MbenSausgabe Nr. 209 ♦ 44. Fahrgang Ausgabe B Nr. 103 «c�ugsdedlngunMN mid«nnigenmif« knd in der Morgenousanb« angepcbcn Bcbatllea: SS. 68, Cinbenffcagc 8 ?-rnspr»ch«r- VSohoss 2S2- 2g? SejlaltemottalSctUa Derlinev Volksvl�kk Zentralorgan der Sozialdemokrat» fchen parte! Deutfchlands (lO Pfennig) Mittwoch 4. Mai 1927 »erlag und Anzeigenadteilun«: Eeschäftzzett S�> bi» S Uhr »erlager: vorwärts-verlag GmbH. verlia Sw. 68, cindenskrotz» 8 Zernsprecher! VSnhoss 232—?g? Polizei und Stahlhelmtag. Kommunistische Gegenkuudgebnngen verboten.- Die Vorbereitungen der Polizei. Am 3. Mai 1927 hat der P o l i z e i p r ä s i d e n t an die Kommunistische Partei Deutschlands, Bezirk Berlin-Branden- burg-Lausitz und an den Roten Frontkämpferbund, Gau Ber- lin-Brandenburg-Lausitz, folgendes Schreiben gerichtet: .hiermit verbiete ich die von der kommunistischen Partei Deutschlands und dem Roten Frontkämpserbund sür den 7. und 8. Mai 1827 in Verlin zum Stahlhelmlag geplanten Gegen- tundgebungen(Versammlungen und Umzüge) unter freiem Himmel aus Grund des Artikels 123 Abs. 2 der Reichsversassung wegen unmittelbarer Gefahr für die öffentliche Sicherheit. Für etwa von außerhalb nach Berlin kommende Mitglieder der genannten Vereinigungen weise ich serner daraus hin, daß auch der geschlossene Abmarsch von den Bahnhöfen verboten ist und daß gegen etwa sich bildende Züge ein- geschritten wird." Ueber dieses Verbot werden die Kommunisten in ihren Versammlungen und ihrer Presse zwar in der üblichen Weise lärmen und allen Haß gegen den sozialdemokratischen Polizei- Präsidenten ausschütten. Im Grunde ihres Herzens aber werden sie heilfroh sein, daß ihre für sie nicht ungefähr- l i ch e n Gegenkundgebungen verboten sind. Wenn sie nicht ein frivolesSpiel mit derGe- fundheit und dem Leben ihrer Mitläufer spielen wollen, werden sie schleunigst abblasen müssen. Sie werden sich auch nicht über Unterdrückung und dergleichen beklagen dürfen, denn in Berlin demonstrierte niemand so oft auf Straßen und Plätzen, als gerade die KPD. und ihr Anhängsel, der Thälmann-Bund. Erst für Donnerstag rufen sie wieder zu Kundgebungen an fünf verschiedenen Plätzen auf. Es soll gegen Stahlhelm und für die chinesische Revolution, für„Ein- hcitsfront"(mit Spitzeln!) und gegen den Biirgerblock demonstriert werden. Weitere kommunistische Demonstrationen sind bereits angekündigt. Nehmen sie selbst so die Straßen und Plätze für sich mehr a's genug in Anspruch, dürfen sie nicht Klage führen, wenn auch für andere die verfassungsmäßige Freiheit für öffentliche Kundgebungen gesichert wird. Noch leben wir in der deutschen Re publik, nicht in Sowjetrußland. Hier gelten noch andere Gesetze, als dort, wo keine Sozial- Demokratie und keine andere Partei geduldet wird, als die kommunistische. Daß die Kommunisten bei ihrem inneren Zerfall noch die Möglichkeit haben sollten, durch einen von ihnen veranstalteten Krawall den Ausnahmezustand und dann die Herrschaft des Faschismus heraufzubeschwören, daran hat bei uns niemand ein Interesse, außer den Hazardspielern, die den mitteldeutschen Putsch und den Hamburger A u f st a n d inszenierten. Dies Spiel in B e r l i n zu treiben, wäre noch verbrecherischer. Daß es rechtzeitig ver- hindert wird, ist durchaus zu billigen. Wer trotzdem den Weisungen der kommunistischen Drahtzieher folgt und der geheimnisvollen„führenden Korona" nachläuft, tut das auf eigene Rechnung und Gefahr! Sozialdemokraten bleiben dem Trubel fern. Sie haben am 1. Mai gezeigt, wie bei jeden Wahlen, daß Berlin republikanisch und sozialistisch ist und bleibt. Trotz des Stahlhelms und trotz der Kommunisten! Was üer polizeipräsiöent sagt. Polizeipräsident Zörrgiebel wird morgen einen Ausruf an die Berliner Bevölkerung veröffentlichen, daß sie gegenüber den Deranstalwngen des Stahlhelmbundes ihre volle Ruhe belvohre. Der Polizeipräsident teilt uns weiter mit, daß an ein Berbot des Stahlhelmtages nicht gedacht werden konnte; Ausgabe der Polizei sei es, allen Staatsbürgern den Gebrauch ihrer oerfasiungsmäßigen Rechte zu sichern. Durch die Kundgebungen des Stahlhelms und der Kommunisten sei ziem- liche Beunruhigung hervorgerufen worden. Zu einer solchen bestehe jedoch ke i n Anlaß, wenn nur die Bevölkerung ihr« Ruhe bewahre. Die Leitung des Stahlhelmbundes habe sich gegenüber dem Polizei- Präsidenten und dem Minister des Innern verpflichtet, alles zu tun, um einen reibungslosen Verlauf zu sichern. Die Polizei habe nach langen und genauen Vorbereitungen alle Borkehrungen bis ins kleinste hinein getroffen. Der Lustgarten werde in weitem Umfange abgesperrt und nur für die Teilnehmer der Stahlhelmkundgebung zugänglich sein. DieZügederStahl- h e l m e r werden zum größten Teil auch auf ihren Wegen von und zu den Bahnhöfen polizeilich begleitet werden. Der gesamte Kraftwagenpark der Polizei, soweit er nicht sür die Reserven beansprucht sei, werde benutzt, um starte Polizeistreifen ständig die Straßen durchfahren zu lassen, damit sie überall eingreisen können. Es fei auch vorgesehen, daß etwa ankommende auswärtige Kommunisten und Rote Frontkämpfer nur zu geringem Teile noch Berlin hereintönnen. Wenn die Kommunisten nach dem inzwischen erfolgten Berbot ihrer Gegenkundgebung etwa oersuchen sollten, eine andere Taktik einzuschlagen, wie etwa durch Ausgebot von Massen an verschiedenen Stellen, die Polizei dort festzuhalten, um an anderer Stelle Zusammenstöße herbeizuführen, so sei man auch darauf gerüstet und werde auch jedes kleine Feuer, wo immer es zu glimmen beginne, rechtzeitig ersticken, damit nicht ein größerer Brand entstehe. Gegenüber gewjsien Behauptungen der Rechtspresse erklärt der Polizeipräsident, daß von irgendwelchen größeren Waffen- funden bei Kommuni st en in der näheren oder weiteren Umgebung Berlins nichts bekannt ist. Eröffnung üer weltwirtschastskonferenz. Theunis' Begrüstungsrede. Genf. 4. Rlai.(WTB.) Die Iveltwirtschaslskonferenz wurde heule vormittag 11.25 Uhr mit einer längeren Ansprache des Präsidenten T h c u n i s erössnet, in der er das einzigartige internationale Gremium von Vertretern des gesamten Wirt- schoflswesens begrüßte, ein Gremium, von dem man mit seinen Vertretern aus 47 Ländern einschließlich der vereinigten Staaten, Rußland und der Türkei wohl sagen könne, daß es bis heute noch keine derartige Versammlung zur Prüfung des gesamten Weltwirt- schastsprogramms gegeben habe. Im ersten Teil seiner Rede gab der Präsident eine allgemein gehaltene Umschreibung des Programms der Weltwirtschasts- konferenz und im zweiten Teil eine Reihe von Vorschlägen sür das Arbeitsverfahren der Konferenz, wobei er vor Ueber- stürzung. aber auch vor Verschleppung der Arbeiten warnte und der hossnung Ausdruck gab. daß die Ergebnisse der ersten Weltwlrt- schaslskonserenz den Boden sür den Erfolg weiterer wirlschasts- konferenzen vorbereiten wird. Der Andrang zu der Eröffmingssitzung war bei weitem nicht so stark wie bei den Hauptsitzungen der letzten Völker- bundsversammlungen. Trotzdem war die Kontrolle an den Zugängen zum Refonnation-jaal wiederum sehr streng. Der Re- sarmationssaal war gegen 11 Uhr fast voll besetz!, nur die Bänke für die russische Delegation sind leer. Der Reformationssaal bietet heute ein vollkommen neues Bild, da unter den Delegierten nur ganz wenig« von den Dölkcrbundstagungen her bekannte Köpfe zu sehen sind.' Die Bänke der deutschen Delegation befinden sich dicht am Eingang rechts neben der Rednertribüne. Der ileberfoll auf öen Konsul. Verurteilt mit Bewährungsfrist und Haftentlassung. Königsberg i. Pr.. i- Mai.(Eigener Drohtbericht.) Der natio» «alfozialistische Hauslehrer Boris Lech«!, ein ehemaliger Salti- krnner, der am S. April d. 2. abends 11 Uhr den russischen Konsul Cantor in Königsberg überfiel, beleidigte und m i t e i n e m Stock niederschlug, wurde heute vom Königsberger Schöffen- geeicht zu 3 Monaten und 1 Woche Gefängnis verurteilt. Lewährungsstist auf drei Jahre und sofortige Haftentlasiung wurden zugebilligt. Der Staatsanwalt hatte 9 Monate und 3 Wochen Ge- jängnis ohne Bewährungssrist beantragt. Die Unruhe im Zentrum. Kritische Stimmen. Das Zentrum hat, in der Zeit, in der es sich sozial und gut republikanisch gab, auch aus protestantischen Kreisen einigen Zuzug erhalten. So schloß sich ihm auch der Herausgeber der „Süddeutschen Konservativen Korrespondenz", Adam Röder, an, der heute Mitglied der Reichstagsfraktion der Zentrums ist. Aber er und manche andere, die denselben Weg gegangen sind, fühlen sich, seit die Rechtsschwenkung des Reichszentrums eingetreten ist, nicht mehr recht an ihrem Platze. Herr Röder träumt jetzt in seiner Korrespondenz von einer Entwicklung bei der sich eine katholisch-konservative Partei(Wallraf, Spahn, Leicht) bildet, während sich das Zentrum als„wahrhaft chrift- liche, demokratische und soziale Mittelpartei" konstituiert. Bon einer solchen Entwicklung vermögen wir einstweilen noch nichts zu entdecken. Der Abg. Adam Röder veröffentlicht dann weiter eine Zuschrift eines nicht genannten„Politikers und Publizisten", in der es u. a. heißt: ... Was mich aber viel mehr beschwert, und hier stimme ich völlig mit Ihnen überesn, das ist die Leichtigkeit, mit der das Zentrum sich der cha u v i n i st i s ch- r e a k t i o n ä r e n Rechten angeschlossen hat und darüber völlig vergißt, daß es ge- lobt hat, das soziale Moment unentwegt festzuhalten. Das hat mir, osfen gestanden, einen so peinlichen Eindruck gemacht. daß ich mich ernstlich frage, ob ich meine Arbeit, die doch auf eine Sammlung der Mittelpartcien hinauslief, nicht ausgeben soll. Wenn das Zentrum mit solcher Leichtigkeit seinen Charakter einer Mittelpartei in den einer Rechtspartei verändern