Mbenöausgabe Nr. 325 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 160 ©«judsittiinsuiwa und«mdgetqnsitt find in der Morg«nau-»il>«»ng««ibe» «edattlou: Sw. SS, Lwde«str-He i Fernsprecher> VSnhosl 292— 292 r-l..«dresse: Sejlal t cmotral Verls» liWttipt Nerliner VolksMÄkk Zcntralorgan der Sozialdemokratifchen parte» Deutfcblands Dienstag 12. Juli 1927 «erlas und«nzelgenabtelluns, GeschSftszett«-<> dt» S Uhr Verleger: VorinSrls-verlag Gmdy. Berlin SU). 69, Lindenslrahe 9 Fernsprecher» vönhoss 292— 292 Unwetter in ganz Europa. Gewitterstürme und Wassersnot.— Schweres Erdbeben in Palästina. Zahlreiche Tote und Verletzte. Das Unweiter, das gestern über Berlin mit großer Gewalt tobte und überall beträchtliche Wasserschäden anrichtete, hat auch, wie seht bekannt geworden ist, kurz vor dem Bahnhos Südende aus den Gleisen der Strecke Berlin— Halle erheblichen Schaden verursacht. Gewaltige Wassermengen unterspülten die Böschung. Durch die Aufmerksamkeit von Bahnbeamlen konnte großes Unhell verhütet werden. Die Strecke wurden für den D-Zug- und personenzugverkehr sofort gesperrt. Durch den Vorfall trat eine Störung im Zugverkehr von etwa einhalbstündiger Dauer ein. D er gesamte Zugverkehr in Richtung Halle wird bis zur Behebung der Gefahr, ab Bahnhos Südende durchgeführt. Eine größere Arbeitskolonne ist an der Unfallstelle mit Ausschüttungs- und Absteisupgsarbeilen de- schäftig«. Sturm an öer Riviera. Rom, 12. Juli.(WTB-) In der Sonntagnacht tobte ein schwerer Sturm an der i t a l i e n i s ch e n R i v i e r a. In S e st r i P o n e n t« wurden Schiffswerften beschädigt und viele Badeanstalten durch den hohen Wellengang ganz oder teilweise zerstört. Gewittersturm über Lonöon. London, 12. Juli.(WTB.) Gestern nachmittag wurde London und Umgebung von einem ungewöhnlich heftigen Gewittersturm heimgesucht. Zahlreiche Häuser wurden vom Blitz g e- troffen. Aus allen Teilen der Stadt liegen Berichte über erheb- liche Ueberfchwemmungen von Straßen, Plätzen und Kellern vor. Der Straßenbahn-, Untergrund- und Eisenbahnverkehr wurde gerade zur Zeit des stärksten Verkehrs bei Gefchäftsschluh erheblich gestört. Verschiedentlich mußte der Dienst eingestellt werden. Ungefähr tausend Telephonanschlüsse, besonders südlich der Themse, wurden unterbrochen. Im Nordwesten Londons wird die Menge des niedergefallenen Regens auf über 100 000 Tonnen pro Suadratmeile berechnet. In Tooting wurden mehrere Automobile von den Wassermassen umgeworfen. Bisher sind zwei Todesfälle von Kindern gemeldet, die ertranken. Zwei Männer wurden vom Blitz getroffen und verletzt. Trotz des Gewitters stiegen die deutsch« Fliegerin Frl. Thea Rasche und die englische Fliegerin Mrs. Elliott Lynn in ihren kleinen Flugzeugen auf und sloc�n von Croydon nach dem hainbleflugplatz bei Soton, wo sie glatt landeten. Wastersnot in Paris Baris, 12. Juli.(WTB.) heute abend ist über Paris und Um- gebung ei» ungewöhnlich schweres Gewitter niedergegangen, das in verschiedenen Stadtteilen beträchtlichen Sachschaden angerichtet hat. In zahlreichen Häusern wurden die Keller und Geschäftsräume unter Wasser gesetzt, so daß die Feuerwehr die Bewohner be- freien mußte. Auf den Straßen erreichte das Wasser eine höhe bis zu 70 Zentimeter. Das Holzpflaster der neueren Straßen hat sich stellenweise so stark geHobe», daß der Verkehr unterbrochen werden mußte. Bei einigen Häusern besteht Einsturzgesahr, während bei anderen Bauteile abgerissen und auf die Straße geschleudert wurden. Viele Fernsprechanschlüsse sind infolge der Ueber- schwemmuiig in den Bureauräumen unterbrochen. Mch in Rußland! Moskau, 12. Juli.(WTB.) In der Stadt Lukojanow im Gouvernement Nischninowgorod, die von einem schweren Wirbelsturm heimgesucht wurde, wurden während einer Ueberschwem- mung der Stadt durch den Teschafluß Dutzende von Menschen, hun- derte von Wohngebäuden, einige Brücken und eine große Anzahl Vieh durch das Hochwasser weggeschwemmt. In der überschwemmten Stadt ist der Eisenbahn-, Telegraphen- und Tele- phonverkehr unterbrochen. Die Bevölkerung flüchtet auf die Dach- böden. Crübeben in Jerusalem. 31 Tote, viele Verletzte. Räch Meldungen aus Jerusalem wurde Balästina von einem Erdbeben heimgesucht, durch das besonders in R a b l u s großer Schaden angerichtet wurde. 31 Personen wurden getölel und über 100 verletzt. Inden Dörfern der Umgebung von Jerusalem wurden acht, in Iericho drei Personen getötet, in Ierusalem selbst zahlreiche Personen verletzt. In den Bezirken Iassa und Haifa verursachte das Erdbeben ebenfalls großen Schaden. Jerusalem, 12. Juli.(WTB.) Di« letzten amtlichen Berichte besagen, daß das Erdbeben sich über Palästina und Transjordanien ausdehnte. Nach den bisher eingegangenen Berichten wurden im Jcrusalemer Bezirk 26 Personen getötet und 30 verwundet. Iii Jerusalem selbst wurde nur eine Person getötet und 12 verwundet. Das Postamt, das Gebäude des zionistischen Vollzugsausschusses und eine Missionsschule wurden beschädigt. Das Haus des Stadtkomman- danten ist unbewohnbar geworden. Auf dem Oelberg wurden vier Kinder infolge von Hauseinstürzen getötet und in Ain Karem, dem Geburtsplatz Johannes des Täufers, fünf Frauen getötet. Im Innern des Rcgierungsgebäudes wurde ernster Schaden angerichtet und ein russischer Diener getötet. Die prächtig ausgestatteten Zim- mer, darunter die l!er Privatwohnung des Feldmarschalls Lord P l u m e r und seiner Gemahlin, sind zerstört. Die hebräische Uni- o e r s i t ä t hat beträchtlich gelitten. Ihre Mauern weisen Sprünge auf und das Dach des chemischen Laboratoriums ist eingestürzt. Nach dem Erdbeben waren die Straßen voll von aufgeregten Menschen, die den angerichteten Schaden musterten oder in Gruppen zusammen- saßen und sich weigerten, ihre Häuser wieder zu betreten. poincare-Krise in Krankreich. Das Wahlgesetz der Linken angenommen.— Die Rechte zum Sturz entschlossen. Paris, 12. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Nach außerordent- lich erregter Debatte hat die Kammer um 4 Uhr morgens mit 320 gegen 234 Stimmen den Gesetzentwurf über die Wahlreform v e r- abschiedet. Damit ist der endgültige Sieg derLinken und die Rückkehr Frankreichs zur Kreiswahl für die nächste Wahl gesichert. In den Kreisen der Rechten ist die Stimmung außer- ordentlich erbittert und man befürchtet, daß sie in den nächsten Tagen noch zu einer Kabinettskrise führen könnte. Seit Montag ist ein schwerer Konflikt zwischen der Finanz- kommission und der Regierung in der Frage der Nachkriegskredite zur Angleichung der Beamtengehälier ausgebrochen. Während Poincare keine Erhöhung der dafür vorgesehenen 3 Milliarden gestatten will, hat die Finanzkommission mit 13 gegen 8 Stimmen beschlossen, die Angleichung der Gehälter mit Rückwirkung vom 1. August 1926 durchzuführen, was eine Mehrausgabe von 42S Millionen bedeuten würde. Diese Summ« soll aus dem Ueber- fchuß des Haushalts von�1326 bestritten werden. Sämtliche Mit- glieder des Nationalen Blocks haben sich bei der Abstimmung der Stinime e n t h a l t en. Poincare hat eine Abordnung der Kom- Mission, die ihm das Slbstimmungsergebnis mitteilte, erklärt, daß er gegen jede Erhöhung die Vertrauensfrage stellen würde. Damit ist die Lage außerordentlich kritisch geworden. Genosse Blum kündigt im„Populaire" an, daß die Sozialisten für die Er- höhung der Gehälter eintreten werden. Wenn die Rechtsparteien im Plenum aus Rache für ihre Niederlage dieselbe Haltung ein- nehmen wie in der Kommission, so ist die Regierung gestürzt. Es ist aber möglich, daß sie sich im Laufe des Dienstags noch anders besinnen. Die Sozialiften gegen die Heeresreform. Paris, 12. Juli.(Eigener Drahtvericht.) Der Senat hat am Montag mit 272 bürgerlichen gegen 18 sozialistische Stimmen die von der Kammer überwiesene Vorlag« über die Heeresreform beinah« ohne Veränderung angenommen. Die sozialistische Senats- grupp« begründete ihre Ablehnung damit, daß das Gesetz nicht streng genug die Verwendung der Armee bei sozialen Kon- flikten untersage und keine ernste Garantie für eine herab- setzung der Dienstzeit enthalte. Englanü will Truppen vermindern. Räumung zu diskutiere« jetzt zwecklos. London. 12. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Im weiteren Ver- laus der außenpolitischen Aussprach« erklärte der ständige Unter- staatssekretär des Aeußeren, die Frage der Räumung des Rhein- landes sei in Genf bei der letzten Sitzung des Völkerbundsrats nicht aufgeworfen worden. Die britische Regierung glaube nicht, daß es einen Zweck hätte, diese Frage jetzt zu erörtern. Seit Dezember 1926 sei eine beträchtliche herab- setzung der Besatzungstruppen im Rheinland erfolgt. Die britische Regierung sei allerdings der Auffassung, daß diese Verminderung nicht weit genug durchgeführt worden sei und nicht soweit, wie in der Entschließung der Botschafterkonferenz beabsichtigt worden war. Die englische Regierung werde weiterhin dafür eintreten, daß die baldige Erfüllung jeder Erwartung zustande kommt, die durch die Entschließung der Botschafterkonferenz angeregt worden ist. In öie Toöeszelle geführt. Vor der Hinrichtung Saccus und Banzettis?! Paris, 12. Iull.