Mbenöausgabe Nr. 254 ❖ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 125 Bfjaflälicbintmnsen und Anzeigenpreis, lind in der Morgcnauzgab«»ngegeben Itedattion: Sw. SS. Linvensirobe S Lernsprecher> VSnhoft 292— 292 T«I..«dreIse. SoziaOemofral Berlin Nevliner Dolllslrlcrkk Zcntralorga« der Sozialdemokrat! fehen Partei Deutfchlands (lO Pfennig) Dienstag ZI. Mai 1927 Verlag und«nieigenadtetlna»! SeschSst-z-il S!«. b!» I Uhr Verleger: Vorinarl». Verlag GmbH. Berlin STB. 68, elnbenstrav»> Fernsprecher i VSnhoss 292— 297 Der /lchtftunöentag im Völkerbund. Kongreßbeschluß für die Ratifizierung.- Die Engländer gegen die Pfiicht, alle Arbeitsabkommen zu ratifizieren. Die heutige Vollversammlung des Weltverbandes der Völker- bundgesellschasten begann mit einer kurzen Diskussion über eine Cntschließuiig, in der auf die allzu große Häufigkeit der Ratssitzungen des Völkerbundes hingewiesen wurde. Jedoch lehnte die Versammlung den Vorschlag ab. statt vier nur drei Rats- sitzungen im Jahre stattfinden zu lassen. Man ging dann zur Besprechung der Fragen des Jnter- nationalen Arbeitsamtes, der Wirtschafts- und sozialen Probleme über. Der Berichterstatter, der Vizepräsident des Belgischen Senats, Genosse La Fontaine, betonte, daß die Völkcrbundsligen ihre Borschläge der Weltwirtschaftskonserenz unterbreitet habe. Aus den Beschlüssen der Konserenz sei zu ersehen, daß die von ihnen niedergelegten Gedankengänge nicht ohne Einfluß geblieben sind. Bei her Frage der Ratifikation des Washingtoner Ab- k 0 m m e n s über die Arbeitszeit wies der griechische Delegierte darauf hin, daß zwar in seinem Lande die Ratifikation erfolgt sei, daß aber die Durchführung durch die Wirtschaftsdifferenzen vcr- hindert werde. Der Vertreter Argentiniens betonte, daß dort infolge der starken Einwanderung die Verhältnisse besonders kam- pliziert seien, und daß sein Land das Wirken des internationalen Arbeitsamtes in Genf besonders schätze. Der Leiter des Amtes, Thomas, habe sich von den sozialen und wirtschaftlichen Zuständen des Landes durch eigenen Augenschein Gewißheit verschafft. In der Resolution, die Annahme fand, wurde gefordert, daß die Regierungen der einzelnen Länder von ihren Gesellschaften in dem Sinne beeinflußt werden sollen, daß ste zur Internationalen Arbeits- konferenz Delegationen entsenden, und den Delegierten, die nicht Regierungsvertreter seien, die erforderlichen Erleichterungen ge- währten. Ferner sollen die nationalen Völterbundsgesellschaften bei ihren Regierungen dahin wirken, daß ste die A r b e i t s a b- kommen den Parlamenten oder den anderen zuständigen Be- Hörden vorlegten. Ein weiterer Abschnitt der Resolution, der die Ratifikation aller Arbeitsabtommen verlangt, fiel der vorläufigen Vertagung anHeim, weil verschiedene Dele- gierte, darunter der Führer der britischen Delegation darauf hinwiesen, daß die Verhältniste in den verschiedenen Ländern noch nicht die gleichen seien, und daß sich nicht alle Arbeitsabkommen für alle Länder eigneten. In einer Resolution, die sich mit dem Washingtoner Arbeitszeitabkommen beschäftigte, werden diejenigen Gesellschaften, deren Regierungen das Abkommen noch nicht ratifiziert haben, aufgefordert, sich unabläsflg dafür ein- zusetzen. Lvirth antwortet. Er lästt sich vom Bürgerblo�k nicht den Mund verbieten. Am Donnerstag soll das Kollegium des Zentrumspartei- Vorstandes die Königsberger Rede von Joseph Wirth hoch- notpeinlich untersuchen. Was hat er gesagt? Wie hat er es gesagt? Wie hat er es gemeint? Sie werden die Köpfe zusammenstecken über Worte und Formulierungen— aber sie müssen heute schon hören, was sie nicht hören wollen. Es war ganz eindeutig gemeint: Kampf dem Bürgerblock! In der geschlossenen Reichsbannerversammlung in M ü n ch e n, die an Stelle der großen republikanischen Kund- gebung abgehalten wurde, sprach Wirth: „Ich gehe den Weg der demokratisch-republika- Nischen Entwicklung weiter, unbeirrt um meine Parteizugehörig- keit. Ich kämpfe nicht um mein Mandat, obwohl ich glaube, man könnte sich auch ein Mandat persönlich erkämpfen. Hätte ich der Reaktion in den letzten Monaten nur den kleinen Finger gereicht, ich hätte ein Ministerium in dem jetzigen Kabinett haben können. Man hört es nicht gern in Berlin, weim ich sage, es wäre besser, wenn die Reaktiv- v ä r c n aus der Reichsregierung möglichst bald verschwinden. Räch meinem republikanischen herzen sehne ich den Tag herbei, wo diese Regierung nicht mehr existiert. Und aus diesem Satz soll mir nun sozusagen ein Parteiprozeß gemacht werden. Nehmen Sie es nicht tragisch, ich nehme es auch nicht tragisch. Das, was ich in Königsberg gesagt habe, werde ich noch in sehr vielen Versammlungen und noch viel deutlicher sagen. Man möchte uns spalten, man stellt uns hin als eine Gefahr für große kulturelle Strömungen. Man will sagen, die Religion sei in Gefahr. Es ist in Wirklichkeit nichts in Gefahr als die Reaktion. In Gefahr wäre hie Sache der deutschen Freiheit, wenn unsere Bewegung gehemmt oder unterdrückt würde." Da hat Herr Marx die Auskunft, die er haben wollte! Wird er nun im Auftrag der Deutschnationalen ein Aus- schlußverfahren gegen Wirth einleiten, weil er die Deutsch- nationalen Reaktionäre genannt und dem Besitzbürgerblock Kampf angesagt hat? Wird er den reaktionären Charakter des Besitzbürger- blocks unterstreichen? Marx, der Kartellträgcr der Rechten gegen den Republikaner Wirth! Glück zu zu der Mctternichiade im Zentrum!_ Neichsbannerüebatte in Dayern. Das Verbot des Republikanertages vor dem Landtag. München, 31. Mai.(WTB.) Im Plenum des Landtages wurde heute die deutschnationaie Interpellation wegen der Ueberfölle auf Nationalsozialisten, die zum Verbot der Reichsbanner- t a g u n g führten, ohne Zwischenfälle zu Ende geführt. Staats- minister Stütze! kam noch auf die Ausführungen einzelner Redner zurück: er betonte, daß alle Staatsbürger auch in diesem Falle gleich behandelt würden und daß die amtliche Feststellung des Tat- bestandes der Vorkommnisse dem gerichtlichen Verfahren vorbehalten bleiben muß._ Die �rcos-fingeftellten in Deutschland. Vorläufige Aufenthaltsbetuilligung. Die Sowjetregierung hat die deutsche Regierung gebeten, 120 Mitgliedern der Londoner Arros-Gesellschast Aufenthalts- eilaubnis in Deutschland zu geben. Dieser Bitte ist entsprochen worden, jedoch sind die Ausenthaltsbewilligungen nur vorüber- ftjjeuü bewilligt worden. Süöchina marschiert wieder vorwärts. Milttärifche Intervention Japans angekündigt. London, Zt. Mai.(MTV.) Die Berichte über die Lage in China bringen insofern eine gewisse Klarheit, als nunmehr in den englischen Berichten zugegeben wird, daß die Südlruppen erhebliche Erfolge erzielt haben. Dies scheine in erster Linie auf die Truppen Tschiangkoischeks an der Cisenbahnsinie Ranking— Tsinonsu zuzutreffen. Die englischen Berichte geben zu. daß der konzentrierte Vormarsch ans hankau infolge Uneinigkeit unter den Generälen zusammengebrochen ist. Znsolge dieser Lage beabsichtigen die Japaner. Truppen von Tsingtau nach Tsinonsu zu entsenden. Cs sei das Ziel der japanischen Politik, so berichtet der»Daily Telegraph", den Vormarsch der Südchinesen über den Gelben Fluß zu verhindern. Boykottstimmung gegen Japan. London. 31. Mai.