Abendausgabe ■ ttmui wmamammm—mm—mmmm Nr. 341 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 16$ SezugsbedlagunM» und?lnze!genvie!l» sind in der Morzenauzgabe angegebe» «-dattloa: Sw. SS, cindenstroh- t Zernsprecher- VSnhoss ZgZ— 20, r«l.-«dresse: SozIolvemnlrotverN» Devlinev Volksvlakk (tO Pfennig) Donnerstag 21. �uU 1«27 Verlag und Anjetgenabiettu- Sefd) Sftsjett 8� bis i Udi Verleger: Vora>ärts-Verlag Smb� Berlin SD KS, Llndenstrabe i Zerasprecher> VSnhoss 232— 2Sl? �entralorgan cier 8o2ialclemoKratifcKen parrei Veuttcklancls Nachspiel öer wiener Unruhen. Heute Tagung des Gemeinderates.- Die Chriftlich-Sozialen gegen die Schutzwache. r. bn. Wien. 21. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Es ist bereits bekannt, dah heute nachmittag bei der Beerdigung der drei toten Sicherheitspolizisten und des einen Kriminalbeamten, der gleichsalls den Unruhen der letzten Woche zum Opfer gefallen ist, der Bundespräsident und die Bundes- regierung teilnehmen werden. Gegen diese Tatsache an sich wäre wohl nichts einzuwenden. Aber da der Bundespräsident und die Bundesregierung gestern die Beerdigung der ersten 57 Todesopfer ohne das geringste Zeichen der Teilnahme haben vorübergehen lassen, entsteht ein auffallender Gegensatz, der natürlich keineswegs geeignet ist, die tiefe Erregung in den Arbeitermassen zu verringern. Ein etwas merkwürdiges Verfahren der Bundesregie- r u n g ist es, auf Anfragen, die in der gestrigen Pressekonferenz im Rathaus gestellt worden sind, öffentlich zu antworten. In dieser Antwort erklärt die Bundesregierung mit einer bisher eigentlich noch nicht zu beobachtenden Schärfe, dah die Gemeindeschutzwache weder eine gesetzmäßige noch eine verfassungsmäßige Grundlage habe. Diese Behauptung ist aber unrichtig. Denn der Artikel 122 der Landesverfassung für Wien sagt ausdrücklich, daß der Magistrat unter Leitung und Derontwortung des Bürger- meisters die der Gemeinde zustehende Lokalpolizei auszuüben habe. Die Stadt Wien hat also mit der Aufstellung der Schutzwache im Rahmen ihrer Befugnisse gehandelt. Wenn die Bundesregierung das bestreitet, so ist es sicher, daß die christlichsoziale Minderheit in der heute nachmittag 5 Uhr beginnenden Gemeinderats- s i tz u n g sich auf denselben Standpunkt stellen wird. Die Tages- ordnung an sich bietet nichts Besonderes, aber durch einen sozial- demokratischen Dringlichkeilsantrog wird die Zustimmung zur Ausstellung der Schutzwache und die Bewilligung ihrer Kosten— pro Mann 8 Schilling täglich mit Berpflegung— gefordert werden, und die Besprechung darüber wird' natürlich den gesamten Vorgängen gelten. Sie wird also voraussichtlich sehr stürmisch werden. Wir werden darüber eingehend berichten. Es ist natürlich kein Zweifel, daß der Dringlichkeitsantrag angenommen werden wird; denn die Sozialdemokraten haben die Zweidrittel- Mehrheit weniger zwei Stimmen. In Anschluß an die Gemeinderatssitzung wird der Landtag von Wien zusammentreten, der aus denselben Personen besteht wie der Gemeinderat, aber nicht unter dem Vorsitz des Wiener Bürger- meisters tagt. Der Landtag wird die Einsetzung eines Unter- suchungsausschusses für die gesamten Vorgänge, soweit sie die Gemeinde betreffen, beschließen. Mit der Einsetzung eines anderen Ausschusses durch den Nationalrat, der am kommenden Mon- tag zusammentreten wird, ist gleichfalls zu rechnen. Für die Panikstimmung, die noch immer andauert. ist es auch bezeichnend, daß die Regierung verschiedene Orte in der Provinz militärisch besetzen läßt, oder, soweit sie schon be- setzt sind, die Besatzung verstärkt. In dem sogenannten Mittet, in der Nähe von Wiener-Neustadt, südlich von Wien, ist von altersher eine Pulverfabrik. Sie wurde bisher von einigen Mann Soldaten bewacht, cheute ober hat die Bundesregierung oder die Heeresleitung eine ganze Kompagnie Militär von Wiener- Neustadt dorthin oerlegt, weil sie glaubt, die Pulverfabrik vor einem angeblich drohenden kommunistischen Angriff schützen zu müsien. Von unserer Parteiorganisation in Wiener-Neustadt— einer gleichfalls überwiegend sozialdemokratischen Industriestadt— erfahren wir, daß für diese Behauptung jede Grundlage fehlt. Zur gestrigen Totenfeier wird nachträglich noch bekannt, dah zahlreiche W e h r l e u t e des Bundesheeres, die an der Beerdigung eines ihrer Kameraden teilnehmen wollten, der auf einem privaten Weg« in Zivilkleidung am Freitgg erschosien worden ist, diese Teilnahme verboten wurde, und zwar unter Berufung aus die noch immer bestehende Konsignierung» das heißt die Zurück- Haltung der Soldaten an den Kasernen. Polizeigewehre scheinen jetzt endlich von den Straßen zu verschwinden. Für die heutige Gemeinderatssitzung haben die Christlichsozia- len verbreiten lassen, daß sie an der Sitzung nicht teilnehmen würden, weil im Ratk)aus die Gemeindeschutzwache untergebracht ist und eine parlamentarisch« Körperschaft nicht unter dem Druck der bewaffneten Macht der Mehrheit». partei tagen könne. Um ihnen nun diesen Vorwand zu nehmen, der offenbar bestimmt ist, im Ausland Stimmung gegen die Wiener Gemeinde- ratsmchrheit zu machen, ist der allergrößte Teil der Gemeinde- schutzwache aus dem Rathaus entfernt und in andere städtische Gebäude verlegt worden, so daß die Christlichsozialen keinen Grund mehr haben, der heutigen Sitzung fernzubleiben. Der Sitzung selbst sieht man mit höchster Spannung entgegen. Denn es ist ja die erste parlamentarische Berhandlung über die Vorgänge der letzten Woche und zum ersten Male werden Behauptungen und Gegenbehauptungen gegeneinander stehen und abgewogen werden können. Schober lobt öie �maßvolle' Polizei. Wien, 21. Juli.(WTB.) Der Polizeipräsident hat einen Tagesbefehl erlassen, worin er der Polizeibeamten gedenkt, die bei den Ereignissen vom 15. und 18. Juli den Tod gefunden haben oder oerletzt worden sind. Die Bundesregierung habe ihm aus diesem Anlaß ihr Bedauern über die Opfer zum Ausdruck gebracht und der Wiener Polizei Dank und Anerkennung für ihr maßvolles und opferwilliges Verhalten ausgesprochen. In dem Tagesbefehl heißt es, daß vier Polizetbeamte den Tod fanden, 58 schwer, dar- unter einige lebensgefährlich, 202 noch unbe st immbaren Grades(!) und 163 leicht verletzt wurden. Anschlag auf einen sozialistischen Landtagsabgeordneten. Innsbruck, 21. Juli.(WTB.) Die sozialdemokratische„Volks- zeitung" meldet, daß auf den sozialdemokratischen Tiroler Landtags- abgeordneten Lrunner in Buch bei Schwaben mehrere Gewehr. s ch ü s s e abgegeben worden seien. Die Täter seien bereits v e r- haftet worden. Untersuchungsverfahren gegen Pieck. Men, 21. Juli.(WTB.) Wie die„Neue Freie Presse* erfährt, wird gegen dm hier verhafteten kommunistischen Landtags- abgeordneten Pieck ein strafrechtliches Untersuchungsver- fahren eingeleitet werden, da er verdächtig ist, an der Agitation zur Veranstaltung neuer Unruhen teilgenommen zu haben. Blum über das Vertraue« zu der Wiener Führung. Pari», 20. Juli.(Eigener Drohtbericht.) Im„Populaire* be- spricht Leon Blum die Vorgänge in Oesterreich. Er schreibt: Die Entschlüsie unserer Kameraden, die olle einzig vom Interesse der Arbeiterklosse geleitet wurden und keinerlei Zugeständnis an die Regierung Seipel enthalten, haben über die natür- liche Erbitterung eines herausgeforderten und beleidigten Prole- tariats den Sieg davongetragen. Eine Partei, die einer derartigen Selbstbeherrschung fähig ist, ein solches Bertrauen in ihre Führer Hot, kann getrost n die Zukunft sehen. Sie braucht sich ebensowenig um die Beleidigungen des Faschismus wie des Kom- munismus zu kümmern. ;'■'...,'""' 1'' Wien und öie Kommunisten. TaS„Etki" belastet die Angeklagten der kommenden Prozesse. Die Rolle, die die kleine Kommunistische Partei Oester- reichs in den Wiener Sturmtagen gespielt hat, liegt noch im Dunkeln. Die Vermutung der Wiener chrift'lichsozialen „Reichspost", daß der Freitag-Aufstand von ihr inszeniert worden sei. um der österreichischen Sozialdemokratie eine Falle zu stellen, ist aller Wahrscheinlichkeit nach falsch. Am Ausbruch des Aufstandes scheinen die Kommunisten unschuldig I zu sein, erst am Sonnabend waren deutlichere Anzeichen dafür zu bemerken, daß sie die Bewegung in ihre Richtung zu lenken versuchten. Run veröffentlicht das Exekutivkomitee der Moskauer Internationale einen ruhmredigen Aufruf, in dem es u. a. heißt: Ja, die Kommuni st en standen und stehen in der ersten Reihe des Kampses. Sie kämpften zusammen mit der Masse, nicht gegen sie, wie die Sozialdemokratische Partei. E s sind die reoolutionä'ren Losungen der Kommu- nistischen Partei, für die die Arbeitermassen jegt kämpfen, und nicht die bankerotte reformistische Politik der Sozial- demokratischen Partei. Die Kommunistische Partei Oesterreichs hat ihre revolutionäre Pflicht er- s ü l l t. Deswegen trifft sie der ganze Haß und die ganze Wut der Sozialdemokraten und der bürgerlichen Regierung. Die Moskauer sind weit vom Schuß und prahlen nach Leibeskräften. Inzwischen werden ihre Wiener Anhänger verhaftet. Das Exekutivkomitee in Moskau liefert für für die schon vorgenomenen und die weiteren Verhaftungen. für die Anklage des Staatsanwalts und die Urteile der Richter gefälligst die Argumente. In Moskau kann man das tun, ohne sich dadurch die geringsten Unannehmlichkeiten zuzu- ziehen. Die Opfer in Wien werden wahrscheinlich weniger