Nr. 346 ♦ 44.?ahrg. Ausgabe gk Nr. 17$ Bezugspreis: Wöchnltllch 70 Pknsiz. monatlich B,— Reichsmarl voraus zahlbar. Unter Kreuzband tür Deutschland, Danzig, Saat- und Memelgebiet. Oesterreich, Litauen, Luremburz 4Ä0 Reichsmarl, für das itbrige Busland bLl> Reichsmarl pro Monat. Der.Vorwärts� mit der illustrier» ten Sonntagsbeilage.Voll und Seit* sowie den Beilagen»Unterhaltung und Wissen*.»Aus der Filmwelt*. »Frauenstimme*.»Der Kinder» freund*.»Iugend-Borwärts*.»Blick in die Bllcherwelt* und»Kultur. arbeit" erscheint wochentäglich zwei» mal, Sonntags und Montags einmal. Telegramm-Adresse: »lSozialdeozotral Beeil«" Morgenausgabe Vevlinev Dalfcöfclafl (lO Pfennig) Anzeigenpreise: Di« einspaltige Nonpareille» »eile 80 Psennig Rcklamezeile Reichsmart.»Kleine Anzeigen* da» fettgedruckte Wort 25 Ptennig (zulässig zwei fettgedruckte Worte). jedes weitere Wort tZ Pfennig. Stellengesuche das erste Wort 15 Pfennig, fedes weiter» Wort 10 Pfennig. Worte Uber 15 Buch» staben zählen für zwet Worte. Brbeitsmarkt steile 60 Pfennig. ifamilienanzetgen illr Abonnenten steil«<0 Pscnnig. Anzeigen für die nächste Nummer müssen bis iVi Uhr nachmittags im Hauptgeschäft, Berlin SW 68, Linden. straßeg, abgegeben werden. Geöffnet von blh Uhr früh bis 5 Uhr nachm. Zcntralorgan der Sozialdemokrat ifehen Partei Deutfchlands Redaktion und Verlag: öerlin SW. H$, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297. Trauersttzung des Nationalrats. Heute große Debatte. Wien. 25. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Im Nationalrat wurde eine Trauerkundgebung für die Opfer der blutigen Tage des 15. und 16. Juli veranstaltet. Die einzige Rede hielt der der christlichsozialen Partei angehörende Präsident Mitlas. Wie von einer Elementarkatastrophe fei Wien plötzlich von dem Ausstand über- rascht worden, dem so viele Menschen zum Opfer gefallen sind. Den Hinterbliebenen sprach er das Beileid der Volks- Vertretung aus. Die Mitglieder des Nationalrats hatten sich piährend der Rede erhoben. Die Sitzung des Nationalrats, in der die A u s s p r o ch e über die blutigen Vorgänge und den sozialdeniokratischen Antrag auf Ein- setzung einer parlamemarischen Untersuchungskommission stattfinden xoird, ist auf Dienstag anberaumt. Die Wiener Maffenverhaftungen. Wien. 25. Juli.(WTB) Wie dos„Neue Wiener Tageblatt" meldet, wurde ein städtischer Rechnungsbeamter in der Sommer- frische in Hast genommen, weil er am 15. Juli einen Schuh aus dem Rathause abgegeben haben soll.(?) Ferner wurden noch weitere 2l) Personen wegen Beteiligung an den Aus- schreiwngen und Brandstiftungen verhaftet. In das Landesgericht sind bis heute über 166 Demonstranten von der Polizei eingeliefert worden. Hilgenbergs Märchen. Der„Montag" verbreitet einen Schwindel der Wiener„Reichs- ppst", wonach der ehemalige Major Bernatz das Kommando der Eemeindeschutzwehr habe abgeben müssen, weil er nicht dulden wollte, daß sie soviel im Rathauskeller sitze. Die Wahrheit ist, daß Bernotz, der Inspektor der städtischen Bäder ist, sich nur für die ersten Tage zur Verfügung gestellt hatte und danach durch den städtischen Branddirektor als Kommandant ersetzt worden ist. Aber ob Wasser oder Feuer— die Antisozialistenpresse macht aus allem ihr Lügenseuerwasser, an dem sich ihre Einbläser und jene ihrer Leser erfreuen, die nicht alle werden. Auch zahlreiche Dumm- Dumm-Geschosse werden da fabriziert, so etwa, wenn man jetzt behauptet, der— Schutzbund habe Explosivgeschosse u. dgl. Ge- schössen hat damit jedenfalls die Polizei! vorwärts-verlag G.m.b.H.» öerlin SW. öS, Linöenstr.Z PoMckcckloot«!«eeli» B? 56»- Bant der Arielte«. Anfiifttlte« »»d Beamien. wallst». 65:«!sk»-t».«ef-lll-bast. DepsfUrnkaste«iadcnst».». vom polnischen Polizeistaat. Verhaftet— freigelassen— verhaftet usw. Warschau. 25. Juli.(OS.) Der verhaftete Redakteur Ario, Leiter der Minderheitenzeitschrift„Ratio", wurde vom Unter- suchungsrichter ohne Kautionsstellung aus der Haft entlassen. Die Verhaftung hat sich als grundlos erwiesen. Die„Ratio" er- scheint monatlich in polnischer, deutscher, englischer und französischer Sprache. Sie bringt Artikel über die Lage der Minderheitsvölker in Polen. Schon seit Erscheinen der ersten Nummer wird die Zeit- schrift von der polnischen Regierung mit allen Mitteln bekämpft. Die erste Nummer wurde schon vor Erscheinen beschlagnahmt und nur dank dem Eingreifen der parlamentarischen Vertreter der Minderheiten freigegeben. Die Freilassung erfolgte auf Einschreiten eines sozialdemokratischen Abgeordneten. Die Politische Polizei hat in Warschau das Bureau des Zen- tralkomitees der Kommunistischen Partei der West» Ukraine(Galizien)„ausgehoben". 19 Personen wurden dabei verhaftet. Der Gesandtcnmörder nicht begnadigt. Warschau, 25. Juli.(WTB.) Der vom Standgericht ein- gebrachte Antrag aus UniwanÄung der gegen den Mörder des Sowjetgesandten Wojtosf, Boris K o w e r d a, erkannten lebens- länglichen Kerkerstrafe in eine fünfzehnjährige Kerkerstrafe im Wege eines Gnadenaktes des Staatspräsidenten wurde mit Rücksicht darauf, daß das Verbrechen an einem akkreditierten Vertreter einer auswärtigen Macht verübt worden ist, abgelehnt. Das jüdische Wolhhnicn. Warschau. 21. Juli.(WTB.) Nach den bisher vorliegenden Ergebnissen haben die Juden bei den Gemeinderatswahlen in W o l h y n i e n einen großen Erfolg errungen, da ihnen die a b s o- lute Mehrheit aller Mandate zugefallen ist. In dem Ort Lumoblis gelang es ihnen, alle Mandate auf sich zu vereinigen. Die Einrichtung schon festgesetzt! Der Goaveraear besucht Sacco und Banzetti. London. 25. Juli.(Eigener Drahkberichl.) Au» Sharnstoum iu der Provinz Massachusetts wird gemeldet, daß V o n z e» t i seinen Hungerstreik ausgegeben hat. während Sacco weiter die Nahrungsaufnahme verweigert. Beide Verurteilte wurden am Sonn- tag vom Gouverneur von Massachuseli». Füller, aufgesucht. Die im Juni zur Untersuchung de» Falles vom Gouverneur eingesetzte Som- misstou hat ihren Bericht immer noch nicht erstattet, obwohl di« hlnrichtungder beiden Verurteillea aosdev 10. August k«fi»-setzt Ist. Zentrumsarbeiter für Reichsbanner. Reichskanzler Marx verlätzt es. Köln, 25. Juli.(Eigener Bericht.) Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold für die Bc- zirke Krefeld. München-Gladbach, Ileus} und Grevenbroich hielt am Sonntag in Grevenbroich ein Treffen ab. Es sprachen der Parteisekretär Dr. S ch r e i b e r vom Zentrum, Redakteur Groß vom katholischen„Westdeutschen Volksblatt" in München» Gladbach und Reichstagsabgeordneter S o l l m a n n. Groß legte gegenüber der Hetze, die von der kapitalistischen Presse und auch aus dem Zentrum gerode jetzt gegen das Reichsbanner und dessen Führer hörsing entsacht worden ist, ein ent- schiedenes und festes Bekenntnis der Treue zum Reichsbanner ob. Was die Zentrumskameraden im Reichsbanner etwa an der Bundesführung zu kritisieren hätten, würden sie selbst tun. Außenstehende hätten kein Recht, sich da einzumischen. Diese Treibereien gegen das Reichsbanner erfolgten in ganz durchsichtiger Weise. Die Reichsbannerkameraden dürften sich aber nicht ouseiiumdermanövriere» lassen. Reichslagsabgeordneter Sollmann legte ebenfalls dar. daß die ganze Hetze gegen das Reichsbanner nur bezwecke, die altrn Trennungswände zwischen christlichen und sozialdemokratischen Arbeitern wiederaufzurichten. Das Reichsbanner sei selbständig und unterstehe nicht der Disziplin einer Partei. Wenn h ö r s i n g von seinem Staatsamt zurücktrete, so sei das kein Schoden. Ts sei wichtiger und ehrenvoller, die drei Millionen Reichsbannerkameraden zu führen, als eine preußische Provinz zu verwalten. Dos Reichs- banner fei nicht nur republikanisch, es sei vor allem sozial ge- richtet. Der Sekretär dxr katholischen Arbeitervereine aus München- Gladbach. voßbendcr. gelobte, daß auch die christlichen Arbeiter iu Sameradschost im Reichsbanner weiterarbeiten wer- den. Sie fühlten heute mehr noch als je die Entrechtung, die Rücksichtslosigkeit und die jouoeräne Verachtung, mit denen man den Arbeitern und Republikanern überhaupt von gewisser Seile begegne. Gerade die christlichen Arbeiler aber Mühlen erklären:„Bis hier- her und nicht weller!" Der Weg von Wilhelm Marx. Reichskanzler Dr. Marx Hot seinen Austritt aus dem Reichsbanner erklärt. Otto Hörsing, der aufreckte Republikaner, hat sein Amt als O b e r p r ä s i d e n t der Provinz Sachsen niederste- legt, um als Bundesvorsitzender des Reichsbanners frei und ungehemmt für die Ausgaben wirken zu können, die die Reichskonferenz des Reichsbanners am 14. Februar 1927 nach der Bildung der Bürgerblockregierung unter dem Reichs- kanzler Dr. Marx in folgenden Sätzen umrissen hat: Wir werden jede Handlung dieser Regierung, die der Republik abträglich sein könnte, mit Sachlichkeit und aller Schärse bekämpscn. Wir fordern von allen Kameraden unseres Bundes, daß sie mit aller Kraft diejenigen Parteien, deren Führer und Parlamentarier, auf welchen Posten sie auch ge- stellt sein möger», unter st ätzen in der Abwendung aller der Republik drohenden Gefahren. Deutlicher denn je zeigt sich die Notwendigkeit eines stark en und geschlossenen Reichsbanners. An der Größe, der Kraft und Geschlossenheit des Reichsbanners wird jeder Angriff auf die Deutsche Republik zerschellen." In den Tagen der Bildung der Bürgerblockregierung hat das Reichsbanner die Feuerprobe auf feine Ueberparteilichkeit bestanden. Die geheimen Hoff- nungen der Reaktion und der Kommunisten, daß die Bor- gänge bei der Bildung des Rcchtsblocks, daß die Ernennung des Reichsbannerkameraden Dr. Marx zum Reichskanzler des Besitzbürgerblocks die Einheit und Geschlossenheit des Reichsbanners zerschlagen würden, wurden enttäuscht. Das war nicht zuletzt dns Verdienst H ö r s i n g s. Der Reichs- kanzler Dr. Marx blieb Mitglied des Reichsbanners. Herr Dr. Marx, der Reichskanzler des Bürgerblocks, ehedem der Kandidat des Bolksblocks bei der Reichspräsiden- tenwahl, hat am Sonnabend an den Bundesoorsitzenden des Reichsbanners den folgenden Brief gerichtet: Ober-Grainau, 23. Juli 1927. Mit Rücksicht auf verschiedene Borkommnisse der letzten Zeit, insbesondere auf die Kundgebung des Borstandes des Reichsbanners an den Republikanischen Schutz- bund in Wien, die eine unberechtigte Einmischung in die politischen Verhättnisse des befreundeten Oesterreichs und ein« schwer« Herabsetzung und Beleidigung der Bundesregierung enthält, erkläre ich meinen Austritt aus dem Reichsbanner. Wird durch diesen Austritt der überparteilich« Charakter des Reichsbanners, wird seine Geschlossenheit, sein Wesen. seine Zielsetzung berührt? Nein! Es ist nur die Intrige der Reaktion gegen das Reichsbanner und seinen Bundesvorsitzen. den schief gegangen, und Herr Marx, nicht Hö r s i ng bleibt als Opfer auf der Strecke. Herr Marx, der von den Deutsch- nationalen für die letzte Hetze gegen das Reichsbanner mit in Bewegung gesetzt worden ist, muß, um konsequent zu bleiben, den letzten winzigen Rest von Kredit, den er aus besseren Tagen her bei den Republikanern besessen hat, preis- geben. Das Reichsbanner ist sich selbst treu geblieben, aber Herr Marx hat sich geändert. Allerdings hat'sich Herr Marx konsequent geän- d e r t. Vom Kandidaten für den Volksblock zum Reichs- kanzler des Besitzbürgerblocks. Von der Reichskanzlerschoft im Rechtsblock zur Parteiinquisition gegen W i r t h. Von der Parteifeme gegen W i r t h bis zur Erklärung gegen Hör- fing und zum Austritt aus dem Reichsbanner. Die Parteiinquisition im Zentrum gegen W i r t h, und die Hetze gegen H ö r s i n g mit anschließendem Austritt des Reichskanzlers Marx aus dem Reichsbanner— es ist dieselbe Linie, es sind dieselben Vorwürfe und es sind dieselben Hintermänner. Es ist der wohlorganisterte Vorstoß der Deutschnationalen und der Leute von der Deutschen Volks- parlei gegen die überparteiliche Front der Republikaner in Deutschland. Es ist der Versuch, die Bindung des Zentrums im Rechtsblock auszunützen, um das Zentruni unfrei und abhäng II für jetzt und für kommende Wahlen in die Bürgerblockfront gegen die Front der Republikaner zu bringen. Das ist der Sinn der Intrige gegen Hörsing: die Zentrumsrepublikaner sollen heraus aus dem Reichsbanner und das Zentrum hinein in die Wahlfront des Rürgerblocks! Das ist die Parole, die in der Rechtspresse einheitlich nach dem RüMntt Hörsmgtz als Oberpräsident ausgegeben wird. Man' liest sie in der„T ä g l'i ch en� R u n d s ch a'u" scharf' formuliert: „Man wird sich jedoch keinem Zweifel hingeben, daß Hörstng als Führer des Reichsbanners jetzt noch aktioere Tätigkeit entfalten wird. Die Krise im Reichsbanner dürfte dadurch nunmehr beschleunigt werden. Hörsing wird in seiner skrupel- losen und hemmungslosen Art das Reichsbanner völlig in das sozialistische Fahrwasser lenken. Die parteipolitische Neu- tralität dep Reichsbanners wird mehr noch als bisher ein hohles Schlagwort sein. Wie weit sich die dem Zentrum angehörenden Mitglieder des Reichsbanners und nament- lich des Bupdesvorstandes gegenüber den rein sozialistischen Ten- dcnzen durchzusetzen vermögen, bleibt abzuwarlen. Nach den letzten Acußerungen maßgebender Zentrumsblätter kann man hosten, daß das Zentrum die Trennungslinie„um unseres Gewissens und unserer Ehre willen", wie der Badische Beobachter schreibt, finden wird. Die kommenden Reichstags- und Landtags- wählen werfen ihre Schatten voraus. Eine reinliche S ch e i- dung zwischen den staatserhaltenden Paneie», den Kräften des nationalen Wiederaufbaus und den Parteien der ständig negierenden Opposition muß, je eher, je besser, ge- fordert und erreicht werden." Bei Herrn Marx hat der reaktionäre Vorstoß Erfolg gehabt. Er hat die Front der Republikaner verlassen— damit aber zugleich die Front, in der Hunderttansgnde seiner Parteifreunde stehen, und zu der sie sich gerade jetzt entschieden und fest bekennen. An dem Aufruf des Bundesvorsitzcnden des Reichsbanners für den öfter- reichischen Schutzbund, dessen Sinn und Inhalt von der Rechten so schamlos tendenziös oerfälscht worden ist, wird die Geschlossenheit des Reichsbanners und die Treue der Reichs- bannerkameraden aus dem Zentrum nicht zerbrechen. Alle Versuche der Rechten, hier den Hebel anzusetzen, müssen an den loyalen und kameradschaftlichen Erklärungen Hörsings scheitern. Herr Dr. Marx, der sich zum andern Male von den Deutschnationalen benutzen läßt, wird keine Kluft Zwischen Reichsbanner und Zentrumsarbeitern aufreißen. Er läuft nur Gefahr, wie im Falle W i r t h, eine Trennungs- linie mitten durchs Zentrum zu ziehen! Denn die Treue der Republikaner, der Arbeiterschaft des Zentrums für das Reichsbanner beruht nicht auf passivem Gehorsam gegen- über einem Parteibefehl, sie hat ihre tieferen Wurzeln in der Gleichheit des staatspolitischcn, demokratischen und sozialen Wollens der Millionen, die im Reichsbanner zusammengeschlossen sind! / Der wiener Aufruf unü üas Zentrum. Eine Reihe führender Reichsbannermitglieder des Zentrums— Wirth und Ivos nicht einbegriffen — haben an den Bundesvorstand des Reichsbanners in Magdeburg ein Schreiben gerichtet, das sich mit dem Ausruf des Bundesoorsitzenden Hörsing anläßlich der Wiener Unruhen befaßt und Einspruch gegen die Formulierung einiger Teile dieses Aufrufs erhebt. In dem Brief wird weiter die Erwartung ausgedrückt, daß gegen die Wiederholung solcher Borkommniffe Sicherungen getroffen werden. Der Bundespräsident H ö r s i n g hat bereits am Sonntag auf der Retchskonferenz der Gauvorsitzenden und Gausekretäre zu dem vorstehend gekennzeichneten Brief in einer Erklärung Stellung genommen, die wörtlich lautet: „Der Aufruf des Reichsbanners auf Grund der Wiener Vor- kommnisse ist von mir ohne Befragen aller Bundes- vor st ands Mitglieder erfolgt, da Eile notwendig war. Ueber die Formulierung des Aufrufs mag man verschiedener Auffassung sein. In der Sache selbst war er zweifellos richtig und notwendig. In Anbetrocht der drohenden Haltung der Faschisten aller Länder mußte er erlassen werden. Daß in dem Lager des Zentrums und der Demokratischen Partei Unruhe erzeugt wurde, bedaure ich aufs tiefste. Ein ernster Konflikt zwischen diesen Parteien und dem Reichsbanner wird aber durchaus daraus bestimmt nicht entstehen. In einer Bundesvorstandssitzung wird über diese Dinge gesprochen und«inWeggesucht werden, der Fühlung- nähme mit den Parteien auch in dringendsten Fällen ermöglicht." In ähnliem Sinne wird sich der Bundespräsident Hörsing auch schriftlich auf den Brief der führenden Reichsbannermitglieder des Zentrums äußern. Inzwischen haben diese Mitglieder beschlossen, sich mit den letzten Bor- gängen im Reichsbanner in einer Konferenz, die Ende der Woche in Berlin stattfinden soll, zu befassen. Die schrift- liche Antwort Hörsings dürfte die Grundlage zu diesen Ver- Handlungen bilden. Die Hoffnung der Rechtspress«, daß sie zu einem Beschluß gegen das Reichsbanner führen könnte, ist— wie dem Sozialdemokratischen Pressedienst aus Zentrumskrelsen ausdrücklich versichert wird— auf falschen Voraussetzungen aufgebaut. Auch der Austritt des Reichskanzlers Marx aus dem Reichsbanner' dürfte daran nichts ändern. In linken Zentrumskreisen be- trachtet man diesen Schritt als eine rein persönliche und unter dem Druck rechtsstehender Politiker unterng. n n? Handlung. wie Sie Hintermänner fälschen. Der Haß der Reaktion gegen da» Reichsbanner und Hörsing brandet hoch empor. Kein Wort über die Gemeinheiten, die per- sonlichen Infamien d.'r Hugenberge und verwandten Seelen gegen Hörsing— der Dreck ist nun einmal ihre Welt. Aber chre F ä l- s ch u n g e n müssen niedriger gehängt werden. Die„D e u t s ch e Z« i t u n g* schreibt: ..Di« lebte Rede des Reichsbannerhäuptlings Hörsing über die Wiener Vorgänge, die bekanntlich eine unerhörte Beschimpfung .der österreichischen Regierung und zugleich unumwunden« -alidaritätserklärung mit dem plündernden Wiener Straßenpöbel enthielt." Aufruf und Rede Hörsings dankten dem Schutzbund, daß er Ordnung gegen den Mob geschafft habe. Daraus wird Solidaritäts- «rklörung mit dem plündernden Straßenpöbel. Die„Kreuzzeitung": „Hörsing hat nomlich am Schluß seiner Rede ausgeführt, das Reichsbanner„marschiere seinem klaren Ziel zu und werde bei der nächsten Wahl mit allen Kräften für den Sieg der Republik kämpfen, für ein starkes Reichsbanner, für die Stärkung der republikanischen Partei und für eine freie sozialdemokra- tische Republik." Der Schluß der Rede lautete in Warheit:»Für ein starke«, un- bezwinglichcs Reichebanner, für die Stärkung der republikanischen Parteien und damit für eine freie soziale und demokratisch« Republikl" Ein« nette, klein«, aber ach so dumm« Fälschung! .»« a.y», jwi.iViso-.»•*Jii a 4-./it«sSjiiUiJ'vV Da« enhlischc AnN�ewerkschaflsgesetz ist vom Ob-chau». beschlossen. Das Unterhaus wird die oaran vorgenommenen' Aend«. 'vtjngrn am'Donnerstag Hfüsen".'. Anläßlich von Innres Todestag wurde in feinem Wahlkreise, Carwoiix, von der Partei eine Gedenkfeier»«ronstaltet, bei der Paul Bancour sprach. Die polnisch-russischen Verhandlungen über die Beilegung der aps Anlaß der Ermordung Woikows entstandenen Schwierigkeiten sind noch nicht beendet. Der polnische Gesandt« in Moskau ist dorthin zurückgekehrt, ohne eine neue Note Warschaus mitzunehmen. Schlapp gemacht! Das Ende einer deutschnationalen Staatsaktion. Die Ernennung des sozialdemokratischen Regierungspräsidenten Krüger- Lüneburg zum Staatssekretär im preußischen Landwirt- fchaftsministerium hatte die Zlgrarier völlig aus dem Häuschen ge- bracht. Die Ernennung war kaum bekanntgegeben, als die deutsch- nationale Landtugssraktion eine kleine Anfrage einbrachte, in welcher die mangelnde Vorbildung des neuen Staats- sekretärs für sein Amt gerügt wurde. Diese heroische Tat wurde dann unter dem Stichwort„Ein ungeeigneter Staats- s e k r« t ä r" in großer Aufmachung durch die rechtsgerichtet« Presie, insbesondere die lokalen Winkelblätter, bekannntgegeben. Inzwischen hat die deutschnationale Landtagsfraktion diese kleine Anfrage ganz still und heimlich zurückgezogen— angeblich, um sie noch etwas abzuändern. In Wirklichkeit kommt das natürlich einer völligen Zurücknahme gleich. Wir warten nun ge- spannt, unter welcher Ueberschrift die Rechtspresse diesen Rück- zug ihren enttäuschten Lesern mitteilen wird. Der Grund für den peinlichen Rückzug der Deutschnationalen dürfte darin b«stehen, daß die Ernennung des Genossen Krüger in bäuerlichen Kreisen mit großer Genugtuung begrüßt worden ist, weil er sich— wie es in einer Bauenizeitung heißt— „um die Hebung des Bauernstandes und durch sein Eintreten für den notleidenden und gedrückten Pächterstand in hohem Maße verdient gemacht" hat. Die deutschnationalen Großagrarier sehen wohl ein, daß sie sich mit ihrem Sturmlauf gegen Genosten Krüger vor den Bauern nur gehörig blamieren können. Darum jetzt ihr be- tretenes Schweigen. Sollten sie sich aber doch noch zu parlamentari- schen„GrGtaten" aufraffen, so wird ihnen hoffentlich die Preußen- regierung die Antwort nicht schuldig bleiben. deutschnationale unü Anschluß. Eine parteirrmtliche Erklärung. Die deutschnationole Pressestelle teilt mit: »Die Stellungnahme der„Kreuz-Zeitung" zu einem Aufsatz„Das Problem Mitteleuropa" wird von der Linkspreste zum Anlaß genommen, eine Wandlung in der Auffassung der Deutschnationalen Volkspartei über den deutsch- österreichischen Anschlußgedanken festzustellen. Dazu liegt keinerlei Veranlassung vor." Diese Antwort der Hergt-Westarp-Partei gleicht den mit Recht berühmten Orakeln der Pythio— sie waren immer derart, daß jeder alles heraushören konnte. Tatsache ist ledenfalls, daß das Blatt der Deutsch-konservattoen Partei nicht nur einmal in dem er- wähnten Aussatz, sondern in wiederholten Artikeln seine Ab- neigung gegen den Anschluß bekundet hat und daß aus jeder Zeile seiner Veröffentlichungen die helle Freude über die willkom- mene Ausrede mit den Wiener Unruhen sprach. Die parteiamt- liche Erklärung der Deutschnotionalen kann also nur dahin gedeutet werden, daß diese Partei trotz gelegentlicher schöner Worte auch früher nichts vom Anschluß hat wissen wollen. In einge- weihten Kreisen war das kein Geheimnis. Demgegenüber ist— das kann man getrost unterschreiben— bis heute keine Wand- lung eingetreten. verfaffungsfeier ües Reichs. Kardyeff glA Berteidigcr. dep Verfassung. E««vrde bereits berichtet/ �ah Reich sreLieiisiip am Ii. August im Rei�stag Pf»«'Ke r fn ist um i M Wanstaltet. Die Feier, Äie mittags 12 Uhr stattfindet und wcihrscheinstch. auch durch Rundfunk für die breiten Bolksmassen zu hören fein wird, erhält diesmal ihre besondere� Weihe durch den Festredner, den der Reichsinnenmmifter o. Keudell ausgesucht hat. Es ist kein geringerer als der Reichstagsabgeordnete von Kardorff— ein Mann, der auf dem rechten Flügel der Deutschen Boltspartei steht und dessen demokratische Gesinnung sich dadurch auszeichnet, daß er die G r o ß e Koalition ablehnt, weil die linksgerichtete Arbeiterschaft im Staate nichts zu sagen haben soll! Man farni danach gespannt sein. was dieser Verteidiger und Bekenner der Verfastung dem deutschen Volke an dem Weihetag seines neuen Staates verkünden wird. Schönes ist nicht zu erwarten. Weiß man doch auch, daß Kardorss mit seiner Partei dagegen ist, diesen Tag zum gesetzlichen Nationalfeiertag zu erklären. Es gehört schon einige politische Dickfelligkeit und eine desto geringere Portion demokratischen Verantwortungsgefühls dazu, ausgerechnet einen solchen Neprä- sentanten Weimarer Geistes zum Festredner für den Verfafsungslag auszuwählen. Wir fürchten sehr, daß der Ex-Reichsbannerkamerad und Reichskanzler Marx einige Mühe haben wird, in seiner Schluß- ansprach« die Entglersungen gutzumachen, die sein Borredner mcht fehlen lassen wird. Die Feier im Reichstag wird eingeleitet mit dem Dortrag von Goethes„Symbol um' durch den Sprechchor an der Universität und an der Hochschule für Leibesübungen, der dann nach Kardorfss Rede noch Goethes„Talisman" spricht. Auf der Freitreppe des Reichstags wird während der Feier der Berliner Sängerchar Lieder vortragen. Reichspräsident v. Hindenburg schreitet danach die Front einer Ehrenkompagnie ab, die vor dem Reichstag auf- marschiert. Der verfofsungstag in Thüringen. Die Demokraten wollen keine Ncgicrungskrisc. Weimar. 