(EP.) Der nationale chinesische Kommissar in Schanghai hat den: japanischen Generalkonsul einen Protest wegen der Entsendung japanischer Truppen überreicht. In diesem Protest erinnert er an die japanfeindlichc Stimmung infolge von TruppeneMsendungen bei früheren Gelegenheiten und befürchtet, daß sich eine derartige Stimmung wiederholen könnte. In Schanghai hat bereits unter den Chinesen eine japanfeindliche Bewegung ein- gesetzt, die nach Ansicht chinesischer Blätter z» einem Boykott jopanischcr Waren führen kann. Ein Lanöaufftanü gegen üen Faschismus. Sturmläuten des Geistlichen. Von der italienischen Grenze wird uns berichtet: Vor einigen Tagen erschien einer der Mailänder faschislijchcn „Gewerkschafts"-Führer mit drei Milizsoldaten in Inveruno (Provinz Mailand) und forderte den Ortsgeistlichen Don Gal- biati auf, durch persönliche Einwirkung die Landarbeiter zum Eintritt in die sogenannten faschistischen„Gewerkschaften" zu be- wegen. Don Galbiati weigerte sich uMer dem Hinweis darauf, daß das Gewerkschaftsgesetz niemanden zum Einttitt zwingt. Die vier Faschisten bedrohten nun den Geistlichen, der die Glocken läuten ließ, um seine Gemeinde Mitglieder u m H i l f e z u r u f e n. Die Carabinieri erschienen als erste auf dem Platze, und nur mit Mühe tonnte ein ernsthafter Zusammen- stoß vermieden werden. Der Pfarrer stellte sich den Behörden, die ihn verhafteten. Dos Interessanteste ober ist die Feststellung in dem Bericht des Sekretariats der faschistischen„Gewerkschaften" in der Provinz Mailand, daß die Erhebung in Inveruno gegen den Faschismus einmütig und wie auf Signal vor sich gegangen sei. Der Bericht vergißt, hinzuzufügen, daß Inveruno am selben Abend der Schauplatz blutiger Ver- geltnngsmaßnahmen war. Viele Arbeiter wurden ver- haftet und werden sich vor Gericht wegen Revolte zu ver- antworten haben. Genfer Kämpfe um üie Gewerkschastsfreiheit Die Strafe gegen Mastregelungcn abgelehnt. Gens, 31. Mai.(Eigener Drahtberlchk.) In der Arbeilskonse- renzkommission sür gewerkschaftliche Freiheil wurde heute vormittag ein Antrag des Genossen Dr. k a a d e l e r mit 18 gegen 18 Stimmen abgelehnt. Der Antrag besagte, daß Arbeitsverträge die Zugehörigkeit zu Gewerkschaften nicht verbieten dürsten und daß Maßregelungen gegen Arbeiter wegen Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft unter S t r a s e zu stellen seien. Ein von Arbeilgeberseite stammender Ergänzungsantrag, auch das Gegenteil gleich zu be- handeln, war vorangehend mit 20 gegen 13 Stimmen abgelehnt worden. Drei /irbeiterkammern. Graz, Belgrad, Scrajewo. r. du. M 0 st a r(Herzegowina), Ende Mai. Eine Reise nach dem Vorbalkan ließ mich ein Versäum- nis gutmachen, das ich alter Wiener bisher zu meinen Lasten buchen mußte: endlich einmal habe ich in Graz Station ge» macht und die steiermärkischen Genossen besucht, die schon in Altösterreich eine vorbildliche Kerntruppe der Arbeiterbewe- gung gewesen sind und die seit dem Umsturz den Bürger- meister in der Person des Genossen Vinzenz M u ch i t s ch stellen, obschon ihnen an der Mehrheit einige Stimmen fehlen. Jetzt eben wird die Kanalisation vollendet, die der ausge- dehnten Murstadt mit ihren bald 200 000 Einwohnern so lange gefehlt hat. Schon vor dem Krieg haben die Grazer Genosien, vollständig aus eigenen Mitteln und ohne eine Schuld aufzu- nehmen, das schöne Haus ihrer Tageszeitung, des„Arbeiter- willen", für 500 000 Goldkronen(418 000 Goldmark) gebaut. Nun aber steht daneben, äußerlich wohl angepoßt, in der Marienstraße der Palast der steirischen Arbeiter- k a m m e r und auf anschließendem weiten Grundstück soll noch das eigene Saalgebäude der Partei errichtet werden — alles im Zusammenhang, eine Feste der Arbeiterbewegung mitten in Graz, das unweit der oststeinschen Reaktions- zentralen mit dem dahinter lauernden magyarischen Faschis- mus und Monarchismus liegt und von einem Vorstoß eher bedroht wäre als das rote Wien. Die Arbeiterkammern in der Republik Deutschösterreich sind eine Schöpfung der Revolution und ihres Sozial- Ministers, unseres viel zu früh dahingegschiedenen F e r d i- nand Hanusch: Zwangsvertretungen mit gesetzlicher Bei- tragspflicht der Arbeiter, deren Vertretung diese Kammern genau so ausüben wie die Handels-, Gewerbe- und Bauern- kammern für das Bürgertum. Die Tätigkeit der Arbeiter- kammern ist nicht nur eine statistische, gutachtliche und schlichtende, auch die Förderung der Arbeiterbildung,-kultur und-wohlfahrt ist ihre Befugnis und Pflicht. So fördern sie, selbstverständlich von unseren Genossen geleitet und ver- waltet, sehr wesentlich die vielfache Tätigkeit all der Reben- arme des großen Stromes, die die unablässig rollende Haupt- sorge der politischen Bewegung begleiten. In Wien hat die Arbeiterkammer, die natürlich die größte im Staate ist, von dem Hause eines früheren k. k. Mi- nisteriums Besitz ergriffen— in Graz hat sie nun ihr eigenes Haus, das ebenso zweckmäßig wie schön gestaltet ist und auch in einer gewissen ernsten Pracht vor Augen führt, daß die Arbeiterschaft eine Macht und ebenso willens wie bereit ist, selbst die Leitung der Staatsgeschäfte zu übernehmen, wenn die Volksmehrheit sie damit beauftragt. Der große Sitzungs- saal in seiner Höhe, Tageslichtfülle und seinem farbenfrohen Freskenschmuck ist schlechthin eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Muchitsch der Jüngere, auch schon Jahrzehnte in der Bewegung tätig, ist hier Präsident, und der Stolz, der aus seinen Worten beim Rundgang durchtönt, ich wohl be- greiflich. Kaum mehr als eine gute Schnellzugsstunde weiter süd- lich liegt die Grenze S ü d s l a w i e n s, des„Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen", wie sich der Staat selbst nennt. Von den politischen Verhältnisien ein andermal; für heute soviel, daß in Serbien schon vor dem Weltkrieg die Arbeiterkammer gesetzlich eingeführt und nach der Angliede- rung der neuen Gebiete auch diesen zuteil geworden ist. Schon in Lubljana(Laibach), der ehemaligen Hauptstadt des„Herzog- tums" Krain und jetzigen des Teilgebiets Slowenien, hätten wir die Kammer besuchen können, doch führte uns der Weg nach gründlicher Aussprache mit den deutschen und sloweni- schen Genosien in Marburg(jetzt Maribor) direkt in 16stün- oiger Schnellzugsfahrt, wenn auch mit zweistündiger Pause in Zagreb(Agram) direkt nach der Hauptstadt Belgrod(Beo- grab). Dort war unser erster Weg eben zur„Radnitschke Kamora", zumal dort auch die Parteizentrale ist. Dicht am Slawiaplatz, auf dem sechs Straßen zusaminenlaufen, in der Makensicvastraße— was gewiß nichts mit dem deutschen Reitergeneral Mackensen zu tun hat, unter dessen Firma wohl auch die Eroberung Serbiens nach den furchtbaren Nieder- lagen der Habsburgerarmeen im Kriegsbeginn ging—, steht das sehr schlichte, ziemlich kleine und wenig geräumige Haus. Einige der führenden Genossen waren gerade von Belgrad ab- wesend, so der im Ausland am meisten bekannte Dr. Topalo- witsch, der als Nachfolger des holländischen Genossen de Roode, jetzt wieder Redakteur von„Het Volk" in Amsterdam, in das Arbeitsamt des Völkerbundes eingetreten ist: doch gaben uns die Genosien Meschedsky, Gollmayer und Prof. Diwac, Ge- neralfekretär der Partei, alle nur gewünschten Auskünfte. Die südslawischen Arbeiterkammern erhalten 3 vom Tau- send jedes Industriearbeiterlohnes, ihr Tätigkeitsbereich ist ähnlich dem in Deutschösterreich, aber bei der Schwäche der Arbeiterbewegung, besonders der politischen— worüber noch berichtet werden wird—» ist ihre stützende Kraft noch höher einzuschätzen. Freilich werden sie auch viel von Ar- beitslosen, deren es in dem industriearmen Staat 50 000 gibt, um Unterstützung angegangen: dafür sind schon 40 Millionen Dinar(1,2 Millionen Mark) angesammelt, doch— die Regierung gestattet nicht ihre Auszahlung, gesetzlicher Zwang besteht nicht und den Kammern werden nur in großen Zwischenräumen und nach vieler Mühe geringe Beträge zur Verfügung gestellt, die im Nu oerbraucht sind. Wir haben auch die Kammer in der bosnischen Haupt» stadt S e r a j e w o besucht und hier ein würdiges und ansehn- liches Gebäude vorgesunden, darin auch den aus Altösterreich bekannten(Benoffen Rauscher, der schon als Kind aus der Böhmerwaldstadt Prachatitz mit feinen Eltern nach Slawonien, dem Lande nördlich der Save, gekommen und längst des Serbokrotischen wie ein Eingeborener mächrig ist. Wie in Belgrad und schon gar in Lubljana, das schon in Altöfterreich eine recht ansehnliche Arbeiterbewegung gehabt und den(jetzt in Nordamerika als Auswanderungskommisfar des Staates SHS.