davon erbaut sein, daß man sie von Moskau aus noch belastet, nur um renommieren zu können. In demselben Aufruf heißt es: Und jetzt, da die Masten mit gewaltigem revolutionären Schwünge für ihre Lebensforderungen kämpfen, da richtet sich das ganze Augen- merk der Sozialdemokratischen Partei nur darauf. diesenKampf so rasch und vollkommen als möglich abzuwürgen. DerAustro-Marxismuszeigtsichinfeinemwahren Wesen. Vor die Probe gestellt, zeigt die„linke",„revolutionäre" österreichische Sozialdemokratische Partei, daß sie Noske und Scheidemann nicht nachsteht. In der Bildung einer be- sonderen Wiener„Gemeindepolizei" aus Mitgliedern des sozial- demokratischen„Republikanischen Schutzbundes", die zusammen mit der Staatspolizei die Ordnung gegen die Wiener Ar- b e i t e r aufrechterhält, zeigt sich blitzartig erhellt die ganze Rolle der österreichischen Sozialdemokratie, zeigt sich, wohin der„linke" Weg von Bauer u. Co. führt. Der Bankerott und der Ver rat des Austro-Marxismus muß vor der Arbeiterschaft der ganzen Welt aufs schärfste gebrandmarkt werden. Um den„Bankerott und den Verrat des Austro-Marxis- mus" in der üblichen Manier„brandmarken" zu können, liefert das Ekki dem Staatsanwalt Material. Die Auftro- Marxisten werden, wie wir sie kennen, sich dafür revanchieren, indem sie alles tun werden, um das Los der kommunistischen Gefangenen zu erleichtern. So sind diese nieder» trächtigen �Austro-Marxisten". Schulgesetz- und Verfassung. Bon Rudolf Breitscheid. Die Presse der Deutschnationalen und des Zentrums> bemüht sich aufs eifrigste um den Nachweis der Vereinbarkeit der neuen S ch u l v o r l a g e mit der Neichsverfassung und um ihren Zweck zu erreichen, versucht sie sich besonders in � den gewagtesten Interpretationen des Artikels 146. Der habe die gemeinsamen Formen der Grundschule im Auge und lause nur auf Ablehnung von Unterrichtsanstalten hinaus, die in der Art von Vorschulen, Bürgerschulen und anderen Insti- tuten der besitzenden Klasse als Konkurrenzunternehmen für die staatliche Volksschule in Frage kämen.„Mit keinem Worte," so lesen wir in der Germania,„ist in Artikel 146 Absatz 1 davon die Rede, daß die Gemeinschaftsschule die Regel, die Konfessionsschule die Ausnahme bilde." Diese Auffassung ist durchaus falsch, und fast hat man den Eindruck, als würden nur deshalb so kühne Behaup- tungen aufgestellt, weil die Ausleger bei ihren Lesern eine v o l l st ä n d i g e Unkenntnis der Verfassung voraus- setzen zu können glauben. In dem angezogenen Absatz 1 des Artikel 146 sind nämlich als unmaßgeblich für die Aufnahme eines Kindes in eine bestimmte Schule nicht nur die wirt- schaftliche und gesellschaftliche Stellung, sondern auch das Religionsbekenntnis der Eltern ausdrücklich ge- nannt. Die Schulgemeinsamkeit erstreckt sich also nicht nur auf die sozialen Klassen, sondern auch auf die verschiedenen Konfessionen. Aber wir müssen weiter lesen. In dem zweiten Absatz des Artikels heißt es:„Innerhalb der Gemeinden sind indes auf Antrag von Erziehungsberechtigten Volksschulen ihres Bekenntnisses oder ihrer Weltanschauung einzurichten, soweit hierdurch ein geordneter Schulbetrieb auch im Sinne des Absatz 1 nicht beeinträchtigt wird." Was ließe sich mit dem Worte„indes" anfangen, wenn die Vertreter des Gedankens der konfessionellen Schule mit ihrer Interpretation des ersten Absatzes im Recht wären?„Indes", das eine Einschränkung bedeutet, setzt logisch die Existenz eines Grundsatzes voraus» Die Einschränkung besteht in der Ermöglichung der Einrich- tung von Bekenntnisschulen auf Antrag der Erziehungs- berechtigten. Es können unter bestimmten Voraussetzungen Ausnahmen von der Regel gemacht werden, und selbst wenn der erste Absatz Zweifeln Raum ließe, würde der zweite das Vorhandenfein eines Grundsatzes beweisen. Keine Regel ohne Ausnahme, aber auch keine Ausnahme ohne Regel, und die Regel ist eben die Gemeinschaftsschule auch im Sinne der Zusammenfassung der Bekenntnisse. Die Reichsverfassunq gewährt also der Simultan» schule den Vorrang. Diese ist die in erster Linie gegebene Unterrichtsform: die Errichtung von Bekenntnisschulen und Weltanschaungs- bzw. weltlichen Schulen ist im Gegensatz dazu von der Erfüllung bestimmter Bedingungen abhängig gemacht. Was aber besagt der neue Gesetzentwurf? Er stellt alle drei Formen als gleichberechtigt nebeneinander. Er will ihnen allen„freie Entwicklungsmöglichkeiten" geben» Alle schon bestehenden Schulen gelten in ihrer Schulform als beantragt. Die Einrichtung von neuen--- auch die von Ge- meinschastsschulen— oder die Unwandlung von bestehenden Unterrichtsanstalten in eine andere Form— auch die in Ge- meinschastsschulen— unterliegt den Voraussetzungen des Ar- tikels 146, Absatz 2. Der Widerspruch zur Reichs- Verfassung ist sonnenklar, und daran ändert auch nichts die in§ 2 des Entwurfs abgegebene Versicherung, daß die Beseitigung der Vorrechte der Gemeinschaftsschule unbeschadet des Artikel 146 Absatz 1 erfolge. Dieser neckische Satz ist offenbar eingefügt worden, um die Bedenken der Volks- parteiler zu beschwichtigen und um das Gesetz den Gerichten gegenüber hieb- und stichfest zu machen. Aber seine Ein- schaltung bleibt ein schlechter Witz und ein trauriges Taschenspielerkunststück. Nach Artikel 144 der Verfassung unterliegt das Schul- wefen der Aufsicht des Staates. Die Schulaufsicht wird durch hauptamtlich tätige, fachmännisch vorgebil- dete Beamte ausgeführt. Der hauptamtlich tätige, fach- männisch vorgebildete Beamte steht, wie das u. a. in dem Kommentar von Anschütz treffend herausgearbeitet wird, i m Gegensatz zu dem nicht als Schulmann ausgebildeten G e i st l i ch e n. Nun bestimmt die Gesetzesoorlage, daß in die örtlichen Schulverwaltungskörper, denen konfessionelle Anstalten unterstehen, je ein Vertreter der entsprechenden Re- ligionsgesellschaft(evangelischer Pfarrer, katholischer Pfarrer, Rabbiner) mit Sitz und Stimme auszunehmen ist. Außer- dem bestellt laut 8 16 der Staat„im Schulwesen erfahrene" Beauftragte, die von der Religionsgesellschaft vorge- schlagen werden, zur„Einsichtnahme" in den Religionsunter- richt, und endlich soll den obersten Stellen der Religionsge- sellschaften Gelegenheit gegeben werden, sich davon zu über- zeugen, ob der Religionsunterricht in Uebereinftimmnng mit den Grundsätzen der Religionsgesellschaften erteilt wird. Hier haben wir also die Geistlichen mit obliga» t o r i s ch e m Sitz in den Verwaltungskörpern und die R e- ligionsgesellfchaften als Kontrolleure des Religionsunterrichts. Was heißt das anders als die Wieder- einfchmuggelung geistlicher Schulaufsicht in etwas anderer Form— zunächst über den Religionsunterricht? Es ist an- zunehmen, daß sich die volksportei'ichen Minist:" durch die vorsichtigen Formulierungen„Einsichtnahme",„Gelegenheit zum Sichüberzeugen" haben einlullen lassen. Der Reichs- ta.g aber hat die Pflichl, den Schwindel aufzudecken und den Geist der Reichsoerfassung gegen die Vergewaltigungs- versuche der Dunkelmänner zu schützen. Ueber zwei weitere Punkte können Zweifel herrschen. Einmal, ob dem Artikel 174 der Reichsoerfassung, nach dem bestimmte Gebiete(Baden, Hessen und das ehemalige Herzog- tum Nassau), in denen Simultanschulen auf Grund älterer Gesetze zu Recht bestehen, besonders berücksichtigt werden sollen, durch die Einrichtung einer fünfjährigen Sperrfrist ge- nügend Rechnung getragen ist, und zum andern, ob die etwas unklare Fassung der Vorlage genügende Sicherheit dafür bietet, daß die in konfessionellen Anstalten eingeschul- ten Kinder entsprechend der Verfassung(Artikel 136 und 149) nicht gegen den Willen der Erziehungsberechtigten zur Teilnahme an religiösen Uebungen und religiösen Unterrichts- fächern gezwungen werden können. Wie auch die Antwort auf die letzten beiden Fragen lauten mag: die Unvereinbarkeit des Gesetzentwurfs mit Geist und Wortlaut der Reichsverfassung ist nicht in Abrede zu stellen. Unser Kampf wird sich also nicht nur gegen seinen materiellen Inhalt zu richten haben, sondern gleichzeitig auch eine V e r- teidigung des Werkes von Weimar fein. Es soll zwar bereits ein Gutachten des Reichsjustizministeriums vor- liegen, da� im voraus alle verfassungsmäßigen Bedenken zurückweist. Wir kennen die Weise, wir kennen den Text und wir kennen auch den Verfasser, der aus Gründen der Staatsräson alles zu beweisen imstande und gewillt ist, was von ihm oerlangt wird. Wir werden uns aber in unserer Ab- wehr durch die Auslequngskünste der beamteten Hüter des Rechts nicht beirren lassen. Justiz im Schneckentempo. Aburteilung der Arensdorfer Stahlhelmer verzögert? Die Leiche des am Mittwoch verstorbenen Reichsbannertame- . roden Richard W o l l a n ck ist auf Veranlassung der Staatsanwalt- schaft Frankfurt a. d. Oder beschlagnahmt worden. Die Todes- Ursache soll genau festgestellt werden. Angesichts dieses zweiten Todessalles infolge der Stahlhelmschießerei in Arensdorf ist mit Recht in der Oeffentlichkeit die Frage aufgeworfen worden, wann nun endlich die Aburteilung der Täter erfolgen würde. Bekanntlich ist zur Beschleunigung des Verfahrens der Unter- suchungsrichter von seinen übrigen Dienstgeschästen befreit worden. Die BS.