Abendausgabe Nr. 260 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 12$ S-zugsbtdlnsunge« und«n|etenq>idj« lind in btt SRotsenonsflob« ongtgtbta Bedadlo«: SO. 6«. Cin&enftcab« t A-rosprech-r t VSnhoff 282— 292 XcL-Htreffe: Sojialdcmotcal QnOa ( ) Verliner Volkslrlcrkk Zcntralorgan der Sozialdem ohrati fcbcn parte! Deutfchlands ßreitag A. Juni: 927 Oerlafi«ab«njtlQenabteilmu 8�4 bt, 5 Uhr aetleger: vorwörl-v-rlog Gmby. verlin SO. es, Lindenslrob» S Fernsprecher: VSnhoff 282— 292 Drohung mit der Völkerbunöskontrolle. Verstimmung wegen der Festnngsbante«. Paris. Z. Zuni.(Eigener Drahibericht.) In zahlreiche« osfi- ziösen Zleuherongen des Quai d'Orjay tommi eine immer gröher «erdende Verstimmung darüber zum Ausdruck, dah Deutsch- land noch wie vor eine letzte Nachprüfung der von der Botschafter- konserenz verlangten Zerstörungen an den deutschen Ostsestungen ablehnt. Gleichzeitig drückt man im französischen Auhenministerium ein gewisses Erstaunen darüber aus, dah Strefemann über diese Frage vor Beginn der Völkerbundstagung nochmals gütliche v e r- Handlungen mit Briand und Chamberiaiu beginnen wolle. Man erklärt in Paris, dah derartige Verhandlungen keinen großen Zweck halten, da Frankreich fest entschlossen sei, aus einer Nach- Prüfung der Durchführung der Zerstörungen zu bestehen. Im übrigen habe aber die Weigerung Deutschlands den Erfolg gehabt, dah sie selbst die versöhnungswilligen Kreise Frankreichs e n t- rüstet. So schreibt z. V. am Freilag das„Oeuvre" unter der Ueberschrist:„Deutsche Schikanen", dah die Haltung Slrese- manns auherordenlllch unglücklich sei und nur den Nationalisten aus beiden Seilen des Rheins Waffer aus ihre Mühlen gäbe. Die Sache der deulsch-sranzösischen Annäherung werde dadurch n i ch l g e- fördert, sondern der Versöhnungswille in Frankreich werde da- durch nur geschwächt. Deutschland sehe sich der Gefahr aus, dah irgendein interessierter Staat, vor allem Polen, im Völkerbundsrat eine offizielle Klage einbringe und dah dann anstatt einer diskreten Inspektion durch alliierte Militärsachverständige eine offizielle Investigations-Kommifsionsbesichtigung durch den Völkerbund erfolgen werde. * Polen besitzt die volle Freiheit, seine Grenze gegen Deutschland zu befestigen wie es will. Deutschland ist auch hier, wie in" den Vorbereitungen seiner Verteidigung über- Haupt, durch den Vertrag von Versailles gebunden. Heber das Maß dessen hinaus, was der Vertrag erlaubt, soll Deutschland nach dem Urteil der Interalliierten Militär- kontrollkommission seine Ostgren.ze befestigt haben. Die Zer- störung einer Anzahl von befestigten Unterständen wurde von ihin gefordert. Die Reichsregierung— mit den Deutschnationalen— erfüllte diese Forderung. Damit hat sich Deutschland in der Hauptsache gefügt. Die Frage, ob die vorgenommenen Zerstörungen k o n t r o l- liert werden sollen oder nicht, ist eine Nebensache. Deutschland hat sich gefügt, weil es an einen Vertrag ge- bunden ist, der nach dem Recht des Stärkeren geschlossen wurde. Hat es viel Sinn, jetzt die Nebenfrage der Kontrolle zum Gegenstand eines erbitterten Streits zu machen? Hätte die Gegenseite auf eine Kontrolle verzichtet, so wäre das eine noble Geste gewesen. In Berlin mußte man sich aber klar darüber sein, daß es im deutschen Interesse nur zweierlei gab; entweder die Kontrolle, wenn es ging, ohne Lärm vermeiden, oder aber sie sich möglichst schnell, schmerz- und geräuschlos vollziehen zu lassen. Statt dessen legt« sich Berlin passiv auf seine Auslegung der Vereinbarungen fest. Weile diese eine Inspektion durch alliierte Offiziere nicht vor- sehen, glaubte man folgern zu müssen, daß die andere Seite auf sie kein Recht habe. Die„Alliierten", von denen nach Locarno nicht mehr die Rede sein sollte, haben sich auf die gegenteilige Auslegung verbissen: weil die Vereinbarungen eme Ententeinspektion nicht ausschließen, darum hätten. sie einen Anspruch darauf. So taucht jetzt die unerfreuliche Möglichkeit einer V ö l- kerbundskontrolle auf. Briand hat sicherlich keine Lust, eine solche Kontrolle in Gens zu beantragen. Das wäre ein unfreundlicher Akt, durchaus wider die Politik von Locarno. Aber es ist sehr zweifelhaft, ob Briands Einfluß auf Polen groß genug wäre, um es von enem derartigen Schritt zurückzuhalten. England wird Polen eher noch er- muntern. Der polnische Nationalismus wird sich um die Unterstände besorgt zeigen, um mit dieser Besorgnis den Antrag einer Bölkerbundsinspektion zu rechtfertigen. Es wäre eine große Illusion, die Lage Deutschlands einer möglichen Völkerbundskontrolle gegenüber günstig zu nennen. Im Gegenteil, sie ist rechtlid) äußerst ungünstig. Es genügt nämlich, daß eine Mehrheit des Völkerbunds- rates eine Kontrolle beschließt, eine Einstimmigkeit ist nicht nötig. Keine neutrale Macht kan einen Kontrollbeschluß des Völkerbundsrates verhindern. Politisch sehen wir keine Minderheit, die ausreichend wäre, um auch nur ein Gegen- gewicht gegen einen polnischen Antrag zu bilden, dem Eng- land und Frankreich„nachzugeben" bereit sind. Das sollte man an verantwortlicher Stelle genau über- legen. Man sollte sich überlegen, ob es viel Sinn hat. im Nebensächlichen Prestigepolitik zu treiben, wo man doch unter deutschnationaler Mitwirkung in der Hauptsache„Er- füllungspolitik" getrieben hat. Konsequente Personalpolitik. Die Republikanifierung der preußischen Verwaltung. Die Presse der Rechten steht den Pcrsonalveränderungen in der preußischen Verwaltung fassungslos gegenüber. Sie wärmt die alte Phrase vom Parteibuch auf, das mehr gelte als die sachliche Eignung, ohne zu bedenken, daß das Tempo der preußischen Personalpolitik durch den Beamtenschub im Reichsinnenmini st erium beeinflußt worden sst. Hat bei der Maßregelung von Dr. Brecht und der Ueber- nähme von Herrn von Kameke etwa nicht die republika- nische Gesinnung des einen und die monarchisch-deutsch- nationale Gesinnung des anderen eine Rolle gespielt? Wir begrüßen es, daß die republikanische preußische Regierung mit ihrer Personalpolitik für die Festigung der Verfassungstreue des Verwaltungsapparates, für die Re- publikanifierung und Demokratisierung der Verwaltung sorgt. Sie dient damit wahrhaft der Republik und der Verfassung und kompensiert die Schwächung des republikanischen Geistes in der Verwaltung, die durch die deutschnaiionale Personal- Politik im Bürgerblock herbeigeführt worden ist. Wir begrüßen vor allem das Tempo dieser Personal- politik. Es kann gar nicht rasch genug sein— mag auch gerade das Tempo den Deutschnationalen Beklemmungen bereiten, die selbst gerne die Berwaltung in Preußen in i h r e Hände bringen möchten. » In unserer Mitteilung über die Personalverändcrungen im Bereich des Innenministeriums ist leider ein Versehen unterlaufen. Ministerialdirektor Brand, der dem Zentrum angehört, behält die Leitung der Personalabteilung, während Ministerial- birigent Dr. Steinbrecher die Verfaffungs- und Rechtsabteilung übernimmt. Zrankreich nähert sich Amerika. Tie Entsendung eines Beobachters beschloffen. New Jfort, 3. Juni.(MTB.) Nach Blättermeldungen aus Paris über die Aufnahme der Vorschläge Shotwells in Frankreich wartet B r ia n d auf die Vereinigten Staaten. Er werde auch auf die leiseste Andeutung eines Kabinettsmitgliedes hin konkrete Vor schlüge zu einem Antikriegsvertrag unterbreiten. Briand habe jedoch keinen Zweifel gelassen, daß ihm die Shotwell- schen Entwürfe als zu weitgehend erschienen. Briand erhoffe eine weitere Förderung de» Planes auf der Dreimächtekonferenz, zu der einen Beobachter mit Vollmacht tzu Besprechungen zu entsenden, Frankreich sich jetzt ent» schlössen habe. Au Schiff nach Deutschlanö. Die Sowjetleute ziehen aus London ab. London. 3. Juni.(Eigener Dvahtbericht.) 50 russische Beamte und Kaufleut« haben am Donnerstag nachmittag England auf einem russischen Schiff verlassen. Die übrigen Mitglieder und Ange- stellten der russischen diplomatischen und Handelsvertretung werden in den nächsten Tagen abreisen. England im Saargebiet. Der neue Saarpräsident gefunden. Saarbrücken, 3. Juni.(Mtb.) Wie von gutunterrichteter Seite verlautet, ist zum Nachfolger des aus der Regierungskommission ausscheidenden kanadischen Dr. Stephens der britische' Diplomat Sir Ernest Wilton ausersehen worden. Wilton, der 57 Jahre alt ist und der gegenwärtig im Ruhestand lebt, betätigte sich fast ausschließlich im englischen Konsulatswesen und war zuletzt bei der Salzsteuer in China. An der Durchführung des Vcr- sailler Vertrages war er als britischer Kommissar in Riga und als Abstimmungskommissar in Tesche»(OesterreichiIch.Ob«rschl«sien) beteiligt. Wilton soll, was von großer Wichtigkeit für seine Tätig- keit Im Saargebiet ist, die deutsche Sprache durchaus beherrschen. Bei der Ernennung des Nachfolgers von Stephens verdient der Umstand, daß dieser nicht, wie man ursprünglich annahm, Kanadier, sondern zum ersten Male ein Engländer aus dem Mutter- lande ist, besondere Beachtung. Damit engagiert sich England stärker als bisher an der Saarfrage, was auch in der Stellung eines englischen Kontingentes für die am 13. Juni zur Einführung kom- mend« Saarbahnschutztruppe zum Ausdruck kommt. Eisenbahnunglück in Frankreich. Schnellzug Paris-NimcS entgleist.- Bis jetzt neun Tote. Paris. Z. Iiinl.(WTV.) Der Schnellzug Paris— Nlme, ist himke nacht gegen 2 Uhr zwischen den Siationen vessay und ZNoullns entgleist. Alle wagen, mit Ausnahme von vieren find umgestürzt. Vi, jetzt wurden nenn Tote festgestellt: zahlreiche Reisende sind verwundet Paris. 