MbenSausgabe Nr. 321 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 15$ B«,ugsb-dingungea und An�Izenprell» sind in dir Morzinausgob« ongegtbea «edattioa: SV). 68. Cindenficabe 8 Zernsprecher: vönhoss 292— 292 leU-Adresse: Soziolvemotro« Verls» (iö ) berliner Volkskrlskk Sonnabend 9. Juli 1 927 «erlag and«nzesgenadiellun,, T-schäfi-zeit 8� bi, 8 Uhr Verleger: vorn>arl». Verlag«mbH. Verlin SV). 68. Clnöcnftcofj* 8 Zernsprecher, CSnhoff 292— 292 Zentralorgan der Sozialdcmokratlfcben parte» Deutfcblands furchtbare Wetterkatastrophe in Sachsen. Die Sächsische Schweiz überschwemmt.- Fast hundert Tote.— Schwere Unwetter in ganz Deutschland. Dresden. 9. Juli.(Eigener Drahtbericht.) In dem Grenzgebiet zwischen dem östlichen Erzgebirge und der Sächsischen Schweiz ereignete sich eine schwere Unwetterkatastrophe, die im Gottleubatat und im Müglihtal sehr schwere Verheerungen anrichtete. Besonders hart wurden die Orte Gottleuba und Berggießhübel betroffen. Diele Häuser sind fortgerissen worden. In Gottleuba wurden bisher sechs Tote gebor» gen. Besonders schlimm sind die Verheerungen in dem Ort Berggießhübel. Ganze Familien sind in ihren Wohnungen vom Wasser überrascht worden und ertrunken. Bis 10 Uhr vormittags nnirden gegen 50 Tote geborgen. Viele werden vermißt. Das Wasser führt alle erdenklichen Gegenstände mit sich: Zlutomobile, Lastkraftwagen. Möbelwagen. Pferde, Vieh und anderes. Die Eisenbahn wird aus Wochen de- triebsunfähig sein, da die Gleise zum Teil fortgerissen sind. Hundert Zentner schwere Eisenmasten und eiserne Drücken sind kilometerweit forlgetragen und weggeschwemmt. In dem Ort Z w i e s e l ist ein haus mit sechs Ein» heimischen und einem Sommergast fortgerissen. Alle sieben Personen sind getötet worden. In dem Ort Rottwerndorf werden sieben Tote und aus Reundorf neun Tote gemeldet. Zn Langhennersdorf wurden sechs Tote ermittelt. Außerdem ist auch viel Vieh umgekommen. In der bekannten Uhrenstadl Glashütte rvurde ein Eisenbahnzug von einer Sturzwelle der Müglih überrascht. die auf dem Bahnhof alles mit fortriß. Die Bahnivagen liegen zum Teil 200 bis ZOO Meter weil auseinandtt. Wie die Reichsbahndirektion mitteilt, sollen Zugpersonal und Passagiere nach längerer Zeit unverletzt geborgen sein. Im Müglitztal sind die Bahngleise unterspült und zum Teil fortgeschwemmt. Die Straßen sind ausgerissen und die Brücken»veggeschwemmt. Die Häuser sind schwer beschädigt. Die Stadt Pirna wurde in der Rächt zum größten Teil überschwemmt, so daß die Feuerwehr die Stadtbewohner zum Räumen der Keller veranlassen mußte. Von verschiedenen Seiten wälzten sich die Wasserfluten in die Stadt. Ein Sportplatz wurde unter Wasser gesetzt. Die Katastrophe dürfte die von 1897 weit übertreffen. Die Flut stand in der Stadl Pirna einen halben Meter und höher. Auch die Geschäftsslclle unseres Parteiorgans und die Volksbuchhandlung standen unter Wasser. Es wurde aber verhältnismäßig wenig Schaden angerichtet. Auch in der Fabrikstadl Heidenau wurde schwerer Schaden verursacht. Die Maschinenfabrik I. M. Lehmann, sowie die Fabrik von Volkmar, hcnnig u. Co. standen beute früh vollkommen unter Wasser. Die Brücken an der Müglitz sind durch die Flut eingestürzt, ebenso sind d!e Dämme der Müglitz im Gebiet von Heidenau an vielen Stellen fortgefpüit. Die angrenzenden Straßen sind durch die Wassermengen ausgerissen worden. 2lus Königslein in der Sächsischen Schweiz wird uns gemeldet, daß auch im n ö r d» lichen Böhmen nahe der sächsischen Grenze das Unwetter sehr verheerend gewirkt haben muß. Die Elbe führte heule friih um sieben Uhr große Mengen von Bäumen, Gestrüpp, Häuserbalken und Vieh mit sich. Weitere LNelüungen. P i r n a i. 9. Juli.(MTB.) Ein furchtbares über das Gebiet des nordöstlichen Erzgebirges niedergehendes Unwetter führte getvaltige Wassermassen ,u Tal. die besonders das Müglitztal auf das furchtbarste heimsuchten. WTB. meldet, daß das Unlvetter in Gottleuba und im Müglitztal zahl- reiche Menschenopfer gefordert hat. Ta die Fern- sprechverbindungen zum Teil unterbrochen sind, lassen sich zuverlässige Angaben über die Zahl der Toten noch nicht machen, doch werden von der Amtshauptmannschaft für Berggießhübel 4V bis SV, für Gottleuba 8 Personen als vermißt gemeldet, die größtenteils unter den Trümmern eingestürzter Häuser begraben sind. Auch aus Glashütte und Wesen- st e i n werden mehrere Todesopfer gemeldet. Wie die Neichsbahndirektion mitteilt, sind durch die unge- Heuren Regenmengen die Anlagen der von Pirna auS- gehenden Nebenbahnen teilweise z e r st ö r t worden, so daß der gesamte Verkehr auf diesen Linien eingestellt »verde» mußte. Ter Personenverkehr wird zum Teil durch Autobetricb aufrechterhalten. Dresden. S. Juli.(MTV.) Die Reichsbahn- direktion Dresden teilt mit: Auf der Linie Heidenau— Altenberg mußte der Personenzug SSOO, der Heidenau gestern 21 Uhr verlassen hatte, in Glashütte zurückgehalten wer- den. Die Reisenden konnten infolge der plötzlich un- geheuer anschwellenden Müglitz den Zug nur teilweise verlassen. Das gesamte Bahnhofsgelände wurde drei Meter hoch überschwemmt. Die im Zuge verbliebenen Reisenden konnten erst gegen 1 Uhr geborgen werden. Weder Reisende noch Zugpersonal wurden verletzt. f�ibeng "�1 \�F/Vv7<3 • Ä üippoWiswdt Weesenstein ■»"7*732 r- "K Schandau) Bergg/esspüöe/ Mashüfte*GoMetibd* c i o w)a Uei t Zur Unwefser-Katasfrophe. in derSächs�ch«/eiz Seileiüskunögebung ües Reichstags. Der Reichstag veranstaltete heule sofort nach Eintreffen der Un- glücksnachrtcht eine Beileidskundgebung. Aach der Rede des Abg. Dietrich- Baden zur Zollvorlage unterbrach Präsident Loebe die Verhandlungen und teilte dem tiefbewegten hause, das sich von den Plätzen erhebt, die Nachricht von der schweren IVellcr- kataslrophe mit, die sich in der vergangenen Nacht in Pirna und den benachbarten Orten ereignet hat. Er gab dabei der Hoffnung Ausdruck, daß sich die bisherigen Nachrichten über die Zahl der Opfer nicht in vollem Umfange bestätigen würden. Schweres Un- g l ü ck sei über viele Familien gekommen, der Reichstag spreche ihnen sein Beileid aus. Der Präsident erklärt, daß er keinen Zweifel daran habe, daß die Behörden alles tun werden, um die schweren Wunden zu heilen, die dieses Unglück geschlagen habe. Die Nacht öes Schreckens. Dresden. 9. Juli.(TU.) Zu der Unwetterkatastrophe, die, wie bereits berichtet, letzte Nacht das Elbctal heimsuchte, werden noch folgende Einzelheiten bekannt: Die Müglitz ist aus ihrem Bett ge- treten und d>e Ufer bieten ein Bild grauenvollster Tragödie. Um 29 Uhr erhielt das Bürgermeisteramt in Glashütte von Lauenstein aus die Mitteilung, daß Hochwassergefahr im Anzug sei. Die Feuerwehren waren sofort zur Stelle. Die Müglitz schwoll mit jeder Minute und in Stunden war die Gesahrenmarke er- reicht. Um 23.15 Uhr wurden durch die Müglitz gewaltige holz- massen angetrieben und kurz darauf kam eine zwei Meter hohe Welle in das Tal gesaust, die rechts und links und vor sich alles mit sich fortriß. Kurz vor 24 Uhr war die Verwüstung geschehen, die Katastrophe hatte ihr Ende erreicht. Bor dem Bahnhof Glashütte steht noch der letzte Zug nach Geising— Altenburg, den man glücklicherweise angehalten hatte. Die Passagiere haben in den umliegenden Wirtschaften Unterkunft ge- sunden. Von der Gewalt des Wassers wurden Telephon- und Tclegraphenstangen sowie Bahnwärterbuden wie Streichhölzer umgeknickt und mit fortgerissen. Die Der Zollwucher besiegelt! Der Reichstag nahm heute nachmittag in namentlicher Abstimmung das Jollgesetz mit 278 gegen 134 Stimmen bei einer Enthaltung an. Von der Linken wurde das Ergebnis mit lauten Pfui» rufen begleitet, während die Blockparteien mit demonstrativem Beifall antworteten. Ter Reichstag aufgeflogen. Nach Erledigung der Zollvorlage stellte der Präsident einen gemeinsamen Antrag sämtlicher Parteien zur Beratung, wonach die Negierung aufgefordert wird, schleunigst Erwägungen darüber an- zustellen, wie den Opfern der Unwetterkatastrophe geHolsen werden kann. Die Kommunisten benutzten diese Gelegenheit zur B e r a n- staltung eines Höllenlärms, so daß der Präsident sich genötigt sah, die Sitzung aufzuheben und den Aeltestenrat einzu- berufen. Eisenbahnbuden sind umgerissen und teilweise 69, 199 und 399 Meter weit abgetrieben. Unterhalb des Bahnhofs hat sich die Müglitz ein neues Bett gegraben, Kinder wurden in ihren Wagen von Männern durch das Wasser getragen, Frauen wurden teilweise auf Tragbahren hinübergeschafft. In Berggießhübel sind einige Häuser weggeschwemmt. Das Wasser führt noch viel totes Vieh mit sich. Der'Wasserstand der Elbe ist stark gestieren. Auf dem Flusse treiben Hausgeräte und Holzmassen. Teilweise ist der regelmäßige Dampsschifsahrts- verkehr unterbrochen. Versäumnisse üer Sureaukratie. Von den sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten des ostsächsischen Wahlkreises erfahren wir über die sächsische Wolkenbruch- katastrophe folgende Einzelheiten: Die heutige Katastrophe war seit langem vorauszusehen, und daß sie nicht verhindert wurde, ist lediglich auf die bureaukratischen Widerstände zurückzuführen, die, gestützt auf angeblichen Geldmangel, den von uns seit Jahrzehnten immer wieder geforderten Bau von Staudämmen in den gefährdeten Seitentälern der Elbe verhindert haben. Schon im Jahre 1897 war eine ähnliche Ueberschwemmungs- katastrophe nach einem Wolkenbruch in einem Ncbental, das gleich- falls bei Pirna mündet, entstanden. Damals wurde insbesondere die Ortschaft Weisseritz schwer heimgesucht. Zahlreiche Häuser stürzten ein, und es gab über vierzig Tote. Unter dem Eindruck dieses Unglücks wurde der Bau von zwei Staudämmen oberhalb von Weisseritz bewilligt und beschlossen. Seitdem ist das Weisseritzer Tal gesichert. Aber obwohl'Mir Sozialdemokraten schon damals und seither ununterbrochen den Bau weiterer Talsperren forderten, ge- schah nichts zum Schutze der Einwohner des jetzt betroffenen Ge- bietes. Dieses ist dadurch besonders gefährdet, daß nach jedem Wolkenbruch auf den Erzgebirgskämmen die Fluten mit unheimlicher Geschwindigkeit anschwellen und man dort schon wiederholt sehr nahe einer Ueberschwemmungskatastrophe war. Das gleiche gilt übrigens für andere Seitentäler der Elbe in der Sächsischen Schweiz, z. B. für das Gebiet zwischen Schweizer Mühle und K ö n i g st e i n, in denen Gewitterbildungen besonders häufig vorkommen, sowie auf dem rechten Elbeufcr für das Gebiet von Siebnitz. Außer den im Weisseritzer Tal gebauten Staudämmen ist in der ganzen Sächsischen Schweiz bisher nicht eine einzige Talsperre errichtet worden. Die bisher als besonders schwer betrosfen genannten Ortschaften Gottleuba und Berggießhübel sind von einer Bevölke- rung bewohnt, die an sich unter recht kümmerlichen Verhält- nissen lebt und in ihrer überwiegenden Zahl die Treue zur Sozial- demokratischen Partei stets bekundet hat. Wetterkatastrophen in ganz Deutschlanü. Hirschberg. 