-Korrespondenz weiß nun zu melden, daß Landgerichtsrvt Ladewig seinen Sonderauftrag in der Weise erledigte, daß er zunächst einmal, nachdem er eine Zeitlang tätig war, in Urlaub ging. An seiner Stelle führt jetzt Landgerichtsrot Hippe die An- gelegenheit weiter. Daß mit einem derartigen Verfahren die Ab- urteilung der Ueberfälle nicht gerade beschleunigt wird, liegt auf der Hand. Man rechnet damit, daß die Voruntersuchung in etwa 8 bis 14 Tagen abgeschlossen sein wird. Dann aber drohen noch weitere Verzögerungen infolge der Gerichtsferien. Möglicherweise werden zwei getrennte Verhandlungen stattfinden, und zwar gegen die Hauptangeklagten, insbesondere gegen den Stahlhelmschützen Schmelzer wegen Mordes vor dem Schwurgericht, gegen die übrigen Attentäter wegen Landfriedensbruches. Da das Schwur- gericht in den Gerichtsferien nicht zusammentritt, würde die Haupt- Verhandlung gegen den Mörder Schmelzer erst im Herbst vor sich gehen. Wollanck wollte mit anderen damals verletzten Reichs- bannerkameraden im Prozeß gegen Schmelzer als Nebenkläger auf- treten. Er ist jetzt tot. Dieser beklagenswerte Fall sollte doch der Staatsanwaltschaft Veranlassung geben, alles zu tun, um die Sühne für die Arensdorfer Mordtaten zu beschleunigen. Wenn die Leiche des verstorbenen Kameraden Wollanck recht- zeitig freigegeben wird, beabsichtigt das Reichsbanner, die Trauer- f e! e r am Sonntag, dem 24. Juli, in Erkner abzuhalten. Teilt Zalefkl zurück? Wie uns aus Warschau gemeldet wird, lassen einige Blätter durchblicken, daß drei Minister demnächst ausscheiden dürsten, und zwar der Außenminister Zaleski, der Innenminister und der Minister für össentliche Arbeiten. Hochsommer. Von M. Rosen. In lastenden Ketten blühen die Zweige der Rosenstöcke, und die Farbenskala der Rosen steigt aus dunkelstem Rot ins blendende Weiß. Als hätte sich die alte, graue Erde ihr Antlitz verführerisch gepudert, so duften und glühen die Parks und Anlagen. Ovale Blumenbeete sind wie riesige Paletten hochgewölbt von aufgetupften Farben. Die Sonne drückt die Farbcntöne aus den Stengeln wie aus Tuben, die voll Duft und Farbe sind. Di« Fülle aller Rosen, die morgens noch in festen Knospen den Blütenkelch verschließen, zeigen am Mittag ihre goldbestäubten Kronen. Abends liegen die Blüten- blätter wie feine weiße und rote Muscheln auf den Wegen, und die Luft ist schwer vom Dufte sterbender Rosen. Die Nacht war schwül vom schweren Rosendust, der aus den Gärten in mein Zimmer drang, und die Verzweiflung bitterer Arbeitslosigkeit flocht ikiir aus Rosenzweigen Dornenkronen um die Stirn, daß ich aussprang und der Nacht entfloh. Ueber den Dächern oerglühten die Sterne, und das tiefe Blau der Nacht verfärbte sich zu glanzlosem Opal. Schlafversunken lagen noch die Straßen. Nachtblah dehnten sich die Felder, und die Mutter aller Rosen, die Heckenrose, stand mit verschlossenen Bllltenaugen an den Feldwegen. Wie Menschen in Mansarden und Dachkammern sich behutsam zur frühen Arbeit rüsten und den Schlaf der Nachbarn unter sich nicht stören, so behutsam gehen Halme hin und her und stören nicht den weißen Klee, der reglos und von Tau beschwert zwischen den lichten Halmen Boden saßt. Tief und ruhevoll liegen die Felder, wie«in unbewegtes Meer. Aus der Erde aber drängen sich und strömen die treibenden Kräfte, und in parallelen und diagonalen Linien steigen feine Nebel empor, himmelumsassende Wolken zu baue». Ich atme meine Lungen voll des Odems, der aus Fruchtbarkeit und Reise mir entgegenfließt und gehe einen Weg, wo Erden- menschen Erde bauen und mit mir wach sind, wenn der Tag erst graut. Mein Weg, ungleich dem Parkweg, den sie schön und schattig nennen, weil er die Wahrheit aller Ding- in Windungen umgeht, mein harter Feldweg führt mich in Gefilde, die tausendmal wert- voller und farbenschöner sind als jener Garten voll von Damaszener- rofen. Wo sich der reife Raps in Zentnerlasten goldoerbrämt zur Seite legt, da blüht unübersehbar weit ein leuchtendes, torallen» rotes Meer. Noch liegt die Sonne hinter dem Horizont, und dos Schauspiel des Tagesanbruches hat noch nicht begonnen. Aber die feuerseidenen Fahnen des hohen Mohns glimmen und flammen, als hätte jedes reife Rapskorn eine kleine rote Fahne aufgesteckt, und als wollte das weit« Feld das Fest der ersten reifen Feldsrucht in Millionen roten Bannern feierlich begehen. Wo bleibt der Dust und all die Pracht der Gärten im Tages- Stürmchen ganz links. Um das Mandat des Abg. Schwarz. Links von den offiziellen Kommunisten steht die Gruppe Ruth- Fischer-Urbahns. Sie bezeichnet die Offiziellen als eine „Zweite Sozialdemokratische Partei'. Aber links von der Gruppe Ruth-Fischer-Urbahns steht die„Entschiedene Linke' des Reichstags- abgeordneten Schwarz. Diese zählt in ihren Aufrufen nicht bloß die KPD., was ja ganz selbstverständlich ist, sondern auch die Ur- bahns-Gruppe zur„Konterrevolution'. Und noch linkjer als die„Entschiedene Linke' steht die Kommunistische Arbeiterpartei. Die ist erst die richtige, denn sie verwirst den Parlamentarismus und sieht in jeder Beteiligung an Wahlen einen„Verrat am Prole- tariat". Nun wollen sich die Entschieden« Linke und die Kommunistische Arbeiterpartei oder, kurz gesagt, di« EL. und die KAPD. ver- schmelzen, aber— o weh!— es gibt ein Hindernis. Der entschieden linke Schwarz ist nicht nur Studienrat, sondern auch M. d. R. Also muß er sein Mandat niederlegen, nichts einfacher! Doch da gibt es wieder einen Haken oder sogar zwei. Erstens bezahlt Schwarz mit seinen Diäten di« ganze Agitation des Grüppchens, zweitens aber ist er Staatsbeamter! Etne Mitgliederversammlung der EL. in Berlin war noch radi- kaler als die EL. im Reich. Sie forderte die Mandatsniedcrlegung. Gegen diese Forderung erläßt die Mehrheit(!) des„GAH."(Ge- schäftssiihrender Hauptausschuß der EÜ.) in der„KAZ."(„Kom- munistische Arbeiterzeitung') einen säst drei Spalten langen Ausruf, worin die Forderung, daß Schwarz das Mandat niederlegen solle, als„irrsinnig' zurückgewiesen wird. Jeder„denkende Arbeiter" müsse das verstehen, und nur der„Unverstand derMasien, der Feind, den wir am tiefsten hassen", begreise das nicht. Denn erstens könne die EL. nichts mehr drucken lasten, wenn Schwarz keine Diäten mehr habe, zweitens aber... das muß man wörtlich genießen: Die Frage der Niederlegung des Mandats selbst borg zwei Fragen in sich: eine persönliche und eine politische. Genosse Schwarz erklärte, nachdem er sich eine Bedenkzeit ausgebcten hatte, daß er zur Ausübung seiner parlamentarischen Funktion be- urlaubt, eine demonstrative Niederlegung, die eine öffentliche Kampsansage gegen die kapitalistische Gesetzlichkeit einschließt— und nur diese Demonstration könnte in Frage kommen— die Handhabe bieten könne, um ihn als Staatsbeamter zu er- ledigen, und dies auf Lebenszeit. Er legte die Frage vor, ob dieses Opser in der heuligen Situation(in einer revolulio- uören Situation ist es eine Selbstverständlichkeit) in einem ent- sprechenden Verhältnis stünde zu dem politischen und sonstigen Kredit, der evtl. durch diese Geste hervorgerufen werden könnte. Mit Entsetzen bemerkt man, daß auch schon die EL. und die KAPD. sozialdemokratisch verfeucht sind. Auch dort gibt es Leute, die meinen, daß die gegenwärtig« Situation— trotz Wien und Geschrei üb«r Wien— nicht revolutionär ist, und daß es darum bester sei, Staatsaichellungen mit Pensionsberechtigung zu halten, wenn man sie hat. Welche Opportunisten, diese Revolutionäre! * Letzte Nachricht vom Kriegsschauplatz:„Eine gut besuchte Gau- konferenz der EL., KAP. und AAU., die in Essen tagte, beschloß einmütig die Liquidierung der EL. und billigte ebenso ein- mütig die Haltung der Hauptausschüste der KAP., AAU. und EL. in der Frage des„Mandat-'. „Die Ortsgruppe Berlin der EL. vertritt in ihrer Mehrheit eine gegenteilige Ausfastung. In der KAPD. ist die Dis- kufsion noch nicht abgejchlosten." Der heMche Innenminister gestorben. Darmstadl. 21. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Am Donnerstag vormittag um 19.30 Uhr verstarb der hessische Minister des Innern und der Justiz, Otto von Brentano. Der Verstorbene gehörte der Jentrumspartei an. Seit 1897 Mitglied der hessischen Kammer, wurde er 1919 Mitglied des neuen hessischen Landtages und kurz darauf wurde er zum Minister gewählt. Vor einigen Wochen muhte für Brentano bereits«in Stellvertreter bestellt werden. grauen, wenn wie ein Flammenmeer der Mohn mit Millionen roter Seidenfahnen aus eigener Kraft leuchtend über die Höhen lodert? Wenn dann die Morgenröte über die Felder steigt und sich das weite Land in seiner unendlichen Kraft weitet und dehnt, dann steigert sich das rote Flammenmeer des Mohns zu einer Feuers- brunst, die mit ungeheurer Fruchtbarkeit alles erschüttert und durch- dringt.