— Srbska, Hrvatska, Slovenaca— lebenden) Genossen, Kämpen und Dichter Etbin K r i st a n in den Wiener Reichs- rat entsendet hat, so ist der Ausschuß der Kammer fest in sozialdemokratischer 5)and. So schwach auch die Partei ist, die Gewerkschaften sind mit ihren 28 000 Mitgliedern schon eine beachtliche Macht, und wenn die Arbeiter wählen, dann wählen sie sozialistisch. So sind die Arbeiterkammern in Süd- slawien eine wichtige, ja, gewiß die bedeutendste Machtposition der Arbeiterbewegung. Aufreizung zum klaffenhaß. Borsig über Sozialpolitik. In der„Deutschen Gesellschaft" in Berlin stellte am Montag abend Geheimrat Dr. Ernst v. Borsig„Betrachtungen eines Unternehmers zur Sozialpolitik" an, die das Reaktionärste«nt- hielten, was man in letzter Zeit aus Ilnternchmermund gehört hat. Selbst bürgerliche Blätter haben dabei den Eindruck gewonnen, u m hundert Jahre zurückversetzt zu sein in die Zeit schärfster sozialer Kämpfe. Der ganze Streit geht nach v. Borsig um die„Grenzen der Sozialpolitik", die der deutsche Unternehmer nicht grundsätzlich ab- lehne. Dam, wiederholte Herr v. Borsig mehrfach, daß jeder soviel erzeugen müsse, wie er verbrauche: und die, denen das in acht Stun- den nicht gelinge, die mühten eben länger arbeiten. Wobei er natürlich keineswegs an die Schmarotzer der bürgerlichen Gesellschaft, die von der Arbeiterschaft ernährt werden, sondern nur an den Arbeiter dachte. Auch hörte man wieder das längst der Lächerlichkeit verfallene Argument gegen den Achtstundentag, dah viele Leute mit ihrer Freizeit nichts anzufangen wühten. Auch die Sozialversicherung hat es Herrn v. Borsig angetan. Jeder müsse sich selbst seine Rücklagen für Krankheit und Alter machen. Worüber am meisten die elend bezahlten Arbeiter des Herrn v. B. staunen werden. Im übrigen hätte die Armen- fürs arge einzugreifen.„Denn eure Großmut ist so groh als wie da» Loch der Armenbüchs." Kaltschnäuzig erklärte dieser Unter- nchnier, daß ohne die Fürsorge zwar vielleicht 50 000 Menschen zu- gründe gingen, aber 4000 bis 5000 andere dann Werte erzeugen könnten. Wenn das nicht Aufreizung zum Klassenhah ist!... Im übrigen ist es wirtschaftlich ein abgrundtiefer Unsinn, zu behaupten, erst müßten 50 000 Menschen zugrunde gehen, dann könnten 5000 Werte schaffen. Alles in allem bekamen die Zuhörer ei» geschlossenes, abge- rundetes Bild von dem Typ des reaktionäre» Unternehmers der Heuligen Tage. Und dabei handelt es sich nicht um«inen beliebigen Großunternehmer, der seine Privatmeinung zum Besten gibt. 5zerr v. Borsig ist der Vorsitzende der Bereinigung der deutschen Arbeit- gebervcrbände, der Spitzenorganisation der deutschen Unternehmer. Er ist also die repräsentativste Persönlichkeit der deutschen Unternehmer. Nebenbei ist er auch noch Bor- sitzender des Verbandes Berliner Metallindustrieller. Dieser Mann predigt Anschauungen, die durchaus den Anschau- ungcn der Unternehmer der frühkapitalistischen Periode entsprechen und der der große» Mehrheit der deutschen Unternehmer von heute. Mi, solch vorsintflutlichen Anschauungen sind unsere„Wirt- schaftsführer"»och heut« behastet! Und dann gehen die Leute hin und behaupten, es gäbe keinen Klassenkampf, der sei böswillige Er- findung der Sozialdemokratie. Wir glauben nicht, daß es auf der ranzen Welt einen fanatischeren Klassenkämpfer geben kann als diesen Vorsitzenden der deutschen Arbeitgebcrverbände. 3n Litauen sind wegen Anstiftung zur Meuterei zehn Kam- munisten mit Zuchthaus von einem Jahr bis Lebenszeil verurteilt. Fünf zum Tode Verurteilte wurden zu löjährigem Gefängnis verurteilt. Die Tagung öer öilöungsausschüffe. Tic Tozialdemoksatic und die Tagcsfragcn der Kultur. Im Slnschluh an den Parteitag traten am Sonnabendvormittag im Kieler Gewerkschaftshaus der R e i ch s a u s f ch» ß für s o z i a- listijche Bildungsarbeii und die Bezirtsbilduugs- a u s s ch ü s s e der Partei zusammen, um einander Rechenschaft ob- zulegen über das verflossene Jahr und die Richtlinien für die Zu- kunft aufzuzeigen. Den Vorsitz führte Genosse Schulz. Zu den Verhandlungen hatten sich an 100 Delegierte und Gäste aus allen Teilen Deutschlands eingefunden, ein erfreuliches Zeichen für das lebhafte Interesse, das die Sozialdemokratie den Kultursragen entgegenbringt. Die Referate sowohl als die Diskussionsreden, so mannigfaltig und verschiedenartig sie auch waren, sie alle wurden getragen von dem einen großen Gedanken: die sozialdemokratische Arbeiterbewegung hat nicht bloß wirtschaftliche und poli- tische Aufgaben zu erfüllen, sie sst im hohen Grade eine kulturelle Bewegung. Die Arbeit des sozialistischen Kulturbundes. Heinrich Schulz berichtete über die Tätigkeit des sozio- l i st i f ch e n Kulturbundes. Der Redner rief auf zum Kampfe gegen die K u l t u r r e a k t i o n. Leider ist es nicht gelungen, das Gesetz zur Bekämpfung von Schund und Schmutz. das leicht zu einer Waffe in den Händen der Rückschrittler werden kann, zu Fall zu bringen. Mit um so größerer Energie muß daher der Abwehrkampf gegen das geplante Reichsschul- a c s c tz geführt werden. Denn unter der jetzigen Regierung können die Gefahren eines solchen Gesetzes gar nicht überschätzt werden. Daher müssen allerorts die Massen des Volkes zum Wider- stand aufgerufen werden. Aufgaben der Kulturkartelle. Franken-Zeitz sprachen über die Aufgaben der örtlichen Kulturkartelle: die zunehmende kapitalistische Konzentration zwingt auch die Arbeiterklasse, durch Vereinfachung ihres organisatorischen Aufbaues ihre Kräfte mehr zusammen- zufassen. Kulturkartelle macken es möglich, die Zersplitterung im Bildungswesen, die hemmend wirkt, nach und nach zu überwinden. Kulturkartelle können und müssen darüber hinaus richtunggebend wirken, ohne aber das Eigenleben der angeschlossenen Organisationen zu erdrücken..Kulturkartelle können Aufgaben in Angriff nehmen, die über den Rahmen der Ein.zelorgani- sation hinausgehen(z. B. Massenseiern). Kulturkartelle sollen dem Ringen und Sehnen der Masse Ausdruck geben, ihrem geistigen und kulturellen Leben einen neuen Inhalt geben. Die Arbeiterbildung soll von bürgerlichen Einflüssen befreit werden. Daher ist überall da, wo die Arbeiterschaft nicht ausschlaggebend ist, die Verbindung mit der Volkshochschule zu lösen. Arbeiterschaft und Rundfunk. Criepien legte dar, welche Stellung die Arbeiterschaft zum Rundfunk einnehmen muß. Die Mitarbeit der Arbeiterschaft am Rundfunk ist unter allen Umständen geboten, damit der Rund- funk nicht einseitig kapitalistisch-bürgerlichen Interessen dient, sondern auch der sozialistischen Ideen- und Gesühlwelt nutzbar gemacht wird. Diese Bestrebungen können gefördert werden durch eine sachliche, aber rücksichtslose Radiokritik in der Arbeiterpresse, in den Ueberwachunasausschüssen und Kulturbeiräten, durch Einrich- tung besonderer Rundsunkausschüsse für die Pro- g r a m m g e st a l t u n g. Vor allem aber ist es notwendig, die Arbeiterhörer den bürgerlichen Radioverelnen zu entreißen und dem Arbeiterradioklub zuzuführen als der Radioorganisation, die für die sozialistische Arbeiterschaft in Betrockt kommt. Der Ar- beiterradioklub ist überall von den Arbeiterbiloungsorganisationen zur Mitarbeit heranzuziehen. Vildungsarbeit in den Bezirken. Skcin berichtete über den Stand der Bildungsarbeit in den Bezirken und gab Ratschläge für die Bildungsarbeit im kommenden Winter. Die Bedeutung der