9. Iuli.(WTV.) Das gestrige Unweller, das besonders in den Nachmiltagslunden über dem Zsergebirge und Riesengebirge tobte und von wolkenbrucharligem Regen begleitet wurde, hat in mehreren Orlschasten verheerend gewirkt. Am schlimmsten wurde Seisershau betrossen. Drei Scheunen wurden dort von den Wassermassen vollständig weggerissen, mehrere Gebäude unterspült und beschädigt. Sämtliche Brücken im Orte sind zerstört; der Verkehr durch die Orlschast ist vollkommen gesperrt; auch die Lichtleitungen und die Telephonleilungen sind zerstört. Das Wasser stieg in den Häusern bi» zu drei Meter höhe. Ein GeHöst wurde durch Blitzschlag vollständig eingeäschert. Erheblicher Schaden wurde auch in Nieder-Erommenea». Alt- Chemnitz, petersdors, Schreiberhau und Hartenberg verursacht. Opfer an Menschenleben sind nicht zu beklagen. Der Gesamlschaden gehl in die Millionen. Uslar, 9. Juli.(WTB.) Bei dem schweren Gewitter, das gestern abend Südhannover heimsuchte, wurde in Trögen im Kreise Northeim der Hofbesitzer Schlemme und sein Bruder vom Blitz erschlagen. Sie waren nach einem sogenannten kalten Schlag auf den hauzboden gegangen, um nach dem ange- richteten Schaden zu sehen. Da fuhr ein zweiter Blitz in das Haus und tötete beide. Worbis, 9 Juli.(WTB.) Gestern abend und die ganze Nacht hindurch sind schwere Gewitter auf das E i ch s f« l d niedergegangen. Die Lichtleitungen wurden beschädigt und die Orte liegen zumeist im Dunkeln. Der wolkenbruchartige Regen richtete aus den Feldern und in den Gärten beträchtlichen Schaden an. In dem hoch gelegenen Dorf Kaltohmseld traf ein kalter Blitzschlag die jahrhundertalle Kirche. Ferner wurden durch Blitzschlag verschiedene große Wirtschaftsgebäude, Scheunen und Stallungen zerstört. Schweine und Kleinvieh verbrannten. Saarbrücken. 9. Juli.(WTB.) In der vergangenen Nacht ging über das S a a r g e b i e t ein schweres wolkenbruchartiges Ge- ivitter nieder, das großen Schaden anrichtete. Die Telephon- Verbindungen nach Straßburg, Nancy, Metz und Paris sind voll- kommen gestört. Endkampf um den wucherzoll. Der Rechtsblock beharrt auf feiner Vorlage.— Lehte Abrechnung im Reichstag. An seinem letzten Arbeitstag vor den Sommerferien hat sich der R e i ch s t a g schon um 10 Uhr vormittags versammelt. Die Tagesordnung ist mit 16 Punkten reichhaltig genug aus- gestattet. Der wichtigste steht an erster Stelle: Die Zoll- vorlagen. Pünktlich um 10 Uhr eröffnet Präsident Löbe die Ver- Handlungen. Einige Heiterkeit erregt es. daß der völkische Abgeordnete Henning heute noch um einen Urlaub von vier Wochen wegen Krankheit nachsucht. Das Gesuch wird. wie üblich, genehmigt. Dann soll die dritte Lesung der Zollvorlage beginnen. Aber noch ist die Regierungsbank leer, trotzdem es sich hier um die wichtigsten Interessen der breiten Massen des Volkes handelt. Der sozialdemokratische Abgeordnete H i l s e r d i n g beantragt die Vertagung der Sitzung, bis die vor allem an diesem Gegenstand beteiligten Minister der Ernährung und der Wirtschaft zur Stelle sind. Aber die Rechte hat es eilig: sie will in die Ferien und sie will den Zollwucher, darum stimmt sie den sozialdemokratischen Antrag nieder. Die allgemeine Aussprache beginnt: sie war bis zur dritten Lesung vertagt worden, entgegen der sonstigen Uebung hat man die Einzelberatung schon bei der zweiten Lesung vorweggenommen. Erster Redner ist der der größten deutschen Partei, Genosse Dr. Hertz. Nach den ersten Sätzen erscheint endlich Herr Schiele, deutschnationaler Ernährungsminister, etwas später auch der Reichswirtschaftsminister Dr. C u r t i u s. Die sachkundigen, mit leidenschaftlichem Ernst vorgetragenen Ausführungen des sozialdemokratischen Redners werden mit größter Aufmerk- famkeit aufgenommen, auch auf der jetzt stärker als sonst be- setzten Rechten. Herr Schiele macht sich einige Notizen für die Regierungserklärung, die mehr als dürftig ausfällt. Die Verteidigung der Wucherpolitik des Bürgerblocks verliest der Deutschnationale T h o m s e n. -» Zur Zolldebatie, die das Gesetz in dritter Lesung behandelt, er- hält als erster Redner das Wort V?. Hertz(Soz.j Die Regierungsparteien haben es nicht für notwendig gehalten, sich gestern an der sachlichen Aussprache zu beteiligen. Ich nehme an, daß sie auch heute eine derartige Absicht nicht haben. Sie, meine Herren, scheinen dies für ein Zeichen der Stärke zu halten. Ich aber sehe darin nichts anderes als den Ausdruck der Verachtung gegenüber dem Volk(sehr wahr! b. d. Soz,— oho! rechts), um dessen Jnter- essen es sich hierbei handelt, und als eine Bestätigung dafür, daß Sie sich selbst in dieser Lage so unsicher und so unentschlossen fühlen, daß Sie keine Möglichkeit sehen, Ihre Position mit fach- l i ch e n A r q u m e n t e n zu rechtfertigen. Denn darüber kann doch wohl kein Zweifel bestehen, daß diese Zollvorlage nicht aus sachlichen Erwägungen geboren ist, sondern daß sie den polikischen Krels für die Preisgabe von Prinzipien darstellt.(Lebhafte Zustimmung b. d. Soz.) Wenn man noch einen Beweis dafür haben wollte, so haben ihn die Ausschuhverhandlungen erbracht. Das gilt insbesondere von dem Zeitpunkt, den Sie sicb für Ihre Zollerhöhungen ausge- sucht haben. Selbst der Herr Abgeordnete Lammers hat im Aus- schuh erklärt, düß man mit dieser Vorlage><ühig hätte warten können. Sie haben in Genf über den Z o l l a b b a u verhandelt, und die deutschen Vertreter haben den Beschlüssen der Genfer Weltwirt- schaltskonserenz über den Abbau der Zölle zugestimmt.(Andauernde große Unruhe.) Die Reichsregierung hat sich zweimal feierlich zu diesen Be- schlüssen der Genfer Weltwirtschaftskonferenz bekannt. Trotzdem bat sie zu gleicher Zeit als unmittelbare Antwort auf das theoretische Bekenntnis zum Zollabbau hier Zollerhöhungcn oorge- schlagen. Niemand kann sich darüber wundern, daß die Welk erneuk den Eindruck bekommt, daß die deutsche �Politik zweideutig ist(sehr richtig! b. d. Soz.), daß sie zwar ein theoretisches Bekenntnis für den Z o l l a b b a u ablegt, aber nicht daran denkt, dieses Bekennt- ins zu verwirklichen. Reben dem moralischen Schaden, der Deutschland dadurch zugefügt wird, steht aber der materielle. Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß diese zweideutige Haltung Deutschlands die Stellung feiner Unterhändler bei hondclsverlrags- Verhandlungen weiterhin erschweren wird. Das ist um so bedaucr- licher, als unsere Lage hierbei ohnedies geradezu trostlos ist. Was ist uns 1925 bei der Schasfung des autonamen Tarises nicht alles verspl ochcn worden. Die Industriezölle, deren exorbi- tante Höhe sachlich ja nicht verteidigt werden konnte, sind von Ihnen stets nur unter dem Gesichtspunkt der Verhandlungszölle gewertet worden. Wie aber stehen wir jetzt da? Wir stehen handelspolitisch vor einem Trümmerhaufen. Wie sieht denn die Bilanz unserer Handelspolitik aus? D-e wenigen Handelsverträge, die Deutschland seit 1923 ab- geschlossen hat, sind für Deutschland außerordentlich ungünstig. Mit den wichtigsten Staaten aber haben wir überhaupt keine Ver- träge abschließen können, zum Teil befinden wir uns mit ihnen sogar im Zollkrieg, wir stehen jetzt, 1927, noch dort, wo wir 1925 bei der Schaffung des autonomen Zolltarifs gestanden haben. Wir sind um keinen Schritt weiter gekommen und haben die große, starke Belastung der deutschen Wirtschaft mit Industrie- und ' Handelszöllcn all die Jahre hindurch ganz vergeblich ge- t r a g e n. Die Verhandlungen über den Vertrag mit Kanada sind gescheitert, allein deswegen gescheitert, weil wir uns nicht zu entsprochende» Zugeständnissen bei der Frage des M e h l z o l l c s haben oerstehen können.