(Eigener Drahlberichk.) Einem Telegramm aus Loston zufolge sind Sacco und vanzetti in die Zelle für die zum Tode Verurieilten geführt worden. Die Hinrichtung ist aus den 10. August festgesetzt. Das Zentralkomilee zur Rettung der beiden schlägt große internationale Kundgebungen für den 31. Juli vor. Faschismus in öer Klemme. Mnanzschwierigkeiten Italiens. Von der italienischen Grenze wird uns geschrieben: Niemand wird es den Leitern der italienischen Finanzen verübeln, wenn sie den Versuch machen, den A u f w e r- tungsprozeß der Lira anzuhalten, bis die Wirtschaft des Landes sich dem neuen Geldwert einigermaßen angepaßt hat. Es steht nur dahin, ob dieses Aufhalten gelingt, ob nicht jene Einflüsse der internationalen Finanz, die im Sinne der Aufwertung, und zwar der schnellen Aufwertung sich geltend machen, schwerer ins Gewicht fallen als die inländische Finanzpolitik. Um der fortschreitenden Aufwertung Einhalt zu tun, hat die Regierung vor allem zwei Mittel, die sie beide in Anwendung bringt: die Verweigerung der Autori- sation neuer Auslandsanleihen und die suggestive Wirkung ihres Entschlusses, die Lire auf der„Quote 90"(will sagen 1 Pfd. Sterl.= 90 Lire) vorläufig zu erhalten. Die Börse hat sehr prompt reagiert, durch hinaufschnellen aller Bank- aktien und bessere Quotierungen der industriellen Aktien und auch der Staatspapiere. Sieht man die wüste Unordnung, in der die italienische Volkswirtschaft den Fahnen der Aufwer- tung folgt, so kann man verstehen, daß es an der Zeit war, still zu halten und zum Sammeln zu blasen. Nach den ersten mit großer Bestimmtheit gemachten Zugeständnissen war nämlich der Kleinhandel ganz zurückgeblieben. Manche Artikel werden noch heute beständig teurer, nament- lich die Gegenstände täglichen Gebrauchs, die wenig kosten. Gleichzeitig werden die Hausbesitzer aufsässig. Viele erklären ganz einfach, sie machten keine Zugeständnisse und warteten das Urteil des Stadtrichters ab: natürlich kann der Stadtrichter nur für komplizierte Fälle in Betracht kom- men, nicht Fall für Fall die Anwendung des Gesetzes an- ordnen. Also: Obstruktion auch bei den Hausbesitzern, die weder für die Kleinwohnungen das Vierfache der Friedens- miete gewähren wollen, noch die 10 Proz. Reduktion für die Wohnungen von 5 bis zu 8 Zimmern. Dabei werden die Probseme der Landwirt- s ch a f t mit jedem Tage verwickelter und dringender. Die in der faschistischen Konföderation der Landwirte zusammen- geschlossenen Provinzialoerbände sollen die geforderten Kredite ihrer Mitglieder durch ihr Gutachten empfehlen oder widerraten. Nun fragen die Führer dieser Verbände bei der Zentrale an, wie sie sich zu verhalten hätten, da sie mit der Bezeichnung als„Anleihe zu produktiven Zwecken" nicht aus- kämen. Der Sekretär des Mailänder Verbandes legt dar, daß eine lombardische Milchwirtschaft eines gewissen Aus- maßes früher 350 000 Lire jährlichen Bruttoertrag ergab, bei etwa 300 000 Lire Kosten. In diesem Jahre ist nun der Bruttoertrag auf 200 000 Lire gesunken. Beantragt nun der Besitzer einer solchen Meierei ein Darlehn, so kann der Ver- band unmöglich verbürgen, daß er zahlungsfähig ist: er weiß vielmehr genau, daß er ein kurzfristiges Darlehn nicht zurück- zahlen kann. Andere Sekretäre fragen an, ob man Dar- lehn befürworten dürfe, die den Zweck haben, den über- stürzten Verkauf der neuen Ernte zu verhindern. Riskiert man nicht, daß die Landwirte, bei längerem Warten, noch billiger verkaufen müssen? Auf die erste Frage ist eine aus- ) weichende Antwort gekommen: die Darlehn wären halb Betriebsdarlehn, halb Meliorationsdarlehn, welche zwei Worte in diesem Falle gar nichts besagen. Was d/e zweite Frage betrifft, so hat man geantwortet, daß das heute von den Landwirten aufgenommene Geld nach dem heutigen Stande der Valuta zurückgezahlt werden soll. Die Agrarier behaupten, daß der Preis ihrer Erzeugnisse vielfach um 50 Proz. gefallen sei, während die Arbeitslöhne nur um 10 Proz. zurückgegangen seien. Sie wissen aber, daß bei den heutigen Preisen im Kleinverkauf weitere Lohn- reduktion- ein schreiendes Unrecht gegen die Arbeiter darstellen würde, das die Führer der�Syndikate nicht mit ihrer Verantwortung decken wollen, obwohl sie die völlige W e h r l o s i g k e i t der Arbeiter kennen. Deshalb erklären sich die Grundbesitzer und Pächter bereit, mit weite- ren Lohnreduktionen zu warten, fordern aber andere Zu- geständnisse, nämlich die Aufhebung der„Kontingentierung". d. h. der Festsetzung des Bedarfs an Arbeitskräften auf die Flächeneinheit, je nach dem Anbau. Diese Kontingentierung stammt aus der Zeit der freien Gewerk schafts- beweg ung und hatte den doppelten Zweck, die ländliche Arbeitslosigkeit zu vermindern und die Inten- sität des Anbaus zu sichern; sie war gleichzeitig ein Mittel gegen die Landflucht und ein Schutz für die städtische Arbeiter- schaft vor unqualifizierten Lohndrückern. In vielen Tarifverträgen haben nun die faschistischen Syndikate diese'Kontingentierung beibehalten, die die Unter- nehmer jetzt abschaffen wollen, mit der Begründung, daß sie die Produktionskosten erhöht. Das Recht, einen Tarifvertrag während der Periode seiner Gültigkeit abzuändern, ist- den Agrariern durch den Artikel 71 der Ausführungsbestimmun- -en des Syndikat'sgesetzes verbürgt,„wenn eine bedeutende Änderung des beim Abschluß bestehenden Sachverhalts ein- etreten ist". Früher waren Tarifverträge trotz solcher enderungen verbindlich: wenigstens haben die Arbeiterinnen von Molinella, trotz gegenteiliger Anerbietungen der Grund- befitzer, ihre Lohntarife bis Ablauf des Vertrages aufrecht- erhalten, obwohl sie bei der schnellen Lohnsteigeruna der Kriegszeit weniger als die Hälfte des ortsüblichen Lohns erhielten. Damals hielt» man dafür, daß ein Tarifvertrag nur insofern Wert hat, als er für beide Teile verbindlich ist. gel Ae I Heute fordern die Unternehmer die Abschaffung der Kon- tingentierung und fügen hinzu, daß sie andernfalls„durch höhere Gewalt gezwungen find, die betreffenden Klauseln nicht einzuhalten." Die erste Anrufung des Römischen Appellationsgerichts als Arbeitsgerichtshof wird dieser Tage durch den Spitzen- verband der Landwirte erfolgen, die eine Abänderung des herrschenden Tarifvertrages der Reisarbeiterinnen aller reisbauenden Provinzen fordert, und sich nicht mit der Zentrale der faschistischen Syndikate hat einigen können. Die Unternehmer wollten den Lohn um 5 Lire täglich verkürzen, bei Löhnen von 18 und 1ö Lire etwa 30 Proz.; die Vertreter der faschistischen Syndikate dagegen wollen nur einen Lohn- abschlug von 2,30 Lire am Tage zugestehen und fordern gleichzeitig die Einstellung der arbeitslosen Reisarbeiter der Cmilia, zu der sich die Unternehmer nicht verstehen wollen. Während so der Kampf um Arbeiterinteressen ohne Mit- Wirkung der Arbeiterschaft geführt wird, erfahren wir, daß diese„Zeit der allgemeinen Opfer" mit einigen Gesellschaftsgruppen recht milde umspringt. Ein römisches Abendblatt veröffentlicht die nachstehenden Hotelpreise der Hauptstadt, für einen im September stattfindenden inter- nationalen Kongreß, in(aufgewerteten!) Lire: Luxushotel, einschläfriges Zimmer, 170 bis 190 Lire pro Nacht(mit Bedienungszuschlag und Abgaben etwa 220 Lire): zweischläf- riges Zimmer 240 bis 280 Lire; Hotel 1. Ranges 100—110, 130—160: 2. Ranges 73— 90, 90— 110, alles mit den vorher erwähnten Zuschlägen. Unter diesen Umständen kann es nicht verwundern, daß die Hotels leer sind. Die Hotel- besitzer scheinen sogar den Anschluß an den N a ch t r a b des Aufwertungsheeres verloren zu haben. Interessant ist, daß in dieser Zeit der Geldknappheit noch Gaunereien mit falschen Wechseln gelingen, die den Namen— Mussolinis tragen. In welchem Lande der Welt würde sich wohl eine Bank finden, die einem be- liebigen Individuum 100 000 Lire für einen Wechsel zahlt, der die Unterschrift den Ministerprä- sidenten trägt! Ueberall würde man sich sagen: der Premierminister hat keine Wechsel im Umlauf. Hier haben sich drei„wackere Faschisten" vorgestellt, beinahe Partei- großen, und man hat anstandslos bezahlt, ohne die Frage der Möglichkeit derartiger Inanspruchnahme der Banken aufzuwerfen. Es ist bei dem Prozeß nicht zu Tage getreten, wer sich denn das ergaunerte Geld zu Gemüte ge- zogen hat. Alle Angeklagten wollen in gutem Glauben ge- handelt haben; daß sie guten Glauben fanden, läßt merk- würdige Schlüsse zu. Heute, wo die italienische Regierung ein Fort- schreiten der Aufwertung nicht mehr wünscht, wird sich zeigen, ob für die bisherige Aufwertung ihre Politik den Ausschlag gab, oder die der internationalen Finanz. Die italienische Regierung sagt:„Stopp". Nun muß man abwarten, wem der Pudel gehorcht... Deutfthnationale Don Qrnchotten'e. Schmutzkampf gegen Stresemann— aber er soll gegen Sozialdemokraten vorgehen. „T ä g l i ch e R u n d s ch a u" und„D e u t s ch e T a g e s- z e i t u n g" fordern die Reichsregierung auf, gegen den Ober- Präsidenten Genossen H ö r s i n g einzuschreiten, weil er bei der Enthüllung einer Ebert-Gedenktafel die Ansicht aussprach. der mangelhafte Fortschritt in der Außenpolitik sei darauf zurückzuführen, daß das Ausland kein Vertrauen zu dieser Regierung habe. Das sei offene Sabotage der Reichspolitik, eine unverhüllte Revolte, ein Skandal und was dergleichen Kraftausdrllcke mehr sind, wenn die Argumente fehlen. Die Feinfllhligkeit, die die Knappen des Herrn Westarp entwickeln, ist denn doch ein wenig erstaunlich. Sie mutet beinahe wie ein schlechter Witz an, wenn man bedenkt, daß gerade die deutschnationale Presse alle Nase lang eine Aenderung des Kurses Stresemann ankündigt und so jenes Moment der