kann, s o verstößt das doch irgendwie gegen Treu und Glauben. Icdenjalls suhle ich mich innerlich lahmgelegt... Ich werde nun erst noch die weitere Entwicklung abwarten. Gibt das Zentrum wegen Konkordat und Rcichsschulgesetz seinen inneren Charakter als soziale Partei mehr und mehr auf. so kommt der Moment, wo ich nicht mehr mitkann. Die Kreise, um die es sich hier handelt, sind dem Zentrum gewiß nicht so wichtig wie die christlichen Arbeiterkreise, in denen sich gleichfalls eine starke Unruhe bemerkbar macht. Aber vielleicht ist es ihm doch nicht ganz gleichgül ig, wenn er sich auch Sympathien verscherzt, die es in Kreisen der Intellektuellen erworben hatte. � � Ver Kampf um öen Staat. DaS Konkordat«nd die kirchlichen Herrschaftsanspruche. Bon Alwin Saenger. Im Deutschen Reichstag werden sich voraussichtlich noch während der laufenden Gesetzgebungsperiode politische Kämpfe ersten Ranges abspielen, die um die Verwirklichung des verfassungsrechtlich festgesetzten Grundsatzes der Trennung von Kirche und Staat gehen. Es gilt das Endziel einer geschichtlichen Auseinandersetzung von Jahrhunderten zu ver- wirklichen, die Souveränität des Staates auf allen Gebieten menschlichen Lebens zu stabilisieren. Das Problem führt in die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung zurück. Bei den ersten Christen, die wegen ihrer Verneinung des römischen Staatsgedankens als„Feinde des Menschengeschlechts" gescholten wurden, trat der Gedanke auf, die Kirche gegenüber dem Staat, der sie verfolgte, höher zu bewerten. Eine Unterbrechung in der Fortbildung des Ge- dankens von der Herrschaft der Kirche über den Staat trat vorübergehend in dem Augenblick ein, als die christliche Kirche in den Zeiten drohender kirchlicher Zersplitte- rung in Konstantin den staatlichen Halt für die Ausbreitung des Christentums erkannte. In Deutschland setzte die Verwirklichung des kirchlichen Gedankens der Suprematie über den Staat ein, als mit der Zertrümmerung der fränkischen Reichseinheit und dem Sin- ken der königlichen Macht die deutschen Könige die zentrale päpstliche Hierarchie gegen die verstörende Tendenz der partikularen, dynastischen Bestrebungen auszunutzen ver- suchten. Noch in der Monarchie der Karolinger bestimmten die Könige die Gesetze für die Kirche Dem Papsttum aber gelang die Durchsetzung seiner Ansprüche auf eine Welt-. Hegemonie um so leichter, da schwächlichen Persönlichkeiten wie Heinrich IV., Männer im Format Gregors VII. und Innozenz III. gegenüberstanden. Wie der heilige Augustin einst den Staat als ein Organ der Sünde und des Bösen bezeichnet hatte, so erklärten auch die großen Päpste des Mittelalters den„Teufel als die Ahn- frau der Fürsten" und den Staat als ein„Produkt mensch- lichen Hochmuts" und eben aus dieser kirchlichen Auffassung heraus begründeten sie die Pflicht des Staates, der Kirche auf allen Lebensgebieten zu ge- horchen. Aber die Geschichte blieb nicht in den naiven Vorstellungen des Mittelalters stehen. Die Emanzipation der Antike aus den Fesseln der Scholastik, die Entwicklung mensch- lichen Könnens und die Fortschritte des menschlichen Geistes, die Kräfte des Wirtschaftslebens und einer neuen gefellschaft- lichen Struktur zerstörten die Allgemeingültigkeit der Vor- stellung von dem„irdischen Gottesstaat" und dem Patri- monium des römischen Papstes. Die Machtflllle des Staates wuchs von dem Augenblick an, da die Zersplitterung der Kirchen begann. Der Ausgang des 18. Jahrhunderts zeigt uns den Triumph staatlicher Toleranz gegen- über der großen Gewissensfrage religiöser Ueberzeugung. Auch die politische Reaktion, die im Anfang des vorigen Jahrhunderts die konservativen Kräfte der römisch-katholischen Kirche zu nützen suchte und es so Pius IX. mit ermöglichte, seinen berühmten„Syllabus errorun" zu verkünden, konnte die Befreiung des Staates aus der kirchlichen Gewalt nicht mehr aufhalten. In dem k a t h o- tischen Payern wurde unter strenggläubigen Monarchen der Gedanke der Alleinherrschaft des Staates durchgeführt und der Vorrang weltlichen Rechts vor kirch- li ch e m Recht proklamiert. In Preußen bekannte sich das Allgemeine preußische Landrecht(8 28 ff., 8 117 ff.) zu der Idee der Souveränität des Staates gegenüber der Kirche. Der Kirche gelang es nicht mehr, auch nur einen Teil von ihren früheren kirchenpolitischen Lebensgrundsätzen dein modernen Staate gegenüber dauernd durchzuführen. Unver- brüchlich aber bat sie bis zu dieser Stunde an dem G e d a n- ken des Vorrangs kirchlicher Gewalt vor Staatsgewalt fe st gehalten, und wo immer sich eine Gelegenheit zu einer nur teilweisen Verwirklichung dieses Gedankens auf einzelnen Gebieten zeigt, bemüht sie sich, alte Machtpositionen neu zu erkämpfen. Der Beispiele gibt es unzählige. Noch das päpstliche Breve vom 12. Februar 1803(!) stellt dem bayerischen Kur- sürsten den päpstlichen Bann in Aussicht, wenn er nicht bereit sei,„der Kirche Gehorsam zu leisten". Der deutsche Jesuit Franz Wernz, General des Jesuitenordens und Pro- feffor des Kirchenrechts an der päpstlichen Universität in Rom. stellt in seinem berühmten Werk„Uns Decretalhirn"(1898 bis 1905) den Grundsatz aus: Der Staat ist der Jurisdiktionsgewatt der Kirche unterworfen, kraft welcher die Zivilgewalt der Kirche wahrhaft uniertan und zum Gehorsam verpflichtet ist. Diese llnterordnung ist indirekt, aber nicht bloß negativ, indem die Zivilgewalt auch innerhalb ihres eigenen Gebietes nichts tun darf, was nach dem Urteil der Kirche dieser zum Schaden gereicht, sondern positiv, so daß der Staat auf Befehl der Kirche zum Nutzen und Vorteil der Kirche beitragen mutz. Der Kirche kommt das Recht zu, eine authentische Auslegung des Konkordats zu geben und diesem kirchlichen Urteil hat sich der Staat zu fügen: denn wer die oberste gesetzgebende Gewalt besitzt, hat auch die höchste Interpretationsbefugnis. Nun aber besitzt die Kirche in bezug auf die Dinge, die den Inhalt des Konkordats ausmachen, die oberste gesetzgebende Gewalt. Man sieht, daß sich der Grundsatz des kanonischen Rechts, daß die Gewalt der katholischen Kirche sich auf alle Ge- tauften erstreckt, auch heute, ohne irgendeine Minderung gilt. Und nur aus der von der römischen Kirche rein erhaltenen Lehre von der Gewalt der Kirche über den Staat laßt es sich erklären, daß das Staatslexikon der Äörresgesellschaft das Recht der Kirche anerkennt, die auf dem„jus dumanum" beruhenden Verpflichtungen, ja selbst Gelübde und Eide alz nicht verbindlich zu erklären und daß noch auf der General- Versammlung der Katholiken Deutschlands vom August 1922 der Münche'ner Kardinal den gültigen Rechtssatz der Kirche betonte:„Gottesrecht bricht Staatsrecht". Die Kirche betont allerdings unter dem Zwange der Ereignisse, daß man im Leben selbst die dogmatische von der bürgerlichen Intoleranz zu unterscheiden habe: diese Unterscheidung gilt selbstverständlich nur dort, wo die dogmatische Intoleranz nicht durchgeführt werden kann. Die unmittelbare Beeinflussung der Staatsgewalt durch die Kirche ist infolge der geschichtlichen Entwicklung des Staatsgedankens nicht mehr möglich. Um so eifriger sucht die kirchliche Gewalt sich die indirekte Beeinflussung des Staates dadurch zu sichern, daß sie die Jugend des Staates in der Schule in ihrem Sinn zu beeinflussen sucht. Die Herr- schast üoer den Staat lebt heute in dem Bestreben weiter, die Herrschaft über die Schule sich zu sichern. In der kirchlichen Sprache wird dies„der historische Rechtsbesitz der Kirche in bezug auf die Schule" genannt, und auf diesem Gebiete hat die Kirche noch bis in die allerletzte Zeit hinein Triumphe gc- feiert. So wie das österreichische Konkordat vom 18. August 1855 die Schule und somit den Staat der Kirche in einer Weise unterwirft, wie es seit dem katholischen Habsburger Ferdi- nand II. nicht mehr der Fall war, so hat der bayerische Frei- staat sich hinsichtlich der Hochschulen und der Volksschulen dem kirchlichen Herrschaftsgedanken in einer Weife willfährig ge- zeigt, wie es unter den katholischen Kurfürsten und Königen Bayerns ausgeschlossen gewesen ist. Bei den Beratungen über das Konkordat im bayrischen Landtag erklärte der Vorsitzende der Bayerischen Volkspartei ausdrücklich, daß er ein staatliches Schulhoheits- recht im Sinne eines Alleinrechtes des Staates über die Schule immer leugnen werde. Man braucht sich nur an die Forderungen zu erinnern, die von den deutschen Bischöfen am 20. November 1920 an die Reichsregierung gestellt wur- den, um jene kirchliche Anschauung im weitesten Umfang von allen kirchlichen Organen bestätigt zu finden. Auch in der Einleitung der Denkschrift des deutschen Gesamtepiskopates wird von den unveräußerlichen Rechten der Kirche auf die Mit Beaufsichtigung der gesamten religiös-sittlichen Erziehung in den Schulen gesprochen. Es ist berechtigt gewesen, daß der Herr Domprobst Dr. von Pichler im Auftrag des bischöflichen Domkapitels Passau nach Abschluß des bayrischen Konkordats der Landtagsfraktion der Bayerischen Volkspartei folgenden Dank abgestattet hat: Wenn im Gegensatz zu den ränkcvollen Bestrebungen, welche den Erfolg des Konkordats von 1817 vereitelten, diesmal mit ehr- ticher Offenheit die getroffenen Vereinbarungen bestätigt wurden, so gebührt der Verdienst hierfür in erster Linie der Fraktion der Bayerischen Volkspartei und der von ihr gestellten Regierung. Dieser Dank ist ehrlich verdient. Der Vizepräsident der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern hatte allerdings bei einer Vorbesprechung mit den evangelischen Landtagsabgeordneten Bayerns die Meinung ausgedrückt, daß man dem Protestantismus etwas Unge- heuerliches im Konkordat zumute und der Friede zwischen Kirche und Schule durch das Konkordat für immer zerstört werde. Aber der protestantische„Liberalismus" hat sich dann doch zur Annahme des Konkordats, dieses bayerischerseits eiligst geschaffenen Musters, für spätere Reichs- oder Landeskonkor- date gerne bereit erklärt, denn die Nichtannahme des Konkor- dats hätte— wie ein Gesinnungsfreund des Dr. Stresemann im bayerischen Landtag offen erklärte— die bürgerliche Einheitsfront gegenüber der Sozialdemokratie in Bayern ge- sprengt. Die Parallele für das Reich ist gegeben. Der Sozialdemo- kratie mag es wohl recht sein, wenn sie den Kamps um den Staatsgedanken allein durchzuführen hat. Noch ein Zememorü. Reims Geständnis.