(Hört, hört! bei den Soz.) Seit zwei Iahren stehen wir im Handelskrieg mit Polen: der deutsche Export nach Polen ist in dieser Zeit wesentlich zurückge- gangen. Der deutsche Osten leidet außerordentlich stark unter diesen Wirkungen. Reben diese augenblickliche Schädigung der deutschen Wirtschast tritt die Gefahr einer dauernden Schädigung des ganzen deutschen Ostens und der ganzen deutschen Wirtschast durch diesen lang andauernden Zollkrieg mit Polen: denn je länger der Zollkrieg andauert, um so mehr erleichtern wir damit das Eindringen der konkurrierenden Länder in den polnischen Markt, je länger der Zollkrieg andauert, um so mehr begünstigen wir die Begründung pnd die Entwicklung der einheimischen polnische» Industrie. IV Ir müssen bei einem langandauernden Zollkrieg mit Polen mit der Tatsache rechnen, daß dieser für uns ungeheuer wichtige Wartt, der fast 10 Proz. unserer ganzen Ausfuhr aufzunehmen Imstande wäre, uns künstlich in starkem Umfange gedrosselt wird und niemals wieder in altem Maße zu erschließen sein wird. Sie können sich kein größeres Armutszeugnis ausstellen, als das, daß das große Deutsche Reich, das so stolz ist auf seine fähige Ver- waltung und aus seine staatliche Unabhängigkeit, nicht imstande ist, zu eineni Handelsvertrag mit Polen zu kommen, sondern private Hilfe durch die Herren Lammers und v. Raumer in Anspruch nehv.ien muß.(Sehr richtig! link».) Wir haben aber durch den Zoll» tarif nicht nur keine Vertrage erreicht, wie Sie das damals immer behauptet haben, sondern wir sind auch auf den hohen Zndustriezöllen sitzen geblieben. wir haben das deutsch« Preisniveau künstlich um die Zölle erhöht. Wir haben die llebermacht der Kartelle verstärkt, die diese Zollsähe zur Preissteigerung auf dem Inlandsmarkt ausnützen: wir haben die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands auf dem Weltmarkt geschwächt und seine Verbraucher nicht nur von cebensmilteln. sondern auch der inneren Erzeugnisie aus das empfindlichste belastet. Run sagt man, die hohen Zollsätze wirken sich ja durchaus nicht voll aus. Redner liefert an Hand der Eisenpreise den Beweis, daß es doch der Fall ist: denn die hohen Eisenpreise— und ähnliche Beispiele lassen sich jür andere Industrien anführen— wirken sich in den Preisen� aller Erzeugnisse, auch der landwirtschast- lichen, fort.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die von Ihnen(nach rechts) so hoch gepriesene Parität im Zollschutz ist durch Ihr eigenes Verholten gestört worden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Sie selbst haben ja lm Jahre 1923 den hohen Industriezöllen zugestimmt. Sie selbst haben ja denautonomcn Zolltarif geschaffen, mit dem Sie jetzt selber geknebeli werden. Trotzdem halte ich es nicht für berechtigt, wenn die Rcichsregie- rung sich zur Rcchtserligung ihrer vorgeschlagenen Erhöhung der Zollsätze auf agrarische Erzeugnisse aus die Genfer Beschlüsse beruft. Denn wer vorurteilsfrei sowohl die allgememen Beschlüsse der Genfer Wellwirtschastskonferenz wie auch die Beschlüsse der landwirtschaftlichen Kommission betrachtet, wird nicht bestreiten können, daß der Zollabbau dort vorgeschlagen, also auch von den deutschen Vertretern gebilligt worden ist, und zwar so- wohl für die Industrie wie für die Landwirtschaft, deren Zollschutz nach den Beschlüssen der Genfer Konferenz aus das unentbehrlichste Mindestmaß zurückgeführt werden soll. Die deutscki« Zollpolitik seit dem Zahre 1925 hat nach meiner lieber Zeugung die Krise verlängert und die Krise verschlimmert. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Daran ändert auch der in den letzten Monaten eingetreten- Rück- gang der Erwerbslosigkeit nichts. Eine Massenerwerbslosigkeit von einer Million Menschen müssen wir noch als eine ernste Gefahr an- sehen. Durch den Z u ck c r z o l l soll nicht der Inlandsverbrauch er- höht, sondern der Auslandsabjag gestärkt werden. Auslandsabsatz von Zucker aber bedeutet in jedem Fall für Ver- gangcnhcit, für Gegenwart wie für Zukunft, daß wir dieses Er- zeugnis unter den deutschen Gestehungskosten ab- geben müssen. Wir geben also eine— P r ä m i e a u f die Erzeugung und die Ausfuhr van Zucker, eine Prämie, die einen G c- s a in t b e t r a g von 200 Millionen für die ganze deutsche Zuckererzeugung ausmacht. Diese 200 Millionen müssen von den deutschen Verbrauchern durch hohe Preise getragen werden. Das ist das typische Beispiel einer antinationalen Wirtschaftspolitik.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wir wolle» selbstverständlich eine starke deutsche Zuckerindustrie, aber wir wollen sie ausgebaut auf einem hohen Inlands absag. Wir tännen unseren Verbrauch an Zucker i» Deutschland steigern, wenn wir statt der Herausscgung des Zolls die stärkste Herabsetzung der Zuckersteuer, nämlich ihre Beseitigung, vornehmen, eine Preis- velbilligung schassen und damit d«n Anreiz geben, den Verbrauch auszudehnen. Dasselbe gilt von dem Kartoffelzoll, den Sic ja in diesem Augenblick oerdopplln wollen, wenn auch erst mit Wirkung vom Ende dieses Jahres ab. Es wird gesagt, der Kartosfelzoll sei eine Maßnahme für den Bauernschutz und zur Förderung der Siedlung geeignet. Wenn auch der Kartofsclbau in überwiegender Weise vom Kleinbetrieb betrieben wird, so sieht doch nach der Statistik die Tatsache fest, daß der handeis mäßige Berta us der Kartoffeln zum überwiegenden Teil von den Großbetrieben ausgeübt wird, daß die Kleinbetriebe ihre Kartosselerzeugung selber für Ernährungs- und Fütterungszwecke brauchen und daß nur die großen Anbauer verkaufen können. Das heißt also: ein Hinauftreiben des Preisc», wenn der Zoll wirksam wird. fördert nicht den tieinen Bauern, sondern schädigt ihn: er nutzt nur demjenigen, der über seinen eigenen Bedarf hinaus erzeugt. Deshalb ist die Erhöhung des Kartofseizolls nicht Sicd- lungspolitik, sondern ausgesprochene Iunkerpoiilik. Die�«chassung des Agrarprogramms durch den Kieler Parteitag der Sozialdemo- tratie hat auch die letzte Möglichkeit für jeden ehrlichen Gegner be- scitigt, von einer Bauern- oder Landwirtschaflsfeindlichkeit der sozial- demokratisch:» Arbeiterbewegung in Deutschland zu sprechen. Im Gegenteil, unsere(ialtnng liegt im Interesse der Bauernschaft, weil ja auch die jüngste Erfahrung gelehrt hat, daß eine vernünftige, den Interessen der Bauernschaft entsprechende Zollpolitik nicht mit der Großindustrie, sondern nur mit der Arbeiterschaft geschossen werden kann.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Denn die Er- Mäßigung der Indn striez olle, die eine viel größere Eni- lastung der bäuerlichen Produktionskosten bringen würde als die Heraufsetzung des Zolls, werden Sie nie und nimmer mit den Großindustriellen selber erreichen können, sondern nur mit denjenigen Teilen der Bevölkerung, deren Schicksal mit dem Gesamt- schicksnl der Ration verbunden ist. Daher wavcn wir dafür und werden Sie auch heute erneut vor diese Entscheidung stellen. jetzt nur die Verlängerung des geltenden Zolltarifs zu machen, für das S p ä t j a h r aber die Entscheidung auszusparen, e r n e u t zu den Zöllen auf Industrieerzeugnisje und Agrarerzeugnisi« Stellung zu nehmen. Neichsregierung und Neichsrat. In Ihrer Vorlage sind zwei Dinge enthalten: Verlängerung des Zolltarifs und Erhöhung einzelner Sätze. Indem Sie beide Dinge miteinander verkoppeln und sich unserem Vorschlage wider- setzen, die Erhöhung von der Verlängerung zu trennen, bermiben Sie den Reichsrat seines Mitbestimmungsrechtes, üben Sie— ich scheue mich nicht, das Wott auszusprechen— eine Erpresfertattik aus, indem Sie ihm die ganze Verantwortung dafür aufzubürden suchen, daß er, wenn er an feiner ablehnenden Stellung gegen den Kor- tosfelzoll festhält, dann auch die ganze Berantwortung dafür trägt, daß wir überhaupt keinen Zolltarif haben.(Sehr wahr! bei den Soz.) Wenn Ihre Position sachlich stark wäre, dann brauchten Sie solche Mittel nicht. Sie bestätigen damit nur, daß der Kartosfelzoll nur ein politische» Geschäft, nur der politische Kauf- preis für Dienste auf anderen Gebieten ist. Das Versprechen der Ermäßigung der Zuckersteuer ist gegeben worden, weil eine Besitzentlastung durch das Steuermilderungsgesetz vorausgegangen war, und weil die Massenbelastung zu hoch ge- worden ist Di« M a s s« n b« l a st u n g ist von 1913 aus 1923 um 180 Proz. gestiegen, viel stärker als die übrigen Steuern. Wer deshalb an den Absichten festhält, die de-- Reichstag einstimmig im Frühjahr vergangenen Jahres mit der Zuckersteuer hott«, wird sich heute unserem Antrag auf Beseitigung der Zuckersteuer deshalb nicht widersetzen können. Lassen Esie mich dem noch einige allgemeine Betrachtungen hinzufügen. Der jetzige Reichsaußenminister Dr. Strejemann hat die große Schwenkung in seiner inneren Politik im Jahre 1924 damit zu rechtsertigeu gesucht, daß die großen Fragen der Wirtschaft-- und Finanzpolitik nicht mit. sondern nur gegen die Sozialdemokratie gelöst werden können. Die Ersahrungen seit dieser Zeit haben gezeigt, daß der Rechts- block zu einer nationalen, im Interesse des ganzen Volkes liegenden Wirtschaftspolitik in gar keiner Weise imstande ist. Was inzwischen auf sozialpolitischem Gebiet geschehen ist� geschah nur deshalb, weil(nach rechts) Sie Furcht vor der Sozioldemokrane hoben, weil Sie Konzessionen auf sozialpolitischem Gebiet für not- wendig halten, um Ihre allgemeine politische Existenz aufrechtzu- erhalten.(Sehr wahr! bei den Soz.— Lachen rechts.) Aber ich frage die Herren vom Zentrum: Was nützt diese Sozialpolitik, wenn Sie gleichzeitig eine Wiri- schaftspolilik treiben, die von Woche zu Woche die Lebens- hailungskosten hinauslreibk, die die Lag« der Arbeiiermassen erschwert und den Reallohn senkt? Das allgemeine Urteil über Ihre Politik muß ganz anders lauten. wenn man sich ihre einzelnen Handlungen ansieht. Was haben Sie denn in den letzten Monaten getan? Für die Agrarier haben Sie die Zölle erhöht, siir die Unternehmer haben Sie die R e a l st e u e r n gesenkt und haben Sie gewisse Steuer- geschenkc gebilligt: die großkapitalistischen Schuldner haben Sie vor der Erfüllung Ihrer Verpflichtungen gegenüber den Sparern bewahrt.