flbenöausgabe Nr. 315 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 155 Bezugsbedingungen und Anzeigenvreik sind in der Morgenausgob« angegeben Nedaktton: sw. SS. cind-nstrab- 3 Aarnsprecher- VSnhofs 292~ 202 Tel.- Adresse! Sozialdemotral Verls» Derlinev VolKsvlatt �entralorgan der Sozialdemokratifcben Partei Deutfchlands (lO Pfennig) Mittwoch 6. Juli 1927 «erlag und«nieigenadletlna», Seschäftszeit dt, s Uhr Verleger: vorwar«». Verlag GmbH. Verl!» SV». SS, Lindenstratze 3 Zernsprecher: vöohoss 292— 292 Militärijche Techtelmechtel. Reichswehroffiziere bei englifchen Manövern.— Italiens Luftfahrtchef in Berlin« r a r i S. K. Juli.(Eigener Drahibericht.) Das„Echo de Paris" teilt mit: Beim Kriegsminister Painleve ist ein Bericht des sranzö- fischen Militärattaches in London eingetroffen, aus dem hervorgeht, daß 14 deutsche Ossiziere gegenwärtig aus eine Einladung des englischen Kriegsministeriums hin den englischen Flugzeug- Manövern in henley beiwohnten. Bon diesen 14 Offizieren hätten. ö im Lause des Krieges als Flieger gedient. Das Blatt protestiert gegen diese Durchbrechung des Artikels 173 des Bersailler Friedensvertrages, der der Reichsregierung untersagt, irgendeine Mililärmission nach dem Auslande zu schicken. Dieser Paragraph sei schon durchbrochen worden, als die albanische Angelegenheit durch die Schaffung einer deutsch-sranzösisch-englischen Kontrolle geregelt werden sollte. Damals habe bereits das englische Auswärtige Amt mitgeteilt, dah seiner Ansicht nach Deutschland volle Freiheit habe, Militärattaches zu ernennen. 4- Die Mitteilung, daß Reichswehroffiziere an den jährlichen englischen Flugmanövern teilgenommen haben, trifft zu. Es ist das das erstemal der Fall. Es handelt sich dabei nicht, wie das französische Nationalistenblatt behauptet, um eine ständige Mission, das heißt um die Entsendung einer Delegation zu einer fremden Armee, wie sie auch heute noch gerade Frankreich vielfach in militärverbündeten Staaten unterhält. Es handelt sich nur um eine Besichtigungsreise. Die Reichswehr knüpft mit dem englischen Militär offensicht- lich ähnlich intime Beziehungen an, wie sie mit dem Militär der Sowjetarmee bereits feit langen Iahren bestehen. So hat das französische Rechtsblatt unrecht, wenn es den Bersailler Vertrag anzieht, um Deutschland etwas anzu- kreiden, was es selbst in zehnfach stärkerem Maße tut. Dennoch bleibt der Besuch der Reichswehrosfiziere eine poli- tische Torheit. Er verschlechtert die deutsch-französische Stim- mung, gibt den Nationalisten jenseits des Rheins nur wieder neue Vorwände, um„Wachsamkeit" gegen Deutschland zu fordern, um sc schärfer auf die Erledigung der Rest- bagatellen der Entwaffnung zu bestehen, und um damit auch nur eine Verminderung der Besatzungstruppcn zu hinter- treiben. Zugleich spielt die deutsche Reaktion dem englischen Militär in die Hände. Der„Lokal-Anzeiger" bericbtet über englisches Erstaunen über Berlins Zurückhaltung" in der Frage der Militärattaches. Er greift das Auswärtige Amt an, weil es an die Ernennung von Militärattaches nicht heranwolle Berlin weiche dem Druck der Linksparteien, wenn es mit Ausreden den englischen Vorschlag ablehne. Da steht Ungarn doch ganz anders da:„Es hat die dargebotene Gelegenheit erfaßt, indem es den Prinzen Hohenlohe nach London entsandte." Ungarns Ruhm läßt die deutschen Spießer nicht schlafen. Nimmer mögen sie es dulden, daß ein Ungar prinzlichen Ge- blütes den Engländern zeigt, was Raffe ist. Wozu regieren sie in der deutschen Republik denn mit, wenn nicht bald ein deutscher Hohenlohe der englischen Militäraristokratie zeigen darf, daß unter schlichten Reichswehruniformen adliges Blut rinnt. Mögen die zivilen Schwächlinge der Wilhelmstraße außenpolitisch Bedenken auf Bedenken häufen, wer t e u t s ch fühlt, will seinen Prinzen in London haben. Die Verzichts- Politik ist freilich in die Reihen der Rechten schon tief einge- fressen. Ein Teil von ihr will zu ihren geheimsten Wünschen sich nicht bekennen. Im voraus schiebt es die Schuld, wenns schief geht und die Sache dumme Konsequenzen hat, auf London ab. Aber mit Rücksicht auf ihre Spießer können sie nicht Front gegen diese törichten militärischen Techtelmechtel machen. So geht eine Schar Reichswehroffiziere nach Henley, um sich Manöver von Militärflugzeugen anzusehen, die die Reichs- wehr nicht bauen und nicht haben darf: eine Würdelosigkeit, die unbegreiflich wäre, wenn dahinter nicht der Wunsch stände, sie wiederzubekommen. So merken sie auch nicht, welches Spiel man in London mit ihnen spielt. Man tätschelt sie dort freundlich— und zugleich hetzt man den französischen Spießer, gegen den deutschen laut zu bellen. Zugleich mit den Versuchen, mit deutschen Militärs anzubändeln, beginnt in London eine Presseoffensive gegen die Sowjetregierung. Der„Daily Telegraph" erklärt, die Sowjetregierung sei„für eine Gegenrevolution sturmreif". Ihre finanziellen und innerpolitischen Schwierigkeiten nähmen derart zu, daß man mit ihrem Falle rechnen könne. Diese Kampagne richtet sich zugleich gegen Chamberlain, der in Genf erklärte, daß„kein europäischer Staatsmann sich von der Vorstellung leiten lasse, dah die Sowjetregierung gestürzt werden könnte". Daß zugleich mit den englischen Militärs auch die italie- nischen sich mit allerhand Plänen tragen, ging schon aus der Zustimmung Italiens zu den Militärattaches hervor. Daß ihre Pläne sich insbesondere auf Flugzeuge richten, geht daraus hervor, daß B a l b o. der Chef des italienischen Flugzeug- wesens, ebenfalls in England war. Er kehrt über Deutsch- l a n d nach Italien zurück. Heute trifft er auf dem Tempel- hofer Feld ein. So kommt eine Zusammenarbeit von eng- lischen, italienischen und deutschen Militärs, insbesondere von Fliegeroffizieren, in Gang. Diese Zusammenarbeit hat keine unmittelbaren politischen Konsequenzen. Dennoch hat sie einen Umfang angenommen, der den verantwortlichen Poli- tikern nicht nur Aufmerksamkeit zur Pflicht macht. Sie dürfen es nicht zulassen, daß diese Anfänge der Zusammenarbeit zwischen den Militärs dreier Mächte diese Mächte selbst in eine engere Verbindung bringen. Es darf weder eine Einheitsfront gegen die Sowjetunion geben, noch dürfen die deutsch-französischen Beziehungen belastet werden. Das entwaffnete Deutschland muß sich von allen militä- rischen Kombinationen und Spekulationen sorgfältig fern- halten. Es wird sonst zum Spielball stärkerer Mächte. Die deutsche Außenpolitik darf nicht länger tatenlos zusehen. Sie muß sich aktiv gegen die Pläne des Militarismus wehren. Läßt sie sich wie bisher schwächlich mit hineinziehen, so würde sie mitschuldig an der Schädigung der deutschen Inter- essen und des europäischen Friedens. ZolZschöhung unö hanöelspolitit. Schiele begründet die Wncherzölle im Ansschutz.- Unklare Haltung des Zentrums. Unter großer Beteiligung von Abgeordneten und Regierungs- Vertretern begann am Mittwochvormittag die Beratung der Zoll- vorläge der Reichsregierung im Handelspolitischen Aus- schuß des Reichstages. Die Vorlage der Reichsregierung enthält neben der Verlängerung des autonomen Zolltarifes bis zum Jahre 1929 die Erhöhung des Kartoffelzolls, des Zuckerzolls, des Zolls auf<5 ch w e i n e f I e! s ch. während eine besondere Vorlage eine Ermäßigung der Zucker- st e i! c r vorsieM. Die Sozialdemokratie hat den Antrag gestellt, die erhöhten Zolle auf Zucker, Schweinefleisch und Kartoffeln a b- z u l e h n e n. Sie tritt serner ein für die Zollfrciheit der Futtermittel, wodurch den Kleinbauern viel mehr gedient wäre als durch die Erhöhung des Schweinefleischzolles. Sie ver- langt ferner die Ermäßigung des Mehlzolles auf 1959 M., die zollfreie Einfuhr von Gefrierfleisch resp. die Er- HöH'Mg des Kontingents von 129 999 auf 149 999 Tonnen jährlich. Außerdem verlangt sie die völlige Beseitigung der Zucker st euer. Die Generalaussprache beginnt mit einer eineinviertelstündigen Obstruktionsrede des Kommunisten hörnlc. Ihm antwortet der Relchslandwirtschastsminister Schiele. Aehnlich wie in seiner Rede im Plenum des Reichstages behauptet er auch jetzt, daß u n- günstige Wirkungen der Zollcrhöhungcn für die Verbraucher in keiner Weife in Aussicht stehen. Der erhöhte autonome Satz des Mehlzolles werde keine Auswirkung auf den Brotpreis haben, zumal die Regierung alles tun werde, um bei der ersten Gelegenheit zu einem ermäßigten Vertragssatz zu kommen. Die Erhöhung des K a r t o f f e l z o l l e s habe nur für die Teile des deuffchen Ostens Bedeutung, wo dl« ausländische Kon- kurrenz in Uebermacht sei. Der erhöhte Schweinefleischzoll diene der Sicherung des inländischen Verbrauchs durch die ein- heimische Erzeugung. Dieses Ziel sei zu erreichen, obwohl der Ver- brauch an Fleisch im Jahre 1927 den Friedensvcrbrauch des Jahres 1913 nahezu erreicht. Das zollfreie Einfuhrkontingent für Gestier- fleisch solle bleiben. Von den Regierungsparteien ergreift als erster der Zentrums- abgeordnete Lämmer» das Wort. Er weist die Angriffe des Genossen Hilferding zurück, das Zentrum habe fein Versprechen vom Jahre 192S gebrochen. Man habe nur zugesagt, die ermäßigten Zollsätze in den nächsten zwei Jahren nicht zu erhöhen. Diese zwei Jahre seien abgelaufen. Infolgedessen habe sich das Zentrum der neuen handelspolitischen Situation gegenüber in voller Freiheit befunden. Bei den nächsten Ausffihrungen von Lammers, die sich mit der gesamten handelspolitischen Situation Deutschlands befaßten, kommt es bei einer unpassenden P o l em i k von Lammers gegen die Sozialdemokratie zu heftigen Unterbrechungen Eingangs seiner allgemeinen Betrachtungen gibt Lammers zu, daß der Zeitpunkt der Zollerhöhungen von der Reichsregierung nicht „übermäßig g lü ck l i ch" gewählt sei. Man hätte mit dieser Borlage ruhig wartet« können, zumal einige Bestimmungen später erst in Kraft treten. Auch hätte die Prüfung des Abbaues der Industrie- zölle bereits beendet sein müssen. Er habe d!