2S. Juli.(Eigener Bericht.) Der Landesvorstand der Demokratischen Partei Thüringens hat sich jetzt in einer außerordentlichen Sitzung mit den innerhalb der thüringischen Demokratie bestehenden Differenzen über die �cst- legung des 11. A u g u st zum Nationalfeiertag beschäjtigt. In einer ossiziellen Erklärung heißt es über das Ergebnis rer Sitzung, daß die Thüringer Lgndesgrupp« der Demokraten die Er- klärung des 11. August zum Berfastungsfeiertag erstrebt, sie bei aller Würdigung der Gründe, die die Thüringer Regierung zu ihrer Abstimmung im Reichsrat veranlaßt haben, diese St eil u n g- nähme bedauert, sich ober dagegen aussprechen müsse, daß st« als Anlaß zu einer Regierungskrise genommen werde. Man hat also dem republikanischen Flügel sehr starke Kon- Zessionen machen müssen, um schließlich die Koalition mit Wirtschaftepartei, Volkspartei und Landbund noch einmal über esye wichtige politische Klippe hinweg zu retten. Dos Saargebiet ist öeutsch. Die sranzsisischcn Genossen bestätigen das. Saarbrücken, 2S. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Am Sonn� abend und Sonntag veranstaltet« die Sozialdemokratie einen s a a r- ländi schen S o z ia l i st e n ta g. Die Veranstaltung wurde. mit einer glanzvollen Feier im städtischen Eaalbau eingeleitet, deren Höhepunkt die Reden von Hermann Müller(Berlin), Bracke (Paris) und Max Winter(Wien) bildeten. Hermann Müller wandte sich in deutlichen Worten an die Entente mit der Lustorde- rung, endlich die großzügige Geste der Rheinlandräumung, die seit Locarno, Gens und Thoiry alle Welt erwarte, nicht länger zurückzuhalten. Brack« schloß sich den Worten Hermann Müllers an und betonte insbesondere den Standpunkt der französischen So- zialdemokratie, die stets das Saargebiet als deutsches Gebiet be- trachtet habe und betrachten werde. Winter streifte die letzten Vor- qünge in Wien und gast der Hoffnung der Deutschösterreicher Aus- dfti». bälv öb'ertsö ivie'W Äänrpebiet�zu G r ö ßd eu tsch lä N'd zurucffehren zu Kursen....... Än dem Demönstrationdzuge am Sonntag beteiligten sich 15 OOff Personen aus allen Teilen des Saargebiets, 4000 Kinder marschierten im Zuge mit. Im anschließenden Massenmeeting sprachen wiederum Müller, Bracke und Winter. Tosender Belfast' der Zu- Hörer begleitete eine symbolische Berbrüderungsszene der deutschen, französischen und deutschösterreichischen Sozioldemo- krati« auf dem. historisch denkwürdigen Boden des»Pölkerhund- landes" an der Saar. Der helö von Wien. Von Hans Bauer. .Held"— das ist ein in fünf Kriegsjahren etwas anrüchig g«-. wordenes Wort und nach der Buntheit der Medaillen, die einer besitzt, der Charge, die er bekleidet, und der Anzahl von Menschen, die er ums Leben gebracht hat, richtet es sich gewiß nicht, ob ihm dieser Ehrentitel zuzuerkennen ist. Dennoch, es gibt Helden in unseren Tagen, Repräsentanten leuchtenden Menschentums. Was waren sie vor ihrer Heldentat? Volk unter Volk. Es schmückte sie keine Bezeichnung,« rührte keiner die Reklametrommel für sie, die Scheinwerfer der Oesfent- lichkeit waren nicht auf sie gerichtet. Mit einem ereignete sich da irgendetwas Unvorhergesehenes, Elementares. Da wuchsen sie, die Kleinen, Unbedeutenden, in kritischen Schicksalssekunden zu Giganten heran. Auch in allerrieuester Zeit waren manche von dieser Art des braven Mannes, dessen Lied Gottfried Bürger gesungen hat. Der Streckenwärter Klusmann zum Beispiel, der durch seine wackere Unerschrockenheit«inen aus Hannover heranbrausenden Schnellzug davor bewahrt«, in die Katastrophe von Leiferde mit hineingezogen zu werden, jener schlichte amerikanische Matrose Fritz Steger, der siebzehnmal sein Leben aufs Spiel setzt« um 17 Menschen au« See- not zu retten und es beim achtzehntenmal dahingab. Zu diesen Heroen des Alltags hat sich in diesen Togen ein neuer Anwärter gesellt, und er nimmt sich wahrlich nicht gering aus in der Reihe der opfermütigen Männer, die geradestanden, als es darauf ankam, die nicht versagten, als der Ruf an sie erging, hie die wahren Heiligen der MenschlM sind. Die freie Gewerk- schost der österreichischen Bundesgendarmerie hat einen Aufruf er- lassen, und darin wird auch eines Wiener Schutzbündlers Erwäh- nung getan, der einem von der Menge bedrohten und in den Justiz- palast geflüchteten Wachmann feine Kleidun«, lieh, damit er nnange- fochten durch die Reihen der wütenden Demonstranten gelangen könne. Der Wachmann kam mit dem Leben davon, dafür wurde aber der Schutzbündler für einen Wachmann angesehen und getötet. Ei» kurzer, sachlicher Bericht, eine TatoerhaUsseststellung. Aber diese eine Opfertat söhnt mit millionenfachen Niedrigkeiten aus. Hier war� einmal einer, der es ernst meinte m�i der Nächstenliebe, der stellvertretend litt au, dem Gebot seines Herzens heraus und nichts.anderes dafür eintauschen konnte und wollte, als dos Gefühl der Erfüllung einer menschlichen Pflicht. Di« Begleitum- stände dieser Seelengroßtat sind unseierlich genug. Kein patheti- sches Wort läßt sich aus ihr herausschälen, das würdig für die Leie- bsicher der Lyzealschüiennncu wäre, und fast erinnert der Klcider- austaujch ein wenig an die Situationskomik der Verwechjelungs- schwänke. Es hat kein Rittersmann hoch zu Roh für seine Dam« den Sprung über einen gähnenden Abgrund gewagt, und keine Mutter hat ihr einziges Kind aus dem brennende« Haus gerettet: ein Arbeitsmann, in wirren Tagen gestellt zwischen überschäumen- des Volk, dem er angehörte, und die Ausführungsorgane der Staatsmacht, vermittelte zwischen beiden und bezahlte die Vermitte- lung mit dem Leben. Die Flammen der Leidenschaften züngelten hoch. Die Polizei und die Demonstranten hatten den Kopf gleicher- maßen verloren. Der Schutzbündler von Wien aber hatte ihn nicht verloren. Im Gejohl der entrüsteten Volksmassen, im Saloenfeuer der Gendarmerie, angesichts des qualmenden Gebäudes, war sein Kopf kalt geblieben, und warm nur geworden war sein Herz, das nicht dulden wollte, daß ein Mensch, der wahrscheinlich nicht anders in seiner Gesinnung war als die da draußen, das unschuldige Opfer eines qualvollen Mißverständnisses würde. Wie unsagbar schäbig mutet daneben die oerlogen« Greuel- Propaganda der Hetzpresse an, der gar nicht genug Vlut in Wien fließen konnte, die zur Befriedigung ihres Sadismus, noch die mit Petroleum begossenen und zertretenen Polizisten dazu erfand. Das ist einmal kein Hetzer gewesen, dieser brave Mann von Wien, der den Haß auf sich nahm, der dem anderen galt, kein Ausnutzer aus den Fugen gegangener Stunden, sondern ein guter Mensch. Er ist ein Denkmal wert, und sei es nur eines, dos nicht aus Stein und Mörtel, sondern aus Buchstaben und Lauten besteht. Es kamen einmal böse Taee über �Wien. Viel Leidoolles geschah. Aber einer wurde dabei ans Licht gehoben, der sich be- währte, der das schön« Heldentum opferbereiter Anständigkeit be- wies, der sein Blut dafür zum Pfände gab, daß es noch Heroen gäbe. Er war kein Fürst, kein Ritter und kein Kriegsmann. Er gehörte als Ordner d«m österreichischen Schutzbund an. Ein sozialwirtschastliches Reichsmuseum. In unserem Jahrhundert der rastlosen Maschinenarbeit und ka- pitalistische» Profitmachcrei erkennt man immer mehr die Not- wendigkelt, daß Wirtschaft und Technik dem Menschen dienen und nur um seinetwillen betrieben mcrden sollen. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren zeigte sich dieses Hauptproblem der Gefell- schastskundc mit elementarer Wucht und hämmerte sich selbst nicht- sozialistischen und nichtgewerkschaftlichen Kreisen ins Bewußtsein. Erinnert sei nur an sozialwirtschastliche Erscheinungen wie die Hungerblockade, die Inflationszeit mit ihrer Umwertung aller Werte und die Deflationszeit mit ihrer schwierigen Arbcilsmarktiage. Um nun alle solchen und ähnlichen soziglwirtschastlichcn Erscheinungen anschaulich den breiten Bolksmassen zu erklären, hat man die Stätte der ehemaligen Gesolei in Düsseldorf in ein Reichs- museum für G e s e l l s ch a f t s- und Wirtschastskunde umgewandelt, das noch im kommenden Herbst der Oeffentlichkeit und ihrer kritischen Beurteilung zugänglich gemacht werden soll. Das Reichsmuseum will den arbeitenden Menschen in den Vordergrund der Forschung und i» den Mitt-lpunkt des gesamten wirsichäftltche!, Geschehens stellen. Aus primitivste Berhältniise greift die Museumsleitung bei ihrer Arbeit zurück und nimmt von hier aus den logischen Aufbau vor. Durch Zahlen, Bilder, Schemata, Modelle und andere einfache Symbolisierungen wird sie Cntwick- lungen und Begriffe vexanschnulichen. Wie die Leitung verkündet. strebt sie bei ihren Darstellungen eine unbedingte Sachlichkeit und Neutralität an, um strengster Kritik standhalten zu können. Eine Inangriffnahme des ganzen umfassenden Aufgabcnkreises verbietet sich vorläufig noch durch Mangel an Platz und Mitteln. Der äugen- blickliche Museumsbau umfaßt 3300 Quadratmeter Bodenfläche. Einst- weilen will. man sich mit wichtigen Einzeldarstellungen begnügen. Aus dem Gebiete der Wirtschastskunde seien angeführt: die eura- päische Getreidcoersorgung, die Weltwirtschaft der Düngemittel, die Erdölversorgung, Joiahl und Eisen, Berkehrssragen, die Rationali- sierung und ihr Stand in der deutschen Industrie. Dabei soll auch die internationale, weltwirtschaftliche Verknüpfung der einzelnen Gebiete berücksichtigt werden. Aus dem Gebiete der Gesellschafts- künde seien erwähnt: das Bevölkerungswesen, die Stellung der Ehe- und Hausfrau im Wandel der Zeiten, Bilder aus der Ge- schichte der menschlichen Arbeit. Beweglichkeit ist das ausgestaltende Prinzip bei der ganzen Museumsarbeit. Ganze Tetle der Ausstellungsbestände sollen nur zeitweise den Besuchern offen stehen. Dann soll das Alte Neuem Platz machen und als geschlossene Wanderausstellung durchs Land ziehen. Daneben will man von zahlreichen Ausstellungsgegenständen Duplikate anfertigen, die dauernd aus Abruf versandt werden können. Diese Duplikate können bei Kongressen, Ausstellungen und in Schulen und Universitäten als wertvolles Belehrungsmatcrial dienen. Auch die Arbeiterschaft wird hier für sich viel brauchbares instruktives Material finden. Aufgab« ihrer Funktionäre aber ist es, scbarf darüber zu wachen, daß die angekündigte Objektivität und Neutralität nicht, wie es in ähnlichen Fällen schön so oft geschehen ist. zu einer Moste entartet, um die Berdumnmngsintercsfen bestimmter Wirt- schaftskrelse zu verbergen oder„wissenschaftlich" zu rechtfertigen. Christian Schmitz. Der goldene Boden New Zorks. Die ungeheure Wertsteigerung. die der Boden New Ports in der Hauotgeschästsgegend gewonnen hat, wird durch eimge Zahlen beleuchtet, die New Porter Blätter veröffentlichen. Man hat kürzlich«in Schriftstück gesunden, in dem der Preis für ein Grundstück von 4 Hektar am Ende des 17. Jahr- Hunderts angegeben ist. Ein Holländer namens Johann Roes« zahlte damals 1000 Pfund, und der Preis wird als„unaeheuer hoch" bezeichnet. Wäre dieses Grundstück noch im Besitz d«r Familie, dann könnte sie heute mit Leichtigkeit 2S Millionen Pfund dafür erzielen. Der Union-Klub, der älteste der Stadt, zieht seit seiner Gründung im Jahre 1836 zum sechsten Male um. Das unspriingliche Terrain am Broadway kostete wenige hundert Dollar: für feinen neuen Sitz an der Ecke der Park-avenue und der 69. Straße muß er 1% Millionen Dollar zahlen. Die Park-avenue. die heute das Wohnviertel der Milliardäre darstellt, ist erst seit wenigen Iahren so sehr im Preis gestiegen._ Da» Unior[(iidi*jti6iläum In Tübingen In der alten Nula der Tübinger llniversbät iqnd Rovtag der ossizielle Festakt aus Ülnlaji des 4ÖU jäh, ig r« Bestehens der Umvcrsität statt. ver vierte Inlernnllonole Kongreß jür Zndioidualpsychologte linket vom 17. bis 19. September in Wien statt. Den einleitenden Bortrag bölt Dr. Alfred Adler. Vcrhandlungs gegenstände sind u. a. Verhütung und Behandlung von PIvchsseni Verwahrlosung und Kriminalttät, ihre Ver- hütung und Behandlung in Schule und tzaus. Vorstoß der ssterreichisthen Reaktion. Sturm im fteiermärkifchen Landtag.- Reaktionäre Anträge. Graz. 25. Juli.(MTV-) Der steiermarkische Landtag befahte sich heute mit den Ereignissen des 13. und 16. Juli und dem anschlietzenden Generalstreik in Wien und der Steiermark. Zunächst wurden zwei Anträge der Mehrheitspartcien behandelt, die die Verstärkung der Gendarmerie betreffen sowie behördliches Vorgehen gegen den sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten Wallisch, der in Bruck an der Mur eine fast zwei Tage an. dauernde Diktatur aufgerichtet hatte. Landeshauptmann Paul er- klärte in seiner Antwort, daß auch er die Verstärkung der Gen- darmeri« für unbedingt notwendig halte. Cr sei bereit, im Cinoer- nehmen mit dem Präsidium alle Schritte zu beschleunigen, die dazu führen, den Abgeordneten Wallisch zur gesetzlichen Verantwortung zu ziehen- Im Laufe der Debatte kam es mehrfach zu stürmischen Szenen, als ein sozialdemokratischer Abgeordneter das Urteil im Schattcndorfer Prozeh als«in Kl a s s en u rt« i l und das Vorgehen der Polizei in Wien als brutal bezeichnete. Die heftigen Auseinandersetzungen wiederholten sich, als ein zweiter Redner der Sozialdsmokratie wegen der Verwendung der Heimwehren in Obersteiermark die Behörden und Mehr- heitsparteien angriff. Demgegenüber bemerkte ein Vertreter der Christlich» Sozialen, die Bauernschaft werde«ine Wiederholung des Generalstreiks nicht mehr ruhig hinnehmen, sondern ihr eine, wenn auch unerwünschte, Abwehr entgegensetzen. Im weiteren Verlauf der Sitzung wurde namens der Parteien der Einheitsliste folgendr Resolutionsantrag gestellt: Die Antwort des Landeshauptmanns wird mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Der Landeshauptmann wird ersucht, die Bundesregierung zu veranlassen, zum Schutze der Republik, der un- gestörten Entwicklung des Wirtschaftslebens und der moralischen Ge- sundung des Volkes für folgende Gcsctzesbeschlüsse Sorge zu tragen: 1. Die ungehemmt- Prcssesreihei«. unter deren Schutz in oerant- wortungsloser Weise die niedrigsten Instinkte des Volkes aufgestachelt werden, ist einzuschränken. 2. Die Todesstrafe ist wieder einzuführen, da die Verbrechen in entsetzenerregender Weise sich wieder mehren. 3. Dos Schwurgericht, das nach der Spruchprans die schwersten Verbrechen ungesülmt läßt und somit das Rechtsempsinden des Volks vollständig untergräbt, ist zu reformieren. 4. Die öffentlichen Verkehrsmittel und lebenswichtigen Betriebe sind vor Stillegung durch einen politischen Generalstreik zu schützen. 3. Das Söldnerheer ist in eine Milz nach dem Muster der Schweiz umzuwandeln. Deutfchlanü und polen. Stand und Aufsichten der Wirtschaftsverhandlungen. Mit der Abreise des deutschen Gesandten aus Warschau ist in den diplomatischen Erörterungen über die Hauptprobleme der deutsch- polnischen Handelsvertragsverhandlungen, die seit mehreren Mo. naten stattfinden, eine Pause eingetreten. Aus den Nachrichten, die bei der letzten Anwesenheit des Gesandten Rauscher in Berlin vor- etwa zwei�Wachcn tu die Pttsss geloagtch. ist.absr bekannt, daß diese Warschäuch� �vrterungcn. die lange ziemlich ergebnsdlös ge- blieben waren, fp der legten Zeit.eine g ü nstig.e. W ett d u ng genommen hotten: man darf daher hassen, daß es dem deutschen Gesandten noch seiner Rückkehr nach Warschau gelingen wird, den Weg für die Wiederaufnahme der Verhandlungen endgültig frei- zumachen. Die Warschauer Besprechungen haben sich bekanntlich bisher nur um di» Frag« des Niederlassungsrechts gedreht. Dia Widerstände der polnischen Regierung gegen eine die deutschen Wünsche befriedigende Ausdehnung des Niederlassungsrechts en»- sprangen teils der Besorgnis, daß die Niederlassung einer größeren Zahl von Reichsdeutschen polltische Zwecke verfolge, teils der Befürchtung, die einheimische I n d u st r i e damit einer allzu ge» sährlichen Konkurrenz auszuliefern. Noch vor wenigen Wochen fügten die Polen als weiteres die Verständigung erschwerendes Moment hierzu das seit langem angekündigte Gesetz zum Schutz des polnischen A r b«i t s m a r k t s, das die Beschäftigung von Ausländern nur in Ausnahmefällen gestattet. Wenn trotz dieser Schwierigkeit gerade in der Niederlassungsfrage eine Annäherung erzielt ist, so müssen die Polen gegenüber ihrer bisherigen starre» Haltung doch erheblich« Zugeständnisse geniacht hoben, über die einzelnen aber bisher noch nichts bekannt ist. Auch lassen sich nur Vermutungen darüber aufstellen, worauf dieses größere Entgegenkommen der Polen zurückzuführen ist. Man hat als Ur- fache hierfür u. a. englischen Einfluß angenommen. Das iit zweifellos insofern richtig, als die englische Regierung von seher im Sinne ihrer gesamten Ostpolitik auf esne deutsch-polnischc Entspannung hingewirkt hat, die ja die Position Polens ohne weiteres festigen würde. Aber dieses Moment hat schon seit langein bestanden, so daß noch weitere Ursachen vorhanden sein müssen. Sie sind vielleicht in den polnischen Anleiheverhandlungen zu suchen, die den Polen immer wieder gezeigt haben, daß sie Anleihen überhaupt nicht oder nur unter sehr harten Bedingungen erhalten können, so- lange ihre wichtigsten Wirtschaftsbeziehungen ungeregelt sind. Die Niederlassungsirage ist aber nur ein Teil des deutsch-polni- scheu Handelsvertrages. Nach ihrer Klärung müssen die Zoll- fragen in Angriff genommen werden, in denen zwischen den beiden Verhandlungsgegnern bisher nicht minder weitgehende Meinungsverschiedenheiten bestanden. Polen muß sich hierbei cnt- schließen, ob es seinen übertriebenen Protektionismus hinreichend einschränken will, und die deutsche Regierung muß sich darüber klar werden, was sie Polen an Zugeständnissen bei einer Oeffnung des polnischen Markte« für deutsche Industriewaren bieten kann. Sicher ist ein dem Erfolg der Verhandlungen dienlicher Entschluß der Rcichsregierung, durch die jetzige Zusammensetzung des Kabinetts erheblich erschwert worden. Bei den deutsch-polnischen Wirtschastsverhandlungcn hat sich ferner bisher stets gezeigt, daß sie auch von den allgemein politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen abhängig sind. Auch hier liegen G« s a h r e n i n d e r j e tz i g e n Z u s a m m e n s e tz u n g der Reichsregierung, wie die bekannte Rede Hergts in Beuthen ge- zeigt hat. Aber auch auf polnischer Seite könnte hier noch viel zu einer Entspannung getan werden. Den wundesten Punkt bildet hier nach wie vor die Minderheitenfrage. Die plötzliche Vertagung des polnischen Sejms hat es unmöglich gemacht, die Be-- schwcrden zu verhandeln, die auch polnische Parteien über die uu- erhörten Zustände in Polnisch-Oberschlcsien vorbringen wollten.- Statt dessen wird aus Warschau gemeldet, daß die polnischen Be- Hörden, wohl auf Grund der berüchtigten Presscdekret«, scharf gegen die seit einigen Monaten erscheinend«, von sämtlichen Minderheiten. — Ukrainer. Weißrussen, Deutsche, Juden und Litauer— gemeinsam hermisgegebene Zeitschrift„N a t i o" vorgegangen sind. Das ist jehanfall» n.ich Z e r-. e>Mer-..Löslli!>g des schwierigen Minderheitenprablems-ün> Polen näherzukommen, jondern�sow"' es sich um dl« deutsche Minderheit handelt, ein-fiÄudiges He.mrnnick einer deutsch-polnischen Entspännung. Die polnische Regierung tme besser, die Einsicht, die sie bei den Erörterungen über die Nieder- lassungsfrage gezeigt hat. auf dos Gesamtproblem der deutsch-polnischen Beziehungen auszudehnen, in denen die Minder- heitenfrage eine wichtige Rolle spielt. Kampf ums Recht. M« Blick hinter die Kulisse» der Justiz iu Thüringen. Der Oberstarttsanroalt in Wartestand, Dr. E. F r i e- d e r s, der om 13. Oktober 1926 durch Urteil des Scl)wur- gerichts Weimar wegen fahrlässigen Falscheides zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt worden ist, hat durch feinen Verteidiger, den Justizrat Dr. Löwenstein in Berlin, einen ausführlichen Wiederaufnahmeantrag bei der Strafkammer des thüringischen Landgerichts in Weimar einreichen kaffen. Um feinen Prozeß und das Urteil gegen ihn zu verstehen, muß man sich die Verflechtung mit dem Prozeß gegen den Genossen Loeb vor Augen halten. Im Jahre 1923 unternahm auf Grund völkischer Denunziationen die Thürin- ger Ordnungsregierung den Versuch, dem Genossen Loeb einen Meineid nachzuweisen. Ein Sturm der Entrüstung er- hob sich in der sozialdemokratischen Presse. Die politische Ab» ficht der Anschuldigung wurde offen dargelegt. Zugleich wur- wurden heftige'Angriffe gegen den Oberstaatsanwalt Frieders als den Sachbearbeiter der Anklage gerichtet. Frieders fetzte sich gegen diese Angriffe zur Wehr mit der Fest- stellung, daß er nicht der Sachbearbeiter sei, sondern der ihm unterstellte Staatsanwaltschaftsrot Floel. Zur selben Zeit wurde Frieders heftig von dem Völkischen Dinier, dem Hintermann der Ordnungsreaierung, wegen seiner jüdischen Abstammung angegriffen. Der Staatsan- waltschastsrat Floel war der Vertrauensmann der Ord- nungsregierung. Er rebellierte gegen seinen Borgefetzten Frieders, war er doch vertraulich van der Regierung zu einem dienstlichen Bericht über Verhalten und Tätigkeit seines Bor- gesetzten aufgefordert worden! Als Vorgesetzter sprach Frieders während der Vor- Untersuchung gegen Loeb mehrfach mit Floel über die Not- wendigkeit, die Außerverfolgungsetzung Loebs ?u beantragen, da nach der Sachlage das Gericht Voraussicht- lich zu einem Freispruch kommen, eine Durchführung des Ver- fahrens nur zu einer Sststiiiigung des Ansehens der Rechts- pflege führen müsse. Floel dagegen vertrat den Gedanken, daß Anklage erhoben werden müsse, ließ sich aber dann be- kehren und fertigte einen Antrag auf Außerverfolgungsetzung an. Diesen ersten Antrag auf Außerverfolgungsetzung sah Frieders durch, unterzeichnete und genehmigte ihn. Hinter seinem Rücken ging dcr Staatsanwaltschastsrat F l o e l zu dem damaligen thüringischen Finanzminister K l ü ch tz n e r und legte ihm den Antrag vor. Das Ergebnis dieser Besprechung war, daß Floel den ersten von seinem Vorgesetzten unterzeich- neten Antrag zerriß und«inen zweiten Auherversol- gungsetzungsantrag verfertigte, dabei aber die Verdachts- gründe gegen Loeb so scharf herausarbeitet«, daß er schließlich zur Eröffnung des Hauptversahrens gegen �Zoeb führte. Dieser zweite Antrag, der ohne Wissen und Willen von Frieders gefertigt war, wurde ihm auf dem Geschäftsweg zugeleitet, ohne daß Floel ihn ins Bild setzte und Bericht erstattete, Frieders setzte sein Aktenzeichen darunter, und nun ging der Antrag ans Landgericht. Die Strafkamm«? beschloß die Eröffnung des Hauptverfahrens gegen Loeb, Floel ver- fertigte die Anklage, die Frieders nicht mehr zu Gesicht be- kam und die von ihm nicht unterzeichnet ist. -» Im Ottober 1923 fand der Prozeß gegen£ oe-&> statt. Dsr Generalstaatsänwalt zwang Frieders, neben dem? Sachbearbeiter Floel die Anklage zu vertreten. Die Anfchul- digungen gegen Loeb brachen im