MbenSausgabe Nr. 217 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 107 BcjucAtbtuannfl« und«luHetitmi« lind in fett Morgenausgob« onfl«stbca Sctatflon: SXB. 64. Lind-nNroh« 3 .Tctnfptedjee s VSnhoft 282- 297 ScL'Sbccffc: Sozialdemokrat verli» Derlinev VolKslilerkk (10 Pfennig) Montaz 9. Mai 1927 ««rlag und«nielienabtetlung, ««schSfts,-it dt» t Uhr n erleget: vorwärts. Verlag GmbH. Serila s». 6». Lladeastrode» Fernsprecher, VSnhosf 282-297 Zentv&Xorgan der Sozialdemokratifcbcn Partei Deutfcblands Risse im Sürgerblock. Detttschnationale ReaktionSplanc.— Strefemauns Abwehr. Der deutschkonservative Parteitag hat eine kleine monarchistische Demonstration veranstaltet. Es wird damit unterstrichen, daß die Mitglieder dieser Partei, zu denen der Führer der deutschnationalen Neichstagssraktion, Graf Westarp, gehört, Perfassungsfeinde sind. Der« t a h l h e l m hat sich bei seiner Demonstration in Berlin zu politischen Zielen bekannt, die weder mit der Verfassung noch mit der Außenpolitik des Reichs verträglich sind. x Die Deutsch nationale Volkspartei, die stärkste Regierungspartei, hat ihre Sympathie mit dieser Demonstration und ihren Zielen ausgesprochen. Graf W e st a r p hat in Rostock eine Rede gehalten, die ein Bekenntnis zur Monarchie enthielt, und deren Hauptinhalt eine wuft demagogische Hetze gegen die P r e u ß e n r e g i e r u'N g war. der er„sozialdemokratische Mißwirtschaft" vorwarf. Herr S t r e s e m a n n, der Außenminister des Bürger- blocks, hat in einer Rede in Bad Oeynhausen den Versuch unternommen, den Eindruck dieser Zusammenhänge vor dem Ausland abzuschwächen und die Angriffsrede des Justiz- Ministers H e r g t gegen Polen wiedergutzumachen. Die Deutschnationalen geben dem Bürgerblock das Ge- ficht, und Herr Stresemann darf die Entschuldigungsreden halten. Westarp erklärt stch. Auf einer deutschnationalcn Wahlversammlung in Rostock sprach am Sonntag Graf Westarp. Er versicherte ln seiner Rede, die Deutschnationalen hielten an der Wiederein- führung des Kaisertums fe st. Er beklagte den Umstand, daß die restlose Durchführung der reaktionären Pläne an der Stel- lung der Sozialdemokratie in der preußischen Negierung und an ihrer Stärke im Reichstag scheitere. Er führte aus: „Auch der Uebclstand, daß dem Reich gerade auf den beiden Gebieten der Justiz und der inneren Verwaltung, namentlich der Polizei, die die deutschnationalen Minister st e r g t und v. k e u d« l l zu verwalten hätten, eine eigene Haus- m a ch t n l ch t oder doch nur in unzulänglichem Maße zur B c r- fügung stehe, daß es also In denjenigen Staaten, wo die Länderrcgierungen im Gegensatz zur Reichsregierung ständen, so gut wie machtlos sei, trete namentlich bei dem Kampfe der Hinken gegen die vaterländische Bewegung nur zu oft verhängnisvoll hervor. In P r e u ß e n s e l b st schreie die fetzige soz'aldemo. kratische Mißwirtschast nachgerade zum Himmel. Für das Reich erfordere die Rücksicht auf die Koalition, deren Krait und Bestand im Interesse des Landes erhalten bleiben müsse, bei den nächsten Wahlen eine geschlossene Front. Die Deutschnationalen würden den nächsten Kampf, wie sie es stets getan hätten, gegen die Macht der Sozial- demotratie führen müssen, die sich seit der Revolution in der Außen- und Innenpolitik so verhängnisvoll ausgewirkt habe. Keine Vücksicht auf die Parteien der Mitte, darüber müsse man sich klar sein, würde uns hindern können, diesen Kampf auch egen die jetzige preußische Regierung durchzu- ,« ch t e n. Stehe dann im preußischen Wahlkampf das Zentrum auf der andercn Seite als im Reich, so müsse das die Stoßkraft des für die Koalition zu führenden Wohlkampses lähmen und so den Erfolg einer sicheren über die Wahlen hinaus zu schaffenden Koalitionsmehrheit in Frage stellen. Auch In anderen Ländern: Sachsen, Thüringen und Mecklenburg habe sich in der letzlen Zeit immer deutlicher herausgestellt, daß weder eine Mitte, die mit Links regier« oder sich an Links anlehne, noch eine solche, die nach dem Schlagworte des Regierenz mit wechselnden Mehrheiten der Option zwischen Rechts und Links ausweichen wolle, regierungsfähig sei. Für das Reich wie für diese Länder selbst sei es gleich wichtig, die Linke fv zu schwächen und die Deutschnationale Volkspartei so zu stärken, daß die Verbindung der Mitte mit letzterer, auch zahlenmäßig gesehen, der einzige Weg sei. den die Mitte gehen könne." Herr W e st a r p läßt Richtlinien Richtlinien sein. Das Ziel der Deutschnationalen ist, die Mitte völlig unter ihre Dottnäßigkeit zu dringen. Stresemann muß einrenken. Vad Oeynhausen, k). Mai.(WTB.) Anläßlich der Tagung des Wahlkreisvcrbandes Westfalen der Deutsche» Dolkspartei am Sonn- tag in Bad Oeynhausen sprach der Reichsaußenministcr Dr. Strese- mann in einer Diskussionsrede auch über die außenpolitische Lage und führte dabei folgendes aus: „Der„Temps" hat vor wenigen Tagen erklärt, daß der Außenminister, ebenso wie die Deutsche Volkspartei. im Reichstabinett in bezug auf ihre Anschauungen isoliert seien. Dies« Behauptung des„Temps" entspricht nicht den Tatsachen. In den Richtlinien, die zur Bildung der gegenwärtigen Regierung führten, haben die Parteien, die heute die Regierung bilden, sich zur Fortführung der bisherigen Außenpolitik entschlossen. In dieser Fortführung der Außenpolitik sind mir seitens des Kabinett« keine Hindernisse bereitet worden. Wenn Kundgebungen in Deutschland, die insbesondere an die Tradition der alten Armee anknüpfen, etwa mit einem Abweichen von dieser Außenpolitik in Ver- bindung gebracht werden, so ist dies eine völlig falsche Darstellung. Die w Deutschland bestehenden Organisationen dieser Art sind f schließlich doch nur der psychologisch« Restex der einseitigen deutschen Abrüstung. Sie würden ihre Bedeutung, vielleicht ihre Existenz, in dem Augenblick verlieren, in dem der deutschen Abrüstung die Abrüstung anderer Völker folgte. Wenn man sie anders ansieht, wenn man davon spricht, daß neben der Reichswehr in Deutschland gewissermaßen noch ein heimliches schlafendes Heer be- stände, das in einem Augenblick erwache und sich auf seine Nachbarn stürze, wo irgend jemand es erweckt, so sind das Märchen, würdig eines Jules Verne, aber nicht würdig«rnschofter Betrachtung. Ich darf doch auch darauf hinweisen, daß es die Regierungs- erklärung des neuen Kabinetts war, die offen davon gesprochen hat, daß die Reichsregierung jede Politik der Re- vanch« a blehnt. Schließlich ist mein Name mit der Außen- Politik, die in den letzten Iahren geführt worden ist, derart ver- bunden, daß ich selbstverständlich nicht Außenminister bleiben könnte, wenn an dieser grundsätzlichen Einstellung zur Außenpolitik sich etwas änderte. Bisher sind aber auf dem Gebiet« der Außen- Politik keine Vorgänge zu verzeichnen, die als ein solches Abweichen zu bezeichnen sein würden. Was die Erörterungen über die Frage eines Ost- l o c a r n o anbelangt, so bemerke ich, daß unser Verhältnis zu unseren östlichen Nachbarn, insbesondere zu Polen, geregelt ist durch diejenigen Abmachungen, die in Locarno selbst getroffen worden sind. Diese Abmachungen werden vielfach nur auf unser Verhältnis zu Frankreich und Belgien bezogen. Ihr Gesamtwert besteht aus diesen Abmachungen mit ihren starken Bindungen mit den westtichen Nachbarstaaten, anderseits aus dem mit Polen abgeschlqfsenen Schiedsvertrag, der jedenfalls eine friedliche Auseinandersetzung über Differe.