Mbenöaosgabe Nr. 241 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 114 vezugsb«dingunM« und?nj«igen?r«ik lind in der Morgenausgab« angegeben Kedottion: STD. 68, Cindeoftra�e 8 Zernsprecher i VSnhofs 292— 291 leU-Adreffe: Sozlaldemotra» verU» Verlinev Volkslilerkk �10 PksmiiZs) Montag 2Z. Mai 1�27 Verlag und«aietienadtetlun«, SeschSft-zeit»id bt» 6 U|t Verleger: vor« art» Verlag«vwby. S erlin Sw 68, eindenslrad» 8 Fernsprecher? Vbahoy 292— 299 Zcntralorgan der Sozialdcmokratirchen Partei Deutschlands Eröffnung öes Parteitags in Kiel. Machtvolle Demonstration der Kieler Arbeiterschaft.— Internationale Be- grnßnng.— Montag: Otto Wels erstattet den Bericht des Parteivorstandes. Rote Zahnen in kiel. Von Max La rthel. Kiel, 22. Mai. Die Stadt ist geschmückt mit vielen Fahnen. Man sieht lchwarzrotgold, man sieht die Fahnen der Stadt und dann in den Arbeiterbezirten und Empfangshaus: rote Fahnen. Der Parteitag steht vor der Eröffnung. Ein Streifzug durch die Stadt nach dem Hafen. Die Förde liegt im letzten Licht. Die Werften rauchen. Die großen Kräne stehen unbeweglich am Wasser. Wenig Schiffe, nur einige kleine Motorboote. Endlos dehnt sich die Förde; sie ist abgeschlossen durch ein im Wasier liegendes Kriegsschiff, eine schwimmende Festung, graublau gegen die blauen Wälderhügel im Abend. Viele Fahnen wehen aus den Häuserfronten, die Karl» Legien-Straße, in der das Gewerkschaftshaus liegt, ist eine geschmückte Gasse roter Fahnen. Auch die Flaggen der Re- publik sind sichtbar. Torbogen aus Tannengrün, Begrüßungs- worte für die Delegierten. Viele Delegierten sind schon er- schienen: am Abend kommt die Hamburger Jugend und mar- schiert unter dem Schutz ihrer Fahnen in die Quartiere. In Kiel schlug im November 1918 von den Kriegsschiffen die rote Fahne der Revolution empor. Die Kriegsschiffe sind zum größten Teil abgeliefert, zerschrotet, sie tragen jetzt keine roten Fahnen mehr. Es scheint, als feien die Gruppen der deutschen Arbeiter, die sich heute hier sammeln, Vortrupps von jener Armee, die Deutschland unter der roten Fahne er- obern will. Voran marschiert die Jugend. Sie marschiert am nächsten Morgen nach den Krusenkoppeln, draußen an der Förde, nach den kleinen Hügeln über dem Wasser. Sie marschieren und singen, über die Villen der vornehmen Ge- gend fällt gedämpftes Licht, in ihre abgeschlosiene Ruhe hämmert plötzlich Marschmusik, hämmert Rhythmus, hämmert Takt und Kampfbereitschaft. Die Jugend hat sich an den Hügeln gesammelt, auf den Wiesen, an den Mulden, hinter den Kulisien des Laubwaldes. Unter ihr, auf der Förde, liegt ein Linienschiff. Es steht mit der Spitze gegen das offene Wasier. Vor den Hügeln des jenseitigen Fördeufers wieder die großen Kräne und die An- lagen der Werften. Im Grünen haben die jungen Leute ihre roten Fahnen in die Erde gesteckt. Spiel und Tanz um die roten Fahnen in Erwartung der anmarschierenden Kameraden. Uuschul- digcs Spiel, schön wie Tanz vieler Feuer um die große Licht- flamme des Kampfes. Ja, Spiel und Tanz. Aber es endet das Spiel, es endet der Tanz. Kleine Trupps rücken heran, ordnen sich, singen. Was singen sie auf den begrünten Hügeln über den Kriegsschiffen? Sie singen das Lied vom letzten Krieg:„Vorwärts, du junge Garde des Pro- le t a ri a t s!" Dann kommt die junge Garde des Proletariats. Man hört ihre Lieder, man sieht ihre Fahnen leuchten, man sieht ihre jungen Gesichter. Sammlung unter dem Wald roter Fahnen: kein Spiel mehr, kein Tanz. Paul Löbe spricht, Luise Schröder hat das Wort. Sie sprechen aber nur das aus. was im Herzen der Jugend brennt, sie sprechen nur das aus, wovon gesungen wird:„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!" Vorher ein Sprechchor: eine Mauer von Jungen und Mädchen, eine tötende Mauer. Im rhythmischen Auf und Ab der Worte, auf und ab wie Ebbe und Flut, ein Gedicht von Richard Dehmel. Das Kriegsschiff liegt immer noch still im Wasier, die Riesenkräne stehen noch immer gegen das Licht. Auflösung und Abmarsch der jungen Menschen in die Stadt, die sich gerüstet hat, um den Partei- tag der Sozialdemokratie zu eröffnen. Rings um das Gewerkschaftshaus quellen die vroleta- rifchen Menfchcnströme. Man sieht Hafenarbeiter, Schiffer, Metallarbeiter, Straßenbahner, sehr viel Turner, sehr viel Jugend, Kinder und junge Mädchen, die„Roten Falken" mit ihren dreieckigen Wimpeln, auf denen ihre Worte zu lesen sind: Freude! Sonne! Quickborn! Das Proletariat von Kiel marschiert, die Turner, die Hafenarbeiter, die gewerkschaftlichen Ber- bände, die jungen Mädchen, die Kinder, alles marschiert und stößt singend durch die Straßen der Stadt nach der Messe- halle. Die Messehalle wird im Sturm genommen, im Sturm der roten Fahnen. Auf dem Podium brennen die Flammen der vielen Banner. Die Jugendlichen stehen in tiefen Reihen vor der roten Wand, vor der ein Bild von Karl Legien auf 3000 Menschen herabschaut, die sich zum Empfang der Delegierten versammelt haben. Wer hat sich versammelt? Die ganz alten Parteigenosien, die 20 und 25 Jahre zur roten Fahne standen, Svjährige und ßvjährige Männer und Frauen und ganz junge Genossen von den Turnern und den„Roten Falken", Jugend und Alter stehen m der großen, schönen Halle vereinigt, Kinderland liegt in harter Arbeiterhand: der Anfang ist da und das Ende wird sichtbar. Dazwischen die Vertreter der deutschen Arbeiter, aus- ländische Arbeiter sind erschienen. Posaunenstöße, Musik. Von Kiel wird eine rote Fahne emporgerissen und schwingt sausend von der Ostsee bis an die Schweizer Grenze. Der Parteitag der Deutschen Sozial- demotratie ist eröffnet. Zeierliche Eröffnung. Eine internationale Knndgebung für den Aufstieg der sozialistischen Bewegung. IT. KL Kiel. 23. Mai.(Eig. Drahtber.) Es gibt unker den Mitgliedern des Parteitages nur eine Stimme darüber, daß noch kein Parteitag eine glanzvollere Eröffnung hatte, als dieser. Es ist nicht bloß der Flaggen- schmuck der Stadt, das Gedröhn und Getön von den Taufen- den Marschierenden— alles das, was auf die Sinne ein- stürmt, wäre nichts ohne den G e i st, der es beseelt. Dieser Geist ist, wie Egger st ädt in seiner eindrucks- vollen Begrüßungsrede richtig darstellte, der Geist des gegenseitigen Vertrauens zwischen Führern und Massen. Es ist aber auch der Geist des intsrnatio- nalen Zusammenhaltes, der stärker in Erscheinung tritt als je auf einem anderen Parteitag feit Ende des Weltkrieges. Unmöglich ist es, in kurzen Worten die Wirkung aller Reden zusammenfassend zu schildern. Schon die Namen der politisch bedeutenden Persönlichkeiten allein, die das Wort haben, würde Zeile auf Zeile füllen. Ueber die innerpolitifchc Be- deutung der Tagung wird ja noch mehr zu reden sein. So sei heute nur auf eine internationale Bedeutung hingewiesen. Wer die Rede des französischen Genossen Bracke gehört und ihre Aufnahme durch den Parteitag erlebt hat, der wird für alle Zeit begriffen haben, was der Kampf der deutschen und der französischen Sozialisten um Macht und Einfluß in ihren Ländern für Europa und die ganze Menschheit bedeutet. Nicht minder wichtig aber waren die Erklärungen, die von den Genossen der slawischen Länder am Montag morgen ab- gegeben und vom Parteitag mit stürmischem Beifall aufge- nommen wurden. Zeigen sie doch, daß die schwierigen und heiklen Probleme der deutschpolnischen und deutschtschechischen Zusammenarbeit nur im Geist des internationa- len Sozialismus gelöst werden können, daß der Wille, eine Lösung auf dem Boden internationaler Demokratie zu suchen, auf beiden Seiten vorhanden ist. Es war eine Demonstration für den Aufstieg der sozio- lfftischen Bewegung, dem die prachtvolle Veranstaltung der Arbeiterschaft Schleswig-Holsteins den würdigen Rahmen gab! kiel, 23. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Am Sonntag wurde in Kiel, unter starker Anteilnahme der Bevölkerung, der Parteitag der SPD. feierlichst eröffnet. Am Tage zuvor wdr«ine Veranstaltung des Vereins Arbeiterpresse vorausgegangen, und am Vormittag des Eröffnungstages traten die sozialdemokratischen Kommunalpolitiker und Juristen zu speziellen öffentlichen Tagungen zusammen. Der Festakt der Eröffnung spielte sich nachrnittags um 5 Uhr in der K i e l« r M e s s e h a l l e ab. Dort saßen Delegierte und Gäste Kopf an Kopf, draußen sprachen zu gleicher Zeit Scheide mann und Scvering zu einer kaum übersehbaren Masse. Der eigcnt- liche Festakt wurde eingeleitet mit einem Musikspiel des Städtischen Wahlerfolg in Mecklenburg. 14 000 Stimmen, Ä Mandate gewonnen.- Regierungsbildung bleibt schwierig. Schwerin. 23. Mai.(Eigener Drahlbericht.) Die mecklen- burgischen Landtagswahlen haben folgendes Ergebnis gebracht (70 ländliche Stimmbezirkc stehen noch aus, die jedoch an dem politischen Ergebnis nichts mehr ändern werden.) Bei einer Wahlbeteiligung von etwa SS proz. wurden 30? 700 Stimmen insgesamt abgegeben. E» erhielten: Stimm. Sozialdemokraten 125628 veulschnationale. 66 380 völkische.... 17477 Volksparlei... 25016 Wirtschoftspartei. 33436 Demokraten.. 8715 Mieter.... 9858 Kommunisten.. 15673 Nationalsozialisten 5473 Mond. Gegenüber 1326 21(Gewinn 14224Stimmen, IMandat) 11(Gewinn 3 143 Stimm., verl.lMand.) 3(Verlust 8713 Stimmen, 2 Mandate) 4(Gew. 15S6 Stimmen, gl-Mandatssl.) 6(Gew. 17350 Stimmen. 3 Mandate) 2(Gew. 240Stimm„b.gl.MandaIsst.) 2(Gewinn 2671 Silmmen. 1 Mandat) 3(Verl. 2 785 Stimm b. gl. Mandatsst.) kein(Gewinn 866 Stimmen.) Cs gewannen die Regierungsparteien(Demo- kraten, Sozialdemokraten und Mieter) 17 135 Stimmen und zwei Mandate, es gewannen die bisherigen Oppositionsparteien 13 366 Stimmen, aber kein Mandat. Die Kommunisten retten nur ihre Mandatszahl. Die Regierungsparteien erhalten 25 Mandate, die bisherigen Oppositionsparteien 24 Mandate, die Kommunisten geben wieder mit drei Mandate den Ausschlag. Bisher war das Verhältnis 23 Mandate der Regierungsparteien, 24 Mandate der Opposition, dazu 3 Kommunisten. Eine feste Mehrheitsbildung der bisherigen Regierungsparteien ist bei diesem Wohlergebnis wieder nicht möglich. Der Landtag wird voraussichtlich so schnell wie möglich einberufen werden. Die bisherigen Regierungsparteien werden sofort die Verhandlungen über die Regiernngvbildung ausnehmen. Zwecklose öelästigung öer mecklenburgischen Bevölkerung. Schwerin, 23. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Die Landtags- wählen in Mecklenburg-Schwerin, die am Sonntag ohne irgendwelche Ruhestörungen stattfanden, haben gezeigt, daß der Sturz der sozial- demokratisch-demokratischen Regierung Schröder-Asch, den die Rechts- Parteien Arm in Arm mit den Kommunisten besorgt hatten, eine völlig zwecklose Belästigung der Wähler gewesen ist. Das Kräfte- Verhältnis hat sich nicht verschoben. Aller Voraussicht nach bleibt die bisherige Linkskoalition bestehen. Die Deutsch nationalen aber werden, schwächer als bisher, einer stärker g e- ward e n e n Sozialdemokratie gegenüberstehen. Der Groß- grundbesitz hat vergeblich auf eine Regierung gehofft, die ihn vor jeder Anwendung der Vermögenssteuer bewahrt und die verhaßte Bodenwertsteuer verschwinden läßt. Wenn wirklich, womit aber keineswegs gerechnet zu werden braucht, ein Wirtschaftsparteiler zur gegenwärtigen Regierung hinzugezogen enrden sollte, würden die ehemaligen Ritter davon keinen Nutzen haben. Das Anwachsen der spießbürgerlichen, in den Kleinstädten nistenden W i r t s ch a s t s- Partei, die sich verdoppelt hat, vollzog sich auf Kosten der Völkischen, die beinahe 10 000 Stimmen verloren haben und nur noch Trümmer ihrer einstigen, so übermütigen Macht sind. Die Demokraten dürften sich behaupten: die bei ihnen hospitierenden Mieter und Sparer stiegen von 7237 auf 3848. Die Kommunisten, die schon 1326 nur einen kläglichen Bruchteil der Arbeiterstimmen bekamen, verloren abermals 4000 Stimmen, fast ein Viertel ihres Bestandes. Die Deutsche Volks- Partei stagniert mit rund 23 000 Stimmen. Einen wirklichen und bedeutsamen Fortschritt haben nur die Sozialdemokraten gemacht. Allein in Rostock wuchsen sie um fast 3000 Stimmen, etwa 33öb Proz. Aber auch auf dem flachen L a nde sind sie ausge- zeichnet vorangekommen, in zahlreichen Bezirken haben sie hier die Mehrheit. Bei einer Wahlbeteiligung von mehr als 70 Proz. sind in 771 Wahlbezirken, alle Städte inbegriffen, unberücksichtigt allein noch 70 ländliche Gemeinden, rund 300 000(gegen 273 203 im Jahre 1326) Stimmen abgegeben worden. Davon erhielt die Sozial- demotratie den Löwenanteil: 121 106(1326: III 401). Rur die Hälfte hiervon vermochte die zweitstärkste Partei der Deutsch- nationalen auszubringen während die Völkischen 17 231 statt der 26 160 des vergangenen Jahres mustern konnten. Die Wirt» schaftsparte i, das Reservoir des Mischmaschs und der politi- schen Unklarheit und Verdrossenheit, stieg von 16146 auf 32 496: sie trägt schon durch ihre bunte Zusammensetzung den Keim des Zer- falls in sich. Ueber die Verteilung der Mandate läßt sich infolge eines äußerst komplizierten Schlüssels noch nichts Genaues sagen. Die Sozialdemokratie wird 2 Sitze gewinnen und dann 22 innehaben, während die Deutsch nationalen von 12 auf 1 1 zurückgehen. Di« gesamte Linke dürste 25 Abgeordnete zählen, denen bei 2 Kommunisten eine wild zusammengelaufene Reaktion von 23 Abgeordneten gegenüberstehen würde. Eine stabile Mehr- heitsbildung wird so wie bisher schwierig sein. Abgewehrt ist der beinahe londesverräterische Anschlag der Rechtsparteien auf Mecklenburgs Finanz, und Anleihepolitik und vernichtet wurde die Erwartung in den Mecklenburg-Wahlen Bei- spiel und Auftakt für schwarzweißrote Preußenwahlen zu gewinnen. Das sogenannte nationale Deutschland hat eine Enttäuschung erlebt, Mecklenburg hat den Zustand der oerhüllten Leibeigenschast und des Untertanen endgültig überwunden. Orchesters von Tschakkowsky. Es folgte etn Mafien chor der stieler Arbeitersänger, und dann entbot der sozialdemokratische Reichstags- abgeordnete Egger st edt dem Parteitag den Gruß der Kieler Arbeiterschaft Genosse Eggerstedt: Wir Kieler waren organisatorisch seit Jahren gerüstet, den Parteitag zu empfangen. Dafür bürgt das Wirken des Mannes, dessen Namen unlöslich mit Kiel verbunden ist: Karl Legien. Legien ist nicht mehr, aber es leben viele, die Jahrzehnte mit ihm gemeinsam gearbeitet haben, und mit ihnen lebt sein Geist, der, getragen von dem Dillen zur Macht, in nüchterner Realpolitik und ruhiger Selbstsicherhcit Schritt für Schritt gemeinsam für die Arbeiter- klasse zu erobern trachtet. In diesem Sinne haben wir uns bemüht, die Politik zu gestalten, und unsere Bewegung beweist, daß Politik in diesem Sinne keine Entfremdung der breiten Schichten zu bedeuten braucht.(Sehr wahr!) Trotz des starken agrarischen Einschlags zählen wir in Schleswig- Holstein bei IK Millionen Einwohnern 47 000 Parteimitglieder und trotz großer Erwerbslosigkeit in Kiel bei 200 000 Einwohnern 11 000 Parteimitglieder.(Bravo!) Durch gemeinsame Arbeit im gegen- seitigen Verstehen und Vertrauen durch selbstlose opferwillige Arbeit von vielen Ungenannten sind wir diS stärkste Partei geworden. Es sind in den Wirrnisten der letzten Zeit viele Parteien entstanden, aber keine Partei hat durch Jahrzehnte über Krieg und Revolution ihre Anhänger so bei der alten Fahne gehalten wie die unsrige. Das Fundament unserer Partei steht fest im Volke.(Sehr wahr!) Unsere Bewegung, die die Gleichberechtigung aller Menschen erstrebt, hat immer Männer tindFrauen gleichermaßen erfaßt. Bon der Jugend, die unter freieren, besseren Berhältnissen groß wird, erwarten wir, daß sie unser Werk vollendet, den Staat für die Arbeiterklasse erobert. Der Rahmen, in dem heute die Begrüßung des Parteitages statt- findet, zeigt die Stärke unserer Partei. Mögen auch die Delegierten bes den bevorstehenden Kämpfen getragen werden von dem Gefühl der Stärke, von dem Bertrauen in die Ge- f o l g s ch a f t, die noch nie versagt hat. Immer, wenn die Partei rief, trat die Gefolgschaft an. So war es während des Zusammenbruchs, wo es galt, die Einheit des Vaterlandes zu retten, die Deutsche Republik zu schassen, und als es galt, während der Klassenkämpfe die Reaktion zu werfen. Eine solche kampferprobte Gefolgschaft ist ein Macht- f a k t o r. Sie verdient aber auch Vertrauen. Wir haben das Bertrauen zu unserer Organisation, aber wir rufen Ihnen zu: H a b t auch Vertrauen zu uns! Ans dem gegenseitigen Vertrauen wird dann der Wille zur Macht erwachsen, den wir brauchen bei künstigen kämpfen um den Staat. In diesem Sinne wünschen wir dem Parteitag Glückauf zur Arbeil.(Stürmischer Beifall.) Genosse Hermann Müller, lebhast begrüßt, dankte den Kieler Genosten für den herzlichen Empfang, den sie dem Parteitag von der ersten Stunde an bereitet hohen. Karl Legien, unter dessen Bild wir heute tagen, ist einer jener Männer, die aus der Tiefe kamen, die unablässig' an sich selbst arbeiteten, die das Höchste erreicht, was einem Parteiführer beschieden sein kann: geliebt zu sein von der Masse und geachtet von den Gegnern. Als Karl Legien in Kiel tätig war, war Kiel eine aufstrebcnde Stadt. Es kam dann die Zeit des Niederganges unseres Baterlandes, nachdem die Verbrecher am Wiener Wallplatz und ihre Berliner Helfershelfer Deutschland in den Weltkrieg gerissen hatten. Für sie, die am alten hängen, ist Kiel geradezu e i n Schreckwort geworden, weil von ihm das Signal zur deutschen Revolution ausging. Die Kieler Revolution war der Schritt Verzweifelter in eine dunkle Zukunft. Damals haben sich viele Deutsche im Inland und Ausland die ängstliche Frage vorgelegt, ob Deutschland dem Chaos verfallen würde. Es ist uns in schwerer Zeit gelungen, Neuland für den deutschen Wiederaufbau zu schassen. Es hat in manchen Tagen nicht viel gefehlt, daß es den siegreichen Entente- Militaristen noch gelungen wäre, Deutschland zu zerreisten. Den deutschen Arbeitern und Angestellten ist es in erster Linie ru danken, wenn das Bestreich, das uns im Weltkrieg verblieben ist, für die Freizügigkeit der gesamten deutschen ArbeilerNasse erhallen worden ist. Paragraph 27. Von Hans Bauer. Wer hat Schuld an der Todesfahrt der neun Kasseler Bürger? Es heißt, daß ein elfjähriger Junge in kindlicher Leichtfertigkeit den Bremshebel gelockert habe... Es ist ferner wahr, daß die Insassen des Unglückswagens topflos nach der hinteren Tür dräng- tcn, statt die Vordertür zu öffnen und die Bremse zu bedienen... Aber es sieht jetzt doch danach aus, daß die irdische Gerechtigkeit sich an den Schaffner des Wagens halten wird. Er hat einen ge- wissen Z 27 der Kasseler Dienstanweisung für Straßenbahnangestellte verletzt, nach dem„aus den Endpunkten der Linien der Wagen nie- mals ohne Aussicht stehen darf" und nach dem er, dessen Anordnun- gen der Führer Folge zu leisten hat, verantwortlich für die Durch- führung der Borschrift ist. Man weiß, wie das mit einem solchen Paragraphen ist. Ich habe vor dem Kriege einmal«inen österreichischen Eisenbahnbeamten kennengelernt, und der klärte mich darüber auf, daß bei ihnen, im Heimatland der passiven Resistenz, ein sehr einfaches Mittel im Falle eines ernstlichen Konfliktes mit dem Arbeitgeber angewendet werde: man befolge dann nämlich sämtliche, sich auf das Schmieren der Achsen, die Revision der Räder, die Füllung des Tenders, die Be- fchaffenheit des Materials und tausenderlei anderes beziehenden Dienstvorschriften wortwörtlich. Die Folge davon sei, daß kein Eisenbahnzug rechtzeitig abfahren und ankommen könne und daß der ganze Betrieb praktisch lahmgelegt sei. Solch eine Dienstvorschrift hat einhundertundsoundfoviel Para- graphen, die einschließlich ihres Berfassers und aller Straßenbahn- direktoren niemand im Kopf hat und die lediglich dazu dienen, juristische Handhaben für alle erdenklichen ausgefallenen Zufälle zu schaffen. Was ist das schon für eine Unwirklichkeit, dem Schaffner Borgesetztenbefugnis gegenüber dem Führer einzuräumen! So etwas steht auf dem Papier, aber es kann natürlich gar nicht befolgt tverden. Schaffner und Führer sind Kollegen. Sie stehen auf dem Duzfuß miteinander. Sie sind Arbeitskameraden. Der Führer des Kasseler Todeswagens hatte sich genötigt gesehen, einmal aus- zutreten. Nach 8 27 der Dienstvorschrift hätte der Schaffner ihm nun also etwa zurufen sollen: Max, ich ordne hiermit an, daß du von deinem Vorhaben abstehest...! Der Erfolg dieser Worte wäre eine Befühlung seiner Stirn gewesen. Es dürften allein in Deutsch- land, allein von den Stroßenbahnschasfnern, täglich einig« zehnt- tausendmal„Dienstvorschriften" übertreten werden, ohne daß damit im geringsten gesagt sein soll, daß die Straßenbahnangestellten disziplinlos wären oder an Pflichterfüllung und Berantwortungs- bewußtfein hinter den Angehörigen irgendeines anderen Berufes zurückstünden. Kein Mensch fragt danach, niemand fällt das auf, und keinerlei Folgen ergeben sich daraus. Einmal alle fünf Jahr« quillt dann aus dem Schöße unsellger Schicksalsvertettungen die schwarze Roch nicht erreicht ist der Anschluß unserer öfter- reichischen Brüder, die unter Führung der österreichischen Sozialdemokratie zu uns wollen, zunächst aber noch durch politische Machtverhältnisse daran verhindert sind. Doch wir haben den Sieg der österreichischen Sozialdemokratie vor kurzem gefeiert wie einen deutschen Sieg(sehr wahr!). Wöge dieser Sieg der Vorläufer sein für den Sieg, den wir 1028 über den deutschen Lefthbürgerblock feiern werden(bravo!). Bor 1928 wird es zu einer Wahlschlacht nicht kommen. Denn schließlich hat den Besitzbürgerblock zusammengeführt die A n g st vor einem Wahlsieg der deutschen Sozial- d e m o k r a t i e. Aber der Tag der Abrechnung wird kommen. Die wenigen Monate der Herrschaft des Bürgerblocks haben ja beut- lich gezeigt, wohin die Reife geht. Die famosen Richtlinien sind für die Deutschnationalen nur ein Lippenbekenntnis gewesen. Die deutsche Außenpolitik ist unter dieser Regierung fast in denselben Ruf der Zweideutigkeit gekommen, wie das unter Wilhelm II. der Fall war. Gewiß, als der Stahlhelm in Berlin exerzierte, haben die Deutschnationalen die Tarnkappe aufgesetzt. Aber eine Außenpolitik, die vorgibt, eine Außenpolitik der Be- friedigung zu sein, ist bei Duldung solcher Abenteuer etwas ganz Unmögliches. Di« französisch-englische Zusammenkunft hat gezeigt, wie der Stahlhelmtag sich auswirkt. Solche Soldatenspielcreien geben nur den Feinden der Abrüstung einen willkommenen Bor- wand, sie zu verschleppen. Auch im Osten wird neuer Konfliktstoff angehäuft, der Krieg soll dort als Wirtschaftskrieg fortgefetzt werden. Diese deutsche Außen- Politik im Osten, die dort gegen polnische Schweine und Kartoffeln geführt wird, säzadet dem deutschen Arbeiter als Verbraucher und vor allem als Hersteller von Exportwaren(sehr wahr!). Die sozial- politischen Errungenschaften aus der Zeit der sozialistischen Volks- beauftragten will der Bürgerblock abbauen, die Vefitzsteueru herab- sehen und die Minderbemittelten weiter belasten. Diese Regierung wird zusammen bleiben, bis die vier Jahre der normalen Gesetzgebungsperiode abgelaufen sind, vor allem, bis ihr Schul- geseh gemacht ist. Das wird nicht so einfach sein, aber die Erben der Nationalliberalen werden sich schließlich doch zu einem faulen Kompromiß bereitfinden lassen. Getreidezölle und Zehnstundentag sind ihnen höhere Ideale, als der Glaube an Zefum Christum, als alle evangelische Freiheilen(lebh. Zustimmung). In dem Kampf gegen die Konfessionalisierung. der Schule werden wir all« frei- beitlichen Geister um uns scharen. Wir werden aber diesen Kamps um die Weltlichkeit der Schule unter staatlicher Schulhoheit nicht als knlwrkampf Marke Vismarck führen. Wir sind niemals Feinde der Religion gewesen, sondern haben uns nur immer gegen den Mißbrauch der Religion zu politischen Zwecken gewehrt.