(Sehr wahr! bei den Soz.) Den Hausbesitzern haben Sie einen erhöhten Anteil an der M i e t e verichafst. Für die F ü r st e n und Standesherren haben Sie freie Bahn für die weitere Ausbeutung des Volksvermögens geschaffen und bei- spiellose Renten auf Grund skandalöser Rechtstitel gegeben. Für die Großpensionärc haben Sie eine Garantie ihrer ver- schwenderischcn Renten übernommen, trotz hoher Nebenbezüge, trotz Beteiligung an hochverräterischen Unter- nehmungen, trotz unzulänglicher Bezüge der Armee, der Kriegsopfer und der Kriegerhinterbliebenen,('sehr wahr! bei den Soz.) Sie haben also jede der Gruppen, die Ihnen nahestehen, jede der Gruppen aus den kapitalijchcn Kreisen mit irgendeinem materiellen Vorteil bedacht.(Sehr wahr! bei den Soz. Aber die jetzige Regierung hat durch den Herrn Reichspräsidenten die besondere Pflicht auserlegt bekommen, die berechtigten Interessen der breiten Arbeiiermassen zu wahren, haben Sie das auch getan? — Ich sage: Rein! Was haben Sie für die Liquidationsgeschädigten, um bei diesen Opfern des Kriegs und der Inflation anzufangen, getan? Die Kriegsbeschädigten warten noch heute auf die an- gekündigte Berbesserung ihrer Lage. Die Beamten haben statt barem Geld leere Versprechungen erhalten. Für die Ar- beiter haben Sic höhere Mieten eingeführt, höhere Preise ge- sichert und damit ein Sinken der Reallöhne konstatiert.(Sehr wahr! bei den Soz.) Das ist die Bilanz von S Monaten Ihrer Regierungstätigkeit. Sie haben sie mit Erhöhung der Zölle begonnen und beendigen sie mit Erhöhung der Zölle. Sie zeigen damit, daß die jetzige Rechtsregierung unter starkem Einfluß der großagrarischen kreise steht, daß die jetzige Regierung nur eine Regie- rung gegen das Volk ist und daß eine wahrhaft das Wohl de« Volkes fördernde Politik nur möglich ist mit der Sozialdemokratie.(Lebhaftes Bravo und Händeklatschen bei den Soz.) Die Ausflüchte öer Regierungsparteien. Hierauf lassen die Regierungsparteien durch den deutschnatio- nalcn Abgeordneten Thomjen eine gemeinsame Erklärung abgeben. Diese stimmt den Zollvorlage» zu und spricht die Erwartung aus, daß die Vorarbeiten zur Schaffung eines neuen Zoll- t a r i i s ungesäumt aufgenommen werden. Schweinehaltung und Kartosfelbau bildeten die wirtschastlichc Grundlage der kleinen und mittleren bäuerlichen Betriebe. Die Verschuldung dieser Be- triebe sei so sortgeschritten, daß ihr Schutz besonders nötig sei. Auch die Siedlungswirtschast stütze sich in der Hauptsache auf Kartoffelbau und Schweinehaltung. Daraus ergebe sich die Begründung eines ausreichenden Zollschutzes. Die Erklärung verweist dann auf die schwierige Lage des Obst, und Gemüsebaues sowie des ge- samten Molkereiwesens, ferner auf Uebelstände bei der Verteilung des Gesriersleischkontingents und empfiehlt die entsprechenden Ent- schließungen des Ausschusses. Der Zollschutz komme auch der konsumierenden Bevölkerung zugute, da er die Erzeugung steigere und damit die erstrebte möglichst große Unabhängigkeit unserer Ernährung vom Auslande gewährleiste. Jede Steigerung der Intensität der Landwirtschast vermehre auch die Nachfrage nach Arbeitskrästen. Mit allen Mitteln müsse aber auch die technische Entwicklung der Landwirt- schast gefördert werden. Reichvernahrungsminister Schiele das Wort, um auf die Aussiihrungen des Abg. Dr. Hertz zu erwidern. Die Behauptung von einem Gegensatz zwischen der Politik der Reichsregierung und den Beschlüssen der Genfer Weltwirtschafts- konfercnz sei schon widerlegt durch die Erklärung der Abgc» ordneten Lanimcrs und Hermes. Zu der im Ausschuß angenommenen Entschließung der Regie- nlngsvarteien über das Gefrierfleischkontingent erklärte der Minister: Um die Neuverteilung den Bcdarssvcrhältnissen anzupassen. sei es erforderlich, der Kontingentierung den Verbrauch an zollfreiem Gefrierfleisch im ersten Bierteljahr 1927 zugrunde- zulegen. 77 Proz. der zollfreien Gesriersieischmengc werde in 83 Groß- j städten verbraucht, und der Konsum sei sehr schwankend. Es wäre deshalb ver« fehlt, an der früheren Grundlage der Berteilung starr festzuhalten. Für die Reuerteilung am 1. Oktober 1927 solle ein neuer Plan aufgestellt werden. Der Handel mit zollfreiem Gefrierfleisch von Grossist zu Grossist sei auszuschalten, damit nur der letzte für die Belieferung der Verkaufsstellen in Frage kommende Verteiler den Zollerlaß für das Gesriersleisch in Anspruch nehmen könne. Di« Vermischungvon zollfreien Kontingenten mit un- verzollter Ware sei zu verbieten, weil sonst eine ein- wandfreic Preisgestaltung für den Verbraucher nicht gewährleistet sei. Wer zollfreies Gefrierfleisch verkaufe, dürfe keine verzollte Ware führen. Eine Verbindung zweier Konlingente zum Zwecke eines Per- kaufsabschlusses sei nicht zulässig. Der kommunistische Abg. koehnen wirft dem Minister Schiele vor, er habe dl« Verantwortung für die neu« Belastung der Arbeiterschost von sichabgewälztaufdasZentrum, dessen Vertreter Lammsrs und Hermes jetzt als Feigenblätter für die Zoll- crhöhung dienen müßten. Das Zentrum habe mit der Zu- stimmung zu den Zollerhöhungen alles das verleugnet, was Zentrumsabgeordnete in den Versammlungen der christlichen Gwerkschaften bekunden. Abq. viekrich-Baden(Dem.) betont, das Ziel der Genfer Kon- ferenz würde bester erreicht werdcn, wenn man durch Herab- sctzung der Industriezölle einen Ausgleich mit den Agrar- zollen sucht, statt umgekehrt, durch Erhöhung d-r Agrarzölle die Lösung zu suchen. Der Reichswirtschastsminister habe offen zu- gegeben, daß die hohen Industriezölle die Produktionsbedingungcn der Landwirtschaft verieuert haben. Die Sitzung wird dann vom Präsidenten Löbe zu einer Bei» leidskundgebung für die Opfer der Unwetterkata- st r o p h e ausgefordert, worüber wir an anderer Stelle berichten. Abg. Tehr(Wirtsch. Bgg.) sieht das Ergebnis der Genfer Welt- wirtschastskonferenz in der Forderung der Angteichung der Agrarzölle an die Jndustriczöllc. Dozu sei die Bor- lag« der erste Schritt. Leider sei in der Vorlage nicht der schweren Notlage der milcherzeugenden Landwirtschast genügend Rechnung ge- tragen. Di« A b st i m m u n g über die Zollvorlage ist in den frühen Nachmittag» st unden zu erwarten, Die Reform der Ehescheidung. Anträge des Prof. Kahl. Die Ehescheidltngsreform nimmt jetzt greifbare Ge- statt an. Di« Beratungen des Rechtsausschusses des Reichstages Mitte Januar dieses Jahres endeten, mit der Feststellung, daß der Vorsitzend«, Geheimrat Dr. Kahl, gebeten wurde, die Anträge zu formulieren, die er zur Ehescheidungsreform zu stellen bereit war. In der Freitagfitzung des Rechtsausschusses hat Dr. Kahl den von ihm formulierten Antrag mitgeteilt. Er lautet folgendermaßen! „Auf Scheidung kann auch dann geklagt werden, wenn aus anderen Ursachen eine so tiefe Zerrüttung des ehelichen Verhältnisses eingetreten ist. daß. eine dem Wesen der Ehe ent- sprechende Fortsetzung der Lebensgemeinschaft nicht mehr erwartet werden kann, und wenn die Ehegatten seit mindestens einem Jahr vor Erhebung der Klage gelrennt gelebt haben. Ist die tiefe Zerrüttung vorwiegend auf schuldhastes Ver- halten des einen Ehegatten, das an sich nicht die Scheidung aus § 1568 begründet, zurückzuführen, so kann der andere Ehegatte auf Scheidung klagen. Die Scheidung wird erst ausgesprochen, nachdem die Ehegatten durch endgültigen Vertrag ihre Unterhaltspflichten sowie die Erziehung der unmündigen Kinder geregelt haben. Auf Antrag eines Ehegatten entscheidet hierüber das Gericht nach freiem Ermessen." Genosse Dr. R o s e n f e l d beantragte darauf, daß der Rechts- ousschuß vor dem Wicderzusammentreten des Reichstages so recht- zeitig einberufen würde, daß bei dem Wiederzusannnentreten des Reichstags die Ausschuhberatungen beendet seien. Er wies darauf hin, daß die Ehescheidungsreform äußerst dringlich sei und nicht weiter hinausgeschoben werden dürfe. Abg. Brodaus(Dem.) schloß sich dem Antrag des Genossen Rosenseld an. Der Ausschuß beschloß demgemäß, möglichst noch vor dem Wiederzusam- mentreten des Reichstages die Ehescheidungsreform zu Ende zu beraten. Tradition der Monarchie. Tic Reichswehr als Staffage. Wir haben dieser Tage eine Reihe von Fällen angeführt, wo an- scheinend aus Tradition sich Reichswehr- und Marine- Offiziere sowie ganze Reichswehrabteilungen an Kriegervereinsveranstaltungen beteiligt haben, die nur den Zweck hotten, den ehemaligen Kaiser und das alte monarchistische System zu verherrlichen. Folgende Fälle liegen in der gleichen Richtung: 1. In D e m m i n fand am Sonntag, dem Z. Juli, ein so- genannter Ulanentag mit Fahnenweihe statt. Der ehemalige Schwadronschef im kaiserlichen 9. Ulanenregiment, Generalmajor Dreher hielt eine Begrüßungsansprache. Währenddem ein Kommers in der Turnhalle stattfand, spielte die Regimentskapelle des ReichswehrreiterregivKNts Nr. 6 unter Leitung de« Obermusik- meistere Klammberg auf dem Turnhallenplatz. Am Sonntag wur- den in Anwesenheit mehrerer Kriegervereine auf dem Marktplatz in Demmin die Fahnenweihen vollzogen durch Generalmajor Dreher. Unter Vorantritt der in Demmin stationierten Traditions- cskadron der Reichswehr marschierte dann der Festzug zum Ulanen- denkmal in den Sandbergtannen. Hier fand die Weih« eines am Denkmal angebrachten Reliefs statt. Am Nachmittag fand man sich auf dem kleinen Exerzierplatz an der Jarmencr Chaussee ein, wo die Traditionsestadron der Reichswehr ein Sportfest veranstaltete. 