Bildungsarbeit kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Daher sind sowohl organi- satorisch als mit Bezug auf die eigentliche Bildungsarbeit die Kräfte noch weit mehr anzuspannen, als das fetzt geschieht. Organisatorisch durch Veranstaltung von Blldungskonferenzen, Kultur- t a g u n g e n und K ul t u r w vchen. Die eigentlich« Schulungs- arbeit hat unter dem Gesichtspunkt der Parteiarbeit zu. erfolgen: Schaffung eines Stabes vcn sozialistischen Funktionären und marx- istische Schulung der Massen. Besonders wichtig ist die Schulung des Nachwuchses. Daher ist es notwendig, auch die Lung< f oz ia listen mit unseren Bildungsorganisationen in Verbindung zu bringen, um sie in unsere Parteiarbeit einzureihen. Die Bildimgs� arbeit soll zur Vertiefung des Parteilebens sichren. Des weiteren legt der Redner dar, welche Formen der Schulungsarbeit in Frage kommen(Wanderkurse, Ferien-, Spezial- und Wochenendkurse, Dis- kussionszirkel, namentlich für junge Genossen, Abendschulen usw.). An Volkshochschulen sollten wir uns nur dort beteiligen, wo unser Einfluß unbedingt gesichert ist. prolekarische Rlonaksschau. Weimann gibt ergänzend eine Reihe praktischer Hinweise auf die oom Reichsausschuß in Angriff genommenen Arbeitsgebiete, i-cr Redner weist aus die vom Reichsausschuß neu in Angriff genommenen Arbeitsgebiete hin. Besonders nachdrücklich weist der Redner auf die nunmehr zur Verwirklichung gelangende proletarische Monatsschan hin(die zur Wochenschau ausgebaut werden soll», für die sich die Genossen in allen Orten bei den Leitungen der Kmo- theoter einsetzen sollten. An jedes der Reserate knüpfte sich eine längere, sehr lebhafte Debatte. Diese Aussprache, die sich durchweg im Sinne der Relc- renten bewegte, erbrachte eine Fülle von Ergänzungen und An- regungen aus der Praxis des Arbeiterbildnnaslsbens lelbst.-iiigemein wurde es als notwendig erkannt, das Bildungswesen in organisatorischer und finanzieller Hinsicht zu vereinfachen. Dabe, soll ober jede Schablonisiernng vermieden werden. Gegen 7 Uhr abends schloß der Borsitzende, nachdem er noch die Aiifsordeninq an die Genossen gerichtet hatte, die Deut softe K» n st g c m e i n s ch a f t zu unterstützen, die Verhandlungen mit einigen Worten der Freude über die wohlgelungene �agung. propaganöa für üen Gaskrieg! Fn einem polnischen Lberschlesicn-Film. Soktowilz. 31. Mai.(TU.) Als Gegenstück zu d-m Film.Land unterm Kreuz" hat der Verband der Ausständifchen einen Propa- gandasilm anfertigen lassen, dessen Erstausführung am Montag nach- mittag in Gegenwart von Vertretern der Behörden in den hiesigen Kammerlichtspielen stattfand. In dem Film wird oerfucht. den historischen Anspruch Polens aus Schlesien geltend zu machen. Ein- Fahrt durch das Industriegebiet zeigt u. a. auch die Stickstosswerke in Ehorzow, die„als die wichtigste Fabrik für den k ü n f t i- g e n Krieg giftige Gas« liesern soll". Auch Bilder über die Pulver- fabriken der Lignose A.-G. sind mit entsprechenden Hinweisen als künftige Kriegs- und Wassensabriken versehen. Cine Golümilliarüe für üie Zlotte! Frankreichs nenes Bauprogramm. pari». 31. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Das Finanzministerium gibt bekannt, daß in den Haushaltsplan für 1928 2,5 Milliarden Frank für die französische Marine eingestellt werden sollen, gegenüber 1,8 Milliarden im Jahre 1927, Ich im Jahre 1926 und 1.4 im Jahre 1925. Der größte Teil dieser Summe soll für den Ausbau der Hochseeflotte verwandt werden. Das in Aussicht genommene Bauprozramm soll nicht weniger wie 8 Milliarden Frank ver- schlingen._ Gegen Abrüstung, für Seschränkung. Coolidgcs gemäßigter Imperialismus. Der amerikanische Präsident Eoolidge hielt bei einer G c- dächtnisfeier für die Toten des Weltkrieges eine Rede, bei der er auch auf die Zl b r ü st u n g s f r a g e zu sprechen kam. Wir wünschen, erklärte er, daß sich unsere Beziehungen zu den anderen Rationen nicht auf«ine Bereinigung der Bajonett«, sondern auf eine Vereinigung der Geister stützt. Amerika könne jedoch ebensowenig auf seine militärischen Kräfte völlig Verzicht leisten wie auf seine Polizcimacht. Es fei möglich, die Rüstungen durch internationale Abkommen zu beschränken, wenn jedoch Zlmerika in eine Abschaffung seiner Rüstung einwillige, würde es sich Angriffen und schließlich der Vernichtung aussetzen. Der Gürzenich-Ehor. Von Kurt Singer. Der berühmte Gürzenich-Chor aus Köln setzte den Riesenapparar von 350 singenden Mitgliedern und vier hervor- ragenden Solisten in Bewegung, um das Erfolgstück der Saison, die große Messe von Walter V r a u n s« l s unter Leitung Her» mann Abendroth» in Berlin aufzuführen. Die rheinischen Chore scheinen keine Not zu leiden, wenn sie sich eine solche Etat- bclastung leisten länne». Uns könnt« das occht und lieb sein, wenn wir nicht fürchteten, daß hier Kirche nnd Staat, treu verbündet, von vornherein die Defizitprognose günstig gestellt hätten. Wo Gelder fehlen, stellr ein Fonds zur rechten Zeit sich ein. Eine Not- wendigkeil, diese Meli« vom Westen nach de,n Osten zu verpflanzen, sie einem Berliner Chor a priori zu entwinden, lag nicht vor. Aber der Verleger wird wissen, was er lut. Berlin wurde ausgeschaltet, als aktive Kraft des Musizierens auegeschattet und zur freundlich«» Teilnahme degradiert gegenüber einem Werk, dessen Monumentolität sicher manchen Berliner Chorführer gereizt hatte. Wir haben nun den alten Gürzenifh-Ehar kennengelernt. Ein Drittel der Philharmonie ist ausgefüllt von den chorischen und orchestralen Massen. Die Frauenstimmen, schön und weich und aus- drucksgewandl, scheinen ein besonderes seines Piano von ihrem heimischen Konzertraiim her gewohnt zu sei». Nichts Herbes, Eisern- des, Gellendes stört. In der dramatische» Wucht, in der einschneiden- den Synkopierung, im Schwung des Theatralischen aUerdings bleiben Alt und Sopran schüchtern. Dann halbierr sich plötzlich der Chor klanglich. Wir sehen noch, aber hören nicht mehr, daß 200 weibliche Kehlen letztes hergeben. Ein gesunder, sympathischer Baß stützt, ein freier, sauberer, doch wenig leuchteirder Tenor verteilt Lichter und Dämpfungen. Im Zusammenklang ist Einheit, Wesen- Haftes glückt in andächtigem, frommen Klang, nnd die Sicherheit schwieriger Einsätze, diffiziler Tempoverschiebungen, klanglicher Widerborstigkeiten erheischt Bewunderung. In herrlicher Vorberel- tung gibt sich der Chor den sicheren Zeick»«» Abcndrothv hin. Er hat Gelegenheit zu zeigen, was e r kann. Seine Masse folgt ihm leicht nnd gehorch, blind. Dem ganzen Wert ist A b e n d r a t h ein beredter,«in soeundschastlicher Aueleger. Er tritt hinter das Wert und seinen ochöpser. Beweis: nur da wirkt die Messe, wo sie große musikalische Werte birgt. Die absoluten chorischen Wirkungen de» Mitreiße»? nnd Ergreife»? bleiben sonst aus. Ein ruhiger. vom Gefühl nicht gerütteller, aber gepackter Musiker, abhold dem äußeren Effert, innerlicher, tüchtiger, überlegener, als in seiner früheren Berliner Zeit. Das Werk selbst, die Große Messe opus 37, zeigt Braun- fels in vieler Sicht gewachsen, emporgehoben über den Schwung seine« von Bruckner und Berlioz inspirierten Tedeum. Es scheint. al» sei«r aus dem Weg, sich selbst und seine Note zu finden. Ein größerer Reichtum an Farben im Orchester, ein« herbe, doch poetisch erfüllte Tonsprache, eigentümliche Harmonisierung der Ehorstimmen, verwegene, rücksichtslose Kontrapunktik, ein seines, niystisches Erlauschen erdferner Klänge, liturgische Andacht ohne Engherzigkeit, Aufschäumen der Musikwellen bis zu theatralischen Höhen, Osfertorium, Sanktus, vrgelinterludium, Benediktus bringen originalste, schönste, melodietrunkene Musik der Stille, des Abgleiten» in das wahre Reich hoher Kunst. Hier