« Besorgnis, daß Deuffchlands Handelspolitik gegen- über dem Auslande in ein falsches Bild gerückt werde. Bei dem Verhältnis von Agrarzöllen zu den Industriezöllen dürfe man nicht schematisch auf die Fricdensbasis zurückgehen. Es sei sehr Zweifel- hast, ob das damalige Verhältnis richtig gewesen und heute noch aufrechtzuerhalten sei. Trotz allem kommt aber Lammers zu dem Ergebnis, dah die deutsche Handelspolitik sich in erster Linie davon leiten lassen müsse, was wir für unsere eigene Situation für richtig halten, womit er trotz seines theoretischen Bekenntnisses zur Welt- wirtschaftskonferenz zu einer Rechtfertigung derZollvor- läge der Regierung kam. Die Weiterberatung erfolgt am Donnerstag, Koalitionsrecht unö Strafgesetz. �»hangeln im neue» Strafrechtsentwurf. Bon Siegfried Weinberg. Schon seit den Zeiten der seligen Reichszunftordnung vom Jahre 1731, die das Streiken mit dem Tode bedrohte, galt in Deutschland das Strafrecht als die schneidigste Waffe im Kampfe gegen die Emanzipations- bestrebungen der Arbeiterschaft und namentlich gegen die Ausübung des Koalitionsrechts, das ja das Hauptkampf- mittel der klassenbewußten Arbeiterschaft ist. Von welchen Gedankengängen die Gegner der Arbeiterschaft hierbei aus- gegangen sind, zeigt das bekannte Wort des preußischen Ministers v. Puttkamer, wonach„hinter jedem Streik die Hydra der Revolution" lauere. Wenn es schließlich auch nicht mehr möglich war, den Arbeitern im 19. Jahrhundert das Koalitionsrecht vorzuenthalten, so verstand man doch, die Ausübung dieses Rechtes mit so viel strafrechtlichen Fall- stricken zu umgeben, daß unser Genosse PaulSingermit Recht im Reichstag davon reden konnte, daß die deutschen Arbeiter das„Koalitionsrecht mit dem Galgen daneben" hätten. Den gleichen Gedanken drückte Prof. Lujo Brentano aus, wenn er feststellt,„die deutschen Arbeiter haben zwar das Koalitionsrecht, sie werden jedoch bestraft, wenn sie davon Gebrauch machen". Bei dieser Sachlage ist es selbstverständlich, daß die deutsche Arbeiterschaft, wenn sie an die Prüfung des n e u e n Strafgesetzentwurfe herantritt, als eine der ersten Fragen zu prüfen hat, inwieweit er geeignet ist, das Koalitions- recht der Arbeiterschaft einzuengen. Der Prüfung dieser Frage seien die folgenden Zeilen gewidmet. Das infamste Kampfmittel gegen ehrenwerte für die Verbesserung ihrer Lage kämpfende Arbeiter war unter dem bisher geltenden Strafrecht der Erpresfungspara- g r a p h. Der gesunde Instinkt der Bevölkerung ivendet sich mit Recht gegen jene unsauberen Gesellen, die ihr schmutziges Erpresserhandwerk betreiben. Jede Verurteilung aus dem Erpressungsparagraphen wurde als infamierend angesehen. Dies wurde anders, seitdem im Jahre 1887 erstmalig ein ehrenwerter Arbeiter wegen Streikandrohung zum Erpresser gestempelt wurde und seitdem sich der- artige Fälle unter Billigung des Reichsgerichts ungezählte Male wiederholt haben, so daß ein Gewerkschaftsführer sich mit Recht darüber beklagen konnte, daß er infolge des Er- presfungsparagraphen bei jeder Verhandlung mit Arbeit- gebern immer mit einem Fuße im Gefängnis stehe. Der Entwurf des neuen Strafgesetzes regelt in§ 339 den Tatbestand der Erpressung, und es soll nicht verkannt werden, daß die Verfasser des Entwurfs offenbar bemüht waren, diesem Paragraphen eine solche Fassung zu geben, daß er auf ehrenwerte, ihr Koalitionsrecht ausübende Ar- bester und ihre Vertreter keine Anwendung finden kann. Als ziemlich belanglos will es mir freilich erscheinen, daß in Zukunft die erpresserische Absicht auf eine„unrecht- mäßige Bereichung" und nicht, wie bisher, auf einen„un- rechtmäßigen Vermögensvorteil" gerichtet sein muß. Bei der gegenwärtigen Denkart unseres Richterstandes würde sich die Praxis sicherlich über die Ausführungen in der amt- lichen Begründung, wonach derjenige, der für seine Arbeit den nach seiner Auffassung angemessenen Lohn fordert, nicht in der Absicht unrechtmäßiger Bereicherung handelt, leicht hinwegsetzen. Auch die Einschränkung, daß die Nötigung zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung in Zukunft nur dann, wenn sie für das Vermögen des Genötigten oder eines Dritten nachteilig ist, die Strafbarkeit wegen Er- Pressung begründen soll, bietet keinen Schutz, da unseren Rich- tern sicherlich die Feststellung, daß die von den Arbeit- nehmern erstrebten Löhne für das Vermögen des Arbeit- gebers nachteilig sind, keine Schwierigkeiten bereiten würde. Von viel größerem Werte ist es jedoch, daß nach dem Entwurf eine Drohung nur dann den Tatbestand der Erpressung verwirklichen kann, wenn sie eine„gefährliche" ist, d. h. wenn mit Gewalt, mit einem Verbrechen oder Ver- gehen, mit einer Strafanzeige oder mit der Offenbarung einer Tatsache, die geeignet ist, den Ruf zu gefährden, gedroht wird. Immerhin würde es auch hiernach für die Ver- urteilung wegen Erpressung genügen, wenn in einem Arbeitskampfe mit der Erstattung einer Strafanzeige gegen Ver- stoßes gegen Arbeiterschutzbestimmungen oder mit der Ver- öffentlichung, daß der bekämpfte Arbeitgeber Hungerlöhne zahlt, gedroht wird. Ein weiteres Kampfmittel gegen im Arbeitskampf stehende Arbeitnehmer und ihre gewerkschaftlichen Vertreter war nach dem geltenden Recht der von der öffentlichen Auf- forderung zum Ungehorsam gegen Gesetze handelnde Z 119 des Strafgesetzbuchs. Wenn aus einer Aeußerung mit Recht oder Unrecht entnommen wurde, daß die Arbeiter aufgefordert werden sollten, ihre Arbeit unter Außerachtlassung der bestehenden Kündigungsfrist niederzu- legen, so wurde unter Führung des Reichsgerichts ein Ver- gehen gegen§ 110 angenommen, da durch ein derartiges Verhalten gleichzeitig die Autorität des Gesetzes mißachtet werde. Die ursprüngliche Reichstagsvorlage hatte diese Strafbestimmung dahin eingeschränkt, daß in Zukunft die Strafbarkeit nur dann eintreten sollte, wenn bei dem Täter die Absicht festgestellt wird, ein Gesetz oder eine Verord- nung wirkungslos zu machen. Eigentümlicherweise ist nun � diese Einschränkung in Z 169 der jetzigen Reichstagsvorlage i wieder bejeitigt, jo daß einer Lvrtieduna der bisberiaen arbeiterfeindlichen Praxis nichts im Wege steht. Daß in dem Entwurf von„Auflehnung" gegen ein Gesetz die Rede ist, während unser geltendes Recht von einem„Ungehorsam" gegen ein Gefetz spricht, macht natürlich in der Praxis keinen Unterschied, zumal in der Begründung der Reichstagsvor- läge ausdrücklich hervorgehoben ist, daß es gleichgültig sei, ob die Absicht des Täters gerade dahin geht, ein Gesetz oder eine Verordnung wirkungslos zu machen, oder ob der Täter andere Ziele(also beispielsweise Besserung von Arbeits- bedingungen!) verfolgt. Als ein Fortschritt ist es zu begrüßen, daß der gleichfalls im Kampf gegen die ihr Koalitionsrecht ausübende Arbeiter- schaft oft angewandte 8 130 des geltenden Strafgesetzbuchs, der von der Anreizung zum Klassenhaß handelt, im Entwurf gestrichen ist. Wohl das am häufigsten gegen kämpfende Arbeiter an- gewandte strafrechtliche Mittel war nach dem geltenden Recht der berüchtigte„G r o b e- U n f u g- P a r a g r a p h", der namentlich dazu diente, Streikposten zu drangsalieren. Wenn iin 8 303 Ziffer 1 des Entwurfs an Stelle der bisherigen Strafbestimmungen gegen groben Unfug eine Strafdrohung gegen Personen gesetzt wird, die„durch ungebührliches Ver- halten die Allgemeinheit belästigen oder beunruhigen", so will mir dies gehupft wie gesprungen erscheinen. Der Rich- ter, der das Streikpostenstehen als groben Unfug ansieht, wird darin auch eine Belästigung oder Beunruhigung des Publikums durch ungebührliches Verhalten erblicken. Soweit bei den bisher erörterten Strafbestimmungen Fortschritte gegenüber dem geltenden Rechte festzustellen waren, werden diese mehr als wettgemacht durch eine heim- tückische Bestimmung, die in letzter Stunde in die Vorlage eingefügt ist, und die einem völligen Streikverbot in lebenswichtigen Betrieben gleichkommt. Be- reits in der Reichsratsvorlage war eine Strafbestimmung gegen Sabotageakte in lebenswichtigen Betrieben ent- halten, die jedoch das Streikrecht unangetastet ließ. Jetzt ist nun in§ 238 der Reichstagsvorlage diese Strafandrohung dahin erweitert, daß jeder Streik in derartigen Betrieben zu einer strafbaren