�en zwischen beiden Ländern gewährleistet. Diese Situation hat das n e u e K a b i n e t t bei seiner Begründung vorgefunden und sie durch nochmaliges Aussprechen der Anerkennung der bestehenden Verträge b e- sonders unterstrichen. Di« Frage unseres Verhältnisses zu Polen ergibt sich daher aus der hierdurch geschaffenen Grundlage." Die Sehnsucht nach öem öpzantinismus. Der deutschkonservative Parteitag hat wieder einmal seine un« wandelbare Treue zum angestammten Herrscherhause beschworen, nachdem der deutschnationale Reichstagsabgeordnete E v e r l i n g ein« servile Rede auf Wilhelm den Landflüchtigen gehalten hatte, in der er sagte: „Es sei eine speziell konservative Aufgabe, auch für die Person des Kaisers einzutreten, selbst wider die bessere Ueberzcugung im Einzelfalle. Denn die Treue soll« uns heilig sein. Wir wollen den König von Preußen wieder haben, wir wollen die Monarchie wieder hoben als unser Recht, wir wollen den Königsdienst wieder tun können als unsere Ehre." Sie wollen die Monarchie, weil sie den Monarchismus wollen. Herr E v e r'l i n g möchte vor seinem König auf dem Bauche rutschen. Es wurde das folgende Telegramm an Wilhelm gesandt: „Seiner Majestät dem Kaiser und König. Haus Doorn. Euer Kaiserlichen und Königlichen Majestät erneuern die in Berlin oersammelten konservativen Männer und Frauen in Ehrerbietung das Gelöbnis unbeirrbarer Treue, v. Graf Seidlitz- Sandreczki." Die Redner des deutschkonservativen Parteitags erneuerten mit dem Schwur aus Wilhelm zugleich die blöde antisemitische Hetze, die sie von jeher betrieben haben. Preußen uaü öie Reichsbahn. Eine wichtige Entscheidung des Staatsgerichtshofes. Man erinnert sich jenes Konflikts zwischen der preußischen nnd der Reichsregierung im Sommer 1926, als Preußen unter Berufung auf frühere Abmachungen die Besetzung einer freigewor- denen Stelle im Verwaliungsrat der Reichsbahn für sich beanspruchte, während die Reichsregierung ohne Rücksichl darauf diese Stelle dem kewesen«»,, Reichskanzler Dr. Luther übertrug. Der preußische Ministerpräsident hat damals ein sehr entschiedenes Schreiben an die Reichsregierung gerichtet und auch im Landtag verlesen. Damit war aber die Angelegenheit für Preußen nicht erledigt, sie wurde vielmehr vor den Staatsgerichts- Hof gebrocht. Dieser hat nun am vergangenen Sonnahcnd folgende Entscheidung getroffen: Auf Grund der Ziffer 4 der am 25. März 1924 zwischen Preußen und dem Reich ausgetauschten Erklärungeii hat Preußen gegenüber dem Reich das Recht, ein Mitglied des Berwallungs- ratss der Deutschen Reichsbahn-Gesellschast zu bene.men. In der mü.,dlich«n Urteilsbegründung sagte Reichsgerichts» Präsident Simons am Schluß: Diese Entscheidung des Staatsgerichkshose» besagt gleichzeitig, daß da» Reich verpflichtet ist, den von Preußen Genanalen zum Derwaltungsral zu ernennen., Ministerpräsident Braun hat schon seinerzeit Im Landtag er- klärt, daß der Protest Preußens nicht gegen die Persönlich. k e i t Dr. Luthers gerichtet sei. Welche praktischen Folgerungen aus der Entscheidung des Staatsgerichtshofes gezogen werden, steht noch dahin. Es ist a-., zunehmen, daß diese Entscheidung nicht«ine sofortige Wirkung haben, sondern erst bei einer künftigen Neu- besetzung beachtet werden wird, Kriegerverein in Wtnöjacken. Der verpuffte Stahlhelmtag. Hysterisches Geschrei der Kommunisten und einiger Ver- liner Boulevardblätter hat dem„Stahlhelmtag" das Ansehen von etwas Grausigem, Furchtbarem, Gefährlichem bereitet, ein Ansehen, übe» das wahrscheinlich niemand erstaunter ge wesen ist, als die Masse der Stahlhelmer selbst. In Wirklichkeit ist der„große Tag", trotz der Hugenbcrg- Presse, verlaufen wie Kriegervereinstage zu verlaufen pflegen. Nur daß die Kriegeroereinsmannen früher im schwarzen Gehrock und überalterten Zylinderhüten antraten, diesmal aber in Windjacke und Mütze, wie der„Bund der Frontsoldaten" sie vorschreibt. Und daß die k o m m u- nistischen Reklamechefs für Stahlhel in zwecke die Anhänger der Moskauer Diktatur auf die Straße lockten und dadurch den Anschein erweckten, als ob man den Krieger- oereinlern irgendwie eine ernsthafte Bedeutung in der Mil lionenftadt Berlin beilegte. Die Tatsache, daß der Eisen- bahnausflugsverkehr am gestrigen Sonntag R e- k o r d z i f f e r n auswies, daß m e h r a l s 1�- Millionen Berliner gestern auf den Stadt-, Ring- und Vorortbahnen befördert wurden, zeigt deutlicher als die aufgeregtesten Ueber- schriften in der Sensationspresse, was man in Berlin von der ganzen Veranstaltung hielt. Politisch gesehen, hat der Stahlhelmtag allerdings einige unangenehme Begleiterscheinungen. In"der ausländischen Presse, besonders in Frankreich, wird er als eine Demon- stration der Revanchekriger gewertet. Die französi- schen Nationalisten saugen aus jeder Kundgebung deutscher Nationalisten Honig, wie es umgekehrt ebenso geschieht. Aber auch die wirkliche oder vermeintliche Angst der französischen Nationalisten ist aufgebauscht wie das Kraftmciertum der Kommunisten. Weder die eine noch das andere kann an einer ruhigen Beurteilung der Sachlage hindern. Die Kräfteverteilung in Deutschland ist nicht so, daß der Aufmarsch von 60 000 oder gar 100 000 Kriegervereinlern die Welt erschüttern könnte. Bor zwei Jahren beging das„ReichsbannerSchwarz- R o t- G o l d" in Berlin den Verfassungstag. Weit mehr als hunderttausend Republikaner waren aus ganz Deutschland herbeigeeilt, um mit den Berlinern den Tag der Republik festlich zu begehen. Die ganze Stadt prangte im schwarzrotgoldenen Flaggenschmuck. Alle die Gäste von West und Ost wurden von Republikanern entschädigungslos in Privatquartier genommen, keine einzige Massenherberge brauchte in Anspruch genommen zu werden, und doch konnten noch unzählige Quartiere, die ge- meldet wurden, jzum Leidwesen der Gastgeber nicht belegt werden. Der Massenaufmarsch nach Treptow bleibt allen unvergeßlich» die ihn als Teilnehmer oder Zu- schauer erlebt haben. Was bedeutet demgegenüber die Stahlhelm-Parade? Haben die Berliner Monarchisten so geringen Wohnraum, daß sie die 60 000 Gäste aus dem Reich nicht aufnehmen konnten, daß sie Massenquartiere in Tanzsölen mieten und den Tag verkürzen mußten, weil diese Säle zum Teil wieder zurückgezogen wurden? Der Stahlhelm-Bericht rühmt, daß drei Söhne des Exkaisers vor dem Reservehaupt- mann Seldte als ihrem„Führer" aufmarschiert seien. Haben die Hohenzollern in Berlin und Potsdam nicht genügend Raum, um Tausende von Stahlhelmern bei sich unterzu- bringen? Der Raum ist schon vorhanden. Aber, was der r e p u-< b l i k a n i s ch e n Bewegung ihren Schwung gibt, die un-- mittelbare Teilnahme und Opferbereitschaft jedes ein- zelnen, das fehlte bei diesem Kriegervereinstage vollständig. Die Abgetakelten von früher marschierten zwar in Pickel- Haube und Ordenszier, aber ihre Wohnungen für den Land- arbeiter aus Ostpreußen oder den schwarzweißroten Kumpel aus dem Ruhrgebiet herzugeben, das wäre wider