— Der Tatort in Töberitz festgestellt. Entgegen völlig irreführenden Meldungen über den Feme- mord an Wacht m ei st er Legner, wonach in den Spandauer Festungswällen zurzeit nach der Leiche geforscht und infolgedessen eine Ucberführung Reims erhofft werde, teilt die BE.-Korrespondenz über den Stand dieses Verfahrens folgendes mit: Nikolai Reim, der sowohl bei seiner Festnahme inItalien wie auch später bei seiner Einlieferung in Berlin jede Beteiligung oder Kenntnis bezüglich des Mordes an Wachtmeister Legner abge- leugnet hate, hat kurz vor Ostern unter dem Druck des gegen ihn zusammengetragenen Belastungsmaterials ein Geständnis ab- gelegt, und zwar behauptete er, er fei dabei gewesen, wie Büsching den Wachtmeister Legner auf dem Döberitzer Ucbungsplatz erschossen habe. Er, Reim, sei jedoch an dieser Tat selbst nicht beteiligt gewesen. Angaben über die Helfershelser Büschings und über diejenigen Mitglieder der Schwarzen Reichswehr, die die Leiche des Legner ver- graben haben, verweigerte er, erklärte sich jedoch bereit, der Polizei die Stelle zu zeigen, wo die Leiche damals eingescharrt worden sei. Reims Angaben über diesen Ort decken sich mit der Aussage des Feldwebels Stein im Wilms-Prozeß, wonach Legner unweit eines Uebungsschützengrabens in der Nähe eines Wäldchens südwestlich vom Lager Döberig in der Richtung auf das ehemalige Fliegerlager ermordet und in dem Graben verscharrt worden sei. Auf Grund dieses Geständnisses, von dem natürlich noch nicht fest- steht, ob es hinsichtlich der Beteiligung Reims auch richtig ist, haben nach Ostern umfangreiche polizeilich« Nachforschungen auf dem von Reim an Ort und Stelle bezeichneten Gelände stattgefunden, ohne daß jedoch zunächst die Leiche gefunden werden konnte. Es sind nämlich an diesem Ort in den seit der Tat vergangenen vier Iahren kreuz und quer Uebungsgräben ausgehoben und wieder zugeschüttet worden, so daß«ine genaue Bezeichnung des Tatorts fast unmöglich ist. Es handelt sich um ein Gelände von mehr als 50 Metern im Quadrat, das gegebenenfalls bis zu einer Tiefe von 2 Metern umgegraben werden müßte, um die Ueberreste Legners zu finden. Zunächst soll aber erst durch eingehende Verhöre aller erreichbaren Mitglieder der in Frage kommenden Formation der Schwarzen Reichswehr, und zwar an Ort und Stelle auf dem Döberitzcr Platz versucht werden, den Verlauf des damaligen Uebungsgrabens möglichst genau festzustellen und dementsprechend Nachgrabungen vorzunehmen. Schlagen diese Bemühungen fehl, dann wird das ganze Gelände planmäßig abgesucht, da die Leiche unter allen Umständen sichergestellt werden soll. Mit dem Abschluß der Voruntersuchung gegen Reim und den zweiten Hauptangeklagtcn Boß ist sür die nächste Zeit zu rechnen, so daß der Mordprozeß Legner im Laufe des Sommers das Schwurgericht III in Berlin beschäftigten wird. Düsselüorfer Stahlhelmurteil. Ter erstochene Rcichsbannermann. Düsseldorf, 4. Mai.(WTB.) Nach einer Verhandlungsdauer von drei Wochen wurde gestern nachmittag gegen die 22 Angeklagte, die beschuldigt waren, an der politischen Schlägerei teilgenommen zu haben, bei der der Rcichsbannermann Erdmann er- stachen wurde, das Urteil gesprochen. Dreizehn Angeklagte wurden freigesprochen. Vier Stahlhelmleute und fünf An- gehörige der Roten Frontkämpfer wurden wegen Be- teiligung an einem Raufhandel, bei dem ein Mensch zu Tode kam, zu Gefängnisstrafen von einem Monat bis zu zwei Jahren verurteilt. Das Gericht nahm an, daß der Angriff von Ange- hörigen der Linksverbände(natürlich! D. Red.) ausgegangen fei. Wer Schuld an Erdmanns Tode trägt, sei nicht aufgeklärt worden. KeinS der beiden Parteien dürfe der anderen diese Schuld beimessen. Von den beiden Stahlhelmern Vobis, die als Haupttäter in Frage kamen, und von denen einer zu zwei Jahren, der andere zu sieben Monatey Gefängnis verurteilt wurde, ist der eine ein entlassener Fürsorgezögling, der andere ein achtmal vorbestrafter Dieb. Aber ihnen traut das Gericht nicht zu, daß sie die Angreifer sein konnten, trotzdem ein- wandsrei festgestellt wurde, daß die Stahlhelmer absichtlich in das Viertel gegangen waren, wo sich der Konsumverein befindet und wo schließlich der Reichsbannermann Erdmann von ihnen ermordet wurde! Preußens Aufwendungen für Landeskultur. Der preußische Landwirtschaftsmluister Dr. Steiger ver- öffentlicht einen Aufsatz über die Bedeutung von der Landeskultur und Wasserwirtschaft in Preußen. Die Meliorationstätig- t e i t, die durch die Regulierung der Zu- und Abflüsse für die Aus- dehnung und Intensivierung der Landwirtschaft von größter Be- deutung ist, wird von Preußen mit großen Mitteln gefördert. So wurden in den Jahren 1324 21,3 Millionen, 1923 22V, 1326 34,8 und im laufenden Jahre 9 7,8 Millionen Mark für diese Zweck- bereitgestellt. Die hierzu erforderlichen Arbeilen erstreckten sich teils auf die Verbesserung des vorhandenen Bodens durch Dränagen- und Bewässerungsanlagen, teils auf die Verhütung von Schäden durch Hochwasser. Durch eine Erhebung bei den untergeordneten Organen soll nun festgestellt werden, welche Aufgaben der letzteren Art noch zu lösen sind. Danach wird ein F i n a n z p l a n zu entwerfen sein, der die Finanzierung umfassender schadenverhütender Maßnahmen ermöglicht. Für die Errichtung von Thalspcrren zum Schutze gegen Hochwasser werden sich die Mittel dann leichter beschaffen lassen, wenn damit die Erschließung von Kraft- oder Wasseroersorgungswerken verbunden ist. Auf dem Gebiete des Deichbaues wird man infolge der Er- fahrungen der letzten Jahre noch mehr tun müssen, weil die bisher errichteten Deiche an vielen Stellen sich als unzureichend erwiesen haben. Erschwert wird dieser Ausbau aber durch die Tatsache, daß die großen schiffbaren Ströme Eigentum des Reiches geworden sind, während das Deichwescn Sache des Landes ge- blieben ist. Der preußische Staat hat auf dem Gebiete der Oedlandkulti- vierung in den letzten Jahren 70000 Morgen neuen Acker- l a n d e s geschaffen, wovon ein Drittel bereits der landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt ist. Die Deutsche Oedlandkultur-Gcsellschast hat weiter« klb Millionen für die nächsten drei Jahre zugewandt erhalten. Der Staat will ferner 60 000 Morgen in den Kreisen H ü m l i n g und A s ch e n d o r f durch Moorkultivierung gewinnen und dafür 14 bis 16 Millionen auswerfen. Schließlich ist noch zu erwähnen, daß auch für die d o m ö n e n- fiskalischen Moore, durch besondere Kreditgesctze in den früheren Jahren 3,4 Millionen, im laufenden 10,2 Millionen Mark bewilligt worden sind. Für die Entwässerung und Kultivierung des großen M o o s b r u ch s in den Regierungsbezirken Königsberg und Gumbinnen find der Domänenvcrwaltung 15,5 Millionen Mark zur Verfügung gestellt worden. Der Minister schließt seine interessanten Darlegungen folgendermaßen: „Zusammenfassend kann daher gesagt werden, daß im Rech- nungsjahr 1927 die Aufwendung für das landwirt- fchaftlich« Meliorationswesen durch den preußischen Staat einen Umfang erreichen wird, wie noch nie zuvor. Dazu treten noch die Leistungen der Provinzen und der öffentlich- rechtlichen Träger der Meliorationen selbst, sowie Reichsdarlehen. Es ist mit Sicherheit zu erwarten, daß gerade diese Arbeiten, die aus den natürlichen Bedürfnissen der Volkswirtschaft herauswachsen, zugleich eine starte Entlastung der Arbeitsmarktes herbeiführen werden. Denn diese Arbeiten erfordern ihrer Natur nach fast zu 80 Proz. die unmittelbare Verwendung menschlicher Arbeitskräfte, sie tragen dadurch in viel höhcrem Maße zur Minde- rung der Erwerbslosigkeit bei als die im wesentlichen mit Maschinen betriebenen Kanalbauten. Sie werden aber auch dauernd den Arbeitsbedarf erhöhen.