Handlung wird. Nach Sj 238 soll nämlich in Zukunft jeder mit G e- f ü n g n i s bestraft werden, der den Betrieb einer dem öffentlichen Verkehr dienenden Eisenbahn, Straßenbahn, Schwebebahn, Kraftfahrlinie, Schiffahrts- oder Luftfahrts- Unternehmung, eines Schiffs- oder Flughafens, der Post, eines zur öffentlichen Versorgung mit Wasier, Licht, Wärme oder Kraft dienenden Werkes usw. dadurch verhindert oder stört, daß er Bestandteile oder Zubehör beschädigt, zerstört, beseitigt, verändert oder außer Tätigkeit setzt. Auch der bloße V e r s u ch soll strafbar sein, und es soll in besonders schweren Fällen sogar auf Zuchthaus bis zu 5 Iah- r e n erkannt werden. Die Strafandrohung gegen das bloße Außer-Tätigkeit-Setzen ist im Reichsrat neu eingefügt. Als ein geradezu arglistiges Verhalten muß es bezeichnet werden, daß die Tragweite dieser neuen Strafandrohung in der aintlichen Begründung dadurch verschleiert wird, daß der Anschein erweckt wird, als ob auch diese neue Straf- bestimmung sich nur gegen Sabotageakte richtet. In Wirk- lichkeit kann es keinem Zweifel unterliegen, daß der vor- geschlagene§ 238 durch die vom Reichsrat beliebte Einschal- tung jeden Streik in Verkehrsbetrieben, Kraft- und Wasser- werken usw. unmöglich machen würde. Es liegt im Wesen eines jeden Streiks, daß durch ihn Bestandteile oder Zu- behör des Betriebs„außer Tätigkeit gesetzt" werden, oder daß wenigstens der Versuch hierzu gemacht wird. Der§ 238 des Entwurfs besagt also mit anderen Worten, daß in Zu- kunft jeder Streik in den angeführten Betrieben mit Ge° fängnis oder mit Zuchthaus'bis zu 5 Jahren bestraft wird. Wir kommen also zu dem Resultat, daß der Strafgesetz- entwurf die Galgen, die nach dem Worte Paul Singers neben dem Koalitionsrecht aufgerichtet sind, nur unzureichend beseitigt, daß er dagegen das bisher unangetastete Streikrecht von weit mehr als einer Million von Arbeitern aufhebt. Awifthen Rhein und Maas. Von Ivh. Kretzen. „E i f« l"—.�iohesDenn"— aus frohen Landstreichertagen der Jugend Kingen die Worte herüber. Aus jenen Jahren, als mit der Organisation der arbeitenden Jugend vor zwei Jahrzehnten die Heimat m immer weiteren Kreisen sich proletarischem Wandersinn erschloß. Als die Wälder und kahlen Höhen, die Täler und Krater- scen zwischen Rhein und Maas, die Welt der„rauhen Eifel" und des„unwirtlichen Hohen Venn", unserer Sehnsucht„in die Ferne" die nächsten Ziele waren. Als wir halfen, diese Welt für die arbeitenden Menschen beiderseits des Mittel- und Niederrheins zu entdecken. Als wir Wanderscharen der Arbeiterjugend hinübersührten zu ersten internationalen Zusammenkünften der sozialistischen Jugend jenseits des Hohen Venn in Belgien. Frohe Wandertag« bei Sonnenschein und Regen! Verträumte Stunden an den Ufern der Eifel-Maare. Stunden voll hoher Stimmung im himmelan getürmten Walddom des Kermeter. Planschen in den kaffeebraunen Moorwässern des Hohen Venn, an dessen Stcilabfällen bei Montjoie und Malmedy. Sang voll Jugend» niut und Lebensfreude im Windesbrausen auf den Höhen. Wander- idylle in den Tälern bei gemausten Kartoffeln und dito Aepfeln. Wahrhaftig, wir haben sie lieben gelernt und andere lieben gelehrt, die Berg« zwischen Rhein und Maas. Wie viele Industrie- Proletarier der Städte gedenken heute froh der vom Nachtigallensang erfüllten Nächte etwa in den Tälern bei Heimbachl Oder der Be- kanntschast mit dem seltenen heimischen Naturwunder, dem färben- frohen Eisvogel in den Revieren der Urft-Talsperre. Oder des imposanten Riesen mitteleuropäischer Großwälder, des Rothirsches, der ihnen wohl auf der belgischen Seite des Hohen Venn, im Hertogenwald, mal über den Weg lief. » Aber wir waren ja Proletarierjugend! Die Nöte daheim ließen uns auch die Nöte da draußen sehen. Wir sahen— und je klarer, je älter wir wurden— das Elend dieser Eifel- und Venn-Bevölterung. Notleidende Ländler auch bei kleinem Eigenbesitz, wie wir notleidende Städter waren. Was denn anders als die Not trieb die Menschen stundenweite Wege tagein, tagaus für kärglichsten Lohn etwa in die Bleigruben von Mechernich, in die Textilbetriebe von Montjoie, Malmedy, Eupen, in der Gegend von Düren, oder in die Gerbereien und Papier» sabriken! Was anderes als die Not auch jagte Kinder und Frauen und arbeitslose Männer mit Eimern und Kannen hinaus zur Beerensuche! So reich ist ja die Eifelwelt an Beeren jeder Art— Erdbeeren, Waldbeeren, Heidelbeeren, Himbeeren, Brom- beeaan.... Wie oft uns zum köstlichen Schmaus. Und zum Schmaus.... Den Armen der Eifel als B r o t. x,, Beim Veerenjammelv verwerten die Armen der Eiset Deutsthnationale Koalitionspolitik. Sorgen im Zentrum. Wie wenig regierungsfähig der Besitz- b ü r g e r b l o ck ist, das hat sich in letzter Zeit bei den ver- schiedensten Anlässen gezeigt. Mit Recht fragt daher das demokratische Zentrumsorgan„W est deutsches Volks- b l a t t", ob die Zusammenarbeit von Koalitionsparteien mit so weit auseinanderklaffenden politischen Grundanschauungen auf die Dauer ertragen werden kann: Die bei der Bildung dieser Regierung ausgestellten Richtlinien wollten eine klare und unbestreitbare politische Linie angeben. Daß man einem solch gewagten Experiment mit berech- tigtem Mißtrauen gegenübersteht, ist natürlich. Das Mißtrauen wird durch politische Ereignisse der letzten Zeit eher bestärkt als gemildert. Die Deutschnationalen sitzen in der Regierung: sie sind für die Handlungen dieser Regierung voll verantwortlich. Wenn dem so ist, wie ist es mit politischem Reinlichkeilsgesühl zu vereinbaren, daß dieselbe Deutschnalionale Partei draußen im Land noch immer eine scharfe Agitation gegen die Verständigungspolitik cntsaltek. Dieses Doppelspiel ist eine schwere Belastung der Koalitionspolitik, die sich als unerträglich erweisen kann.... Auch die Deutsche Volkspartei bereitet die Oeffentlichkeit auf Seitensprünge vor, die nicht in den Rahmen der Koalitionspolitik hineinpassen. Die Opposition gegen das Reichsschulgesetz wächst in den liberalen Kreisen: sie ist schon nicht mehr mit der Regierungserklärung zu vereinbaren, die ein Reichsschulgesetz auf Grund und im Sinne der Verfassung an- kündigte.... Es kommt nicht um jeden Preis darauf an, daß diese Regierung bestehen bleibt: es kommt aber wohl daraus an, daß die politische Richtung in keiner Weise ver- bogen wird. Das ist eine deutliche Sprache. Sie zeigt, daß innerhalb des Zentrums die Verstimmung über die doppelzüngige und jeder politischen Reinlichkeit bare Politik der Deutsch- nationalen i m W a ch s e n ist. Nur muß man bezweifeln, daß die Deutschnationalen sich von ihren bewährten politischen Methoden durch zartes Zureden abbringen lassen werden. �ammerftein über Steglitz. Teutschnationale Unverfrorenheiten. Im Preußischen Landtage haben die Deutschnationalen den Mut besessen, den SchülermordundSelbstmord von Steglitz zum Gegenstand einer„großen Anfrage" zu machen, in der es heuchlerisch heißt: Die vielen Schülermorde und Selbstmorde und die täglich vor- kommenden Sexualverbrechen werden durch den Fall Steglitz blitzartig beleuchtet. Niemand wird leugnen können, daß alle diese Lorkommmss« im Zusammenhang mit den Irrwegen der heutigen Pädagogik wie mit dem Kampf gegen die Religion stehen. Die völlige Verkennung der Bedeutung des Christentums für die Erhaltung der sittlichen Gesundheit unseres Volkes führt zur Auflösung aller sittlichen Bindungen und macht die Erziehung zu charakter- festen Menschen fast unmöglich. Erkennt das Staatsministerium den Zusammenhang, der zwischen der Abkehr unseres Volkes von Religion und Sittlichkeit und solchen Ereignisjen, wie der Steglitzer Fall, besteht und ist es bereit, im Interesse dev Erhaltung von Staat und Familie seinen ganzen Einfluß dahin aufzubieten, daß Religion und Sittlich- keit in Jugenderziehung und öffentlichem Leben wieder überall zur Geltung kommen? Das Ganze ist das Produkt einer so plumpen Demagogie, daß selbst der Dümmste die Absichten merkt. Der„Fall Steg- litz" ist nur einer aus der großen Reihe derer, die sich in den Häusern der wohlhabenden Schichten abspielen. Er könnte frei aus dem Gedächtnis der Deutschnationalen durch hunderte Vorfahren illustriert werden, die den Konservativen (jetzigen Deutschnationalen) sehr viel näher stehen, als der ihre Arbeitskraft, indem sie die gesammelten Früchte zu den Händlern oder zu den Saftfabrikantcn bringen, Geld dafür erholten und dafür Brot taufen. Ein Jammer, wenn die Beerenernte schlecht ist. Der Winter ist für die Eisel-Armen besonders„schmal", der einem solchen Ernte-Unsegen folgt. Man sagt, daß in einem kleinen Teil« der Eifel, allein in der staatlichen Oberförsterei Gemünd, jährlich durch- schmttlich 30 000 Kilo Himbeeren gesammelt werden und zum Versand oder zur Verarbeitung gelangen. Wieviel de» köstlichen Himbeer- softes stammt allein aus jenem Revier! 