Ar. 227. Erscheint täglich außer Montags. BveiS pränumerando: Viertel- lährlich 3,30 Marl, monatlich 1,10®!!., ivöchentlich 2S Psg. frei «n'S Haus. Einzelne Nummer s Pfg. Sonntags-Nummer mit illustr. Sonntags-Beilage„Neue Welt"ioPsg. Post-Zlbonnement: 3,30Mk. proQnartal. Unter Kreuz- band: Teutschland u. Oesterreich- Ungarn 2 Ml., für das übrige Ausland oMl.pr.Monat. Eingetr. in der Post-Zeitungs- Preisliste für 183° unter Nr. 713». 12. Jahrs. JnsertionS-Aebtthr beträgt für die fünsgespaltene Petitzetle oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Versa»»»l»»gs- Anzeige» 20 Pfg. Inserate für die nächste Nnminer müssen bis 4 Uhr Nachinittags t» der Erpedttio» abgegeben werde». Die Expedilio» ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn- und Festlagen bis 3 Uhr Vor- mittags geöffnet. Fernsprecher! Zimt l, Ur. 1508. Selegroiiiui» Adresse: ..Soiinldeiuostrat Kerliu!' Verliner VolKsvlalt. Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. ZLedaKtion: 8V.!9, ZZeutö»Strnße 2. Sonnabend, den 28. September 1893.| Erpeditio»: sv. lg. ZZeuth-Straße s. Zum Parteitag. Die zum Parteitag in Breslau gemahlten Delegirten, sowie die Kontrolleure und Neichstags-Abgeordneten, welche den Parteitag besuchen wollen, werden dringend ersucht, sich uingehend beim Lokalkomitee in Breslau anzumelden. Die Adresse des Komitees ist: Julius Bruhns, Breslau» Gabitzstr. 36, 1 Tr. Diese Anmeldungen sind nnbedingt nothwendig, da sonst das Komitee nicht in der Lage ist, für geeignete Wohnungen zu sorgen. Den Parteitagsbesuchern diene zur Notiznahme, daß sowohl am Sonnabend, den 5., wie Sonntag, den 6. Oktober auf allen Bahnhöfen Breslaus und zu allen Zügen Genossen zum Empfang der ankommenden Delegirten anwesend sein werden. Die Delegirten des Empfangskomitees tragen weißrothe Rosetten. Auf dem Zentralbahnhof(Oberschlesischer Bahnhof) werden sich die Mitglieder des Empfangskomitee's der Bahnsteig-Sperre halber nicht in der Perronhalle, sondern in der Bahuhoss-Halle vor dem mittleren Ausgangsportal aushalten. Die Delegirten werden sich von den resp. Bahnhöfen aus zunächst in das Empfangslokal„Hotel zum blauen Hirsch«. Ohlauer- straße 7, begeben, um dort ihre Quartierkarteu zc. entgegenzunehmen. Die Vorlagen und sonstigen Drucksachen für den Parteitag kommen im Laufe der nächsten Woche und zwar so rechtzeitig zur Versendung, daß die Delegirten sie noch in ihrem Wohnorte empfangen. Berlin. 27. September 1395. Der Parteivorstand. Von Guidde bis Mötzfchke. Der Parteitag der süddeutschen Volkspartei oder Deutschen Volkspartei, wie sie sich nennt, ist mit seiner Programmberathung fertig geworden. Alles ist glatt von statten gegangen. Ohne tiefgreifende Meinuugsunterschicde zu tage zu fördern, kamen die Beschlüsse zu stände. In den meisten Fällen laufen die an dem Konimissionsentwurf vorgenommenen Aenderungen auf eine schärfere Hervorkehrung des Gedankens sozialer Reformen hinaus. In einem Falle, und zwar keinem unwichtigen, hat dagegen die Betonung der sozialen Bestrebungen eine Abschwächung erfahren. Ve- trachtet man aber das neue Programm nach seinem Ge- sammteindrnck, so muß man, wie wir das bereits bei der Erörterung des Kommissions-Entivurfs ausgesprochen haben, zu dem Urtheil kommen, daß alles beim alten geblieben ist: Die bürgerliche Demokratie in Württemberg, wo besondere wirthschaftliche und politische Verhältnisse ihren Nährboden, das Kleinbürgcrthum nndKleinbaucrnthum, lebenskräftiger erhalten haben, rafftsich, unterstützt von verwandten Elementen in den Nachbarländern, zu einem letzten Widerstande gegen die zersetzenden Einstüsfe der proletarischen Bewegung einerseits, fNachdruck nerbolen. uus dorn NtdoureviltNuifiLzen Hiinkevloude. 51 An dem Telephon klingelt es. Er tritt an den Apparat, um zu hören, was es giebt. Eine bekannte Stimme, die des Herrn Juan Ramirez, seines zukünftigen Schwiegervaters, erzählt ihm, daß man soeben in einer geheimen Sitzung des Ätinistcriums beschlossen habe, den Goldhandel an der Börse gänzlich zu verbieten. Bei strenger Strafe. Man würde sogar die Börse schließen, wenn die Makler ungehorsam sein wollten. Ein vor- trefflicher Rath, entsprungen dem Gehirn eines ge- wiegten Ministers. Der Finanzminister ist es dieses Mal gewesen in eigener Person, nicht der Kriegsminifter oder Polizeiminister. Morgen schon werde das Gold fallen infolge dieser vernünftigen Maßregel. Ob er nicht noch in später Stunde Papiere kaufen wolle und Gold abstoßen. Das Gold müsse dadurch unbedingt hinuntergedrückt werden, vielleicht sogar auf 120. An pari sei aller- dings nicht zu denken. Er solle sich beeilen. Morgen wisse es bereits alle Welt und augenblicklich nur die Herren Minister und ihre Gevattern. Eine kluge Maßregel, nicht wahr, mein lieber Don German...* „Ja, eine durchaus verrückte... in der That...", sagt Winterfeld in das Telephon hinein,„übrigens vergessen Sie ganz, Don Juan, daß man die vernünftigen Maßregeln nicht durch das Telephon verbreiten darf. In der Zentral- station kann man jedes Gespräch hören, wenn man es will, und wenn jemand mit dem Haus Winterfeld, oder gar mit dem Chef in Person spricht giebt es gewiß Neugierige genug, die gerne hören mögen." der kapitalistischen Wirthschaft andererseits auf, indem sie ihrem Programm eine sozialistische Färbung zu geben sucht, ohne dessen Grundcharakter zu ändern. Dies Bestreben prägt sich auch in den Kommentaren aus, die dem neuen.Programm in der demokratischen Parteiprcsse auf den Weg gegeben wurden. Allseitig wurde betont, daß man sich scharf geschieden fühle von der Sozial- deniokratie, andererseits aber auch, ohne in deren „Utopistereien" zu verfallen, zur„Hebung" der arbeitenden Klassen das Möglichste thuN wolle. Eine Zuschrift aus Süd- deutschland in einem hiesigen Blatte drückt das so aus, daß in dem neuen Programm der Volkspartei „ein wirklicher und herzhafter Bruch mit dem schrankenlosen Individualismus sich vollzogen hat. Nicht um einzelne gesetzgeberische Flicken und Lappen, die auf den sozialen Körper gesetzt werden sollen, handelt es sich, es muß ganze Arbeit gemacht werden. Das Interesse des Einzelnen muß sich unterordnen der sozialen Wohlfahrt der Allgemeinheit, gerade so wie das Recht des Individuums beschränkt wird durch dasjenige der Allgemeinheit. Das wäre einfach sozialdemokratisch, hören wir ängstliche Leute ein- wenden. Nichts weniger als das. Denn damit ist noch kein kommunistisches Glaubensbekenutniß ausgesprochen, nicht einmal der Satz aufgestellt, daß die Produktionsmittel der Allgemeinheit gehören müssen. Es ist dieser Standpunkt vielmehr gleich weit entfernt vom sozialdemokratischen wie vom m a n ch e st e r l i ch- k a p i t a l i st i s ch e n. Es ist der Standpunkt derjenigen, die die Ueberzengung gewonnen haben, daß, wie der schrankenlose Jndimdualisinns den Völkern zum Unsegen gereicht hat, auch der schrankenlose Sozialismus unheilvoll wirken muß, daß das Heil vielmehr in der Mitte liegt. Mag man diese Ansicht bekämpfen, wir sagen doch, derjenigen Weltanschauung gehört die Zukunft, die Einzel- freiheit und Gesamintwohlfahrt harmonisch zu verbinden weiß und nicht die eine auf Kosten der anderen unterdrückt.« Mit dem letzten Satze aber auch nur mit diesem Theile des volksparteilichen Nechtsertigungsversnches können auch wir uns einverstanden erklären. Auch wir glauben, daß „derjenigen Weltanschauung die Zukunft gehört, die Einzel- freiheit und Gcsammtwohlfahrt harmonisch zu verbinden weiß«. Wir sind aber überzeugt, daß diese erlösende „Wcltanschannng" nur die sozialistische sein kann, jedes Klassengegensatzes Todfeindin, nicht aber die kapitalistische, die Nährmutter aller Klassenunterschiede und der Klassen- Herrschaft. Charakteristisch für die Denkverschwommenheit dieser sicher wohlmeinenden bürgerlichen Demokraten und ihrer Gesinnungsgenossen ist es, daß sie glauben, zwischen zwei so diametral.entgegengesetzten sozialen Prinzipien, die sie selber als Weltanschauungen charaklerisiren, die gemüth- liche„goldene Mitlelstraße« einschlagen zu können. Was sie Mittelweg nennen, ist allenfalls gemilderter Kapitalis- mus, aber Kapitalismus imnierhin. Dieses ängstliche Bemühen, wenigstens den Schein einer Arbeiterpartei zu retten, da sie doch zur Sache sich nicht verstehen kann, ist indcß das interessanteste an der vollzogenen Programm- Verschönerung der Volkspartei. Es trat auch hierin wieder die Wirkung der fortschreitenden sozialistischen Endosmose, der Einsickerung sozialistischer „Ja so," sagt Herr Ramirez zurück,„Sie haben wirk- lich recht. Wenn Sie zu Hause bleiben, komme ich lieber auf einen Augenblick in Person zu Ihnen." Und erschließt die Verbindung. Herr Winterfeld setzt seinen Spaziergang in seiner Stube fort. Er kommt auf wunderliche Pläne und Gedanken. Bei so großen Ereignissen sind auch die Gedanken immer groß oder sehr, sehr klein. Er denkt über vielerlei, über einen letzten großen Schlag, einen Meisterschlag. Er will noch einmal wagen, viel wagen, alles wagen, alles wagen was er besitzt. Solche Zeiten sind verführerisch. Wenn die Valuta steigt und fällt loie die Springfluth, kann man mit ihr hoch kommen, sehr hoch; aber auch tief fallen. Wenn man genau abpaßt, daß man aus die Spitze konimt, dann wird man weithin ins Land getragen und' bleibt vergnügt im Trockenen sitzen. Wer es verfehlt, kann aber nicht mehr zum Vor- schein kommen, und den fressen dann die Fische auf deni Grunde des Meeres. crr Ramirez kam nach einer Weile und entschuldigte sich, daß er so unvorsichtig gewesen und durchs Telephon eine so wichtige Angelegenheit besprochen habe. „Thut nichts," sagte Herr Winterfeld,„mögen sie es auch alle wissen..." „Also glauben Sie nicht, daß das Gold fallen wird danach.. „Nein, durchaus nicht..." „Aber alle Welt meint, daß die Sache nur vorüber- gehend sein kann, und Sie glauben das nicht.. „Nein, es wird steigen..." und dann fügte er das- selbe hinzu, was fast im nämlichen Augenblick sein Kollege, der Dr. Fernandez, in dem fernen Asuncion sagte, nämlich: „Es ist zu sehr geschwindelt worden." Ideen in bürgerliche Parteien zu Tage. Mehr äußerte sich das aber an einzelnen Individuen als an der Gesammtpartei. Fttrdie Haltung der Gesammtpartei war es charakteristisch, daß die Generalversammlung dem freisinnig-demokratischen Rechts- anwalt Muser aus Baden zustimmte, den von Jacoby stammen- den Ausdruck„Befreiung der Arbeiterklasse" in„Hebung der Arbeiterklasse" zu verwässern. Da das deutsche Pro- letariat längst das Werk seiner Befreiung in die eigene Hand genommen hat, braucht es sich nicht „heben" zu lassen und sei es auch durch einen Muser'schen Börbaum. Diese volksparteiliche Bereitwillig- kcit schmeckt zu sehr nach Suppenküchen- und Traktätchen- Politik. Die weitcrblickcndeu Elemente der Partei haben denn auch eingesehen, daß damit ein böser Klecks auf das schön- geschriebene Programmkonzept gemacht wurde. Sie hätten gerne eindrucksvolleres als die badisch-württembergische Advokatenkotcrie mit ihrer kleinbürgerlichen Gefolgschaft geschaffen. So versuchen sie denn jetzt wenigstens den schönen Schein zu retten und versichern in den ihnen zu- gänglichcn Organen, daß die Volkspartei eine wirklich „soziale Demokratie" sei, beileibe allerdings keine Sozial- Demokratie. Dieses Spiel mit Worten ist charakteristisch für die bürgerlichen Ideologen, die allmälig durch die Erkenntniß vom Nahen der Weltwende überwältigt werden. Genau der nämliche Ton wie aus den Kundgebungen der volks- parteilichen Ideologen schallt aus einem ganz anderen Lager herüber. Wie der demokratische Professor Quidde in München kündigt auch der christlich-soziale Prediger Hermann Kötzschke an, daß er und die Seinen die Sozialdemokratie übertrumpfen würden. In einem„offenen Brief an den Abg. Frhrn. v. Stumm und Gen.", in dem er den Frank- furter Pastor Naumann und dessen„Hilfe" gegen König Stumm vertheidigt, sagt Kötzschke: „Wir Christlich-Sozialen sind an einem Wendepunkte an- gekommen. Wir stehen jetzt auf dem Punkle, eine reine Arbeiterpartei zu werden, die die Interessen der Arbeiter mit derselben Unerschrockenheit vertritt wie die Sozialdemokratie. Wir werden ans Schleppenträgern der Herren„von Bildung und Besitz" zu ihren Gegnern. Ja, wir werden bald schlimmere Gegner sein, als die Sozialdemokraten." Das sind schöne Worte, tapfere Worte! Aber Herr Kötzschke überschätzt die Wackern, an die er sich wendet, wie Herr Quidde und seine Freunde ihre Parteigenossen. Sie lausen umher am Gestade eines reißenden Stromes und winken und schreien ihren Freunden zu, ihnen zu folgen, um am jenseitigen Ufer in den Kampf sich zu stürzen für die Befreiung des Menschengeschlechts. Hin und wieder, ivcnn er sieht, daß seine Worte wirkungslos verhallen, wirft ihrer einer sich hinein in die Fluth und schwimmt hinüber, um die Schaaren des kämpfenden Proletariats zu verstärken, aber allein. Seine früheren Gesinnungsgenossen bleiben zurück, ziehen sich die Mützen über die Ohren, stecken die ände in die Taschen und schleichen sich dahin, wo ihnen die äpitalistischen Fleischtöpfe winken unter der fürsorgcnden illvertreter E Obhut der„Stet ! Gottes auf Erden." Er rief sodann einen Beamten herauf und sprach lauge und leise mit ihm. Es war derselbe, der unten gesagt hatte, daß das Gold auf 400 steigen würde. Der Mann sah seinen Chef mit betroffener und ängstlicher Miene an. „Thun Sie genau daS, was Sie hören," sagte Winterfeld am Schluß zu ihm,„und machen Sie alles mobil..." Der Mann ging, und wer ihn genau beobachtete, hätte bemerken müssen, daß er ein ganz klein wenig mit dem Kopfe schüttelte. „Also Sie glauben, daß die Sache so weiter geht," sagte Herr Ramirez, als er draußen war. Herr Winterfeld setzte sich auf einen Sessel, faltete die Hände über seinen Leib und streckte bequem seine Beine aus. „Ja," sagte er,„Argentinien wird bankrott gehen und noch einige andere Staaten hier herum..." „Und Sie... was thun Sie in der Lage.. „Ich habe eben dem Geranten den Auftrag gegeben, mein ganzes Kapital mobil zu machen und Papier zu kaufen..." Herr Ramirez sprang auf, wie von einer Tarantel gestochen. „Papiere verkaufen, wollen Sie sagen..." „Nein... nein... kaufen..." „Aber Sie sagten doch in diesem nämlichen Augen- blick..." „Halt...", entgegnete Winterfeld mit leuchtenden Augen,„nur der ist ein Mann, der eine solche Situation genau bcurtheilen kann und sie zur geeigneten Zeit wahrnimmt. Allerdings wird ein Orkan kommen, der alles wegfegen wird ohne Barmherzigkeit.... allen Schwindel... alles... der Bankrott der Privatleute wird kommen und der des Staates... er ist im Beginnen Dir LÄtifundien und die «rbritev in Süditnlien. Rom, 26. September. In den sizilischen Unruhen sind zur Zeit als Hauptniotive die mit der Gemeindeverwaltung zusammeuhängeuden Uebel- stände hervorgetreten, also die zum theil als Betrug zu be- zeichnende Abwälzung der Gemeiuvesteuerlast von de» Schultern der Besitzenden auf die der Nichlbesitzenden und die Usurpation der Gcmeindeländereien seitens der crsteren unter Ausschluß der letzterem Aber auch der dritte und wohl beträchtlichste Schaden der wirthschaftlichen Verhältnisse Siziliens, der Latifnudienbesitz des sizilischen iildels, hat zu den sizilischen Unruhen hier und dort schon den Anlaß gegeben. Tie sizilischen Latifundien umfassen den größten Theil des Bodens der Insel; besonders sind sie in deren Westhälste die durchaus vorherrschende Besitzfori». Eine eigentliche Verpachtung zum BeHufe des Betriebes findet nicht statt; nur aus je ein Jahr wird die Arbeit auf den einzelne» Gcbictslheilcn an die sich dazu meldenden Arbeiter vcr- geben. Die Kontrakt- Bedingungen, unter denen dies geschieht, würden selbst dann, wenn sie wirklich zur Änsfnhrnug gelangten, außergewöhnlich ungünstige sein. In Toecana herrscht das System der sogenannten Halbpacht, bei welcher der Pächter die Hälfte des Ertrages bekommt; schon unter dieser Bedingung kann er sich, in anbetracht der Höhe der Staatssteuern, nur mit Mühe halten. In Sizilien dagegen und dem benachbarten Calabrien erhält der Arbeiter, ohne jede Garantie für«ine abermalige Uebertragung der Arbeit im nächsten Jahre, nur den dritten Theil des Ertrages, und auch diesen nur dem Namen nach. In der That wird von dem Ge- saunutertrag der Hufe, der sich durchschnittlich auf 41 Hekto- liier Weizen beläuft, bevor es noch zur Theilung zwischen dem Grundbesitzer und dem Arbeiter kommt, eine so unglaubliche Anzahl von Abzügen aller Art gemacht, daß der zu vertheilende Ertrag sich von 41 Hektolitern ans lOV» Hektoliter beschränkt. Ter Antheil des Arbeiters, der nach dem Wortlaut des Kontrakts I3Vs Hektoliter betragen müßte, rednzirt sich also auf etwa 3'/s Hektoliter, also nicht wehr aus Vs, sondern aus>/g des Er- träges. Der Grund dieser Abzüge liegt vorzüglich in der großen Anzahl von Zwischenpersonen, welchen die Vermiltelung zwischen dem Besitzer und dem Arbeiter überlassen ivird. Der Grund- besitzer, der seine Güter kaum zu Gesicht bekommt, hält einen Agenten zur Erhebung seiner Antheile, dieser Agent hält sich wieder zahlreiche Unteragenten u. s. f. Alle diese Pachtemtreiber machen zugleich Wuchergeschäfte mit den Arbeiter». Dieses System der Pachtcrhebung kann kaum auffalle» in einem Staate, welcher, wie dies in Italien geschieht, nicht einmal seine eigenen Slaalssleuern durch eigene Behörden erhebt, sonder» die Steuer- erhebung au Privatunternehmer verpachtet. Aber daß der Arbeiter durch dieses Systeni bis an die Grenze der Arbeits- Unfähigkeit ausyehungerl wird, ist nicht weniger begreiflich. Wie es die Staatsregierung ist, an der die Gemeinde- oligarchien ihren Rückhalt finden, weil von ihnen die Wahl der Parlaments- Abgeordneten und folglich der Bestand der ministeriellen Parlamentsmehrheit abhängt, so ist es auch die Staatsregieruug, welche wegen des Einflusses der Großgrund- Besitzer auf die Wahlen an die Mißivirlhschaft des Latifnndicn- besitzes nicht Hand zu legen wagt; hat doch Herr Crispi einen ihm von seinem Kollege» Sonnino ausgearbeiteten Gesetzentwurf über die Einführung des Klcinpachtsystcms auf den sizilischen Latifundien sogleich zurückgezogen, als in, Parlament die Groß- grundbesitzer sich dagegen erklärten. In der That würde es aber auch der Ziegierungshilfe für Sizilien gar nicht bedürfen. Man ziehe blos für einige Wochen die Truppen aus der Insel zurück und alle die schweren sizilischen Fragen werden sich rasch und obendrein friedlich erledige». Bor der Verhängung des Be- lagerungszustandes hatte eine Anzahl von Großgrundbesitzern im sogenannten Vertrag von Corleone(Ort bei Palermo) die Forde« runge» der Arbeitervereine bezüglich der Abänderung der länd- lichen Kontraktverhältniffe förmlich und feierlich angenommen; als dann Crispi zwei Armeekorps nach der Insel schickte, sagten sich die Großgrundbesitzer von dem geschlossenen Vertrage wieder los! ... heute kam der erste Windstoß... Sie haben wohl noch keinen Sturm auf dem Meere durchgemacht, Don Juan.. „Gott sei gedankt, nein..." „Darum... sonst mußten Sie wissen, daß jedem Sturnie eine Sturmwarnung und dann eine Zeit beinahe absoluter Ruhe vorhergeht. Danach bricht erst der Sturm mit seiner ganzen Gewalt los. Wir befinden uns jetzt im Stadium der Sturuiwarnnng. Es gilt jetzt, die Zeit der Windstille zu benutzen... dann kommt man sicher hinein mit der ganzen Ladung... vor dem großen Krach wird das Gold ans kurze Zeit beträchtlich fallen... was dann später geschieht, soll mich nichts kümmern... Heute kaufe ich Papier, um in der Windstille zu verkaufen." Herr Ramirez dachte ein wenig nach. „Ist das Ihre eigene Theorie?" sagte er dann. „Ja, ich habe sie ans mir selber; aber vernünftige Lente theilen sie. Sehen Sie das geheime Telegramm, das ich von Gebrüder Baring aus London bekomnien habe... es ist schon übertragen... ich mache es nicht so, als wenn Sie durch das Telephon sprechen... Baring spekuliren wie ich..." „Und ivenn das Haus Baring fällt..." Herr Winterfeld lachte darauf ein ganz klein wenig. „Eine Dynastie von Börsenkönige», die ganz Süd- amerika so kennen wie ihre eigene flache Hand.... Sie werden sich auch zurückziehen zur rechten Zeit... inner- halb eines halben Jahres nach meiner Rechnung.. „Das wird allerdings ein ungeheures Aufsehen er- regen," sagte Juan Ramirez nachdenklich,„wenn trotz der 200 Baring und das Hans Winterfeld ans Fallen des Goldes spekuliren... es wird einen großen, sehr großen Eindruck machen..." „Ja sicher mehr als die verrückte Maßregel des Finanz- Ministers, den Goldhandel an der Börse betreffend. Das heißt Oel in das Feuer gießen. Hätte mau mich vorher gefragt, ich hätte es ihni ausgeredet... ich gedenke aber mit nieiner privaten Spekulation die Angelegenheit mehr zu beeinflusse», als er mit seiner offiziellen... und danach, Don Juan, liquidire ich." „Sie wollen Ihr ganzes Geschäft aufgeben..." „Jawohl... ich bin es müde... müde, Don Juan ... ich bin von Hause aus ja eigentlich kein Geschäfts- mann geivesen... Sie wissen nicht, daß ein preußischer Lieutenant in Geldsache» das reine Kind ist... und es hat mich wahrhaftig viel gekostet, aus dieser Kinderei herauszukönnen... viel Nerven habe ich dran gegeben, viel Ruhe... und eigentlich auch viel von dem was man ein gutes Gewissen nennt; auch ein gutes Stück, nun früher nannte ich es vor mir selber Ehre... durch alles das bin ich sehr allmälig hart geworden und ein guter Geschäfts- mann... andere die dazu anerzogen werden oder mit solchen Talenten auf die Welt kommen, haben es leichter, als ich es gehabt habe. Ich habe viel dabei gelitten. Die Jahre als Feldmesser und politische Tlebeelichk. Berlin, 27. September. Tie Cuiser Depesche. Gegenüber den hartnäckigen, theils freiwilligen, theils unfreiwil-igen Versuchen, von Fürst Bismarck wider dessen Willen die Schuld der Fälschung der Emser Tcpesche abwälzen zu wollen, wiederholen wir ein- fach Fürst Bismarck's eigene Worte, die im Oktober 1892 in der„Zukunft" veröffentlicht wurden. Sie lauten: „Es ist so leichl, ohne Fälschung, nur durch Weg- lassungcn und Striche den Sinn einer Rede vollkommen zu ändern. Ich habe mich selbst einmal in diese in Fache versucht, als Redakteur der Emser Depesche, mit der die Sozialdemokraten seit 20 Jahren krebsen gehen. Der König schickte sie mir mit der Weisung, sie ganz oder nur lheiliveise zu veröffentlichen, und als ich sie mir durch Striche und Zusammenziehungen r e d u z i r t halte, rief M o l t k e, der bei mir mar, aus: Vor- hin war's eine C h a m a d e. jetzt ist's eine F a n f a r e." Ein rückhaltloseres Gcständniß der Fälschung läßt sich nicht denken. Und eine Vergleichung des Redaktions- Produkts mit dem Originaltext beweist urkundlich die Richtigkeit des Geständnisses. Daß der Krieg auch ohne die Fälschung hätte kommen können, ist möglich, aber bloße V e r m u t h u n g. Daß der Krieg durch die Fälschung u n v e r m e i d l i ch gemacht wurde, ist T h a t s a ch e. Und daß Fürst Bismarck ihn durch die Fälschung nn- vermeidlich machen wollte, liegt in seinem Gcständniß. Daß die französische Regierung, als Fürst Bismarck die Emser Depesche fälschte, an Krieg nicht dachte, ist durch die Thatsache bewiesen, daß Frankreich ans den 5krieg nicht vorbereitet war. Wer es aber billigt, daß auf die bloße B e r»in t h n n g hin, ein fremder Staat beabsichtige den Krieg, seinerseits durch ein Verbrechen den Krieg gegen diesen" Staat vom Zaun bricht, sanktionirt damit die blutigsten Verbrechen der Erobercr-Politik.