- Kapßler-Gastspiel. Theater am Schiffbauerdamm. Friedrich Kayßler, der ehemalige Direktor der Bolls- bühne, wurde zu einem Ehrengastspiel eingeladen. Er verdiente durchaus, daß man ihn an dieser Stelle nicht vergißt. Wäre er ein so vorzüglicher Dramaturg wie Schauspieler gewesen, die Voltsbühne hätte ihn mit taufend Fäusten halten müssen. Jetzt kommt man ihm mit entzückender Gastfreundschaft entgegen und bittet ihn sogar, sein eigenes Stück„Jan, der Wunderbare" im Theater am S ch i f f b a u e r d a m m aufführen zu lassen. Dieser Bauernschwank ist unter den unzähligen von Schauspielern selbst verfaßten Theater- stücken gewiß ein sehr anständiges Stück, nicht bloß Hanswursterei, sondern das Werk eines klugen Mannes. Der Dramatiker Kayßler hat sich in der realistischen Bauernidylle gefallen, die von holländischen Meistern so oft und so genial gemalt wurde. In diese durch t-uff und Aberglaube verdummte Atmosphäre wollte Kayßler seine Komödie hineindichten. Er dramatisierte als ein literarischer Feinschmecker in Rabelais-Stimmung mit Reuchlinscher ijrimanilät und auch mit der polternden Köstlichkeit, die den„Zerbrochenen Krug" auszeichnet. Das ist alles lobenswert, es verrät den hochgebildeten Mann, dem allerdings dieser sehr saftige Stil nicht aus der originellen Natur, sondern aus der Literatenlaune entströmt. Doch was hat diese private Liebhaberei mit dem zu tun, was die Volksbühne braucht, damit sie nicht noch mehr der zwecklosen Thcaterspielerei versälll? Irrt man sich nicht, so wurde das Theater am Schiffbauerdamm doch nicht erworben, danüt es als Antiquitäten-Kammerspiel-Theater dient. Den ganzen Winter wurde hier nichts geleistet, was den Willen und die Kraft verrät, am lebendigen Theater teilzunehmen. Der Erfolg mit dem„Grabmal des unbe- kannten Soldaten" ist kein Erfolg, den die erfindungsreichen Wächter der Volksbühne sich zurechnen dürfen. Denn diese dramatische Rhap- sodie wurde vorher an einem anderen Berliner Theater ausprobiert und nachher erst von der Volksbühne ausgebeutet. Und die Blamage mit der„Tragödie der Liebe" wird nicht durch diesen Schwank des gebildeten und theaterkundigen Theatermanncs Friedrich Kayßler ausgelöscht. Das Experimentiertheater, das man versprochen hatte, ist bisher auch nur die Zierde einer Zeitungsnotiz. Der Mai ist gc- kommen, und es ist fast schon zu spät/ um Versäumtes einzuholen. Wenn sestgestellt wird, daß der Theaterabend mit„Jan dem Wunderbaren" ganz lustig war, so könnte das Lob auch für jedes xbeliebige Theater zutreffen. Die Volksbühne müßte aber anders gelobt werden. Es wird also eine Satire auf die Wunderbtödheit des Bauern Jan geschrieben. Jan wird von den schadenfrohen Kum- panen so klitzeklein verrieben, daß er beinahe ins Wasser geht. Natllr- lich geht er nicht dorthin, sondern nur in das Bett seiner besten Hälfte, damit er wieder ein ordentlicher Mann wird, gesund in den Lenden und im Kopfe. Kayßler selbst hat in diesem Stück nicht emmal eine sehr verführerische Rolle. Er spielt einen Sausaus schlecht und recht. Also hat ihn nur der Dichterstolz verleitet. Matador des Abends ist V i k t o r S ch w a n n c ck e, der alle Acngste des wunder- gläubigen Bauerntölpels erleidet und eine zwechsellerfchlltternde Roß- krir zur Heilung seines Verstandes mit mehr als schauspielerischer Routine erledigt. Diegelmann und Richard Leopold und Grete Beck Helsen mit, damit in die holländische Bauernstube jene sprichwörtliche Jux- und Qchnapsstimmung kommt, deren Glori- sizierung sich die Meister des Pinsels in mehreren Jahrhunderten zur Aufgabe machten. M. H. Vuellverultung im Lustfpielhaus. „Bob dys letzte Nacht" ist deshalb für Bobby die letzte, weil er sich am nächsten Morgen im Pistolenduell von einem treffsicheren Gegner totschießen zu lassen hat, und zwar aus so blödsinnigen Gründen, wie sie bei Duellen üblich sind. Bobby findet den Anlaß zu seinem Ehrenhandel(eine dem Gegner ins Gesicht gerutschte Bananenschale), die somit dessen Ehre befleckt hat, zu nichtssagend und denkt sich daher eine romantische Geschichte aus, bei der die Frau seines Freundes eine Rolle spielt und die seinen voraussichtlichen Tod heroisch verbrämen soll. Diese Evelyns ist von solcher Romantik sehr geschmeichelt und schenkt daher dem jungen Todeskandidaten eine Nacht—, unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß er daraufhin unter die Erde abzutreten hat. Das Duell kommt aber nicht zustande, Bobby, der Totgehoffte, er- scheint lebensfrisch zum Morgenkaffee bei Evelync. Seine Lebendig- keit findet sie verabredungswidrig, abgeschmackt und peinlich. Bis dahin ist das Schwankmotiv sehr hübsch. Aber dann läßt den Autor Johannes Brandt die Muse im Stich. Mit wenig Gehirnaufwand hätte man auf diesen soliden Unterbau ein lustiges Komödiengebilde errichten können. Statt dessen stoppelt der Ver- fasser im lahmen Dialog ein Mosaik aus bewährten Mustern der Schwankliteratur zusammen und erzeugt ein langatmiges, sich müh- selig zum Ende schleppendes Lustspielgemisch. Der trotzdem herz- liche Beifall des Publikums wäre lauter gewesen, wenn nicht Lotte K l i n d e r die Evelyns gespielt hätte. Dieser reizend anzu- sehenden Darstellerin fehlt zwar nicht die Bühnenroutine, aber fraulicher Charme und das Herz, mit dem die reichlichen Unwahr- scheinlichkeiten des ivtückes üherbrückt werden müssen. Hans I u n k e r m a n n und Kurt Vesper mann treffen dagegen famos den Ton, der das Zwerchfell zu befreiendem Lachen reizt. _ Dgr. Das„kuckucksei" im kleinen Thealer. Es war nicht mal ein richtiges Kuckucksei, das Herr M. Groetzinger mit diesem„grotes- ken Schwank" dem Kleinen Theater gelegt hatte. Denn aus einem Kuckucksei kriecht am End« doch schließlich wenigstens ein lebendiges Viech heraus: dieses hier aber war durchaus hohl. Herr Groetzinger glänzt in Einfallslosigkeit. Er füllt drei Akte mit einer energischen Schwiegermutter, einem trottelhaften Schwiegervater und einem Reisekoffer, in den man zur gegebenen Zeit hinein- oder aus dem man wieder herauskriecht. Diese allerältesten Schwankideen, die er auftischt und mit ein paar billigen Aphorismen verbrämt, können wirklich selbst an einem schönen sommerlichen Maitag keinen Hund hinter dem Ofen heroorlockcn. Man gähnte, gähnte, gähnte. A r t u r M. Wcrraus Musik ist besser als das Stück, weniger wegen der — nun, sagen wir:. nicht eben zahlreichen— Einfälle, als wegen der immerhin flotten, schmissigen Ausmachung. Herbert Döblins frech« Bühnenbilder sind das beste an diesem Schwank, was aller- dings auch noch nicht viel bedeutet. Von den Schauspielern wurde der diesmal mit billigster Parkettkomik arbeitende Harry Lambertz-Paulsen am meisten beklatscht. Fritz Hirsch als trottelhafter Professor zeigt in einigen fein-komischen Momenten, daß er sauberere Schauspielerarbeit liefern kann, als sie dieser Abend verlangt. Von den Damen spielt Hella K ü r t y anspruchslos, aber sehr anmutig, und Gerda Maurus und Margot Schwarz sehen wenigstens nett aus. Stavi Greder ini Stück Harry Lambertz-Paulsens Schwiegermutter, scheint ihm im Spiel blutsverwandt. T e s. ZUuseums-Generaldirektion und Ministerium. Seit der Gene- raldivektion Wilhelm von Bodes mar der Posten des Generaldirektors der Staatlichen Museen von dem des Referenten für Museums- angelegenheiten im preußischen Kultusministerium getrennt. Bodes Vorgänger war noch beides gewesen, Generaldirektor und vor- tragender Rat im Kultusministerium. Die Trennung der Aemter erwies sich als notwendig, als mit Bode einer der Abteilungsleiter der Museen Generaldirektor wurde und auch als solcher die Leitung seiner Abteilung, des Kaiser-Frtedrich-Mufeums, behielt. Dieser Zu- stand, der auch unter Bodes Nachfolger Otto von Falke fortbestand, oll nun wieder geändert werden. Geh. Rat W a e tz o l d t, der in diesem Jahre den Posten des Generaldirektors übernimmt, wird auch als solcher im Ministerium Referent sür Museumsangelegen- heiten sein. Ein Denkmal sür Caruso. Auf dem Neapeler Friedhof werden die Freunde Carusos über dem Grab ein lebensgroßes Standbild des Sängers zur Ausstellung bringen. Die Vorgeschichte dieser Denk- malsstiftung ist insofern interessant, als bisher der Tote, der mumi- fiziert worden ist, durch eine Glasplatte für die Besucher sichtbar war. Eine amerikanische Filmgesellschaft hat sich dies zunutze gemacht und in verschiedenen Ausnahmen den toten Caruso gefilmt. Die lebens- große Statue wird den Eingang zum Sarkophag verdecken und weitere Photos der Mumie unmöglich machen. Eine Gruppen stunde unier Leitung von Mary Wigmaa wird die Volks- büdneE. V. am Sonntag, dem 15. SPJat, vonnittagZ II1/, Nbr. im Tdeater am Bülowplatz einer breiteren Oessenllichkeit zeigen. Marl, Wlginan wird selbst die einzelnen Hebungen, die sie mit ihrer Gruppe vorsührt, durch irläuternde Worte ciul-itcn. Karlen zum Preise von M. 1.30 in den Verkaufsstellen der Vollsbilhne ö. V.(Tietz'sche Theater- lassen usw.). Die ventsche krinstgem einschalt zeigt in ihrer neuen Ausstellung im S ch l o tz. die am k. eröffnet wird, Bilder, die die Landschaft darstellen. daneben Delgemälde und Plastiken badischer und hessischer Künstler sowie die sländige Gemälde- und Bildnisausstellung. lieber Goethe» Wissenschaft vom Leben mit Lichtbildern nach unver- öffentlichtem Material aus dem Nachlatz spricht BibliothekSrat Dr. Julius Schuster im Rahmen der Veranstaliunzen der Goethe- Gesell- schast dcr Ortsgruvpe Berlin. Der Bortrag findet am 5., 3 Uhr, im Hörsaal des Hygienischen Instituts, Dorolhcenstr. 23», statt. Die Galerie Z. Easper, Kursürstendamm 233, eröffnet am 8. die Mal- Ausstellung mit Kollektionen von Käte WilczhnSkt(Graphik) und D. RogalSky(BUder und Graphik). Kerner wird Prof. E a u e r- Königsberg eine Ileiue Auswahl seiner Plastik zeigen. Amnestie für politische Gefangene. Ein sozialdemokratischer Antrag im Landtagsausschuh angenommen. Der Rechtsausschuß des Landtags hatte sich dieser Tage wieder einmal mit einem kommunistischen Am- nestieantrag zu befassen. Der Antrag verlangte nicht mehr und nicht weniger als Straffreiheit für sämtliche politisch« Ver- brechen und Vergehen, gleichgültig, ob von rechts oder links be- gangen, die bis zur Stunde in Preußen abgeurteilt sind, sowie auch sämtlicher nichtpolitischer Verbrechen und Vergehen, wenn sie nur irgendwie mit einem politischen Vergehen im Zusammenhang stehen. (Also z. B. Straßenraub bei Gelegenheit einer Demonstration..) Von der Amnestie ausgenommen sollen nur die Fememörder der Schwarzen Reichswehr und der OC. sein, nicht aber etwa die deutschnationalen Ministerverleumder, die Hakenkreuzlerischen Row- dies, die Reichsbannerkameraden erschlagen haben, usw. usw. Die Beratung des Antrages wurde zu einer ungeheuren Blamage für die Kommunisten. Die Abgeordneten Obuch und Menzel hielten stundenlange Reden, ohne konkretes Material beizubringen. Um die Rechtsparteien für seinen Antrag zu gewinnen, ließ sich Obuch sogar dazu herbei, eine halbstündige Verteidigungsrede für den Feniehüuptling Oberleutnant Schulz zu halten, der nach Obuchs Ansicht in Landsberg ganz ungerechtfertigt zum Tode verurteilt worden ist! Ministerialrat K u h n t vom preußischen Justizministerium ver- wies darauf, daß in Preußen in den Jahren 1320, 1922 und 192S umfassende Amnestien erlassen wurden, außerdem noch nach den Ereignissen von 1923 eine Art Amnestie, bestehend aus mehr als 20 00<1 Einzelbegnadigungen. Zurzeit liege schon deshalb kein An- laß zu einer neuen Amnestie vor, weil eine Umfraqe im Oktober 1926 in sämtlichen preußischen Strafanstalten eine Gesamtzahl von nur 81 politischen Inhaf tierten ergeben habe. Die Zahl der Personen, die deshalb noch sitzen, weil sie als besonders schwere Fälle von früheren Amnestien ausgenommen waren, beträgt kaum mehr als fünf! Als Redner der SPD. machte Abg. K u t t n« r darauf auf- mcrksam, daß bei der Beratung der ersten Lesung der Kommunist Pieck im Plenum zwar eine einstllndige Rede gehalten, aber nicht einen einzigen Fall erwähnt habe, der der preußischen Begnadigung?