4- Und nun berichtet der Kölner Korrespondent des„Berliner Tageblattes", was der normale Menschenverstand nicht fassen kann und was die Freunde der Eifel und ihrer Armen empören muß: „Einen unglaublichen Schildbürgerstreich hat sich die st a a l> liche Oberförsterei Gemünd in der Eifel geleistet. Sie hat drei Tag« lang planmäßig durch acht bis zehn Mann auf Kosten des Staates die unmittelbar vor der Reife stehende Himbeerernte vernichten lassen...." Es bedurfte eines telegraphischen Protestes de» Gemeinderates d«r besonders betroffenen Gemeinde Heimboch und des Eingreifens des Aachener Regierungspräsidenten, um der Vernichtung Einhalt zu tun. Was wir dazu zu sagen haben, wir proletarischen Freunde der Eifel, das fei kurz und deutlich gesagt. Ein modernes Schlagwort sagt: der Zweck der Wirtschast ist die Wohlfahrt des Menschen. Wir sagen: vor dem Walde kommt der Mensch. Daß der Wald gegen mutwillige Beschädigung geschützt werden muß, ver- steht sich von selbst. Daß nach manchen Ausschreitungen, die gerade in den Wäldern des in Frage stehenden Gebietes vorgekommen sind, der Waldschutz wieder kräftiger einsetzt, ist zu begrüßen. Be- sonders verständlich ist schließlich, daß man die Ausforstungen schützt, die einem Teil« des Gebietes dringend not taten. Aber das alles war mit anderen Mitteln zu erreichen, als mit der Vernichtung der Himbeerernte, die die Armen mit noch größerer Armut im Winter zu büßen haben werden. Dieser Krieg gegen die Himbeere ist ein Exzeß der Forstbureaukratie, der mit„Schildbürger- streich" viel zu milde bezeichnet ist. hundslagsthealer. Es wird ernst. Menschen ins Theater locken ist schwieriger, als gutes Theater spielen. Das Hundstazs- theater darf nicht hundeleer stehen. Die Schauspieler gestalten sich nicht einmal die bescheidenen Ferien. Wo man hinhört, überall die Klag« unter ihnen, daß sie sich jetzt niemals mehr sommerliche Sonne oder das stärkende Seebad oder die erfrischende Bergeshähe spenden dürfen. Jeder ist froh, wenn er zwölf Monate schuften kann, wenn er nicht wie die vielen Tausende schon seit langem brotlos auf der Straße steht. Die verrückten Bilder in einigen Illustrierten, die irgend eine Filmdiva oder einen Operettenstar bei fröhlichster Badelaune, ausgezogen oder angezogen, zeigen. sind der größte Schwindel. In Wirklichkeit ist das Sommer«lend der Schauspieler entsetzlich. Und gerade wenn fie im Sommer die .„neueren Pädagogik"- In der Zest, als der Freiherr von Mirbach im Auftrage der Kirchen-Auguste den Bettelsack schwang, als die„Religion und Sittlichkeit" gewissermaßen gesellschaftsfähig war, da gab es wohl keine Sittlichkeits-, Prozesse, keine Ehebruchsdramen in feudalen Familien, keine Schülerselbstmorde? Es gab wohl auch keine jüdische Flora Gaß, die ihren Liebhaber, den konservativen Abgeordneten und Chef- redakteur der„Kreuz-Zeitung", Freiherrn von Hammerstein, bei ihren Schäferstündchen das geflügelte Wort sprach:.Komödianten seid Ihr doch alle!" Flora Gaß hat freilich die heutigen Deutschnationalen im Preußischen Landtage nicht gekannt, aber„Religion und Sitt- lichkeit" wußte ihr Hammerstein gar trefflich zu handhaben. Das Enüe einer Verleumüung. Die„Affäre Hirtsiefer" als Schwindel anerkannt. Vor der 3. Großen Strafkammer des Landgerichts I stand heute früh die Berufungsoerhandlung gegen den früheren verantwortlichen Redakteur am völkischen„Deutschen Tageblatt", Dr. Julius L i p p e r t, an, der wegen verleumderischer Beleidi- g u n g des preußischen Wohlfahrtsministers Hirtsiefer zu ZiZlX) Mark Geldstrafe vom Schöffengericht Mitte verurteilt worden war. Es handelte sich um eine Wiedergabe der Angriffe und Behauptungen des völkischen Abgeordneten Gieseler im Preußischen Land- tage über ein angebliches nächtliches Erlebnis des Ministers bei einem amtlichen Besuch in Wien. Der Angeklagte hatte die Dar- stellung in scharf beleidigender Form wiederholt. Auch der Re- dakteur Rudolf vom.Hakenkreuzler" halle das angebliche Erlebnis des Ministers zum Gegenstand eines scharfen Angrisfs ge- macht und war zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Während dos Urteil gegen Rudolf rechtskräftig geworden war, da er inzwischen nach seiner Heimat in der Tschechoslowakei übergesiedelt ist. hatte Dr. Lippert Berufung eingelegt, und auch die Staats- anwaltschaft sowie Rechtsanwalt Dr. Pindar im Auftrage des Neben- klägers Ministers Hirtsiefer hatten das Urteil durch Berufung ange- fochten. Zu der vom Gericht in Aussicht genommenen Vernehmung des Ministers Hirtsiefer kam es jedoch nicht, denn vor Eintritt in die Berhandlung gab der jetzt wegen verschiedener Pressevergehen in Strafhaft befindliche Dr. Lippert dem Minister Hirtsiefer eine be- friedigende Ehrenerklärung, die folgenden Wortlaut hat: „Die im„Deutschen Tageblatt" über Herrn Minister Hirt- siefer verbreiteten Gerüchte, die der Abgeordnete Gieseler seiner- zeit im Landtag der Oeffentlichkeit übergeben hat, werden von mir als unwahr anerkannt. Ich habe sie damals nur deshalb weiter verbreitet, weil ich in meiner damaligen Eigen- schast als Parteiredatteur gezwungen war, die Ausführungen eines Abgeordneten in entsprechender Aufmachung zu bringen. Ich erklär« nunmehr, nachdem ich mich von der Haltlosigkeit der Be- schuldigungen gegen den Herrn Minister überzeugt habe, daß ich bedauere, zu ihrer Weiterverbreitung die Hand geboten zu haben." Daraufhin zogen Staatsanwaltschaftsrat Dr. Kirchner und Rechtsanwalt Dr. Pindar im Auftrage des Ministers Hirtsiefer ihrer- seits die Berufung zurück. Da auch der Angeklagte seine Revision nicht mehr aufrecht erhielt, wurde die Strafe damit rechtskräftig. * Der an dieser Sache beteiligte Redakteur des„Deutschen Tageblattes", Dr. Julius Lippert wurde am Dienstag in Berlin wegen eines Artikels, der die Ueberschrift trug:„Die Schieber- republik— ihr Charakter gerichtlich festgestellt!" an Stelle einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe von einem Monat zu 300 M. Geldstrafe verurteilt. Der preußische Skaaksrak lehnte am Dienstag den Staats- vertrag zwischen Preußen, Bayern, Württemberg und Baden über die preußisch-süddeutsche Staatslotterie ab, weil die preußi- schen Interessen nicht genügend gewahrt seien und die parlamen- tarische Kontrolle durch den Vertrag ausgeschaltet wird. Zugunsten von Sacco und vanzetli veranstaltete der amerikani- sche Gewerkschaftsbund in Mexiko-Stadt eine Riesenoersammlung mit anschließender Straßenkundgebung. ausgelasiensten Schwänke spielen, ist ihnen am miserabelsten zu- mute. Im„Renaissance-Theater" spielen Hans Lei- bell, Hilde W ö r n e r, Hans W a ß m a n n und noch einige ander« sehr fleißige Leute den sranzösischen Schwank„Wenn Frauen reisen". Der Witz ist, daß die Frauen nicht reisen und furchtbar anständig sind und schließlich ihren sehr gerissenen Gatten allerhand Seitensprünge und Dummheiten verzeihen. Das Talent der Sommerschauspieler stürzt sich mit Fanatismus aus die llnsinnigkeit oder Heiterkeit der Rolle. Die Künstler sind überhitzt, sie überheizen noch etwas die Schwank- und Backofenatmosphäre des Theaters und hoffen, daß e-t allabendlich regnet. So geht ihnen die Menschenfreundlichkeit verloren, und man weiß nicht recht, wie die Komödiantensehnsucht in diesen Hunvstagen zu- sammenklingen kann mit dem allgemeinen Menschenverlangen nach Sonne, Lust und Licht. M. H. Das elektrifizierte Japan. Japan ist, so stellt ein rusiischer In- genieur, Professor Schmidt, der soeben von einer längeren Studien- reise aus dem Lande der aufgehenden Sonne zurückgekehrt ist, fest, zurzeil das Land der Erde, das in weitestem Umfang„elektrifiziert" ist. Was Japan am Weltkrieg verdient hat— und das ist nicht wenig!—, hat es klugerweis« für die Industrialisierung und besonders die Elektrifizierung des Landes verwandt. Japans Flüsse sind klein, aber größtenteils Bergflüsse, die nach den neuesten Feststellungen eine Energie von 12 Millionen LS liefern können. Bis jetzt ist nur der sechst« Teil dieser Energiemenge nutzbar gemacht. Immerhin zählt Japan über 4000 Elektrizitätswerke, wovon zwei Drittel von der„weißen Kohle" gespeist werden. Reue Werke in allen Teilen des Jnselreiches sind im Bau. In den letzten zehn Iahren ist die elektrische Industrie in Japan um das Bielfache gewachsen. Jedes Dorf erfreut sich schon heute des Vorteils elektrischer Beleuchtung. Nach statistischen Feststellunaen entsallen auf 100 Haushalte 218 elektrische Lampen. In den entlegensten Bezirken findet man Werkstätten mit elektrischem Betrieb. Ein neues Museum in Jena. Ein eigenartiges altes Acker- bürgergehöst mitten in der Altstadt von Jena, der Siedelhof, der sich gänzlich unverändert bis auf unsere Tage erhalten hatte, ist jetzt als kulturgeschichtliche Nebenstelle des Stadtmuseums eröffnet worden. Es enthält, wie Professor Weber in der Seemannschen „Zeitschrift für bildende Kunst" berichtet, eine Veranschaulichung des Hauswesens und Tagewerks im alten Jena vor der Gründung der Universität, als Jena noch ein unbedeutendes Weinbaucrnstädtchen war: Landwirtschaft, Bienenzucht, Weben und Spinnen, Kochen. Backen und andere häusliche Verrichtungen. Besonders eindrucksvoll ist das niedrige gotische Wohnzimmer mit gotischen Möbeln und Waffen und die historische Küche mit Metall- und Holzgeräten. Mysterienspiel in Eisenach. Wie in den Jabren 192 l und 