— Das Blümchen Rnhrulichuichtan macht denen um Hammcrstcin's-- Steckbrief arge Kopfschmerzen. Auf unsere ausführliche Wiedergabe der Wiener Aeußernngeu Bcbcl's über Sozialismus und Militarismus schreibt die „Konservative Korrespondenz"— und die vcrivittwcte „Kreuz-Zcitnng" druckt es nach—: Es ist klar, daß es unmöglich ist. jenen(der Wiener Arb- Zeitung" entnommenen) Bericht zu kontrolliren. Wäre wirklich seinerzeit im„Vorwärts" die Bebel'sche Rede unrichtig wieder- gegegeben worden, so hätte doch von einer Seite eine Richligstellimg erfolgen müssen, um so mehr, als nach dem angeblich stenographischen Berichte Herr Bebel gerade das Gegen- lheil von dem. gesagt haben soll, was der„Vorwärts" sogar mit gesperrtem Drucke geschrieben halte. Auch hat Herr Bebel selber in dieser gewiß recht wichtigen Sache noch nicht das Wort er- griffen. Er mag erklären, was von den beiden Angaben richtig ist; bis dahin ist jedenfalls die Lesart des „Vorwärts" als die allein maßgebende zu betrachten. Uebrigens liegt uns auch eine ganz ähnliche Aeußernng des Herrn Liebknecht vor. Dieser„Genosse" gab ans dem Züricher Sozialistenkongresse am 10. August 1693 die folgende Erklärung ab:„Ist der M i l i t ä r st r e i k erst ausführbar, dann hat auch die Stunde des Kapitalismus geschlagen. So weit sind wir aber heute noch nicht. Die schwerste Arbeit liegt noch vor uns, und die besteht nicht in kindischer Kasernen- Verschwörung, sondern in unermüdlicher sozialistischer Agitation; diese lähmt den Moloch. Man sorge dafür, daß immer mehr sozialistische Rekruten in die eere eintreten, dann wird auch das natürliche Ende des ilitarisinus beschleunigt werden." Steht das etwa jetzt nach- träglich auch im„stenographischen" Berichte anders? So die„Konservative Korrespondenz". Advokat in Paraguay zählen eigentlich doppelt... die Jahre der Spekulation in Buenos Aires zählen fünf- fach... Ich will ja heirathen... Ihre liebenswürdige Tochter sogar, wie Sie wissen. Finden Sie nicht auch, daß man Ruhe haben muß, um ein guter Familienvater zu sein... ich sehne mich nach einem ruhigen Flecken, auf dem ich sitzen kann... Jrgendivo... und wo ich nicht immer in den Ohren zu haben brauche das schreckliche... Silber... Gold..." „Also Sie wollen liquidiren darauf... Schade eigent- lich... doch mir kann es recht sein... habe ja nur die eine Tochter, und die wird ebenso gut leben mit Ihnen, ivenn Sie als Privatmann in Paris oder sonstwo leben wollen, als wenn Sie in Buenos Aires an der Börse spekuliren." Und Sie haben alles riskirt...?" „Alles ans einer Karte..." „Außer dem Golde in Paraguay..." „Ich müßte ein schlechter Geschäftsmann sein, wenn ich Gold ohne Zins liegen lassen sollte, wie die Gauchos, die ihr Geld jetzt vergraben in der Erde. Augenblicklich existirt der Schatz des Lopez in doppelter Form. Sein greifbarer behäbiger Körper liegt begraben in dem Geldschranke des Arroyo Tacuaras ans meinem Kanip Cerro Tcsgracias; aber zu gleicher Zeit geht seine Seele umher wie ein ruhe- loser Geist in Gestalt einer Menge gestempelter Papiere, die alle das Endosso German Winterfeld tragen..." Herr Ramirez erhob sich um zu gehen. Er beab- sichtigte ebenso zu spekuliren, wie sein Schwiegersohn. „Grüßen Sie Juanita bestens," fagte Winterfeld, „wenn die ganze aufregende Geschichte einmal vorüber ist, wollen wir heirathen und uns irgendwo ein bueu reriro suchen..." „Das buen retiro wird nur Paris sein," sagte Herr Ramirez in der Thüre stehend,„ich kenne meine Tochter. Sie ist eine Vvllblnt-Portena, wenn sie auch in der letzten Zeit so blasirt zn thun beliebt, wenn von Paris gesprochen wird..." „Meinethalben also Paris... Auf Wiedersehen.. Herr Winterfeld blieb in seinem Stuhl sitzen, ohne sich bei der Verabschiedung zu erheben.� Sein Schwiegervater hatte es ans einmal sehr eilig, sodaß er davonschoß, ohne Ton German die Hand zu reichen, und dieser fühlte eine eigenthümlichc Lässigkeit, die ihn in seinem Sessel festhielt. Er streckte sich sogar noch länger aus, legte seinen Kopf hintenüber und schloß seine Augen, nicht um zn schlafen, sondern um zu träumen von allerlei, wie man eben zu träumen pflegt, wenn man wacht, und die Beute einer Menge Ungewisser und nicht zum Bewußtsein gekommener Empfindungen ist. Man sieht sein Leben hinter den Augenlidern wie phantastische schattenhafte Bilder; aber dabei so deutlich, daß man versucht ist, sie zu greifen; doch sie verschwimmen immer, wenn man das will, und ein neues schiebt sich wie beim Spiel einer Zauberlaterne in ein altes hinein. (Fortsetzung folgt.) Nun, Bebel wird gar nichts erklären, denn er hat nichts zu erklären, sintemalen zwischen dem Berichte des „Vorwärts" und dem stenographischen Bericht kein Wider- sprnch besteht, sondern nur ein Unterschied der Ausdehnung. Und Liebknecht hat auch nichts zu erklären. Er hat gesagt, was die„Konservative Korrespondenz" zitirt. Ist es etwa nicht richtig?— Das Geheimnis des Cuniberlattd-Lärins, den wir gestern besprachen, ist jetzt aus dem Sack. Tie„Kölnische Zeitung" bringt einen heftig-patriotischen Artikel gegen den „nndcntschen" Thronerben von Braunschweig und erklärt pathetisch,„es s e i n i ch t d a s mindeste Anzeichen zu entdecken, das darauf hindeute, daß Preußen gewillt sei, den b r a u u s ch w e i g i s ch c n Thron den Welsen a u s z u l i e f e r n." Also für eine neue Annexion wird agitirt. Sehr schön! Aber wie verhält es sich niit dem„göttlichen Recht" der Fürsten, das dem Herzog von Cnmber- land zur Seite steht, und das für Brannschweig nicht durch das K r i e g s r e ch t„umgestürzt" ist, wie es mit bezng auf Hannover der Fall war? Um Antwort wird gebeten. Einstweilen machen wir die Umsturzgesetzler ans diese neuesten U m st u r z b e st r e b u n g c n aufmerksam.— Tie weitere Verkiiiiiiiiernng des Bersaniullnugs- rechts ist bekanntlich einer der Hauptpläne der Reaktion. In Preußen soll es versucht werden, da im Reichstage die Zlnssichten dafür weniger günstig sind. Dem gegenüber ist es der Verzeichnung wcrth, daß selbst ans den Reihen der sozialistcnfeindlichen Mittelparteien das Zugcständniß er- folgt, daß unser heutiges Versammlungsrecht bereits un- erträglich qnälerisch ist.So gesteht der freikonservative Professor Delbrück im Oktobcrhest der„Preußischen Jahrbücher" in einem Artikel über„Das wahre und falsche Kartell" ein, daß es Gebiete des sozialen Lebens giebt, auf denen Teutschland im Vergleich zu allen Knlturnationen rückständig ist, und wo daher die Arbeiterklasse mit ihren Forderungen ein sonnenklares Recht habe. „Da sind die künstlichen C h i k a n e n, nüt denen ohne den geringsten Nutzen das V e r e i n s- u n d V e r s a m m l u n g s- recht eingeengt ist. Tie Thorheiten der Polizei sorgen dafür, daß das Bennißtsein dieser Freiheitsbeschränkung unausgesetzt in den Arbeitern wachgehalten und ihnen wie ein Dorn ins Fleisch gedrückt wird. Sie einfinden die Fessel nin so mehr, als sie auch verhindert werden in ihren Privatangelegenheiten, ihren Lohn- oder sonstigen Forderungen, ihren Arbeitgebern gegenüber ihre Sache mit voller Kraft zu vertreten. Ter Staat, der doch gerecht und unparteiisch sein soll gegen alle seine Bürger, tritt hier geradezu als Bundes- genösse der einen Klaffe gegen die andere auf. Es gehört wahr- lich nicht viel Menschcnkenntuiß dazn, um zu verstehen, daß ein Arbeiter, dem das klar geworden ist, sehr bald bereit ist, sich einreden z» lassen, die Unternehmer seien überhaupt nichts als Ausbeuter." Dieser weiße Rabe wird schon von seinen freikonscrva- tiven Fraktiousgcnossen gehörig zerhackt werden. In den von ihm gegeißelten„Chikanen" erblicken jene Staats- Männer gerade die besten Mittel zur Staatsretterei. In recht milde», Tone kanzelt die„Krenz-Zcitung" den Pfarrer N a u m a n n wegen seiner sozialistischen Be- strcbnngcn ab. Früher war's anders; was hätte der christlich- soziale Geistliche von dem sittlich entrüsteten Hammerstein zn hören bekommen! Die„Kreuz- Zeitung" meint, daß solche unchristtiche Unbotmäßigkeit eigentlich nur in den kühn liberalisirenden Theologen gedeihen könne, trotzdem Naumann selber orthodox sei. Dabei versteigt das Blatt sich zn folgender tiessinnigen Betrachtung: „Auch die Sozialdemokratie scheint in dieser Hinsicht, rein theoretisch genommen, den strengsten Gegensatz gegen den kapitalistischen Liberalismus darzustellen, und doch wächst die beiderseitige Weltanschauung aus derselben Wurzel, der eines Materialismus, welcher nur ein„Diesseits" kennt und den Dingen der Erde deshalb naturgemäß eine Bedeutung beilegt, wie sie ihnen vom überweltlichen Standpunkte in tbesi niemals zuerkannt werden kann................... Als sie soweit sich mit frommem Augenaufschlag hindurchmoralisirt hatte, fiel der alten Kreuzspinne mit einem Male der Hammerstein ein und da setzte sie dann, die Augen niederschlagend, mit gedänipfter Stimme hinzu: ..................... wenn sich dies auch mit der praktischen Handlungsweise des einzelnen nicht immer deckt." Tem Hofpredigcv a. D. zahlreiche Unrichtigkeiten in seiner Darstellung der Waldersce-Vcrsammlnng und ihrer Folgen nachzuweisen, bemüht sich die„Voss. Ztg.". Die Ansstthrnngen, die in ihren Einzelheiten für unsere Leser kein Interesse haben, gipfeln in der Versicherung: Nach diesen Thatsachen fällt denn auch die weitere Stöcker'sche Behauptung in sich zusammen:„Nie hat die Stadtmisfion von sich aus einen Schritt gethan, um sich an die Güte des prinzlichen Paares heranzudrängen. Alle Anregungen u n d A u f- forder ungen ohne Ausnahme gingen vom H o fe ans." Nein, nicht„vom Hose" gingen sie ans. sondern von dem ehe- maligen Hofprediger, der seine Stellung für seine ehr- geizigen Zwecke zn mißbrauchen wußte. Daß dem armen Schelm nun auch dieser nachträgliche Versuch vereitelt wird, sich an dem Erinnernngsabglauze höfischer Gunst zu sonnen und damit zu brüsten, ist eigent- lich grausam.„Keiu größerer Schmerz, als im Elend sich glücklicherer Zeiten erinnern", führt Tante als Ausspruch eines Höllenbewohners an.— Tie italienischen September-Feste sind nun zu Ende— und nur der Katzenjanuner blieb übrig. Wozu der ganze Lärm? So fragen jetzt Hundert- tausende, die den Spektakel mitgemacht. Niid die Antwort: Zirknsspiele— Komödie. Ob gut gespielte Komödie— ob schlecht gespielte Komödie— das mögen die 5kon>ödianten unter sich ausmachen. Eins aber steht fest— das wird von unseren Berichterstattern in Uebereiu- stimmung mit den Berichterstatlern bürgerlicher Blätter, z. B. der„Frankfurter Zeitung", festgestellt— die Haupt- fache hat bei der Komödie gefehlt: das Volk. Das Volk stand abseiten— es war ein Hoffest, es war ein offizielles Fest, es war ein glänzendes Fest, alles, nur kein Volksfest.— * Deutsches Reich. — Zur Ausweisung Steiner's aus dem Bremischen Staatsgebiete behauptet der„Hannoversche Courier", aus dem Lloyd nahestehenden Kreisen erfahren zu haben, daß der Nord- deutsche Lloyd mit dieser Ausweisung nicht das geringste zu thun gehabt hat. Nun, die Kanäle, die von einer wirthschaftlichen Macht nach der Staatsverwaltung binüberlausen, pflegen nie so zu tage zu liegen, daß alle„nahestehenden Kreise" bemerken, was da hm- durchsickert.— — D i e klerikale. Fr a nk e n st e i n- M ü n st e r- berget Zeitung" wurde wegen Majestätsbeleidi- g u n g beschlagnahmt. — Sozialistengesetz oder nicht? Auch die „Nationalliberale Korrespondenz" versichert jetzt, daß an der be- haupteten Absicht der Nationalliberale», ein Sozialistengesetz ein- z bringen,„kein wahres Wort" sei. Herr Böttcher hat wohl ein Haar in der Betheiligung an der Umsturzgesetzinacherei ge- funden? Kiel, LS. September.(Eigener Bericht.) Veraltete Kriegsschisfe. Ter Mariue-Elat, der gleich demjenigen des Landheeres von Jahr zu Jahr anwächst, durfte in den nächsten Jahren einen ganz bedeutenden Umfang annehmen, da nach Be- endigung des japanisch-chinesischen Krieges sich heransgestellt hat, daß nicht eine einzige Marine der Welt den kriegstechnischen An- sprächen noch genügt. Mit Schrecken nahmen die während des letzten Seekrieges in den chinesischen Gewässern anwesenden enropnischen Seeoffiziere die Wirkungen der neuesten Geschosse auf den zum theil allen Anforderungen der Neuzeit entsprechenden chinesischen und japanischen Kriegsschiffen wahr. Allgemein wird des- halb jetzt die Beseitigung sämmtlichen Holzes von den Kriegs- schiffen gefordert. Es hat sich herausgestellt, daß ein einschlagendes Geschoß dem Schiffskörper da am wenigsten schadet, ,vo es nur Eisentheile berührt, während Holz zersplittert und große Verheerungen anzurichten im stände ist. Da nun bei säinmtliche» Kriegsschiffe», obgleich das Gerippe derselben von Eisen ist, noch vielfach Holz als Deckbeleg, Bekleidung von Wänden und dergl. verwendet wird, so ist es nur eine Frage der Zeil, daß das Holz dem Eisen oder sonst einem Metall platzmachcn muß. Hierdurch erwächst nicht nur ein bedeutender, nach Millionen zählender Kostenaufwand, sondern die so den modernen Verhältnissen angepaßten Schiffe werden sür die Besatzungen auch äußerst ungesund, da die sich einstellende Nässe nur schwer abzuhalten ist. Letzteren Uebclstaud sucht man dadurch z« begegnen, daß nian die Decks- böden mit Linoleum belegt. Wände und Decken dagegen mit einer Masse, dessen Hauptbestandtheil gemahlener Kork ist, bestreicht, doch genügen alle diese Vorrichtungen nicht, den dauernden Ans- enthalt auf so einem sogenannten„Blechkasten" gesnndheits- unschädlich zu machen! Gegenwärtig wird das seiner Vollendung entgegengehende Panzerschiff 4. Klasse A e g i r derartig ausgerüstet, ein Beweis, daß es der deutschen Marineverwaltnng ernst ist mit der hier angedeuteten Reform. Eine fernere, viele Millionen kostende Neueinrichtung auf Kriegsschiffen ist die Massulseuerung. Schon seit geraumer Zeit ist es als ein Uebelstand bezeichnet worden, daß die modernsten Panzerschiffe nicht mehr als sür vier, höchstens fünf Tage Kohlenvorralh nehmen können, wen» Hintereinauder an die Kessel die höchsten Anforderungen gestellt werden. Durch die Masjutfeuerung(Rohpetroleum oder Braun- kohlentheer) soll der Heizmittelvorrath auf die anderthalbfache bis doppelte Zeit ausgedehnt werden können. Zu diesem Zweck müssen die vorhandenen Kohlenbunkers in Tains umgebaut werden, aus welchen alsdann die Flüssigkeit in einem Röhrcnnetz unter die Kessel geleitet wird, wo sie alsdann vermittels eines Dampfgebläses zur � riesigen Flammenenlivickelung gebracht wird. Die bisher bestehenden Kessel genügen natürlich auch nicht, so daß bei der Massnt- fenerung eine gründliche Umwälzung der bestehenden Heizanlagen sich erforderlich macht. Auch diese Neueinrichtung verbirgt für die Bedienungsmannschaften, trotz der eminenten Arbeits- erleichterung, eine große Gefahr in gesundheitlicher Be- ziehung, indem beim Verbrennen des Mnssiits sich Gase entwickeln, die für die menschliche Lunge sehr schädlich wirken. Zur Zeit wird diese Neueinrichtung von sämmt- lichen Marinen mit Erfolg erprobt, das Panzerschiff Siegfried, der ehemalige Kreuzer Carola und einige Wilhelmshavener Torpedoboote sind zum theil damit ausgerüstet, während das schon erwähnte Panzerschiff Acgir nur noch Maffnt- Heizung bekommen hat. Für Torpedoboote birgt diese Heizung aber noch in sofern Gefahr in sich, als bei der Kohlenfeuerung ein einschlagendes Geschoß iin Kohlenbunker einen Widerstand fand, während daffelbe, falls es in Massuttains sich verirrt, sofort dieselben zur Explosion bringt. So haben wir mithin für die Zukunft die schönsten Hoffnungen, ffür unsere Marine einen bedenklichen Posten Geld los zu werden. Und welchen Zweck haben alle diese Neuerungen? Keine Nation der Welt ist hellt noch im stände, auf dem Meere einen Sieg vorauszusehen, denn da es sich wohl kaum wieder einmal ereignen dürste, daß eine Nation mit solchen zum theil recht vorzüglichen Schiffen, wie sie China hatte, ruhig abwartet, bis der Feind sie in aller Gemüthsruhe in den Grund bohren kann, sondern seine» Gegner ernstlich zu bekämpfen sucht, so werd'n die Kriegsschiffe in der Mehrzahl vernichtet werden und»nc die Nation wird auf dem Meere als Sieger hervor- gehen, der es beschieden sein wird, nach beendigtem Kampfe noch ein see- und kriegstüchtiges Schiff aufzuweisen. So werfen hoch entwickelte Völker am Ende des neunzehnten Jahrhunderts un- geheure Summen fort für Dinger, die völlig unnütz sind.— München, 26. September. Der Regierung würde es höchst unbequem sein, wenn sie im Landtag Rede und ÜIntivort stehen müßte auf die Behandlung, die nach dem ehrengerichtlichen Spruch dem Pcemierlieutenant a. D. K ras st, dem Verfaffer der Bro- schüre„Glänzendes Elend" zu theil wurde. Darauf ist es wohl zurückzuführen, daß die„Augsburger Abend-Zeituug" eine äugen- scheinlich vom Kriegsministerium herrührende Darlegung der Sache mit den Worte» schließt:„Der Fall Krafft ist eine Disziplinarsache, sür die bezüglichen Interims ist der L a n d t a g nicht z u st ä n d i g."— Miinchen, 27. September.(W. T. B.) Dem Vernehmen nach wurden in der gestrigen Staatsraths- Sitzung die Vor- lagen für den Landtag vereinbart, nämlich die E»t- würfe des Budgets und des Finauzgesetzes sür 1896�97 und des Militärelats für 1895/96, sodann Gesehentivürse, betreffend den doppelgeleisigen Ausbau von Staatsbahnen, Ergänzung des Eiseubahn-Fuhrmaterials und Telcphonbauten, ferner betreffend die Viehversicherung. Abänderung des Notariatsgesetzes und die Pensionsverhältnisse der Auditeure. Metz, 25. September. Für den Reichstags- Abgeordneten Dr. Haas, der sein Mandat niederzulegen beabsichtigt, wollen die Klerikalen den früheren Eisenwaarenhändler jetzigen Rentier Leonard in Metz als Kandidaten aufstelle». Lsonard ist bis jetzt politisch noch nicht hervorgetreten, er gehört seil mehreren Jahren der Handelskammer an und ist ebenfalls klerikal.— Velgieu. — Die S o z i a l i st e n haben beschlossen, gegen die m i l i t a r i st i s ch e it Tendenzen der Regierung, die ans Angst vor der Sozialdemokratie die Armee vergrößern will, eine Massenagttation in Szene zu setzen. Nahrung erhält diese Be- wcgung von Frankreich aus, wo infolge der grenlichen Menschenopfer auf Madagaskar und der entsetzlichen Soldaten- mißhandlnugen der Haß gegen den Militarismus in die breitesten Schichten der Bevölkerung gedrungen ist. Frankreich. Paris, 25. September.(Eig. Bericht.) V o n d e r f r a n- zösischen Mililärverivaltung. Wie überall gestohlen und gemogelt wird, das hat gestern der Referent des Kriegs- bndgets, der sonst nicht besonders oppositionelle Abgeordnete Cavaignac, in seinem der Budgetkommission vorgelegten Mcserat an der Militärverwaltung nachgeiviese». Er hat da zu- gleich an einer Anzahl von Beispielen, die er aus den jüngsten Adjudikationen von Kleidungsstücken, Schuhen, Militnraus- rüsinugen, aus dcn Lieserungcn von Kaffee, Pökelfleisch sc. ge- riommen hat, gezeigt, wie die Militärverwaltung all die Be- trügereien und Mogeleien ermöglicht.