, so kann man nicht wissen, was nun wird. Bedenklicher aber ist, daß das Verbot des Wiking nur für Preußen gilt, außerdem noch für einige kleinere Länder, wie z. B. Hessen. Dagegen kann der Wiking in anderen Ländern, in erster Linie in Bayern, aber auch in Thüringen, Mecklenburg usw. ungehindert fortbestehen. Wir sind der Ansicht, daß auf Grund der tatsächlichen Feststellungen des Staatsgerichtshofes ein Reichsverbot des Wiking zwingende Notwendigkeit ist. Hat doch der Staatsgerichtshof die hochverräterischen Ziele des Wiking klar anerkannt. Nach der Begründung steht fest, daß seine Pläne auf Errichtung einer völkischen Diktatur hinzielten. Mit Recht hat der Staatsgerichtshof der Aussage des von der Verteidigung viel geschmähten Zeugen Käsehage darin Glauben geschenkt, daß der Berliner Wikingführer Sodenstern durch Provozierung eines Kommunistenputsches die Ver- hängung des Ausnahmezustandes erreichen wollte, um dann über Artikel 48 die Diktatur auf angeblich legalem Wege zu erreichen. Diese Feststellung ist von äußerster Wichtigkeit, auch im Hinblick auf das kommende Hochverratsoerfahren gegen Claß. Man begreift, warum die Rechte alle Minen springen ließ, warum der Verteidiger Bloch eine Viertelstunde seines Schluß- Wortes darauf verwendete, um den Zeugen Käsehage zu ver- dächtigen und als Spitzel darzustellen. Diese Art der Feme wird bekanntlich gegenüber jedem angewandt, der etwas aus den Geheimnissen des Rechtslagers ausplaudert. Käsehage ist boykottiert und wirtschaftlich ruiniert worden, dem Assessor Dietz hat man ein Landesverratsverfahren angehängt, Mah- raun wird tagtäglich mit Schmutz beworfen— das macht die zurückhaltenden Aussagen so manches anderen Zeugen be- greiflich. Die„Ahndung nach altgermanischem Recht", die in dem Verpflichtungsschein des Wiking gefordert wird, ist keine Schimäre, sondern eine reale, fürchterliche Macht. Aber diese Macht hat diesmal versagt, und deshalb wissen wir heute, daß die Putschpläne der vater- ländischen Verbände im Frühjahr 1926 keine Ausgeburt von Spitzelphantasien, keine Erfindungen der preußischen Regierung waren, sondern eine sehr reale, drohende Gefahr für die Republik, von der freilich die wenigsten etwas geahnt haben und die nur durch die Wachsamkeit des preußischen Innen- m i n i st e r iu m s abgewendet worden ist. Deshalb bedeuten— mehr noch als der Urteilstenor— die Urteilsgründe für das preußische Innen- ministerium eine gewonnene Schlacht. Denn darüber seien wir uns klar: Wenn die Rechtsverbände für diesen Pro?eß, der praktisch(wegen des fortbestehenden Ver- bots auf Grund des Versailler Vertrages, sowieso nicht den geringsten tatsächlichen Erfolg versprach, trotzdem solche Mühe und Kosten verwandt haben, so geschah das in der Hoffnung, der preußischen Regierung wenigstens eine mo- r a l i s ch e Schlappe bereiten zu können. Rache für die Haussuchungen bei den rheinischen Groß- industriellen, Rache für das Verbot von Wiking und Olym- pia, Rache für die Auffindung des Aufmarschplanes und der Notverordnung, Rache für das Hochverratsverfahren gegen Claß, Rache vor allem für den vereitelten Putsch von 1926 — das war die eigentliche Parole, das war das wirkliche Ziel dieses Prozesses. In diesem Ziel sind die Rechtsradikalen gänzlich geschei- tert. Die Handlungen der preußischen Regierung, mit denen sie im Frühjahr 1926 die Machenschaften der Claß und So- denstern, der Hugenberg und Luck zerschlug, sind durch das Beweisergebnis und die Urteilsbegründung in jeder Be- ziehung gerechtfertigt. Darüber hinaus hat die Fülle des neuen Materials— wir erinnern allein an das in Schmalkalden gefundene— der weitesten Oeffentlichkeit die Augen über den gemeingefährlichen Charakter des Ge- Heimbundes Wiking und die hinterhältige Verschleierungs- taktik seines Führers Ehrhardt, nicht zuletzt aber auch über die in geheimen Führerkonventikeln gesponnenen U m st u r z- Pläne geöffnet. Nur ein Kapitel ist geheim geblieben: die Beziehung der Verschwöreroerbände zur Reichswehr. Auch hier wird der Tag kommen. Die UrteilsbegrünSung. Zu Beginn der Urteilsbegründung erklärte Senatsprösident Dr. N i e d n e r. daß er sich zu einigen Vorbemerkungen veranlaßt sehe. 1. Es könne eine Aeußerung des Rechtsvertreters des preußischen Innenministeriums eventuell mißverstanden werden. Der Rechts- Vertreter habe vom Staatsgerichtshos ein„politisches Urteil" ver- langt. Wenn dem Staatsgerichtshos Personen aus dem politischen Leben beigegeben worden sind, so geschah da- zu dem Zweck, um den gelehrten Richtern die oft mangelnde oder Vielleicht nicht genügende politische Sachkunde zu geben, die für die Entscheidungen notwendig ist. Trotzdem urteile der Staatsgerichtshos nur nach Recht und Gerechtigkeit, und diese Gerechtigkeit hat keine Binde vor den Augen 2. Bei der Entscheidung des Staatsgerichtshofs konnte nach den Grundsätzen der Strasprozcßordnung nur das berücksichtigt werden, was tatsächlich erwiesen war, dagegen nicht das, was auf Sentiments oder Schlußfolgerungen beruht«. 3. Das Material, das dem Swatsgerichthof in kleiner Besetzung vorlag, war lange nicht so erschöpfend, wie das jetzt bei- gebrachte, insbesondere hinsichtlich der Beweisführung, daß„Wiking" Attentat gegen die Arbeitslosen. Abbau der Krisenfürsorge.— Der neueste Streich des Besitzbürgerblocks. Die Regierung des Dürgerblocks enthüllt immer deutlicher, was in Wahrheit hinter den hochtönenden Phrasen bei Verkündigung ihres„sozialpolitischen" Regierungsprogramms steckt. Das Zentrum und besonders die christlichen Gewerkschaften haben sich nicht wenig darauf eingebildet, daß eine neue sozialpolitische Aera nunmehr beginnen würde. Jetzt liegt es offen zutage, welchen Sinn der Bllrgerblock hat: Sicherung der rücksichtslosesten Ausbeutung der Arbeitskraft. Das sogenannte Arbeitszeitnotgesetz bewies es bereits mit aller Deutlichkeit. In diesen Rahmen passen die Maß- nahmen für den Beginn einer vollständigen Beseitigung der Krisenfürsorge sehr gut hinein. Hungernde Arbeitslose sind das sicherste Mittel für Lohndruck. In der Tageszeitung der christlichen Gewerkschaften„Der Deutsche" hat Clara Mleineck vom Deutschen Gewerkschaftsbund vor dem Abbau der Sriscnfürsorge gewarnt: der Einfluß der christlichen Gewerkschaften, über den Herr Steger- wald so viel Aufhebens machte, ist s o groß, daß gerade der diesen christlichen Gewerkschaften nahestehende Reichsarbeitsminister den Abbau vornimmt! Bereits am 2S. März wies der„Vorwärts" in einem Alarm- ruf auf die hier drohenden Gefahren hin. Die Regierung des Vürgerblccks war rücksichtslos genug, den Weg des Abbaues zu be- schreiten. Sie tut es auch im Widerspruch zu der Stellung- nähme des zuständigen Ausschusses des Verwaltungs- rat» des Reichscmts für Arbeitsrermittclung. Rur die Bertreter der Unternehmer haben sich bei der Beratung natürlich b e- g e i st e r t für die Pläne ihrer Bürgerblock-Regierung ausgesprochen: die Vertreter der Arbeitnehmer und der öffentlichen Körperschaften waren dagegen. Deutlich wurde auch im Verlauf der Beratungen, daß es sich hier um einen Schlag gegen die Gemeinden handelt. Die Semeinden solle» angeblich über die Krisenfürsorge ihre« Etat für die Wohlfahrtspflege enllosten. Dieser lächerliche Instanzen- k o n f l i k t zwischen Staatsverwaltung und Gemeindeverwaltung darf nicht aus Kosten derjenigen Erwerbslosen ausgetragen werden, die infolge der entsetzlich langen Arbeitslosig- k e i t am schlimmsten dran sind. Es wäre sehr nützlich, wenn die Derantworllichen solcher Maßnahmen«in solches Geschick einmal a m eigenen Leibe verspüren würden. Geradezu toll ist der Plan, von der Krisenfürsorge auch b«- stimmte Bezirke ausnehmen zu wollen. Selbst in den günstigsten Bezirken gibt es Berufe, deren Arbeitsmarkt nach wie vor stark daniederliegt, man braucht nur an die Angestellten zu denken. Das Reichsarbeitsministerium begründet feine Maßnahmen mit der Besserung des Arbeitsmarttes. Gewiß, gegenüber dem Höchst- stand hat sich der Arbeitsmarkt erheblich gebessert. Jedoch: welche soziale Berantwortungslosigkelt steckt hinter diesem Argumentl Sind nickst elnundclnevlrrlel Million anterstühtcr Erwerbsloser ein katastrophaler Zustand? Dos ist doch immer noch eine unfaß- bar hohe Zahl von Arbeitslosen. Und nun berücksichtige man die Zusammensetzung dieses Arbei�-lasenhecrcs. Nach den Ausweisen vom 15. März waren über 700 0W> der unterstützten Erwerbslosen über 26 Wochen arbeitslos: am 15. Aprll befanden sich 234 066 Unterstützungsempfänger in der Arisensiirsorge. Da» sind also Ar- beilclose. die bereits über 52 Wochen erwerbslos sind! Wie wenig ein sachlicher Grund für die Maßnahmen des Bürgerblocks besteht, beweist die Tatsache, daß die Zahl der unter- stützten