2. Am 2. und 3. Juli fand in D a r m st a d t die Einweihung eines Denkmals für die hessische Artillerie statt, an der sich auch der ehemalige Großherzog von Hessen in Generalsuniform mit Söhnen und„Gefolge" beteiligten. An dieser Feier hat nach der Meldung des„Hessischen Volkssreund", Nr. 153. vom 4. Juli 1927, die Kapelle des Reichswehrinfanterieregiments Nr. 5 unter Leitung ihres Musikmeisters Hebers teilgenommen. Der Traditionstruppen- teil des Reichswehrinfanterieregiments Nr. 5 war durch einen Hauptmann vertreten, der am Denkmal einen Kranz niederlegte. Nach der Kranzniederlegung erfolgte Vorbeimarsch an dem«he- maligen Grohherzog mit seinen Söhnen. Hierzu spielte die Reichs- wehrkapclle, die sich am Schluß des Vorbeimarsches dem Parade- marsch vor dem ehemaligen Grohherzog von Hessen anschloß. 3. Bei der bereits mitgeteilten Veranstaltung in P a s e w a l k hat, wie noch ergänzend bemerkt werden soll, die 1. Eskadron des Reiterregiments 6 auch an dem Vorbeimarsch vor dem kaiserlichen General von Falkenhayn teilgenommen, jenes Falkenhayn, der in seiner Ansprache ganz besonders auch„ihrer Majestät der hoch- seligen Kaiserin" gedachte. Die Kapelle des Reichswehrreiter- regimcnts Nr. 6 befand sich an der Spitze des Kriegeroereins- festzuges. Der Reichswehrministcr erklärt das republikanische„Reichs- banner Schwarz-Rot-Gold" für«inen politischen Verein, mit dem die Reichswehr auch nicht die leiseste Tuchfühlung holten dürfe. Doch die Militäroereinsporadcn, bei denen offen und versteckt Propaganda für die Monarchie getrieben wird, finden immer wieder statt, ohne daß der Wehrminister dagegen einschreitet. Oder wird ihm„dienstlich" nichts von ihnen bekannt? Dann sollte er sich schleunigst Meldung erstatten lassen..» Pelden! Teutschnationalc und Kricssgerätegesetz. Bei der Abstimmung zum Kricgsgerätegesetz haben sich 40 deutschnationale Abgeordnete von III ge- drückt, 2 haben sich der Stimme enthalten. Die Namen derer, jdie sich gedrückt haben, sind: Bazille, Berndt, Bruhn, v. Dewitz, Graf v. C Ulenburg, Dr. Evcrling, Freytagh-Loringhoven, Gock, Goldocker, Graes-Ihüringen, Hoack, Dr. Haedcnkamp, Dr. Hanemann, Hart- mann, Hartwig, Hensel, Dr. Hugenberg, Dr. K l ö n n e, Dr. Koch-Düsseldors, Logcmonn-Hannover, Lohmonn, Frau Mueller- Otfrid, N c u h o u s, Dr. O u a a tz, Sauer, Schmidt-Hannover, Dr. Schneider, Siller, Dr. Spahn, Dr. Steiniger, Dr. Strathmann, Stubbendorf, Thomse», o. T i r p i tz, Vordemfelde, Dr. Werner, Dr. Wienbeck, Wolf-Stettin, Wormit. Enthalten haben sich der Stimme: Martin, Sachs. 49 Grundsatzfest« und Unentwegte, 71„Verräter"— ein« seine Fraktion. Bei der Dawes-Abstimmung war das Verhältnis noch halb und halb, seitdem sind sie noch mehr in die Brüche gegangen. Für ein paar Pfennige Zoll braucht man ja auch nicht mehr »ati onal zu sein._ �Worüber klagt der Soldat/ 6 Monate Gefängnis für Gruft Friedrich. -Ernst Friedrich kommt aus den Beleidigungsprozesien nicht mehr heraus. Eigentlich wäre er alt und erfahren genug, um s° zu schreiben, daß sei,« Gedanken durch die unangebrachte Schärfe der Ausdrucksweise an Wirkung nichts einbüßten. Er ist aber in ge- wisse Ausdrücke verliebt. Er wiederholt sie immer wieder und bringt pch dadurch ins G-fänoni», ohne seiner Sache zu nutzen. Diesmal handelte es sich um zwei Anklagen. Gegenstand der fctffen war ei» Flugblatt:„Worüber klagst du. Soldat. paf Fnedr'ch bereit» wegen diese» Flugblatts zu emer Sc- l fängnisstrafe verurteilt worden. Durch die Amnestie wurde ihm die Strafe erlassen. Im vorigen Jahr aber kaufte sich ein Kriminalbeamter das Flugblatt. Als Vcrlagsort war ein Ort in der Schweiz an- gegeben. Ein weiteres Flugblatt wurde im Kriegsmuseum gesun- den, und etwa 299 Exemplare davon tonnten in den Räumen der „Freien Jugend" beschlagnahmt werden. In diesem Flugblatt wur- den die Kasernen als Zllörderschulcn bezeichnet, Soldaten als Mär- der und dergleichen mehr. Das Rsichswehrministerium strengte er- neut eine Beleidigungsklage an. Zwar erklärte Friedrich, daß er mit der Verbreitung de- Flugblattes nichts zu tun habe: das Ge- richt verurteilte ihn trotzdem zu einer Gefängnisstrafe von drei Mo- naten. Der zweite Fall bezog sich auf einen Artikel in der„Schwor- zen Fahne". Friedrich führte darin die hohe Kriminalität der Reichswchrsoldaten und der Schupobcamten an und knüpste an diese Tatsache Betrachtungen an, bei denen er sich seiner üblichen Aus- drucksweise bediente In diesem Falle hatte sowohl der Reichswehr- minister als der Minister des Innern die Beleidigungsklage ange- strengt. Dos Gericht erkannte zwar die Richtigkeit der angeführten Kriminalstatistik an, stellte jedoch sest, daß sie nur in der Absicht ge- nannt sei, um sowohl die Reichswehr als auch die Sipo herunter. Mreißen und sie in den Augen der össentlichen Meinung verächtlich zu machen. Sowohl jene wie dies« bedürsten aber des Vertrauens des Volkes, dessen Organe sie sind. Das Gericht verurteilte für diesen Fall Friedrich zu 5 Monaten Gefängnis und zog beide Strafen zu 6 Monaten Gefängnis zusammen. Man mag zu Friedrichs Schreibweise stehen wie man will. Daß sie aber mit so hohen Strafen belegt werden müßte, kann durchaus nicht einleuchten. Es wäre nur recht und billig, wenn die zweite Instanz an Stelle der Gesängnisstrase aus eine Geldstrafe erkennen würde. Ernst Friedrichs Schreiben ist wahrhaftig nicht gefährlich.— Gestern fand auch«ine Berusungsverl�indlung gegen Friedrich statt. Er war in der ersten Instanz wegen Beleidigung der Kirche Gerüfteinftnrz in Eharlottenburg. Zwei Arbeiter schwer, ei« weiterer leicht verletzt. Auf dem Hof des Grundstückes Krümmest r. 17 zu Chor- lottenburg ereignete sich heut« früh kurz vor 8 Uhr ein schwerer G e r ü st e i n st u r z, bei dem sich zwei Arbeiter lebensgefährliche Verletzungen zuzogen. Ein dritter Arbeiter kam wie durch ein Wunder mit leichten Verlegungen davon. Seit einigen Tagen sind mehrere Arbeiter mit dem Putzen der Hinterhausfassade beschäftigt, wozu ein große» Stangengerüst er- richtet wurde. Heute früh, kurz vor 7 Uhr, hatten drei Arbeiter das Gerüst in der Höhe des zweiten Stockwerkes gerade betreten, als man ein laut vernehmbares Krachen vernahm. Ein stark an- gesaulter Netzrieget(Verbindungsstück) war infolge der Belastung plötzlich gebrochen. Das ganze Gerüst stürzte zusam- :n e n und riß die Arbeiter mit in die Tiefe. Auf den Alarm „Menschenleben in Gefahr" eilte die Feuerwehr mit mehreren Ret- tungswagen an die Unfallstelle und befreit« die Verunglückten aus dem Gewirr der Hölzer und Stangen. Die Verletzten, der Arbeiter Friedrich S ch r ö t e r aus der W a r t h e st r. 3 zu Neukölln. Walter Böhm aus der E i f e n a ch e r S tr. 59 zu Schöneberg und Otto M a n h ü g e l aus der Potsdamer S t r V ß e zu Charlo!t/.1- burg wurden durch die Feuerwehr in das Krankenhaus Westend geschasst. Wöhrend Schröter nach ärztlicher Behandlung und Anlegung von Notverbänden in seine Wohnung übergeführt werden konnte, nuißten Böhm und Manhügel im Krankenhaus verbleiben, wo sie mit schweren inneren Verletzungen und Knochenbrüchen bedenklich darniederliegen. Di« Feuerwehr nahm die Ausräumungsarbeiten an der Unfallstelle vor. Von der Polizei wurde als Ursache des Einsturzunglücks, wie eingangs gesagt,«in fast durchfault er Netzriegel festgestellt. Warum muß er schwitzen? E» gibt eben Leute, die jeder Hitze trotzen können, die bei dreißig Grad im Schatten einen Pelz troqen. Warum sollen sie nicht, wenn es ihnen Spaß macht? Kein Mensch zwingt sie dazu: sie handeln aus eigenem Willen. Anders verhält es sich ober mit Menschen, die dazu gezwungen sind, sich wie für eine Nordpol- «xpedition ankleiden zu müssen. Zu diesen Bedauernswert«» ge- hören vor allem die Berliner Schupo. 2» dicken Rperen, behänge» mit Revotoern, Dolchen und äh-nlichen Schutzrequisiten, — es handelte sich dabei um Verächtlichmachung des Zölibats— zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Dos Ge- richt verwarf die Berufung des Angeklagten. Südslawien und Griechenland. Gin neues Bündnis? Paris, 8. Juli.(Eig. Drohtbericht.) Dein„Temps" zufolge sind in den letzten Tagen zwischen dem griechischen und dem jugo- slawischen Gejandten in Paris durch Vermittlung de- früheren sran- zösiichen Gesandten in Athen, de Chambnin, die Grundlagen zu einem griechisch-jugoslawischcni Abkommen gelegt worden. Jugoslawien soll dabei aus alle Privilegien in der Frage der Saloniki- Bahn, die mit dsr Souveränität des griechischen Staates unvereinbar wären, verzichtet haben. Zwischen diesen beiden Staaten, die(oereint mit den Bulgaren) einst die Türken vom Balkan verjagt haben und auch im Weltkrieg Verbündete waren, hat längst ein Bündnis bestanden, das aber schon sehr lose geworden war. Sollte es richtig sein daß Südslawien um den Preis der Neuknüpfung des Bandes auf so wichtige Interessen, wie die Vorzugsstel- lung unter den Fremden in dem großen Aegäishafen Saloniki verzichtet— was wir einstweilen noch dahingestellt lassen— so geschieht es gewiß, um den Damm gegen weitere I t a l j a- n i s i e r u n g der Baltanhalbinsel zu verstärken. Eine Auswanderungstonseren; des Völkerbundes soll durch ein Komitee vorbereitet werden, das in Genf zusammengetreten ist. Berichterstatter ist S o k a l- Polen. dazu einen schweren Tschako auf dem Kops spazieren sie durch das Dasein. Vielleicht brauchen sie das alles zu ihrem persönlichen Schutz im Kampf mit Einbrechern und anderen finsteren Elementen der menschlichen Gesellschaft. Aber der V e r ke h r sf chu p o ist diesen Unannehmlichkeiten nicht ausgesetzt. Er macht allein mit den Armen Freiübungen, und kein Mensch wird ihn aus heiler Haut attackieren. Warum muß er also noch Revolver und Dolch tragen: Warum aber trägt er, der stundenlang in der glühendsten Hitze stehen imiß, eine dicke Uniform, warum diesen schweren Helm? Soll damit demonstriert werden, daß ein Schupo alles ertrogen kann? In anderen Ländern trägt der Brrkchrsschupo leichte Uniform und Strohhut oder Strohhelm, man nimmt Rücksicht aus ihn. Rur in Deutschland erscheint dies überflüssig. Feuer in der AEG. Mehrere Löschzüge der Berliner Feuerwehr wurden heute vormittag aegen l�ll Uhr nach der Huttenstr. 