ihre Natur. So trotteten die Kriegervereinler in Windjacke und Mütze müde und hungrig auf dem ungewohnten Asphalt Berlins, ohne datz die Militännusik ihrer Kapellen sie über die Armseligkeit des Empfanges hinwegtäuschen konnte. Wenn am einzelnen Stellen in Arbeitervierteln den vorbei- marschierenden Gruppen das Mißfallen über ihren Besuch in besonders lebhafter und aggressiver Form zum Bewußtsein gebracht wurde, so mag das die Stimmung der Arbeiter- bevölkerung gegen das provokatorische Auftreten des Stahl- Helmführers richtig widerspiegeln, aber es war verschwendeter Kraftaufwand. Dies Objekt war nicht einmal die Ent- rüstung der Arbeiterl-baft wert. Und wenn es wegen der Ansammlungen gelegentlich zu Zusammenstößen mit der Polizei kam, die, tagelang in Alarmbereitschaft, einen über- aus schweren Dienst hatte, so war das erst recht überflüssig. Um des Stahlhelms willen lohnt es sich nicht, das Verhältnis der Berliner Arbeiter zur Berliner Polizei gespannter zu machen, als es bei der Nervosität des ßroßstädtischen Lebens ohnehin ist. Die große Masse der Sozialdemokraten hat dos richtig erkannt und die Kommunisten ihren Unfug allein ver- richten lassen. Denn Kommunisten und Rechtsradikale ar- beiten einander in die Hand wie französische und deutsche Nationalisten. Die sozialdemokratische Bewegung geht an beiden mit Nichtachtung vorüber. * Paris, 9. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Auf Grund der aus Berlin vorliegenden Telegramme stellt die hiesige Presse im großen und ganzen mit Befriedigung fest, daß der gestrige Etahlhelmtag ein Fwiko war. jDuoHbten' sagt, mit ihren herausfordernden und lärmenden Demonstrationen hätten die Stahlhelmleute eine Begeisterung der Berliner Bevölkerung nicht zu erwecken vermocht. Die Veranstaltung habe sich deshalb unter völliger Gleich- g ü l t i g k e i t abgespielt.„Oeuvre* glaubt, daß die Manifestation, deren Teilnehmerzahl von der monarchistischen Presse auf 110 000 geschätzt wird, aber in Wirklichkeit kaum 60 000 erreicht habe, den Erwartungen der Veranstalter keineswegs entsprochen habe. Einige Reserven formuliert nur der Berliner Korrespondent des „Echo de Paris", der dazu insofern gezwungen ist, als er für sein reaktionäres Blatt die Kundgebung des Stahlhelms von vornherein als einen großen Erfolg der antirepublikanischen Kräfte in Deutsch- land ausgegeben hatte. Aber auch er kommt zu der Feststellung, daß der Stahlhelmtag nicht den erwarteten Erfolg gebracht hat; daraus könne jedoch nur geschlossen werden, daß Berlin nicht der Ort sei, in dem man sich über die wahre öffentliche Meinung Deutschlands ein Bild machen könne!! Auch der Korrespondent des, Journal" meldet, daß zwar die Stahlhelmleute Berlin„nicht erobert" haben und dessen Bevölkerung in seiner übergroßen Mehrzahl den Stahl- Helmdemonstrationen eine durchaus feindliche bzw. kühle Haltung entgegengebracht habe, aber ein unparteilicher Ausländer, der am Sonntag die in militärischen Formationen aus- tretenden Stahlhelmleute gesehen habe, müsse einen durchaus schlechten Eindruck nach seiner Heimat mitnehmen. lknglilche presse und Stahlhelmtag. London. 9. Mai.(WTB.) Die Stahlhelmkundgebung in Berlin wird von den Blättern in ausführlichen Telegramme» aus Berlin behandelt. Die Teilnahme von drei Söhnen de» vormaligen Kaisers wird besonders betont. Der Berichterstatter der „Morning Post" schreibt, Deutschlands„unbewaffnete Miliz" fei der einzige Name, der auf das mächtige Heer von Kriegs- Veteranen und kriegsmäßigen Rekruten angewandt werden könne. Der Korrespondent der„Daily Mail" beginnt sein Telegramm mit den Worten:„Ein Heer von 100 000 Mann stand heute vormittag mitten in Berlin." Der Korrespondent fragt:„Was wird die Welt sagen zu dieser Kundgebung eines G eist es, den sie für tot hielt?" Er meint, die deutsche Regierung habe ihre Furcht(?) sDieses Fragezeichen stammt von WTB. Red. des„Vorw."I gezeigt, indem sie sich aus der Hauptstadt zurückgezogen habe. „Times" bemerkt in einem sehr eingehenden Telegramm ihres Vertreters, die Kundgebungen des kommuniftsschen Roten Front- kämpferbundes letzte Pfingsten und die noch schärfere Gestalt der gestrigen Kundgebung des Stahlhelms seien eine Mahnung an Deutschlands Reserven disziplinierter Männer. Jedes Land, das am Weltkriege teilgenommen, habe diese, aber nicht in jedem Lande hätten sie diese sentimentale Liebe für alle militärischen Dinge, die sie veranlasse, in de? Ausbildung zu bleiben. Es fei jedoch ein Reserveheer ohne Waffen. I Der Berliner Berichterstatter des„Daily Telegraph" fleht die Kundgebung des Stahlhelms als ein vollständiges Fiasko an. Berlin könne wieder freier atmen, und zwar für lange. Sowohl die Regierung als auch die Stadtverwaltung hätten sich den Veranstaltern gegenüber sehr kühl benommen. „Westminster Gazette" schreibt in einem Leitartikel: Die alt- eingewurzelte militärische Disziplin würde in Anwendung gebracht werden, wenn die deutsche Republik durch schlechte Führung oder die Nichtgewährung eines Platzes in der Sonne, der ihrer Mitgliedschaft des Völlerbundes würdig ist, in stürmisches Wetter käme. Das Blatt hebt den platonischen und unverbindlichen Charakter der Botschaft Hindenburgs an den Stahlhelm hervor und schreibt, s o t'a n g e Hindenburg loyal Zur Republik hält(und es besteht kein Beweis für das Gegenteil), sei ein monarchistischer Streich kaum zu be- fürchten. Denn Hindenburgs Ruf wiege schwerer als die Kaiser- söhne, die bei der Parade anwesend waren, und alle die anderen in Mißkredit gebrachten Personen, die diese Bewegung patronisieren, zusammengenommen. Das deutsche Volk habe wirklich den Wunsch, seinen wirtschaftlichen Aufbau fortzusetzen, und nichts derartiges werde den Kriegsherrn zurückrufen, der sich in der Stunde des Unglücks der Nation in Sicherheit gebracht habe. l Sallettabenö öer Staatsoper. 1 Man ging mit mäßigen Erwartungen hin. Und ward aufs angenehmste überrascht. Kein weybahnendes Erlebnis. Kein Erschließen neuer Perspektiven. Auch keine schlechthin vollkommene und einwandfreie Leistung, aber eine Leistung, die bewies, was unser Staatsballettmeister T e r p i s vermag, wenn er von musikalischen Taktstöcken unbehindert schaffen darf. Denn dieses war ein Tanz- abend, nicht ein Opernabend mit Tanzeinlagen. „Der letzte P i e r r o t".»ein Ballett in drei Bildern von Mar Terpis(Musik von Karol Rathaus). Picrrot, Be- wohner einer romantisch-kitschig-sentimentalen Mondscheinlandschast, liegt in todesähnlichem Schlummer. Ein„sonderbarer Herr" er- weckt ihn. Versetzt ihn ins helle Sonnenlicht des modernen Tages. In eine Fabrikgegend. Pierrot findet sich nicht zurecht. Sieht in den Fabrikmädchen Colombinen. Erregt erst Staunen, dann Aerger und Empörung. Der sonderbare Herr rettet ihn. Entführt ihn in einen mondänen Ballsaal. Hier löst seine Erscheinung ein mit Mit- leid gepaartes Interesse aus. Eine elegante Weltdame versucht ihn zu„modernisieren". Verlockt ihn zu einem Pas de deux, das kläg- lich mißlingt. Pierrot bleibt der Alte, der die Zeit nicht versteht und von ihr nicht verstanden wird. Er sieht auch in der Dame des 20. Jahrhunderts nur seine Colombine. Führt ihr altfränkische Pos vor. Wird ausgelacht