Unsicherheit in die deutsche Außenpolitik trägt, das im Auslande, die von Hörsing ganz richtig bezeich- nete Wirkung hervorruft. Skandal, Revolte, Sabotage? Da läuft gerade jetzt in Plauen in zweiter Instanz ein gewisser Prozeß vom Siapel, dessen Zweck es ist, Reichsauhenminister Dr. Stresemann als Mensch und als Politiker zu erledigen. Die Urheber dieses Skandals find in den Reihen der Deutschnationalen zu suchen. Wer erkennen w.ill, wie die Deutschnationalen heute zu dem Skandalprozeß stehen, greife zur Hugenbergpresse und er wird erkennen, daß die deutschnationale Femeaktion gegen Stresemann auch heute noch in vollem Gange ist. Der„T a g" brachte erst kürzlich einen Artikel zum Plauener Prozeß, der von Bissigkeiten und Gemeinheiten strotzte und der mit einer weiteren Instanz drohte, wenn die Schmutz- kübel des deutschnationalen Klatschgeschichtenreservoirs in dieser Instanz nicht genügen sollten. Es geht um das V e r- trauen zum Staat betont der Artikel pathetisch, um keinen Zweifel darüber zu lassen, daß Stresemann m dieser Beziehung nicht werbend wirke: Es ist nicht zu bezweifeln: Herr Dr. Stresemann hat eine u n- glückliche Hand gehabt, als er den Prozeß begann. Wir müssen unwillkürlich einen Vergleich anstellen, und zwar mit dem oer- storbenen H e l f f e r i ch, der ja auch mit Herrn Litwin Fühlung gehabt hat. Wahrscheinlich hat Helfferich den Herrn Litwin mir seinen außerordentlichen Fähigkeiten und Beziehungen zu schätzen gewußt. Ebenso wahrscheinlich würde ihn Helfferich, wenn er. aus irgendeinem Grunde eine allzu enge Verbindung mit ihm gescheut hätte, lieber zu seinen Gesellschaften vor aller Welt eingeladen haben, als in der Schweiz fein Gast zu fein, und dann noch zu sagen, die Freundschaft sei nicht allzu eng. Das könnte doch beinahe so aus- sehen, als ob Stresemann selbst die enge Freundschaft zu einem Manne wie Litwin als etwas Anrüchige» angesehen habe. Dann aber wäre auch wieder der Besuch in der Schweiz, der Aufsichtsrat»- poften und die Beteiligung nicht korrekt. Wenn Litwin durch den Vorwurf, er habe gebrauchsfähige Waffen während des oberfchlffi- schen Aufstandes an die Polen aus Deutschland hinaus verschoben, diffamiert und geschäftlich ruiniert worden ist, dann ist nicht einzu- sehen, warum weitere Konsequenzen bei Aufstchtsratsmitgliedern, selbst illustren Persönlichkeiten, ihre Grenzen haben sollten. Aber nun ist es doch so, daß dieser Vorwurf so gut wie erledigt ist durch Beweise und Sachverständigenurteile! Weshalb dann diese peinliche Unklarheit in den Beziehungen und das Sträuben gegen ihre Aufklärung! Schon jetzt ist es so weit, daß man wegen der ewigen Proteste gegen die Zulassung solcher Fragen mit Sicherheit eine Revisionsoerhandlung beim Reichsgericht erwarten kann, ehe überhaupt das Urteil ge- sprachen ist. Warum diese beunruhigende, nervös und unsicher machende Hinauszögerung? Man kann darüber streiten, ob eine Klage wegen politischer Beleidigungen überhaupt notwendig und zweckmäßig ist. Ist die Klage einmal erhoben, dann soll man nicht mit der Schere an ihr herumschneiden: denn man trifft foust den Lebensnerv des Vertrauens, dos auch der Reichsauhenminister braucht, der für das Ausland zum Vorkämpfer einer Politik de» Friedens geworden ist. Diese Ausführungen sind ganz eindeutig. Sie besagen: ein Mann, der durch den von den Deutschnationalen angezet- telten Plauener Prozeß gegangen ist, kann nicht länger die Geschäfte eines Außenministers führen, ohne den außen- politischen Kredit außer Kurs zu setzen. Das sind die Ausführungen eines angesehenen Blattes der größten Regierungspartei. Sie sind ein Meisterwerk skrupelloser politischer Intrige ohne jede Rücksicht auf das Ansehen Deutschlands im Ausland und die Außenpolitik. Und dieselbe deutschnationale Presse wagt es, vom Reichsaußenminister Dr. Stresemann und seinen Mini- sterkollegen ein Einschreiten gegen Mitglieder der O p p o s i- t i o n zu fordern, wenn es diese skandalösen Zustände beim Namen nennt? Der arme Stresemann— er muß zum Schaden auch noch den Spott einstecken! Wilhelm Slos' letzter weg. Starke Beteiligung der Behörden und Organisationen. Die Einäscherung des früheren Staatspräsidenten Genossen Wilhelm Bios fand in Stuttgart unter großer Beteiligung seiner politischen Freunde, der Behörden und des Reichsbanners statt, das vor dem Eingang in das Krematorium Spalier stand. Dumpfe Trommelwirbel und das Lied„Ich hatt' einen Kameraden" ließ der Spielmannschor ertönen, als der Sarg in die Halle ge- tragen wurde. Den Nachruf, der das persönliche und politische Leben des Verstorbenen umfassend würdigte, hielt der hessische Staatspräsident Genosse Karl Ulrich, der schwn als Neunzehn- jähriger in freundschaftliche Beziehungen zu Bios getreten war. Namens der württembergischen Regierung sprach Staatspräsident B a z i l l e den Dank und die Verehrung für die wertvollen Dienste aus, die der Dahingeschiedene in schwerer Zeit unserem Volk ohne Menschenfurcht, voller Besonnenheit und männlicher Tatkraft ge- leistet habe. Für den Reichskanzler und die Reichsregierung»sprach Landesfinanzamtedirektor Eberl. Di« Reichsregierung werde Wil- Helm Blas stets ein ehrendes Andenken bewahren. Dann sprachen noch der Vizepräsident P f l ü g e r namens des württembergifchen Landtages, Reichstagsobgeordneter Hikdenbrand für Par- teivorstand und Reichstagsfraktion, die Abgeordneten Dr. E n g- l« r und R e i n b o l d für die badisch« Sozialdemokratie und Land- tagsfraktion, Reichstagsabgeordyeter R o ß m a n n für die württem- bergische Landespaitei und Reichstagsabgeordneter K e i l für die sozialdemokratisch« Fraktion des württembergischen Landtags. Des weiteren wurden Kränze niedergelegt von den Parteiorganisa- tionen von Stuttgart und Braunschwcig sowie namens des Reichs- banners, des Republikanischen Reichsbundes und des Korps Rhe- nama der Universität Freiburg. Der Trauerversammlu� z wohnten sämtlich« Mitglieder der württembergischen Regierung, die Ober- bürgermeister von Stuttgart und Eßlingen und sonstige Persönlich- leiten des öffentlichen Lebens bei. Di« Ansprachen waren von Musikvorträgen umrahmt, und die Feier wurde durch das Absingen de» Reichsbannerliedes beschlossen. Ablehnung üer Kohlenpreiserhöhung. Das Reichswirtschaftsministerium bleibt fest. Der neue Angriff des gesamten deutschen Stein- und Braunkohlen-Bergbau auf die zurzeit geltenden Kohlen- preise ist an der festen Haltung des Reichswirtschafts- Ministers gescheitert. Gestern sind vom großen Ausschuß des Reichskohlenrats die Preiserhöhungsanträge end- gültig abgelehnt worden. Bei dieser Gelegenheit gab der Bevollmächtigte des Reichswirtschaftsministers nochmals folgende grundsätzliche Einstellung des Wirtschaftsministeriums zur Frage der Kohlenpreiserhöhung bekannt: 1. Kohlenpreiserhöhungen wirken erfahrungsgemäß auf die gesamte Wirtschast preis steigernd. Sei es durch tat- sächliche Belastung der weiteren Produktionsstufen, fei es durch Beispiel oder Tendeüz. Die Entwicklung des Binnen- Marktes und Exports wird aber durch weitere Erhöhung des Preis- Niveaus beeinträchtigt. Hienauf muß im Rahmen gemein- wirtschaftlicher Regelung Rücksicht genommen werden. 2. Die Anträge auf Preiserhöhung werden zum Teil mit Absatz- und Erlösrückgang begründet. Solche Begrüdung ist privat- und volkswirtschaftlich verfehlt. 3. Zulassung von Preiserhöhungen wegen Lohnerhöhung ohne Rücksicht auf den Markt und die Lage der Werke würden Antrieb und Begründung für neue Lohnerhöhungen, in der Folge Begründung zu neuen Preiserhöhungen geben. 4. Vom Standpunkt der Preisbemessung nach der Selbstkosten- vechnung ergibt sich zwar«in« niedrige Gewinnspanne. Die Be- rechnungen umfassen aber nrcht den gesamten Umfang der wirtschastlichen Betätigung der Werke und Konzerne.(Neben- Produkte! Red. d.„V.".)• Aus diesen Gründen hält der Reichswirtschafts- minister Kohlenpreiserhöhungen chei der gegen- wärtigen Lage unvereinbar mit dem Gemein- wohl. Hier domela! Tatü-tata, Sohn und Papa, Oels und Doorn Ohnmächtiger Zorn: „Stille hatten, Schicksals Walten. Nichts zu machen!" Ringsum Lschen. Tatü-tata———» Sic transit gloria...,« Mich, von Lindenhecken. ver Schweizerbuben Heimweh. 