1922. so soll auch in diesem Jahre, vom 7. August bis 11. August, das mittelalterliche Mvsterienspiel von den zehn Jungsrauen im Hose des alten Dominikancr- llosler»(tSymnasium) wieder al» Freilichtanssührung in Szene gehen. Karl Anzrngruber gestorben. Nach kurzem Krankenlager starb DicnStag im M. Lebensjahr der Schriftsteller Karl Anzengruber, ein Sohn des öfter- reichliche« BolkSdichterS Ludwig Anzengruber. Ein Retorötag öe Xt. Prag. 6. Juli. Der Dienstag brachte der Arbeiterolympiade auf dem Stadion des Pelersberges wieder einen grohen Tag. Der Morgen brach schon glühend an, gegen Mittag steigerte sich die Hige auf etwa 38 G ra d im Schatten. Ein ungeheurer Strom von Menschen bewegte sich durch die schattigen Serpentinen um den Hradschin. Die Straßenbahnen fuhren in Abständen von einer halben bis einer Minute. Di« Arbeitersamariter hatten reichlich zu tun. Das Stadion war bereits gegen 3 Uhr nachmittags gefüllt, und als Präsident M a s a r y k die Loge betrat, wurden ihm wieder, wie man das hier gewohnt ist, stürmische Ovationen bereitet. Die Vorführungen hatten selbstver- stündlich unter der Temperatursteigerung stark zu leiden; um so mehr muß anerkannt werden, daß ste sich auf einer Höhe hielten, die unter den obwaltenden Umständen schwerlich wieder erreicht werden wird. Insbesondere muß den tschechischen Turnern im öffentlichen Schauturnen das höchste Lob ge- spendet werden. Es gab z. B. vorzügliche Uebungen der Jungturnerinnen mit Reifen. Eigenartige, aus Cowboy- ort inszenierte Massenübungen der Pfadfinder und Meisterllbungen aus dem„W i e n e r Kreis", Fechtübungen mit kurzen Stäben und vieles andere mehr. Der Stil dieser Uebungen ist g r u n d- verschieden von dem bei uns üblichen. Alles ist mehr auf die große Schau gestellt, auf die M a s s e n w i r k u n g. Einiges wirkt fast tänzerisch-deklamatorisch, anderes wieder geht stark in das Artistische über. Auf jeden Fall handelt es sich um Vor- führungen, die unterhaltsam sind und in einem Maße pro- pagandistisch für die ganze Arbeitersportbewe- gung wirken, wie man es früher nicht gekannt hat. Einen Beweis für das Angeführte dürft« der Massenbesuch aus allen Voltsteilen sein, dessen sich gerade diese Olympiade zu erfreuen hatte. Turnerakademie auf der Slaweninfel. Die Besuch« der Turnakademi« hatten die beiden großen Säle des Konzerthauses auf der Slaweninsel bis zum letzten Platz an- gefüllt. In den Darbietungen, die durch eine symbolische Figur alübung der ukrainischen Emigranten„Sic" eingeleitet wurden, lößten sich die Turner der D T I. und Mitglieder der Leipziger Turnschul« ab. Die Darbietungen der Frauen und Männer der Leipziger Turuschule stellten sowohl in der Anordnung als auch in den einzelnen Durchführungen sehr große Leistungen dar. Die Begeisterung der Anwesenden stieg von Nummer zu Nummer. Für den Verband der DTI. traten in durch- wegs gelungenen Leistungen der Prager, Pilsner, Ostrauer und Königgrätzer Gau auf, weiter der österreichische Arbeiter- Turn- und Sportverband und der Aussiger Verband. Einige Nummern wurden abwechselnd im kleinen und großen Saale aufgeführt. In turntechnischer Hinsicht war besonders das Aus- treten der Leipziger Turnschule bemerkenswert, welche t /lröetterspostler. hier ihr Turnsystem vorzeigte. Im ganzen war der Abend Zeugnis von der technischen Leistungsfähigkeit der internationalen Arbeiter- Turnbewegung. Internationales Radwettrennen. Das am Montag vom Zentralverbande der tschechostowa tischen Arbeiterradfahrer veranstaltete Radrennen brachte die Beteiligung von 27 Männern in I. Kategorie, 16 Männern in II. Kate�oree und 3 Frauen in Frauenkategorie, 6 Teilnehmer sielen im Lause des Wettrennens ab. Aus dem Auslande waren vertreten England durch 6 Fahrer, Polen durch 2 Fahrer, weiter Deutschland, Oester- reich und Aussiger Verband. Start und Ziel bei Vypich hinter Brevnov. In I. itatcgorie(60 Kilometer) siegte»: 1.Stafette 4X100 Meter: Deutschland(Dresden), ohne Konkurrenz. * Der Mittwoch bringt als Finale der Olympiade einen Um» zug der gesamten Arbeitersportler durch die Straßen Prags, mit einer Huldigung vor dem Hus-Denkmal. Weitere Mieterhöhungen? Noch keine festen Pläne, aber unklare Abfichten. Bon anderer Seite wurde gemeldet, die Reichsregierung oder das Reichsarbeitsministeriuin habe eine neue umfangreiche Denk- fchrift fertiggestellt, die die Wohnungsfrage im allgemeinen be- handelt und zu dem Ergebnis kommt, daß allmählich die Mieten in Altwohnungen auf 130 bis 160 Prozent der Friedensmiete herausgesetzt werden müssen. Wie wir dazu hören, trifft die Meldung in dieser Form nicht zu. Bor einigen Monaten ist dem Wohnungsausschüh des Reichstages allerdings ver- traulich der Reserentenentwurf einer großen Denkschrift zugegangen, und man ist im Reichsarbeitsministerium dabei, diesen Entwurf zu überarbeiten und zu ergänzen. Die neue Denkschrift, die daraus entstehen sollte, ist noch nicht fertiggestellt. Dagegen trifft es zu, daß bereits in dem vor einigen Monaten herausgegebenen und bisher vertraulich behandelten Entwurf von der Stabilisierung der alten Mieten auf 130 bis 160 Prozent die Rede ist. Die Rechtsregierung hat ja auch schon die ersten Schritte zur Anpassung der Mieten an diese Sätze unternommen, indem si« zunächst die Mieten bis auf 1 2 0 P r o z e n t der Friedensmiete ab 1. Oktober d. I. heraufgeschraubt hat. Bei dem großen Entgegenkommen, das die Regierung den Hausbesitzern bisher erwiesen hat. kann es keinem Zweifel unterliegen, daß später noch weitere Mieterhöhungen erfolgen. Die Arbeiterschaft wird diesen Absichten den stärksten Widerstand entgegensetzen müssen. Jedenfalls ist es durchaus unerwünscht, daß die Frage bisher zum größen Teil hinter verschlossenen Türen behandelt wurde. Die breiteste Oesfentlichkeit hat ein so großes Interesse an der künftigen Gestaltung der Wohnungsmieten, daß man die Forderung nach einer Veröffentlichung der Denkschriften— des bereits vorlegenden Entwurfs und der noch beabsichtigten endgültigen Denkschrift— stellen muß. /Ins dem Inhalt öer Vohnungsöenkjchrist. Der Referentenentwurf, von dem oben die Rede ist, sagt über die Mietpreisbildung folgendes: Es erscheint nicht möglich, durch gesetzlichen Eingriff dauernd den Preis für die Wohnungen wesentlich unter die durch die wirtschaftlichen Verhältnisse bedingte allgemeine Preislage zu senken. Die Anpassung der gesetzlichen Miete an die Neubau- mieten ist auch eine unerläßliche Voraussetzung der Aus- Hebung der Zwangswirtschaft, da sonst schwere Er- schütterungen eintreten müßten. Wie lange die Zwangswirtschaft aufrechterhalten werden kann, ist eine Frage, deren Beantwortung nicht nur von wirtschaftlichen, sondern auch von politischen Faktoren abhängig ist. Aus lohn- und gehaltspolitlschen Gründen sind zweierlei Wielen aus die Dauer unerträglich, da nur die gesetzliche Miete bei der Lohnbildung berücksichtigt wird. Es ist ungerecht und unerträglich, wenn z. B. in dem gleichen Hause Arbeiter mit demselben Einkommen in einer Alt- wohnung 60 Prozent der Friedensmiete, in einer aufgestockten, der Zwangswirtschaft nicht unterliegenden Wohnung ISvProzent bezahlen müssen. Es ist unbedingt notwendig, daß eine Miet- erhöhung durch eine entsprechende Erhöhung der Löhne aus- geglichen wird. Ein« 10prozentige Mieierhöhung bedeutet dabei eine etwa 2prozentige Lohnerhöhung. Leider muh stets in Rech- nung gestellt werden, daß die Berücksichtigung der Miethöhe im Lohn nicht für alle Lohnempsänaer gleichzeitig und im gleichen Ausmaß eintreten wird. Große Personentreise sind überhaupt nicht in der Lage, die Erhöhung irgendwie abzuwälzen. Bei Fürsorgeempfängern kann die Fürsorge- leistung erhöht werden. Im übrigen muß die harte Tatsache in Kauf genommen werden, daß diese Verhältnisse zu jedem Zeit- punkt, der für«ine Mieterhöhung in Betracht kommen kann, vor- Händen sein werden. Wörtlich heißt es dann weiter: Ohne Zuschüsse aus Mitteln der öfsentlichen Hand würde sich heute die Miete in Reubauwohnungen auf 200 bis 2S0 Proz. der Friedensmiete stellen. Durch den Einsag öffentlicher Mittel, teils durch Kapitalhingabe zu besonders günstigen Bedin- gungen teils durch Zinsverbilligung, ist es möglich, die Mieten der Neubauwohnungen auf 130 bis 160 Proz. entsprechend der Friedensmiete festzusetzen. Die Senkung der Neubau- miete muß auch weiter angestrebt werden. Ein Mittel dazu sind die Steuerbefreiungen. Eine weitere Senkung der Baukosten wird in der Hauptsache durch eine Senkung des Zins- fußes für langfristige Anleihen bestimmt werden. Es kann aber auch viel durch eine Senkung der Baukosten erreicht werden. Eine Aufhebung der Wohnungszwangswirtschast ist nur möglich, wenn auch die Neubaumiete sich dem allgemeinen Preis- stand angenähert hat. 4- Es Handell sich also um Gedankengänge, die das Reichs- arbeitsmini st erium bei seiner Wohnungspolitit wiederholt vertreten hat. Da bisher von einer Meinungsänderung dieses Amtes nichts bekannt ist, wird man mit einer Fortsetzung der auf die Mieten- erhöhung gerichteten Politik rechnen und ihr entschieden entgegen- treten müssen, zumal sich gezeigt hat, daß bei zweckmäßiger Ver- teilung der Aufträge, bei rationellen Baumethoden und bei der Heranziehung ausländischen Kapitals die Neu- b a u k o st e n sich längst nicht so hoch stellen, wie man damals annahm. vierwöchiges Saarabkommen. Wieder ein kleines Handelsprovisorium. Paris, 6. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Am Dienstag ist ein provisorisches Handelsabkommen über das Saargebiel abgeschlossen worden. Unter dem Dokument fehlt nur noch die Unterschrift Briands, der sich gegenwärtig auf seinem Landgut be- findet. Dieses Handelsabkommen hat rückwirkende Krast vom 1. Juli ob und wird bis zum 31. Juli in Krast bleiben. Es kann automatisch verlängert werden._ Ueber Dauüet üarf nicht geredet werden. Rncktrittsdrohung, um die Kammerdebatte zu verhindern. Paris. 6. Juli.(Eigener Drahtbericht.) In der Kammer wurde am Dienstag abend die Interpellation über die Flucht Daudets mit 331 gegen 110 Stimmen auf unbestimmte Zeit vertagt, nachdem der Justizininister im Namen der Regierung mit dem Rücktritt gedroht hatte. Ein Antrag Cachin, eine Amnestie für alle politischen Gefangenen zu beschließen, wurde, nachdem die Regie. rung ebenfalls die Vertrauensfrage gestellt hatte, mit 337 gegen 171 Stimmen abgelehnt. Die verhaftete T e l e p h o n i st i n der„Action franyaise" ist in Frechell gesetzt worden. Die Totengebeine am Lehrter Sahnhof. Was Sachverständige dazu sagen. Zu den Skelettfunden unter der Stadtbahn am Lehrter Bahnhof liegt jetzt eine Erklärung des Abteilungs- direktors Dr. Hilzheimer vom Märkischen Museum vor. Er weist darauf hin, daß in der von Wilhelm Oehlert heraus- gegebenen„Moabiter Chronik"(die vor jetzt siebzehn Jahren, im Jahre 1S10, erschien), unter der Jahreszahl 1813 zu lesen steht: „Für die in denBerliner Lazaretten gestorbenen Russen, Franzosen usw. wird an der Grenze der Pulyer- fabrik(jetzt Lehrter Bahnhos) ein Fr i e d h o f angelegt. Die Gebeine der hier Bestatteten wurden in den vierziger Jahren nach den An- lagen an der Ulanen-Kaserne, Rathenower Straße, kurz nach 1890 nach der Hasenheide überführt." Die Pulverfabrik, die im Jahre 1813 noch bestand, war unter König Friedrich Wilhelm I. angelegt worden. Auf einem Teil des Geländes jener ehemaligen Pulverfabrik steht heute das Empfangs- gcbäude der Lehrter Bahn. Für den 1813 angelegten Friedhof der Russen, Franzosen usw. wurde das Gelände westlich davon gewählt. Auf ihm errichtete man Ende der 70er und Ansang der 80er Jahr« den Stadtbahnoiadukt. Daß bei Ausdeckung alter Friedhöfe die vorgefundenen Totengebeine nicht restlos aus- gehoben werden, kommt öfter vor. Jetzt vorgenommene Nachgrabungen haben, wie im„Vorwärts" schon gc- meldet wurde, sogar ergeben, daß auch unter den Stadtbahn- sundamenten noch Skelettreste lagen. Dr. Hilzheimer beschränkt sich auf Anführung der oben wieder- gegebenen Stelle aus der Oehlertschen Chronik. Er meint, daß hier- mit wohl die Herkunst und das Alter der Skelette geklärt sein dürsten. Die„Rote. Fahne" wird ihin wohl nun bescheinigen, daß auch er mit einer Bande von Mördern unter einer Decke stecke. Ist es auch Wahnsinn, hat es doch Methode! Mauereinfturz am Savignpplatz. Zwei Arbeiter verschüttet. Auf dem Grundstück Savignyplatz 5 ereignete sich heule vormittag gegen Vii2 Uhr ein schweres Einsturzunglück. Bei Schachtarbeiten stürzte«ine ein Meter hohe und 15 Meier lange Mauer in ganzer Slusdehmmg ein. Zwei Arveiter trugen schwere Verletzungen davon. Hart an der Gartenmauer entlang werden von der Post Aus- schachtungsarbeiten für e'rneuerungsbedürftige Kabel vorgenommen. Eine größere Arbeiterkolonne war mit den Schachtarbeiien in den etwa% Meter tiefen Graben beschäftigr. Plötzlich stürzte ein Teil der Mauer ein. Zwei Arbeiter wurden unter den Trümmern begraben. Rur wenige Sekunden später neigte sich auch der andere Teil der .Mauer langsam über und stürzte zusanimen. Den hier Beschäftigten gelang es, sich noch rechtzeitig in Sicherheit zu brinczen. Aus den Ruf„Menschenleben in Gefahr" wurde die Feuerwehr alarmiert. Die Verunglückten, der 20jährige Arbeiter Erich Schreer aus der Adolf st raße 12 zu Berlin und der 49jährig« August Weigert aus der G o e r t e st r a ß e 37 zu Charlottenburg, waren jedoch inzwischen von ihren Arbeitskollegen geborgen worden. Beide mußten in das Krankenhaus Westend überführt werden. Zum Glück besteht keine Lebensgefahr. Das Unglück ist wahrschein- lich durch Untergrabung der Mauer herbeigeführt worden. Einbrüche auf Konto der Vororteiubrecher. Di« Untersuchung über die von dem Einbrecher Wittrack und seinem Komplizen Wicker oerübten Einbrüche ist jetzt zu einem ge- wissen Abschluß gelangr. Es gelang bisher, ihnen fünf Ein- brüche in Villen und Landhäuser nachzuweisen. Durch Gegenüberstellung mit Zeugen ist sestgestelli, daß Wittrack für den Einbruch in der Nacht zum 26. v. Mts. in der Mlla des Direktors Schwitzkowski in Frage kommt. Weiter sind die beiden Verbrecher in der Nimrodstrahe zu W a i d ni a n n s l u st gewesen, mußten hier aber ohne Beul« abziehen. Den gleichen Mißerfolg erlebten sie in der Bismarckstraße zu Hermsdorf. Hier waren sie so- gar an zwei Stellen. In einer Villa hatten sie den Balkon er. klettert, wurden aber gesehen und verscheucht, Lei dem zweiten Hause konnten sie sich Eingang verschaffen, erbeuteten aber nur «inige Kleinigkeiten. Es ist also erwiesen, daß Wittrack und Wicker sich schon länger gekannt und gemeinsame Sache gemacht haben. Den letzten Einbruch, der zugleich ihr Schicksal besiegelte, verübten sie in der Nacht zum vergangenen Sonnabend in Fichtenau. Nur diesen, den sie schlechterdings nicht mehr ableugnen können, räumen beide ein. Großfeuer in Dallgow. Eine Wochenendhaus-�abrik in flammen. Ein gewaltiges Schadenfeuer brach gestern nachk kurz nach 2 Uhr aus dem Lagerplatz der Firma Schulz in Dallgow bei D ö b e r i h aus. 3n kurzer Zeil stand der etwa 40 Meter breite und 150 Meter lange Platz mit allen Baulichkellen in hellen Flammen. Etwa 300 Meter vor dein Dorfeingang neben dem Hotel Hubertus ist der Fabrikations- und Lagerplatz der Firma Sch., die Wochenendhäuser herstellt und bearbeitete Holzteile für Neu- bauten liefert. Kurz nach 2 Uhr wurde von Ortseinwohnern aus dem Holzplatz ein starker Feuerschein wahrgenommen. Ein Teil des großen Geländes stand bereits in hellen Flammen. Die Spandauer und die Feuerwehren der umliegenden Ortschaften eilten auf den Alarm unter Leitung des Branddirektors Kreis an die Brandstätte. Das Feuer hatte sich inzwischen aus dem ganzen Platz aus- gebreitet und fand an Holzstapeln, Schuppen usw. überaus reiche Nahrung. Insgesamt mußten fünf B- und elf C-Schlauchlcitungen ungelegt werden, um vor allen Dingen das äußerst bedrohte Hotel, das eine Zeitlang geräumt werden mußte, zu schützen. Eine gewaltige Hitze machte zuerst ein Näherkommen an den Brandherd unmöglich. Große Gefahr bestand auch für das nur etwa 200 Meter entfernt liegend: Munitionsdepot der Artillerie aus Döberitz, dach stand zum Glück der Wind nach der anderen Seite. Daz Feuer hatte säst sämtliche Ortseinwohner alarmiert, die an die Feuer- stelle eilten. Das Hotel konnte schließlich dank der a u s o p f e r u n g s- vollen Tätigkeit der Wehren geschützt werden. Bon dem Platz mit seinen Materialien und Schuppen ist nichts als ein schwarzer riesiger Schutthaufen übriggeblieben. Auf gegen den Zollwucher des Rechtsblocks! Heute, Mittwoch abend, IVj Uhr, Protestkundgebungen gegen den Zollwucher der Rechtsblockregierung in folgenden Lokalen: Moabiter Gesellschaftshaus, Wiclefstr. 23: Gcrmaniasäle, Chaussee- slraße 110: Comeniussäls, Memcler Straße 67; Erbes Festsäle (Kliem), Hasenheide 13/15. Redner: die Reichsiagsabgeordneten Toni Sender, Mathilde Wurm, Robert Schmidt, Georg Schmidt. Eisenbahnkataftrophe in Amerika. 4 Personen getötet, St» verletzt. Ein schweres Eisenbahnunglück ereignete sich am Dienstag in der Nähe van New Jork. InvollerFahrt stieß ein Schnell- zug mit einem Güterzug zusammen. Dabei wurden vier Personen getötet und etwa dreißig verletzt, darunter zahlreiche schwer. Der Zusammenstoß war von solcher Gewalt, daß die ersten zwei Wagen des Personenzuges sich vollständig mein- anderschoben. Die Katastrophe war von Szenen wilder Panik bc- gleitet. Das Unglück ereignete sich in der Nähe der Station Jona- Island im Tal des Hudson River, ungefähr 50 Meilen von New Park entfernt. Die Ursache zu dem Zusammenstoß ist noch nicht völlig gctlätt, entweder ist ein Signal mißverstanden worden oder ein W e i ch« n d« f e k t hat das Unglück veranlaßt. GegenTtraffer doppelte Todesstrafe beantragt. Harburg, 6. Juli.(WTB.) Der Staatsanwalt lp-t gegen den Angeklagten Strc.sscr wegen Doppelmorde» und Brand- stiftung mit Mordabsicht doppelte Todesstrafe und 10 Jahre Zuchthaus mit dauerndem Berlust der bürgerlichen Ehrenrechte be- antragt. Eine mutige Tat. Durch Einsetzen des eigenen Lebens des Baumeisters Franz Meyer wurden eine Anzahl Kinder dem sicheren Tode entrissen. Beim Einüben von Tanzaufführungen für das Kinderfest des Pflanzervereins Virchow waren 2 0 Kinder in dem alten, massiven Magazingebäude Triftstr. 