und erkennt sich verzweifelt als verspätetes Ileberbleibsel einer verblichenen Vergangenheit. Er endet in einem Raritätenkabinett. Eine symbolische Fabel? Eigentlicher Titel:„Das letzte Ballett?" Kunstgattung aus romantisch-kitschiger Vergangenheit, die das gesund empfindende Volk energisch abweist, die von snobistischen Vertretern einer absterbenden Äesellschaftsschicht zu neuem Leben galvanisiert werden soll. Und die am Ende dahin gelangt, wohin sie gehört: ins staubige Kuriositätenmagazin.? Hat Terpis das gestalten wollen? Ich weiß es nicht. Und es kommt schließlich auch nicht auf das gewollte Was, sondern auf das gekonnte Wie an. Und da hat er uns die schönste seiner bisherigen Leistungen geboten. Etwas zuviel Pan- tomime noch. Aber doch eine Fülle rein tänzerischer Werte. Im Maschinentanz der Arbeiterinnen— durch den Stoff bedingt und ge- fördert— sogar vollendeten abstrakten Stil. In der Valse senti- mentale des Pierrot, in den urwüchsig-leidenschaftlich-hemmungslosen Schwüngen und Sprüygen des Fobrikmädchens, im raffinierten be- rauschenden Wirbeltanz der Dame werden komplizierteste Stimmun- gen und Empfindungen zu klaren, eindringlichen, packenden rhytb- mischen Formen gestaltet. Weniger glücklich erschienen die Gruppen- bewegungcn, bei denen grundlegende tänzerische Motive nicht immer deutlich erkennbar wurden. Dem.Letzten Pierrot" folgte die einaktige Tanzdichtung„D i c Erlöste n". Cboreoarapbie van Terpis, Musik(Skythische Suite) von Serg.e Prokosiefs, Kamps zwischen Dämonen und streit- baren Engeln um die Erlösung verdginmter Seelen, hier lag der Gewerbefragen vor üem Landtag. Tie Mittelstandskredite. In der heutigen Sitzung des Preußischen Landtags legte Abg. Schwenk-Berlin(Komm.) vor Ek.ckritr in die Tagesordnung Ver- Währung ein gegen die Haltung der Polizei und die Ver- Haftung von mehreren hundert Arbeitern, Arbeiterfrauen und -mädchen und wegen Mißhandlungen anläßlich des Stahlhelm« tages. Es hätten zumeist lediglich nichtige Gründe Vorgelege,,. Die Verhafteten feien zum Test noch in Haft. Der Redner beantragt sofortige Besprechung des kommunistischen Antrages, die Verhafte- ten sofort zu enllassen, Strafen nicht zu oerhängen und alle schul- digen Polizeibeamien sofort zur Verantwortung zu ziehen. Die sofortige Besprechung des Antrages scheitert, da aus dem Hause Widerspruch erhoben wird. Es folgt die zweite Beratung des Haushalts der Handels- und Gewerbeoerwaltun g. Berichte über die Ausschußverhandlungen erstatten die Abgg. Dr. Pinkerneil(Dnat.) und Perschke(Wp.). Letzterer begründet den Ausschutzantrag, Vorsorge zu treffen, daß der gewerbliche Mittel. stand in Zukunft leichtere Kreditmöglichkesten erhält. Der Redner empfiehlt ferner, auf die Reichsregierung dahin einzuwirken, daß aus den neuerdings zur Verfügung gestellten sechs Millionen Mark den verdrängten Gewerbetreibenden(0 st f l ü ch t l i n g e n) mir tunlichster Beschleunigung Wirtschaftsdarlehen zum Zwecke des Wiederaufbaus einer Existenz gewährt werden können. Die Beratung dauert an. Vertagung ües Kußmann-Prozesses. Dr. Kustmau« und der Plauener Prozest. Vor dem Disziplinarsenat für richterliche Beamte am Kammer- gericht stand, wie bereits berichtet, Termin zur Hauptverhand- l u n g in dem Disziplinarverfahren gegen die Gerichtsassessoren Dr. K u ß m a n n und Dr. C a s p a r i, sowie gegen Landgerichtsrat P e l tz e r am 11. Mai an. In dem Disziplinarverfahren, das bis zum Ende der Woche dauern sollte, handest es sich um Handlungen, die von drei Angeklagten in ihrer Eigenschaft als Beamte der Staatsanwaltschaft I anläßlich des Ermittlungsverfahrens in der Barmat-Höfle-Affäre begangen sein sollen. Der Termin ist jetzt aufgehoben worden. Es wurde nämlich ein Erweiterungsantrag gegenüber Dr. Kutzmann gestellt. Anscheinend handelt es sich hier- bei um eine Ausdehnung der Untersuchung, die sich auf die Be- Ziehungen Kuhmanns zu gewissen Zeugen im Plauener Stresemann-Prozeß erstreckt. Dadurch mußte die Verhand- lung gegen Dr. Kußmann vertagt werden. Da aber eine Abtrennung der Disziplinarverfahren gegen Dr. Caspar! und Dr. Peltzer nicht tunlich erschien, verfiel der gesamte Disziplinarprozeß der Vertagung. Wann die nunmehr seit fast 2 Jahren schwebende Disziplinar- Untersuchung endlich zur Verhandlung gelangen wird, ist nicht ab- zusehen._ Der Parteitag in Teplitz. Eine Kundgebung für die Internationale. Teplih- Schönau, 8. Mai.(Eigener Bericht.) Der Parteitag der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei der Tschechoslowäki- schen Republik fand gestern seinen Höhepunkt in einem groß ange- legten Referat des Genossen Ludwig C z e ch über die Wirtschaftskrise und den internationalen Bürgerblock. Czech schilderte das tiefe Elend, von dem die Arbeiter des Landes ohne Unterschied der Sprache infolge der Wirtschaftskrise heinigesucht sind, und gab ein Bild von der Entwicklung der deutschen bürgerlichen Parteien, die früher die Sozialdemokratie des„nationalen Verrats" bezichtigten, jetzt aber mit den tschechischen Bourgeoisparteien gemeinsam den alten Unterdrückungskurs fortsetzen. In Beantwortung der Be- grüßungsred?, die der tschechische Genosse Dr. S o u k u p am Tage vorher gehalten hatte, bekannte er sich als ein entschiedener Anhänger des engen Zusammenstehens beider Parteien. Genosse Czech schloß unter stürmischem Beifall, der sich erneuerte, als ihm Genosse Dr. S o u k u p beglückwünschend die Hand reichte. Auch die Diskussions- redner, die Genossen Heller, Nießner, Polach u. a., traten lebhaft für die Zusammenarbeit mit den tschechischen Genossen ein. künstlerische Schwerpunkt in der Leitung der Massen, die in räum- gestaltender Gliederung, Ballung und Lösung sowie in der tanze- rischen Charakterisierung der drei Gruppen(Engel, Dämonen, Menschen) schlechthin meisterhaft durchgeführt wurde. Die majeftä- tische Lichtgestalt des Cherub, die phantastische Wildhest des ver- zweifelt � kämpfenden und knirschend unterliegenden Dämon ragten hervor. Die Sololeistungen waren fast durchweg des höchsten Lobes würdig. Ilse C a st n e r als Fabrikmädchen, Dorothea Albu als Dame im„Pierrot" und Cherub in den„Erlösten". Terpis als Pierrot und Walter Jung als Dämon— jeder in seiner Art unübertrefflich. Nur Elisabeth Grube(Colombine) blieb ausfallend farblos. Sehr schöne, stinimungfördernde, teils in üppiger Farbenpracht, teils in wuchtiger schlichter Liniengröße imposante Bühnenbilder von Aravantinos umrahmten die Szene». Das Publikum spendete begeisterten Beifall. Immer wieder mußten Solisten, Komponist und Dirigent vor der Rampe erscheinen. John Schikowski. Zack Londons Zugend. Wie Jack London, der auch in Deutsch- land heute mehr und mehr gelesene amerikanische Autor, zu seiner literarischen Laufbahn vorbereitet wurde, schildert eine Darstellung von Mrs. Charmian, London, die von der„Revue de Paris" in llebersetzung veröffentlicht wird. Von einer heruntergekommenen Baucrnfanulie des Westens stammend, mußte der Knabe in San Francisco neben der Schule als Zeitungsausträger, Gehilfe eines Eisverkäufers und Kegeljunge Brot verdienen helfen. Als Schiffs- junge kam er nach Japan und Sibirien, beim Zerlegen der Robben, bei der