(Sehr richtig!) Nur so können wir die Masse der christlichen Arbeiter ge- Winnen, die ihrer Klassenlage nach zu uns gehören. Eine öde Kultur- paukerei zur Freude des Bürgerblocks werden wir nicht treiben, den Gefallen tun wir den Deutschnationalen nicht. Wenn diese die Parole ausgegeben haben:„Ran an den Staat", so lautet unsere Gegenparole:„Ran an das Volk"! Der B o l k s st a a t, in dem wir leben, ist leider für viele noch nicht lebendig, geworden, weil die Massen noch nicht eingesehen haben, was sie aus eigener Macht aus diesem Volks- staat machen können(sehr richtig!). Keine politische Partei hat heute Bedeutung ohne die Massen. Das bringt das demokratische Wahlrecht mit sich. Auch die Reaktionären buhlen durch ihre seile Presse um die Gunst der Masse. 60 Proz. der Stahlhelmer sollen angeblich Arbeiter und Angestellte sein. Tatsache ist, daß leider die uns noch fernstehenden Arbeiter und Angestellten meist nicht links, sondern rechts stehen, wobei wir nicht vergessen ivollen, daß die abstoßenden Kampsmethoden des Phrasen- haften Scheinradikalismus der Kommunisten es vielfach den Bürgerlichen erleichtert, die Arbeiter und Angestellten von dem Heere der modernen Arbeiterbewegung fern zu halten. Aber auch die scklechte Behandlung, die vielfach die deutsche Republik von den siegreichen Ententestaatcn in den letzten Jahren erfahren hat, trägt dazu bei, daß heute noch Massen bei den schwarz- weihroten Traditionskompagnien der Nationalisten sind, die ihrer elenden Wirtschaftslage nach zu uns gehören. Wenn wir den Besitz. bllrgerblock überwinden wollen, dann müssen wir jede Brücke be- schreiten, die zu diesen Arbeitern und Angestellten führt(sehr wahr!). Die Bildung des Besitzbürgerblockes, das ist der Klassenkampf von oben. Wir müssen die Arbeiter und Angestellten unter den Fahnen des demokratischen Sozialismus sammeln. Die Kapitalisten kennen keine konfessionelle Zersplitterung. Dieser Parteitag wird auch die Frage zu prüfen haben, ob es möglich war, die Bildung der bürger- Blume des Todes hervor. Wagenwände zerkrachen. Staubwolken wirbeln auf. Es hallen die Seufzer der Sterbenden. Und während dies alles noch geschieht, sst schon ein Mann da, der mit dem Zeige- finger unter den enggedruckten Zeilen eines vergilbten Buches dahin- fährt und die Verflochtenheit entsetzlicher Fügungen auf die Formel des verletzten Dienstpassus zurückführt. Hier soll nicht Partei ergriffen werden. Vielleicht haben die beiden Kasseler Straßenbahnangestellten tatsächlich fahrlässig go- handelt, aber sollten sie es getan haben, so könnte diese Fahrlässig- keit nur aus der ganz bestimmten lebendigen Situation heraus offenbar werden, in der sie und ihr Wagen sich befanden, und nie- mals aus der Vernachlässigung irgendeines allgemein gehaltenen Dienstparagraphen, dessen einziger Zweck es ist, nach irgendwann und irgendwie geschehenem Unglück das Augenmerk der Beteiligten und Unbeteiligten mit der Tatsache seiner papierenen Existenz zu überraschen. vie Seüeutung öes Gzeanfluges. Lindberghs großer Flug New Bork— Paris hat in erster Reihe eine große Bedeutung als Rekordslug, da ein ständiger Flug- verkehr in der Art, wie Lindbergh seine Leistung durchführte, naturgemäß nicht möglich ist. Trotzdem aber sst diese hervor. ragende Tat auch für die Entwicklung eines Schnellverkehrs über den Ozean von allergrößtem Wert, denn immer sind es die kühnen Männer der Tat gewesen, die bahnbrechend wirkten. Lindbergh hat gezeigt, daß die Kontinente mit Hilfe der modernen Verkehrs- mittel viel näher beieinanderliegen, als man bisher für möglich zu halten gewagt hatte. Er hat gezeigt, daß das Flugzeug nicht nur das schnellste Verkehrsmittel ist, sondern daß es auch die Möglichkeit und Sicherheit eines Schnellverkehrs selbst über größte Strecken und über die Wasserwüst« des Ozeans bietet. Er ist allein geflogen, ohne die Möglichkeit einer Unterstützung durch«inen Be- gleiter, mit primitivsten Mitteln, die Richtung zu finden und in einer leichten Nußschale der Luft. Mit Recht wird man daraus folgern, daß einem großen, mit allen Mitteln der Orientierung und allen Sicherheitsvorkehrungen ausgestatteten Bertehrsslugzeug auch gelingen muß, was diesem einzelnen kühnen Mann gelang. Im großen Ozean-Flugzeug der Zukunft werden Schlafwagen für die Gäste und Ruhemöglichkeiten für die Führer vorhanden sein, so daß hier sehr viele Nachteile fortfallen, die für Lindbergh unter Um- ständen hätten gefährlich werden können. Diese Schnellverkehrs- mittel über den Ozean sind bekanntlich nicht Phantasten, sondern sie sind bereits in vollkommensten Exemplaren vorhanden, so daß sie schon in kürzester Zeit in Benutzung genommen werden können. Es hat nur gleichsam der Wegweiser für den Flugzeugverkehr über den Ozean gefehlt. Es ist das große Verdienst Lindberghs, dieser Wegweiser geworden M sein. Damit ist der Verkehr zu den entferntesten Erdteilen in ein neues Stadium der Entwicklung getreten. Der kühne Wegbahner Lindbergh. dessen Namen heut in aller Munde sst, ist nicht Amerikaner, sondern Schwede, trotzdem er in Detroit geboren ist. und zwar im Jahre 1902. Im Alter von 19 Iahren wurde er von der amerikanisch«» Postverwaltung als sichen Blockregisrung zu verhindern. Ich wkkl dieser taktische» Debatte nicht vorgreifen, sondern für heut« nur feststellen: diese Regierung ist nicht zustandegekommen, weil die Deutsch- nationalen sich um jeden Preis zur Mitarbeit in der Regierung anboten, sondern Kommunisten und Deutsche Volkspartei tragm gemeinsam die Schuld an dem Zustandekommen dieser Re- gierung. Die Kommunisten, weil sie jede Regierung zu stürzen bereit sind, auch eine nach links hin erweiterte Regierung, die von Sozialdemo- kraten geführt wird, etwa im Sinne der Weimarer Koalition. Das alles, trotzdem heule nicht einmal die„Roten Frontkämpier" mehr an das Nahen der Weltrevrnution glauben.(Heiterkeit.) Bor allen Dingen ist für die Bildung dieser volksfeindlichen Regierung die Deutsche Volkspartei verantwortlich, die allerdings fürchte, bei den nächsten Wahlen aufgerieben zu werden, wenn sie nicht mit einer mitbelasteten Deutschnationalen Volkspartei vor ihre Wähler trat. Aber das Manöver wird nichts nutzen. Die Reste der Deut- schen Volkspartei werden sich nach den nächsten Wahlen überlegen müssen, ob sie sich mit den Deutschnationalen oder den Demokraten fusionieren wollen.(Heiterkeit und Beifall.) Endlich ist der Bürgerblock gekommen, weil das Zentrum dem Drängen der übrigen bürgerlichen Parteien und des Reichs- Präsidenten Hindenburg nachgab. Um so leichter werden wir So- zialdemokraten es haben, an die christlichen Arbeiter her- anzukommen, deren Forderungen sich die Partei in ihrer sozialen reformatorischen Arbeit restlos zu eigen gemacht hat.(Sehr wahr!) Das Zentrum hat behauptet, Deutschland habe aus den Re- gierungskrisen herauskommen müssen, weil sonst der Faschismus Zu- zug in seinem Kampf gegen das parlamentarische System bekommen hätte. Es wird wichtig für die kommenden Wahlen sein, festzu- stellen, daß die Sozialdemokratie bereit war, die Mitverantwortung in der Regierung zu tragen. Wir haben vorher gewußt, wie sehr diese Bürgerblockregierung die sozialen Interessen und kulturellen Forderungen des Proletariats verletzen würde. Im Bolksstaat muß jede Partei, die auf dem Boden der Berfassung steht, grundsätzlich die Pflicht zur Mitarbeit anerkenne, selbst wenn, wie in diesem Falle, die Konstellation der Parteien die Mitarbeit unmöglich macht. Wir fordern in allen unseren Tagungen die Demokrat!- sierung der Verwaltung in Reich, Ländern und Gemein- den. Durch Resolutionen können wir sie zwar vorbereiten, aber er- reichen können wir sie nur durch unsere Mitarbeit.(Sehr wahr!) Deshalb hat die ganze deutsche Sozialdemokratie immer den größten wert daraus gelegt, daß die preußische Sozialdemokra- lie an der Demokratisierung dör Verwaltung des größten deutschen Landes mitarbeitet. Gerade um diesen Staat führen die Deutschnationalen den stärksten Kampf. Die Bildung der Bürgerblockregierung im Reich war nur das Vorspiel— das Ziel der Deutschnationalen ist die Erobe- rung Preußens. Darum wird wohl niemand in der Partei in Preußen bereit sein, die bisher behauptete Position freiwilligzuräumen. Im Reich sind wir von der Regierungsbildung ausgeschlossen worden, und stehen deshalb selbstverständlich im schärfsten Kamps gegen die Reichsregierung. Wir haben in diesem Jahre zum ersten Male mit genauer Begründung den Etat verweigert, nicht aus Feindschaft gegen den Staat, sondern gegen die Regierung und Parteien, die das Wesen des demokratischen Volksstaates durch ihre Politik verfälschen wollen. Haben denn die Deutschnassonalen als Regierungspartei der Republik ihre monarchistischen Ziele aufgegeben? Sie haben sie nur zurückgestellt, und wenn zurzeck die Republik auch nicht gefährdet ist. so kann uns doch niemand garantiere», daß ihr künftig Krisen erspart bleiben, wie sie die dritte französische Republik erlebt hat. Wer ist sicher, daß wir nicht um unserer außenpolitischen Ziel« willen in gefahrvollen Situationen wieder gezwungen sein werden, einzugreifen, wie wir es in den letzten Iahren so oft gemußt haben. Ich gehöre nicht zu den Optimisten, die glauben, daß die Zeit der Erschütterung für die Republik ein für allemal vorbei ist und daß wir künstig unsere Politik in gerader Linie eindeutig fortführen können. Wir sind Demokraten und Sozialisten. Heute vor 52 Iahren, am 22. Mai 1875, wurde in Gotha unter Vorsitz des Genossen Bock der sozialdemokratische Einigungsprozeß eröffnet, der Lassallcancr und Eifenacher einigte. Auch damals ging vor und nach der Eini- gung ein, wie mir scheint, müßiger Streit darum, ob wir mehr Sozialssten oder mehr Republikaner sein sollten. Aber die for- male und die sozialistische Demokratie können keine Gegensätze sein. Vor 55 Jahren hat im Leipziger lieger angestellt, nachdem er im Jahre 1920 seine Prüfung als lieger bestanden hatte. Er geriet mit der Postverwaltung des öfteren in Konflikte, da er in seiner amtlichen Tätigkeit allerlei toll- kühne Streiche verübte, die ihm den Spottnamen„tbe llying lool" (der fliegende Narr) eintrugen. So hat er mehrere Male die Flug- post in die einzelnen Städte dadurch befördert, daß er den Postfack mit den Briefen abwarf, und selbst mit einem Fallschirm nach- sprang. Sein Begleiter brauchte also zur Beförderung der Post nicht zu landen, sondern konnte ohne Aufenthalt nach seinem End- ziel weiter fliegen. Auch auf andere Weise machte er durch seine tollen Streiche von sich reden. Immer aber waren es Streiche, die von Sportgcist und Ueberlegung zeugten, so daß er gar nicht so verrückt erschien, wie der Volksmund wahr haben wollte. Flieger- kreise wußten, daß er etwas wert sei und so sst es zu erklären, daß die Fachleute die größte Hoffnung auf ihn fetzten, als er erklärte, in dem Ryan-Eindecker„Spirit of St. Louis" den großen Flug zu wagen. Er hatte vor allen Dingen eine große Fähigkeit be- wiesen, sich nur mit Hilf« eines Kompasses zurecht zu finden. In dieser Beziehung war vor einigen Tagen sein Probeslug von San Diego nach St. Louis ein Meisterstück, da er trotz des Nachtfluges seinen Weg richtig fand.__ E. Th. A. Hossmanns„Arlequino". Aus Bamberg wird uns berichtet: Aus den Tagen, da der Rat des Berliner Kammergerichts Ernst Theodor Amadeus Hosfmann Kapellmeister am Theater in Bamberg war, besitzen wir nicht nur seine Oper„Undine", sondern auch eine Ballettsuite„Arlequino". Im Rahmen eines Historischen Kammerkonzertes, das der Historische Verein Bamberg in dem be- rühmten Kaisersaal der Bambergcr Residenz veranstaltete, erlebte dieses in fünf Sätzen geschriebene Werk unter der Leitung K. Leon» Hardts seine sehr erfolgreiche Uraufführung. Für mittleres Orchester geschrieben, ist diese Ballettsuite reich an liebenswürdigen Themen, mit lockerer Hand gar geschickt instrumen- tiert und in seiner Wirkung derart, daß man bedauert, daß diese „Ausgrabung" notwendig geworden ist. Von den einzelnen Sätzen (Furien— Arlequin— Pierrot— Colombine— Pantalon) setzt der erste mit einem kurio kortissimc' ein, der zweite ist ein aus- gesprochenes Charakterstück, der dritte und reizvollste eine bewußte und beabsichtigte Leporello-Nachöffung: der vierte Satz kennzeichnet das freche, flatterhafte, ftivole Wesen Colombinens, der letzte Sag hebt mit schelmischer Traurigkeit an, um dann in bestimmte, auf- jubelnd« Freude überzugehen.