„Die Betrügereien, die durch die jüngsten Prozesse bekannt geworden sind, sagte er u. a. in seinem Referat, sind die Folge des Schlendrians der Vermal- tung, der in gewissen Pflichthefien enthaltenen undurchführbaren Klauseln. Taraus ergiebl sich ein Abgang von 15—29 pCt. an der Militärverproviantirung, Die Uebenvachung der Durchführung der Kauf- und Lieferungsverträge, heißt es weiter, sind ganz und gar unzulänglich; die Betrügereien sind stets nur durch Denunziationen bekannt geworden. Was aber noch schwer- wiegender sei, das ist, daß die Verantwortlichkeit der Sachwalter des Kriegsministeriums gleich Null ist. Den schuldigen Beamten wird nicht nachgeforscht und kennt man sie auch, so werden sie nicht bestrast." Unter solchen Umständen ist es denn auch nicht zu verwundern, daß wenn auch hie und da Betrügereien einzelner Lieferanten ans Tageslicht kommen, alles im alten Gange bleibt. Und wir glauben auch, nicht, daß das Referat des Abgeordneten Cavaignac daran etwas ändern wird. Den» die Fehler sitzen liefer, als der Referent des Jiriegsbudgets annimmt; sie liegen in unserem kapitalistischen Herrschastssystem, und so lange dieses besteht, wird— das zeigt ja unter anderem auch die Mada- gaskar-Expedition— überall gestohlen und gemogelt werden.— Euglaud. Loudou, 24. September.(Eig. Bericht.) Die Mahl- Versprechungen der Konservativen.„Versprechen ist ehrlich— halten beschwerlich", sagt ein altes Sprüchwort. Der unheure Wahlsieg der konservativ- nnionistischen Koalition ist zum nicht geringen Theil auf die glänzenden Versprechungen zurückzuführen, mit welchen die Kandidaten derselben vor die Wähler traten. Erst die liberale siiegierung mit ihren Augriffe» auf die Konstitution des Landes beseitigt, dann werde eine glorreiche Aera konstruktiver Reforme» hereinbrechen. Alles mögliche und unmögliche ward den Wählern zugesichert, mit Extrazugaben je nach dem Geschmack der zu gewinnenden Distrikte oder Gruppen. Nun, wo die Koalition mit einer ihr selbst unerwartete» Mehr- heit am Ruder ist, so daß ihr die Opposition nirgends ernsthafte Schwierigkeiten in den Weg legen kann, kommt eine Erklärung von maßgebender Stelle nach der andere», daß an die Einlösung der Versprechungen bis auf weiteres gar nicht gedacht werden könne, die zu bewältigenden Schwierigkeiten erheischen die größte Vorsicht, Abwarten und Studiren sei die Parole. Der „Vorwärts" hat bereits von Herrn Balfour's Dämpfer an die Adresse der Bimetallisten Notiz genommen. In gleicher Weise sind diejenigen enttäuscht worden, welche von einem Sieg der Konservativen die Zurücknahme der indischen Einfuhr- zolle auf Garne und Gewebe erwarteten. Den nothleidenden Land- wirthen hat Lord Salisbnry erklärt, daß sie auf heroische Maßnahmen zu ihren gunste» nicht rechnen dürften, sondern sehen niüßten, sich nach der Decke zu strecken, und nun ist vor einigen Tagen auch der Herzog von Devonshire gekommen und hat in Derby auf einer Konferenz von Armenräthen mehrerer Grafschaften erklärt, mit einem Alterspensious- Gesetz werde es noch seine gute Weile haben, man dürfe mit bezug auf diese Materie nur sehr langsam und sehr behutsam vorgehen, und darum würde die große Masse der arbeitenden Bevölkerung noch auf lange hinaus im Alter auf die Unterstützungen angewiesen sein, wie sie das bestehende Armengesetz vorsieht. Die Altersversorgung war eines der Hauplschaustücke, womit weit und breit die Arbeiter angelockt wurden, ihre Stimmen sür die Koalition in die Wagschalc zu werfen. Vor allen war es Herr Chamberlain, der sie ans seine Fahne geschrieben, und es ist um so charakteristischer, daß es nun dessen Kompagnon oder Chef in der Führerschaft des liberalen Unionismns ist, der den kalten Wasserstrahl an die Äldresse der allzueifrigen Apostel dieser Reform losgelassen. Ob dieser Wasserstrahl auch auf Herrn Chamberlain selbst gemünzt war, muß dahingestellt bleiben. Eine besondere Liebe für denselben hat der Herzog von Devon- shire nie einpfundcn. und sie ist schwerlich größer geworden, seitdem alle Welt sich daran gewöhnt hat, den Ex-Bürgermeister von Birmingham als den wirklichen Führer der liberalen Unionisten zu betrachten. Aber zu einem offenen Bruch ist es »och etwas zu früh, und Herr Chamberlain ist nicht der Mann, der sich ungerächt in die Suppe spucken läßt. Man wird also bis auf weiteres annehmen müssen, daß der Herzog von Devonshire nichts gesagt, was jenem wider de» Strich geht. Auf alle Fälle habe» die leitenden Orgaue des Uuiouismus,„Times",„Standard" und so weiter mit größter Genugthnung sich den Ausführungen des Herzogs angeschlossen, und so ist die vor der Wahl als absolut dringend erklärte Frage, wie ein liberales Blatt höhnend es bezeichnet, in's„akademische Stadium" zurückdelegirt worden. Man wird eine neue Kommission sie studiren und die Wähler weiter ivarten lassen. Vorläufig, das heißt so lauge die vor einigen Monaten angehobene geschäftliche Aufbesserung anhält, hat all' das nur den Effekt, der liberalen Presse Stoff zu spöttischen Kommentare» über die Wahlmanöver ihrer Rivalen zu liefern. Erst wenn auch die Illusion vorüber ist, daß die starke konser- vatipe Regierung gute Geschäftszeit bedeutet, wird die Reaktion gegen die Wendung des öffentlichen Geistes, die bei den Wahlen obgewaltet, mit voller Kraft einsetzen. Zur Zeit waltet bei allen, die nicht Berusspolitiker sind, große politische In- differenz vor.— Jtalieu. — Für d i e K l e i n.l i ch k e i t C r i s p i' s ist es bezeich- nend, daß er es bei dem jüngsten Festspektakel in Rom, wo auch ein Denkmal Cavour's einhüllt wurde, verweigerte, die Einweihungsworte zu Ehren des„ersten italienischeuStaatsmannes" zu sprechen. Die Weigerung erklärt sich. War es doch Cavour, der einst in der Kammer ausrief: Mit dem Belagerun gs- zu st and kann jeder Esel regieren. Dieses Wort, durch das die Poliiik Crispi's im voraus ge- brandmarkt ward, hat dieser ihm nicht vergeben können.— — Die Kolonial Politik sollte keine Mehransgaben verursachen, versicherte Crispi heilig und theuer bei Eröffnung der Kammern in diesem Sommer. Im gestrigen Ministerrath zu Rom wurde vom Kriegsniinister eine Erhöhung des Kolonial- etals um 3 Millionen beantragt, und von dem Ministerium die Erhöhung um eine Million beschlösse n. Die übrigen zwei Millionen werden nachfolgen— und diesen dann weitere.— � — Ein diplomatischer Konflikt als Folge des 29. September— das ist die neueste Mähr aus Italien. Die ausländischen Gesandten in Rom, mit alleiniger Ausnahme des englischen, hatten von ihren Regierungen, die dem Papst nicht vor den Kopf stoßen wollen, strikten Befehl, bei dem Nationalsest weder zu illuminiren noch zu flaggen. Einige nationalliberale Chauvinisten nahmen das übel, es kam zu Demonstrationen vor den Gesandtschaften und dem österreichischen Gesandten wurde» die Fensler eingeworfen. Zu einem ernsthaften Konflikt zwischen Oesterreich und Italien wird's darum ja nicht kommen— die Sache wird beigelegt werden—, allein charakteristisch ist's immerhin, daß auch bei diesem„Nalionftlsest" dem„Nationalgeist"'chauvinistische Rohst eiten entsprossen sind.— Spanien. — Konflikt auf Marokko. Am kubanische» Aufstand haben die Spanier nicht genug— sie wolle» auch»och mit Marokko anbinden. Ein Telegramm meldet: Madrid, 26. September. Bei dem Angriff auf ein Fort bei Melilla gaben nur zwei Mauren Schüsse ab, dnrch welche ein spanischer Wachtposten verwundet wurde. Infolge dieses Zwischen- fnlles hat die Regierung die Entsendung eines Geschwaders nach Marokko verfügt. So das Telegramm. Und an der kubanischen Küste fehlt es den Spaniern an Schissen.— Portugal. — Der A u f st a n d auf Timor scheint mit der Truppen- Meuterei in G o a im Zusammenhang zu stehen. Auch hier haben die Kolonialtruppen sich nicht zuverlässig erwiesen. Die Insel Timor gehört zu den Molukken oder Gewürzinseln zwischen den Philippinen- und Snnda- Inseln im Südosten von Asien, und die Portugiesen besitzen— oder besaßen— nur die eine Hälfte, während die andere Hälfte der Insel unter holländi- scher Botmäßigkeit ist. Timor rst sehr fruchtbar an Tropen- Produkten und der Verlust würde von Portugal schwer empfunden werde». Da von Goa keine Hilfe kommen kann und auch in Macao, der dritten(und letzten) portugiesischen Kolonie in Asien keine Streitkräfte zu holen sind, so befinden die Portugiesen sich in einer verzweifelten Lage.— Rumänie». — Die Brücke zwischen F e t e s ch t i und T s ch e r- n a w o d a ist für die Entwickelung der Donauprovinzen hoch- bedeutsam. Der Bau wird deshalb von den Russen mit sehr scheelen Blicken betrachtet. Die Brücke vermittelt die Schienenverbindung zwischen dem rumänischen Bahnnetze und der Hafenstadt Konstanza (einstmals Küstendsche) am Schwarzen Meere. Zwei deutsche Meilen breit war die Unterbrechung, eingeschlossen das Ueber- schwemmungsgebiet. Im Winter, wenn die Donau mit Eis bedeckt war, litt der Waaren- und Personenverkehr wachen- lauge Störungen, so daß die Dobrudscha vom Mutterlande gänzlich abgeschlossen ivar. Das hat sich jetzt geändert. Die neue Brücke führt von Feteschti zunächst über einen mächtigen Donau-Arm, dann über eine Insel und schließlich über den Haupt- ström selbst. Hier mußte die Brücke die höchste Spannung er- halten, da die größten Seeschiffe diesen Arm befahren. Es handelt sich aber nicht allein um Vollendung eines technischen Wunder- werkes; von größerer Wichtigkeit ist die politische Seite. Erst jetzt ist die Dobrudscha, die einst zu der Römer Zeiten dem da- maligen Dacien angehörte, wirklich mit Rumänien vereinigt. Rustland. Petersburg, 27. September. Die„Nowosti" besprechen die jüngsten Verordnungen betreffend den Bestand und die Organi- sation der Feld-Artillerie, wodurch dieselbe um 196 Geschütze vermehrt wird. Das Blatt sagt, dies sei ein weiterer Schritt zur Ausführung des bezüglichen früher entworfenen Plaues, welcher noch nicht ganz zur Durchführung gelangte. Die Feld- artillerie des Amurgebietes werde nunmehr 199 Ge« schütze zählen. Das im Telegramm mit einer Geschützbereicherung be- dachte Zlmnrgebiet ist die sibirische Grenzprovinz der chine- fischen Mandschurei und Koreas. Die Artillcrieverstärkung kommt also im wesentlichen auf R ü st u n g e n in Hinter- a s i e n hinaus.— Telegirte zum Brcslauer Parteitag. Hamburg III: Frau Steinbach, Martikke und Kimmel. Eine Parteikoufereuz des 3. brannschweigifcheu Wahl- krciseö fand am 22. d. Mts. in Seesen statt. Der Kreis-Ver- trauensmann Genosse Aug. Meyer-Stadtoldendorf hob in seinem Bericht die Schwierigkeilen der Agitation hervor und beklagte die geringe Opferwilligkeit der Genossen vieler Orle. Die Gesammteinnahme betrug 453,98 M., die Ausgabe 326,86 M., so daß ein Kasseubcsiand von 127,12 M. verbleibt. Das Mandat zum Breslauer Parteitage wurde dem braunschweigischen Dclegirtc» übertragen. Genosse Meyer wurde als Kreis-Ver- trauensmann einstimmig wiedergewählt. Volkmar. Ueber das Befinden unseres Genossen Vollmar, der sich seit 21. August in der Anstalt des berühmten Orthopäden Hessing in Göggingen bei Augsburg befindet, um seine infolge einer schweren Verwundung, die er im Kriege 1871 vor Paris erlitten hat. verkrüppelten Füße und Beine wieder in brauch- baren Zustand versetzen zu lassen, verlautet fortgesetzt das Aller- beste. Vollmar ist, wie aus einem neuesten Brief ersichtlich, über die günstigen Erfolge seiner begonnenen Kur selbst überrascht, bedauert, sie nicht eher gekannt zu haben und zweifelt nicht mehr an seiner vollständigen Herstellung. Militärboykott. Ueber die Vierbude Nr. 3 aus der M ü n ch e n e r Okioberfestwiese ist von der Stadtkommandantur Mililärverbot verhängt worden. Nach der„Münchener Post" erfolgte dies, weil die Polizeidirektion der Stadtkommandantur schriftlich mitgetheilt, daß der Inhaber der Bierbude erklärte, er gebe dem Gewerkverein von jedem aus der Festwiese verzapften Hektoliter Bier 1 M. Gegen Zurücknahme dieses Versprechens ivurde die Aufhebung des Mililärverbots in Aussicht gestellt. Der Budeninhaber ging jedoch darauf nicht ein. Aus dem Laude des Diktaturparagraphen wird der „Frankfurter Zeitung folgendes geschrieben: Wie jenseits des 'Rheines, so befleißigt sich die Behörde auch diesseits eines strafferen Vorgehens gegen die Sozialdemokratie. Zwar haben wir von Konfiskation sozialdemokratischer Zeitungen oder gar Verhaftung von Parteiredakteureu nichts zu verspüren, aus dem triftigen Grunde, weil eine derartige Zeitung hier überhaupt nicht mehr bestehen darf. Dafür wird umsomehr in Ver- sammlungs-Verboten„gemacht". So wurden neuerdings mehrere geplante sozialdemokratische öffentliche Versammlungen kurzerhand verboten, natürlich ohne Grundangabe. Reichstags- Abgeordneter Bueb wollte über den berühmten Prozeß gegen die Union völooipväiqne cko EVanos sprechen— verboten; am 25. September sollte in Mülhausen eine Textilarbeiter-Versammlung stattfinden— sie wurde vom Bezirkspräsidentcn„vertagt", was einem Verbot bedenklich nahekommt. Mit letzlerer Maß- regel will man offenbar die streikende» Arbeiter der Textilfabrik Laederich treffen, indem man ihnen die Möglichkeit zur gemein- samen Besprechung künftiger Schritte abschneidet. Vielleicht auch befürchtete man, diese Versammlung könnte schließlich zu einer weitere» Ausdehnung des Ausstandes führen und griff daher zur Vertagung als zu einer Vorsichtsmaßregel. Ob sie eine kluge Staatsaktion gewesen, werden die nächsten Tage ausweisen. Polizeiliches, Gerichtliches:c. — Genosse Paul Jahn, der verantwortliche Redakteur des„Volksblatt für Hessen und Waldeck", wurde wegen Ve- leidigung der Kieler Polizeibehörde vom Kasseler Schöffengericht zu drei Wochen Gcfängniß verurtheilt. — Genosse L ü t g e n a ü wurde wegen Münter-Beleidigung von der Straskammer des Dortmunder Landgerichts zu 199 M. Geldstrafe event. 19 Tagen Haft und Urtheilspublikation in vier Blättern verurtheilt. Der Staatsanwalt hatte 59 M. Geldstrafe beantragt. Revision gegen das Urtheil ist eingelegt. — Masse»prozeß gegen die Mitglieder des ehemaligen Frauen- und Mädchen-Bildungs- vereins in Nürnberg. Am 16. Oktober v. I. wurde der Frauen» und Mädchen- Bildungsverein vom Niimberger Stadlmagistrat für politisch erklärt und gegen eine Reihe von Mitgliedern Strafmandate in der Höhe von 29 M. oder vier Tagen Haft erlassen. Tie hiergegen eingelegte Berufung kam am 39. Mai d. I. vor dem Schöffengericht zur Verhandlung. Dieses erklärte sich aber für unzuständig und verwies die Sache vor die Strafkammer. Von den 59 Augeklagten sind 56 erschienen, drei sind dnrch Krankheit am Erscheinen verhindert. Die Angeklagten sollen sich durch die Angchöriakeir zum Verein gegen die Art. 15 und 19 des bayerischen Vereins- gesctzes verfehlt habe». Das Material der Anklage stützt sich Hauptsächlich ans die bei einer Haussuchung vorgefundenen Kassen- bücher, in welchen Ausgaben sür inhaftirte Genossen, der Betrag von 19 M. an den nordbayerischen Agitationsvercin, soivie ein Beimg an die Genossin N., Verlin. für eine Agitationsreise ver- bucht sind. Diese Thatsachcn wurden von den Verwaltungs- Mitgliedern zugegeben. Der Vertheidiger, Rechtsanwalt Dr. Erlanger. begnügte sich vorerst mit der Er- klärung. daß der größte Theil der Beschuldigten die Ver- samnilunge» gar nicht besucht, die Beilrage jedoch, weil diese durch eine Einkassirerin im Hause abgeholt wurden, bezahlten. Ein anderer Theil habe nur die Vergnügungen des Vereins besucht und konnte daher auch nicht wissen, in welcher Weise die Gelder verausgabt wurden. Die Anklage findet besonders in ver obligatorischen Einführung der„Gleichheit" eine große politische That. Der Staatsanwalt beantragte sür die Ausschußmitglieder je 50 M. Geldstrafe oder 10 Tage Gesängniß, für die übrigen je 10 M. Geldstrafe oder 2 Tage Gesängniß. Das Urtheil wird Donnerstag, den 3. Oktober, verkündet. — Freisprechung wegen Verrusserklärung. Am 25. d. Mts. fand vor dem Nürnberger Schwurgericht die Verhandlung gegen den Genossen E i tz i n g e r wegen Vergehen gegen den§ 163 der R.« G.- O.(Verrufserklärung) und gegen Genossen Gärtner, Redakteur der„Frank. Tagespost", wegen Hilfeleistung hierzu statt. Nach 4l/s stündiger Verhandlung ver- kündeten die Geschworenen das Nichtschuldig, worauf die An- geklagten freigesprochen werden mußten. Eitzinger hatte an- läßlich des Nürnberger Tischlerstreiks einen Artikel verfaßt, der in Nr. 160 der„Fränkischen Tagespost" vom 12. Juli veröffentlicht war, worin 16 Arbeiter der Moser'schen Möbelfabrik namentlich aufgeführt waren, um den Beweis zu liefern, daß Moser den Beschluß der hiesigen Holzindustriellen. die Tischler so lange auszusperren, bis die der Firma Eyßer die Arbeit wieder aufgenommen hätten, umgangen hatte. Der Staatsanwalt erblickte in der Veröffentlichung der Namen eine Verrufserklärung. Große Sensation rief in der Verhandlung der Zwischenfall hervor, daß ein Zeuge wiederholt auf das bestimm- teste aus Befragen des Vorsitzenden erklärte: Er habe nicht, wie das Protokoll der Voruntersuchung besage, früher behauptet: er erblicke in der Namensnennung der 16 Arbeiter eine Brand- schatzung derselben. Dieses habe vielmehr der Untersuchungsrichter selbst gesagt. — Als Material zur Agitation für die Landtags wählen empfiehlt der Vorstand der b a d i s ch e n Laudesorganisatio», bei der Agitation u. a. an die folgenden That- fachen zu erinnern: An die unberechtigte Ausweisung minderjähriger Personen aus politischen und gewerkschaftlichen Versammlungen, z. B. in Lörrach, Freiburg. Pforzheim ec. An die noch frisch im Gedächtniß stehenden polizeilichen Maß- nahmen bei dem Parteifest aus dem Hohentwiel. An das überraschende Verbot der Versammlung in Neumühl, wo Bebel seinen Wählern Bericht erstalten wollte. An die kurz aufeinanderfolgenden Versammlungsauflösungen in Pforzheim, Lörrach. Freiburg.(In Freibnrg wieder- holt.) Ferner an die Verfolgung des Genossen Krohn in Konstanz wegen Austragens des„Volksfreund" am Sonntag. Es wäre ein leichtes, heißt es dann weiter, die Liste solcher behördlichen Thaten noch weiter zu vervollständigen, doch ge- niigt auch das vorstehende, um das System zu kennzeichnen. —„Sklaverei in Deutschland." Von der Gerichts- Verhandlung in Pr enzlau, in welcher über die im Verlage des„Vorwärts" erschienene Broschüre, die obigen Titel führt, abgeurtheilt wurde, werden uns im folgenden noch einige nähere Angaben gemacht. Die Staatsanwaltschaft hat sich keine Mühe verdrieße» lassen, um den Autor zu ermitteln, mehrere bekannte Parteigenossen sind daraufhin schon vernommen worden. Schließ- lich wurde, da sich durch die Untersuchung nach dieser Richtung hin nichts feststellen ließ, das sogenannte objektive Verfahren ein- geleitet; die Verfolgung des Verlegers Glocke war inzwischen durch Verjährung hinsällig geworden. In der Verhandlung am 13. d. Mts.