39 versammelt. Beim Oeffnen des Einfahrttores riß das obere Band aus, und der schwere Flügel hätte eine Anzahl Kinder erschlagen, wenn nicht der Baumeister Franz Meyer beigesprungen wäre, um das schwer» Niederschlagen des Torwegflügels zu mildern. Dadurch konnten die umstehenden Kinder auf die Seite springen, cherr Meyer selbst kam dabei unter den Torwegflügel zu liegen, wobei er sich eine Verstauchung des Beckenknochens zuzog. Zwei Knaben konnten mit geringen Hautabschürfungen unter dem auf dem Retter liegenden Torwegflügel hervorgezogen werden. Laverrenzens schwere Stunde. Herr Laverrenz, deutschnationales M. d. R., Beschützer der Interessen der Auslandsdeutschen, hatte am Sonntag seine schwer« Stunde. In einer Versammlung des Ringverbandes war es, daß Herr Laverrenz nach Referaten anderer Sprecher sich, von tobendem Beifall begrüßt, erhob und nun einen peinlichen politischen Eiertanz ausführen mußte. Das hätte eigentlich genügen sollen, um den auf die Lösung begierigen Auslandsdeutschen vor Augen zu führen, daß die Recbtsregierung, in der ja die Freunde des Herrn Laverrenz als „Retter' das große Wort führen, weit davon entfernt ist, ihre Forde- rung nach voller Entschädigung zu erfüllen. Herr Laverrenz, der sehr viele Sätze seil, er Rede mit„Ich" begann, wurde 00,1 der Versammlung eklig„angeblasen", als er gleich im Ansang mitteilte, daß er von dem in Aussicht stehenden Gesetzentwurs „einigermaßen" enttäuscht sei.„Rur einigermaßen"— rief man ihm zu, und er suchte seinen Reinfall dadurch aus der Welt zu schaffen, daß er erklärte, er werde sich an der Arbeit bei einem solchen untauglichen Entwui� nicht beteiligen, was natürlich auf die Regierung einen kolossalen Eindruck machen wird. Dann st a n d« r dem Unwillen der Versammlung ziemlich hilflos gegenüber, als er erklärte, daß die Einbringung des Gesetzent- wurfes vor den Reichstagsferien nicht mehr stattfinden könne. Aber— so führte er pathetisch aus— in der Zwischenzeit bis zum Herbst muß etwas für die Vertriebenen getan werden. Leider schwieg er sich darüber aus, was er damit meinte, so daß selbst in Kreisen, die mit ihm übereinstimmen, die Zensur lautete:„Gesagt hat er eigentlich gar nichts." Ein Dentschcr in Pokohama verbrannt. London, 6. Juli. tTU.) Das berühmte„Fünfte Hotel" in D o k o h a m a ist durch Feuer vollkommen zerstört worden. Ein deutscher"...... Flammen um. Geschäftsreisender kam in den Sträflinge dürfen Ertrinkende nicht retten. Unmenschliches auS Sing-Zing. New Vork, 6. Juli.(WTB.) 1200 Sträflinge des Sing-Sing- GeföngnisseS mußten in ihrem Gefängnishof unter den auf' sie gc- richteten Gewehren ihrer Wächter ohnmächtig zusehen, wie drei Knaben in unmittelbarer Nähe in dem Strudel des Hudsonflusses hilflos ertranken. Viele der Sträflinge baten um die Er- laubnis, zu Hilfe zu eilen, aber die Wächter, die fürchteten, daß die Gefangenen die Gelegenheit benutzen würden, um zu entkonimen, drohten, den ersten Mann, der versuchen würde, das eiserne Gitter zu überspringen, niederzuschießen. Schreckerfüllt sahen die Gefangene» durch dieses Gitter dem Todeskampfe der Knabe» zu. Viele von ihnen waren durch die Haltung der Wächter so aufgebracht, daß die meisten sich weigerten, das besondere Mahl zur Feier des Unab- hängigkeitetages zu essen. � lieber tausend Briefe«nterschlasten. Der seit 32 Iahren bei der Reichspost in Erfurt beschäftigte Postass-ftent Hermann Boxhagen hatte seit Herbst 1023 bis zu seiner Verhaftung am 2ö. Mai 1027 fortgesetzt Briefe unter- schlagen, beraubt und vernichtet. Obgleich er auf diese Weise mindestens tausend Briefe beseitigte, erbeutete er nur im ga�n-ten 3 00 M. in Fünf- oder Zehnmarkscheinen. Das große Schuß fenaericht verurteilte ihn zu 1 Jahr 6 Monaten Zucht- haus und 300 M. Geldstrafe und 10 Jahren Ehrverlust sowie dauern- der Unfähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter. Eine Rekord-Apselernte in Böhmen. Aussig o. d. E.. 6. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Während die Kirschen im Elb- und Mittelgebirgsgebiete Böhmens nur eine sehr mittelmäßige Ernte geben und während Pflaumen so schlecht wie selten angesetzt haben, so daß nicht einmal die heimischen Märkte versorgt werden können, steht in den Obstkammern Böhmens eine Rekordernte an Aepseln bevor. Sie ist um gut das Doppelte bester als im letzten Jahre. Dabei handelt es sich ebenso wie bei Birnen, die nur mittelgut ansetzten, um eine ge- sunde Ware. Die Aeberschwemmungen am Mississippi. Handelsministcr Hooocr, der das überschwemmte Gebiet am Mississippi besucht hat, erklärt, daß von den 1400 000 Hektar dieser Gebiete S 20 000 völlig überschwemmt waren und wahrscheinlich in diesem Jahr keine Ernte bringen werden. Der Gipfel der Niedertracht. In Marseille brachte ein Schiffer seiner Frau mit einem Rasiermesser an einem Arm und im Gesicht schwere Verletzungen bei, um, wie die Frau nach ihrer Aufnahme im Krankenhaus erklärte, sie zu verunstalten und die Amputierung ihres Armes zu erreichen,, damit sie sodann mit gutem Erfolge betteln gehen könne. Sport. Länderwettstreik im ZRelropol-VarietS. Montag: Der Finne Tornow konnte seinen zweiten Start ebenfalls zu einem Siege gestalten: bereits nach 4 Minuten gelang es ihm S ch a p p e-Hannover durch Untergriff zu erledigen. Adam- fcha ck- Berlin und T u r o f f- Rußland lieferten einen technisch hochwertigen Kampf. Der Russe, der zeitweilig von dem slinken Berliner in Bedrängnis gebracht wurde, mußte alle Künste spielen lassen, um nach 14 Minuten das Treffen zu seinem Gunsten zu beenden. R o m a n o s f- Rußland war als alter routinierter Kämpfer dem Thüringer Opitz stets überlegen; schon nach 7 Minu- ten konnte er das Treffen für sich buchen. Pietro Scholz- Bzrlin hatte im Treffen mit dem sich zäh verteidigenden Kölner K o ch h a n s k i Gelegenheit, seine hervorragende Technik zu zeigen. Ml Unlergriff legte er diesen nach 23 Minuten auf die Schultern. Dienstagabend wurde der Ringer-Wetlstreit mit technisch fkdtten Kämpfen fortgesetzt. Sehr bemerkbar machen sich jetzt schon die zähen, harten Kämpfe, mit denen bereits um die Plazierung im Weltstreit gestriten wird. Sehr zu begrüßen ist, daß, nachdem bercLs einmal unentschieden gerungen worden ist, jedes zweite Treffen ei>e Entscheidung bringen' muß. Im Kampf Adam- i ch a ck- Berlin gegen den Finnen Tornow mußte ersterer schon nach 4 Minuten die Ueberlegenheit seines Gegners anerkennen. N e st r ö m konnte seinen ersten Start im Wettstreit zu einem schönen Sieg gestalten. Nach interessantem Kampf legte er den Kölner Kochhanski durch Untergriff auf die Matte. Ringzeit: 10 Minuten. Turoff-Naber sowie Pietro Scholz gegen Ö m e l c z e n k» trennten sich nach recht interessanten Kämpfen ohne Resultat. Die Aussperrung in Köln. Zuversicht der kämpfenden Metallarbeiter. Köln, S. Juli.(Eigener Drahtberichk.) Im Kölner ZNetall- arbeilerkamps haben bisher 123 Firmen die Parole der Unternehmer- organisationen befolgt und ihre Arbeiter ausgesperrt. In 25 Betrieben, darunter mehreren Großbetrieben, wird noch g e- arbeitet. Bis Mittwoch früh waren etwa IS 000 Metallarbeiter ausgesperrt. Es ist allerdings damit zu rechnen, daß diese Zahl sich im Laufe des Tages noch steigert. Die Stimmung unter den Aus- gesperrten ist diszipliniert und zuversichtlich. Zwischenfälle sind bis- her nicht zu verzeichnen._ Der Konflikt in üer Klavierinöuflrie. Ergebnislose Verhandlungen. Am Montag fanden zwischen dem Arbeitgeberverband der Klavierindustrie und den Vertretern der Ortsverwaltung Berlin des Deutschen Holzarbeiterverbandes Verhandlungen statt auf Abschluß eines neuen Tarifs. Wie vorauszusehen war, sind diese Verhand- lungen an dem Starrsinn der Unternehmer gescheitert. Man kam schließlich übercin, daß beide Parteien den Schlichtungsausschuß anrufen werden. Das einzusetzende Schiedsgericht soll jedoch unverbindlich verhandeln. Die Klavierarbeiter haben keinerlei Ursache, sich durch einen Schiedsspruch ihr« Aktionsfreiheit beeinträchtigen zu lasten. Tagung üer Lanükrankenkafl'en. In der Zeit vom 26. bis 28. Juni 1027 fand in Königs- berg i. Pr. die Tagung des Reichsvcrbandes der Deutschen Land- krankenkassen unter Beteiligung von zirka 700 Delegierten und den Vertretern zahlreicher Behörden und Körperschaften statt. Den Deutschen Landarbeiterverband oertrat auf der Tagung der Schrift- leiter Genösse K w a s n i k. Von den Verhandlungen boten besonderes Interesse die Aus- führungen, die Oberpräsident a. D. v. B a t o c k i in seinem Rese- rat„Wohnung und Gesundheit aus dem Lande machte. Herr von Batocki anerkannte das große Wohnungs- elend auf dem Lande, das zu einer erheblichen Belastung der Krankenkassen führen muß. Die bisher den Landarbeitern ge- währte Erwerbslosenfürsorge habe mit dazu beigetragen, den Landarbeiter vor einer noch größeren Verelendung zu schützen. Die Erhaltung dieser Fürsorge ist darum auch für die Zukunft notwendig. Der Referent legte die nachstehende Entschließung vor, die einstimmig angenommen wurde: „Vorbeugende Gesundheitsfürsorge für