12/16 gerufen, wo in Kellerwerkstätten der AEG. Feuer ausgebrochen war. Das Feuer hatte de» Holzbelag einer Zentrisugieranlage ergnst-n und drohte, größere Ausdehnung anzunehmen. Die Feuerwehr- bximten konnten wegen der außerordentlich starken Qualmentrvick- lung nur mit Rauchschutzwaeken versehen gegen den Brandherd vor- dringen. Es wurde aus einem L- und zwei C-Rohren längere Zeit Wasser gegeben. Die Ausräumungsarbeiten dauerten bis VA Uhr mittags. Neue Verkehrsampeln. Folgende Straßenkreuzungen sollen in nächster Zeit mit Verkehrsampeln ausgestattet werden: Kurfürsten- dämm Ecke Fasanenstraße, Ioachimstholcr Straße Ecke Augsburger Straße, Budopester Straße Eck- Kurfürstcnstraße, Budapester Strafte, Eck« Nürnberger Straße, Nürnberger Straße Ecke Augsburger Straße. , Mordalorm. Ein? verdächtig« Beobachtung wallten gestern abend gegen 7 Uhr Passanten von der Kronprinzenbrücke und vom Reichs- tagsuser aus gemacht haben. In der Spree glaubten sie einen Sack treiben zu sehen, au- dem langes Frauenhaar heraushing. Da man vermutete, daß man einem Verbrechen aus der Spur sei. wurd? die Mordkommission benachrichtigt. Kriminalkommissar Draeger, der mit mehreren Beamten erschien, suchte mit Hilfe von Kühnen das Wasser ab, konnte aber nicht- Verdächtiges mehr finden. Der Reichs- wafscrfchuA, der die Nachforschungen heute früh wieder aufnahm. hat bis zur Stunde nichts entdecken tonnen. E» stc�i daher noch mcht fest, ob die Beobachter nicht durch einen im Wast er treibenden Kadaver getäuscht worden sind, Die Knochensunde am Ulap. Die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft übergeben. Die„Rote Fahne" will trotz aller Blamage von ihren Knochen- funden nicht lassen. Je sicherer die wissenschastliche F« st st e l l u n g sich gestaltet, daß es sich um ein Gräberfeld aus alter Zeit handelt, desto hysterischer tobt sie, natürlich unter der üblichen infamen Beschimpfung des„Borwürts", weil dieser ihren Schwindel nicht mitmacht. Wir gestatten uns in aller Ruhe folgende Hinweise: Erstens: Die„Rate Fahne" beliebt uns zu unterstellen, daß wir die Fundstelle jür einen„Pest- oder Eholerasriedhof" erklärten. Das ist ihre Phantasie. Schon vor mehreren Tagen hat der„Bor- wärts" auf die M o a b i t c r Chronik verwiesen, nach der un- zweifelhaft feststeht, daß im Jahre 1813(zur Zeit der Freiheitskriege) am Westrande der damaligen Puloerfabrik ein Massensriedhos für russische und französische Soldaten angelegt wurde, die in Berliner Lazaretten gestorben waren. An der Stelle der damaligen Pulverfabrik steht heute das Empfangs- gebäudedesLehrtcrBahnhofs. An Hand des einfachsten Planes von Berlin kann jedermann sich überzeugen, daß die Fund- stell« der Knochen in geringem Abstand genau westlich von diesem Gebäude liegt, also just an der Stelle, wo nach der Chronik sich der Massensriedhos befunden haben muß. Damit erklärt sich auch zwanglos die Tatsache, daß es sich nur um männliche Skelette anscheinend jüngerer Leute handelt. Ma» braucht also durchaus nicht die albern« Frage der„Welt am Abend" auszuwerfen, ob Cholera eine„Männerkrankheit" sei. Im Gegenteil: wen» es sich um Massen- erschießu Ilgen aus dem Jahre 1919 handelte, wäre die Wahrjchein- lichkeit viel größer, auch ältere Männer oder sogar Frauen unter den Erschossenen zu finden, als bei Angehörigen französischer oder russischer Armeen von 1813. Falls wirklich, was für uns noch keineswegs erwiesen ist, einzelne Skelette Schußvcrletzungen ausweisen sollten, so wäre das bei K v m b n t t a n I e n d e s I a h r es 18 13 auch keine besondere Merkwürdigkeit. Selbst der„Roten Fahne" dürste bekannt sein, daß man schon damals mit Gewehren ge- schössen Hot. Zweitens: Um das Gutachten des Professor Strauch zu entkräften, bringt jetzt die„Rote Fahne" das angebliche Gutachten eines Frtedhofsarbeiters, wonach sich Skelette in der Erde nicht einmal zwanzig bis dreißig Jahre halten sollen, wenigstens nicht im leichten märkischen Sandboden. Diese Behauptung muß allgemeines Schütteln des Kopses erregen. Bekanntlich wurde beim Bau der Untergrundbahn in Neukölln vor gar nicht longer Zeit aus dem märkischen Sondbode» das jetzt im Museum aufgestellte wohlerhaltene Skelett eines Reiters samt seinem Pferde gefunden, das noch den mitaujgefundenen antiken Waffen- stücken vor mindestens 1300 Jahren dort zur Beerdigung gekommen ist. Bei Kellerausschachtungen usw. in Berlin sind zu Dützen- den von Malen(erst in den letzten Tagen wieder) Skelette aufgefunden worden, die sich als Ueberreste längst vergesse- »er uralter Friedhöse herausgestellt haben. Wäre die „wissenschaftliche" Theorie der„Raten Fahne" richtig, so könnten wir nickst durch prähistorische Schädelsunde(Nennderial, Aurignac usw.) über das Aussehen des Urmenschen vor 199 909 und mehr Jahren belehrt werden. Drittens: Ueder die angeblich mit de» Skeletten gesunde- nen Attribute wechselt die„Rote Fahne" selber ständig ihre Behaup- tungen. Am ersten Tag wurde von Knöpfen einer Ma- trosenuniform gesprochen. Davon ist es wieder gänzlich still geworden. Dann kamen feldgraue Stoff-Fetzen an die Reihe. Jetzt beruft sich die„Welt am Abend" auf Linoleumstücke, die gesunden sein„sollen", wobei aus diesem Gerücht süns Zeilen weiter eine Tat- fache gemacht wird. Beide Blätter haben zwar ein paar Schädel' photographiert wiedergegeben, aber keines dieser für sie doch so wichtigen Beweisstücke. Wobei wir allerdings durchaus nicht daran zweifeln wollen, daß es möglich ist, sich irgend woher ein paar alte Matrosenknöpfe zu beschassen und sie photographieren zu lassen. Viertens: Noch immer vermag die„Rote Fahne" auch nicht die leiseste Andeutung über den augeblichen tatsächlichen Vorgang von 1919 zu mache», der doch die Ursache zu den Funden gegebe» haben muß. Daß neun Jahre lang kein Zeuge einer so sürchieUichen Masseuerschiehung, wie sie nach den Funden stattgesunden haben müßte, sich irgendwo gemeldet hat, ist um so auffälliger, als bei der Erschießung und Begrabung von fünfzig bis hundert Menschen doch Dutzende von Perjonen init- gewirkt und»och weit mehr davon gewußt haben müßten. Fünftens: Die„Rote Fahne" behauptet, wir verschwiege», daß die Hauptmasse der Skelette oberhalb des Fundaments der Pfeiler gelegen hält«. Das trifft nicht zu. Aber die„Rote Fahne" hat keine Erklärung für die von uns sestgestellte Tatsache, wie denn «in Teil der Skelelie unter den pseiler des� Swdtbahnbogens geraten ist. wen» sie nicht schon beim Bau der Stadtbalm dort gelegen haben. Zudem ist noch gar nicht festgestellt, wieviel Skelette im ganzen unter dem Pseiler liegen, da zu dieser Feststellung unter dem gesamte» Pseiler das Erdreich entfernt werden müßte, was automatisch zun, Einsturz oder zur Senkung dieses Bogens führen würde. Soweit man jedenfalls ohne Gefahr den Pfeiler untergraben konnte, lagen Knochen unter dem pseiler. Sechstens: Uni der Sache noch einen letzten Anschein von Wichtigkeit zu geben, behaupten„Rote Fahne" und„Welt am Abend", daß sich die Polizei neuerdings wieder mit den Funden befasse. Wie un, vom Polizeipräsidium mit- geteilt wird, ist auch dieses unwahr, für die Polizei ist. die Angelegenheit geklärt und resttos erledigt. Sic hat lediglich Pflicht- gemäß das ausgefundene Material mit den Behauptungen der �Roten Fahne" und„Welt am Abend" an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Mit Sowsetmuftk und Transparenten. Keiner weih etwas, aber alle reden. Ein Teil des Betriebsrats der Firma Tesch, Baustelle Universitätsaula, schickt uns eine Berichtigung unter Berufung auf das Preßgesetz. Obwohl wir nicht verpflichtet wären, diese Be- richtigung zu veröffenUichen, geben wir sie hiermit wieder, um zu zeigen, wie sehr di« kommunistisch« Propaganda auf den Hund ge- kommen ist. Also: „Es ist unwahr, daß jene Entschließung in der Münzstrahe ausgegeben wurde. Wahr ist vielmehr, daß diese Stellungnahme getätigt(!) wurde aus(!) der eigenartigen Schreibweise des „Vorwärts"(!) als Ausdruck lauten Protestes. 2. Es ist unwahr, daß nur drei bis vier Kollegen für diese Resolution gestimmt haben. Wahr ist, daß mehr als 300 Kollegen dafür und bei der Segenabstimmung kein Kollege dagegen ge- stimmt hat." 1. Papier und Schrift dieser„Berichtigung" stammen aus der Münzstraße, wie Übrigens auch der Text. Denn der Inhalt der „Berichtigung", der der Belegschaft vorgelesen wurde, war ein ganz anderer. 