Erwerbslosen heute i m m e r n o ch s o g r o ß ist wie bei der Verabschiedung der Krisenfürsorge durch den Reichstag. Es sst zu befürchten, daß die Regierung des Bürgerblocks mit der Krisensürsorge überhaupt Schluß machen will. Die Geltungs- dauer des Gesetzes über eine Krisensürsorge ist nur bis zum 39. Juni verlängert worden. So vollzieht sich die Durchführung des sozial- politischen Programms des Bürgerblocks. Eine Berhöhnung der Arbeiter und Angestellten. Die Antwort wird nicht ausbleiben. und„Olympia" G«heimk»ünde seien. In rechtlicher Veziehunx, führte Senatsvräsident Niedner aus, daß der Sund„Wiking" nichts weiter als eine Jorlschung der VC. sei, die durch Urteil des Staatsgerichtshofs als Gehcimbund festgestellt wurde. So habe der„Wiking" dasselbe Organ beibehalten. das die Od. hatte, vor allem aber fei der Chef der Od. der so- genannte„donsul", also Ehrhardt, auch der dhef des„Wiking" geblieben, wie stä) aus zahlreichen Schriftstücken ergebe, wenn er formell die Führung auch erst im Jahre 1926 wieder übernommen habe. Aus der Auesage des Zeugen Friedrich, bezüglich dessen übrigens nicht erwiesen sei, daß er von den Tehcimbestrebungcn des Bundes Kenntnis gehabt habe, gehe hervor, daß die Od. in Kiel die Grundlage für den Bund„Wiking" gewesen sei. Endlich ergab sich als Beweis für die Fortfehueng des Geheim- b u n d c s Od. die Tatsache, daß die geheimen Ziele der Dd. nicht nur die gleichen geblieben seien, sondern daß darüber hinaus der Bund„Wiking" Ziele verfolgt habe, die vor der Regierung g e- heim gehalten wurden. Ausschlaggebend seien nicht die Statuten des Bundes, wobei es nicht darauf ankomme, ob der preußischen Regierung diese Ziele bekannt waren. � Der„Iviking" beschränke sich nichl aus einen Kamps gegen die versassung, sondern er versoloe ganz bestimmte Ziele, und zwar, nach der Aeußerung des Majors v. Sodenftern. das Ziel der Errichtung einer völkischen D i k t a t u r auf dem Wege der Propaganda oder durch Beeinflussung des Reichspräsidenlen. mn ihn zur Anwendung des Artikels 48 der Verfassung und zur Errichtung des Ausnahmezustandes zu bewegen. Ob dieses Ziel widerrechtlich oder ungesetzlich sei, könne unerörtert bleiben. Ein Gehiimbund liege auch dann vor, wenn legale Ziele verfolgt würden, es genüge, wenn diese Ziele der Regierung verschwiegen oder ihrer Kontrolle entzogen würden. Unzweifelhaft habe der Bund„Wiking" Bestrebungen verfolgt, um die verfassungsmäßige Skaatsform zu unkergraben. Dazu gehört schon ein Unterhöhlen, damit die Verfassung erschüttert werde. Auch das kann auf legalem Wege erfolgen; wenn ein ein- zelner solche Maßnahme trefie, dann sei das nicht strafbar, wenn ober ein Geheinibund solche Bestrebungen verfolge, dann sei das nach dem Republikschutzgcseg straffällig. Daß der Bund„Wiking" e n solches, in seinen«iatuten nicht erwähntes Vorgehen beabsichtigt habe, dafür seien nicht nur die Erklärungen des Majors v. Soden- st e r n maßgebend, sondern es kämen noch weitere Tatsachen hinzu. So sei in einer Versammlung vom 11. Mörz 1926 eine Aeußerung v. Soden st erns gefallen, die zum mindesten zu der Feststellung Anlaß gebe, daß der Bund„Wiking" einen Kcmmunislcnputsch zur Erreichung des Ausnahmezustandes als wünschenswert bctrach'e. Das sei durch die insoweit glaubhafte Aussage Käsehages erwiesen. Was weiterhin den Aufmarschplan betreffe, so könne, auch wenn man glaube, daß er nicht ohne weiteres für einen Putsch gelten sollte, dach aus anderen Aeußerungcn entnommen werden, daß die Zurverfügungstellung für die Reichswehr von dem Bund an gewisseBedingungen geknüpft werden sollte, und zwar, nach einer Aeußerung von Sodenstcrns, an die Bedingung, daß nnt der „Wirtschaft von links" griindlich aufgeräumt werden solle. Endlich dienten auch die in Schmalkalden gefundenen Ur- künden dazu, aut die Absichten des Bundes„Wiking" ein Licht zu werfen. So heiße es in einer Urkunde, daß man sich nichl daraus be- schränken dürfe, die Macht auf dem Wege über die Parlamente zu er- ringen, sondern auch noch auf einem anderen Wege. Welches dieser Weg sei, werde verschwiegen. Daß der Bund„Wiking" geheime Ziele verfolge, Hobe sich auch aus zahlreichen anderen Urkunden, teils direkt, teils indirekt ergeben, so durch einen Bennert in einer Urkunde,„es gelte da» Angriffsziel zu velschteiern", ferner durch einen chinwcis in der Dienftonweisung für Westdeutschland, daß diese Anweisung geheimgehalten worden müfle, da sonst dar Bund in seinem Bestand erschüttert werde. Zahllose weitere Ur- künden machten es den Mitgliedern zur Pflicht, alle Vorgänge, die den Bund beträfen, geheimzuhalten. Allerdings genüge es nicht, daß gewisse Einrichtungen des Bunde? geheimgehalten morden feien, ober wenn immer wieder auf die Geheimhaltung aller Vorgänge hingewiesen würde, so schließe das auch eine Geheimhaltung der Ziele des Bundes in sich. Ferner fei noch erwiesen, daß der Bund „Wiking" unbedingten Gehorsam gegen bekannte Obere vorgesehen habe. Alle diese Erwägungen rechtfertigten es, den Bund „Wiking" als einen Gehet mbund zu erklären und feine Auf- Berühmte Silöeröiebstähle. Der D'lderdiebstahl der weltberühmten Meisterwerke aus dem Moskauer Museum für die Schönen Künste ist wohl der größte Bilderdiebstohl, der bisher fe ausgeführt wurde, wenn sich auch die gestohlenen Werke an Ruhm nicht mit der Mona Lisa des Louore vergleichen können, die ebenfalls einmal der Gegenstand eines sensationellen Diebstahls wurde. Die Entfernung dieses Frauenbildnifses, das das schönste der Welt genannt worden ist, hat seinerzeit eine Erregung hervorgerufen, die in der Geschichte der Kunstdiebstähle beispiellos war. Ein phantastischer Italiener wußte das unvergleichliche Werk Leonardos aus dem Museum herauszu- schmuggeln, und es bedurste einer abenteuerlichen Jagd der Detek- tive, bis man fchließlich in Florenz dein Verbrecher, der mit feinem Schatze nichts anzufangen wußte, die kostbare Beute abjagte. Ein anderer Bilderdiebstahl, der noch heute unvergessen sein dürfte, ist der des Bildnisses der Herzogin von Deoonfhire von Gainsborough. Das Schicksal dieses Bildes, eines der schön- slen, die der Großmeister den englischen Malerei geschahen, hat die .Kunstfreunde ein Bierteljahrhundert in Spannung gehalten. Im Jahre 1879 hatten die Kunsthändler Agnew das Bild für 217 999 Mark gekauft und in chrem Salon in Old Bond-Street ausgestellt. Als im Mai des Jahre» der Portier eines Morgens den Ausstellungs- saal aufschloß, bemerkte er, daß das große Bild verschwunden war. Der vergoldete Rohmen hing noch an derselben Stelle, aber aus ihm gähnte schreckliche Leere; die Leinwand war herausgeschnitten. Trotz der sofort ausgesetzten Belohnung gelang es nicht, des Diebes habhaft zu werden. Man schob dem Dieb olle möglichen Bewag- gründe zu; er sollte sich in die schöne Frau auf dem Bild« verliebt haben usw. Aber die bekannte Deiektiosirma Pinkerton, die mit zäher Beharrlichkeit Jahrzehnte lang die Aufklärung dieses geheim- nisvollen Verbrachen» betrieb, fand schließlich Spuren, die nach Amerika führten. Di« Wiederentdeckung des Gemäldes gelang 1991 unter den seltsamsten Umständen. Der Dieb des Bildes war ein internationaler Spieler, der die ganze Zelt mit dem Gemälde. In dem doppelten Boden seines Kofsers verborgen, durch die Well ge- reist war. Er vertraut« einem Gefährtan das große Geheimnis an, der zum Verräter wurde. Dieser war ein Berufsspieler namens Sheedy. Sheedy teilte Pinkertons den Verbleib des Gemäldas mit und leitet« die Verhandlungen, nach denen dem Dieb Straflosigkeit zugesichert wurde; außerdem bekam er die Belohnung, und über sein« Persönlichkeit wurde Stillschweigen bewahrt. Die Firma Agnew erhielt das Werk unbeschädigt wieder und verkaufte es später für eine Riesensumme an Pierpont Morgan. Einen noch romantischeren Verlauf nahm der Diebstahl eines Hauptwerkes von Fra Angelico, einer Darstellung de» Jüngsten Gerichte», die heimlich aus Italien lzerau» auf ein Schiff geschmuggelt worden war, das nach London fuhr. Auf der Fahrt löfung als berechtigt anzusehen. Ob der Bund auch als staatsfeindlich im Sinne des Republikschutzgefetzes zu betracksten sei, könne danach völlig dahingestellt bleiben. Zu bemerken sei, daß es für diese Feststellung notwendig wäre, daß die Mitglieder des Bundes sich der Gesetzwidrigkeit ihres Verhaltens bewußt sein muhten. Was den Verein„Olympia" betreffe, so sei von der preu- ßischen Regierung«ine Reihe von Tatsachen dafür angeführt, um auch diesen Bund als geheim und staatsfeindlich erscheinen zu lassen. Der Stantsgerichtshof Habs aber nur das berücksichtigen können, was feststellbar und beweisbar gewesen sei. Die Urkunden aus dem Jahre 1923 konnten nach Ansicht des Staatsgerichtshofs nicht herangezogen