Ne. SS7 ♦ 44.�ohrq. Twsgabe M Nr. 131 Bezugspreis: Wlchevtlich 70 Pfennig, monatlich 3,— Reichsmari voraus zahlbar. Auter Kreuzband Mr Seulfchland, 'Danzig, Eaar- und Memelgediet, Oesterreich. Litauen. Luxemburg �.S0 Reichsmart, für das übrige /Ausland S.SO Reichsmark pro Monat. Der �Vorwärts' mit der illustrier- ■wn Sonntagsbeilage»Polt und getf lonne den Beilagen.Unterhaltung und Wissen*..Aus der Filmwelt*. „Frauenstimme*..Der Kinder- freund*..Iugend-Vorwärts*..Blick in die Bücherioelt* und„Kultur- arbeit* erscheint wochentäglich zwei. mal. Sonntags und Montags einmal. Telegraoua�ldresse: „SoziatOeraotraf Der Nu- Morgenansgabe (lO Pfennig) Anzeigenpreise: DI« einspaltige Nonpareille- geil« 80 Pfennig. Reklamezeilc Reichsmark..Kleine Anzeigen* das fettgedruckt« Wort 2S Pfennig tzulSssig zwei fettgedruckte Worte). jedes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengesuche das erste Wort 13 Pfennig, jedes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über IS Buchstaben zahlen für zwei Worte. Arbeitsmarkt geile 00 Pfennig. Familienanzeigen für Abonnenten geile«0 Pfennig. Nerliner VolKsvl�kt Zcntmiorgan der Sozialdemokratischen parte» Deutschlands Anzeigen stk bie n ll ch st« Nummer müsse» bi« M Uhr nachmittag» im Hauptgeschäft. Berlin SW 08, Linden- strasseZ, abgegeben werden. Geöffnet von Sih Uhr früh bis 3 Uhr nachm. Neüaktion unü Verlag: Serlin SA). öS, Linöenstraße Z Fernsprecher: Tönhoff SSÄ— SS7. Donnerstag, den A. Jnni 19%7 Vonvärts-Verlag G.m.b.H., Serlin SW. öS, tinüenstr.Z Postich« Mo»ts:«er«» N 00—«anklsnts: Bank der Arbeiter,«ngestlte» »nd Beamte». W-Istr. 03: Dlskonto-Geselllchaft, Deposttenk-fs« iindenftr. 0. Wirth setzt seinen Kampf fort. Repttblikanerkundgebung in Koblenz.- Sollmann über die soziale Republik. Kobtevz. 1. Juni.(Eix«ner Drahtbericht.) Das in Koblenz sehr sclftvache Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold hatte für Mittwoch abend eine Versammlung mit Wirth und Sollmann als Rednern einberufen. Die Zentrumspresse brachte einen gegen Wirth sehr unfreundlichen Begrüßungsartikel: in den Kreisen der Zentrum-partei wurde gegen die Versammlung passive Resi- st e n z geübt. Trotzdem hatte die Kundgebung«inen Massen- haften Besuch und die Redner wurden jubelnd begrüßt. Sollmann führte u. 0. aus: Die Versammlung gelte nicht der Agitation für eine Partei, sondern sei ein Zeugnis der Tatsache� daß sich auch in den Zeiten des Bürgerblocks die sozialen Republikaner im Zentrum und die Sozialisten zusammenfinden. Außenpolitisch sagte er. daß Frankreich den Rechtskurs nicht als Borwand gegen eine Räumung der Rheinlande nehmen solle. Der Kampf gegen die Deutschnationalen sei eine innerdeutsche Angelegenheit, und wir verbäten uns die Unterstützung durch den französischen Ministerpräsidenten Poincare. Allerdings sei richtig, daß, je eher die Deutschnationalen aus der Reichsregierung hinauskämen, desto ms che r die Befreiung der Rheinlande käme. Wirth setzte sich unter ständigen begeisterten Ovationen der Ver- sammlung mit der Zentrumspartei auseinander. Er sagte u. a.: Ich kann nicht hin- und herschwenken wie ein Pendel und kann auch nicht anders, wenn meine politischen Freunde ander« Wege gehen als ich. Man muß da aber nicht gleich aus dem Häuschen geraten. Das Reichsbanner will keine neue politische Partei gründen. Davon haben wir genug. Wir wollen aber als Feuerbrände in den politischen Parteien wirken und Leben in die alten parteipolitischen Friedhöfe bringen. wie kann der junge republikanische Staat bestehen, wenn er nicht Diener hat. die leidenschaftlich für die republikanische Zdee arbeiten. chatte auf dem Kieler Parteitag der Radikalismus gesiegt, so wäre das deutsche Republikanerwm auseinandergefallen. Glücklicher- weise ist das nicht der Fall. Zu einer Gruppe von katholischen Geistlichen sin Saale gewandt, sagte Joseph Wirth: Spottet doch nicht über Karl Marx. Sein Verdienst ist es, die kapitalistische Entwicklung der Gegenwart vorausgeahnt und teilweise voraus- gesehen zu haben. Unser Problem und auch das Problem der katho- tischen Kirche ist: wie man das enterbte Proletariat in den Staat eingliedern kaun, wie man den proletarifierteu Menschen, die herabsinken zu einem Dasein, besten sich jeder Mensch erbarmen müßte, helfen kann. Es ist das Verdienst der organi- sterten Arbeiter, über sich hinauszudenken und zu höheren Ein- heften zu streben, zu höheren nationalen und zu höheren konti- nentalen, ja weltwirtschaftlichen Einheiten. Zum Zentrum sagt Wirth: Wo bleiben die mft den Deutsch- nationalen vereinbarten Richtlinien? Ich scheue die Aus- spräche nicht. Worum geht es denn? Die Rechtsparteien wollen bei dem nächsten Wahlkampf das Zentrum mit den Deutschnatio- nalen in derselben Kampffront sehen. Die Rechtsparteien brauchen jemanden, um ihre politischen Pläne verdecken zu können. Die Partei aber, der ich in den bittersten Jahren gedient habe, ist mir zu gut, um sie als Deckmantel der Reaktion gebrauchen zu lasten. Wenn ein Konflikt zwischen meiner Partei und mir aus- bricht, so sage ich, ich kann einer Regierung nicht mit Vertrauen dienen, wo ein deutschnationaler Reaktionär im Reichsjustizmini st erium und einer im Reichs- innenmini st«rium Ministerfestel innehaben. Mögen meine Freunde um die Einhaltung der politischen Linie ringen, ich kann mich nicht zu einem Aufmarsch mit dem Grafen Westarp zur Ver- sügung stellen. Den in Königsberg gebrauchten Ausdruck„G e- sinnungslumperei' habe ich aus der deutschnationalen Presse entnommen. Jetzt haben mich die Deutsch- nattonalen beim Zentrum denunziert und die Parteihäupter haben pariert. Ich beneide sie nicht um diesen Gehorsam. Mich werden sie nicht auf diesem Weg« finden. Dos Zentrum hat sich Jahre lang dort hingestellt, wo es am gefährlichsten war. Da würde ich werben für das Zentrum und für den Staat. Jetzt scheint es zu heißen:„Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen." Wenn man das will, mag man mir das offen sagen. Wenn die Zeiftrumspartei nicht ertragen kann, daß ich die Reaktion bekämpfe, so nehme ich meinen Hut und meinen Wander- st a b und gehe dorthin, wohin mich dann mein« Pflicht ruft. (Minutenlange Beifallsstürme.) Ich werde meine Ueberzeugung nicht verleugnen. Man muß aber im Zentrum wissen, daß die Republikaner nicht in eine Ecke sich zurückziehen, wenn ein Parteihäuptling irgendwo die Stirn runzelt. Wirth schloß mit einem starken Bekenntnis zum sozialen Volksstaat. Nach der Versammlung ordneten sich die Teilnehmer zu einem großen Fackelzug, der sich zu dem Hoiel bewegte, wo Wirth ab- gestiegen ist. Englifthe Erklärung über Aegypten. Es will die Armee in der Hand behalten. London, t Juni(Eigener Drahlberichl). Der britische Außenminister Ehamberlain gab am Mittwoch im Unterhaus eine Erklärung über die Situation in Aegypten ab. Er stellte darin fest, die ägyptische Armee sei seit beträchtlicher Zeil Gegenstand der Aufmerksamkeit einer gewisteu Gruppe ägyptischer Politiker gewesen, deren Abficht sei, die Stärke der ägyptischen Armee zo vergrößern und za„einer Masse für eine bestimmte politische Partei" om zuwandeta. Angesichts der Ledevtung des Suezkanals für Großbritannien und der Pflicht der britischen Regierung, die Ausländer in Aegypten zu schützen, sei dieses Bestreben von aller- größtem Interesse. Großbritannien könne nicht gestatten, daß die Lage dort durch die Anwesenheit eine, möglichen Heindes noch weiter kompliziert wird. Die Vorschläge des Armeeausschustes des ägyptischen Parlaments gingen daraus hinaus, das Amt des v b e r- kommandierenden der Armee, welches gegenwärtig der britische GeneraNnspektor inne hätte, an das ägyptische Sriegs- minlsterium zu übertragen. Dies würde aber bedeuten, daß die jeweils cm der Macht befindliche Partei unbeschränkte Gewali über die Armee besitzen würde. Großbritannien sei zu Verhandlungen bereit. Die von Zaghlul geführte ägyptische llnabhängigteits- Partei betreibt seit vielen Monaten eine Armeereform. Sie wollte die Macht der etwa 200 britischen Offiziere, die die Armee fest in der Hand haben, erschüttern: die Stärke der ge- samten Armee, die heute etwa 10 000 Mann zählt, aus das Doppelte erhöhen: die veralteten Waffen durch moderne zu ersetzen: neue leichte und schwere Artillerie, sowie Panzer- autos, Tanks, Telephon und Radio einführen: Luftstreitkräfte schaffen. Der Sirdar. der englische Oberkommandierende, sollte durch einen Aeyypter ersetzt werden. Im Interesse der nationalen Freiheitsbewegung wurde die Aufrüstung betrieben. Die Zaghlultisten hatten fetzt durchgesetzt, daß ein ihren Wünschen entsprechender Gesetzentwurf in der Kammer be- raten wird. Der Heeresausschuß hatte sich gerade geeinigt, als England diplomatisch und demonstrativ eingriff. Zwei Kriegsschiffe wurden nach Mexandria, eins nach Port Said, gelegt und in einer Note der Einspruch Englands gegen die ägyptischen Armeereformpläne eingelegt. Aegypten ist seit 1882 von England besetzt. Bis zum Weltkrieg blieb es dennoch ein Teil des türkischen Reiches. Nach Kriegsausbruch erklärte es England 1914 zum Pro- t e k t o r a t. 1922 kam es dem Freiheitsstreben der erwachen- den Völker dadurch entgegen, duß es Aegypten als so u- v e r ä n erklärte. Das Land hat seitdem eigene diplomatische Vertretungen, aber seine Außenpolitik blieb dennoch kon- trolliert."Mitglied des Völkerbundes hat es noch nicht wer- den dürfen. Die Armee ist in englischer Hand. England behielt sich in vier Punkten vor, die Sicherheit der Ver- kehrswege des britischen Reiches, die Verteidigung Aegyptens en fremde Angriffe und Einmischungen selber zu� regeln und die jüdische und christliche Minderheit gegen die Moham- medaner zu„schützen". Auch wurde der heute gemeinsam mit Aegypten verwaltete Sudan abgetrennt. Vom Mittelmeer im Norden, vom Sudan im Süden und vom Roten Meere im Osten blieb Aegypten von den starken Armen der britischen Zivilisation umklammert. Ehamberlain begründet seinen diplomatischen Schritt mit englischen„Vertragsrechten" und englischen Sicherheits- intereffen. Daneben versucht er die Aegypter g e g e n e i n- ander auszuspielen. Die Armee dürfe nicht das Spielzeug einer Partei gegen die andere werden. Sie müste unabhängig von wechselnden Parlamentskonstellationen un- beirrt ihre Pflicht tun und in der Hand ihrer Offiziere bleiben. Ehamberlain redet im Unterhaus als wäre er Geßler im Reichstag, h. Retteier und kolping. Aas den Anfängen christlicher Sozialpolitik. Von August Erdmann. Zu Pfingsten finden zwei große Kundgebungen katho* lischer Arbeiter statt. In Koblenz tagt der Vierte katho- tische Arbeiterkongreß und in Wien der Zweite internationale Gesellenvereinskongreß. Im Mittelpunkt der Koblenzer Tagung wird der Bischof Wilhelm Emanuel v. K e t t e l e r stehen, dessen Todestag sich um diese Zeit zum fünfzigsten Male jährt: in Wien wird das Andenken an den Gesellenvater Adolf K o l p i n g die Gedanken und Gemüter seiner Getreuen bewegen. In der katholischen Presse wird auf die Bedeutung der beiden Tage, insbesondere aus das soziale Wirken der beiden Männer hingewiesen, die es bei dieser Gelegenheit zu ehren gilt. Die„W estdeutscheAr- beiter-Zeitung" füllt ihre ganz« Nummer 22 vom 28. Mai mit Aufsätzen über und Erinnerungen an Ketteler aus. Dabei zeigt sich eins: die übertriebenen Lobpreisungen, die früher, namentlich auf Katholikentagen, wo es galt, die Volksseele zum Kochen zu bringen, dem Mainzer Bischof ge- spendet wurden, sind auf ein halbwegs erträgliches Maß her- abgedämpft worden. Auf dem Katholikentag« in Mannheim (1902) hörte man einen Arbetterfekretär aus Freiburg sagen, daß Ketteler„als der Erste" die sozialen Gefahren erkannt und wirksame Vorschläge zu ihrer Abwendimg gemacht habe, die„heute noch als Richtschnur dienen", daß dieser Bischof „drei Jahrzehnte vor dem Auftreten der Sozialdemokratie die Arbeiterfrage aufrollte und praktisch ftir die Arbeiter tätig war". 