Behandlung der Felle die schwersten Arbeiten verrichtend. Ein rauher Seefahrer war er geworden, den dennoch nachts die Bücher trösteten, und der das Ersparte nach Hause gab. Heim- gekehrt, sollte er aus den Wunsch seiner Mutter einen„Berus" er- areifen; er wurde Arbeiter in einer Jutespinnerei mit 10 Cents Stundenlohn bei zehnstündiger Arbeit. Während er schon bei einigen literarischen Preisausschreiben Erfolg gehabt hotte, geriet er unter die Armee der Arbeitslosen und Streikenden, zerlumpt und verwahrlost wie einer, kam, in einem Viehwagen versteckt, nach Chikago, frequentierte mit den Negern in Washington die Spiel- Höllen, entkam der Polizei, gelangte, immer in Güterwagen versteckt, von den Beamten aufgespürt und wieder entwischt, nach New Pork, nach Boston, nach Kanada und Vancouoer, wo dieser Teil seiner Laufbahn wieder auf einem Schiff endigte. Ein merkwürdiger Abgeordnelenstreii. In der dieser Tage stall- findenden Tagung der parlamentarischen Ausschüsse der britischen Arbeiterpartei wird Tom Grovxs mit Unterstützung der Parteiführer folgende Tagesordnung einbringen:„Um die Aufmerksamkeit der Oesfentlichkeit auf die Ungerechtigkeit der dem Parlament vorgelegten Gewerkschastsbill zu lenken, verpflichten sich die Parlamentsmitglieder der Arbeiterpartei auf Ehrenwort, sich nach dem Inkrafttreten des Gesetzes während der Dauer von sechs Monaten des Genusses alkohol- halliger Getränke und des Tobaks zu enthalten. Sie hoffen, daß alle Arbeiter de? Landes ihrem Beispiel folgen werden." Man weiß noch nicht, wie dieser Porschlqg einer politischen Fapenzest ausgenommen Auf denselben Ton war eine von vielen Tausenden besuchte Massenkundgebung aus dem Marktplatz gestimmt, in der neben den einheimischen Rednern auch die auswärtigen Gäste de» Partestags das Wort ergrisfen. Ihr glänzender Verlauf rechtfertigte den Opti- mismus, von dem alle Reden de» Parteitags beseelt waren. Gbuch und üer Zemehäuptlmg. Eine kommunistische„Berichtigung". Der kommunistische Landtagsabgeordnete 0 b u ch sendet zu unserem unter der Ueberschrift„Amnestie-für politische Gefangene" erschienenen Bericht über die Beratungen des Rechtsausschusses folgende„Berichtigung": 1. Es ist unwahr, daß ich im Rechtsausschuß des Preußischen Landtags eine halbstündige Verteidigungsrede für den Femehäuptling Oberleutnant Schulz geholten habe; wahr ist vielmehr, daß ich ausdrücklich erklärt habe, daß die Femetaten des Oberleutnant Schulz als überlegte Morde von keinem politischen Standpunkt aus zu rechtfertigen sind. 2. Es ist unwahr, daß ich die Ansicht geäußert habe. Ober- leutnant Schulz fei ganz ungerechtfertigt zum Tode verurteilt worden; wahr ist vielmehr, daß ich die Verurteilung des Ober- leutnant Schulz zum Tode für gerechtfertigt erklärt habe. Herrn Obuch ist die Feststellung seiner Worte peinlich, das ändert aber nichts daran, daß sie gefallen und von den übrigen Mitgliedern des Rechtsausschusses gehört und mll der gebührenden Heiterkeit ausgenommen worden sind. Herr Obuch hat ganz wort- wörttich davon gesprochen, daß das Todesurteil gegen Schulz und seine Komplizen moralisch nicht gerechtfertigt sei. da sie als Werkzeug anderer Mächte gehandelt hätten. Wie lückenhaft und falsch im übrigen seine Erinnerung an die Amnestieberatung im Rechtsausschuß ist, hat er bei der Beratung des Iustizetats im Plenum selbst bewiesen. Der sozialdemokratische Redner im Rechtsausschuß halle ausgeführt, daß bei Annahme des kommunisti- schen Amnestieantrages beispielsweise auch die Stahlhelmleute amnestiert werden müßten, die wegen Körperverletzung und Tod- schlag, begangen an Reichsbannerleuten und anderen Linksstehenden, zu Gefängnis verurteilt worden sind. Dies wünsche die Sozialdemokratie keinesfalls. Herr Obuch machte daraus im Plenum, daß der sozialdemokratische Redner die im Falle Vobis(Düsseldorf) verhängten Gefängnisstrafen von zwei Jahren und sieben Monaten Gefängnis als völlig ausreichende und befriedigende Sühne für den Todschlag eines Arbeiters bezeichnet hätte. Ein ähnlicher Gedächtnisfehler ist Herrn Obuch offenbar auch bezüglich seiner eigenen Worte unterlaufen. Seine Ausführnugen zum Falle Schulz wurden überdies im Rechtsausschuß von dem nachfolgenden sozialdemokratischen Redner sofort festgenagelt, der meinte, daß Herr Obuch für Schulz eine bessere Verteidigungsrede gehalten habe als der eigene Anwalt des Schulz im Wilms-Prozeß. Kommifssonswahlen in Genf. Fortgang der Weltwirtschaftsberatungen. Gens, 9. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Die drei Kommissionen der Wirtschastskonserenz wählten heute vonniltag ihre Vizepräsiden- ten und Berichterstatter und bestätigte.� die einzusetzenden Unter- ausschüsse. Jedes Land soll nur je einen Vizepräsidenten oder Be- richterstatter erhalten. Für die deutsche Delegation ist Ex- minister Hermes zum Berichterstatter der Landwirtschaftskom- Mission gewähll worden. Genosse Eggert ist der ersten, der Handelskommission, zugeteilt worden. Auf Antrag der sozialistischen Arbeitnehmemuppeii hat der Konfere,>zpräsident als Sachoerständi- gen für die Ärbeilnehmerfragen der Landwirtschaft noch den Ge- Nossen Reichstagsabgeordneten Georg Schmidt, Generaliekre- tär des Internationalen Landarbeiterverbandes, zur Teilnahme an der Konferenz eingeladen. Sommunistenprozeß in Rom. Drei angebliche Mitglieder des römischen Exekutivkomitees der Kommunisten— sechs hatten fliehen können— sind zu Gefängnisstrafen von 4 bis 7 Jahren verurteilt worden. werden wird. Der Dorschlag bezweckt, auf das Schatzami einen Druck auszuüben. Es fehlt im Parlamentsausschuß selbst nicht au Stimmen, die Kaffee, Tee und Zucker in das Verbot einbezogen wisse» wollen. Die dahingehenden Anträge wurden indessen abgelehnt. llnfruchlbarmachung geistig Minderwertiger in Virginia. Der höchste Gerichtshof in Washington hat soeben einstimmig die Rechts- gllltigkell der neuen„Virginia» Eugenics Law" ausgesprochen, wo- nach im Staate Virginia die Unfruchtbarmachung von geistig minder- wertigen Personen gestattet ist, um die Geburt von erblich schwer belasteten Kindern zu verhindern. Richter Oliver Wendell Holmes wies in der Urteilsbegründung darauf hin, daß die Tatsache, daß die Jugend gezwungen sei, im Kriege für das Wohlergehen ihres Landes das Leben zu lassen, ausreiche, um die Sterilisierung Geistesschwacher zu rechtfertigen.„Es ist besser," führte er aus,„die Geburt Schwach- sinniger zu verhindern, als abzuwarten, bis sich ihre verbrecherischen Triebe in Toten umsetzen." Den Anlaß zur Anrufung des höchsten Gerichts bot der Beschluß der Polizeibehörden Virginias, eine Frau namens Carrie Buck einer auf die Unfruchtbarmachung abzielenden Operation zu unterziehen, weil die zwanzigiährige Frau die Tochter einer blödsinnigen Mutter ist. Frau Buck zeigt trotz ihrer zwanzig Jahre die Geistesverfassung eines neunjährigen Kindes. Nach der Geburt eines Kindes wurde sie nach einem Asyl für Schwachsinnige überführt und dort interniert. Nach dem erwähnten Urteil des höchsten Gerichtshofes steht der Ausführung der Operation nichts mehr im Wege. Nach dieser soll die Frau wieder in Freiheit gesetzt werden. 