3a Zürich erlebt von Ebuard Bernstein. Eine der anmutigsten Ortschaften des an solchen nicht armen Zürichsee ist das ziemlich in der Mitte des rechten Ufere dieses Ssee gelegen«, weit ausgebreitete Dorf Meilen. Es liegt am Fuß de« 737 Meter über dem Meeresspiegel hohen Berges mit dem merkwürdigen Namen„Pfannenftiel". dessen Gipfel ein ansehnlicher dem Andenken des bedeutenden Forschers und Naturphilosophen Lorenz Oken gewidmeter Denkstein ziertz zur Erinnerung daran, daß Oken dort oben mit besonderer Vorliebe verweilte. Ein« Vorliebe, die jeder versteht, der diejen ooa der Katur pach ausgestattet«, und herrliche Ausblicke gewährenden Berg einmal bestiegen hat. Von ihm aus hat man im Westen jenseits des Sees den Rigi und Umgegend ungleich deutlicher und reizvoller vor sich und sieht mehr von den mit Gletschern bedeckten Berner Hochalpen als von irgend- einer anderen Stelle dieses Ufers, und im Osten überblickt man eine mächtig, bis zu den Sanktgaller Bergen ausgedehnte, viele Ortschaf- ten und über zwanzig Seen aufweisende wohlgepslegte Ländjchast. Der dem See zugewendete.Abhang de» Berges aber ist weithin mit Wein bepflanzt, und der Meilener oder, wie es in der Züricher Mundart heißt, Meilener Wein ist im ganzen Kanton wegen seines Wohlgeschmacks hochgeschätzt. Neben dem guten Boden kommt der Weinkultur hier auch die besonders günstige Lage des Abhang» zu- gute, dank der die Weinstöcke mehr und kräftiger von der Sonne beschienen werden, als es in den anderen Weingärten des Gebiete» der Fall ist. So ist denn auch das Fest der Weinlese— in der schweizerischen Mundart„Wümmet" genannt— in Meilen in noch höherem Grade als anderwärts ein Freudenfest. Es war daher für die zwei jüngeren Söhne me'incr Wirtsleute, Hempi(Wilhelm), dreizehnjährig, und Rudi(Rudolf), elfjährig, eine Iubelnachricht, als in Meilen wohnende gute Bekannte des Vaters sie zur„Wümmet", ich glaube des Jahres 1884, einluden. Die ganzen vorhergehenden Monate über schwärmten sie von den Freuden, die ihrer in Meilen warteten, und als dann an einem schönen Tage des Frühherbfts ein Eilbrief ankam:„Morgen ist Wümmet, schickt die Buben her", wollte das Juchhe! dieser kein Ende nehmen. Selig traten sie am folgenden Morgen die Fahrt nach Meilen an, und da der Wümmet dort gewöhnlich mindestens zwei Tage dauerte, war dos Ehepaar Meiry darauf vorbereitet, die beiden Jungen erst am dritten Tage wieder zu Hause zu sehen. Um so größer der Eltern Erstaunen, als der Hempi und Rudi schon am frühen Vormittag des folgenden Tages plötzlich anmar- schiert kamen. Die Alten verlangten Erklärung, und es entwickelte sich zwischen ihnen und ihren Sprößlingen in meiner Gegenwart das folgende Gespräch: Eltern(verblüfft): Was seid ihr denn schon daheim? Buben: Mir händ so 5)eiweh gha, mir händ die ganz Nacht brüelet(geheult). Eltern: Heimweh? War's denn in Meilen nicht schön? Buben: Schön isch es scho gsi(gewesen).'S war scho recht. Eltern: Und war's vielleicht nicht heiter? Buben: Heiter isch es schon j�ji.'S isch sogar chaibe(ver- dämmt) luschtig gsi. Mir händ de ganze Tag g'sunge. Und'z Abig (am Abend) händ's Musik gemacht, und all! händ tanzet. Eltern(begreifen noch nicht): War vielleicht die Frau Walter (die Frau des guten Bekannten) nicht freundlich zu euch? Buben: Arg(sehr) fründli isch sie gsi. Sie hätt ü» Brate gä (gegeben) und Chuche, und Kaffi und Moscht(Most— Fruchtwein) so vill mir händ möge(gemocht haben). a,. Eltern(ratlos): Ja, was hat euch d«n gejetzil? Buben: Nüt, nüt(nichts, gar nichts). Eltern(noch ratloser): Warum habt ihr denn Heimweh ge- habt? Buben(denen das Weinen nahe ist): Mir wüsse's nüt. Wo mir im Bett gsi sind, hetts üs überno(hat es uns überwältigt)! Eltern(halb ärgerlich, halb mitleidsvoll): Ihr seid recht dumme Kerle. Verkürzt euch selbst euer Vergnügen. Buben(finden keine Entschuldigung): Mir händ so Heiweh gha- Konnte man ihnen darob zürnen? Gewiß nicht. Näher liegt es, an einen Zug im Gemütsleben des Schweizervolks zu denken, von dem schon Heinrich Heine gelegentlich spricht. Den Eltern fiel es daher nicht ein, die Jungen ihren unüberlegten Streich entgellen zu lassen. Die Mutter richtete ihnen ein Frühstück her, und da eine Rückwanderung nach Meilen nun keinen rechten Zweck gehabt hätte, begriffen die Buben, je mehr der Tag vorrückte, immer klarer, daß sie eine große Dummheit gemocht hatten, und taten sich zum Schluß selbst furchtbar leid. Ein Gefallenendenkmal von Käthe/ Kollwiß. Käthe Kollwitz hat für Dixmuiden, wo mit den jungen deutschen Kriegssreiwilligcn auch ihr Sohn Peter Kollwitz, Schüler der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums, im Herbst 1914 gefallen ist, ein Grabdenkmal geschaffen. Um der Künstlerin zu ermöglichen, das Denkmal dort aufzustellen, haben das Reichsministerium des Innern und das preußische Kultusministerium gemeinsam einen Betrag von 19 000 M. zur Derfügng gestellt. Das in Stein ausgieführte Werk soll in der Nähe von Dixmuiden ausgestellt werden. An der Technischen Hochschule zu Berlin ist durch Ministerial- erlaß die Prüfungsordnung dahin erweitert worden, daß nunmehr die Diplomprüfung auch aus Grund eines wirtfchafts- wissenschaftlichen Studiums, das die Grundlagen der Technik einschließt, abgelegt werden kann. In der Wirtfchafts- Wissenschaft, die der Fakultät für Allgemeine Wissenschaften ange- gliedert ist, sind die technischen Prüfungsfächer in der Vorprüfung: Grundlagen der Physik und Chemie, der technischen Mechanik und Konstruktionslehre, in der Hauptprüfung: Grundlagen der Kraft- und Wärmewirtfchoft sowie ein Wahlfach, wie z. B. Fabrikbetrieb. Bautechnik, Elektrotechnik, Bergbau u. a. m. Der überwiegend wirtschaftswissenschaftliche Teil des neuen Studiums besteht aus Be- triebswirtfchaftslehrc(Rechnungswesen, Finanzierung, Industrie- betrieb, Geld- und Kapitalverkehr), ferner aus Volkswirtschaftslehre, Volkswirtschaftspolitik und Finanzwissenschast sowie aus Handelsund Wechselrecht, bzw. Staats- und Verwaltungsrecht. Die Dauer des Studiums ist wie da» der Fachingenieure auf acht Semester bemessen worden. Orangelimonade, da» amerikanische volksgelränk an heißen Tagen. Der Oran�esaft ist in den Vereinigten Staaten während der letzten Jahre ein Genußmittel geworden, das niemand mehr entbehren kann. Es hat selbst den obligaten„Ire Cream", der für jeden Amerikaner ein schier unerläßliches Lebensbedürfnis ge- worden war, mehr und mehr aus jeiaer Vor Machtstellung ve« Seßheiöene /lrmut. Intimes aus einer Arbeitsstube. In einem kleinen, eng möblierten Zimmer des Berliner Westens, das Schlaf-, Wohn- und Arbeitsraum einer ganzen Fa- milie darstellt, drängen sich schon am frühen Morgen eine Menge Frauen. Alle sind lauber gekleidet, mit intelligenten, aber arg verhärmten Gesichtszügen. Sie gehören zur Sorte derer, die unter den jetzigen Verhältnissen vielleicht mit am ärgsten leiden. Frauen von kleineren Angestellten, wo der Verdiener krank oder arbeitslos ist. Von früheren besseren Tagen her sind sie noch im glücklichen Besitz einer kleinen Wohnung ober die Miete, das Esten und all das Drum und Dran des häuslichen Apparates will und muh doch �herbeigeschafft werden. Und diese Last ruht�ntnerschwer auf den Schultern der Hausfrau, Gattin und Mutter. Wrig werden täg- lich die Inserate studiert, viele vergebliche Gänge getan. Heimarbeit, dürftigste, aber doch wenigstens dann und wann erreichbare Verdienst- Möglichkeit. Auch hier wird Heimarbeit vergeben. Spielhöschcn für Kinder sind zu nähen. Für s Stück gibt es 30 P f e n- n i g e. Eine wogt bescheidenen Einwand wegen des niedrigen Arbeitslohnes. Sic meint, man brauche pro Stück mindestens 1�2 Stunden zur Anfertigung, könne also bei unausgesetztem Ma- schinetreten von morgens bis abends kaum 6 Stück~ 1,80 Mk. schaffen. Aber im Nu wird sie niedergeschrien von allen anderen, die in hastigen, bettelnden Worten erzählen, dah sie vorher sür einen Stücklohn von 10 Pf. Säcke und sogar Schürzen mit Einfassung ge- näht hätten. Die Angst sieht aus aller Augen, die eine könnte die Arbeitoerteilerin mißgestimmt und die Austeilung der Arbeit in Frage gestellt haben. Gottlob, es war nicht der Fall. Jede bekam 6 Stück zugewiesen. Aber lange mußten sie warten. Stunden ver- gingen, bis alles zugeschnitten und verteilt war. Eine abgehärmte Frau war, ausgerüstet mit einem Riesenkarton, der für viel, viel Arbeit Platz bot, aus einem fernen Vorort gekommen. Ungeduldig trat sie von einem Fuß auf den anderen, endlich bat sie mit ängst- lich-zitternder Stimme um Abfertigung.— Sie muß nach Hause zu ihren kleinen Kindern.„Mein Mann ist aus Arbeitsuche, die Kinder sind ganz allein in der Wohnung, und der Nachhauseweg ist so weit." Endlich ist auch sie an der Reihe, mit einem dankbaren Lächeln schiebt sie das winzige Paketchen in den Riesenbehälter und rennt, was ihre schwachen Beine tragen können, um ja keine Zeit zu verlieren.— Für IVj Stunden gibt es 30 Pfennige gleich 12 Schrippen. Und nun kommt der Tragödie zweiter und schmerzlichster Teil: Bei Ab- nähme der gelieferten Arbeit findet die Arbcitgeberin allerhand Mängel in der Ausführung, nimmt einigen der Frauen, laut schimpfend, um sie einzuschüchtern, die Sachen ab, ohne ihnen dem Arbeitslohn zu bezahlen, und weioert sich sogar, eine Abliefe- rungsbestätigunq herauszugeben. Statt jedes weiteren Kommentores weist sie ihnen kurz die Türe. Dabei handelt es sich, wie durch Stich- proben nachgewiesen wurde, um eine vollkommen exakte saubere Arbeitsleistung. Scheinbar ist dies der Trick einer ganz„Ausgekochten", die sich aus diese Weise auch noch den Gegen- wert von 12 Schrippen für IV.stündige mühsame und anstrengende Arbeit zu ersparen weiß. Sie kalkuliert gerissen mit der Kleinheit des Streitobjekts und weih ganz genau, daß wegen ganzer 1.80 Mark niemand zum Kadi laufen wird, am allerwenigsten aber diese Art von Frauen, die, Innerlich ohnedies total zermürbt, auch noch diese Genieinheit stumm resigniert über sich ergehen lassen. Dsc Adresse dieser menschenfreundlichen Dame ist: Schulze, Berlin W., Passauer Straße 36. Hoffentlich bewahren diese Zeilen wenigstens weitere Opfer vor dieser gefährlichen Ausbeuterin. Abgestürzt und ertrunken. Ein schwerer Unfall ereignete sich heute vormittag gegen 10 Uhr vor dem Grundstück Friedrichsgracht 10. Auf einem dort stehenden Lastkahn war der 18jährige Schlosser Erich M e n n aus der Friedrichsgracht 44/15 mit Arbeiten be- schäftigt. M. trat plötzlich fehl, verlor den Halt und stürzte köpf- über in die Spree. M., der des Schwimmens unkundig war, ging sofort unter, konnte aber schon nach kurzer Zeit geborgen werden. Wiederbelebungsoersuche blieben leider ohne Erfolg Die Leiche des Ertrunkenen wurde in das Schauhaus gebracht.