Prozeß völlig in sich zu- lammen. Frieders geriet w einen Konflikt zwischen Dienstpflicht und eigener Ueberzeugung. Er wählte jedoch nicht den naheliegenden Weg, der am aufrichtigsten gewesen wäre, als Oberstaatsanwalt und Vorgesetzter Floels die An- klage zurückzuziehen oder die Freisprechimg zu beantragen, sondern auf dringendes Anraten des ehemaligen Justiz- Ministers v. Brandenstein den anderen Weg einer Anklage, niederlegung in der Hauptverhandlung. Am Tage vor dem Plädoyer ließ er dem Staatsanwaltschaftsrat Floel die schrift» liche Mitteilung zugehen, daß er den Antrag auf Frei- sprechung für dringend geboten erachte und, falls Floel auf dem entgegengesetzten Standpunkt beharren sollte, von der Anklagevertretung zurücktreten müsse. Der Staatsanwalt- schaftsrat Floel beantragt« trotz des Ganges der Beweis- erhebung— übrigens zur großen Entrüstung aller unbetei- ligten Zuhörer— langjährige Zuchthausstrafe. Das Schwur- gericht aber sprach Loeb frei. Nun fand am 4. Februar 1926 vor dem Schöffengericht in Jena ein Beleidigungsprozeß gegen unser Parteiblatt in Jena,„Das V o l k", statt, das die Thü- ringer Regierung und Justiz scharf angegriffen hatte. Frieder� wurde als Zeuge unter Cid vernommen. In zusammenhängender Rede legte er seine Stellung in der Vorgeschichte des Prozesses Loeb dar: Floel habe den Außer- verfolgungsetzungsantrag gegen sein Wissen und Willen ab- geändert, er habe ihm nicht Bericht erstattet und er. Floel, habe ihm den zweiten Antrag nicht vorgelegt: auch die An- klage sei ihm nicht vorgelegt und von ihm nicht unterzeichnet worden. In dieser Verhandlung erfuhr Frieders zum ersten Male, daß die Abänderung des Antrages durch Floel auf Grund einer Besprechung mit dem Finanzminister von Klüchtzner erfolgt sei. Üeber diele Aussage von Frieders, die zum Ausgangs- punkt des Meineldprozeesss gegen ihn wurde, existierte eine Niederschrift des Gerichtsschreibers, die sich auf fein Steno- gramm stützt. Nach dieser Niederschrift hat Frieders aus- gesagt: .Floel hat den Anirog auf Außerverfolgungsetzung zerrissen und einen neuen angefertigt. Den neuen Antrag legte er— nämlich Floel— mir nicht vor. Er ist mir zufällig später zu Gesicht gekommen/ In der Voruntersuchung hatte Frieders bereits nach der Niederschrift eines Kanzlisten ausgesagt: .Der Staatsanwoltschassrot Floel behauptet nämlich und wird es auch wohl setzt behaupten, e r hätte mir auch noch diesen neuen Antrag vorgelegt. Ich erklär« aber unter meinem Eid, daß das nicht zutrisft/ Cr beschuldigte also mit dieser Aussage Floel. daß er ihn durch die ohne sein Wissen erfolgte Abänderung de» Außer- »erfolgungsetzungsantrages düpiert habe, und daß Floel ihm nicht pflichtgemäß den zweiten Antrag selbst unterbreitet habe. Cr behauptete das Nichtvorlegen durch Floel. Eine Behauptung, die mit den gerichtsnotorischen Tatsachen übereinstimmt. Floel ha» ihm den zweiten Antrag nicht vor- gelegt, sondern hat ihn lediglich in den Geschäftsgang gegeben. Aus dieser Aussage nun sollte Frieders der Strick gedreht werden. Es wurde äiv Meineidsverfahren gegen ihn eingeleitet. Im April 1926 wurde er zum erstenmal vom Untersuchungsrichter vernommen. Es wurde ihm zur Last gelegt, daß er der Wahrheit zuwider beschworen habe: »daß m der Strafsach« gegen den Staatsbankpräsidenten a. D. Loeb wegen Meineids der Staatsanwaltschaftsrat Floel den Antrag aus Außerverfolgungsetzung Loebs ohne sein Wissen und seinen Willen abgeändert habe, und daß ihm dieser abgeänderte Antrag vor Abgabe ber Akten an da« Gericht nicht vorgelegt worden sei/ In dieser Beschuldigung, die der Eröffnungsbeschluß gegen Frieders wiedergibt, ist also aus seiner Behauptung, Floel habe ihm den zweiten Antrag nicht vorgelegt, die ganz abstrakte Fassung geworden, der Antrag sei ihm überhaupt nicht vorgelegt worden! Das ist die erste Ungeheuerlichkeit in diesem Prozeß, der Ausgangs- punkt zum Justizmord. Die zweite Ungeheuerlichkeit. In der Voruntersuchung wurde Frieders nicht etwa der Wortlaut seiner Aussage in Jena nach den vorhandenen Protokollen vorgehalten, sondern die willkürlich gebildete abstrakte Fassung, der zweite Antrag sei ihm nicht vorgelegt wor- den— die selbstverständlich mit der jederzeit aus den Akten festzustellenden Tatsache im Widerspruch steht, daß der zweite Antrag das Signum von Frieders trug. Bei solcher Praxis ist es schwer, den Verdacht des von vornherein geplanten Justizmordes zurückzudrängen! Und nun erfolgte die dritte Ungeheuerlichkeit! Frieders. der nach den Protokollen in Jena korrekt und wahrheitsgemäß ausgesagt hatte und innerlich fest überzeugt war von der Wahrheit der von ihm behaupteten Tatsache, achtete nicht auf die seine Nuancierung in der Fassung der ihm vorgehaltenen Aussage, sondern gab zu: Ja. ich habe gesagt, der Antrag ist mir nicht vorgelegt worden! Er meinte mit dieser Fassung aber etwas ganz anderes als die Anklage! Auf Grund dieses Ergebnisses der Voruntersuchung stand Frieders im Oktober 1926 vor dem Schwurgericht in Weimar. Das Schwurgericht hatte die Pflicht, zunächst sestzustellen. was überhaupt Frieders in Jena ausgesagt hatte. Es hatte die Q u e l l e n geprüft— die protokollarischen Niederschriften über die Auslage von Friederz in Jena und in der Voruntersuchung vor dem Jenaer Prozeß, es hat Zeugen darüber gehört, was Frieders in Jena gesagt haben könne, es hat das Z u- !> e st ä n d n i s von Frieders in der Voruntersuchung vor einem eigenen Prozeß gewürdigt. Es hat festgestellt, daß ein unüberbrückbarer Widerspruch besteht zwischen den Protokollen und der in der Anklage behaupteten Fassung der Aussage von Frieders. Es hat weiter festgestellt, daß aus den Zeugenaussagen über das. was Frieders gesagt haben könnte, nichts zu entnehmen sei. Nach den Pro- . tokollen hat Frieders mit aller Schärfe die Nichtvorlage durch l Floel behauptet. Nach der Fassung der Anklage, vo» der kein Mensch weiß, auf welche Quellen sie zurückgeht und wer sie erfunden hat, Hai Frieders ganz abstrakt die Nichtvorlage be» hauptet. Das Gericht half sich gegenüber diesem Widerspruch, indem es von sich aus interpretierte, Frieders habe in Jena sagen wollen: Floel habe ihm den zweiten An? trag absichtlich vorenthalten, er sei ihm überhaupt nicht vor- gelegt worden! Die einzige Stütze für diese Interpretation mar das Zugeständnis von Frieders in der Vor- Untersuchung. Man muß sich vergegenwärtigen, welche Ungeheuerlich» keit in dieser Konstruktion liegt. Frieders hatte eine feste Tatsachenüberzengung. Er sagt demgemäß in Jena aus. Der Wortlaut, protokollarisch festgelegt, deckt seine Tatsachenüber- zeugung. Es erfindet irgend jemand— wer eigentlich?— einen anderen Wortlaut. Auf Grund dieses plötzlich aufge- tauchten neuen Wortlauts wird Anklage wegen Meineids er- hoben. Der Angeschuldigte gibt ohne Besinnung und Prüfung den neuen Wortlaut zu, weil er fest glaubt, daß er seine Tat- sachenüderzeugung decke. Das Gericht aber interpretiert, daß dieser Wortlaut diese Tatsachenüberzeugung nicht deckt, und verurteilt! Und nun die vierte Ungeheuerlichkeit! Erst aus der Be- gründung des Urteils gegen ihn oermag der Angeklagte die Abweichung der vom Gericht angenommenen, von ihm irr- tümlich zugestandenen Aussage von seiner eigenen wirklichen Aussage richtig zu erkennen! Nun, nachdem der Ver- urteilte aus der Urteilsbegründung erfahren hat, welcher Sinn in diesen Wortlaut hineingelegt wird, zieht er das Zu- geständnis. die einzige Stütze des Urteils, zurück und läßt>n der Begründung seines Wiederaufnahmeantrages feststellen. daß der im Urteil fe st gestellte Wortlaut seiner cid- lichen Zeugenaussage in Jena weder objektiv noch s» b- j e k t i v deren wirklichen Inhalt entspreche. Ganz abgesehen von der Fülle der neuen Tatsachen, die in diesem Wiederaufnahmeantrag vorgebracht werden. Der Oberstaatsanwalt Frieders kämpft um sein Recht gegen die politische Justiz. Angesichts der Gewagtheit der Begründung des Urteils gibt es nur außerrechtliche Erklä- rungsgründe für die Tatsache, daß er verurteilt worden ist. Dieselben oußerrechtlichen Gründe, die dazu geführt haben, daß plötzlich— wo eigentlich?— eine Fassung seiner Zeugen- aussage in Jena ausgetaucht ist. die ihm zum Fallstrick ge- macht worden ist. Der Oberstaatsanwalt jüdischer Abstammung, der nicht nach der Pfeife der Völkischen tanzte und gegen die Erniedrigung der Justiz zur Magd politischen ge- hässigen Kampfes leisen Widerstand erkennen ließ, ist mit denselben Methoden zur Strecke gebracht worden, die gegen den Genossen Loeb, dem sie eigentlich zugedacht waren/ so schmählich zusammengebrochen sind. Das Urteil gegen ihn ist ein Justizmord. Es muß im Interesse des Ansehens der Justiz korrigiert werde»,. Line eigenartige �Gemeinnutzigteit�. Das gesamte Schlcfischc Landesorchester gekündigt. Der Deutsche Musikeroerband hat die Sperre über das Schlesische Landesorchester, Breslau, verhängt. Der Grund für diese Maßnahme ist die fast unglaubliche Tatsache, daß die Gemeinnützige Gesellschaft„Schlesisches Landesorchester", bei der die Mitglieder des Orchesters verpfichtet sind, das gesamte Orchester gekündigt hat. Dieser Kündigung sind höchst un- erquickliche Verhandlungen vorausgegangen, die sich auf t a r i s- l i che und allgemeine soziale Streitpunkte erstreckten. Nun sucht die Gemeinnützige Gesellschaft ein neues Orchester zusammen- zustellen. In der richtigen Voraussetzung, daß die organisierten Musiker Deutschlands es ablehnen würden, ihren Breslauer Kollegen in den Rücken zu fallen, hat sie sich auch an den Deutschen Musiker- verband in der Tschechoslowakei gewendet. Dieser hat den erteilten ?nseratenauftrag unter Berufung auf die Internationale Musiker- union abgelehnt. Die Gemeinnützige Gesellschaft„Schlesisches Landesorchester" scheint sehr merkwürdige Ansichten über ihre Aufgaben zu haben. Lahraus, jahrein hat sie ihr Orchester den stärksten physischen B e l a st u n g e n ausgesetzt. Das Orchester versorgte ganz Ober- fchlesien mit seinen Konzerlen und veranstaltete daneben noch Volks-, Sinfonie- und Rundfunkkonzerte. Um so rühmenswerter ist der außerordentliche künstlerische Ehrgeiz, der das Orchester be- seelt, und der ihm den Ruf eines der besten Tonkörper Deutschlands eingetragen hat. Den großen künstlerischen und kulturellen Wert haben sogar die Ministerien anerkannt, die dem Verein„Schlesisches Landesorchester" seit Jahren erhebliche Zuschüsse gewähren. Jeder Mensch, der über musikalische Dinge nur einiger- maßen informiert ist, weiß auch, wie sehr es auf die jahrelange Zu- jammenarbeit eines Orchesters ankommt, damit hochwertige künstle- rische Leistungen erzielt werden können. Das scheint die Gemein- nützige Gesellschaft wenig zu interessieren. Wenig interessiert sie auch, was aus den Mitgliedern des Orchesters werden soll, die teilweise ein Menschenalter hindurch bei dem Orchester tätig sind und nun, an der Schwelle des Greisenalters stehend, ohne Aussicht auf Pension einfach auf die Straße gesetzt werden sollen, nur weil das Orchester sich eine Verschlechterung seines Anstellungsverhältnisses Nicht ohne weiteres gefallen lassen will. Die Gesellschaft glaubt anscheinend, den Beweis ihrer Gemein- nützigkeit damit zu erbringen, daß sie mit einem in Eile zusammen- gestoppelten neuen Orchester, dem infolge der verhängten Sperre die besten verfügbaren Kräfte von vornherein nicht erreichbar sind. weiter Konzerte veranstalten will. WassagtdasMinisterium dazu, das doch die Subvention eben zur Erhaltung dieses Orchesters hergegeben Hot? Was soll man von einer gemeinnützigen Gesell- schaft denken, die derart rigoros berechtigte Forderungen ihrer Ar- bsitnehmerfchaft mit der Kündigung beantwortet? Und wie ver- trägt sich übrigens der deutsche Nationalstolz mit dem Anwerben fremder Musiker? Das Schlesische Landesorchester ist strengstens gesperrt. Der Deutsche Musikeroerband fordert seine Mitglieder zur Wahrung, der Disziplin auf. Zum Streik in üer Lisenkonstruktlon. Unbefriedigendes Vcrhandlnngsergcbnis. Die streikenden Eisenkonstruktionsarbeiter nahmen gestern abend iin Verbandshaus der Metallarbeiter zu dem Verhandlungs- ergebnis Stellung. Sie wurden auf eine harte Probe gestellt, da die Berhandlungskommission erst kurz vor?l Uhr erschien. Der Bevollmächtigte des Metallarbeiteroerbandes, Genosse U r i ch, gab den Bericht über die Verhandlungen. Den Unternehmern ist der Streik sehr ungelegen gekoinmen. Trotzdem versuchte der Syndikus des VBMJ., Rechtsanwalt Oppenheimer, es so hinzustellen, als ob die"Firmen vom Streik'weder überrascht' noch er- schüttert seien. Er wandte sich dann noch gegen die vom Metall- arbeiterverband angeblich geforderten K o n j u n k t u r l ö h n e. Ob. wohl am Sonnabend von den UMernehmern angeregt worden war, zintralc Verhandlungen zu führen, wurde das gestern wieder ab- gclehntz so daß mit jeder einzelnen Firma verhandelt werden mußte. Dabei stellt- sich heraus, daß die Mehrzahl der Firmen bei ihren Zu. geständmfscn weit unter dem bisherigen Angebot blieben. Nur zwei Unternehmen, Druckemüller und Rötha,"mochten Zuge- ftändniss«, die deit Forderungen der Streikenden näher kamen. Ge- nasse U r i ch gab ziun Schluß seiner Ueberzeugung dahin Ausdruck, daß ihn das Ergebnis der Verhandlungen nicht befriedige ' und er daher die Annohme nicht empfehlen könne. Nachdem die einzelnen Mitglieder der Verhandlungskommisiion noch Bericht erstattet und die Ablehnung der Zugeständnisse gefordert hatten, wandten sich die Diskusstonsrodner mit aller Schärfe gegen das Angebot, das unannehmbar fei und einer Prooo- kation gleichkomme. Den Kollogen der Firma Druckemüller u. Rötha wurde mit auf den Weg gegeben, genau so Solidarität zu üben wie die Unternehmer, und das Angebot, das Mar den Forderungen der Streikenden om nächsten komme, abzulehnen und die Front der Streikenden nicht zu durchbrechen. Nach säst zweistündiger, oft von stürmischen Zustimmungen unterbrochener Aussprache beschloß die Versammlung, heute, Dienstag früh, den einzelnen Belegschaften Bericht zu er- statten und sie entscheiden zu lassen. Es besteht fast kein Zweifel mehr, daß die Streikenden das Angebot ablehnen und den Streik fortsetzen werden. Der Schiedsspruch für die Schwerindustrie abgelehnt. Mittwoch Verhandlungen im Reichsarbeitsminisierium. Der Schiedsspruch für die nordwestliche Gruppe der Metall- industrie ist von den Arbeitnehmern und Arbeitgebern abgelehnt worden. Die Nachverhandlungen über den Schiedsspruch finden am Mittwoch im Reichsarbeitsministerium statt. Eine Konferenz der Geschäftsführer und Vertrauensleute des Deutschen Metallarbeiteroerbandes des Ruhr- gebiete-, die am Sonntag stattfaond, faßte zu dem Schiedsspruch folgende Entschließung:„Die Konferenz der Geschäftsführer und Vertrauensleute des Ruhrgebiets des Deutschen Metallarbeiter- Verbandes und der beteiligten freien Verbände des Ruhrgebietes lehnen nach eingehender Aussprache den Schiedsspruch vom 2l). Juli W27 für die nordwestliche Gruppe aus folgenden Gründen einmütig ab: Der Schiedsspruch zu Zisfer a trägt auch, als Ueber- gangsstufe von der Zwölf- zur Achtstundenschichi aufgefaßt, der Notwendigkeit eines erhöhten Lebens- und Gesundheitsschutzes für die Metallarbeiter nicht genügend Rechnung. Er sieht auch keinen Lohnausgleich vor, der grundsätzlich für den Uebcrgang zur Achtstundenfchicht gefordert werden muß und auch für ein« etappen- weise Verkürzung der Arbeitszeit unerläßlich ist. Der zweite Teil des Schiedsspruchs zu Ziffer b für die weiterverardeitenden Jndu- strien fetzt die Arbeitszeit bis 3. Oktober 1927 auf 54 Stunden und von da ob auf 52 Stunden ohne jede Mitwirkung der Betriebsräte über diese Mehrarbeit über 48 Stunden pro Woche fest. Auch die Zahl der zu leistenden Ueber st unden i st zu hoch und in der gegenwärtigen Lage der Industrie, nament- lich im Hinblick auf die mit der Rationalisierung erzielte Letstungs- steigerung, nicht begründet. Wie zu Ziffer a ist auch hier ein Lohnausgleich nicht vorgesehen, der mit Rücksicht auf die geringen Löhne und die scharfe Akkordpreisregelung erforderlich ist. Der Deutsche Metallarbeiterverband behält sich weitere Maß. nahmen vor, wenn es nicht durch nochmalig« Verhandlungen ge- lingt, eine die Arbeiter zufriedenstellende Regelung zu erzielen." Zur Verordnung des Reichsarbeitsministers über die Reu- regelung der Arbeitszcit für die Hüttenarbeiter erklart die Konferenz:„Die Verordnung ist— unbeschadet ihrer Absicht, einer großen Anzahl unter starker Hitze, Staub und Gasentwicklung leidenden Feuerorbeitern der Hüttenwerke die drei- geteilte Achtstundenfchicht ab 1� Januar 1928 gesetzlich zu gewährleisten— in mancherlei Hinsicht sachlich unzulänglich. Es sind weder alle Hüttenarbeiter der Verordnung unterstellt, noch ist der erforderliche Lohnausgleich gewährleistet. Der Deutsche Metall- arbeiterverband betrachtet in Uebercinstimmung mit seinen Vertrauensleuten der Hüttenwerke es nach wie vor als feine vor- nehmste Pflicht, ollen Hüttenarbeitern die Wohltat des Achtstunden- tages zuteil werden zu lassen. Unbekümmert dieser grundsätzlichen Feststellung ist die Konferenz der Meinung, daß alles aufgehoben werden muß, um wenigstens für die in der Verordnung ausgeführten Gruppen den A ch t st u n d e n t a g zum festgesetzten Zeitpunkt unter Zuerkennung des erforderlichen Lohnausgleichs praktisch zu verwirklichen." Am Schluß bedauert die Konferenz aufs lebhafteste die vom Christlichen Metallarbeiterverband zum Schieds- spruch abgegebene öffentliche Erklärung, die der Sache schäd- lich ist. Sie betont die Notwendigkeit einer einheitlichen und geschlossenen Organisation gegenüber dem vereinigten Unternehmer- tum und fordert die Metallarbeiter aller Betriebe und Bezirke auf, diese Einheitlichkeit als Gebot der Stunde durch Anschluß an den Deutschen Metallorbeiterverband herbeizu- führen. Generalversammlung üer Maschinisten. Der Wirtschaftsbezirk Brandenburg des Zentral. Verbandes der Maschinisten und Heizer hatte am Sonntag im Ber- liner Gewerkschaftshaus seine zweite ordentliche Delegiertengeneral- Versammlung. Zu Beginn der Bersammlung gab der 1. Bezirks- vorsitzend«. Genosse R e i n e f e l d, bekannt, daß über die Wahl des Bezirksvorstandes, die in der letzten Deleeiertenversammlung vorgenommen wurde, in der Preise unzutreffende Berichte ver- ösfentlicht wurden. Die Wahl hatte eine Besetzung des Bezirks- Vorstandes mit sieben sozialdemokratischen, vier kommunistischen, einem unabhängigen und drei parteilosen Mitgliedern ergeben. Im Anschluß an diese Richtigstellung wurde für ein inzwischen aus der Bezirksverwaltung ausgeschiedenes Mitglied(KPD.) ein Ersatzmann (SPD.) gewählt. Hierauf gab der 2. Bezirksvorsitzende, Genosse R u ck st u h l, den Kassenbericht für das 2. Quartal 1927. Der Kassen- b e st a n d der Bezirkskassc hat sich von 14 589 M. auf 16 292 M. erhöht. Die Nettoeinnahmen der Hauptkasse beliefen sich aus 31 699 M. und die Ausgaben auf 4847 M., so daß der Hauptkasse des Verbandes 26 761 M. überwiesen werden konnten. Im oll- gemeinen kann die finanzielle Entwickelung des Bezirks als g ü n st i g bezeichnet werden. Nach der Erledigung der zur Unterstützungskasse vorliegenden Antröge wurde dem Kassierer die beantragte Entlastung ein st im m ig erteilt. Hieraus hielt Genosse U f e r m a n n ein sehr gut aufgebautes und beifällig aufge- nommenes Referat über die„Bedeutung des Verbandstages" im November dieses Jahres in Frankfurt a. Ä., dem sich keine Debatte anschloß. In der Nochmittagssitzung erstattete Genosse R e i n e s e l d zu- nächst den Geschäftsbericht für das 2. Quartal. Er betonte, daß die Verhandlungen mit den Unternehmern im verflossenen Quartal nicht nur um die Erhöhung der Löhne, sondern auch um die Festsetzung der U e v c r st u n d e n z u s ch l ä g e gingen und besonders in der letzten Fraa« sehr schwierig waren. Die Unteryehmer. wollten fast all« Mehrarbeit als sogenannte Ar. b e i t s b e r c i l s ch a s t stempeln, die nach dem Arbeitszeitnotgesetz zuschlagfrei ist. Infolge der Einstellung der Schlichtungsbehörden war es leider nicht möglich, für alle Berufskollegen einen 25pro- zentigen Ueberstundenzujchlag festzusetzen. Die Löhne konnten durchschnittlich um 5 Pfennig pro Stunde aufgebessert werden, je doch sind die meisten Lohnzulagen durch die inzwischen eingetretene Teuerung wieder illusorisch geworden. Am schlechtesten stehen leider noch die in der Berliner Metallindustrie beschäs- tiotcn Kollegen da, was eine Folge des tariflosen Zustandes in dieser großen Industrie ist. Die Zahl der Mitglieder ist trotz vieler Anstürme von außen im 2. Quartal um rund 299 g e» st i e g e n, ein Zeichen der stetigen Werbekrast des Verbandes. Die folgende kurze Diskussion bewegte sich in durchaus zu- stimmendem Sinne. Bei der Behandlung der zum Verbandsstatut gestellten Ab- änderungsanträge machte die Versammlung jedoch«inen unverzeihlichen Fehler. Sie nahm mit allerdings knapper Mehr- heit einen Antrag an, daß sie das jetzige Verbands st atut als zu Unrecht bestehend betrachtet, da es den Mitgliedern erst kurz vor der Abstimmung unterbreitet worden sei, wodurch sämt- liche Abänderungsanträge zum Statut hinfällig wurden. Abge- sehen von diesem Fehlbeschlutz, zeigten die Versammelten, daß sie gewillt sind, nur Arbeit im Interesse des Verbandes zu leisten. Erfreulich war auch die Stellungnahm« der oppositionellen Mitglieder, die ihre gegen einzelne Mitglieder des Verbands- Vorstandes gerichteten Anträge zurückzogen und dem Be- zirksvorstand zur Erledigung überwiesen. Genosse R e i n s e l d schloß die Tagung mit einem begeistert aufgenommenen Hoch aus den Zentralverband der Maschinisten und Heizer._ Sabotage üer flrbeitszeitoerorünung. Um den lleberstundenzuschlag der Gärtner. Wie um die Anerkennung der Gärtnereiarbeiter als gewerb- liche Arbeitnehmer jahrelang vom Verband der Gärtner und Gärt- nereiarbeiter ein erbitterter Kampf geführt werden mußt«, der erst jetzt durch die Schaffung der Arbeitsgerichte zum Abschluß kam und wie erst nach Hängen und Würgen die Unterstellung der Gärtnerei unter die Arbeitslosenversicherung erzwungen wurde, so müssen die Gärtnereiarbeiter jetzt auch um die wenigen Dorteile der Arbeitszeitverordnung einen zähen Kampf führen. In allen Streit- fällen war eine Einigung mit den Unternehmern unmöglich. Mitte des Monats kam es nun in Dresden zu einem Schiedsspruch, der bestimmt, daß der Zuschlag für tariflich festgesetzte Mehr- arbeit im sächsischen Gartenbau nach§ 6a Absatz 2 und 3 der Arbeitszeitverordnung vom 14. April 1927 von der 49. W o ch e n- stunde ab 25 Proz. betrögt. Der Schiedsspruch gilt für die Branchen der Topfpflanzen-, Schnittblumen- und Gemüsegärtnerei, Rosen- und Baumschulen, Obst- und Beerenobsttullureu. Der Schiedsspruch beweist, daß die Gärtnerei der Arbeitszeit- Verordnung untersteht. Die Unternehmer versuchen nun nach. zuweisen, daß ihre Organisation, der„Reichsverband sür den beut- schen Gartenbau" keine torismätzige Organisation sei, weil sie quch Arbeiter(ähnlich wie im Landbund) und Gartsnlieb- haber als Mitglieder ausnehmen. Dabei steht fest, daß der Reichs- verband in zahlreichen Fällen Tarif« abgeschlossen hat und Tarif. Verhandlungen führt, daß mindestens 89 Proz. der Mitglieder reine Unternehmer sind, und daß die Arbeiter und Gartenliebhaber nur aufgenommen werden, um sie den Interessen der Unternehmer dienstbar zu machen........ Bei dieser Taktik der Unternehmer sind S ch wl e rr g kelten und Klagen vor den Arbeitsgerichten Unvermeidlich. Die als Ar- beitsrichter tätigen Genossen sollten sich j>aher rechtzeitig mit der Rechtsfrage der Gärtnerei vertrat� machen da- einschlägige Material vom Verband der Gafuier und Gärtnerei» arbeiter, Berlin C. 2, An der Stralauer Brücke 6. IV- besorgen. Kongreß üer franzößsthen Hewerkß&aften. Die Einheitsfrage im Vordergrund der Taspng. Heute beginnt in Paris der 19. K o n g r e ß d e r C o ntyMe-- ration general du travail(französischer GewerkschplE" bund). Frankreich ist eines der wenigen Länder in denen es dem Moskauern gelungen ist, neben der alten Gewerkschaftszentrale eu". neue unter direkter Obhut und Kontrolle der Kommunistiichen Inter� nationale ins Leben zu rufen. Es gelang den Kommunisten nach dem. dritten Generalstreik, der von kommunistisch orientierten Eisenbahner- scktionen im Jahre 1929 ohne jede Vorbereitung zum Ausbruch gebracht worden war, die gewerkschaftliche Einheit ixsirai�osischenPro. setariats zu zerstören und die nach dem Kriege mächtig aiUgeoluyle EGT. zu zerschlagen. Stolz verkündete damals die ganze kdumnum- stische Weltpresse, daß die Zentrale, die sich mit gewollter Yronie Confederation generale du travail unitaire(Emheitsver-'pnd) nannte, bald die Gesamtheit der gewerkschaftlich organisierten stan- zösischen Arbeiterklasse umfassen würde. Wie alle anderen Moskauer Prophezeiung e?, m auch diese zunichte geworden. Nachdem sie anfangs tatsachliw' von der kommunistischen Zentrale überflügelt worden war, hat stcy die alte EGT. unter Leitung von Iouhaux wieder den ersten Platz erobert, während die zur CGTU. gehörenden Organisationen von Jahr zu Jahr zurückgingen. Dieser ständige Ruck- gong erklärte die auf Defehl von Moskau von der sr«»- zösischen kommunistischen Gewerkschaft eingeschlagene Taktik, die Wiederherstellung der Einheit immer und immer wieder vorzu- schlagen. Die Zentralstelle der EGT. hat bei prägnantester Betonung ihres Willens alles getan, um die wirkliche Einheitsfront des gewerkschaftlich organisierten Proletariats her- beizuführen. Es ist nicht schwer nachzuweisen, daß die Em-- heitsparole der CGTU. nur den einen Zweck verfolgte, die altr Organisation auf Umwegen zu zerstören, und deshalb hat der Ratronalrat der EGT. im Kongreß der Bezirkssekretariote vor einigen Monaten beschlossen, daß das beste Mittel znr Wiederherstellung dieser Einheit in der Rückkehr der bei der Spaltung zur kommunistischen Organisation übergetretenen Mu- qlieder in ihre alten Verbände bestände, wobei ihnen ihre alten Rechte zugesichert werden sollten. Dieser Beschluß wurde von den Moskowitern als„Sabotage der Einheit hingestellt. Der 19. Kongreß, der vom 26. bis 29. Juli 1927 in Paris tagen wird, soll als oberste Instanz zu dieser Frage Stellung nehmen. Die von den einzelnen Verbänden, wie denen der Metallarbeiter, Bauarbeiter, Transportarbeiter, auf ihren soeben in Paris ab- gehaltenen Kongressen in der Einheitsfrage gefaßten Be- schlüsse lassen bestimmt annehmen, daß die von dem Ratlonalrat der EGT. festgelegten Richtlinien gutgeheißen werden. In der Tat braucht man nur den Feldzug der kommunistischen „Humanite" zu verfolgen, um sich klar darüber zu werden, haß es sich auch heute noch bei der kommunistischen Gewerkschaftszentrale um taktische Manöver handelt und nicht um den Wunich, eine ehrliche Einheit herzustellen. Die Führer der alten EGT., die nach unendlichen Anstrengungen die alle Organisation rellen konnten, wollen ihr Werk aber vor neuer Zerstörung schützen, weil sie wissen, daß die Gewerkschastseinheit erst dann wieder tatsächlich eintreten wird, wenn die Moskauer endgüllig erkannt haben, daß sie auch durch die gröbsten Manöver und Einheitstäuschungsversuche nicht erreichen können, was ihnen im offenen Kampf versagt ge- blieben ist. Der. 19. Kongreß der srqnzöstschen Gewerkschaften wird sie hosfentlich dieser Erkenntnis um einen Schritt näherbringen... � Arbeitsaufnahme in Köln. Köln. 25. Juli.(Mtb.) Heute vormittag beschäftigte sich die Tarifkommission der Gewerkschaften mit der Frage der Wiederaufnahme der Arbeit in den Betrieben der Kölner Metallindustrie. Aus Grund der gesaßten Beschlüsse hoben die Betriebsräte heute nachmittag in den Betrieben wegen der Wiederaufnahme der Arbeit mit den Wsrkslellungen ver- handelt und die erforderlichen technischen Vorbereitungen ver- anlaßt. Die Gewerkschaften rufen ihre Mitglieder zur Wieder- aufnahm« der Arbeit auf. Auf Grund dieser Parole wird daher am morgigen Dienstag früh die Arbeit in vollem Umfange wieder aufgenommen werden. Drohender Untcrgrundbahnerstreik in New Bork. New Jork. 25. Juli.(WTB.) Für Mittwoch wird der Aus- bruch eines allgemeinen Streiks auf den New Porkcr Untergrundbahnen befürchtet. Auf einer morgen stattfindenden Massenversammlung soll endgültig darüber abgestimmt werden, ob die 25 999 Angestellten der Untergrundbahn in den Streik treten werden. Alle bisher von den New Porkcr städtischen Behörden unternommenen Vermittlungsversuche sind geschei- t e r t. Die wichtigsten Forderungen sind Anerkennung der Gewerkschaften und eine Lohnerhöhung von 29 Proz. Ausgehobene Sperre. Wie uns der Zentralverband der Hotel-, Restaurant- und Cafe-Angestellten mitteilt, sind die Differenzen im Paradiesgarten Treptow. Inhaber Kahl, durch Anerkennung des Tarifvertrages durch Herrn Kahl beigelegt. Demzufolge ist auch die Sperre aufgehoben worden. Der Polier-, Werk- und Schachlmeister-Bund für das Vau» gewerbe Deutschlands begeht am 19. August 1927 sein 25jöhriges Jubiläum. Der Bezirksverein Berlin gedenkt dieses geschichtlichen Abschnittes in seiner Generaloersammlung am 27. Juli 1927 in den Sophien- Sälen, Sophienstr. 17/18, abends 714 Uhr. Auf der Tagesordnung steht„25 Jahr« Polier-, Werk- und Schachtmeister- Bund", Referent: Otto Fäsler. msi Achtung. SPD.-Fleischer! Am Donnerstag, 2S. Juli, 20 Uhr, findet in Boekcrs Festfälen skleincr Saal), Weocrstr. 17, eine äußerst wichtige Sitzung der SPD.. Fraktion der Fleischer statt. Tagesordnung: Generalversammlung und Berdandstag. Mitgliedsbuch und Partel» ausweis ist zwecks Äontrollc vorzulegen. Der Frattionsvorstand. Iugendzrupve des ZdA. Heute ad IZ Uhr Spielen auf der Spielwiese 7 im Treptower Park und auf dem Spielplatz an der Äatzbachstraße(«rcuzberg). Rasenspiclc, Palistanze, Ballspiele. Deutscher Bangewerlsbund. Fachgruppe der ZSpfer. Mittwoch. 27. Juli, 18 Uhr, im Gewerkschaitshaus, Saal 3, Funktianiirvcrsammlung. Jede Arbeitsstelle muß vertreten sein. Die Fachgruppeuleituug, Berantwartlich für Politik: Pieto» Schiss! Wirtschaft: S.«lingclhöser; und Bcrlagsanstalt Paul Singer v Ca Berlin EW K8. Lindenstraße 3. Hierzu l Beilage uud„Unterhaltung und Wille»-. Chlorodont Die herrlich erfrischende Pfefferminz-Zahnpaste von höchster Qualität beseitigt unangenehmen Mundgernch 60 Pfg.(Vorkriegspreise) Ä 1 Mk. MT Adüea Sie bitte bei billigeren Zahnpasten auf die geringere Inhaltsmenge t-�a Nr. 34$ ♦ 44.�ahrgtMg 1* Seilage ües vorwärts Dienstag, 2$. Juli 1927 Sie Straßenbahnftaöt in öer Müllerstraße. Von dem Gedanken geleitet, den Strohenbahnangestellten den zeitraubenden Weg von der Wohnung zur Dienstantrittsstelle zu ersparen, schuf Architekt Jean Krämer im Norden der Stadt der, modernsten Straßenbahnhof, an den sich Wohnungen für 380 Familien angliedern. Die Riesenanlage bedeckt eine Fiäche von 250 mal 215 Metern. In Form eines Rechteckes erstreckt sie sich längs der Müllerstraß« und umschließt mit ihren weitläufigen Bau- lick leiten die in der Mitte gelegene, dreiteilige Wagenhalle. In dieser mit modernster Eisenkonstruktion ausgeführten Hall«(Größe 122 mal 115 Meter) haben 320 Straßenbahnwagen Platz, die hier übernachten, kontrolliert und nötigenfalls ausgebessert werden sollen. Das sonst so lästige Rangieren aus der Straße fällt weg, da die Wagen durch eine sinnreiche Gleisanlage direkt von der Straße in die Hallen einfahren können. Im letzten Teil der Hallen be- finden sich die Arbeitsräume: Schloßmacherei, Stellmacher«, Lager- und die Arbciteiwohlfahrtsräume: Aufenthalts-, Garderoben-, Waschräume. Auch die Kleiderkammer der gesamten Straßenbahn (150 Meter lang und 10 Meter breit), mit Elektrokarren zur Besör- derung der Kleidungsstücke sowie eine Schneiderwerkstatt zur Umänderung nicht passender Stücke sind noch in der Halle untergebracht. In den großen, die Einfahrt flankierenden Bauteilen, die durch pylonenartige Türme gehalten werden, sind die BetriebsrSmn« der Straßenbahn: Bahnhofsverwaltung. Inspektion, Schaffner- und Fahrerraum, Kassenraum, in dem die Schaffner abrechnen, psycho- technisch« Prüfungsanstalt für Fahrer, Fahrschule, wo die Fahrer auf Bremsständen usw. uMerwiesen werden und durch Lichtbilder Erläuterungen erhalten. Werkschule(wo die Wagen in ihre Be- standteile, Kastenbau, Unterbau, Radsätze zerlegt sind), Ausstellungs- und Anschauungssäle zur weiteren Fortbildung. In den beiden Türmen befinden sich im obersten Teil Wasserbehälter von je 100 Kubikmetern, die an eigene Pumpenonlagen angeschlossen sind, und deren Wasier zum Reinigen der Wagen dient. Zusammen mit der städtischen Wasserleitung kann von hier aus bei Feuersgefahr die gesamt« Hydrantenanlage gespeist werden. Seitlich angelegte kleinere Bauten enthalten die Transformatorenstation und das Salz- lager, das im Winter von besonderer Wichtigkeit ist, endlich Geräte- räume. Di« Wohnungen selbst, zur Hälfte bereits bezogen, machen mit ihren breiten Loggien und geräumigen Zimmern einen freundlichen Eindruck. Auf dem großen Hofgelände sind Spielplätze und Sand- kästen für die Kinder angelegt. Weithin sichtbare Uhrtürme schmücken die hohen Giebeldächer. Gut abgelegter gärtnerischer Schmuck und zwei Reihen mäckstiger Kandelaber füllen den Raum zwischen den Turmbauten, deren moderne Architektur zum Wahrzeichen der neue» Straßenbahnstadt im Norden wird. Das Martprium üer Sechzehnjährigen. Ein schlecht vorbereiteter Prozeß. Wie bereits im Abendblatt berichtet wurde, mußte die Gerichts- vechandlung gegen das Ehepaar Lang vertagt werden. Das hätte aber vermieden werden können, wenn die Anklag« von der Amts- anwaltfchaft besser vorbereitet worden wäre. Der Verdacht, der beim Verteidiger Dr. Ney aufgetaucht ist, daß die Mißhandlungen der Hedwig Schatte durch ihre Tante eines krankhaften Hintergrundes nicht entbehrten, wäre ohne weiteres auch der Amtsanwaltschaft aufgefallen, wenn sie sich pflichtgemäß eingehend mit der Persönlichkeit der Angeklagten besaßt hätte. So erschien der Sachverständige Dr. Leppmann voll- kommen unvorbereitet im Gerichtssaal, desgleichen aus die soziale Gerichtshilfe. Wenn aber irgendein Fall sich für Ermittlungen dieser seit längerer Zeit in Moabit bestehenden Einrichtung eignet, so die Angelegenheit Long. Die 25 Tage, die das Ehepaar sich i n Haft befunden hat, hätten genügt, um sowohl die Angeklagte psychiatrisch zu untersuchen, als auch die Hauptbelastungszeugen auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen. Soviel über die� Vorbereitung dieses Aufsehen erregenden Pro- zesses. Nun zur Sache selbst. Man steht hier wieder einmal fassungslos vor der Tatsache, daß ein Kind monatelang h ö l l i- schen Seelenqualen ausgesetzt war,— von den physischen ganz abgesehen— ohne daß Privatleute oder Behörden da- zwischengefahren wären. Mag sein, daß die Keine sich auch liederlich und unsauber gehalten hat,— es kommt aber zum Glück doch nicht alle Tage vor, daß man«in Ibjähriges Mädchen auf die gemeinste Weise mit einer Hundepeitsche bearbeitet. Das Trau- rigfte dabei ist, daß sowohl der Ehemann als auch die Hausfreundin und Zeugin Firks dies gewußt haben und nicht energisch genug eingeschritten sind. Der Mann will wiederholt zur Frau gesagt haben: So tonn es nicht weitergehen: trotzdem hat er die Miß- Handlungen geduldet. Von der Zeugin Firks wird behauptet, daß sie die tirau Lang sogar selbst gegen das Kind aufgeputscht habe. Wie aber das Kind zu leiden hatte, soll an einigen Beispielen illustriert werden. Die Hedwig putzt die Schuhe nicht schnell genug am Neujahrsabend. Sie wird nach Aussage der Zeugin Firks mit der Hundepeitsche regaliert, an den Haaren gezerrt, es wird ihr das Deckbett und dann auch das Kissen sortgenommen. Die Hedwig hat ein schmutziges, zerrissenes Hemd an, die Kunden ekeln sich, aus ihren Händen Zigaretten entgegenzunehmen, die sie im l�abakladen des L. zu verkaufen hat. L. reißt ihr das Hemd vom Leibe, und Frau L. bearbeitet ihren nackten Körper mit der Hundepeitsche. Der Mann hört die Schläge, kommt hinzugelaufen:„Marie, was machst du da?"... Die ISjährige ist beim Bügeln. Der Tante mißfällt etwas an ihrer Arbeit: die Kleine erhält einen Stoß mit dem Bügeleisen, die Folge ist eine B. randwunde. Hedwig bringt statt einer bestimmten Medizin Jod nach Hause: Frau Lang spritzt ihr das Jod ins Gesicht,— auch hier entstehen Brandwunden. Sonntags gehen alle aus: Die 16jährige wird in die Küche eingesperrt. Dafür muß sie aber von morgens früh bis zum Abend spät schuften... Uebrigens war das bereits die zweite Nichte, die in diesem Hause schlecht behandelt wurde. Auch die erste Nichte. Anna S o r g e s, behauptet, daß sie keinen Lohn erhalten, dafür aber habe hungern müssen. Sie war von 123 Pfund aus 96 Pfund ab- gemagert. Ihres Onkels hat sich die 16jährige aber nur mit Mühe erwehren können. Für das eigenartige Empfinden der Angeklagten ist es charakteristisch, daß sie auch diese Nichte, die sie ebenfalls mißhandelt haben soll, noch heute nicht anders als mit A e n n ch e n bezeichnet. Und von der Hedwig behauptet sie, daß sie sie in einem Augenblick geschlagen und im nächsten Augenblick geküßt habe. Sie wisse selb st nicht, weshalb sie ihre Nichte in so roher Weise mißhandelt habe. Gerade diese letzten Aussagen, wie auch das Be- nehmen der Angeklagten während der Gerichtsoerhandlung, ließen den Verdacht aufkommen, daß man es hier mit einer h y st e r i,- schen Person zu tun hat, für die das Mißhandeln der kleinen Hedwig mit ungesunden Lustgefühlen verbunden war. Man kann auf die zweite Gerichtsverhandlung gespannt sein. Di« zahlreichen Zeugenaussagen werden jedenfalls in das eigen- artige Milieu des Hauses Lang tiefere Einblicke gewähren. Tief- traurige Einblicke! Eins steht fest: Die Kommission, die unter Vor- sitz Prof. Kohlrauschs die Bestrafung auch der seelischen Mißhand- lung von Minderjährigen fordert, tut dies mit Recht. Sie ist oft viel schlimmer und gefährlicher als die physische. Mit Zahnenspitzen unü Totschlägern! Nationalsozialisten gegen Reichsbannerkameraden. In Rahnsdorf kam es am Sonntag zu einer Schlägerei zwischen Reichsbannerleuten und Nationalsozialisten. Vor dem Restaurant Paradiesgarten standen vier Reichsbanner- kameraden, als ungefähr acht bis zehn National- f o z i a l i st e n auf Rädern vorbeifuhren. Durch ihre zahlenmäßige Ueberlegenheit mutig geworden, pöbelten die Nationalsozialisten die Reichsbannerleute an, fuhren jedoch weiter, als die Reichsbanner- leute auf die Anpöbeleien nicht reagierten. Wenige Minuten später hörten diese Hilferufe und eilten den Nationalsozialisten nach. Die Nationalsozialisten hatten einen Reichsbannerkameraden vom Rade geschlagen. Die zu Hilf« eilenden Kameraden wurden mit Fahr- radpumpen, Gummiknüppeln und Totschlägern empfangen, so daß sie ihrem Kameraden, der verletzt zusammen- gebrochen war, nicht wirksam helfen konnten. Als dann noch mehrere Kameraden, die auf der Rückfahrt von Erkner an der Stelle vorbeikamen, hinzucilten, gelang es, den Nationalsozialisten die Fahne, die als Stichwaffe verwendet wurde, zu entreißen. Die Polizei nahm sechs Reichsbannerkameraden und vier National- sozialisten mit. Die Fahne, an deren Spitze Blutspuren zu sehen waren, der Gummiknüppel und der Totschläger wurden be- schlagnahmt. Einem Reichsbannerkameraden wurde ein Tasche n- messer, mit dem er aber nicht geschlagen oder gestochen hatte, abgenommen. Bei der Entlassung wurde es ihm wieder ausge- händigt, weil einwandfrei feststand, daß es als Waffe nicht be- nutzt war, zudem es auch kein Messer mit feststehender Klinge war. vier Reichsbannerkameraden sind bei dem erneuten Uebersall ver- letzt worden. Einer wurde durch einen Stich mit der Fahnenstange, ein anderer durch einen Biß in den Finger und ein dritter durch de» Biß eines Hundes, der aus unsere Sameraden gehetzt wurde, am Unterschenkel verletzt. Der Radfahrer, der zuerst übersollen wurde, hat eine Snieveclehung. Ein Kriegsbeschädigter, der über den Uebersall sein Mißfallen aussprach, wurde derart ge- schlagen, daß er noch zwei Stunden bewußtlos war. Nervenkranke Werwölfe. In Erkner hat sich vor einigen Tagen ein Vorfall abgespielt, der wieder einmal bewies, daß der Trick, Anpöbeleien mit„Nerven- krankheit" zu entschuldigen, immer noch große Mode ist. Vor einigen Tagen waren etwa 25 Werwölfe in ihrer malerischen Kriegstracht nach Erkner gezogen. Sie quartierten sich dort in ein Lokal«in und bewiesen der Erkner-Vevölkerung ihre männliche Würde zunächst dadurch, daß sie tüchtig Alkohol zu sich nahmen. Mit zunehmendem Bier- und Weinverbrauch schwoll auch der Mut. Die Werwölfe traten vor dem Lokal an, schwärmten aus und besetzten die Straße. Jeder Vorübergehende wurde angehalten und auf Waffen untersucht. Wer sich die unflätigen Anpöbelungen nicht gefallen ließ, wurde tätlich bedroht. Ein Reichsbannermann, der mit seiner Frau die Straße entlang kam, wurde gleichfalls angepöbelt. Nicht wieder- zugebende Ausdrücke wurden der ruhig ihres Weges gehenden Frau nachgerufen. Der Reichsbannerkamerad verständigte die Polizei. Als der Polizeibeamte den Anführer dieser Wild-Westbande vernahm, gab dieser an, er„wisse von nichts". Im übrigen sei er nerven- krank! Unter allgeineinem Gelächter der Bevölkerung konnte der Reichsbannermann feststellen, daß alle Werwölfe dieselbe Ausrede hatten. Es scheint, daß Geistesschwäche und NeroenkrankhAt bei den Mitgliedern der rechtsradikalen Verbände sehr verbreitet sind. Im übrigen kann man nur immer wieder fragen: Wann hören diese an die Raubritterzeit erinnernden Zustände in den deutschen Straßen auf?! Die Silbersctjivärnle J3] QSon Bea� fliachdruck verbetr» R»t»risterte lUbees»tztmg au# de» Englisch eu von$ulki Goppel Emerson aber dachte in diesem Augenblick weder an sein eigenes Schicksal noch an Marshs gefährliche Feindschaft. Seine Gedanken waren anderswo. „Und Bali kennt also dieses Geschäft in- und auswendig?" fragte er. „In- und auswendig," antwortete sie,„jede Schwierigkeit, jedes Werkzeug, kurz alles, was dazu gehört. Er ist praktisch und ehrlich, und außerdem war sein Fifchgebiet der Ursprung- liche Antrieb zu dem ganzen Unternehmen. Sie müssen nämlich wissen, daß die Lachsschwärme Jahr für Jahr in dieselbe Richtung ziehen, als ob sie einer bestimmten Spur folgen. Und auf Georges Gebiet nähern die Schwärme sich der Küste so sehr, daß man Fallen bauen und die Fische zu Millionen darin fangen kann. Eine Falle leistet dieselben Dienste wie eine ganze Bootsflottille mit Hochseenetzen. Um das Fischrecht auf diesem Grund zu erlangen, hat Marsh George so unbarmherzig und ausdauernd verfolgt." „Glauben Sie, daß George Bali sich uns anschließen würde?"» „Und ob!" rief Cherry,„warten Sie es nur ab." Sie hatten jetzt ihren Bestimmungsort erreicht, die Mündung einer tiefen Bucht, auf die Cherry die Hunde zu- lenkte. Emerson sprang aus dem Schlitten, griff nach dem Führer der Hunde und führte ihn in ein Tannengebüsch, wo er die Zügel tüchtig um einen Baumstamm verschnürte: denn das Gespann war wie eine Schar Wölfe, die bei der ersten besten Gelegenheit davonsausen würden. Cherry und Emerson stiegen nun zusammen den Abhang hinauf und nahmen die Gegend in Augenschein. Cherry hob jeden Vorteil des Unternehmens hervor, als ob sie ein Kom- Missionär sei, der einen Käufer überreden wollte; die Ver- Hältnisse aber schienen wirklich glänzend zu sein. „Das klingt ja alles ganz schön und gut," sagte Boyd schließlich.„Run ist da aber zuerst die Frage wegen des Kapitals; zweihunderttausend Dollar sind xine ungeheure Summe, wenn man auch einen Kreis von reichen Freunden hat. Außerdem weiß ich noch nicht, ob wir mit der Zeit auskommen. Wir haben jetzt Anfang Dezember, und ich müßte spätestens am 1. Mai wieder hier sein. Und drittens, werde ich dieses Unternehmen so leiten können, daß es lukrativ wird? Es fehlt mir ja ganz und gar an Fachkenntnissen. Von den tausend anderen Schwierigkeiten gar nicht zu reden, zum Beispiel, ob wir Zeit genug haben, die Maschinen zu frachten, chinesische Arbeiter zu mieten und die eventuellen Erzeugnisse umzu- setzen..." „Alle diese Dinge hat George Bali mehr als einmal gemacht, er weiß mit allen Einzelheiten Bescheid," unterbrach Cherry ihn mit Bestimmtheit.„Was andere gekonnt haben, werden Sie auch können." Emerson aber ließ sich nicht so leicht mitreißen; obgleich er noch jung war, hatte er dennoch erfahren, wie leicht mensch- liche Hoffnungen und Erwartungen fehlschlagen, er hatte gelernt, die Dinge von allen Seiten zu bKrachten, bevor er eine endgültige Entscheidung traf. „Die kleinste Fehlberechnung wird eine Niederlage mit sich führen," sagte er langsam,„denn dieses Land ist nicht wie andere Länder. Es ist von der übrigen Welt abgeschnitten und ein Fehler ist nicht wieder gutzumachen." „Gewiß, es ist ein großes Risiko dabei," räumte sie ein, „aber auch die Vorteile sind ungewöhnlich, und es ist keines- wegs ein Hazardspiel, sondern ein solides Unternehmen. Jeder Mensch, der im Leben etwas erreicht hat, glaubt an das Glück, die Chance ist es, die das Leben lebenswert macht." „In der Theorie mögen Sie recht haben," antwortete er ruhig.„In der Praxis aber lernt man, daß Glück meistens das Resultat genau berechneter und wohl überlegter Pläne ist. Jede der vorhin erwähnten Schwierigkeiten wird tausend neue Schwierigkeiten nach sich ziehen, von denen jede.. ," Cherry Malotte unterbrach ihn heftig und sah ihn mit glühenden Wangen fest an. „Gut, es mögen tausend Schwierigkeiten sein, Millionen von Schwierigkeiten, aber warum sie aufzählen? Nennen Sie lieber die Möglichkeiten, die das Werk gelingen machen! Furcht und Entschlossenheit darf es für einen Mann nicht geben, denn an ihm selbst liegt es, die Schwierigkeiten zu überwinden. Die Glücksgöttin ist eine Frau, die erobert werden will, mit Courmacherei kann man sie nicht gewinnen. Sie müssen sie fangen und entführen, anstatt mit einer Mandoline unter ihrem Fenster zu schwärmen. Sie müssen bestimmt auftreten und über sie befehlen. Noch hat sich� keiner durch Pernunftreden aus einem Straßenkampf gerettet, sondern nur durch Handeln. Wenn ein Mensch lange über einen Vorschlag nachdenkt, wird er immer verwickelter, mag er quch noch so einfach sein. Ein Mann muß sich von In- spiration leiten lassen. Er muß seinen Kurs legen, so lange das Leuchtfeuer aufglüht, und das Licht wird ihm auch ferner leuchten." Ihre Worte waren von solchem Feuer und von solcher Kraft beseelt, daß sie ihn mitrissen und zur Handlung begeisterten. Er wollte sprechen, aber sie fiel ihm ins Worb und fuhr fort: „Ich bin noch nicht fertig. Ich habe Sie beobachtet und weiß, daß das Glück Ihnen nicht hold gewesen ist. Sie haben den Mut verloren: aber ich bin überzeugt, daß Sie dem Schlicksal dennoch Ihr Glück abringen werden, denn Sie sind jung, intelligent, kaltblütig und energisch. Ich biete Ihnen eine Chance, durch die Sie im Laufe von acht Monaten alle früheren fehlgeschlagenen Hoffnungen wettmachen können. Ich handle nicht nur aus uneigennützigen Gründen, denn ich glaube, Sie find nach Kalvik gesandt worden zu Ihrer eigenen und auch zu meiner Rettung. Und auch zu der des armen George Bali, den Sie noch nie gesehen haben. Sie werden diese Sache übernehmen und Sie werden sie zu einem glücklichen Ende führen." Emerson streckte impulsiv seine Rechte aus und ergriff ihre kleine pelzbekleidete Hand. Sein Gesicht hatte den nieder- geschlagenen Ausdruck verloren, seine Augen strahlten von neuer Hoffnung. Er richtete seine Schultern höher auf, als ob er einen plötzlichen Ueberschuß an Kraft fühlte, um eine neue Bürde zu tragen. „Sie haben recht!" sagte er fest.