- gewalt unterliegt. Seine gesamten Angrisse bezogen sich auf das Reichsgericht und den Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik, also Reichseinrichtungen. Im übrigen sei die Sozial- dcmokratie keineswegs damit einverstanden, wenn in Konsequenz des kommunistischen Antrages z. B. die zu sechs und fünf Monaten verurteilten völkischen Verleumder Izirtsiefers einfach lausen gelassen würden. Den Femeoberleutnant Schulz habe 1)err Obuch weit besser verteidigt, als dessen bezahlter Verteidiger Rechtsanwalt Bloch. Härten und Ungerechtigkeiten der politischen Rechtsprechung in Preußen kommen leider noch vielfach vor, nicht nur etwa gegen Kommunisten, sonder» auch gegen Reichsbonnerkameraden und Sozialdemokraten. Diesen Fällen ober läßt sich auf dem Wege der Einzelbegnadigung abhelfen, und man muß anerkennen, daß das preußische Justizministerium aus diesem Gebiete außerordentlich viel Gutes leistet. Di« Sozialdemokraten schlagen deshalb statt des kommunistischen Antrages, dessen Konsequenzen ganz unübersehbar sind, eine Entschließung vor, durch die das Justizministerium nusgcfordert wird, wie bisher der politischen Rechtsprechung sein Augenmerk zuzuwenden und Härten auf dem Gnadenwege zu beseitigen. In der Abstimmung wurde der kommunistische Antrag gegen die Stimmen der Antragsteller abgelehnt, der s o z i a l d e'm o- k r a t i s ch e gegen die Stimmen der Deutschnationalen und der Volk-partei angenommen. Neiniger ües öffentlichen Lebens. Woher stamuit das Stresemanit-Material. Die„Nationalliberale Korrespondenz" hatte kürzlich in be- stimmtest«! Form erklärt, die deutschnationale Partei habe gestohlen- Akten angekauft und diesen Akten sei auch das Material entnommen worden, das im Plauener Prozeß gegen Stresemann verwendet wurde. Nun druckt die„Kreuzzeitung" eine Berichtigung ab, die der Hauptgcschäftsführer der Deutschnationalen, Dr. Weiß, dem volksparteilichen Organ geschickt hat. Darin wird wiederum— zum wievieltenmal?— versichert und beschworen, daß das bewußte Material nur erworben worden sei, um gegen die Sozial- demotrat ie verwendet zu werden. In dieser„Berichtigung" liegt ein ganz nettes Eingcständis. Früher haben die Deutschnationalen stets behauptet, es sei ihnen um die„Reinigung des öffentlichen Lebens" zu tun. Die„Reinigung des öffentlichen Lebens" muß aber doch ganz bestimmt ohne An- sehen der Partei erfolgen. Material, das angeblich geeignet ist, eine bestehende Korruption zu eisthüllen, müßte also verösfent- licht werden, ganz gleich, ob die Veröffentlichung den augenblicklichen taktischen Zwecken einer Partei entspricht oixr nicht. Die deutschnationalen»Reiniger des öffentlichen Lebens" ver- fahren jedoch ganz anders. Es gab eine Zeit, in der sie es für taktisch richtig hielten, auch gegen Zentrumssührer wie Erzberger und gegen Stresemann mit persönlichen Verdächtigungen loszuziehen. Heute gebietet ihnen die taktische Lage, den Feldzug gegen Zcntrumsleute und Volksparteiler einzustellen, weil man sich mit ihnen in einer Koalition befindet. Darum die wiederholten kramps- haften Beteuerungen, man habe Herrn Stresemann nie etwas am Zeuge flicken wollen, und di« ganze Aktion richte sich nur gegen die Sozialdemokratie. Damit geben die Deutschnationalen zu, daß ihre ganze„Reinigung des öffentlichen Lebens" nie etwas anderes war als ein schmutziges Parteimanöver. Vordem war es ganz angenehm, auch gegen Stresemann ein paar Stinkbomben in der Hand zu haben. Jetzt aber spielt man, wenn nurn darauf festgenagelt wird, die oersolgte Unschuld. Jetzt beklagt sich die„Kreuzzeitung" über die„Nationaliiberale Corr«- spondenz": Was bezweckt die„Nationalliberale Correspondenz" mit ihrer anrüchigen K a m p f e s w e i s«, und ist niemand da, der endlich ganz energisch dafür sorgt, daß der gegen die Deutschnatio- nalen angeschlagene Ton und die Methode abgestellt werden? Das Verhalten der«Nationalliberalen Correspondenz"�- ist skandalös. „Anrüchig" ist olles, was den Deutschnationalen unbequem ist. Nur die Kampfesweise der Deutschnationalen strömt einen ange- nehmen Geruch aus.___ die Maiverhastungen in Paris. Hungerstreik der Eingesperrten. Varls. 4. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Der kommunistische Ge- werkschaftssekretär Monmousson und zehn semer Genossen, die am 1. Mai festgenommen und ins Gefängnis eingeliefert worden waren, sind in den Hungerstreik getreten. Abg. C a ch i n(Komm.) ist am Dienstag wegen„Aufreizung von Soldaten zum Ungehorsam" zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Eine ISstündige wossenruhe ist in Nicasogua eingetreten. damit General M o n c a d o. der liberal« Militärfllhrer, in Tipi- tapi mit Präsident Coolidges persönlichem Vertreter S t i m s o n reden kann. Die Stempels Ein plumper Bctrugsversuch, den In der Angelegenheit des oerhafteten Kaufmanns L e f t o w- s k y, der, wie mitgeteilt, Betrügereien mit gefälschten Reichsstempeln versuchte, ist keine neue Wendung eingetreten. Es heißt, daß Lefkowsky in keinem F a l.l e die Schwinde- leien gelungen sind. Er hat also trotz umfassender Vorbereitungen aus den falschen Stempeln keine materiellen Vorteile ziehen können. Jedenfalls wollte er nur einen geglückten Coup ab- warten, uni dann mit dem Gelde das Weite zu suchen. Leskowsky wurde heute vormittag dem Untersuchungsrichter vorgeführt und hat gar nicht versucht, seine Schwindeleien zu leugnen. Er legte bereits ein umfassendes Geständnis ob und war nur bemüht, den Her- st e l l e r der Stempel zu verheimlichen. Die Kriminalpolizei ver- sucht jetzt auf andere Weise sich zu unterrichten, ob es sich um eine Stempelsirma oder um eine Privatperson handelt, die nach Anweisung Lefkowskys handelte und die falschen Stempel her- stellte. Im großen und ganzen handelt es sich um einen Fall, der in der Berliner Kriminalgeschichte durchaus nicht selten ist. Was Lefkowsky vergeblich versuchte, ist vielen anderen vor ihm gelungen. Tie Flucht ans dem Gefängnis. Der Einbrecher Spang, der aus dem Gerichtsgebäude geflohen ist, ist noch immer spurlos verschwunden. Spang hatte sich wegen des großen Dahlemer Banderolendiebstahls zu oerantworten. Wie der gefährlich« Verbrecher die Freiheit erlangt l)at, ist auch heute noch nicht ganz geklärt. Nach dem Ergebnis aller Ermittlungen muß an- genommen werden, daß es Freunden von ihm gelungen ist, ihm während er mit den anderen vom Verhandlungssaal des Strafgerichts durch den langen Gang nach dem Untersuchungsgefängnis zurückge- führt wurde, einen Dietrich oder sonst ein geeignetes Werkzeug heim- lich zuzustecken. Von einem gewaltsamen Ausbruch ist keine Spur zu finden. Aus Brandenburg war der Verbrecher im Oktober v. I. errtwichen, nachdem er einem Arbeitstommando zugeteilt worden war. Er war dann die Haupttriebseder zu dem großen Einbruch in das Finanzzeugamt in Dahlem. Spang hatte noch zwei Jahre Die versteckten Waffen. Waffendurchsuchung bei Rechts- und Linksradikalen. Bei zwei politischen Kundgebungen der völkischen sozia- len Arbeitsgemeinschaft, die in der Großen FvanksuNer Straße tagte, und des Roten Frontkämpferb u n des, der in der Neuköllner Kindlbrauerei eine Versammlung abhielt, wurden gestern abend zahlreiche Waffen beschlagnahmt. Kriminalbeamte erschienen plötzlich auf der Bildfläche, besetzten die Ein- und Ausgänge der Lokale und nahmen eine gründliche W a f f e n d u r ch s u ch u n g, vor. Da von den Versammlungsteilnehmern vermutlich mir einer Durchsuchung gerechnet worden vzar, hatten sie die Waffen an allen möglichen Orten versteckt, wo sie jedoch von den Beamten entdeckt und beschlagnahmt wurden..Der Polizeipräsident teilt hierzu folgendes mit: Am 3. Mai abends wurden die Teil- nehmer an der öffentlichen Versammluua der völkisch-sozialen Ar- beitsgemeinschaft(Richtung Kube) in"einrichs Festsälen in der Großen Frankfurter Straße nach Schluß der Bersammlung »ach Waffen durchsucht. Hierbei wurden eine geladene B r o w n i n g p i st o l e, ein geladener T r o in m e l r« v o l v e r mit Munition, ein Schlagring, ein G u m m i s ch l a u ch, ein 36 Zentimeter langes Kabelstück und eine Anzahl Patronen im Saale v e r st e ck t vorgesunden. Bei drei namentlich sestgestellten Personen wurde ein« Stahlrute und zwei feststehend« Messer be- schlaenahmt. Die Besitzer wurden in das Polizeipräsidium einge- liefert. Bei einer am selben Abend vorgenomnieiien Untersuchung einer öffentlichen Versammlung des Roten Frontkampferbundes in der Kindlbrauerei zu Neukölln wurden vier Schlagringe, ein Tot- schläger und eil, Dolch im Saal versteckt aufgefunden. Zwangsinternierung. Von ärztlicher Seite wird uns geschrieben: Nach der Anweisung siir Privatirrenanstalten, um die es sich im Falle des