werden, das gleiche gilt auch für den Waffenbesitz aus dem Jahre 1924. Schwieriger sei schon der Aufmarschplan zu beurteilen, aber die Tatsache, daß auch dieser Bund seine Hilfe an gewisse Bedingungen geknüpft haben würde, könne nicht ausreichend sein, um auch den Verein„Olympia" als geheim oder staatsfeindlich zu be- zeichnen. Sein Zusammenschluß mit dem Bunde„Wiking" zum „Wehrbund Berlin" sei nicht genügend geklärt. Insbesondere sei nicht seststellbar, zu welchem Zweck der Zusammenschluß erfolgt sei, serner sei nicht erwiesen, ob den Mitgliedern des Vereins„Olympia" die geheimen Ziele des Bundes„Wiking" restlos bekannt waren, oder ob sie gewillt waren, den Bund„Wiking" in seinen Zielen zu unterstützen. Zum Schluß betonte Senatspräsident Dr. R i e d n e r, daß das Gericht keine Bedenken getragen habe, die Zulässigkeit der beiden Beschwerden als rechtlich erwiesen zu betrachten. Oer staatsfemüliche Anwärter auf üen Nichterstanö. Der im Wiking-Olympia-Prozeß als Zeuge vernommene Refe- rendar Friedrich sollte am Freitag sein Assessorexamen beginnen. Friedrich ist gegenwärtig als Referendar in Naumburg an der Saale beschäftigt. Dos preußische Justizministerium hat nun dem monarchistischen Referendar am Freitag mitteilen lasten, daß er zum Astestorexomen nicht zugelassen ist. Vor dem Staats- gerichtshof versuchte Friedrich, die von ihm im vorigen Jahr über die Umtriebe verschiedener Offiziere der Marinestation an der Ostsee bei einer Dernehmyng in Berlin geäußerten Einzelheiten zu-be- streiten. Seine Ausflüchte wurden jedoch durch die Vernehmung des Regierungsasiestors Schmidt zunichte gemacht. Im übrigen hat Friedrich in Leipzig die wahren Bestrebungen des Wikingbundcs ruhig zugegeben und dann, über seine eigene Stellung befragt, ge- antwortet:„Meine Hemmungen bei einem Ver- sassungsbruch sind heute größer als im Jahre 192 3, weil ich den Diensteid geschworen habe." Dieser famose Beamte hat also trotz seines Diensteides keine Neigung, die Dersassung'ohne Vorbehalt anzu- erkennen. Das preußische Justizministerium hat Recht, wenn es unter diesen Umständen die Auffostung vertritt, daß Friedrich nicht In den Staatsdienst hineingehört. Nosenberq unö„noch einiges Die Partei auf Abbruch. Zum Austritt Dr. Rosenbergs aus der Kommunisti- schen Partei äußert sich der Hallesche„Klassenkampf" folgen- dermaßen: Der Fall Rosenberg interessiert uns nur insofern, als die Frage auftauchen kann, ab er typisch werden kann. Dazu ist zu sagen, daß Rosenbergs Spezialkenntniste von der Partei im Parlament, in öffentlichen Versammlungen usw. natürlich in Anspruch genommen worden sind. Die Partei braucht für ihre Spezialarbeiten auch diesen Typus von Mitarbeitern(nicht Führern!), solange ste gewillt sind, für die Partei, für die Arbeiterklaste zu arbeiten. Ist dies nicht mehr der Fall, so erledigen sie sich von selbst. Da» bctrlssl noch einige parlamenlarier und sonstige Spezialmitarbeiler, die, dem rcoolutionären Mastentampf entfremdet, in steigendem Maße dem Einfluß des Reformismus und der Bourgeoisie unter- liegen. Danach gibt es in der Kommunistischen Partei Führer (die wohl allesamt in Moskau sitzen) und so- zusagen auf Dicnstvertrag angestellte Mitarbeiter. die man zwar im Parlament und in den Ver- sammlungen reden läßt, die aber sonst nicht allzuviel zu be- erlitt das Schiff Schiffbruch, und das unrechte Gut schien verloren. Nach einigen Jahren aber zeigte«in Seemann dem Kunsthändler Ponzoni ein Bild, das er aus den Wellen aufgefischt hatte. Der Mann hatte den goldenen Rahmen auf den Wellen schaukeln sehen und das Ding an Land gebracht. Es war der unter- gegangene Fra Angelico, zwar stark beschädigt, aber doch noch in einem solchen Zustande, daß er nach der Wiederherstellung für«Ine groß« Summe noch Amerika verkauft werden konnte. „Columbus". Wenn die Amerikareise nicht immerhin einen hübschen Batzen Geld tosten würde, selbst in der dritten Klasse, möchte man gleich einmal hinüberfahren. Am liebsten mit dem „Eolumbus", dem größten und schönsten deutschen Ozeandampfer und womöglich in Gesellschaft von Kapitän Gottfried Spcckmann, dar uns dieses Wunderwerk des Norddeutschen Lloyd so anschaulich in der Urania mit Hilfe des Films und seiner prächtigen, Humor- erfüllten Darstellung vorführt.(XL. Wie alle Kapitäne, versteht G. S. das Handwert Münchhausens aus dem ff.) Man lernt nicht nur die Vorzüge der 1. und 2. Klaffe mit ihren Rauch- und Spon- zimmern kennen, man gewinnt nicht nur Einblicke in diesen Niesen- bauch voll Proviant, mit dem die besseren Passagiere wirklich ge- mästet werden, man erlebt nicht nur schöne Sonnenuntergänge und erfreut sich am Wcllenrauschen, sondern man lernt vor allein auch den Mechanismus dieses Kolosies kennen. Vor unseren Augen wird er auf der Hellig gebaut. Trickfilme erläutern den Vorgang bis ins einzelne. Schotten, Rettungsboote mit Motorvnttieb werden Im Betrieb gezeigt. Dann geht die Reise von Bremerhaven los. Unter- weg» lernen wir allerlei dazu: wie der Riese elektrisch gesteuert wird, wie die Oelfeucrung funktioniert. Die Landung in New Park und ein paar Bilder aus New Jork(zum Staunen!) machen den Schluß. Erfreulicherweise ersieht man aus diesem instruktiven und unterhaltsamen Film, wie für die Passaaiere der 3. Klasse heute ganz anders gesorgt wird als früher im„Zwischendeck", und ferner. wie die Oelfeuertcchnik den menschenunwürdigen Beruf des Kohlen- ziehers beseitigt hat. ch Die Verlängerung der Schuhfrist vor dem Reichswlrtschaflsrat. Der Ausschuß zur nnrtschastlichen Förderung der geistigen Arbeit des Vorläufigen Reichswirtschaftsrates hat im Anschluß an eine Ver- nehmung von Tachoerständigen folgende grundsätzliche Entschließung gefaßt:„Der Reichswirtschastsrat kann einer Verlängerung der Schutzfrist auf 59 Jahre nur unter der Voraussetzung zustimmen, daß die Verlängerung auch tatsächlich in erster Linie den Erben der Urheber zugute kommt. Er verlangt deshalb ein« innere Regelung des Verlagsrechts, die es nach Ablauf der bisherigen tzOjährigen Schutzfrist jedem Verleger möglich macht, die bis dahin absolut ge- schützten Werke zu verlegen gegen Zahlung einer Abgabe an die Erben, die gesetzlich festzulegen ist. Wünschenswert wäre außerdem eine Aenderung des deutschen Verlagsrechts in der Richtung, daß Verträge, durch die das Urheberrecht gegen eine Pauschalveraütung übertragen wird, nur für begrenzte Zeit, höchstens zehn Jahre, güllig sind." Einer sensaklonslüflerue» Presse ins Stammbuch. Kürzlich war die große Berliner Press« voll von einem neuen Präparat gegen deuten haben. Von diesen Mitarbeitern sind nach dem Zeug« nis des„Klassenkampf"„noch einige" zum Abgang reif. Die kommunistische Reichstagsfraktion zerstreut sich in alle Himmelsrichtungen. Das ist der richtige„Weg zur Macht". Späte Entdeckung. Nach der Austrittserklärung Dr. Rosenbergs aus der Kommu- nisti schen Partei hat die„Rote Fahne" über ihn unter anderen! geschrieben: „Wer Herrn Rosenberg in der letzten Zeit auf der Tribüne des Reichstages hörte, konnte deutlich aus seinen Aussührun- gen entnehmen, daß er sich bereits völlig der Sozial- demokratischen Fraktion anpaßte." Merkwürdig ist nur, daß die Kommunisten trotz dieser„deut- lichen Anpassung an die Soz aldemokratie" Dr. Rosenberg immer wieder und bis zuletzt als Fraktionsredncr vor- schickten und ihm Beifall zollten. Es läßt sich aus den Reichs- tagsprotokollcn seststellen, daß Rosenberg seit dein Wiederzusammcn- tritt des Reichstags im März 1926 und bis zu den jetzigen Oster- ferien nicht weniger als zwölfmal als Redner der kam- munistischen Fraktion die Reichstagstribüne bestieg. Und zwar in folgenden Sitzungen: 4. November, 3., 15. und 16. Dezember, 29. Januar, 19., 22. und 23. Februar, 23. und 31. März, 4. und 7. April. Die Reichstagssitzung vom 7. April war die vorletzte vor der Osterpaus«. Noch in dieser Sitzung wurde Dr. Rosen- berg von seinen F r a k t i o n s k o ll e g e n als Redner über den provisorischen Handelsvertrag mit Frankreich bestimmt. Seine Rede wurde wiederHoll durch „Sehr wahr!>Zurufe" der Kommunisten unterstrichen und erhielt. wie das stenographische Protokoll ausdrücklich vermerkt, den Bei- fall seiner damaligen Fraktionskollegen. Seine vorletzte Rede drei Tage zuvor bei der Beratung der Anträge über die Klein- rentnerfürsorge erntete sogar, laut Protokoll, den lebhaften Beifall der kommunistischen Fraktion. Und all dies, obwohl er sich »bereits völlig der sozialdemokratischen Reichstagssraktion angepaßt" haben soll! Nur die kommunistischen Reichstagsabgcordneten haben bis zuletzt nichts davon gemerkt: zum Glück hat es die Redaktion der„Roten Fahne" nachträglich entdeckt— nämlich erst nachdem Rosenberg seiner Partei den Rücken kehrte. öürgerblock-Regierung in Thüringen. Mit Einschluß der Demokraten. Weimar. 