„Wir wollen noch heute abend nach Bali schicken." 5. Als Boyd Emerson erst den Entschluß gefaßt hatte, war er plötzlich ein ganz anderer geworden. Er war nicht mehr der Skeptiker von gestern, sondern ein eifrig redender Optimist, der nach Aufklärung dürstete und Feuer und Flamme für das Unternehmen war. Auf dem Nachhauseweg hatte er Cherry mit einem wahren Sturm von Fragen bombardiert, so daß sie körperlich und geistig müde war, als sie nach Hause kamen. Er aber war unermüdlich, und sie mußte ihm alle Einzelheiten, die sie von den Dingen wußte, genau erklären: obgleich sein Wesen noch hart und überlegen war, wirkte er doch wie ein ganz anderer als vorher. Das glühende Jnter- esse, womit er sich auf diese Sache konzentrierte, legte so stark Beschlag auf seine Gedanken, daß er für andere Gefühle ganz unempfänglich war. .. �(Fortsetzung folgt.) wie öas Volk l Grundsteinlegung für ein Die organisierte Arbeiterschaft Michendorfs in der Mark, dem an der Borortstrecke nach Beelitz-cheilftätten gelegenen Orte von tMO Einwohnern, hat am vergangenen Sonntag im Rahmen einer würdigen Feier den Grundstein zu einem Volkshaus gelegt. Es zeugt von der Lebenskraft der beteiligten Organisationen, daß das im Jahre INII erbaute alte Gewerkschaftshaus den Erfordernissen unserer Zeit nicht mehr gerecht wird, und daß es trotz aller Schwierig- ketten, die reaktionäre Behörden in den Weg legten, gelungen ist, mit der Verwirklichung eines schon lange gehegten Planes zu beginnen. Bauherr des Hause», für dessen Er- richtung der Verband der Steinarbeiter eine Hypothek in Höhe von 5000 Mk. hergegeben hat, ist die neugegründete Volks- Hausgenossenschaft. Von großer Bedeutung ist es dabei, daß das von dem Architekten Genossen Walter Grüneberg- Michendorf entworfene Gebäude, das neben einem F e st f a a l ein Kino und eine Badeanstalt enthält, vor allem ein Werk der Selbsthilfe sein wird. Die Veranstaltung, die stch einer starken Anteilnahme der Michen- dorfer Einwohnerschaft erfreute, begann mit einem Festumzug, an dem sich die Mitglieder der freien Gewerkschaften, der sozialdemokratischen Partei, des Reichs- banners, der Arbeiterjugend, des Arbeiter-Turn- Vereins, des Arbeiter-Gesangvereins und des Arbeiter-Samariter-Bundes beteiligten. Die Kom- m u n i st e n spielten hierbei wieder die traurige Rolle der Stören- friede. Sie hatten von auswärts einen Trupp Rotfrontler heran- geholt, die sich trotz gegenteiliger Abmachungen mit allem Klimbim an dem Umzug beteiligen wollten. Damit hatten sie aber kein Glück und unbeachtet mußten sie sich trollen. Der Festakt auf dem Bau- platz, der außerordentlich günstig in der Hauptstraße Michendorfs liegt, nahm dann einen schönen Verlauf. Gauleiter Schenke vom Verband der Steinarbeiter wies in seiner Festrede auf die Aufgaben der Gewerkschaften hin und forderte die noch Fernstehenden auf, sich einzureihen als bewußt« Klassenkämpfer in die Kulturbewegung des Sozialiemus. Rur durch praktische Mitarbeit im Staate und ein- heitliches Vorgehen wird es dem Proletariat möglich sein, die Re- publik zu einem sozialen Dolksstaat auszubauen. In diesem Sinne wünschte der Redner der Michendorfer Arbeiterschaft zu ihrem Unternehmen Glück und schloß mit einem dreifachen, von der Fest- Versammlung begeistert aufgenommenen Hoch auf die So- lidarität der Arbeiter aller Länder. Nachdem die Urkunde eingemauert war und die Vertreter der ver- schiedenen Organisationen mit drei Hammerschlägen aus den Grund- stein ihren Weihspruch gesagt hatten, sang die Menge die Inter- nationale und zog in geschlossenem Zug zum Festplatz, auf dem nach dem Ernst der Stunde der Frohsinn zu seinem Recht kam. Sommerfest in Tempelhof. Die Genossen des 13. Kreise, leiteten ihr diesjähriges Sommerfest mit einem Umzug durch den Ort unter Vorantritt des Reichsbanner. Tambourkorps ein. Der Zug, in dem zahlreiche rot« Fahnen und Banner mitgeführt wurden und den Radfahrer mit schwarzrptgoldenen Wimpeln flankierten, legte der Tempelhofer Beamtenbeoöikerung beredtes Zeugnis von der Existenz und der Stärk« unserer Bewegung ab. Bald war da» Lokal zum„Birkenwädchen" ziemlich gefüllt. Genosse Schützinger betont« in setner Ansprache, daß unsere Feste »mit und feiert. Volkshaus in Michendorf. in dieser Zeit niemal» der politischen Note entbehren dürften. Cr gedachte der Wiener Genossen, deren beleidigtes Rechtsgefühl sie in den Tod getrieben hat und warnte die deutsche Justiz vor weiteren Rechtsbeugungen. Genosse Schützinger schloß mit der anfeuernden Aufforderung:„Nie wieder Krieg!'. Um dos reichhaltige Programm von 31 Punkten haben sich der Bildungsausschuß und sein Obmann Otto Günther- Mariendorf verdient gemacht. Neben der guten Musik, ausgeführt vom Berliner Konzertorchester, sei der erstklassigen exquilibristischen und okrobatischen Leistungen des Artisten-Vereins Berlin gedacht. Zwischendurch brachte der Volkschor Tempelhos- Mariendorf alte Arbeiterlieder zum Vortrag, und es erfreute die Freie Turnerschaft Grotz-Berlin die Genossen durch wohl- gelungene Leistungen. Um die Unterhaltung der Kinder waren die .Kinderfreunde' bemüht. Ein Fackelzug und der gemeinsame Gesang der Internationale schlössen die Veranstaltung, der die Mariendorfer Genossen eine Derfassungsfeier folgen lassen wollen. Parteibannerweihe in Köpenick. Am Sonntag wurde in Köpenick das von den Genossinnen der Abteilung gestiftete Parteibanner geweiht. Unter Führung des Reichsbannertambourkorps und des Musikoereins„Echo' mar- schierte der Zug zum Marktplatz, wo die Weihe des Banners voll- zogen wurde. Nach einem Festspruch, vorgetragen von der Genossin Jankowski, und Einleitungsgesang durch den Männerchor Köpenick bestieg die Genossin I u ch a c z die Rednertribüne, um in lies- empfundener Rede auf die Bedeutung des Tages hinzuweisen, de- sonders auf die Notwendigkeit der Zusammenarbeit von Frau und Mann in der Partei und Wirtschast. Nach Uebernahme des Banners durch den Vorsitzenden der Abteilung, Genossen Monte, und Schluß- gesang des Männer- und Gemischten Chors ertönte die„Jnternatio- nale', worauf sich der Zug nach dem Festlokal Restaurant„Wenden- schloß' begab, wo bei Spiel und Tanz die Parteigenossen den für die Parteigeschichte Köpenicks bedeutsamen Tag harmonisch ab- schlössen. Hervorzuheben ist die Teilnahme von Parteigenossen aus der näheren und weiteren Umgebung, die mit ihren Bannern dem Feste eine über den Kreis hinausreichende Bedeutung gaben. * Die Wethe ihres Banners vollzog am Sonntag die Reichs- bannerkameradschajt Königswu st erhausen unter großer Äe- teiligung von auswärtigen Kameraden. Bereit» am Sonnabend abend zog«in großer Fackelzug durch die Straßen, bei dem der Kreisleiter, Kamerad Fraenkel, des zweiten Opfers von Arensdorf, des Kameraden W o l l a n ck, gedachte..Wir,' so rief er aus, „fordern strengste Bestrafung des Mörders.' In seiner Festrede am Sonntag führte der Kamerad Polizeisekretär K o t h e aus, Gegenwart und Zukunft gehören der Repu- blik und" bei ihrem Ausbau muß das Reichsbanner an der Spitze marschieren. Der Redner gedachte der Toten de» Welt- krieges und der Republik sowie unserer gefallenen Kameraden T i e tz e und W o l l a n ck. Die Weihe der Fahne wurde durch den Kreisleiter, Genossen Fraenkel, vorgenommen. Mit einem drei- fachen Hoch auf die Republik schloß der Redner seine Ausführungen. Anschließend daran fand ein längerer Ummarsch durch die Stadt statt, dem sich eine Besichtigung der Funkstation anschloß. Diszkplinlosigkeit üer Radfahrer. Die Verkehrswacht fordert Polizeiliches Einschreite». In der letzten Sitzung der Verkehrswacht spielten besonders die Radfahrer eine Rolle. Aus allen Kreisen der Verkehrsinter- essenten kamen Klagen, daß in Berlin die Radfahrer durch außer- ordentliche Disziplinlosigkeit auffallen. Die Verkehrs- wacht faßte einen Beschluß, daß den Polizeibehörden nahegelegt werden soll, die bestehenden Vorschriften strenger zu handhaben. Im besonderen soll das Belasten der Fahrräder mit zwei erwachsenen Personen und das Anhängen der Radfahrer an andere Fuhrwerke geahndet werden, da durch diese Unsitte die Lerkehrsunsicherheit stark gefährdet wird. Dem Polizeipräsidenten wurde empfohlen, Motorradpatrouillen «inzurichten, um speziell der verbotswidrig fahrenden Radfahrer habhaft zu werden. Daß Motorradpatrouillen gleichzeitig ihr Augenmerk auf unbeleuchtete Fuhrwerke zu richten hätten, versteht sich von selbst. Besondere Beachtung oerdient, daß diese Beschlüsse unter ausdrücklicher Zustimmung der in der Ver- k ehrswacht vertretenen großen Radfahrer- Ver- bände geschahen.. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die in den Verbänden organisierten Radfahrer sich vorbildlich der Verkehrs- ordnung unterwerfen, daß aber die sogenannten wilden Rad- fahr er die Verkehrsordnung oft nicht einmal dem Namen nach kennen. Die Verkehrswacht Berlin-Brandenburg hat sich mehrfach mit Eingaben an die zuständigen Behörden gewandt, die auf Ver- befferungen namentlich der Berliner Zufahrtsstraßen hinweisen. Es ist eine bekannt« Tatsache, daß einige nach Groß-Berlin führenden Straßen sich in einem derartig schlechten Zustande befinden, daß dos Befahren geradezu lebensgefährlich ist. Meldungen über Mißstände im Verkehrswesen, soweit sie die Verkehrssicherheit betreffen, können von jedermann an die Geschäftsstelle der Verkehrswacht Berlin-Brandenburg, Berlin S 51, Planufer(51, gemacht werden. Nicht Weltausstellung, soaöern öauausstelluog. Wie die LZ.-Korrespondenz au» städtischen Kreisen«r- fährt, wird sich der Magistrat in einer für heute vormittag anbe- räumten außerordentlichen Sitzung weder mit dem Bau einer neuen Ausstellungshalle auf dem Messegelände in Witzleben noch mit den Plänen für eine Weltausstellung im Jahre 1930 be- schäftigen. Auf der Tagesordnung der heutigen Magistratssitzung steht vielmehr die„Stellungnahme zu den Verträgen über eine Deutsche Bauausstellung für da» Jahr 193 0', deren Veranstaltung schon seit IX Iahren geplant und von den zuständigen Stellen der Stadt und der Wirtschaststreif« erörtert wird. Aus der Tatsache, daß der Magistrat ein« außerordentlich« Sitzung am Diens- tag angesetzt hat, läßt sich mit größter Bestimmtheit schließen, daß die Projekt« nunmehr eine feste Gestalt angenommen haben und un- mittelbar vor der endgültigen Entscheidung stehen. Von den heutigen Beschlüssen de» Magistrats wird auch die ferner« Gestaltung de, ganzen Messegelände» abhängen. Wohnungseinbrüche ohne Ende. Ein Autodroschkenb-esitzer, der seine Wohnung am Gröbenufer3 Hot, hat die Gepflogenheit, sich um 5 Uhr morgens mit seiner Ehefrau nach der nahegelegenen Garage zu begeben, um die Reinigung der Droschken zu beaufsichtigen. Gegen 8 Uhr kehrt da» Ehepaar gewöhnlich zurück. Diese Gelegenheit müssen Einbrecher ausgekundschaftet haben. Sie drangen am Montag früh mit Nach- schlüsseln in die Räume ein, erbrachen alle Behältnisse und stahlen die gesamte Garderobe de» Mannes und der Frau, sämtliche Bett-, Tisch- und Leibwäsche, Tafelsilber und zwei Stand Betten. Zum Wegschaffen der umfangreichen Beute müssen die Verbrecher unbedingt einen Wagen benutzt haben. Auf die Er- greifung der Diebe ist ein« Belohnung von 300 M., für die Wieder- beschassung des gestohlenen Gutes«ine solche von 10 Proz. ausgesetzt. Mitteilungen sind an die Dienststelle L 3 im Polizeipräsidium zu richten. � Dank der Aufmerksamkeit einer Nachbarin wurden drei W o h- nungseinbrecher in der Mecklenburgischen Straß« zu Wilmersdorf festgenommen. Eine Frau sah aus dem Fenster und bemerkt« drei verdächtige Männer, die in das Haus hineingingen: sie hörte sie an der Tür der Unterwohner hantieren, wußte aber, daß diese nicht zu Hause waren. Die Frau lief nun auf den Treppenflur hinaus, um die Verdächtigen zu beobachten. Diese sahen sich ertappt, warfen die Wohnungstür, die sie schon mit einem Nachschlüssel ge- öffnet hatten, rasch wieder zu und taten, al» seien sie hormlose Be- wohner gewesen. Ihre wiederholten Rufe„A u jf W i e d e r- sehen! konnten aber die Frau nicht täuschen. Zum Pech für die Einbrecher erschien auch gerade im rechten Augenblick der Woh- nungsinhaber. Die drei wurden nun festgenommen und der Polizei übergeben und als Polen namens I. Schapiro, A. Ajdel- mann und Josef Millstein, alle aus Warschau, festgestellt, die trotz Ausweisungsbefehls sich noch immer, in Berlin aufhielten. Sie wurden dem Untersuchungsrichter vor- geführt. Drei schwere Verkehrsunfälle. An der Eck« Grellstraße und Prenzlauer Allee geriet gestern nachmittag der 14jährige Schüler Erich K. aus der Metzer Straße 15 mitseinemFahrrad unter einen La st kraftwage n. Der Verunglückte wurde mit schweren Verletzungen zur nächsten Rettungsstelle und von dort in das Krankenhaus am Fried- richehain gebracht.— Ein weiterer schwerer Verkehrsunfall trug sich gegen X<5 Uhr in der Wilmersdorfer Straße in Eharlottenburg zu. Ein Lastkraftwagen geriet in» Schleudern, wobei der Hintere Teil des Wagens auf den Büraersteig kam. Ein Rad- fahrer, der 23jährige Paul W. au» der Klausewitzstraße in Char- lottenburg, der in demselben Augenblick die Unglücksstelle passiert«, wurde so unglücklich zwischen dem Lastkraftwagen und einem Baum eingequetscht, daß er sich schwere innere Verletzungen zuzog. W. mußte in das Westender Krankenhaus über- geführt werden.— Auf dem B ü l o w p l a tz wurde gestern abend gegen 7 Uhr der 35jährige Bankbeamte Werner E. au« der Prinzen- straße beim Ueberschreiten des Fahrdammes von einem Autobus überfahren. Schwerverletzt wurde E. durch einen Wagen des Städtischen Rettungsamt«» in da» Kranken- Haus am Friedrichshain gebracht. Sein Zustand Ist besorgnie- erregend. Die betrügerischen Wohlfahrtspfleger. Zu den neuesten Meldungen über Unterschlagungen von Wohlfahrtsgeldern teilt das Bezirksamt Kreuzberg mit, daß Hänel und Hensel nie Äommissions- Vorsteher waren. Beide gehörten einer und derselben Wohlfahrts- kommission an. Hensel war Stellvertreter des Vorstehers, Hänel nur Mitglied. B«id« haben Hand in Hand gearbeitet und damit den Kommissioneoorsteher täuschen und die Stadt betrügen können. Entdeckt wurden die Fälle Anfang des Sommers 19ZS. Die Ueberwachungsadteilung des Magistrats hat in eingehender, erst im Apn! des Jahres abgeschlossener Untersuchung dem Hensel«ine Veruntreuung von 443,35 M., dem Hänel eine solch« von 112 5». nachweisen können. Um Tansende oder gar Zehntausende von Mark, wie zutrst gemeldet tvurde. handelt es sich nicht. Hensel hat die von ihm veruntreuten 443,86 M. an die Stadt zurückerstattet. lvochenendsahrt in di« Ruppiner Schweiz. Der Touristen- »»rein.,Die Naturfreunde, Zentrale Wien' veranstaltet am Sonntag, dem 31. Just, eine Wochenendfahrt in die Ruppiner Schweiz. Abfahrt srüh(5,55 Uhr vom Stettiner Ferndahnhof nach Neu-Ruppin. Von dort Dampferfahrt über den Ruppiner See nach Altruppin, Neue Mühle, über den Wolchow- See, Peetzen-See, Scharmützel-See nach Forsthaus Tornow. Von dort Wanderung am Teuselssee entlang nach Binenwalde(Mittags- rast), dann zurück am Binenbach entlang, vorbei an der Balten- mühle und Tornowsee, zurück zum Dampfer. Teilnehmerkarten a 5 Mk.(Eisenbahn- und Dampferfahrt hin und zurück) bei Bruno D a m n i tz, N. 65, Lüderiftstr. 58, Erich Thomas, N. 65, Luxem- burger Str. 1(Laden), Hugo Sinn, N. 20, Stettiner Str. 30, Vorwärts- Spedition Berlin- Treptow, Graetzstr. 50. Richard Walter, Neukölln, Siegfriedstr. 55(Laden). Ein Nethplalkoholprozeß in Saüen. Angeklagter Bethe zu 11 Jahren Zuchthaus verurteilt. 0ssenburg. 25. Juli.(TU.) Vor etwa Jahresfrist waren in Mittelbaden und in Westfalen Methylaltoholver- g i f t u n g e n aufgetreten, die den Tod von 15 Personen herbeiführten, während zwei weitere Personen vollkommen e r- blind et en. Die Untersuchungen führten zu der Verhaftung des Kaufmanns B r u ch f a l e r aus Offenburg, der Mechyolanol in großen Mengen von verschiedenen Firmen bezog und diese» dann als reinen Sprit in ganz Mittelbaden und nach Westfalen verkaufte. An diesem Geschäft beteiligte sich auch ein Kaufmann namens Bete aus Mittelbaden. Während seiner Inhaftierung war.bei Bruchsaler eine Geistesstörung aufgetreten, so daß sein Erscheinen bei der jetzigen Schwurgerichtsverhandlung in Offenburg unmöglich war. Nach viertägiger Verhandlung verurteilte das Schwurgericht den Kaufmann Bethe zu elf Iahren Zuchthaus unter Ab- erkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre und Stellung unter Polizeiaufsicht. Ein weiterer Angeklagter, der als Chauffeur die Transporte des Methylalkohols ausführte, wurde freigesprochen. Der Sonntag erfreute durch ein kurze», aber recht geschmack- volles Abendprogramm, das den Titel trug:„Französischer Abend'. Gewiß wurde nichts Erschöpfende» in dieser Auswahl geboten oder auch nur erstrebt. Aber ausgezeichnete Künstler, Boris und Joseph Schwarz, Dora Bernstein-Börner und Walther Frank. setzten sich für die einzelnen Darbietungen ein und ließen jede zur besten Wirkung kommen.— Eine Erinnerungsstunde an Max Dauthendey brockte der Montagabend. Ernestine Münchheim sprach mit tiefem Verständnis Dichtungen Dauthendeys. Auch der letzte, ergreifende Brief des Dichters an feine Frau kam zum Vortrag. Nikolaus Lambinon, am Flügel begleitet von Prof. Wappenschmied, umrahmte die Feier mit vollendeten Geigendarbie- tungen. Im Anschluß sang Paul Seebach, ein gutgeschulter Baß- bartton, Lieder von Schubert, Brahm» und Wolfs.— Die Novellen- stunde am Nachmittag bestritt K l a r a V i« b i g. Die Schriftstellerin las«ine psychologisch scharfgesehene Novelle„Das Kind'.— Die fesselnde Vortragsreihe„Die Kunst der Nationen' des ausgezeichne- ten Rundfunkdozenten Dr. Ernst Eohn-Wiencr wurde mit Aus- führungen über die Holländer und Flamen fortgesetzt.— Dr. Willy Blumenthal sprach über„Pas Wort als Ausdrucksmittel unserer Zeit' und wie» darauf Jjin, wie jetzt allmählich nach einer Epoche der Unterwertung des Wortes wieder seine Anerten- nung sich durchzusetzen beginnt.— Ludwig Spitzers Ausführungen „Was bietet Berlin dem Fremden?' waren in mehrfacher Beziehung unzureichend. Erstens störte da» geradezu unmögliche Schriftdeutsch setner Sätze und die dadurch bedingte Schwerfälligkeit de« Stils. Dann aber waren die Ausführungen so trocken und nüchtern und wurden dazu so schnell geboten, daß bestimmt kaum einer der Funkhörer Zeit fand, sich irgendwelche zweckmäßigen Notizen zu machen. Es ist schade, daß der Dortragende seine sicher- sich reichen Kenntnisse nicht in eine gefälligere Form gebracht hatte. Tes. vas Sergunglück auf Feche fluguste Victoria Kraterbildung an der Unglücksstätte. An der Stelle, wo der Schacht III der Auguste-Diktoria-Grube in hüls bei Essen zu Bruch ging, versanken das ZNaschinenhaus. die Fördermaschine. 30 Tonnen Kabel, zwei Betonmischmaschinen. ein fahrbarer Kran, das Abteufgerät in einem Krater vou 100 Meter Durchmesser und 2 5 Meter Ties«. Zurzeit süllt sich der Trichter, dessen Ränder auch heute noch aachbrechen, mit Wasser. Schätzungsweise sind 75 000 bis 100 000 Kubikmeter Fließmassen eingebrochen. Beim Ausbau von Schacht III sind etwa 30 000 Subik- meter zutage gefördert morden. Der Schacht III gilt al» verloren. Als ein Glück ist es zu bezeichnen, daß der Zusammenbruch au einem Sonntag erfolgte, an dem nicht gearbeitet wurde. Sonst hätte die Be- legschast der dritten Sohle im Schacht l/II in Stärke vou 200 Mann sicher den Tod gefunden. Verursacht wurde das Unglück noch Ermittlungen des WTB. durch einen Bruch der Tübbingsäule, di« aus gußeisernen Ringen von 6X Meter.Durchmesser besteht und durch die Schwimmsand- schicht von 200 Meter hindurch in festes Gebirge führt. Der Grund zu dem Bruch ist nicht bekannt, ist aber wahrscheinlich auf eine Bewegung des Gebirges zurückzuführen: die Gefrierrohre befanden sich noch um den Schacht. Bei Beginn der Katastrophe gegen 7 Uhr früh befanden sich ein Steiger und ein Mann im Schacht, um vom Kübel aus in 100 Meter Tief« das Lot für di« Spurlatten, zwischen denen der Förderkorb laufen sollt«, einzuhängen. Di« beiden be- merkten, daß die Tübbing schwitzte. Plötzlich hörten sie, daß die unteren 100 Meier der Tübbing brachen. Sie hörten dys Rauschen de» Wassers und riefen um Hilfe. Nach schrecklichen Minuten wurden sie hochgezogen, während oben die Bühne schon zu versinken begann. Um 8X Uhr versank der Bohrturm, eine halbe Stunde später war von den Anlogen nichts mehr zu sehen. Der Ouerschlag zu Schacht I/II und die Sohlen III und II der Schachtanlaoe I/II hatten sich bei Eintritt der Katastrophe sofort mit Wasser und Schlamm gefüllt, und zwar mit solcher G«- wall, daß in einer Entfernung von 2X Kilometer in Schacht I/Il die Kohlenwagen fortgeschleudert und umgeworfen wurden. Sohle III ging bei der Katastrophe zu Bruch. Da» verhindert« hier ein weiteres Vordringen der Schlammassen, die nun durch einen Blind- schacht in Sohle II nach oben und von da herab in den übrigen Teil von Sohle III und in den Stapelschacht drangen, in denen die fünf Bergleute sich befanden. Di« Be- dauernswerten sind bei der furchtbaren Gewalt des von oben hereinbrechenden Wassers und Schlammes sicher sofort zu Tode gekommen. Die Rettungskolonnen drangen in die ver- schlämmten Teile vor, mußten qber die Arbeit aufgeben, da sie bis zu den Armen im Schlamm versanken. Am Montag früh ver- suchten sie erneut vorzudringen, aber vergeblich. Cin englischer Militärflieger abgestürzt. Bei lebendigem Leibe verbrannt. London, 25. Juli.(TU.) Bei den großen englischen Luft� Manövern, die heute über London begonnen haben, hat sich bereits ein tödlicher Unfall ereignet. Bei Northot stürzte ein Flugzeug de» 17. Kampfgeschwaders ab. Der Insasse, ein Fliegerofsizier, ver« brannte bei lebendigem Leide. Gegen Mittag wurden die ersten „feindlichen' Maschinen über London gesichtet. Zweieinhalb Mi- nuten später waren bereit» die ersten Kampfflieger zur Verteidigung gestartet. Die Operationen dehnten sich bald über ein großes Ge- biet aus. Berufung gegen die Freisprechung Aubeles. Der Staatsanwalt beim Landgericht München I hat gegen das freisprechend« Urteil im Berufungsprozeß des Lokomotivführer» Aubels Revision beüp Reichsgericht eingelegt. » \ Lehren der poftbilanz. War die Tariferhöhung notwendig? Die Deutsche Reichspost hat ihre Bilanz für das Rechnungsjahr "1326/27 endlich vorgelegt. Di« Oeffentlichkeit hat auf diese Bilanz über die Ergebnisse des Postb«triebes in dem ungünstigen Krisenjahr gekartet. Wenn bisher übereinstimmend angenommen wurde, daß st: einen Gewinn der Reichspost zeigen werde, so hat man sich nicht getäuscht. Das verflossene Postjahr brachte Gewinne von 12S,8 Mil- lionen Mark, aus denen die Post 55,8 Millionen Mark ihrem Ver- mögen zuweisen konnte. Während das Po st vermögen am Zl. März 1924 1574,4 Millionen Mark betrug, hat es sich bis zum ZI. März 1927 auf 2035,4 Millionen Mark erhöht, d. h. es war der Post möglich, in drei Jahren ihr Vermögen um rund M Proz. zu vermehren. Das ist ein Ergebnis, das nur sehr wenig« andere Unternehmungen aufweisen können. Der tatsächliche Ver- mögenszuwachs geht aber erheblich über den bilanzmäßigen hinaus. Die Post konnte einen besonderen Betriebsmittel- fonds von 45 Millionen ansammeln und Abschreibungen in einem Umfang vornehmen, der wohl über das wirkliche Abschrei- bungsbedürfnis hinausging. Hohe Abschreibungen.