Molkereibesitzers von G. handelt, darf nach dem Ministerialerlaß vom 26. März 1901 die Aufnahme in eine Anstalt nur erfolgen auf Grund des Zeugnisses des zu- ständigen Kreisarztes, eventuell Gerichtsarztes oder des ärztlichen Leiters einer öffentlichen Irrenanstalt oder einer psychiotrischenUniversitäts- klinik. Das Zeugnis muß genau angeben und begründen: Ver- onlassung, Zweck des Attestes, Untersuchungsbefund, eigene ärztliche Wahrnehmungen, anderweitige Mitteilungen, Kronkheitszeichen, Angaben, weshalb die Aufnahme in eine geschlossene Ansalt erfolgt. Ist einer der oben genannten Zlerzte zugleich Arzt einer Privat- anstalt, so darf er für diese keine Begutachtung zur Aufnahme ab- geben. Wegen Geistesschwäche bereits Entmündigte können nach Antrag des Vormundes auf Grund eines privatärztlichen Attestes aufgenommen werden. In dringenden Fällen, in denen der zuständige Amtsarzt nicht so schnell zu erreichen ist, kann jeder Arzt ein Attest zur Aufnahme in die Anstalt ausstellen. Dann ist aber die Anstalt verpflichtet, innerhalb 24 Stunden den zuständigen Kreisarzt zu benachrichtigen, der wiederum innerhalb dreier Tage den Kranken zu begutachten hat. Dieses Attest, das zur Aufnahme führte, darf in keinem Falle über 14 Tage zurückliegen, lieber die Aufnahme eines Geisteskranken muß der O r t s p o l i z e i bzw. der Staatsanwaltschaft Meldung erstattet werden. Die Entlassung aus der Anstalt muß erfolgen, wenn die Krankheit be- endet oder infolge Besserung keiner weiteren Anstaltsbehandlung bedarf. Widersetzt sich die Anstalt einer verlangten Entlassung, so sind die Gründe hiersür vom leitenden Arzt der Staatsanwaltschaft mitzuteilen. Wurde der Kranke von der Polizei aus Sicherheite- griinden oder während einer Haft überwiesen, so darf die Eni- lassung nur mit Genehmigung der Behörde erfolgen. Ist Störung der öffentlichen Sicherheit zu befürchten, so muß auf Grund ärzt- lichen Attestes gleichfalls die Ortspolizei ihr« Genehmigung zur Ent- lassung erteilen. Freiwillige Ausnahme in eine Irrenanstalt kann erfolgen aus Grund eines ärztlichen Attestes, wenn der Aufzunehmende im Besitz eines ausreichenden Verständnisses für den Zweck seiner Ausnahme sich befindet(z. B. bei Morphiumentziehung) und schristlich um Auf- nähme ersucht. Bei Unmündigen ist die Zustimmung des Vor- mundes oder des Vaters erforderlich. Die Aufnahme darf nur in behördlich hierzu befugten Anstalten erfolgen, die wiederum unter Aufsicht des Kreisarztes und einer ministeriellen Unterfuchungs- kommission stehen._ Tagung des Landeseisenbahnrats Berlin. Am 27. April tagte in Berlin unter dem Vorsitz des Reichsbahn- direkiionspräsidenten Dr. S t a p s f der für die Reichsbahndirektions- bezirke Berlin und Stettin bestellt« Landeseisenbahnrat Berlin. Am Tage zuvor hatte der ständige Ausschuß des Landeseisenbahnrats zur Vorbereitung der Haupttogung eine Sitzung abgehalten. Es kamen wichtige Fragen des Personen- und Güterverkehrs der Reichs- bahndirektionsbezirke Berlin und Stettin zur Besprechuno. Nach einem von den Vertretern der Reichsbahn erstatteten Bericht über die Verkehrs- und Betriebslage wurde insbesondere über Fragen der Gütertarispolitik der Reichsbahn, über Fahrplanwünsche der In- teressenten, über die Möglichkeiten der Verbesserung des Berliner und Stetttner Vorortverkehrs und über den Ausbau einiger Reichs- bahn- und Privatbahnstrecken beraten. ilsther-�lssäre. die Kriminalpolizei aufgeklärt hat. u ch t h a u s zu verbüßen. Dazu kommen jetzt fünf Jahre u ch t h a u s, zu denen er wegen des Banderolendiebstahls in seiner Abwesenheit verurteilt wurde. Der Flüchtige, der am 20. März 1832 zu Usingen geboren wurde, ist 1,66 Meter groß und schmächtig, hat ein ovales Gesicht, dunkelblondes Haar und einen gestutzten Schnurrbart und trägt gute Kleidung: einen schwarzen steifen Hut, einen blauen Anzug und einen schwarzen Mantel. Ein besonderes Kennzeichen ist das Fehlen des Mittelfingers der linken Hand. Mit- teilungen über sein Auftauchen an Kriminalkommissar Bünger und die Fahndungsinspektion H. im Polizeipräsidium. Wozu Geld da ist... Ein Schuhmacher, der nicht bei seinem Leisten blieb, wurde gestern in Karlshorst festgenommen. Der Schuhmacher Wilhelni Z e n n e r, der im Osten Berlins wohnt, gab vor einigen Zeit'einen Beruf aus und gründete eine„Sportzentrale Karlshorst", ohne dasür ein Bureau einzurichten. Er oersandte nach allen Richtungen über ganz Deutschland angeblich gute Tips für die Karlshorster und andere Rennen. Wer auf seine Angebote einging, erhielt je fünf Tips zun, Gesamtbetrage von 15 M. gegen Nachnahme zugestellt. Das Geld lieh sich Zenner postlagernd nach Karlshorst schicken. Die Beamten des Buchmacherdezernats hatten den Mann schon länger im Verdacht, hielten ihn auch ein paarmal an, konnten ihm aber bisher nichts Strafbares nachweisen. Die Tips, die man bei ihm fand, wollte er selbst van der„Sportzentrale" zugesandt erhalten haben. Gestern gelang es endlich, ihn zu überführen. In seinem Befitze fand nion 78 Postabschnitte, zwei Päckchen Nachnahmesendungen, die zurück- gekommen waren und 1479,05 Mark bares Geld. Aus den Abschnitten geht hervor, daß er diesen Betrag binnen zwei Tagen von seiner Kundschaft eingenommen hatte. Zenner lebte von diesen verbotenen Geschäften einen guten Tag, während er sich um seine Familie wenig kümmerte. Diese mußte für ihren Unterhalt im wesentlichen selbst sorgen. Er wurde wegen fortgesetzten Verstoßes gegen das Rennwettgesetz von der Kriminalpolizei dem Richter zu- geführt. Das Miflistlppi-tzochwaffer. Neue Ueberschwemmungsgefahre». 3m nördlichen Louisiana und auch im Mississippidelta in der Nähe von Vicksburg und nördlich von vidalis drohen neue Ueberschwemmungsgesahren. Das schlimmste wird von einem möglichen große» Dammbruch unterhalb von Didalis befürchtet. wo bereits vier Bruchstellen vorhanden sind. Ein solcher Dammbruch würde das Hauptdammsystem gefährden und ein großes Gebiet In einen See verwandeln. Nach weiteren Meldungen aus New Orleans ist dort das Wasser trotz der Dammsprengungen erst um 4 Zoll gesunken. Gerade diese Tatsache lasse erkennen, wie groß die Gefahr ist, die New Orleans bedroht. Die Lage der Stadl« im Ucberschwemmungsgebiet bleibt nach wie vor außerordentlich gefahrvoll. Insgesamt sind 30 Städte überflutet worden, nicht weniger als fünf Deiche haben dem ungeheuren Druck nachgegeben und sind zerstört worden. Die Epide- mien, die an verschiedenen Stellen in der letzten Woche ausgebrochen waren, konnten glücklicherweise eingedämmt werden. Etwa 100 an Grippe erkrankte Personen wurden in einein Sammellager 50 Meilen von New Orleans entfernt untergebracht. Natürlich sind in allen Teilen Erkältungserkrankungen festzustellen, die jedoch keinen gefährlichen Charakrer anpahmen. Im ganzen Lande ist eine ollge- meine Hilfsaktion eingeleitet worden, um den Opsen, der Katastrophe beizustehen. Handelssckretär Mr. Hoover ist nach Washington gereist, um dort mit dem Präsidenten C o o l i d g e die Lage zu besprechen. Im ganzen läßt sich heute noch nicht über- sehen, wann diese größte Wasserkatastrophe, die die Bereinigten Staaten je betroffen hat, ihren Abschluß erreichen wird. Washington, 4. Mai.(WTB.) Präsident C o o l i d g e hat entschieden, daß es nicht nötig sei, ein« Sonderjession des Kongresses wegen der lleberschwemmungskatastrophc einzuberufen, da er hoffe, daß sein Ausruf zur Unterstützung des Roten Kreuzes genügen werde. Bisher haben die Beträge für die von der lleberschwem- mung Betroffenen 5 400 000 Dollar ergeben. * Hochwasser in Sibirien. Der sibirische Fluß T o b o l sührt Hoch- wasser und hat bereits 6 Dörfer völlig überschwemmt. Raubüberfall am stillen Ort. Am hellen Tage wurde gestern nachmittag zwischen 6 und 7 Uhr ein 19 Jahre alter Kellner Heinrich V., der in Potsdam in Stellung ist, überfallen und beraubt. Der junge Mann hatte gestern seinen freien Tag und war nach Berlin gekomnien, um seine Eltern in der Gartenstraße zu besuchen. Er sollte jedoch sein Ziel zunächst r.cht erreichen. Als er am Jnvalidenpark und der Scharnhorststraße eine Bedürfnisanstalt betrat, siehlen plötzlich zwei Männer von etwa 2 5 bis 3 0 Iahren von rechts und links über ihn her. Einer versetzte ihm einen Schlag ins Genick. Als er sich wehrte, erhielt er drei Messerstiche in die linke Hand, die er zur Abwehr erhoben hatte. Die Räuber schlugen dann w e i t e r a u f i h n e i n. so daß er gegen die Wand taumelte, packten ihn und zogen ihm aus der Gesäßtasche das Portemonnaie mit einem 50- und einem 5-Mark-Schein heraus, ent- flohen mit der Beute in den Jnvalidenpark hinein und entkamen trotz seiner Hilferufe. Der Verletzte ließ sich im Slugusta-Hospital ver- binden und machte dann Anzeige. Wer hat ein billiges Zimmer? Der Vereinigung sozialdemokratischer Stu- d e n t e n gehören eine Anzahl von Mitgliedern an, die ihr Studium unter allerschwierigsten Verhältnissen durchführen müssen. Um diesen Genossen, deren Eltern zumeist Arbeiter oder unsere Beamte sind, ihre schwere Lage wenigstens etwas zu erleichtern, wäre es dringend erwünscht, billig« W o h n g e l e g e n he i t für sie zu schassen. Parteigenossen, die bereit sind, Zimmer zu mäßigen Preisen oder völlig kostenlos zur Verfügung zu stellen, bitten wir, ihre Adressen dem Genossen L. Schreiner, Neukölln, Hermannstrahe 107, vorn 2 Tr., zu übermitteln. Ein schweres Autounglück ereignete sich in N i e d e r s ch ä n e- weide etwa 100 Meter vor der Eiinnündung der Grünauer Straße. Der Führer eines Kraftwagens fand dabei den Tod. Der Krastwagensührer Otto Burchard aus der Gräsestraße 8, der einen zweiten Kraftwagen in Schlepp hatte, fuhr in ziemlichem Tempo gegen einen Baum. Der Wagen überschlug sich und B. wurde auf das Straßenpslaster geschleudert. Unglücklicher- weis« lösten sich einige schwere Motorteile des zweiten Krastwagens, der mit dem ersten mit großer Wucht aufprallte, und begruben den Verunglückten unter sich. B. wurde durch die Feuer- wehr in bewußtlosem Zustande in das Elisabeth-Krankenhaus gc- schafft, wo er nach der Einlieferung starb. Sprechchor für prolekarische Feierstunden. Die Versammlung am Donnerstag findet nicht statt. Dafür abends �8 Uhr im Aesangs- saal der Sophienschule, Weinmeistcrstr. 