— Der Uraufführung gingen Proben Fürstbischöflich Bambergischer Hofmusik voraus. Nbgr. Die Veelhovcn-Feler In Bonn nahm am Sonntag ihren fest-« lichen Verlauf. Auf dem Mllnsterplatz und in der Beelhoven-Halle hatte sie ihre Höhepunkte. Reichskanzler Marx, Kultusminister Decker und der österreichische Gesandte in Berlin Dr. Frank hielten Ansprachen. Aus Paris war Herriot erschienen. Ervft Lubitlch, der bekannte Filmregisseur, ist nach vierjähriger Ab- wesenbeit in Amerika sHollywood) am Sonntag nachmittag wieder zu längerem Ausenthalt in Berlin eingetroffen. Sven hedin aus der Reise nach der INongolri. Sven H-din telcgrapbicr!« nach Stockholm, dajj er am 20. Mai seine Resse mit chinesifchcm und man- golischem Gelcit angetreten habe. Bis jetzt bejände sich alle» wohl. Dt« Reisedeser sei aus zwei Jahre berechnet. �ochverratsprozeß Wilhelm Liebknecht dem Staatsanwalt in seinem Schlußwort die Sätze entgegengeschleudert: „Ein zwiefaches Ideal hat mir von Zugend an vorgeschwebt, das freie, einige Deutschland und die Emanzipation des arbeitenden Voltes, die gleichbedeutend ist mit der Befreiung der Menschheit. 5ür dieses Ziel habe ich mit meinen besten Kräften gekämpft, und für dieses Doppelziel werde ich kämpfen, solange noch ein hauch in mir ist." Könnten diese Worte nicht auf den heutigen Tag geprägt sein? Wir müssen im Sinne unserer geschichtlichen Aufgabe unseren großen Kampf durchkämpfen für eine aktive Demokratie und einen lebendigen Sozialismus.(Lebhafter, anhaltender Beifall.) Tie Wahl des Bureaus.— Otto Eggerstedt und Otto Wels Vorsitzende. hierauf erklärt Hermann Müller den Parteitag für eröffnet. Als Vorsitzende werden dann der Führer der Kieler Partei- organisation Otto Eggerstedt und der Vorsitzende der Gesamt- partei Ot!!o W e t s gewählt.Wels erinnert andievielen im vergangenen Jahre verstorbenen Genossen aus der eigenen Partei und der inter- nationalen Arbeiterbewegung und teilt dem Parteitag mit, daß in der vergangenen Nacht der alte Genosse Körner-Ludwigs- Hafen verschieden ist, der Weggenosse Franz Josef Ehrhardts, des Pfalzgrafen. Dann wird die übliche Geschäftsordnung des Parteitages bestätigt und die Tagesordnung des Parteitages nach dem Vorschlag des Parteivorstandes genehmigt. Der Gruß der Internationale. Vorsitzender Wels richtet hierauf herzliche Worte an die Vertreter der ausländischen Bruderparteien und erteilt ihnen das Wort zu ihren Ansprachen. Vracke-j?rankreich: Genossinnen und Genossen! Im Namen der französischen sozio- listifchen Partei, im Namen der organisierten französischen Prole- tarier, im Namen, so habe ich das Recht zu sagen, des wirklich arbeitenden Frankreichs, begrüße ich herzlich die Sozial- demokratische Partei Deutschlands, indem ich die lebhaftesten Wünsche für den Erfolg der Arbeiten dieses Parteitages ausspreche. Dreimal — allerdings in einem Zeitraum von mehr als einem Vierteljahr- hundert— habe ich die Ehre gehabt, solche Grüße in Ihrem Lande aussprechen zu können. Welch eine Fülle von verschiedenen Erleb- nissen ist nicht mit diesen Erinnerungen verbunden! In Lübeck 1901 vertrat ich nur eine der sozialistischen Parteien, die um die Seele der französischen Proletarier miteinander stritten, nämlich die Fran- zösische Arbeiterpartei, die sogenannten G u e s d i st e n. Zehn Jahre später war ich Vertreter der geeinigten Partei, wobei unsere unvergänglichen Führer Guesde, Vaillant und I a u r e s zu- sammenstanden, so daß ich auf dem deutschen Parteitag erschien. Leider übte schon zehn Jahre später der Bolschewismus seine verderblichen Wirkungen aus. In Tours fand die Spaltung der politischen Bewegung statt, und unsere Mitgliedschaft sank unter 30 000 Mann, heute, wenn ich zum drittenmal das Wort vor Ihnen nehme, bin ich glücklich, Ihnen sagen zu können, daß wir die Kraft wiedergewonnen haben. Wir marschieren vorwärts. Nur ein paar Daten möchte ich hier erwähnen. Jetzt ist unsere Mitglied- schaft über 110 000 Mann gestiegen.(Lebhafter Beifall.) 07 von uns sitzen in der Deputiertenkammer. Am Anfang des Jahres haben wir die Zahl unserer Vertreter im Senat mehr als ver- doppelt, 14 anstatt 6. Weit mehr als verdoppelt hat sich die Zahl unserer Stadtverordneten. Vor den letzten Kommunalwahlen gab es davon 4689, nun sind es 10 167. In fast allen größeren Städten, Lyon, Marseille, Toulouse. Lille, Roubaix, Brest, Limose, Grenoble. iit das Stadthaus gänzlich oder aber in Mehrheit von unseren Genossen besetzt. 832 Bürgermeister führen unter dem Banner der Sozialistischen Partei die Verwaltung kleiner oder bedeutender Ort- schasten. Daß wir unseren ganzen politischen Einfluß auf den Staat geltend machen, um der Sache des Friedens zu nützen, brauche ich Ihnen kaum zu sagen. Sie wisien, wie zäh wir für die Räumung des Ruhrgebietes erfolg- reich gekämpft haben.(Lebhafter Beifall.) Nun wird von einer weiteren Räumung geredet. Wir wollen es offen vor Ihnen er- klären, wie wir es offen vor unserer Regierung erklären: Es scheint uns eine Unmöglichkeit, daß, nachdem Deutschland im Völkerbund seinen Platz eingenommen hat, große Teile seines Gebietes länger von fremden Truppen beseht sind.(Stürmischer Beifall.) Nichts wird uns daran hindern, die baldigste Räumung des Rheinlandes energisch zu fordern. Es müssen die letzten Reste der militärischen Gewalt beseitigt werden.(Wiederholter stürmischer Beifall.) Wir kennen die Unterstützung, die wir darin bei der deutschen Arbeiterschaft finden, wenn wir sehen, mit welcher Tapferkeit sie die deutsche Republik, die sie geschaffen, zu bewahren und zu ent- wickeln bereit ist. Genossen, in dieser Stadt Kiel muß man immer unwillkürlich an einen Wendepunkt der deutschen Politik denken, und wie sollten wir dabei nicht unsere Gedanken auch auf das Blut richten, das wieder einmal aus den Adern unserer beiden Völker geflossen ist. Aber, Genossen, kein blutiger Fluß ist so tief und so breit, daß das gemeinsame Klassenbewußtsein ihn nicht überbrückt, das die Arbeiter von Frankreich und Deutschland miteinander verbindet. Mehr denn je, in einem Augenblick, wo Europa im Zeichen der wirtschaftlichen und sozialpolitischen Reaktion steht, die unter den brutalsten sowie unter den maskiertesten Formen gegen die proletarischen Organisationen und auch die demokratische Freiheit stürmen, wenn in der ganzen Welt Konflikte und Gefahren keimen, wird die Verständigung beider Völker nöiig, um die allgemeine Verständigung aller Völker vorzubereiten. Genossen, hier die chand, wir wollen mit Ihnen eins sein und bleiben, wir wollen in Liebe und Treue, Schulter an Schulter für das gemeinsame Ziel des Weltfriedens und der Emanzipation des internationalen Proletariats zusammenarbeiten. Glück auf! Es lebe die deutsche Sozialdemokratie! Es lebe die sozialistische Arbeiterinternationale!(Lebhafter Beifall.) INöller-Schweden: Wir haben jetzt in Schweden von 230 Abgeordneten 103. Wir wollen alles daransetzen, bei den nächsten Wahlen die Mehrheit zu erobern. Die traurigen �Kriegsjahre haben der Welt gezeigt, daß nur eine Stärkung der Sozialdemokratie einer neuen Kriegsgefahr vorbeugen kann. Möge deshalb auch Ihr Parteitag die Entwicklung der Sozialdemokratie zu größerer Macht fördern.(Lebhafter Bei- fall.) Klara Kalnin-Lettland: Wir. haben in den letzten Monaten trotz aller grundsätzlichen Bedenken uns zu einer Koalitionsregierung ent- schloffen, um die Gefahr eines faschistischen Putsches abzu- wehren, und das ist uns in vollem Maße geglückt. Wir blicken auf die deutsche Bruderpartei als Vorbild für die Neinen Nachbar- Parteien.(Vielfaches Bravo.) Rlodigliani-Jtalien spricht französisch: seine Ansprache wird von Breitscheid übersetzt: Ich komme nicht aus Italien, sondern aus dem Exil. Wer in Italien leben will, muh die Freiheit abschwören. Die deutsche So- zialdemotratie hat alles getan, was mau ün Kampf gegen den Fa- schismus tun kann. Sie hat ihn studiert und ihn der Wert gezeigt, wie er ist. Wir kommen nicht als Bettler zu euch, sondern als Brüder, eure Sache ist unsere Sache, unser Kampf gegen den Faschismus ist euer Kamps gegen den Faschismus. Gemeinsam bekämpfen wir den Faschismus als schwerste Gefahr sür de« Weltfrieden. Die impofanten Demonstrationen der letzte« Tage und diese Riesenversammlung beweisen mir, daß kein Musso- lim stark genug ist, die Arbeiterbewegung zu überwinden. Auch Italien wird wieder zur Freiheit gelangen!(Stürmischer Beifall.) Thorwald Slauning-Kopenhagen: Ich war einige Jahre verhindert, die deutschen Parteitage zu besuchen, weil ich das erste sozialistische Kabinett unseres Landes leitete. Jetzt hat uns die Reaktion aus der Regierung geworfen, aber unsere Stellung als Partei wird gleich- wohl von Jahr zu Jahr stärker. Wir wollen mit der deutschen So- zialdemotratie nachbarliche Freundschaft halten, ungestört durch die Streitigkeiten der Chauvinisten, und wollen gemeinsam an der Sicherung des europäischen Friedens arbeiten.(Lebhafter Beifall.) Karl Renner-Wien: 3ch bin hier nicht zu Besuch, ich gehöre zum Haus.(Stürmischer Beifall.) Wir haben in einem wunderbaren Wahlkampf dem Besitz- bllrgerblock eine schwere Niederlage bereitet. Wir mustern jetzt 43 Proz. aller Stimmen. Wir haben uns seit 1919 um 7 Proz. ver- bessert. Noch 7 Proz. und wir haben die Hälfte.(Heiterkeit.) Aber die letzten 7 Proz. sind immer am schwersten.(Erneute Heiterkeit.) Das Rezept unseres Erfolges besteht erstens darin, daß das österreichische Proletariat einig ist.(Lebhaftes Bravo.) Da schreien manche Bravo, die in echt deutscher Rechthaberei ihre Anschauung dem Interesse der Partei voranstellen.(Große Heiter- keit und Beifall.) Aber nicht der einzelne, sondern die Bewegung muß Recht behalten. Bei uns haben die Kommunisten in ganz Oesterreich nicht mehr ein einziges Mandat. Unsere Wehrmänner haben zu 80 Proz., Eisenbahn und Post zu 95 Proz. für uns ge- stimmt. Immer weitere Kreise der Intelligenz, der Kleingewerbe- treibenden und namentlich der Bauern haben sich uns angeschlossen. Nie haben wir an einen Wähler die Gretchenfrage gestellt: Wie hältst du es mit der Religion? Wir suchen nur Mitkämpfer sür den Ausbau der sozialen Demokratie. Ohne die Heranziehung der Grenzschichten wird es unmöglich sein, auf parlamentarischen! Wege die Mehrheit für die ArbeiterNasse zu erringen, und unser Ziel muß doch die Eroberung des Staates bleiben. Darum aus zur Er. oberung des Staates und aus zur.Eroberung der nationalen Einheit aller Deutschen im Rahmen der Znlernationale.(Stürmischer, lang- anhaltender Beifall.) Vorsitzender Wels dankte hierauf den Rednern und teilte mit, daß mit Rücksicht auf die für den Abend angesetzte Demonstration die zahlreichen weiteren Begrüßungsansprachen auf Montag vormittag vertagt werden. Mit dem Vortrag des Ernteliedes und dem geinein- samen Gesang der Internationale schloß die Eröffnungs- sitzung des Parteitages. Sitzung vom Montag vormittag. Kiel, 23. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Der Parteitag trat heute morgen im festlich geschmückten Saal des Gewerkschastshauses in der Legienstraße zusammen. Zunächst erhielten einige G ä st e das Wort zur Begrüßung. Abramowitfch überbringt die Grüße' der Sozialistischen Ar- beiterpartei Rußlands: Wir können ebensowenig wie Modigliani über Erfolge berichten. Die einzige Statistik, die wir Ihnen bringen könnten, wäre die der Verfolgung, der Eingekerkerten und Verbann- ten. Aber wichtiger ist die große, schicksalsreiche politische Entwicklung, die mit dem Namen Rußland verbunden ist. Wenn wir die Bilanz der russischen Revolution ziehen, so sehen wir, daß Rußland heute einer ungeheuren Krisis entgegengeht, die nzit dem bevorstehenden Bruch der englisch-russischen Beziehungen verbunden ist. Die russische Revolution steht gegenwärtig so schwach und isoliert da, wie das eigentlich bisher noch niemals der Fall war. Die Bolschewiften haben geglaubt, die Kraft ihrer Revolution dadurch erhalten zu können, daß sie das internationale Proletariat spalteten und den einzigen wirklich Verbündeten, den die russische Revolution haben konnte, die inter- nationale Sozialdemokratie, zugrunde richten zu müssen. Dieser ver- hängnisvolle Fehler hat zu der jetzigen Schwäche Rußlands geführt. Wir haben von der deutschen Sozialdemokratie theoretisch viel gelernt. Wir müssen jetzt noch aus ihren Kämpfen lernen, die sie zur Durch- setzung der Demokratie geführt hat. wir müssen das inter- nationale Proletariat zur Klarheit darüber bringen, daß der Weg zum Sozialismus und zur Freiheit nur über die Demokratie führt. (Bravo!) Chapinsky-Warschau spricht über die polnische Sozialdemokratie: Man hat Ihnen viel erzählt über die feindliche Stimmung des polnischen Volkes gegenüber Deutschland. Ich kann Ihnen versichern, daß das werktätige Volk, welches in unseren Reihen steht, sich als Freund und Bruder der deutschen Arbeiter fühlt.(Bravo!) Wir kämpfen mit den reichsdeutschen Genossen gegen die polnische Reaktion. In Warschau haben wir zusammen eine große Friedensdemonstration veranstaltet und ebenso in Lodz, wo Genosse Löbe gesprochen hat. Diese Zusammenarbeit halten wir gerade in diesen Zeiten des reaktionären Bürgsrblocks für einen großen Faktor des Friedens in Zentraleuropa.(Lebhafter Beifall.). Gewiß gibt es Streitfragen zwischen Deutschland und Polen. Aber wir sind überzeugt, daß sie auf friedlichem Wege er- ledigt werden können. Als ersten Schritt erachten wir dazu den Abschluß des deutsch-polnischen Handelsvertrages. Kowall-Kattowitz: Die deutsch-sozialistifche Arbeiters(Haft Polens verdankt der deutschen Sozialdemokratie ihre Schulung. Wir müssen zwar heute noch in Polen um die deutsche Schule und die deutsche Sprache kämpfen. Aber wir sind überzeugt, daß es uns gelingen wird, die der deutschen Minderheit zustehenden Rechte zusammen mit der polnischen Sozialdemokratie zu erringen. Tomascheck, der Präsident der tschechischen Nationalversammlung, überbringt nachbarliche herzliche Wünsche der tschechischen sozial- demokratischen Arbeiterpartei: Wir sehen in der Geschichte Ihrer Partei die reine Tradition des Marxismus gewahrt, und Karl Kautsky unseren Landsmann und ihren Senior verehren wir als ihren Interpreten. Im nächsten Jahr feiert unsere Partei ihr fünf- zigjähriges Jubiläum. Besonders interessant ist für uns Euer Agrarprogramm auch wir sehen in der sozialistischen Tätigkeit auf dem Lande einen integretierenden Bestandteil unserer gesamten Parteitätigkeit. Auf den beiden Parteitagen der größten sozialistischen Partei in der Tschechoslowakei, der deutschen und der tschechischen, hat sich unumgänglich die Notwendigkeit der gegenseitigen Annäherung erwiesen, wovon wir uns endlich die Herbeifüh- rung eines gesünderen Verhältnisses an Stelle des bisher nicht sehr erfreulichen Zuftandes versprechen. Ich bin überzeugt, daß beide Parteien den Weg zueinander finden werden, was um so notwen- diger ist, als wir gegen eine feste reaktionäre Mehrheit zu kämpfen haben.(Lebhafter Beifall.) vliesner-Prag: Die übelste Errungenschaft aus dem alten Oester- reich, der nationale Streit, hat bei uns den Vormarsch des Sozialismus aufgehalten. Zwar sitzen bei uns Deutsche, Tschechen und Slowaken in der Regierung, aber an dem nationalen Streit hat sich nichts geändert. Erst die Arbeiterschaft wird die geschichtliche Aufgabe erfüllen und den nationalen Streit überwinden. Ist sie dazu nicht reif und vernünftig genug, so wird die Not sie zusammenführen. Die deutsche und die tschechische Sozialdemokratie müssen gemeinsam die Fahne des Sozialismus vorwärtstragen. (Lebhafter Beifall.) Vorsitzender Wels dankt allen Rednern namens des Parteitages. Genosse Eggerstedt verliest dann die aus allen Teilen der Welt ein- gegangenen Begrüßungstelegramme. Otto Wels erj Der Sericht ües parteivorftanöes. Anschließend tritt der Parteitag in seine Tagesordnung ein. Den Bericht des Parteioorstandes erstattet: Gtto Wels: In den Jahren nach der Revolution ist es üblich geworden, beim Bericht des Parteivorstandes alle grundsätzlichen und taktischen Fragen mitzubesprechen. Bon dieser Gepflogenheit wollen wir dies- mal ablassen und alles Grundsätzliche späterer Beratung überlassen. Dafür wird die Diskussion um so straffer zusammengefaßt werden können. Zwischen dem Heidelberger Parteitag und heute liegen IX Jahre harter Arbett. Ein Blick in unser 500 Seiten starkes Jahrbuch gibt ein Bild davon, daß unsere Partei mit ihrer Organi» sation, ihrem Schul- und Lehrapparat, ihrer Presse und ihrer Ver- tretung im Reich, in den Ländern und Gemeinden in keiner Partei Deutschlands ihresgleichen hat. Zusammen mit den Gewerkschaften, den Genossenschaften, der Arbeitersportbewegung usw. bildet die Partei einen re- waltigen Faktor zur Hebung der Kullur der Massen. Auf diese Stellung sind wir stolz, wenn wir auch nicht damit zufrieden sein dürfen. Die heftigste Kritik hat unsere Haltung in den Fragen des Volksentscheids und Fürstenausgleichs erfahren. Die«inen haben uns vorgeworfen, wir hätten uns von den Kommunisten und dem famosen Kuczynfki-Ausschuß den Rang ablaufen lassen. Die anderen haben uns nachträglich vorgeworsen, wir hätten übersehen, daß bei Gewährung einer geringen Entschädigung an die Hohenzollern die notwendigen zwanzig Millionen Stimmen aufgebracht werden können. Alle unsere Kritiker haben vollkommen recht,— und sie alle hätten in der gegebenen Situation nicht anders handeln können, als wir es taten, denn bei jeder anderen Haltung wäre die Zersplitterung viel größer geworden und der Riß wäre mitten durch die Partei gegangen. Unsere Haltung Holl uns den großen moralischen Erfolg des Volksentscheids eingetragen. der auf die Dauer ein politisches Aktivum brachte. Der Flucht d er p r e u ßi s ch en L a n d ta g s s r a kt i o n v o r d e n preußischen Richtern, das war der Vergleich mit den Hohen- zollern, konnten wir nicht widersprechen. Oder hätten wir die Taktik empfehlen sollen, die preußische Regierung von den Sozialdemokraten stürzen zu lassen? So schnell haben wir die Zeit der Fememordprozesse, des Ludendorff-Aufzuges vor der Feldherrnhalle in München, den Kü striner Putsch usw. nicht vergessen. Unter den An- trägen zum Parteitag befindet sich nicht ein einziger, der sich noch mit der Fürstenabfindung befaßt. Das kommt daher, daß niemand in der Partei, weder damals noch heute, einen Weg hätte weisen können, wie es anders hätte erledigt werden können. Der Zu- sammensall der Veraleichsvorlage mit der Werbewoch« war nicht vor- gesehen. Die Weroewoche hat trotzdem einen durchaus zufriedenstellenden Erfolg gehabt. Sachsen hat die Werbewoche noch einmal mit gutem Erfolg wiederholt. Da ich gerade von Sachsen spreche, will ich feststellen: Dies ist der erste Parteitag seit der Einigung, der sich nicht mit dem Sachsenkonflikt zu befassen braucht. Der Fall ist erledigt. Wir bedauern wohl alle, daß der Konflikt nicht unter Aufrechterhaltung der Einheit der Partei beigelegt werden konnte. Der Partei blieb aber nichts anderes übrig, nachdem die 23 in Sachsen sich nicht der Parteidisziplin fügten. Sie haben damit der Disziplinlosigkeit und Desorganisation Tür und Tor geöffnet. Der Versuch der besonderen Parteibildung hat auch in Sachsen keinen Erfolg gehabt. Das hätten so alte Parteigenossen we« Buck usw. sich vorher sagen müssen. Die politische Be- r G ch Wertung ihres Vorgehens aber könnte ihnen ein Artikel der, q „Deutschnationalen Korrespondenz" klarmachen, der den Redakteur ihres Blattes, des„Volksstaates", Niekisch, als den Bahnbrecher des deutschnationalen Einflusses in Sachsen be- zeichnete. Es ist nicht meine Aufgabe, auf die Fragen der K o a l i t i o n s- bildung oderRegierungsbildung einzugehen. Das wird Hilferding in seinem Referat erörtern. Wenn aber ein Antrag die „würdelose" Art verurteilt, in welcher der preußische Innenminister, Genosse G r z e s i n s k i aus Anlaß der Wrisbevg-Affäre im Land- tag gesprochen haben soll, so hat der Berlauf der Debatte im Preußischen Landtag die Antragsteller eines anderen belehrt. Man sollte sich allgemein hüten, auf Grund von Zeitungsberichten, ohne Rückfrage nach Monaten solche Anträge zu stellen. Ich habe mich nach jeuer Rede Grzesinskis sofort darüber informiert, daß die Verschärfung seiner Rede auf Grund einer Information erfolgte, die ihn geradezu dazu zwang. Vogelfrei sollten die Genossen, die das Unglück haben, Minister zu sein, doch nicht sein. Draußen kann ihnen ja passieren, daß sie abgeschossen werden, wie das dem Genossen Seoering so oft angedroht worden ist. Aber untereinander wollen wir unsere Gesinnungsgenossen doch nicht immer angreifen. W i r sollten nicht die Arbeit unserer Gegner besorgen." Die Herausgeber und Mitarbeiter einer gewissen Kor- r e s p o n d e n z, die ja jetzt schon eine ausgewachsene Zeitschrift ge- worden ist, haben die erfreuliche Absicht, die Partei zu bilden und zu erziehen. Aber woher nehmen jene Genossen das Recht, die Partei in so absprechender Weise zu kritisieren? Sind sie an Sachkenntnis, an Parteierfahrung, an ehrlichem Wollen, an innerer Ueberzeugung, an wahrem proleta- rischen Klassenbewußtsein, an Opferbereitschaft und Stetigkeit der von ihnen vertretenen Auffassung wirklich dazu berufen, in der schärfsten und herabsetzendsten Weise Institutionen, Parteiinstanzen in diesem Ton zu bekritteln? Gewiß, Meinungsfreiheit muß es geben, sie darf aber nicht der Deckmantel für andere Absichten sein, wenn nicht gar für solche, die von außen in die Partei hinein- getragen werden sollen. Opposition haben wir in der Partei genug. Auch im Parteivorstand gibt es eine Opposition, allerdings bei erfreulicher Homogenität der Meinungen. Neulich ist sogar eine Zettelwahl bei der Beratung einer Frage, die das weibliche Geschlecht betraf, im Parteivorstand notwendig geworden.(Heiterkeit.) Aber was es nicht in der Partei geben darf, ist das Hei- matrecht einer geschlossenen Opposition um ihrer selbst willen! Dem Richtung? st reit wollen wir in der Partei keinen Platz mehr einräumen, nur damit zerschlagen wir die Hofs- nung der Kommunisten auf Erfolg ihrer Zellenbildung. Nur so können wir den verschiedenen Ausschüssen und Gesellschaften in Deutschland, die nichts hinter sich haben, die immer wieder dieselben Personen sind, welche in anderer Firmierung und Kostümierung über die politische Bühne laufen, um viel Volk vorzutäuschen, die Illusion rauben, daß sie imstande wären, auf die Haltung der Partei einen Einfluß auszuüben. Ein anderes sehr ernstes Problem, möchte ich als das Problem der Ueberorganisation bezeichnen. Es werden stets Klagen geführt, daß sich unsere Mit- glieder nicht in dem Maße mehr zur Parteiarbeit zur Verfügung stellen wie früher. Das liegt auch daran, daß der Arbett der Ge- Nossen Nebenarbeit zugute kommt, die früher nicht in dem Maße vorhanden war. Eine Unzahl von Organisationen sind auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung erwachsen und nehmen die Kraft des einzelnen in Anspruch. Sa beansprucht das Reichs- b a n n e r einen großen Teil der Arbeit, vor allem der jungen Ge- nossen, ohne daß sich bisher der Gedanke durchgesetzt hat, daß der Schutz der RepubLt. sür de» das Reichsbanner ins Leben gerufen wurde, wirkungsvoll gefördert wird, durch bei Zuführung der Reichs- bannertameraden zu den politischen Organisationen der republikani- schen Parteien.