— Und was d«r Flammenmund der Sonn« den Feldern meisterlich diktiert, und was die Purpurschrift der Sonn« alle Morgen, all: Abend« mit roten Siegeln auf di« Erde drückt, das Recht zur Blüte und zur Reife nimmt sich der Halm am Wege und der rote Mohn— und Menschenrecht gilt dir und mir! Sklavenhalter lm 20. �ahrhunSert. In einer der Sitzungen des Antisklavereivereins, der kürzlich in London seine jährliche Versammlung hielt, entwarf der Vorsitzende dieses Vereins, Charles Roberts, ein Bild des modernen Sklaven- wefens und des trotz aller internationaler Verträge dennoch In ein- zelnen Teilen der Welt ungehindert fortlebenden Sklavenhandels. Er ging in seiner Rede davon aus, daß es irrig fei, wenn man annehmen wolle» daß die von 33 Staaten angenommenen Bestimmungen zur Unterdrückung der Sklaverei, dem Handel mit lebenden Menschen und ihrer grausamen Behandlung ein Ende bereitet hätten, läge doch gerade jetzt dem Völkerbunde in Genf der Antrag vor, Abestinien nicht nur zur Annahme, sondern auch zur Durchführung der Antisklaverei- bcstimmungen zu bringen. Neben Abessinten seien es, wie Roberts weiter ausführte, besonders die portugiesischen Kolonien, in denen bisher sehr wenig geschehen sei. um der Sklaverei in Ueberein- stimmung mit den bestehenden Verträgen Einhalt zu tun, doch dürfe man die Hoifnung hegen, daß durch das Eingreifen des Völkerbundes wie in Abestinien, so auch hier die Sklaverei abgeschafft werde. Viel schlimmer liegen dagegen die Verhältniste in Australien. Un- bekümmert um alle internationalen Abmachungen und um alle Par- lomentsbeschlüste(deren erster bereits 1807 erlassen worden ist) steht der Sklavenhandel und die Sklavenarbeit auf den großen Farmen im Innern des Landes, von deren Ausdehnung man sich kaum einen Begriff machen kann, noch in voller Blüte. Angesichts der ungeheuren Größe der in Frage kommenden Gebiete und des nur schwach be- völkerten Innern Australiens, wodurch den Großgrundbesitzern eine nahezu unbeschränkte Herrschaft über die Eingeborenen in die Hände gegeben wird, ist es nicht leicht, diesem Unwesen zu begegnen, aber wenn auch der Verein hier eine außerordentlich schwierige Frage zu lösen habe, so w-rde er doch alles tun, um auch in diesen Gegenden Abhilfe zu schassen. Man gehe nicht fehl, so schloß Roberts seine Rede, wenn man auf Grund des vorhandenen Materials die Zahl der heute noch trotz oller Verträge und Abkommen in strenger Sklaverei gehaltenen Menschen auf mehrere Millionen schätze. So erfreulich nun auch auf diesem Gebiet jeder, auch der kleinste Fort- schritt sei, so mache es doch einer solchen Zahl gegenüber nicht viel aus, wenn iin vergangenen Jahr durch die strengen Maßregeln der indischen Regierung an der Grenze von Beludschistan und in den chinesisch-birmanischen Grenzdistrikten«twa 6000— 8000 Sklaven der Freiheit wiedergegeben worden seien,— rl, vanüervelüe unö üer Zranktireurkrieg. Scharfe Zurückweisung des Berichts des deutsche« Untersuchungsausschusses. Brüssel, 20. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Am Mittwoch er- schien der Bericht V a n d er o e l d e s an die Kammer über die im Untersuchungsausschuß des Reichstages gefallenen Aeußerungen hinsichtlich des belgischen Frank tir eur krieg s. Der Bericht umsaßt 20 Druckseiten. Die gegen die belgische Zivilbevölkerung er- hobenen Anschuldigungen werden im einzelnen, und zwar sehr scharf, widerlegt Der Bericht schließt mit dem Hinweis auf die Verletzung der belgischen Neutralität durch Deutschland und aus die Härte der militärischen Besetzung und fügt hinzu: „Bald zehn Jahre sind seitdem vergangen. Allmählich brachte die Zeit Linderung. Vergessen konnte man gewiß nicht, aber man wollte gerne glauben, daß das Deutschland von heute nicht mit den Taten des alten Regimes solidarisch erscheinen wolle. Der Untersuchungsausschuß des Reichstages hat es jedoch für richtig be- funden, den Prozeß wieder zu eröffnen und einen Ver- fuch zu machen, besten Vergeblichkeit er hätte einsehen müssen, nämlich die Schuldigen dadurch reinzuwaschen, daß man gegen ihre Opfer unberechtigte Anschuldigungen erhebt. Die belgische Regie- rung hatte die Pflicht, diese Anschuldigungen nicht unbeantwortet zu lassen. Deshalb legt sie diesen Bericht der Kammer vor, nicht um den Haß neu zu schüren, sondern um flagrante Verfälschungen der historischen Wahrheit abzuwehren." * Es ist kein Zweifel daran, daß dieser deutsche Versuch einer juristischen Rechtfertigung des Vorgehens der deutschen Jnvasionstruppen im August 1914 gegen die belgischen Franktireure eine außenpolitische T a k t l o s i g- keit und Torheit ersten Ranges war. Die Verletzung der belgischen Neutralität war eine Völkerrechtswidrigkcit, deshalb kann sich Deutschland nicht auf das Völkerrecht be- rufen, um die Niedermetzelung aller gefangenen Frank- tireure und die Einäscherung ganzer Städte zu rechtfertigen. Und selbst wenn ein solcher Rechtfertigungsversuch rein juristisch aussichtsreich wäre, so würde es ein Gebot der politischen Klugheit gewesen sein, nicht zwölfeinhalb Jahre später und in einer Zeit deutsch-belgischer Entspannung mit dicken Aktenbänden neue Zwietracht zu säen. Die Sozial- d e m o k r a t i e hat sich von diesem törichten Versuch fern- gehalten. Wir sind überzeugt, daß im Grunde seines Herzens Dr. Stresemann über die Arbeit des Bell-Aus- schufses genau so'urteilt wie wir. Jedenfalls begreifen wir durchaus die Empörung der belgischen Sozialisten. Das einzige, was Pir ablehnen, ist die künstliche Hineinziehung dieses peinlichen Zwischenfalles in den jetzigen deutsch- belgischen Notenwechsel zu den Behauptungen Broquevilles über die Reichswehr. Das sind zwei ganz ver- s ch i e d e n e Dinge und die letzte belgische Antwortnote hat durch ihre Anspielung auf die Berichte des Untersuchungs- ausschusfes nur bewiesen, daß ihr beweiskräftige Argumente fehlen._ Selgisch-spamfchcr Schiedsvertrag. Mit obligatorischer Entscheidung. Madrid, 21. Juli.(MTB.) Der spanische Botschafter in Brüssel und der belgische Minister des Aeußern, Vandervelde, haben in Brüssel einen Schiedsvertrag unterzeichnet. In einem Kommentar der Agentur Fabra zu dieser Meldung heißt es: Der Vertrag entspricht vollkommen dem höchsten Ideal internationalen Rechts. Spanien und Belgien gehen noch weiter als der Bölkerbund, dessen Entscheidungen lediglich Empfehlungen ohne obligatorischen Charakter darstellen. Der spanisch-belgische Bertrag dagegen ist für all« Streitfragen, welcher Natur sie auch seien, vollkommen rechtsverbindlich. Er steht vor, daß, wenn die vertragschließenden Parteien sich über eine Streitsrage nicht einixen könieen, sie diese einem Schiedsgericht unterbreiten mästen, dessen Entscheidungen für beide Parteien rechts- verbindlich sein sollen. Forstkultur und linwetterkatastrophen. Ein« interessante Kon- troverse wurde kürzlich im„Berner Bund" ausgetragen. Ihr Gegenstand war die Frage, ob der Klimawechsel in Italien schuld gewesen sei an Roms Niedergang. Diese Frage wurde schon vor langer Zeit von einem der maßgebenden Schweizer Forstwissen-' schaftler umgekehrt formuliert. Er behauptete, Roms Niedergang sei schuld gewesen am Klimawechsel. Der sittliche und freiheitliche Niedergang Roms habe den freien kleinen Bauernstand vernichtet. Damit Hobe die Stlaoenwirtschast und die Großgrundwirtjchaft be- gönnen. Ihre Folge sei der gewissenlose Raubbau an den Wäldern gewesen, der zur Versumpfung der Niederungen, zur Verminderung der Rexensälle, zur Ausbreitung der Malaria, zur Verarmung des Landes führt«� Zu dieser Entwicklung wurden nun in der fraglichen Kontra- oerse einige Parallelen gebracht, die auch in Deutschland angesichts der zahlreichen beispiellosen Unwetterkatastrophen dieses Sommers aufs äußerste interessieren müssen. Es wird erinnert an das von Jeremias Gotthelf geschilderte Hochwaster im Emmenthal vom Jahre 1837. Inzwischen sind die damals kahlen Abhänge dieses Tales ausgeforstet worden, und es hat seitdem nie mchr so verheerendes Hochwasser gebracht. Mehrer« andere ähnlich« Fälle wurden noch aufgeführt, aus denen klar hervorgeht, von welch' grundsätzlicher Bedeutung für die klimatische Gestaltung einer Gegend ihr Forst- bestand ist. Darüber hinaus wird daran erinnert, daß fast alle Länder rund um das Mittelmeer durch den Raubbau, der an Ihren Wäldern getrieben worden ist, verheert sind. Wo einst die in aller Welt berühmten Zedern des Libanon und die Eichen von Vafan standen, kann jetzt auf dem ganzen Wege zwischen Damaskus und Mekka die Lokomotive der Eisenbahn nirxends mehr Wasser nehmen. Die alte römische Provinz Afrika, die einstmals ein großer Garten war, mit einer Millionenstadt als Zentrum, ist jetzt Wüste. Also, sorgfältige Forstkultur erhält ein mildes, der Bodenkultur günstiges Klima und schafft Bodenverhältnisse, die genügend Master konfu- Mieren können und Katastrophen verhüten. Die Entdeckung eines unterirdischen Fluste«. Ein über 1K Kilometer langer unterirdischer Fluß mit einem großen unterirdischen See in einer ungeheuren Stalaktiten-Höhle ist im Süden Frank- reichs in der Nähe des Dorfes Jzaut de l'Hötsl im Departement der oberen Garonne entdeckt worden. Das Dorf erhält fein« Wasser- zufuhr von einer reichen Quelle, die aus einer Bergschlucht in einer Höhe von 2500 Fuß entspringt: in der Nähe befinden sich natürliche Brunnen, von denen einer seit unvordenklichen Zeiten zur Aufnahme von totem Viel) benutzt worden ist. Um festzustellen, ob das Dorf- waster durch diesen Brunnen vielleicht verunreinigt wird, drang ein Beamter, Norbert Casteret, in di« Schlucht ein; er hatte ein trag- bares Boot mitgenommen und sich eine elektrische Taschenlampe an der Stirn befestigt, um in der Dunkelheit zu sehen. Er fand nun einen unterirdischen Fluh von beträchtlicher Tiefe mit eiskaltem Wasser, und als er auf ihm entlangfuhr, fand er, daß der Fluh sich bald verengt« und dann wieder zu großen unterirdischen Hallen erweiterte, bis er schließlich zu dem riesigen See gelangte, der noch nicht ganz erforscht worden isü__ Der 5, Znlernatloua'e Kongreß