— Der in der Maschinenfabrik von Eckert in der Großen Frank- furter Allee 136 beschäftigte 27jährige Arbeiter Kurt G. aus der Gürtelstrahe 3 1 in Lichienberg, geriet so unglücklich in die von ihm zu bedienende Maschin«, daß er sich schwere Kopf- und Arm Verletzungen zuzog. Der Verunglückt« wurde in bewußtlosem Zustande in die Unfallklinit in der Johannis- straße übergeführt, wo er sehr bedenklich daniederliegt. drängt. Die aus Eiswasier, Zucker und Orangen�nft hergestellte Li- wonade, die sich als Orangeade auch in der Allen Welt zunehmen- der Beliebtheit in der heißen Jahreszeit erfreut, erscheint heute jenseits des Ozeans schon auf dem Frühstückstisch und wird tags- über in enormen Quantitäten genossen, nicht zum wenigsten von Frauen, denn die Amerikanerin huldigt dem Glauben, daß das wahlschmeckende, kühlende und gesunde Getränt zugleich auch das beste und harmloseste Mittel sei, um schlank zu iverden oder schlank zu bleiben. Eine einzige Gesellschaft unterhält in New Park City allein 133 Verkaufsstände? in denen als ausfchließliä)es Erfrischungs- gelränk die Orangelimonade vertrieben wird. Diese Kioske ver- brauchen jährlich nicht weniger als 20 Millionen Apfelsinen. Mit dem Auspressen des Saftes aus den Früchten wird das die Limo- nade servierend« Personal nicht betraut. Diese Arbeit wird viel- mehr in einem Zenttallaboratorinm der Gesellschaft ausgeführt. Das gewonnen« Produkt wird dann in flüssiger Form an die 135 Verkaufsstellen verteilt, wo die Zubereitung der Limonade erfolgt. Es ist leicht möglich, daß die Popularität, der sich der Orangensaft in Amerika erfreut, in gewissem Zusammenhang mit den durch die Prohibition bedingten Beschränkungen steht. Ein« deutschsprachige TNonatssibris» in Paris. Die-feit Jahren in Frankreich erscheinende Kunstzeitschrift„Les Chroniques du jour" gibt in diesem Monat zum erstenmal eine in deutscher Sprache er- scheinende Ausgabe, betitelt„Tageschronit der Kunst" heraus und kündigt on, daß sie diese Ausgabe, die besonders für Deutschland und für Mitteleuropa bestimmt ist, künstig allmonatlich erscheinen lassen wird. Der Verlag erklärt, er wolle durch diese Veröffentlichung der Annäherung der beiden Länder auf künstlerischen, Gebiete dienen. Als Redakteur der deutschen Ausgabe zeichnet Rohf Hentl. Die Zukunft des Achilleion. Wie aus Athen berichtet wird, hat ein« Gruppe ausländischer Kapitalisten, die auch einige deutsche Hotel- besitzer einschließt, der griechischen Regierung Vorschläge für den An- kauf des früher kaiserlichen Schlosses Achilleion auf Korfu sowie für die Errichtung eines Hotels mit 400 Räumen und eines Kasinos in unmittelbarer Nähe des Achilleions unterbreitet. Das Achilleion soll nicht als Kasino benutzt, sondern ein Teil soll in ein Museum ver- wandelt werden. Die Finanzgruppe will 8 Millionen Mark für die Bauarbeiten ausgeben als Gegenleistung für dos Privileg einer 2Sjährigen Ausbeutung, noch der Zeit das Gebäude und Kasino auf den Staat übergehen werden._ INar ckedermoun ist auch für das nächste VenvaltungSiahr(Oktabec irK>7,o8>>uin Priiid e nlen derPreußtlcheaAkadkMte der 0 Ii„. neinäbll worden. Die Wiederwahl wurde vom StaalSminilterium bestätigt. Ttelloerlretender Präs, denk bleibt der Direktor der TMgalademie Professor Dr. Georg Schumann. ll-ber die Kandelspolittt Frankreich» in der Nachkriegszeit spricht Gen. von Ln�rn-Ste�berg Donnersti�. lg'/, Uhr, m der Hochschule sür Politik, Schinkelplatz S. Gäste willkommen. Mfirlin« IbeoteraSle. In der Sladtverordnetenversammlung wurde der sriihere B-schlutz. die Oper und Operette aus dem Spielplan de« Siadttheateri herauszunehmen und da» Otchesle» auszulösen, wieder aus- v.hoben da der pr-upisch- T'aat einen Zuschuß von 20 000 fe. zur Ver- Aiquna'gestellt hat. Trotzdem soll erneut an die Provinzialverwaltung herangegangm werden, um auch von dort au»-inen Zuschuß zu erhalten. cher hat TheaterdesizU jür die Stadt abschwäche» fall. His auf öie Knochen blamiert! Das hundertjährige Massengrab am Lehrter Bahnhos. Den kommunistischen Blättern haben die Knochenfunde am Lehrter Bahnhof den erwünschten Vorwand geliefert, den Agita- tionsbetrieb der KPD. durch eine an Irrsinn streifend« Hetze zu beleben. Schon am 6. Juli wurde im„Vorwärts" Nr. 315 darauf hingewiesen, daß die Herkunst dieser Knochen längst in älteren verössentlichungen sesigestellt worden ist. Wir führten aus dem im Jahre 1910, vor jetzt siebzehn Jahren erschienenen Buch.Moabiter Chronik" von Wilh. O e h l e r t an, daß dort auf Seite 60 unter der Tahreszahl 1S1Z zu lesen steht: „Für die in den Berliner Lazareiten gestorbenen Russen, Fron- zosen usw. wird an der Grenze der Pulverfabrik(jetzt Lehrter Bahnhof) ein Friedhof angelegt. Die Gebpine der hier Be- statteten wurden in den vierziger Jahren nach den Anlagen an der Ulanentaserne(Rathenower Straße), kurz nach 1890 nach der Hosenheide überführt."' Heute können wir noch ein Zeugnis über die Herkunft der Toten- gebeins om Lehrter Bahnhof mitteilen. Derselbe Wilh. O e h l e r t hat in seinem schon im Jahre 1906, vor jetzt zwei Jahrzehnten, er- schienenen Buch„Der Klein« Tiergarten"(Verlag Albert Löwenthal, Börlin) sich noch ausführlicher über jenen Soldatensried- Hof geäußert. Dort sogt er auf S. 51: „Während der Jahre 181 3— 1 815 waren in Berlin, das damals etwa 150 000 Einwohner zählt«, in den fünf der Kriegswirren wegen eingerichteten Militärlazaretten im ganzen 9017 Krieger(Fran- zosen, Russen und Deutsche) ihren Wunden oder Krankheiten erlegen. Sie auf den bestehenden Friedhöfen zur legten Ruhe zu bestatten, ging nicht gut an. Es wurden deshalb für st« fünf eigene B e g r ä b- n i s st ä t t e n angelegt, von denen eine am Elsbusch, ein« bei Tcm- pelhof, zwei in der Hasenheide und die fünfte be! den Pulverhäusern in Moabir ihren Platz fand. Hier wurden nach einem Bericht des mit dem Beerdigungswesen betrauten Forstaussehers Ehriftoph die Leichen, zum Teil wohl in Sammelgräbern, in 8 Fuß tiefe Gruben gelegt und mit zerkleinertem Kalk beworfen, um eine möglichst schnelle Zersetzung zu bewirken.' Auf der Begräbnisstätte bei M o a- b i t, für die wohl die Lazarette am Waidendamm(spätere Artillerie-, jetzt Alexanderkaserne) und in der Friedrichstraße(jetzt Kaserne de; 2. Garderegiments z. F.) in Betracht kamen, wurden in dieser Weise nicht weniger al» 3000 Krieger bestattet."— Oehlert berichtet dann weiter, daß diese Soldatenfried- Höfe bereits im Jahre 1841, abgesehen von dem einen in der Hasen- Heide, verschwunden waren. Doch wußtc man, sagt er, von dem Moabiter Friedhos„damals noch die Stell« an der Mauer der Puloeifabrik(auf dem Gelände des jetzigen Lehrter B a h n b o f s) zu zeigen, wenn auch der Platz inzwischen mit Kiesern bedeckt und die ihn kennzeichnenden Pappelreihen, die auf dem Gläserschen Tiergartenplan von 1822 noch vermerkt waren, fehlten." Auf dem Moabiter Soldatensriedhof waren die Gebeine ausgehoben und an der heutigen Rathenower Straße in einem Sammelgrab untergebracht worden. Dort hat man noch lange den sie deckenden Grabhügel sehen können, der— wie Oehlert angibt— von dichtem Gebüsch umgeben und überwachsen war und in der Mitte ein schwar- zes Holzkreuz trug, das später durch ein inschristloses gußeisernes Kreuz ersetzt wurde. Hügel und Kreuz verschwanden zusammen mit der bäum- und buschreichen Anlage erst beim Bau der Kaserne on der Rathenower Straße zu Anfang der SOer Jahre. Die noch vor- gefundenen Gebein« wurden aus dem Soldatensriedhof in der Hasen- Heide eingegraben. Daß be! der Aushebung eines ganzen Fried- Hofs von 3000 Leichen einzeln« Leichen Übergan- gen werden, ist leicht möglich. Es könnten dabei sogar noch mehr Leichen unter der Erde am Lehrter Bahnhof liegen geblieben sein. Ein alter Parteigenosse teilt uns mit, daß er vor etwa 50 Jahren als Schuljunge aus dem Gelände zwischen der Jnvalidenstraße und dem damals eben entstandenen Stadtbahn viadukt im Spiel eine Grube von etwa 1 Meter Tiefe„ausgebuddelt" habe und dabei auf zwei Skelette und Schädel gestoßen feie Anscheinend hat!« man sie bei den Bauarbeiten gesunden und nah« dabei in geringer Tiefe wieder verscharrt. Die unwissenden Schwachköpfe kommunistischer B l ä t- t e r haben ihren gläubigen Lesern erzählt, kein Mensch er i n- n e r e sich der Existenz eines Friedhoss am Lehrter Bahnhof. Mit kluger Miene gaben sie auch das Gutachten ab, erst im letzten Kriege sei der Brauch aufgekommen, Soldatenleichen mit Kalk zu bedecken. Nach unserem Hinweis auf die Angaben des vor 20 Jahren erschienenen Buches von Oehlert wird vielleicht auch den „S o ch v« r st ä n d i g e n" der KPD. die Erkenntnis ausdämmern, daß sie mit diesen Knochen»sich bis auf die Knochen blamiert" hoben. Die Untergrunübahn nach Neukölln. Drei neue Bahnhöfe vor der Eröffnung. Di« Bauarbeiten auf der Gesundbrunnen-Neukölln- Linie sind nunmehr soweit gefördert, daß die Vorarbeiten auf der genannten Strecke in Angriff genommen und in größeren Teilen bereits beendigt sind. Gemäß dem Bauprogramm, dos man mit allen Mitteln versucht, einzuhalten, wird der südliche Teil bereits in der zweiten Hälfte des Juli in Betrieb genommen werden. Drei große Bahnhöfe werden eröffnet, und zwar Umsteigebahnhof Her- mannplatz, Boddin straße und Schönleinstrahe. Jeder besitzt einen Mittelbahnsteig, der 40 Meter länger ist, als es bisher üblich war, um längere Bahnzüg« absertigen zu können. Ueberall sind zwei breit« Ausgänge, die jedem Massenverkehr gerecht werden. Am Umsteigebahnhos Hermannplatz ist die G.