(Sehr gutl) Nachdem wir jetzt vier Jahre lang die Werbekraft unserer Porteigenossen zugunsten des Reichsbanners mit vollem Wissen beeinträchtigt haben, mutz Debet und Kredit wieder in Einklang gebracht werden. Ich verweise auch auf die Arbeiter- sportoewegung. Die Frage:„Partei, wo sind deine Kinder?" beantwortet sich dadurch von selbst. Als besondere Organisationen kommen die Arbeiter-Wohlfahrt, die Arbeiter-Jugend und Jungsoziali st en�, Kinder- freunde, Bund der Kinderreichen, Schulgemein- schaften, Freidenker, religiöse Sozialisten, Zu- sammenschluß der Akademiker, der I u r i st e n. der A e r z t e, der Lehrer, die Bewegung der Freien Volksbühnen, der Naturfreunde, der Verband für V o l t s g e s u n d h e i t, die Bewegung der freien chilfstassen, die Arbeiter- Esperantobewegung, der Arbeiter-Stenographen- bund, der Arbeiter-Radiobund, der Arbeiter- Schachbund usw. hinzu. Ich habe über 40 Spielarten der organisatorischen Betätigungsmöglichkeiten im Rahmen der Arbeiter- bewegung zusammengestellt. Gewiß können diese Vereine der Partei auch Mitglieder zuführen, aber vorerst suchen sie die Mit- glieder fürsichselberzugewinnen. Die Kommuni- st i s ch e Partei benutzt diese Organisation, um ihr politisches Geschäft zu treiben und überträgt durch Mitglieder, die ihr Treiben nicht durchschauen, die Opposition in die Partei. Eine Fülle von Geld und Arbeitskraft geht so der Partei verloren. Ich hoffe, daß es dem Arbeiter-Kulturkartell gelingen wird, durch Zu- sammenfasiung all dieser Kräfte den Schaden von der Arbeiter- bewegung abzuwehren. In der I u n g s o z i a l i st i s ch e n Bewegung hat die unter- . wühlende Arbeit und die Bildung des Nelsonbundes nur durch radikalste Mahnahmen bekämpft werden können, indem wir die Unvereinbarkeit der Zugehörigkeit zur Partei und zu dem Nelsonbund ausgesprochen haben. Aber dadurch ist der dauernde R i ch t u n g s st r« i t in der jung- sozial! st ischen Bewegung, die zahlenmäßig ohnehin nicht besonders stark ist, nicht behoben. Um Niekisch und seine Wider- standsblätter für jungsozialistisch« und nationale Revolutionäre hat sich eine Gruppe geschart, die allerdings nur ganz geringfügige Be- deutung hatte. Aber auch zwischen dem Hauptteil der Iungsozialisten und der Arbeiter-Jugend haben die Reibungen nicht aufgehört. Wir erhoffen Besierung von dem jetzt erfolgten Anschluß : Iungsozialisten an di e Bildungszentrale wir gehen allerdings davon aus. daß nur Parteigenossen Mitglieder der Iungsozialisten sein können. Bisher ist das nur bei wenig mehr als der Hälfte der Jungsozialisten der Fall. Es ist natürlich un möglich, daß Leute, die gar nicht der Partei angehören, einen Ein fluß auf sie ausüben wollen. So haben wir uns die jungsozialistische Bewegung nie gedacht, und wenn di« Sache so bleibt, dann muß die Abneigung gegen die Iungsozialisten in der Arbeiterbewegung immer mehr zunehmen. Wir haben in unseren Richtlinien klar ausge- sprachen, daß eine Hauptaufgabe der Iungsozialisten sein muß, junge Parteigenossen zur Parteiarbeit anzuhalten und zu schulen. Wir wollen in Zukunft auch der Arbeiter-Jugend gestatten, ihre Mitglieder bis zu 20 Jahren zu behalten, wenn sie vom 48. Jahre ab Partei- Mitglied sind. Allerdings muh dem der Parteitag erst zustimmen. Aber unmöglich können wir den Antrag Prenzlau„die Erziehung aller über 18 Jahre alten Parteigenossen fällt den Iungsozialisten zu" annehmen. Wenn ich auch zugebe, daß die Iungsozialisten sich vielfach als Erzieher der Partei aufspielen, möchte sich der Parteivorstand doch nicht dieser Erziehung unterwerfen. Die meisten Anträge zum Parteitag hat der Streit unter den B e am t e n um die Richtung ihrer Spitzenorganisation hervor- gerufen. Wir haben im Parteivorstand zahlreiche Sitzungen wegen der Beamtenschaft gehabt. Aber leider ist der Streit nicht aus der Welt geschafft. Dieser Streit um die Organisation steht überall an der Wiege der Arbeiterbewegung. Ebenso wie Partei und Gewerk- schaften hattx beim Umsturz auch der Allgemeine Deutsche jjBeamtenbund einen starken Zulauf überschwenglicher Enthu- siasten, und auch ihm blieb der Rückgang nicht erspart. Leider ist die Verschmelzung der Beamtenverbände nicht gelungen. Das ist um so schlimmer, als die christlichen Organisationen sich mit dem DBB. fusioniert und dadurch gezeigt haben, daß sie wisien, was di« Geschlossenheit� bedeutet. Jedenfalls darf der Streit unter den Beamten nicht auf dem Rücken der Partei ausgetragen werden. Manche Genossen im Lande sind päpstlicher als der Papst und fordern geradezu eine Verbannung der Parteigenossen, die noch im DBB. tätig sind. Auf der anderen Seite hat der Beamtenausschuh der Deutschnationalen Partei Be- schwcrde darüber erhoben, daß angeblich unsere Genossen im DBB. die Neutralität verletzen. Wollen Sie diesen Deutschnationalen zu Hilfe kommen und sollen unsere Parteigenossen das Feld räumen? Das wäre falsch. Wie stolz ist die Partei einst auf die ersten sozial- demokratischen Lehrer gewesen, die im Deutschen Lehreroerein als Vorkämpfer des Sozialismus gewirkt haben! Jetzt sollen Männer wie Ammer st edt, Hellmann und Groß aus Hamburg von der Partei Infamiert werden, wenn sie nicht aus der Organisation ausscheiden, in der sie so lange auch für die Partei gewirkt haben. Das ist ein schlechtes Stück Unduldsamkeit, geboren aus Unkenntnis der Parteigeschichte, und ich bitte Sie deshalb, alle ent- sprechenden Anträge abzulehnen und leoiglich die Deklaration zu be- kräftigen, die Parteioorstand und Parteiausschuß über unser Ler- hältnis zu den Beamtenoerbänden abgegeben haben, wir sprechen offen aus, daß wir mit dem ADS. am engsten verbunden sind und ihm die besten Erfolge wünschen, im übrigen müssen wir alles andere der kommenden Entwicklung überlassen. EinAntragHamburg will den B e r l i n e r n ein L o k a l- o r g a n geben und den„vorwärts" zum reinen Zentralorgan der Partei machen. Die gleich« Forderung spricht ein Beschluß des Berliner Bezirksparteitages aus. Der Streit um diese Frage ist so alt wie der„Vorwärts" selbst. Bei der Schaffung des Parteistatutes 1905 habe ich als Wortführer der Berliner den gleichen An- trag gegen den Parteioorstand vertreten.(Heiterkeit.) Damals hat uns August Bebel die ganze Entstehungs- geschichte des„Vorwärts" dargelegt und ausgesprochen, daß der Parteioorstand bei der politischen Führung der Partei es nicht ertragen könnte, wenn seine Absichten und die Absichten der Fraktion vielleicht schon am nächsten Tage in einem Berliner Blatt bekämpft würden. Bebel und Singer haben damals die Erklärung ab- gegeben, daß sie es ablehnen müßten, welter Vorsitzender der Partei zu bleiben, wenn der Berliner Antrag angenommen würde. So habe ich im Einverständnis mit den Berliner Genossen den An- trag zurückgezogen. Jetzt wollen die Berliner eines Teils wieder ein Richtungsblatt, die anderen ein Blatt im Stile der„M o r g e n p oft". Nur auf den Kreis der organisierten Berliner Parteigenossen abgestellt, wäre keine Zeitung in Berlin haltbar. Wir Streik bei See MG. beigelegt. Arbeitsaufnahme morgen früh. Die Versammlung der streikenden Werkzeugmacher hat über das Angebot der AEG., über das wir an anderer Stelle berichten. in geheimer Abstimmung entschieden. Die zur Fortführnag de, Streiks erforderliche Mehrheit wurde nicht erreicht. Da Maßregelungen nicht stattfinden und das Arbeltsverhältnis als nicht unterbrochen gilt, wird die Arbeit morgen früh in allen Betrieben wieder ausgenommen. sind bereit, mit den Berliner Genossen auf dem Boden der Der- träglichkeit und des Entgegenkommens, aber auch auf der Basis des Statuts zu verhandeln. Der Antrag Hamburg aber verstößt gegen das Statut, und ich muß Sie dringend bitten, ihn zurückzuziehen. Wenn sich zwei Blätter in Berlin gegenseitig bekämpften, würden sie ebensowenig Seide spinnen, wie in der Zeit der„Freiheit" neben dem„Vorwärts". Die„Rote Fahne" hat es nicht über 15 000 Leser gebracht.(Hört, hört!) Einige Anträge fordern di« Einberufung eine» preußischen Parteitagen Es ist falsch, daß wir in der Vorkriegszeit regelmäßig einen preu- ßischen Parteitag gehabt hätten. Wir haben überhaupt nur zwei preußische Parteitage und eine Konserenz im Zeichen des Wahl- rochtskampfes gehabt. Aber als Auftakt zur nächsten preuhenwahl machen wir uns den Antrag zu eigen und wollen auch wir die preußischen Genossen zusammenberusen. Ich war außerorbentlich erstaunt, in zwei so verschieden einge- stellten Blättern wie der„Frankfurter Zeitung" und der ,.R o t e n F a h n e" zu lesen, daß die Partei stagnier«. Die Gründe des geringen Mitgliederzuwachses habe ich Ihnen dargelegt. Wir haben die Jugend mit voller Absicht dem Reichsbanner, der Schutztruppe der Republik, zugeführt. Nachdem das Reichsbanner jetzt konsolidiert ist und die Konsolidierung der Republik begonnen hat, können wir wieder mehr an die Parteiorganisattonen denken. Allerdings ist die Republik noch lange nicht so gesichert, wie das leider vor kurzem auch»in prominenter Mund behauptet hat. wir dürfen die Wachsamkeit der Arbeiterschaft nicht einschläfern und die Republik ist nur dann gesichert, wenn wir stets in der einen Hand die kelle, in der anderen das Schwert führen. Die Kommunistische Partei hat auf ihrem Parteitag von 1925 ihre Mitgliederzahl mit 150 000 angegeben, jetzt nennt sie Moskau gegenüber 112 000, aber di» wahre Mitgliederzahl ist unter 90 00 0. Wir sehen hier deutliche Zeichen des Verfalls, aber es ist falsch zu sagen, die Kommunistislbe Partei bestände über- Haupt nicht mehr, wenn die Partei nicht Unterlassungssünden be- aber es ist falsch zu sagen, ginge. Die marktschreierische Roßtäuschermanier. mit der die Kom- munisten auf ihrem letzten Parteitag einen 20jährigen„Klassen- kämpfer" als Sozialdemokraten kostümiert haben auftreten lassen, ist allerdings nur ein Kampfmittel für politische Kinder. Die Ein- heitsfront ist für die Kommunisten selbstverständlich nur ein Manöver, die Sozialdemokraten zu spalten und zu schwächen. Die Erinnerung an die Gewissenlosigkeit, mit der die Kommunisten über Tausende deutscher Arbeiter Unglück gebracht haben, sollte eine hohe Barriere zwischen uns und ihnen aufrichten. Gewiß ist es traurig, daß immer noch deutsche Arbeiter glauben, daß die kommunistische Radaupolitik ihnen nützen könnte. Das ist eine Nachwirkung der Gewaltpsvchose des Krieges. Aber eine Vereinigung mit den Kommunisten könnte uns nur verstärkten Angriffen der Moskaustipendiaten aussetzen, die sich immer noch nach dem russischen Rubel richten müssen. Wir haben keinen einzigen Genossen ausgeschlossen, weil er an einer Moskaufahrt oder dem Kongreß der Werktätigen teilgenommen hat. Nur. wenn er danach fürdieKommunisten agitiert« und die Partei bekämpfte, haben wir von unserem statutenmäßigen Recht Gebrauch machen müssen. Dieses Recht werden wir uns auch nicht nehmen lasten. In der Arbeiterklasse ist der sozialistisch« Gedanke im Vor- marsch. Ich denke daran, wie der deutschnationale Reichstag». abgeordnet« Lambach die bürgerlichen Parteien gewarnt hat, von sich aus den Klassenkampf zu treiben, weil fast alle Arbeitnehmer dadurch der Sozialdemokratie zugetrieben würden. Ich denke an die Zentrumsarbeiter, die in offener Rebellion gegen ihr« Führer stehen. Die Eroberung der politischen Macht aber, besonder» aber danach die der wirtschaftlichen, wird nur möglich sein, durch die Anstrengung oller gemeinsam Fühlenden, durch die Vereinigung der Hand- und Kopsarbeiter. Zerstören Sie diese Ansähe nicht durch Hetzerei und Sabotage. Das wäre unmöglich ein« polittk, die unserer Partei frommen kann! Rur durch engste Zusammenarbeit können wir der Partei und der Arbeiterschaft nutzen!(Lebhafter Beifall.)