39. April.(WTB.) In der heutigen Landlagssitzung wurde die vorgeschlagene bürgerliche Regierungsliste mit 29 gegen 25 Stimmen bei einer Stimmenthaltung der Volks- rcchtspartei angenommen. Danach übernimmt Leitheuße r (Deutsche Dolkspartci) den Vorsitz, VolkSbüdung und Justiz: Dr. P a v l s e n(Demokrat) Inneres und Wirtschaft und Dr. T o e l l e (Deutsche Dolkspartci) die Finanzen. Die Russenüelegation für Genf. Vorwiegend Wirtschaftler. Gens. 39. April.(Eigener Drahtbericht.) Wie uns von einer gut«ingeweihten russischen Persönlichkeit mitgeteill wird, hat die Delegation ausgesprochen wirtschaftlichen Cha- r a k t e r, da einzig der Gewerkschaftsführer L e p s e sich auch als Politiker betätigt. Eine besonders politische Bedeutung darf ferner dem Generalsekretär der Delegation Stein, Direktor der Abteilung für Zentraleuropa im Außenministerium. zugeschrieben werden. Der Sachverständige Vargo ist Ungar und war früher Professor der Volkswirtschaft in Budapest: er spielte während der kurzen bolsche- wistlschen Herrschaft in Ungarn eine führende Rolle, jetzt soll er sich jedoch ebenfalls nur mehr wenig mit Politik beschästigen. Im übrigen zählen die Mitglieder der Delegation und Sachverständigen zu den bedeutendsten Autoritäten der Sowjetrepublik auf Wirtschaft- lichem Gebiete. Zaniboni und Eapello haben das erste Sechstel ihrer dreißig- jährigen Zuchchausstraf« in Einzelhaft zu verbringen. die Zuckerkrankheit, das man in Tablettenform einnehmen könnte. (Das haben die medizingläubigen Kranken, die nicht den ganzen Körper behandeln wollen, am liebsten.) Ein gerade in Berlin tagender medizinischer Kongreß wurde zum Vorwand genommen, um das unausgebrütete Ei zu öffnen. Professor von R o o r d e n. der Urheber des neuen Mittels, teill jetzt den Frankfurter Blättern mit, daß durch einen Vertrauensbruch diese Nachricht in die Presse gelangte, bevor die wissenschaftliche Forschung abgeschlossen und in einen, Fachblalt mitgeteilt werden konnte. Es liege im Interesse der Sache, daß solche nichtautorisierten Mitteilungen und verwirren- den Nachrichen über dos neue Präparat vor der Veröffentlichung der Ergebnisse nicht mehr erscheinen. Armes Amerika. Wir haben in letzter Zeit immer wieder von dem ungeheuren Reichtum der Vereinigten Staaten gehört, der sich nach dem Kriege in eine wahre Goldslut verwandelt haben soll. Danach möchte man glauben, daß die Amerikaner gar nicht mehr wissen, wo sie mit ihrem Gelbe hin sollen, und daß dort jeder in Hülle und Fülle lebt. Aber da es nun einmal auf Erden kein Paradies gibt, so sind auch diese Anschauungen von dem Reichtum der Amerikaner unrichtig. Wie ein amerikanischer Nationalökonom John M. Meloan in der Zuschrift an ein Londoner Blatt hervor- hebt, gibt es auch in dem gelobten Land des Dollars nur schr wenig Reiche und sehr viel Anne. 82 Proz. aller Bewohner der Ver- einigten Staaten zahlen überhaupt keine Einkommensteuer: Ihr Ein- kommen liegt, wenn es sich um eine Familie handelt, unter 2599 Dollar im Jahr, bei einem Junggesellen unter 1599 Dollar. Mehr als 95 Proz. der gesamten Steuereinnahmen werden von Vroz. der Bevölkerung aufgebraucht. Das bedeutet also, daß 29 Personen immer von je 19 999 95 Proz. der Steuern bezahlen. Auch die Ver- einigten Staaten haben ein großes Heer von Arbeitslosen und ein noch viel größeres Heer von Arbeitenden, besonders Landarbeitern, die nicht genug verdienen, um ihr Leben anständig fristen zu können. Einsichtigen Besuchern de» Landes, die nickt nur die reichen und die Geschäftsviertel der großen Städte sich anseben, fällt immer wieder die Unmenge von zerlumptsn und müßigen Menschen auf. die in den Straßen zu finden sind oder an den kleinc-en Stationen sich auf den Bahnhöfen versammelt haben, wenn die Züge durchfahren. ErNn'sBhrnnqe» der ttoäic. Moni Thalla-Tb.:.W- n n der j» n ti e 2?« i n b t ii Ü f—.tkamineiiv'cle:„Ueoiir zu Bieren" rUn»,. Tb. am kldlffbauerdamm:.9! an der Wunderbare." Liistipietbau«:.Bobby» Icbie Nacht"— Kleines Tina'er: .jluckuckSei." M»w. Zentral. Tk>.:.Die Wette."?rell. Tchauwiel. hau.>:.Florian Geher." Sonna,. Orer am Vlad der R-chiibUk: .Der lehtePierrol.".D i e E r I ö» e n."— Sch'llcr-Tb.:„Musik." Urai la-Veranfla lnngrn. Slb S-mn'aa tSalich«« 7)-.M o n n n".— (9): ,V o r w ä r t« im neuen Berlin", mlllivoch(7i: Dr. Bolinder: „Jnniancrleben in Südamerika".— Im Höriaal wild der Eolumbusstlm wicderbolt und ab Mai lag täglich:„Der Perstenslug MittelholzerS". zo ooo Mark für da» Dresdener philharmonische Orchester. Die Ties. dencr Stadloeroidncteiiveisammlung bewillipte Mir 11 teritühmia des Bbil, barmonijchcn Orchester» in der Winlerwt lzeit 10-27/28 80(10 Mail. Das Orchester übernimmt dafür die Verpflichtung. 20 unenlgeltliche Konzerle iür Erwerbtlo'«, ILr Schüler höderer LebranNalten und für Schüler der Bolls- und Berussjchulen über 14 Jahre zu veranstalten. Nachtflug über Serlin. Einrichtung von neuen Nachtflnglinien. Die Rieseninaschine, neun Fahrgäste in ihrem Bauch und zwei Piloten, jagt von der Kraft ihrer drei Propeller getrieben, über das Tempelhofer Flugfeld, beschreibt dem Signal des Flugschupo folgend, die vorschriftsmäßige Kurv« und beginnt sich langsam vom Boden zu lösen. Das dunkle Flugfeld fängt an sich zu verschieben. Es ist als ob mehrere dunkl« Karten übereinandergezogen werden. Zu. weilen blitzen Linien von Lichtern auf, denn man ist noch außerhalb der eigentlichen Stadt. Dann marschieren die Lichter in Gruppen, sie verdichteten sich zu undenklichen Formationen, die das Auge gar nicht mehr überblicken kann. Plötzlich ists ein ungeheures Lichtermeer. Wir sind über dem Westen der Stadt. Die Lichter haben sich in Massen zusammengefunden: sie sind an manchen Stellen formlich geballt, in allen Bariationen glänzt es von unten herauf. Durch doppelte Lichtstreifen unterstrichen der Kur- fürstendamm. die Tauentzienstraße und in«In Meer von Rot getaucht die großen Kinopaläste um die Gedächtniskirche. Man erkennt jede Kleinigkeit auf der Straße, jedes Auto, das über den Asphalt kriecht. Der Tiergarten ist wie«ine tiefe schwarze Fläche, aber auch unterbrochen von kleinen Lichtern. Heller wird es erst wieder, als der Platz der Republik austaucht, und das Brandenburger Tor die Linden hellglänzend öffnet. Die Friedrich st rahe mit ihrer unendlichen blanken Helle, kaum im Augenblick zu erfassen. Der Alexanderplatz hebt sich ab. Dann als es über den Osten geht, wird es wieder merklich dunkler. Tie Außenbezirke erstarren in Dunkelheit, nur zuweilen von winzigen Lichtsternon unterbrochen. Die ungeheuren Flammen, die aus den Auspuffrohren der Flugzeugmotorcn schießen, sind jetzt das hellste, bis in der Ferne die roten Signale des Flugplatzes auftauchen und das Tempelhofer Feld die große sausende Maschine wieder in seinen Bann zieht. Das Flugzeug landet, wie vorgeschrieben, vor der großen Halle. Diese Nachtflüge sollen als Ueberlandflüg« von der Lufthansa jetzt stärker ausgebaut werden. Im vergangenen Jahre gab es nur die Nachtstrecke Berlin— Danzig— Königsberg. Auf Grund der er- zielten Ergebnisse wird das Nachtflug st reckennetz von Berlin aus weiter nach Westen und Süden ausgedehnt werden. Diese neuen Strecken werden ebenso wie die Strecke Berlin— Dan- zig— Königsberg mit Nachtbefeuerungsanlagen ausgestattet. Die Reisezeit von London nach Peking dürfte durch Einschaltung dieser und weiterer Nachtstrecken in bereits absehbarer Zeit auf wenige Tage verkürzt werden. Die Nachtstrecke Berlin— Danzig— Königsberg wurde mit der dreimotorigen Junkers Q 23 bcslogen, die zu diesem Zwecke mit allen neuzeitlichen Mitteln ausgerüstet ist. Neben vor- züglichen Kompassen deutscher- Firmen sind alle Flugzeuge ausgerüstet mit dem Gyrorektor und cineni Wendezeiger, die es ermög- lichen, auch bei Nacht und im Nebel das Flugzeug im wagcrechten Flug zu halten und sicher zu steuern. Für den Verkehr mit d� Erde und das Aufsuchen bestimmter Punkte auf der Erde sind a? den Tragflächen große storkkcrzige Scheinwerfer angebracht, die ihre Leuchtkraft aus kleinen, unter dem Rumpf des Flugzeuges hängenden Generatoren bekommen. Unter den Tragflächen find außerdem je drei Landelichter angebracht, die bei notwendig werden- der Landung auf drei- bis fünfhundert Meter im Umkreis alles tag- hell erleuchten. Für die Ueberwindung der Nebelgefahr haben die Flugzeuge Funkentclephonie an Bord, die es dem Führer ermöglicht, Nachrichten über die Wetterlage einzuholen und, über den Wolken fliegend, jederzeit seinen Standort zu erfragen. Ein zarter, blauvioletter Lichtschimmer läßt im Führerraum alle Jnstru- ment« ahne Blendwirkung klar erkennen. Die Passagierkabine selbst ist durch