find Momente der üngezwnngemn Entzückung und Benickung, die erweisen, daß Kunst und Natur eins werden können. Hier ist auch der grelle Kontrast zwischen atonal geführtem Orchester und Gesang der Massen wie ausgewischt. Hier ist die In- vninst der Textdeutung in Musik ohne jeden Krampf. Kyrie, Gloria, Kredo der Messe aber, also ihr wichtigstes Fundament, kranken an dieser Stilvermischung, die zwischen Oper und Mysterium, Reslexivn und Drama. Bruckner, Wagner und Richard Strauß, Braunfels und Hvneggcr eine» Ausgleich sucht, ahne ihn zu finden. Der Wechsel au Harmonien und Takteintcilung, das instrumental ge- führte Solo, das synkodlert Unruhig«, die Äbseitigkeit des Orchesters vom Chor, die Molerei der Instrumente gegenüber der größeren Stille der Stimmen, all das bringt auch«ine Unruhe des Werks und seiner Wirkung zustande. Di« Themen, sehr plastisch hingestellt, scheinen nicht primär gesungen, sondern nachträglich, nicht ohne stärkste Slrbeit, in die Partitur geschrieben. Sie haben nicht jene weit ausschwingende Größe und Jnhaltsträchtigteit, als dah sich aus ihnen Perioden, Sätze mifbauen ließen. Die Architektonik wird also nur ein- scheingroß«, man sieht die Steinblöcke und sieht den Kitt, aber Symmetrie, innere Ordnung, thematische Einheit fehlen. Man sehe sich dieMessen Bachs, B«elhoosns,Schuberts,Liszts,Bruckner» daraufhin an. Nicht einen Augenblick verläßt da den Schöpfer das Gefühl iür das musikalische Material. Bei Braunfels zwingt die Ungewöhnlichkeit motivischer Linien den Komponisten dazu, das gleiche sequenzartig durch alle Stimmen, Soli wie Chor, zu jagen, nur daniit eine Erinnerungsbasis da ist. Aber auch sie hält nicht lang« vor, sie bricht entzwei. Und neue Phantasie schafft neues, buntes Mosaik herbei. Da ragen denn kleine Partien, wie das jubelnde landaraus, adorainus te, die Fansare des Kruzifitus, das schmeiternde Amen im erste» Teil der Messe einsam als große Ein- fälle hervor, während der zweite Teil, undramatisch, die eigentliche Erfüllung, den eigentlichen Lebenswert des Wertes bringt. Was aber hätte ein großer Meister nicht aus dem Fugenthema des Kred» machen können! Wanim bricht Braunfels so schnell ab? Ist das dt» neue Sachlichkeit? Die alte war uns lieber. Eine kunstvolle Arbeit, artistisch brillant, monumental durch «ine geschickt« Ueberbauung einzelner Teile, stilistisch verfahren, im Idyllischen ergreifend, im Dramatischen esiektvoll, den Solisten oer- gewaltigend, bedeutend im ersten Wurf, doch ohne Inbrunst und tiefste Gläubigkeit im Auffahren erregender Kontraste. Das ungefähr ist der Eindruck der Braunfelssche» Messe. Die Ausführung (mit den Rüdelschen Knaben, mit den Solisten Merz. Tunner, Rosette A n d a y, Bentur Singer, Hans Hermann Nissen� wäre vollendet gewesen, wenn das Orchester der Staatstopelle meht Zeit und Gelegenheit gehabt hätte, sich in Geist und Materie des Werks einzuleben. Di« Kölner Gäste, der Dirigent und der Kom- ponlst wurden bejubelt. Die deutschen Theakergastsplele in Paris. Heber die Frage, ob und in welcher Forin auf Grund der bekannten Anregung van Firmin Gömier deutsche Bühnengastspiele in Paris staltsinden sollen, scheint »od> immer keine Klarheit erzielt zu sein. Der Syndikus des deutschen Bühnenvereins, Rechtsanwalt Arthur Wolfs, befindet sich gegen- wärtig in Paris und dürfte dort mit den maßgebenden Parijer Kreisen über die Regelung dieser Frage Fühlung nehmen.— Der Gedanke eines Pariser Gastspiels des Staatsthearers unter Leitung des Intendanten Jeßner, über den die„Eomoedia" vor einigen Tagen belichtete, ist in der Tat erwogen werden, und zwar niit Rücksicht darauf, dag bei einem solchen Gastsptelaustausch naturgemäß ein erstes Ensemble dt« deutsche Theaterkunst vertreten müßte: doch ist dieser Gedanke über unverbindliche Erwägungen noch nicht heraus- gekommen. Man spricht auch von einem Gastspiel der Reinhardt- Bühnen, eventuell mit einer Subvention aus Reichsmitteln. Das Ende der Urania. Heute abend 11 Uhr schließt die Urania in der Taubenstraße ihre Pforten, um vielleicht nach einer Reihe von Jahren an anderer Stelle, man spricht vom Zoo, wieder zu erstehen. Ueber 20 Jahre hat das Institut bestanden. Anfangs eine wirkliche Psanzstätt« der Allgemeinbildung, hatte es im Lause der letzten Jahre seine Volkstümlichkeit mehr und mehr eingebüßt. wiedererössnnng de» Magdeburger Museum». Nach Eröffnung der Magdeburger Theater-Ausstellung ist dieser Tage nun auch das Magdeburger Museum nach vollendeter Umordnung in allen seinen Teilen den Besuchern wieder zugänglich gemacht worden. Seit etwa 15 Iahren ist damit die erste durchgreifende Aenderung beendet, di- Insonderheit die Gemäldesammlung betraf. Besonders fallen die Neuerwerbungen auf:». a. eine Serie ausgezeichneter Bildnisse des Hainburgers Friedrich Wasmann aus dem ehemaligen Besitz seines Entdeckers Bernt Groenvold, ferner eines der wenigen Bildnisse Adalbert Stifters von Ferdinand Waldmüller: ein prächtiges Bluircenstück von Hans Thvma und zwei vielleicht durch ihre IIn- fertigkeil interessante Idyllen Böcklins(1860er Jahre), von denen das cine„DieVenuz im Schil," an Renoir erinnert: serner von dem gleichen Meister ein leidenschaftliches kleines Idyll aus der Münchner Zeit: lchließlich einige Gemälde von Hans von Marees(erste römische Zeit) und von Modernen Gemälde von Kirchner, Hecket und einem jungen Magdeburger, Johannes Saß. Aedee den Wert des Esperanw schreibt der holländische Ge- nosse Nathans, Sekretär der Transportarbeiter-Internationaie, nach seiner Balkanreise, daß diese Kunstsprache sich als das beste Vermittlungsorgan im Verkehr mit bulgarischen Genossen erwiese» habe. Sein des Esperanto kundiger Begleiter habe mit dem Er- lernen der Sprache erst im September 1026 begonnen, und bei jeder anderen Sprache würde dann der Anfänger noch in der An- Wendung der einfachsten Zeitwörter oder in einem der sonstigen Hauptgeheinlnisj« sremder Sprachen stecken. So konnten die gegen- seiligen Gedanken vollständig verdolmetscht werden. Die Reise sei geradezu ein Propagandamittel für die Anwendung des Esperanto In unserer internationalen Bewegung geworden. vi« Eröffvunzsousstclluaz de» Berliner Hause« der Galerien Tbaniibauser. Bellevueftr 13, bringt eine Auitvahl deiiticher Malerei und Blastik au» der Zeit von Menzel und Leibt bi» heute. Tic Erölsnung ist am 3. Juni. Laudesvälerliche Kunst. Tie Jabrbundersscier deZ LandeZIhcaterZ flo- bürg brachte eine Aussllhrung der Kantate„Lenz und Liebe- von Ernst It., sowie der Oper„Santa Chiara-, zu der Ernst II. die Musik getchrtebe» hat. Soweit haben«Z die Preußen immerhin noch nicht gebrachtl Das gefährdete Haus. Vis in die späten Abendstunden hinein war gestern eine Ar- beiterkolonne der Schnellbahn mit den Sicherungsarbeiten be- schäftigt, um die Einsturzgefahr am Hause Prinzen. st r a st e zu beseitigen. An beiden Flügeln des Eckgrundslückes in der Prinzen- und Stallschreiberstroße wurden auf dem Boden- belog starke hölzerne Streben errichtet, die in der Höhe des ersten Stockwerkes in das Mauerwerk eingefügt wurden. Noch gestern abend gegen Ml Uhr konnte die von der Polizei angeordnete Räumung der Wohnungen aufgehoben werden, da nach den Sach- verständigengutachtcn keine unmittelbare Gefahr mehr bestand. Wäh- rend der Strostenbahnoerkehr in beiden Richtungen wieder ausge- nominen werden konnte, bleibt der Abschnitt zwischen der Sebastian- und Stallschreibcrstroste für den Wagenoerkehr in Richtung M o r i st p l a tz zunächst nach polizeUich gesperrt. Der verbesserte Staüthaushaltplan. Stellungnahme der sozialdemokratischen Kommunalen Konserenz. In der Kommunalen Konferenz, an der sozialdenw- kratlsche Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung und des Magistrats, der