- N.- B a h n mit der Nordsüdbahn durch ein« Rolltreppe verbunden, um den Umsteigeverkehr zu erleichtern. Die vorläufig erössnete Strecke Hot eine Länge von ungefähr 1!4 Kilometer. Es wird ein Pendel- verkehr eingerichlet werden. Zwei Wagenzüg« mit den modernen Einheitswagen werden voraussichtlich den Verkehr bewältigen. Auch on der Nordsüdstrecke wird weitergearbeitet. Im H e r b st wird voraussichtlich derBahnhofFlughafen fertig sein. Die Bau- arbeiten bis Ringbahnhof Tempelhof sind bereits in Angriff ge- nommen und in den letzten Wochen stark gefördert worden. Die vorarbeiten für die weitere Verlängerung sind ebensalls begonnen. Da die Bahn durch die Breit« Straße in Tempclhof gelegt werden wird, werden auch hier große Bauarbeiten stattfinden. Bor allen Dingen wird bedauerlicherweise der schöne Baumbestand der Mittel- allee beseitigt werden müssen. Dafür wird die Straße modernisiert, und die Straßenbahngleise werden in die Mitte der Straße auf Rasen gelegt. „Uefcetfee" in Berlin. Tin neuer Vergnügungspark mit lehrhaftem Hinter- grund, die„U e b« r s e« s ch a u", hat ihre Pforten am Kaiserdamm in Eharlottenburg geöffnet. Es sind dort allerlei hübsche Dinge zu sehen. In Berlin hat es wohl noch nie eine so t r a st l o s e Er- öfsnung gegeben, der Himmel goß, es war ein richtiger Uebersee- regen, und die Expedition erlitt schon im ersten Negerdorf Schlss- bruch. Ein größeres Unglück erlitt noch die Gejchästssüh- r u n g selbst, die keinerlei Vorbereitungen zum Empfang der Be- sucher, Führung und Erklärung vorbereitet hotte und allen Ernstes erklärte: sie könne doch nicht stundenlang ihren Gästen„ethno- graphische" Borträge hallen. Warum denn nicht! Das Publikum ist für Belehrung immer dankbar. Zum Glück waren die farbigen Völker mehr im Bilde, was sie dem Publikum schuldig sind. Sie sprechen alle durchweg, ganz gleich, ob sie aus Afrika, Samoa, Indien oder Persien stammen, ein so vorzügliches Deutsch, gesarbt mit„Berliner Dialekt", daß man alles Wissenswerte von ihnen erfahren konnte. Die Mehrzahl der Ueberseer dürfte vielleicht als„Berliner" trotz ihrer waschechten farbigen Haut angesprochen werden, man ist da vollständig unter guten Bekannten. Im a r a- bischenEafe.das im Regen abfärbte, wurden entzückende Tänze von„echten" Samoonerinnen gezeigt, auf dem Rasen Heimatspiele und Tänze von Negern, galoppierende Ritte von Wild-West u. a. Chinesen, Japaner, Perser und Aegypter warteten auf gutes Wetter, um ihre Handfertiflteit.en zu zeigen und auszulegen, ebenso die Buden mit„Paftenhoser-ExpSrt" und Fruchtsästen. Das Schönste an dieser so spielerisch improvisierten Völkerjchau farbiger Berliner ist zweifellos der alte ungepflegte Prioatpark on der Ber- liner Straße,' hinter dessen Büschen versteckt sich alles ausbaut. Man vergesse jedoch nicht, auch die alte Billa inmitten des Parks zu be- suchen, wo sich ein reichhaltig ausgestattetes exotisches Museum etabliert Hai mit sehr reichen Sammlungen an Waffen, Schmuck, Ge- raten und Modellen der Naturvölker, was wirklich sehenswert ist. Jedenfalls übertrifft die Schau an Reichhaltigkeit und Polkstllmlich- keit olle anderen Schauen dieser Art, die man vorher und zurzeit in Berlin sieht. Die ständige Ausstellung für Arbeiterwohlsahrt in Charlotlen- burg, Fraunhoferstrabe 11—12, ist, um ihre Zweckbestimmung besier zu kennzeichnen, in„Deutsches Arbeitsschutz-Mufcum" umbenannt worden. Das Museum umfaßt die beiden Abtei- lungen Unsallverhütung und Gesundheitsschutz(allgemein« Hygiene und Gcwerbehygiene). Der voir drei Jahren begoimene völlige Reu- ausbau ist inzwischen soweit vorgeschritten, daß der größte Teil der Gruppen wieder dem Besuch zugänglich ist. Der Ausbau geht ständig weiter, insbesondere ist ein Lehrbergwerk im Bau. Da» Museum ist werktäglich von 11— 13 Uhr und Sonntags von 11— 15 Uhr gegen ein geringes Eintrittsgeld zugänglich, das sich bei vorheriger An- Meldung größerer Gruppen auf die Hälfte ermäßigt. V«zIrk»bUduni»ou»Ich>>ß Groß, verlin. Vor,ug»karlin iür die Stern- warte Treptow zum Preise von SO Ps. im Bureau de» Bezirktbildung«- ausschulse» Lindenstr. 3, 2. Hol 2 Tr.(Zimmer 8). Di« Karten gelten da» ganze Jahr, und zwar einmal sür eine» beliebigen Vortrag oder eine FiUÜoorjühnmg. Domelas Berliner Erlebnisse. Eine Richtigstellung. Herr Amtmann Dolling, Vorstand des Anhalter Bahnhofs, schreibt uns: v Ich heiße nicht Amtmaim Dölle, sondern Amtmann Dolling. Di« Angaben des Rechtsanwalts Domelas entsprechen nicht den Tat- jachen. Domela ist im hiesigen Bureau gewesen, er hat eine Ver- lustonzeige— angeblich über 200 M.— ausgefertigt. Die Derlust- anzeige, die Domela mit„Prinz Wilhelm von Preußen" unterschrie- den hat, wurde mir von dem ausnehmenden Beamten gezeigt. Ich pruste die Unterschrist, und da es eine ausgeschrieben« Hand war, habe ich einen Zweifel an der Echtheit nicht gehabt. Den angeblichen Prinzen habe ich nicht mit„königliche Hoheit" angeredet, sondern nur mit„Prinz". Daß die Beamten vor ihm stramm gestanden hätten, ist vollständig erfunden. Die hiesigen Bahnhofsbeamten stehen überhaupt nicht stramm, selbst wenn der höchste Borgesetzt«, der Herr Reichspräsident, kommt, der von hier sehr oft abfährt. Als ich de» angeblichen Prinzen fragte, ob er sich zu entsinnen wüßte, wie ich ihn als Schüler von Charlottenburg abfahren ließ, sagte er„Ja" und suchte das Weite. Es ist möglich, daß auf sein Ansuchen irgendein Beamter etwas nach Gotha mitgeteilt hat. Der angebliche Prinz war nicht in der Lage, eine Depesche nach Gotha zu bezahlen. Ich habe das Geld bis zun, nächsten Tage ausgelegt, er hat es später durch Boten geschickt. Die Zigaretten, die er als Donk beigefügt hatte, habe ich nicht angenommen, sondern ihm zurückgegeben. Ein Abteil erster Klasse ist weder reserviert noch ihm angeboten worden. Der betressende Beamte fragte nur, ob er denn dritter Klasse fahre. Und ol» er dies bejahte, hat er ihn ruhig im Abteil dritter Klasse belasten. Hier vom Anhalter Bahnhof fahren fast jede Woche Prinzen ab und werden dabei in keiner Weis« de- »orzugt.__ Das ewig besudelte Denkmal. Heute früh wurde der vor der C h r i st u s t i r ch e, K o n i g- grätzer Straße 96. ausgestellte Obelist zum Gedenken der ge- fallenen Krieger der Gemeinde abermals besudelt. Der Täter hat das Denkmal mit einer grauschwarzen Flüssig- keit begossen. Obgleich die Polizei ihr besonderes Augenmerk auf die Beobachtung des Platzes gerichtet hat, ist es dem Täter, der offenbar immer dieselbe Person ist, zum achten Mal« gelungen, das Denkmal zu besudeln. Durchbruchsprojekte der Stadt Berlin. Entgegen den von nichtamtlicher Seite oerbreiteten Meldungen, daß der Magistrat sich in seiner Sitzung am 6, Juli 1927 mit Durch- bruchsprojekten und mit Anleihesragen beschäftigt haben soll, teilt das Nachrichtenamt mit, daß weder das eine noch das andere Gegen- stand irgendwelcher Erörterungen war. Das Münchener Essenbahnunglück. Beginn der Berufnngsverhandlung. München, 12. Juli.(TU.) Vor dem Landgericht München 1 hat heute vormittag die Berufungsverhandlung gegen den Lokomotivsührer Aubele begonnen, der wegen de» großen Eisendahnunglücks am Münchener Ostbahnhof in erster Instanz zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt worden war. Revision im Mordprozest Strasser. Kaufmann David Strasser, der vom Stader Schwurgericht in Harburg wegen Mordes in zwei Fällen zweimal zum Tod« und wegen versuchten und vollendeten Versicherungsbetruges zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war, hat gestern gegen das Urteil Revision eingelegt. Trauriger Abschluß eine» Bordfeste». Der Dampfer„Wik! n g" war am 9. Juli mit Mannschaften der Marineschule Mürwik zur Abhaltung eines Evortsestes nach S t« i n b e r.g. H a s f gefahren und hatte in der dortigen Bucht geankert. Bei der Wiederein- schissung der Mannschaften schlug ein mit fünf Matrosen besetztes Zivilboot voll und kenterte. Während drei der Insassen von einem ande«n Boot aufgenommen werden konnten, fandet zwei hierbei den Tod in den Fluten. Zndustriehasen Marlenbnrg. In Marienburg wnrde am Sonn- tag in Anwesenheit einer großen Zahl von Vertretern west- und ostpreutzischer Staats- und Kommunatbehörden der neue Industrie- Hafen eingeweiht. Der neue Hasen, der über 465 Meter lang und 2,50 Meter tief ist, ist da» Werk fünfjähriger Arbeit. Die Ge- jamttosten de» Hajens velaujen sich aus 500000 Mark. T>k Cntstheiöung öer Klavierarbeiter. Jetzt haben die Unternehmer das Wort. In der gestrigen Versammlung der Klaoierarbeiter über die wir bereits im heutigen Morgenblatt berichteten, sprachen sich all« Diskussinnsredner g e g en die Annahme des Vergleichsvorschlages des Gewerberats Körner aus und zwar aus dem Grunde, weil sie glaubien, daß es trotz der Annahme des Vorschlages in den B e- trieben doch Differenzen geben werde. Der Vergleichsvorschlag, der die materiellen Bestimmungen des Tarifvertrages regelt, hat die besonders qualifizierten Facharbeiter nicht genügend berücksichtigt, die bereits jetzt l.lll M. und darüber im Zeitlohn verdienen. Die Bestimmung, daß die D u r ch s ch n i t t s a k k o r d v e r d i e n st e ab 12. Juli 1,29 M. betragen sollen, dürfte