3. Zuni. Die Ursache de» Unglück» war, daß der Schnellzug auf einen aus entgegengefehler Richtung kommenden Güterzug stieß, hierbei entgleisten mehrere wagen, wahrend andere Infolge kuppelunzsbrnche» weltcrrollten. Der Heizer des Schnell- zugcs konnte noch nicht aufgefunden werden. Man rechnet mit einer vlelstündigen Unterbrechung des Verkehrs. Leitende Persönlichkeiten des Eisenbahnamle» haben sich an die Unglückssielle begeben. Süöslawische Sozialöemokratie. Zerstörende Spaltungen. r. Im. Belgrad, Ende Mai. Wenn unsere Genossen in den Zentren der südslawischen Bruderpartei bereitwillig auf meine Fragen über die Stärke der Bewegung, die Verbreitung der Parteipresse, die Mit- gliederzahlen mir Aufschluß geben, so erinnern ihre An- gaben oft an Verhältnisse, wie sie in Provinzgebieten des alten Oesterreich, aber Jahre vor dem Weltkrieg, bestanden haben. Die Parteiblätter in Marburg, Laibach, Agram, Serajewo, Belgrad und das nicht parteieigene Arbeiterblatt in der ehe- mals ungarischen Vojvoccina(zu Werschotz deutsch heraus- kommend) haben sämtlich nur Auflagen bis 3000 Stück, erscheinen nur ein- bis zweimal in der Woche und können sich nur dadurch halten, daß sie z. T. eigene, gut mit anderen Aufträgen versehene Druckereien haben und im unbesoldeten „Ehrenamt" redaktionell hergestellt und auch verwaltet werden— nebenbei ein ehrendes Zeugnis für den Idealismus dieser Genossen, die auf dem undankbaren Boden eines industrieannen Landes die Saat des Sozialismus betreuen. Wäre die Bewegung noch ganz jung, so könnt« ihre Schwäche durchaus natürlich erscheinen. Aber in Serbien, wo längst das allgemeine gleiche Wahlrecht für Männer bestand, gab es schon vor dem Weltkrieg sozialdemokratische Abgeordnete— von denen der eine, Tutzowitsch, noch 1914 gefallen ist, während der andere, Kuzlerowitsch, heute bei den Kommunisten tätig ist: auch die slowenische Sozial- demvkratie, wohl auch die kroatische, hatten damals Mandate im Abgeordnetenhaus zu Wien bzw. in Landtag zu Agram. Bei den ersten Skupschtinawahlen des neuen Staates 1919 gewannen unsere Genossen zehn Mandate, denen allerdings S9 kommunistische gegenüberstanden: 22 davon hatten die weltfernen, analphabetischen Gebiete Montenegros und Mazedoniens den Moskauern als überraschendsten Erfolg gebracht. 1920 stellte die Regierung die Kommunistische Partei als putschoerdächtig unter Ausnahmerecht, und als darauf der Bombenwurf gegen den Thronfolger und die Ermordung des Ministers Draskowitfch folgten, antwortete das Staats- schutzgesetz. das der Kommunistischen Partei jedwede Betäti- gung verbot, aber auch gegen die Sozialdemokratie— besonders in Bosnien angewendet worden ist. Unsere Genossen in Serajewo hatten nicht nur unter Faschistenterror der Orjura- leute, die jene Attentate am Arbeiterheim rächten, sondern auch unter wiederholter Auflösung und selbst unter Militär- gerichtlicher Inquisition, mit allen Annehmlichkeiten einer derartigen Behandlung zu leiden. Heute können die Kommu- nisten übrigens wieder Zeitungen herausgeben und dort wie in Versammlungen gegen unsere Genosien als die„Sozial- Patrioten" agitieren. Das Verbot ihres Parteinamens hindert die Tätigkeit dieser Partei nicht, sie besteht freilich zum erheb- lchen Teil auch in jener sektenhaften Selbstzerfleischung, die zu jeder Kommunistischen Partei gehört wie das Amen zum Gebet oder wie die Tscheka zur Sowjetdiktatur. Schon vor Jahren sind namhafte Führer von den Komnmnisten zur Sozialdemokratie zurückgekehrt Unsere Genossen versichern übereinstimmend, daß die Sozialistische Partei Jugoslawiens wieder im Ausstieg sei. Das erscheint um so erfreulicher— aber auch um so not- wendiger, als die Wahlen feit jener ersten kaum einen Fort» schritt gebracht haben. Der hier bestehende Mehrheits- proporz bevorzugt die stärkeren Parteien auf Kosten der schwächeren ganz bedeutend. Darum darf man aus dem Rückgang unserer Ekupschtinafraktion von zehn auf acht, dann auf zwei und schließlich sogar auf null(!), nicht auf ein völliges Verschwinden der Sozialdemokratischen Partei Iugoflawiens geschlossen werden: sie hat 1925 immerhin ihre 50 000 Stim- men erhalten, wovon 15 000 in Slowenien. Diese Zahl bedeutet in einem Agrarlands von 12% Millionen doch mehr als hier bei uns und es wäre sehr unsozialistisch, würden Genossen, die das Glück haben, einer großen Partei in einem Industriestaat anzugehören, über die Schwäche einer Bruder- Partei lächeln, die es ungleich schwerer hatl Am meisten vorgeschritten ist natürlich die Bewegung im untersteiermärkischen Gebiet von Marburg, sowie in Krain— Gebieten, die solange von Wien her bearbeitet worden sind und zu dem großen Wirtschafts- und auch Kulturgebiet Oesterreich gehörten, wobei freilich das Uebergewicht der Klerikalen in Slovemen schon dafür sorgte, daß nickst zu- viel Unterricht ans Volk gelange. Auch heute noch geht der Hauptkampf unserer dortigen deutschen und slowenischen Genossen gegen die Klerikalen und gerade jetzt ist dieser alte und kaum beizulegende Hader besonders stark aufgeflammt. In einer Zeitungspolemik hatte unsere Marburger„Volks- stimme" an den blutigen Ueberfall erinnert, dem die Mar- burger Deutschen ausgesetzt waren, als sie die Anwesenheit einer nordamerikanischen Militärkommission zur Festsetzung der vorläufigen Grenzlinie am 27. Januar 1919 benutzten, um für die Angliederuna des Marburger Gebiets an die Revu- blik Deutschösterreich zu demonstrieren. Durch Schüsse wurden damals eine ganze Anzahl der Demonstranten getötet, andere verwundet. Als einer der Hauptschießer gilt ein siowenischer katholischer Priester, der damals in dem großen Seminarinternat am Hauptplatz wohnte— Dr. S o w z e k. Wegen dieser Beschuldigung hat er den Redakteur Genossen Viktor Erzen verklagt. Zweiund- zwanzig andere damalige Insassen des Seminars traten neben dem Privatkläger als Entlastungszeugen auf— die Verneh- wung mehrerer Belastungszeugen, die der Angeklagte zur Hauptverhandlung geladen hatte, wurde unter Berufung auf das neue, sehr harte Preßgesetz von dem Grichtshof abgelehnt, was übrigens gesetzwidrig sein soll. Die Verhandlung endete mit der Verurteilung Erzens, weil er schon zweimal vorher zu Geldstrafen verdammt worden war, zu drei Monaten Arrest, mehrere tausend Dinars Strafe und ebensoviel Buße an den Kläger. Dieses Urteil hat die Arbeiter sehr erregt und zu einer antikirchlichen Bewegung geführt, die sich in der Gründung von Freidenkerklubs und Austritten aus der Kirche äußert. Freidenker v e r e i n e bedürfen behörd- licher Bewilligung, darum nur Klubs, für die sich die Behörden lebhaft interessieren.... Die untersteierifchen Genossen haben wenigstens zwei Vertreter im Gautag, eine Anzahl Gemeindevertretungen Sloveniens sind in unserer Hand, besonders in Untersteier- mark mit seiner stark deutschen, industriellen Arbeiterschaft und in Krain, wo das proletarisch« neben dem klerikalen Genossen- schaftswesen gut entwickelt ist. Auch die Kinderfreunde» bewegung hat dort schon«ingesetzt. Aber weder in Belgrad noch in Serajewo haben wir jetzt auch nur ein Gemeinderats- mandat inne! Dabei ist Serajewo, die Hauptstadt Bosniens, mit ihrem schönen Arbeiterheim ein wirklicher Zentralpuntt der serbokroatischen Sozialdemokratie: erscheint doch auch dort die einzige wissenschaftliche Zeitschrift der Partei: ihr Wochen- blatt zeigt lateinische Schrift(slowenisch und kroatisch werden lateinisch geschrieben, das mit dem Kroatischen ziemlich iden- tische Serbisch in zyrjllischen Buchstaben) und zyrillische unter- einander. Als Altösterreich im Sterben den Krieg mit Serbien und Montenegro führte, verbot es die„russische"' Schrift: den? sozialdemokratischen Blatt« wurde ihr Gebrauch jedoch wieder erlaubt, nachdem ein Verfahren wegen ,groß- russischer Propaganda" hatte eingestellt werden müssen. Da- für aber hat Bosnien-Herzegowina heute noch eine große Mehrheit von Analphabeten, wie Montenegro und Maze- donien auch. Es sind wie auf kulturellem und sanitärem Gebiet, so auch in der Berwaltungspraxis noch erhebliche Unterschiede Snfchen den Teilgebieten Südslawiens vorhanden. Während s eigentliche Serbien, obschon Monarchie ein altdemo- kratisches Land ist— die türkische Fremdherrschaft hatte keinen Standesunterschied bei den Unterworfenen geachtet und ein- heitlich war der Befreiungskampf des Serbenvolks— und die Belgrader Genossen über Verfolgung durch Polizei und Gerichte nicht besonders klagen, hat die Leitung der ein- heitlichen, auch die deutschen Genossen umfassenden Gesamtpartei soeben ein scharfes Manifest gegen den Polizei- terror besonders in den neuen Gebieten verössentlicht. So weist alles den Betrachter aus Mitteleuropa zum Vergleich mit den Jugendzeiten seiner Heimatpartei— die zerstörende Spaltung ebenso wie die ökonomische und kulturelle Rück- ständigkeit. Sie haben es furchtbar schwer, unsere Genossen in Iugoflawien, sie haben aber dafür auch die Begeisterung einer jungen Bewegung! Die nassen deutschnationalen. .Unentwegt ist und bleibt die Gesinnnng." Aus dem Reichstag erhält die offizielle' deutsch- nationale Parteikorrespondenz folgende historisch-philosophische Ermunterung:> Es ist leichter den Geist einer Truppe zu halten, wenn sie unauf- haltsam vorwärtsstürmt, als wenn sie im nassen Schützen- graben liegt. Die sachlich« Notwendigkeit aber kann dazu zwingen, auszuharren, und zurzeit eine Entscheidungsschlacht nicht anzu- nehmen. In dieser Lage sind heute die Deutschnatio» n a l e n, auf denen noch immer der 2. November 1218 lastet. Die jungen Vögel schreien... s Don E. P. H i e s g e n. i Juni.