1905, ebenfalls auf dem Katholikentage, verkündete ein christlicher Gewerkschaftssekretär aus Düsseldorf:„Ehe es in unserm deulschen Vaterlande eine Sozialdemokratie gab. hat es einen katholischen Bischof, Freiherrn v. Ketteler, gegeben, der die Fahne der christlichen Sozialpolitik aufpflanzte." Und ein Jahr vorher hatte ein Straßburger Gymnasialpro- fessor verkündet, daß Ketteler an der Spitze der ganzen sozia- len Bewegung unserer Zeit gestanden habe— anderer Verzückungen, wie das Wort des katholischen Geschichtsforschers Janssen vom„Millenniummenschen"(Iahrtausendmenschen Ketteler gar nicht zu gedenken. So etwas hört und liest man heutzutage nicht mehr. Immer noch wind, so auch jetzt in der„Westdeutschen Arbeiter- Zeitung", Bischof Ketteler verehrt und gepriesen, aber keiner der sieben großen Auffätze des M.-Gladbacher Blattes geht in dieser Beziehung über das zulässig« Maß hinaus. Im Jahre 1890 erschien die aus dem Jahre 1864 stammende Sclirift Kettelers:„Die Arbeiterfrage und das Christentum" in vierter Auflage. Windthorst gab dazu ein Geleitwort, worin er bemerkte, daß Ketteler„zuerst den Mut hatte, die Fahne einer christlichen Sozialreform aufzupflanzen". Johannes Mumbauer bemerkt in seinem Beitrag zu der Ketteler-Rummer der„Westdeutschen Arbeiter-Zei- tung", das fei nicht richtig, wohl aber habe Ketteler als erster die Sache aus dem vielgestaltigen Leben heraus im Geiste praktischen Christentums angepackt. Und noch bezeichnender ist dies: Vor drei Jahren hat Fritz Vigener, Geschichtslehrer in Gießen, ein großes Werk über Ketteler herausgegeben, worin es heißt, Ketteler habe„nicht einen einzigen Gedanken selbständig hervorgebracht". Hierzu bemerkt Mumbauer, das sei„zwar ziemlich übertrieben", aber man könne es in gewissem Sinn« gelten lassen, ohne der Bedeutung seines (Kettelers) Schrifttum damit Abbruch zu hm". Anklänge an dieses Urteil finden sich in manchem der übrigen Aufsätze, so daß, was es von katholischer Seite an Ketteler zu loben gibt, heute wohl im wesentlichen darin besteht, was der Mainzer Bischof, als in Deutschland die soziale Frage auftauchte, mit Eifer alles aufsuchte und ausgriff, was andere oorgedacht, wenn es ihm nur als geeignet erschien, die Kirche und den katholischen Volksteil empfänglich zu machen für die Teilnahme an einer Bewegung, für deren Bedeutung der westfälische Junker, der er im Grunde immer geblieben ist, mehr Der- ständnis entwickelte als die gesamte liberale Intelligenz seiner Zeit. Im übrigen bleibt ihm der immerhin ansehnliche Ruhm, den auch sein krittsch angelegter Biograph Vigener zuerteilt: „Das Geheimnis seiner bischöflichen Erfolge, auch seiner lite- rarischen, liegt in der Energie seines Geistes, in der Wucht seines Wollens, nicht m der Kraft feines Denkens oder in verfeinerter Geistigkeit.... Dieser Bischof gehörte zu den einfachen, ursprünglichen Rattiren, deren Verstand den prak- tischen Fragen, die das Leben ihnen vorlegt, rasch auf den Grund zu sehen vermag, die mit mächtigem Willen ihren ge- sunden Menschenverstand zwingen, alle seine Kräfte für einen Zweck herzugeben." Eine solche einfache, ursprüngliche Natur, wenn auch von anderer Art und anderem Format, war auch Adolf Kol- ping, der rheinische Schusterjunge, dann Priester und Ge- sellenvereinspräses. Ihm und der internationalen Gesellen- ve.reinstagung widmet der Abgeordnete A n d r 6(Stuttgart) in der Zentrumspresse einen Aufsatz, worin es heißt: die .Größe der Persönlichst des Aesellenvgters Lolszing jei m sein Werk„bis zur Stunde von vielen Kreisen unseres Volkes noch nicht genügend erkannt und gewürdigt worden. Und doch war Kolping einer der Größten des ver- gange nenJahrhunderts! Er lebt in seinem Werke fort und die katholischen Gesellenvereine in allen Weltstädten und Weltteilen künden seinen Ruhm." Das ist der Rückfall in eine Schwäche, über die, wie die Haltung der„Westdeutschen Arbeiter-Zeitung" im Falle Äetteler zeigt, die katholischen Arbeiter sich mit Erfolg hinaus- zuwachsen bemühen. So gewaltig steht's mit dem Verdienst und dem Ruhm des Gesellenvaters nun doch nicht. Kolping hatte als Handwerksgeselle das Elend der Wanderburschen, namentlich die Gefahren und Schäden gesundheitlicher und sittlicher Art in den damaligen Herbergen, Pennen und sonsti- gen Unterkünften kennen gelernt. Geistlicher geworden, ge- dachte er seiner Brüder auf der Landstraße und widmete sich, nachdem in Elberfeld der erste Gesellenverein, ohne Mit- wirkpng Kolpings, entstanden war, von Köln aus der weiteren Verbreitung dieser Vereine und insbesondere der Errichtung von Gesellenhäusern, die gewiß in der damaligen Zeit ihr Gutes hatten, weil sie einen, wenn auch nur geringen Teil der Arbeiter eine gute und billige Gelegenheit zur Unter- kunft auf der Wanderung und zur Erholung unter Gleich- gesinnten verschafften. Das war gewiß ein verdienstliches Werk, und Kolping war dabei erfolgreicher, als Bischof Ketteler mit seinen Arbeiterproduktivassoziationen, die der Mainzer Bischof errichten wollte: ohne Staatshilfe, nur mit Mitteln, die die.christliche Liebe" gewährt, und auch nicht für jedereinen, sondern nur„brave christliche Arbeiter" sollten aufgenommen und nur die„sittlich braven" unter ihnen am Gewinn beteiligt werden. Der Gedanke ist nicht über den Satzungsentwurf hinausgekommen. Vater Kolpings Werk hat demgegenüber in den �Ov Gefellenhäusern, die es heute gibt, einen sichtbaren Erfolg aufzuweisen, und an diesem praktischen Ergebnis gemessen, steht Kolping über Ketteler. Im übrigen war, ist und bleibt der Gesellenverein ein Veilchen, das im Verborgenen blüht, und das gepflanzt und gehegt zu haben wahrhaftig nicht zum Anspruch auf den Titel„eines der Größten des vergangenen Jahrhunderts" berechtigt. Natürlich fehlt es in den Aeußerungen der katholischen Presse nicht an Hindeutungen auf die Sozialdemokratie. Sätzchen wie bei Andr6:„Karl Marx hat gewaltige Massen- bewegungen ausgelöst und trotzdem steht heute sein System und mit ihm der Sozialismus als Versager da," und pro- phetische Anwandlungen der„Westdeutschen Arbeiter-Zei- tung" hinsichtlich der Frage, wem die Zukunft gehöre: der „revolutionären Sozialdemokratie" oder dem„christlich- konservativen" Ketteler— wollen wir abtun mit dem Hin- weis auf ein Sätzchen, das Kaplan Kremer in seinem Bei- trage in dem M.-Gladbacher Blatt spendet:„Seitdem der große soziale Bischof im Jahre 1877 ins Grab sank, hat der Sozialismus einen un- aufhaltsamen Siegeszug angetreten." Das genügt uns! Rheinisches Zentrum zum Konflikt. „Keine Märtyrerkronc zu Schleuderpreisen." Zu dem Konflikt im Zentrum, der durch den Briefwechsel zwischen Marx und Wirth entstanden ist, schreibt das führende Organ des rheinischen Zentrums, die ,Löl- Nische Volkszeitung": „Mit einer etwas auffälligen Sorge betrachten die anderen Parteien die Stellung des Herrn Wirth zur Zentrumspartei. Die Sorge um diese Stellung können sie ruhig der Zentrumspartei überlassen, in der man ohne sonderliche Aufregung die Abwicklung der neuen Affäre Wirth abwartet. Kein Mensch in der Zentrumspartei regt sich über die besondere Haltung des Abg. Wirth gegenüber der Reichsregierung auf, der dieser Abgeordnete von An- fang an Mißtrauen bekundet hat. Schließlich ist es auch das gute Recht des Herrn Wirth, einem Menschen oder einer Partei oder einer Regierung seine Sympathievorznenthalten. Die Form, in der dies bei ihm zum Ausdruck kommt, ist bei ihm immer etwas temperamentvoll und liegt immer abseits vom üblichen Glesse. Daran und an noch einiges andere hat man sich in der Zentrumspartei gewöhnt. Ein Unterschied nur gegen früher war festzustellen. Es gab eine Zeit, da die besondere Art des Herrn Wirth, Politik zu machen, für viele außerordentlichen Reiz hatte. Dies ist nun wirklich nichtmehrderFallund so dürfen alle jene, die mit hochgezogenen Augenbrauen und voll Sensationslust den neuen Fall Wirth betrachten, schnell erfahren, daß in den Reihen der Zentrums- partei keine Lust besteht, eine M ä rty rertrv n e zu Schleuderpreisen abzugeben. Wir kennen die Taxe nicht, zu der die Zentrumspartei heute Märtyrerkronen verleiht. Das Interesse des Volks außerhalb des Zentrums am Fall Wirth wird jedenfalls mit derartigen witzig fein wollenden Bemerkungen nicht be- schwichtigt werden. Die republikanischen Volksmassen inner- halb und außerhalb des Zentrums wissen, daß Wirth m i t s ei n e m L e i b e in die Bresche gesprungen ist, als putschisti- scher Mordwahn die Regierung des Reiches unmöglich machen■ wollte. Niemand aus diesen Kreisen wird es je vergessen, was Josef Wirth nachderErmordung Rat Henaus für den deutschen Bolksstaat getan hat. Die Erinnerung daran hätte auch das Zentrums blatt davon abhalten sollen, höhnisch von einer„Märtyrerkrone" für ihn zu sprechen. Cia vergessener örief. Obwohl bekannt ist, daß der Reichskanzler Marx an sein Bor- leben und an das seiner neuen Koalitionsfreunde nicht gern erinnert sein will, läßt sich doch eine Reminiszenz nicht unterdrücken. Es war Mitte April 1925. Für die endgültige Wahl des Reichspräsi- deuten war der damalige preußische Ministerpräsident Marx als Kandidat der Republikaner aufgestellt. Das Zen- trum saß mit den Deutschnationalen m der Reichsregie- rung, wo damals die Herren Schiel« und Neu haus die Minister- sessel für die späteren Rechtsblockminister vorwärmten. Reichskanzler war Dr. Luther. Längst ehe der Wahlkampf auf dem Höhepunkt an- gelangt war, wo schließlich die Hitze des Gefechts manches enffchuld- bar macht, schrieb di«„Kreuzzeitung", das Organ des Grasen Westarp, die folgenden lichtvollen Zeilen: „ Herr Marx, der Nutznießer des widerlichen Kuhhandels zwischen Zentrum und Sozialdemokratie, ist Reichskanzler gewesen und hat versagt, ist preußischer Ministerpräsident und hat s i ch b l a m i e r t. Er hat sich so blamiert, daß er eigentlich für immer abgetan sein sollte. Herr Marx hat sich wählen lassen und hat