— über das Resultat sind die Leser telegraphisch unterrichtet worden— gelangte die Broschüre, durch welche nach Ansicht des Staatsanwalts der Z 131 des Strafgesetzbuches verletzt worden sein soll, zur Verlesung. Die Oeffentlichkeit wurde wegen Gefährdung der Ordnung ausgeschlossen. In der Flug- schrift wird die Gesinde-Ordnung, das Bollwerl des Junker- thuins, kritisch beleuchtet und an einer Reihe von Bei- spielen gezeigt, in welcher Weise die einzelnen Para- graphen dieses vorsintfluthlichen Gesetzes auf das Gesinde an- gewendet werden. Der Staatsanwalt wollte, weil die Broschüre „aufreizend" wirke, die Vernichtung derselben ausgesprochen haben. Vom Vertheidiger Dr. H e r z s e l d- Berlin wurde gellend ge- inacht, daß der ß 131 zu unrecht angezogen sei, der von That- fachen spreche, während es sich hier nur um Urtheile handele. Einen Beweis aber, daß die in der Broschüre angeführten Fälle von Mißhandlung des Gesindes:c. unwahr seien, habe die An- klagedehörde nicht im entferntesten beigebracht. Der Ausdruck: Ausnahmegesetz mit bezug auf die Gesinde-Ordnung gebe erst recht keine» Grund zur Verurtheilung ab, da sich die Gesinde- Ordnung thatsächlich als ei» Ausnahmegesetz für ländliche Arbeiter präsentire. Das Gericht schloß sich den Ausführungen der Vertheidigers an und hob die Beschlagnahme auf. Wenn die in der Schrift zitirten Fälle von Mißhandlung des Gesindes auch sehr unglaub- würdig(!) erschienen seien, so wäre doch der Beweis, daß sie un- richtig seien, nicht erbracht. Um die Urtheile, welche die Broschüre enthält, könne sich das Gericht nicht kümmern, da es nicht be- rufen sei, Sittenrichter zu spielen. Mit Bedauern sei man zu einem freisprechenden Erkenntniß gekommen, da man sich der Er- wägnng nicht verschließe, daß die genannte Broschüre that- sächlich politisch gefährlich wirken könne. Soziale Aebevfichk. Der Gedanke einer„bernfsgenossenschaftlichen Arbeits- vermittcluug" spult gegenwärtig mal wieder in Unternehmer- kreisen. Bekanntlich handelt es sich hierbei darum, Unfall- verletzten, sobald sie ganz oder theilweise wieder erwerbsfähig sind, eine ihrer Erwerbssähigkeit entsprechende Arbeit mit Hilfe der Berussgeuossenschaft zu vermitteln. Vor sieben Jahren kam man zum ersten Male seitens der Berufsgcnossenschaften mit diesem Plane zum Vorschein; in zahllosen Vorstandssitzungen, in Genossenschafts-Versammlungen und auf Berufsgenossen- schaflstagen ist er breit getreten worden, aber darüber hinaus ist es zu nichts gekomme». Zum theil haben die Berufsgenosseuschasten die Schwierigkeit des Unter- nehmens wohl von selbst eingesehbn s sodann ließen sie sich durch eine vor zwei Jahren für Berlin veranstaltete Enquete verblüffen, die ergab, daß von einer größeren Anzahl in industriellen Betrieben verletzter Personen ein verhältnißmäßig geringer Theil zu normaler Zeit nicht wieder lohnende Arbeil gefunden hatte. Dieses Ergebniß war ebenso zu- fällig, wie die Enquete selb st einseitig! Weil» wirklich i» absehbarer Zeit in dieser oder jener Jndustriegegend — die Laudwirthschafl soll einstweilen gänzlich außer Spiel bleiben— eine berussgenossenschaftliche Arbeilsvermittlungsstelle zu stände kommen sollte, so wird es sich zeigen, daß die verletzten Arbeiter von ihr erst im äußersten Nothsalle Gebrauch zu machen bereit und geneigt sind. Man bringt nun einmal ganz natürlich allen derartigen Einrichtungen solange Mißtrauen ent- gegen, als nicht in ausreichendem Maße Ent- schädigung gewährt wird. Ja, man besorgt geradezu N a ch t h e i l e von der berufsgenossenschastlichen Arbeits- vermittelung! Wenn ein Arzt eine b e st i m m t e Arbeit für ge- eignet zur Erhöhung der Erwerbsfähigkeit, also zur späteren Ermäßigung der Rente hältund dieseArbeitnachgcwiesen, aber»ichr angenommen wird, so werden sich höchstwahrscheinlich Berufsgenoffenschaften finden, die in dieser ablehnenden Haltung des Verletzten einen wohlfeilen Grund sehen, die Rente g ä n z- lich einzustellen; Daß überhaupt die Berussgenossen- schaften die geeigneten Träger einer Arbeitsvermittelung für Unfallverletzte sind, bezweifeln wir schon aus diesem Grunde aufs entschiedenste. Sie genießen nicht das erforderliche Ver- trauen und vertreten selbstverständlich einseilig das Unternehmer- interesse. Sie erfüllen noch nicht einmal in Hauptfragen, wie in Entschädigungssachen, ihre Ausgabe und sollten ein so schwer- wiegendes Beginnen wie die Arbeitsvermittelung vorerst getrost Berufsvereincn überlassen. Was s i e unter heutigen Zeitverhäll- nissen aus diesem Gebiete ins Werk setzen können, wird doch besten- falls Flickwerk sein. Statistik der J'nvaliditätsursache». Im Reichs-Ver- sicherungsamt wird gegenwärtig eine Statistik über die Ursachen der Invalidität vorbereitet. Das Reichs-Versicherungsamt hat vor einiger Zeit nach Benehmen mit dem kaiserlichen Gesund- heitsaml eine Gruppirung der für die Invalidität in belracht kommenden Krankheiten und Verletzungen festgestellt und diese den Versicherungsanstalten zur Schcmalisirung einzureichender Berichte übergeben. Das von den Versickerungsanstalten ein- gehende Material wird vom Rechnungsbureau des Reichs- Versicherungsamtes bearbeitet. Man wird also in kurzer Zeit, ebenso wie man durch die früheren Statistiken über die Ursachen der Unfälle unterrichtet wurde, auch über die der Invalidität im Sinne des Jnvaliditäts- und Altersversicherungs-Gesetzes eine zuverlässige Darstellung erhalten. Armenunterstützung und Arbeiterversichernng. I» welchem Maße die Armenunterstützung mehr und mehr der Für- sorge im Versicheruugswege weicht, darüber liegen zur Zeit nur erst Einzelbeobachtungen vor. Immerhin geben dieselben schon einen gewissen Anhalt dafür, daß die an die Einführung der Arbeiterversicherungs-Gesetzgebung geknüpften Erwartungen auch in dieser Hinsicht in Erfüllung zu gehen versprechen. Das Bürgermeisteramt in Mannheim theilte vor kurzem den Stadt- verordneten mit, daß die Wirkungen der Versicherungsgesetze sich sür die Stadt sowohl hinsichtlich des Arnienaufwandes als auch hinsichtlich des Zuschusses zur Erhaltung des Krankenhaus- Betriebes als ganz erheblich ausgewiesen haben, und belegte das mit folgenden Zahle». Vor Einführung der obligatorischen Versicherungen im Jahre 1880 betrug der Armenaufwand pro Kopf der Bevölkerung jährlich 3,20 M. Derselbe fiel im Jahre 18S0 bis auf 2,70 M. und dann, als die Wirkung der Alters- und Invalidenrenten hinzukam, im Jahre 1893 ans 2,30 M. Kranken- und llufallversicherung haben in Mannheim den städtischen Zuschuß zur Krankenkasse, der im Jahre 1884 noch 69 000 M. betrug, sinken lassen auf 38 700 M. in, Jahre 1890, ans 6500 M. im Jahre 1892, und im Jahre 1893 war kein Zuschuß der Stadtkasse mehr er- forderlich. Die Stadtverordneten-Versammlung nahm daher einen, aus ihrer Milte ergangenen Autrag an. daß künftig den Krankenkassen jeder Art statt 2.25 M. sür den Ver- pflegungstag nur noch 2 M. in Rechnung gestellt werden sollen. Die gleichen Erfahrungen werden aus anderen Städten berichtet, so z. B. Elberfeld, dessen Armenpflege»mstergiltig organisirt ist. Auch hier sind die Armenlasten heruntergegangen, obgleich im Jahre 1391(mit Rücksicht aus die durch die Arbeiterversichcrung bereits eingetretene und noch zu erwartende Erleichterung der Last) eine Erhöhung der Armenleistungen um 17 pCt. eingeführt wurde. Hiermit wird blos das bestätigt, was von Ansaug an gegen- über der Arbeiterversicherungs- Politik Bismarcks seitens der Sozialdemokratie eingewandt wurde, daß ihr Zweck die Eni- lastung der Besitzenden von Steuern sür die Armenpflege und die Ueberwälzung dieser Lasten aus die Arbeiter sei.— Die Hamburger Tabakarbeiter-Geuossenschaft sieht sich zu dem Beschlüsse gezwungen, die Fabrikation von 5 Pfennig- tigarren von Hamburg nach einem Orte mit niedrigere» rbeitslöhnen zu verlegen. Man ersieht hieraus wieder deutlich, daß Produktivgenossenschaste» heute ganz ebenso nach kapita- listischen Prinzipien ihre Geschäfte einrichten muffen, wie irgend ein anderer Unternehnier. GeweMsitzaftliches. Sämmtllch« Mittheilungen von Organisationen, vor allem solche über ÄuSslände oder Aussperrungen, müssen stet» den Etcmpel der betrefsende» Organisation tragen. Bildhauer. Jeder Zuzug von Dresden und Berlin(Stein- bildhauer), Elberfeld. Görlitz, Münster i. W., Zeulenroda(Holzbildhauer) und Fünfkirchen(Pees) in Ungarn(Modelleure und Gipsbildhauer) ist fernzuhalte». Porzellanarbeiter. Die Sperre ist bis auf weiteres über folgende Orte verhängt: Albers>v eiler. Kön igszelt, Sophienau(Charlottenbrunn), Schweidnitz(Majolika- sabrik von Krause), S t a n o w i tz. Mitglieder, welche in diesen Orten in Arbeit trete», werden voin Verbände aus- geschlossen. Holzarbeiter. Zuzug ist fernzuhalten: Von P a r q u e t- boden leger n nach Berlin(Rosenfeld u. Ko.); von Tischlern nach Hemelingen bei Bremen(Werkstätte Brandt), nach T e t e r o w(Werkstätte von Reinhard Schwartz), nach Elberfeld, Stuttgart(Polstermöbel- Fabrik von Husendörfer und Weckele); von Tischlern, Stell- machern und Drechslern nach Peine; von Korb- machern nach Zeitz(Werkstätten von Pfeifer und Firma F. Degelow, Inhaber Käßner, Geugelbach u. Prüfer); vo» Schreinern und Parquetboden leger n nach Ans- dach in Bayern(Konrad Roderer); von Tischlern und Glasern nach Zürich(Schweiz); von Drechsler» nach G e i s i n g i. S.(Firma Anton Görner). Metallarbeiter. Zuzug ist fernzuhalten: Von Leipzig- Eutritzsch(Motoren-Fabrik Grob u. Co.): vo» F e i l e n h a u e r n von Erfurt und Magdeburg(Feilenfabrik von Gebr. Ufer); von Messerschmieden, chirurgischen In- st r u m e n t e n m a ch e r n von Berlin(Dewitl u. Herz); vo» Bau schlossern von Kassel und F r e i b u r g i. B.; von Gürtlern und Spenglern von O s f e n b a ch(Emballage- Fabrik von Hermann); von Drehern»nd Schlossern von Mannheim(Reulmg); von S ch l o ß f ch m i e d e n von Schwelm(Bevcr n. Klopphaus); von Schlossern und Maschinenarbeitern von A a r h u s und K o p e»- Hage»(Dänemark); von E m a i l l i r- A r b e i t e r n von Brünn, K nittelfeld und St. Michael. Acht,»ig. Vergolder! Der Generalstreik dauert fort. Zuzug ist streng sernzuhallen. Das Streikbureau befindet sich Annen- straße 16; in Rixdorf bei K u ni m e r. Berlineistraße; in Weißensee bei Fren tz, Königs-Cbaussce und Lehderslraßen-Ecke; im N o r d e n bei G l e i n e r t, M ü l l e r st r. 7», geöffnet von 9—12 und von 2—5 Uhr. Achtung. Walzer? Die Walzer haben sich mit den streikenden Vergoldern solidarisch erklärt und am Dienstag die Arbeit niedergelegt. Zuzug derselben ist unbedingt streng sein- zuhalten. Die Arbeiter der Wagenfedernfabril z» Altenmelle bei Melle(Hann ov er) Häven sich genörhigt gcscben, wegen der ihnen von dem Werksührer zu theil werdenden Behandlung die Arbeit einzustellen. Die Kollegen allerorts werden daher dringend gebeten, den Zuzug von dort fernzuhalten. Die Steinmeiieu am Bau der Paulnskirche in Plauen haben die Arbeit niedergelegt. Zuzug ist streng sern zu halten. Ueber den Zwickaner Manrerstreik wird uns unterm 26. d. M. geschrieben: Heute wurde auf mehreren Bauten von den Maurern die Arbeit eingestellt; einige betroffene Maurer- meister haben daraufhin den geforderten Minimallohn von 31 bis 33 Pf. pro Stunde bewilligt. Zum siegreich beendeten Streik der tvürttembergische» Handschuhmacher wird der„Schwäb. Tagwacht" geschrieben: „Tank der straffen Organisation der Handschuhmacher, welche auch für eine aiierkennenswerlhe Unterstütznug der Aussteheuden, sowie der Familien Sorge trug, hatten sich wäbrend der zwölf- wöchentlichen Dauer des� Kampfes nur vier Streikbrecher, oben- drein zum theil sehr eigenartiger Qualität, von auswärts ein- gefunden. Von den 126 Mann, welche seinerzeit in den Streik eintraten, ist nur einer abtrünnig geworden, zirka ein Drittel halten in Stuttgart und Eßlingen Arbeit gefunden, der über- großen Mehrzahl war auswärts, theilweise sogar im Ausland, Arbeit vermittelt worden. Am Ende befanden sich an allen drei Orten zusammen nur noch acht Streikende. Der Ring der Handschuhfabrikanten Württembergs sah sich darauf genöthigt, um einen ehrenvollen Rückzug zu haben, die Vermittelung des Gewerbe-Jnspektors anzurufen; Herr Gewerbe- Inspektor Hoch- stetter kam diesem Ansuchen bereitwilligst nach und unter dessen unparteiischer Leitung wurde alsdann die Einigung erzielt. Tie eigentliche Grundursache des allgemeinen Streiks, die Bildung des Fabrikantenringes in Württemberg, fand ihre Erledigung dahin, daß die von den Arbeitern beanstandeten Paragraphen des Statuts der Fabrikantenvereinigung eine gemeinsam vereinbarte Fassung erhielten. Die aufgestellten Lohnforderungen wurden vollständig bewilligt, zwei während des Streiks aufgestellte Forderungen(Entlassung sämmtlicher Streik- brecher und Entschädigung der Reise sür diejenigen Arbeiter, welche von auswärts wieder in ihre alten Stellungen zurück- zukehren wünschen) wurden im Laufe der Verhandlungen von den Arbeitern fallen gelassen. Um den in den Kampf seiner- zeit Eingetretenen, besonders den Familien- vätern, zu ermöglichen, in ihre alten Stellungen wieder einzutreten, wird der Ver« band der Handschuhmacher die Arbeits« verniittlung in die H a n d n e h m e n." Holzarbeiter-Verband. In der Zeit vom 7. bis 21. d. M. sind in folgenden Orten u e u e Z a h l st e l l e» des Verbandes errichtet worden: A l s e l d a. L.(H. Werner, bei Tischler- meister Peine, Brünkensen bei Alfeld a. L), Ettlingen in Baden(Emil Lex, bei Schreiuermeister Th. Mai). Hall (Schwäb.)(Felix Heue, bei Schreinermeister Leouhardt, Obere Herrngasse 64), Herne(Max Rose. Schamrockstr. 17), Posen(Ernst Nowag, Gr. Gerberstr' 44, H. 1), Starnberg (Franz Schiudler, Schreiner, Perchastr. 73). Die Zahlstelle Z e h d e n i ck ist eingegangen. Die Wiener Schueidergehilfeu verlangen von der Schneidergenossenschast(Innung) entschieden die Abschaffung der „Wochenarbeit", worunter man in Wien die Berechnuug der Arbeit nach der Woche mit 14stündigem Normalarbeitstag ohne Pausen versteht. Sie unterstützten in diesen Tagen ihre Forderung durch einen Demonstrationszug vor das Bureau der Genoffen- schnft. Vorläufig verhalten sich die Meister strikte ablehnend zu dieser Forderung. Ter schweizerische«chiniede- nnd Wagiierverbaud hält am 10. November eine Delegirtenversammlnng ab, in der die Frage des Anschlusses an den Metllaarbeiter-Verband besprochen werden soll. Der Zentralvorstand spricht sich für diesen Beitritt aus, namentlich, weil er voraussieht, daß bei künftigen Lohn- kämpfen die Schmiede und Wagner am Metallarbeiter-Verband einen starken Rückhalt haben würden. Znm fraiizösischc» Eisenbahuarbeiterstreik. Die Unter« nehmer der im Bau begriffenen Eisenbahn Quillau-Rivesaltes haben den ausständigen Erdarbeitern eine Lohn- erhöhung von 1 Centimes pro Stunde sür diejenigen, die 29 und von 2 Centimes für diejenigen, die 20 Centimes verdienten, be- willigt. Als infolge dessen ein Theil der Arbeiter die Arbeit wieder aufnahm, kam es gestern zum Streit, der erst durch die Dazwischenkunst der Gendarmerie und der Dragoner geschlichtet werden konnte. Die Arbeiter der Eisengiesierei in PamierS. Departement Ariöge(Frankreich), die infolge von Entlassungen, bedingt durch den schlechten Geschäftsgang, die Arbeit eingestellt hatten, beschlossen gestern auf die Intervention des Präfeklen hin, sie wieder aufzunehinen. Die Gesellschaft verweigerte jedoch die Wieder in betriebsetz ung der Hoch- ö s en. Zum französischeii Eisenbahi'baiiarbeiter-Streik wird ans Carcassonne geschrieben: 200 der ausständigen Eiseubahnrarbeiter, die beim Bau der neuen Linie Quillau« Rivesaltes beschäftigt sind, haben die Arbeit wieder aufgenommen. Sie wurden hierbei von den 200 noch ausständigen Arbeitern durch Stciuwürse nnd dadurch belästigt, daß diese von den Rändern der Böschungen große Steine aus sie hiuabwälzten. Mehrere Ausständige wurden verhastet. Textilaibeiteriniieii-Streik. Etwa 120 Arbeiterinnen der Spinnereien von St. Hippolyte in N i in e s(Frankreich) haben die A r b e i t e i n g e st e l l t nnd verlangen eine gleichmäßigere Verlheilung der Löhne, sowie die Entlassung einer Ausseherin, der sich der Verwalter der Fabriken widersetzt. Tie Kniehoseiimacher in New-Dork sind am 3. September in einer Anzahl von 1500 Personen, darunter etwa 200 Frauen und Mädchen, in den Streik eingetreten, um die Erneuerung ihres Kontraktes durchzusetzen. Die Bürgschaft der Konlraktoren für Einhaltung der Kontrakte wurde auf je 50 Dollar(200 M.) Baargeld oder Grundeigenthum, welches mindestens 200 Dollar (800 M.) werth sein muß. festgesetzt. Die Kontrakte respektive Preislisten(Lohntarife) und sonstigen Bedingungen sind ganz die- selben wie in dem abgelaufenen Kontrakt, dessen Erneuerung von der Mehrheit der Unternehmer bis jetzt verweigert wurde. Depvsstlzen und letzke Ltuchvichken. Eastbouriie, 27. September.(Privatdepesche des„Vorwärts). Heute wurde die Asche von Friedrich Engels ius Meer versenkt. Wie», 27. September.(B. H) J» der Nähe von Guten- stein ist ein großer Waldbrand ausgebrochen. Ueber 2 Hektar sind bereits niedergebrannt. Amsterdam, 27. Sevtember.(W. T. B.) Heute ist infolge der Weigerung der Fabrikanten. ihre Werkstätten den Be- dingungen der Arbeilervereinigung zu niilerwerfen, ein Aus- stand der Diamantarbeiler ausgebrochen. Vom 7000 biesige» Schleisappararen stehen 6500 mit über 12 000 Arbeitern still. Die Arbeiter verlaugzn. daß die Arbeitgeber keinen Arbeiter einstellen, der nicht Mitglied ihrer Vereinigung ist. Nur in zwei Fabriken wird gearbeitet. London. 27. September.(B. H.) Wie aus Sansibar ge- meldet wird, ist eine neue Expedition von der Küste gegen eme Bande revoltirender Eingeborener abgegangen. London, 27. September.(W. T. B.) Die„Pall Mall Gazette" meldet aus Shanghai vom 27. d., es seien Anzeichen vorhanden, daß die britische Regierung in China endlich Ernst mache. Fünf britische Kriegsschiffe seien gegenwärtig auf dem Jautsckiang; wie verlaute, werden sich denselben morgen vier weitere anschließe». Rewyork, 27. September.(B. H.) Durch eine Pulver- explosion in dem Bergwerke Belgium bei Leadville im Staate Colorado sind 20 Bergleute gerödtel und etwa 50 verletzt worden. Verantwortlicher Redakteur: Fritz Kunert, Schöneberg-Berlin. Für den Jnseratentheil verantwortlich: Zh. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin. Hierzu S Beilage». i. Beilage zum„Bomärts" Berliner Volksblatt. Ur. 3Z7. Sonnabend, den 28. September 1895. 12. Jahrg. Abomlkmklits-Einladmig. Mit dem 1. Oktober beginnt ein neues Quartal und eröffnen mir ein neues Abonnement auf den „Vimvsu'ks" mit der illnstrirten Sonntags-Beilage „Die Neue Welt". Tie Weltlage ist so bewegt, daß sie mehr und mehr das Jntcreffe jedes denkenden Menschen in Anspruch nehmen muß. Die Umsturzvorlage ist zwar gefallen, allein der Umsturz von oben wird eifrigst fortgesetzt Namentlich richten die Anstrengungen der reaktionären Parteien sich gegen das allgemeine Wahlrecht und das gleiche Recht der proletarischen und besitzenden Staatsbürger. Das deutsche Volk, die deutsche Arbeiterklasse soll p o l i t i s ch entrechtet werden. Und der Kampf um das allgemeine Wahlrecht, um die Rechte des Volkes muß vor allem in der Presse geführt werden. Die Presse i st die m ä ch t i g st e Waffe des Volkes— und diese Waffe zu stärken, ist Pflicht des Volkes. Wir fordern die Genossen auf, nach Kräften für die Verbreitung des„Vorwärts" thätig zu sein. Nach Beendigung unseres gegenwärtigen Feuilletons: der„Skizzen aus dem südamerikanischen H i n t e r l a n d e", die ebenso spannend als belehrend sind, werden wir eine kurze, mit packender Realistik geschriebene Skizze aus dem letzten Türken krieg bringen und dann mit dem Abdrucke des in der Gegenwart spielenden, hochinteressanten Romans:„Der Verrückte" beginnen, welcher die Vernichtung eines hoffnungsvollen Menschenlebens durch kirchlichen Fanatismus dar- stellt und ähnliche Zustände beleuchtet, wie sie jüngst durch «inen sensationellen Prozeß ausgedeckt worden sind. Für Berlin nehmen sänimtliche Zeitnngsspediteure, so- wie unsere Expedition, Benthstr. 3, Bestellungen ent gegen zum monatlichen Preise von 1 Mark IV Pfennige frei ins Hans. Für außerhalb nehmen sänimtliche Postanstalteu Abonne- ments zum Preise von S,3V M. für die Monate Oktober, November nnd Dezember entgegen.(Eingetragen in die Post-Zcitungsliste für 1895 unter Nummer 7128.) Redaktion und Expedition des„Vorwärts". Nokales. Ten Parteigenossen des vierten Reichstags- Wahlkreises zur Nachricht, daß bei der illusorisch gewordenen Versammlung welche am 22. d. M. im Englischen Garten tagen sollte, auf feiten des Wirthes ein Jrrthum vorlag. Statt dieser Versammlung wird am 10. November eine vom Sozialdemokratische» Agitationsklub für den Osten Berlins einberusenc Versammlung abgehalten werden. Die Parteigenossen, welche in Johannisthal— Nieder-Schön weide zugezogen sind, sowie diejenigen, welche die Zeitung noch nicht von der Parteispedition be- ziehen, werden ersucht, den„Vorwärts",„Wahren Jakob", wie die sonstige Parteiliteratur umgehend bei der Parteispedition zu bestellen. Abonnemeutsbestellungen nehmen eiilgegen in Nieder- Schönweide Karl Weber. Barbier, in Ober-Schönweide Haferland, in Johannisthal A. S e n f t l e b e n und am Bahnhof die Botenfrau. I. A.: Otto John, Friedrichstr. 19. Tie Friedensgemeinde. Ter Unglaube, dieser Satan, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und suchet, wen er ver- schlinge, hat bekanntlich ungeachtet aller ragenden Kirchen im heidnisch-sozialdemokratischen Berlin außerordentlich an Boden gewonnen. Die geringe Zahl derer, die noch mit Eifer an der reinen Lehre des Evangeliums festhalten, ist aber auch desto sicherer gewappnet gegen den Ansturm des Materialismus, nnd sucht in inniger Gemeinschaft der sündige» Welt ein leuchtendes Beispiel vom wahren christlichen Thun zu geben. Gewissermaßen um symbolisch anzudeuten, wie fein und lieblich es ist, wenn Brüder ein- trächtig beieinander leben, hat sich in der Zeit der Kirchenbauten neben anderen auch eine Fricdensgemeinde im Sünden- babcl gebildet, die in regem Eifer zeigt, wie Christen christlich aneinander handeln. Die„Kreuz-Zeitung", die, wie Hammerstein und Slöcker bestätigen iverdcn, das gottcsfürchtigste Blatt von ganz Berlin ist, bringt in ihrer Ausgabe vom Freitag Morgen eine» Bericht über eine Versammlung, welche die lhätigen Glieder der Friedensgemeinde am Mittwoch bei Hübner in der Sivinc- münderstraße LS abgehalten habe». Aus diesem Bericht klingt das Wirken der Frommen so erbaulich hervor, daß wir ein Unrecht an unseren Lesern begehen würden, wenn wir ihnen_ nicht etwas davon vorsetzten. Es ist eine „Neuwahl für die kirchlichen Organe", welche in der Versammlung besprochen werden soll. Positive und Liberale — ivas diese beiden Gruppen an sich im evangelisch- kirchlichen Leben bedeuten, wissen wir in unserer heidnischen Blindheit leider nicht— Positive und Liberale also versechten beide auf ihre Art christliche Interesse», die hoffentlich in ihrer Gemeinschaft schließlich zum Wohl der Kirche zusammenfließe». Wie das geschieht, meldet die„Kreuz-Zeitung": ————„Der Vorsitzende Architekt Karl Sicwcrt führte die Gründe an, weshalb die Friedensgcmeinde positiv wählen soll. Bei diesen Ausführungen kam es zu Ruhe- störungen seitens der Liberalen. Der stellvertretende Vor- sitzende Hahn drohte:„Sie werden aus dem Saal entfernt, wenn Sie sich fortgesetzt so unanständig benehmen!" Großer Lärm und Zurufe:„Bismarck hoch!"„Hammer- st« i n, H a m m e r st e i n!" und„Schluß niit det I a n z e! Wir sind Arbeiter und wollen zu Hause gehen!" ivaren die Antwort.— Vorsitzender Siewert: Sie brauchen nicht erst durch den unanständigen Lärm zu zeigen, weß G eistes Kinder Sie sind. Das wissen wir schon lange!(Stüniischer Beifall bei den Positiven.)