— Die jungen Vögel schreien. 1 Aus Bäumen und aus Sträuchern klingt und klimpert es, als wären all die grünverborgenen Vogelnester.Klingelbeutel" voll lebendiger Gold- und Silberstück«. Die Sonn« prägt und ziseliert in Linden und in Buchen Millionen Herzen und Ovale. Die Sonne bügelt wie ein heißes Eisen alle Morgen jedes Blatt. Sie hängt die wunderbarsten.Valencienner" Spitzen über den Kastanienbaum. Die öffentlichen Gärten sind die Zuflucht aller, die nach einem Stück vom Paradiese schmachten. Mütter mit ihren Kindern sitzen hier und alle Invaliden und jung« Arbeitslose. Hier brauchst du keine Dildermappe, willst du von»Käthe Kollwitz" Bilder sehen.— .Raffaels" Engel spielen hier im Sand und.Michelangelos" Sklaven sitzen auf den Bänken neben dir... Und vor mir zappelt ein großer, bronzefarbener Laufkäfer mit halben Beinen und zerbochenen Flügeln. Ein junger Star hat ihn aus seinem Schnabel fallen lassen und schon ist auch die Staremnutter hinterher, schlägt zwei-, dreimal den Käfer auf den Kopf, greift ihn und über mir seh ich das Kerbtier in einem großen, gelben Schnabel verschwinden. Die Jungen schreien lauter, wenn die Sonne steigt. Sie schreien, daß es aus den Gärten auf die Straßen dringt, die sich wie steinern« Kanäle um die Gärten ziehen. Die Fronten der sich gegenüberstehen- den Hotels und Warenhäuser sind wie steile, schroffe Userfelsen, darum die Strömung der Asphallkanäle brandend tobt. Im Licht und Schatten grüner Kuppeln sitzt ein Arbeitsloser neben mir. Er sieht nicht auf aus seiner englischen Grammatik... ein arbeitsloser Zimmermann baut sich«in Sprungbrett noch Amerika. Ich sehe sein Gesicht— er könnte.Lindberghs" Bruder sein. Kühn und kindlich strahlen seine Augen. An einer Grasrispe häll ein Kohlweislingweibchen mit ge- spreizten Flügeln einem vorüberflatternden Männchen seinen weißen Körper hin. Spielend« Sonnenkringel scheuchen das Liebespärchen auf, das liebeetoll über die Goldlackstauden torkelt. Der Arbeitslose sieht die Falter nicht. Er stählt unbeugsam seinen Willen, und wie die Daumstämme sich Ring um Ring verstärken, so stärkt er fein Gehirn zur Tat. Er will zum Unterschied von jenem jungen.Lind- bergh" über ein Meer von Elend setzen, dos tragischer und stürme- voller ist als jeder Ozean. Das Schwalbenvolk, das eben noch wie Pfeil« nach der Sonne schoß, schrillt plötzlich eisern nah« über mir vorbei, als würde ein« Notbrems« gezogen— als wollten eiserne Luftdruckbremsen ein nahendes Unglück verhüten.— Ein Sperber fällt wie ein Stein in einen Taubenschroarm, stößt nach und trägt sein Opfer auf dos nächste Kirchenkreuz. Dort oben auf den Zinken zerfleischt der Sperber seine Taube schnobelrecht für seine Brut, die irgendwo in einer Luke In dieser Lage waren dieRömernachderSchlachtbet E a n n ä. Fabius Maximus. nach der Niederlage der Römer am Trasimenersee zum' Diktator ernannt, hat es wahrlich nicht leicht gehabt, seine Taktik gegenüber den Römern, die ihn als.pflaumen- weich" schalten, durchzusetzen. Die„starten Männer" Minucius und Terentius Darro galten der Volksmenge mehr. Die Geschichte aber hat dem.Zauderer" recht gegeben. Und zweierlei ist auch heut« nötig: einmal, daß wir Deutsch- nationalen warten können. Kovallerieattacken nützen nicht, wenn drüben die Maschinengewehre in Menge stehen, hätten wir jetzt beim Republltschuhgcseh den Kamps um die Monarchie aufgenommen, wir hätten nur dem monarchischen Gedanken geschadet und ihm in nicht» genützt..Unentwegt' sein ist schön: man kommt aber leicht dabei in die Stellung der französischen Monarchisten, die nicht vom Lilienbanner weichen wollten. Was sind sie heute? 4 Unentwegt ist und bleibt die G e s i n n u n g. Parlamentarische Kämpfe aber nimmt man nur dann an, wenn man dadurch die Lage bessert und sie nicht verschlechtert. Es ist nicht ganz u n m ö g- l ich. daß die Deutschnattonalen in den letzten Iahren in dieser Richtung nicht immer in den Parlamenten das richtig« getroffen haben. Schweigenwirdavon. Es ist nur nötig, daß die letzten Ziele klar bleiben. Wir tun die häßliche, schwere Pflicht des Alltags, um stark zu bleiben für die Zeit, da unsere Ernte reift. Die edlen Römer der deutschnationalen Partei erfahren damit, daß sie ihre Niederlage von Cannä hinter sich haben. Aber sie genießen den Trost, daß sich unter dem Diktator Fabius Maximus Westarp alles wieder zum Besten wenden wird. Einstweilen freilich liegen sie«im Schützen- graben" und haben nasse Hosen. tzinüenburg und Schwarzrotgolö. Authentische Feststellung von Ohrenzeugen. Hamburg, 3. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Gegenüber den Meldungen bürgerlicher Zeitungen über den Wortlaut der A e u ß e- rung des Reichspräsidenten zum Gauleiter von Schleswig-Holstein des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold wegen der Reichsfarben wird unserem Hamburger Vertreter auf Nachfrage bei Ohrenzeugen noch einmal auf das Bestimmteste ver> sichert, daß der Reichspräsident sich w ö r t l i ch so geäußert hat: .Wir haben zusammen unter Schwarzweißrot gekämpft, jetzt ist die Reichsfahne fchwarzrotgold und jetzt wollen wir unter diesen Farben für die Einigkeit und den Wiederaufbau und für das große Deutschland arbeiten." Diese Aeußernug ist sofort niedergeschrieben worden. In keinem F o l l ist«in Satz„aber gerade weil Ihr unter den Farben Schwarzweißrot gekämpft habt, dürft Ihr die alten Farben nicht schmähen", in diesem Zusammenhang gefallen. Wenn der Herr Reichspräsident dieses Gespräch in etwas anderer Erinnerung hat, so ist das wohl mit der Unzahl der Eindrücke dieser Tage zu er- klären. « Die Aeußerung Hmdenburgs in der vorliegenden Form ist ehrenwert. Sie entspricht seiner Stellung als Reichs- Präsident, sie entspricht seiner früheren Stellung als General- feldmarschall im kaiserlichen Deutschland. Sie enthält ein Bekenntnis zur Gegenwart, ohne die Vergangenheit zu ver- leugnen. Sie ist das Wort eines aufrechten Mannes. Die nachträglichen Deutungsoersuche sind nur geeignet, das klare Bild zu verwischen. Sie schädigen das Ansehen Hindenburgs als Reichspräsident und als Mensch, Indem sie den Anschein erwecken, als bedauere er nachträglich, sich ein- deutig zur Reichsfahne bekannt zu haben. Deutschnationale Taktik mag es fein, sich bei offiziellen Gelegenheiten zu den Farben Schwarzrotgold und zum Gegenwartsstaat zu bekennen, um in der Parteipresse später wieder alles abzuleugnen. Der Reichspräsident sollt« es sich verbitten, daß an feinen Worten gedreht und gedeutelt wird. hungrig schreit.— Der Arbeitslose nickt mir schweigend zu und Hattert eine Seite um. Ein Mädchen hat sich uns gegenüber hingesetzt. E» breitet«in« Rosenstickerei auf seinem Schoß« aus und stickt... Ich seh in seiner Hand den roten Fad«n, der ttef hinein zum heißen Herz«n geht. Ich sehe Stich um Stich das Leben, das au» s«in«n Augen ruft. Sie glättet bei der Arbeit das Rosenkiss«n auf dem Schoß— ich sehe all die Rosenkissen in den Mütterschößen und jehe all die roten Fäden, die in Mutterhänden nie zu Ende gehen. Die jungen Vögel schreien lauter als zuvor. Von ollen Türmen schreit und hämmert die Zeit. Ich seh«, wie die Zeiger sich zur Mittagszeit beschwörend wie zwei Fäuste in die Sonne heben. Dann steigt und schwillt die Strömung in den steiner- nen Kanälen brausend hoch. Lauter al» junge Vögel schreien Zeitungsjungen und eiliger al» aller Vögel Flügelschlag brausen Motor« ihr heißhungrig Lied. Ich sehe nur die Häuserfronten, die wie steil«, schroff« Felsen stehen, fühle mich mit Millionen anderen daran angekettet und höre junge Vögel nach mir schreien... Galsworthp gibt Noratlehren. Auf die neue Komödie von John Galsworthy .Fenster", die das R e n a i I s a n c e t h e a t e r gestern heraus- gebracht hat, durfte man nach dem nachhaltigen Erfolg seiner„Ge- jellschaft" gespannt sein. Der erste Akt ist denn auch, obwohl von keiner oorwärtstreibenden Handlung getragen, packend gestaltet und führt in ein interessantes Problem ein. Kitty, eben aus dem Ge- fängnis gekommen, wird von einem wohlhabenden, mildtätigen und weich empfindenden Schriftsteller als Dienstmädchen angenommen, was feine Frau, die mit beiden Beinen mitten im Leben steht, als ein gefährliches Experiment ansieht. Im zweiten Akt beginnt zwischen dem Sohn des Hauses und der hübschen Kitty ein kleiner Flirt, der, wie das m der bürgerlichen Weltordnung so üblich ist. für da» Dienstmädchen verhängnisvoll ausgeht. Es wird von der Frau des Hauses entlassen, womit aber die übrigen Familienmit- glieder durchaus nicht einverstanden sind. Dieser zweite Akt ist ein bißchen breit geraten, aber man hosft aus den dritten, der da» aufgegriffene Problem in origineller Weise lösen wird. Der dritte Akt sst ober noch dünner, noch breiter und noch langweiliger als der zweite. Das mit Verve angefaßt« Problem läßt der Verfasser einfach links liegen. Kitty verläßt freiwillig das Haus, um wahr- scheinlich in kurzer Zeit irgendwo im Rinnstein zu enden. Man sieht, das Stück hat eine Moral. Es will belehren. Da- gegen ist an sich nichts einzuwenden. Seit etlichen Jahrhunderten wird ja das Theater als moralische Anstalt betrachtet. Galsworthy stellt den in den Wolken schwebenden Idealisten seiner Frau gegen- über, die die Wirklichkeit kennt und daher viel herzloser scheint als ihr Mann. Es wäre nun gewiß interessant zu erfahren, wem von