2. Die Stimmen sind weder ausgezählt worden noch ist eine Segenabstimmung vorgenonimen worden. Nun schreibt die„Note Fahne", die diese„Berichtigung" bereits veröffentlicht— ein weiterer Beweis für die Herkunft der Mache— vaß auch die„auf der Baustelle vorhandenen„Vorwärts"-Leser, insbesondere der Kollege Simon, ihr Einverständnis mit dieser „Berichtigung" erklärt hätten. Als Simon gegen die Berichtigung das Wort ergriff, wurde er von den fanatisiertcn Anhängern der Münzstraße niedergeheult, so daß er, angeekelt, abrach. Aber nun einmal ernsthaft: Welchen Sinn hat das ganze Seschrei? Welches Urteil kann die Belegschaft einer beliebigen Firma haben über die Knochensunde am Lehrter Bahnhos? Praktisch ist doch die Sache so, daß durch diesen ganzen Klamauk die Arbeiter von ihrem Ziel abgelenkt, gegeneinander in sinnloser Weise verhetzt werden, die Unternehmer dabei sich ins Fäustchen lachen können. Das ist echte KPD.-Politik. Es versteht sich übrigens von selbst, daß die„Rote Fahne" das Ergebnis der Untersuchung des Baugewerksbundes, nämlich d i e Bekundungen der Belegschaft der Ulap-Baustelle unterschlägt. Dafür bringt sie einen Bersammlungsbericht, wo mit Transparenten und Sowjelmusik Stlmm-ung gemacht wurde. Telbstmord auf dem Bahnhof Alexanderplatz. Bor einen einfahrenden Borort zug warf sich in der ver- gangencn Nacht gegen 2 Uhr ein etwa 20 Jahre altes Mäd- ch e n auf dem Bahnhof Alexanderplag. Es gelang ihr, unbemerkt das Gleis in der Richtung nach der Jannowitzbrückc zu betreten und bis zum Vorsignal zu kommen. Der Führer des Zuges konnte die auf den Schienen Liegende in der Dunkelheit nicht sehen, brachte aber, als er das Hindernis spürte, den Zug sofort zuin Stehen. Der Lebensmüden mar aber nicht mehr zu helfen, die Maschine hatte ihren Kopf völlig zermalmt. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Aus Briefen, die man bei der Toten fand, scheint hervorzugehen, daß das Mädchen aus Liebes- gram den Tod gesucht hat. Sie spricht die Hoffnung aus, daß der Geliebte ihr in den Tod folgen werde, da ihrer ehelichen Verbin- dung unüberwindliche Schwierigkeiten im Wege stünden. Allem Anschein nach ist die Selbstmörderin eine Lisa Nolden aus Rheydt im Rheinland. Mitteilungen zur Feststellung der Person an das Polizeiomt Mitte am Molkenmarkt. Dombenexploston— 5 Tote. Laut„Giornale d'Italia" explo- dierte in einem Haufe eine Bombe. Das Dach und die Fußböden mehrerer Stockwerke stürzten ein. Ein Vater und vier Kinder wurden als Leichen unter dem Gebälk hervorgeholt. Die Frau ist schwer verletzt. Rur«in einjähriges Kind blieb unverletzt. ?ür die Terieiiwandeniiig durch di« Sächsisch« Schwei, der.Natur- freunde� vom 24 bis 31. yuli lönncn sich noch cinuie Teilnehmer bei lr'.itz Schuppa, N2P. Eulerltr. 23, bei Nock, melden. Letzter Anmcldetcrmin t2. Juli in der Tcilnchmerzusnmmentunst im Lofal von Döhling(VercinS- zimmcr) Brunnenslr. 79, Nähe Bahnhos Gelundbrunnen. »Volk und Zeit", unsere illustrierte Wochenschrist, und »Der kinderfreund" liegen der heutigen Postauslage bei. Sport. Auf der Rütt-Arena. Walter Rütt hatte mit seinem gestrigen Renntag wieder nur bedingt Glück, denn trotz der wirklich günstigen Witterung wiesen die Tribünen große Lücken auf. Und bei den Rennen konnten nur einzelne Wettbewerbe befriedigen. Eingeleitet wurde der Abend mit einem„Internationalen Viererkamps" üb«r vier lilunden, der besetzt�war mit Fricke, Oßmella, Poulain uid Beyrode. Sechs Zweierläuse kamen hier zum Austrag. M e i st e r Fricke«rspuxtete sich mit 3 Punkten den Sieger- platz vor Poulain(7 Punkte), der im letzten entscheidenden Lauf von dem Hannoveraner geschlagen wurde. Dritter wurde Pcyrode mit 5 Punkten vor Oßmella, der es nur auf 3 Punkte zu bringen vermochte. Der„E l l e g a a r d- P r e i s", ei» Hauptfahren über vier Runden, machte sieben Vorläufe, zwei Hosfnungsläuse, drei Zwischenläufe und einen Befähigungslauf notwendig, che sich die vier Teilnehmer des Endlauses herausgeschält hatten. Recht beacht- liche Leistungen zeigt« hier der alte Henry Mayer, der sich dann auch für den Endlauf placierte. Hier fanden sich noch Jensen, E h m e r und D e w o l f ein: der letztere wurde mit 12'/1o Sekunden Sieger. Zweiter wurde Jensen vor Mayer und Ehmer.— O ß- mella, der in den vorhergehenden Wettbewerb m nicht Rechtes auszurichten wußte, hielt sich im„A n t o n- H u b e r° P r e i s". ein 30-Randen.Punkte-Fahren, schadlos. Seine Ueberrundung des Feldes war jedoch eine zahm« Angelegenheit. Fricke belegte den zweiten Platz vor Poulain und Peyrode.— Im Ausscheidungsfahren hielt Behrendt den Sicgerplatz, während sich Kroschel im„Paul-Mündner-Preis" einen verdienten ersten Platz holte.„Die Deutsche Meile" für die Ama- teure des BDR. gewann Donath(VRE. v. 89). Theater See Woche. vom 40. Juli bis 48. Jult 1927. Bolls bühnc: Theater am Bülomplatz: Zu ebener Erde und erster Stock. Thalia- Theater: Wenn der junge Wein vlllht.— Theater am Platz der Repn. blll: W. Carmen. 11. Tosca. 12. Lohcngrin. Iii. Tiesland. Von da ab geschlogen.— Deutsche» Theater: Der Hcrcr.— Die stomödic: Der keusche Lebe- ~ Theater am Rolleadorsvlaz: Der Futzballkonig.— Theater ia der sternggratzer Straße: Di« Schule von Uznach.— Komödienhau»: Weiße Fracht. — stomische Oper: Streng verbatcnlll— Deutsche» Künstler. Theater: Bitte, wer war zuerst da?— Lustwielhau,: Die Frau von vierzig Iahren.— Lessing. Theater: Bio 1v. Abgemacht— Kuß. Ab lk. Israel.— Theater a»«ursürstcn. dämm: 10., g'/i Uhr, Die fleißige Hetäre; 11 Uhr Nachtvorstellung: Szötc- Szakall-Abend. Ab ll. Lzökc.Szalall.Abend. � Triauon Thcater: Bis II. Di« von der Liebe leben. Ab 12. Wie ich zur Dirne ward!— Zentral-Theater: Dirnentragödie. 12. beschlossen, lg. bi» lt>. Menscheiijagd.— Zheatcr in der Kommaubanteustraßc: Bis Ib. Vorsicht! Bombe! Ab 10. Geschlossen.— Metro- pol-Theaicr: Glück in der Liebe.— Renaissauer. Theater: Wenn Frauen weinen...— Walhalla-Theate«: Der fröhliche Weinberg.— Rose-Theatcr: Vater werden ist nicht schwer.— Theater in der Klesterstvaßc: 10. Liebe. II. Pension Schöller. 12. Kleine Sklavin. Ab IZ. Geständnis.— Schloßvaei- Theater Steglitz: Bis 11. Der Vogelhändler. 12. bis 1?. Der fidele Bauer.— Theater in der Lützowstraße: Ja, ihr Mädel müßt dran glauben.— Wintrr- garten: Variete— Rrichshallen-Thcat«»: Gastspiel: Dresdener Viktoria.Sängrr. — Theater am Kattbnsser Tor: Elite-Sänger. Raetzmittagsneranftaltunaen. Ztpse.Theater, Gartenbühne: Nachmittags Konzert und Z�inter Teil. Abends Die InsUge Witwe.— Theater in der«lasterslraßr: 10, Pfarrhauskomödi,. 17. St leine Sklavin. Der tzutarbeiterverbanö Schützender Tamm im Krisensturm. Der Geschäftsbericht des Deutschen Hutarbeiterverbandcs für das Jahr 1926 zeigt, daß das Borjahr für diese Organisation eine Belastungsprobe war, wie sie sonst keine Organisation zu bestehen hatte. Während bei den übrigen Gewerkschaften Im Monatsdurch- schnitt des Berichtsjahres 18,2 Proz. der Mitglieder erwerbslos waren, was allerdings auch schon eine furchtbare Zahl ist, schwankte die Zahl der organisierten erwerbslosen Hutarbeiter- und-arbeite- rinnen zwischen 18,3 und 40,7 Proz. Der Monatsdurchschnitt war also 30,6 Proz. Ebenso waren in den übrigen Verbänden im Monatsdurchschnitt IS, 4 Proz. der Mitglieder Kurzarbeiter, im Hutarbeiterverband dagegen 2S,S Proz. Diese katastrophale Notlage der Hutarbeiterschaft versuchten die Unternehmer natürlich weidlich auszunutzen. Sie machten allerorts Versuche, die Löhne und Akkordpreise sowohl wie auch die sozialen Bestimmungen der Tarifverträge abzubauen. Ueberall- dort, wo die Arbeiterschaft gut organisiert war, tonnten die Angriffe der Unternehmer abgewehrt werden, jedoch nicht dort, wo die Organi- sation geschwächt war oder gar keine Berträge bestanden. Es ist doppelt anerkennenswert, daß es der Organisation trotz der schweren Krise gelungen ist, auch in schlecht organisierten Orten, fast all« Angriffe der Unternehmer abzuschlagen und die Lohn- und Arbeitsbedingungen für alle Branchen tariflich zu regeln. Daß diese ungeheure Arbeitslosigkeit in der Hutindustrie die Mit- gliederbewegung rückläufig beeinflussen mußte, ist leicht ver- ständlich, zumal in der Hutindustrie etwa doppelt soviel Arbeite- rinnen beschäftigt und auch organisiert sind als Arbeiter. Der Mitgliederbestand ging von insgesamt 13l)S3 zu Beginn des Berichtsjahres auf 17 217, also um 1836 Mitglieder zurück, in Anbetracht der Verhältnisse ein nur minimaler Rückgang. Dieser Mitgliederrückgang ist im übrigen zum großen Teil auf die vielen Betriebs st illegungen und-bctriebseinschränkun- gen sowie auf die Abwanderung in andere Industrien zurück- zuführen. Daß auch die finanzielle Entwicklung des Ver- bandss durch die anhaltend schwere Krise ungünstig beeinflußt wurde, ninimt ebenfalls nicht Wunder. So ging allein der Marken- Umsatz um 163 761 gleich 25 Proz. zurück, was«inen Rückgang von fast sechs Beiträgen pro Mitglied gegenüber 1925 bedeutet. Einer Gesamteinnahme des Verbandes von 345 331 M. stand eine Aus- gäbe von 367 419 Mk. gegenüber, also eine Mehrausgabe von 22 687 M. Ueber die Hälfte der Einnahmen floh den Mitgliedern wieder in Form von Unter st ützungen zu, und zwar für Arbeitslosenunterstützung 113171 M., Reiseunterstützung 314 M., Krankenunterstützung 54 556 M., Sterbeunterstützung 3238 M. und Streik- und Gemaßregeltenunterstützung 4824 M., also rund 176 066 M. Der Bericht läßt iedcnkalls erkennen, wie notwendig der ge- werkfchaftliche Zusammenschluß gerade in Krisenzeiten ist. Man kann aus ihm auch entnehmen, wie l e ich t die Abbauwünsche der Unternehmer erfüllt worden wären, wenn nicht die Organi- sation als ein schützender Damm die Sturmflut der Unternehmer- angriffe aufgehalten hätte. Kus öem Sswsetarbeiterparaüies. Arbellslosigkeit. Arbeikerschutz, Detriebsunfällc. Einige Zablen ans sowjetnissischen Zeitungen. Zuerst zum Arbeiterschutz. Die„ P r