— Der liberale Lehrer Schwarz I bittet darauf seine Gesinnungsgenossen um Ruhe. Erster Redner in der Debatte war ebenfalls Herr Schwarz, der über die Arbeit und die Leistungen der liberalen Gemeindeverlreier und den Widerstand der positiven Aeltesten in der Friedens- gemeinde zu sprechen anfing. Nach etwa 10 Minuten wurde er vom Vorsitzenden mit den Worten unterbrochen: „In einer liberalen Wählerversammlung unter dem Vorsitz dieses Herrn Schwarz bin ich nach fünf Minuten niedergeschrieen worden! Die Liberalen machten einen derartigen Lärm und schrieen fortwährend:„Mucker, Mucker, Mucker." daß ich nicht weiter reden konnte. Heute wollen wir den Liberalen zeigen, weß Geistes Kinder ivir Positiven sind, daß wir so anständig sind, einen Gegner nicht niecerzuschreien. Ich bitte a l s o u m d i e größte Rnhe!"(Stürmischer Beifall der Positiven.)" So geht die Idylle weiter. Zum Schluß konstatirt der in der Versammlung anwesende Pfarrer der Friedensgemeinde, Superin- tendent a. D. K r ü ck e b e r g, daß die Friedenskirche mit dem glühenden Wunsche gebaut worden sei, daß das Evangelium lauter und rein nach Luther verkündet werde. An solchen Beispielen süße» Friedens nnd holder Eintracht, welche die Hörer des Wortes in der christlichen Gemeinde geben, können selbst Sozialdemokrale» ihre Freude haben. Tie Zlrbeitöorduilng für die bei der„Quelle Fürsten- brnnu"(Westend) beschäftigten Arbeiter ist in ihrer Art ein Kabinelstückchen und illustrirt die Herrlichkeit des Gegen- wartsstaates für die Arbeiter in einer so verständlichen Weise, daß selbst der„sozialistische Zukunftsslaat in Eugen Richter'scher Beleuchtung" nicht au dieses Monstrum heranreicht. Aus den zahlreichen Bestimmungen der erwähnten Arbeitsordnung wollen wir hier nur einige hervorheben, welche als besonders liebliche Blume» in dem so reichhaltigen Bonqnet besonders in die Augen springen und besonders kapitalistisch duften. Da heißt es zum Beispiel gleich im§ 1:„Kein Arbeiter wird angenommen, welcher nicht sofort der Charlottenburger Orls-Krankenkaffe bei- tritt." Das ist natürlich kein Zwang. Zwang wird nur aus- geübt im sozialdemokratischen„Zukunstsstaat." Im Gegenwartsstaat ist es bedingt, daß die Arbeiter tanzen müssen, wie die Herren Kapitalisten pfeifen. Hierher gehören doch auch die Besitzer der „Quelle Fürstenbrunn", S o e n d e r o p u. K ü h n, vielleicht auch der Geschäftsführer v o n L a n g en, von denen die famose Arbeit- ordnung unterzeichnet ist. Weiter heißt es imtz l:„Ans Verlangen sind die Arbeiter verpflichtet, bei ihrem Antritt anzugeben, ob sie sicb bereits gerichtliche Strafen zugezogen haben. Ein Verschweigen dieser Thatsache kann bei späterem Vekanntiverden ein Grund zur sofortigen Entlassung sein."— Wir bemerken hier gleich, daß die Unternehmer zu einer derartigen Erklärung laut Arbeits- ordnung nicht verpflichtet sind. Weiler sagt der Z 1: Jeder Arbeiter ist verpflichtet, zur Arbeit in der Fabrik in den bisher üblichen blauen Leinwandanzügen zu er- scheinen. Die Beschaffung dieser Anzüge ist Sache des Arbeiters, jedoch ist die Firma bereit, neue Anzüge gegen Entrichtung von L M. pro Anzug zu verabreichen. Das ist natürlich auch kein Zwang! Letzlerer Betrag wird alsdann in Raten ä I,S0 M. bei den nächsten Löhnungen in Abzug gebracht. Waschen und Unter- Haltung der Anzüge muß jeder Arbeiter selbst besorgen. Kutscher und Mitfahrer sind verpflichtet, auf eigene Kosten sich eine von der Firma vorgeschriebene Dienstmütze zu halten. Bei einem Tagelohn von 3,50 M. bei zehnstündiger Arbeitszeit ist alles dies ein nur billiges Verlangen nnd man muß sich»ur wundern, daß die Firma gar so bescheidene Ansprüche au ihre Älrbeilcr auf bereu Kosten stellt. Daß ferner jcdem zu spät zur Arbeit kommenden Arbeiter ein Recht auf Älrbeit für den ganzen be- treffenden Tag nicht zusteht, ist eigentlich selbstverständlich und brauchte nicht erst ausdrücklich durch die Arbeitsordnung bestimmt zu werden. Dem ist es schon recht, daß er dann den ganzen Tag bummeln kann. Aus dem§ 5 können wir uns nicht enthalten, nachstehende Bestinununge» etivas niedriger zu hängen: „A ustreten ohne Erlaubniß, Sprechen und Lärmen innerhalb der Fabrik, Verlassen der Arbeitsstelle, Essen Trinken und Rauchen ist strengstens untersagt. M» ß ein Arbeiter dennoch austreten, so hat er sich mit seinem Gesuch an den Inspektor zu wenden." Aehnliche Bestimmungen hat auch das Zucht- Haus. Alle Zuwiderhandlungen gegen die Bestimmungen der Arbeitsordnung werden natürlich mit Geldstrafen belegt und zwar bis zum vollen Betrage des durchschnittlichen Tagesarbeits- Verdienstes. Die Feststellung der Strafen r' t nur durch den Geschäftsführer. Die Strafgelder werden„zum besten der Arbeiter der Fabrik" verwendet und zwar werden dieselben zu Weihnachten an die fünf am wenigsten bestraften Arbeiter vertheilt!!! Wie gefällt Herrn Richter dies Idyll aus dem Gegenwarts- staat? Neber die Spielwnth wird dem„Rhein. Cour." aus Berlin folgendes geschrieben:„Vor einer Reihe von Wochen stattete die Polizei den unzahligen Sport- und Wettbureaus einen Besuch ab, für etliche Tage waren hier nnd da die markt- schreierischen Plakate aus den Zigarrenläden, Stehbierhallen ver- schwunden; jetzt kann man überall Ankündigungen, daß Renn- wetten entgegengenommen werden, wieder lesen. Tagtäglich wächst die Zahl dieser Bureaus und alle haben einen aus- gedehnten Kundenkreis. Es werden Sununen angelegt, die für den Fernstehenden geradezu rälhselhaft sind. Viel mehr alS die oberen Zehntausend und der bessere Mittelstand ist der kleinere Mittelstand und gewisse Kreise des arbeitenden Standes(Droschken- kutscher, Kellner, Dienstleute) von dieser Spielwuth angefressen; wie in einem Taubenschlage geht es in eineni solchen Wettbureau am Morgen des Renntages zu. am späten Nachmittag, am Abend, wenn die Rennresultale bekannt werden, drängt nnd schiebt sich vor den Läden eine bunt zusammengewürselte Menge, denen man die Spielwuth am Gesichte ablesen kann. Die Sportbureans nehmen für Sieg nnd Platz Summen a». die am Totalisator urückgewiesen werden. Während an der Wettmaschine in Berlin ür Platz der niedrigste Einsatz 50 M. beträgt, kann man in jedem Sportburean S M. anlegen, und so erscheinen massenhaft die kleinen Gewerbetreibende», um mit dieser Summe ihr Glück zu versuche». Daß das in den Weltbureaus angelegte Geld seinen Weg nach dem Tatolisator nicht findet, ist klar; denn die Einsätze an der Wettmaschiue sind heute nur noch geringe, kaum höher als 15 000 Mark für jedes einzelne Rennen. Die Summen, mit denen in den Wettbureaus gespielt wird, lasse» sich nicht annähernd taxiren; aber wenn in einem Wettbureau in einer Viertelstunde über 1000 Mark angelegt werden, so kann man nur ermessen, welch' fabelhafte Summen jeden Tag von denen,„welche nicht alle werden," verspielt werden. Die Inhaber der Wettbureaus lassen die Summen aber für sich laufen; sie arrangiren so zu agen einen Totalisator für sich, der ihnen ja einen reichen Gewinn abwerfen muß; zudem lassen sie sich auch für den kleinsten Auftrag SO Pf., hier und da— 25 Pf. zahlen. Wenn in den sogenannten oberen Gesellschaften jemand zur Pistole greift oder Reißaus nimmt, so wird es bekannt, nach allen Seiten hin besprochen; viele hunderte Existenzen aus dem kleinen Mittelstande werden durch die Spielwuth zährlich rniuirt; niemand erfährt davon. Kürzlich wurde erst in meiner Gegend das Haus eines für sehr reich gehaltenen Bäckers subhastirt; der Mann lebte anscheinend sehr solide, trank nicht und hielt sich auch keine Maitressen, aber Hunderte und Hunderte brachte er jede» Tag nach den Wettbureaus hin, und solche Falle ereignen sich in Hülle nnd Fülle. Der Berliner kleine Mittelstand ist verspielt „bis i» die Knochen hinein"; die Wettbureaus florieren, die Buchmacher und das Gelichter ähnlicher Art lebt in Saus nnd Braus, hält sich Pferd und Wagen, avancirt zu Hausbesitzern nnd der kleine Mittelsland wird systematisch ruinirt. Auf die eiternde Wunde hinzuweisen, scheint uns dringend uoth- wendig," Der Korrespondent vergißt in seiner au sich nicht so unrich- tige» Darstellung, daß die Spielwuth des kleinen Mittelstandes vielfach keine Ursache, sondern eine Folge des gesellschasllichen Niederganges ist. In aller Verzweiflung, wenn kein Mittel mehr vor dem offenbaren Ruin Hilst, setzt der zu gründe gerichtete kleine Geschäjtsman» seine Hoffnung auf den Spielgewinn. Dies ist die letzte Station vor dein Abgrund. Zweite oder dritte Klasse? Ein Leser theilt uns folgen- den Vorfall mit: Am letzten Sonntag bestieg ich abends in einem Nordringzuge der Nichtinig Weslend-Schlesischer Bahnhof auf der Station Zoologischer Garte» ei» Koupce dritter Klasse. Dasselbe war dermaßeii überfüllt, daß verschiedene Fahrgäste stehen mußten; trotzdem aber drängten sich auf der Station Thiergarten noch mehr Personen, darunter Frauen und Kinder in das Koupee hinein, sodaß in dem engen Raum schließ- lich einundzwanzig Fahrgäste angesammelt waren. Zivischen Bellevue nnd Lehrler Bahnhof slininite ein Mann ei» Lied an, welches de» Anstand gröblich verletzte; auf meine Aufforderung, doch in Rücksicht auf das Schamgesühl der Damen ruhig zu sei», wurde ich mit den uuflälhigsten Schimpfworten überhäuft. Um der für alle Passagiere peinlichen Szene ein Ende zu machen, wandte ich mich bei der Ankunft auf dem Lehrter Bahnhof an den Stationschef. Es entspann sich folgendes Gespräch:„Herr Inspektor, in Nleinem Koupce molestirt ein Mann durch seine Unfläthigkeit die mitfahrenden Frauen." Frage des Inspektors:„Fahren Sie zweiter oder dritter Klasse? Antwort: Dritter Klasse. Hierauf erließ der In- spektor den Bescheid, daß es ihm bei dem großen Verkehr nicht möglich sei, den Mann festzunehmen. Als ich dennoch aus Remedur bestand, gab der Beamte mir die Antwort, daß er nach Friedrichstraße telephoniren werde, dort werde ein Schutzmann die Verhaftung des Rüpels vornehmen. Aus Station Friedrich- straße verschwand der holde Sänger gemächlich und ungestört ans dem Konvee, da von einem Sicherheitsbeamten nichts zu sehen war. Neben anderen Betrachtungen über unsere Verkehrs- zustände drängt sich unwillkürlich die Frage aus: W a r u m mußte der Beamte sich vor allem nach der Wagen k l a s s e er- kundigen, in der die geschilderte Rohheit begangen wurde? Sli» I. Oktober wird der Fernsprechverkehr zwischen Berlin und Frankfurt(Main) einerseits und Straß- bürg(Eis.), Colmar(Elf.) und M ü l h a n f e n(Elf.) andererseits eröffnet. Die Gebühr für ein geivöhnliches Gespräch bis zur Tauer von drei Minuten beträgt 1 M. Für Telephongespräche zivischen Ludwigsfelde einerseits und Berlin nebst Vor- nnd Nachbarorten andererseits sind vo»i 1. Oktober ab Einzelgebühre» zu entrichten. Dieselben betragen für ein gewöhnliches Gespräch bis zur Dauer von drei Minuten zwischen Ludwigsselde einerseits und Berlin anderer- seitZ 50 Pf. NnS dem TirektionSbureaii der Urania wird uns von Herrn Erichsen folgendes niitgelheilt: Bei Gelegenheit der vor geladenei» Publikum in der Urania stattgehabten Generalprob: des neuen Ansslattungsvortrags unseres Herrn Dr. P. Schwabn „Vom Fels zum Meer" halte ich einige Zahlen über die sich in so ungeahnter Weise steigernde Besnchssrequenz von ganzen Ver- einen angegeben. Ich bin aber insofern mißverstanden worden, als diese Zahlen in den meisten Blättern als Besnchssrequenz überhaupt angeführt wurden, was dann allerdings ein sehr bedenkliches Licht aus das Gesammtinteresse ivirst, das uns Berlin entgegenbrachte. Die Zahl der Besucher unserer, in dem entlegenen Winkel des ülussteUnngsparks sich versteckenden Anstalt beträgt jetzt jährlich etwa 140 000, nicht 37 000, wie verschiedentlich angegeben, und welche Zahl nur die uns bei Sondervorstellungen Besuchenden ausdrückt. Solcher, viele Monate im vorhinein bestellter Sondervorstellungen, für ivelche die Abnehmer eine bestimmte feste Sunime zahlen, gegen die wir dem Verein einen von ihm zu wählenden Vortrag außerhalb der gewöhnlichen Besuchszeit halten, fanden im letzten Geschäftsjahre 94 statt, und im gegenwärtigen sind bereits fast alle Sonntage bis ins Frühjahr hinein belegt, so daß wir uns sogar schon für einige Sonntage im April im neuen Hause verpflichtet haben. Es ist deshalb gewiß ein gutes Prognostikon für das Gedeihen unserer Stadtfiliale, daß ihr Theater, das bei 700 Sitzplätzen noch eiiiinal soviel Raum enthält wie das alte, bereits heute für eine Zieihe von Vorstellungen im kommenden Frühjahr völlig ausverkauft ist. Es ist auch sehr interessant zu sehen, ivie verschiedene Kreise sich zum Besuch solcher Sondervorstellungen eiitsäfließen. Da sind die vereinigten Landpfarrer aus der einen Seite, und auf Skatklubs, welche die lleberschüsse ihrer Kasse so am besten zu verivenden glauben, neben den großen Arbeitervereinen des Ostens, von denen ost ein einziger bis zn sechs solcher Sondervorstellungen in einem Jahre belegt, Vergnügungsvereine, die nur aus ganz wenigen Mitgliedern bestehen, aber doch die 400 Plätze in ihren Be- kanntenkreisen unterzubringen wissen, oft zum Prosit ihrer Vereins- kasse; sogar die„Vereinigten Plätterinnen Berlins" stellen sich getreulich jeden Winter aufs neue bei uns ein. Solche An- hänglichkeit, wie sie uns diese großen Körperschaften der Vereine bekunden, ist das sicherste Fundament für unsere Zukunft. Sie beweist uns, daß wir zu einem unbedingten Bedürsniß ge- worden sind. Für die Oesterreicher und Ilugarn, welche im Deutschen Reiche leben, ist die nachstehende Bekanntmachung, betreffend die Meldepflicht der österreichisch- ungarischen Landsturinpflichtigen, sicherlich von Interesse. Sie lautet:„Auf grund gesetzlicher Be- stimmungen haben sich diejenigen im Deutschen gleiche aufhält- lichen Landsturmpflichtige», ivelche Angehörige des Heeres, der Kriegsmarine, Landwehr(einschließlich deren Ersatzreserven) oder der Gendarmerie waren, sowie auch jene Landsturinpflichtigen, ivelche für den Fall der Ausbietung des Laiidsturmes zu besonderen Dienstleistungen designirt und deshalb mit Widinungskarten betheill sind, in der Zeit vom 1. bis 31. Oktober l. I. mit ihrem Landsturmpasse oder militärischen Entlassungsdokuniente, eventuell einem anderen ihre Identität beglaubigende» Nachweise(Reise- paß, Arbeitsbuch, Taufschein w.) bei der österreichisch-ungarischen Botschaft in Berlin, respektive jener österreichisch- ungarischen Vertretungsbehörde(Konsulat), in deren Bereiche sie sich jeweilig aushalten, persönlich vorzustellen, beziehungsweise schrist- lich zu melden. Bei schriftlichen Meldungen ist der volle Name, Heimathsgemeinde und Bezirk, Geburtsjahr, Stand, Charakter oder Beschäftigung, Wohnort und HauSnuniiner, Charge nnd Truppenkörper, bei welchem der Landsturmpflichtige gedient hat, anzuführen. Die Landsturmpflicht erstreckt sich vom 19. bis zum 42. Lebensjahre." Die höhere Tochter tvird„kommentiuähig". Die mo dernsle Kttltur, die alle Welt beleckt, hat auf die höheren Backfische sich auch erstreckt, und sie in der Nachäffung studentischer Gepflogenheit soweit getrieben, daß die jungen Dainen jetzt auch ihre Abschiedskoininerse, d. h. den Abgang von der Schule, koniinentmäßig begehen. Freilich nicht bei Bier und Wein, wie der vergötterte Oberprimaner, sondern bei Kaffee und Chokolade und anderen Süßigkeiten in einem Hinterzimmer einer beliebigen größeren Konditorei. Da schwelgt der Backfisch förmlich in Wiudbeiltel mit Schlagsahne; dabei wird von den meisten tapfer geraucht und— was die Hauptsache ist— der Lehrer, dessen Regiment man glücklich entschlüpft ist, wird nach allen Regeln der Kunst durchgehechelt. So bereitet sich die höhere Tochter au ihren künftigen Berus vor. Die Post-Zweigstelle Berlin C. 106(Niederwallstr. 33) wird mit Ablauf dieses Monats aufgehoben. Dafür wird am l. Oktober in der Kurstr. 18/10(Ecke der Allen Leipzigerstraße) ein Postamt mit unbeschränkten Nnnahniebefugniffe» und Telegraphenbetrieb unter der Bezeichnung„Postamt C. 41(Kur straße)" eingerichtet. Grober Unfug im Zentral-Theater. Ueber einen nichts würdigen Budenstreich, der geradezu unberechenbare Folgen hätte nach sich ziehen können, wird gemeldet: Am vorgestrigen Mittag erschien bei dem Direktor des Zentral- Theaters, Herrn Schulz, ein reduzirt aussehender Mensch und frug denselben, ob er einen bei ihm beschäftigten Schauspieler sprechen könne. Herr Sch. verwies den Mann, der sich als ei» Wiener kkollege ausgab, an de» Künstler, welch' letzterer aber bald darauf den Direktor sprach, und als die Rede auf den Besuch deS Fremden kam, entsetzt erklärte, daß er mit dem letzteren nichts zu thiin haben wolle, weil er ihn bereits be- stöhlen und schon einmal mit dem Revolver bedroht hätte. Herr Direktor Sch. ordnete nunmehr an, daß, falls der Oesterreicher dann noch einmal im Theater erscheine, er sofort aus demselben veriviesen werden solle. Am Abend war das Haus ausverkauft und die Zuschauer folgten eineni Koupletvortrag von Thomas mit großer Aufmerksamkeit, als plötzlich eine der ins Parquet führenden Glasthürcn aufgerissen wurde, ein Mann im Rahmen derselben erschien und mit gellender Stimme„Feuer, Feuer" rief. Natürlich sprang das erschreckte Publikum von de» Plätzen und drängte den Ausgängen zu; mehrere Dame» fielen in Ohnmacht, andere Frauen schrien um Hilfe, kurzum, es ent- stch>d eine furchtbare Panik, die zu einer entsetzlichen Katastrophe hätte führen können, wenn nicht Direktor Schulz auf der Bühne erschienen wäre und auf die anwesenden Feuerwehrleute deutend, erklärt hätte, daß absolut kein Feuer ausgebrochen sei und daß es sich nur um einen Bubenstreich handele, dessen Urheber soeben von der Polizei im Foyer verhaftet worden sei. So war es auch, der Veranstalter jener Szene, der identisch ist mit dem Wiener, welcher am Vormittag mit Herrn Direktor Schulz gesprochen, war am Abend iin Theater erschienen, war jedoch, der Instruktion gemäß, von den Anfsichtsbeaniteii nicht in den Theaterranm Hineingelaffen worden und da er sich einem Schutzmann gegenüber renitenr erwiesen, sollte er verhaftet werden. Um der Verhaftung zu entgehen, riß sich der Bursche los und rief„Feuer", richtig kalknlirend, daß es ihm in der Panik gelingen werde, zu entkommen. Der Mann wurde verhastet und nach der zuständigen Polizeiwache gebracht. Das Publikum beruhigte sich bald und so konnte die Borstellung ungestört fortgesetzt werde». Das Berliner Adreßbuch leidet von jeher unter der Be- quemlichkeit der Hauswirthe, ganz besonders in diesem Jahre, wo bekanntlich das Erscheinen eines zweiten Adreßbuches bevor- steht. Ueberaus viele Wirthe halten es nicht der Mühe für werlh, die ihnen zugestellten Listen den einzelnen Miether» vor- zulegen; sie füllen vielmehr höchsteigenhändig aus. was ihnen gefällt, und lasse» fort, wer ihnen nicht paßt. So darf man sich nicht wundern, wenn das Berliner Adreßbuch diesmal noch mehr Mängel als sonst ausweist. DaS war noch ei« schneidiges Vergnüge»! Bei dem vorgestrigen Renneu in Karlshorst kamen folgende Unglücksfälle vor: Bereits bei dem zweiten Hürdenrennen stürzte ein Pferd, als es das erste Hinderniß nehmen wollte. Der Reiter, Jockey Jones, wnrde dabei sattellos, wurde zu Boden geschleudert und erlitt schwere innere Verletzungen, so daß er betäubt liegen blieb. Beim Wiederausspringen des Pferdes traf ein Hnfschlag den Ohnmächtige»; mittels Tragbahre mußte' Jones nach dem Bahnhof und von da aus»ach einem Berliner Kranken- banse geschafft werden.— In dem fünften Rennen stürzte Jockey Klall mit dem„Blanbart", einem Breckow'schen Fuchshengst. Während der Reiter mit leichten Kontusionen davon kam, mußte das sehr iverthvolle Thier, welches de» rechten Borderfuß ge- brochen, auf der Stelle erschossen werden. „Vergnl'iguilgen" dieser Art werden bekanntlich sowohl vom Staate als von Kommunen in vieler Beziehung gefördert! Auf der erste» Nachtomuibus-Liuie Belle-Alliancesiraße— Friedrichstraße— Chausseestraße ist die Frequenz bereits in solchem Maße gestiegen, daß die Oninibns-Konipagme in kürzester Zeit schon die Zahl der Wagen dieser Linie vermehren will, um von 11 bis 2 Uhr einen 10 Minuten-Verkehr einrichten zu können. Ncber daö Treiben der Kinder gegenüber dem Betriebs der elektrischen Bahn auf dem Gesundbrunnen wird sowohl seitens der Polizei, als auch der Straßenbahnbeamten geklagt. Die Kinder laufen nicht nur kurz vor Annäherung der elektrischen Wagen über den Fahrdamm, sondern sie stellen sich auch auf die Geleise, um erst im letzten Moment auszuweichen. Seitens der Behörde ist deshalb die Anregung gegeben, daß die Kinder sowohl durch die Lehrer in den Schulen, wie auch durch die Eltern vor der drohenden Gefahr, der sie sich aussetzen, gewarnt werden. Die Fahrkarten-Automateu auf den Bahnhöfe» geben zu recht häufigen Beschwerden Anlaß, die meistens darauf hinaus- laufen, daß die Apparate zeitweise schlecht funktioniren. Oft bleibt dann nicht so viel Zeit übrig, um ein Schalterbillet zu löse», wenn man noch rechtzeitig mit dem Zuge mitkonunen will Das Fahrgeld ist so gut wie verloren; die Hineingefallenen werden auf ihre Beschwerde von den Bahnbeamten einfach an die Automaten-Gesellschaft verwiesen. Augenscheinlich fehlt es an einer öfteren und genügenden Kontrolle der Automaten hin- sichtlich ihrer Brauchbarkeit. Die AbschachtungSarbeiten am Eckarlsberge beim Viehhof sind ziemlich weit gediehen. Von der abgeschachtete» Erde sind bereits 76 000 Kubikmeter für die Ausstellungsbahnhöfe nach Nixdorf und Treptow gefahren werden. Bei den Abtragungen ist eine interessante Erscheinung zu tage getreten. Dort, wo die Schmelzösen der Eckart'schen Maschinenfabrik ihre Feuerung hatten, war der Lehmboden ö Meter tief so hart gebrannt, daß er einem großen Steinklumpen glich und gesprengt werden mußte. Die Ebnungsarbeiten werden in drei Wochen beendet sein. Ueber das Gelände wird eine Straße vom Weidenweg nach der Zorn- dorferstraße zu gelegt werden. Gesperrt sind für Fuhrwerke und Reiter die Straße» Nr. 17 und 16 der Abtheilung II des Bebauungsplanes, von der Berg- mannstraße bis zur Straße Nr. 19, sowie die Charlottenburger Chaussee, vom Kleinen Stern bis zum Platz am Brandenburger Thor. Eine noble Belohnung ist dem Dienstmann Nr. 835 für die Verhütung eines unabsehbaren Unglücks zu theil geworden. Ter Dienstinan» warf sich mit eigener Gefahr den durchgehenden Pferde» eines Schlächterfuhrwerks entgegen und brachte die wild- gewordenen Thiers zum Stehen. Nach einiger Zeit hat der Eigenlhümer des Fuhrwerks, ein Herr B. in der Elbingerstraße, dem Dicustmann— 50 Pf. in die Hand gedrückt! Ein großer Fabrikbrand beschäftigte in der Nacht zum Freitag die Feuerwehr. In der Blumenstr. 