sür vererbunoewisienschost wird vom tl. bis 13. September in Berlin unter Teilnahme hervorragender De- ehrt« aus den verschiedensten Ländern stattfinden. M Sem Wege Zum Sozialismus. Die Krise des Kapitalismus in bürgerlicher Beleuchtung. Das Bürgertum macht eine schwere geistige Krise durch. Die Entwicklung der Industrie mit ihren Zusammen- ballungen zu gewaltigen Trusts, die wachsende Abhängigkeit der Arbeiter- und Verbrauchermassen von wenigen Kapital- Magnaten— diese Dinge schaffen neue Vorstellungen in den Hirnen der Leute, die sich verzweifelt gegen das Vordringen des Sozialismus wehrten und sich heute ihm beugen müssen. Die„Köln. Volkszeitung", das Organ des rheinischen Zen- trums, bringt in dem Handelsteil ihrer Nr. 523 eine längere Zuschrift,„von besonderer Seite", die man geradezu als ein Symptom der K r is e des Kapitalismus bewerten muß. Anschaulich wird geschildert, wie die kapitalistische Wirtschaft sich gewandelt hat, wie allmählich aus den rein privatwirtschaftlich organisierten Einzelunternehmungen immer größere Jndustrieckörperschaften entstanden sind, die kaum noch als Privatunternehmungen gelten können. In den Riesentrusts der chemischen Industrie, der Eisen- und der Elektroindustrie herrscht das Eewinninteresse des Aktionärs nicht mehr. Er hat nichts zu sagen. Allmächtig ist die Verwaltung. Die Unternehmungen werden zu wirt- schaftlichen Lebewesen mit eigener Existenzberechtigung, autonomen Unternehmungen. Sie— nicht mehr die Staaten— machen heute die Handelsverträge. Die Wirtschastsunternehmen drängen nach Anerkennung als S e l b st s ei e n d e. Sie wollen nicht mehr nur Mittel zum Zweck des Geldverdienens für den Kapitalisten sein, wie sie es früher waren, sondern mehr als das. Sie ersehnen sich, unerkannt für sie selbst zunächst, eine größere Rolle, vielleicht eine Rolle, wie sie auf seinen Betätigungsgebieten der Staat selbst spielt. Lei der 3.-G. Aarbenindustrie könnte man sich heute die Privatkapita- listen als Geschäftseigentümer getrost wegdenken, bei der hapag nicht weniger und bei der ASS. gleichfalls. Die Gesellschaften würden die Vetriebsmittel auf andere Weife zur Verfügung gestellt erhallen, sie erhalten müssen, weil ohne sie eine Weiterführung der deutschen Wirtschaft lückenhaft erschiene. Und dieses Bewußt- sein der Unentbehrlichkeit, der Unabhängigkeit vom Verdikt der formell souveränen Hauptversammlung, schafft den amtierenden Organen der Gesellschaften jene Macht st ellung und jene Unbekümmertheit allen Einwendungen der Aktionäre gegenüber, die in den letzten Jahren des öfteren Empörung aus- löste, die aber doch nichts anderes ist als die Erkenntnis sich wandelnder Verhältnisse, einer allgemeinen Umgestal- tung des Wesens der Träger unserer Wirtschaft. Es find die großen Gedanken des wissenschaftlichen Sozialismus. deren schrittweise Erfüllung wir gegenwärtig beobachten: die Loslösung der Produktion vom Kapital.„Entrechtung des Kapitalismus" hört man des öfteren die Opposition in den Hauptoersammlungen ausrufen. Und dieser Einwand besteht zu Recht und läßt sich nicht entkräften. Der Aktionär hat in den großen Unternehmungen sein Stimmrecht nur noch der Form nach. Was ihm geblieben ist, das ist ein A n s p r u ch a u s e i n e n T e i l des Gewinns der Gesellschaft, dessen Höhe vielfach nicht ein- -mal mehr seiner praktischen Mitbestimmung unterliegt. Der Genuß- schein tritt praktisch an Stelle der Aktie. Es ist wenig wahrschein- lich, daß sich im Laufe der Zeit diese entrechtete Attte, dieser bloße Genußschein, der nicht einmal eine sichere Rente in Aussicht stellt, behaupten wird. Die Bemühungen um die Schaffung neuer Kapitalisierungsformen, wie sie in Gestalt der ccrnvertZble bonds und anderer dem fremden Recht entlehnten Arten zu beobachten sind, weisen gleichfalls darauf hin, daß sich die Der- Hältnisse in lebhaftem Fluß befinden. Man will den Kapitalisten andere Formen nahelegen, will ihr Geld, nicht aber ihr Dreinreden haben, will die Jnteresien der Unternehmungen un- abhängig machen von denen der Kapitalbesitzer. Emanzipation vom Kapital, Autonomie der wirtschaftlichen Betätigung, das ist das heute schon deutlich zu beobachtende Ziel. Hat es Sinn, sich dieser Bewegung entgegen- z u st e l l e n? Soll man wünschen, daß sie sich nicht durchsetzt, und hat man Mittel, um ihren Sieg zu verhindern? Wir möchten auf alle diese Fragen mit einem Rein antworten. Nachdem die Kon- zentration in der Wirtschast derart gigantische Ausmaße angenom- men hat, daß es von jeder Art Produktionsunternehmungen fast nur noch eine Einheit gibt— mag sie sich dabei Trust oder Kartell oder Syndikat oder Verband nennen—, wird man die Forderung nach einer Leitung, die sich in erster Linie von Volkswirt- f ch a st l i ch e n und nicht mehr privatwirtschastlichen I n t e r- essen beeinflussen läßt, unterstützen müssen. Man wird— es erscheint fast gewagt, dies heute schon zu sagen— angesichts der Größe dieser Wirtschaftsträger sich nicht dagegen wehren können, wenn der Staat als Vertrauensmann der verbrauchenden Seite der Volkswirtschaft sich Einblick und Veto in die Geschäfts- sührung der autonomen Unternehmungen an Stelle der Haupt- oersammlungskontrolle verschafft. Man wird erhöhte Publizität dieser Unternehmungen zum G es e tz machen müssen, sonst aber g u t tun, sich mit der Entwicklung abzufinden. Welche Mittel wären auch stark genug, um sie aufzuhalten? Es sind eben Zeitströmungen und nicht die Wünsche einiger Wirt- schaftsreformer, die am Werke sind. Wir werden uns beglück- wünschen können, wenn sich die Umgestaltung organisch und in Ruhe und Frieden vollzieht. Dem Sozialisten sind diese Gedankengänge nicht neu. Er traf sie bei Marx und Kautsky, bei Hilferding und Rathenau. Aber das am Kapital interessierte Bürgertum sperrte sich dagegen. Es läßt heute noch in den politischen Teilen gewisser Börsenblätter von dienstwilligen Flachköpfen gegen den Marxismus zetern. Aber es kann nicht mehr verhindern, daß es Leute in ihrem eigenen Lager gibt, die die Entwicklung sehen wie sie ist. Noch gehört in diesen Kreisen Mut zur Wahrheit. Aber sie marschiert so u n a u f- h a l t s a m, daß die, die ihr widerstreben, bald als Narren oder feile Demagogen gelten werden. Der Morö von Sugk aufgeklärt. Der Täter ergriffen und geständig. Eine überraschend schnelle Aufklärung fand der mit seltener Roheit ausgeführte Raubmord an der Frau des Gemeindevor- stehers Laurisch in Bug? bei Storkow. Dank der inten- siven Zusammenarbeit der Ortspolizei, der Landjägerei und der Berliner Mordkommission gelang es schon in der vergangenen Nacht, des Täters habhast zu werden und ihn hinter Schloß und Riegel zu bringen. Nach genauer Feststellung des Tatbestandes, der ergab, daß nur ein sehr ortskundiger Mensch als Mörder in Frage kam, konnte Oberlandjägcrmeistcr Kanthin mit seinen Beamten den Kreis der verdächtigen Personen bedeutend ein- engen. Zu ihnen gehörte auch«in 25 Jahre alter Kutscher Otto Philipp. Im Laufe der Untersuchung oerstärkten sich die Ver- dachtsmomente gegen Ihn so sehr, daß die Fahndung nach ihm auch in Berlin sofort angeordnet wurde. Den Kriminalbeamten des 22. Reviers gelang es dann auch, ihn auf offener Straße in Moabit zu ermitteln und festzunehmen. Philipp ist seit seinem 8. Lebensjahr verwaist. Als er 11 Jahre olt war, kam er als Pflegekind zu dem Ehepaar Lau- r i f ch und blieb Hier, bis er das 19. Jahr erreicht hatte. Er wurde -im Hause wie ein eigenes Kind behandelt und hatte keine Not zu leiden., Als junger Mensch trat er in die Reichswehr ein, mußte slber infolge eines Unsalles bald wieder ausscheiden und er- hielt eine Abfindung von 2909 Mark. Seine früheren Pflegeeltern öffneten ihm von neuem ihr Haus und Philipp half bei der täglichen Arbeit. Erst als er sich einige D i e b st ä h l e und Unredlichkeiten zuschulden kommen lieh, wies der Ge- mcindevorsteher ihn aus dem Hause. Philipp wandte sich nach Berlin, fand hier erst Beschäftigung bei einer Müllabfuhrgesellschaft in Charlottenburg und arbeitete später als Anstreicher. Eine Zeit lang wohnte er in der Jagowstraße, weil er aber mit der Miete im Rückstand blieb, kündigte ihm die Wirtin zum 15. Juni. Nun zog er zu der Mutter seiner Braut, die ebenfalls in der Iagowstraße wohnt. Man wußte also, in welcher Stadtgegcnd man ihn zu suchen hatte und konnte ihn, wie schon erwähnt, an der Ecke der Strom- und Turmstraße verhaften. Eine Durchsuchung seiner Wohnung förderte eine Reihe von Gegenständen zutage, die in vuqk gestohlen worden waren. Nachdem in den frühen Morgenstunden Kriminalrat G e n n a t und Kommissar Johannes Müller aus Storkow zurückgekehrt waren, wurde ihnen der Verhaftete sofort vorgeführt und eingeheto verhört. Noch längerem Leugnen, wobei er vor allem versuchte, den Besitz des bei ihm gefundenen Geldes glaubhaft zu erklären, legte er endlich unter der Wucht der Beweise ein um- fassendes Geständnis ab. Wie er erklärt» hott« er vor einigen Tagen feine Stellung als Anstreicher verloren und war ohne Geld. Er beschloß daher, seine früheren Pflegeeltern auszu- suchen, da ihm bekannt war, daß in dem soge-nannten Ge- meindeschrank stets größere Summen aufbewahrt wur- den. Am vergangenen Sonnabend machte er sich auf den Weg. Mit der Eisenbahn fuhr er über Königswusterhausen bis Storkow und begab sich auf Umwegen, um nicht