— Die Gewinn- und Verlustrechnung. Die Post selbst gibt zu, daß der in den Iahren 1924 und 1925 angewandte Abschreibungssatz für Kraftwagen in Höhe von 15 Proz. zu hoch war, und hat ihn jetzt auf 12� Proz. ermäßigt. Dagegen rechnet das Reichsfinanzministerium gelegentlich sogar nur mit einem Abschreibungssatz von 10 Proz. Gegenüber diesem Satz hat die Polt in ihren drei Geschäftsjahren rund 10 Millionen zuviel abgeschrieben Auch in anderen Fällen sind noch jetzt die Ab- schreibungen der Post übermäßig hoch. Wie hoch sich die Gesamtsumme der Abschreibungserhöhungen stellt, ist sr-ilich nicht nachzu- weisen. Die Gewinn- und Verlustrechnung ist noch nicht voll- " ständig vorgelegt worden Es fehlt die Aufgliederung der Einnahmen aus den verschiedenen Betriebszweigen. Nach den Monatsausweisen kann man sie etwa wie folgt schätzen: Post.......... 915 Mill. M. Postscheck........ 45.. Telegraph........ 91, Fernsprecher....... 610,. ~ unkwese»........ 42, iverse......... 26. 1739 Mill. M. Liese Einnahmen verteilten sich auf die einzelnen Monat: des »ergangenen Geschäftsjahres wie folgt sin Millionen Mark): j Seit November Rekordeinnahmen. Seit November hat die Post ununterbrochen Rekordeinnahmen verzeichnen gehabt. Vergleichsweise betrugen ihre Einnahmen: Diese Zahlen zeigen deutlich, daß die Post in diesem Jahr auch ohne Gebührenerhöhung mit einem wesentlich besseren Er- gebnis rechnen konnte als im Vorjahr. Wir schätzen diesen Mehr- ertrag der jetzigen Gebühren gegenüber dem Ertrage des Vorjahres auf rund 150 Millionen Mark. Zu diesem Betrag« kommen hinzu als Deckung für die zu erwartenden Mehrausgaben 55 Millionen Mark Reingewinn, den die Post in diesem Jahr dem Vermögen zu- weisen könnt«: schließlich steht zur Deckung etwaiger Ausfäll« noch eine Detriebsrücklog« von 45 Millionen Mark und die gesetzliche Rückstellung von 100 Millionen Mark zur Verfügung. Insgesamt stehen also im laufenden Jahr der Post gegenüber dem Vorjahr not- falls zurDeckungvonMehrausgaben350Millionen zur Verfügung. Dem steht nach den Angaben der Reichspost ein Mehrbedarf von nur 302 Millionen Mark gegenüber. Der Mehrbedarf war also auch ohne GebührenerhShung zu decken. Er setzt sich nach den Angaben der Post aus den folgenden Beträgen zusammen: dauernd für 1927/28 Auf den ersten Blick zeigt sich, daß die Schätzung der Mehr- belastung für Besoldungserhöhung überhoch ist. Danach müßte das Durchschnittsbeamtengehalt um mehr als 15 Proz. aufgebessert werden. Wir glauben nicht, daß daran gedacht wird. Die 150 Millionen Mark Anlagevermehrung brauchten nicht aus laufen- den Mitteln genommen zu werden, sondern sollten und könnten aus einer Anleihe bestritten werden, wenn nur die Post selbst diesen Weg ernstlich gehen wollte. Selbst wenn man aber alle diese Zahlen als richtig unterstellen wollt«, obwohl der Bedarf mit ihnen wahrscheinlich tatsächlich um rund 100 Proz. überschätzt ist. so brauchte eine Tariferhöhung frühestens im nach st en Früh- jähr zu erfolgen. Dann ließen sich die Geschäftsergebnisfe des lausenden Jahres übersehen und entscheiden, wie groß der tat- sächliche Mehrbedarf war, der mit Sicherheit von den spekulativen Schätzungen des Reichspostministers sehr verschieden sein wird. Was bringt die Tariferhöhung wirklich? Man sieht, daß die Postbilanz und die bisher vorliegenden Einnahmeergebnisse dieses Jahres die neue Gebührenerhöhung in keiner Weife rechtfertigen. Dagegen ist es möglich, sich ein Urteil darüber zu bilden, welchen Ertrag die erhöhten Gebühren bringen werden. Die Erhöhung der Post gebühren, die in den meisten Fällen 50 Proz. beträgt, soll nur 126,7 Millionen ein- bringen. Dagegen betrugen die Einahmen aus dem Postverkehr 1926 rund 915 Millionen Mark. In der ursprünglichen Vor- lag« waren Mehreiunahn>en in Höhe von 210 Millionen Mark vor- gesehen. Die Äenderungen, die die neue Vorlag« gegenüber der alten gebracht hat, sind relativ geringfügig. Man dars also an- nehmen, daß der tatsächliche Mehrertrag der neuen Ge- bühren mindestens 150 Millionen betragen wird. Ebenso auffällig ist die Unterschätzung des Mehrauskommens durch die Er- höhung der T e l eg r a m m gebühren. Diese werden im allge- meinen um 50 Proz. erhöht und sollen dann nur einen Mehrertrag von 3 Millionen Mark bringen, während sie 1326 etwa 39 MiH lionen Mark einbrachten. Die Post hat hier also von vornherein einen Verkehrsrückgang von mindestens 25 Proz. ein- gerechnet. Aehnlich steht es mit der„Berechnung" der Mehr- «innahmen aus den übrigen Gebührenerhöhungen. Wenn der Post- minister also mit einem Mehrertrag feiner Gebührenerhöhungen von insgesamt 208 Millionen Mark rechnet, so darf die Oessentlich. keit annehmen, daß irgendwo im Postministerium noch eine Geheim- kalkulationi liegt, die ihn erheblich höher veranschlagt. Wir möchten annehmen, daß die Post für das laufende Jahr mit einem tatsächlichen Mehrertrag aus der Gebühren- erhöhung von rund 180 Millionen Mark(statt 139 Millionen Mark noch ihren Angaben), rechnen darf. Das bedeutet, daß die Post nicht nur die Mehrlasten dieses Jahres mit ihrer Hilfe bestreiten kann, sondern daß sie darüber hinaus in diesem Jahr voraussichtlich jede Anleihe entbehren und am Schluß des Geschäftsjahre» mit einem Vermögenszuwochs rechnen kann, der über dem Zuwachs des abgelaufenen Jahre? liegen wird. Die T h e s a u r i e r u n g, die die Post in den Iahren 1924 und 1925 hat betreiben können, wird also fortgesetzt werden. Es gibt nur eine Instanz, die da» verhindern, die die un- begründeten Maßnahmen der Post wieder beseitigen könnte, da» ist der Reichstag. Da aber die heutigen Regierungsparteien geschlosier» für die Vorlag« gestimmt haben, ist nicht zu erwarten, daß der Reichstag die Gebithrenerhöhungen beseitigen wird. Die Prtvatwirtschaf.t, dgren eigene Vertreter im Verwaltung?- rat der Reichspost für die Porlage gestimmt haben, wird abwart. n müssen, bis eine neue Reichsregiepung die ihr zugemutete Mehrbelastung wieder gutmacht. Bis dahin sollt: sie sich aber die Herren von der Hauptgeweinschaft des Einzelhandels und von der E l e k t r i z i t ä t s i n du st r i e. die als Für- fprecher der Vorlage im Verwaltungxvqt ein« verhängnisvolle Rolle gespielt haben, etwa» genauer ansehen. Ohne ihre Stimme wäre die Vorlage wahrscheinlich nicht durchzubringen gewesen. Sie tragen neben den Regierungsparteien und dem Postminister die Havptverantwortung für die Noubelastung der Wirtschaft. Die Arbeiterschaft darf weder dafür verantwortlich gemacht werden. noch wird sie sich die Portoerhöhung irgendwo und irgendwann in Rechnung setzen lassen. �urtius an Sie yanüwerter. Die neue Handwerksnovelle. Angesichts des übermächtigen Vordringens des Fabrik- und Großbetriebes ist e» schwer, einen so bedrängten und mit seinen 1,2 Millionen doch so zahlreichen und politisch wichtigen Gewerbe- zweig wie dem Handwerk etwas Angenehmes zu sagen. Der Reichs- wirtschaftsminister Dr. Curtius hat diese Aufgabe dadurch zu lösen versucht, daß er auf dem Nordwestdeutschen Handwerkertag in Lüne- bürg eine akademische Vorlesung über die Bedeutung und Existenz- aussichten de» Handwerks hielt. Die Grenzen des Vordringens derJndustrieund des Großbetriebes gegenüber dem Handwerksbetrieb sieht Curtius da, wo Güte und Menge der Waren an ein i n d i v i d u- e ll e s Bedürfnis und die handwerkliche Schulung des Ge- werbetreibenden gebunden ist(Friseur-, Tapezierer-, Putzmacher-, Kunsthandwerk und ähnliche Gewerbe), wo die Arbeit an einen bestimmtenOrt gebunden ist(Fleischer und Bäcker und auf dem Land Müller und Hufschmiede) und wo es sich um die dem Hand- werk nicht wegzunehmende Sphäre der R e p a r a t u r a r b e i t e n handelt. Hier sei eine absolut gesicherte Domäne des Handwerks. Von dem Wohlstand der Bevölkerung hänge es ab, ob sie von der Konfektion wieder zum Maßschneider, von den Schuhfabriken wieder zu den 160 000 Schuhmachermeistern zurückkehren könne, die heute zu 90 Prozent Flickschuster geworden seien. Die zunehmende Industrialisierung habe aber vielfach neue Arbeitsgebiete erschlosien, so als unentbehrliches H i l f s- gewerbe für die Industrie(Installateure für Gas, Wasser und Heizung und Mechoniterbetriebe sür Auto. Fahrrad und Radio), während andere für den Marktoerkehr und den Export wichtige Gebiete, wo Oualitätsarbeit die Hauptsache ist und bleibt(Glas- instrumenten-, Chirurgieinstrumeutenmacher. Bandagisten, ortho- pädische Schuhmacher) steigende Bedeutung haben. Durch die Her- einholung der Maschinen und des Kleinmotors in die Werkstatt habe sich das Handwerk den bisherigen technischen Feind zum Verbündeten gemacht. Von 94 000 Bäckercibetrieben besitzen 43 000 maschinelle Einrichtungen und in 9Ü 000 Fleischereibetricben sind 216 000 Pferdekräste tätig. Der Kapitalübermacht der Groß- betriebe wirke die Selbsthilfe durch Kreditgenossenschaften, der Kon- kurrenz der Filialbetriebe die bessere Ausstattung der handwerklichen Vertaussräum«, der Ueberlegenheit im Wareneinkauf des Groß- Handels der genossenschaftliche Einkauf entgegen. Ein« wichtige Aus� gab? habe da» Aarlsruher„Institut sstr rationelle Betriebsfuhrung im Handwerk" zur Verbesserung des handwerklichen Betriebserfolges. Der Einfluß des Handwerkerstandes auf Regierung und Parlament werde heute einheitlich und tatkräftig durch die Ver- einigung handwerklicher Fachverbände, die Handwerkskammern und die Handwerksbünde im Reichsverband des Deutschen Handwerks wahrgenommen. Die jetzt den gesetzgebenden Körperschasten vorge- legte Handwerksnovelle sichere statt der bisherigen indirekten die direkte Wahl für die Besetzung der Handwerkskammern. Die Zulassung vereidigter Sachverständiger und die Eintragung großer selbständiger Handwerksbetriebe in das Handelsregister sollen die Sicherheit und die Beweglichkeit im Gewerbe erhöhen. Die syst«- matische Sammlung statistischer Unterlagen soll die Grenze zwischen Fabrik und Handwerk eindeutig bestimmen und als Handhabe bei der nachdrücklicheren Wahrung der Interessen des Handwerks dienen. Zu dem dunklen Kapitel der mittelständlerischen K r e d i t v e r- sorgung wußte Curtius nur den Sparkassen größere Rücksicht- nähme zu empfehlen und von der Errichtung einer Zentralkredit- anstalt für den Mittelstand abzuraten. Komisch wirkt es, wenn der Reichswirtschaftsminister das Handwerk über die Konkurrenz der öffentlichen Betriebe zu beruhigen versucht, die vom Handwerk wirk- sich nur aus kurzsichtigen politischen Gründen bestürmt werden. Und man dars auch sonst annehmen, daß es Herrn Curtius auf die Ver- sicherung platonischen Interesses dem Handwerkerstand gegenüber ankam, da die Reichsregierung wirklich viel zu sehr unter dem Druck der schwcrkapitalistischen Interessenten- verbände steht, als daß sie in der Lage wäre, die schwierige Lage des Handwerks wirklich zu verbessern. Daran wird auch der Sonder- kommissar nicht viel ändern können, der im» Reichswirtschafts- Ministerium jetzt für die Interessen des Handwerks bestellt worden ist. Selbst aus der Hut sein, die Leistungsfähigkeit der Betriebe, die kaufmännische und technische Betriebsführung verbessern, die ge- nossenschaftliche Selbsthilfe ausbauen, als Verbraucher den Konsum- vereinen beitreten, an der Erhöhung des Massenkonsums mitwirken und vor ollem sich von den Konservativen und sogenannten„mittel- ständlerischen" Drahtziehern nicht mißbrauchen lassen, das sind die Wege, die dem Handwerk wirklich nutzen können. Die Arbeiter- s ch a f t wird dem Handwerk auf solchen Wegen nur als Freund begegnen. Um Gesterrelchs Zukunft. Die Wiener Unruhen haben in den E n t e n t» l S n d e rn, die für die wirtschaftliche Lebensunfähigkeit Oesterreichs verantwortlich sind, doch alarmierend gewirkt und das Gewissen geschärst. Di« österreichische Regierung, die auf dem internationalen Kapital- markt eine große Anleihe aufnehmen will, verlangt von den anschluh- feindlichen Mächten, daß sie wenigstens für die Behebung der öfter- reichischen Geldsörgen alles Erforderliche tun. Der Londoner „Daily Telegraph" meint dazu, daß sich Oesterreich dafür besser an Poris und Rom wenden solle, denn die von dort geförderte Bildung einer wirtschaftlichen Donauföderation liege nicht in englischem Interesse. Aus der anderen Seite sieht sich auch der französische Chauvinist Pertinax zu einem Vorschlag für die Lösung des österreichischen Problems oerpflichtet, die er in der Einführung von gegenseitig«» Vorzugszöllen zwischen den Noch- folgestaaten, also eben in einer solchen wirtschaftlichen Donau- söderation sieht. Dazu sei allerding», meint er, wiederum die Preis- gäbe des englischen und italienischen Veto» erforderlich. Mit einer solchen Diskussion wird Oesterreich natürlich nach nicht gedient. Immerhin qber zeigt sie, daß die österreichische Frage den Cntentelöndern zu einem sehr vordringlichen politischen Problem geworden ist, so daß die österreichischen Chancen im Völker- bund jedenfalls günstiger anzusehen sind ol» bisher. Erste Ergebnisse der Reichswohnungszählung. Das vorläufige Ergebnis der Reichswohnungszählung in P r« u ß« n zeigt«, daß bei 1 301 638 gezählten Haushaltungen 89 147 sogenannte zweite und weitere Haushaltungen keine eigene Wohnung haben. Trotz der Neubautätigkeit und trotz zum Teil sehr hoher Mieten für Neubauwohnungen ist von einem nennenswerten Leer- bestand nicht die Red«. Auslosung der Auslosungsscheine der Anleiheablöfungsschuld. Die erste Auslosung der zweiten Ausgab« der Auslosungsscheine findet, wie angekündigt, am 31. August 1927 statt. Der am 1. Okt- tober 1927 zur Auszahlung gelangende Rückzahlunqsbetrag läßt sich schätzungsweise auf insgesamt 79,3 Millionen berechnen.— Die Zweite Auslosung der ersten und zweiten Ausgab« der Auslofungs- scheine erfolgt im Oktober d. I. Für die Einlösung der bei der zweiten Auslosung gezogenen Nummern der ersten und zweiten Aus- gäbe, die am 31. Dezember 1927 erfolgt, sind 142.5 Millionen bereit- zustellen. Der«inzelne Eigentümer von Auslosungsscheinen erhält bei den diesjährigen Ziehungen im Falle d«r Auslosung für je 100 M. Nennwert 545 M. Der 30'7Nillionen-Dolla-kced» der Golddistontbant ist, wie die Reichsbank nach der Rückkehr Dr. Schachts mitteilt, in New Park perfekt geworden. Es handelt sich dabei um die Wiederaufnahme alter Abmachungen, aber in einem zwsieinhalbmal größerem Be- trage, um der Golddiskontbank Devisenkredite in New Port zu sichern und die Reichsbank dadurch zu entlasten. Der Kredit ist zu- nächst für ein Jahr vereinbart und soll auf all« Fälle bereit stehen, ohne daß seine Inanspruchnahme mit Sicherheit erfolgt. Die deutsche Volkswirtschaft bezahlt, diesen Kredit natürlich mit zusätz- lichen Zinsen und Loreitstellungsprooisionen. Vorsichtig, sehr vorsichtig! Man durfte gespannt darauf sein, wie die einzelnen Verbände der deutschen Industrie sich zu den Genfer Anregungen und dem erklärren W'llen der Reichsregierung, Zölle abzubauen, verhalten werden. Wie gemeldet wird, hat der E e» samtvorstand des Verbandes sächsischer Indu. st r i e l l e r jetzt zur Frage Stellung genommen, ober in einer Weis«, die durch ihre übergroße Vorsicht fast komisch wirkt. Jedenfalls läßt sie die Abneigung der Jndustrieherren gegen den Zollabbau deutlich erkennen. Der Gesamtvorstand stellt« sich auf den Standpunkt, daß.die Ksärung und Befriedung des geistigen Verkehrs der Völker" auch für die Beseitigung der Wirtschastshemmnisse von ausschlaggebender Bedeutung sei und beschloh, sür eine„intensive Erörterung" der Empfehlun. gen der Genfer und der Stockholmer Konserenz einzutreten und durch«ine„Förderung der Aussprache" über diese B«- schlüsse„dahin zru wirken", daß ihr« Wünsche Gemeingut weitester Kreise werden. Ein Kommentar zu diesem Eiertanz ist natürlich überflüssig. Ueber die deutsch sranzäsischen handelsvertragsverhandlungen teilt die Pariser„Iournee industrielle" mit, daß die Verhandlungen aktiv fortgesetzt werden und befriedigende Fortschritte machen, ob- wohl sie hinter absolut verschlossenen Türen geführt werden. Sozialististhe Sportmternationale. Znm Kongreß in Helsingfors. wertvoll für die internationale Betätigung ist es, Menschen der ■ccschiedensten Länder miteinander in Verbindung zu bringen. Es bestehen nun einmal noch die Landesgrenzen, die keineswegs„natür. lich" oder gar„wirtschaftlich" geboten sind. Selbst Völker derselben Sprache sind voneinander getrennt, obwohl sehr gern die Sprache als das nationale Bindemittel bezeichnet wird. Gerade weil sich das Gesetz der bisherigen Entwicklung nicht überspringen läßt, ist für jeden, der einem Bund der Völker zustrebt, auch ein Berkehr von Mensch zu Mensch notwendig. Dieser herrscht allerdings in etwa schon auf Grund der kapitalistischen Weltwirtschaft— aber gerade deshalb lastet auf ihm die Tendenz der Gegensätzlichkeit, die sich zur Feindschaft aufstacheln läßt. Sicher haben die internatio- nalen Soziali st en- und Friedenskongresse ihre hohe Bedeutung für eine Annäherung und Verständigung. Noch wirk- samer ist aber das Zusammenströmen von Massen aus den ver- schiedensten Grenzgebieten. Immer aber �ehlt noch ein näheres Miteinanderwirken, und da tritt die besondere internationale Bedeutung des Arbeitersportes in Erscheinung. Die internationale Betätigung der bürgerlichen Sportler war durchaus nicht gering, und sie dürste noch eine Ausweitung er- fahren. Es fehlt hier aber die Erkenntnis und der Wille, mit diesem Tun einer Ausgleichung zwischen den Nationen zu dienen. Recht oft sogar besteht die Neigung, den anderen mit der Ueberwindung auf dem Kampsplatz« auch zu beweisen, daß man zum.auserwählten" Volke gehöre. Das sollten endlich auch die großen Politiker er- kennen, die immer noch vom„neutralen Sport" reden und schreiben. l wer die sozialistische Znkernationale will, muß sie auch für den Arbeitersport bejahen. Dadurch wird ein weiter Kreis schlichter aber tatsächlicher Welt- I b ü r g e r gebildet. Vor allem werden �o bedeutsame Kräfte der Jugend zur gefühlsmäßig-geistigen Entwicklung gebracht, die den Willen zum Frieden fördern. So entsteht eine Macht, die kein Real- Politiker mehr außer acht lassen kann. Wenn die russischen Arbeitersportler noch die größere Einheit verhindern, dann nur deshalb, weil sie unter einem nationalen Druck der Gewalthaber stehen, die unter Freiheit nicht die der Völker, sondern nur ihre eigene verstehen. Wie überall, so ist auch im„Internationalen sozialistischen Ver- band für Sport und Körperkultur" die die deutsche Gruppe die stärkste. Von ihr gehen starke Energien aus, die den Ausgleich fördern und zur Belebung des Arbeitersportes in allen Ländern beitragen. Was 1913 in Gent trotz aller Schwäche zusammengefaßt wurde.'konnte 1929 in L u z e r n kraftvoller vorwärts getrieben werden, wie u. a. die grandiose Olympiade 1923 in Frankfurt bewiesen hat. Der Tagung, die Anfang August in chelsingfors zusammentritt, fällt die Aufgabe zu, dafür zu sorgen, daß entsprechend dem Lu.zerner Programm in allen Ländern ein aktiveres Wirken für den Arbeiter- spart erfolgt, der die Voraussetzung bildet für eine starte sozio- ljstische Sportinternationale. Viel« sind stets auf neue„Formulie- rungen" bedacht— dadurch wird aber oft die eigentliche Aufgabe übersehen: Menschen zu gewinnen und zu erziehen I Daß hierzu die bisherigen Beschlüsse genügen, wird jeder anerkennen, der das Luzerner Programm kennt. C. Schreck, M. d. R. Die flrbeiterfport-Verbewoche. Seht den Kommunisten auf die Ringer! Di« diesjährige Arbeiterspork-werbewoche findet i« der Woche vom 1. bis 7. August statt. In allen Bezirken werden Werbe- Veranstaltungen in diesen Tagen stattfinden: Umzüge. Vorführungen auf Plätzen und anderes. Daß daran sich jeder Arbeitersportler beteiligen muß, sollte eine Selbstverständlichkeit sein: aber ebenso selbstverständlich sollte es sein, daß diese Veranstaltungen nur dazu dienen sollen, dem Arbeitersport Freunde und Mit- glieder zu werben. Leider ist das nicht immer der Fall gewesen.. Di« kommunistisch eingestellten Leiter der Arbeitersportler haben oft aus diesen Werbe- Veranstaltungen kommunistische Demonstrationen ge- macht, und deshalb stand ihnen ein Teil der Arbeitersportler ab- lehnend gegenüber. Im letzten Jahre ist hierin eine Besserung ein- getreten, wenn auch verschiedentlich erst nach energischem Auftreten unserer Genossen. Auch rn diesem Jahr« ist es nicht ausgeschlossen, daß durch Beteiligung kommunistischer(nichtsportlertscher) Organisationen,.Mitführen von rein politischen Plakaten usw. bei Um- zögen versucht werden wird, den Anschein zu. erwecken, als ob KPD. und Arbeitersport eins wären. Wo das versucht wird und energische Vorstellungen dies« Mihbräuch« nicht beseitigen können, da ist es Pflicht oller Gegner dieser Mißbräuche, die Beteiligung abzulehnen, und es darf auch davor nicht zurückgeschreckt werden, die Demonstrationszüge oder sonstige Veranstaltungen in solchen Fällen geschlossen zu perlassen. Als Abschluß der Werbewoche findet am 7. August im Grunewald-Stadion der Reichsarbeltersporttag statt(Be- ginn 14 Uhr) mit Darführungen und Wettkämpfen auf allen Ge- bieten des Sports. Der Eintrittspreis beträgt 59 Pf. Eine starke Beteiligung der Bevölkerung ist dem Arbeitersport zu wünschen. Aber auch hier muß oerlangt werden, daß Parteipropa- g a n d a, die der Veranstaltung den Charakter einer politischen Parteiveranstaltung geben würde, zu unterbleiben hat, und wenn es nicht geschieht, gilt auch hier das vor- stehend Gesagte. In die Werbewoche fällt eine kommunistische Deraristal- tung: die Antikriegsdemonstration am Donnerstag, den 4. August. Die Leitung der KPD. hat sich an die Sportkartelle gewandt mit der Aufforderung zur Teilnahme, wobei mitgeteilt ist, daß auch die SPD. dazu eingeladen sei. Mit Recht leh'nt diese aber ab,«ine solche Demonstration mit der KPD. zusammen zu machen. Bei der Einstellung eines Teiles der Ärbeitersportler wird jedoch damit zu rechnen sein, daß trotz Wider- spruchs unserer Genossen die Beteiligung an dieser rein kommunistischen Demonstration beschlossen wird, und zur Herstellung der„Einheits- front" werden sicher auch Plakate nicht fehlen werden, die den sozialdemokratisch Gesinnten die Unmöglichkeit einer solchen Einheits. front beweisen werden. Wenn daher von den Bezirkskartellen die Beteiligung an dieser Demonstration beschlossen wird— in den Bezirken Kreuzberg und Friedrichshain ist dies bereits geschehen—, dann kann es für uns nur st ritte Ablehnung und Nicht- beteiligunq geben. Es ist durchaus an den Zeit, daß den Kommunisten im Berliner Arbeitersport endlich einmal gezeigt wird, daß auch noch anders- gesinnte Sportler vorhanden sind, die es sott haben, sich fortgesetzt beschimpfen, verleumden und vergewaltigen zu lassen, um nachher zur Herstellung einer kommunistischen„Einheitsfront" eingeladen zu werden. Fußball. Berlin schlägt Dresden 7: 4 und 5: 3. Am Sonnabend und Sonntag hatten die Berliner in Dresden große Tage zu verzeichnen. Auf der Jlgen-Kampfbahn(am Sonn- pbend) und in Heidenau(Sonntag) wurde die Dresdener Städte- Mannschaft von Berlins Repräsentativen sicher und hoch geschlagen. Das erste Spiel begann und schon saß der Ball im Tor der Dresdener. Doch nicht lange sollte die Freude dauern und der Aus- � gleich war erzielt. Auch die Führung gelingt ihnen in der 23. Mi- nute. Mit 2:1 für Dresden geht es in die Pause. Nach Wieder- anstoß sah es beängstigend für Dresden aus. Nach kurzer Zeit lautet das Resultat 4:2 für Berlin. Selten kommen die Dresdener noch vor. Ein schneller Durchbruch bringt noch den dritten Treffer. Nun übernimmt Berlin wieder das Kommando. In kurzen Zwischen- ständen folgen dann die übrigen drei Tore. Kurz vor Schluß kann Dresden noch den vierten Erfolg buchen. Mit diesem Sieg ist die letzte 4: 9-Niederlage wieder wettgemacht. Der Sonntag sah dann beide Mannschaften in Heidenau. Berlin spielt zuerst gegen den sehr starken Wind. Dadurch vermochte sich Dresden bis zur Pause noch zu halten(2: 2). Doch dann war es vorbei. Mit 3: 3 blieb Berlin auch hier überlegener Sieger. Oer kommende Sonnabend bringt den Berlinern wieder bekannte Gäste: die Russen. Wenn man die große Siegesserie bedenkt, die die Russen hinter sich haben, so könnte man der Berliner Städte- mannschast wenig Siegesaussichten einräumen. Trotzdem können wir unseren Vertretern volles Vertrauen entgegenbringen. Wohl über 1999 Zuschauer lockte das Endspiel im Stralau- Turnier auf den Sportplatz in der Kynaststraße, und viele gingen enttäuscht davon. Das Endspiel hielt nicht das, was Vor- und Zwischenrunde versprochen. Beide Mannschasien spielten in einzelnen Teilen reichlich zerfahren und nervös. War es bei Stralau, wenig- stens bis zur Pause, Sturm und Läuferreihe, die sich in dieser Hin- sicht die unglaublichsten Sachen leisteten, so versagten bei Berlin XII Läufer und Verteidiger. Hauptsächlich die Verteidigung erschwerte dem Torwart die Arbeit sehr. Dadurch war es Stralau» auch mög- lich, bis zur Pause mit 2:1 in Führung zu liegen. Nachdem die Steglitzer, nach guter Kombination des Sttirms, das erste Tor er- rungen hatten, gleicht Stralau 5 Minuten später aus. Schnell geht Berlin wieder vor. Die Verteidigung Stralaus ist aber auf dem Posten. In der Hauptsache der kleine Torwart. Alle noch so gut gemeinten Schüsse hält er blendend. Was Stralaus Hinter- Mannschaft gut macht, verdirbt der Sturm. Und hier in erster Linie Halbrechts. Endlich, 13 Minuten vor der Pause, kann Stralau den zweiten Treffer anbringen. Das Tor kommt auf das Konto der Verteidigung, die dem Torwart die ganze Aussicht versperrte. In der zweiten Spielzeit klappt es im Stralauer Sturm schon etwas besser. Dafür ist Berlins Verteidigung aber auch mehr auf der Hut. Stralau drückt zeitweise beängstigend. Auf der an- deren Seite schafft Berlin durch schnelle Durchbrüche manch ernste Situation. Doch gelingt es zunächst keiner Mannschaft, den Ball ins Netz zu befördern. Erst 19 Minuten vor Schluß verhilft Berlins rechter Verteidiger Stralau zum dritten Tor. Noch gibt sich Berlin nicht verloren. Schuß auf Schuß fegt jetzt auf das Tor der Stra- lauer. Mit dem Schlußpfiff zugleich fällt der zweite Treffer. Stralau ist mit 3:2 Sieger. Weitere Resultate: Oberspree gegen Woltersdorf 1: 1. Lichtenberg I gegen Hertha 22 3: 9. Minerva gegen Merkur 6: 1. Pankow 98 gegen Amateure 2:3. Lichtenberg II gegen Johannis- chal 4: 4. Neukölln gegen Adler 12 2:2. Die Leichtathleten in Hannover. Bundesmeisterschaflen.