zahlreiche elektrische Lampen hell erleuchtet. Die Bodenarganisation der Strecke ist so durchgeführt, daß jeg- liche Gefahr nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen ist. Sie er- möglicht eine einwandfreie Orientierung auf der Strecke. Dazu sind etwa alle 3t) Kilometer auf der Kurslinie D r e h l I ch t- s ch e i n w e r f« r, ähnlich der Küstenbefeuerung, aufgebaut. Diese Drehlichtscheinwerfer sind zur Erzielung großer Leuchtweiten mit rückseitig versilberten Glasparobolspiegeln ausgerüstet. Sie sind nieistens an das elektrische Starkstromnetz angeschlossen. Zwischen diesen Drehlichtscheinwersern befinden sich etwa alle 5— 6 Kilometer orangerot leuchtende Neonröhren. Diese sollen das Flugzeug auä) bei schlechten Sichtverhälinissen sicher von Drehlichtscheinwerfer zu Drehlichtscheinwerfer führen. Bei allen Drehlichtscheinwerfern sind Zwischenlandcplätze vorgesehen. Die Bedienung dar Drehlichtschcin- werfer und die Ausstellung einer Landebeleuchtung aus diesen Zwischenlandelichtern erfolgt durch Polizeiflugwachen. Für das Starten und Landen der Nachtflugzeuge sind die Flughäfen mit den verschiedensten Beleuchtungsanlagen, je nach Wichtigkeit des Flughafens ausgerüstet. Aahlen macht Sie fleuglein hell! Der bettelnde Stahlhelm. Wenn wir den Organen der rechtsradikalen Verbände und den Uebertreibungen der„Roten Fahne" und ihrer Schwester, der „Roten Wclt-Fahne am Abend", glauben würden, so müßten wir eingestehen: Unser wartet am 7. und 8. Mai eine gewaltige, von innerstem Kampfwillen getragene Kundgebung der Reaktion. Wie schade nur. daß wir über die Hintergründe des nationalisti- fchen Stahlhelmrummcls allzu genau Bescheid wissen! Im Gegen- satz zu dem Wort Heinrich Heines, daß Begeisterung kein« Herings- wäre sei, wird der patriotische Elan der Stahlhelmer für öl) indu- strielle Reichsmark in bar bis zum besagten 8. Mai eingepökelt und konserviert. Aber nicht genug damit: Auch der zah- lungsfähige Großgrundbesitz muß heran, auch unsere Agrarier nmssen bluten. Da hat nämlich von Pommern her der„Deutsch- nationale Volksverein von Stolp Stadt und Land" am 23. April eine Mitteilung an seine Ortsgruppenvorsitzenden erlassen: in der es heißt: ,.Am 7. und 8. Mai findet in Berlin der R e i ch s f r o n t- s o l d a t e n t a g des Stahlhelm statt. Es ist mit einer außer- gewöhnlich großen Beteiligung zu rechnen. Daß diese gewaltige vaterländische Kundgebung ihren hoffentlich recht nachhaltigen Eindruck auf das sozialistische Berlin nicht verfehlen wird, dafür werden auch die pommerschen Gaue sorgen müssen. Wir richten deshalb an diejenigen unserer Parteifreunde, die wirtschaftlich in der Lage sind, die Bitte, wenn in ihrem Bereich sich Stahlhelmgruppen befinden, diesen mit Mitteln zu helfen, daß gerade den unbemittelten Kameraden des Stahl- Helm die Möglichkeit gegeben wird, an dieser Kundgebung teilzunehmen. Näheres entweder durch die Treuschafts- führcr der betreffenden Stahlhelmgruppen, sonst durch die Ge- schäftsstelle des Stahlhelm, Stolp, Mackensenstraße. Es liegt in der Stohlhelmbewegunq eine ganz außerordentlich groß« werbende Kraft nicht nur im vaterländischen Sinne, sondern auch im Sinne einer Abwehr der sozialistischen Bestre Hungen. In der Konkordatsfrage bitten wir unsere Mitglieder und Parteifreunde auf Weisung von Stettin und der Parteileitung hin, zunächst sich abwartend zu verhalten, um nicht politisch» Schwierigkeiten unnütz herbeizuführen, die gerade jetzt innerhalb der neuen Koalition zwischen Deutschnation alen und Zentrum In der Reichsrcgierung vermieden werden müssen, ganz besonders aber deshalb, weil die Frage der Um- bildung der sozialistischen Regierung in Preußen mit Hilfe des Zentrums und der Deutschnationalen Volkspartei angestrebt werden muß. Es ist aber selbstverständlich, daß unsere Partei die I n t e r» essen der evangelischen Kirche in jeder Weife vertritt. Mit deutschem Gruß! v. Z i tz e w i tz- Gr.-Gansen 1. Vorsitzender." Das ist laut, klar und deutlich gesprochen, Herr v. Zitzewitz- Gr.-Gansen. Ohne Zweifel werden Ihre Auslassungen über das Konkordat von Herrn Reichskanzler Marx nicht Überlehen wer- den. Was aber die Berliner Stahlhelmkundgebung betrifft, so ver. trauen wir fest darauf, daß Ihre Auslassungen„einen hoffentlich reckt nachhaltigen Eindruck auf das sozialistische Berlin nicht vor- fehlen" werben. Jeder Arbeiter weiß jetzt, welchen tieferen Unter. grund das stahlhelmerische Hurrageschrei am 7. und 8. Mai haben wird: Nicht den Untergrund nämlich einer festgegründeten Ueber- zeugung, sondern den zahlenmäßig freilich viel reelleren schwer- industrieller und großagrarischer Geldbeutel! Und diese Erkenntnis eben ist es, die uns nicht aus unsc- r e r Ruh« kommen läßt! Selü von potsöam für öen Stahlhelm l Die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung beschloß am Freitag auf Antrag der deutschnationalen Stadtverordnetenfraktion, für den kommenden Stahlhclmtag SlKXI Mark zur Verfügung zu stellen. Der Beschluß wurde gefaßt, trotzdem in der Debatte über diesen Antrag von den verschiedensten Seiten darauf hingewiesen wurde, daß die gleiche Rechtsmehrheit erst kürzlich eine geringe Zu- läge für die Kleinrentner ablehnte, weil die finanziellen Mittel der Stadt dazu angeblich nicht ausreichten. »Unmittelbar nicht berührt." Stresemann über Teutschlands Stellungnahme zu den chinesischen Kämpfen. Reichoaußenminisier Dr. Stresemann gab dem a m e r i. k a n i s ch e n Zournalisten Kuh ein Jnkervlcw über Dculschlands Stellung zu China. Darin führte er aus. daß Deutschland, da es auf die sogenannlen ungleichen Verträge verzichtet habe, von dm jetzigen Ereignissen in China unmittelbar nicht berührt we'.dc. Die deutsche öffentliche Meinung stehe den legitimen natio- nalen Forderungen der Chinesen freundlich gegenüber, könne ober andererseits auch die wirtschaftlichen Sorgen der sremden Kaus- leule in China verstehen. Man sollte da» Streben der Chinesen nach einem Itebergang zu modernen Lebensformen unterstützen; so würd: am besten der gesamten Menschheit gedient. Deutschland sei vollkommen neutral, sowohl den kämpfenden chinesischen Parteien gegenüber wie dm Mächten, die sich mit dem chinesischen Problem beschästigm. und werde dabei von der deutschen össenl- llchen Meinung unterstützt, wie der freiwillige Verzicht aus Massenverschissungen nach China seitmv unserer Sans. Mannschaft und Reeder gezeigt habe, llm übrigen stehe man In Deutschland aus dem Standpunkte, daß ein friedlicher Ausgleich im Interesse aller an China tnleresilertm Rationen gelegm wäre. Keine Selbftifolierung ZNoskaus mehr. Daher Anbahnung von Wirtschaftsbeziehungen mit kapitaristischen Staaten. Moskau. 33. April.(WTB.)„Jjwestija" schreiben: Der Be- schluß der Sowjetregierung, ungeachtet der ungewöhnlichen Mit- teilungsweise des Völkerbundes durch einen Anschlag im Völker- bundsgebäude an der Internationalen Wlrtschastskonferenz teilzu- nehmen, ist der beste Beweis für die Sinnlosigkeit der Be- hauptungen. daß die Sowjetunion angeblich eine Selbstisolie. r u n g anstrebt und die Berufung auf den sowjet-schweizerischen Konflikt als diplomatischen B o r w o n d für die Verweigerung einer Teilnahm« an den europäischen Konferenzen benutzt hat. Der Eni» schluß der Sowjetregierung bedeutet nicht, daß die Sowsewnion optimistische Hoffnungen aus die Konferenz setzt, von deren Programm die wirklichen Ursachen der schweren Krise der Weltwirtschaft ousgeschlosien sind. Die Teilnahme der Sowsetunion an der Konserenz darf nicht als Möglichkeit irgendwelcher Aende- rungen des Außenhandelsmonopolsystems ausgelegt Vierden. Die Sowjetunion strebt die Entwicklung von Wirtschafts- beziehungm zu den kapitalistischen Staaten an, was nur bei unbe- dingter Aufrechterhaltunz des unverrückbaren Außenhandelsmonopols Möglich ist. Der»Zürft von Eschnapur". Ein kleiner Hochstapler mit große« Allüren. Domelas Lorbeeren scheinen dem jungm Pickel zu Kopf ge- stiegen zu sein. Als er seines Zeichens„Schriftsteller und Akquisiteur" wegen geringfügiger Betrügerelen verhaftet wurde, legte er sich plötzlich den phantastischen Fürstentitel zu. Und als Fürst von E s ch n a p u r unterschrieb er seine Eingaben ans Gericht, als solcher unterzeichnete er die Vernehmungsprotakolle und die Briefe an feine Verwandten. In dieser Eigenschaft figurierte er auch in der münd- lichen Verhandlung im Haftüberprüfungsverfahren und erschien mit seinem fürstlichen Titel heute vor dem Schwurgericht Char- (Ottenburg. Es gab da eine humoristisch« Gerichtsverhandlung, die von den Tränen und den aufgeregten Worten das 21jährigen Angeklagten unterbrochen wurde. Laudgerichtsdirektor Brennhausen, der den jungen Menschan bereits vom Haftüberprüsiingsverfahren her kannte, nimmt ihn scharf ins Gebet. Der„Fürst" bleibt aber hartnäckig dabei,«in Fürst zu sein. Das Fllrstentuni Eschnapur soll zwischen Syrien und Jirdien liegen, dort will der Angeklagte geboren sein. Sein Land habe er als jähriger verlosten, zusammen mit seiner Mutter und seinem fürstlichen Bruder sei er nach Deutschland ge- kommen. Und dann erzählt der 21jährige:„Ich Hobe mir Strese- mann oerhandelt, in seinem Konferenzzimmer im Kaiserhos. Und ein anderes Mal mit Schubert im Außenministerium. Ich wollte mein Fürstentum in Deutschland für 7 Millionen verkaufen.