die Wohl angenommen, hat ein Kabinett gebildet und ist mit schönen Reden von Stetigkeit der Verwaltung vor Staatsrat und Landtag getreten, ohne auch nur eine Minute lang die Absicht zu haben, das Amt ernsthaft zu führen. Größere Gewissenlosigkeit ist nicht denkbar!... Herr Wilhelm Marx übertrifft alle republikanischen Parteiführer an innerer linwahrhaftigkeit. Die Herren Braun und Marx gehören auf eine Platte mit der Unterschrift:„Eine Hand wäscht die andere. Seitlich würden sich Sinnbilder der Heuchelei und Lüge und oben rote Fahnen und Davidsstern gut ausnehmen, für das Kreuz aber wäre auf dem Doppelbild kein Platz." So schrieb das Organ des deutschnationalen Parteiführers Westarp. Uns sst nicht bekannt, daß es dafür von dem Reichs- kanzler Dr. Luther zur Ordnung gerufen worden wäre. Niemand hat an die Parteileitung der Deutschnationalen einen Brief gerichtet. Heute schreibt derselbe Wilhelm Marx Briefe und Beschwerden im Auftrage derselben Deutschnationalen, die ihn damals mit Dreck beworfen, gegen Republikaner, die da- mals zu ihm standen. Die Zeiten ändern sich eben, und die Menschen mit ihn�u Aber Marx und seine heutigen Freunde irren, wenn sie glauben, daß dieser Wechsel der Fronten und der Gesinnungen im Laiche nicht ver- standen wird. �llüeutflhe Ohrfeigen. Für die deutschnationnlcn Pazifisten. Die„Deutsche Zeitung" veröffentlicht eine Zuschrift auS Reoal: Eine Gruppe deutscher Gelehrter kommt nach Lettland, uin Vorträge zu halten. Führer: Zentrumsabgeordneter Prof. Schreiber. Deshalb Protest. Zwar habe man im vorigen Jahre von der Gelehrtengruppe des Herrn Prof. Schreiber sehr interessante Dinge zu hören bekommen, aber trotzdem: Protest! Ein guter Deutschstämmling aus dem Baltenlande setze sich nun einmal nicht an einen Tisch mit Demokraten, Pazifssten und ähnlichem Gelichter, Zu der Gelehrtengruppe wird diesmal Prof. H o e tz s ch ge< hören. Prof. Hoetzsch hat das Glück, Mitglied der deutsch« nationalen Reichstagsfraktion zu sein. Ganz etwas anderes also als so ein pazifistisch verseuchter Zentrumsjünger. Und so fährt denn die Zuschrift aus Reval mft einer Freudenträne im Auge fort... Aber nein, die Freudenträne bleibt aus, die Stirn gerunzelt und Herr Hoetzsch bekommt folgendes ausgewischt: Wir wissen aber, daß er einst ein fanatischer Freund Rußlands und deshalb uns Balten nicht freundlich gesinnt war. Es ist uns bekannt, daß er auch den anderen deutschen Minderheiten nicht wohlwollend gegenübersteht und daß er deshalb z. B. von den Sudetendeutschen abgelehnt wird. Wir wissen aus seiner schrissstellerischen und parlamentarischen Tätigkeit, daß er in der deutschen Politik Wege geht, die wir be- dauern und daß er ein Anhängervon Dawes.Locarno und Genf ist. Ergo: auch Herr Hoetzsch ist unser Feind, seine Teilnahme eine Attrappe, eine Täuschung der weniger Unterrichteten. Stoß- seufzer aus tiefster Seele: Gibt es wirklich im heutigen Deutschland, auch unter einer deutschnationalen Regierung, kein« Hoffnung auf eine wahrhast nationale Behandlung der Angelegenheiten der deusschen Minderheiten im Auslande? Die Herren Deutschstämmling« aus dem Baltenlande kömien lange warten. Die Deutschnationalen sind heute alle Hoetzsche. Ist ihnen schon des Kaisers Bart um einen Schutzzoll feil, so werden sie sich um der lieben Vettern aus Dingsda willen sicherllch nicht in Unkosten stürzen. Seratung der Reichsüienflflraforönung. Der Bürgerblock für weitere Verschlechterungen. In der fortgesetzten Beratung des 14. ReichstagsausschusseÄ über die Reichsdienststrafordnung bestand die übliche Verschlechterung darin, daß die Regierungsparteien im 8 59 aus der Muß-Vorjchrift über die A n h ö r u n g des Beschuldigten vor der Vereidigung von Zeugen und Sachverständigen eine t-oll- Vorschrift machen. Ferner lehnten sie den Antrag des Genosse« Dr. Rosenfeld ab. den Z 245 der Strafprozeßordnung auch im Dienststrafverfahren für anwendbar zu erklären. Dieser Paragraph, den Genosse Dr. Rosenfeld sehr richtig das Fundamentalrecht jeder Verteidigung nannte, bestimmt, daß in der H a u p t v e r- Handlung auch Zeugen und Sachverständige ver- nommen und Beweismittel zugelassen werden müssen, die e r st während der Verhandlung herbeigeholt worden sind. Die- Recht hat man den Beamten oerweigert. Dagegen wurde entsprechend einem Antrage Dr. Rosenfelds der 8 239 der Strasprozeßordnung(Kreuzverhör) für das Dienststrafverfahren zu- gelassen. Auch geläng es dem Genossen Dr. Rosenfeld, die unmög- liche Bestimmung zu beseitigen, nach der auch dem Verteidiger die Zulassung zur Hauptverhandlung verweigert werden konnte, wenn der Beschuldigte es ablehnte, persönlich vor dem Dienststrafgericht N zu erscheinen. Ein anderer sozialdemokratischer Vorstoß, die Wieder- aufnahm« eines Verfahrens auch zuzulassen, wenn das Urteil nur-n auf Geldstraf« lautet und den unschuldig verurteilten Beamten zu entschädigen, hatte keinen Erfolg. Es ist anzunehmen, daß die Ausschußberatungen heute zu Ende gehen. Ein Generalstabsches hingcrichkek. In Kowno ist der frühere Generalstabschef Kleschtschinski hingerichtet worden. Er soll vom Jahre 1925 an dem russischen Gesandten Militärgeheimnisse verkauft haben. Ein Gnadengesuch hatte der Staatspräsident abgelehnt. Si'löer vom Krieg. Von Hermann Schützinger. In Berlin hat sich dieser Tage mitten im Geschäftsviertel des Westens eine Ausstellung mit dem stolzen Titel„Der deutsch« Frontkämpfer" aufgetan, die eine Sammlung von„Bilddoku- menten des Weltkrieges" verheißt. Nach dem Gesetz der Trägheit wird das neue„nationale" Unternehmen in kurzer Zeit sein« Filia- len in der Provinz errichten und den neuesten Trick der geistigen „Wehrhastmachung" nach dem Verbrauch der„Fridericus"- und der .,Weltrrieg"-Filme dort heimisch machen. Darum beizeiten ein kräs- tiges Wort gegen die Verkitschung des Weltkriegs durch Kriegs- retouchcn und Salonschützengrnbenklexerei! Wenn man mit einiger Lebensgefahr den Straßendamm an der Godächtniskirche überquert, um zum Zoo zu gelangen, steht man vor-dem bunibewimpelten Portal V, das den„Bilddokumenten" gewidmet ist, sieht ein Schock Fahnen, unter denen das Reichsbanner durch Abwesenheit glänzt, und entdeckt endlich an der schwarzweiß- roten Giebelfläche eine kleine schwarzrotgoldene Gösch, die so winzig ist, daß ihr Flächeninhalt zwischen der Größe eines Taschentuchs und einem Zehnmarkschein zu liegen scheint. Im Zeichen dieser winzigen Gösch, des Feigenblatts für Hugen- bergs Kriegshetze im Kunstausstellungsformat, steht nun das ganz« Bilddokumentenpanoptikum. Aber erst beim Verlassen der Halle übersieht man sämtliche Hintergründe der neuesten„Frontkämpfer". Attraktion: Der„Kyfshäuserbund" der unentwegten Kriegeroerein- Icr, dessen Propagandatempel ganz versteckt hinten in der Ecke steht, tut sich mit dem sattsam bekannten Potsdamer„Reichsarchio", der „Marineleitung" des Reichswehrministeriums und etlichen von der Vertitschung des Weltkrieges lebenden Kunstmalern zusammen und arrangiert eine Art Kunstausstellung mit dem Motto: Zurück zum Militärstaat und zur Schützengrabenherrlichkeit! Das macht man folgendermaße»: Das Reichsarchio liefert das phvtographische„Bildmaterial". Das Reichswehrministerium stiftet etliche, unter Glasstürzen stehende Schiffsmodellchen dazu. Der „Aeroklub" leiht einige Flugzeugmodelle aus. Den Rest schafft ein Dutzend„Kriegsmaler" aus den verstaubten Kriegsmoppen heran. Und dann läßt man eine Orgie bluttünstig«r FarbenNexe auf den Beschauer los. Zunächst der Kitsch! Er sieht folgendermaßen aus: Blaurote Farbentupfen in Essig und Oel. Ein tolles Gewirr von Armen, Beinen, Gewehren, Bäumen. Darunter:„Erstürmung der sranzö- sischen Schützengräben bei Vailly durch das 24. Infan- terieregiment. Kommandeur Prinz von Buchau. Die Franzosen wurden am Flußabhang samt und sonders niedergemacht." Zweitens:„E i n n a h m« d e s S ch l o s s e s X." Ein pikfeines Louls-Seize-Zimmer. Ein Rudel deutscher Soldaten steht schuß- berett vor einer Franzosenleiche, die sich am Boden in ihrem Blute wälzt. Links Feuersbrunst. Rechts der Dampf der abgeschossenen Gewehre. Fehlt nur noch die besiegte Gräsin, di« den„Eroberer" mit offenen Armen empfängt. Drittens: Die S ch ii t; c n g r a b e n i d y l l e. Der Muschkote steht, ein Dutzend Weinslaschen und fünf Zigarrenkisten unter dem Arm, vor seinem Leutnant stramm und meldet:„Mehr war nicht da, Herr Leutnant.'" Nach dem Kitsch di« Schönfärberei: Burgen und Städte brennen. Fahnen wehen. Kosaken reiten. Flakkanonen schießen. Scheinwerfer leuchten. Motorgejchütze recken die Mäuler. Minen- werfer schmeißen. Batterien galoppieren. Eskadrons attackieren. Ein Bild:„Räumung von Metz." Im Nebel der Dom. Ein Strom voll grüner Klecks« soll wohl die rückmarschierende In- santerie bedeuten, etliche schwarze Balken die aus Metz längst ab- servierten Festungsgeschütze. Nervosität zittert in dicken Schwaden um die Kathedrale herum. Jedes militärische Greenhorn denkt sich: Wie romantisch muß doch so ein« Räumung sein! Oder:„Beisetzung des Feldmarschalls von der Goltz in Konstantinopel." Menschen. Pferde, Wagen, Schwadronen, Batterien, Minaretts, Moscheen. Fehlen nur noch Elefanten und Kamele! Zum Schluß überkommt den, der das wahr« Gesicht des Krieges kennt, ein unüberwindlicher Ekel. Gewiß: Es gibt ein paar Bilder, die sind in ihrer Ausfassung nicht kitschig-verlogen wie die Masse der Ausstellungsobjekte. Da hat Bertold Ehrenwerth zwei Berwundete genialt, die hocken mit verbundenen Köpfen beisammen und lehnen sich aneinander, damit sie nicht kraftlos zu Boden fallen. Einen„sterbenden Russen"! Der reckt seinen Hals steif vor Schmerz zum Himmel auf und aus seinen erlöschenden Augen flackert ein wilder Jammer hervor. Eine Szene:„Todesnachricht"! Die Mutter empfängt mit Sohn und Tochter die Nachricht vom Tod des Vaters. Die Kinder decken die Hände vor die Gesichter und fallen in �ie Knie. Die Mutter aber sitzt im Stuhl wie festgenagelt und— schreit. Schreit! Schreit, daß die ganze Ausstellung erzittert samt ihrer.Fronssoldaten"- Klexereil Das eine Bild schlägt der ganzen Ausstellung ins Gesicht! Man sollte Otto Dixens„Ruhende Kompagnie" aus seinem Radierwerk „Der Krieg" daneben hängen: Ein Häuflein vor Ermattung und Seelennot zusammengebrochener Soldaten, voll Schlamm und Blut, den Rücken vom Tornister zerquält, die Augen zum Himmel ge- richtet. Und über ihnen wie eine riesige Wand die Rocht, Ehrenwerts schreiende Mutter und Dixens sterbende Kompagnie nebeneinander—— und der„Kyffhäuferbund" kann stempeln gehen! Da» Jubiläum der Kunstakademie in Kassel. Aus Anlaß des löüjährigen Jubiläums der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Kassel fand Mittwoch vormittag in der Aula der Kunstakademie ein Festakt statt. Die Festrede hielt der Direktor der Akademie, Profesior Witte. Sodann sprach der preußische Kultusminister Becker. Er gedachte zunächst der großen Vergangenheit der