— Znkernationale wekkkämpfe. Am 13. und 14. August werden sich die besten Sportlerinnen und Sportler aus allen Kreisen des Arbeiter-Turn- und Sport- bundes im Stadion in Hannover ein Stelldichein geben, um die leichtathletischen Bundesmeisterschaften auszu- trogen. Auf Grund der bis jetzt erreichten Leistungen in den stattgefundenen Dorkämpfen ist ein gewaltiger Fortschritt in sportlicher Beziehung festzustellen. Viele der bisherigen Bundeshöchstleistungen werden mühelos überboten werden. Mit Spannung kann man dem Zusammentreffen unserer Leichtathleten mit den Ausländern entgegensehen, da die Bundesmeisterschaften mit internatio- nalen Wettkämpfen verbunden sind. Gemeldet haben bis jetzt Finnland, Lettland, Tschechoslowakei und Oesterreich, die ihre tüchtigsten Kräfte nach Hannooer senden wollen. Einen ganz besonderen Genuß wivd die Arbeiter-Turn- und Sportschule, die Bundesschule Leipzig, bieten. Diese in ganz Deutschland bekannte Schule wird am 13. August im Kuppel- saal der Stadthalle in Hannover mit einer Werbeveranstal- tung aufwarten, Turnen, Gymnastik und Tanz werden die Grund- pfeiler des Programms bilden. Auskunft durch die Hauptfestleitung Kartell für Sport und Körperpflege, Hannover, Odeonstr. 13/13. Die vorbilülichen flrbeitersamariter. Wie erinnerlich, hatte bei dem tragischen Straßenbahnunfall in Kassel am 18. Mai d. I. die Kolonne Kassel des Arbeiter- Sa mariter-Bundes in hingebender und geschickter Weise Hilfe geleistet. Die„Arbeiter-Samariter-Zeitung, das Bundes- organ, kann nun zwei bemerkenswerte Schreiben vom Oberpräsi- denken Dr. Schwonder und vom Regierungspräsidenten Dr. F�r jeden sburg abdrucken. Das Schreiben Dr. Friedensburgs hat folgenden Wortlaut: „Nach meinen eigenen Wahrnehmungen und den Bekundungen der verschiedenen beteiligten Zeugen hat sich Ihre Organisation bei dem traurigen Straßenbahnunglllck am Mittwoch, dem 18. Mai, abends, in vorbildlicher Weise betätigt. Die erst wenige Tage vorher geschaffene Organisation für das Zusammenarbeiten zwischen Polizei, Feuerwehr und Rettungskolonnen hat sich hierbei, obwohl Erfahrungen und Uebungen noch nicht vorlagen, nicht zu- letzt dank der Hingabe Ihrer Mitglieder in vollem Maße bewährt. Ich freue mich, dem Arbeiter-Samariter-Bund zu seiner Haltung und seinen Leistungen meinen Dank und meine Anerkennung auszusprechen." Also der seltene Fall, daß zwei hohe Staatsbeamte die selbstlose Hilfe einer Arbeiterorganisation anerkennen. Besonders sympathisch berührt der warme menschliche Ton des Schreibens des Dr. Friedens- bürg. Es könnte nichts schaden, wenn das Beispiel der beiden hohen hessischen Beamten Schule machte. Die„Rote Fahne" von gestern benutzt diese Gelegenheit, um sich wieder am Bundesvorstand der Arbeitersamariter zu reiben. Sie wettert gegen eine„Arbeitsgemeinschaft", die zwischen den Hilfsorganisationen, der Feuerwehr und dem städtischen Gesundheitsamt in Kassel besteht, und verlangt, daß der Ärbeiterjomariterbund eine proletarische Hilfsorganisation bleibe. Das werden die Arbeiter- »samariter auch ohne„Rote Fahne" bleiben, genau so wie der Bund schon bestand, als die Schreiber in der„Roten Fahne" noch nicht geboren waren. Ueber den Begriff„Arbeitsgemeinschaft" scheint aber beispielsweise zwischen der Redaktion der„Roten Fahne" und den kommunistischen Leitern des Berliner Arbeitersportes die Mci- nung geteilt zu sein: Im Stadtamt für Leibesübungen sitzen doch auch die Kommunisten neben bürgerlichen Sportlern und machen in „Arbeitsgemeinschaft". Oder ist das in Berlin etwas anderes als in Kassel? Das Dech der Arbeiter-Radrennfahrer. Der Arbeiter-Radfahrer- Bund„Solidarität" hat wenig Glück mit seinen Veran- staltungen auf den Berliner Radrennbahnen. Erst vor einiger Zeit wurde der Höhepunkt einer Veranstaltung" auf der Olympia-Rad- rennbahn, ein 39-Kilometer-Mannschastsrennen, ein Opfer de« Regens, pachdem man bereits zuvor zu Programmänderungen schreiten Mußte. Di« Nennen, die am Sonntag auf der R ü t t- Arena zum Austrag kommen sollten, waren vom Wetter noch weniger begünstigt. Ein plötzlich niedergehender Wolkenbruch, der die Holzbahn unbefahrbar mochte, bereitete der großausgezogenen und gutorganisierten Veranstaltung, zu der sich zahlreiche Zuschauer eingefunden hatten, ein jähes Ende. Gestern abend wurde der noch ausstehende Teil des Programms auf der Rütt-Arena ausgefahren, über dessen Ergebnisse wir noch berichten werden. Zügen dregatlen des„Freien Seglerverbandes". Der Kreis Berlin des FSV. veranstaltet am Sonntag, dem 31. Juli, seine I u g e n d r e g a t t e n. Sie finden statt für die Gruppe Ost um 11 Uhr vormittags mit Start und Ziel vor dem Bootsplatz der„Freien Vereinigung der Tourensegler Grünau": für die Gruppe W e st ebenfalls um 11 Uhr vormittags, mit Start und Ziel vor dem Bootsplatz der„Touren-Segler-Vercinigung Tegel".— Auf Booten, die unter den Jugendlichen zur Wettfahrt verlost werden, haben sie zum ersten Mal« Gelegenheit, zu beweisen, ob sie die Technik des Sögelns soweit beherrschen, daß sie eine Regatta fahren können.— Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Iahren, die dem Segelsport Interesse entgegenbringen und das Segeln erlernen wollen, können im„Freien Segler-Verband" als I u g e n d m i t- glieder aufgenommen werden. Anfragen sind zu richten an den Jugendleiter des FSV., Alfons Sachs. Neukölln. Elsterstr. 4. Enkfalkung des Wassersports. Die freien Ruderer und Kanufahrer im Arbeiter- Turn- und Sportbund erfreuen sich eines großen Zuwachses. Während der Deutsche Ruderverband im letzten Geschäftsjahr um 6999 Mitglieder abgenommen hat, stieg die Zahl der Mit- glieder der freien Wassersportler von 3399 auf 3279. Mit Ciniritt des Sommers zählen sie 62 selbständige Vereine und 69 Bootsabteilungen von Turn- und Wassersportvereinen. Zehn Vereine sind reine Rudervereine. 92 betreiben Kanusport, 19 beide Sportarten und ein Berein die Segelei. Der Bootspark aller Vereine und Abteilungen besteht aus 49 Rennbooten, rund 499 Gigbooten(mit denen sowohl Wanderfahrten wie Rennen ausgeführt werden), 1983 Kanus, 391 Faltbooten, 193 Segelbooten und 16 Motorbooten. Eigene Bootshäuser sind 63 vorhanden. Die Frauen sind mir 779, und die Jugendlichen mit 127 Mitgliedern beteiligt. Die Einführung von Einzelmitgliedern im 1. Kreis (Berlin und Mark Brandenburg) hat noch nicht die erwarteten Er- folge gebracht. Meldungen solcher noch nicht angeschlossenen Bootsfahrer nehmen außer den bestehenden Vereinen und Ab- teilungen die örtlichen Arbeitersportkartelle entgegen., Was die vereine vorhaben! Der Schwimmverein„Vorwärts" Berlin 1897 e. V. ver- anstaltet am Sonntag. 14. August, 14,48 Uhr. ein großes Werbe- schwimmen auf der Oberspree von der Abtei bis zur Waisenbrücke. Von den meisten Schwimmvereinen liegen schon zahlreiche Meldungen vor, mit anderen Vereinen schweben noch Verhandlungen. Die agitatoriscbe Wirkung dieser Veranstaltung für die beteiliaten Vereine wird sicher nicht ausbleiben. Die im Mai gegründet« Vereinigung Freie Sportler„Ober- fpree" veranstaltet am 31. Juli ihr erstes Sportfest: sie ersucht alle Brudervereine um zahlreiche Unterstützung. Einladungen können an die Vereine wegen der kurzen Zeit nicht mehr verschickt werden, bitten aber die Sportgenossen, Meldungen an G. R i n k, Oberschöneweide, Deulstraße 9. zu senden. Der Turnverein„E i ch e"-Teg«l veranstaltet am 14. August im Tegeler Stadion, Graf-Rödern-Korso, sein 6. Sportfest. Die Vereine werden aebeten, sich am Umzug zu beteiligen, da sonst Stark in Frage gestellt wird. Stoppuhren und Bandmaße sind mitzubringen. Meldeschluß am 1. August. Meldungen namentlich, außer den Stafetten sind zu richten an Willy S t i m m i n g, Berlin-Tegel, Brunowstr. 28 II. Der Arheitersporwerein Neu-Schulzendorf erlätzt zu seinem 2. Stiftungsfest am 21. August eine A u s- s ch r e i b u n g, die einen Männer-Fünfkampf, einen Iugend-Drci- kämpf und Einzelkämpfe und solche für Frauen und Schüler vorsieht. Startaeld: Männer 39 Pf., Jugend 29 Pf., Staffeln 39 Vf., Fravm und Schüler frei. Meldeschluß 13. August. Wir bitten, Stoppuhren und Bandmaße mitzubringen. Meldungen an Ewald Dürre, Neu- Schulzendorf(Post Zeuthen), Brunostr. 14— 16. Da die bürgerlichen Vereine in Neu-Schulzendorf von ihren Organisationen besonders stark unterstützt werden, bitten wir recht zahlreich zu erscheinen. Wir wollen der Arbeiterschaft auf dem Lande zeigen, wie stark die Arbeitersportbewegung ist. Auf nach Neu-Schulzendorf zur Land- Propaganda. Fahnen mitbringen. Achtung. SPD.- Sportler. 6. kreis. Am Freitag, dem 29. Juli, abends TA Uhr, findet bei Krüger, Grimmftr. 1, eine wichtige Besprechung statt. Parteimitgliedsbuch legitimiert. Schlagball am Sonnlag. Groß-Berlin-Friedenau und Fichte lg, 2. Mannschaft, standen sich im Schlag- balispiel gcgenUbcr. Friedenau besetzt als erster da» Schlagmal, mutz es aber nach»inigen Läusen schon wieder abgeben: Fichte IZ holt jetzt einen grotze» Porsprung durch Läuse heraus. Nach«inigen Wechsel» kann Friedenau wieder das Echlagmal erringen. Jetzt wechselt die Cchlagmalbesetzung ständig, beide Mannschaften können je zweimal durch Aushungern hineinkommen. Friedenau hatte als Anfänger noch nicht die Spielerfahrung, was sich auch im Feldspiel zeigte, wobei hauptsächlich das Laufen mit dem Ball ausfiel. Dafür waren sie aber im Schlag sicherer als Fichte 13. Fast alle Treffer wurden durch Einzel. laufen erzielt. Das Resultat von 37: 51 Punkten für Fichte 13 setzt sich folgendermatzen zusammen: Fichte 50 Läufe und 7 Treffer: Friedenau 37 Läufe, 5 Treffer, 8 Fänge uqd ein weiter Schlag. � Da» Arbeiter. Sport- und sinlturtartcll teilt mit: Bezirkskartelllalslererl Mittwoch, 27. Juli, 18 Uhr, Abrechnung aller Kassierer der Vezirte mit dem Hauptkassierer in der Geschäftsstelle des Kartells, Landsberger Str. 82. Genaue Aufstellung der Mitaliederzahl über 14 Jahre jedes Bezirrskartells mitbringe». Spiellente des Arbeiter-Turn. und Sportbundes. Donnerstag, 2«. Juli, 18 Uhr, trifft sich die Stadtgruppe zur Teilnahme an der Demonstration zum löjährigen Bestehen des Arbeiter-Sportkartells Neukölln. Lokal Fritz Woiff, Neukölln, Prinz-Kandjern-Etr. 88. Etratzenklcidung. Zum Reichs-Arbciter. Sporttag treffen ssch alle Spiclleute in Bundeskleidung am Sonntag, 7. August, 13 Uhr, vor dem grossen Tunnel im Stadion Grunewald. i Demonstration des Bundcskorp, in Hannover am>4. August. Alle Spiel- leute des Bundes, die Zeit und Fahrgeld erübrigen können, werden auf- gefordert, am Sonntag, 14. August, an einer Demonstration für die Epielleutc- bewegung des Arbeiter-Turn. und Sportbundes teilzunehmen. Anlätzlich der am selben Tage dort stattfindenden Bundesmeistcrschaftcn unserei Leichtathleten wird die Fahrt gemejzzsam mit den nach Kannoner fahrenden Leichtathleten auf Iugendiahrschein um die Hälfte und auf Gelellschaftsfahrt um ein Viertel des Gesamtfahrpreises verbilligt. Für alle Ibon Eonnabend eintreffenden Spielleute wird Frciquartier besorgt. Anmeldungen an Hermann Schüdde- köpf, Kannover, Grotze BarUngc 18. Arbeiter-Sport- und ltulturkartell Schöne er.-q. Friede»an. Dienstag. 26. Juli, 20 Uhr, Kartellsitzung Dominicus-Eportplatz, Zimmer 44. Ausgabe der Plakate und Handzettel für die Werbewoche und Karten für den Bast. Nordost.Ficiluftkamp'abenb. Freitag, 2S. Juli, 19>,b Uhr, veranstaltet die Sportliche Bereinigung Nordost auf dem Schulhofe Ehristdurger Str. 7 einen Freiluftkampfabcnd, der fünf interessante Begeonungen im Bötzen, Fiu-Zits-i und Rinqen vorsieht. Zur Einleitung gibt Barte! mit seinem 200 Pfund schweren Partner Eteinkc eine Vorführung von Ziu-Zitsu als Selbstwehr. Bei Regenwetter finden die Kämpfe ebsndort in der Sporthalle statt. Touriftenverein„Die Naiurfreundc-(zentrale Wien). Abt. Friebrichshain: Dienstag, 28.?uli. 20 Uhr. Schwimmen im Freibad Rummclsburg.— Ab'. Friedenau: Dienstag, 28. Juli, 20 Uhr, Offenbacher Str. 5».„Naturfreunde und Gemeinschaft."— Abt. Norden: Dienstag, 28. Juli, 20 Uhr, Sonncnbnrger Strasse 20.„Pflanzen unt-rm Mikroskop."— Abt. Webbiag: Dienstag, 28. stuli, 20 ubr. Turiner Eue Scestratze. Singsang.. Abt. Trevtsw: Dienstag, 26. Zuli, 20 Uhr, Elfenstr. 3. Gefangsaruppe.— Abt. Pankow: Dienstag, 28. Juli, 20 Übe. Görlchftr. 14. Seimabend.- Abt. StegNti: Mittwoch. 27. Juli. 20 Uhr. Albrcchtstr. 43. Volkstanz.— Abt. Südost,.fugendgrupoe: Mittwoch, 27. Znli, 20 Uhr. Reichenberger Str. 88.„Ludwig Thoma."— Abt. Peeuzlouer B-ra: Donnerstag. 28. Zuli, 20 Ubr, Danziger Str. 23.„Quer durch Siidamer'kg", 2. Teil.— Abt. Reiuikkendorf: Donnerstag. 28. Juli, 20 Uhr, Neinickmdorf-Ost, Seebad.— Abt. Tieraarten: Donnerstag, 28. Juli, 20 Ubr. Lehrter Str. 18/19. — Abt. Lichtenberg: Donnerstag. 28. Juli. 20 Uhr, Parkaue 10.— Abt. Ren. köllu: Donnerstag, 2«. Zuli. 20 Uhr, Steinmetzstr. 114. Heimabend.— Abt. Südwest: Donnerstag, 28 Juli, 20 Uhr. Borckstr. 11.— Abt. Mabl'bor': Donnerstag. 28. Juli, 20 Uhr. Kaulsdorf. Adolfstr 25.— Rgturn>issensch«»lich« Abt.: Donnerstag, 28. Juli, 20 Ubr, Stralaucr Str. 55..Fränkische Schwk!,." — Ferienfahrt nach dem Berchtcssabeuer, Salzburger und Tiroler Land: Donnerstag. 28. Juli, 1914 Uhr, im Fugendbeim Borckstr. ll Zus-mm-nkunft. Beilebelcheeihuna mit L'chtbilbern. Erscheinen aller Teilnehmer notwendig.— Faltbee'-Abt.: Donnersiga. 28. Ii'lst 20 Ubr. Landsberger Str 50. Wasserlpori perein„Heliss". Sitzung Donnersiga. 28. Juli, 20 Uhr, bei Reimer, Eharlottenburg, Bilmcrsdorfer Elke Kanalstraße. Nudervrreiu„Eollegia". Porstandssitzung Donnersta», 28. Zuli, 20 Uhr, ,m Bootshaus. Nächste Mitgliederversammlung Donnnerstag. 4. August, 20 Ubr, bei Tbunack, Eharlottenburg, Wielandstr. 4. Reue Mitglieder, auch Jugend- lich«, können noch aufgenommen werden. dleastag 26. �nU 1627 Unterhaltung unö AAjssen Settage öes vorwärts Die Segegnung. Bon Wilhelm Creme r. .Wittig, alter Junge, bist du das?" sagt« der etwas korpulente, elegan» gekleidete Herr, der mit einem Ausdruck behaglicher Lebens. freude aus dem großen Weinrestaurant aus die Straß« trat und hier ganz unvermutet auf den längst vergessenen Jugendfreund stieß�.Na. wie geht es dir denn?" Der so Angeredete bildete das völlige Gegenstück zu seinem Freund«. Er war lang und hager, das eingefallen«, schlecht rasierte Gesicht hatte einen vergrämten und müden Ausdruck, und seine ab- getragene, vernachlässigte Kleidung erzählte eine ganze Geschichte. Er schien durch die plötzliche Begegnung in große Verlegenheit ge- raten zu sein, er kroch sörmlich in sich hinein und machte ein paar ungeschickte Verbeugungen, während er die dargebotene Hand er- griff, um sie sofort wieder ängstlich loszulassen. „Hans ftube", stammelte er dabei errötend, und man sah ihm an, wie unter all seiner Verlegenheit doch ein« groß« Freude in ihm aufstieg. Der joviale, dicke Kube hatte mit einem Blick das ganze Bild seines Freundes umsaht und abgeschätzt. Oh, er kannte diesen Typ des stellungslosen, überalterten Kaufmanns, der verzweifelt herum- läuft, um einen lsiosten zu finden, und von dem man doch nirgend- wo etwas wissen will, well er überall Mißstimmung und Hosfnungs. losigkest verbreitet. Wie oft hotte Kube als Direktor der großen Aktiengesellschaft Gelegenheit gehabt, solche Menschen als Bittsteller und Stellungsbewerber zu sehen, wie oft hatte er sogar den Ver- such gemacht, einem oder dem anderen von ihnen zu helfen. Aber es war fast immer vergebens gewesen, sie blieben, was sie waren, subalterne Naturen, hoffnungslose Fäll«, die man am besten ihrem Schicksal übersieh. Und Wittig, das sah er mit einem Blick, war einer der 'chlimmsten Fälle. So wie er da vor ihm, seinem allen Freunde und Schulkameraden, dienerte und vor Bescheidenheit erstarb, so mochte er unendlich oft vor Menschen, die er für einflußreich hiell, mit seiner Bescheidenhell gebettell haben, mit dem einzigen Erfolg natürlich, daß sie sich so schnell wie möglich seiner entledigten. Und einen Trauring trug er auch. Sicherlich hotte er eine zahlreiche Familie zu ernähren, solche Menschen hatten fünf, sechs Kinder. .Also, was machst du jetzt?" fragte Kube mit ermutigendem Lächeln..Millionär bist du wohl noch nicht geworden?" Wittig krümmte sich oerlegen und zugleich doch auch ge. schmeichelt..Nein", sagte er, nun gleichfalls lächelnd..Ich w«d« es auch schwerlich werden. Ich habe jetzt eine Agentur in Staub- saugern, Radioapparaten und dergleichen. Da» Verkaufen fällt mir nicht leicht." Kube nickte und fragte sich im sttven, wer w aller Welt wohl diesem Unglückswurm einen Staubsauger abkaufen würde. Gerade zum Agenten hatte er sicherlich kein Talent, kein Wunder, daß er so verhungert aussah. Er überlegte, was er mit ihm anfangen sollte, jedenfalls war es ein Glück, daß er ihn heut« gettoffen hatte. „Wir wollen hier«ine Tasse Kaffee trinken," sagt« er endlich und führte den widerstrebenden Wittig in eine kleine Konditorei, wo sie ungestört plaudern konnten. Er freute sich schon auf das glückliche Gesicht, das der andere machen würde, wenn er ihm sagte, wie leicht es für ihn war. ihn zu versorgen. Kube mußte seinen Freund fast zwingen, zwei Stücke Kuchen zu essen, und brachte ihn dabei, was er sehr gut verstand, wie von selbst dazu, ihm seine Geschichte zu erzählen. Es war natürlich so, wie er es sich gedacht hatte. Ein ursprünglich begabter Mensch, mit Ideen, die an sich sehr schön waren, die aber gar nichts mit seinem Beruf zu tun hatten, war Wtttig niemals mit dem Leben fertig ge- worden. Unfähig, sich im Kampf des Doseins selbst zu helfen, hatten ihm die Stärkeren und Rücksichtsloseren auch das wenige genommen, was Glück oder Aufall ihm in den Weg gestreut. So lange er jung war, konnte er sich noch durch Fleiß und Zähigkeit in kleineren Stellungen behaupten, dann aber kam der Tag, wo es ihm klar wurde, daß es auch damit vorbei war, und nun muhte er sich mit Gelegenheitsarbeiten, mll Aushilfsstellen begnügen. Er wurde Agent, Vertreter, er ging mit müden Schritten und hoffnungslosem Gesicht von einem Geschäft zum andern, überall mit kurzen, knurrigen Worten abgewiesen, überall wie eine lästige Störung behandelt. Oder er schleppt« sich gar durch die Straßen, die einzelnen Häuser und Wohnungen abklappernd, um den Hausfrauen seine Küchen- appa'ate anzubieten. „Sonderbar!" dachte Kube und erinnerte sich, daß Wittig wirklich ruf der Schule' immer auf einem der ersten Plätze gesessen hatte. V!rid an ihr merkwürdiges Freundschaftsverhältnis dachte er, das in ker Hauptsache darin bestand, daß Wittig für ihn die Schularbeiten mit erledigt« und ihn manchmal herausriß, wenn er, der ewig leicht. sinnige Kube, einen dummen Streich gemacht hatte. Eimnal hatte er sogar Willig die Braut weggenommen, aus reinem Uebermut übrigens, und auch da» hatte der andere geduldig hingenommen, als müßte es so sein. .Wie geht es denn deiner Frau?" fragte Kube plötzlich.„Du bist crrh verheiratet? Haft du Kinder?" „Nein, Kinder haben wir nicht, aber meiner Frau, der geht es sehr gut" sagte Wittig, und sein« Augen leuchteten auf.„Weißt du, n.ein« Frau ist so tüchtig, aus nichts weiß sie noch etwas zu machen. Mir geht es doch manchmal ziemlich schlecht, aber sie hält immer die Wohnung nett und behaglich. Sie ist viel unterwegs, sie vermittelt für ein Geschäft allerhand Verkäufe und verdient sich da- mit eine Kleingkeit." ,Du hast mich noch garnicht gefragt, wie es mir geht," sagte Kubc logt. „Oh, dir—* stammelt« Wtttig, und in seinem Gesicht lag die ganze Bewundening au« der Jugendzeit für den glänzenden, über- all beliebten Freund. _(Schluß folgt.) Der Unfug öes Grüßens. Don Dr. W. Sergius, Berlin-Lichterftlde. Der biedere Alltogsmensch hat in der Rege- gar keine Ahnung davon, mit wie raffinierten— anscheinend ganz harmlosen, in Wirk- l �>keit aber sehr wirksamen— Mitteln öle herrschenden Klassen und Grippen es von jeher verstanden haben, ihre Herrschaft über die Unterdrückten auch durch allerlei indirekte Miltolchen zu sichern und zu festigen. Eines von diesen, aus das ich hier einmal die Auf- me-ksamkeit lenken möchte, ist der Gruß. Von frühester Kindheit an uns eingebläut, von der gesamten Umgebung überall auf Erden aus- geü'-t, ist er uns etwas so selbstverständliches geworden, daß jeder Leser dieser Zeilen zunächst erstaunt fragen wird, was ich gegen diese unschuldig« Freundschastsbezeugung zwischen den Menschen ein- zuwenden habe. Tatsächlich ist aber der Gruß nicksts weniger wie eine Freundschaftsbezeugung, vielmehr«in sinnreiches Mitt-k der Herrschenden zur geistigen Disziplinierung der UMerdrückten. Das ist aus drei Umständen zu erkennen: Erstens zeigt es die Geschichte des Grußes: Unsere heutigen Grußformen sind ja nur ganz abgeschwächte Erinnerungen an die ursprünglichen Grußsormen. Bei den primitiven Völkern— so heute noch vielfach im OrieM— besteht der Gruß in einem S i ch z u- bodevwerfen vor dem Begrüßten als Symbol völliger Unter- würfigkeit und Ergebung. Die Griechen, die— wenigstens innerhalb der Schicht der Freien— etwas Achnliches nicht kannten, sondern sich nur mit dem Wort„Chairel"(sei fröhlich!) begrüßten und verabschiedeten, benannten jene Grutzhandlung, die sie zuerst von den Persern kennen lernten, sehr treffend als„anbändeln" (pioslezraein); denn tatsächlich ahmt sie das Gebaren des Hundes nach, der, Strafe fürchtend, vor seinem Herrn sich kriechend auf den Bauch legt.