„So billig?"„Sie spotten, Herr Borsitzender."„Nein, Sie spotten über' das Gericht mit Ihren Mätzchen." So geht es endlos weiter. Auch die Borhaltungen des Borsitzenden, daß der Angeklagte sich ver- schiedene bürgerliche Namen zugelegt habe und in Nürnberg dreimal wegen Betrügereien bestraft worden sei, helfen nichts. Als dann der Vorsitzende ihm Briese seiner Mutter an ihn und sein« eigenen Briefe an Mutter und Bruder vorliest, scheint der junge Mensch zusammen- brechen zu wollen. Die Mutter schreibt unter anderem an ihren Sohn:„Höre endlich mit Deinen Schandtaten auf, laß den ganzen Schwindel." Und er schreibt an die Mutter zum Osterfeste: Auch für mich soll dies Osterfest eine Wiedergeburt sein. Der Vorsitzende versucht, dem jungen Menschen väterlich zu- zureden. Nach einer kurzen Rücksprache mit seinem Verteidiger will Herr Pickel die Wahrheit sagen. Ob er in Efchnapur wirklich ge- boren sei. wisse er nicht. Esse! alles in ihm so verwirrt. Richtig sei jedenfalls, daß seine Mutter«inen bekannten Nürnberger Fabrikanten geheiratet habe, daß er in München das Kadettenkorps. in S:raßburg das Lyzeum und in Schwaben ein bumanistischci Gymnasium besucht habe. Nachdem er es im Jahre 1922 nach be- standener Einjährigenprüfung verlassen Hab«, sei er zuerst zur Bank gegangen und habe dann im Jahre 19?ä die iaurnalistische Lausbahn ergriffen. Er habe in Nürnberg und in Budovest an Zeitungen gearbeitet und sei im Jahre 1S2S-n Nürnberg Besitzer eines Ver- laoes gewesen. Nach Berlin sei er erst im November v. Is. gekommen._ Der Sxtrazug Kemal Paschas. Am Potsdamer Fernbahnhof steht ein stolzer, sunkel- nagelneuer Prachtbau auf Rädern. Der Salonwagen Kemal Paschas. den die türkische Regierung in Deutschland anfertigen ließ. Der Wagen enthält Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bodezimmer und Emp. sangsroum mit eigener Roidoanlage, LIchtefsekten und allen Schi- kanen der Neuzeit. Die Plattform ist in einen blumengeschmückten Balkon verwandelt, von wo aus der türkische Befeblshabcr An- svrcchen zu halten gedenkt. D'e Einrichtung der einzelnen Räume ist reich und geschmackvoll. Fenster und Wogenwändc sind mit türkischen Enblemen verziert.� Eine eigene Küche mit dem dazu gebörigen Kockkünstler wird für dos leibliche Wohl sorgen. Bei der gestrigen Besichtigung des fertiggestellten Ertra-ugee. der in den nächsten Tagen nach Angora fährt, hatten sich autzer den Vertretern der türkischen Behörde vor allem«ine Unzahl Vbotographen ein. gefunden, die sedes Winkelchen des prächtigen Wageninnerns im Bilde festzuholten suchten. Die Tprengkapsel. Beim Spielen mit einer Handgranatensprengkapsel. die sich plötzlich entlud, wurden gestern nachmittag zwei elf- fährlge Schüler erheblich verletzt. Während einer von beiden nach Anlegung von Notverbänden in die elterliche Wohnung gebracht werden konnte, mußte der andere mit schweren Kopi- Verletzungen In das Dirchow-. Krankenhaus übergeführt werden. Der elf Jahre alte Schüler August W. und der gleichaltrige Herbert B., die am Hönower Wiesenweg zu Lichtenberg wohnen, hatten auf dem Laubengelände«in« Handgranaten« sprengkapsel gesunden, mit der sie, ohne an die Gefahr einer Explosion zu denken, spielten. Unglücklicherweise kam einer der Jungen auf den Gedanken, ein Feuer anzuzünden und die Sprengkapsel in die Flammen zu werfen. Durch die Hitze kam diese unter starker Detonation zur Explosion. Durch herumfliegende Eisensplltter wurde W. im Gesicht und an den Händen verletzt. L. zog sich«ine schwere Kops- und Auge«Verletzung zu. Anwohner bemühten sich sofort um die verletzten Kinder und sorgten sür chre Ueberführung in das Birchow-Krankenhaus. Das Befinden dos schmerverletzten Schülers B. ist zwar ernst, doch besteht zum Glück keine Lebensgefahr. Tragö'üie in pichelsöorf. Tod eines Liebespaares in der Havel. Eine noch ungeklärte Tragödie spielte sich gestern abend In Pichelsdorf ab. Ein älterer Herr sah kurz vor 13 Uhr aus einiger Entfernung, wie ein Paar über die Brüstung der Freya- brücke in die etwa sechs Meter tiefer liegende Havel sprang. Er eilte hinzu und benachrichtigte rasch die Fischer in Pichelsdorf. Unterdessen trieb aber die starke Strömung die Lebensmüden schon welter ab. Sie riefen jetzt laut um Hilse, waren aber bereits untergegangen, als die Fischer mit ihren Booten und andere Leute mit Rettungs- kühnen herangekommen waren. Die Leichen sind noch nicht ge- borgen. Beamte des 114. Reviers, die die Gegend absuchten, fanden auf der Brücke nur ein Paar schwarze halb« Damenlackschuhe. Das ist der einzige Anhalt, den man bisher zur Feststellung der Person- lichketten Hot. Ein Hut oder dergleichen wurde nicht gefunden. Mit- teilungen zur Aufklärung an die Kriminalinspektion Spandau und das Revier III. HunSert Jahre berliner SiagakaÜemle. Am 6. April 1827 wurde da» Haus der Berliner Sing» n k o d e m i e im Kastanienwäldchen„Unter den Linden" eingeweiht. Seit hundert Jahren finden hier die Konzerte der Singakademie statt, und ein bedeutender Teil des Berliner Musiklebens hat sich hier abgespielt. Aus Anlaß dieses hundertjährigen Bestehens ihres Hauses hatte heute vormittag die Singakademie zu einer Morgen- f e i e r eingeladen. Man begann mit Zelters prachtvollem„Denk- spruch". In einer kurzen Ansprache skizzierte dann der Direktor Prof. Schumann die Entwicklung der Berliner Singakademie und die Baugeschickte ihres Hauses. Im Jahre 1791 gegründet, fanden die ersten Konzert« der Singakademie in einem kleineren Saal der Berliner Akademie statt. Schließlich wurde ober der Singakademie die Erlaubnis, in dem Saal zu konzertieren, entzogen, da man ihn für Kunstausstellungen brauchte. 1822 tauchte zum erstenmal der Gedanke eines eigenen Hauses auf. Die Kosten wurden auf 35 330 Taler berechnet, die der Opsersinn der Mitglieder aufbrachte. Roch heute gehört der Saal der Singakademie dank seiner ausgezeichneten Akustik und seiner reinen und edlen Form zu den schönsten und beliebtesten Sälen Berlins. Bei den Begrüßungsansprachen kamen Vertreter der Staats» behörden und Oberbürgermeister B S ß zu Wort. Die Feier schloß mit Schumanns Motette„Wachet auf, ruft uns dl« Stimme". Neue Spezialschiffe für den Aruckztimport. Die deutsche Handelsflotte wird noch in diesem Sommer um neue Spezialschiffs für den Masientransport von Südfrüchten be- reichert werden, und zwar hat der Norddeutsche Lloyd zwei Fruchtdampfer,„Orotava" und„Arueas", gebaut, die mit den not- wendigen Wärme- und Kühlvorrichtungen für den Transport von Bananen, Apfelsinen usw. versehen sind. Die beiden Schiffe. die je 1333 Tonnen groß sind, sollen von August ab für den Frucht- transvort von den Kanarischen Inseln und Madeira nach Bremen eingesetzt werden. Daneben bieten sie auf ihren jedesmal 22 Tage dauernden Fahrten gute Unterkunft für etwa 53 Passagiere in modern eingerichteten Kabinen. Aus diese Weise können diese beiden Dampfer auch für billige Vergnügungsfahrten nach Portugal und den Allantifchen Inseln benutzt werden. Steg der Sozialdemokratie im 14. Bezirk der Jrcidenter. Die Wahlen der Unterbezirksleitungen und der Delegierten zur Berliner Generalversammlung des Vereins für Freidenkertum und Feuerbestattung brachten im 14. Bezirk(Neukölln)«ine Mehr- heit sür die Vorschläge der Funktionäre(SPD.). unsere Genossen erhielten 1195 Stimmen, während die Liste der Opposition(KPD.) 1325 Stimmen auf sich vereinigte. »Volk und Zell", unsere Illustrierte Wochenschrist, und »Der kindcrsreund" liegen der heutigen Postauslage bei, Auf zur Kundgebung! Morgen mittag marschiert das arbeitende Berlin zum Lustgarten Urabstimmung bei öer ftboag. Beschluft der Vollversammlungen. Gestern fanden für die Angestellten der Aboag zwei Voll- Versammlungen statt, in denen von den Verhandlungen, deren Er- gebnis wir bereits veröffentlicht haben, Bericht erstattet wurde. Auch hier machte stch eine tiefe Unzufriedenheit mit«in- zelncn Punkten des Schiedsspruches zeltend. Besonders bekämpft wurde die lange Vertragsdauer und die Benachteiligung der Schaffner, die in ihren Löhnen um 2 Pf. hinter den Löhnen der Schaffner der Straßenbahn zurückbleiben. Nachdem eine Verein- heitlichung