den beiden Galsworthy recht gibt. Er macht sich die Sache ober höchst einfach. Im letzten Akt trinkt nämlich die Frau des Schrift- stellers eine Flasche Kognak aus, wodurch die geäußerten Lebens- Got und wirth. Eine Betrachtung ans dem Lager der Bolkspartei. Der parteiamlliche Pressedienst der Deutschen Volkspartei zitiert die Hamburger Rede des deutschnationalen Reichstagsabgeordneten G o k, in der er von einem Fiasko der sogenannten Locarnopolitit sprach, und bemerkt dazu: Sok ist nicht der einzige D e u t s ch na t i o n a l e, der sich ähnlicher agitatorischer Entgleisungen schuldig macht. Ww würden es deshalb auch für praktisch halten, wenn sich zunächst ein- mal die deutschnationale Parteileitung bei Herrn Gok erkundigt, ob die Berichte der Presse über seine Rede richtig sind. In diesem Falle aber müßt« Herrn Gok deutlich zu verstehen gegeben werden. daß seine Weise, die Koalition zu fördern, die denkbar schlechteste ist. Sachlich hat er nach diesen Berichten ungefähr dasselbe gesagt, was auch Herr Wirth zum Ausdruck brachte, nämlich, daß ihm diese Koalition gestohlen bleiben kann. Die Korrespondenz der Volkspartei nimmt damit Wirth gegen seinen Parteigenossen Reichskanzler Dr. M a r x in Schutz. Sie be- scheinigt dem Bürgerblockkanzler und Vorsitzenden der Zentrums- partei indirekt, daß er gegen die deutschnationalen Nicht- linienrepublikaner bedeutend duldsamer ist als gegev ehr- liche Republikaner und seine Parteifreunde. Der Unfug der Landesverratsprozesse. Landesverratsverfahrcn und kein Ende. Der Oberreichsanwalt Werner hat gegen die„Rote Fahne" ein Landesverratsversahren eingeleitet. Grund: sie hatte aus der..Weltbühne' und dem„Berliner Tageblatt Teil« der M a h r a u n-Denkschrift nachgedruckt. Aus ähnlichen Gründen ist vor einiger Zeit ein Landesverrats- verfahren gegen unser Parteiblatt in Köln, die„R h e i n i s ch e Zeitung" eingeleitet worden. Soll dieser Unfug fortgesetzt werden? Zorn auf einen Aufrechten. Di«„Deutsche Tageszeitung" erklärt, worin ihr schwerster Vorwurf gegen Wirth besteht: „Ein„pures" Republikanertum würden wir Herrn Wirth nicht übelnehmen. Jeder nach seiner Ucberzeugung! Aber, daß er darüber hinaus im deutschen Staat nichts anderes gelten läßt, sondern in„sture m", doktrinärem Republikanertum über der Form den Staat als solchen vergißt, das schafft ein« innere K l u f t. die auch durch die energischsten Ausgleichsoersuche nicht auszufüllen sein wird. Daß es grundsatzfeste Republikaner gibt, nachdem die Deutschnationalen den monarchischen Grundsatz ver- kaust haben, ist allerdings bitter. Man versteht den Zorn der schwankenden Gestalten auf einen Aufrechten. Die ernannte Nationalversammlung. Primo schafft sich ei» neues Werkzeug. Paris, 3. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Nach Meldungen aus Madrid soll die sogenannt« Nationalversammlung, deren Abgeordnete von der Regierung ernannt werden, am 13. September, dem vierten Jahrestag der Diktatur Primo de Rivera», zusammentreten. Sie soll aus 302 Abgeordneten b«- stehen. Ihr« Hauptaufgabe wird die Schaffung einer neuen Vcr» fassung und eines neuen Wahlgesetzes sein. Landgerichlsdirekkor Zürgens sollte nach Pressemeldungen van der preußischen Justizverwaltung an ein Zivilgericht außerhalb Berlins versetzt und über sein bisheriges Amt in Berlin anderweitig verfügt worden sein. Beide Nachrichten sind falsch. Die preußische Justizverwaltung hat noch keine Entscheidung darüber gefällt, wie Jürgens weiterdeschästigt wird, sondern ihm zunächst Krankenurlaub erteilt. auffassungen schwankende Formen annehmen. E« ist auch sehr hübsch, wenn der Autor sein soziales Gefühl offenbart und uns über die schwierige Lage der entlassenen Strafgefangenen orientiert, wenn er die Herzlosigkeit des Strafvollzugs geißelt und den Lebenshunger der Gequälten, die der Freiheit wiedergegeben werden. Daß einen jungen Menschen der Durst nach dem Leben und Erleben packt, nachdem er' zwei Jahr« brutal niedergehalten ist, das begreifen wir schon, wenn es«in- oder zweimal gesagt wird. Galsworthy über- füttert uns ober mit diesem selbstverständlichen Gedanken. In der Form hat da»„Fenster" manches Bestechende. Gals- worthy hat von seinen Landsleuten Oskar Wilde und Bernard Shaw viel gelernt. Der philosophierende Fensterputzer, der Dater Kittys, ist eine durchaus beshawliche Figur. Der dramatische Aufbau der Komödie ist aber verkehrt, indem die Spannung abnimmt, je weiter sie sich dem Schluß nähert. Am Ende bleibt«in schales und leeres Gefühl zurück, woraus wir sehen, daß wir auf die Vorstellung ver- geblich« Hofsnungen gesetzt haben. Die von Hans Leibelt ge- leitete Ausführung holte aus der Komödie heraus, was heraus- zuholen ist. Er selbst spielte den fenstei putzenden Philosophen, glaub- Haft und mit blitzenden komischen Lichtern durchsetzt. Roma Bahn hat da» Format, das die Rolle der Strafgefangenen Kitty erfordert, das Geduckte, Verkniffene, Leichtangefaulte. Sie bringt ihren Lebens- Hunger auch dann zum Ausdruck, wenn sie nichts sagt: Ein Zu- sammenkneifen der Augen, ein plötzlicher Ruck mit Kops und Armen macht die dumpfe Glut deutlich, die sich aus ihr befreien möchte. Ein betuliches Hausfaktotum mit allen Zeichen der Güte gab Eli- s a b e t h N e u m a n n. den Schriftsteller RudolfLettinger, seine Frau Ida Wüst. Ida Wüst ist leider überroutiniert. Sie macht aus ihrer Roll«, was ihr paßt. Das paßt aber nicht immer zu der Figur, die sie verkörpern soll. Sie ist nicht vornehm genug, sie spielt Operette, wo Tragik am Platze wäre. __ Ernst D e g n e r. Schüler-Musik. Vortmgsabende In Massen. Das bringt der Sommer, gleich nach Einschlafen der Musiksaison jährlich mit sich. R o b i t s ch e k vom Klindworth-Konseroatorium führt an mehreren Abenden mit stilvoll zusammengesetzten Programmen die besten seiner singenden und spielenden Zögling« vor. Die Agenten passen auf, daß ihnen kein Talent entgeht. Aehnlich in der Hochschule für Musik. Hier erregt der jugendlich« Schellenberg aus der Klasse R a a tz- Brockmann als Hans Heiling berechtigtes Aufsehen. Hier wer- den Volkslieder im wundervollen Satz und unter Leitung von Siegfried Ochs doppelt und dreifach verlangt. Hier dirigiert der jung« Karl Mengelberg(neben dem schon routinierten Kurt Teich- mann u. a.). Ein Neffe des berühmten Willem, führt er echtes Kapellmeisterblut in seinen Adern. Ob er gerade das große Gefühl für Bau und Proportionen der Regerschen Mozart-Lariationen hat, das wird nicht ersichtlich. Die Schlußfuge jedoch, präzis und mit Inbrunst schwungvoll und mit glänzender Steigerung interpretiert, verrät den guten, den hoffnungsvollen Musiker, der bei seinem Blick für das wesentlichste der Partitur ein Berufsorchester heute schon gut vorbereiten, und der seinem Willen auch ohne stärkst« Körpergymnastik Resonanz oerschaffen könnte. Die Uraufführung Großer pfingftverkehr fn Sicht! Pfingsten vor derTür! Wer irgend sich freimachen kann, strebt heraus aus der glühenden Hitze der Großstadt, um kurze Tage der Erholung zu finden. Schon heute vormittag herrschte des- halb besonders auf dem Anhalter und Stettiner Bahnhof Hochbetrieb, Urlauber und Ausflügler drängten sich, um herauszukommen an die See oder ins Gebirge. V o r- u n d N a ch z ü g« für die Hauptverkehrslinien sind eingesetzt und ver- kehren von heut« nachmittag ab die ganzen Pfingsttage hindurch. Man hofft bestimmt, des Riesenverkehrs Herr zu werden. Infolge des warmen Wetters wird aller Voraussicht nach der diesjährige Pfingstoerkehr den des Vorjahres weit übertreffen. Seit Tagen sind die P l a tz k a r t e n für die meisten Züge restlosaus- verkauft, und zwar werden die Strecken nach der Ost- und Nord- see, dem Harz und dem Riefengebirge am meisten benutzt. Sek öen Katzen. In den Kammersälen Teltower Straße kann man jetzt etwas besonderes sehen: die„erste Internationale Katzenaus st ellung\ Der„Bund für Katzenzucht und Katzen- schütz", der diese Ausstellung mit ihren höchst lebendigen Demon- sirationsmöglicbkeiten ins Leben rief, will sich zu keinerlei Ueber- schwänglichkeitc i hinreißen lassen, nur möchte er dem allgemeinen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl, unter dem seine Schutzbefohlenen leiden, steuern. Viele Hundert Katzen haben sich eingefunden, darunter solche, die aus Wien, aus der Türkei, aus Frankreich und selbst aus Siam zu uns kamen. Außerordentlich interessant sind die schwänz- losen Mankatzen. Sie werden der Wissenschaft noch manches Rätsel zu lösen geben. Denn eine schwanzlos« Katze ist uns bislang schwer erklärlich, weil man weiß, daß die Katze beim Springen ihren Schwanz als Steuer gebraucht. Die S i a m e s e n werden weiß ge- boren und dunkeln später nach, was man recht deutlich an älteren und jüngeren Tieren beobachten kann! Höchst interesiant sind auch dienubischenKatzen, zumal von ihnen behauptet wird, sie seien die Stammform unserer Hauskatze. Die blauen Perserkatzen sehen uns aus gelben Bernsteinaugen an. Unter den Angara- k a tz« n sieht man weiße, schwarze sowie mehrfarbig gezeichnete. Die größte Sehenswürdigkeit bieten wohl die siamesischen T e m p e l k a tz e n, die in ihrem Vaterland für heilig gehalten werden, jetzt aber schon Züchter in Frankreich, in Oesterreich und in einigen deutschen Städten gefunden haben. Daß auch die Katze«in Gewohnheitstier ist, sieht man an den sogenannten Vogelstuben- katzen, die mit weißen Ratten, Tauben, Kaninchen, Eichhörnchen und Meerschweinchen ein friedliches Dasein führen. Einigen Aus- stellungsobjekten behagte offenbar ihre Zurschaustellung gar nicht. So.weinte" der ö jährige.Peter der Große" regelrechte dicke Katzentränen, die wohl eines Menschen Herz rühren konnten. Und dabei kann Peter allerlei. Er kommt z. B. auf den Pfiff seiner Herrin und apportiert, wie«in Hund. Reben dieser lebenden Schau Katzen aller Rassen und aller Farben wird auch gezeigt, wie sich Kunst, Kunstgewerbe, Literatur und Spielzeugindustrie mit der Katze beschäftigen.