Akademie und der Kasseler Künstlerfamilien: der Architekten du Ry, der Malerdynastt« der Tischbein, der älteren und jüngeren Glieder der Bildhauerfamilie Nahl. Hierauf ging er auf das historische und kunstpolitische Pro- blem der Akademien überhaupt ein. Die Akademien vor unfruchtbarer Isolierung dem Leben gegenüber zu bewahren, sie in den Zusammenhang der neuen pädagogischen Ideen und Reformen zu ziehen, darin sieht die Kunstverwaltung ihre Pflicht. Unsere Kunstakademien werden Daseinsberechtigung haben, wenn sie den Ruf des Lebens vor ihren Türen nicht überhören sie werden den Künstler von morgen nur bilden, wenn sie dem Mensche« von heute dienen. Mittags folgte die Eröffnung der Jubiläumsausstellung der Kunstakademie im Orangerieschloß. Sie gibt neben einer rück- schauenden Abteilung Kasseler Künstler einen Ueberblick über das gesamte deutsche Kunstschaffen der Gegenwart. Der deutsche Sprachatlas. Nach langer Vorbereitungsarbeit gibt die Marburger Zentralstelle für den Sprachatlas des Deutschen Reiches und deutsche Mundartenforschung jetzt in der Elwertschen Veckagsbuchhandlung die eiste Lieferung des Sprachatlas heraus. Jährlich sind zwei Lieferungen vorgesehen. Luxemburg ist in diese dialektgeographische Aufnahme Deutschlands mit einbezogen; auf verschiedenen anderen Gebieten des Auslandsdeutschtums wird eben- falls nach den Marburger Grundsätzen gearbeitet. Als Gnindlage für die Benutzung und Interpretation der Karten sind gleichzeitig „Deutsche Sprachlandschaften" von den Assistenten an der Zentral- stelle, Prof. Kurt Wagner, im Druck. Das wissenschaftliche Ergebnis der Forschungen sieht deren Leiter, Prof. Ferd. Wrede, in der Er- tenntnis, daß die Lautgesetze, die man einst für ausnahmslos geltend angesehen hat, nur Arbeitshypothesen nach naturwissenschaftlichem Vorbild sind. Oft bilden sich Sprachsormen durch zusammentreffende Einwirkungen der Nachbargebiete, andere werden fertig übernommen. Maßgebend sind vor allem historische, besonders Verkehrsverhältnisse. Nicht naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeit, sondern die Buntheit des geschichtlichen Lebens entscheidet über die Veränderungen der Mund- arten. Ein neuer Aernseh oersuch geglückt. Nachdem in Amerika vor einiger Zeit ein teilweise geglückter Versuch unternommen worden ist, das sogenannte Fernsehen zu ermöglichen, hat man ein ahn- liches Experiment soeben mit bestem Ersolg auch in England durch- geführt. Der Ingenieur B a i r d hat einen Apparat konstruiert. der nun nicht drahtlos, sondern durch Drahtleitung funktioniert und auf zwei verschiedenen Leitungen die Stimme und das Bild eines Menschen überträgt. Der Versuch wurde zunächst zwischen L o n« don und Glasgow ausgeführt.„Sehen Sie mich?" fragt« Baird, der vor seinem Apparat in London stand, nachdem man die Verbindung hergestellt hatte.„Ja, ganz deuttich", wurde telepho- nisch aus Glasgow geantworter, wo man im gleichen Augenblick nicht nur die Stimme des Londoner Ingenieur- hörte, sondern diesen selbst erblickte, seine Mundbewegunoen erkannte und bemerkte, wie er einige Gegenstände berührte. Damit ist ein wesentlicher Forsschritt auf dem Wege gemacht worden, der zur endgültigen Lösung des vorläufig noch problematischen Fernsehens führen wird. Eine soivjelrussiscke Lvchausltellung ist in den Räumen der„Kniga"- Buckbandluna. Kurlürstenstr. 70, zu leben, die die Werk« der sowjet- russischen Berlage, insbesondere aus den Gebieten der Kunst und der schönen Literatur, vorführt. Eintritt frei. DI« Zahre»schou deulscher Arbeil„Da, Papier' wurde am Mittwoch in Dresden eröffnet. Durch die energische Mitarbeit aller beteiligten Kreise ist eine Ausstellung geschaffen worden, die der großen deutschen Papier- mdustrie würdig ist. ver Sommer Ist da! Mit der gleichen Pünlilich.'el!. mit der nnS vor 3 Monaten, am 1. März, der meteorologische FrübiingSbeginn warmes und schönes Wetter beschert hatte, stellt sich unter rapidem tlnstieg dcS Tbermo» meterS nun auch der Sommer ein, der meteorologisch am t. Juni beginnt. Hoffentlich bleibt aber da» warme Wetter nicht nur, wie im Frühimg, auf bat ersten Sommermonat beschränkt. Deutschnatwnale Quertreibereien. Illusionspolitik der..Richtlinien".— Angriffe auf die Außenpolitik. Während der einstige republikanische Präsidentschasts- kandidat und jetzige Reichskanzler Dr. Wilhelm Marx auf deutschnationalen Befehl den Rechtsblock gegen die Kritik der Republikaner verteidigt, benutzen feine Freunde von der Rechten die Zeit, um die Regierung noch mehr zu unter- minieren. Sie tun es zu dem Zweck, um das Zentrum und die Volkspartci ganz auf die Linie der nationalistischen Po- litik abzudrängen. Nur aus derartigen Absichten sittd die Ausfuhrungen zu erklären, die der deutschnationale Reichs- -agsabgeordnete G o k auf einer Hamburger Tagung seiner Parteifreunde machte. Gok sagte: „Ich stelle fest, daß alles, was wir gegen die Illusions- Politik der letzten Jahre vorgebracht, und alle Voraus- jagen, die wir gemacht haben, auf Heller und Pfennig eingetrosten Jind. Das gilt sowohl hinsichtlich der Unmöglichkeit der Erfüllung des Londoner Abkommens, wie auch in bezug der Ereignisse der söge- nannten Locarnopolitik. Das Fiasko dieser Politik ist in den letzten Tagen offenkundig geworden. Ich hätte ge- wünscht, daß dieser mit Sicherheit vorauszusehende Zusammenbruch einer dazu von vornherein verurteilten Jllusionspolitik eingetreten wäre, ehe die Beteiligung unserer Partei an der Regierung sich mit dem Anschein derMitverantwortung belastet hätte. Daß diese Machtverhältnisse so bestehen, wie sie sind, daß insbesondere das Zentrum die Möglichkeit hat, immer wieder durch die Drohung, sich mit der Linken zusammenzutun, seinen Willen durchzusetzen, liegt in allererster Linie daran, daß die Deutsche Volkspartei unter ihrer gegenwärtigen Führung immer mehr aus einer Rechtspartei, wie sie ursprünglich sein sollte und zu sein vorgab, und die sie nach der irrtümlichen Meinung vieler ihrer Anhänger noch heute ist, zu einer Partei der Mitte geworden ist, und besonders in ihrer obersten Spitze ausgesprochene Lintstendenzen verfolgt.' Die Deutschnationalen haben bekanntlich in den berühm- ten„Richtlinie n" die Locarnopolitik anerkannt. Kaum haben sie dafür die ersten Minister» und Beamten- stellungen erhalten, so geht auch schon die alte Hetze los, und zwar richtet sie sich mit aller Deutlichkeit gegen den Reichs- außenminifter Dr. Strefemann. Die Deutschnationalm brauchen nicht zu befürchten, daß Dr. Marx sie an ihre Schwurfinger erinnert. Der hat besseres zu tun: er ver- teidigt mit freundlicher Gemütsruhe diese Gesinnungslumperei gegen unbequeme republikanische Kritik. Gr verteidigt sie gegen diejenigen, die sich auch durch die Tatsache des Rechtsblocks nicht davon abhalten lassen, eine vernünf- tige Außenpolitik zu fördern. Geringe tzanüelsvertragsaussichten. Roch Leine Annäherung zwischen Deutschland und Polen. Die Besprechungen über die Wiederaufnahme der deutsch-polnischen Handelsvertragsverhandlun- gen, die von deutscher Seite durch den Gesandten Rauscher in Warschau geführt werden, haben bisher in den entscheidenden Fragen zu keiner Annäherung der Parteien geführt. Man hat den Eindruck, daß beide Partner die gebotene Nachgiebigkeit vermissen lassen. So verlangen z. B. die Polen die unbeschränkte Ein- und D u r ch f u hr von lebendem Vieh und Fleisch. Hier könnte Deutschland ohne Zweifel Polen in weitem Ausmaß ent« gegenkommen. Vorläufig geschieht das infolg« des Widerstandes der deutschen Agrarier nicht. Auf polnischer Seite wird die erfolg- reiche Wiederaufnahme der Handclsvertragsverhandlungen dadurch erschwert, daß Polen eine Regelung der handelspolitischen Be- Ziehungen mit Deutschland erstrebt, die in wichtigen Punkten durch- aus auf die innenpolnische Gesetzgebung zugeschnitten ist. So will Polen, im Gegensatz zu internationalen Handels- politischen Gepflogenheiten, deutschen Arbeitern und Angestellten unte keinen Umständen das Niederlassungsrecht gewähren und dieses nur für eingetragene Kaufleute zugestehen. Das gleiche gilt mich für die polnische Stellung gegenüber der Schiedcgerichtsfrage. Polen will hier die Tätigkeit der Schieds- gerichtc ganz allgemein auf Typenfälle beschränken und sich keiner z w i s ch e n st a a t l i ch c n Instanz unterwerfen. Unter diesen Umständen sind die Aussichten für den Ab- schluß eines deutsch-polnischen Handelsoertrages sehr gering. Inzwischen aber geht der Handelskrieg weiter. Seine ganze Un- sinnigkeit wird dadurch charakterisiert, daß nach den letzten Aus- weisen die deutsche Ausfuhr nach Polen an erster Stelle steht und Deutschland für den polnischen Handel der beste Kund« ist. Zortsthritte üer??rbeiterwohlfahrt. Abschluß den Rcichstagung in Kiel. kiel, 1. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Am 2. Derhandlungs- tage sprach in geschlossener Sitzung die Geschästssührerin des Haupt- ausschusses, Genossin Buchrucker, über„Weg und Ziel der Arbeiterwohlfahrt'. In Anlehnung an den gedruckt vorliegenden Geschäftsbericht gab sie einen Ueberblick über die bisherige Tätigkeit der Arboiterwohlfahrt und Anregungen für die künftige Arbeit. Erfreulich ist die überall festzustellende Zunahme der Helfer bei der Arbeiterwohlfahrt: auch die Einrichtungen und die zur Der- sllgung stehenden Mittel haben sich vermehrt. Mangelhaft ist dagegen die Abführung der Pflichtbeiträge. In 1914 Ortsausschüssen der öffentlichen Fürsorg« stellt die Arbeiter- Wohlfahrt über 15» M0 Helfer zur Verfügung. Die Rednerin lehnte die Veranstaltung von Wohltätigkcitsfesten oder Blumentagen ab und warnte vor der Errichtung von Anstalten, was grundsätzlich Aufgabe der allgemeinen Verwaltung ist. Sie protestierte ferner dagegen, daß die Behörden, einschließlich des Reichsarbeits- Ministeriums, als Maßstab für die Verteilung von Mitteln die Bettenzahl zugrunde legen; dieser sogenannte..Bettenschlüsiel' bedeute eine völlige Verkenmmg der Ausgaben der freien Wohl- iahrtspflege. Die Rcfcrentin berichtete schließlich über die Tätigkeit der Fachkommissionen des Hauptausschnsies und behandelte die Ausbildung sozialistischer Fürsorgerinnen. Hierfür werden jetzt nicht mehr Stipendien, sondern größere Dar- lehen gewährt, die nach der Anstellung gern zurückgezahlt werden. Sehr viel Schwierigkeiten entstehen noch durch die reaktionäre Ein- stellung vieler Leiterinnen von Krankenpflegeschulen: da, Ziel bleibt daher>in eigenes Mutterhaus für foziaNstische Fürsorge- rinnen. Im Anschluß an eine kurz« Aussprache wurden die vorliegenden Anträge erledigt. Dem Hauptansschuß überwiesen werden Anträge, die u. a. ein Verbot der Mitarbeit von Genossen in dissidentischen Fürsorgevereinen verlangen, ferner die Herausgabe einer Samm- lung der Gesetzesbestimmungen auf dem Gebiete der Fürsorge und eine Entschließung zur Frag« der Ausbildung der Wohlfahrts- Pflegerinnen. DSM Ter„Manchester