der Verkehrsbetriebe vorgenommen worden ist. sollte auch in der Entlohnung die gleiche Bereinheitlichung vorgenommen wer- den. Bei den Schaffnern der Aboag macht sich das um fo mehr geltend, weil infolge der Vereinheitlichung der Tarife auch für das Gepäck bezahlt werden muß, wodurch den Schaffnern«in erheblicher Verlust aus Trinkgeldern entsteht. Auch hier wurde beschlossen, eine Urabstimmung vorzunehmen, die in der Nacht von Sonnabend aus Sonntag vorgenommen wird. * Die„Kote Fahne" gibt unter der Ueberschrift Jjochbahner für Dertehrsstreit am 7. und 8. Mai" die Entschließung wieder, die in der Hochbohnerversammlung am Donnerstag angenommen wurde. Da heißt es: „Die Versammelten fordern vom Ortsausschuß des ADGB-, den DDB., DMV., Maschinisten- und Heizerverband und der schrist- lichen!) GdA., daß sie die Belegschaften der Berliner Verkehrsbetriebe, Straßenbahn, Hochbahn und Aboag, aufrufen, am 7. und 8. Mai die Betriebe stillzulegen." Das heißt mit aller Deutlichkeit, daß die Hochbahner nicht den' Verkchrsftreik beschließen, sondern von anderen Instanzen,! die teilweise dazu gar nicht befugt sind, verlangen, einen Streik zu � beschließen, den nur das Personal der betrefjenden Betriebe, also auch die Hochbahner, beschließen können. Dieser Beschluß ist somit! nichts weiter als eine leere und billig« Demon st ratio n,' die den kommunistischen Funktionären, die sich v o n d e r V e r a n t-| wortung drücken, die Möglichkeit gibt, andere als„Ver- röter" zu„brandmarken" und sich in der Heldenpose der unentwegt Nevolutionären auszuspielen. Zu einem eventuellen Derkehrsstreit ist zu sagen, daß er n i ch t die Stohlhelmer treffen würde, die ja, soweit sie nicht zu Fuß aufmarschieren, in Losttrastwagen befördert werden, sondern daß darunter nur die republikanische Arbeiterschaft Berlins leiden würde, ohne daß die Stahllzelmkundgebung irgendwie behindert wäre. Die Buchdrücker haben gezeigt, wie man Front macht gegen die Hakenkreuzler und ihre Freunde. Eine solche Aktion gegen alle, die diese Kundgebung fördern, hat eine dauernde Wirkung. Venn sie üie Verantwortung haben. Kommuiiistcu gegen die Geueralstreikpropagauda. Gestern beschäftigte sich auch die erweiterte Ortsoer- waltung des Gemeinde- und Staatsorbeiteroer- l> a n d e s mit den kommunistischen Anträgen aus einigen städti- schon Werken, die auf eine S t r« i t b e w e g u n g am 7. und 8. Mai hinzielen. So fordert n. a. eine Bclegjchaftsversammlung| des Gaswerkes Mariendorf, daß— die Hoch- und Straßenbahner am 7. und 8. Mai streiken fallen. Ein ähn- licher Antrag, der von andere» den Streik fordert, lag auch aus H a l e n I e e vor. Der Vorsiizende. Genosse Polenske. teilte diese Anträge, in denen die Antragsteller von anderen Taten verlangen, in der Sitzung mit und fügte hinzu, daß er die ganze Streitpropaganda für Un- sinn und Unfug Halle. Für die Berliner Gewerkschaften könne ein Streik am 7. und 8. Mai ernstlich nicht in Frage kommen. Die erweiterte Ortsverwaltung trat diesen Ausführungen ein- niütig und ohne jede Diskussion bei. Auch die der er- weiterteil Ortsverwaltung angehörenden S o m m u n ist e n schloffen sich den Ausführungen Polenskes an, ohne auch nur das Wort zu ergreifen. Draußen freilich. In den Versammlungen, treten diese Helden anders auf. Wenn sie aber die Verantwor- t u n g übernehmen sollen, dann bekennen sie, daß die ihnen dit- tiertcn Parolen Unsinn und Unfug sind. Jahresversammluog üer Holzarbeiter. Die Amsterdamer Orlsoerwaltvng wiedergewählt. In der zu Freitag abend nach dem Elubhaus in der Ohmstraße einberufenen ordentlichen Generalversammlung der Berliner Holz- orbeiter gab der Bevollmächtigte Genosic F r e i g a ng zunächst de» Geschäslsberichr vom 4. Quartal und vom gesamten Jahr 1326. Er betonte, daß das Berichtsjahr für die Organisation eine so schwere Ä r i s c n z c i t war. wie sie von der fogenonnten Siabilisierunxskrise kaum übertrosscn wurde. Die Schwere der Krise geht am besten aus der Statistik des Arbeitsnachweises hervor. Während zu Beginn des Jahres 19Z6 insgesamt 14 416 arbeitslose Holzarbeiter auf dem Nachweis eingetrogen waren, stieg diese Zahl bis zum Juli auf 17 444, das waren 48 Proz. oller im Berliner Holzgewerbe Beschäftigten. Erst im September macht« stch eine Besserung am Arbeitsmarkt bemerkbar, doch waren am Schluß des Berichtsjahres immer noch 8 289 Arbeitslose auf dem Arbefts- nochweis«ingetragen. Infolge dieser ungeheuren Arbeitslosigkeit und der dadurch beding:en Unternehmerangriffe war die Organisation soft durchweg in die Defensive gedrängt. Es ist begreiflich, daß es der Organisation nicht immer gelang, die Angriffe restlos abzu- schlagen. Soviel steht jedoch jest, daß der leider in einer Anzahl von Branchen und Betrieben durchgeführte Lohnabbau noch viel st ä r k e r gewesen wäre, wznn die Berussangehörigen nicht die Rückendeckung der Organisation gehabt hätten. Trotz der nicht unerheblichen Unterstützung der Organisation, die allein 616 417 M t. für Arbeitslosenunterstützung ausgab, ist der Mit- gliederbestand von 25 936 auf 24 230, also um 1 706 zurückgegangen. Der Organisation untreu geworden sind hauptsächlich weibliche und jugendliche Mitglieder. Neben der schweren und anyaltenden Krise, die naturgemäß immer einen Mitgliederrückgang nach sich zieht, ist daran der politische Meinungsstreit und vor ollem die Art, wie er auegetrogen wird, schuld. Die Emwickelung in diesem Jahr zeigt aber, daß es wieder vorwärts geht. Dem Bericht schloß sich eine ausgedehnte Diskusston an, in der von den Kommunisten die übliche Attacke gegen die Taktik und Politik der„reformistischen" Gewerkschaftsführer gerftten wurde. Die noch dem Schlußwort des Genossen Freigang vorgenommene geheime Wahl der engeren Ortsverwaltung ergab mit 184 gegen 140 Stimmen die Wiederwahl der bisherigen der A m st e r d a m« r Richtung angehörenden Bsrwaltungsmitglieder. Es kam nochmals zu einer ausgedehnten Debatte, als die Berwaltung von der General- Versammlung die Zustimmung zu der von ihr versagten Bestätigung von zwei Kommissionsmitgliedern verlangte, die beide der„Oppo- sition" angehören. Die Kommunisten velsuchten die Angeleoenheft als einen Schlag gegen die Opposition hinzustellen, während sie von der Verwaltung nur deswegen nicht bestätigt worden waren, weil sie nicht immer den Beschlüssen der Organisation nachgekommen waren. Di« Versammlung anerkannte gegen die Stimmen der Kommunisten den Beschluß der Verwaltung. Jahresversammlung öer öeklelöungsarbeiter. Ein Iahr schwerer Krise. In der Lahresacneralvcrsammlung des Deutschen Dekleidungs- arbeitcrvcrbandes, Filiale Berlin, am 26. Apnl, gab der Bevoll- mächtigle, Genosse Lehmann, den Geschäftsbericht. Er führte aus, daß die Bekleidungsarbeiter im Jahre 1926 ein« der schwärzesten Episoden durchmachen mußten. Es war vorauszusehen. daß die Gesuirdungskrise zu einer völligen Gesundung des privaten Kapitalismus führen würde, und zwar deshalb, weil der gesamte Gesundungeprozeß durchgeführt worden ist aus Kosten der Arbeit. Die Zahl der Vollerwerbslosen Ansang 1926 betrug bereits mehr als 2 Millionen, dazu kamen ebenso viele Kurzorbester, außerdem wurNni gezählt monottich über zweitausend Konkurse und ebenso viel« Gesck)ästsaiissichten. Ganze Betriebe schlössen aus Wochen ihre Pforten oder arbeiteten nur wenige Tage in der Woche. Die Arbeitslosigkeit in der Bekleidungsindustrie nahm katastrophenähnliche Formen an. So war denn auch eine durchschnittliche Zahl Haupt- Unterstützungsempfänger von rund 36 000 vorhanden. Diese große Arbeitslosigkeij nutzten die Unternehmer in allen unseren Sparten aus. Sie gingen zum Angriff über, kündigten Lohn- und Manteltarife und verlangten 5)erabsetzilng der Löhne, Verlängerung der Arbettszeit, Abbau der Ferien. Reduzierung von Arbeitszeitewchemas usw. Insgesamt haben Im abgelaufenen Jahr« 21 Bewegungen geführt werden mütsen, davon sind 19 erledigt ohne Arbeitseinstellung und bei 2 Bewegungen mußten Arbeitseinstellungen vorgenommen werden. An Beriammtungeil und Sitzungen haben stattgefunden unter anderem: Betriebsversammlungen 1210. Dazu kommen 4 Dele- giert enoersammsungen. 25 F-liallcitungssitzungcn. 3 allgemeine Funklionärversaimnlungcn. Die Innungsmeiftcr der Herrenmaßschneiderel, die an sich sehr rückständig sind, mußten ihre Rückständigkeit noch dadurch über- trumpken, daß sie beschlolsen. eine I n n u n g s k r a n k e n t a s s e zu gründen. Mit diesem Schritt wird erreicht, daß die an und für sich schon zerrissene Sozialfürsorge noch weiter zersplittert wird. In der Diskussion kam der einmütige Wille der Delegierten zum Ausdruck, die Organisation mit allen Mitteln zu stärken. Di« Wahl der Filialleitung sowie Bestätigung der Kommissionen und Branchenleiter erfolgte e i n st i m m i g. Gewählt wurde wieder zum Vorsitzenden Genosse Lehmann, zum Kassierer Ketsch. flushungerungstaktik üer Juteunternehmer Ter Reichsarbcitsminister hilft dabei. Vauhen, 30. April.