von Bekannten gesehen zu werden, nach Bugk. Bei Einbruch der Dunkelheit gelang e».ihm, in die Hosscheune des Gsmeindeoorstchers hineinzukommen und aus dem obersten Strohbodea ei« geeignetes Versteck zu finden. Der Hund, der ihn von früher her kannte, ließ ihn un- angefochten passieren. In seinem Schlupfwinkel, den jetzt zur Ernte. zeit niemand aufsuchte, blieb er bis zum Dienstag vormittag. Dann jchlich er unbemerkt hinab auf des Hof pnd suchte sich ejn neues Versteck im Keller. Hier wartete er ob, bis dl« Feldarbeiter nach dem Mittagessen das Haus wieder verlassen hatten und bis die Besperzeit herangekommen war. Wie er behauptet, rechnete er damit, daß auch Frau Laurisch zur Ernte hinausgegangen und das Haus leer sei. Das ist schon deshalb unwahr, weil er wußte, daß die älter« Frau die schwer« Arbeit in der Sonnenhitze nicht mcHr leisten konnte. Nach seiner Darstellung gelang es ihm, durch den Keller und die Falltür in der Rüche in die Räum« zu kommen. Als er so am Gemeindeschrant gestanden, um das Geld herauszunehmen, habe Frau Laurisch ihn überrascht und mit einem Stuhle angegriffen, llm sie abzuwehren, habe er aus der Seiten- tammer dos Gewehr geholt und sie damit mehrmals über den Kopf geschlagen, bis sie tot zu Boden sank. Auch dieser Behauptung begegnet man mit berechtigtem Zweifel. Der Raubmörder hat sich vielmehr von vornherein mit dem Gewehr bewoffnek und die ahnungslose Frau hinterrücks niedergeschlagen. Nach dem Geld« brauchte er deshalb nicht lange zu suchen, weil er die passenden Schlüssel kannte. Das Fahrrad stahl er, um flüchten zu können. Nachdem er sich noch vom Boden eine Speckseite gestohlen hatte, gelang es ihm, durch die Hintertür, die er von innen aufschloß, das Grundstück ungesehen zu ver- lassen. Ueber Neuenmühle fuhr er nach Beeskow, kaufte hier von dem erbeuteten Gelde einig« Aale und setzte die Fahrt fort nach Iürstenwalde. Nachdem er das Rad in einer Wirtschaft unter- gestellt hatte, benutzte er zur Heimfahrt nach Berlin die Eisenbahn. Der Mutter seiner Braut spiegelte er vor, daß er einen Ausflug gemacht habe und beschenkte sie mit den Fischen und dem Speck. Soweit das Geständnis des Mörders. Die einzelnen Widersprüche, die sich in seinen Angaben zeigten, werden in späteren Vernehmungen und Untersuchungen noch geklärt werden. Philipp wird noch heute dem Untersuchungsrichter vor- geführt werden. Nach Abschluß der kriminalpolizeilichen Ermitt- jungen in Berlin toird er an die zuständige Staatsanwaltschaft in Frankfurt a. d. v. abgeliefert werden. Um einen Wasserhahn! Schieberei in der Alvenslebenstrabe. Einen blutigen Ausgang nahmen jahrelange Streitig- leiten zwischen zwei Familien, die im vierten Stock des Quer» gebäudes in der A l o e n s l e b e r. st r a ß e IS auf dem gleichen Flur wohnen. Seit einer Reihe von Jahren wohnt hier der 31 Jahre alte Buchhändler Alfred König mit seiner Ehefrau, Tür an Tür mit der 53 Jahre asten Köchin Klara Muskad«. Di« jetzige Frau König befand sich schon als Mädchen in derselben Wohnung. Der Streit nahm seinen Anfang, al» sie sich vor drei Jahren verheiratete. Der Zankapfel war ein Wasserhahn, den beide parleien gemeinsam aus den« Flur benutzen mutzten. Wenn sich die Frauen an der kritischen Stelle trafen, kam es regelmäßig zum Kroch. Auch heut« morgen blieb der Zank nicht aus. König, der den Streit schlichten wollt«, wurde von der Köchin mit einem Besen angegriffen. Der klein«, schmächtige Mann holte seinen Revolver und schoß um sich. Die Muskad« wurde von zwei Kugeln getroffen und brach zusammen. Der Buchhäirdler eilte jetzt zum Revier, stellte sich selbst und bat, schleunigst einen Arzt zu der Verletzten zu schicken.. Di« Muskad« wurde nach dem St.»Narbe rt-Krankenhaus gebracht. Ihre Derketzungett sind nicht ungefährlich. König wurde vor- läufig in Haft bshallen,_ i vie Zährten �ftußer Setrieb*. Ain 15. Juli ist in Berlin die neue Droschken ordnung in Kraft getreten, die eine wesentliche Bereinsachung der bisherigen Best immun gen darstellt. Trotzdem sowohl die Droschkenordmn�g als auch die Ergänzungsbestimmungen alles andere denn ein Labyrinth von Paragraphen sind, herrscht besonders über das Fehren„außer Betrieb" eine unbegreifliche Unklar- heit, die durch Veröffentlichungen in bürgerlichen Zeitungen noch vermehrt wird. So sah man in den ersten Tagen eine großeZahl von leeren Kraftdroschken durch die Straßen fahren, die das Schild„außer Betrieb" aufgesteckt hatten und auf der Fahrt zum nächsten Halteplatz keinen Fahrgast aufnahmen. Auf Befragen erklärten die Fahrer, daß die neue Droschtenordnung vor- schreibe, nach Beendigung einer Fahrt das Schild„außer Betrieb" aufzustecken ynd sofort den nächsten nicht vollbesetzten Halteplatz aus- zusuchen, ohne unterwegs eine neue Fahrt anzunehmen. Wer den Fahrern diese unsinnige Information erteilt hat, ist Nicht festzustellen. Wie uns auf eine entsprechende An- frage der Deutsche Verkehrsbund, Abteilung Kraft- f a h r e r, initteilt, ist diese Auffassung völlig abwegig. Vorschrift ist lediglich, daß leere, unbestellte Kraftdroschken innerhalb des vom Nord- und Südring der Stadtbahn umgrenzten Stadtgebiets in der Zeit von 8 Uhr morgens bis 19 Uhr abends an dem nächsten nicht vollbesetzten Halteplatz nicht vorübersahrc» dürfen, sondern sich dort aufstellen müssen. Wenn hiergegen der Fahrer nach Beendigung einer Fahrt nicht den nächsten, nicht vollbesetzten Halteplatz, sondern einen bestimmten Bahnhofs- oder sonstigen Halteplatz aufsuchen will, muß er das Schild„außer Betrieb" aufstecken und darf dann unterwegs keine Fahrt annehmen. Durch diese Bestimmung soll ver- sucht werden, das sogenannte„Greifenfahren" zu unterbinden, das besonders in letzter Zeit überhand genommen hat. Der Fahrer kann also nach wie vor auf dem Wege zum nächsten Halteplatz Fahrten annehmen und braucht sein Fahrzeug nicht außer Betrieb zu setzen. Wir glauben, durch diese Mitteilung die zurzeit herrschende Unklarheit behoben zu haben und bemerken nur noch, daß auch die Innung vereinigter Droschken- besitze? Groß-Berkins der gleichen Auffassung ist. Ruhe und Grönung in Wien. Der Berliner Vertreter der österreichischen Bun« desbahnen teilt uns mit: Von ollen maßgebenden amtlichen Stellen in Wien wird bestätigt, daß in der österreichischen Bundeshauptstadt absolute Ordnung und Ruhe herrschen. Handel und Wandel nehmen ihren gewohnten Laus: die Theater, die Kinos, die Ver- gnügungslvkale sind geöffnet» die Hotels, Nestau- r a n i s und Cafes normal in Betrieb. Während der Unruhen ist auch nicht ein einziger Fremder in irgendeiner Weife belästigt worden. Sofort nach Beendigung des Berkehrsstreiks hat der Zuzug von Fremden nach Wien wieder«ingeseht. Die täglichen Abreisen von Fremden aus Wien überschreiten nicht den gewöhn- lichen Umfang. In Tirol Hot, nachdem während der Stteiktage die Fremden das Land in Massen verlassen hatten, bereits wieder ein neuer Fremdenzustrom eingesetzt.'Mit den Abendzügen trafen Hunderte von Touristen in Innsbruck ein. Die Auto- mobilomnibusse in den verschiedenen Tälern sind überfüllt. * Für die in der Zeit vom 4. bis 11. September stattfindende 13. Wiener Internationale Messe(Herbstmesse 1927) wurde eine große Anzahl von Erleichterungen und B e- günstigungen gewährt. Die Besucher aus Deutsch- l a n d bedürfen zur Durchreise durch die Tschechoslowakei nur des Messeausweises und eines gültigen Reisepa ssrus. Ein österreichischer oder tschechoslowakischer Sichtvermerk ist«»cht erforderlich. Die Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahngesellschaft hat den Besuchern auf den Reichsbahnstrecken eine Fahrpreisermäßigung von 25 Proz. gewährt. Zur Er- langung dieser Fahrpreisermäßigung genügt die Vorweisung des Messeausweises.— Die Lsterreifchen Bundesbahnen werden den Besuchern in der Zeit vom 31. August bis 11. September 1927 eine 25prozentige Fahrpreisermäßigung einräumen. Der Messeausweis muß durch die Ausgabestellen abgestempelt werden. Die Bahnen der Tschechoslowakei räumen Besuchern der Wiener Herbstmesse eine Fahrpreisermäßigung von 25 Proz. ein, ebenso gewähren die großen Schisfahrtsgesellschaften weitgehende Fahrpreisermäßigungen. Auch im Luftverkehr werden Er- Mäßigungen gewährt._ Feuer im Neuköllner Rathaus. Mehrere Löschzüge der Feuerwehr wurden heute früh gegen %,7 Uhr nach dem Neuköllner Rathaus alarmiert. In den Keller- räumen waren Kohlenvorrate in Brand gerate ir, und das Feuer drohte größer« Ausdehnung anzunehmen. Die Wehr war bis um 12 Uhr mtttags mit den Lösclb und Auf- räumungsarbeiten beschäftigt. Viele Zentner Briketts'mußten ins Freie befördert werden, um jede weitere Gefahr auszuschließen. Folgenschwerer Autoznsauuneuftoh. An der Ecke der Berliner und UhlandstraHe in Wilmersdorf stießen in der vergangenen Nacht gegen 2 Uhr 39 zwei Kraftdroschken zusammen. Die Insassen der einen, der Kaufmann Robert Schulze aus der Innsbruck« Straße 39 in Schöneberg, eine Frau Helene Konrad aus der Hektorstraße 2 in Halensee und eine Gräfin Holstein von Lövenoere aus der Bayerischen Straße 29 er- litten zum Teil schwere Verletzungen und mußten in das Städtisch« Krankenhaus in der Pfalzburger Straße gebracht werde». Dammrutsch an üer Schwarzen Elfter. Bedrohte Braunkohlenlagcr. Mückenberg, 21. Juli.