Bezirksverordnetenversammlungen und der Bezirks- ämter und andere kommunaltätig« Genossen und Genossinnen teil- nahmen, berichtete Stadtverordneter Dr. L o h m a n n über den Stadthaushaltplan für 192 7. Genosse Lohmann stellte einleitend fest, daß des Stadtkämmerers Wort von dem Nothoushalt, wie man den Haushaltplan dies- mal nennen müsse, inzwischen einiges von feiner Berechtigug verloren hat. Als der Magistrat im März den Haushaltplan vorlegte, war die Borficht, mit der er ihn aufgestellt hatte, verständlich. Da- mals stand vor uns noch, die Gefahr schwerster Schädigung Verlins durch den Finanzausgleich. Inzwischen ist, wenn auch der Finanzausgleich nicht nach Berlins Wünschen gestaltet wurde und die Schädigung, uns noch hart genug drückt, doch nicht das Schlimmste, was befürchtet werden mustt«, verwirklicht worden. Auch haben die den Stadtsöckel belastenden Wirkungen der Wirtschaftskrise stch mit der Besserung des Arbeitsmarktes ciwa» gemildert, so dost die Lage jetzt nicht so Hoffnung slos wie im März erscheint. So ist es möglich geworden, den Haus- haltplan im Ausschuß wesentlich zu verbessern. Auf einige der wichtigsten Houshaltkapitel ging Genosse Lohmann näher ein.'Beim Schulwesen hat der Ausschuh höhere Beträge eingesetzt, z. B. für den Waldschulenausbau, für die Schülerlandheim«, für Lermnittelbeschaffung, für Wirtfchastsbeihil- sen an begabte Schüler. Für Schulbauten stehen allein 27 Millionen Mark in dem neuen Haushalt. Sehr hohe Aufwen- düngen erfordert die W o h l f a h r t s p j l e a e. deren Kosten be- greiflicherweise von der Wirtschaftskrise am stärksten beein- slustt werden. Die hierfür eingestellten 77 Millionen Mark sind ollein der zehnte Teil des ganzen Stadthaushalts. Reu eingestellt sind Mittel für durchgreifende Umgestaltung des Obdachs, die unaufschiebbar ist. Di« Wohlfahrtspflege ist noch lange nicht ideal. Leicht hatten es die Kommunisten, hrerzu eine Unzahl Verbesserungsanträge einzubringen. Aber die Mehrkosten würden z. B. bei einer Steigerung der Unterstützungsrichtsätze bis zu der von ihnen beantragten Höh« sich auf 105 Millionen Mark belemfen. Reichlicher« Mittel hat der Zlueschuß auch für das G« s u n d h e i t s- w e f e n eingesetzt, so daß unter anderem der Ausbau der Kranken- Häuser Moabit und Friedrichshain gefördert werden kann. Trotz Verbesserungen ist, ohne dah die Gewerbesteuer, die Grundsteuer und die Hundesteuer erhöht zu werden brauchten, d i e Balancierung des Haushalts geglückt. Das wurde möglich durch Einstellung von Reservebeträgen, die noch aus 1924 verfügbar waren, und einer Darlehnsrückzahlung der Nordsüdbahn. Dazu kommt der Ueberschuß aus den Werken,' den der Ausschuß höher angesetzt hat. Lohmann hob hervor, daß die städtischen Werke im Kern durchaus gesund sind. Sollen wir einem so ge» stalteten Etadthaushalt unsere Zustimmung geben? Lohmann bejahte diese Frage. Die Flut der Anträge der Kommunisten soll nur ihre Agitation beleben. Tatsächlich haben die Kommunisten im Ausschuß versagt. Mit der Ab. lehnung ihrer Anträge ist ihnen gedient, sie erleichtert ihnen die Ablehnung des Haushaltplans. In dem Wunsch, die Haushalt. festsetzüng scheitern zu lassen, begegnen sich mit den Kommunisten die Deutschnotionale n. Daß ohne Tarif- erhöhungen und ohne Steuerer höhungen die Balan- cierung geglückt ist, macht ihnen einen Strich durch ihre Rechnung. Die Rathausvolitik der Berliner Sozialdemo. kralle, schloß Genosse Lohmann, findet Anerkennung in immer weiteren Kreisen der Bevölkerung. In solchen Dingen entscheidet zuletzt nicht die Phrase, sondern der Er- s o l g— und der ist auf unserer Seit«. W i r leisten p r a k- tische Arbeit zum Wohle der arbeitenden Massen der Berliner Bevölkerung.(Lebhafter Beifall.) Eine Aussprach« über diese Darlegungen wurde von keiner Seite gewünscht. Der Borsitzende Genoff« K r l l l e stellte hierauf fest, daß die Teilnehmer der Konferenz dem Referat zustimmen und die tommunaltätigen Genossen und Genossinnen die Politik der sozialdemokratischen Stadtverordnetenfraktion billigen. Rettungsboot öer Rrbeiterfamariter. feierliche Einweihung auf dein Tegeler See. Bei der Rcueinteilung des Rettungsdienstes aus den Gewässern in der Umgebung Berlins durch das Städtische Retwngsamt ist dem 'Arbeite rfamariterbund der Tegeler See zugewiesen worden. Am Sanntag hatte die Arbeitersamariterkolonne Berlin zur Einweihung ihres neu in den Dienst gestellten Rettungs- Motorbootes eingeladen. Reben den Vertretern der Berliner städtischen Gesundheits- behördcn, der Polizei und der Forstoerwaltung, waren auch Dele- gierte der Gewerkschaftskommifsion, der SPD. und der KPD. und der Preffe erschienen. Der Bundesvorstand hatte den Genossen Dunkel aus Chemnitz entsandt. In seiner Begrüßungsansprache betonte Genoffe M a ch n i tz k i, daß der Arbeitersamariterbund eine politisch n.'utrale Wohlfahrtsorganisation sei, die jederzeit bereit ist, jedem zu helfen, der Hilfe nötig hat. Die Arbeitersamariter fragen den Hilfsbedürftigen nicht nach seinem politischen oder konfessionellen Bekennrnis: ihr Dienst ist ein Wert der Menschenliebe. Roch diesen Grundsätzen wird auch der Rettungs- und Sanitätsdienst aus dem Tegeler See ausgeübt. Das Rettungsboot ist als Dorderkajütkreuzer gebaut. Es hat eine Länge von etwa 10 Meter und ist mit einem starken Siem.ms-Motor ausgerüstet, der eine Geschwindigkeit von etwa 20 Kilometer gewährleistet, so daß die Samariter in der Lage sind. mit dem Rettung-boot in der kürzesten Zeit zur Unfallstelle zu eilen. In der Kajüte befinden sich zwei Lagerstätten, auf denen scheinbar Ertrunkene sofort behandelt werden. Selbstverständlich ist das ärzt- liche Instrumentarium des Bootes nach modernsten Gesichtspunkten ausgewählt. U. a. ist ein P u l l m o t o r vorhanden, mit dem aus mechanischem Wege die künstliche Atmung besorgt werden kann. Suchleinen, alle Arten von Bootshaken, Stangen, Rettungsringe, Schwimmwesten werden das Inventar vervollständigen. Unter der Besatzung des Bootes befinden sich stets Samariter, die im Rettungsschwimmen mrsgebildet sind. Eine Probefahrt auf dem See schloß sich dem kurzen Festakt an. Dabei fand das neue Boot gleich eine gekenterte Segeljolle, deren Besatzung von einem Begleitboo: der Samariter aufgenommen wurde. So ist den Arbeitersam'ritern durch behördliche Anerkennung wieder ein neues Beiätigungsfeld zugewiesen worden, auf dem sie ihr menschenfreundliches Werk fortsetzen können. An ihrem Smteil zum Neubau des Bootes— etwz die.Hälfte von 10 000 Mk.— haben die Samariter schwer zu tragen. Bei der völlig kostenlosen Behandlung aller Unglücksfälle stehen den ehrenamtlich tätigen Arbeitersamaritern keine anderen Einnahmen zur Verfügung, als Mitgliedsbeiträge und gelegentliche, geringe Zuwcndunaen von der Stadt. ViAleicht findet sich ein Weg, der Samariterkolonne Berlin die finanziellen Lasten des Rettungsdienstes zu erleichtern. Abschied der„Lesterreichischen Freundeshilfe". Seit vier Jahren hatte die Oesterreichisch« Freundeshilfe unter der unermüdlichen Leitung ihrer Gründerin, Frau Dr. phil. Eugenie Schwarzwald, mehrere Küchen und andere Wohlfahrtsein- richtungen in Berlin unterhalten. Mit dem 1. Juni gehen diese Einrichtungen an das Studentenwerk Berlin über. Frau Dr. Schwarz- wald bat aus diesem Anlaß ihre österreichischen und deutschen Gönner zu einem Abschiedsabend nach dem Hotel K a i s e r h o f Ein prächtiges Klavierkonzert des Pianisten Serkin, sowie Gesangsvor- träge von Emmy Heim leiteten den Abend ein. Hierauf ergriff der österreichische Gesandte Dr. Frank das Wort und dankte der un- ermüdlichen Helferin bedrängter Menschheit für ihr wirklich großes Werk, das sie hier geleistet hatte. Ihr starkes organisatorisches Talent, verbunden mit einer ungemein lebensklugen Güte hatte«s zuwege gebracht, junge Menschen in den schweren Inflationszeiten vor großem Elend zu bewahren. Es sprachen noch Staatsministcr a. D. Schiffer und in Vertretung des Oberbürgermeisters Frau Stadtrot Kausler, die alle einstimmig der tapferen Oesterreicherin den Dank Berlms aussprachen. Frau Dr. Gchwarzwald dankte in bewegten Worten für all das Lob mit dem herzlichen Wunsch eines recht baldigen frohen Wiedersehens. Billige Fischlage. Es sind in den letzten Tagen große Fänge von Makrelen hereingekommen. Die Fische werden von Diens- tag bis Freitag zun» Preis von 25 bis 35 Pf. pro Pfund oertauft, ferner frischer K a b l i a u im ganzen Fisch pro Pfund 25 Pf., Zander gefroren pro Pfund 75 Pf. Die Lerkaufsstellen sind durch Plakat« kenntlich gemacht. der Toö öes Architekten Gbnreuter. „Höchstens ein Kunstfehlcr". Köln. 31. Mai.