die Versicherten und ihren Nachwuchs ist von größter Bedeutung für die Landtranken- lasten. Sie wird am meisten gehemmt durch die auch aus dem Lande weit verbreitete Wohnungsnot, unzureichend« Zahl, vielfach schlechte Beschassenheit und unzweckmäßige Benutzung der Woh- nungen. Den Wohnungsbau geldlich zu fördern liegt außerhalb der Aufgaben der Landkrankenkasten. Zur Beratung der dazu be- rufenen Stellen sind sie auf Grund der genauen Kenntnis der Lage ihrer Versicherten imstande. Kassenärzte, Gemeindeschwestern und Kontrollorgane der Land- krankenkassen können und sollen durch Aufklärung der Versicherten, Meldung von Mißständen und Anregung zu Verbesserungen wesentlich bei der Hebung des Wohnungswesens und damit des allgemeinen Gesundheitszustandes nnthelsen." Oberregierungs- und Medizinalrat Dr. Ostermann berichtet über:„Die Sachleistungen in der Wochen Hilfe und die Be- Ziehungen der Landkrankenkassen zu den Hebammen". Seine Aus- führungen wurden zusammengefaßt in einer Entschließung, in der betont wird, daß die Belastung der deutschen Landkrankenkassen durch die Wochenhilfe in den letzten Jahren immer mehr gesteigert sei, und daß die Bevölkerungspolitik Aufgabe von Reich und Staat wäre und daher nicht den Krankenkasten aufgebürdet werden dürfte. In einem längeren Referat behandelt Dr. Schneider, der Vorsitzende des Brandenburgischen Aerztcverbandes, die Stellung der Aerzte zu den Landkrankenkassen. Vom Vorstände wurde dann der Versammlung eine Resolution vorgelegt, die die Maßnahmen des Vorstandes bezüglich der För- dening"der Ardeitsgemeinschaft zwischen dem Reichsverband der Deutschen Landkrankenkassen und dem Leipziger Aerzteverband gutheißt, die sich aber gegen die von dem Referenten vor- gebrachten Forderung einer absoluten freien Arztwahl wendet. Weiter Referate wurden gehalten von Obcrregierungsrat Sauerbron über die internationale landwirtschaftliche Kranken- Versicherung. Professor Dr. Rott und Oberarzt Dr. Langer über Neue Forschungsergebnisse der Bekänipsung der Kindertuberkulose, Universitätsprosessor Dr. Adam und Verwaltungsdirektor U n g e r über die hygienische Volksbelehrung auf dem Lande, Verbandsgeschästs- führer Schraeder über das Gesetz über Wahlen nach der Reichsversicherungsordnung vom 8. April 1027. Soweit der diesmalige Krankenkassentag in Frage kommt, waren unter den 400 Delegierten wieder nur kaum 50 Ver- treter der Versicherten zu entdecken. Es ist notwendig. daß den Versicherten, für die die Krankenkassen geschaffen sind, Ge- lcgenheit geboten wird, an den Jahresversammlungen des Reichs- Verbandes teilzunehmen._ Internationaler Kraftfahrerkongreß. Vom 27. bis 20. Juni fand in Paris ein von der Jnternatio- nalen Transportarbeiter-Föderation einberufener Jnternatio- naler Kongreß der Berufskraftfahrer statt, an dem 40 Delegierte teilnahmen. Vertreten waren 12 Organisationen, die insgesamt 05 000 Krastfahrer organisiert haben. Es wurden Referate über Me nachfolgenden Tagesordnungspunkte abgehalten: Die Organisationen der Chauffeure in den ver- schiedenen Ländern(Referent N. Nathans, Sekretär der JTF.): die Bestimmungen über die Zulassung der Chauffeure in den einzel- nen Ländern(Referent A. Henderson, Großbritannien): die Vorschriften zur Sicherung des Verkehrs(Referent I. G u i n ch a r d, Frankreich): Aufstellung eines internationalen Programms der Forderungen der Berufskraftfahrer(Referent A. R e i tz, Deutsch- land). Ferner erstatteten A. F o r st n e r, Oesterreich, und A. R e i tz, Deutschland, Bericht über die von der Verkehrskommission des Völkerbundes bzw. von der französischen Regierung in Mailand und Paris veranstalteten Konferenzen über den Straßen- und Kraftver- kehr, denen sie im Namen der JTF. beigewohnt hatten. Die Ausführungen von Nathans wurden nach kurzer Debatte gutgeheißen und führten zur einstimmigen Annahme von Resolutio- nen, in denen ausgesprochen wird, daß die Erreichung einer einheit- lichen Gesetzgebung über das Kraftverkehrswesen und einer wirkungs- vollen Vertretung gegenüber den Behörden die Schaffung einer starken Berufsorganisation bedingt. Als zuständige Be- rufsorganisatian der Berufskrastfahrer sind in jedem Lande jene Ber- bände zu betrachten, die der Landeszentrale des betreffenden Staates und der JTF. angehören. Ferner übernehmen die der JTF. ange- schlosten-n Verbände die gegenseitige Verpflichtung, den in ihrem Lande zum vorübergehenden Aufenthalt befindlichen Mitgliedern einer der JTF. angeschlossenen Organisation Rat und werktätige Hilfe, Rechtsschutz und Unterstützung angedeihen zu lasten. Zwecks Prüfung der von A. Henderson, Großbritannien, in seinem Referate unterbreiteten Vorschläge wurde ein Unterausschuß eingesetzt, dessen Anträge vom Kongreß angenommen wurden. Dies« Anträge«ntlzalten: 1. KörperlicheUntersuchung. welche sich hauptsächlich auf das Seh- und Hörvermögen, die Herztätigkeit und die allgemeine Eignung zu erstrecken hat; 2. Alter. 21 Jahre für alle Führer mechanisch betriebener Fahrzeuge. 3. Theoretische und praktische Prüfung. Für alle Bewerber gleich. Er- richtung von öffentlichen Fahrschulen; alle Fahrschulen sind der be- hördlichen Aufsicht zu unterstellen. Vertretung der Berufskraftfahrer- organisation im Verwaltungsrat der Fahrschulen. Führerschein. Nach folgenden Kategorien: a) jür einspurige Krafträder; b) für Leichtkraftwagen(einschließlich Krafträder mit Beiwagen): c) für Kraftwagen aller Art. Die Debatten über die übrigen Referate wurden zusammengefaßt. Wegen der großen Anzahl der zur Beratung stehenden Gegenstände (Verkehrssicherheit, sozialpolitische und berufliche Forderungen) be- schränkte sich der Kongreß darauf, sich g r u d s ä tz l i ch mit dem In- halt der Referate einverstanden zu erklären und die weitere Aus- arbeitung des Programms an den Beirat für das Krastfahrwesen zu überweisen, der auf Borschlag von N. Nathans eingesetzt wurde. Aufstieg im Einheitsverbanb. Der Einheitsverband der Eisenbahner Deutschlands hatte in den letzten Wochen eine erfreuliche Zunahme seiner Mit- g l i e d e r zu verzeichnen. So betrug im Monat Mai schon die Zunahme 6 261. An dem Aufstieg sind alle Bezirke beteiligt, ein Zeichen, daß sich überall der Einheitsoerband wachsenden Ber- trauens bei den Eisenbahnern erfreut. Auch in den kleineren Orten beginnen die Eisenbahner den Wert des Verbandes zu erkennen. So wurden in Hof in 3 Wochen 80 neue Mitglieder ge» wonnen, in Selb traten 14 und in Wunsiedel 22 Kollegen dem Ein- heitsoerband bei._ Lohnbewegung öer polnischen öergarbeiter. Der warschauer Vau arbeiterstreik erfolgreich beendet. Warschau, 5. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Die Berg- arbeiterverbände in Oberschlesien haben eine Lohner- h ö h u n g von 15 bis 20 Proz. verlangt. Die Industriellen haben diese Forderung der Bergarbeiter unter der Bedingung an- genommen, daß die Regierung gleichzeitig eine entsprechende Erhöhung der Kohlenpreise gestattet. Mit einer solchen Lösung haben sich jedoch die Arbeiter nicht einverstanden erklärt. Der Streik der Bauarbeiter in Warschau ist am Dienstag zu Ende gegangen, nachdem die Arbeiter eine Lohner- höhung von 25 Proz. erreicht haben. ver wiüerftanS üer englifthen Gewerkschaften. London, 6. Juli.(EP.) Gestern wurde in Carlisle der Jahres- kongreß der Britischen Eisenbahnerunion mit einer Ansprache des Präsidenten Dobbie eröffnet, in der dieser die Politik Baldwins guf das heftigste angriff. Die Regierung führe einen Klastenkampf gegen die Arbeiter und habe aus der ganzen Linie Maßnahmen ergriffen. um die Tätigkeit der Trade Union und ihre Bemühungen zur Besse- rung des Loses der Arbeiterschaft zunichiezumachen. Mit dem neuen Gewerkschaftsgesetz sei der Partei der Arbeiterschaft der Krieg erklärt worden. Man müsse daher alle Kräfte gegen sie mobilisieren Kein Wort dürfe mehr vom Frieden in der Industrie gesprochen werden. Die englische Arbeiterschaft müsse dieses Gesetz ignorieren. und die Gewerkschaften müßten seine Durchführung verweigern. Keine Stillegung der Tiamantenschleifereien. Amsterdam, 6. Juli.(WTB.) Auf einer Konferenz führender Persönlichkeiten der Antwerpener und Amsterdamer Diamanten- industrie wurde beschlossen, von der kürzlich von belgischer Seite an- geregten Stillegung der holländischen und belgischen Diamanten- industrie abzusehen. Wie wir erfahren, war für diesen Bescklluß die allgemein ausgesprochene Erwartung maßgebend, daß das kürz- lich vom südafrilanischen Senat abgelehnte neue Diamantengcsetz bei seiner erneuten Behandlung ini Oktober dieses Jahres doch noch angenommen werden möge. Verantwortlich für Politik: Victor Tchifs; Wirtschaft:®. Klingclhijscr; Gewertschaftsbeweguna: Z. Stein«; Feuilleton: St. John Schilonsli; Lokales und Sonstiges: Frist Ztarstädt; Anzeigen: Th. Glocke: sämtlich in Berlin. Verlag: Vorwärts-Verlag G.m.b.H., Berlin. Bruck: Vorwärts-Buchdruckcret und Verlagsanstalt Paul Singer u Co, Berlin SW 68, Lindcnstraste 3. Qet'ffidC-tfaal der berühmten ist 600 qm groß und bietet allein Raum für 200 Arbeiter. 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