in den Betrieben ebenfalls leicht zu Differenzen führen, in denen während der vertraglosen Zeit die Akkordpreise stark abgebaut worden sind. Wenn trotz dieser nicht unberechtigten Befürchtungen die Versammelten dem Ver- gleichsvorschlag schließlich mit knapper Mehrheit zugestimmt haben, so nur deshalb, weil sie den Unternehmern die Verantwortung über- lassen wollten, os es zum offenen Kamps kommt. Nicht erledigt morden durch den Dergleichsvorschlag sind die Bestimmungen des Tarifvertrages über Lohnzahlung, Mon- tagezuschläge, Betriebsvertretung, Schlichtung von Streitigkeiten, Bestimmungen über die Lehrlinge und allgemeines. Der cholzarbeiter-Verband legt besonderen Wert darauf, daß ihm sowohl über die Zahl der Lehrsinge wie über ihre Ent- schädigung ein Mitbestimmungsrecht eingeräumt wird. Diese noch offenen Fragen sollen in einer Verhandlung geregelt werden, die umgehend stattfinden soll. Falls in diesen VerHand- lungen keine Einigung erzielt wird, soll das Schiedsgericht nochmals zur Entscheidung angerufen werden. Erst dann, wenn auch über diese Fragen eine Einigung erzielt ist, gilt der Friede in der Klavierindustrie als endgültig gesichert. Es ist jedoch anzunehmen, daß nachdem die schwierigsten Fragen geregelt worden sind, auch über die noch offenen Fragen eine Verständigung herbeigeführt und damit der seit fast zwei Iahren währende tariflose Zustand beseitigt wird/ Sollten die Unternehmer aber wider Erwarten noch in diesen ausstehenden Verhandlungen neue Hindernisse in den Weg stellen, so sind die Klaoierarbeiter nach der Stimung der gestrigen Versamm- lung zu urteilen, nach wie vor fest entschlossen, ihre berechtigten Forderungen durch einen offenen Kampf durchzusetzen. Es liegt nunmehr bei den Unternehmern, zu zeigen, ob sie den Frieden in der Berliner Klavierindustrie, oder den Kampf wollen. vie eiserne Internationale. Ter internationale Kongretz. Der Internationale Metallarbeiterbund hält seinen Kongreß v o m 8. b i s 12. A u g u st in Paris ab. Der für die Tagung ausgearbeitete Tätigkeitsbericht des Bundessekvetärs ist umfangreicher denn je. Das nimmt nicht Wun- der, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die seit dem letzten Kon-. greß verflossenen drei Jahre für die Metallarbeitcrschast aller Län- der äußerst bewegt waren. In der Metallindustrie setzte die Rationalisierung zuerst ein, wurde die Verschiebung der Belegschaften am rücksichtslosesten durchgeführt, und die Metallindustrie birgt schließlich die ausge- sprochenen Scharsmacher. Die Folge waren immerwährende Kämpfe und Aussperrungen, die die Leitung, des Bundes In hohem Maße beschäftigen mußten. Fast zweihundert Seiten des Berichts des Internationalen Sekretariats sind daher der w i r t- schaftlichen Bewegung und den L o h n k ä m p f e n der Metallindustrie gewidmet. Für die internationale Hilfe wurden seit 1929 887 900 Schweizer Franken ausgebracht, und davon 869 999 Fmnken zweckgemäß verwendet. Außerdem ist die Bundeskasse neben den regelmäßigen Beiträgen noch mit 17 552 Franken gestärkt worden. Bon allen internationalen Verufssekrctariaten hat der Metall- arbeiterbund den niedrig st en Beitrag, nämlich nur 14 Gul- den pro Jahr und Mitgliedertausend, während andere einen bis 99 Gulds» steigenden Beitrag leisten. Trotz der niedrigen Beitrages konnte 1925 ein monatlich deutsch, französisch und englisch erschei- nendes Mitteilungsblatt geschaffen werden, das der Unter- richtung der Funktionäre in weltwirtschaftlichen und gewerkschaft- lichcn Dingen dient. Die Wirtschaftsnot, unter der die Metallarbeiterschaft schwer zu leiden hatte, spiegelt sich in der M i t g l i e d e r b e w e- g u n g wieder. Die Mitgliederzahl ist von 1924 bis 1926 von 2 131 999 auf 1 663 999 gesunken. Der weitaus größte Teil dieses Verlustes entfällt auf den Deutschen Metallarbeiter- verband. Wohl haben auch ein paar andere Verbände ver- hältnismäßig viel Mitglieder eingebüßt, allein die meisten haben in den letzten Jahren zugenommen. Wenn nickt alle Zeichen trügen, wird der Mitgliederrückgang, den außergewöhnliche Arbeitslosigkeit und innere Fehden gebracht haben, bald wieder ausgeglichen sein. Der Zahlenmäßige Aufschwung hat bereits allenthalben wieder kräftig eingesetzt. Der eisernen Internationale sind, wie aus dem Bericht hervor- geht, 39 Organisationen und 29 Länder angeschlossen. Die Zahl der Organisationen wäre um ein Dutzend größer, wenn man die eng- lischen, die nur als ein Verband zu Buche stehen, einzeln mitzählte. Auch Nordamerika ist wieder vertreten, weil der nord- amerikanische Maschinenbauverbond, der bereits bis zum Kriegs- beginn dem Bunde angehört«, seine Mitgliedschaft erneuert hat. Dadurch hatte die Internationale ciüen Zuwachs von etwa 75 999 Mann. Ilm auch die anderen Metallarbeiterorganisationen Nordamerikas, die Hunderttausende von Mitgliedern bergen, zum Anschluß zu bewegen, war ein« vierköpfig« Abordnung im Herbst 1926 nach den Vereinigten Staaten gegangen. Wie weit der Ver- such geglückt ist, steht im Augenblick noch dahin. Der Anschluß der russische n Metallarbeiter hat das Sekre- tariat in den letzten drei Jahren wiederum stark beschäftigt, wie aus den Bergen von Briefen und einer Fülle von Sitzungen und Kon- ferenzen hervorgeht. Sieht man von Verdrießlichkeiten und Geld- kosten ab, so haben die schriftlichen und mündlichen Verhandlungen mit den Russen zu nichts geführt. Di« letzte gemeinsam« Konfe- renz im Februar 1927 hat noch deutlicher a's die vorhergehenden die Unmöglichkeit einer Verständigung offenbart. Beim Lesen des Briefwechsels und der Sitzungsberichte kommt man zu dem Schluß, daß die Russen überhaupt keine Vereint- gung mit anderen Organisationen wollen, sondern nur deren Entzweiung. Nach den vielen bisher gemachten trüben Erfahrungen kann man mit Bestimmtheit annehmen, daß nunmehr die Anschluhfrage mit den Russen er- l e d i g t i st._ Christliches Eigenlob. Wer sich erhöht,.... Das unleugbare große Verdienst, das die freien Gewerkschaften und die sozialdemokratische Reichstagsfraktion an der Schaffung der Arbeitslosenversicherung haben, läßt gewisse Leute nicht schlafen. Der einfache Hinweis des Reichstagsabgeordneten Genossen Aus- Häuser auf dieses Verdienst veranlaßte den„Deutschen" und verschiedene andere bürgerliche Zeitungen zu allerlei törichten hämischen Bemerkungen. Gegenüber der Feststellung Anshäusers, daß es in erster Linie der Sozialdemokratie zu danken sei, wenn die Arbeitslosenversicherung auf der Reichsanstalt ruh«, erklärt der„Deutsche":„In Wahrheit ist die jetzige Konstruktion der Arbeitslosenversicherung gewachsen in vielen mühsam«, Besprechun- gen, die der Herr Reichsarbeitsminister und mehrere christliche Ar- beiterabgeordnet« mit den verschiedensten Stellen abgehalten haben." Auch den Stegerwald-Leuten wird es doch schließlich bekannt sein, daß es in erster Linie die freien Gewerkschaften waren, die für den Gedanken der Reichsanstalt eingetreten sind. Sie kämpften für diesen Gedanken bereits, als noch die christlichen und Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften vielfach der Auffassung waren, die Schaffung der Reichsanstalt sei deshalb eine überaus schwierige und problematische Sache, weil eine Aenderung des Arbeitsnach- weiswescns damit verbunden sei. Nun, was den ängstlichen Ge- mütern als schwierig und problematisch erschien, ist heute gelöst. Diese Lösung war nur möglich, weil sich die freien Gewerkschaften durch die ihnen entgegengehaltenen Zweifel und Bedenken nicht ein- schüchtern ließen. Bei der Frag« de� Reichsanstalt liegen die Dinge also sehr klar und eindeutig: gerade hier sind alle Verkleinerungs- und Verdunkelungsversuche zwecklos und überflüssig. Bei seinem Versuch, sich mit fremden Federn zu sHmücken, kommt der„Deutsche" auch auf die Arbeitszeit für die H ü t t e n l e u t e zu sprechen. Er meint, wenn'die Hüttenleut« in nicht kurzer Zeit sich des Achtstundentages erfreuen werden, dann sei das nur den Kämpfen um das Notgesetz zu verdanken, in deren Mittelpunkt Stegerwald gestanden habe. Also auf Deutsch: Ohne Stegerwald keine Arbeitszeitverkürzung für die Hütten- und Walz- werke, kein sanitärer Achtstundentag! Der sanitäre Achtstundentag für die Hüttenleute ist eine über- reif« Frucht. Daß unter den führenden Industrieländern Deutsch- land nahezu allein noch nicht den Achtstundentag für die Hütten- leut« hat, muß schließlich auch für den Reichsarbeitsminister völlig unerträglich sein. Deshalb ist es auch kein Zufall, daß kurz nach der Verabschiedung des Arbeitszeitnotgesetzes Stegerwald besonders laut den Achtstundentag für die Hüttenleute forderte. Er forderte, weil er wühl«, wieviel es geschlagen hatte. Siege aber, die man schon in der Tasche hat, bevor zum Sturm geblasen wird, sind keine Heldentaten. Der Achtstundentag für die Hütten- leutc ist eine kleine Wiedergutmachung großer Sünden, die beim Arbeitszeitnotgesetz begangen wurden. Nicht Stegerwalds Zweifel- hafte Rolle beim Kampf ums Notgesetz, sondern höchsten- der Empörungsschrei der Arbeiterschaft gegen das Not- gefetz und gegen Stegerwald hat die Entscheidung über den sanitären Achtstundentag für die Hüttenleute beschleunigt. Eine amerikanische Europa-Velegation. Die amerikanische Gewerkschaftsdelegation, die sich seit einiger Zeit organisiert hat, um eine Forschung?