(TU.) Die Niederschläge der letzten Tage haben im Flußgebiet der Schwarzen Elster plötz- lich Hochwasser gebracht, das gestern in wenigen Stunden die Dämme zwischen Hoyerswerda und Plessa teil- weis« überflutet«. Die Schwarze Elster stieg in wenigen Stunden 45 Zentimeter und überschwemmte im Mückenbcrger Braun- kohlengebiet die ganzen Felder, so daß die gesamte Ernte vernichtet ist. Trotzdem die gesamten umliegenden Dörfer alarmiert waren und Tausende von Sandsöcken zur Berdichtting der gefährdeten Dämme zusammengeschleppt wurden, stieg das Wasser in der Nacht 18 Zentimeter über den Hochwasserstand des Bor- jahres. Die reißenden fluten drängten die Sandsäcke zurück und nachts gegen 2.39 Uhr chrqch b ei D o lsth ä id a in der Nähe der Eisenbahnbrücke der Damm in 1 Kilometer Breite, wodurch der Ort Mückenberg teilweise unter Wasser gesetzt wurde. Berqmaunslos in Waldenburg. Waldenburg. 21. Juli.(WTB.) In der Mittwochnachtschicht verunglückten in der M e l ch i o r g r u b e der Fahrhcuer Biedermann aus Hären-grund und der Heuer Krebs aus Schwarzwaldau durch herabfallende Gesteinsmassen tödlich. In der Segengottesgrube siel der 19jährige Schlepper M e d e w i tz au« Waldenburg-Altwasser in" einen 39 Meter tiefen Schacht. Der Verunglückte starb auf dem Transport. Außerdem erckgneten sich noch zwei weitere leichte Unglücksfälle auf der Melchior- und Glückhilfgrube. Der tzunüertachtzehnte. Abermals Militärfliegerabsturz iu England. London. 21. Zuli.(TU.) lieber Sukon Bridge in de« Grafschaft Linrolnshire stürzte gestern ein Mililärflugzeng bei Schieh- übungen aus einer höhe von nur 50 Metern ab. Der Pilot, ein Offizier, wurde getötet. Zfachdem wir gestern berichtet hatten, daß im Zahre 1326 8 5 englische Militärflieger und in diesem Jahre bereit? Z2 Militärflieger umgekommen sind, ist das neue das hundertachtzehnte Todesopfer des englischen Fliegerkorps innerhalb XV* Jahren. Drei Streckenarbeiter überfahren. Erfurt, 21. Jvli.(WTB.) heute früh kurz vor 6 Uhr wurden bei Kahla(Thüringen) drei Streckenarbeiter, die mit dem Vorrichten der Gleisstopfmaschine beschäftigt waren, vom Personenzug 871 erfaßt und getötet. Die Schuldfrage wird noch geklärt. Es herrschte starker Nebel. Bäumers BeiscHung im Ehrengrab. Hamburg, 21. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Am Mittwoch noch- mittag wurde der in Kopenhagen tödlich verunglückte Sportslieger B ä ii m e r in einem Ehrengrob auf Staatskosten beigesetzt. Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich eingefunden, um dem kühnen Piloten das letzte Geleit zu geben. Die Straßen nach dem Ohlsdorfer Friedhof und das weite Gelände des Friedhofes selbst waren von Zehntausenden angefüllt. Das Reichsvertehrs. und das Reichswehrmini st erium hatten Vertreter entsandt, für Hamburg war Bürgermeister Dr. Petersen und mehrere Senatoren anwesend. Während der Trauerfeier kreuzte über dem Friedhof eine Fliegerstaffel mit schwarzen Wimpeln. Courtneys Ozennflug wiederum vertagt. London, 21. Juli.(TU.) Kapitän Eourtney teilte gestern abend der Presse mit, daß er seinen Flug infolge Schwierigkeiten an seinem drahtlosen Apparat um einige Tage verschieben müsse. Nach seinem zweiten Probeflug um die Insel W i g h t, bei dem er von zwei Sachverständigen für drahtlose Telegraphie be- gleitet war, seiner zu seiner Entscheidung gekommen. Ein Zuz in die Adda gestürzt! Mailand, 21. Juli.(EP.) Am Mittwoch morgen stürzte auf der Linie Trient— Bozen zwischen den Stationen E g n a und O r a ein direkter Güterzug für Deutschland in die Adda. Das Unglück, geschah durch ein Versehen des Zugführers, der vor einer Brücke ein halt e s i g n a l überfuhr. Dadurch geriet der Zug in schneller Fahrt auf den Prellbock eines Nebengleises und stürzte in den Fluß. Der Lokomotivführer fand dabei den T od und der Heizer wurde lebensgefährlich oerletzt. Der Zug- führer konnte sich durch Abspringen reiten. Ha.zeZschiofscu in Tennisballgroste! Ealzary(Kanada. Provinz Alberta), 21. Juli.(WTB.) Am Abend des 1ö. Juli uuroe die Gegend von Cochrane von einem surchtbaicn Hagelsturm heimgesucht. Die hageischloßen solleir so grosj wie Te n n i s b ä l l e gewesen sein. Di« Dächer der Häuser und der geschlossenen Kraftwagen wurden durchlöchert, die Tele- phondrähle zerrissen. Die Hagelkörner bildeten aus den Straßen- rändern Haufen von sechzig Zentimetern Dicke und einige von ihnen, die vi«r Stunden nach dem Orkan nach Calgary gebracht wurden, wv'cn noch mehrere Unzen. Glücklicherweise wütete der Sturm nur über einem verhältnismäßig kleinen Gebiet. ff," Eine volkshausgriindung in Michendorf i. d. Mark. In Michendorf i. d. M., einem an der Vororlstreckc nach Aeelitz-Hcil- stätten gelegenen Orte von ISuO Einwohnern, wird am Sonnlag, dem 21. Juli, nachmittags 2 Uhr, der Grund st ein zu einem Volkshause gelegt werden. An der Veranstaltung nehmen die der Volke Hausgenossenschast angeschlossenen Gewerkschaften des O.les sowie der Arbeiterturnverein, die Sozialdemokratische Partei und das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold teil. Tresspunkt für alle Teilnehmer ist das alte Gewerkschaftshaus in der Saarmunder Straße, von dem um 142 Uhr abmarschiert wird. D e Michendorfer Arbeiterschaft erwartet einen zahlreichen Besuch von auswäits. Angenehmen und preiswerten Ferienaufenthalt bietet die Ferienheimgenoss«nschoft Naturfreunde e. G. m. b. h., Thüringen, die dank der aufopfernden Tätigkeit ihrer Anhänger ein neues heim in Betrieb nehmen konnte. Mit dem 1. Juli dieses Jahres ist in Frauen wald in Thüringen ein mit allen Anforderungen der Hygiene ausgestattetes heim dem Verkehr übergeben. Für die Nachsaison bis in den späten herbst hinein können dort Erholung- suchende Aufnahme finden. Außerdem stehen auch in allen anderen Heimen noch Zimmer für die Nachsaison zur Verfügung. Nähere Auskunst erteilt die Geschäftsstelle für Groß-Berlin: Wilhelm Groth«, Berlin-Lichtenberg, Weichelstraße 10.(Rückporto erbeten.) 10 000 Jahre alt. Im Strandbad Brake an der Unterwescr, in der Nähe von Bremen, wurden verschiedene Altertumsfunde gemocht. Es handelt sich größtenteils um Knochen und Zähne von Wildpferden, Riesenhirschen, Geräte und Massen aus Feuerstein und Knochen. Di« aus der Weser ausgebaggerten Gegenstände sind nach Ansicht von Fachleuten teilweise über 10 000 Jahre alt und stammen aus einer Zeit, wo der jetzige Lauf der Weser noch Waldrand war. Verschiedene Fundstück« sind bisher in keinem Museum oertreten. Von einem Eisbär zerfleischt. Als im Zoologischen Garten von Madrid ein Wärter, der Futter gebracht hatte, den Eisbärkäsig verließ, stürzt« sich ein Eisbär auf ihn und brachte chm mit seinen Tatzen schwere Verletzungen am Gesicht und Kopf bei. Aus die Schrei« des Wärters eilte ein« Wach« herbei, die mit einem Karabiner zwei Schüsse auf den Eisbären abgab. Der Bär ließ daraus von seinem Ops«r ab und flüchtete in ein« Eck« des Käfigs. Der verletzte Wärter wurde in sterbendem Zustande in ein Krankenhaus eingeliefert. Wie öas Detriebsrätegefetz sabotiert wirö. Der Notschrei einer christlichen Gewerkschaft. Die Rheinischen Linoleumwerke m Bedburg an der Erst im Kreise Bergheim zahlen ihren erwachsenen Arbeitern Stundenlöhne von 17 bis 50 Pf-, den Handwerkern S1 bis 55 Pf., daneben in einigen Fällen noch eine geringe„Fabrikationsprämie". Trotzdem seit zwei Jahren kein Tarisoertrag mehr besteht, läßt der Betrieb ständig 56 oder 57 Stunden wöchentlich arbeiten, ohne Ueberstundenzuschlag. In dem Betriebe sind einschließlich der Jutespinnerei und der Weberei annähernd 500 Personen, meist ländliche Arbeiter, beschäftigt.„Das Organisationsoerhältnis ist mal gut, meist aber schlecht, was ver- ständlich ist, wenn man weiß, daß jeder, der als Agitator gilt, fein Bündel schnüren kann." Eine Betriebsvertretung gibt es nicht mehr. Nachdem die Verwaltungsstelle Düren des christlichen Fabrik- und Transportarbeiteroerbandes durch Beschwerde bei der Gewerbeauf- ficht'Köln-Land wie durch Klage bei der Staatsanwaltschaft versucht hatte, die Firma zur Bestellung eines Wahloorftandes zu veranlassen, wählten die Arbeiter in einer Betriebsversammlung selber einen Wahlvorstand. Mit einer Ausnahme wurden alle Mitglieder des Wahloorftandes entlassen. Daraufhin klagte der Verband vor dem Amtsgericht in Bergheim, gestützt auf die§§ 23, 81 und 86 des BRG. auf Schadenersatz. Der Kläger wollte den Beweis erbringen, daß dann, wenn ein Betriebs- rat bestehen würde, dessen Einspruch gegen die Kündigung Erfolg gehabt hätte. Weil der Verband dieses ihm zugemutete Kunststück nicht fertig bringen konnte, die Firma jedoch die Entlassung mit allerlei Bemängelungen des Verhaltens der Entlassenen die Be- rechtigung der Entlassung zu beweisen sucht«, wurden die Klagen gegen die Rheinischen Linoleumwerke in Bedburg abgelehnt. Die Staatsanwaltschaft erkannte außer der— nicht existierenden — Betriebsvertretung keinen Kläger an. Nun sollte durch listen- mäßige Abstimmung im Betriebe festgestetll werden, ob die Mehr- heit eine Vetriebsvertretung haben will oder nicht. Dabei war ein Listenfllhrer so unvorsichtig, fünf Minuten nach der Mittagspaus« .noch die llnterschrift eines Arbeiters einzuholen. Der Mann wurde entlassen und so die Belegschaft wiederum ein- geschüchtert. Eine Arbeitsordnung hat die nach ollem ebenso brutale wie gerissene Betriebsleitung«ingeführt, als sie die frühere Betriebs- Vertretung los geworden war. Die christliche