__ Die Bellcelliancc-Brucke wieder frei. Seit gestern abend ist die D e l l e- A l l i a n c.e- D r ü ck e wieder dem allgemeinen Verkehr zugänglich gemacht worden, nach- dem sie etwa fünf Wochen lang wegen umfangreicher Wiederher- stellungsarbeiten für den Fährverkehr gesperrt war. Die Brücken- decke war durch den ungeheuren Verkehr— die Brücke gehört zu den am meisten beanspruchten Berlins— so stark reparaturbedürftig geworden, daß sie völlig abgetragen und neu in Beton ausgeführt werden mußte. Der Bauleitung gelang es, den Fußgängerverkehr auf einer Vrückenseite aufrechtzuerhalten... Bei dieser Gelegenheit sei eine Bitte an die Straßen- bahngesellschast vorgebracht: Die aus dem Osten Berlins her die Eitschiner Straß« durchfahrenden Straßenbahnlinien\5i und 89 halten jetzt nur an der Ecke Alexandrinenstroße, um dann bis zum Hallefchen Tor durchzufahren. Ein« Verlegung oder Reu- einrichtung der Haltestelle an der Alten I a k o b st r a ß e würden viel« Fahrgast« freudig begrüßen. Allein im Patentamt und im .Vorwärtshaus" sind Hunderte von Strahenbahngästen be- schästigt, die von der Alten Jakobstraße her die Eingänge zu ihren Arbeitsstellen benutzen. einer Tripelfug« für Streichorchester aus der Feder Gr«te v. Z i« r i tz brachte es zu einem akademischen Erfolg bei den Wissenden. Ich schätze diese Musikerin außerordentlich hoch. Daß sie ein« Phantasie- volle Komponistin ist, hat sie in früheren Werken gezeigt. Dieser kunstvollen Fuge hastet gar zu viel Arbeit, Krampf, Nötigung an. Es schwingt r«in natürliches Leb«n aus ihr. Als Uebergang zu Werken größeren Formats, als artistisch« Vorbereitung aber ver- rät die Fuge viel, vielleicht das wesentlichste, was für die Zukunft eines Komponisten gefordert werden muß: Beherrschung des Satzes, Strenge des Stils, Sauberkeit des Handwerks, Formgefühl. Auf dieser Grundlage arbeite Frau v. Zieritz weiter. Sie wird ihren Weg machen._ K. S. Das Schauspielerhelm in der Karlstraße. Die Genossen- fchaft Deutscher Bühnenangehöriger hat beschlossen, dem Schauspielerheim in der Äarlstraße noch bis zum 1. Juli Mittel zur Verfügung zu stellen, um seine Ofsenhalwng bis zu diesem Zeitpunkt zu ermöglichen, obgleich fatzungsgemäß die Unterstützung der Genossenschast nur Mitgliedern zuteil werden darf. Das Heim wird aber mindestens in gleichem Maße wie von organisierten auch von unorganisierten Schauspielern in Anspruch genommen, so daß sich eine Wetterführung in der bisherigen Form durch die Genosien- fchaft in keiner Weife rechtfertigen lassen würde. Doch soll für die erwerbslosen Mitglieder der Genossenschaft im Sommer, spätestens aber zum 1. September in Berlin ein neues Heim eröffnet wer. den.— Die Berliner Ortsgruppe der erwerbslosen Bllhnengenossen- schaftler wurde entgegen den satzungsgemäßen Bestimmungen der Genossenschaft gegründet und kann in dieser Form daher nicht an- erkannt werden. Dagegen können sich die erwerbslosen Schauspieler einer bereits bestehenden Ortsgruppe anschließen. Würde die Ge- nossenschaft gegen die Satzungen die Neugründung sanktionieren, so ergäbe sich der Fall, daß, da an sich zur Gründung einer Orts- gruppe fünf Mitglieder genügen, allerorten sich politisch linksradi- kale Oppositionsgruppen neben den legalen Gruppen etablieren würden. Diese Oppositionsgruppen wären an Kopfzahl außer- ordentlich gering, doch würden sie dieselben Rechte beanspruchen wie die ordnungsmäßigen Gruppen. Beethovens Neunte Symphonie unter freiem Himmel. Di« Stadt Verona bereitet eine eigenartige nachträgliche Beethovenseier vor. Es ist beabsichtigt, in diesem Sommer in der Arena in Verona Beethovens Neunte Symphonie unter freiem Himmel aufzuführen. Durch umfangreiche bauliche Veränderungen ist die Arena um 19 009 Sitzplätze vergrößert worden, so daß sie, die zu den inter- «ssantesten historischen Baulichkeiten Italiens gehört, jetzt 39 999 Be- fucher fasten kann.__ la der voltsbkhii« gelangt als nächste» Stück bn Rahmen der Sommer- spielzett Nestroh» Posse.Zu ebener Erdeund im ersten Stock" unter der Regie von Leo Reusj zur Austührung. Die Mustk ist von Theo Wateben. Die fierbtlchen Ueberresl« von Bgve» Sorma werben nach dem Wunsche der im vorigen Jahre in Amerika verstorbenen Künstlerin nach Berlin überführt, um an der Seite ihre» verstorbenen Gatten auf dem griedhos in W a n n s e e beigesetzt zu werden. vt« preußische Staatsbibliothek ist am Pfingstsonnabeud geschlosf«# Das neue Fernamt in der Winterfeldt st ratze, besten erster Bauabschnitt eben fertiggestellt wurde, dient lediglich zur Vermittlung des Fernbetriebes und weist schon durch seine enorme Ausdehnung auf seine für ganz Deutschland außer. ordentliche Bedeutung hin. In dem fertiggestellten Abschnitt be- finden sich 19 F e r n s p r e ch s ä l e von je 530 Quadratmeter Grundfläche, in jedem Saal werden 239 Beamtinnen tätig sein, für die zahlreiche Dachgärten zur Erholung angelegt sind. Von der großen, zentral gelegenen Halle, die auch repräsentativen Zwecken dient, gehen Fahrstühle und—«ine Neuerung für Berlin— ein Doppelpaternoster mit je zwei nebeneinander laufenden Kabinen nach oben und unten. Ausreichende Erfrischungsräume sind um die Holle gruppiert. Dem Kesselhaus mit dem turmartigen Schorn st ein ist ein kleines Kraftwerk angegliedert. Der überschüssige Domps kommt den zahlreichen Räumen als Heizung zugute. Eine Tem- peraturtafel zeigt automatisch im Kellerraum die Wärmegrade in den einzelnen Zimmern und Sälen der 19 Stockwerke an. Da der übliche Wasserdruck nicht bis zum 19. Stockwerk ausreicht, muh der- selbe durch besondere Anlagen verstärkt werden. Ebenfalls im Keller- räum befinden sich die mächtigen Rohre der Rohrpostleitungen. Die Gesamthöhe der Bauwerke beträgt 42 Meter, die Straßenfront wird eine Breite von 99 Metern haben, die Tiefe mißt 149 Meter. Nach der völligen Fertigstellung des Fernamtes, mit der man in eineinhalb Iahren rechnet, werd« hier 6999 Personen be- schäftigt sein. Die architektonische Ausgestaltung des in Eisen- llinkern ausgeführten Baues zeigt eine wohltuende Schlichtheit und Zweckmäßigkeit, einen sehr erfreulichen Fortschritt im Aussehen der „Aemter", von denen aus der kaiserlichen Zeit noch allzuviel miß- glückte Gegenbeispiele vorhanden find.! K Großfeuer am Sachsenöamm. Heute nachmillag gegen 1 Uhr brach in der Filmoerwer- lungssabrik der Firma kohlmann am S a ch f e n d a m m 1 7. einem größeren Gebändekomplex, infolge Explosion von Filmstreifen ein Großfeaer au». Mehrere Personen, daronler der Inhaber der Fabrik, erlitten angeblich Verletzungen. Zahlreiche Löschzüge rückten aus den Alarm„Grvßfeuer" an die Brandstätte. Es wurde aus sieben Schlauchleitungen größten Kalibers Master ge- geben....,______ Lei Redaktionsschluß dauerte das Feuer, das an den leichl- explosioen VloteriaUen reiche Nahrung findet. avch an.. v-: l".-v\'•' j'■■■■''v Zwei Verletzte bei einem Brandungliick. In einer chemischen Fabrik am Spandauer Weg u Eharlottenburg ereignete sich heute früh gegen%7 Uhr ein 'weres Brandunglück. Die 27jährige Arbeiterin Luise Müller aus der Scharnweberftraße 11 zu Reinickcndorf-West war bei Ar- beitsbeginn mit dem Anheizen eines Kessels beschäftigt, in dem sich flüssige Bohnermasse befand. Plötzlich geriet die feuergefährliche Flüssigkeit in Brand und kochte über. Frau M. wurde von einer herausschlagenden Stichflamme erfaßt. Auf die Hilferufe der Unglücklichen eilte ihr gleichaltriger Mann, der in demselben Raum beschästtgt ist, herbei und versuchte seiner Frau die brennenden Kleider vom Körper zu reißen, wobei er sich selbst an den Händen schwere Brandwunden zuzog. Die beiden Verunglückten wurden von der alarmierten Feuerwehr nach Anlegung von Notoerbänden in dos Virchow-Krankenhaus geschafft. Während der Mann nach ärztlicher Behandlung entlassen werden konnte, liegt die Frau, die Verbrennungen am ganzen Körper erlitten hat, schwer danieder. Der Nachfolger für Jürgens. Die S8. Strafabteilung des Großen Schöffengerichts Charlottenburg, zu deren Vorsitzenden seinerzeit Land- gerichtsdirektor Jürgens von Stargard nach Berlin versetzt worden war, hat erst gestern endgültig einen Nachfolger für diesen erhalten. Naltz der Verhaftung von Landgerichtsdirektor Jürgens wurde dessen Vorgänger in diesem Amte, Landgerichtsdirektor B r e n n h a u( e n, der bereits eine Zivilkammer beim Landgericht III übernommen hatte, wieder zur stellvertretenden Uebernahme des Vorsitzenden- Postens zurückberufen. Landgerichtsdirektor Brennhausen hat dieses Amt provisorisch bis zum 31. Mai verwaltet, ist jetzt aber wieder zu seiner Zivilkammer zurückgekehrt. Zum endgültigen Borsitzenden ist Staatsanwaltschaftsrat Ritter aus Kiel unter Ernennung zum Landgerichtsdirektor nunmehr berufen worden und hat den Posten am gestrigen Tage angetreten. „Die Handhabung der Nähmaschine." Im Phoebus-Palast„Europahaus" am Anhälter Bahnhof fand gestern die Erstaufführung des Lehrfilmes:„D i e Handhabung der Haushaltnähmaschine und ihrer Hilfsapparate" statt. Die Deutsche Lichtbildstelle