_ preußischer Zentrumstag. Vertrauensvotum für das Preustenzentrnm. Am Sonnabend und Sonntag hat im Preußischen Landtag der dritte Parteitag der preußischen Zentrumspartei stattgefunden, der 114 Tage in Anspruch nahm. Nach der Eröffnung des Parteitages sprach der Führer der Aentrumsfraftion des Preußischen Landtags, Dr Heß, über die Politik de» Zentrums in Preußen. An sein Referat schloß sich ein« aus- führliche Debatte an. Dieses Referat wie die anschließende Debatte war der weitaus wichtigste Teil der Beratungen des Zentrums- Parteitages. Nach dieser Diskussion beschäftigte sich der Zentrumsparteitag mit den kulturpolitischen Forderungen des Zentrums— Abschluß eine, Konkordats In Preußen, konfessionelle Schul«. Der Parteitag schloß am Sonntag mit der Annahme folgender Entschließung: „Der dritte preußische Parteitag nimmt Kenntnis von den Arbeiten der Zentrumsfraktion des Preußischen Landtags. Er billigt die Haltung der Fraktion in jeder Beziehung und dankt ihr insbesondere für ihre Politik in den Fragen der Regierungsbildung, des Konkordats, des Föderativ- gedankens und der Schul- und Sozialpolitik. Der dritte preußssche Parteitag spricht der Zentrumsfrattion des Preußischen Landtags vollste« Vertrauen aus." Vorstand und Landesausschuß wurden wiedergewählt und der Vorstand ergänzt durch den Landtagsabgeordneten Dr. Graß, der Landesausschuß durch Minister H i r t s t e s e r. Hemeknüewahlen in Warschau. Sozialdemokratischer Erfolg.— Unterdrückung der Kommunisten. Warschau. 23. Mai.(WTB.) Das Ergebnis der gestrigen Stadlralswahlen verschiebt das Llld recht wesentlich zu- guusten de» Rechtsblocks wie der Sozialdemokraten und zum Nachteil der pilfudski-Anhänger und der verschiedenen jüdischen Parteien, von b?b000 wahlberechtigten haben 329 000 Ihre Stimmen abgegeben. Die Wahlbeteiligung betrug üS.S Proz. 66S7S Stimmen sind für ungültig erklärt worden. E» sind die» fast durchweg die auf die von der Wahlbehörde für ungültig erklärte kommunistische Liste abgegebenen Stimmen, von den gültigen Stimmen wurden abgegeben: für die vereinigten Rechtsparteien zirka 119 000, fürdie Sozialdemo. k r a t e n 7 2 0 0 0, für die Pilfudski-Anhänger 50 000, für den vcr- einigten jüdischen Block 39 000, für den jüdischen sozialistischen„Bund" 20 000 Stimmen. Der neue Stadtrat wird demnach folgende Zusammensetzung haben: vereinigter Block der Rechten 47 Mandale. Sozialdemokraten 2S Man- date. Indisch- Sozialistischer Bund 7 Mandate. Pilfudski-Anhänger 16 Mandate. Jüdischer Block 15 Mandate. Rationale Arbeiterpartei 2 Mandate, aus die übrigen Parteien entfallen 5 Mandate, ergibt zusammen 120 Mandate. * Eine Meldung der Poln. Telegraphenagentur spricht von einem bedeutenden Ruck nach links. Einen unerhörten Skandal bildet die einfache Ungültigkeitserklärung der 86 000 kommunistischen Stimmen. Nach solchen Methoden werden die polnischen Machthaber nur die gegenteilige Wirkung erreichen, wie überhaupt das Anwachsen der Kommunisten in Polen nur die Folge der Drangsalie- rungen ist. denen sie in den letzten Monaten ausgesetzt waren. Das russische Mißversiänünis. Sie stimmen nicht gegen, sondern enthalte« sich. Gens, 23. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Das Kompromiß mit der Sowjetdelegation in der Anerkennungsfrage sollte für jene auch die Verpflichtung enthalten, nicht g.e g« n die Kon- ferenzbeschlüss« zu stimmen. Die Konferenzleitung empfand es daher als einen Wortbruch, daß die Russen dennoch gegen di« Ent- schließungen der drei Kommissionen sich erhoben. In Unterhand- lungen, die am Sonntag darüber stattfanden, erklärten die Russen, daß es sich um ein Mißverständnis handele und daß sie in der Schlußabstimmung über das ganze Konserenzwerk dieses nicht mehr verwerfen, sondern sich nur der Stimme enthalten werden. verantwortlich fllr P-Iitik: Victor Schiff! Wirtschaft:».«liagrl»»!-«! Sewerklchoftsbeweauna: Sriedr.«»kirn: Feuilleton:«. t.»tfcher: Lokal,« und Constiaeo: Fri» Narstädti Änzeigcn: Th. Glocke; sämtlich in Berlin. verlaa: Vorwärts-Derlag®. m. b. H., Berlin. Druck: VorwLrt,>Buchdruckcret un» Berlagzanfialt Paul Singer u Co.. Berlin ES 88, Liodenstraße 3. Sic,,» 1 Beilage. Der Sommer schadet der Haut, wenn man die Ernährung der Jahreszeit anzupassen unterläßt Die pfirsichfarbene Tönung der Haut wird durch den regelmäßigen Genuß von frischen Früchten erzielt, die den Stoffwechsel in Fluß halten. Ihr reichlicher Wassergehalt läßt die Poren jegliche Unreinheit ausschwitzen und gibt selbst an heißen Tagen dem Gesicht den bestrickenden Reiz der sorgsamsten Hautpflege. tindJhrbleibtgesund! Täglicher Genuß frischer Früchte ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Frische Früchte gibt es zu jeder Jahreszeit. Das Fruchtkochbuch ist zum Preiee von 25 Pfg. in allen Buchhandlungen zu haben. 'fVmf iösteeüonnmf tMutät/htfäi tnäGmJ&mbsuLunä VdtdarSaM Heilage öes vorwärts Montag, 23. Mai 1927 Die Jeiern um den Gzeansiieger. Lindbergh im Mittelpunkt des Interesses der ganzen Welt. Paris, 23. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Die Blätter ohne Unterschied der Parteien seiern spaltenlang die außerordentliche Leistung des Fliegers Lindbergh und stellen fest, daß ihm eine der größten Taten in der Geschichte der Menschheit gelang.„Der Mensch, der das vollbracht hat," schreibt der„Populaire",„kann Amerikaner oder Franzose sein oder irgendeiner anderen Nation angehören: er ist in erster Linie ein Mensch, der die ungeheuerste p a z i s i st i s ch e Großtat der Geschichte vollbrachte." Lindbergh hat erklärt, daß er nicht beabsichtige, mit dem Flugzeug nach Amerika zurückzukehren. Unterwegs sei er durch einen Schneesturm in starte Gesahr geraten. da sein Apparat durch den Schnee, der vereiste, sehr stark belastet wurde. Lindbergh glaubt, daß Nungesser und Coli in einem solchen Schneesturm zugrunde gegangen sind. Lindberg erzählt! Der Flieger Lindbergh erzählte noch seiner Ankunft über den Ozcanslug u. a.: Etwa 1000 Meilen mußte er auf dem Ozean im Regen zurücklegen. Er habe während der Fahrt oft die Höhe ge- wechselt: zeitweise sei er nur 10 Fuß über dem Meer geflogen, mitunter 10 000 Fuß über dem Meere. Von den mitgeführten An- regungsmitteln habe er während der ganzen Fahrt keinen Gebrauch gemacht, sondern nur Wasser getrunken. Lindbergh wunderte sich�selbst über die Schnelligkeit, mit der er den Flug zurückgelegt hat, und versicherte, daß er noch 1000 Meilen hätte weiterfliegen können. — Der französische Präsident hat sofort nach der Lan- dung Lindberghs ein Glückwunschtelegramm an Präsident Coolidge gesandt. Auch Außenminister Briand hat dem amerikanischen Bot- schafter den Glückwunsch der französischen Regierung zum Ausdruck gebracht. Alle offiziellen Gebäude in Paris haben geflaggt, auf dem Außenministerium wurde sogar das Sternenbanner gehißt. Der Pariser Stadtrat will Lindbergh in feierlicher Sitzung empfangen, auch ein offizieller Empfang in der Kammer ist geplant. Außerdem soll ihm das Kreuz der Ehren- legion verliehen werden. Am Dienstag wird Lindbergh voraus- sichtlich vom Präsidenten der Republik an der Stelle seiner Landung begrüßt werden, wobei ihm die Auszeichnung überreicht wird. Paris, 23. Mai.(MTB.) Lindbergh hat einem Vertreter des „Journal" erklärt, daß nach seiner Ansicht die Errichtung einer Handelsflugsverkehrslinie Paris— New Park praktisch ins Auge gefaßt werden könnte. Es bedürfe nur einer ziemlich mächtigen Organisation, um sie zu ver» wirklichen. Wichtig sei dabei die Schaffung schwimmender künst- licher Inseln, auf denen die Apparate sich verproviantieren und eventuell niedergehen könnten. „Malin" und„New Jork Herald" beginnen heute mit der Ver- öfsentlichung des Flugbericht» Sindberohs. Lindbergh erklärt im „Matin", der schlimmste Teil seiner Aahrl sei der Empfang in £c Bourget gewesen: wenn der Wind und der Sturm ihn ebenso bedrängt hätten wie die S0 000 Personen, die ihn empfingen, dann würde er Paris niemals erreicht haben. Lindbergh fährt dann fort: Glück allein genügt nicht zur Durchführung eines derartigen Unter- . nehmens, wie es wein Flug war, ich verfügte aber über das, was immer noch das beste ist, ein gute» Flugzeug, einen ausgezeichnelen Molor und vorzügliche Instrumente. Ueber das Wetter während seines Fluges berichtet Lindbergh: Ich geriet bald nach dem Start in Nebel und Regen. Nachdem ich Neufundland am Freitag abend passiert hatte, wurde gegen Sonnenaufgang das Wetter schlechter. Vor allem die Vereisung, der schlimmste Feind des Fliegers, machte mir zu schaffen. Ich mußte bald aus 3 Meter über dem Meeres- spiegel niedergehen, bald auf 3000 Meter Höhe steigen. Erst gegen Morgen konnte ich eine mittlere Höhe einhalten. Die Nacht war am schlimmsten. Die Kälte machte sich bemerkbar und Sturm setzte ein. Umkehren? Es war zu spät. Ich beschloh, koste es, was es wolle, den Flug fortzusetzen. Uebrigens ist mein Motor ausge- zeichnet. Er macht 100 Meilen in der Stunde. Der erste Besuch, den Lindbergh nach einem langen Schlaf am Sonntag mittag abstaltete, galt der Mutter Nungessers. Tausende von Menschen erwarteten den Flieger vor dem Haus., Frau Nungesser empfing ihn persönlich an der Türe und nahm die Trost- worte Lindberghs entgegen. Er hat Nungesser selbst gekannt und, wie er versicherte, wiederholt Gelegenheit gehabt, seinen großen Mut zu bewundern. Mit Tränen in der Stimme gab die Mutter der Hoffnung Ausdruck, daß man ihren Sohn doch noch auffinden werde. Vor der amerikanischen Botschaft fanden sich am Sonntag mittag ungeheure Menschenmengen ein, denen sich Lindbergh unter unge- heurem Jubel an der Seite des Botschafters zeigte. Paris, 22. Mai.(MTB.) Die Agentur Havas schildert die Folgen der gestrigen Kundgebung bei der Landung Lindberghs in Le Bourget wie folgt: heute morgen glich der Flugplatz einem Schlachtfeld. Kleidungsstücke, Stöcke, Hüte lagen überall zerstreut, die Fensterscheiben der verschiedenen Pavillons und die Türen waren zertrümmert. Erst im Verlaufe des heutigen Vormittags wurde be- kannt, daß 10 Personen Verletzungen erlitten haben und ins Hospital geschafft werden mußten. Der Zustand von zwei Verletzten soll ernst sein. Um den Flieger in der Nacht nach Paris zu befördern, war es notwendig, mit ihm kilometerweit nach der entgegengesetzten Rich- tung zu fahren, damit man über St. Denis auf Umwegen die Stadt erreichen konnte. Erst gegen 2 Uhr nachts traf Lindbergh in Paris ein, wo man in der amerikanischen Botschaft rasch ein Nachtlager improvisiert hatte. Große Honorarangebote für Lindbergh. New Jork, 23. Mai.(MTB.) Die Blätter feiern Lindbergh in längeren Leitartikeln und bringen Einzelheiten der gestrigen Demonstrationen. In St. Louis ertönten sämtliche Lokomotivpfelfen ein halbe Stunde lang. Die Glocken der Kathedrale läuteten.