750 000 Besucher de» Deutschen Museums. In der Iahresver- sammlung des Deutschen Museums, die am Sonnabend in M ü n- che» stallfand, wurde mitgeteilt, daß im vergangenen Jahre rund 750 000 Besucher gezählt wurden. Der Münchener Oberbürger- meister verkündete, daß der Münchener Stadtrat eine Million Mark als Spende für den Bibliotheksbau bewilligt habe. Ein Vertreter der JG.-Farbenindustrie kündigte eine Stiftung von 50 000 M. an. Iheaterchranit. Am Mittwoch, dem 11. Mal, dirigiert HanS Psitzner in der Städtsschen Oper den„Armen Heinrich'. ver.7Netropoli»-.Regisseor gegen die llio. Die Uebernabme der Hin durch den Hugenberg-Konzern brachte eine Klarstellung der wirtlchastlichcn Lage deS Filmunternehmens. Die Kosten deS MctropoliS-FilmS wurden nach dem oorbandencn Material mit fünf Millionen Marl fengestellt. Dagegen protestiert der Regisseur Fritz Lang, da nach seinen Belegen die Un- tosten erheblich niedriger sind. Die Eesellschait für empirische Dbllosophie, der grösstenteils Rerzte angeboren und deren Borfttzender Prosessor Dr. Krauss ist, bielt in der zweiten medizinischen Klinik ihren ersten Vortiaqsabend ab. ES sprach Prosessor Paetzold Berlin über rationales und empirisches Denken. Veutschlaadreile russischer Gelehrter D e von dem Volkskommissar S e m a s ch t o geführte Delegation 20 hervorragender russischer holen worden. Wie zuverlässig verlautet, wird der Film auch in den übrigen holländischen Grotzstädlen verboten werde«. Der Stahlhelmtag verpufft. Ergebnis: Ueber 800 Siftiernngen. Di«„Eroberung Berlins" ist vorbei. Vorbei ist die Renommierporade vor dem Schloß der verflossenen preußischen Könige! Die Begeisterung der durch Stahlhelmausweis zugelassenen Zivilisten aus dem Leserkreis des..Lokal-Anzeigers" war groß, und sicherlich hatte sich ein beträchtlicher Hausen von Menschen vcr- sammelt. Die Teilnehmerzaht betrug, gut geschätzt, 80 OVO. Also: mit einer Maifeier, zu der die Sozialdemokratie ausruft, ließ sich der Stahlhelmrummel natürlich nicht vergleichen. Aber rund fünfmal so wenig Menschen waren immerhin zur Stelle! Von 12 Uhr ab glich der Lustgarten und das Stück der Linden bis zur Universität einem Heerlager der albanischen Armee. Soviel verschiedene Uniformen hat man selten auf einmal zusammengesehen. Vom sagenhaft anmutenden Blau der Vorkriegs- zeit— echte ,.Frontkämpfer"-Grabenbekleidung!— bis zur knie- freien bayerischen Gebirgsmarine-Unisorm gab es tausend Nuancen. Jeder sein eigener Kammersergeant! Und was für Orden man zu sehen bekam! Es war wirklich sehr bunt. Dann Fahnen! A u f drei Mann eine Fahne! Von kleinen Wimpeln nicht zu reden! Aber es gab auch eine Sensation: Drei leibhaftige Hohen- zollernprinzen und Kaisersöhne hatten sich eingefunden und standen im schlichten Gewände des Stahlhelmers bei der Orts- gruppe Potsdam in Reih und Glied. Das wisperte das„Lokal- Anzeiger"-Herz. Und ein« deutsche Patriotin flüsterte ihrer Nach- barin ins Ohr:„Sie sehen genau so aus wie die anderen!" Und als ein Feldwebel sich bei August Wilhelm militärisch meldete, zog dieser im Laufe der Unterhaltung eine in Pergamentpapier gehüllte Schrippe aus dem Brotbeutel und aß sie in gut gespielter Pose sehr langsam und weithin sichtbar. Und die Patriotin bemerkte:„Sogar Stullen hat er sich mitgebracht!" Eine besondere Ehrung für das gastfreie Berlin hatte sich der Gau Brandenburg ausgedacht: Man sang nämlich ein Lied, das neben einer Unflätigkeit gegenüber der feige ermordeten Rosa Luxemburg im Refrain eine Aufforderung an die Stadt Berlin ent- hielt, die durch Goethes„Götz von Berlichingen" klassisch ge- worden ist. Ueber das Abschreiten der Front durch Herrn Seldte, das Vorbei- defilieren, die Festansprachen und die obligaten Festreden ist wenig zu sagen. Die es anging und für die es bestimmt war, bekamen wenig davon zu sehen und zu hören, da sich das Ganze in einem vom Publikum völlig abgesperrten Teil der Linden und des Lust- gartens abspielte Aber die eine Frage ist gestattet: Die Proletarier unter den Stahlhelmern haben Berlin, die„Stadt der Arbeit", wie Herr Seldte sagte, gesehen, werden sie weiter der falschen Fahne folgen? Einmal wird die Erkenntnis kommen! Wie«ine Berliner Korrespondenz meldet, hatten auf der Frei- treppe des Allen Museums die Ehrengäste, darunter auch „mehrere Offiziere in Reichsw«hruniform" Ausstellung genommen. Handelte es sich da um aktive Reichswehr- offiziere? Und wenn nicht, wie lauten die Bestimmungen über das Tragen der Uniform bei verabschiedeten oder ent- lassenen Offizieren der Reichswehr? Der amtliche Polizeibericht. Der Polizeipräsident teilt mit: jDez 7. und 8. Mai sind in Berlin ohne erhebliche Störungen und bedeutendere Zwischenfälle verlaufen. Die Reichshauptstadt ist davor bewahrt geblieben, der Schauplatz von Ereignissen zu werden, die von verschiedenen Seiten befürchtet worden waren. Um 12 Uhr nachts haben die letzten Transporte der Stahlhelmer Berlin verlassen. In den Abendstunden des Sonntages und während der Nacht ist es an verschiedenen Stellen noch zu kleinen Zu» sammenstößen gekommen, bei denen 467 Personen, darunter fünf Frauen, von der Polizei zwangsgeftellt wurden, ünsgefaml wurden somit am 7. und S. Mai 833 Personen von der Polizei sestgenommen, von denen bis heute früh 669 wieder entlassen waren. Von den übrigen 164 Personen wird der größte Teil nach Abschluß der Vernehmungen voraussichtlich noch am heutigen Vormittag zur Entlassung kommen, während der Rest, etwa IS Personen, dem Der- nehmungsrichter zugeführt wird. Im einzelnen wurden in den Abendstunden des Sonntages und während der Nacht festgenommen: 219 wegen Nichtbefolgung polizeilicher Anordnungen. Von diesen Festgenommenen gehörten 24 den Linksparteien an, 9 den Rechts- Parteien, 186 bezeichneten sich als parteilos; 86 Personen, darunter 3 Frauen, wegen Aufreizung. Von diesen gehörten 12 den Linke- Parteien an, während sich 74 als parteilos bezeichnetem 121 wurden wegen Beleidigung und groben Unfugs festgenommen, 2 davon waren Kommunisten, die übrigen wollten all« parteilos sein. 12 Personen sind wegen Ueberfalls auf Etahlhelmleute festgenommen, von denen 2 Stahlhelmleute leicht oerletzt wurden. 4 der Täter waren Kommunisten, 8 parteilos. 6 Personen, die sich als parteilos bezeichneten, wurden wegen Waffentragens festgestellt, 13 Personen, darunter 2 Frauen, wegen Beamtenbeleidigung und Widerstandes. Eine Person hat sich wegen Beleidigung des Reichspräsidenten zu verantworten, eine Person wegen Sachbeschädigung, eine Person wegen Verstoßes gegen das Stockverbot, eine Person wegen Land- sriedensbruches und 6 Personen wegen Störungen polizeilicher Amtshandlungen. Die Schutzpolizei brauchte von ihren Schußwaffen keinen Gebrauch zu machen." * Das Verhalten der Polizei im Lustgarten verdient An- erkennung. Dagegen gehen uns Meldungen zu, daß die Polizei im Straßendienst wiederholt übermäßig rigoros vor- gegangen ist. Man muß erwarben, daß der Polizeipräsident dort, wo wirkliche Uebergriffe nachgewiesen werden, die Schuldigen unnachsichtlich zur Rechenschaft zieht. Einzelne Zusammenstöße. Während des Sonnabends und Sonntags ist es zum Glück zu größeren Zwischenfällen und Zusammenstoßen nicht gekommen. Da- gegen haben sich einige kleinere Krawalle an verschiedenen Stellen der Stadt ereignet.