für Unter- richt hatte den Film durch ihren Leiter, Herrn Lange, inszenieren lassen, der auch für den letzten Lehrfilm über Entstehung und Ent- wicklung der Nähmaschine verantwortlich zeichnete. Der neue Film ist gelungen. Vom Einfachsten bis zum Kompliziertesten werden wir über alle», was eine moderne Haushaltnähmaschine zu vollbringen vermag, unterrichtet. Wir sehen das.hausübliche" Nähen, das Stopfen, das Kräuseln, das Anbringen von Spitzen und vieles andere mehr. Und niemals wird der Film langweilig und über- mäßig lehrhaft und wissenschaftlich. Zeitlupenaufnohinen weihen uns in die mechanischen Geheimnisse der Nähmaschine ein. Daneben lernen wir, wie es nicht gemacht werden soll: Wir beobachten eine falsche Fußstellung und das zeitraubende und gesundheitswidrige Einfädeln eines im Munde angefeuchteten Fadens. Es war eine lehrreich« Dreiviertelstunde! Auch dieser Lehrfilm soll allen Bild- stellen und den einschlägigen Unterrichtsocrwaltunaen zur Ver- füguna gestellt werden. Hoffentlich wird hiervon reichlich Gebrauch gemacht I Zirkus Busch:„Am grünen Strand der Spree." Hundstagshißc und nahende Pfingsttage zugegeben, entschuldigen noch lange nicht alles. Warum muß denn im Zirkus partout abendfüllend Theater ?espielt werden? Das gute olle-Verlin ist in dieser Art seiner Ver- errlichung herzlich schlecht weggekommen. Die dargestellten Typen unserer gemütlichen Vorfahren mit dem schnoddrigen Maulwerk und dem goldenen Herzen waren hier ganz kuriose Gestalten, die alle- samt einem Tingel-Tangel vierter Güte entsprungen zu sein schienen. Schlechte Witze, die Gesangseinlagen nach Art übler Knbarett-Reitzer zurechtgemacht, über dem Ganzen eine äußerst kitschige Garten- laubcn-Sentimentalität. Der'„Rausreißer", die Wasserapotheose, blieb aus technischen Gründen weg. Vorher gab es ein kurzes artistisches Programm, gute, ernsthaste Arbeit und wirkliches Können. Slitzschlag in eine Kinüergruppe. , Ein Mädchen getötet, mehrere verletzt. Breslau� tz, � Ipni.(WTB,X Bestn Ausbruch des gestrigen� starken Gewitters waren auf einem Rübenacker bei dsr..Orstcha�,I Schwoitsch eine Anzahl Dorfkinder beim Rübenhacken be- schäftigt. Plötzlich fuhr ein Blitz in eine Gruppe von 14- bis 15jährigen Mädchen. Das eine wurde getrosten und stürzte mit brennenden Kleidern nieder. Man löschte die Flammen und stellte Wiederbelebungsversuche an, jedoch vergeblich. Zwei andere Mädchen erlitten Brandwunden am Unterkörper und an den Armen. Der Zustand des einen Mädchens ist sehr bedenklich. Eine menschliche Mißgeburt. Nach den Nachrichten über die Entdeckung eines in Budapest be- findlichen Affenmenschen ist es interesiant- zu erfahren, daß auch im deutschböhmischen Orte W i n t e r b er g anläßlich des jetzigen Jahrmarktes eine häßliche menschliche Mißgestalt gezeigt wird. Ein menschlicher Oberkörper wird von oerkrümmten Gliedmaßen ge- tragen. Das unglückliche Geschöpf bewegt sich nach Tierart und be- findet sich meist in hockender Stellung, in der es etwa einen halben Meter hoch ist. Es ißt nur rohes Fleisch und Brot und nimmt als Getränk nur Wasser, ist angeblich 47 Jahre all und raucht täglich sein« 49 Zigaretten. Der Wärter erklärt, die Mutter des Geschöpfes habe sich nach dessen Geburt in der Wiener Klinik erhängt. Die Mißgestalt ist in vielen Zirkusunternehmen gezeigt worden und soll sich in mehreren Sprachen, freilich nur in wenigen Worten, ver- ständlich machen können. Dabei ist die Stimme eigentümlich und abschreckend quakend. Wie der Wärter weiter angibt, ist dßs Skelett der Mißgestalt bereits an ein Berliner Museum verkauft. In der marktschreierischen Aufmachung mit kurzen Höschen und Frack(!) wirkt das Geschöpf besonders auffallend. Sport. kroll'Miethe flogen auf öer Zütt-/lrena. Das gestrige Z-Slunden-Renncn. Bevor die Glocke das gestrige D r e i st u n d e n r en n e n auf der R ü t t- A r e n a anläutete, gedachte die Radsportgemeinde des jähen. Ablebens Franz Krupkots. Unter den Klängen des Liedes pom guten Kameraden fuhren die zwölf Mannschaften eine Trauerrunde... Das Rennen selbst wurde lebhaft gefahren. Prämien trugen zur Feldveränderung bei. Stärkste Paare waren Kroll-Micthe und der Sechstageliebling Tonani mit Krollmann. Nach einer Stunde waren 41,159 Kilometer bedeckt. Unter Führung von Dewolf- Koch begann die zweite Stunde, die ebensalls abwechslungsreiche Momente brachte. Nach der zweiten Stunde(84,229 Kilometer) führten mit. 36 Punkten Kroll-Miethe vor Tonani-Kroll- mann, die bis dahin 28 Punkte auf sich vereinigen konnten. Eine Runde zurück folgten Ehmer-Kroschel vor Kühl-Wette, Mühl- l>ach-Macz1nski, Frankenftein-Buschenhagen und Behrendt-Longardt. Zwei Runden zurück: Dewolf-Koch vor Hahn-Tietz und Krüger-Häusler. Der.neue Mann", der Krefelder Springborn, hatte die Bahn vorzeitig verlassen. Krüger schied infolge eines Sturzes, während Petermann und Craet ebenfalls aufgaben. Häusler bildete mit Vermeer eine neue Mannschaft. Kroll- M i e t h e, die stärkere Mannschaft über Tonani-Krollman, g e- wann dann auch die„Drei Stunden" mit 58 Punkten vor Tonani-Krollmann(51 Punkten). Eine Runde zurück: 3. Ehmer-Kroschel(33), 4. Mllhlbach-Maczinski(28). 5. Frankenstcin- Buschenhagen(25), 6. Kühl-Wette(21), 7. Behrendt-Longardt (11 Punkte). Zwei Runden zurück: 8. Dewolf-Koch(28), 9. Hahn-Tietz(17 Punkte). Drei Runden zurück: 19. Häusler-Vermeer(9 Punkte). Zurückgelegt wurden 12 4,599 Kilometer. Lohnöruck öurch jchwarze Liste«. Sächsische Textilinduftrielle auf de« KriegspfaL. Die Textilindustrie leidet an Facharbeitermangel. Die niedrigen Löhne verschärften die Zlbwonderung. der besten Arbeits- kräfle in andere Industriezweige. In der Wirkerei- und Stoff- Handschuhbranche ist auch eine starke Auswanderung zu verzeichnen. In der Kriegs- und Nachkriegszeit wurde die Anlernung des Nachwuchses vernachlässigt. Was tun nun die Industriellen, um den Facharbeiter zu beseitigen? Zahlen sie höhere Löhne, bieten sie eine bessere und geregelter� Arbeitszeit? Sie denken nicht daran. Mit Hilf« von schwarzen Listen wollen sie den Fach- arbeitermangel beheben. Der Arbeitgeberoerband der sächsischen Textilindustrie hat an seine Mitglieder dieser Tage zwei vertrauliche Rund- schreiben versandt. In dem einen wird die Durchführung eines„Solidaritätsabkommens" vom 31. März 1927 erörtert; in dem zweiten, datiert vom 14. Mai, wird über den Zweck der Verbands- abrede gegen die Freizügigkeit der Arbeiter zusammenfassend fol- gendes gesagt: „Es gilt... gegenüber dem derzeitigen umfangreichen Arbeits- wechfel schon heute Maßnahmen zu treffen, die geeignet sind, eine ruhige stetige Produktion der Betriebe zu sichern und den häufigen, meist mitLohnstreitigkeiten v e r b u n den en W e ch s el der Arbeits st ätte nach Möglichkeit zu unterbin- den. Dies auf dem Wege einer L o h nv e rei n b a r u n g zu suchen, wäre verfehlt; denn die Löhne sind im Tarif bereits geregelt, und es würde einen Widerspruch in sich bedeuten, wenn neben dem Tarif nochmals besondere Vereinbarungen getrosfen würden. Die versa nnnelten Firmen waren sich vielmehr dahin einig, daß allein der Abschluß eines Solidaritätsab- k o m m e n s zum Ziele führt. Sie haben sich deshalb verpflichtet: vorläufig bis zum 39. September 1927 keine Arbeiter und Arbeiterinnen einer der am Abkommen beteiligten Firmen einzustellen, bevor nicht der Arbeitgeber, bei dem der Arbeitnehmer vorher beschäftigt war, seine Zustimmung erteilt hat." Dies gilt, wie in dem ersten Rundschreiben über die Durch- führung des Abkommens hervorgehoben wird,„nicht nur für den Fall, daß der Arbeiter ohne Einhaltung der Kündigungsfrist, also unter Vertragsbruch, die alte Arbeitsstätte verlassen hat, sondern auch für den Fall ordnungsgemäßer Kündigung des Arbeitsverhältnisses. Gerade hierin liegt die besondere Bedeu- tung des Abkommens und es wäre nicht nötig gewesen, wenn man die ordnungsgemäße Kündigung von ihm unberührt lassen will. Es mag wohl für manchen Betrieb in einzelnen Fällen hart sein, nach diesem Verfahren zu handeln, doch läßt sich eine andere Mög- lichkeit eben nicht finden. Im Interesse einer im ganzen ruhigen wirtschaftlichen Entwicklung müssen kleinere Unannehmlichkeiten mit in Kauf genommen werden." Man will also die Freizügigkeit des Arbeiters, d. h. desien freie Entschließung, seine Arbeitskraft an einen ihm genehmen Unternehmer zu verkaufen, glatt unterbinden. Das saubere Ab- kommen der sächsischen Textilindustriellen ist nichts anderes als das System der schwarzen Listen in schlimm st er Form und verstößt gegen den Z 159 der Reichsverfassung. Die Textilarbeiterschaft wird sich zweifellos gegen diese Art moderner Sklaverei gnr Wehr za setze» wisse». Wen» die WS«« nehmer tüchtig« Facharbeiter haben wollen, dam, müssen sie sie eben entsprechend bezahlen und nicht die Mindestlöhne der Tarif- vertrage zu Höchstlöhnen machen wollen. Das Vorgehen der Unter- nehmer beweist, daß die Löhne in der Textilindustrie mit den tat- sächlichen wirtschafllichen Verhältnissen im Widerspruch stehen. Die Löhne sind zu niedrig; sie sind durch Zwangsschieds- spräche der Arbetterschaft aufgezwungen. Die Schlichter, vor allem die sächsischen Schlichter, die für die schlechten Löhne ver- antwortlich zu machen sind, sind längst darauf hingewiesen worden, daß die Löhne durch die Entwicklung überholt sind. Nun will man mit Hilfe von Zwangsmaßregeln die Aus- und Abwanderung der Facharbeiter verhindern. Dagegen werden sich die Textilarbeiter zu wehren wissen._ Englische und russische Hergarbeiter. Mit gleiche« Rechten«nd gleichen Pflichten. London. 3. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Am Donnerstag trat in London zum ersten Male seit Beendigung des großen Kampfes im britischen Kohlenbergbau eine Delegiertenkonferenz der Bergarbeiter zusammen. In einer einleitenden Rede be- tonte der Vorsitzende des Verbandes, Herbert Smith, daß die Lage im brittschen Bergbau sich seit Wiederaufnahme der Arbeit kritisch gestaltet habe. Dann wurde Bericht erstattet über die Pariser Sitzung der Exekutive der Bevgarbeiterinternationale und im Zusammen- hang damit Stellung genommen zum Rücktritt des internationalen Sekretärs Frank Hodges. Die Konferenz nahm ein« Eni- schließung an, in der sie den Rücktritt Hodges b t l l i gt und der vom britischen Vertreter in Paris eingenommenen Haltung ihre Zu- st i m m u n g gibt. Der Rücktritt Hodges tritt am 30. Juni in Kraft. Herbert Smith berichtete hierauf über die Beziehungen der russischen Bergarbeiterorganisationen zum eng- lischen Verband und betonte, die britischen Vertreter in der Internationale legten größten Wert darauf, daß die russischen Berg- arbeiter unter Anerkennung der Statuten und Be- dingungen der Internationale um ihre Aufnahme nachsuchen möchten; die Rusien würden dabei die volle Unter- stützung der britischen Bergarbeiter finden. cfttä � Kl*§ri| i M....... r iT � Kid 1>U»» Wk WVIUv«Uui ult znZStTnunDfTfCyintgCH uDCT ytr tuplymt OÖQ? NichtZweckmäßigkeit der Einbeziehung landwirtschaftlicher Art Arbeit« entschieden flrbeitslosenziffern aus öer Lanöwirtfchast. Die Forderung des Deutschen Landarbeit«-Verbandes auf Ein- beziehung der Landarbeiter in die Arbeitslosenversicherung gewinnt erneut durch Erhebungen an Bedeutung, die die ostpreußische Gau- leitung des Verbandes kürzlich bei den ostpreußischen Kreisarbeits- nachweisen durchgeführt hat. Die Erhebungen lassen erkennen, daß Ansang April 1927 bei 26 ostpreußischen Kreisarbeitsnachweisen 6395 arbeitslose landwirtschaftliche Arbeiter eingetragen waren. Am stärksten wirkt sich die Arbeitslosigkeit bei den Freiarbeitern aus. Von ihnen sind 4191 gemeldet gewesen. Ein großer Teil der arbeitslosen Landarbeiter hat sich nach einmütiger Bekrindung aller Verbandsangestellten bei den Kreisarbeitsnachweisen überhaupt nicht gemeldet. Es dürfte deshalb nicht zu hoch gegriffen fem, wenn man zu der gemeldeten Zahl von 6395 noch 29 Proz. oder rund 1299 hinzurechnet. Zu beachten wäre dann noch, daß aus zehn Kreisen der Provinz Angaben nicht zu erhalten waren. Angesichts solcher Angaben bedeutet es leeres Stroh dreschen, schaftlicher in die Arbeitslosenversicherung fortsetzen. Die Frage ist« zugunsten der Einbeziehung!_ Unterhaus und ftrbeitszeitabkommen. Die Arbeiterpartei gegen die Regierung.' London, 2. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Die Arbeiter? partei machte am Donnerstag im Unterhaus einen neuen Vorstoß wegen der immer weiteren Verzögerung der Ratifi- zierung des Washingtoner Zeitabkommens durch die Regierung. Der Redner der Arbeiterpartei erinnerte an die Feststellung des Direktors des Internationalen Arbeitsamt» in Genf. daß zehn Staaten einschließlich Großbritannien noch immer keine »rute zi zur Ratifikation unternommen hätten, und stellt« fest, daß diese Verzögerung in den übrigen Ländern hauptsächlich auf dos Schuldkonto der britischen Regierung falle, deren Haltung um so bedauerlicher sei, als 92 Proz. aller in Großbritannien beschäftigten Arbeiter bereit» weniger als 48 Stunden arbeiten. Konferenz mitteleuropäischer Metallarbeiter. Prag, 3. Juni.(WTB.) In Brünn fand eine Besprechung der Vertreter der beiden tschechoslowakischen, des österreichischen und des ungarischen Metallarbeiterverbandes statt, die sich mit der Lage der Aroeiterschaft in den mitteleuropäischen Metallbetrieben beschäftigte. Auf der Konserenz wurde einer Prager Korrespondenz zufolge fest- gestellt, daß infolge der internattonalen Kartellierungen ein be- trächtlicher Machlzuwachs der Unternehmerverbände eingetreten ist, und es wurde beschlossen, angesichts dieser Lage eine Konferenz der Vertrauensmänner der Arbeiterschaft der Schwer- industrie Mitteleuropas einzuberufen. Mit den Vor- bereitungen zur Konserenz wurde Nationalrat Domes bettaut. Verhandlungen im österreichischen Postkonflikt. Wien. 3, Juni.(TU.) Nach einer amtlichen Meldung wurden die Verhandlungen über die Forderungen der Post-, Telegraphen- llephonangestellten zwischen der Negierung und der Post- und Te gewerkschaft und r Technischen Union heute vormittag im Bundes- tanzleramt ausgenommen. Die Sitzung dauert fort. Auch die Ver- Handlungen mit dem Gewerkschaftsbund wurden vormittags begonnen._ Zur Lohnregelung bei der Meierei volle wird uns vom Deut- sehen Verkehrsbund mitgeteilt, daß die von uns veröffentlichte Notiz der BS.-Korrefpondenz einige Irrtümer enthält. Die Lohnerhöhung von 5 Pf. pro Stunde erhalten nicht nur die Arbeiter der Gruppen! bis III a, sondern der Gruppen I bis IV d einschließlich. Ebenfalls werden ab 1. Oktober die Löhne für alle Arbeiter in den Gruppen I bis Ill b einschließlich um weitere 2 Pf. und nur die der Frauen um 1 Pf. erhöht. Des weiteren wurde vereinbart, daß in eine Nachprüfung der Eingruppierung der Transportarbeiter mit schweren Aroeiten eingetreten werden soll, um diese Arbeiter von der Lohngruppe III b nach III a überzuführen. vrt»kart«ll, Berti» de»«llgemewe» freien«uae. ij« 12 Uhr, d!»«mschliebuch Di-»eschäftsftelte stelltenbvndes bleibt vom Eonnobend, dem 1 Juni, miUaz» Dienstag den 7. Juni geschlagen. Verantwortlich fitr Palitii: Victor Schill: Wirtschaft:». rNiagelhösec: uiftdrucke und ZZerlag-anstalt Paul Singer u Co.. Berlin EW I», Lindenstrahe Z. Hierzu t Beilage. [oDcordia-Pelatf, WMM 64 Vom 3. bis 6. Juni Harry Piel „Sein gröfster Mull" Ml-Mer, BaWraße 19 Vom 3. bis 6. Juni Hata Kail, die rote!äm Bciprojjrainin und Bühnenschau SaI>M>S!lel'W!Wle.gM.1k Vom 3. bis 6. Juni Der Harem von Buchara Beiprogramm und Bflhneuscha« Stener MMIllMtMM Das große Pliagstprogr. r. 3. bis i. Juni BusterKeaton m Der General ferner Charlie Chaplin ViktönHic!iiM!(Wß«:or Das große l'iingsiprogr. 7.3. big 6. Juni Douglas Fairbanks in DerSeeräuber ferner BQhnenschau._ panags llWlele. ne?;?M«- Das grolle Piingeiprogr. 7. 3. bis 6. Juni Der Sohn dar Hagar ferner 1000 Schritte Charieston Buhnenschau MOBILE LAS TeilzaMaiig 1 unter jänstigst.Za'iilunsstiil'ujongeD!! 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Vor wenigen Tagen erschien in unserem Blatt ein Aufruf zur Gründung eines gemischten Arbeiterchors. Dieser Wille, den geschichtlich wertvollsten, aller Jeit und aller besonderen Gesinnung enthobenen Chorwerten auch vor der arbeiten» den Well Gehör zu verschaffen, soll gerühmt, soll gepriesen sein. Endlich ein Männerchor, der diese Kulturaufgabe ohne jede Engherzigkeit anpackt und der auf die einsetzenden Nacken- schlage konservativerer Verbände einfach mit dem Erfolg, mit der Eindruckskraft des vollendeten Werks antworten will. Es ist das ein auherordentlicher Schritt in der �Kulturbewegung der Arbeiterschaft. Man wird gewiß mit kleinen Werken, mit idyllischen Ora- tonen beginnen: aber man wird einmal an den Prüfstein aller chorischen Ausdruckskunst gelangen, an Bach, an Beet- Hoven, an die Kantaten, an die Messen. Und dann wird sich zeigen, ob die absolut künstlerische Einstellung die Kraft hat, jeder tendenziösen Bewegung innerhalb der musikalischen Ar- beit ein Paroli zu bieten. Wir wollen es hoffen, wollen auch wünschen, daß der Schubert-Chor in der Wahl von Walter Sj ä n e l das Richtige getroffen und Hören st ein nur um- gangen hat. weil man diesen für eine großzügige Orchester- tätigkeit freigeben will. Daß er dazu reif ist, zeigt seine Ve- rufung zur Vorbereitung der Frankfurter internationalen Musikwoche. Die Gerechtigkeit hätte erfordert, daß der „Berltaer VoltsGor�, der doch in dem angegebenen Feld der Betätigung unter Ernst Zanders Leitung schon recht Beträchtliches geleistet hat, in dem Aufruf mit dem nöttgen Respekt der Verschwie- genheit entrissen worden wäre. Einerlei: versucht es nur, macht euch die Arbeit schwer, kämpft um Anerkennung, bereitet ein Werk, laßt Taten sprechen— und der neue gemischte Arbeiterchor sei willkommen. So leicht ist die Arbeit nicht. Ein Chor wächst nur inner- lich an einer Tradition, an einer intensiven Zusammenge- Hörigkeit mtt einem Führer. Rur durch jahrelanges Zusam- menspiel von Dirigent und Smgfttmmen ist eine Einheit an Ausdruck von Gedanken, Melodien, Stimmungen an Wucht des Baues, an Delikatesse des Klangs zu erzielen. Das wird oft verkannt, leider auch von denen, die glauben, etwas vom Handwerk zu verstehen. Und viele sind es ja nicht, die wirk- lich den fundamentalen Unterschied erkennen zwischen dem, was Feinarbeit im Detail zu einem Gesamteindruck von Eigenart und Prägung stempelt aus dem, was personeller Kult, Routine oder Reklame von vornherein über die Gefahr der Stillosigkeiten durch Reklame und Sensation hinweg- bringt. Der Chordirigent ist so zu seiner Berufung geboren wie der Orchestersührer, und ein Chorleiter, der das Orchester nicht beherrscht, ist ebenso unnütz wie«in berühmter Pult- virtuose, der sich von anderen ein Chorwerk einstudieren läßt, um dann selber ein Paradepferd zu reiten. Das ist genau so, als wenn man sich an ein Pianola mit einer eingelegten Walze setzt und dann so tut, als spiele man auf diesem In- strument wie ein Geübter, wie ein Gott. Dies