57 stand um l3/4 Uhr früh die Färberei, Appretur- und Walkanstalt von Paul Felber in Flammen. Bei Ankunft der 1. Konipagnie, die zuerst zur Stelle war, brannte bereits das Quergebäude an allen Ecken und Enden vom Erdgeschoß bis unter das Dach. Die nach und nach ein- treffenden Züge der Wehr gaben mit einer Dampfspritze und sechs Handdruckspritzen, sowie ans einigen Hydranten Wasser und er reichten damit, daß gegen Morgen daS Feuer zum Stehen kann Ueber die Entstehungsnrsache verlautet, daß der Fabrikwächter nach 1 Uhr im ersten Stock einen brennenden Ballon mit Säure bemerkte, den er mit einem Eimer Wasser zu löschen versuchte, was ihm indeß nicht gelang; vielmehr griffen die Flammen schnell um sich und theilten sich durch die Transmissions- öffnungen im Nu sämmllichen Stockwerken mit, so daß eine Rettung der Fabrik unmöglich war. Der Schaden an Material ist bedeutend, auch sind mehrere erst kürzlich angeschaffte theure Maschinen vollständig vernichtet. Die Löscharbeiten waren durch das den Hof überdeckende Glasdach sehr erschwert. Der be- deutende Schaden soll durch inehrere Versicherungen gedeckt sein. Die Anfräumungsarbeiten werden mehrere Tage in Anspruch nehmen. Durch eine» Spreugschnß verunglückt, wurde am Freitag Morgen der Zljährige Arbeiter Julius Klitsche aus Liepe a. O. in ein hiesiges Krankenhaus gebracht. Klitsche war in Liepe mit Sprengen von Steinen beschäftigt und hatte eben einen Stein angebohrt und mit der Ladung versehe», als plötzlich der Schuß, den er zu entzünden im Begriffe stand, frühzeitig losging. Der Mann wurde in das linke Auge getroffen und so schwer ver- bräunt, daß sein Znstand sehr bedenkich erscheint. Die Tlljährige Kellnerin Anna L., über deren Mißhandlung durch einen rohen Menschen wir am Mittwoch be- richtet haben, theilt uns mit, daß sie diesen Patron nicht, wie von uns berichtet worden, schon ein ganzes Jahr, sondern erst wenige Wochen gekannt hat. Ei» Unfall mit tödtlichcm Ausgange, der voraussichtlich noch ein Strafverfahren zur Folge haben wird, hat sich am Dienstag auf dem Grundstück Jagowstr. 15 ereignet. Dort spielte auf dem Hofe die zweijährige Elisabeth Krause, als plötzlich von oben herab ein Mauerstein dem Kinde auf den Kopf fiel und auf der Stelle tödtele. Die Staatsanwaltschaft beschlag- »ahmte die Leiche und ließ sie durch Gerichlsärzre öffnen. Dabei ergab sich unzweifelhaft, daß der Tod durch eine Kopf- und Gehirnverletznng infolge des Stcinfalles herbeigeführt worden war. Der Unfall war daher gekommen, daß ein Stein der Brandmauer sich losgelöst hatte und herab- gefallen war, als ein Schornsteinfeger seine Leine über die Mauer hinweg zog. Es fragt sich nun, gegen wen sich das Straf- verfahren wegen fahrlässiger Tödlung richten wird, gegen den Hausbesitzer, weil er es unterlassen hat, den Stein zu befestigen, oder gegen den Schornsteinfeger, der den Unfall unmittelbar herbeigeführt hat. Z» dem Unglücksfall bei der Firma Otto, über die wir kürzlich berichtete», wird uns jetzt mitgetheilt, daß die Ver- letzungen, welche der junge Arbeitsbnrsche an einer Maschine er- litten hat, erfreulicheriveise nicht so bedeutend sind, wie anfangs von unserem Berichterstatter geglaubt wnrde. Es soll Aussicht vor- Händen sein, die Arbeitssähigkeit des jungen Mannes wiederherzn- stellen. DerVerunglücktehabe.so wirdnns nochgemeldet, ohne Wissen des Herrn Otto, der seit einiger Zeit verreist war, an der Maschine gearbeitet, an der eine Schutzvorrichtung kaum an- zubringen sei; auch habe der Prinzipal von den Ueberstunden, die der junge Mann zum theil machte, nichts gewußt. Es sei eitens der älteren Arbeiter noch kurz vor dem Unglücksfall eine Warnung an den jungen Kollegen ergangen, sich mit der Maschine abzugeben. Neberfalleu worden ist nach ihrer Angabe in der letzten Nacht die 51jährige Arbeiterin Therese Scherbarth, die in der Mehnerstr. 10 wohnt. Sie wurde heute Morgen gegen 2 Uhr von einem Schutzmann bewußtlos und aus zwei Kopfwunden blutend vor dem Hanse Nr. 39 der Straße am Friedrichshai» aufgesunden und mit einer Droschke in ein Krankenhaus ge- bracht. Hier hat sie bei ihrer späteren Vernehmung angegeben, le sei in später Nacht nach Hanse gegangen, ohne weiteres von unbekannten Männern überfallen und mit Messer» bearbeitet worden. Die Kopfwunden scheinen in der That von einem Messer herzurühren. Pvlizcibericht. Am 25. d. M. abends gerietst im Wäsche- trockenraum eines hiesigen Hotels in der Friedrichstraße ein Mädchen beim Kämmen ihrer Haare mit diesen in das Ge- triebe einer Welle und wurde mehrere Male um dieselbe herum- geschleudert, wobei ihr fast die ganze Kopshaut abgerissen wurde. Das Mädchen wurde noch lebend nach der Universitüts-Klinik ge- bracht.— Am 26. d. M. vormittags wnrde ein sechsjähriger Knabe an der Ecke der Acker- und Jnvalidenstraße durch eine Droschke überfahren und am Kopfe und am Arme erheblich ver- letzt._ J» der Potsdamerstraße fiel ein Hausdiener von einem Handwagen, auf dem er eingeschlafen war, herab und zog sich eine bedeutende Verletzung an der Stirn zu.—'Auf >em Belleallianceplatz wurde Mittags eine Frau durch einen Vferdebahmvagen überfahren und innerlich anscheinend schwer verletzt.— An der Ecke der Jork- und Möckernstraße gerieth ein Schmied unter die Räder eines Geschästswagens und erlitt einen chweren Rippenbrnch.— Abends wurde am Friedrichshain eine Frau mit einer bedeutenden, anscheinend von einem Fall her- rührenden Verletzung am Kopf angetroffen und nach dem Kranken- Hause gebracht.— In der Nacbt zum 27. d. M. brach im Hause Blumenstr. 57 in einer im Qnergebäude belegenen Färberei Feuer aus. das die sämmtlichen Stockwerke und den Dachstuhl ergriff. Außerdem fanden am 26. d. Mts. vier unbedeutende Brände statt. WitteruugSiibersicht vom 27. September 1895. �CtlC�'�l-UUllVTC|IIV v&VHHUVttiv, vm ÄO. SS-t+U» Ein wenig kühleres, zeitweise nebeliges, vorwiegend heiteres, trockenes Wetter mit schwachen nördlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Nun st und MHflTenstkzufk. In, Schiller- Theater gab es am Donnerstag Abend eine wirkliche Premiere.„D i y a b, der Narr" heißt eine„Komödie" eines jungen Dichters aus Posen, namens Ludwig I a c o- o w s k i. Das Schiller-Theater hat in dem Stück, das es gegen alle sonstige in diesem Institut gangbare Regel wirklich zu Uererst ausführte, keinen üblen Zug gemacht. Das Publikum, das sich in der Wallnerlheaterstraße aller Theatermisöre zum trotz Abend für Abend in dichten llleihen zusammenfindet, ist empfänglich und dankbar für hübschen bunten Schimmer und für Worte, die schön klingen und bei denen man sich trotzdem nichts zu denken braucht. WaS in hübschen Bildern am unbestimmten Ort und an irgend einem beliebigen Datum der Weltgeschichte sich da unten in der Wüste Prachtgefilden zutrug, das war lieblich an- zuschauen und anzuhören; und wer wollte, konnte sogar irgend einen tieferen Sinn in das lyrische Ausstattungsstück hineinlegen. Drei Söhne besitzt der Scheikh eines Araberstammes der Sahara; Sadi und Mansur sind von echter Rasse und schneidig: Diyab dagegen ist mit einer weißen Sklavin, gezeugt und gilt daher nicht für voll. Vorläufig bleiben des Bastards Talente noch im stillen und da der Alte seine Mutter beschimpft und ihn ungerecht behandelt hat, beschließt er, sich als Schalksnarr zu gebärden. Eines Tages, denkt er, wird der Augenblick schon kommen, wo die unter dem Eselsfell der Thorheit versteckte Kraft und Weisheit ihm zur Höhe führt ans der niederen Schande und dem Spott, den er als Rinderhirt erdulden muß. Zwei Menschen auf der Welt wissen nur seine Menschenwürde zu schätzen: Omar, des Scheikhs Neffe, dem er einst unter dem Siegel der Verschwiegenheit das Leben gerettet, und die schöne Zadija. In die von Märchendnft und Schalks- gespött durchwehte Wüstennacht bricht aber plötzlich die Kunde herein von der Ankunft des Erbfeindes, der Tuaregs, die nach dreißigjähriger Friedenspause schmachvoll die heiligsten Güter der Nation, nämlich alles schöne Rindvieh stracks von der Weide gestohlen haben. Die Garden des Scheikhs setzen dem Erbfeind nach, unter der schlechten Führung der verweichlichten Prinzen aber werden sie meuchlings in die Flucht gejagt und alles wäre verloren, wenn Diyab, der Narr nicht plötzlich den Gegner durch unglaubliche Tapferkeit in Respekt setzte und die Ochsen wieder ihren Heimath- lichen Triften zuführte. Diyab wird schließlich Scheikh und kriegt auch noch die schöne Zadija zum Weibe. Ein solches Stück giebt Leute», die einen tiefen Sinn wittern, natürlich Lust zum Auslegen und so konnte man ver- nehmen, daß das verachtete arbeitende Volk oder auch das — Jndenthum in dem Helden des Stückes symbolisirt sei. Das arbeitende Volk würde sich natürlich für die ihm zngemuthcte Narren- und Heldenrolle bedanken; und was das Jndenthum be- trifft, so möge dieses seinen dichtenden Naiuensgenossen selber ins Gebet nehmen, falls dieser wirklich platt genug gewesen sein ollte, den komischen Anstrengungen gewisser Kreise in Israel, partout ins Osfizierkorps einzurücken, Rechnung zu tragen. Uns ist es gleichgillig, ob der Dichter Jacobowski symboli- siren wollte oder nicht; eine etwa vorhandene Tendenz würde, auch in der demülhigsten Form ausgedrückt, die Mängel seines Stückes keineswegs gefälliger machen. Und über die Mängel wird man sich trotz des morgenländischen Ausstatlungsflitters schwer hinwegtäuschen können. Nichts läßt sich gegen die Hand- lung sagen, die in ihrer Bescheidenheit ganz wacker vorwärts chreilet, und auch die Sprache ist geschmeidig und nicht arm an mancherlei Bildern. Aber durch die ganze Dichtung geht ein lyrisch-geleckter To», der einen weder warm noch kalt macht, und in all' den weisen Narrheiten und närrischen Spitzfindig- leiten, mit dem der Held brillirt, steht nichts. was die platte Mittelmäßigkeit nicht mit selbstgefälligem Kopfnicken unterschreiben könnte. Und da kommt denn der Schluß, daß„Diyab, der Narr" neben anderen Dutzend- 'abrikaten der heutigen Bühne sehr wohl bestehen mag, aber nichts weniger als ein Ereigniß ist. Seine Weisheit ist vielleicht »och»m einige Grade schaler als die in Fulda's„Talisman" verkündete. Die Darstellung war, wie man sie im Schiller-Theater er- warte» konnte; mittelmäßige Kräfte gaben sich zum Theil mit, zum Theil ohne Erfolg Mühe, nicht anzustoßen. Namentlich Herr Froböse lhat als Darsteller der Titelrolle sein bestes, Jum nicht nur den Anforderungen seines bescheidenen Stammpublikums gerecht zu werden.__ Ter Versuch der königlichen Staatsanwaltschaft, den Gesangverein„Einigkeit III" in L a n k w i tz- L i ch t e r- ' e l d e zu einem politischen Verein zu stempeln, ist für dieses Mal gescheitert. Die erste Strafkammer am Landgericht II hat in ihrer gestrigen Sitzung den Vorfitzenden des Vereins, Gips- arbeiter Max Haucke, von der Anklage wegen Vergehens gegen das Vereinsgesetz(Nichteinreichung der Mitgliederliste) freigesprochen, nachdem das Schöffengericht auf 15 M. Geldstrafe(das niedrigste Strafmaß) erkannt hatte. Der Thatbestand, welcher der Anklage zu gründe lag, wnrde dadurch besonders interessant, weil es sich hier um einen Fall handelte, in welchem es die Staalsanwaltschasl durchsetzen wollte, das Urlheil formell nnbetheiliater Personen maßgebend sein zu lassen für die Feststellung der Tendenz eines Vereins. Ter Angeklagte erklärte vor der Strafkammer, daß der Verein zum Arbeiter- Sängerbunde gehöre, der keinen anderen Zweck verfolge, als den gemeinschaftlichen und billigen Bezug von Noten und ähnlichem Material. Wie aus der Vernehmung des einzigen Belastungszengen, eines Gendarmen, hervorging, log der ganzen Anklage nun folgender Thatbestand zu gründe: Als der Verein begründet wurde, habe der Vorstand ein Statut eingereicht, in welchem sich die Bestimmung befand:„Mitglieder des Vereins können nur die Mitglieder des Volks- Bildung?- vereins werden." Was der Verein sonst getrieben hah-, wisse er nicht, er habe keinen Auftrag erhallen, sich mit dem Verein zu befassen. Erst in einer öffentlichen Volks- Versammlung der Sozialdemokraten am 24. März diese? Jahres sei er— Zeuge— wieder auf den Gesangverein aufmerksam gemacht worden. In dieser Bersammlung habe man dem Gesangvereins- Vorstande Vorwürfe ge- macht, daß ein Vergnügen in eineni Lokale abgehalten worden sei, welches der Partei verschlossen wäre. Daraus sei erwidert worden:„Der Verein besteht jetzt nicht mehr aus lauter überzeugten Genossen wie früher. Jetzt seien auch Mitglieder darin, die gar nicht Sozialdemokraten sind!" Der Tischler Kanowade und der Maurer Marquardt hätten noch das Resümee gezogen:„Das ist ja gerade der Vortheil, daß wir die Indifferenten aufnehmen und all- m ä l i g zu ü b e r z e u g t e n G e n o s s e n e r z i e h e n!" und: „Der Gesangverein soll eine Vorschule der Sozialdemokratie sein!" Diesem Belastnngs- Material stellte der Vertheidiger, lliechtsanwalt H e r z f e l d, vier Zeugen gegenüber, welche übereinstimmend bekundeten, daß in den Versammlungen des Vereins niemals von Politik ge- redet worden sei und daß der Verein niemals ans politische Angelegenheiten einzuwirken versucht habe. Ferner legte er das Statut des Vereins vor, welches in seinem Z 6 bestimnu. daß jeder 18jährige unbescholtene Mann Mitglied weroen könne und in einem anderen Paragraphen ausdrücklich feststelle:„Politik darf in den Uebungsstunden nicht getrieben werden." Im übrigen legten die Zeugen Kanowade und Marquardt ihre Aeuße- rungen'in der Volksversammlung dahin aus, baß sie nicht gemeint hätten, im Gesangverein wurde Politik gelrieben, sondern nur. daß die indifferenten Mitglieder dlirch den persönlichen Umgang mit Parteigenossen allmälig für die Partei gewonnen würden. Der Vertheidiger plädirte aus thatsnchlichen und rechtlichen Gründen für Freisprechung, da kein Moment vorliege, welches geeignet sei, de» Verein zu einem politischen zu stempeln. Staats- anwalt Schäffer war dagegen der Meinung, daß hier nicht der Begriff des politischen Vereins, sondern nur die beabsichtig'e Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten in betracht komme. Wenn ein Gesangverein allwöchentlich eine Versammlung abhalte, in welcher erst eine Stunde laug gesungen werde, worauf die Fidelitas beginne und über politische ThemataS gesprochen iveibe, dm», werde von der Mehrznhl der Mitglieder, die einer politischen Meinung sind, das Gespräch in diesem Sinne beeinflußt, die Andersgesinnten wurden für die Meinung der Majorität gewonnen und darin sei schon eine Einwirkung aus öffentliche Angelegenheiten zu erblicken, denn der nnzweiselhaft politischen Partei würde» neue Anhänger gewonnen. Die Statuten seien zwar nach Außen hin geändert worden, iniJnnern sei der Verein derselbe geblieben, der er früher war. Wenn der Zeuge Labjuhn dem Verein vor- warf, daß er nicht genug Mitglieder im Partci-Jnteresse erziehe, so liege darin nur der Vorwurf, daß der Verein nicht seine volle Schuldigkeit thue und nicht energisch genug auf öffentliche Angelegenheiten einwirke, die politische Tendenz des Vereins iverde dadurch nicht verneint, sondern direkt bestätigt, weshalb er Verwerfung der Berufung beantrage. Der Gerichtshof entschied, daß der Verein seinem früheren Statut nach„sehr verdächtig" sei, eine politische Tendenz und die Ein- Wirkung aus öffentliche Angelegenheiten zu verfolgen, doch hiw reichend nachgewiesen sei dies nicht und deshalb müsse das erste Urlheil aufgehoben und auf Freisprechung erkannt werden. Für diesmal wäre also der Versuch, neben anderen um politischen Organisationen der Arbeiter auch den Arbeiter Sängerbund beim Kragen zu packen, noch sehlgeschlagen. Wege« Uebertretnng des PolizeireglenicutS über das Drvschkeuwesen vom 20. Januar 187a hatte sich vorgestern der Droschkenkutscher S. vor dem Kammergericht zu verantworten. Er halte am 28. Dezember 1894 für eine Fahrt mit drei Fahr- gaste» von der hiesigen Krenzbergstraße nach der Kaiser Friedrich- straße in Schöneberg 1'/- M. berechnet, während er nach Ansicht der Behörde nur 1 M. zu fordern gehabt hätte. S. wandle ein, daß er sür drei Personen zweifellos 1 M., außerdem aber nach dem Reglement noch als Zuschlag für eine Fahrt nach einem außerhalb des Polizeibezirks gelegenen Vororte 50 Pf. verlange» konnte. Er wurde daraufhin auch sowohl vom Schöffen- gerichl wie von der Slraskammer freigesprochen, wogegen aber die Staatsanwaltschast mit dem Hinweise Berufung ein- legte, daß in dieser Frage nur der amtliche Wegemesser maff gebend sei, der oft eine kurze Strecke über den Stadtbezirk hinübergreife. In§ 40 des Reglements heiße es aber:„Soweit Straßen und Straßenantheile, die gar nicht oder nicht ganz zum Polizeibezirk von Berlin gehören, in dem Wegemesser mit Farbenabschnilten bezeichnet sind, gelten dieselben als zu jenem Polizeibezirk zugehörig." Das Kammergericht hob, wie die „Voss. Ztg." meldet, hierauf die Vorentscheidung auf und wies die Sache lediglich nur aus dem Grunde noch einmal in die Borinstanz zurück, um festzustellen, ob die erwähnte Straße in Schönederg lhatsächlich in die betr. Farbenabschnilte falle. Wer unter Umständen als Veranstalter einer öffeut- lichen Kollekte angesehen werden kann. In der Nähe von Frankfurt a. M. fand eines Tages eine Arbeitcrversammlung statt, welcher der Genosse Riedel präsidirte. Im Laufe der Ver- Handlungen wurde aus der Mitte der Versammelten der Vor- schlag gemacht, eine Tellersammlnng zu veranstalten. Der Vor- sitzende ließ darüber abstimmen und bat die Anwesenden um die Bezeichnung zweier Personen zur Vornahme der Sammlung, als der Antrag angenommen war. Daraufhin wurde R. angeschuldigt. eine Regierun�s- Verordnung vom 5. März 1877 übertreten zu haben, nach tvelcher öffentliche Kollekten ohne Genehmigung der Regierung nicht veranstaltet werden dürfen. Das Schöffen- gericht vcrurtheilte ihn auch zu einer Geldstrafe von 10 M., weil die Versammlung eine öffentliche gewesen und er als Ver- an st alter der Kollekte anzusehen sei. Die Berufung bei der Strafkammer in Frankfurt hatte Erfolg; R. wurde unter der Begründung freigesprochen, daß er nicht der Veranstalter der Kollekte gewesen und als solcher nicht angesehen werden könne, weil der Vorschlag aus der Mitte der Versammlung gekommen fei und er als Vorsitzender darüber habe abstimmen lassen müssen. Gerade hierin sah aber die Staatsanwaltschaft zum mindesten die Mitwirkung bei der verbotenen Aussührung und Veranstaltung einer öffentlichen Kollekte. Unter Hinweis darauf, daß R. sich nicht passiv verhalten, sondern über den Antrag ab- gestimmt und schließlich noch um die Nennung von zwei Leuten zur Vornahme der Sammlung ersucht habe, erhob der Vertreter der Anklagebehörde die Revision. Das K a m m e r g e r ich t gab derselben statt und verwies die Sache an die Vorinstauz zurück. Diese vermochte aber trotz des dahingehenden Spruches des hohen Gerichtshofes in der Lindenstraße nicht einzusehen, daß sie sich in einem Rechtsirrthum befunden habe, sie sprach N. abermals frei. Darauf erneute Inanspruchnahme der Revisionsinstanz durch die Staatsanwaltschaft. Ter Strafsenat des Kammer- gerichts entschied wie beim ersten Mal, verwies jetzt aber die Sache nicht wieder an die Strafkammer in Frankfurt, sondent an die in Wiesbaden. Gründe: Ter Begriff der Ver- anstaltung einer Kollekte sei abermals verkannt worden. Zu der Veranstaltung der Kollekte seien auch die Maßnahmen zu rechnen, welche dazu diene», das Zustandekommen der Kollekte zu sichern. Dazu gehöre aber die Abstimmung und die Bitte an die Anwesen- den, Sammler zu bezeichnen. Gegen das Neiuigen n»d Bestreuen der Bürgersteige im Winter, eine Arbeit, die bekanntlich unsere Hausbesitzer zu leisten haben, hatte ein derartiger Grundeigen- thümer in der Lothringerstr. 