— Die Form wurde dann im Lause der Zeit immer mehr abgeschliffen: Wie auf allen Gebieten(auch in der Sprache z. B.) mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Drang zur Zeit- e r s p a r n i s immer weitere Abkürzungen mtt sich gebracht hat, so Zriöericus geht— Seethoven kommt! .Die Kerls, so mir den affront antun, mein Portrait durch einen hergeloffeueu musico zu renpEaclren, seynd Ignoranten, maßen ich selber mehr als ein bürgerlicher obscurant durch meine Ouerpfeuffereien driliiret." auch hier: der russische Leibeiane kniete nur noch nieder vor seinem Herrn, der Türke legte die Arme üdereinandergeschlagen auf die Brust und beugt den Oberkörper vornüber. Der Hindu legt nur noch die Hand an die Stirn und beugt sich nach vorn.. In Europa ist von dem Knien bloß noch der„Knicks" der jungen Mädchen, von dem Niederwerfen bloß noch die kleine Verbeugung des Mannes übrig geblieben. Ferner gehörte zum ursprünglichen Gruß das Ablegen aller Gegenstände der Tracht, welche den Charakter einer sozialen Hebung oder Erhöhung haben; es gilt ja, sich vor dem Bigrüßten zu erniedrigen. Dem entspricht es, wenn der Japaner als Gruß seine Sandalen ablegt, wenn bei manchen Naturvölkern als Gruß das Obergewand abgelegt wird, wenn die Kopfbedeckung abge- nommen wird. Wie als Abschwächung hiervon bei manchen Vötkern noch ein flüchtiges Herabziehen des Gewandes über die eine Schulter übrig geblieb m ist, so wird in Europa das Abnehmen des Hutes (das übrigens erst seit dem IS. und 17. Jahrhundert allgemein üblich geworden ist(z. T. heute nur noch durch Anlegen der Hand an Hut oder Mütze angedeutet). Die modernen Grußsormen sind also Symbole, welche dem Begrüßten sogen sollen: ich bin dir unterwürfig. Es ist ganz bezeichnend, daß der sprachliche Ausdruck für die Grußverbengung lautet„einen Diener machen" und man in vielen Gegenden Deutsch- lands heute noch als Gruß sagt:(Ich bin)„Ihr Diener!; in Oester- reich sogar„Eerous"(auf Deutsch:(Ich bin Ihr)„Sklave"). Ursprünglich ist also der Gruß nur eine demütigende U n t e r w ü r s: g k e i t s b e z« u g u n g von Unierdrückten gegenüber ihren Beherrschern. Di« gesellschastliche Kriecherei der Menschen voreinander hat es nun mit sich gebracht daß man schließlich dies« dem einzelnen sa nur noch abgeschwächt zum Be- wußtsein kommenden Form nicht nur dem direkt Höherstehenden gegenüber ausübt«, sondern auch den formell Gleichstehenden, denen man irgendwie entgegenzukommen und sich untertänig zu zeigen für nützlich erachtete: etwa einflußreichen, älteren Personen, guten Kunden des Gesehästs usw. Die Begrüßten aber wehrten dann die übertriebene Ehrerbietung ob, indem sie sie auf gleiche Meise er- widerten. Es ist das genau so, wie heute im brieflichen Verkehr jeder einen jeden als„sehr geehrten Herrn" begrüßt und am Schluß seiner „Hochachtung" verfiehert. Wie stark aber der Gruß heut« noch als sozialer Faktor der Züchtung von Untertänigkeit» ge fühlen dient, ersehen wir aus dem zweiten Umstand: daß nämlich allenthalben aujs peinlichste daraus geachtet wird, wer zuerst grüßt und wer den eigentlichen Gruß mir„erwidert", nur für ihn„dankt": Der Herr grüßt die Dame, Kinder die Erwachsenen, Schüler die Lehrer, untere Beamte die höheren, Schuldner ihren Gläubiger, Angestellte den Herrn Ches usw. Wie eine unwichtige und rein formelle Äeußer- lichkeit das Grüßen auch scheinen mag,— man oersuche nur einmal, es zu unterlassen oder auch nur, ostentativ nachlässig zu grüßen, und man wird schleunigst bittere Ersahrungen darüber machen, wie stark dies von den zu Begrüßenden als Auflehnung gegen die ihm geschuldste Ehrfurcht, der Disziplin empfunden und mit höchster Ungnade beantwortet wird. Auch die moderne Jugendbewegung hat gleiche Erfahrungen gemacht' Sie hat vielerorts die lebhafteste Gcgnerfchast der Lehrer und der Schtilbshürden gefunden, weil die von ihr eingesührte Hut- lostgkeit nicht mebil das ordnungsmäßige vorgeschriebene Abnehmen des Hutes vor den Lehrern ermögliche, sondern nur noch eine leichte Verbeugung im Gehen die den Herren nicht demütig genug schien. Was für eine hohe Bedeutung als Dijziplinierungsmittel das Grüßen beim Militär hat, werden ja die meisten männlichen Leser au» eigener Praxis wissen. Ebenso spiell es eine große Roll« zwischen den verschiedenrangigen Beamten in Behörden und privaten Instituten. An sich ist nun das Grüßen ganzsinnlosund zwecklos. Warum in aller Welt soll ich jemand, den ich kenn« und irgendwo treffe, ein äußerliches Zeichen dafür geben, daß ich ihn gesehen habe? Wenn ich etroas von ihm will, werde ich ja ihm winken, an ihn herantreten und das jagen; wenn ich nichts von ihm will, ist es doch nur eine unnöttge gegenseitige Belästigung. Daß ich ihm einen guten Morgen oder Abend wünsche und nicht einen schlechten, sst unter guten Freunden eine Selbstverständlichkeit, unter anderen ist die Versicherung davon oder ihr Andeuten durch den Gruß eine Heuchelei, zu der keinerlei Anlaß vorliegt. Wenn ich im Laufe des Tages innerhalb des Fabrik- oder Bureaugebäudes denselben Kollegen ein Dutzendmal auf den Gängen treffe, denkt doch keiner daran, jedesmal den Hut vor dem andern zu lüften oder„guten Tag" zu sagen, und niemand empfindet das als sachliche Unfreundlichkeit. Warum soll es also eine solche sein, wenn wir uns das erste Mal am Tage begegnen? Und wieviel Verärgerung entsteht andererseits durch den lästigen Grußzwang! Groß ist die Zahl der Menschen, die ebenso wie Schreiber dieser Zeilen ein schlechtes Personengedächtnis haben und, daher alle Augenblicke Anstoß damit erregen, daß sie Bekannte — wie dann meist angenommen wird, absichtlich— nicht gegrüßt haben oder auch umgekehrt Unbekannte grüßen. Rillst selten ent- stehen auch peinliche Situationen dadurch, daß man Menschen, mit denen man aus irgendwelchen Gründen keine Berührung mehr haben möchte, der Form zulieb« weiter grüßen muh.— Oder der (noch öfter d i e) Begrüßte nimmt an der Art des Grußes Anstoß. findet darin irgend eine auffällige Nachlässigkeit, Hochmütigkeit, Herablassung, Flüchtigkeit oder auch zu große Freundlichkeit, Ver- traulichkeit usw. und legt das mißtrauisch falsch aus. Man achte einmal gerade auf diesen Faktor und man wird erstaunt sein. Der Hauptübelstand aber sst, daß der Grußzwang uns von Kindesbeinen an eine höchst unangebrachte Unterwürfigkeit anerzieht, Unterwürfigkeit gegen Rang und Stand, Titel und Orden, Reichtum und Bonzentum; zugleich ein« ständige instinktive Einschätzung aller Menschen unter dem Gesichtspunkt: Mutz i ch vor i h m„hündeln" oder e r vor m i r? Ich schlage daher vor, daß wir diese sinnlose und nur moralisch nachteilig wirkende Einrichtung aus„Urväter Hausrat" endlich einmal rücksichtslos abschaffen. Das dürste gar nicht so schwierig sein, wie man auf den ersten Blick vielleicht meint. Das Grüßen ist nichts als ein genau so alter törichter Zopf, wie die Ergebenheit»- und Hochachtungsfloskeln im Briefverkehr. Hier hat eine dankenswerte Reaktion bereits eingesetzt und im Briefkopf vieler Firmen findet man heut« bereits den Vermerk:„Von den üblichen Höflichkeitsfloskeln nehmen wir Abstand und bitten, auch uns gegenüber so zu verfahren". Genau ebenso könnten diejenigen, die sich gegen die alberne Grüßzeremonie auf- lehnen, etwa ein bestimmtes auffälliges Abzeichen am Hut tragen, welches— das müßte natürlich öffentlich genügend bekanntgegeben werden(Presse, Rundfunk)— besagt:„Ich mache die Gruhmode nicht mit und bitte auch mich nicht zu grüßen." Wer hat einen guten Gedanken für das Abzeichen und beginnt mutig mit der Praxis? Der Proletarier. Von Klessts Grab am stillen Wannsee fuhr ich gegen Abend nach Berlin zurück. Auf Station Tiergarten stieg eene Anzahl Ar» beiter— anscheinend Maurer— in das Kupee, in dem ich saß. Mir gegenüber, in der Ecke, ließ sich ein noch jüngerer Arbeiter nieder, der offenbar nicht zu den anderen gehörte und ein Buch in den Händen drehte, dessen Titel er, sei es absichtlich oder nnab- sichtlich, meinen Augen zu lesen hartnäckig vereitelt«. Ich vermute jedoch mtt Bestimmtheit, daß, nach Einband, Format und Druck zu schließen, das Buch zu jener sozialdemokratischen Bibliothek ge- hörte, in welcher Engels und Kautsky die ökonomischen Lehren von Karl Marx fti populärer Weise auseinandergesetzt hoben. Nach einer Weile schlug der junge Arbeiter das Buch auf, dessen Lesezeichen bekundete, daß er wohl schon den Tag über, im kühlen Grunewald liegend, darin gelesen und mtt wallendem Herzen den Rausch der Ideen gekostet, die dem vierten Stand so viel ver- heißen, ja noch mehr: mit unerschütterlicher Gewißheit garantieren. Er las und sah,«in Sinnender, durchs Fenster hinaus auf die Dächer und Kuppeln der Stadt, und las wieder, während die in ihren Lumpen und langen Halstüchern so malerischen Gestalten neben ihm ihre nächsten Aussichten in derben Worten besprachen. Ich liebe dieses Volk, und nicht mit den Augen des Künstlers ollein: auch mit dem Herzen. Seine Schwielen an den Händen, seine durch Anstrengungen gefurchten Gesichter, seine bestaubten und zerrissenen Kleider, seine rohe Kraft und sein« herbe Reservierthett— sie flößen mir Achtung und mehr als Achtung ein. Was mich aber jedesmal wahrhaft ergreist, das ist der naive und heiße Dildungsttieb so vieler unter ihnen, dieses Hlnouswollen über ihre dumpfe Unwissenheit, diese brennende Sehnsucht, die Waffen des Geistes kennen und gebrauchen zu lernen, denen die ver- haßte Bourgeoisie so viele Siege verdankt. Wieviel Schönheit liegt in diesem Streben, wieviel Durst, wieviel stummes ringendes Wollen. Ihrlftle» Morgenstern zrogmcnl aus dem Nachtoß der Iugendiahrc). Katzen ohne Schwanz. Daß es Katzen ohne Schwanz gibt, wird gewiß vielen unglaublich vorkommen, und doch gibt es Zierden dieses weit verbreiteten Geschlechtes, die auch nicht den geringsten Stummel ihr eigen neimcn. Das sind die„Mlinx"-Katzen der englischen Insel Manx, die dort als Sehenswürdigkeiten gehalten werden und von denen so manche don einem Besucher der Insel alz Andenken erstanden wird. Außer ihrer Schwanzlosigkeit sollen sie auch besonders sich durch ihre Tüchtigkeit im Mäissefangen aus- zeichnen. Obwohl in jedem Sommer viele dieser Katzen von den Badegästen mitgenommen werden, ist doch keine Gefahr, daß diese seltene Zucht ausstirbt. Es gibt verschiedene Leute auf' der Insel, die mit den ungefchwänzten Miezen«inen schwunghasten Handel treiben und für reichliche» Rachwnchs sorgen. Man kann schon ein statlliches Exemplar für 5 Schilling erstehen. Wie die schwanzlosen Katzen auf diele Insel Manx gekommen sind, ist ein Gelzeimnis, um das sich so manche Fabel gefponnen hat. Ein« romantische Erzählung will die Manx Katzen auf schwanzlose Katzen Spaniens zurück- führen, die auf die Insel gekommen sein sollen, als zwei Schiffe der spanischen Armanda in der Nähe von Port Erin Schiffbruch er- litten. Die Zoologen glauben an keine so geschichtlich denkwürdige Abkunft, sondern halten die Manx-Katze für da» Ergebnis einer Kreuzung zwischen einer gewöhnlichen englischen Katze und einem Kaninchen: sie weisen darauf hin, daß die Hinterfüße der schwänz- losen Katze größer sind als die der gewöhnlichen Hauskatze und den Hinterpfoten des Kaninchens sehr ähneln. Eine andere Theorie Ist, daß die Katzen aus Japan nach der Insel gebracht worden sind. Am lustigsten sst eine Sage, die die Ammen von Manx den Kindern an- vertrauen. Danach war die Manx-Kage das letzte Tier, da» in die Arche Noah kam und ihre Unpünttlichkeit kostete sie ihren Schwanz. Denn dieser wurde abgeklemmt, als Vater Noah rasch die Tü- zuschlug. Partemachrichten rwseuduage» für diese Rubrik sind VerN» SW SS» Linde»straße Z. für Groß-Serlia klet» an da» Bezirlasalretartat. Z. Hof,» Trx?.«cht»,»» richte» *. Drei» Prenzlauer Berg. Brbeiter«ohls»hrt: AUenausaab« mrb Be. sprechung am Donnerstag, 28. Juli, 19 Uhr, im Zimmer 80. Mittwoch. 27. Juli: 8. Abt. 19� Uhr im Nationalhof Blllomstr. 37 Mitgliederversammlung. Vortrag:«Der Stand der Sozialpoltlil." Sieferent Rudolf Karsten. 9. ildt. 19 Vj Uhr bei Hufenbach, Perleberger Str. 64, Fahlabend. Bortrag! «Jugend und Partei." Resercnt Eeorg Albrecht. Gäste find eingeladen. 19. Abt. IdVi Uhr bei Trllmper, Flenodurger Str. 8, wichtige gunktwnär. sitzung. IS. Aot. Die Mitgliederversammlung siillt laut Beschluß au». Die Genossin» nen und Genossen beteiligen sich am Montag', l. August, an der Änti» Kriegsdemonstration auf dem Wsttenbergplatz. Treffpunkt 18 Uhr Kleiner Tiergarten. 18. Abt. lti'/j Uhr bei Müller, Ufcrpr. 12, Mitgliederversammlung. Vortrag: «Die Arbeiterschaft und ihre wirtschaftlichen Organisationen? Referent Paul tiotbe. 19. Abt„ 19% Uhr pünktlich außerordentliche Funktionärfihung bei Schrepel, Grünthaler Straße. Alle Funktionäre habe» zu erscheinen, da wichtige Tagesordnung. 21. Abt. 19% Uhr im Schrederhaiis, Malplaquetftr. 14/16, Mitglieder» Versammlung. Vortrag:„Der Metallarbeiter am lausenden Band? 9t esc- rent Genosse Adam. 24. Abt. Die Mitgliederversammlung fallt in diesem Monat aus. 2». Abt. 19% Uhr im kleinen Saal de» Saalbaus Friedrichshain Mitglieder» Versammlung. Portrag:«Die politischen Konsequenzen aus den Ereignissen in Wien." Referent Wilhelm Landa. 27» Abt. Die Mitgliederversammlung in diesem Monat fällt aus. 28. Abt. Die Mitgliederversammlung in diesem Monat fällt au». 82. Abt. Die Mitgliederversammlung fällt aus. 38. Abt. Die Mitgliederversammlung in diesem Monat fällt aus. 88. Adt. Die Mitgltederversammluna fällt au». Die Bezirksführcr stellen die Teilneymerliste für den Kreisausilug aus. 41. Abt. 26 Uhr bei Bader, Jllterbvgcr Str. 7, Abteilungsversammlung. Politisch- Aussprache. 42. Abt. 19% Uhr Zahlabend«: Braun, Planufer Eck« Bärwaldstraße: Mers- borf. Urbanftr. 6; Duhr, Blüchers, r. 88: Pogeler, Mitten walder Str. 1«! Höblic, B-ramannstr. 69: Eeehaak, Willibald-Alcris-Str. 6. 48. Sibt. Die Abteilungsversammlung fällt aus. Die Bezirksführer rechnen an d:°scm Tage bei Wolf, Gräse» Eck- Müll-nhvffstraßc, um 26 Uhr ab. Da ,« Sichtige, Mitteilungen zu machen find, muß jeder Bezirk vertreten sein. 45. Abt. Die Abteilungsversammlung sällt wegen der Ferien aus. 48. Abt. Zahlabende um 19% Uhr in den bekannten Lokalen. Sehr wichtige Mitteilungen. Erscheinen ist Pflicht. 47. Abt. 26 Uhr bei Rowack, Manteufselstr. 9, Mitgliederversammlung. Bor» trag:«Sozialdemokratie und Religion." Referent Bernhard Eöring. Eharlattenbura. 53. Abt. 19% Uhr im Lokal Braun, Kaiserin.August-.M-c tmng. Abt. Frieden«». 26 Uhr im Gesellschaftszimmer de. Friedenauer Rat. baufe». Am Lauterplah, Mitgliederversammlung. Vortrag:«Fustiz und .nn R-f-rent Erich llu-tn-r, M. d. L. Gäste willlammen. «dt. HvheusSSnhauI-n. Kolonie der Kinderreiche». 26 Uhr im Lokal Rutzkp, im Zelt an der Landsberger Ehaussee, Mitgliederversammlung. Bvrtrag:«Die politisch« Lage." Aeserent Erich Fraenkel. Gäste und «Vorwartz".Leser sind treundlichst eingeladen. 4- 87. Abt. Donnerstag, 28. Juli, 19% Uhr, bei Pf-if-r, Hausburzstr. 2. w:cht>g« Funktionarfihung. Die Funktionäre werden ersucht, destimmt und punktllch zu erscheinen. ZunLsozialislsa. Part- Ar» ngeladen. aue beitcrfugend Sterbetafel öer Grvß-Serliner partel-Grganifation ll». Abt. schlaaes Mitglied. And-! uken bewahren. Deficrbericht der öffenllicheu Drtlerdlenstslelle für Berlin und Aiyzegeod lNachdr. verb.) Etlvas wärmer,«eitweise heiter, keine erheblichen Nieder- schlage, mäßige Winde auS westlichen Richtungen.— ZSr veulfchland: In der nordöstlichen Hälfte noch stellenweise Regenschauer, sonst vorwiegend trocken und etwas wärmer, im Lüben meist heiter. Sozialististhe �rbeiterjugenö Groß-Serlin« A Borbej Hägen. Wedding-Rord: tag."—«aliplah- mitzubringen. heute. Dienstag. Uhr: heim See» Ecke Turiner Straße.«SAJ und Kieler Partei» «im Eberswalder Str. 19.«Was will da» Reichsbanner?" — Nordost ll: Heim Danziger Str. 52. Dichtcrabcnd.— Humanuplad: Heim Schsrenbergstr. 7. Funktionärsißung.— Ecnefelder-Viertel: Schule Danziger Heim Vergstr. 29. Arbciterdichterabend.-» Rem ~" isitzung."— Neukölln IV: Heim Nogatstr.______ Irbeiterstihrer?"— NcukZlln V und VI: Heim Kanner Eck« Böhmi n III: Heim Steinmetzstr. 68.«Sind Kommunist Bub und Mädel."— Reinickendors-Ost!«Seebad", Residenzstraße. „Bürgerlicher und Arbeitersport."— Wilmersdorf: Heim Hildegardstr. 4. „Warum Sozialistische Arbeiterjugend?" Wcrbedeztrk Osten: Werbebezirksvorstandsfitzung 20 Uhr im Helm. Die Funktionärversammlung findet erst am Donnerstag, 4. August, statt. Vorträge, vereine unö Versammlungen. Reichsbanner.Schwar�Rol-Gold". Geschäft.stell«! Berlin S 14. Eebastianstr. Z7«8. S«s 9 Tr. NeukZlln.Briß: 1. Kameradschaft 1. Zug: Mi., d. 27., J0 Uhr, "A Zugversammluna bei Grommeck, Sanderstr. 16. 1. Kameradschast: .~"— Restaurant ... den Käme» __________....._________._______-_________ spätesten» Do., d. 28., 26 Uhr, bei Kamerad Gerhard, Lenaustr. 18. Die Arbeiter-Schüßen Groß-Derlin« veran fahrt noch Ziegenhals. Abfahrt von der Mi. ltcn am 81. Juli«ine Dampfer. lNrchbrllck« 7 Uhr. Der Fahr» preis beträgt S SR'., Ktndcr srei. Für Unterhaltung und Belustigungen, Musik. Tanz usw. ist gesorgt. Karten sind zu haben im Sportkarteul' Landsberger Str. lldureau, und bei den Mitgliedern und Funltionärrn. Sport. Viktor Lknart Skeher-Weltmeisierl Vor krewer und S awall. Am Sonntagnachmittag ging auf der herrlichen Elberfelder Bahn der Endiauf der Steher-Welt» Meisterschaft vor. Für den Endlauf hatten sich Brünier- Frankreich, Paul Suter-Schweiz, Parisot-Frankreich, Linart-Belgien, Sawall-Deutschland, Krewer-Deutschland, Leddy-cholland und Tori- celli-gtalien qualifiziert. Als Sieger ging Biktor Ltnart- Belgien hervor. Er dewältigte die 100 Kilometer m 1 Stunde, 8 Minuten, 43 Sekunden und hat damit die Weltmeisterfchaftswürde zum vierten Male erkämpft! Auf dem zweiten Platz folgte 180 Meter zurück unser Kölner Fahrer K r e w e r, dessen glänzende Fahrweis« internationale Anerkennung fand. Auch der dritte Platz blieb eine deutsche Angelegenheit mit Sawall, 490 Meter zurück. 4. Paul Suter-Schweiz 700, Brunier-Frankreich 1200, Paryot 11 450 Meter zurück. Leddy-cholland und Toricelli-Jtalien hatten aufgegeben. LLndenvetkstrelt im Metropol-Variet�. Der Sonnabend paarte als Erste zwei gute Techniker, Tor- n o w» Finnland und Pietro Scholz- Berlin, beide gaben ihr Bestes, trennten sich aber nach zwei Gängen hervorragenden Kampfes ohne Resultat, um an einem der nächsten Abende im Ent- scheidungskampf nochmals ihr Können zu messen. Grunewald- Westfalen stand dem 30 Pfund schwereren Willing- Berlin im Entscheidungskampf gegenüber. Nach 33 Minuten trug der er- fahrene Berliner über den plötzlich nervös werdenden WeftfalZN den Sieg davon. T u r o f f. Rußland und Brückner- Breslau setzten ihr erstes Tressen, das negativ endete, flott fort, das der er- fahrene Russe nach 40 Minuten durch Hüftschwung aus dem Stand über den ebenfalls sehr sympathisch ringenden Breslauer an sich brachte. Sonntag stellten sich im ersten Treffen Pietro Scholz- Berlin und Brückner- Breslau dem Schiedsrichter. Der Berliner legte nach 19 Minuten seinen guten Gegner durch Kopfhüftschwung. Der Finne Tornow konnte über den Dortmunder M e y e r h a n z im Entscheidungskampf mit seinem Spezialgriff„Finnischer Auf- reißer" triumphieren. Grunewald- Westfalen hatte in dem Russen T u r o f f einen zähen Gegner, den er nach 43 Minuten durch Hüfsschwung für die Zeit auf der Matte festhalten konnte. Derby der Polizeihund-Rassen. Damit der Großstadthund nicht verkommt, muh er Bewegung haben und mn sie ihm in aus- reichendem Maße zu oerschaffen, werde» Huuderennen ad- gehalten. Und der Berliner H u nde. R en n- C lu b(E. B.) macht durch sein« Veranstaltungen, die er im Stadion Lichtenberg, aus Sportplätzen und Pferderennbahnen abhält, für seine Ideen die rührigste Propaganda. Auf der Rennbahn in Straus- b e r g wurde nun am Sonntag das Derby der Polizeihund rassen ausgetragen. Gemeldet waren 12 Hunde, darunter 10 Schäferhunde, ein Dobermann und ein Airodale-Terrier. Diese Zahlen beweisen, dah der durch zielbewußte Dressur geforderte d e u t s che Schäferhund alle anderen Rassen stark verdrangt Er ist international berühmt durch seine Treue und Klugheit, nach ihm ist Nachfrage sowohl in Amerika als auch in Aegypten, uiwin Deutsch- land ist er ausfallenderweise der Liebling des kleinen Mannes ge- worden. Der Schäferhund ist leichter zu beherrschen als der Dobermann, der für gewöhnlich-in strengeres Regiment gebraucht. Sieger blieb im Derby ein Airedale-Terrier, dessen Artgenossen manchen wackeren Blindenführer stellen. Der Derbysieger, der zwei Jahr« alte Rüde Tell v. d. Pauke, bekam 100 Mark, emen Ehrenpreis der Stadt Strausberg und vom Berlmer Hunde-Nenn- Club einen Kranz mit der üblichen blauen �hleife. In den ein- zehnen Rennen waren folgend aufgenannte Hunde �gen Neu. ltnxs-Rennen(Polizeihundrassen): Alf. v. d. Adm.rÄsbrucke Preis vom Stienitzsee(Dobermänner): Tita v. T. Derby der Polizeihundrassen: Tell v. d. Pank«. Dr. med. Pimer-Wander- preis(Pinscher): Axel v. Holderbusch. Ehrenp�Z�nderpreis (Polizeihundrassen): Tita v. T. Preis von Hegernruhle �Hippels). ------ m• Sünwska; 2. Mtl.: Yvonne Almaska. Weitsprung- � � � � Preis Preis 1« Ädtt.! � c�-..... �-.. r.u. �reis vom S-rralls,ee-—------- �e!S 00n Strausberg(Polizeihundrassen, deren Besitzer m Strausbttg an- sässig sein mußten): Claus v. Erziehungsheim. Paul Droesfs- Wanderpreis(Airedale-Terrier): Tell o.d. Panks. Preis vom Annatal(Polizeihundrassen): Cäsar v. Wilhelmsbrunn. Der Sieg« der Kmdfahri»m Frankreich auf der»SN-iKeva.«m kommend-n sonn taguach mittag findet auf d« Rütt-Arena -in«-Stundru-Mannschastsrennen statt, da» wieder eine glänzende Besetzung ausweisen wird. So ist eS Rült gelungen, den Luxem- blirger Nicolas F r a n tz, den Sieger der soeben beendete- Rundsahrt um Krankreich, die über 5Z21 Kilometer führte, zu verpfllchten. Nrantzistt�. kanntlich auch-in ersttlasfiger vahnsahrer und wird be> dem laugen Rennen -ine Mannschast mit dem belgischen Toi�-ä�?ran°o-Ahr� Töophile Beeckmann bllden. Die Verpflichtung des Sieger? d«S längsten und schwersten StrahenrennenS der Welt, das 4 Wochen da u e r t e, bc- deutet jedenfalls eine Sensation für die Berliner Radsportgemeinde, zumal da der berühmte Luxemburger zum ersten Male m Deutz chlaud an den Start geht. es gut ist. in, Existenz. eipode Toussaint» Langen- '" letn. Ei« tBana soll««0 t««k» Sprechen lerne,?.D kämpf vor anderen etwas voraus zu haben I Dt« scheiot»— ist dazu buchhandlung 575,—, gebraucht, groß- Auswahl in neuen: lang- ährige Garantie. Herer, Brunnen- "raße 191, 1 Treppe, Ros-nthaler Platz. rilzahlung. r»krräeler Drei Mark Wochenrate, 15 Mark An- »ablung. für ein erstklafstges Marken- lad. Fahrradhau» Kentrum. Linien- straße neunzehn.' Xsufgezucke Lilbersachen. Zinn. Diel, Zahngeblfi«. Queckstlber. 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