a w d a" vom 8. Juni teilt mit, datz die Moskauer Arbesterinspektion im Lause des vorigen Jahres 53 666 Uebertretungen gegen die Arbeitergesetzgebung fest- gestellt hat. In den staatlichen Unternehmungen waren dies in der Hauptsache Uebertretungen gegen Arbeiterschutzforderungen, in den Kooperativen solche sanitärer Natur. Aus der Zahl von 53 666 Uebertretungen sind jedoch nur in 1184 Fällen gerichtliche Folgerungen entstanden. Noch interessanter ist aber die Sta- tistik der U e b e r st u n d e n. Während in den Iahren 1925/26 die Unternehmen um die Erlaubnis von 1 825 666 Ueberstunden nach- gesucht haben, von denen 54 Proz. bewilligt wurden, betrugen die Anforderungen von Ueber st unden in dem darauffolgen- den Halbjahre allein 3 361 66 6, von denen 63 Prozent ge- st a t t e t wurden. Diese Zahlen erscheinen um so bedeutsamer, wenn man die A r b e i t s l o s e n st a t i st i k in Betracht zieht. Laut der„Prawda" vom 1. Juni war die Zahl der Arbeitslosen vom 1. Oktober 1326 bis zum 1. Mai 1927 von 1676 666 auf 1 428666 ange- wachsen. Allein die Zahl der arbeitslosen Mitglieder der Ge- werkschaften hatte sich um 258 666 vermehrt. Es mag sein, daß die Ueberstunden nicht zuletzt auch auf die ungeheure Zahl von Betriebsunfällen einen gewissen Ein- fluß ausüben. Eine Vorstellung von deren Höhe erhält man aus einer Notiz der„Kommunistischen Jugendprawda" vom 18. Juni. Während im Jahre 1926 54 666 Betriebsunfälle gezählt wurden, machten sie allein im ersten Halbjahr 1927— 3 5 666 aus. Die Vermehrung der Unglücksfälle ist in verschiedenen Industrien natür- lich oerschieden. So ist z. B. ihre Zahl bei den Metall- arbeitern auf das Doppelte gestiegen. Kamen im Jahre 1924 auf je 1666 Arbeiter 84 Betriebsuusälle, so waren es im Jahre 1925 175. Mit anderen Worten: auf jeden sechsten Metallarbeiter kommt ein Betriebsunfall. Das betrübendst« ist aber, daß der größte Teil der Verunglückten Jugendliche sind. So ist z. B. auf der Moskauer Fabrik „Sichel und Hammer" festgestellt worden, daß von den 1666 Ber- unglückten 178 im Alter von 46 und 56 Iahren standen, während 489 noch nicht das 19. Lebensjahr erreicht hatten. /ür die immer mehr begehrten In einer Etage der Fabrik arbeiten ununter- brachen 35-40 Arbeiter an 25 der neuesten Maschinen und an 12 Lötstellen, um nur die Dosen für die täglich gefertigten Dorffler- Würstchen herzustellen. Eine automatische Lotmaschine(wie obige) lotet in 8 Stunden über 8000 Dosen. Monatlich werden 4— 5 Wageon Bleche verarbeitet. 10 Der größte Teil der Unglücksfälle kommt auf Konto der Dampf« kesiel: von den 3166 Kesseln sind 216 als nicht ungefährlich zch bezeichnen. Das gleiche Bild wie bei den Metallarbeitern ergeben die Be- triebsunfälle bei den Textilarbeitern. Einige diesbezügliche Zahlen liest man im„Trud" vom 2. Juni. Während das Jahr 1925 nur 35 Betriebsunfälle auf 1606 Arbeiter ergab, brachte das- nächste Jahr bereits 48. Dagegen war die entsprechende Zahl der Betriebsunfälle im Jahre 1912, also vor der Oktoberrevolution. 23,9. Uebrigens soll in einzelnen Fabriken die Zahl der Betriebs-. Unfälle 15mal so groß sein als vor dem Kriege. Die„Trud" be- hauptet, daß die wirkliche Zahl der Betriebsunfälle noch viel höher sei, als offiziell bekanntgegeben wird. So soll sie z. B. aus den größten Textilfabriken des Moskauer Gouvernements di« Höhe von 26 418 erreichen, während der Arbeitsinspektion nur von 16 781 Mitteilung gemacht worden sei. Diese Zahlen sprechen Bände. Sie führen jedenfalls eine be- redtere Sprache als die so schön ausgeschmückten Berichte der Ar» beiterdelegationen._ ölauweiße Gelbsucht. Was in Bayern alles möglich ist. München, 8. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Wie die Gelben vom Unternehmertum gefördert werden, zeigt überaus drastisch folgender Fall, den der„Deutsche" aus der Oberpfalz meldet. Beim Amtsgericht Amberg ist eine Fachkammer für Erzbergbau- und Hüttenbetriebe errichtet worden, welch« auch für die Betriebe der Eisenwerkgesellschaft Marimilianshütte zuständig ist. Der G e- neraldirektor dieses Werkes, Geheimrat Böhringer, ist ein eifriger Förderer der gelben Bewegung. Er hat ein großes Interesse daran, daß seine Gelben auch am Arbeitsgericht eine Ver- tretung bekommen, und er fuhr mit einem Vertreter der Werk- vereine zur Regierung nach Regensburg, um sich dort beim zu- ständigen Oberregierunasrat Helderich dafür einzusetzen, daß Werk- Vereinsmitglieder als Beisitzer am Arbeitsgericht berufen werden. Das bayerische Sozialministerium hatte zuvor bekanntgegeben, daß als Beisitzer nur Mitglieder der tariffähigen Vereinigungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu berufen seien, aber trotzdem er- reichte es der Herr Generaldirektor, daß zwei Mitglieder seiner Werkoereine als Beisitzer bei der Fachkammer für Erzbelgbau- und Hüttenbetriebe berufen wurden. Selbstverständlich haben die Gewerkschaften sofort gegen die Bernfung bei der Kreisregierung und dem Sozialministerium Protest erhoben._ Tarifstreit in öer LeSerinSustrie. Um dsn Uebcrstundenzufchlag. Osfenbach, 8. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Zur Beilegung des Tarifstreites der Lederindustrie(Offenbachcr Vertrag) ist, wie wir hören, vom Reichsarbeitsministerium«in Schlichtungs- v e r f a h r« n eingeleitet und der Termin hierfür auf den 1 2. 1 u l i. anberaumt worden. Es Handell sich im wesentlichen um eine Reu- regelung der Ueber st undenzuschläge. Die Arbeitgeber waren der Meinung, die seit 1924 verschlechterten Zuschläge könnten unoerünsert weiterbestehen. Den Verhandlungen vor dem Tarifamt: war eine Aussprache zwischen den Parteien vorausgegangen, in der an einwandfreiem Material die Arbeitnehmervertreter den Nach- weis führten, daß die Bezahlung der Ueberstunden mit 25 Proz. für die ersten Stunden nach der regelmäßigen Arbeitszeit gar keine Er- rungenschaft der Nachkriegszeit ist, sondern daß di« Lederwaren- industrie bereits 1312 und noch früher nur einen Zuschlag von 25 Proz. kannte._ 1 j Spaltnng des englischen Bergarbeitcrverbandes. London, 8. Juli.(EP.) In Southwark straten unter dem Vorsitz des Parlamentsmitgliedes Spencer die Delegierten der nicht- politischen Bergarbeitergewerkschaften zum erstenmal zusammen und schufen somit die neue Föderation der neutralen Bergarbeiter- gewcrkschasten auf nicht politischer Basis. Am heutigen Freitag findet die Ernennung der Gewerkschaftsdelegierten statt. Frank Hodges l)at schriftlich mitgeteilt, daß er zwar mit der Bewegung sympathisiere, daß er aber augenblicklich keine Zeit habe, den Borsitz zu übernehmen. Die Föderation hat etwa 66 666 bis 76 666 zahlende Mitglieder. Holländische Diamnntcnarbeiterkonserenz. Amsterdam. 8. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Eine Diamant- arbeiterkonferenz, an der die Borstände des Allgemeinen Nieder» ländischen Diamantarbeiteroerbandes und des Belgischen Diamant- arbeiterverbandes teilnahmen, trat dieser Tage zur Besprechung der Lage in der Diamantindustrie infolge der Stillegung der Ant- werpener Betriebe im Haag zusammen. Die Konferenz nahm mit Genugtuung davon Kenntnis, daß es unter den Arbeit- gebcrn zu einem Einoernehmen gekommen ist, und gab der Er- Wartung Ausdruck, daß nun baldigst Maßnahmen zur Rege» lung der Produktion und zur Einschränkung der zügel- losen Ausbreitung der Diamantindustrie getroffen werden. Sie er- klärte sich zur Mitarbeit an einer internationalen Abmachung zum Zweck einer dauernden internationalen Zusammenarbeit bereit. Die Arbeitslosigkeit in Frankreich. Paris, 8. Juli.(MTB.) Nach der heute veröffentlichtcn Ar» beitslosenstatistik betrug die Zahl der Unterstützung beziehenden Arbeitslosen am 2. Juli in ganz Frankreich 21 934, davon 13 855 männliche. In der Vorwoche lautete die Ziffer 23 716. Verantwortlich für Politik: Victor Schill; Wirtschaft: G. Klingelhöscr: Gewerksäiaftsbeweoung: Z. Steiner; Feuilleton: Dr. John Schitow-Ii; Lokales und Sonstiges: Frij,»arltädt; Anzeigen: Td.»locke; samtlich in Berlin. Verlag: Vorwärts-Verlag®. m. B. H., Verlin. Druck: Vorwärts-Buchdruckcret und Verlagsanstalt Paul Singer u Co., Berlin SW 08, Lindenstrasi« Z. KoMb&l /ollfndBte Formpn Aparte Muster Mäßige Preise Werkslättro o.Vwkaaf: Neukölln Aiutngrobentr. 20 ond Mermannstr. 10 (Tel. Neuk. 1759) iGerimnSKMienl Das Haus 2 für Volkskletdung S und fierufskleldung NEUKÖLLN Hermannstrafte 26-7T | Sduaizimmer.. Speisezimmer.. Berrenzlmmer Woimztinnier.. .mnaiseiiuoitn. SdiretPiisdie.. anKleides dir amte Sludaiuren... Mi— Auf T rtlzahlun« NObeUiaas Knnloll �ru>r6U>>�rinr-itancher>5tr�2 410.— M.t 510.-- 85.-. 215,—. 110,-. »5.-. 75.-. Fleiscli- und Wurstwaren-Verkauf Billig und«Mit XJlöCrSlT# 40 BWitf un«l gul geöffnet von 8-3 Uhr, Freitags und Sonnabends 8—7 Uhr Schönhauser AUce 33 r/�ViTr Sfodilalernen mit Stock, Dtz. 60, Dtz. 60 Pfg. Lampions Dtz. 75 Pfg. an, echte Japanlaterncn v. 60 Pfg. an. Papiermutzen Dtz. von 20 Pfg, an. Girlanden Dtz- von 50 Pfg. an Wachsfackcln, 1 Stunde br.,35Pfg. Magnesium-Fackeln, 60 cm lang, 60 Pfg. Bengjalfeuer Pfd. 60 Pfg. u. 1 Mk. Ver» losungsartlkel für Kinder, Dtz. 60 Pfg. an, A Maas Ä Co. G.m.b.H., Markgrafenstr. 84. an der Lindenstraße. Kommissionsware bei teilw. Festkauf Bleyle's Strickkleidung für Herbst und Winter. Westen für Herren, Damen, Kinder. Knaben-Anzilge. Schul- u. Anknöpfhosen. Sweater für Knaben und Mädchen. Faltenröcke. Reformhosen u. Schlüpfer. Original-Listen-Preise.— Katalog gratis. Anlast Ber 6, Dltfandstrafte 167 Spezialgeschäft für Wollwaren.