Organisation, die nichts unoersucht ließ, um eine Betriebsvertretung einzuführen, steht nun ratlos da. Sie klagt, daß die Arbeiterschaft der Rheinischen Limüeumwerke nach dem Vorgefallenen nicht mehr Rückgrat genug be- sitzt, um sich durchzusetzen. Si« erklärt: Die Arbeiterschaft des Rheinisch-n L i n o l e u m w e r k e s Bedburg ist voll st än big rechtlos. Nun, wenn das Verhalten dieser Firma wie im„Deutschen" auch in der gesamten Zentrumspresse des Westens bekanntgemacht worden wäre, würde es sehr wohl möglich sein, der Firma beizu- kommen. Außer dieser Voraussetzung ist allerdings erforderlich, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um dem Kampfe der Dürener Gewerkschaft zum Erfolg zu verhelfen. Um Sie Arbeitszeit im öaugewerbe. Treibereien der Unternehmer gegen den Achtstundentag. Die baugewerblichen Unternehmer sind, obwohl sie beim Reichs- arbeitsministerium mit ihrer Forderung, eine Schlichtekammer bil- den zu lassen, um einen Schiedsspruch über die strittige Arbeitszeit im Baugewerbe herbeizuführen, abgeblitzt sind, abermals beim Ministerium in der gleichen Richtung vorstellig geworden. Die Antwort des Ministeriums steht noch aus. Das ist, wie gegenüber irrtümlichen Meldungen festgestellt werden muß, der augenblickliche Stand d«r Dinge. Der Reichsarbeitsminist«r hat die Bauunternehmer an das Haupttarifamt oerwiesen. Für den Fall, daß vom Haupttarifamt entschieden wird, daß die Boraussetzungen für Ver- Handlungen über die Arbeitszeit vorliegen, kommt, wie der Reichs- arbeitsminister bereits erklärt hat, zweckmäßig vielleicht auch die Erledigung der stritttgen Arbeitszeitfrage selbst durch das Tarif- amt als vereinbarte Schlichtungsstelle in Betracht. Die Arbeitgeber vertreten den Standpunkt, die tarifliche Neurege- lung der Arbeitszeit müsse jetzt sosort im Anschluß an das Arbeits- zeitnotgesetz erfolgen. Deshalb ihr Drängen auf Schlichtungs- Verhandlungen. Warum wollen sie nicht das Haupttarifamt darüber entscheiden lassen, ob ihr Standpunkt richtig ist? Die Auf- fassung des Reichsarbeitsministeriums ist, wi« wir hören, jedenfalls die, daß hier zunächst einmal das Haupttarisamt entscheiden soll. Wie Sie ,Rote Zahne" berichtet. In Nr. 168 der„Roten Fahne" wird behauptet, daß die Beleg- schast des Eisenbnhnausbesserungswerks Tempclhof eine aus zw«i Sozialdemokraten und einem Kommunisten bestehende Delegation gewählt habe zur Teilnahme an der Beerdigung der Wiener Totm. Diese Behauptung ist glatter Schwindel. Lediglich der Betriebs- rat hat aus sich heraus diese Kommission gewählt, die Belegschaft selbst wußte also nichts. Wenn zwei Sozialdemokraten in der De- legation vertreten waren, so deswegen, um die in der„Roten Fahne" zitierten Artikel und Gerüchte an Ort und Stelle nachzuprüfen. Lediglich die voreilige und falsche Darstellung in der„Roten Fahne" trägt Schuld daran, daß die Delegation nicht abgereist ist. Schundgehälter im Seifenkleinhandel! Geradezu unerhörte Verhältnisse herrschen in d«n beiden Be- trieben, in deren Besitz sich die größte Zahl der Groß-B«rliner Seifenkleinhandelsfilialen befindet. Di« bekonnten Firmen Gustav Losch, G. m. b. H. und Artur Wasservogel, G. m. b. H., scheuen sich nicht, ihr Personal in den Verkaufsstellen mit Gehält«rn zu enttohnen, die nur wenig mehr betragen, als ein Erwerbsloser als Unterstützung beziehen würde. Für Gehälter von 100 Mark monatlich wird eine tägliche Arbeitszeit von neun Stunden verlangt. Die Filialleiterinnen haben für die ordnungsgemäße Geschäftsführung in den Filialen zu sorgen. Daß auch in diesen Geschäften der Verkauf nicht allzu leicht ist unL hohe Anforderungen an die Filialleiterinnen stellt, mag aus der Tat- fache hervorgehen, daß etwa 2000 Artikel geführt werden, deren Bezeichnung, Qualität und Preis den Verkaufskräften selbswer, ständlich bekannt sein muß. Dies« Praxis der beid«n Großbetriebe des Seifeneinzelhandels ist nur dadurch möglich, daß die Firmen Losch und Wasscrvogel vor- wiegend um solches Personal bemüht sind, das entweder durch fein nicht mehr jugendliches Alter, oder auch durch die Befürchtung, den von der Firma abgelassenen Wohnraum zu verlieren, von der Wahrung seiner berechtigten Interessen abgehalten wird. Beiden Firmen ist es nämlich sehr wohl bekannt, daß sie durch den von der Reichsarbeitsverwaltung für allgemein verbindlich er- klärten Tarifvertrag für den Berliner Einzelhandel mit erfaßt sind und den Angestellten ein klagbarer An- s p r u ch auf die Tarifgehölter zusteht. Es ist dringend Zeit, daß die Angestellten im Seifenkleinhandel sich aus ihre Rechte und aus ihren Anspruch wenigstens ein Mindest- Niveau ihrer Lebenshaltung besinnen und sich nicht länger ihr gutes Recht vorenthalten lasten. Das kaufende Arbeiterpublikum— und gerade dies stellt den Hauptkundentreis der Firmen Losch und Wasservogel— sollte bei seinen Einkäufen darum mit bemüht sein, die Angestellten des Seifenkleinhandels über ihre Rechte aufzuklären und ihnen sagen, wie si« ihre gewerkschaftliche Vertretung und damit auch ihr Recht finden können: Nur durch die Mitgliedschaft im Zentral- verband der Ange st eilten! Verhandlungen in der Kölner kNetalLndustrie. Nach der Ablehnung des Schiedsspruches vom 16. Juli durch die Gewerkschaften, die nachträglich auch der Verband der Arbeit- geber der Metallindustrie von Köln— am 20. Juli— beschloß, hat nunmehr das Reichsarbeitsministerium die Parteien zu weiteren Verhandlungen auf Freitag, den 2 2. Juli, vormittags, in das Reichsarbeitsministerium nach Berlin vorgeladen. Beilegung des Winzerstreiks. Neustadl a. d. Haardt. 21. Juli.(WTB.) Die heut« vor dem Landschlichter geführten Verhandlungen zur Beilegung des Winzer- streiks führten zu dem Ergebnis, daß der Ecklohn auf 50 Pf. sür die Arbeiter über 20 Jahr« festgesetzt wurde, während die Löhne der übrigen Arbeiter sich im bisherigen Verhältnis er, rechnen. Die Regelung gilt mit fosortiger Wirkung bis auf wetteres und kann erstmals zum 20. Ottober 1027 gekündigt werden. Die Entscheidung ist endgültig und rechtsverbindlich. Maßiegelungea finden nicht statt._ Ueberstundenzuschlag in der Ledertreibriemen-- industrie. Der Reichstarifoertrag in der Ledert reibriemenirrdustrie wurde von den Vertragsparteien nicht gekündigt und bleibt bis 20. Sep- tember 1028 in Kraft. In der Neuregelung der Ueberstnuderu« zuschlüge hat sich der Arbeitgeberverband der Ledertreibriemen- industrie bereit erklärt, zunächst als Provisorium die 25 Proz. sür die ersten fünf Ueberstunden ab 1. Juli anzuerkennen. Demnach gellen zunächst die 25 Proz. Zuschlag für die UeberstuntKn an Stelle der bisherigen Regelung. Alle Funktionäre und Arbeiter haben darauf zu achten, daß der Zuschlag von 25 Proz. ab 43. Ar- beitsstunde bezahlt wird._ Tarifkündigung im oberschlcfische« Bergbau./ kaitowih, 20. Juli.(WTB1 Die deutschen und polnischen Berg- arbeiteroerbände haben unter Hinweis aus die wachsende Teuerung den Lohnvertrag im ostoberschlesischen Bergbau zum 1. August ge- kündigt und verlangen eine Erhöhung der bisherioen Löhne, die durch die für Anfang der kommenden Woche angesetzte Konferenz der Berufsverbände fixiert werden soll. Zum Kongrest der Schuh- und Lederarbeiterinteruatioual« Als Delegiert« zum Internationalen Kongreß der Schach. und Leder-Jndustriearbeiter in London sind trotz des großen Auf- gebotes von Artikeln in den kommunistischen Zeitungen und trotz der Verbreitung von Flugblättern unter der Kollegenschast d i« drei Kandidaten der Amsterdamer Richtung ge- wählt worden. Auch der in Berlin inszenierte Stimmenfang. bei dem mit der Forderung gearbeitet wurde, daß nur ein Wert, tättger aus dem Betriebe gewählt werden dürfe, hat dem kow» munistischen Kandidaten nicht zum Siege verHelsen können. Lohnerhöhung der Eisenbahnarbeiter in Polen. Warschau. 21. Juli.(TU.) Einer Entscheidung des Ministe» rats zufolg« werden am 1. September die Löhne der Eisenbahn-. arbeiter erhöht werden, was bisher infolge der schlechten Finanz. läge des Staates nicht möglich gewesen sei. Der Bauarbeiterstreik in Lodz. Lodz. 21. Juli.(WTB.) In einer Versammlung der streiken- den Bauarbeiter, an der Vertreter sämtlicher Gewerkschaftsrich- tungcn und Organisationen teilnahmen, wurde beschlosten, sür den 27. Juli eine neue Konferenz einzuberufen, in der entschieden werden soll, ob auch andere Gewerkschaften und Branchen zu dem Generalstreik hinzugezogen werden sollen. Die Zahl der eingeschriebenen Arbeitslosen Großbritanniens betrug am 11. Juli 1036 500, also 17 076 weniger als in der vorhergehenden Woche und 607 691 weniger als im entsprechenden Zeitraum des vorigen Jahres. Verantwortlich tllr Politik: Vi-tor«chifti Wirtschaft:®.«liagclhös-rz Gewcrkschaftsbcweiiuna: gr. CWorti: tzeuilleton: Dr. Job« Schikowski: Lokales und Sonstige«: tzritz itarstädt; Anzeigen: Th. Glocke; sämtlich in Berlin. Verlag: Vorwärts-Verlag®. m. l>. H., Berlin. Druck: Vorwärts-Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer u To., Berlin SW KS, Lindenstraße 3. Bevor Sielapeten kaufen! tnflsscn Sie die Ausstellung der Tapeten- Spcxtnlfirma Tapeten-Stahlke Lfntlower StraB« 5 im Slngbahnboge, am Ausgang Bahnhof Wedding, Untergrundbahn-Station Wedding gesehen haeen. mm 4 Sctysaleniter Uchtbest&nditze Tapeten Mi mit billigen Engrospreloea überzeugen. 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