Guardian" über den Parteitag. Einen fast begeisterten Aufsatz über den Kieler Parteitag bringt der„Manchester Guardian'. Kiel ist über alles Erwarten erfolgreich gewesen. Von den ältesten Parteimitgliedern erklärten viele, daß ez der eindrucksvollste gewesen sei, den sie erlebten. Es sei nicht nur die großartige Rede Dr. 5) i l f e r d i n g s gewesen, der nun un- bestritten der geistig« Führer der Partei sei, die den Kongreß so be- deutsam machte, sondern auch die hoffnungsvolle Kampf» begeisterung, die alle Anwesenden erfüllte. In den letzten Monaten ist die Partei sich ihrer Stärke und ihrer Möglichkeiten bewußt geworden. Sie ist nicht nur die stärkste aller deutschen Parteien, sondern ist auch im ständigen Wachsen be- griffen. Der Kieler Parteitag zeigte, daß die Partei endlich ein neue» Leben begonnen hat. Sie hat sich auf den Boden einer Politik des„G e g e n w a r t s s o z i a l i s m u s' gestellt, nicht im Sinne eines Schlagwortes, sondern eines positiven Zieles. Natürlich nicht eines Zieles, das als das Ergebnis der nächsten Wahl erreicht werden kann, sondern als eines Zieles, dos im wesentlichen in unserer Generation erreicht werden kann. Zahlenmäßig ist die Partei stark, aber nicht stärker als sie 1913 war. Aber sie erholt sich schnell von den schweren Verlusten, die zum großen Teil aus der Uneinigkeit entstanden, die jetzt be- hoben ist. Aber ihre gegenwärtig« Stärke ist nicht nur eine Stärke in Zahlen. Ihre Führer haben große Erfahrung in der Ausübung der Staaksmachl gewonnen. Preußen, das einen entscheidenden Einfluß auf die deutsche Politik hat, fft au» einem Bollwerk des deutschen imperia- listischen Militarismus in ein Bollwerk der deutschen republikani- schen Demokratie, hauptsächlich durch die Leistungen seiner sozio- listischen Minister, verwandelt worden. Durch die Vertretung im Reichstag, den Landtagen und den Kommunaloerwaltungen hat die Partei einen viel zuverlässigeren Ausgangspunkt für ihren Vor- marsch gewonnen als sie zur Zeit Bebels und Liebknechts hatte. Der Parteitag zeichnete sich dadurch aus, daß die Partei sich zur Verteidigung des demokratischen Ideals zusammen- gefunden Hot. Die weltweite Bedrohung der persönlichen Freiheit und der Gedankenfreiheit hat diesen Zusammenschluß zu einem entscheidenden gemacht. Der Parteitag war von Grund auf anli- faschistisch und antibolschewistisch. In der Tat ist die Sozialdemo- kratische Partei wahrscheinlich der stärkste Gegner, mit dem die Idee der Diktatur und der Autokratie sich auf dem europäischen Kontinent wird auseinandersetzen müssen. Die Revolution von 1918 war keine sozialistische, sondern ein« demokratische Errungenschaft. Trotzdem stehen die deutschen Sozialisten auf dem Boden des demo- kratischen Prinzips, welches der Grundgedanke des deutschen Um- sturzes war. Sogar einig« der freiheitlich gesonnenen Parteiführer glaubten zeitweilig, daß der Sozialismus nur durch die Diktatur verwirklicht werden könne. Dieser Glaube ist aufgegeben und durch die Ueberzeugung ersetzt worden, daß Soziallsmus und Demokraiie untrennbar zusammengehören. So hat sich auch die Haltung der Partei gegenüber den Kommunisten gewandelt, die einst ein mächtiger Gegner waren. Sie hat ihre heftige Kampfesweise ihnen gegenüber eingeschränkt und sieht die Kommunisten allmählich fast mit Toleranz an. Der Grund liegt darin, daß die Macht der deutschen Kominunisten sich schnell ver- mindert. Die deutsche Sozialdemokratie vertraut mit außerordentlicher Sicherheit darauf, daß sie die christlichen und gelben Gewerfsthasten auf der Rechten und die kommunistischen Arbeiter aus der Linken und ebenso viele Angehörige der Mittelschichten an sich ziehen wird. Die Anstrengungen der Partei sind auf die nächsten Wahlen gerichtet, die wahrscheinlich Ende 1928 stattfinden. Es ist kaum vorstellbar, daß sie die Mehrheit erringen wird. Aber die Partei verwirft grundsätzlich nicht das Prinzip der Zusammenarbeit mit anderen Parteien. Ihre Hoffnungen gehen dahin, unter Ausschluß aller Rivalen die Par- tei der deutschen Arbeiterschaft und stark genug zu wer- den, um in einer Linksregierung mit einem fortschrittlichen, freiheit- lichen und demokratischen Programm den Ausschlag zu geben. Modigliani an den»vorwärts�. Berichtigungen und Ergänzungen zu seiner Berliner Rede. Wir erhalten folgendes Schreibm des Genossen Modigliani: Ihr Berichterstatter hat über meine Rede vom Dienstag abend einen Bericht verfaßt, für den ich ihin nur danken kann. Denn die Zusammenfassung meiner Ausführungen konnte gar nicht klarer und vollständiger fein. In zwei Punkten jedoch— und, daran hat offenbar mein, ich will sagen zu„leidenschaftliches' Französisch die Schuld— hat er meine Gedankengänge nicht ganz richtig dargestellt, und ich bitte Sie um die Erlaubnis, sie in Ihrem Blatt richtigstellen zu dürfen. Erstens: Die Besetzung der Fabriken, die sich im Jahre 1929(nicht 1919) zugetragen hat, war nicht von Mussolini vorgeschlagen oder angeregt worden, der also auch nicht als ihr An- reger betrachtet werden kann. Richtig ist nur.— und das ist es. was ich gesagt habe— daß er einige Zeit zuvor, wie mir scheint. etwa im April 1919, zum ersten Fall einer Fabrikbesetzung, der sich in Dalmine in der Provinz Bergaino zugetragen Hot. seinen vollen Beifall ausgesprochen hatte. Mussolini kann daher das Patent dieser Erfindung für sich in Anspruch nehmen. Jedoch kann man ihn nicht für die viel umfassendere Fobrikbesetzung verantwortlich machen, die unter Bemitzung seines Rezeptes später unternommen wurde. Zur Steuer de? geschichtlichen Wahrheit möchte ich etwas hinzufügen. was auszusprechen mir am Dienstag abend die Gelegenheit fehlte. Während der Besetzung der Betriebe von 1929 bot Mussolini den Metallarbeitern seine Unterstützung an. Man setzte ihn jedoch vor die Tür, da man ihn schon genugsam kannte. Und es ist wichtig, die Tatsache festzuhalten, daß er damals genau so wie die Kommunisten, diese rein gewerkschaftliche Aktion in eine politisch-revolutionäre Bewegung überleiten wollte, die, wie vorauszusehen war, kein anderes Schicksal haben konnte, als in ihrem Blute erstickt zu werden. Zwei Monate später war Mussolini zu den Banden der Agrarier übergegangen, die die Bolkshäuser im Tale des Po plünderten und in Brand steckten. Dies war das Bündnis, aus dem der Faschismus in seiner endgültigen Gestalt entstand. Zweitens: Gegen Schluß meiner Rede glaubte ich versichern zu können, daß sich die proletarisch« Wiedergeburt in Italien früher und leichter auf gewerkschaftlichem Gebiet vollziehen werde, als auf politischem. Denn es ist das gewerkschaftliche Gebiet, auf dem sich die Unterdrückung der Freiheit dem Proletariat ont empfind- lichsten fühlbar macht, und es ist das Gebiet der direkten Be- zichungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, auf dem die letzteren unter geringeren Schwierigkeiten alle Mittel des Angriffs und der Berteidigung wirksam machen können, die sich aus ihrer Verfügung über ihre eigene Arbeitskraft ergeben. Darum, so fügte ich hinzu, ist es gekommen, daß trotz des faschistischen Gesetzes zur Versklavung der Gewerkschaften da und dort Streiks ausbrechen konnten. Dabei darf man nicht vergessen, daß jeder Streik mit Gefängnis bedroht ist. Dennoch gibt es in den Betrieben Bewe- gungen des Protestes, zirkulieren dort anonyme Aufrufe. Das italienisch« Proletariat hat also seinen Kampf mit den Mitteln, über die es noch verfügt, aufgenommen. Ihr Berichterstatter läßt mich sagen, daß die Arbeiter und Kleinbauem wieder neue Orgoni- s a t i o n e n aufbauen. Das wird noch kommen, aber soweit ist es noch nicht. Den Wunsch, der bei Ihrem Berichterstatter der Vater des Gedankens ist, nehme ich gerne an. Wir dürfen nicht— darin werden wir gewiß einig fein— unsere Hoffnung auf das, was noch getan werden muß, mit dem verwechseln, was schon getan ist. Das hieße, die Kraft der Anstrengungen schwachen, die noch gemacht werden müssen. Und da dieser Brief keinen anderen Zweck oerfolgt, als den, zu neuen Anstrengungen zu ermutigen, bin ich dessen gewiß, daß Sie ihn veröffentlichen werden, wofür ich Ihnen jetzt schon herzlich danke. Mit sozialistischen Brudcrgrüßen Modigliani, italienischer Deputierter. Päpstliche Segenswünsche. Auf das Glückwunschtelegramm des preußischen Ministerpräsidenten zum 79. Geburtstage des Papstes hat der Staatssekretär Gaspari geantwortet. Unter Hin- weis auf die freudigen Gefühle über die Befriedigung der Völker und ihre guten Beziehungen zu Rom übermittelt er die Wünsche für das preußische Volk und seinen Ministerpräsidenten. vergolten hat Polen den Oberschlesien-Film.Land unterm Kreuz' mit dem Aussührungsoerbot aller Filme der Deulig A.-G., die den Film hergestellt hatte, Konservative Nachwahlnieüerlage. Knapper liberaler Sieg über den Arbeiterkandidatcn. London, 1. Juni.(Eigener Drahtberichi.) Die Nachwahlen zum englischen Ankerhaus im Bezirk Brosworth führten zu einer schweren Niederlage der Sonservakiven. Der Kandidat der Labour Party erhielt im vergleich zu den letzten Wahlen über 2599 Stimmen mehr, blieb aber trotzdem hinter dem liberalen Gegenkandidaten um 271 Stimmen zurück. Der libe- rate Kandidat ist damit gewählt. Die Oppositionsparteien haben insgesamt einen Stimmenzuwachs von über 2909 Stimmen aufzu- weifen, während die Konservativen einen Verlust von 2599 Stimmen ersitten. * Diese dritte konservative Niederlage in den letzten sechs Wochen ist die beste Quittung für die reaktionäre Politik Baldwins. Der Arbeiter- und der liberale Kandidat hatten beide ihren Wahlfeldzug auf das Gewerkschaffsgefetz und die Außenpolitik der Regierung eingestellt._____ Die Engländer räumen Peking. Die Diplomaten wolle« bleibe«. London, 1. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Aus Peking wird gemeldet, daß der geschlagene General Tschang so l in Schaag- tschun und Sutschau aufgegeben und seine noch in der Provinz Honan befindlichen Truppen auf das Nordufer des Gelben Flußes zurückgenommen hat. Wie aus Washington gemeldet wird, hat der amerikanische Botschafter in Peking an seine Regierung ein Telegramm gesandt, in dem er die Regierung in Washington dringend auffordert, von der geplanten Verlegung der amerikanischen Botschaft aus Peking nach einem an der Küste gelegenen Orte abzusehen. Die britische Botschaft in Peking beabsichtigt, eine Warnung an die britische» Staatsbürger in Peking ergehen zu. lassen, in der die Frauen und Kinder aufgefordert werden, Peking zu verlassen. Ein Welt-Locarno. Ei« amerikanischer Vorschlag für eine« weltwetten Nichtangriffsvertrag. Die Vergleichsvertröge der Vereinigten Staaten mit England, Frankreich und Japan lausen im Jahre 1928 ab. Es handelt sich dabei um Verträge nach Bryanfchem Muster, die vor 29 Iahren ab-> geschloffen wurden und die ähnlich der später entstandenen Völker- bundsatzung ein Vergleichsverfahren im Kriegsfalle vorsehen. Die Diskussion über den Abschluß neuer Verträge hat in Ainerika bereit» vor Wochen begonnen. Neuerdings erregt ein Vorschlag des Präsidenten der Columbia Universität Butler und des ersten Carnegie-Profeffors an der Deutschen Hochschule für Politik©Hot«. well in Amerika großes Interesse. Sie wünschen eine Art von Lorcarno-Pakt, dem Deutschland, England, Frankreich, Italien und Japan beitreten sollen. Der Vertragsentwurf de? beiden Professoren ist also nur für Staaten gedacht, die politisch auf gleicher Entwick- lungsstufe stehen. Der erste Teil ist dein Vertrag von Locarno nachgebildet. Er verurteilt jeden Krieg außer dem Ver- teidigungekrieg, erstreckt sich aber nicht auf Angelegenheiten des amerikanischen Kontinents. Die Monroedcktrin soll also unberührt bleiben. Dagegen sollen sich die Vereinigten Staaten verpflichten. bei Zwistigteiten zwischen einem amerikanischen und nichtamerika- Nischen Staat zu vermitteln und den Abschluß eines Vergleiches zu versuchen. Ein Verbot privater Lieferungen von Waffen und Munition an einen Vortragsstaat, der dennoch Krieg führt, wird nicht ausgesprochen. Ebensowenig wird dem angegriffenen Staate, im Gegensatz zu den Bestimmungen der Völkerbundssatzung, eine militärische Hilfe von den anderen Vertragsstaaten zugesagt. Es werden Regeln für ein Vermittlungs- und Vergleichsverfahren aufgestellt. Aber selbst wenn dos Verfahren keinen Erfolg hat, soll ein 5krieg nicht gestattet sein. Die amerikanische Presse begrüßt den Vorschlag durchweg mit Genugtuung. Ist er doch darauf berechnet, amerikanische Interessen mit internationalen Interessen zu vereinen. C o o l i d g e hatte in seiner Rede am Kriegsgedenktag den Plan noch nicht erwähnt. Als er bei der Pressekonferenz im Weißen Hause angefragt wurde, legte er sich noch nicht fest. B o r a h hingegen wollte sich nicht äußern, weil er als Vorsitzender des auswärtigen Senatsausschusses mit einem derartigen Plane voraussichtlich bald befaßt werden würde. Zum Lohnkampf in öer Wollinöuflrie. Wie sich der Wollkonzcr» mästet. Der außerordentlich hartnäckige Lohnkampf der Textilarbeiter im„Norddeutschen Wollkcmzern"' hat diesen in den Brennpunkt der öffentlichen Interessennahme gerückt. Die Entwicklung dieser größten Konzerne der Wollbranche zeigt, daß hier in konsequenter Weise der Weg vom Großbetrieb zum Unternehmungsverbande gegangen wurde, und Geld- bzw. Kapitalmangel scheint sich beim Konzern nur dann einzustellen, wenn die Arbeiter einmal mit Forderungen auftreten. So hat die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei A.-G., Bremen, erst vor ewigen Wochen drei größere deutsche Werke mit einem Schlage fusioniert. Es sind dies:„Die Sächsische Wollgarnfabrik A.-G. vorm. Tittel u. Krüger, Leipzig(Aktienkapital 6 Millionen Mark), die Kammgarn- spinnerei Wernshausen, Niederschmalkalden(Aktienkapital 4,V1S Millionen Mark) und die Wollhaarkämmerei und Spinnerei A.-G., Hainichen(Aktienkapital 975 000 Mark). Der unter der Führung der„Norddeutschen Wollkämmerei� stehende Konzern umfaßt nunmehr einen beträchtlichen Teil der deutschen Kammgarnproduktion und hat sich eine besonders starke Stellung in der Produktion der Strick- und Handarbeitsgarne ge- schaffen, deren übrige Hersteller sämtlich in der Vereinigung deutscher Strickgarnspinner, Berlin, kartelliert sind. Die im Jahre 1884 gegründete„Norddeutsche", die heute mit einem Aktienkapital von 35,2 Millionen Mark arbeitet, besaß schon 1906 beträchtliche Beteiligungen an anderen Unternehmungen der Wollbranche, wie z. B. an der Hamburger Woll- kämmerei Reiherstieg/Wilhelmsburq(Aktienkapital jetzt 3,5 Millionen Mark) und an der genannten Wollgarnfabrik Tittel u. Krüger, Leipzig. Sie hat die Expansionspolitik von jener Zeit ab, besonders aber nach dem Kriege folgerichtig weiterbetrieben und ging fast w allen Fällen den Weg über die Beteiligung und Majoritätserwerbung zur völligen Angliederung w der Form einer Betriebsgesellschast m. b. H. In den nachstehend angeführten Betriebsgesellschaften werden etwa 16 500 Arbeiter beschäftigt und 325 000 Spindeln betrieben. Es sind dieses die Kammgarnspinnerei und Färberei Altona-Bahren- feld, früher Sternwollspinnerei(Kapital 300 000 M.), die Kammgarn- spinnereien Chenmitz-Kappel(Kapital 50 000 M.), Dresden(Kapital 50 000 M.), Glücksbrunn i. Th.(Kapital 120 000 M.) und Langensalza (Kapital 150 000 M.), die Kammgarnspinnerei und Färberei Nowawes (Kapital 150 000 M.), die Wollgarnfabrik und Färberei Fulda(Ka- pital 100 000 M.), die Wollkänunereien und Kammgarnspinnereien Eisenach(Kapital 250 000 M.), Delmenhorst(Kapital 500 000 M.) und Neudeck(Tschechoslowakei), die letztere als A.-G. mit einem Aktien- kapital von 12 Millionen Kc und schließlich die Spinnerei und Strickerei Bischoff u. Radatz G. m. b. H., Hamburg(Kapital 500 000 Mark). An allen diesen Gesellschaften, deren Stammkapital wohl durchweg aus Gründen der Gcschäftspolitit sehr niedrig angesetzt ist, ist die Norddeutsche Kammgarnspinnerei mit 100 Proz. beteiligt. Sic ist ferner durch Interessengemeinschaft und 25prozentige Beteiligung verbunden mit der Kammgarnspinnerei Kaiserslautern(Aktienkapital 3,99 Millionen Mark, 100 000 Garn- und 26 600 Zwirnspindeln, 1400 Arbeiter), und besitzt die beiden folgenden Betriebe in Delmen- Horst vollständig, nämlich das Eisenwerk(A.-G. mit 160 000 M. Kapital) und die Delespa-Werke G. m. b. H.(Kapital 400 000 M.). Im Auslande ist der Konzern, dessen Mhrung m den Händen von Kom.-Rat Lahusen liegt, an der Lahusen u. Co., G. m. b. H., Wien(Kapital 300 000 österreichische Schillinge) und an der Firma Koppe u. Wetjen, Wien, beteiligt. Aus Gründen der Rohstoff- ficherung ist in den Jnflationsjahren auch eine Minderheitsbeteiligung an der Locieta anonym de Exportadon c Irnportacion, Lahusen u. Cie., Buenos Aires, erworben worden. Einschließlich der Kamm- garnspinnerei Kaiserslautern sind w diesem Konzern nun etwa 550 000 Kammgarnspindeln vereinigt. Da die Gesamtzahl der deutschen Kammgarnspindeln etwa 21� Millionen beträgt, ist also auch auf diesem Gebiete die Konzen- tration der Produktionsmittel schon beträchllich vorwärtsgeschritten, besonders bei Berücksichtigung des Umstandes, daß die Textilindustrie im allgemeinen überhaupt erst verhältnismäßig spät in die Zu- sammenschlußbewegung ewtrat. H- Die Schiedssprüche, die für die verschiedenen Betriebe des Nord- deutschen Wollkonzerns gefällt wurden, sind in einer Delegierten- konferenz, die am Montag in Hannover stattfand, von den Arbeitern angenommen worden. Der Wollkonzern hat diese Schieds- spräche abgelchnt. Der Deutsche Textilarbeiterverband hat daraufhin die Verbindlichkeitserklärung beantragt. Das Reichs- arbeitsministerium hat die Vorverhandlrmgen dazu auf den 8. Juni festgesetzt._ Streikgefahr im Vachgewerbe. Seil Oktober 1325 keine Lohnerhöhung. Seit dem März d. I. befinden sich die Wachangestellten in ewer Lohnbewegung. Die Lohnsätze, die seit dem 1. Ottober 1925 kew« Veränderung erfahren haben, bedürfen dringend«wer Revision. Daß die wirtschaftliche Lag« sich seit dieser Zeit weseirt- lich oerändert hat, wird niemand bestreiten können. Am 30. März fand eine Verhandlung vor dem Schlichtung»- ausschuß statt, die mit einer Vertagung der Angelegenheit um ewen Monat endete. Trotz wiederholter Verhandlung mit den Unter- nehmern war keine Eimgung zu erzielen. Welche Einwände machten die Unternehmer? Zunächst mußte der.schwarze T ag* der Börse herhaken. um«in« Lohnerhöhung als für die Betriebe nicht tragbar zu erklären. Auch wurde bestritten, daß die Löhne der Wächter zu niedrig feien, weil angeblich eine Verteuerung der Lebenshaltung nicht eingetreten seil Demgegenüber ist festzustellen, daß es Unternehmen gibt, die 15 Proz. Dividende verteilen können. Auch für An- fchossung von Autos ist immer Geld vorhanden. Ein besonderes Ausgabenkonto besteht bei allen Wachgesellschasten, soweit es sich um Gerichts- und Anwaltskoften Handell. Tausend« von Mark werden dafür verpulvert, während bei den Wächtern nie der richtige Zeitpunkt zur Lohnbewegung gegeben ist. Auch vor dem Schlichwngsausschuß erklären die Herren Direk- toren immer, daß jede Lohnerhöhung den Ruin der Gesellschaft be- deuten würde, obwohl feststeht, daß immer neue Unternehmen wie Pilz« aus der Erde schießen. Ein« hervorragende Rolle spielt hier der Geschäftsführer der Wachgesellschast für Berlin und Nachbarorte, Friedrichstraße 125, Herr Rechtsanwalt Hanel. Dieser Herr bekommt es fertig, dreist zu behaupten, eine Verteuerung der Lebenshaltung sei seit 1925 überhaupt nicht eingetreten. Aber auch der Vorsitzend« des Schlichtungsausschuffes, Herr Körner, bezeugt« wenig Verständnis für die Lage der Wachangestelllen. Obwohl alle Berufsgruppen bereits seit Monaten in den Genuß höherer Löhne gekommen sind, fällte der Vorsitzende des Schlichtungsausschuffes einen Schiedsspruch, der auch nicht im entferntesten den Derhälwiffen Rechnung trägt. Die an sich geringe Lohnerhöhung soll erst ob 1. Juli gelten und bis 31. März 1928 in Kmft bleiben. Die Funktionäre stehen auf dem Standpunkt, diesem Spruch die Zustimmung zu v e rs a g e n. Di« Wachangestellten werden hierzu Stellung nehmen. Es ist damit zu rechnen, daß es in ewzelnen Betrieben zur Arbeitsein st ellung kommt. Schieüsfproch im obersthleftschen Sergbau. Lohnerhöhung von 4 und 5 Prozent. Gleiwlh, 1. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Im Lohnstreit im oberschlesischen Kohlenbergbau wurde nach zweitägi- gen schwierigen Verhandlungen unter dem Vorsitz des neuen ober- schlestschen Schlichters Dr. Drahns gegen die Stimmen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer folgender Schiedsspruch gefällt: Ini Kohlenbergbau unter Tage wird ein Zuschlag von 5 Proz., über Tag« ein solcher von 4 Proz. gewährt. Für jede über acht Stunden ge- lefftete Arbeitsstunde wird ein Zuschlag gewährt, der für die neunte Stunde 15 Proz., für jede weitere Stunde 2 5 Proz. des Stundenlohnes beträgt. Im Erzbergbau gelten die gleichen Lohnzuschläge. Gedingearbeiter erhalten den Mindestlohn. Als solcher gilt für die Heuer der tarifliche Schichtlohn mit einem Abzug von 10 Proz. Alle Tariflöhne sind Mindestlöhne. Das Abkommen gilt bis zum 31. Mai 1928 und ist mit Monatsfrist kündbar. Die Erklärungsfrist läuft bis zum 10. Iuw. praktische flnschlußpolitik. Zusammenarbelk der österreichischen und deukschen Angestellkengewerkschasten. Die erste gemeinsame Konferenz der freigewert- schaftlichen Angestelltenorganisationen Oester- reichs und des Reichsdeutschen AfA-Bundes tagte zu Beginn der Woche im Berliner Industriebeamtenhaus. Der Zweck der Tagung bestand darin, die Grundlagen für eme ständige Zu- sammenarbeit und laufende gegenseitige Information zu schaffen. Dieser Zweck wurde erreicht: es wurde«in Arbeitsausschuß reichsdeutscher und österreichischer fteigewerkschastlicher Angestellten- oerbände ins Leben gerufen. Der Ausschuß hat die Ausgab«, die A n g l e i ch u n g des gesetz- lichen Angestelltenschutzes in den beiden Ländern im A ng e> st e l l t e n r e ch t wie in der Sozialversicherung vorzube- rellen. Zu de» sozialpolitische» Arbeitssitzungen sollen künftig gegen- seitig Delegationen entsandt werden. Ebenso will man eine beider- seitige Verbindung der Sachrefeventen schaffen. Bei der Erörterung wichtiger Tagesfragen wurde von der öfter- reichischen Delegation der Entwurf eines Mindesttohn- g e s e tz e s vorgelegt, der im AfA-Bund demnächst zur Beratung stehen wird. Zu dem Entwurf eines allgemeinen Strafgesetz- buche» wurde von deutscher Seite der Vorschlag gemacht, ge- meinsam Verbesserungen auszuarbeiten, so z. B. zur Be- kämpfung de» A r b e i t« w u ch e r s, der im Entwurf mit keinem Wort erwähnt werde. In der Frag« der Belastung des Angestellten- Marktes durch Rentenempfänger(Beamte, Wartegeldempfänger, Offiziere usw.) wurden Richtlinien für eine gesetzliche Regelung vor- bereitet. Scharf wandt« sich die Arbeitstonferenz gegen die in der letzten Verwaltungsratssitzung de« Internationalen Arbeitsamts in Genf vorgesehene Zusammensetzung der Kom- Mission der geistigen Arbeiter. Der geplante Ausschuß müßt« sich, wie Hervorgehoden wurde, entweder einer Erörterung der sozialen Kragen entHallen oder aber m seiner Zusammensetzung den organisierten Angestellten Einfluß sichern. Abgelehnt wird die Anerkennung der Pariser Confederation int ernationale de» travailleur» intellectuel» als Organisation zur Wahrnehmung der Anaestelltentntereffen. Ferner wurde Klage ge- führt, daß den Angestelltenverbänden und ihren Spitzenorganisationen innerhalb des IGB. kein« ausreichende Möglichkeit der unmittelbaren Mitwirkung gegeben sei. Die Angestellten Oesterreichs und Deutschlands seien entschloffen, in llebereinstimmung mit dem Internationalen Privatangestelllenbund auf dem Pariser Kongreß, nachdrücklichst eine Vertretung der Angestellten tn allen Körperschaften des IGB., vor allem auch in femcr Exekutive, zu verlangen._ Kommunistische Erfindungen. Ei« Ortsausschuß, der nicht existiert. Die„Rote Fahne" vom 1. Juni berichtet mit der üblichen großen Ueberschrift:„ADGB.-Ortsvorsitzender begrüßt die Rote Front", daß der sozialdemokratische Vorsitzende des Ortsausschutses des ADGB. zu Phitippsburg in Baden anlätzlich des Roten Tages die Kungebung des RFB. mit einer fulminanten Ansprache begrüßt hätte. Vom Vorstand des ADGB. erfahren wir dazu, daß in Philippsburg überhaupt kein Ortsausschuß des ADGB. b e st e h t. daß also die ,R, o t« F a h n e" d i e s e n s o z: a!- demokratischen Vorsitzenden ganz nell erfunden hat. Vereinbarung in öer obersthlefijchen Aletallinöuftrie. 7 und 13 Pfennig Lohnzulage. Gleiwih. 1. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Bei den hier ge- führten Lohnoerhandlungen für die weit erverar- beitende Metallindustrie gelang es, durch eine frei- willige Vereinbarung folgende Lohnerhöhungen durchzu- setzen: Der allgemeine Spitzenlohn wird v o n 5 1 a u f 58 p f. erhöht. Für di« Gruppe Elektrotechnik wird der Stundenlohn von 54 auf 67 Pf. erhöht. Das Ab- kommen gilt bis zum 31. März 192 8. Internationale Arbeitstonferenz. Die Defiuierung der Gewerkschastsfreiheit. Genf. 1. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Am Mittwoch wurde in dem Ausschuß für die gewerkschaftliche Freiheit ein Antrag der Arbeitgeber angenommen, welcher die Handelsfreiheit der Berufsvereine wie folgt defimert:„Freiheit für die Berufsvereine, ihre Ziele durch alle Mittel zu verfolgei:, welche nicht der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und den Interessen der Allgemeinheit zuwiderlaufen." Diese Fassung ist in verschiedenen Abstimmungen mit 19 gegen 16 und mit 19 gegen 15 Stimmen zustande gekommen. Dazu wurde ein Er- gänzungsantrag angenommen, wonach die Re- gierungen sich darüber aussprechen sollen, was sie unter Am- rechterhaltung der öffentlichen Ordnung verstehen. Im allgemeinen zeigt sich in diesen Auseinandersetzungen, daß die Arbeitgeber- gruppe eine konzentrierter« Haltung einnimmt als die Arbeitergruppe, und die R e g i e r u n g s v e r- t r e t e r sich in den meisten Hauptfragen in zwei gleiche Teile spalten._ Einen Ivelkberichl über die Arbeilsverhältnisse hat der Direktor des Internationalen Arbeitsamtes Albert Thomas, der Internationalen Arbeitskonferenz vorgelegt. Der Bericht enthält außerordentlich interessante Ausschlüffe über die sozialpolitische Be- wegung in der ganzen Welt. Er bringt Mitteilungen über die Be- Ziehungen zu den Mitgliedsstaaten der Internationalen Arbeits- organisatton und zu den noch fernstehenden Staaten, über Fragen, die sich auf die Zusammensetzung und das Verfahren der Arbeits- konferenz beziehen, über di« Tätigkeit des Verwaltungsrates und der von diesem eingesetzten Sonderausschüffe, über die Beziehungen zum Völkerbund usw. Besonders bemerkenswert ist dos Kapitel, in welchem die im Laufe des Berichtsjahres erzielten Fortschritte der internationalen Sozialpolitik behandelt werden. Weiter enthält der Bericht die Mitteilungen der Staaten über die Durchführung der v(ff> ihnen ratifizierten sozialpolitischen Uebereinkommen. Besondeso aktuell sind die Angaben über die sozialpotitische Bewegung in den kolonialen und halbkolonialen Ländern, vor allem in Indien und China. Der Bericht, der eine Fundgrube sozialpolitischen Materials darstellt, ist bei der Abteilung des Internatt onalen Arbeitsamtes im Reichsarbeitsministerium zinn Preise von 8 M. zu beziehen. Achtung, Zimmerer! Der im Ausbau begriffene Häuserblock Straße 20 an der Scharnweberstraße(Reinickendors-West) der FirmaGeorgKörnerist wegen Lohndifferenzen für Zimmerer gesperrt. Zentralverband der Zimmerer. Achtung, Böttcher! Bei den Berliner Essigfabriken sind ernste Differenzen entstanden, weil di« Essigfabrikanten, an der Spitze die Essig- und Mostrichsabrik K. Kühne, Berlin(Brunnen- st r a ß e), es ablehnen, überhaupt mtt der Organisation zu verhandeln. Die Stundenlöhne liegen zurzeit rund 20 Pf. unter dem Fachtaris- lohn. Wir warnen hiermit vor Zuzug. Böttcherverband, Berlin. Freie Scwcrkschaftejugead. Heut« IShi Uhr tagen die Gruppen: Lichtenberg: Jugendheim Parlaue 10. Liederabend Wunlinstrumente sind mitz»- bringen.— Ssidosten(»renzberg 1): Gruppenheim Reichenderger Str. 0«(Feuer- mehrhaus). Heimbesprechung. Liederabend. Verbandsbuchkontroll«.— Süden- Ssidmesten(Kreuzberg 2): Stadt. Jugendheim Dorckstr. 11, Fabrikgebäude. Heim- besprechung. Vorsreude auf Pfingsten.— Tempelhof: Gruppenheim Lyzeum Germaniastr. 4—6. Heimbesprechung.—«öpeaick: Jugendheim Grünauer Straß« S. Heimbesprechung.—«eddiag: Jugendheim Turiner, Gcke Seestraß r. Wir füllen unsere rückständigen B-richtobog-n auo.— Gesundbrunnen: Jugend- heim Rot- Schule, Dotc, iburger Straße. Heimbesprechung. Buntes Allerlei.-- Treptow: Wir spielen auf der Wiese« im Treptower Park.— Zuoendabtcilur.q de» Deutschen Metallarbeiter» erbande»! Iugenb-Bertrau-nsIeutekons-renz im Sitzungssaal Lwienstr.«3—«b(Verband shau-s, IS Uhr. verantwartlich für Politik:«ieto, Schiff! Wirtschast:». TU-gelhif-r! Gewerkschaftsbewegung: Z. Stet»«»! ffeutllewn:». H. Wiche»! Lokales und Sonstiges: Fritz Karftödt: Anzeigen: Th. Glocke! sämtlich in Berlin Verlag: Vorwärts-Vcriag G. m. b. H., Berlin. Druck: Vorwäme-Buchdruckeret und Verlagsanstalt Paul Singer u To.. Berlin SW«s. Lindenstraße 3. Hierzu 2 Beilaaen»ud.,u»t«rhalt»»a»nd Siffe»*. Warum sparen Sie nicht/ werm Sit für 5 Pfennig eine Cigarettc bekommen, die allen Anr Sprüchen eines verwöhntmRxuichers genügt? Wm bieten Ihnen: i. 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Zuni 1927 ad die Bei. tröge m der Zuvalidenoersicherua g durch Reichsgesetz wie folgt geändert sind: wöchentlich sin Reichsmark) Bei eineiu Verdienst von bis 6 von mehr als S dt» 12 ... 12. IS :::»: 36 monatlich (in Reichsmark) bis 26 von mehr als 28 bis 52 •»» öZ, 78 .,, 78, IM .,„IM ,130 ... 130, 156 Lohn- klaff. T n in IV v vi Höded Beitragsmarken inReichs- piennigen siir jede Woche 30 60 90 120 ISO ISO sslir weibliches Haosperfonal(Etiitzen.«Schinnen, Berücksichtigung des aus«8 RM monatlich ieftaesctztcn dis zu einem Ba lohn von monatlich 30 RM Marlen Hausmädchen i sind unter Werte» der freien Station >»l.«lasse zu 0,90'UM IV... ILO„ ** n m» m 22,, V. ,, ILO„ zu verwenden. Riickitändige Beiträg«, ZU derien auch Differenzbetriige zur Berichtigung minderwertiger Marten rechnen, sind vom I. August ab zu den neuen höheren Sätzen zu entrichren. Berlin, im Juni 1927. Landesversicherunqsanstalt Berlin. 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Ww LahDstr.74/7&L keine kuche chnetlenkol Sie gebrauchen sie täglich, diese ihrer hohen Ergiebig» keif tuegen so allgemein geschätzte UJasdisodo, Für oile ßdniaunaszLPecke nur Henko hergestel/f in detf'&itMlusBnksn ilr.257»44>?ahrg-nis 2» Äöö l�OI?tVÖtt0»ciwnslos, 2. Juni 1927 besteuert den Bon Stadtkämmerer Bm Die Besteuerung der beim Eigentumswechscl von Grundstücken erzielten Gewinne ist im Jahre 1911 durch eine Reichssteuer ge- regelt worden, nachdem bereits vorher in einer Reihe von Städten an dieses Steuerproblem in Form gemeindlicher Steuer- ordnungen herangetreten worden war. Die erste preußische Großstadt, die eine derartige Wertzuwachssteuer einführte, war Frankfurt a. M.. wo 1904 die Regelung in Form einer Umsatz- steuer erfolgte. Dem Frankfurter Beispiel folgten sehr bald andere große Kommunen wie Köln, Dortmund, Essen und Düsseldors. Die Einführung der Steuer im Reich erfolgte in Verbindung mit der Reichsfinanzreform vom Jahre 1909, sie war das Ergebnis außer- ordentlich langer und heftiger Kämpfe im Reichstag und in der gesamten Oeffentlichkeit. Die Steuer war progressiv gestallet nach dem Prozentsatz des bei der Veräußerung erzielten Gewinnes und sah erhebliche Ermäßigungen je noch der Dauer des Besitzes vor. Von dem Steueraufkommen erhiell das Reich die Hälfte— es verzichtete später auf seinen Anteil, der dadurch außer Hebung gesetzt wurde—, der Staat 10 Proz. und die übrigen 40 Proz. die Gemeinde und der Gemeindeverband, in deren Bezirk das ver- äußerte Grundstück lag. Aach der SkabilZfierung der Währung wurde im Finanz ausgleichsgefetz die Erhebung einer Wertzuwachssteuer bei den Eigentumsübergängen vorgeschrieben, bei denen der gegenwärtige Veräußerer das Grundstück nach dem 1. Januar 1919 erworben hatte, also in allen Fällen, in denen es sich um in der I n f l a t i o n s Periode erworbenes Eigentum handelt. Für die übrigen Grundstückseigentumsübergänge wurde dagegen die Besteuerung freigestellt und bis zum 1. April 1927 den Gemeinden und Gemeindeoerbänden die Berechtigung gegeben, einen Sonderzuschlag von 2 Proz. zur Grunderwerbssteuer zu erheben, wenn keine Wertzuwachssteuer für diese Objekte erhoben wurde. Da diese Bestimmung bis zum 1. April befristet war und trotz der Bemühungen der Städte nicht verlängert worden ist, fehl e'n in allen