(Eigener Drahtbericht.) Der Reichsarbeits- minister hat den obersten Landesbehörden mitgeteilt, daß die Höchst- dauer in der Erwerbslosenfürsorge mit Wirkung vom 1. Mai auch für das S p i n n st o f f g e w e r b e auf 26 Wochen festgesetzt ist, well in diesem Gewerbe von einem besonders ungünstigen Arbeits- markt nicht mehr gesprochen werden könne. Bon dieser Besserung In der Konjunktur hat man jedoch in der Stadt Bautzen noch nichts gemerkt. Der größte Textilbetrieb Bautzens, die Jutespinnerei und Weberei, liegt noch Immer still. Di« Direktion des Werkes steht nach wie vor auf dem Standpunkt, daß für Iuteerzeugniffe im Inland wenig Nachfrage bestehe und das Exporlgefchäft so wenig lukrativ sei, daß die Substanz der Iu»efabriken geschädigt werde. Wie die Verhältnisse in Wirklichkeit liegen, zeigt ein Anschlag am schwarzen Breft des größten deutschen Iutebetriebes der Firma Max Bahr. A.-G., Landsberg a. d. Warthe, in dem es heißt: „Wer von den Werksangehörigen in der Lage ist, Arbeiterinnen für die Abteilung Spinnerei zu vermitteln, erhält dafür folgende Prä- mien: Wenn der Vermittelte zwei Monat« arbeitet. S Mark, nach sechs Monaten weftere 10 Mark. Außerdem erhalten Jugendliche (Abschneider) nach einem Jahre Beschäftigung 2S Mark, nach zwei Iahren 80 Mark, noch drei Iahren 75 Mark, und nach vier Iahren 100 Mark Prämie." Dabei ist zu beachten, daß der Inhaber des Betriebes, der diese Kopsprämie aussetzt, nicht etwa ein sogenannter Außenseiter, sondern eine einflußreiche Person in der Interessengemeinschaft deutscher Iuteindustrieller ist, derjenigen Stelle, die die VerteUung der Auf- träge in der deutschen Iuteindustrie regell. Werden hier endlich einmal die Behörden eingreisen und im Interesse aller Beteiligten eine vernünftige Regelung erzwingen? Schieüsfpruch im Groß-öerliner Steinsetzgewerbe. Die Verhandinngen zur Neuregelung der Stundenlöhne führten zu keinem Ergebnis. Das tarifliche Schlichtungsomt hat nunmehr mit endgültigem und verbindlichem Schiedsspruch folgendes fest« gestellt: Die Stundenlöhne betragen mit Wirkung ab 28. Aprft d. I. für Steinsetzer und Steinhauer 1,52 M., Ramnier 1,37 M.. Steinsetzhilfsarbeiter 82 Pf., Erdarbeiter 78 Pf.: ob 1. September dieses Jahres bis zum 31. März 1928 für Steinsetzer und Steinhauer 1,54 M., Rammer 1,39 M., Steinsetzhilssorbeiter 90 Pf., Erdarbeiter 84 Pf. Der vierprozentige Aufschlag iür die Wohlfahrtssammelkasse, die Erhöhung der Steinhauerakkordsätze und die Fahrgeldregelung werden noch«m 12. Nachtrag bekanntgegeben. In den Außenbezirken sind die Lohnsätze wie bisher je 8 Pf. niedriger. Sewerksthaste« trnü Jafthismus. Ein Antrag auf llnlersnchung. Die italienisch« Gewerkschaftsgruppe, welch« die mll dem Fa- schismus zu einem Kompromiß gekommenen italienischen Gewerk- schaftsführer umfaßt, hat in einem Schreiben an den Jniernationalen Gewerkschastsbund die Bitte gerichtet, die italienische Gewerkschafts- frage in Italien selbst untersuchen zu lassen, damit der nach der Ausfassung dieser Gruppe entstandene falsche Eindruck ihres Schritte, beseitigt werde. Auch andere Restgruppen der früheren italienischen Gewerkschaftsbewegung sowie verschiedene Berufssetretoriate haben in der italienischen Frage Schreiben an den IGB. gerichtet. Das Bureau beschloß, die ganze Angelegenheit dem Pariser Kongreß zu überweisen, der anerkannten italienischen Zentrale in Paris jedoch «inen monatlichen Betrag zuzuweiser. Die Acbellcr der Firma Adam Opel. Betriebsabteilung Schöneberg, Bcssemer Straße 4. sind heute früh in den Streik ge- treten. Sie fordern eine Erhöhung der Löhne und ein« gleiche Bezahlung für gleiche Arbeften. Zuzug ist sernzuhalten. Die Zahl der Arbellclosen in Frankreich ist in der vorigen Woche abermals um rund 3000 zurückgegangen und beträgt noch 61 400. In der vorigen Woche haben lOiO ausländisch« Arbeiter Frankreich verlassen. Die Arbeiten in den Citroen. Werken sind am Freitag wieder aufgenommen worden. Theater öer Woche. Vom 1. Mai biö 0. Mai 1SÄ7. tUllsbSbii«, an»aXonpUfe; 1., S., 6. Traumspiel. I. fSalvtr.t. 8., 9. Judith. 4, 8. Lyststrata.— Thcater am Schisfdaucrdamm:«>s i. Tragiidtr der Sitae. Ab 3. Jan dcr Wuude-bare.-- Tdatia-Thealer: Wen» tut juagc Wein bliiht.— Opet au, Ptati dtt Arpnblii: 1. �oicntaaal.cr. Z Wazz-u. 3. Traaiata. 4. Ter ferne Klang. 5. iE.» na Lisa. 6., 8. Die Macht des Schichaia. 7. Der letzte Picrrat! Versiegelt; Die Crlöften.». Ierniia.— Staatliche» Schauspielbap»! 1., 4 Cin besserer Herr. 2. Faust. 3. Varbier non Sevilla. 5. Flachsmann als Erzieher. 8., 7., 8., 9. Florian Gene:.— Schillcr.Theater: X., 4. Prinz Friedr-ch von Homburg. 2. Die Zournailsten. Z llandida. i. Peer Egnt. 8. Barbier uon Cenilla. 7., 8, s Musil.— Deutsche« Theater: Der Arzt am Scheideweg.— Kammersaiele: l. Sackvogel. 2. bis 9 Saftspiel Revue zu Pieren.— Die jiamiidie: 1. Manneennns.-Ab 2. LockaSgel. Rachtvorstellung 11 Uhr: Was Sie wallen.— Theater i» dcr KSnig- griitzer Straß«: Dir Schule van Itinach.— Komidirahaus: Thea macht alles. — Theater am Ziallrudarsplatz: Drei arme kleine Madels.— Große, Schauspiel- Haus: Wie einst im Mai.— Theatee des Westens: Wissen Sie schon...— Städtisch« Oper, Sharlattenburg: 1. Die Boheme. 2. Der Prophet. 8. Die Meistersinger von Nürnberg. 4.. 9., Dan Juan; Zwölf deutsche Tänze; Die Ges.yöps- des Prometheus. Z. Das Rheingasd. 6. Der Freischütz. 7, Zia. licnilche Opernstagiene; Der Barbier van Sevilla.— ÄomUch« Opef: Sünden der Welt.— Deutsches Kü-stler-Thrater: Adieu Mimi.— Lustspielhaua: Bis 2. Hurra— ein Junge. Ab 3. Babbns letzte Nacht.— Sefsiug-Theater: Der Patriot.— Theatee am Kursiirsteudamm: Die Kleine auf Besuch.— Triauau. Theatee: Bis 3. Müllers. Ab 4. Dada macht».— Residen,. Theater: Die sthiinc Melusine.— Zentral-Theater: Bis 2. Ter blonde Zigeuner. 3. De» schloffen. Ad 4. Die Bette.— Theater i» der Kommaudauteuftratze: Berlin, wie es weint und lacht.— Mctrvpol.Zheater: Die Zirkusprinzessin.— Berliner Theater: Komödie um Mittag.— Di, Tribüne: Spiel im Schloß. 7., 11 Uhr, Nachtvorstellung: Spiel im Schloß.— Kleines Theater: Bis 2. Die goldene Galeere. Ad 3. Kuckucksei.— Wallaer-Theater: Auf der Sonnenseite.— Nenaissaare-Theater: Feiglinge.— LZalballa-Zheater: Die von der Liebe leben. — Rsse-Theattr: Der Letter aus Dnigsda.— llasino. Theater: Pimpelhuber, der Millianenerbe.— Theater in der Klosterstraße: Liebe. 2. Simsan und Dalila. — Theatee in der Lützawstraße: Di« Frau ohne Mann.— Theatee im»dmieat». pal ast: Vir« I» tomms!— Winteegarten und Skala: Internationales Bariet«. — Reichehallen-Thcater: Stctiincr Sänger.— Thrstcr am Kottbuffer Tor: Slite-Säuger. Nachmittags-» r st e l l u u g e».«heatee am«chlssdanecda»»: 1., 8. Der Geizige.— Thalia-Theater: 1., 8. Der Biberpelz.— Staatlicht« Schanspielhaus: 1., 8. Napoleon.— Große« Schanspieldaus: 1., 3. Wie einst im Mai.— Theater in der«ommandantenstratze: 1. Die bedrohte Unschuld 8. Berlin, wie e, weint und lacht.— Walhalla.Theater: 1., 8. Die ton de» Liebe leben,-»heatee in de» Klosteestraße: 1 Pension Schüller. 8. Pfarrhaus. kamddie.— Theater im Admiralspalast: Viva I, fsrnmel— Reichsballrn, Theater: 1„ 8. Stetttner Sänger.— Theater am Kstthnffer Tori 1 8 Elite-Sänger. Verantwortlich für Politik: Bieter Schill; Wirtschaft:®. Klinäelhzser; Gewerkschaftsbewegung: F'iedr»»ksrn: Feuilleton: K. K. Dlschee; Lokale» und Sonstiges: Fertz Kaestadt; Anzelgen: Th. Glocke; sämtlich in Berlin Derlag: Borwarts-Verlag G. m. b. H.. Berlin Druck: Dorwärts-Duckdruckerei und Lerlagsanstalt Paul Singer u Co.. Berlin SD 68. Lindenstraße S. r 1. Mai nur ins Krokodil Neue Königstr. 61—64 Frühkonzert 11-3 Uhr WORSTCHEN*60CKWURST® Etwas ganz Besonderes! Arbeiter, Angestellte. Beamte besucht die Veranstaltungen der „No-Va-Cc" Karlshorst, Deutsches Hans Treskowallec(amBahnh.) jed. Dienstag Pankow, Konzerthans BrcitestraSe 34 jeden Mittwoch Cöp»nick, StadttheaKr Friedrichstr.6 jeden Freitag u. Sonntag Tee el, Vereinsbaus(Hamoseck Hauptstraße 6 jeden Sonntag Notatands-Varleti-Kommission der Intern. Artlsten-Loze E. V Bhdilasa üackl (BttBtlllt. Tita Ile4 Oantetkin Hrler'elti ickwm kW, Mflft nuch».--------. iBtitim, nt Mmms. ürrtl. empfohlen. InaiitaMi lud.*>11. 1-4. Mm 10-12. JmWr Metandarslalr Blnmeüspenden •eher Art Iterert preiswert Paul GoIIctz. vorm. Setarl Heyn Marlannensiraße 3. Ecke Naunynuraße Ann Morizpl.>03 03 If zur Miele WäO. Ansbacherttr.t Korbmöbel! SomSerangebotl An Prfvate zu Enijrosprefsen. 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