2S p r o t e st i r t lind den P rote st auch ins praktische übersetzt, indem er im vorigen Winter den Bürgersteig weder vom Schnee und Eis reinigen, noch Asche streuen ließ. Der Protestler ging von der Annahme aus, daß die Polizei wohl die Beseitigung der Schncemassen zu fordern habe, aber diese Arbeit dem Hauseigenlhümcr nicht zukomme, da dieser sich beim Bau eines Hauses seiner Rechte an den Vürgersteig zu gunsten der Stadl entäußere. Der oben erwähnte Hans- besitzer erhielt nun ein polizeiliches Strafmandat wegen Nicht- reinigen des Vürgersteiges, erhob jedoch Einspruch und es kam zur gerichtlichen Entscheidung. Der Verklagte wurde in alle» drei Instanzen verurtheilt, indem sich die sämmtlichen Richter auf den Staudpunkt stellten, daß, wenn auch der Eigenthümer sichsaller Rechte bezuglich der Bürgersteige begebe, er doch die Pflichten habe, den Vürgersteig reinigen zu"lassen. Die diesbezügliche polizeiliche Verordnung bestehe zu recht und aus diesem Grunde sei Beklagter mit 2 M.— die Polizei hatte ein Strafmandat über 3 M. erlassen— kostenpflichtig zu verurtheilen. Der„Brcslaucr Zeitung" zufolge wurden am Freitag die wegen des am 20. August d. I. im Bankgeschäft Jaffe u. Cie. begangenen Einbruches angeklagten Wiesner, Lang und Gebhardt vom Schwurgerichte ohne Zubilligung mildernder Umstände zu Zuchthausstrafen verurtheilt. Gegen Wiesner wurde auf 12 Jahre, gegen die beiden letzteren auf je 3 Jahre mit zehn- jährigem Ehrverlust und Zulassung von Polizei-Aufsicht sür alle drei erkannt. VevftumnluttJgett. Textilarbeiter. Am 23. d. M. tagte im Englischen Garten eine öffentliche Versammlung sämmtlicher Textilarbeiter und -Arbeiterinnen. Kollege Lehmann sprach über die Wahl einer Agitationskommission sür die Provinz Brandenburg. Kollege Staan wünschte, daß nur solche Kollegen gewählt werden, welche auch mit den Artikeln, die die zur Organisation heranzuziehenden Arbeiter produziren, vertraut seien. Mehrere Redner wandten sich dagegen und wiesen treffend nach, daß dies nicht durch- fttbrbar und für die Sache selbst nicht von erheblicher Be- deutung sei. Gewählt wurden die Kollegen Lehmann, Kotzcke und Staan. Aus dem Bericht des Vertrauensmannes ist zu entnehmen, daß die Einnahnie ö2,10M. und die Ausgabe 28 M. betrug; es fanden zwei öffentliche Verfantmlungen statt. Die Neuwahl des Verirauensmannes wurde bis zur nächsten offent- lichen Versammlung vertagt. Nach dem Berichte des Kollegen Reimann über seine Tdatigkeit im Gewerkschastskartell wurde als Vertreter zuni Gewerkschastskartell der Kollege Müller gewählt- Ein Attentat auf ciue» Eisenbahuzug ist in Sachsen verübt worden. Einem Wolff'schen Telegramm aus Plauen zu- folge wird dem„Voigtländischen Anzeiger" aus Hammerbrücke gemeldet: Ter Personenzug, welcher Donnerstag Abend 3 Uhr 13 Minuten die dortige Hallestelle verlassen hatte, kam in der Nähe des Bahnüberganges bei Wcidlich's Gasthanse zum Halten, nachdem kurz vorder ein schußähnlicher Knall weithin zu hören war. Wie festgestellt wurde, war ein mit Sprengpnlvcr gefüllter Behälter mit Draht auf den Schienen befestigt, der beim Ueber- gang des Zuges explodirte. Größeren Schaden hat die Explosion nicht angerichtet. In Trossingcn bei Roltweil(Württemberg) sind in der Nacht zum Donnerstag 30 Gebäude abgebrannt. I» London verhastete die Polizei am Freitag einen Mann namens Bailey als Theilnehmer an dem am 2ö. d. M. verübten Diebstahl von Silberbarren. In seiner Wohnung wurde ein Theil des Silbers im Gewicht von 6—7 Zentnern gefunden. Nach einer Meldung auS Honolulu sind 86 Erkrankungen an Cholera vorgekommen. Vierzig Personen sind gestorben, darunter drei Weiße. Die Epidemie ist jedoch lokalisirt. In Waco- Texas stürzte in der Nacht zum Donnerstag ein Wohnhaus ein, wobei 16 Personen im Schlafe getödte? wurden. Briefkasten der Redaktion. Wir bitten bei jeder Anfrage eine Chiffre(Zwei Buchstaben oder eine Zahl) anzugeben unter der die Antwort ertheilt werden soll. Die juristische Sprechstunde findet am Montag Mittwoch, Freitag und Sonnabend abends von 7—8 Uhr statt. B. W. Akzeptirt, wird in nächster Woche veröffentlicht. Gruß. B—s. Ihre Frage über den Vergolderstreik können wir blas mündlich beanlworlen. Wette. Das Reaumur'sche Thermometer ist zwischen dem Gefrier- und Siedepunkt des Wassers in 80 Grade eingetheilt. Bucb, Miilhausc». Daß mit unseren Bemerkungen in der Nr. vom 20. d. M. nicht Sie gemeint waren, verstand sich ja für jedermann von selbst. Daher erübrigt sich der Abdruck Ihrer Erklärung. Gärtner. Dem Wirth steht ein Zurückbehaltungsrecht an den eingebrachten Sachen zu. In welchem Umfange ihm dies zusteht, ist ausführlich an dieser Stelle, z.B. in der Nummer vom 13. Juli d. I. dargelegt.— SOS. Ihnen steht nach zu- treffender Ansicht für den Fall der Invalidität(d. i. fast völlige Erivcrbsunsähigkeit) ein Anspruch auf Invalidenrente und nach vollendetem 70. Lebensjahre ein Anspruch aus Altersrente zu.— S. C. Wenden Sie sich an den hiesigen Standesbeamten und an Ihre Heimathsbehörde.— C. K. SOO. 1. Die Uebertragung des Eigenthums auf Ihre Frau wäre nutzlos. 2. Das Eigen- thum Ihrer Frau haftet für Ihre Schulden nicht. Briefkasten der Expedition. Für die Familien der im Essener Meineidsprozeß Verurtheilten gingen bei uns ferner ein: T. 3,—. Vom rothen Karl ans der Falckensteinstraße 1,—. Gesammelt von den Zigarrensortirern bei Späth 3,60. Eine Rotte Priesenbrüder von Köpenick und Adlershof 20,—. Bei einer Geburtstagsfeier'in der Beuffelstraße gesammelt 7,35. Kittelmann, Zürich 8,—. Summa 42,95 M. Bereits quittirt 9333,43 M.; in Summa 9376,38 M._ Besuchszeit verschied ener Museen und sonstiger Sehenswürdigkeiten. Altos und Neues M« fe»m ain Lustgarten. BefuchSzett tägUch, mit Ausnahme des MontagS in den e Winterinonalen von 10— s Uhr, in den s Sominermonaten von 9— s Uhr,- Sonntags im April— September 12 bis 0 Uhr, Oltobcr und Mär, 12— s Uhr, November und Februar 12— t Uhr, Dezember und Januar 12— s Uhr(Unentgeltlich).— Die National- g a l l e r i c in der WlufcumSstrabe. Besuchszeit Wochentags von lo— s Uhr (MontagS ausgenommen). Sonntags im April— September von>2 bis 6 Uhr, im Mär, und Oltober 12— s Uhr, Februar und November 12 bis t Uhr, Januar und Dezember 12— s Uhr(Unentgeltlich).— Kun stg ew e r beMuse u m. Prinz Albrechistr. 7. Geöffnet an den Wochentagen(Montags auSgenvnune») im Sommer von 9—3 Uhr, im Winter von lo— 3 Uhr, E o» n l a g s, April— September von 12— o Uhr, Ollober und März 12—3 Uhr, Novimber und Februar 12—4 Uhr, Dezember und Januar 12—3 Uhr(Unent- geltlich).— Museum für Böllerlunde, Königgrätzerstr. 120. Besuch»- zeit wie im Äunstgewerbe-Museum(Uncntgelllich).— H y g i e n e- M uf e u m, »losterstr.-5. Besuchszeit Sonntags wie iui Kunstgewerbe-Muscum. Außer- dem Dienstags und Freitags von 10—2 Uhr(Unentgeltlich).— Museum s 11 r Naturkunde, Jnvaiidenstr.«2. Besuchszeit Sonntags wie im Sunst- ociverbe-Muicnm. Außerdem Montags und Sonnabends von 11—3 Uhr— Museum für deutsche Volkstrachten und Erzeu gnisse des C a 11 ä(1, werbe«,«losterstr. 36. Jeden Dag mit Ausnahme des Mittwochs von 11— 2 Uhr gcöffnel. Einirillsgeui: Erwachsen« 60 Ps., Kinder 2» P?., Vereine Connlags 10 Pf.— R e i ch s p 0 st- M u s e u m, Letpzigerftr. IS. Ge- öffnet Sonntags 12—2 Uhr, MontagS, Dienstags, Donnerstags, Frettags von Ii— 2 Uhr(Unentgeltlich).— NathhauS, Äänigstraßc. Geöffnet täglich außer Donnerstag und Freitag von 11— 3 Uhr.(Unentgeltlich). AuS- sichlZlhurm(ebensalis unentgcltl ich).— Kunstausstellung des Vereins Berliner Künstler, Wtlhelmstraße 92. EomitagS Ii bis 2 Uhr, Wochentags 10 bis» Uhr. so Pfenntg Entree.— Sternwarle, Enckeplah sa. Mittwochs und Sonnabends von 0 bis ll Uhr Vormittags.— Urania, Wissenschaftliches Theater. Sternwarte. anvalidenstr. 57—02. Geöffnet von 5 Uhr Nachmittags bis 10): Uhr Abends, ntree r.o Pf. Zuschlag sür Theater von so Ps. bis 2 M.— A q uartum: Echadowsir. it. Geöffnet von s— k Uhr. Entree Sonntags so Ps., an jedem leyien Sonntag im Monat 25 Ps.— Castan�S Panoptikum, Friedrich- straße. Geöffnet 10-10 Uhr. StntrillSpreiS 60 Ps.— Passage- P a n 0 p t t l u IN 10- 10 Uhr. Eintrittspreis so Pf.— Marin e- Panorama. Am Lehrter Bahnhof. Sonntags von 9—9 Uhr. Enttes 60 Ps.— Kaiser-Panorama, Passage( Unter den Linden). Geöffnet von 0 Uhr Morgens bi« Iv Uhr Abends. 300 verschied-»- Neisen, Landschaft«- btidcr. Jede Reise 20 Ps.— Zoologischer Garte». Lühowiiser. SonnlagS so Ps.— Borsig's Garten mit PalmenhauS, Alt- Moabit 36— 86. Eintrittspreis so Pf. Für denInhnlt der Inserate über- »imint die stiedaktion deinPubliknm gegenüber keinerlei Berantwortnng Theater/ Sonnabend, den 23. September. Npernffans.(Kroll's Theater.) Die Hochzeil des Figaro. Kchauspielliana. Mirandolina. Der Diener zweier Herren. Denksiche» Theater. Die Mütter. Keriinrr Theater. Der Pfarrer von Kirchield. Lesstng• Theater. Madame Sans- 63ne. Friedrich-Utilhrtmstädt. Theater. Die Reise nach dem Mars. Ueue» Theater. Sonzogno-Gastspiel. Hchiller-Nhrater. Diyab, der Äarr. Krstdenj-Theatrr. Der giabenvater. Vorher: Aber die Ehe! Adolph Ernst-Theater. Parade- bninmler. Eentral-Thrater. Eine tolle Nacht. Aleranderpiah-Theater. Ein Kind der Liebe. Vorher: Wahn und Wahnsin», oder: Sie ist wahnsinnig. Ztatioual- Theater. Die Königs- tochler als Bettlerin, oder: Die Schule des Lebens. Theater älnter de» Linden. Die Chansonnette. Vurschenliebe. Anterira»- Theater. Bulgarien i» Berlin. Die Millionenerbin von Rixdorf. Apollo- Theater. Spezialitäten-Vor- stelluiia. Neichohallen-Theater. Spezialitäten- Vorstellung. II s 11 i s Anstalt für volksthümliche Naturkunde, Am Larries-Ausstellungspark (Lehrter Bahnhof). Ccöflnct von 5— 10 Uhr. Täglich Vorstellung im wissenschait- iichen Theater. Nähere» die Anachlagzettel' SchiUer-Theater. (Wallner-Theater.) Sonnabend: Diijab. der zikarr. Sonnlag Nachmitlag: Götz Kerlichinge». � Abends: Ionrnalistrn. von Die FritdriA Wilheltiifliidt. Mcr ä5/äß. Ehanst'eestr. 25/26. z&jr Kcnte, 2 Dorstrllungrlr der Liliputaner."MhZ Nachm. 3 Uhr: Kindervoratellnng. Zum 1. Male: Sueewittchen und die sieben Zwerge. Abends 7'/- Uhr: Die Reise lilllsj dein Mars. Sonntag: 2 Vorstellungen. Nachm. 3 Uhr und abends 7>/2 Uhr: Die kleise naoh dem Mars.| | Die Soiree» der aitbelirbte» Stettiner (Meysela Pietre, Britto», Steidl, Krone, Röhl und Schräder) finden von nun an statt: Jeden Lonutag und Donnerstag in Sanssouci, Kollbuserstr. 4a. Jeden Dienstag im Böhmischen Brauhaus, Landsberger Allee. Jeden Nontag und Donnerstag in der Victoria- Brauerei, Lützowstr. 111/112. Stets wechselndes, grossartiges Programm! Kanarien- Hohlroller verk. billig Kirchhain, Tauenzienstr. 4. 3b3b Mnschclspiegel billig zu verkaufen. Franksurrerstr. 107, v. 3 Tr., Godau. Central-Tliealer. Alte Iaffobstr. 30. Sonnahend, den 28. September 1895: Emil Thomas a. G. Novität! Zum Ä5. Male: Novität! Ciuk tolle Klllljt. Große Ausstatlungsposse mit Gesang und Tanz in 5 Bildern von Villi. Manustädt und Jnlins Freund. Musik von Julins Einödshofer. In Szene geletzt v. Dir. Richard Schulta. Ansang 7V2 Uhr. Morgen: Zum 26. Male: Eine tolle Nacht. Almmfeeptoh-TIusser AIrranderstr. 40. Direkliou: Max Samst. Um S'/a Uhr: Pikante Novität 1 Pikante Novität! Gin Kind der Liebe. Siitenbild in 4 Akten v. Aar Balpern. Vorher: Wahn und Walinsinn oder Sie ist wahnsinnig. Schauspiel in 2 Akten von Melesville. Bearbeitet von W- Lembert. Regie: Max Sainst. Morgen: Dieselbe Vorstellung. m Aücazar.™ Variete- n. Spezialitäten-Theater. Dresdenerstr. 52/53, Aunenstr. 42-43 (Eity-Passage). Vornehmster Familienanf enthalt! Virfen- KrogrANttn. Line Partie Seat. Posse von Adler. Musik von R. Thiele. Regie: E. Stempel. Ans. Wochent. 8, Sonntags 6 Uhr. Entree„ 10 Ps.,„ 30 Pf. Morgen: Dieselbe Vorstellung. »MW Direktion: R.VlnkIer.WM Adolph Ernst-Theater. Uaroilkwmmlkr. Gesniigsposse in 4 Akten von Eduard Jacobson 11. Leon Treptow. Kouplets von Ed. Jacobson und Gustav Görß. Musik von Gustav Steffens. In Szene gesetzt von A d 0 l p h E r n st. Zinna Bäckers, Joscfine Tora, Ida Schlüter, Adolph Ernst, Guido Ticlscher, Karl Weiß, Georg Worlitzsch. Anfang 7V2 Ubr. Vev gvöMe war'» da» TUnimuicih zn rngagirrn. Mlle. Mary Äruiotis Das- schöne Modell 1 Weil« gegen 1 Männer jede» Abend S>/2 Uhr. IKsutarosnn's Variete- Theater Köufgstrasse, Kolonnaden. Ferner 18 Capacitäten. Castan's Panopticnm. Friedrichstr. 165. ISalambo? Iffn-fflUU Knrg-«. Woltgangstr.-Ecke. Heute: Eröffnung. Grosse Gala-Vorstellung. Anfang 7'/2 Uhr. Alles Nähere durch Säulen» Anschlag. 3337b W. Noack's Konzert- und 6esellscliafts-SäIe Brunncnstr. 16. Jeden Sonntag, Montag, Dienstag und Donnerstag: Große Extra-Theater- Vorstellung. Schmeichelkätzchen. Lebensbild in 1 Akt von Kläger. Oes LSwen Erwachen. Komische Operette in 1 Akt v. Brand'l. Anltreten neuer Spezialitäten. Nach der Vorstellung: Tanzkränzchen. Passage-PanoptiiM. 43 Möwen vom andern Ende der Welt _(Kumoa). CireusJansly-Leo. Friedrich Karl-Ufer. Sonnabend, den 28. September, abends 8 Uhr: Benefiz für die berühmte Künstlerfamilie Lecusson. Zum 1. Male: Der Teufel auf der Oberwelt. Morgen Sonntag: 2 Vorstellungen. Nachmittags ein Kind frei,__ Viel Geld verdienen Agentr» und Haustrer an guten Schweizer-Artikein, die in jeder Haushaltung fast unentbehrlich, daher leicht verkäuflich sind. Gewerbelegiti- malion wird kostenfrei gestellt.— Man adressire an hleissner's Erp ort- Grsckäft in Kasel(Schiveiz).— Briese nach der Schweiz kosten 20 Pf., Post- karte» 10 Pf. Porto. KMmMmliler-TttsMmlW für den 30. Kommunalwahl-Bezirk umfaftimfr die Skadtdezirke 203 bis 209 Toutttag, den 29. September er., vormittags 9'/- Uhr, im Lokale des Herr» Bnske, Grenadierstr. SS. Tages-Ordnung: I. Vortrag des Genossen Etadlv. Wennsu über: i» der Kerliner Stadtver«altn»g." 2. Diskussion. Kandidaten. 4. Wahl eines Wahlkomitees. _ Di« Uertrnuensperson. „Die Mißstände 3. Aufstellung eines Gegner des Impfzwanges! Yolks-Versammlung°"'®äc,ä; in Co h n's Festsäle»«, Beuthstr. 29— 22. Referent Reinh. Gerling: Die Pockeniinpfnna eine soziale Gefahr. Diskussion. Fragekasten. S5äb Mütter und Väter! Erscheint so zahlreich als möglich hier, wo es sich um Vertheidiguug des höchsten Gutes handelt: um Gesundheit und persöu- liche Freiheit!— Der Vortrag wird den Unwissenden die Augen öffnen, die Wissenden und Wollenden um eine Fahne schaaren! vor Linderuler. Große öffentliche Versammlung der 360b Musikinstrumenten- Arbeiter am Montag, den SO. Septettlber I89S, abends 8 Uhr in„Snd-Ost", Waldemarstrahe 75, Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Gen. G. Wagner über:„Klassenkämpfe". 2. Dis- kussion. 3. Bericht der Liquidations- Kommisston resp. Auflösung derselben. 4. Bericht des Delegirten in der Gewerkschafts-Kommission und Vertrauensmann. Um zahlreichen Besuch ersucht Die Liquidations-Komtnisstott. ! Uergolder. Achtung! Große öffentliche Versammlung am Montag, den SO. September er., vormittags 19 Uhr, in der Berliner Ressource, Kommandantenstr. 57. Tages-Ordnung: 1. Die Situation unseres Streiks. 2. Die Arbeitsniederlegung der Walzer�_ 227/8 OV Die Vergolderinnen und Belegerinnen sind hiermit besonders eingeladen. Die Lohnsiommisfloir. Ich erkläre Frl. Bertha Falk für eine ehrenhafte Person. Fr. l-ueas. Die gegen Frau K o h n k e von mir ausgesprochene Beleidigung nehme ich hiermit zurück und erkläre, daß ich Frau Kohnke nichts Ehrenrühriges nachsagen kann. Frau WnrcKe. Cigarreii!"S°[t;l~n"' Stoffe Paletot_ Eskimo-, Floconns-Reste, Hosen:c. spottbillig Hoher Hteiuwrg 4 12/10(Rathhaus). 8 Oramenstr. 3 SchuhWaaren verkaufe ich von heute ab Herrenzugstiefel v. 4,S0— 9,— M. Damenstiesel„ 3,30—9.—„ Kinderstiesel u. Schuhe„ 0,75—5,50„ 895b C. Darge. Achtung! Kein Laden. Kontroll Schuhmarke. Nur eigene Fabrikation, 25 Zigarren 1 Mark. Garantie rein amerikanische Tabake. Rippeniabak 2 Pfd. 70 Psg. 3223 l.' H. F. Diuslage. Kotlbuserstr. 4, Hof park. 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Max Kirsch, Zeitungsspediteur, Ritterstr. 107. 394b Meinen geehrten Genossen hiermit zur Nachricht, daß ich meine Hut- Fabrik von der Arndtstr. 31 nach der Bergmannstr. 15, schrägüber der Solmsstraße, verlegt habe, und bitte um recht zahlreichen Besuch. 366b MUHelm Uother, Bergmannstr. 15. Verbsuä deutscher Gold- u. Silberarbeiter (Zahlstelle Berlin). Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser langjähriges und treues Mit- glied, der Silberarbeiter .Julius Randau im Aller von 66 Jahren am 25. Sep- tember verstorben ist. Die Beerdigung findet Sonntag, den 29. d. Mts., nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle des Louisen- Kirchhoses (Hermannstraße) aus statt. U», zahlreiche Betheiligung bittet 71/5 Oer Vorstand- Todes-Anzeige. Am Mittwoch, den 25. Sept., nach- mittags 5 Uhr, starb nach kurzen, aber schweren Leiden im Alter von 38 Jahren, unser langjähriger, treuer Kollege, der Gürtler Otto Döring. Alle, die ihn kannten, werden ihm ein dauerndes Andenken über das Grab hinaus bewahren. Die Beerdigung findet am Sonntag. den 29. Sept., nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle des Thomas-Kirchhofes in der Hermannstraße aus statt. s370b Keine Kollegen». Mitarbeiter der Firma Bernhard Joseph. Todes-Anzeige. Allen Freunden und Bekannten theile ich mit, daß meine liebe Frau und unsere gute Mutter 376b Auguste Lroedne� nach langen, schweren Leiden am 26. September verstorben ist. Die Beerdigung findet Sonntag Nach- mittag 4 Uhr auf dem Freireligiösen Friedhofe, Pappel-Allee, statt. Der trauernde Gatte nebst Kindern. Dunksuguug. Für die vielen Beweise der liebe- vollen Theilnahme und die zahlreichen Kranzspenden beiderBeerdigung unseres einzigen lieben, unvergeßlichen Sohnes ftä a x sagen wir allen Verwandten, Freunden und Bekannten unseren tiefgefühltesten Dank. 373b Die trauernden Eltern Paul Biervagen, nebst Frau. Orts- Krankenkasse der Mobelpolirer. In dem vom Bezirksausschusse ge- nehmigten 2. Nachtrag des Statuts hat der§ 13 Abs. 3 folgende Fassung erhalten:„Im Falle der Erwerbs- unsähigkeit vom dritten Tage nach dem Tage der Erkrankung ab für jedsn Ar- beitstag" u. s. w. wie bisher. Berlin, 26. September 1895. 145/13 Oer Vorstand, Der Nachtrag kau» in den Zahl- stelle» sowie im Kassenlokal entgegen- genommen werden. Orts-Krankenkasse der Diichbniiltt ktl. Aus grund des Vorstandsbeschlusses vom 9./9. 95 ist das Kasseulokal, Luisen- Ufer 11, in dem Winterhalbjahr vom 1. Oktober bis 31. März geöffnet von 3—1 Uhr, außerdem Sonnabends von 0—3 Uhr abends. An Sonn- und Feiertagen geschlossen. 23jl2 Oer Vorstand. DM" Achtung!"MU Parquetbodenleger! Die Kollegen der Firma Bosen- leid& Cie. haben wegen Lohndifferenzen die Arbeit niedergelegt. Zuzug ist strengstens fernzuhalten. 76/17* Bie Werkstatt-Kontrollkommission d. Deutschen Holzarbeiter Verbandes. Schriftmaler 327b verlangt Bartel, Breitestr. 30. Junges Mädchen tagsüber für den Haushalt. Voigt, Königsbergerstr. 37. . praiser, der mich decopiren kann, verl. zum Montag. R. 3! o l l e r, 363b Pallisadenstraße 73. Kartonarbeiterinnen finden gute, andauernde Beschäftigung bei «1. Wolff, Nene Friedrichstr. 48. Arbeitsbnrfchen v. 14—16 Jahren finden dauernde Beschäftig, bei Grnssan & Heinrich, Engel-Ufer Ib.(367b Jaquette- Arbeiterinnen finden in unseren Betriebswerkst. lohn. u. dauernde Beschäftigung. Baling Simon& Comp., Andreasstraße 32, Eingang 5. Hin in AaiftreibunK von Blattern u. Blumen, sowie auch sonstige Kunstschmiede tauglicher Schmiedearbeiter erhält dauernde u, lohnende Arbeit in Nils Ericksons Schmiedefabrik. Malmö, Schweden. M BeSSe-AIBiance-Tiieafei» Belle-Alliance-Strasse No. 7/8. Sonntag, den 29. September 1895, nachmittags 3 Uhr: Lehtc öffentlickie Aufführung des Dramas von Atta Ernst. Die geölte S ii n v e. Regie:.Julius Türk. 228/16- Harte» I» den mit Plakate» kelrgte» Geschäften ä 60 Pf. Sämmtliche Plätze werden verloost. ZW- Beginn des neuen Cyclns: Sonntag, den 13. Okiober. VlU Außer in den bekannten Geschäften find noch Karren zu haben bei: SO. Karl Scholz, Wrangelstr. 32. S.„Bureau der Holz- u. Metallarbeiter". Annenstr.39. B e r g n e r. Restaurant, Annenstr. 16. Slitk. Karl Abromeit. Blücherstr. 69. F r e i g a n g, Schützenstr. 13/19. F. Z u b e i l, Lindenstr. 106. G. R ö l l i g, Neue Friedrichstr. 44. Verband der Möbelpolirer. Sonutug» den 13. Oktober 1895: III. Stlttimgsfest in Kellers grossem Festsaal, Koppenstr. 29. Auftreten derj.Gesellschast Strelewicz. Festrede gehalten vom Kollegen Renter. Zum Schluß das Erwachen der Freiheit. Nach der Vorstellung: Tanr; Herren, welche daran theilnehmen, zahlen 50 Pf. nach.— Billets ä 25 Pf. Eröffnung 5 Uhr. Anfang 6 Uhr. ZW- Morgen, Sonntag, nach Schluß der„Urania", geinüthlichcs Bei- »sein im Englischen Garten, Alexanderstr. 27c, bei freiem Enlree. sammen 145 14 Der Dorltand. Arlikuttgl AckiUmjj! Schneider u. Schneiderinnen. Sonntag, den 29. September 1895: Herbstvergnügen in Gründers Festsälen, Brunnenstraße 188. arrangirt vom Verband der Schneider und Schneiderinnen. Eröffnung 5 Uhr. Anfang 6 Uhr. Herren-Billets 50 Pf. Damen- Billets 25 Pf.'Weitere Nachzahlung findet nicht statt. 162/4 Die Bevollmächtigten. NB. Wir weisen schon jetzt darauf hin, daß am Dienotag, den I. Oktober er., in L. K e l l e r's Festsälen, Koppenstraße, eine öffentliche Schneider-Versammlnng tagt, welche sich mit den Praktiken der Zwischenmeister beschäftigen wird und wozu alle Schneider und Näherinnen sämmtlicher Branchen eingeladen sind, und zahlreich zu erscheinen haben. Achtung! Kaufen Sie cur echte Branntweine alle» PordHiinser, Cognall, Rum, Arrak. V. J. Eugelke, Nene Jacobstr. 26. gst?- Kleinverkauf von 10 Pf. ab."WE Mordhäuser Liter-Flasche 80 Pf.. 90 Pf.. 1 Mark mit Fl., Korn(verschied, gemischt) Ltr. 45 Pf. ohne FL, Liköre, Cognae, Rum, Ungarweine K. _ Carl Schindler, Chanssaestr. 