16/17, Uebungsstunde für die Morgenfeier am Sonntag, den 8. Mai. Alle Beteiligten» auch die Kinder, müssen zur Uebungsstunde kommen. Die Sladlverordnelenversommlung hat ihre nächste Sitzung am Donnerstag dieser Woche um �5 Uhr. Auf der Tagesordnung steht unter anderem eine lange Reihe von Antrögen. Der �lbbau öer Krksenfürsorge. VerteidigungKversuch des Reichsarbeitsministers. Die„Germania" veröffentlicht eine Unterredung mit dem Reich-arbeitsminister Dr. Brauns über den Arbeitsmarkt und die Erwerbslosenfürsorge. Der Reichsarbeitsminister weist zunächst auf die Besserung in der Arbeitsmarktlage hin, die ja von niemand bestritten worden ist. Dann führt der Reichsarbeitsminister aus: „Die Reichsregierung hat in der Feststellung der Unter- stützungsdauer gesetzlich einen gewissen Spielraum: sie hat seit jeher nach Bedarf von der Ermächtigung Gebrauch gemacht, die Unterstützungsdauer zu verlängern, wenn eine Berschlechterung des Arbeitsmarktes es erforderte, und es entspricht auch nur diesem Versahren, wenn sie jetzt die Unterstützungsdauer herabsetzt für solche B e r u f s g r u p p e n, für die es angesichts der Besse- rung des Arbeitsmarktes gerechtfertigt ist. Die Regierung geht dabei aber mit der gebotenen Zurückhaltung zu Werke. Sie hat es beispielsweise bisher abgelehnt, die Unterstützungsdauer für das Baugewerbe herabzusetzen, obgleich alle Aussichten dasür sprechen, daß das Gewerbe einer günstigen Konjunktur entgegengeht. Da sich diese Aussicht aber bisher auf dem Arbeits- markt noch n i ch i voll ausgewirkt hat, hat die Regierung an der Unterstiitzungshöchstdauer der Bauarbeiter bisher noch nichts geändert. Dagegen ist die Zahl der Arbeitslosen im Spinn- stoffgewerbe, im Beroielsältigungsgewerbe und in der' G ä rt ne r e i allerdings so stark zurückgegangen, daß die Reichsreaierung es verantworten tonnte, die Unto-stützungsdauer um 13 Wochen zu verkürzen. Für diese Berufe beträgt die Höchstdauer immerhin noch 33 Wochen." Auf die Frage, was die Reichsregierung hinsichtlich der Krisenfürsorge für Absichten habe, erwiderte der Reichs- arbeitsminffter:. „Auch hier ist in keiner Weise an einen allgemeinen Abbau gedacht. Die Krisenfürsorge ist. wie schon ihr Rain« sagt, eine Maßnahme für außergewöhnliche Notzeiten. Es scheint also nicht gerechtfertigt, daß für B e r u f s g r u p p e n, für welche die Erwerbslosenfürsorge in ihren Möglichkeiten nicht voll ausgeschöpft wird, die Krisensürsorge eintritt. Es ist daher nur eine logisch« Konsequenz, wenn für die genannten Berufsgruppen die Krisenfürsorge e i n g e st e l l t wird. Die zahlenmäßige Be- deutung einer derartigen Maßnahme ist übrigens nicht so groß." Daraus ist zu entnehmen, daß nach dem Beschluß des sozial- politischen Ausschusses der Reichsarbcitsminister von seiner ursprüng- lichen Absicht, nicht nur für gewisse Berufe, sondern auch für gewisse Bezirke die Krisenfürsorge abzubauen, zurückgekommen ist. Er will sich jetzt damit begnügen, für solche Berufe, wo die Arbeitsmarktlage eine günstige ist, die Krisensürsorge auf- z u h« b e n. Wenn auch der Reichsarbeitsminister in dem Gespräch zur Unterstützung seines Vorgehens darauf hinweist, daß ein großer Teil der Krisenunterstützten wegen Minderung ihrer Erwerbstätig- keit Renten bezieht und deshalb kaum noch Beschäftigung findet, also eigentlich in die Wohlfahrtspflege gehöre, so übergeht der Reichsarbeitsminister stillschweigend die ausgesteuerten Erwerbslosen. die im Vollbesitz ihrer Arbeitskraft find, keinerlei Renten beziehen und trotzdem keine Arbest finden können. Gerade diese langfristigen Arbeitslosen bedürfen im besonderen Maße der Erwerbslosenunterstützung. Soll ihre Arbeitskraft nicht weiter ver- mindert werden, so müssen sie ausreichend unterstützt werden. Ihre Ueberweisung an die Wohlfahrtspflege bedeutet nicht nur«ine Abwälzung der Lasten auf die Gemeinden, gleichzeitig auch eine Minderung der ohnehin unzureichenden Unterstützung. Aus beiden Gründen muß deshalb gegen die Maßnahme des Reichsarbeitsministcriums aufs schärfste protestiert werden. Der Reichsorbcitsminister hat kein einziges Argument anzuführen ge- wüßt, das die Entziehung der Erwerbslosenunttrstützung irgendwie rechtfertigen könnte. Die Maßnahme des Reichsorbeitsministers ist also nichts anderes als eine Maßnahme gegen die Arbeiterschaft und ein Liebesdienst für die reaktionären Unternehmer. Lohnbewegung üer Cisenöreher. Nach dem Lohndruck der Kriseuzeit. Die im Metallorbeiterverband organisierten Eisen- und Re- voloerdreher beschäftigten sich in ihrer Branchenversamwlung am Freitag in den Musikersälen mit ihren unhaltbaren Lohn- ncrhältnissen. Aon der Braiichenrommlssiun wurde zunächst daraus hingewiesen, daß zu Ende des Jahres 1925 die Löhne in der Branche zwischen 1,15 und 1,68 M. lagen, was, gemessen an anderen Branchen und Berufen, ein verhältnismäßig guter Verdienst war. Durch die an- haltende llrife sind � jedoch die Löhne stark gedrückt worden. In einem Teil der Betriebe haben die Belegschaften leider„frei- willig" einen Lohnabbau bis zu 15 Proz. hingenommen, um nicht aufs Straßenpflaster geworfen zu werden. Zurzeit gibt es in der Branche Stundenlöhne zwischen 54 Jff. und 1,68 M. Der größte Teil der Eisen- und Reoolverdreher arbeitet jedoch mit Stunden- Verdiensten von 86 Pf. bis 1,35 M. Entsprechend der Aufforderung der Organisation und aus eigenem Antrieb sind jetzt in einer Anzahl von Betrieben Lohnbewegungen eingeleitet worden. In der K n o r r b r e m s e fordern die Dreher eine löprozentige Aufbesserung ihrer Akkordpreise. Die Betriebsleitung hat sich bereit erklärt, den Drehern, die weniger als 1,11 M. pro Stunde ver- dienen, 3 Pf. pro Stunde zuzulegen. Da die Firma eine VerHand- lung mit dem Metallarbeilerverband und dem BBMJ. über die Lohnforderungen abgelehnt hat und die Dreher auf ihrer Forderung bestehen, ist damit zu rechnen, daß es zu ernsten Differenzen kommt. In der B a m a g haben die Dreher ebenfalls ein« 15pro- zentige Erhöhung der Akkordpreise verlangt, doch hat auch hier die Firma die Forderung abgelehnt und erklärt, daß es den Drehern noch möglich sei, bei den bestehenden Akkordpreisen mehr zu ver. dienen. Die sehr.gut organisierten Dreher der Bamag, die im 5y ö ch_ft falle Verdienste bis zu 1,20 M. erzielen, sind entschlossen, ihre Forderung mit allen gewerkschaftlichen Mitteln durchzusetzen. Die Dreher der AEG.-Turbinenfabrik, deren Verdienste zwischen 1,15 und 1,46 M. liegen, fordern eine Erhöhung der Akkord- »reis« um 10 Proz. und siiti» ebenfalls gewillt, an der Forderung festzuhalten. Bei der Firma Bergmann. Seestraß« verlangen die Dreher eine öprozentige Akkordpreiserhöhuna. Hier liegen die Verdienst« zwischen 86 und 96 Pf. pro Stunde. Hinzu kommen noch eine Anzahl kleinerer Betriebe, die ebenfalls in Lohnbewegungen stehen. Wenn auch di« Zahl der erwerbslosen Eisen- und Revolver- dreher noch verhältnismäßig hoch ist, so ist doch ein Konjunkturaus- schwung in der Metallindustrie unverkennbar. Während zu Ende des Jahres 1326 rund 6000 Dreher in Berlin arbeitslos waren, ist diese Zahl bis zum 2. April auf 3378 und bis zum 33. April auf 3636 zurückgegangen. Die beginnend« Konjunktur muß von den Branchenangehörigen genau so ausgenutzt werden, wie sie in der Krisenzeit in umgekehrten Sinne von den Unternehmern ausgenutzt worden ist. Es müssen in der nächsten Zeit alle Kräfte eingesetzt werden, um nicht nur den Lohnabbau des Vorjahres wieder wettzu- machen, sondern darüber hinaus die Löhne und Aktordpreise zu er- höhen. In der Diskussion wurde von ollen Rednern eindeutig zum Ausdruck gebracht, daß die Dreher in allen Betrieben vom An- griffsgeist beseelt sind und der Aufforderung der Branchenleitung und der Organisation nachkommen werden. Tarifabschluß in üer Leüerinöuftrie. Wiederherstellung des Achtstundentags und Lohnerhöhung. Hamburg. 4. April.