Städten, in denen bisher dieser Zuschlag eingeführt war, steuerliche Vorschriften über die Heranziehung der"Grundstücks- altbesitzer zur Wertzuwachssteuer und es entsteht die Frage nach der Rotwendigkeit und Zweckmäßigkeit der Einführung einer allgemeinen Wertzuwachssieuer an Stelle der gegenwärtig in der Mehrzahl der Kommunen in Geltung befindlichen beschränkten Besteuerung. Zweifellos ist die Begrenzung der Steuerpslicht auf einen Teil der Eigen- tumsübergänge vom Standpunkt steuerlicher Gerechtigkeit und gleich. mäßiger Heranziehung aller Steuerpflichtigen aus betrachtet über- aus unerwünscht, es muß vielmehr in allen Fällen, in denen die Voraussetzung für die Besteuerung durch Erzielung eines Wert- Zuwachses vorliegt, eine gleichmäßige Besteuerung erfolgen. Wertzuwachs! tto Asch- Frankfurt a. M. Fraglich erscheint es nur, ob eine derartige Steuerordnung, fiskalisch betrachtet, zweckmäßig ist, da in der Mehrzahl der Verkausssälle gegenwärtig wohl fast überall niedrigere Preise erzielt werden als die Borkriegswerte, so daß gewöhnlich im Sinne der geltenden Be- rechnungsoorschriftcn kein Wertzuwachs erzielt wird. Es muß aber darauf hingewiesen werden, daß nach Aufhebung der Wangsbewirtschaftung für gewerblich genutzte ä u m e die Preise für Geschästshäuser rasch steigen und daß sich dadurch insbesondere in Gemeinden, in denen neue Geschäftsviertel entstanden sind oder große Verschiebungen(Berlin, Kurfürstendamm) des Verkehrs stattgefunden haben, sehr erhebliche Wertänderungen ergeben, die für eine allgemeine Wertzuwachssteuer günstige fiskalische Ergebnisie versprechen. Von diesen Faktoren aber ab- gesehen, ergibt sich auch eine sehr weitgehende finanzielle Wirkung einer derartigen Besteuerung, sobald man statt vom nomi- nellen Erwerbspreis des Veräußcrers auszu- gehen, von seinem eigenen Kapilalaufwand ausgeh« und die Gewinne. welche er durch die hypolhekenabwertung bei der Veräußerung zu erzielen vermag, als steuerpflichtigen Wertzuwachs betrachtet. Eine vom Magistrat der Stadt Frankfurt bereits genehmigte und gegenwärtig der Stadtverordnetenversammlung zur Beschlußfassung vorliegende" Steuerordnung definiert in ihren ent- scheidenden Paragraphen Erwerbs- und Veräußerungspreis wie folgt: „Als Erwerbspreis gilt der eigene Kapitalaufwand des Veräuherers. Kapitalaufwand im Sinne dieser Bestimmung ist die Barzahlung zuzüglich der anzurechnenden Beträge sowie der gelöschten oder auf Grund des Veräußerungsgeschäftes vom Veräußerer zu löschenden Hypotheken. Soweit die Hypotheken nicht Goldrenten- oder Reichsmarkhypotheken sind, sind sie nach den Bestimmungen des Auswertungsgesetzes in Reichs- mark u m z u r e ch n e n.� „Von dem Veräußerungspreis sind in Abzug zu bringen: die vom Erwerber Übernommenen Hypotheken, für deren Berech- nung die Grundsätze des Auswertungsgesetzes vom 16. Juli 192S anwendbar sind, sosern die übernommenen Hypotheken beim Er- werb durch den Veräuherer schuldrechtlich übernommen wurden." Es kann meines Erachtens keinem Zweifel unterliegen, daß eine derartige Bestimmung in jeder Beziehung gerechtfertigt ist. Sie gewinnt ihre eminente praktische Bedeutung in allen Fällen, in denen der bisherige Eigentümer des Grundstückes dasselbe seinerzeit nur teilweise mit eigenem Geld erworben, im übrigen durch Uebernahme hypotd"karlscher Schuldoerpflich- tungen gezahlt hat, die er entweder wälzend der Inflationszeit in entwertetem Gelde zurückgezahlt oder dtrch die Aufwertungsgesetz- gebung auf ein Viertel ihres Goldwertes herabgesetzt erhalten hat. Hat z. B. ein Hauseigentümer«in Gebäude im Werte von 300 000 M. im Jahre 1912 g e k a u f t. 100 000 M. angezahlt und für den Rest eine Hypothek übernommen, die noch heute aus dem Grundstück steht» jedoch abgewertet aus ein Viertel von 400 000, also 100 000 Reichs-- mark, und veräußert er jetzt dieses Haus mit 373 000 Reichs- mark, dann hat er zwar nominell zu einem niedrigeren. Preise verkauft, als er 1912 kaufte: in W i r t l i ch k e i t aber hat er einen Wertzuwachs von 173 000 Reichsmark erzielt, der nunmehr steuerlich ersaht werden soll. Man kann dagegen auch nicht gellend machen, daß das Haus bereits durch die Hauszins st euer belastet sei und es deswegen. nicht richtig wäre, den Aufwertungsgewinn noch einmal zu erfassen. Diese Argumentation geht deswegen fehl, weil die Hauszinssteuer keine Kapital abgab« ist, sondern an die Stelle früherer Hypotheken z i n» Verpflichtungen getreten ist und als eine solche Be- lastung zwar natürlicherweise wertmindernd wirkt, aber nach er- folgter Veräußerung nicht mehr den Verkäufer, sondern den Er- wcrber lausend belastet und beim Verlaus durch die Wert- zuwachssteuer nur die tatsächlich erzielte Gewinn- summe erfaßt wird. Grundlose Bedenken. Die weiter vorgebrachten Bedenken gehen nach der Richtung. daß durch eine derartige Besteuerung der Umsatz am Grundstücks- markt wesentlich gehemmt und dadurch die im wirtschaftlichen Jnter- esse gelegene Beweglichkeit des Grundbesitzes stark beeinträchtigt werde. In dieser Beziehung liegen die Verhältnisse fraglos sehr verschieden. In Städten mit lebhafter allgemeiner wirtschaftlicher Eick- Wicklung hat sich im letzten Jahre gezeigt, daß trotz der Höhe der' Steuerbelastung ein sehr lebhafter Eigenhimswechsel stattgefunden hat und das Geschäft sich von Monat zu Monat überaus stark beleben konnte. Es ist m. E. nicht zu befürchten, daß Hemmungen eintreten. die im volkswirtschaftlichen Interesse unerwünscht sind, insbesondere ist auch darauf zu verweisen, daß die von ver- schiedenen Seiten vorgebrachte Ansicht, einederortigeSteuer hindere die RückÜbertragung des Auslandbe- sitzes an Deutsche, insofern falsch ist, als es sich hier gerade uni die Grundstücke handelt, die nicht in der Jnflationsperiode ihren Besitzer gewechselt haben, also keineswegs um die zahlreichen Objekte, die in den Jahren 1920/23 zu billigsten Preisen in fremde Hände übergegangen sind und für die auf Grund reichs- gesetzlicher Vorschrift eine Wertzuwachs st euer erhoben werden muß. Die neue Frankfurter Steuerordnung hält im übrigen an dem Einheitssatz von 30 Proz. nicht mehr fest, sondern staffelt von 20 bis 30 Proz. und läßt besondere weitere Abzüge zu für jedes Jahr des Eigentums, soweit der Besitz älter als vier Jahre ist. In- soweit nimmt sie Bestimmungen ähnlicher Art wieder auf wie sie das alte Reichsgesetz hatte. Aehnliche steuerliche Absichten, wie sie Franksurt zurzeit zu verwirklichen sucht, bestehen auch in anderen Großstädten und rufen allerorts den lebhaften Widerspruch der Interessenten hervor. Eine sorgfältige Abwägung des Für und Wider aber dürfte zu dem Ergebnis führen, daß die hier vorgeschlagene Form der Be- steuerung durchaus berechtigt und bei der finanziellen Rot- läge der deutschen Städte und der daraus sich ergebenden st a r k e n Massenbelastung in jeder Beziehung vertret- bar i st. gilläii ['SShSMiaBl ■OB „ftSnä ilr schaffen Tfietfinann's iiilies MI-AbM 1924 er Me». Königsberg.,,,,>/, FL 1.10 1922 er Nlersieiser.......»/,?>. 1.25 1921 er Neefer Weinberg Fi. 135 1922er Stark. Gelspfad..... V, FL 1.45 1918 er Erdner Her-Anberg...>/, Fl. 1.90 1918 er Plcsporfer T Eubenberg>/, Fl. 2.20 Fruchtsekt«w Bowie.>/, FI. 1.70 Veiten Saufterteil Weine nur in Flaschen Feinster Apfelwein mild, znr Bowle.. Liter 0.50 Ersikl. Apfelwein eU£, ra. I«°i,..... Liter 0.75 ErsfkL johannlsfcecrwein c». U V.. luter) Ersikl. Stachelbeerwein ca. 14«;,... Liter 0.95 Ersikl. Heidelbeerwcln ca. 14/°,.,. Liter] Kirschwein c». 14%........... Liter 1.25 Feinster Erdbeerwcln ellB, ca. 14%.. Liter 1.45 Echter Tarragona nnrerschn., ca. 184b Liter 1.30 Echter Malaga fIIB. ca. 18%...... Liter 1.50 Vinn Vermuth Evlsa......... Liter 1.75 Ersikl. Insel Samos ca. 18%..... Liter 1.85 Ersikl. Santa Lnrino ca 18%..... Liter 1.85 Grieth. SGtjweln En. L üngaiw, ca. 18% Liter 1.90 Donro Portwein echt, ca. 20%.... Liter 2.50 | fclngicr MaisraaK Uowle ftC i, Fi. W3 Pf. Bei Eiokanl len 10 H. an Uelenmil Ire! Hau. Korbflaschen etc. werden grelleben. Bernh. 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Mai. dem sogenannten schwarzen Freitag, weit hinter sich ge- lassen, wie folgende Zusammenstellung einiger wichtiger Werte zeigt. am 3.5. 13.5 30.5. I.S. notlcrten ln Berlm in Prozent deZ Httimlapflal« Deuis-be Bank...... 198 137 135 162 Verl. Haud.-Ges...... 299 237 235 222 I. G. Farben...... 858 280 280 262 Der. Glanzstoff..... 751 600 672 535 ASG........... 232 173 171 162 Phönix BcrgS....... 153 127 123 113 Haipen Bergb...... 263 193 190 178 SchUllh.-Payenh...... 548 887 802 343 Wenn im allgemeinen am 30 Mai die Kurse vom schwarzen Freitag nach gehalten waren, so zeigte der 1. Juni ganz außerordent- lich beträchtliche Verluste, die zu einer bedeutenden U n t c r s ch r e i- tung der Panikturse vom 13. Mai geführt haben. Was der Monat Mai im ganzen bedeutet, zeigen die Rückgänge gegenüber dem Kursstand o o m 3. M a i, wo di« Börsenbausse ihren Höhe- punkt erreicht hatte. Selbst die Berliner Handelsgesellschaft, das wliebteste und solideste Bankpapicr, hat in dem einen Monat ein B i e r t e l seines ganzen Wertes verloren, bei den Vereinigten G!anzstoffwerken und den Chemietrustaktie», den wichtigsten Hausse- papieren, beläust sich der Verlust aus fast ein Drittel. Ebenso ist es bei der AEG. Nur die Montaupapiere scheinen besser weggekommen zu sein. Mit Recht wird von diesen großen Verlusten auch eine Erschwe» mng der Kapitalbeschaffung für die Industrie erwartet. Denn nach dem Kursstand bemißt sich die Kreditfähigkeit, und Gescllscl)asten, die unter 100 Proz. stehen, können überhaupt keine neuen Aktien ausgeben. Unter dieser» Gesichtspiiukt ist auch die von der Commerz- und Privatbank veröfsentlichte Statistik über die Verschiebung der Bewertung im Monat Mai bedeutungsvoll. EZ wurden bewirtet Ende Mni 1927 Ende April 1927 nach dem nom. Alt.-Kap.(In Prozent der Gesamtzahl) unter 60 Proz..... 7,9 3,4 mit 50— 75 Proz.... 11,4 8,4 , 75—100.... 14,4 12,3 . 100—150.... 85,3 29,8 , 150-200.... 20,4 23,2 „ 200-250.... 6.3 11,7 , über 250 Proz.... 4,3 7,9 Die Tabelle zeigt, daß nur die Unternehmungen, die zwischen 100 und 150 Proz.' ihres Aktienkapitals bcioertet werden, zahlen- mäßig zugenommen haben. Die Zahl der höher bewerteten Unternehmungen ist von 42,8 aus 31 Proz. zurück gegangen. Und aus der anderen Seite hat sich die Zahl der unter 100 Proz. aus der Börse bewerteten Gesellschaften von 27,4 auf 33,7 Proz. erhöht. Deutlicher kann die allgemeine Zusamnienschneidung der Börsen- turse und damit die Verringerung der Kreditfähigkeit der Industrie kaum in Erscheinung treten. Man muß die Frage aufwerfen, ob heute tatsächlich noch ein Widerspruch zwischen d erste Clage.__• fletlcib non tiocheleganlcn Gesell» schasisanzllgen. Siesetiibalerftrasie 4 Norden 6393. Bopalictanzügc, wie neue, Ialkett» anzllge. 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