„New Port Times" erhielt 10 000 telephonische Anfragen wegen Lindberghs Ankunft. Lindbergh wurde mit Kabel- wünschen, Einladungen und Anerbieten überhäuft. S. L. Rothaiel, der Besitzer des 6200 Zuschauern Platz bietenden Roxytheaters oot Lindbergh ein Wochenhonorar von 25 000 Dollar für sein Auftteten an. Hohe Beträge werden dem Flieger für das Gebrauchsrecht seines Namens iür Warenbenennungen geboten. Nach einer Mel- dung des„Associated Preß" aus Los Angelos boten die Westcoast- Theater Lindbergh ein Engagement mit einem Honorar von 100 000 Dollar an. Zahlreiche andere Angebote wurden dem Flieger von Filmunternehmungen gemacht. Rätselhafter Doppelmorö in Lichtenberg. Ein Mädchen nnd ei« Mann erschossen aufgefunden. Ein noch unausgetlärter doppelter Leichenfund in Lichtenberg beschäftigt die Kriminalpolizei. In der Deutjchmeisterstraße sand in der vergangenen Nacht gegen 1 Uhr ein Schupobeamter aus seinem Rundgange an einem Bretterzaun aus dem Bürgersteig ein etwa zwanzig Jahre altes unbekanntes Mädchen mit einer Schuh- wunde in der linken Schläfe in den letzten Zügen liegen. Sie wurde nach der Rettungsstelle 40 in der Rathausstraße gebracht und starb dort schon während der Aufnahme unter den Händen des Arztes. Die Mordkommission wurde alarmiert und die Kriminal- kommissare Braschwitz und Lobbes und ihren Beamten besichtigten alsbald die Leiche und den Fundort und stellten fest, daß der t ö d- liche Schuß aus nächster Nähe abgegeben worden ist. Fußspuren auf dem ungcpstasterten Teil des Büvgersteiges zeigten deutlich, daß zwischen der'Unbekanitten und dem Schützen ein Kampf nicht stattgesunden hatte. Die Beamten suchten den an das Gelände anschließenden Lichtenberger Stadtpark ab in der An- nähme, dag dort vielleicht Auseinandersetzungen stattgefunden hätten und daß die Tote im Park irgend etwas, vielleicht eine Handtasche mit Papieren oder dergleichen zurückgelassen haben könnte. Sie fanden auch Spuren, die auf einen Kamps im Park schließen lassen. Während sie hier noch suchten, erhielten sie die Meldung, daß ein anderer Schupobeamter um 3Z4 Uhr eine halbe Stunde von dem Fundort entfernt auf dem Verbindungsweg nach einem Lauben- cclände zwischen der Rittergut- und der Herzbergstraße einen unbekannten Mann tot ausgefunden hatte. Die Mordkommission begab sich sofort auch dorthin, um den Befund und Tatbestand aufzunehmen. Der Mann hatte eine Schußwunde in der rechten Schläfe. Die Leichen wurden beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Eine Waffe wurde bei dem Mädchen und auch bei dem Manne nicht gesunden. Das Mädchen ist etwa 1,65 Meter groß, hat einen dunkelblonden Bubenkopf und trug einen grauen Hut mit grauem Band und Blumenstrauß, einen schwarzen Tuchmantel mit Sealkaninbesatz, einen grauen Rock mit schottischem Muster, einen grauweih gemuster- ten Jumper, braungraue Handschuhe, fleischfarbene Sttümpse, braune Spangenschuhe mit Kreppgummisohlen und als Schmuck silberne Ohrringe mit je einem blauen Steinchen an einem Kettchen. D e r M a n n ist etwa 20— 25 Jahre alt, etwa 1,70 Meter groß und schlank, hat langes, nach hinten gekämmtes, dunkelblondes Haar, blaue, etwas vorstehende Äugen,«ine gebogene und an der Spitze etwas abgeplattete Nase und im Oberkiefer drei Goldzähne: er trug einen schwarzen Mantel, einen stahlblauen Anzug, ein lila Hemd mit weißem Kragen und rötlicher Krawatte, schwarzgrün gestreiste Strümpfe, schwarze Halbschuhe, einen grauen weichen Hut und eine braune Hornbrille. Um den Leib hatte er eine breite braune Leibbinde und auf dem Ärm eine rechteckige Uhr im Band, auf dem Finger einen kleinen Brillant- ring. In den Taschen hatte der Tot« nur zwei Eintrittskarten zu einem Kino in der Frankfurter Allee. Es ist noch nicht ganz sicher, aber höchstwahrscheinlich, daß zwischen den beiden Funden ein Zusammenhang besteht, daß der Mann dos Mädchen und dann sich selbst erschossen hat. Das läßt sich auch daraus schließen, daß die Patronen- hielH*,»ie-tn der Nähe des Mädchen« gefunden wurde, überein- stimmt mit einer scharfen Patron«, die bei dem Manne lag. In diesem Falle muß ein.Unbekannter dem Toten die Waffe entwendet haben. Dabei mag er ihm wohl auch die Taschen geleert haben. Nach den Spuren scheint das Mädchen zuletzt vor seinem Mörder ge flohen zu sein. Dieser scheint es in langen Sätzen verfolgt, es schon einige Schritte vor der Fundstelle errreicht und geschlagen zu haben. Hier hat er wohl auch schon schießen wollen, aber«inen Versager gehabt. Zehn Schritte weiter erhielt dann das Mädchen aus nächster Nähe den tödlichen Schuß und brach sterbend zusammen. Von den Leuten, die als etwaige Zeugen bereits ermittelt und vernommen wurden, hat niemand etwas wahrgenommen. Weder die beiden Schupobeamten noch ein Wächter aus der Gegend noch fönst jemand hat Schüsse oder Hilferufe gehört. Mitteilungen zur Aufklärung an die Kriminalkommissare Braschwitz und Lobbes im Polizeipräsidium, Zimmer 93. die Verfehlungen beim Wohnungsamt. Weiße Scheine und Meldezettel. Vor dem Erweiteren Schöffengericht Mitte begann heute unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Steinhaus die dreitägige Ver- Handlung in der großen Wohnungs- und Bestechung»- a f f ä r e, die bei dem Bezirksamt Kreuzberg sich im Jahre 1926 abgespielt haben soll. Es handelt sich dabei um Ausgabe von sogenannten weißen Scheinen des Wohnungsamtes Kreuzberg, die in Verbindung mit polizeilichen Beglaubigungen des Einwohnermeldeamtes maßgebend waren für den Freiverkehr von Wohnungen mit fünf und mehr Zimmern. Dem Magistratsrat Dr. Herbert Hauptmann, dem Dezernenten des Wohnungsamtes Kreuzberg, wird zur Last gelegt, in zahlreichen Fällen dem ihm befreundeten Wohnungsvermittler Willi Seeboldt weiß« Scheine ausgefertigt zu haben, die auf Personen lauteten, welche angeblich, wie es oorgajchrieben war, am Stichtage, dem 1. Oktober 1919, im Bezirksamt Kreuzbera gewohnt hatten. Er soll dafür bestochen worden sein. Diese Täuschung soll nach der von Staatsanwaltschaftsrat Dr. Berliner vertretenen Anklage dadurch möglich geworden sein, daß der Polizeisekretär Emil Kosch dem Angeklagten Seeboldt die gefälschten Melde- scheine des Einwohnermeldeamtes ausstellte, in denen nicht nur eine falsche Wohnung angegeben worden war, sondern auch der Personen- stand des Wohnungjuchenden falsch beurkundet wurde. Magistratsrat Dr. Hauptmann wird der Bestechung in vielen Fällen beschuldigt. Polizeifekretär Kosch wird ebenfalls der Bestechung durch Seeboldt und der Falschbeurkundung, eines Amtsverbrechens, bezichtigt. Neben diesen drei Hauptangeklagten sind noch der Wohnungsvermittler Georg Rindfleisch, der Kaufmann Dr. Georg S ch ö v s, die Wohnungsvermittlerinnen Gerhardt und Curth wegen Beihilfe mit- angeklagt. Die Vernehmung des ersten Angeklagten, Mo- gistratsrats Dr. Hauptmann, erstreckte sich zunächst auf seine Aufgaben beim Wohnungsamt Kreuzberg, dessen Dezernent er seit dem 1. Januar 1926 war. Er hatte das Vefchwerdedezernat, die Sprechstunden und in der allgemeinen Wohnungskommission die Anträge auf Eintragung in die Wohnungsliste und die Dringlichkeits- liste zu erledigen. Dabei war er aüch für die weißen Karten zuständig. Gewitterfturm auf üer Havel. Zwei Personen im Faltboot ertrunken. Da» ungleichmäßige und böige Wetter des Sonntags hat unter den Wassersportlern, die sich auf die Havelgewässer gewagt hatten, wieder zwei Opfer gefordert. Gegen 2� Uhr nachmittags kenterte infolge eines plötzlich einsetzenden Sturmes in der Nähe von S ch i l d h o r n ein Faltboot, das mit einer Frau und einem Mann besetzt war. Beide sind ertrunken. Die Leiche der Frau wurde geborgen. Nach der Leiche des Mannes wird noch vom Reichswasserschutz gesucht. Im Laufe des heutigen Vormittags gelang es der Kriminal- polizei, die Personalien der beiden Ertrunkenen fest- zustellen. Auf einem Polizeirevier in der Bamberger Straße wurden von Angehörigen der ö2jährige Werkmeister WalterHirschfeld aus der Bamberger Str. 55 und dessen 30jährige Frau Charlotte, die gestern gemeinsam auf der Havel in ihrem Faltboot eine Fahrt unternehmen wollten, als vermißt gemeldet. Die Angehörigen be- gaben sich mit einem Beamten der Kriminalpolizei nach dem Schau- haus, wo die Tote als die vermißte Frau H. einwandfrei festgestellt werden konnte. Die Leiche des ertrunkenen Ehemannes konnte noch immer nicht geborgen werden. V Auf dem Großen W a n n s e e, in der Nähe von Schwanen- werder, kenterte gegen 3.10 Uhr nachmittags infolge starken Wellenganges ein mit 2 Personen besetztes Paddelboot. Die In- fassen, ein Njähriger Kaufmann und ein 2yjähriges Mädchen wurden von Änglern gerettet. Auf der Havel bei Fuchsberge, gegenüber der Pfauen. ! n s e l, kenterte eine mit drei Männern besetzte 28-Ouadratmeter. Segeljolle. Ihre Hilferuf« veranlaßten mehrere am Ufer liegende Motorboote an die Unfallstelle zu eilen. Das Rettungswerk ge- lang vollkommen, die Segler und die Ausrüstungsgegenstände des Bootes wurden an Land gebracht, die Jolle vom Reichswasserschutz r(borgen und später abgeschleppt. Auf der Oberhavel bei I ö r s- e ld e kenterte mittags das mit fünf Personen besetzte Segelboot „Seebär". Die Insassen stürzten ins Wasser, konnten jedoch von einem patrouillierenden Boot des Reichswasserschutzes gerettet werden. Um 142 Uhr kenterte auf dem Tegeler See während einer Regatta das Segelboot„Ingo". Die Insassen, die zu er- trinken drohten, wurden von hinzueilenden Wassersportlern gerettet. Am Gemünd bei Pichelsdorf schlug ein mit zwei Personen be- setztes Paddelboot um. Auch hier war ein Boot des Reichswasser- schutzes so schnell zur Stelle, daß die mit den Wellen Kämpfenden herausgefischt werden konnten. Abends strandete bei P i ch e l s- dorf ein öegelboot, das von einer Welle hochgeschleudert und auf eine seichte Stelle geworfen wurde. Der Reichswasserschutz erschien auch hier im rechten Augenblick, um helfend einzugreifen. Auf den Gewässern der Spree waren keine Bootsunfälle zu ver- zeichnen. Zum großen Teil ist es der aufopferungsvollen Arbeit des Reichswasserschutzes zu verdanken, daß der gestrige Sturmsonn- tag nicht mehr Todesopfer gefordert hat. Feuer in einer Fleischwarenfabrik. Vermutlich infolge Blitzschlages entstand gestern nach- mittag gegen 3 Uhr in der Fleischwarenfabrik von Ofchinsky u. Flöricke in der Landsberger Alle 152 ein größeres Fabrikfeuer. Der Blitz hatte im Dachstuhl gezündet von wo sich das Feuer mit großer Schnelligkeit auf die im obersten Stock- wert befindlichen Fabritationsräume ausbreitete. Bei den Lösch- arbeiten wurden zwei Feuerwehrbeamte erheblich verletzt. Der Feuerwehrmann Steinbruck wurde bei den Aufräumungsarbeiten unter einer einstürzenden Mauer begraben. Er konnte bald befreit und nach Anlegung von Notverbänden in seine Wohnung gebracht werden. Einen merkwürdigen Unfall erlitt der Oberbrandmeister Marx: er wurde beim Betreten des Treppen- Hauses von einem großen Wachhund angefallen und erlitt eine nicht unerhebliche Verletzung am Bein. Das Feuer konnte bald gelöscht werden. Todesfahrt eines Droschkenchauffeurs. Auf der Berliner Chaussee fuhr gestern nacht der 42Iährige Chauffeur Richard Weidner aus der Mainzer Straße 7 mit seiner Kraftdroschke in der Nähe des Bahnhofs Tiergarten gegen die Pfeiler einer Schutzinsel. Der Kraft- wagen wurde vollständig zertrümmert. W. starb be- reits auf dem Transport in da» Moabiter Krankenhaus. Nach den bisherigen Feststellungen scheint er das Opfer eigener Auto- r a s e r e i geworden zu sein. Autounfall des Opernsängers Clewing. Bei G r o s se t o in Italien verunglückte der bekannte Berliner Kammersänger Professor Carl Clewing und Frau mit ihrem Automobil. Das Auto wurde von einem Zuge erfaßt und zer- trümmert. Clewing und Frau wurden schwer verletzt, wenn auch nicht lebensgefährlich. Der Chauffeur kam mit leichteren Ver- letzungen davon. Auf dem Loubengelände in der B e r l i n er Straße zu Oberschöneweide brach heute mittag gegen �12 Uhr in einer Wohnlaube Feuer aus. In kurzer Zeit standen sechs Wohn- l a u b e n in Flammen, die mit ihrem Inventar, Ställen usw. ver- nichtet wurden. Erdbebenkatastrophe im fernen Osten? Karlsruhe 23. Mai.(WTB.) Die Erdbebenwarte des Naturwissenschaftlichen Vereins im Geodätischen Institut der Tech- nischen Hochschule meldet: In der Nacht von Sonntag auf Montag registrierten die Seismographen ein außerordentlich starkes Erdbeben. Die ersten Wellen trafen um 23 Uhr 43 Minuaten 30 Sekunden in Karlsruhe ein, die zweiten Vorläufer erreichten um 23 Uhr 52 Minuten 7 Sekunden die Station. Die Oberflächenwellen waren so stark, daß die R« g i st r i e r v o r r i ch- tung der einen Komponente abgeworfen wurde. Die Apparate waren zwei Stunden in Bewegung. Der Herd de» Bebens liegt außerhalb Europas in einer Entfernung von nahezu 7000 Kilometer. Den Aufzeichnungen nach wird eine Katastrophe befürchtet.__ Sport. Rennen zu hoppegarlen am Sonntag, dem 22. Zttai. 1. Rennen. 1. Kredlgunde