(Eigener Drahtbericht.) In der Leder- industri«(Gerbereien) Norddeutschlands, wo für Groß-Hamburg, Schleswig-Holstein. beide Mecklenburg und Unterelb«(Regierungs- bezirk Stade) ein Bezirkstarif besteht, ist es nunmehr nach langen hartnäckigen Verhandlungen zu einem Neuabschluß des Der- träges gekommen. Nachdem von Arbeiterseit« der Vertrag zum 31. März 1327 gekündigt war, fanden am 8. März die ersten Ver- Handlungen statt, wobei ab«r die Unternehmer jegliches Zugeständ- nis ablehnten. Dom Reichsarbeitsministerium ernannt, fällte dann noch zweitägiger Verhandlung der Schlichter in Lübeck gegen die Stimmen der beiderseitigen Beisitzer am 27. März einen Schieds- spruch, der von den Unternehmern angenommen, von den Arbeitern aber abgelehnt wurde. Letztere lehnten insbesondere deswegen den Schiedsspruch ab, weil die darin ausgesprochene Lohnerhöhung ungenügend war. Nach dem Schiedsspruch sollten die Löhne ab 1. April 1927 um 6 Proz., ab 1. Oktober 1927 um weitere 2 Proz. erhöht werden, was für Groß-Hamburg 5 Pf. und 2 Pf., für Schleswig-Holstein 4 Pf. und 2 Pf., für Unterelbe und Mecklenburg 4 Pf. und 1 Pf. bedeutete. Der Deutsche Leder- arbeiterverband erklärte unter der Voraussetzung den Schiedsspruch anzunehmen, wenn die sich für Groß-Hamburg ergebenden Sätze von 6 und 2 Pf. auch in den übrigen drei Wirtschaftsgebieten zu- gelegt würden. Die Unternehmer lehnten dies ab und beantragten die Verbindlichkeitserklärung beim Reichsorbeitsministerium. Noch einer Verhandlung am 23. April wurde die Derbindlichkeitserklä- rung abgelehnt. Am 29. April traten die Parteien in freier Verhandlung wieder zusammen und trafen nunmehr folgende Vereinbarung: Die Spitzen- löhn« werden in allen vier Wirtschaftsgebieten erhöht ab 1. April um 6 Pf., ab 1. Oktober 1927 bis 31. März 1928 um„3 Pf. In Prozenten macht dieses eine Gesamterhöhung für Groß-Hamburg von 11,3 Proz., Schleswig-Holstein 12,7 Proz., Unterelbe 13,2 Proz. und Gkecklenburg 14 Proz. Auch der Mantclvertrag erfuhr einige Verbelserungen. Der bisherige Vertrag enthielt betresfend Arbeitszeit eine Bcstim- mung folgenden Wortlauts:„Eine Zlusdchnung um täglich eine Stunde kann aus besonderen wirtschaftlichen Gründen nach Rück- spräche mit der gesetzlichen Betriebsvertretung vorgenommen wer- den." Diesen Passus gelang es ganz verschwinden zu lassen, obwohl die Unternehmer beantragt hatten, statt eine Stunde zwei Stunden zu setzen. Nach der jetzigen Fassung besteht also wieder der reine Achtstundentag. Weiter war es zum ersten Male möglich, eine tarifliche Rege- lung der Löhne für unter 18 Jahre alte Arbeitnehmer zu ver- einbaren. der Kampf öer Krastöroschkenfahrec. Die Großverdiener wollen noch mehr verdienen. In den Innungsbetrieben des Berliner Kraft- droschkengewerbes äst überall, nachdem die Aktion zur Wiedereinführung der Nummernsperre kläglich verpufft ist, die Arbeit zu den Bedingungen des neuen Schiedsspruches wieder ausgenommen worden. Der Konflikt ist aber noch nicht beigelegt im Schebera- Konzern, der am Freitag voriger Woche zwar seine Betriebe öffnete und einen Teil der Belegschaft zur Arbeitsausnahme auf- forderte, von ihnen aber dic Erfülllung zweier Bedin- g u n g e n verlangte. Die Fahrer sollten sich unterschristlich ver- pflichten, pro gefahrenen Kilometer 31 Pf. Bruttoeinnahme zu er- zielen, daß bedeutet praktisch, daß keine Leerkilometer gefahren werden dürfen. Den Fahrern war bisher die Zahl der Leerkilo- meter nicht vorgeschrieben. Nach den eigenen Angaben der Unter- nehmer wurde bisher pro gefahrenen Kilonieter eine Bruttoein- »ahme von 22 bis 23 Pf. erzielt. Trotzdem die Mehrbelastung der Unternehmen durch den verbindlich erklärten Schiedsspruch pro Kilometer höchstens 2 Pf. ausmacht, wollen die Unternehmer jetzt 9 Pf. aus den Fahrern herausschlagen! Sie wollen mithin aus der Lohnbewegung der Kraftdrofchkenfahrcr eine Lohnbewegung für�sich machen. Sie begründen diese Maßnahmen damit, daß sie wegen der ihnen aufgezwungenen Lohnerhöhung und der Zahlung eines Ga- rantielohnes gezwungen seien, ihre Betriebe rationeller als bisher zu leiten. Diese Erkenntnis kommt bei ihnen reichlich spät. Es hätten sich diese Verhältnisse im Berliner Krastdroschkengewerbe erst gar nicht entwickeln können, wenn man schon früher plan- mäßiger gewirtschaftet hätte. Statt dessen hat man aber vom Landesarbeitsamt zum Krastdroschkensührerberus ungeschulte Erwerbslose genommen und sie mit einer Droschke in den Verkehr geschickt, ohne sich um den notwendigen Verdienst dieser Leute zu jorgen. Wenn man schon planmäßiger wirtschaften will, soll man oder nicht von einem Extrem ins andr« fallen, denn diese Regelung ist auf di« Dauer einfach unhaltbar. Wenn sich auch ein Teil der Fahrer mit den Bedingungen einverstanden erklärt hat, so ist damit der Konflikt in den Großbetrieben wohl aufgeschoben, aber nicht aufgehoben worden. Bei der Panzer- A.-G. ist bis heute die Arbeit noch nicht wieder aufgenommen worden. Die Belegschaft hat die Unterschrist dieses Reverses verweigert, weil sie die Bedingungen einfach für undurchführbar hält. Die Arbeit ist aber auch aus dem Grunde nicht aufgenommen worden, weil die Betriebsleitung keinen einzigen der Betriebsräte zur Arbeitsauf- nähme aufgefordert hat, sie also maßregeln will. Solang« die Finna diese Absicht nicht aufgibt, ist di« gesamte Belegschaft ent- schlössen, im Streit zu verharren. Abwehr üer Eisenbahner im Saargebiet. Urabstimmung über Streik. Saarbrücken. 4. ZNai.(Mlb.) Die drei Eisenbahner iuris- gcwerkschaftcn des Saorgebieles veranslallelen im Saalbau zu Saarbrücken eine gemeinsame von etwa 1600 Teilnehmern besuch!« Versammlung, in der aus das schärfste gegen den beabsichtigten Lohnabbau der Regierungskommission ab 16. Mai um 34 Centimes pro Stunde protestiert wurde. In einer Entschließung heißt es. daß die Lage der Eisenbahner heule vor dem Lohnabbau bereit« katastrophal sei. Der Arbeiterschaft wird empfohlen, bei einer im Lause der Woche statlfindenden Urabstimmung sich restlos für Aufnahme eines Streits zu entscheiden. Sollte es zu keiner Einigung kommen. so ist infolgedessen mit einer Stillegung der Eisenbahnen zu rechnen. verbesserte Setriebseinrichtuag. Abbau alter Arbeiter. Maschinist W. und Kohlenarbeiter K. waren im Maschinenraum eines Warenhauses beschäftigt. Sie wurden enttassen, weil t e ch- nische Verbesserungen der Maschinen zwei Arbeiter über- flüssig machen. Die beiden Arbeiter klagten beim Gewerbegericht, weil sie ihre Entlassung für eine unbillige Härte halten. W. berief sich darauf, daß ihm bei seiner Einstellung im Jahre 1917 eine Dauerstellung versprochen sei. Der Herr, welcher ihm dies Versprechen gab, sei zwar inzwischen gestorben, aber das Versprechen sollte doch für die Firma bindend sein. Er sei jetzt 64 Jahre alt und deshalb würde es ihm sehr schwer sollen, wieder Arbeit zu finden. Der Kläger K.. ein Mann in den Fünfzigern, war neun Jahr« bei der Firma beschästigt. Er bemerkte unter anderem, daß er, als bei Wertheim beschäftigte Maurer streikten, die Tätigkeit eines Bau- arbcilers verrichtet« und deshalb beinahe Keile von den Streikenden bekommen hätte. Er habe sich doch als„zuverlässig" erwiesen. Trotzdem werde er entlassen. Der Vertreter der Firnia verwies darauf, daß maschinelle Ver- besserungen die Entlassung begründeten und daß man die beiden Kläger als di« am wenigsten Leistungsfähigen enttassen habe. Bei K. sei noch mitbestimmend gewesen, daß er gelegenttich über den Durst trinke und W. werde durch die Entlassung nicht so schwer wie andere getroffen, denn er habe ein Häuschen in Buch. Den Hinweis der Kläger auf ihre langjährige Tätigkeit und ihr hohes Alter tat der Vertreter der Firma mit der Bemerkung ab: Die Firma sei doch keine Altersversorgungsanstalt. Der Umstand, daß der Kläger W. ein Häuschen besitzt und keine Kinder zu versorgen hat, veronlahte das Gericht zu der Annohme, daß ihn die Entlassung nicht besonders schwer tresse und seine Klage deshalb aussichtslos sei. Das Gericht schlug vor, den Kläger W. im Vergleichswege mit 233 M. abzufinden. Hinsichttich des Klägers K. kam das Gericht zu der Auffassung, daß ihn, da er zwei Kinder zu versorgen hat. oie Entlassung schwer treffe, daß es dcr�Firma aber möglich sein würde, ihn, wenn auch an einer anderen Stelle, weiter zu beschäftigen. Das wiederholte dringende Anraten des Vorsitzen- den und der Arbeitgcberbeisitzer, den Kläger K. mit 433 M. abzufinden, lehnte der Vertreter der Firma ab. Er forderte ein Urteil. Das erging dann dahin, daß K. wieder einzustellen oder ihm eine Entschädigung von 1338 M. zu.zahlen ist. Hinsichtlich des Klägers W. wurde der Vergleich auf 233 M. Entschädigung ange- nommen. Deutscher Baugewerk-bund. Fachgruppe der TSpfer.«onnersta,, abcnds S Uhr. im großen Saal des Eewerlschaitshauhs, SireikversammUing. Tage-- orduung: Bericht über den Stand des Elrrits. Mitgliedsbuch iegiiirniert. lHfftlatcs Erscheinen aller Kollegen erwartet die Streikleitung. /tos öer Partei. „Arbeilenvohlfahrk". Die neueste Nummer der.Arbeiterwohlfahrt" bringt«inen Leu- artikel über das vielbesprochene Thema„Die Ausbildung zu sozialen Berufen" vom Genossen Ministerialrat Dr. Hans Maier-Dresden. Genosse Stadtrat Binder-Bieleseld gibt eine Uebersicht über den gegenwärtigen Stand der„Kleinrentnerfürsorge— Klein- rentnervcrsorgung", der in der nächsten Nummer eine kritische Beurteilung der Möglichkeiten der Klcinrentnerversorgung vom sozia- listischcn Standpunkr aus folgen soll. Genosse Stadtrat Dr. Fried- länder-Berlin schildert den„I u g c n d s ch u tz im Strasgesetzentwurs". In der„Umschau" gibt Genossin Ammon-Nürnberg. Mitglied des Bayerischen Landtages, eine Darstellung der Regelung der„Prüfung und Anerkennung von Wohlfahrtspilegerinncn in Bayern", und Gr- nossin Ministerialrat Hirschseld-Berlin der„Darlehnsqcwährunq als Mittel der Fürsorge". Den„Kinderhort der Arbeiterwohlfahrt Köln". der hauptsächlich schwer erziehbare Kinder aufnimmt, schlldert im Abschnitt„Aus der Arbeiterwohlfahrt" die Leiterin des Hortes. Suse Hirschberg-Koln. Mitteilungen für die Organisatton und«ine Bücherschau folgen. Bcr-nkwortl!ch kür Botitit; Biet» Schis,; Wirtschost:®.»liugrlbös-r: und B-rlagsonstalt Paul Singcr u Co.. Sttlia 633 68, Linbcnstraße 3. WÜRSTCHEN* BOCKWURST g Etwas ganz Besondares! uN Fordern Sic sich ausdrucklich in den Geschäften die neuen großen 20-PI.«Rol]en u. Schleifen Kapitän- Kautabak echt Kopenhagener Qualität. Pelnstci Ueschmack. Jedes 20. P(.. Stück wird in Papier verpackt jtelletert: nicht verpackte weise man als unecht zurück. Wo nicht erhältlich, werden Verkaufsstellen mitgeteilt durch C. Röcker, Reilin NO, Lichtenberger Str. 22 fKgst 3861). :ASAN EINHEITSPREIS Mark« Fasan.. Mk, 1 2.50 Marke Silberfasan Mk. 1 6.50 Marke Soldfasan Mk. 1 9.50 Fasan-Schuhe gellen unter Kennern als die preiswürdigsten Erzeugnisse der gesamten Schuhindustrie. Verkaufsstellen; Berlin O, Warschauer Str. 31. R«.f.erkst,.a. 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