55. 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Jerüner A AdreWuch In den ersten Tagen des OktoDer beginnt das Abholen der bei den Herren Hauseigenthümern oder Verwaltern zur Einzeichnung bereit liegenden Hauslisten zum„Berliner Adressbuch" für 1896, Wir bitten die betheiligten Einwohner, denen die Liste noch nicht vorgelegen hat, solche bei ihren Hauswirthen oder Verwaltern zu reklamiren, bezw. die erforderlichen Angaben uns direkt zukommen zu lassen. M* Berlin C., September 1895. Eedaction des Grünstrazse 4, 11. .Berliner Adressbuch". Verantwortlicher Redakteur: Fritz Kunert, Schöneberg-Berlin. Für den Jnferatentheil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. 2. Beilage zum„Vorwärts" Berliner Volksblatt. Ur. 227. Sommveud, de» 38. September 1893. 13. Jahrg. Gvotz� und Nleinbekrieb int Viickvvgvwovbe. Im großen ganzen hat das deutsche Bäckergewerbe noch ganz den Habitus des Kleinbetriebes. Die Gesellen sind infolge dessen mangelhaft organisirt und die kleimneisterliche Ausbeutungswnth kann hier ihre wüstesten Orgien feiern. Lange Zeit hindurch aber nahm die Oeffentlichkeit so gut wie gar keine Notiz von den wahrhaft scheußlichen Zuständen im Bäckergewerbe, bis Bebel mit rauher Hand den Schleier lüftete, der ein Entsetzen erregendes Gorgonenhaupt verhüllte. In ähnlicher Weise hat dann Ant. Seid! die Verhältnisse im Münchener Bäckergewerbe enthüllt. Aus diesen Publikationen erfuhr man, daß die normale Arbeitszeit im Durchschnitt 14 Stunden dauert und sich Haupt- sächlich über die Nacht erstreckt, daß aber Arbeitszeiten von 15, 16, ja selbst 20 Stunden durchaus nicht zu den Ausnahmen zählen. Es ist ganz wesentlich der Anregung dieser beiden Schriften zu danken, daß die Reichskonunission für Arbeiter- statistik sich zuerst mit den Zuständen im Bäckergewerbe be- schäftigte. Bekanntlich war diese Kommission aus grnud ihrer Erhebungen zu dem Resnltat gekonimen, dein Bundesrath den Borschlag zu unterbreiten, die Arbeitszeit in Bäckereien auf 12 Stunden zu normiren, wozu der Bundesrath nach der T werbe-Ordnung wohl befugt ist, und gleichzeitig eine gesetzliche Regelung der Sonntagsarbeit eintreten zu lassen. Ebenso bekannt ist es aber auch, daß mit einer seltenen Einmülhigkeit die Bäcker- mcister gegen diesen allerbescheidenste» Arbeilerschutz erbittert Front machten, und daß sich selbst zahlreiche �Gesellen fanden, die den Meistern in deren reaktionärem Ansturm willig Heeres- solge leisteten. Das kann freilich nicht überraschen, denn infolge ihrer langen Arbeitszeit, infolge des Zwanges regelmäßig am Tage schlafen und in der Nacht arbeiten zu müssen, haben die Bäckereiarbeiter nur geringe Gelegenheit, ihre rückständigen Lebensauffassungen an den Anschauungen der organisirten Ar- beiter abzuschleifen. Wie weit die zünftlerisch gesinnten Klein meister mit ihrem Petitionssturm Erfolg haben werden, bleibt vorläufig noch abzuwarten, denn bekanntlich kämpfen innerhalb der Reichsregierung zwei einander entgegengesetzte Strömungen um die Oberhand. In ihrem wohlverstandenen Interesse unter- stützen natürlich die Junker Ostelbiens die eine Richtung, die aus eine Begünstigung aller zünstlerischen Bestrebungen hinaus läuft und stemmen sich mit der ganzen ihnen zur Verfügung stehenden Bornirlheit gegen die Weitercntivickelung des Hand- werksmäßigen Kleinbetriebes zum fabrikmäßigen Großbetriebe� Demgegenüber kommt eine Publikation Dr. PH. A r n o l d' s in den Münchener Bolkswirthschaftlichen Studien über Das Münchener Bäckergewerbe gerade zur rechten Zeit. Aus der gewissenhaften Untersuchuiig ergiebt sich nämlich init Sicherheit,„daß in dem Münchener Bäckergewerbe, wie in dems Bäckergewerbe überhaupt, ein unverkennbarer wirthschast licher Umwandlnngsprozeß vor sich geht,.... dessen Richtung an mannigfachen Anzeichen erkennbar sind."„Diese Umwälzung äußert sich wirthschastlich in München, wie auch in andere» Großstädten darin, daß neben der Mass« kleiner und mittlerer Handwerker Brotfabriken cnlstandeu sind, die den Konkurrenz kämpf mit dem Kleinbetrieb in energischer Weise aufnehmen und dem Handwerker bereits bedeutende Absatzgebiete entrissen haben." Gewiß nicht ohne tendenziöse Nebenabsicht ist nun von dem „Reichs-Anzeiger" aus den Einzelangaben Arnold's folgende Uebersicht zusaminengestellt worden, die in drastischer Weise die ungeheure wirthschastliche Ueberlegenheit des Großbetriebs im Bäckergewerbe über den Kleinbetrieb darthnt. Der ökonomischen Ueberlegenheit der fabrikniäßigen Pro- duktion stehen eine Reihe sozialer Vorzüge zur Seite, denn beim Fabrikanten findet sich nicht allein eine kürzere Arbeitszeit bei leichterer Arbeit, sondern wegen des höheren Unternehmer- gewinnes können auch höhere Löhne gezahlt werden. Diese Gründe wären allein schon für uns maßgebend, uns auf die Seite des fabrikmäßigen Großbetriebes zu stellen. Wir sind der Ansicht, daß nur durch die Zerreibung des Handwerks- mäßigen Kleinbetriebes der Bäckerei-Arbeiter von seinem Sklaven- loose befreit werden kann. Nach den durchaus übereinstimmenden Ergebnissen der Untersuchungen Bebel's, Seidl's und Arnold's und der Reichserhebung ist das Leben des Bäckerei-Arbeiters aber in der That nichts anderes als ein Sklavenleben. Schon die Thatsache, daß die Mehrzahl der Gesellen(33—96 pCt.) voin Meister Kost und Logis erhalten, so daß der Geldlohn fast völlig irrelevant wird, stellt den Bäckerei-Arbeiter mit dem Gesinde auf dieselbe Stufe. Der Bäckerei- Arbeiter aber hat es noch weit schlechter als der Sklave des Allerthums, denn ganz abgesehen von den elenden Wohnnngsverhältnissen und der meist ganz unzureichenden Kost, die de» Einfluß der langen Arbeitszeit zur Beförderung von Ge- werbe-Krankheiten noch verstärken, ist der Bäckergeselle vom Familienleben fast ganz ansgeschlossen. Die Ehelosigkeit ist ge- radezu ein hervorstechender Zng im Leben der Bäckergesellen, denn nur ein verschwindender Brnchlheil, etwa 7 pCt. sämmt- licher Gesellen sind verheirathet. Nichtsdestoweniger werden die berussmäßigeu Vertheidiger von Ordnung, Sitte und Familie vom Schlage des Freiherrn von Hammerstcin nach wie vor für den Schutz der Kleinhand- werker auf Kosten der Gesundheit, des Lebens und der„Sittlich- keit" der Arbeiter cintrelen. Vevs�mutluttigen. Eine Kommuiial-Wählerversammlnug für den II. Koin- munal'Wahlbezirk tagte am 26. September bei Bohne in der Hasenhaide. Der Vertreter des Bezirks, Genosse Fr. Zubeil, gab in kürze einen Bericht über» die Thätigkeit der Stadt- verordneten im allgemeinen und hauptsächlich über die Stellung der sozialdemokratischen Vertreter zu den einzelnen Verhandlungs- punkten. Er betonte, daß bei der geringen Zahl(16) der Partei- genossen im Rothen Hause große prinzipielle Aenderungen in der Stadtverwaltung vorläufig nicht durchzusetzen seien, doch konnte er konstatiren, daß durch das energische Ver- halten unserer Genossen zu einzelnen Punkten eine Reihe indirekter Vortheile errungen worden sind. Hierzu nahm er Veranlassung, das theilnahmslose Verhalten der Parteigenossen zu vielen Vorkommnissen im Rothen Hause ernst zu tadeln, und rieth, in Zukunft durch Behandlung von Koinmunalfragen in Volksversammlungen den Forderungen der Genossen im Rothen Hause mehr Nachdruck zu verleihen; er betonte die Nothwendig- keit, durch derartige Versammlungen fortwährend agitatorisch zu wirken, nicht aber blas dann, wenn eine Wahl statt- finden soll, das Interesse der Genossen zn wecken. In der Diskussion verlangte Greifenberg, derartige Versainmlnngen zu Volksversammlungen zu inachen, damit auch die Frauen an der Behandlung der für sie höchst wichtige» Fragen theilnehmen können. Zum Punkt: Ausstellung eines Kandidaten beantragte Wa g n er, heut davon Abstand zu nehmen und vorerst ein Wahlkomitce ein- zusetzen. Lehmann verlangt für eine Versammlung zur Auf- stelluug eines Kairdidatcn Bekanntmachung durch Säulenanschlag. Nachdem A» trick. Schon Heini und»och einige Genossen sich gegen den Antrag Wagner gewandt hatten, gab die Ver- sannnlung einem Autrage Lange auf Uebergaug zur Tages- ordnuug statt und bestimmte einstimmig d e n G e n o s s e n Fritz Zubeil wiederum zum Kandidaten für den 11. K o m m u n a l- W a h l b e z i r k. In das Wahlkomitee wurden»ach längerer Debatte die Genossen Mewes, Steinte und Zinke delegirt. Musikinstrumeute»- Arbeiter. Am 23. September tagte bei Schulz. Oranienstr. 51, die Mitglieder- Versammlung des Fachvereins der Musikinstrumenten-Arbeitcr für den Süden. Der Bortrag des Genossen Wagner über:„Volksbildung und Klaffen- bewußtsein", wurde von der gutbesuchten Versammlnng mit Bei- fall aufgenommen. Der Autrag betreffs der Herabsetzung des Streikgeldes erregte eine längere lebhafte Debatte, fiehjedoch durch durch den Autrag Selig, darüber zur Tagesordnung uberzu- gehen. In der Angelegenheit des Pfaffe'schen Streiks erklärte sich die Mehrheit der Versammlung für Aushebung desselben. Neu ausgenommen wurden 31 Kollegen. Die öffentliche Versammlung der Stelli-Bildhauer am 26. September beschäftigte sich mit dem Stand des Streiks der Stein-Bildhauer und der Stellung der Baubehörden zu demselben. Wie W i n ck l e r mittheilte, sind z. Z. 106 Streikende zu ver- zeichnen, 30 sind abgereist und haben anderwärts Zlrbeit gesunden trotz des Bemühens der Innung, dies zu verhindern. Streik- brcchcr sind immer noch blos zwei vorhanden, die Zugereisten haben sich den Streikenden angeschlossen. Die Sache steht somit für die Streikenden durchaus gut, desseuungeachtet ist an eine Beendigung des Streiks noch nicht zu denken, da die Prinzipale ihre ganze Hoffnung auf die Baubehörden und auf den Mielhs- termin am 1. Oktober gesetzt habe». Thatsächlich stehen die Baubehörden den Prinzipalen vielfach zur Seile. Trotz alledem würden die Stein- Bildhauer nach wie vor einig zusammen- halten und die Hoffnungen der Prinzipale zu nichle machen. Begreiflich sei es, daß die Prinzipale sich die größte Mühe geben, Arbeitskräste zu erlangen. Besonders thue sich nach dieser Rich- tung hin der Polier der Firma Schilling hervor, welcher die Grenze des Erlaubten fast überschreite. In bezug auf Solidarität thäten, wie Winkler koustatirle, die Berufsgenossen ihr mög- lichstes und auch von Auswärts kämen Unterstützungen und Solidaritätserklärungen im reichen Maße. 36 Gehilsen stehen in Arbeit, denen die siebenstündiae Arbeitszeit bewilligt worden ist. lieber die Einzelheiten des Streiks fand nach Entgegennahm- des Berichtes eine längere Aussprache statt, die zur ein- stimmigen Annahme folgender von der Kommission beantragten Resolution führte: „Die heutige öffentliche Steinbildhauer- Versammlung er- wartet von den Berliner Kollegen, daß während der Dauer des Streiks kein Bildhauer ohne vorherigen Beschluß einer Versammlung oder derKomniission Bildhauerarbeilen als selbständiger Unternehmer übernimmt, von denen nicht vorher genau festgestellt ist, ob sie ursprünglich einer der Firmen übertragen waren, die unsere Forderungen nicht bewilligt haben. Gleichfalls verpflichten sich die Kollegen der Geschäfte, die bewilligt haben, falls diesen solche Arbeiten zugeschoben werden, diese nicht zu machen, sondern als gesperrte Arbeit zurückzuweisen, und falls darauf beharrt werden sollte, ebenfalls die Arbeit einzustellen." Die Versammlung sprach ferner die Erwartung aus, daß die arbeitenden Bildhauer 20 pCt. ihres Arbeitsverdienstes zum Streik- onds abführen und bewilligte den verheiralheten Streikenden eine wöchentliche Unterstützungszulage von 3 M. Durch private Verhältnisse geuöthigt, hat dasKommissionsmitglied Meier sein Amt niederlegen müssen undwurdevonder Versammlung als ErsatzDitt- mann in Vorschlag gebracht. Die Versammlung hatte weiterhin Stellung zu nehmen zu den gemachten Vorschlägen zur Bildung einer Produktiv-Genossenschast. Die Versammlung verhielt sich durchaus ablehnend zu diesem Projekte und kleidete diese ihre Meinung in die Form einer entsprechenden Resolution. Eine Malerversammlung, deren Besuch allerdings nicht den gehegten Erwartungen entsprach, befaßte sich am 26. d. Mts. mit der Aufstellung der Forderungen, die die Basis der Lohn- bewegung im kommenden Frühjahr bilden sollen. Der Referent Link plädirte für einen Minimallohn von 28,50 M. pro Woche; Jnnehaltung der neunstündigen Arbeitszeit(5 Uhr Feierabend); Auszahlung des Lohnes auf der Arbeitsstätte und Vergütung des Fahrgeldes bei auswärtigen Arbeiten. Er führte der Versamm- lung ein reiches Zahlenmaterial vor, aus dem ersichtlich war, daß eine Aufbesserung der Lage aller Malergehilfen— auch solcher, die„ständig" beschäftigt werden— eine dringende Roth- wendigkeit geworden ist. Im Laufe der Debatte kam Fleischer auf die Indolenz der Berliner Maler zu sprechen; er stellte diesen gegenüber die Kollegenschast anderer Städte als Muster hin. In Wien, Bremen, Leipzig sind die Streiks durch die Energie der Arbeiter gewonnen morden. Mit den Vorschlägen, die der Referent gemacht hatte, erklärte man sich im großen und ganzen einverstanden; es wurde noch hinzugefügt die Bezahlung der Ueberstunden mit 50 pCt. Aufschlag. Von einem Redner wurde den Anwesenden die Mit- theilung gemacht, daß eine Versammlung der Maler-Jnnung schon jetzt darüber einig geworden ist, aus Anlaß der Lohn- bewegung der Gehilsen ihre Preise um 20 pCt.(!) zu erhöhen. Es wurde von der Versammlung nach Schluß der Diskussion eine Resolution genehmigt, worin ausgedrückt wird, daß ein Wochenlohn von 28,50 M. als Grundlage der Forderungen dienen soll. In einer kombinirten Versammlung der Filialen wird eine Kommission gewählt, welche die Leitung der Lohn- bewegung übernimmt. Der Vorsitzende machte den Versammelten dann die erfreuliche Mittheilnng, daß die Leipziger Maler ihre sämmtlichen Forderungen vollkommen ihid rasch durchgesetzt haben.(Bravo!) Zuzug nach dort soll vorläufig noch ferne gehalten werden. FriedrichSberg. Am 17. d.M. hielt der Arbeiter-Bildungs- verein eine Versammlung ab. Genosse Wagner hielt einen beifällig aufgenommenen Vortrag über die Entwicklung der Sozial- demokratie. Es wurde beschlossen, den nächsten Lese-Abend am 3. Oktober bei O. Schulz abzuhalten. Ferner beauftragte die Versammlung den Vorstand, Protest zu erheben gegen die Ver- geudung der 320 M., welche aus der Gemeindekasse zur Feier des Sedanrummels genommen wurden. Endlich beschloß die Ver- sammluna, die Broschüre von Auer„Sedanfeier und Sozial- demokratie" au die Mitglieder gratis zu vertheilen. In Paretz, einem Dorfe in der Nähe von Potsdam, referirte am 22. d. M. in einer von ca. 150 Personen besuchten Volksversammlung Genosse I. Wernau aus Berlin über das Thema„Was dem Volke noth thut." Die Versammlung spendete dem Redner reichlichen Beifall. Auch der Potsdamer Gesaug- verein„Schneeglöckchen" rief mit seinen Gesaugvorträgen große Begeisterung hervor. Ein stürmisches Hoch auf die internationale Sozialdemokratie schloß die ausgezeichnet verlausene Ver- sannnlung. Eitchl-r-z>»r»in. Sonnabend, den es. Sept., abends s Uhr, Melchior- straße w, Versammlung. Kerirellgiiis»««melud». Sonntag, den es. September, vormittags lo; Uhr, tu Keller's Festsülen, Koppen str. 23; Feier der Jugendaufnahm«, Fefl- Vortrag des Herrn Dr. Bruno Wille. Ethische vesollschaft. Sonntag, den LS. September, abends 7% Uhr. tm groben Saale des Englischen Garten, Nleranverstr 270. Vortrag des Genossen Waldcck Manasse über: Glaube und Wissen. Nachdem: Geselliges Beisammen- sein und Tanz. Gäste. Damen und Herrn, sehr willtommen. Nierdorf. Deutscher Metallarlieiter-Uerba»». Verwaltung Nixdors. Sonntag, de» 2s. September, Besuch des Hygiene-Museums. Treffpunkt vormittags 8 Uhr, Rirdorser Bahnhos. Arbeiter- Hiid»»g«läi»>«. Sonnabend, 28. September, abends 8s» bis W Uhr: Lektüre, esz- I(H Uhr: S üd-O st-S ch u l«, Waldemarstr. l«: Nebe-Uebnngen. Nord-Schule, Müllerstrabe I7sa: Diskutlrübungen. Thema; Wie stellen sich die Arbeiter zum Austritt aus der Landesltrche. Referent: Herr Wildling. Neue Thetlnehmer werden jederzeit aufgenommen. Arb«it«r-Kii»orrb»»d K«rli>>s»»d Zlingeg-nd. Vorsitzender Ad. Neumann, Pascwallersir. 3. Alle Aenderungen im VcreinSkalender sind zn richten an Friedrich Kortrnn, Manteuffclftr.4», v. 2 Tr. Koniiadrild, Abends s— Ii Uhr: Uibungssiiinde und Aiisnalime neuer Mitglteder. Gesangverein Esmeralda, Königsbcrgerstrabe 8 bei Rastowsly.— Grüne Eiche, Risdors, Hermaniiftrabe is? bei Babenschnetder.— Lvrania, Lands- berger Slllce wo bei Eocbel.— Eanges-Scho, Naunqnstr. 86 bei Zubeil. —® Iii et zu, Pasewalterstr. 8 bei Neumann.— Gesundbruniier M ä n n e r äi o r, Prinzen- Allee lo bei Bergmann— Männer-Gesaiig- rcrein Liederlranz in Braiidenbuig a. d. Havel, Mengert's Wollsgaiten, Bergstr. o.—Deutsche Eiche II, Brandenburg a. d. Havel, Hauplstrabe, Wintel's Salon.— Frisch aus I, Fricdrichsderg, Rummelsburaerstr. os bei Adam.— Sängerlust, Luckenwalde, Beelitzerftr. 34 bei Otto Schulze.— Mäilner-Gesaiigverein Fortschritt, KöntgSberaerstraße 28 bei Lcjchnitz.— Hand in Hand II, Friedrichsbelg, Friedrich Karlfir. n bei Emil Heinccke.— Männer-Gesangverein Jmmergrü n, Tegel, Span- dauersir. w bei&. Rentner.— Freie Sänger, Schmargendors, WirthS- Haus Friedrich.— HandtnHandl, Retchenbergerstr. lo bei Hoffiiiann.— Gesaiigvercin Frisch aus II, Schönwalde in der Mark.— Weiße R o s e II, NeinWeibensee, Siraßburger- und Elsabstraben-Ecke,„Zum neuen Eiselthuiiii". Kund der gesr Iliprn Arl>»ite»v«r«iu» Keviin»»I»d zlmgrgrnd Alle Zuschrilten, den Bund der geselligen Arbcilerveretne belreffend sind zu lichten an: JB. Gent, Adalbertstr. so. Sonnabend i Theaterverelii Lesstng, Raupachstr. e, Restaurant Felsengroue ffeden 2. und 4. Sonnabend). Arbeitev-Pauchirbnnd Oerlitt« und Umeegend. Aenderungen Im Vereinstalender find zu lichte» an K. Pflug, Brcslauerstraße 8, Keller. Sonnabend t„n«verzagt", Lebuseiftraße 13 bei Bogel.— Blaue Wolle II, Weinstraße 22 bei Steuer. «Zesang-, Tnin- und gesellig» Pereinr. Konnadend. Turnverein Fichte(Mitgl. d. Tculscheii Arb.-Tnrnerb.) turnt: i. Männer- Abthoilung Friedenstr. 87, Mittwoch und Sonnabend von 8— w Uhr.— 3. Männer- Ablbl. Boeckhftr. 21, Mittwoch und Sonnabend von 8— lo Uhr.— s. Lehr- lings-Ablh. Stalttzcrstr. 05— so, Mittwoch und Sonnabend von 8— 10 Uhr.— V e r e in i g nn g der T u r II f r e II n d e turnt Mittwochs und Sonn- abends von 8);— io?z Uhr abends Turnhalle Deiiiiiiinerstr. so— s?— Gemischter Ehor Gleichheit, abd». g Uhr, Emdeiicrstraße, Restauraleur Schtrmer.— Bühnciiverbnud Normaiiia, jeden letzten Sonnabend im Mona! Sitzung bei G. Leichnitz, KönigSbergerstraße 28.— Privat- Theater-Äciellschasl Schiller, Sitzung abends 9 Uhr bei Linie, Pultbuserstr. 24. Nach der Sitzung; FtdelilaS.— Thealcrverein B avaria, Ackcrstr. 17 bei ManfraZ. — PrivaUhealer-Gesellschasl Toni, abends Uhr bei Zuleget, Swine- lllünderstratze 144.— Thentcrverein Lustige Brüder II, Sitzung abends 8 Uhr, bei Reichcll, Hasenhatde Rr. 48/47.— Theatergesellschasl Immer Lustig, abends s Uhr, Sitzung bei Muhl, Ehorinerstr. os.— Theater- verein B 0 h e m i a, abends s Uhr, Restaurant G. Wttzel, Ackerstr. 148.— Privat-Theater�Gefellschaft Lilly, abend« 0 Uhr Sitzung, Schviih. Allee 1 80.— Vergnügungsliilb Ostend, Sitzung abends 9 Uhr im Restauranl Rudolf, Krauistrcste o.— Geselliger Arbeiter-Berein Pr o le tarta, Sonnabend nach dem I. und 18. jeden Mona!«, abends 9 Uhr bei Sommer, Grünstr. 21.— Rauchllub Dornröschen, abends 9 Uhr, bei F. Krüger, Fenuftraße 0.— Rauchklub Märkisch Kraut, Eisenbahnstraße 7 bei Engelhardt.— SInIklud Blaue Bluse, bei Wuttke, Graudenzerstraße».— Skat- llub Nevolurion, Sitzung abends 9 Uhr bei Hauptmann, Wiener- stroße l— 0.— Statklub Brüderlichkeit, abends von 9— n Uhr Sitzung bei Willwe Lehn, Stralsunderstraße 19.— Statklub 50. Jeden Souuabend 8% Uhr bei Klein, Wtenerstraße 31.— Vergnügungsverein Alpen- Veilchen, abends z>8 Uhr Sitzung bei Ruppin, Blumenstr. 49.— Tauiboiir- verein Ruf, abends 9 Uhr, beim Reflaurateur Sovile, Juselstraße l.— Veignügungsverein Bruderkelle, Sitzung abends s Uhr, bei Paris, Slediischstraße 23. Gäste willtommen.— Echachllub Springer, abends 9 Uhr bei Wernau, Roseiilhalerstr. 87.— Zitherllub Ertla, abends 9 Uhr in Müller's Restauranl, Johannisstrabe 20, Uebung. Gäste lolllkoimnen.— Geselltger Beretn Sorgenfrei, Sitzung bei Bogel, Gürlitzerstrabe 82.— Täinbourvereiu Moabit, UebungLstunden Mittwoch und Sonnabend von 9 bis lo Uhr bei Dlttmann, Perlebergerstr. 9.— Berein ehemaliger Schüler der 7. Realschule, präzise 9 Uhr im Restaurant Nepomuk, Neue Noßsir. 22: Sstzung. sWissenschastlicher Vortrag. Ltterartsches.) Dans>1 Forening Freja, Oranienstrasse 51, Mödeailen hver Lördag Kl. 9. BesögenUe ere velkonme. Danske Aviser findes i Lokakt. Deutscher soiialdeniolirati scher Zeseklnb in Pari«. Rue Sl. Honore 314, Cafe du Lion de Belfvrt. Jeden Sonnabend öffenlliche Ber- sammlung; reiche Bibliolhel, Zeilungen, französischer Unlerrichl. London. Der einzige hiesige sozialdemokralische Berein Loildon», der alte, von Karl Marp und Friedrich Engels 1040 nitlbegrmidele Kommunistische A r d e t ler. Bi Id uugS veret n bestndel sich nach wie vor 49 Tonenhaui Elm», Totlenham Court Ltd., W. London. Granat!! 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