(Eigener Drahtbericht.) In dem Mord- Prozeß Droeckcr-Obcrreutcr wurde bei der Vernehmung zunächst versucht, die persönlichen Verhältnisse des An- geklagten aiifzuklären. Broecker hat Frau Obcrreutsr zunächst als Assistenzarzt im Marienhospital kennengelernt, wo er sie wegen eine» Blinddarm leidens behandelte. Aus die Frage des Vor- sitzenden, wie er dann noch erfolgter Heilung vom Arzt zum Haus- freund geworden sei, antwortet der Angeklagte, es fei der Wunsch des Architekten Oberreuter gewesen, daß er, Broecker, die jung« Frau weiter behandle. Broecker b e st r e i t e t, daß er vor dem Tode des Ehemannes in intimen Beziehungen iu Frau Oberreuter gestanden habe, und bittet gequält, diesen Punkt weiterhin zu meiden. Der Vorsitzende bezeichnet gerade die Aufklärung dieses Punktes für besonders wichtig. Run wendet man sich der Zeit kurz vor der Tat zu, als Ober- reuter krank war und von Dr. Broecker behandelt wurde. Der Vor- sitzend« hält Broecker einen Zlusspruch vor, den der Angeklagte gegenüber einer Krankenschwester getan haben soll:„Ich wünsche dem Oberreuter, daß er mir,«innial in die Finger käme, wenn er krank wäre!" Broecker behauptet, sich nicht entsinnen zu können. Dem Patienten sollten Spritzen mit Kosfein verabreicht werden, Broecker aber versuchte. die Schwester zu beeinslussen, st a t t Koffein Digitalis zu geben. Als ihm der Vorsitzende diese Verantwortungslosigkeit vorwirst, entschuldigt sich Broecker mit Vergeßlichkeit und beteuert, daß er wohl der Fahrlässigkeit schuldig sei, aber keine Tötung s- absicht gehabt habe.„H ö ch st e n s ein K u n st f e h l e r", sagt er. Kurz noch den weiteren Einspritzungen durch B. mit Nova- sural starb Oberreutcr, und als die Leiche obduziert werden sollte, rief Broecker aus:„Dann bin ich verloren!" Der Vorsitzende hält Broecker weiter vor, auf den Oberarzt des Marienhospitals dahingehend eingewirkt zu haben, einen falschen Toten- schein auszustellen. Die Verhandlung wendet sich nun einer Zusammenkunit zu, die Broecker und Frau Oberreuter in Amsterdam mit einem Kölner Pater Klemens gehabt hat. Ihm gegenüber soll Broecker ein Geständnis abgelegt haben, auf die Frage des Vor- sitzenden, ob er den Pater von seiner Schweigepflicht entbinden wolle, antwortet Broecker in großer Verwirrung: Ich will es mir überlegen. Vorsitzender:?l u s meine Frage gab es für Sie nur eine Antwort: Ja. Die Vernehmung der Angeklagten Oberreuter ae- staltet sich sehr viel kürzer. Auf die Frage, ob sie schon zu Lebzeiten ihres Mannes zu Broecker in intimen Beziehungen gestanden Hobe, schweigt sie. Die Anklage gegen Frau Oberreuter wegen Anstiftung zum Mord wurde nach der Vernehmung auf Mit- t ä t e r f ch a f t ausgedehnt. In der heutigen Sitzung wurde mit der Z e u g e n v e r n e h- m n n g begonnen. Filr(ms Pswgslfelt liringt da« tekannl» l!Zp,?iaI5a», C. 5ofefl5,«ln. Schiiln. l«rg, Kaiiptltr. I, Eike GrunswaldNr. de>onders xünsliqe Änfledale in He:r»»»An- zilgen und Mitnleln. an» modetnen Etage» In nur guten Qualitäten, nag» der neues» en Mode verardcitet, zum Bertaus. Riesige Lager bieten Ibnen Gewähr. daK Eie da» Richtige in jeder Preislage und Aussiihrung finden.— Für die warmen Tage unterhält die Firma eine reiche Auswahl in Litftre-. Leinen-, Tussar-Eacco» und Anzogen, sowie Tennishosen in weißen und farbigen Stoffen. Internationale Rrbeitskonferenz. Krankenversicherung und gewerkschaftliche Zsreiheit. Genf, 31. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Die Krankenver- sicherungskommission der Internationalen Arbeitskonfe- renz hat am Montag nach dreitägiger Diskussion die allgemeine Aus- sprach« geschloffen und sich mit 38 gegen 2S Stimmen für die Pflichtversicherung ausgesprochen. Daraus wurde die Einzelberatung der beiden Uebereinkommensentwllrfe begonnen, wovon allein die Krankenversicherung für die Arbeitnehmer der In- dustrie, des Gewerbes und des Handels regelt, während der ander« die landwirtschaftlichen Arbeiter betrifft. Beide Entwürfe sind im übrigen genau gleich, und die Trennung in zwei Konventionen hat lediglich den Zweck, deren Ratifikation zu erleichtern. Der erste Artikel der beiden Entwürfe, welcher bestimmt, dah jedes Mitglied der internationalen Arbeitsorganisation, welches sich verpflichtet, eine den Bestimmungen des Uebereinkommens zum mindesten gleich- werfige Pslichlversicherung einzuführen, ist der Entwurf für die Arbeitnehmer der Industrie usw. mit 38 gegen 13 Stimmen und der Entwurf für die landwirtschaftlichen Arbeiter mit 34 gegen 23 Stimmen angenommen worden. In der Kommission für die gewerkschaftliche Freiheit wurde der Artikel 3 über die Bereinigungsfreiheit weiter beraten, wobei ein Zusatzantrag van italienischer Seite, nach welchem diese Freiheit sich„in Uebereinstimmung mit den Gesetzen" befinden müsse, mit 18 gegen 17 Stimmen abgelehnt wiirde, wogegen«in fast gleichlautender ungarischer Antrag, daß die Bereinigungsfreiheit in„legaler Form" gewährleistet sei, im umgekehrten Stimmenver- hältnis angenommen wurde. Dabei soll bei der ersten und zweiten Abstimmung der griechische Regierungsocrtreter umge- fallen sein._ Es geht vorwärts! Eeneralversammkung des Verkehrsbundcs. Die Berliner Ortsoerwaltung des Derkehrsbundes hielt Ms«tag- abend im Gewerftchastshaus ihre ordentliche Generalversammlung, in der der erste Bevollmächtigte Genoffe Ortmann d« Ee- schästsbericht vom ersten Quartal gab. Orthmann betonte einleitend, daß die im ersten Quarial einge- leiteten Lohnbewegungen meist erst im April akme- schloffen wurden und daher nicht in dem Bericht über das erst« Quartal zum Ausdruck kommen. Abgeschloffen wurden im ersten Quartal 18 Angriffsbewegungen ohne Streik in 1975 Betrieben mit 10 965 Beschäftigten. Die durch diese Bewegungen erzielte Lohn- «rhöhung betrug insgesamt 34 060 Mark pro Woche. Da? waren die ersten Bewegungen, die das Eis brachen, das die anhaltende Wirt- schaftskrise des Borjahres auf sämtliche Gewerkschaften gelegt hatte. Die größte Bewegung war die für die Transportarbeiter der Berliner Metallindustrie, die ebenfalls im zweiten Quartal abgeschloffen wurde und für 16 000 Arbeiter in 350 Betrieben eine Lohnerhöhung von 5 Pf. pro Stund« brachte. Abwchrbewegungen wurden zwei geführt, wovon durch eine eine Maßregelung rückgängig ge- macht und im anderen Falle ein wöchentlicher Lohnabzug vo* 1 Mark verhütet wurde. Die MItgliederbewe(lung zeigt eine erfreuliche Auf- «ärtsbewegung, die sich im zweiten Quartal weiter und noch stärker als im ersten Quartal fortsetzt. Während im ersten Quartal insgesamt 4353 neue Mitglieder ausgenommen wurden, sind in den beide» ersten Monaten des zweiten Quartals bereits über 3500 neu« Mitglieder geworben worden. Allerdings ist die Fluktuation in der Mitgliederbewegung immer noch zu groß. Der Mitgliederbestand hat sich gegenüber dem Schluß des Vorjahres um 