- reise nach Rußland zu unternehmen und zugleich die wirt- schaftlich-soziale Lage der Arbeiter in den übrigen Industrie- ländern Europas kennenzulernen, ist zurzeit damit beschäftigt, die letzten Vorbereitungen für die Reise zu treffen. Die Abfahrt erfolgt am 27. Juli von New Nork aus. An der Reise werden sich zehn Gewerkschaftsbeamte beteiligen sowie zehn Wissen- s ch a f t l e r, Nationalökonomen und Juristen, deren besondere Auf- gäbe es sein wird, die Forschungen auf ihren Spezialgebieten zu leiten. In Rußland sollen Moskau, Leningrad und andere wichtige Städte besucht und dabei besonders Betriebe in der Schwer- industrie und in den Hauptindustriezentren berücksichtigt werden. Die Delegation wird keine amtliche Fühlung mit der Sow- jetregierung haben, doch ist ihr die Gastfreundschaft der russi- schen Genossenschaftsbewegung und der russischen Gewerkschaften zu- gesichert. In Deutschland wird die Gewerkschaftsdelegation typische Industriezentren wie Düsseldorf und Hamburg besuchen und auch Berlin berühren. Nach Italien wird sich die Delegation nicht begeben, sie wird aber den Versuch machen, mit den ver- triebenen Führern der italienischen Arbeiterbewegung in den Nach- barländern Italiens Fühlung zu nehmen.. Die an der Konferenz teilnehmenden Gewerkschafter sind: Sheppard, Präsident der Eisenbahnschasfner: Manley von den Eisenbahnern: Ziegler von den Bahntelegraphisten: Shamp, Sch.itzmeister der Feuerleute und Oeler: Fitpatrick von den Schauspielern: Pommer vom Schriftsetzer-Verband: Brophy und Mitchel von den Bergarbeitern: Johnson von den Maschinisten, sowie C o y l e von den Lokomotivführern. Die an der Reise teilnehmenden Wissenschaftler sind Profesior Tugwell von der Columbia-Universität(Landwirtschaft), Stuart Chase von der Harvard-Universität(Produktion und Verteilung), Dr. W. Jett L a u ck(Bankwesen), Dr. Arthur Fisher und I. A. H o p k i n s(Transport und Verkehr), Dr. Paul H. Douglas von der Universität Chikagg�lGewerkschaften und Genossenschaften), Dr. C. Howe und John Sinclair tKon- Zessionen), Dr. Jerome Davis von der Nale-Unioersität(Sozial- gesetzgebung). Frank P. Walsh und Clarence S. Darrow(Gc- setzgebung, Rechtswesen). Die ganze Reise soll ungefähr zwei Monate in Anspruch nehmen. Wietslchoist Unsichere Geschäfte bei üer J. d.Rieüel fi.-G. Exzellenzen statt Aachleute im Zlufsichtsrat. Der hohe Verlust des feinchemischen Unterneh- mens der I. D. Riedel A.-G. Berlin von rund 1,7 Millionen bei 19 Millionen Aktienkapital hat auf der G e n e r a l v e r s a m m- lung zu heftigen Angriffen gegen die Verwaltung geführt. Die Verwaltung hat daraufhin endlich der Oesfentlichkeit über einige große Geschäfte Z�fklärung gegeben, die bisher nur hinter den verschlösse nWI Türen der Aussichtsräte zur Sprach« ge- kommen waren. Es handelt sich-um die B e te i l i g u n g s p o l i ti k der Ge- fellschaft bei der E. de Haen A.-G. Hannover und der Ring- Gesellschaft chemischer U n t e r n e h.m u n ge n. Nach dem Geschäftsbericht sind die Betriebe der Haen-Gesellschaft von Grund auf umgebaut und erneuert worden, konnten aber seit drei Jahren nicht in die vorgesehene Produktionshöhe hineinwachsen, so daß sich der Dorjahrsverlust von 159 999 M. auf 820 000 M., das sind ü b e r 25 Proz. des Aktienkapitals, erhöhte. Die Finanzlage dieses Unternehmens ist außerdem noch sehr schlecht. Bei einem Aktienkapital von 3 Millionen werden fast 6 Millionen Mark Schulden, darunter 4,7 M. Bankschulden ausgewiesen, denen nur 1,6 Millionen Mark F o r V e r u n g« n entgegenstehen. Für diesen hohen Bankschuldenstand mußt« die Riedel A.-K. als Aktienbesitzer die Ausfallbürgschaft übernehmen. Noch bei weitem undurchsichtiger liegen die Verhältnisse bei der Ring-Gesellschaft. Diese Gesellschaft wurde zu dem Zweck gegründet, die Produktion neuer Massenartikel aufzunehmest, ist aber über Versuche noch nicht hinausgekommen. Diese Beteiligung war im letzten Geschäftsbericht nicht einmal dem Namen nach erwähnt, und erst auf dieser Generalversammlung mußte die Riedel-Verwaltnng bekennen, daß das Kapital dieses Unternehmens 5999 M., dagegen die V e r- pslichtungen, für welche die Riedel A.-G. gut gesagt hat, weit über drei Millionen Mark ausmachen. Wenn der Aussichtsrat versuch e, diese aufsehenerregende Erklärung dadurch ab- zuschwäch« ir, daß dieser Betraa nicht auf einmal hergegeben, son- dern der Riedel-Gesellschast mit Mühe„wie einer Kuh die Milch ab- gemolken" sei, so ist das nur um so schlimmer. Diese Beteiligungspolitik von Riedel hat zu einer fast a ch t z i g- prozentigen Belastung des Riedelkapitals mit Burgschaften geführt: eine kaum tragbar« Belastung. Wenn ein Aftionär die übermäßige Besetzung des Aussichtsrats mit Exzel- lenzen statt init Fachleuten kritisierte, so zeigt das, wie groß das Mißtrauen auch schon in den eigenen Kreisen ist. Der Jahresabschluß der Riedel-Gesellschaft selbst weist trotz ge. steigerter Umsätze einen von 4 auf 3 Millionen gesunkenen Rohgewinn auf, von dem nach Abzug der Generalunkosten und der durch die Beteiligungsverluste fast vervierfachten Ad- schreibungen von 1,12 Millionen Mark ein V e r l u st von 1,7 Millionen verbleibt. Der Abschluß ist also-nicht günstig und wie derjenige für das laufende Jahr werden wird, dafür sind die oben geschilderten Geschäft« kein gutes Vorzeichen. Im vorigen Jahre konnte die ehemals sehr bedeutende Teichgräber A.-G. sich nicht mehr halten. Wir wollen nicht hassen, daß der Riedel A.-G., die für eine lOOOköpfige Belegschaft die Verantwortung trägt, auch nur entfernt in die gleiche Lage kommt. Die Finanzlage ist jetzr gebessert und sicher hat die besser« Konjunktur auch ihr geHolsen. Aber das Beispiel zeigt wieder, wie oft es bei unseren Unterneh. mungen an der rationellen Geschäftsführung fehlt und wie leicht- fertig.große Werke und Belegschaften in Mitleidenschaft gezogen werden._ Gemischlwirtschaftliche Unternehmungen in Rußland. Nach vorliegenden Meldungen haben sich die Wirtschaftsleiter Eowiet. rußlands zu einem schwerwiegenden Schritt entschlossen, der für das bisherige System der ausschließlichen Jndustriebeherrichung durch den Stant einen vollständigen Bruch der Tradltlvn bedeutet. Die gesamten russischen Elettrizitätsa-nlagen sollen m eme gemischtwirtschaftliche Gesellschaft eingebracht werden, an'denen der russische Staat mit 51 Proz., also der Mehrheit der Anteile, betelligt bleiben soll, während das private A u s l a n d s ka. p l t a I eine Beteiligung von 49 Proz. erhalt. Da Ruß- land nichts so nötig hat als Kapital und durch die gegenwärtige cnglisch-russische Spannung sein Kredit unsicherer ist als je. wurde dieses Vorgehen als ein von wirtschaftlichen Notwendigkeiten dik- tierter Schritt be greislich erscheinen. Nach den aufgestellten Richtlinien des Wirtschaftskommissariats denkt man bei der Bc- teiligung in erster Linie an führende Auslandsfirmen, die die erforderlichen Lieferungen durchführen sollen, wobei wie es scheint die Lieserungen in der Form einer Kapitalbeteiligung a b g e- gölten werden sollen. Beschleunigte Beförderung von Frühkartoffeln. Der Deutsche Landwirtschaftsrat teilt mit, daß die Deutsche Reichsbahngesellschast umfassende Maßnahmen getroffen hat, um eine gute und schnelle Beförderung deutscher Frllhkartojfeln sicherzustellen. Im besonderen kommt die Beförderung aus den Bezirken Hannover, M a g d e- bürg und Erfurt nach den Bezirken Essen, Köln u n d E l b e r s e l d, sowie nach dem Freistaat Sachsen in Frage. Der Deutsche Landwirtschaftsrat begrüßt diese Maßuahmen der Reichsbahngesellschast, die zweifellos auch vom allgemeinen Stand- punkt gutzuheißen sind. Aber sie sind sicher auch politisch nicht ganz ohne Bedeutung. Die zu erwartende Verteuerung der Kar- tofseln, auch der neuen Ernte, wird zunächst durch die mit der Zoll- erhöhung erfolgende stärkere Fernhaltung der holländischen Kartof- feln eintreten. Die besonderen Maßnahmen der Reichsbahn ermög- lichen daher eine bessere Ausnutzung des Zolles, sei es, die ausbleibende Einfuhr zu ersetzen, sei es, um den Markt der Industriegebiete mit deutschen Kartofefln besser bestreiten zu können. Berantwortlich Mr Biet«, Schiff! Wirtschaft: i». iNingclhäfcr: _........____. f> /C. 4...: n...... Am c> t„t-: 9 �«mm V*» OmVmTmm Derlag: Porwärts-veriag u>. m. o P., vernn. �irucr: Vorloaris»??ucDorulicrcl und Verlogsansialt Paul Singer u Co. Berlin EW KS, Lindcnstraße S. IMmi AUanktiirter Allee S9 Vom 12. bis 14..lull 1927* Die Tänzerin des Zaren F:niQr: Rudolf Valentine in Monsieur Beaucaire Bfitinenscfiau MÄ-lMMeM Vom 12. bis M Juli 1927 Der Sohn des Bannlbal Femen Dürfen Ellern heiraten? BQhnenschau tonconlia- Palast, AnöreasstraSe 64 Vom 12. bis 14. Juli 1927 Das verlorene Glück Außerdem; Die Weifte GeiShO BQhnenschau Passage-liditspiele.Ber�M/» Vom 12. bis 14. Juli 1927 Prinz Louis ferdlnand Ferner: Tom Tyler in IHknde hoch Buhnenschau DIE AUSSTELLUNG DES JAHRES 1927 INJ DEUTSCHEM GARTENBAU U.SCHLES. GEWERBE VERANSTALTET I 1 C VON DER STADT LI C Kl I T7 25. JUNI IM I l£-SEPX£MßEB Wer probt, der lobt1 Tätlich JrischeOras- Butter UO und 1.(0 pro l'fund. Weener, BerlinSO MariannenstraBe34 Juergens Alexander plat ■ Wefpefstmani gm u.biiiift? Nur GroB-Berlin Alexanderplat». Fleisch- und Wurslwaren-Veikauf Blllld nnd-int ThüCrStr. 40 BUUd and dnt geöftnefvon 8-3Uhr, Freitags und Sonnabends 8—7 Uhr Schönhauser Allee 33 Sfoffllaternen Dtz.60Pfg. 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