— Am Wintcrfeldtplatz gerieten Stahl- h e l in l e u t e und Kommunisten in ein Handgemenge, wobei drei Stahlhelmer verletzt wurden. Alle drei, von denen einer einen Lungenstich davongetragen hatte, mußten in das Schöne- berger Krankenhaus gebracht werden. In der S e e st r a ß e wurde ein Stahlhelmer von unbekannten Tätern zu Boden ge- schlagen. Mit schweren Kopsverletzungen mußte er in das Virchow- Krankenhaus gebracht werden. Ein ähnlicher Fall ereignete sich am Bahnhof Schönhauser Allee, wo gleichsalls ein Stahlhelmer oerletzt wurde und in das Virchow-Kranken- haus gebracht werden mußte. Auch am Sonntag abend kam es an oerfchiedenen Stellen zu Anrollungen und kleinen Ausschreitungen. So entwickelte sich am Bahnhof Wedding zwischen Stahl- helmern, die ihre Rückfahrt antreten wollten, und Kommunisten eine Schlägerei. Der Polizei gelang es, die Ruhe nach kurzer Zeit wieder herzustellen. Neun Personen, die hierbei Kopfverletzungen davongetragen hatten, mußten zur nächsten Rettungsstelle gebracht werden, wo ihnen Notverbände angelegt wurden. In der Gleditschstraße wurden mehrere Stahlhelmer von Kommu- nisten angegriffen. Drei erlitten erhebliche Verletzungen und mußten zur Rettungsstelle geschafft werden. Zwei von ihnen konnten nach ärztlicher Behandlung wieder entlassen werden, während der dritte mit einem Bruststich in ein Krankenhaus übergeführt werden mußte. — Am Hermannplatz wurde ein mit vier Stahlhelmern be- fetztes Auto mit Steinen beworfen und die Insassen leicht verletzt. Verschiedentlich ist es in der Nähe der Stahlhelmquartiere und beim Abmarsch der Stahlhelmer nach den Bahnhöfen zu größeren?ln- sammlungen gekommen, so daß die Polizei, um ernste Zusammen- stöhe zu vermeiden, ganze Straßenzüge räumen muhte. Am Hermannplatz nahm die Menge eine sehr bedrohliche Haltung ein, so daß die Polizei diesen und die ganze Hasenheide räumen mußte. In der P u t b u s e r Straße im Norden Berlins, wo sich ebenfalls größere Ansammlungen gebildet hatten, schritt die Polizei ein und mußte, da sich mehrere Personen weigerten, den polizeilichen An- ordnungen zu folgen, vom Gummiknüppel Gebrauch machen. Mehrere Personen wurden hierbei leicht verletzt. Nach Anlegung von Notverbänden auf der nächsten Rettungsstelle konnten sie in ihre Wohnungen entlassen werden. Das Reichsbanner wird begrüßt. Ein bezeichnender Vorfall spielte sich im Norden Berlins ab. Als das Reichsbanner von seinem Alarmplatz abmarschiert«, bildete sich spontan ein D e m o n st r a t i o n s z u g, der überall den, stärksten Eindruck machte. Während bei sonstigen Umzügen an ge- wissen Ecken die Reichsbannerkameraden von kommunistischen An- hängern auf das schlimmste beschimpft wurden, sah man den Gesichtern diesmal nur ein betroffenes Staunen an. Dann ging es durch die für den Stahlhelm bestimmten Spaliere, unaufhörlich ertönten Freiheilrufe. Von der großen Reklame für die Rotfront- kämpfer war nichts zu spüren, die kommunistischen Leute waren sichtlich enttäuscht über das Versagen ihrer Rotfrontler, für das Reichsbanner und die Republik war der begeisterte Zug ein beispielloser Erfolg. Ein Märchen der„Raken Fahne-. Die.Flöte Fahne am Montag" bringt neben anderen Skandalmeldungen auch dieses Sensatiönchen: „Als der Polizeioberst a. D. LangevomReichsbanner gestern abend ein Hoch auf die Republik ausbrachte, wurde er von einer Kolonne Stahlhelmleute überfallen und aufs schlimmste mißhandelt. So deckten Zörgiebels Polizei- offiziere den feigen Stahlhelmterror!" An dieser Schauergeschichte ist kein wahres Wort! Potsdam ist beglückt. Als Abschluß der Frontsoldatentagung veranstaltete der Stahl- Helm am heutigen Vormittag«inen Marsch nach Potsdam, an dem etwa 6066 bis 8666 auswärtige Angehörige aus allen Gauen des Reiches teilnahmen. In einer Begrüßungsansprache erklärte der Oberbürgermeister der Stadt Potsdam Rauscher: Es sei gesagt worden, die Etahlhelmleute legten kein Gewicht auf offizielle Bc- grüßungen. Er aber, der Oberbürgermeister von Potsdam, l e g e Gewicht darauf, den Stahlhelm als liebe, hochwillkommene Gäste zu begrüßen. Oberbürgermeister Rauscher betont« dann weiter, daß die Stadt beschlossen habe, 5666 Mark zur Verpflegung und Be- wirtung des Stahlhelms zur Verfügung zu stellen. Einbrecher in Serlin N. Zwei Frauen um ihre ganze Habe bestohleu. Am hellen Tage wurden gestern zwei Frauen im Norden der Stadt von Einbrechern schwer heimgesucht. Eine Kontoristin, die in der W ö h l e r t st r a ß e für sich allein wohnt, stand im Be- griffe, sich zu verheiraten. Aus ihren Ersparnissen und durch persönliche Arbeit hatte sie es zu einer hübschen Ausstattung gebracht. Wäsche, Kleidungsstücke und andere Sachen bewahrte sie einstweilen in einem großen Reisekofser in ihrer Wohnung auf. Am Sonnabend ging sie wie gewöhnlich um 8 Uhr nach ihrer Arbeitsstelle und schloß ab. Als sie um 2 Uhr nachmittags zurückkehrte, erlebte sie eine schmerzliche Ueberraschung. Ihr Zimmer und der R e i s e k o s f e r waren erbrochen, die ganze Ausstattung war gestohlen. Niemand im Hause hatte von dem Einbrecher etwas wahrgenommen. Noch schlimmer erging es nachmittags der alten Witwe eines Apothekers in der Artillerie st raße. Diese hatte aus ihrer guten Zeit noch für 4666 M. Wert- Und Schmucksachen und Silberzeug gerettet. Der Schatz war die letzte Sicherheit für die a l t e n T a g e.. Die Frau verließ um S Uhr nachmittags ihr« Wohnung, um eine Verwandte zu besuchen. Als sie um 7 Uhr heimkam, fand sie die Tür mit einem Dietrich geöffnet und die Behältnisse mit einem Stemmeisen erbrochen. Der ganz« Schatz war verschwunden, darunter die goldene Uhr des verstorbenen Mannes, die H. H. gezeichnet ist, eine goldene Damenuhr mit dem Zeichen H. H.. ein silbernes Schreibzeug mit dem Zeichen G. H., zwei große silberne Leuchter mit dem Zeichen H. C. H., Eßbestecks u. a. m. Mitteilungen zur Aufklärung an Kriminalkommissar Dr. Anuschat im Polizeipräsidium. Unerwünschte Ausländer. Auf der Rennbahn in Karlshorst beobachtet« die Krimi- nalpolizei gestern drei elegante Herren, die sich den Beamten durch ihr Benehmen verdächtig machten. Es schien ihnen aber nichts zu gelingen: sie machten einen ziemlich verdrießlichen und enttäuschten Eindruck. Plötzlich sahen die Beamten, wie einer der Verdächtigen einen älteren Herrn anrempelte, ihn umfaßte, um ihn vor dem Hin- fallen zu schützen und sich dann entschuldigte und empsahl. Nun folgten die Beackiten dem Herrn, der sich wieder zu den anderen begab und mit ihnen eilig den Platz verließ, und nahmen alle drei fest. Die drei taten sehr erstaunt und wollten von einem Diebstahl natürlich nichts wissen. Auf der Rennbahnwache aber fand man bei dem, der nach einem alten Trick den Herrn angerempelt und durch Umarmung gestützt hatte,«ine Brieftasche mit 56 Mark und Papieren auf den Namen eines Einwohners von Berlin-Wilmersdorf. Jetzt war der Verdacht zur Gewißheit geworden. Der Herr aus Wilmersdorf konnte heute früh auch ermittelt werden, und es ergab sich, daß er der Angerempelte war. Die drei Diebe wurden von dem Sondevdezernat festgestellt als ein 32 Jahre alt«r„Kaufmann" D r a t w a aus L o d c z, ein 18 Jahre alter John George aus Bukarest und ein Schneider W e n g l i n f k i aus R a d o m s k. Dratwa war der Rempler, Wenglinski hatte ihn gedeckt und George den Aufpasser gespielt. Di« drei, die sich auch in Oesterreich, Frank- reich und Belgien betätigt haben, wurden von Köln und Leipzig her unter dem Verdacht des v-Zug-Diebstahls bereits verfolgt. Siebes Schüsse auf zwei Borortzüge. Der gefährliche Unfug, auf fahrende Eisenbahnzüge zu schießen, ist gestern abend in einem bisher noch nicht dagewesenen Umfang verübt worden. Als der Vorortzug 1526 von Gr'ünau nach Berlin fuhr, fielen auf Treptower Gebiet in der Nähe der Eichbufch-Allee kurz hintereinander f ü n f S ch ü f s e, die ohne Zweifel ihm galten. Eine Kugel traf, wie ein Einschlag bei der Untersuchung zeigte, die Lokomotive: die anderen gingen fehl. Verletzt wurde niemand. Sofort aufgenommene polizeiliche Ermitt- lungen hatten keinen Erfolg.