629 erhöht, so daß jetzt die Organisation den Mitgliederbestand der Vorkriegszeit überschritten hat. Genoffe Orthmann ermahnte die Funkiio- näre, so rege wie bisher weiter für die Organisation tätig zu sein, damit die Aufwärtsentwicklung, die schon im vierten Quartal de» Vorjahres einjetzte und stetig zu bleiben verspricht, in der Folgezeit nicht unterbrochen wird. Zum Schluß forderte er die Delegierten noch auf, in den Betrieben und Branchenversammlungen dahin zu wirken, daß nirgendwo Einzel-, Betriebs- oder Branchenabmochungen über die Bezahlung eines Ueberstundenzuschlages getroffen werden und diese Regelung nur der Organisation überlassen wird. Im Anschluß an den Geschäftsbericht erläuterte Genosse B r e tz k e den gedruckt vorgelegten Kassenbericht, der für das erste Quartal gegenüber den Ausgaben eine Mindereinnahme von 1161 Mark ausweist, die houpftächlich aus die vermehrten Ausgaben für Agitation und Lohnbewegungen zurückzuführen ist. Der Bestand »er Lokalkasse betrug am Schluß des ersten Quartals 31 622 Mark. Elne Diskussion zu den beiden Berichten wurde nicht gewünscht, ein Beweis dafür, daß die Tätigkeit der Ortsverwaltung im ersten Quartal von allen Funktionären e i n st i m m i g gebilligt wird. Neben einigen anderen Anträgen wurde ein Antrag einstimmig an- genommen, der gegen die in letzter Zeit ergangenen(Berichtsbe- schlösse protestiert, die darauf abzielen, das Streikrecht der Arbeiter- schaft zu unterbinden. Der übliche kommunistisch« Antrag blieb jedoch nicht aus. Diesmal wurde verlangt, daß die Generaloersammlung den Roten Frontkämpfertag zu Pfingsten begrüßt. Wenn die Kommunisten an der gewerkschaftlichen Arbeit der Ortsverwaltung nichts zu kriti- ficren fanden, so mußten sich durch eine längere Diskussion zu dieser „gewerkschaftlichen" Frage auf ihr Vorhandensein aufmerksam machen. Die Generalversammlung beschloß, entsprechend dem Bor- schlage der erweiterten Ortsoerwaltung, Uebergang zur Tagesordnung, worauf Genosse Klohse die Versammlung mit einem Hoch auf den Deutschen Derkehrsbund schloß. Cagung öer Sergarbetter-Internationale. Paris, 31. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Das Exekutivkomitee der Internationalen Bergarbeitergewerkschaft hat am Montag ein- stimmig eine scharfe Entschließung gegen die antigewert- schaftliche Gesetzgebung des englisch enKabinetts angenommen. Diese Entschließung soll dem englischen Premier- minister, den englischen Gewerkschaften, der englischen Arbeiterpartei und dem Verband der internationalen Genossenschaften zugesandt werden. In der Entschließung heißt es u. a.:„Die Bergarbeiter- internationale ist noch Anhörung des Berichts des englischen Dele- gierten der Ansicht, daß das Borgehen der englischen Regierung als ein skrupelloser Versuch zur Zerstörung der Arbeiterbewegung zu bewerten ist. Dieser Versuch geht darauf hinaus, den Arbeitern jede Möglichkeit zu nehmen, den Angriffen der Arbeitgeber auf die Lohn- böhe und die Arbeitsbedingungen wirksam zu begegnen. Dos Jnter- nationale Komitee beschließt, die englischen Bergarbeiter in ihrer Opposition gegen dieses Gesetz aufs energischste zu unterstützen." Weiter hörte das Komitee zwei Vorträge an über die Organi- satiou des Interuationalen Arbeitsamtes in Genf, wovon der eine von dem deutschen Delegierten Husemann, der andere von Richardson erstattet wurden. Rücktritt von Frank Hodges. Paris. 31. Mai.(WTB.) In der heutigen Sitzung des Voll- ugsausschusses der Bergarbeiterinternationale gab zunächst Frank 'odges bekannt, daß er aus persönlichen Gründen von seinem Posten als Generalsekretär zurücktrete. Der belgische Delegierte D e l a t r e s wurde mit der provisorischen Vertretung beauftragt. i1 fr Ter Streik bei Leiser beigelegt. Gestern wurde mit der Firma H. Leiser unter Hinzuziehung je eines Vertreters des Hauptvorstandes des Schuhmacheroerbandes und des Reichsverbandes der deutschen Schuhindustrie über die Beilegung des Konfliktes m der Schuhwarensabrik verhandelt. Es kam eine Vereinbarung zustande, wonach sich bei künftigen Differenzen die örtlichen Organisationen und die Spitzenverbände bemühen sollen, die Differenz tarifmäßig beizulegen. Weiter wurde vereinbart, daß die Arbeit innerhalb 25 Stunden wieder aufgenommen werden soll: in der Stanzerei, Zuschneiderei und Stepperei heute mittag 12 Uhr, der Rest der übrigen Belegschaft morgen mittag 1 Uhr. Die Firma erklärte weiter schriftlich, daß sie der Lohnforderung der Stanzerei grundsätzlich nicht ablehnend gegenüberstehe und daß sie bereit sei, eine Stunde nach der Arbeitsaufnahme zwischen der Betriebsleitung und dem Betriebsrat über die Forde- rungen verhandeln zu lassen. Wenn bei diesen Verhandlungen ein« Einigung nicht erzielt wird, sollen die beiderseitigen Organi- sationen hinzugezogen werden und beim Scheitern auch dieser Vor- Handlungen die Bezirkstarifkommission endgültig entscheiden. Die Firma erklärte sich weiter bereit, in der Woche nach Pfingsten auch über die Lohnforderungen der Stepperei verhandeln zu wollen. Ueber dieses Verhandlungscrgebnis berichtet« heute vormittag der Berliner Bevollmächtigte des Schuhmacherverbandes H ö r tz in einer Streikoersammlung in Blüchers Festsälen und empfahl den Streikenden die Annahme des Verhandlungsergebniffcs. Nach einer kurzen Diskussion, in der von fast allen Rednern betont wurde, daß die Belegschaft in Zukunft durch eine größere Aktivität im Be- trieb« und ein geschlossenere» Zusammenhakten als bisher das Auf- kommen solcher Mißstände verhindern müsie, wurde m geheim« Abstimmung das Vcrhandlungsergebnis angenommen, uiamll ist der Konflikt in der Schuhfabrik Leiser endgültig beigelegt. Tie Forderungen der österreichischen Poffongestellteu. Wien. 31 Mai.(MTB.) Amtlich wird gemeldet: Die Per-- Handlungen zwischen der Generalpostdirektion und dem von der Postgewerkschaft der Technischen Union und dem Gewerkichatlsbund. gebildeten Verhandlnngsausfchuß wurden heute in den MMogs- stunden fortgesetzt. Der Verhandlungsausschuß verlangte eine irr- weitening der bisherigen Zugeständnisse. Es konnten auch m an- zelnen Punkten noch Zugeständnisse gemacht werden, ine Mitglieder des Ausschusses erklärten, ihren Auftraggebern berichten und am Abend, eine schriftliche Antwort überreichen zu wollen. Am Abem- et schienen namens der Postgewerkschaften die Herren Jak l und' Dr. M a i e r und als Vertreter der Technischen Union Abg. Z �" l e n k a beim Generalpostdirektor Hoheissl mit der Erklärung, daß sie die von der Verwaltung gemachten Zugeständnisse in den� meisten Punkten als nicht ausreichend betrachten könnten,-sie uberreichten«ine schriftliche Zusammenfassung der Forderungen igrer Organisationen mit dein Bemerken, daß sie bis Sonnabend, den. 4. Juni, 10 Uhr vormittags, die Antwort der Verwaltung bzw. oer Regierung erwarteten. Diese Forderungen gehen m einzelnen Punkten über die bisherigen Forderungen wesentlich hinaus. i)cr Generalinspektor nahm diese Mitteilungen zur Kenntnis. Cr steule in Aussicht, daß er die überreichten Forderungen so rasch wie möglich überprüfen und sich über die Möglichkeit, sie zu erfüllen, ohne Verzug noch einmal mit dem Finanzministerium ins Einvernehmen setzen werde._ Die Sparkasse der Lank der Arbeiter. Angeflellkea und BeamtnC A.-G„ Berlin, wallstr. 65. ist täglich mit Ausnahme von Sonnabend' von 9— 3 Uhr und 4—6 Uhr, Sonnabends von 9— 1 Uhr geostnet.. Veraniwortlich fllr Polilii: Lictor GewerlichaftZbeiiiegunq: Z. Steinet; und Sonstiges: Fritz starstövt; An Zerlag: Vorwärts-Verlag G. m. b. H und Verlagsanstalt Vau! Singer u Schill: Wirtschaft:®. Klingelhoser: efeuiUcton:«.£. Däschet; Lokales. cn: Th.«locke; foKttlich IN Berlin. Jeclln. 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