ist aber die Methode, die man m der nächsten Berliner Konzertsaison wird bewundern, wird verabscheuen können. Es ist ja sehr bequem, sich einen Chor zusammenzustellen, wenn man für diese kleine Arbeit das nötige Kleingeld hat, oder einen wirt- schaftlich darbenden Ehor zu»mieten". Die wenigsten gemischten Chöre, die wenigsten Chorleiter ahnen, daß sie sich durch Duldung und Billigung derartiger Geschäftsmethoden in dem gleichen Augenblick ihr künstle- risches Grab bereiten, indem sie glauben, aus dem fianziellen Chaos sich freizuringen. Schuricht hat sich so einen— übrigens glänzenden— gemischten Chor frei zusammengestellt, Walter wird es tun, Furtwängler desgleichen. Es geht das unbestrittene Gerücht, daß jeder von ihnen in dem Gefühl, die Chorkultur Verlins sei auf den Hund, diese chorischc Kulturbewegung durch einige Demonstrationskonzerte retten wolle. Zu welcher Verkennung der tatsächlichen Ver- Hältnisse das führt, zu welcher Ueberschätzung der eigenen, unbestreitbaren artistischen Befähigung, wenn es sich um tief wurzelnde Stilprobleme handelt, das zeigte Kleiber mit den„Jahreszeiten", Walter mit dem.Samson", Furt- w ä n g l e r mit dem Brahmsschen„Requiem". Der Erfolg war sensationell in allen drei Fällen. Und alle drei werden, da sie wohl nie eine Choraufführung unter Ochs, Rädel, Schumann u. a. gehört haben, im Akkord erklären, es fei Zeit, endlich anständig« Chormusit in Berlin zu machen. Die wirtschaftliche 5)lot der gemischten Ehöre Berlins ist katastrophal, sie übersteigt riesenhaft die Not der jetzt sub- ventionierten Orchester. In ihrer Macht über ein sensations- gieriges Publikum werden die genannten genialen Orchesterführer mit ihren bezahlten Choren sehr schnell Zulauf haben. Der Erfolg? Die gemischten Chöre Berlins, die von ihrer Arbeit, nicht von der Sensation der Namen leben, können einpacken. Jede Warnung, auch wenn sie vom„Reichs- verband der gemischten Chöre" käme, wird verpuffen. Die Orchesterführer, die sich stets haushoch über dem Pack der Chorführer erhaben fühlten, werden den Dolchstoß gegen die Kollegenschaft zu führen wisien. Und keiner wird parieren können. Eine einzige Institution könnte durch reich« Sub- ventionierung der gemischten größeren und kleineren Chöre helfen: der Staat(vielleicht neben der Stadt Berlin). Denkt er daran? Nein, er unterstützt auswärtige Chöre. Bei aller Freude, die wir empfanden, als der berühmte Gürzenich- Chor aus Köln bei uns musizierte, muß gesagt werden: was hier an Unterstützung freigiebig und hochherzig gespendet wurde, hätte ausgereicht, uns in Berlin für zehn Konzerte großen Stils das Defizit zu decken. �Kultur der Debatte. Ä.ud) ein Dta�tDori jtun Parteitag. Bon Frledrlch Stampfer. Edgar Milhaud hat«inst in einem Buch über die deutsche Sozial- demotratie das Wort niedergeschrieben, die Sache der Kultur in allen ihren Arten sei die ihre. Für die Wahrheit dieses Wortes hat der Kieler Parteitag mit all seinen zahlreichen Nebentagungen von neuem Zeugnis abgelegt. Ueber sewen Verlauf, ganz besonders aber über Hilferdings Referat und die sich ihm anschließende Debatte, herrscht in weitesten Parteikreisen geradezu ein Gefühl der Beglückung. Dieses Gefühl ist nicht ausgelöst durch den Umstand, daß die eine oder die andere Meinung Siegerin geblieben ist, sondern durch den Gesamt- ein druck dieser Auseinandersetzung, die sachliche Schärfe mit persönlicher Vornehmheit verband. Mit Recht konnte Hilferding den Dank, den er in seinem Schlußwort den Debatterednern aussprach, besonders auch auf diejenigen ausdehnen, die ihm sachlich entgegen- getreten waren. Sie haben die Debatte bereichert und ihr jene« Spannungsmoment verliehen, das ausbleibt, wenn alles an dem- selben Strange zieht. Die Frage drängt sich auf:„Kann das nicht immer so sein?" Gerad« der Verlauf dieses Parteitags hat gezeigt, daß es nicht immer so ist: die Debatte über Hllserdings Referat und die über den Vorstandsbericht wirken wie Beispiel und Gegenbeispiel. Gerade weil die zweite Debatte den weniger angenehmen Eindruck der ersten völlig verwischte, kann von diesem in aller Ruhe gesprochen werden. Die zweite Debatte handelte von dem, worauf es ankommt, von den Zielen der Pattei und den Wegen, die sie zu ihnen ein- schlagen soll. Die erste handelte von allem möglichen und noch einigem dazu, und nahm, gerade weil die Konzenttation aus Haupt- sächliches fehlte, den Charakter gereizter persönlicher Auseinander- setzungen an. Daß man sich zum Schluß darüber stritt, was in einer Sitzung des preußischen Kabinetts am 30. November 1918 vor- gegangen war, wirkte beinahe komisch. Man sah, in welche Neben- gänge eine Debatte verlaufen kann, die dem Zufall preisgegeben ist. In der Debatte selbst traten einige Redner hervor, die glaubten, durch bewußte Uebertreibungen Eindruck auf den Parteitag machen zu können. Sie haben sich darin getäuscht. Uebertreiben soll man auch dann nicht, wenn es gegen den äußeren Gegner geht: eine Rede, die übertreibt, ist eine schlechte Agitationsrede. Schlechte Agitationsreden, die mit krassen Uebertreibungen arbeiten, sind aber die denkbar ungeeignetsten Waffen für den Meinungskampf innerhalb der Partei. Sie machen, wie sich gezeigt hat, keinen Eindruck auf die nächsten eigenen Freunde, bei den Angegriffenen aber rufen sie begreiflicherweise eine Stimmung der Gereiztheit her- vor, die der kameradschaftlichen Zusammenarbeit, wie sie doch schließ- lich alle wollen, schädlich ist. Zur Schaffung dieser gereizten Stimmung hatte auch eine Presse äußerung wesenttich beigetragep. In einem sächsischen Parteiblatt war ein kurzer, wahrheitsgemäßer Bericht, der den Empfang des Parteivorstandes bei seiner Ankunft in Kiel schilderte, als„überschwenglich" bezeichnet worden. Man hätte diese offenbare Entgleisung sicher nicht so ttagisch genommen, wenn nicht dieses Parteiblatt schon öfter einen Ton angeschlagen hätte, der von der Gegenseite als gehässig empfunden wurde. Der Erfolg war, daß fast der ganze Parttitag in stürmischen Beifall ausbrach, als der Vorsitzende, Genosse Wels, das Blatt mit einem kräftigen„Pfui Teufel!" zu Boden warf. Eine solche Demon- stratton des Parteivorsttzenden und des Parteitags gegen ein Blatt der eigenen Partei ist sicherlich etwas sehr Bedauerliches— aber diese Entladung war eben der Ausdruck einer lang ausgespeicherten und psychologisch begreiflichen Mißstimmung über die Art der Polemik, wie sie bisher in einem kleinen Teil der Parleipress« getrieben wurde. Nach all dem Unerfreulichen kam dann die Debatte über Hilferdings R«s«rat, die an einem Musterbeispiel zeigte, daß es auch anders geht, wenn man nur will. Was am Anfang gesündigt worden war, wurde hier doppelt und dreifach wiedergutgemacht. Es waren von beiden Seiten die besten Köpfe, die heroorttaten, Männer und Frauen, die verstehen, durch Kraft der Argumente und Geschick- lichkeit des Ausdrucks zu wirken und die darum auf grob« rhetorische Effekte verzichten können, die andere noch nicht entbehren gelernt haben. Die Art, wie wir unsere Debatten führen, ist eine Frage des Kulturinhalts unserer Bewegung, sie ist eine Erziehungs- frag«. Das abschreckende Beispiel der Kommunisten steht uns vor Augen. Gewiß— von den schlimmsten Ausschreitungen unserer Parteipolemik bis zur polternden Unfähigkeit derer um Thälmann ist ein weiter Weg. Es sollen also keine Parallelen ge- zogen werden. Ich meine nur, daß der Fall der Kommunisten geeignet ist, uns bis zum Kern des Problems zu führen. Was ist das Verhalten der Kommunisten anders als ein fortgesetzter Versuch, die Kraftlosigkeit des Geistes hinter einer Fülle von Kraftworten zu verstecken? Bielleicht meint mancher von ihnen, er ttage durch mög- lichste Unkultur seiner Ausdrucksrveise den seelffchen Bedürfnissen der Arbeiter Rechnung. Aber das ist ein grober Irrtum. Die Arbeiter- schaft, zu der einst L a s s a l l e sprach, ausgerüstet mit der ganzen Bildung seines Jahrhunderts, stand kulturell tiefer als die von heut« — und doch Hot Lassalle einen ganz anderen Eindruck auf sie ge- macht, als das irgendeinem oberflächlichen Schimpfbold gelungen wäre. Die Arbeiterschaft von heute, die ihre Klassiker kennt und Beethovenkonzette besucht, hat an gedankenarmen Schimpforgien ganz gewiß keine Freude. Bor Jahrzehnten hat es in Deutschland einmal eine Gesell- schaft für ethische Kultur gegeben, die sich die Aufgabe stellte, den Streit der Parteien von Ausschreitungen zu befreien und ihn auf ein höheres Niveau zu heben. Am meisten Verständnis fand diese Gesellschaft, der Männer wie Egidy, Gyzicki und Frauen wie Lili Braun angehörten, bei der Sozialdemokratie. „Führt eure Kämpfe sachlich!" lautet die Mahnung des Parteivor- standes— Bebels und Singers— vor allen Wahlkämpfen. Die Gesellschaft freilich verschwand, sie wurde aufgerieben zwischen den Mühlsteinen der Klassengegensätze. Wo große Gegensätze um die Entscheidung ringen, ist eine kraftvolle Sprache sicher die beste. Auf einen groben Klotz ein grc>b«r Keil oder aus einen Schelmen anderthalbe— das gilt da noch immer! Rur muß die Stärke des Ausdrucks der Bedeutung der Sache entsprechen. Bon der ruhigen Sachlichkeit über die höfliche Ironie und den schneidenden Sarkasmus bis zum Kraft- wort, das d uuiptalifches Neuland gilt«s im Sinne des Soziallsmus zu gestalten. � 6üfMft$'Jtnsdger � (Bezirk$üden~Weften. | Gro§- Destillation zum mM M Wilhelm Relmann[33| Kottbuscr Damm 21 Berliner Ratskeller Königstr. 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