— Auf den Vorortzug 4665, der um 7 Uhr von Grunewald nach Grünau fuhr, wurden in der Näh« von Witzleben aus dem Laubengelände heraus zwei Schüsse abgegeben, die beide nicht trafen. Die Nachforschungen der Kriminalpolizei hatten auch hier keinen Erfolg. Freier Eintritt in den Schneepalast. Im Hinblick darauf, daß an den Wochentagen der Besuch der Ausstellung durch die Werktätigen wegen der Geschäft-schlußzeiten erst am späten Nachmittag und Abend möglich ist, hcst sich die Ausstellungsleitung entschlossen, nicht nur, wie bisher tagsüber, sondern generell auch für die abendlichen Vorführungen vom heutigen Sonnabend ab allen Besuchern freien E i n t r i t t in die Attraktion der Ausstellung, den„Berliner Schnecpalast" zu gewähren. Der freie Ausenthalt für Ausftellungs- besucher im Schneepalast sst über den abendlichen Ausftellungs- schluß(16 Uhr) hinaus bis zur Polizeistunde gestattet. Der DDG. beim Berliner Magistrat. Aus Anlaß der 17. Haupt- Versammlung des Vereins Deutscher Gießereisachleute empfingen die städtischen Körperschaften den Verein am Sonnabend abend im Rat- haus. Oberbürgermeister Dr. B ö ß begrüßte die Gäste im Namen der Stadt Berlin und gab in knappen Worten ein sehr interessantes Bild von der Entwicklung des Gießereibetriebes in Berlin. Er hob u. a. besonders hervor, wie sehr die Stadt Berlin seit der Errichtung der ersten staatlichen Gießerei im Jahre 1861 an dem Ausblühen dieses Gewerbes Anteil habe. Es gibt heute in Berlin 132 Gießereibetriebe mit etwa 1 8 666 Arbeitern, die ungefähr ein Viertel der gesamten in den Gießereibetrieben Tätigen ausmachten. Der Vortrog wurde sehr beifällig ausgenommen. Ein Aulogaragenbrand in der Koiser-Wilhelm-Straße in Niederschönhausen beschäftigt« gestern die Feuerwehr mehrere Stunden. Dem Brand fielen drei wertvolle Fahrzeuge zum Opfer. Der vundesfußballmeister in Berlin. Das für heute abend an- gekündigte Spiel des Bundesmeisters, des Dresdener Sportvereins, gegen Sldler 68 beginnt um Uhr und nicht, wie irrtümlich ge- meldet, um 5 Uhr. Der Zlug über öen Ozean. Das Schicksal der beiden Flieger ungetvist. 3n B« u r g e l bei Paris sind am Sonntag früh um 5 Uhr die beiden Flieger 31 u n g e s s e r und Coli zum Flug über den Ozean nach New Park aufgestiegen. Paris, 9. Mai.(WTB.) Als die beiden französischen Flieger Hauptmann Charles Nungesfer und Francois Coli gestern früh zum Fluge Paris— New Pork starteten, ging gerade über Paris ein schweres Gewitter nieder. Tausende von Personen, dar- unter viele hohe Militärs und Parlamentarier, wohnten dem Ab- fluge bei. Nach einer aus Cherbourg eingegangenen Meldung hat man dort die beiden Flieger, die anscheinend durch starken Wind von der Fahrtrichtung abgetrieben wurden, gesehen. Sämtliche Funk- apparate an Bord scheinen, da man keine direkte Verbindung mit den Fliegern herstellen konnte, infolge des Sturmwetters Störungen erlitten zu haben. Nach Meldungen aus Cherbourg hat die fron- zöfischc Marine Vorsichtsmaßregeln getroffen und zehn Wasser- flugzeuge zu Erkundungsflügen ausgesandt, von denen jedoch keines den Apparat Nungeffers sichten tonnte. Poris, 9. Mai.(TU.) Genaue Nachrichten über den Ozeanflug der beiden französischen Flieger Nungesfer und Coli fehlen, seitdem tie Flieger den Atlantischen Ozean erreicht haben. Die Margenpress« zeigt sich über das Ausbleiben van Mel- düngen beunruhigt, um so mehr, als«ine Mitteilung der Nadiostation dcs New Porker Flughafens wissen will, daß das Flug- zeug Nungessers auf dem Atlantischen Ozean nieder- segasge»{ä. S« Eherbourger Bericht«iederu« erklärt, die Flieger hätten 266 Meilen von der Küste entfernt aus dem Meere niedergehen müssen und seien von einem Dampfer aufgenommen worden. Poris, 9. Mai.(WTB.) lieber das Schicksal der beiden Flieger Nungesser und Coli herrscht völlige Ungewißheit. Es liegt eine un- kontrollierbare Nachricht aus New Pork vor, nach der eine Radio- station auf Long Island einen Funkspruch aufgefangen habe, wonach das Flugzeug Nungessers im Ältantifchen Ozean nieder- gegangen sei._ Schwerer Zlugzeugunfall in Sreslau. Ter Begleiter tot, der Führer schwer verletzt. Breslau, 9. Mai.(TU.) Bei einem Probeflug auf dem Gan- dauer Flugplatz verunglückt« heute vormittag das Sportflugzeug 1). 449. Der Flugzeugführer v. Flotow mußte sich in 86 Meter Höhe anscheinend vorzeitig zu einer Landm�z entschließen, die recht hart war, so daß die Maschine fast zerschellte. Der Führer erlitt neben verschiedenen schweren äußeren Verletzuiige-u einen schweren Bruch der Schädelbasis, während fein � Begleiter, sein etwa 36 Jahre alter Vetter Frhr. v. Richthofen- Schickerwitz, sofort tot war. Man hofft, v. Flotow am Leben erhallen zu können. Grauenhafter Selbstmord einer Studentin. Kallowiß, 9. Mai.(WTB.) Aus Verzweiflung darüber, daß sie infolge Geldmangels ihr Studium nicht fortsetzen konnte, be- ging die 26jährige Tochter eines Dorfschullehrers in Brzoskow bei Sedlez dadurch Selbstmord, daß sie in ihrem Zimmer auf einem Strahsack eine,, Scheiterhaufen aus Büchern, Papier und Stühlen errichtete, ihn mit Petroleum begoß und darauf in Brand setzte. Sie setzte sich aus die Stühle und konnte nur mit schweren Brandwunden ins Krankenhaus übergeführt worden, wo fie kurz darmif starbt Tornado in den Bereinigten Staaten. New Park. 9. Mai., Hutchison in Kansas wurde von einem starken Tornado heimgesucht Elf Personen wurden getötet, über 166 verletzt und zahlreiche Gebäude zerstört oder beschädigt. Di« Sitzung de» 12. kreise» Sieglitz findet beule Montag, abends 8 Uhr, bei Schcllhaale, Ahornstratze, statt.— Die Funitionärsitzung der 2 6. Abteilung findet heute Montag, abends 7'/, Uhr, bei Pasc, Koloniestraße IS. statt, die der 4 7. Abteilung beute. abendS 7V, Uhr, bei Krause, Mariannenplatz 22 und die der 9 3. Abteilung Britz- Buckow heute Montag, abends 7 llhr, im Ratbaus. Chaussecstraßc 48. Sinalcobe, ante Herren, spöttbilliger Perlaus. Ge. legenheitskäufe in eleganter neuer Gar, derobe und Pelzwaren. Keine Low. bardware. Leibhaus, Friedrichstraße am Hallefchen Tor. Gebrauehte Kraftwagen-Üntergestelle zum Umbau für leichte Lieferungswagen besonders geeignet, außerordentlich billig und zu günstigen Zahlungsbedingungen abzugeben. 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